A. von Chamisso: „Pech“ und „Tragische Geschichte“ – Text und Bemerkungen

Chamisso: Pech (1828)

Wahrlich, aus mir hätte vieles
Werden können in der Welt,
Hätte tückisch nicht mein Schicksal
Sich mir in den Weg gestellt.

Hoher Ruhm war zu erwerben,
Wenn die Waffen ich erkor;
Mich den Kugeln preis zu geben
War ich aber nicht der Thor.

Um der Musen Gunst zu buhlen
War ich minder schon entfernt;
Ein Gelehrter wär‘ ich worden,
Hätt‘ ich lesen nur gelernt.

Bei den Frauen, sonder Zweifel,
Hätt‘ ich noch mein Glück gemacht,
Hätten sie mich aller Orten
Nicht unmenschlich ausgelacht.

Wie zum reichen Mann geboren,
Hätt‘ ich diesen Stand erwählt,
Hätte nicht vor allen Dingen
Immer mir das Geld gefehlt.

Über einen Staat zu herrschen
War vor allen ich der Mann,
Meine Gaben und Talente
Wiesen diesen Platz mir an.

König hätt‘ ich werden sollen,
Wo man über Fürsten klagt,
Doch mein Vater war ein Bürger,
Und das ist genug gesagt.

Wahrlich, aus mir hätte vieles
Werden können in der Welt,
Hätte tückisch nicht mein Schicksal
Sich mir in den Weg gestellt.

Hier lesen wir die Gedanken eines kleinen Mannes, der von einer ihm versagten Größe oder Bedeutung träumt, die zwar nicht ganz ernst gemeint sind, aber doch auch nicht völlig spinnert. In der Rückschau denkt man ja doch gelegentlich: Was wäre (aus mir) geworden, wenn ich an der ein oder anderen Stelle bessere Bedingungen gehabt hätte? Und so müßig solche Phantasien auch sind, soweit sie die eigene „versäumte“ Karriere betreffen, also die Vergangenheit, so ernst sind sie doch als politische Idee zu nehmen: Was könnte aus den vielen Benachteiligten werden, wenn sie heute oder in Zukunft bessere Startchancen bekämen – gebildetere Eltern, begüterte Eltern, mehr Wohnraum, mehr Lebensraum? Das Wichtigste kann man leider nicht herbeizaubern: bessere Eltern; denn mit Platon die Erziehung völlig dem Staat zu übertragen, verschiebt nur das Problem, weil viele staatliche Erzieher auch bloß Dienst nach Vorschrift machen, wenn sie nicht gerade in einer Fortbildung, krank oder beurlaubt sind.

Das Stichwort ist „Schicksal“ (V. 3 und V. 31) – Schicksal abschaffen kann man nicht, aber man kann versuchen, scheinbar oder wirklich schicksalhafte Beeinträchtigungen möglichst vieler Menschen zu mindern. Das Problem des Schicksals bzw. der Versuchs, einfach Gegebenes zu ändern, wird lustig im Gedicht „Tragische Geschichte“ (1822) vorgeführt. Natürlich könnte der Mann, dem der Zopf nach hinten hing, ihn nach vorne binden – aber darum geht es nicht; es geht vielmehr darum, dass er eine schlichte (und hier ziemlich bedeutungslose) Gegebenheit nicht akzeptieren will. Das Gedicht erinnert mich an Peter Bichsels Geschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“, die zwar lustig zu sein scheint (so wird sie wohl in der Sek I gelesen?), aber zutiefst tragisch endet, weil man nicht (ohne weiteres) aus der gemeinsamen Welt ausbrechen kann. Es ist zuerst lustig, aber dann eine wirklich „Tragische Geschichte“ mit symbolischem Wert für unsere Zeit.

Tragische Geschichte

’s war Einer, dem’s zu Herzen ging,
Daß ihm der Zopf so hinten hing,
Er wollt‘ es anders haben.

So denkt er denn: wie fang ich’s an?
Ich dreh mich um, so ist’s gethan –
Der Zopf, der hängt ihm hinten.

Da hat er flink sich umgedreht,
Und wie es stund, es annoch steht –
Der Zopf, der hängt ihm hinten.

Da dreht er schnell sich anders ‚rum,
’s wird aber noch nicht besser drum –
Der Zopf, der hängt ihm hinten.

Er dreht sich links, er dreht sich rechts,
Es tut nichts Gut’s, es tut nichts Schlecht’s –
Der Zopf, der hängt ihm hinten.

Er dreht sich wie ein Kreisel fort,
Es hilft zu nichts, in einem Wort –
Der Zopf, der hängt ihm hinten.

Und seht, er dreht sich immer noch,
Und denkt: es hilft am Ende doch –
Der Zopf, der hängt ihm hinten.

https://books.google.de/books?id=cpMqAAAAMAAJ&redir_esc=y (Gedichte, 3. Aufl. 1835)

https://archive.org/details/werkecha01cham/page/456/mode/2up (Chamisso: Gedichte, hrsg. von Tardel. 1907)

https://archive.org/details/bub_gb_qFg4AQAAIAAJ/page/n5/mode/2up (dito, Werke, 1874)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Chamisso,+Adelbert+von/Gedichte (Gedichte)

https://de.wikipedia.org/wiki/Adelbert_von_Chamisso (der Autor)

https://www.deutsche-biographie.de/register_pnd118520040.html#adbcontent (Leben: ADB, 1876)

https://www.deutsche-biographie.de/register_pnd118520040.html#ndbcontent (Leben: NDB, 1957)

https://archive.org/details/bub_gb_MOhy3l0yw48C/page/n9/mode/2up (Hitzig: Chamisso, Leben und Briefe)

https://archive.org/details/chamissoundsein00fuldgoog/page/n11/mode/2up (Fulda: Chamisso und seine Zeit)

https://www.chamisso-gesellschaft.de/ (Chamisso-Gesellschaft)