David Schalko: Schwere Knochen (2018) – gelesen

Dieses Buch wurde kürzlich in der SZ von einer Dame, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, was auch schon besser ist, als Sommerlektüre empfohlen. Nun habe ich es gelesen: ein Buch von Aufstieg und Zerfall einer Wiener Gangsterbande, die 1938 ihr segensreiches Wirken begann, zwischenzeitlich im KZ landete und Kapo-Karriere machte, 1945 befreit wurde und anschließend die Wiener Unterwelt beherrschte, dann ihren Mumm verlor: die Erdberger Spedition, deren Chef sich schließlich 1961 erhängte. Im Roman wird demgemäß falsch gespielt, geschmuggelt, die Prostitution kontrolliert und gemordet – ziemlich viel sogar, und auch noch unter dem Schutz des Polizeidirektors. Damit das Ganze bis Seite 568 erzählt werden kann, müssen auch die Weibergeschichten der vier Erdinger in ihren verrückten Feinheiten erzählt werden, und weil das immer noch nicht langt, findet man auch manches Skurrile und jede Menge tiefsinnige Bemerkungen. Skurril ist, wenn eine Nutte mit großer Wucht Gegenstände aus ihrer Vagina ausstoßen kann und bloß an einer Weinflasche scheitert, die ihr dann in der Vagina zertrümmert wird. Tiefsinn findet man nicht nur in gelegentlichen Bezügen zum Existenzialismus und zu Sartre, sondern auch in den Bemerkungen der Figuren: „Die Realität bestehe ausschließlich aus Dingen, die es nicht gebe, sagte der Baron (…). Das unterscheide den Menschen vom Tier. Während dieses in einer vorgegebenen Wirklichkeit lebe, habe sich der Mensch die seine erfunden. Wir seien ausschließlich von Dingen getrieben, die es nicht gebe. Das sei die große Leistung des Menschen, so der Baron. Geld, Gott, Sprache, Häuser, Kleidung, Eheringe – ja, sogar die eigene Lebensgeschichte. Alles Erfindungen, die uns zu Menschen werden ließen. Ohne sie wüssten wir gar nicht, dass es uns gibt. Ohne sie gibt es uns vermutlich auch gar nicht.“ Abgesehen davon, dass es richtig „gäbe“ statt „gibt“ heißen müsste: Das langt fürs philosophische Proseminar. Und die Äffin Honzo, die als Mensch verkleidet ist und einen Papagei erschießt: Das ist sowohl skurril wie philosophisch.

Was mir aufgefallen ist, sind erhebliche sprachliche Schnitzer und schräge Bilder: „Aber irgendwann wurde das Krankhafte als Charakter verbucht, weil man sich dem hoffnungslosen Unterfangen nicht mehr annehmen wollte.“ Noch so ein Dativ-Genitiv-Knaller: „Oder ob er lieber mit seinem schönen Flitzer in der Gegend herumkurve, damit ihm keiner habhaft werde.“ Es gibt deren noch weitere – im Buch würde es heißen: Es gibt denen noch weitere. Ich könnte auch Tempus- und andere Grammatikfehler bemühen, begnüge mich aber mit der Auflistung einiger schräger Bilder: „Für jedes unterwürfige Flüstern der Lassnig hätte der Jerabek eine Armada getötet.“ „Er putzte seine Brille, wie jemand seine Brille putzt, der es darauf anlegt, den Hass der Menschheit auf sich zu ziehen.“ Wie macht man das nun genau? „Der Krutzler fühlte sich ungeboren an.“ „Das Wirtschaftswunder veranstaltete einen Lärmpegel, der ihm zuwider war.“ „Da seien bei dem Südländer die Testosteron-Jalousien zugegangen, so der Praschka.“ „Der innere Tourette-Monolog vom Krutzler dauerte bis Salzburg“, das langte aber auch, finde ich. Und so kam es, wie es kommen musste: „Der Krutzler stand in angespannter Verbindung zu seinem Schicksal.“ Kein Wunder, dass er sich zum Schluss erhängte.

Es muss schon sehr langweilig am Strand sein, damit man dieses Buch als Sommerlektüre empfehlen kann. Was waren das für goldene Zeiten, als Hubert Fichte uns mit seinen Interviews aus dem Palais d‘Amour beschenkte!