Sascha Sokolow: Die Schule der Dummen – gelesen

Den Hinweis auf Sokolows Buch verdanke ich Sibylle Lewitscharoff: Von oben, 2019. Im Netz sucht man vergeblich Besprechungen des Buches; man findet nur tausendfach den Satz der ZEIT-Redakteurin und Göttin im Himmel der Literaturkritik Iris Radisch: „Hier gibt es nichts zu holen. Kein spätsozialistisches Epochendiagramm, kein Panorama des sowjetischen Endspiels. Nur das Glück der Dummheit, das ansteckend ist. Nur die zügellose Sprache, den wilden, zutraulichen Plauderton, der sich wie eine nie gehörte Musik im Ohr festsetzt. Nur den Herzschlag einer galoppierenden, rücksichtslosen, anarchischen Literatur, der fröhlich und traurig und schwindlig macht und den man nicht vergisst.“

Damit hat Frau Radisch das Buch richtig charakterisiert – ob sie es mit „richtig genial“ auch richtig würdigt, sei dahingestellt. Jedenfalls sind die Überlegungen des schizophrenen Sonderschülers nichts, was auf irgendetwas hinausläuft, das man nachträglich anderen erzählen könnte. Die Gedanken bewegen sich in der kleinen Welt der Sonderschule und der Siedlung von Datschen und führen doch ein wildes Eigenleben voller Sprachspiele und voller Misstrauen gegen das, was man die Wirklichkeit nennt. Der Reiz liegt also einfach im Akt des Lesens und in einer allerdings erschwerten Erinnerung an das, was bereits von den Figuren gesagt worden ist – erschwert deshalb, weil der Blick des Sonderschülers eben nicht „normal“ ist, sondern flackert.

Das bedeutet wiederum, dass die Lektüre eigentlich „abgeschlossen“ ist, wenn man nach 30, 40 Seiten den wirren Blick des Sonderschülers einigermaßen verstanden hat. Ich habe das vierte Kapitel noch zu Ende gelesen, bin bis Seite 178 gekommen; ich hätte genauso gut nach dem dritten Kapitel aufhören können – Wesentliches hätte ich nicht verpasst. Das Buch hat also seinen Reiz, aber im Lauf der Lektüre verblasst er.

Das Copyright Suhrkamps datiert von 1977; gegenwärtig gibt es das Buch in der Bibliothek Suhrkamp als Nummer 1123.

https://de.wikipedia.org/wiki/Sasha_Sokolov (Sascha Sokolow)