F. von Dingelstedt: Nachtwächters Stillleben, 1. – Text und Analyse

1.

Weib, gib mir Deckel, Spieß und Mantel,

Der Dienst geht los, ich muss hinaus.

Noch einen Schluck … Adies Mariandel!

Ich hüt‘ die Stadt, hüt‘ du das Haus!

Nun schrei‘ ich wieder wie besessen,

Was sie nicht zu verstehen wagen

Und was sie alle Tag vergessen:

Uht! Hört, Ihr Herrn, und lasst Euch sagen!

 

Schnarcht ruhig fort in Euren Nestern

Und habt auf mein Gekreisch nicht Acht!

Die Welt ist akkurat wie gestern,

Die Nacht so schwarz wie alle Nacht.

Auch welche Zeit, will Niemand wissen,

s gibt keine Zeit in unsren Tagen,

Duckt Euch nur in die warmen Kissen,

Die Glocke die hat nichts geschlagen!

 

Lass keiner sich im Schlaf berücken

Vom (vulgo Zeitgeist) Antichrist,

Und sollte wen ein Älplein drücken,

Dankt Gott, dass es nichts Ärg‘res ist.

Das Murren, Meistern, Zerr‘n und Zanken,

Das Träumen tut es freilich nicht,

Drum schluckt sie runter, die Gedanken,

Bewahrt das Feuer und das Licht!

 

Auch wackelt nicht im bösen Willen

An Eurem Bett und räkelt nicht,

Die Zipfelmütze zieht im Stillen

Zufrieden übers Angesicht.

Der Hund im Stall, der Mann beim Weibe,

Die Magd beim Knecht, wie Recht und Pflicht,

So ruht und rührt Euch nicht beileibe,

Auf dass der Stadt kein Schad‘ geschicht!

 

Und wann die Nacht, wie alle Nächte,

Vollendet hat den trägen Lauf,

Dann steigt, doch stets zuerst das rechte

Bein aus den Federn, sittsam auf!

Labt Euch an dem Zichorientranke

Und tretet Eure Mühlen gern,

Freut Euch des Lebens voller Danke

Und lobt, nächst Gott, den Landesherrn!

 

Das Gedicht stammt aus Nachtwächters Stillleben“ in: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters, Hamburg 1842 (1841?). Es bedient sich des in ganz Deutschland verbreiteten Nachtwächterlieds, das von Ort zu Ort variierte und in Plettenberg (Sauerland) so klang:

Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen:

unsere Glock‘ hat 10 geschlagen.

Bewahrt das Feuer und das Licht,

dass unserem Ort kein Schaden geschicht,

und lobet Gott den Herrn!

Das Nachtwächterlied hängt mit der Figur des kosmopolitischen Nachtwächters zusammen, die Franz von Dingelstedt (1814-1881) geschaffen hat: Dieser Nachtwächter trägt seine Erlebnisse und Einsichten vor und bricht dann zu einer Reise in die Welt auf, was ihn zu einem kosmopolitischen macht. Die Figur des Nachwächters bietet sich zur politischen Kritik und Agitation an, weil man mit ihr auf die alte Metaphorik von schlafen/erwachen zurückgreifen und den Zeitgenossen vorwerfen kann, dass sie „schlafen“, bzw. sie aufrufen kann, endlich zu erwachen.

Im ersten Gedicht des Zyklus wird berichtet, wie der Nachtwächter sich von seiner Frau verabschiedet und zu seinem Rundgang durch die Stadt aufbricht. Danach spricht er monologisch (V. 5-8), um sich schließlich an die schlafenden Bürger der Stadt zu wenden, die ihn natürlich nicht hören (resp. der Dichter an die Leser, die den Nachtwächter sehr wohl vernehmen). Entscheidend sind dabei die Imperative, mit denen er sie auffordert,

  • ruhig weiter zu schlafen (2. Str.),
  • sich nicht vom teuflischen Zeitgeist verführen zu lassen (3. Str.),
  • die Gedanken herunterzuschlucken (3. Str.),
  • nicht mit dem Bett zu wackeln (4. Str.),
  • sich nicht zu rühren (4. Str.),
  • aufzustehen, Tee zu trinken, die Mühlen zu treten (Tretmühlen, 5. Str.)
  • und den Landesherrn zu loben (5. Str.).

Man sieht, das sind ironische Ermahnungen, verbunden mit einem kräftigen Spott gegen die Schlafmützen. Je ein Vers des Nachtwächterlieds bildet den letzten Vers einer Strophe und schließt sie mehr oder weniger sinnvoll ab.

Die fünf Strophen bestehen aus acht vierhebigen Jamben, die meist mit einer zusätzlichen Silbe eine weibliche Kadenz aufweisen. Die Verse 2/4 und 7/8 einer Strophe haben jedoch oft eine männliche Kadenz; das hängt damit zusammen, dass je zwei Verse in der Regel eine semantische Einheit bilden, wobei dann die männliche Kadenz einen kurzen Halt gebietet. Die Verse sind im Kreuzreim miteinander verbunden, was öfter zu einigermaßen semantisch sinnvollen Verbindungen der Verse 2/4 und 6/8 einer Strophe führt; bei diesem Spottgedicht genügt es aber eigentlich schon, wenn die Verse sich reimen – es geht dem Autor primär nicht um Schönheit der Sprache, sondern um politische Agitation.

In diesem Sinn soll untersucht werden, was der Nachtwächter vorzutragen hat: In Strophe (1) beklagt er, dass die Leute nicht zur Kenntnis nehmen wollen, was er zu sagen hat (V. 5-7), weshalb er mit dem Weckruf schließt: „Hört, Ihr Herrn, und lasst euch sagen!“ Dieser isolierte Vers, dem das Objekt fehlt, ist hier dennoch sinnvoll, weil im Hinblick auf V. 5-7 „etwas“ zu ergänzen ist: Lasst euch überhaupt etwas sagen! Was der Nachtwächter schreit, ist wahrscheinlich in den Imperativen gesagt, so dass V. 9 ff. an V. 7 anschließt. Im folgenden Zitat soll das einleitende „Uht!“ (V. 8) vermutlich das Tuten des Horns darstellen, es ist jedenfalls kein Wort. In dieser Strophe sind alle Reimpaare sinnvoll.

Dass die Aufforderungen an die Zeitgenossen ironisch gesagt sind, beweist die Aufforderung, auf des Nachtwächters Gekreisch nicht zu achten (V. 10, entgegen seiner Klage V. 5 ff.). Die guten Ratschläge, ruhig weiterzuschlafen (V. 9 und V. 15), werden mit dem Hinweis begründet, es sei nicht Besonderes geschehen (V. 11 f.), weshalb auch niemand die Zeit wissen will (V. 13); damit stehen zwei paradoxe Aussagen in Zusammenhang: dass es „keine Zeit in unsren Tagen“ gebe (V. 14) und dass entsprechend die Glocke „nichts geschlagen“ habe (V. 16). Diese Aussagen entsprechen exakt der vorhergehenden: „Die Welt ist akkurat wie gestern“ (V. 11); denn wenn sich nichts verändert, gibt es auch keine Zeit – obwohl sich einiges ändern muss, wie jeder politisch Aufgeschlossene wusste. In V. 16 ist der zweite Vers des Nachtwächterlieds abgewandelt, ebenso wie in V. 40, während die anderen drei Verse wörtlich übernommen worden sind. In dieser Strophe sind die Reime in V. 9/11, 13/15 und 14/16 sinnvoll.

Ironisch ist wieder die erste Mahnung in Strophe (3) zu lesen; sich berücken = sich betören oder bezaubern lassen: vom Teufel (Antichrist, V. 18), davor wird immer schon in der Christenheit gewarnt. Hier ist der Teufel als „Zeitgeist“ identifiziert, und das ist der demokratische Gedanke, der Wunsch nach einem Rechtsstaat ohne Zensur und Gängelei. Der Alp oder Alb ist ein koboldhaftes Nachtgespenst, hier verkleinert zu „Älplein“ (V. 19), weil die Verführung durch den Zeitgeist schlimmer ist (vgl. V. 20). Ironisch mahnt der Nachtwächter weiter, nicht (gegen die Obrigkeit) zu murren, nicht (von besseren Zeiten) zu träumen und überhaupt nicht selber zu denken (V. 21-23). Vers 24 passt nicht recht zu diesen Aufforderungen, es sei denn, man läse ihn als Ruf, das Licht der Aufklärung zu bewahren – eine kühne Konstruktion. In V. 21 fallen die zwei Alliterationen (M-, Z-) auf; wenn man die Doppelverse liest, ergibt der Reim V. 18/20 einen Sinn, ebenso V. 22/24, falls man V. 24 in der von mir skizzierten Bedeutung versteht (Kontrast: ironische / ernstgemeinte Aufforderung).

Strophe (4) stellt einen einzigen Spott auf die Schlafmützen dar, allenfalls V. 31 ist als ironische Aufforderung politisch zu verstehen, wozu dann (ebenfalls ironisch) V. 32 passte; dieser Spott wird in Strophe (5) fortgesetzt – ein witziger Seitenhieb ist die Anspielung auf den sinnlosen Aberglauben, man dürfe nicht mit dem linken Bein zuerst aufstehen (V. 35 f.). Das Adverb „sittsam“ (V. 36) passt nicht als Bestimmung des Aufstehens: Satire. Ironisch ist auch der Vorschlag, die Tretmühlen gern zu treten (V. 38), sich also knechten zu lassen.

Freut euch des Lebens“ (V. 39) ist der erste Vers eines Volksliedes, das 1793 in der Schweiz gedichtet und vertont wurde; wie sehr ihm beruhigende Wirkung zuerkannt wurde, sieht man daran, dass es 1912 Pflichtlied für die 4. Klasse in Preußen wurde. Unser Nachtwächter hat das bereits erkannt und ruft es deshalb denen zu, die gern ihre Mühlen treten sollen – ein innerer Widerspruch, bittere Satire! Dazu passt dann der letzte Vers hervorragend, in dem der Landesherr das Prädikat Gottes „den Herrn“ ersetzt: Beim Bund von Thron und Altar war das ein sachlich angemessener Austausch. Die Reime V. 34/36 und V. 38/40 bestätigen, was der Nachtwächter den Leuten zu sagen hat.

Die Metaphorik des Schlafens/Erwachens wird auch in Georg Herweghs „Wiegenlied“ verwendet; dort wird ein bekanntes Gedicht Goethes parodiert – der Rückgriff auf bekannte Texte eignet sich offensichtlich gut für die politische Agitation. Auch nach 1848 konnte man das Motiv des Schlafens im politischen Kampf verwenden, wie es Ludwig Pfau im Badischen Wiegenlied vormacht: „Schlaf‘, mein Kind, schlaf leis‘, / dort draußen geht der Preuß‘…“ (https://www.musicanet.org/robokopp/Lieder/badische.html), eine Parodie des Kinderlieds „Schlaf‘ Kindlein, schlaf‘…“.

 

 

Franz von Dingelstedt

https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_von_Dingelstedt (Leben)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Dingelstedt,+Franz+von/Gedichte/Lieder+eines+kosmopolitischen+Nachtw%C3%A4chters (Gedichte)

Vormärz

https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/vormarz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Freut_euch_des_Lebens_(Lied)

https://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/350470_0237_Heine_Nachtwaechter.pdf (Heine: Bei des Nachtwächters Ankunft in Paris)

https://also42.wordpress.com/2015/07/30/schlafen-erwachen-aufstehen-ein-metaphernfeld/ (schlafen – erwachen – aufstehen)

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/29/georg-herwegh-wiegenlied-analyse/ (Herwegh: Wiegenlied)