Hans Chr. Andersen: Die Galoschen des Glücks – Text und Analyse

Andersen: Die Galoschen des Glücks

1. Ein Anfang

Es war in Kopenhagen, in eines der Häuser nahe beim Königsneumarkt war eine große Gesellschaft eingeladen – das muss zwischendurch auch einmal sein, denn dann gilt, dass man auch selber wieder eingeladen wird. Die eine Hälfte der Gesellschaft saß schon an den Spieltischen, und die andere Hälfte wartete ab, wie es weitergehen würde; denn die Hausfrau hatte gesagt: „Nun, was tun wir jetzt?“ Soweit war man nun, und die Unterhaltung fing an, einigermaßen in Gang zu kommen. Unter anderem kam die Rede auch auf das Mittelalter. Einzelne sahen es für weit schöner an als die Gegenwart, ja, Justizrat Knap verteidigte diese Meinung so eifrig, dass die Frau des Hauses sofort zu ihm hielt, und beide wetterten nun gegen Oerstedts Artikel über alte und neue Zeiten im Volkskalender, worin unserem Zeitalter im Wesentlichen der Vorrang gegeben wurde. Justizrat Knap erklärte dagegen die Zeit des dänischen Königs Hans [gestorben 1513, war mit Christine von Sachsen verheiratet, N.T.] als die beste und glücklichste Epoche.

Während dieses Streitgesprächs für und wider, das nur einen Augenblick aussetzte, als die Zeitung ankam, in der aber auch nichts Lesenswertes stand, wollen wir in das Vorzimmer hinausgehen, wo Mäntel, Stöcke, Regenschirme und Galoschen ihren Platz gefunden hatten. Hier saßen zwei weibliche Gestalten, eine jung und eine alt. Man hätte glauben können, sie seien gekommen, um ihre Herrschaft nach Hause zu begleiten, irgend ein altes Fräulein oder eine Witwe; sah man sie jedoch genauer an, so bemerkte man bald, dass sie keine gewöhnlichen Dienstmädchen waren; dazu waren ihre Hände zu fein, ihre Haltung und die Art, sich zu bewegen, zu königlich, und auch die Kleider hatten einen ganz eigentümlich freien Schnitt. Es waren zwei Feen; die jüngere war wohl nicht das Glück selbst, aber eines der Kammermädchen seiner Kammerjungfern, welche die geringeren Gaben des Glückes verteilen; die ältere sah tiefernst aus, es war die Sorge. Sie erledigt immer in höchsteigener Person ihre Geschäfte; dann weiß sie, dass sie gut ausgeführt werden.

Sie erzählten einander, wo sie an diesem Tag gewesen waren. Das Kammermädchen des Glücks hatte nur einige unbedeutende Sachen erledigt; sie hatte, wie sie sagte, einen neuen Hut vor dem Regen gerettet, einem ehrlichen Manne einen Gruß von einer vornehmen Null ausgerichtet und Ähnliches; aber was nun noch übrig war, war etwas ganz Ungewöhnliches.

Ich muss dir noch erzählen“, sagte sie, „dass heute mein Geburtstag ist; aus diesem Anlass sind mir ein Paar Galoschen anvertraut worden, die ich den Menschen bringen soll. Diese Galoschen haben die Eigenschaft, dass jeder, der sie anzieht, sogleich an die Stelle oder in die Zeit versetzt wird, wo er am liebsten sein möchte. Jeder Wunsch bezüglich Zeit und Ort wird augenblicklich erfüllt, und die Menschen werden endlich einmal glücklich sein hienieden.“

Ja, das glaubst du!“ sagte die Sorge, „sie werden unglücklich werden und den Augenblick segnen, wo sie die Galoschen wieder los sind!“

Wie kommst du bloß darauf?“ fragte die andere. „Jetzt stelle ich sie hier an die Tür; einer vertut sich bestimmt beim Zugreifen und wird der Glückliche.“

Das war das Gespräch der beiden Feen.

2. Wie es dem Justizrat erging

Es war spät. Justizrat Knap, noch ganz vertieft in König Hans’ Zeit, wollte nach Hause, und nun ergab es sich, dass gerade er an Stelle seiner Galoschen die des Glücks genommen hatte. Er trat nun auf die Oststraße hinaus; aber durch der Galoschen Zauberkraft war er in die Zeit des Königs Hans zurückversetzt, und deshalb setzte er seinen Fuß mitten in Schlamm und Morast auf die Straße, da es in jener Zeit noch kein Steinpflaster gab.

Es ist ja fürchterlich, wie schmutzig es hier ist!“ schimpfte der Justizrat. „Der ganze Bürgersteig ist weg, und alle Laternen sind aus!“

Der Mond war noch nicht aufgegangen und die Luft überdies ziemlich neblig, so dass alles ringsumher im Dunkel verschwamm. An der nächsten Ecke hing jedoch eine Laterne vor einem Madonnenbild, aber diese Beleuchtung war so gut wie keine; er bemerkte sie erst, als er gerade darunter stand und seine Augen auf das Gemälde von Mutter und Kind fielen.

Das ist wahrscheinlich“, dachte er, „eine Kunsthandlung, wo man vergessen hat, das Schild hereinzunehmen.“

Ein paar Menschen gingen in der damaligen Tracht an ihm vorbei.

Wie sehen die denn aus? Die kommen wahrscheinlich von einem Maskenfest!“

Da erklangen mit einem Mal Trommeln und Pfeifen, Fackeln leuchteten auf. Der Justizrat blieb stehen und sah einen wunderlichen Zug vorbeiziehen. Zuerst kam ein ganzer Trupp Trommelschläger, die ihr Instrument recht kräftig bearbeiteten; ihnen folgten Leibwächter mit Bogen und Armbrust. Der Vornehmste im Zuge war ein geistlicher Herr. Erstaunt fragte der Justizrat, was das zu bedeuten habe und wer jener Mann sei.

Das ist der Bischof von Seeland“, antwortete man ihm.

Herrgott! Was fällt denn dem Bischof ein?“ seufzte der Justizrat und schüttelte mit dem Kopf. Unmöglich konnte ein Mann in diesem Aufzug der Bischof sein. Darüber nachgrübelnd ging der Justizrat, ohne nach rechts oder links zu blicken, durch die Oststraße zum Hohenbrückenplatz. Die Brücke zum Schlossplatz war nicht zu finden. Er sah undeutlich ein seichtes Flussufer, und stieß hier endlich auf zwei Männer, die ein Boot bei sich hatten.

Will der Herr nach dem Holm übergesetzt werden?“ fragten sie.

Nach dem Holm hinüber?“ sagte der Justizrat, der ja nicht wusste, in welchem Zeitalter er herumwanderte. „Ich will nach Christianshafen hinaus in die kleine Torfgasse!“

Die Männer sahen ihn staunend an.

Sagt mir doch, wo die Brücke ist!“ sagte er. „Es ist eine Schande, dass hier keine Laternen angezündet sind, und dann ist ein Schmutz hier, als ob man im Sumpf watete!“

Je länger er mit den Bootsleuten sprach, um so unverständlicher wurden sie ihm.

Ich kann euer Bornholmisch nicht versehen!“ sagte er zuletzt ärgerlich und kehrte ihnen den Rücken. Die Brücke konnte er nicht finden, ein Geländer war auch nicht da. „Es ist ein Skandal, wie es hier aussieht!“ sagte er. Niemals hatte er sein Zeitalter elender gefunden als an diesem Abend. „Ich glaube, ich werde eine Droschke nehmen müssen“, dachte er, aber wo eine hernehmen? Zu sehen war jedenfalls keine. Ich werde zum Königsneumarkt zurückgehen müssen, dort halten wohl Wagen, sonst komme ich nie nach Christianshafen hinaus.“

Nun ging er die Oststraße zurück und war fast an ihrem Ende, als der Mond hervorkam.

Mein Gott, was ist denn hier für ein Gerüst aufgestellt worden!“ sagte er, als er das Osttor sah, das zu jener Zeit die Oststraße abschloss.

Endlich fand er doch eine kleine Pforte, und durch diese kam er bei unserem Neumarkt heraus; das war damals ein großer Wiesengrund, einzelne Büsche standen da, und quer über die Wiese ging ein breiter Kanal oder Strom. Einige verwahrloste Holzbuden für die holländischen Schiffer, nach welchen der Ort den Namen „Hollandsau“ trug, lagen auf dem gegenüberliegenden Ufer.

Entweder sehe ich eine Fata Morgana oder ich bin betrunken!“ stöhnte der Justizrat. „Was ist das bloß? Was ist das bloß?“

Er kehrte wieder um in dem festen Glauben, dass er krank sei; als er in die Straße einbog, sah er sich die Häuser etwas genauer an. Die meisten waren aus Fachwerk, viele hatten nur ein Strohdach.

Nein, es geht mir gar nicht gut!“ seufzte er, „und ich habe doch nur ein Glas Punsch getrunken, aber ich kann ihn nicht vertragen. Und es war auch ganz und gar verkehrt, uns Punsch und dazu warmen Lachs vorzusetzen. Das werde ich der Dame auch einmal sagen. Ob ich wohl zurückgehe und sie wissen lasse, was das bei mir für Folgen hat? Aber das ist auch peinlich, und wer weiß, ob sie überhaupt noch auf sind.“

Er suchte nach dem Haus, konnte es aber nirgends finden.

Es ist doch schrecklich! Ich kann die Oststraße nicht wiedererkennen! Nicht ein Laden ist da. Alte, elende Hütten sehe ich, als ob ich in Roskilde oder Ringstedt wäre! Ich glaube, ich bin krank. Es nutzt nichts, sich zu genieren. Aber wo in aller Welt ist denn das Haus, aus dem ich eben fortgegangen bin? Es sieht sich gar nicht mehr ähnlich! Jedenfalls sind drinnen noch Leute wach. Nein, ich bin ganz bestimmt krank!“

Nun stieß er auf eine halboffene Türe, durch deren Spalt Licht fiel. Es war eine der Herbergen der damaligen Zeit, eine Art Bierhaus. Die Stube hatte das Aussehen einer holsteinischen Diele. Eine größere Gesellschaft von Schiffern, Kopenhagener Patriziern und ein paar Gelehrten saß hier in Gespräche vertieft bei ihren Krügen und gab nur wenig auf den Neuankömmling Acht.

Verzeihung“, sagte der Justizrat zu der Wirtin, die ihm entgegenkam, „mir ist plötzlich unwohl geworden! Könnten Sie mir nicht eine Droschke nach Christianshafen holen lassen?“

Die Frau schaute ihn an und schüttelte den Kopf; darauf redete sie ihn in deutscher Sprache an. Der Justizrat nahm an, dass sie des Dänischen nicht mächtig sei, und brachte daher seinen Wunsch auf Deutsch vor; dies wie auch seine fremde Tracht bestärkten die Frau in der Annahme, dass sie einen Ausländer vor sich habe. Dass es ihm nicht gut ging, begriff sie schnell und gab ihm deshalb einen Krug Wasser, das freilich abgestanden schmeckte, obgleich es aus dem Brunnen stammte.

Der Justizrat stützte seinen Kopf in die Hand, holte tief Luft und grübelte über all das Unbegreifliche ringsum.

Ist das die heutige Ausgabe vom ‚Tag‘ [Abendzeitung in Kopenhagen, N.T.]?“ fragte er, nur um etwas zu sagen, als er die Frau ein großes Stück Papier weglegen sah.

Sie verstand nicht, was er meinte, reichte ihm aber das Blatt. Es war ein Holzschnitt, der eine Lufterscheinung darstellte, die sich in der Stadt Köln gezeigt hatte.

Das ist sehr alt“, sagte der Justizrat und wurde ganz aufgeräumt bei dem Gedanken, dass er ein so altes Stück entdeckt habe. „Wie sind Sie zu diesem seltenen Blatte gekommen? Das ist sehr interessant, obgleich das Ganze eine Fabel ist. Man erklärt sich dergleichen Lufterscheinungen als Nordlichter, die man beobachtet hat; wahrscheinlich werden sie durch Elektrizität hervorgerufen.“

Diejenigen, die in der Nähe saßen und seine Rede gehört hatten, sahen verwundert zu ihm auf, und einer von ihnen erhob sich, lüftete ehrerbietig den Hut und sprach mit ernsthafter Miene: „Ihr seid gewiss ein hochgelehrter Herr, Monsieur!“

O, nein“, erwiderte der Justizrat, „ich kann nur bei diesem oder jenem mitreden, wie es ja ein jeder können sollte.“

Modestia [Bescheidenheit] ist eine schöne Tugend!“ sagte der Mann. „Im Übrigen muss ich zu eurer Rede sagen: mihi secus videtur [dass ich anderer Meinung bin], doch will ich hier gern mein Urteil suspendieren.“

Darf ich fragen, mit wem zu sprechen ich das Vergnügen habe?“ sagte der Justizrat.

Ich bin Baccalaureus der Heiligen Schrift“, antwortete der Mann.

Diese Antwort war dem Justizrat genug. Der Titel entsprach ganz seiner Tracht. „Es ist sicher ein alter Landschulmeister“, dachte er, „so ein sonderbarer Kauz, wie man sie noch ab und zu da oben in Jütland antrifft.“

Hier ist wohl nicht eigentlich der rechte locus docendi [Ort für gelehrte Gespräche]“, begann der Mann, „doch bitte ich Euch weiterzusprechen. Ihr seid gewiss in den Alten sehr belesen!“

O ja, einigermaßen“, antwortete der Justizrat, „ich lese gern alte nützliche Schriften, aber ich habe auch viel für die neueren übrig, nur nicht für die ‚Alltagsgeschichten’; die erleben wir hinreichend in der Wirklichkeit.“

Alltagsgeschichten?“ fragte unser Baccalaureus.

Ja, ich meine die neuen Romane, die es jetzt gibt.“

O“, lächelte der Mann, „sie bezeugen doch viel Geist und werden auch bei Hofe gelesen; der König liebt besonders den Roman von Herrn Ivent und Herrn Gaudian, der von König Artus und den Rittern seiner Tafelrunde handelt. Er hat darüber mit seinen hohen Herren gescherzt!“ [König Hans hat nach Holberg mit Otto Rud über den Roman gesprochen: Ivent und Gaudian seien wahre Ritter gewesen, wie es sie nun nicht mehr gäbe; darauf antwortete Rud, es würden sich solche Ritter schon finden, wenn es noch Helden wie König Artus gäbe.]

Ja, den habe ich noch nicht gelesen“, sagte der Justizrat, „das muss etwas ganz Neues sein, das Heiberg [Heiberg hatte die von seiner Mutter verfassten „Alltagsgeschichten“ veröffentlicht] herausgegeben hat!“

Nein“, antwortete der Mann, „der ist nicht bei Heiberg herausgekommen, sondern bei Gottfried von Gehmen [Buchdrucker und Verleger unter König Hans]!“

So, ist das der Verfasser?“ fragte der Justizrat. „Das ist ein sehr alter Name. So hieß ja wohl der erste Buchdrucker, den es in Dänemark gab.“

Ja, das ist unser erster Buchdrucker!“ sagte der Mann. Bis dahin ging alles gut; nun sprach einer der Bürgersleute von der schrecklichen Pest, die vor ein paar Jahren geherrscht habe, und meinte damit die vom Jahre 1484. Der Justizrat nahm an, dass von der Cholera die Rede sei; so ging der Diskurs recht gut weiter. Der Freibeuterkrieg von 1490 lag so nahe, dass er berührt werden musste. Die englischen Freibeuter hätten die auf der Reede liegenden Schiffe gekapert, meinten sie, und der Justizrat, der sich so recht in die Ereignisse von 1801 [Seeschlacht gegen Nelson] hineingelebt hatte, stimmte voller Überzeugung in die Verwünschungen gegen die Engländer mit ein. Die übrige Unterhaltung dagegen verlief nicht ganz so glücklich. Jeden Augenblick ergaben sich Missverständnisse. Der gute Baccalaureus wusste doch sehr wenig, und ihm erschienen selbst einfache Bemerkungen des Justizrats als zu gewagt und phantastisch. Sie sahen einander prüfend an, und wurde es gar zu arg, so sprach der Baccalaureus Latein, weil er glaubte, dann besser verstanden zu werden; aber auch das half nicht viel.

Wie geht es Euch?“ fragte die Wirtin und zog den Justizrat am Ärmel; da kam er wieder zur Besinnung, denn beim Gespräch mit den Gästen hatte er alles um sich her rein vergessen.

Herrgott, wo bin ich?“ fragte er ganz verwirrt und versuchte seine Lage zu verstehen.

Klaret wollen wir trinken! Met und Bremer Bier!“ rief einer der Gäste, „und Ihr sollt mithalten!“

Zwei Mädchen kamen herein. Die eine trug eine zweifarbige Haube [damals für Prostituierte vorgeschrieben]. Sie schenkten ein und neigten sich zu ihm hin – dem Justizrat lief es eiskalt über den Rücken.

Was soll das heißen? Was soll das heißen?“ stammelte er, aber er musste mit ihnen trinken. Sie ergriffen quasi Besitz von dem guten Mann, er war aufs höchste verzweifelt. Als dann einer sagte, er sei betrunken, zweifelte er nicht im Geringsten daran und bat wiederholt darum, ihm doch eine Droschke zu besorgen. Da glaubten sie, er rede Russisch.

Noch nie war der Justizrat in so roher und beschränkter Gesellschaft gewesen. „Man könnte fast glauben, das Land sei zum Heidentum zurückgekehrt“, dachte er, „dies ist der schrecklichste Augenblick meines Lebens!“ Doch plötzlich kam ihm der Gedanke, sich unter den Tisch zu bücken, zur Tür zu kriechen und hinauszuschlüpfen. Aber als er am Ausgang war, merkten die anderen, was er vorhatte; sie packten ihn bei den Beinen, da verlor er zum Glück die Galoschen – und damit war der ganze Zauber vorbei.

Der Justizrat sah ganz deutlich eine helle Laterne vor sich brennen, und hinter dieser lag ein großes Haus; er erkannte es ebenso wie die Nachbarhäuser. Es war die Oststraße, wie wir sie alle kennen. Er selbst lag mit den Beinen gegen eine Tür, und gegenüber saß der Nachtwächter und schlief.

Mein Gott, habe ich hier auf der Straße gelegen und geträumt?“ dachte er. „Ja, das ist die Oststraße! So hell und bunt wie immer! Es ist doch schrecklich, wie das eine Glas Punsch auf mich gewirkt haben muss!“

Zwei Minuten später saß er in einer Droschke, die ihn nach Christianshafen brachte. Er dachte an all die Angst und Not, die er überstanden hatte, und pries aus ganzem Herzen die glückliche Wirklichkeit, unsere Zeit, die mit all ihren Mängeln doch weit angenehmer sei als die, in der er sich vor kurzem befunden hatte. Und das war vernünftig vom Justizrat gedacht!

3. Des Nachtwächters Abenteuer

(Dieser schlüpft kurz in die Gestalt eines verliebten einsamen Leutnants, als solcher möchte er lieber Nachtwächter sein; er reist zum Mond.)

4. Ein Hauptmoment – Eine Deklamationsnummer. Eine ganz ungewöhnliche Reise

(Ein Medizinstudent hängt in einem Gitter fest. Er kann in die Herzen verschiedener Menschen sehen.)

5. Die Verwandlung des Kopisten

(Ein Polizeisekretär verwandelt sich in einen Dichter und in eine Lerche.)

Diese drei Kapitel fügen m. E. der augenblicklichen Wunscherfüllung, wie sie im 2. Kapitel für die Zeit und im 6. für den Ort durchgespielt wird, nichts Wesentliches hinzu. Wer möchte, kann sie hier nachlesen:

http://institut-asta.ch/fileadmin/user_upload/pdf/Hans%20Christian%20Andersen/DIE_GALOSCHEN_DES_GLUECKS.pdf

https://maerchen.com/andersen/die-galoschen-des-gluecks.php

https://archive.org/details/bub_gb_EgMOAAAAYAAJ/page/n471/mode/2up

6. Das Beste, was die Galoschen brachten

Frühmorgens am folgenden Tag, als der Schreiber noch im Bett lag, klopfte es an seine Tür; es war sein Nachbar aus derselben Etage, ein Student, der Pastor werden wollte. Er trat ein. „Leihe mir Deine Galoschen“, sagte er, „es ist so nass im Garten, aber die Sonne scheint herrlich, ich möchte ein Pfeifchen da unten rauchen.“

Er zog die Galoschen an und befand sich bald unten im Garten, der nur einen Pflaumen- und einen Birnenbaum aufzuweisen hatte. Selbst ein so kleiner Garten wie dieser gilt in Kopenhagen schon als eine große Herrlichkeit.

Draußen von der Straße erklang ein Posthorn. „O, reisen! reisen!“ rief er laut, „das ist doch das größte Glück in der Welt! Das ist meiner Wünsche höchstes Ziel! Das würde die Unruhe, die mich quält, stillen. Aber weit fort müsste es sein! Ich möchte die herrliche Schweiz sehen, nach Italien fahren und –“

Es war gut, dass die Galoschen sofort wirkten, sonst wäre er allzu weit sowohl für seinen Geschmack als auch für den unseren herumgekommen.

Er war auf Reisen, mitten in der Schweiz, aber mit acht anderen in einer Postkutsche zusammengepfercht. Er hatte Kopfschmerzen, sein Nacken war steif und das gestaute Blut ließ seine Beine anschwellen, so dass ihn die Stiefel drückten. Er schwebte in einem Zustand zwischen Wachen und Schlafen. In seiner rechten Tasche hatte er seine Reiseschecks, in der linken seinen Pass, und in einem kleinen Lederbeutel auf der Brust waren einige Goldstücke eingenäht. Jeder seiner Träume endete damit, dass der eine oder andere dieser Schätze verloren ginge. Deshalb fuhr er jeden Augenblick hoch, und die erste Bewegung, die seine Hand machte, war ein Dreieck von rechts nach links und zur Brust hinauf, um zu fühlen, ob alles noch da war. Regenschirme, Stöcke und Hüte schaukelten im Netz über seinem Kopf und versperrten ihm so ziemlich die Aussicht, die ansonsten großartig war. Er schielte hinaus, während sein Herz sang, was ein Dichter, den wir kennen, auch schon gesungen hatte, als er in der Schweiz war (er hat es aber bisher nicht drucken lassen):

Ja, hier ist‘s schön und das Herz hat Ruh‘!

Ich seh‘ den Montblanc in der Ferne.

Und reichte das Kleingeld nur dazu,

Ich bliebe hier lange noch gerne.

Groß und erhaben war die Natur rings um ihn. Die Tannenwälder erschienen wie Heidekraut auf den hohen Felsen, deren Spitzen sich im Wolkenschleier verbargen. Nun begann es zu schneien und ein kalter Wind blies.

Hu!“ seufzte er, „wären wir nur erst auf der anderen Seite der Alpen, dann wäre es Sommer und ich bekäme das Geld für meine Reiseschecks. Die Angst, die ich deswegen ausstehe, verdirbt mir den Genuss an Schweizer Natur. Ach, wäre ich doch schon auf der anderen Seite!“

Und da war er auf der anderen Seite, mitten in Italien, zwischen Florenz und Rom. Der Trasimenische See lag im Abendlicht wie flammendes Gold zwischen den blauen Bergen; hier, wo Hannibal den Flaminius geschlagen hatte, hielten sich nun Weinranken friedlich an ihren grünen Händen. Anmutige halbnackte Kinder bewachten eine Herde kohlschwarzer Schweine unter einer Gruppe duftender Lorbeerbäume an der Landstraße. Verstünden wir, diese Szene mit Worten zu malen, so würden alle jubeln: „Herrliches Italien!“ Aber weder der Theologe noch auch nur ein einziger von seinen Reisegefährten im Wagen sagte etwas Ähnliches.

Zu Hunderten flogen giftige Fliegen und Mücken zu ihnen herein; vergebens schlugen sie mit Myrtenzweigen um sich, die Fliegen stachen sie doch. Kein Mensch im ganzen Wagen, dessen Gesicht nicht geschwollen und blutig von den Stichen war! Die armen Pferde sahen wie Kadaver aus. Die Fliegen saßen in Schwärmen auf ihnen, und es half nur für Augenblicke, wenn der Kutscher abstieg und die Fliegen von seinen Tieren verjagte. Bald ging die Sonne unter; ein kurzer eisiger Schauer ging durch die ganze Natur. Das war wirklich nicht angenehm; aber ringsum verdämmerten die Berge und Wolken in einem wundervoll grünlichen Ton – ja, geht nur selbst hin und schaut, das ist besser, als Beschreibungen darüber zu lesen! Es war ein unvergleichliches Schauspiel; die Reisenden fanden das auch – aber der Magen war leer, die Glieder matt, alle Sehnsucht des Herzens richtete sich auf das Nachtlager. Aber wie würde das aussehen? Man hielt viel eifriger danach Ausschau als nach der Schönheit der Natur.

Der Weg führte durch einen Olivenwald; es war, als führe man daheim zwischen knotigen Weiden. Hier lag das einsame Wirtshaus. Ein halbes Dutzend bettelnder Krüppel hatte sich davor gelagert. Der gesündeste unter ihnen sah aus wie „des Hungers ältester Sohn, der seine Volljährigkeit erreicht hat“, um mit Marryat zu sprechen. Die anderen waren entweder blind, hatten lahme Beine und krochen auf den Händen oder hatten ausgezehrte Arme mit fingerlosen Händen. Das nackte Elend grinste überall aus den Lumpen hervor. „Erbarmen, gnädige Herren, habt Erbarmen!“ seufzten sie und entblößten ihre kranken Glieder. Die Wirtin selbst, mit bloßen Füßen, ungekämmtem Haar und

in einer schmutzigen Bluse, empfing die Gäste. Die Türen waren mit Bindfaden angebunden. Den Fußboden in den Zimmern bildete ein halbaufgerissenes Pflaster von Mauersteinen; Fledermäuse flatterten unter der Decke hin und her, und es stank da drinnen – –

Machen Sie lieber den Tisch im Stall zurecht“, sagte einer der Reisenden, „da unten weiß man wenigstens, was man einatmet.“

Die Fenster wurden schnell geöffnet, dass ein wenig frische Luft hereinkommen konnte, aber schneller als diese drangen die vertrockneten Arme herein und das unaufhörliche Gejammer: „Habt Erbarmen, gnädige Herren!“ An den Wänden standen viele Inschriften, die Hälfte davon war gegen Bella Italia gerichtet.

Das Essen wurde aufgetragen; es gab eine Suppe aus Wasser, mit Pfeffer und ranzigem Öl gewürzt, das auch in gleicher Güte beim Salat wieder erschien. Verdorbene Eier und gebratene Hahnenkämme machten das Hauptgericht aus; selbst der Wein hatte einen Beigeschmack, er war die reinste Medizin.

Zur Nacht wurden die Koffer gegen die Tür gestellt und einer der Reisenden hielt Wache, während die anderen schliefen. Den Theologen traf das Los, der Wachhabende zu sein. O, wie schwül war es hier drinnen! Die Hitze drückte, die Mücken summten und stachen, und die Krüppel wimmerten im Schlaf.

Ja, Reisen ist schon recht schön“, seufzte der Student, „wenn man nur keinen Körper hätte. Könnte dieser ruhen und der Geist indessen fliegen! Wohin ich auch komme, stoße ich auf einen Mangel, der das Herz bedrückt. Nach etwas Besserem als dem Augenblicklichen sehne ich mich, ja, nach dem Besten, aber wo und was ist das? Im Grunde weiß ich wohl, was ich will: Ich will an ein glückliches Ziel, das glücklichste von allen gelangen!“

Und wie das Wort ausgesprochen war, war er in seiner Heimat. Die langen, weißen Gardinen hingen vor den Fenstern herab, und mitten auf dem Fußboden stand ein schwarzer Sarg. In diesem lag er im sanften Todesschlaf. Sein Wunsch war erfüllt; der Körper ruhte, der Geist reiste. „Preise niemand glücklich vor seinem Tode“, Solons Wort, hier bewies es wieder einmal seine Gültigkeit.

Jede Leiche ist der Unsterblichkeit Sphinx. Aber auch die Sphinx hier in dem schwarzen Sarge gab keine Antwort auf die Frage, die der Lebende zwei Tage vorher aufgeschrieben hatte:

Du starker Tod, dein Schweigen wecket Grauen;

Des Kirchhofs Gräber zeigen deine Spur.

Soll meinem Geiste keine Hoffnung blauen?

Blüh ich als Gras im Todesgarten nur?

Dein größtes Leiden hat die Welt doch nie erblickt.

Der, der du gleich dir bliebst zum Letzten ohne Arg.

Im Leben ward dein Herz von manchem mehr bedrückt

Als von der Erde, die man wirft auf deinen Sarg!“

Zwei Gestalten bewegten sich im Zimmer. Wir kennen sie beide: Es waren die Sorge und die Abgesandte des Glücks. Sie beugten sich über den Toten. „Siehst du“, sagte die Sorge, „welches Glück haben deine Galoschen wohl den Menschen gebracht?“

Sie brachten wenigstens dem, der hier schläft, ein unvergängliches Gut“, erwiderte die Freude.

O nein!“ entgegnete die Sorge, „selbst ging er fort, er wurde nicht abberufen. Seine geistige Kraft war hier nicht stark genug, um die Schätze im Jenseits zu heben, die er nach seiner Bestimmung heben sollte! Ich will ihm eine Wohltat erweisen.“

Und sie zog die Galoschen von seinen Füßen; da war der Todesschlaf zu Ende und der Wiederbelebte erhob sich.

Die Feen waren verschwunden, mit ihnen aber auch die Galoschen; die Sorge hatte sich diese gewiss angeeignet.

Ich bin von der Übersetzung bei http://institut-asta.ch/ (Übersetzer unbekannt) ausgegangen und habe sie anhand zweier weiterer Übersetzungen sprachlich überarbeitet. Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/10/30/andersen-die-galoschen-des-glucks-kurze-analyse/, vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2018/11/07/maerchen-von-den-drei-wuenschen-zwei-motive/!

Hans Chr. Andersen: Das hässliche junge Entlein – Text und Analyse

Andersen: Das hässliche junge Entlein (= Die hässliche Ente; Das hässliche Entlein; Das hässliche Entenküken)

Es war herrlich draußen auf dem Land. Es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer grün; das Heu lag unten auf den Wiesen in großen Haufen gebündelt, und der Storch ging auf seinen langen roten Beinen und plapperte ägyptisch; denn diese Sprache hatte er von seiner Frau Mutter gelernt. Rings um die Äcker und die Wiesen standen große Wälder und mitten in den Wäldern lagen tiefe Seen. Ja, es war wirklich herrlich draußen auf dem Land!

Dort lag im Sonnenschein ein altes Landgut, von tiefen Kanälen umgeben. Von der Mauer bis zum Wasser hinunter wuchsen große Klettenblätter, die so hoch wuchsen, dass kleine Kinder unter den höchsten aufrecht stehen konnten; es war darin ebenso wild durcheinander wie im tiefsten Wald. Hier saß eine Ente auf ihrem Nest, welche ihre Eier ausbrüten musste; aber sie war es fast satt, weil es gar zu lange dauerte und sie selten Besuch bekam – die anderen Enten schwammen lieber in den Kanälen umher, als sich unter ein Klettenblatt zu setzen und mit ihr zu schnattern.

Endlich platzte ein Ei nach dem anderen; »Piep! piep!« sagte es, und alle Eidotter waren lebendig geworden und steckten die Köpfe heraus. »Rapp! Rapp!« rief sie; und so rappelten sich alle nach Kräften und schauten nach allen Seiten unter den grünen Blättern umher; und die Mutter ließ sie gucken, so viel sie wollten, denn das Grüne ist gut für die Augen.

»Wie groß ist doch die Welt!« sagten alle Jungen, denn nun hatten sie freilich viel mehr Platz als vorher, als sie noch im Ei lagen. »Glaubt ihr, dass dies die ganze Welt ist?« fragte die Mutter; »die erstreckt sich noch weit über die andere Seite des Gartens, bis hinein in des Pfarrers Feld; aber da bin ich noch nie gewesen. – Ihr seid doch alle beisammen?« fuhr sie fort und stand auf. »Nein, ich habe noch nicht alle; das größte Ei liegt noch da. Wie lange soll das denn noch dauern? Ich bin es bald leid!« Und dann setzt sie sich wieder auf das Ei.

»Nun, wie geht es?« fragte eine alte Ente, welche zu Besuch kam. »Es dauert recht lange mit dem einen Ei«, antwortete die Ente, die darauf saß; »es will nicht platzen. Doch sieh dir nur die anderen an; es sind die niedlichsten Entchen, die ich je gesehen habe! Sie gleichen alle ihrem Vater; der Taugenichts – er kommt mich nicht einmal besuchen.« »Lass mich das Ei sehen, welches nicht platzen will«, sagte die Alte. »Verlass dich darauf, es ist ein Putenei! Ich bin auch einmal so angeführt worden und hatte meine große Not mit den Jungen, denn ihnen ist bange vor dem Wasser. Ich konnte sie nicht hineinbringen; ich rappte und schnappte, aber es half nichts. Lass mich das große Ei sehen! Ja, das ist ein Putenei. Lass es liegen und lehre lieber die anderen Kleinen schwimmen.« »Ich will doch noch ein bisschen darauf sitzen«, sagte die Ente; »habe ich nun so lange gesessen, dann kommt es auf ein paar Tage mehr oder weniger auch nicht an. »Wie du willst«, sagte die alte Ente und ging davon.

Endlich platze das Ei. »Piep! piep!« sagte das Junge und kroch heraus. Es war sehr groß und hässlich. Die Ente betrachtete es: »Es ist ein außerordentlich großes Entchen«, sagte sie, »keines von den andern sieht so aus. Sollte es doch ein Putenküken sein? Nun, wir werden bald dahinterkommen; ins Wasser muss es, müsste ich es auch selbst hineinstoßen!«

Am nächsten Tag war herrliches Wetter; die Sonne schien auf alle grünen Kletten. Die Mutter Ente ging mit ihrer ganzen Familie zu dem Kanal hinunter. Platsch! da sprang sie ins Wasser. »Rapp! rapp!« rief sie, und ein Entchen nach dem andern plumpste hinein; das Wasser schlug ihnen über dem Kopf zusammen, aber sie kamen gleich wieder hoch und schwammen ganz prächtig; die Beine gingen von selbst, alle waren sie im Wasser, selbst das hässliche graue Junge schwamm mit.

»Nein, es ist kein Puter«, sagte sie; »sieh doch einer, wie herrlich es die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält, es ist mein eigenes Kind! Im Grunde ist es auch ganz hübsch, wenn man es nur recht betrachtet. Rapp! rapp! Kommt nur mit mir, ich werde euch die Welt zeigen und euch im Entenhof vorstellen; aber haltet euch immer in meiner Nähe, damit euch niemand tritt, und nehmt euch vor den Katzen in Acht!«

Und so kamen sie in den Entenhof hinein. Drinnen war ein schrecklicher Lärm, denn zwei Familien stritten sich um den Kopf eines toten Aals, und am Ende bekam ihn doch die Katze.

»Seht, so geht es in der Welt zu!« sagte Mutter Ente und schnappte mit dem Schnabel, denn sie wollte auch den Aalkopf haben. »Gebraucht nun eure Beine«, sagte sie; »seht zu, dass ihr euch beeilt, und neigt euren Hals vor der alten Ente dort. Sie ist die vornehmste von allen hier; sie hat spanische Vorfahren, deshalb ist sie so dick. Und seht ihr: Sie hat einen roten Lappen um das Bein; das ist etwas außerordentlich Schönes und die größte Auszeichnung, welche eine Ente erhalten kann. Das bedeutet, dass man sie nicht verlieren will und dass sie von Tieren und Menschen erkannt werden soll! Die Füße nicht einwärts! Ein wohlerzogenes Entchen setzt die Füße weit auseinander, gerade wie Vater und Mutter. Seht, so! Nun neigt euren Hals und sagt ‚Rapp‘.«

Und das taten sie; aber die andern Enten ringsumher betrachteten sie und sagten ganz laut: »Seht euch das an! Nun sollen wir den Schwarm auch noch aufnehmen – als ob wir nicht so schon genug wären! Und pfui! Wie hässlich das eine aussieht, das wollen wir nicht bei uns dulden!« Und sogleich flog eine Ente hin und biss es in den Nacken. »Lass es in Ruhe!« sagte die Mutter; »es tut ja niemandem etwas.« »Ja, aber es ist so groß und sonderbar«, sagte die Ente, welche es gebissen hatte; »deshalb muss es geknufft werden.«

»Es sind hübsche Kinder, welche die Mutter hat«, sagte die alte Ente mit dem Lappen um das Bein; »alle schön, bis auf das eine, das ist misslungen; ich wollte, dass sie es umgestalten könnte.« »Das geht nicht, Ihro Gnaden«, sagte Mutter Ente; »es ist nicht hübsch, aber ein herzensgutes Kind und schwimmt so herrlich wie die anderen, ja, ich darf sagen, noch etwas besser. Ich denke, es wird ordentlich heranwachsen und mit der Zeit vielleicht etwas kleiner werden; es hat zu lange im Ei gelegen und deshalb nicht die rechte Gestalt bekommen.« Und sie zupfte es im Nacken und glättete das Gefieder. »Es ist außerdem ein Enterich«, meinte sie, »darum macht es nicht so viel aus. Ich denke, er wird gute Kräfte bekommen und sich schon durchschlagen.« »Die anderen Entchen sind niedlich«, sagte die Alte; »tut nun, als ob ihr zu Hause wärt, und findet ihr einen Aalkopf, so könnt ihr ihn mir bringen.« Und so waren sie hier wie zu Hause.

Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so hässlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und ausgelacht, sowohl von den Enten wie von den Hühnern. »Es ist zu groß!« sagten alle, und der Puter, welcher mit Sporen zur Welt gekommen war und deshalb glaubte, dass er Kaiser sei, machte sich breit wie ein Schiff mit vollen Segeln und ging gerade auf das hässliche Entchen los; dann kollerte er und wurde ganz rot am Kopf. Das Entchen wusste nicht, wo es stehen oder gehen sollte; es war so betrübt, weil es hässlich aussah und vom ganzen Entenhof verspottet wurde.

So ging es am ersten Tag, und später wurde es noch schlimmer. Das arme Entchen wurde von allen gejagt; selbst seine Schwestern waren ganz böse gegen es und sagten immer: »Wenn dich die Katze nur finge, du hässliches Geschöpf!« Die Mutter stöhnte: »Wenn du nur weit fort wärst!« Und die Enten bissen es, die Hühner hackten nach ihm und das Mädchen, welches die Tiere füttern sollte, stieß mit den Füßen nach ihm.

Da lief es weg und flog über den Zaun; die kleinen Vögel in den Büschen flogen erschrocken davon. »Das geschieht, weil ich so hässlich bin«, dachte das Entchen und schloss die Augen, lief aber trotzdem weiter; so kam es hinaus zu einem großen Moor, wo die wilden Enten wohnten. Hier lag es die ganze Nacht; es war nämlich müde und traurig.

Gegen Morgen flogen die wilden Enten auf und erblickten den neuen Kameraden. »Was bist du für einer?« fragten sie; das Entchen wendete sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte. »Du bist außerordentlich hässlich«, sagten die wilden Enten; aber das kann uns egal sein, wenn du nur nicht in unsere Familie einheiratest.« Das Arme! Es dachte wirklich nicht daran, sich zu verheiraten; es wollte nur die Erlaubnis erhalten, im Schilf zu liegen und etwas Moorwasser zu trinken.

So lag es zwei ganze Tage; dann kamen zwei wilde Gänse oder richtiger wilde Gänseriche, die erst vor kurzem aus dem Ei gekrochen waren; deshalb waren sie auch etwas vorlaut. »Höre, Kamerad«, sagten sie, »du bist so hässlich, dass wir dich gut leiden mögen; willst du mit uns kommen und Zugvogel werden? Hier nebenan in einem andern Moor gibt es einige süße, liebliche wilde Gänse, schöne Fräuleins, die alle ‚Rapp!‘ sagen können. Du bist imstande, dein Glück dort zu machen, so hässlich bist du!«

»Piff! Paff!« ertönte es im gleichen Augenblick; beide wilde Gänseriche fielen tot ins Schilf und das Wasser wurde blutrot. »Piff! Paff!« erscholl es wieder und ganze Scharen wilder Gänse flogen aus dem Schilf auf. Und dann knallte es wieder. Es war große Jagd, die Jäger lagen rings um das Moor herum; ja, einige saßen oben in den Bäumen, welche sich weit über das Schilfrohr erstreckten. Der blaue Dampf zog wie eine Wolke in die dunkeln Bäume hinein und weit über das Wasser hin; im Moor suchten die Jagdhunde die Beute. Platsch, Platsch, das Schilf und das Rohr neigte sich nach allen Seiten. Das war ein Schreck für das arme Entchen. Es drehte den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, aber in demselben Augenblick stand ein fürchterlich großer Hund dicht vor ihm; die Zunge hing dem Tier lang aus dem Hals heraus, und die Augen funkelten gräulich hässlich. Er steckte seine Schnauze dem Entchen entgegen, zeigte ihm die scharfen Zähne und – – Platsch, Platsch! ging er wieder, ohne es zu packen. »O, Gott sei Dank!« seufzte das Entchen; »ich bin so hässlich, dass selbst der Hund mich nicht beißen mag.« Und dann lag es ganz still, während die Schrotkugeln durch das Schilf sausten und Schuss auf Schuss knallte.

Erst spät am Tag wurde es ruhig; aber das arme Junge wagte noch nicht, sich zu erheben; es wartete noch mehrere Stunden, bevor es sich umsah, und dann eilte es fort aus dem Moor, so schnell es konnte. Es lief über Feld und Wiese; da tobte ein solcher Sturm, dass es ihm schwer wurde, von der Stelle zu kommen. Gegen Abend erreichte es eine kleine armselige Bauernhütte; die war so baufällig, dass sie selbst nicht wusste, nach welcher Seite sie fallen sollte, und darum blieb sie stehen. Der Sturm sauste so um das Entchen, dass es sich setzen musste, um sich dagegen zu stemmen, und es wurde schlimmer und schlimmer. Da bemerkte es, dass die Tür aus der einen Angel gegangen war und so schief hing, dass es durch die Spalte in die Stube hineinschlüpfen konnte, und das tat es.

Hier wohnte eine Frau mit ihrem Kater und ihrer Henne. Der Kater, den sie »Söhnchen« nannte, konnte einen Buckel machen und schnurren; er sprühte sogar Funken, aber dafür musste man ihn gegen das Haar streicheln. Die Henne hatte ganz kurze niedrige Beine, und deshalb wurde sie »Küken-Kurzbein« genannt; sie legte gute Eier, und die Frau liebte sie wie ihr eigenes Kind. Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde Entchen; und der Kater begann zu schnurren und die Henne zu glucken.

»Was gibt‘s da?« fragte die Frau und sah sich rings um; aber sie sah nicht gut, und so glaubte sie, das Entchen sei eine fette Ente, die sich verirrt hätte. »Das ist ja ein seltener Fang!« sagte sie. »Nun kann ich Enteneier bekommen. Wenn es nur kein Enterich ist! Das müssen wir noch ausprobieren.« Und so wurde das Entchen für drei Wochen auf Probe angenommen; aber es kamen keine Eier heraus.

Der Kater war Herr im Haus, und die Henne war die Dame. Immer sagten sie: »Wir und die Welt!« Denn sie glaubten, sie seien die Hälfte der Welt, und zwar die bei weitem bessere Hälfte. Das Entchen glaubte, dass man auch eine andere Meinung haben könnte; aber das duldete die Henne nicht. »Kannst du Eier legen?« fragte sie. »Nein!« »Nun, dann wirst du die Güte haben, den Mund zu halten.« Und der Kater fragte: »Kannst du einen krummen Buckel machen, schnurren und Funken sprühen?« »Nein.« »So darfst du auch keine Meinung äußern, wenn vernünftige Leute sprechen!« Und das Entchen saß im Winkel und hatte schlechte Laune.

Da fiel ihm die frische Luft und der Sonnenschein ein; es bekam gleich so eine sonderbare Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, dass es nicht unterlassen konnte, dies der Henne zu sagen. »Was fällt dir ein?« fragte die. »Du hast nichts zu tun, deshalb kommst du auf seltsame Gedanken! Lege Eier oder schnurre, dann verschwinden sie von selbst.« »Aber es ist so schön, auf dem Wasser zu schwimmen«, sagte das Entchen, »so herrlich, wenn es über dem Kopf zusammenschlägt und man auf den Grund tauchen kann!« »Ja, das ist ein tolles Vergnügen!« sagte die Henne. »Du bist wohl verrückt geworden! Frage den Kater – er ist das klügste Geschöpf, das ich kenne – ob er es liebt, auf dem Wasser zu schwimmen oder unterzutauchen. Von mir will ich überhaupt nicht sprechen. Frage selbst unsere Herrschaft, die alte Frau; klüger als sie ist niemand auf der Welt! Glaubst du, dass die Lust hat, zu schwimmen und das Wasser über dem Kopf zusammenschlagen zu lassen?«

»Ihr versteht mich nicht«, sagte das Entchen. »Wir verstehen dich nicht? Wer soll dich denn verstehen? Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen als der Kater oder die Frau – von mir will ich nicht reden. Bilde dir nichts ein, Kind! Und danke deinem Schöpfer für all das Gute, was man dir erwiesen hat! Bist du nicht in eine warme Stube gekommen und hast du nicht Gesellschaft, von der du etwas lernen kannst? Aber du redest dummes Zeug, und es ist nicht angenehm, mit dir umzugehen. Mir kannst du glauben, ich meine es gut mit dir. Ich sage dir Unangenehmes, daran kann man seine wahren Freunde erkennen. Gib dir einfach Mühe, Eier zu legen oder schnurren zu lernen!«

»Ich glaube, ich gehe hinaus in die weite Welt«, sagte das Entchen. »Ja, tue das!« sagte die Henne. Und das Entchen ging; es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, aber von allen Tieren wurde es wegen seiner Hässlichkeit nicht beachtet.

Nun kam der Herbst; die Blätter im Wald wurden gelb und braun; der Wind fasste sie, so dass sie umhertanzten, und oben in der Luft war es kalt. Die Wolken hingen schwer von Hagel und Schneeflocken; und auf dem Zaun saß der Rabe und schrie »Rab! Rab!« vor lauter Kälte. Ja, es fror einen schon, wenn man auch nur an das Wetter dachte. Dem armen Entchen ging es wahrlich nicht gut!

Eines Abends – die Sonne ging schön unter – kam ein ganzer Schwarm herrlicher großer Vögel aus dem Busch; das Entchen hatte nie so etwas Schönes gesehen. Sie waren blendend weiß, mit langen, geschmeidigen Hälsen; es waren Schwäne. Sie stießen einen sonderbaren Laut aus, breiteten ihre prächtigen langen Flügel aus und flogen aus der kalten Gegend fort nach wärmeren Ländern, nach offenen Seen. Sie stiegen hoch, so hoch, und dem hässlichen jungen Entlein wurde gar sonderbar zumute. Es drehte sich im Wasser um wie ein Rad, streckte den Hals hoch in die Luft nach ihnen und stieß einen so lauten und sonderbaren Schrei aus, dass ihm selbst bange dabei wurde. Ach, es konnte die schönen glücklichen Vögel nicht vergessen; und sobald es sie nicht mehr erblickte, tauchte es unter bis auf den Grund, und als es wieder heraufkam, war es beinahe außer sich. Es wusste nicht, wie diese Vögel hießen, auch nicht, wohin sie flogen; aber doch es liebte sie, wie es noch nie jemanden geliebt hatte. Es beneidete sie aber nicht – wie hätte es ihm einfallen können, sich solche Schönheit zu wünschen? Es wäre schon froh gewesen, wenn die Enten es nur bei sich geduldet hätten, das arme hässliche Tier.

Und im Winter wurde es kalt, so kalt! Die Ente musste auf dem Wasser umherschwimmen, um es offenzuhalten; aber in jeder Nacht wurde das Loch, in dem sie schwamm, etwas kleiner. Es fror so so stark, dass es in der Eisdecke knackte; die Ente musste fortwährend ihre Beine gebrauchen, damit das Wasserloch sich nicht schloss. Zuletzt wurde sie matt, lag ganz still und fror endlich im Eis fest.

Des Morgens früh kam ein Bauer; als er sie sah, schlug er mit seinem Holzschuh das Eis in Stücke und trug die Ente heim zu seiner Frau.

Da lebte sie wieder auf. Die Kinder wollten mit ihr spielen; aber die Ente glaubte, sie wollten ihr etwas zuleide tun, und fuhr in der Angst gerade in den Milchnapf hinein, so dass die Milch in die Stube spritzte. Die Frau schlug die Hände zusammen, worauf es in das Butterfass, dann hinunter in die Mehltonne und wieder heraus flog. Wie sah es da aus! Die Frau schrie und schlug mit der Feuerzange nach ihr; die Kinder rannten einander über den Haufen, um die Ente zu fangen; sie lachten und schrien. Gut war es, dass die Tür offen stand und sie zwischen die Büsche in den frischgefallenen Schnee schlüpfen konnte; dort lag sie ganz ermattet.

Es wäre zu traurig, von all der Not und dem Elend zu erzählen, welches die Ente in diesem harten Winter erdulden musste. Sie lag im Moor zwischen dem Schilf, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann. Die Lerchen sangen, der Frühling war wieder da.

Da konnte die Ente auf einmal ihre Flügel schwingen; sie schlugen stärker als früher und trugen sie kräftig davon; und ehe sie es recht wusste, befand sie sich in einem großen Garten, wo die Apfelbäume in der Blüte standen, wo der Flieder duftete und seine langen Zweige bis zu den Kanälen hinunterneigte, die sich durch die Wiese wanden. O, hier war es so schön, so frühlingsfrisch! Und vorn aus dem Dickicht kamen drei prächtige weiße Schwäne; sie brausten mit den Federn und schwammen so leicht auf dem Wasser. Die Ente kannte die prächtigen Tiere und wurde von einer wunderbaren Wehmut ergriffen.

»Ich will zu ihnen hinfliegen, zu den königlichen Vögeln! Und sie werden mich totschlagen, weil ich, so ein hässliches Tier, mich ihnen zu nähern wage. Aber das ist einerlei! Besser, von ihnen getötet als von den Enten gezwackt, von den Hühnern gepickt, oder von dem Mädchen, welches die Hühner füttert, getreten zu werden und im Winter zu hungern und zu frieren!« Und sie flog hinaus in das Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen; diese erblickten sie und schossen mit gesträubtem Gefieder auf sie los. »Tötet mich nur«, sagte das arme Tier, neigte seinen Kopf der Wasserfläche zu und erwartete den Tod. Doch was erblickte es in dem klaren Wasser? Es sah unter sich sein eigenes Bild – aber das war kein plumper schwarzgrauer Vogel mehr, hässlich und widerlich, sondern selbst ein Schwan. – Es schadet nichts, in einem Entenhof geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat!

Das Tier fühlte sich ordentlich erhoben über all die Not und die Drangsal, welche es erduldet hatte. Nun erkannte es erst recht sein Glück und all die Herzlichkeit, die ihm begegnete. Und die großen Schwäne umschwammen es und streichelten es mit dem Schnabel.

Da kamen einige kleine Kinder in den Garten. Sie warfen Brot und Körner in das Wasser, und das kleinste rief: »Da ist ein neuer!« Und die andern Kinder jubelten mit: »Ja, es ist ein neuer angekommen!« Und sie klatschten mit den Händen und tanzten umher, liefen zu dem Vater und der Mutter, und es wurde Brot und Kuchen in das Wasser geworfen, und alle sagten: »Der neue Schwan ist der schönste: So jung und so herrlich!« Und die alten Schwäne verneigten sich vor ihm.

Da fühlte er sich so beschämt und steckte den Kopf unter seine Flügel; er wusste selbst nicht, was er beginnen sollte, er war allzu glücklich, aber doch nicht stolz, denn ein gutes Herz wird nie stolz. Er dachte daran, wie er verfolgt und verhöhnt worden war, und hörte nun alle sagen, dass er der schönste aller schönen Vögel sei. Selbst der Flieder bog seine Zweige gerade zu ihm in das Wasser hinunter, und die Sonne schien so warm und so mild! Da sträubte er sein Gefieder, der schlanke Hals hob sich, und aus vollem Herzen jubelte er: »So viel Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das hässliche Entchen war!«

Den Text aus „Sämmtliche Märchen“ habe ich sprachlich überarbeitet; dabei habe ich auf verschiedene Übersetzungen zurückgegriffen. Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/01/andersen-das-hassliche-junge-entlein-kurze-analyse/

Hans Chr. Andersen: Das Feuerzeug – Text und Analyse

Hans Christian Andersen: Das Feuerzeug

Ein Soldat marschierte auf der Landstraße vor sich hin: Eins, zwei! Eins, zwei! Er hatte seinen Tornister auf dem Rücken und einen Säbel an der Seite, denn er war im Krieg gewesen und wollte nun heim. Da traf er unterwegs eine alte Hexe. Sie war potthässlich, ihre Unterlippe hing ihr bis auf die Brust hinab. Sie sagte: »Guten Abend, Soldat! Was für einen schönen Säbel du hast und was für einen großen Tornister! Du bist ein richtiger Soldat.« »Schönen Dank, alte Hexe!« sagte der Soldat.

»Hör zu, du kannst du so viel Geld bekommen, wie du willst. Siehst du dort den großen Baum?« fragte die Hexe und zeigte auf einen Baum an der Straße. »Er ist innen ganz hohl. Auf den sollst du hinaufklettern bis zur Spitze; dann siehst du ein Loch, durch welches du dich hinablassen und durch den Baum hinunterkommen kannst. Ich werde dir einen Strick um den Leib binden, damit ich dich wieder heraufziehen kann, sobald du mich rufst.«

»Was soll ich denn unten im Baum?« fragte der Soldat. »Geld holen!« sagte die Hexe. »Du musst wissen, wenn du auf dem Grund des Baumes ankommst, so stehst du in einem langen Gang; da ist es ganz hell, denn es brennen über hundert Lampen dort. Dann siehst du drei Türen. Du kannst sie aufschließen, der Schlüssel steckt darin. Gehst du in die erste Kammer hinein, siehst du mitten auf dem Fußboden eine große Kiste, auf der ein Hund sitzt; er hat Augen so groß wie ein Paar Teetassen, doch darum brauchst du dich nicht zu kümmern. Ich gebe dir meine blaukarierte Schürze, die kannst du auf dem Fußboden ausbreiten; geh dann rasch hin und nimm den Hund, setze ihn auf meine Schürze, schließe die Kiste auf und nimm so viel Geld, wie du willst; es sind lauter Kupfermünzen. Wenn du aber lieber Silber haben willst, musst du in das nächste Zimmer gehen; dort sitzt ein Hund, der hat ein Paar Augen so groß wie Mühlräder; aber darum brauchst du dich nicht zu kümmern, setze ihn auf meine Schürze und nimm dir von dem Geld. Willst du hingegen Gold haben, so kannst du es auch bekommen, und zwar so viel, wie du zu tragen vermagst, wenn du in die dritte Kammer hineingehst. Aber der Hund, der hier auf der Geldkiste sitzt, hat Augen so groß wie der Runde Turm in Kopenhagen. Das ist ein unheimlich großer Hund, kannst du mir glauben. Aber darum sollst du dich nicht kümmern! Setze ihn nur auf meine Schürze, dann tut er dir nichts, und nimm dir aus der Kiste so viel Gold, wie du willst.«

»Nicht übel«, sagte der Soldat. »Aber was soll ich dir geben, alte Hexe? Denn etwas willst du doch auch wohl haben, denke ich.« »Nein«, sagte die Hexe, »nicht einen einzigen Cent will ich haben! Für mich sollst du nur ein altes Feuerzeug nehmen, das meine Großmutter vergessen hat, als sie das letzte Mal unten war.« »Gut, dann lege mir den Strick um den Leib!« sprach der Soldat. »Hier ist er«, erwiderte die Hexe, »und hier ist meine blaukarierte Schürze.«

So kletterte der Soldat denn den Baum hinauf, ließ sich durch das Loch hinuntergleiten und stand bald unten, wie die Hexe es gesagt hatte, in dem großen Gang, wo die vielen hundert Lampen brannten.

Nun schloss er die erste Tür auf. Uh! da saß der Hund mit Augen so groß wie Teetassen und glotzte ihn an. »Du bist mir ja ein netter Kerl«, sagte der Soldat, setzte ihn auf die Schürze der Hexe und nahm so viel Kupfermünzen, wie in seine Taschen hineingehen wollten, schloss dann die Kiste, setzte den Hund wieder darauf und ging in das andere Zimmer.

Donnerwetter! da saß der Hund mit den Augen so groß wie Mühlräder. »Glotz mich nicht so an«, sagte der Soldat, »du könntest Augenschmerzen bekommen!« und setzte den Hund auf die Schürze der Hexe. Doch als er das viele Silber in der Kiste sah, warf er alles Kupfergeld fort, was er hatte, und füllte seine Taschen und den Tornister mit dem Silbergeld.

Nun ging er in die dritte Kammer. Nein, war das schrecklich! Der Hund darin hatte wirklich Augen so groß wie der Runde Turm, und die rollten gerade wie eine Windmühle im Kopf herum. »Guten Abend!« sagte der Soldat und griff zum Gruß an seine Mütze, denn solch einen Hund hatte er noch niemals gesehen; aber als er ihn eine Weile bestaunt hatte, dachte er: »Nun genügt es eigentlich«, setzte ihn auf die Schürze am Boden und schloss die Kiste auf. Gott bewahre, lag da eine Menge Gold, ganz Kopenhagen hätte er dafür kaufen können und außerdem noch alle Marzipanferkel des Konditors, alle Zinnsoldaten, Roller und Spielkonsolen der ganzen Welt! Ja, das war wirklich ordentlich Geld! Nun warf der Soldat alle Silberstücke, mit denen er seine Taschen und den Tornister gefüllt hatte, fort und nahm dafür Gold. Er stopfte seine Taschen so voll damit, dass er kaum laufen konnte. Nun hatte er Geld genug! Den Hund setzte er wieder auf die Kiste, schlug die Tür zu und rief dann durch den Baum hinauf: »Zieh mich nun hinauf, alte Hexe!«

»Hast du auch das Feuerzeug mit?« fragte die Hexe. »Wahrhaftig«, sagte der Soldat, »das habe ich glatt vergessen«; und er ging zurück und nahm es an sich. Die Hexe zog ihn hinauf, da stand er wieder auf der Landstraße: die Taschen, die Stiefel, den Tornister und die Mütze voll Gold.

»Was willst du eigentlich mit dem Feuerzeug?« fragte er die Hexe. »Das geht dich nichts an«, sagte diese, »du hast ja Geld bekommen, gib mir jetzt nur das Feuerzeug!« »Schnickschnack«, sagte der Soldat, »willst du mir nicht sofort sagen, was du damit willst, dann ziehe ich meinen Säbel und haue dir den Kopf ab!« »Nein!« antwortete die Hexe.

Da schlug ihr der Soldat den Kopf ab. Nun lag sie da! Er aber band all sein Geld in ihre Schürze, nahm diese wie ein Bündel auf den Rücken, steckte das Feuerzeug in die Tasche und machte sich auf den Weg in die Stadt.

Es war eine prächtige Stadt; im vornehmsten Hotel kehrte er ein und verlangte die allerbesten Zimmer und seine Leibgerichte, denn nun war er reich, da er so viel Gold hatte. Dem Diener, der seine Stiefel putzen sollte, schienen es für einen so reichen Herrn eigentlich recht erbärmliche alte Stiefel zu sein – er hatte sich nämlich noch keine neuen gekauft. Am nächsten Tag kaufte er sich Stiefel, mit denen er sich sehen lassen konnte, und die elegantesten Anzüge. Der Soldat war ein vornehmer Herr geworden und man erzählte ihm von den Sehenswürdigkeiten der Stadt, von ihrem König und seiner überaus reizenden Tochter, der Prinzessin.

»Wo kann man sie zu sehen bekommen?« fragte der Soldat. »Man kann sie überhaupt nicht zu sehen bekommen«, erwiderte man ihm, »sie lebt in einem großen Schloss aus Kupfer mit vielen, vielen Mauern und Türmen drumherum. Niemand außer dem König darf bei ihr aus- und eingehen; denn es ist geweissagt worden, dass sie einen ganz gewöhnlichen Soldaten heiraten wird, und das will der König nicht zulassen.« »Ich möchte sie wohl sehen«, dachte der Soldat, aber dazu konnte er leider keine Erlaubnis bekommen.

Nun lebte er lustig drauf los, ging ins Theater, fuhr in des Königs Park und gab den Armen viel Geld, und das war wohlgetan; er wusste ja noch aus alten Tagen, wie schlimm es ist, nicht einen Schilling zu besitzen. Er war jetzt reich, hatte schöne Kleider und gewann viele Freunde, die alle sagten, er wäre ein feiner Kerl, ein richtiger Kavalier; das gefiel dem Soldaten. Aber da er jeden Tag großzügig Geld ausgab und nie neues hereinkam, hatte er zuletzt nicht mehr als zwei Schillinge übrig. Er musste die schönen Zimmer, die er bewohnte, räumen und in eine kleine Kammer oben unter dem Dach ziehen; seine Stiefel durfte er nun selbst bürsten und sie mit einer Stopfnadel zusammenflicken, und keiner von seinen Freunden kam noch zu ihm, denn es waren so viele Treppen zur Dachkammer hinaufzusteigen.

Es war ein ganz dunkler Abend und er konnte sich nicht einmal eine Kerze kaufen. Da fiel ihm ein, dass in dem Feuerzeug, das er aus dem hohlen Baum mitgebracht hatte, in welchen ihn die Hexe geschickt hatte, ein kleiner Docht steckte. Er holte das Feuerzeug mit dem Docht hervor; im gleichen Augenblick, als er Feuer schlug und die Funken aus dem Stein stoben, sprang die Tür auf und der Hund mit den Augen so groß wie Teetassen, den er unter dem Baum getroffen hatte, stand vor ihm und fragte: »Was befiehlt mein Herr?« »Was ist das denn?« staunte der Soldat, »das ist ja ein lustiges Feuerzeug, womit ich bekommen kann, was ich haben will. Verschaffe mir etwas Geld!« befahl er dem Hund, und wupp, war der fort und wieder da und hielt einen großen Beutel voll Geld in seiner Schnauze.

Nun wusste der Soldat, was für ein wunderbares Feuerzeug das war. Schlug er einmal Feuer, so kam der Hund, der auf der Kiste mit Kupfergeld gesessen hatte; schlug er zweimal, so kam der, der das Silbergeld bewacht hatte, und schlug er dreimal, so kam der, der beim Gold gesessen hatte. Nun zog der Soldat wieder in die hübschen Zimmer hinunter und zeigte sich in guten Kleidern; da erkannten ihn alle seine Freunde sofort wieder, sie hielten nämlich große Stücke von ihm.

Da dachte er auf einmal: Es ist doch komisch, dass man die Prinzessin nicht zu sehen bekommen kann. Sie soll wunderschön sein, sagen alle; aber was hilft das, wenn sie immer in dem großen Kupferschloss mit den vielen Türmen sitzen muss? – Kann ich sie denn gar nicht zu sehen bekommen? – Wo ist denn mein Feuerzeug? Dann schlug er Feuer und wupp, kam der Hund mit den Augen so groß wie Teetassen.

»Es ist freilich mitten in der Nacht«, sagte der Soldat, »aber ich möchte so gern einmal die Prinzessin sehen, nur einen kleinen Augenblick.« Der Hund war sofort zur Tür hinaus, und ehe der Soldat es gedacht hatte, kam er mit der Prinzessin wieder. Sie saß auf dem Rücken des Hundes und schlief und war so schön, dass man auf den ersten Blick sehen konnte, dass es eine richtige Prinzessin war. Der Soldat konnte nicht anders, er musste sie küssen; denn er war nun einmal ein echter Soldat.

Der Hund lief nun mit der Prinzessin wieder zurück; aber als am Morgen der König und die Königin Tee tranken, sagte die Prinzessin, sie habe in der Nacht Seltsames von einem Hund und einem Soldaten geträumt: Sie wäre auf dem Hund geritten und der Soldat hätte sie geküsst. »Das wäre ja eine schöne Bescherung!« sagte die Königin. Deshalb sollte eine von den alten Hofdamen die nächste Nacht am Bett der Prinzessin wachen, um zu sehen, ob es wirklich nur ein Traum wäre oder was es sonst sein könnte.

Am Abend sehnte sich der Soldat schrecklich danach, die schöne Prinzessin wiederzusehen, und so kam denn der Hund in der Nacht, nahm sie und lief, so schnell er konnte, zurück; doch die alte Hofdame zog Wasserstiefel an und lief ebenso schnell hinterher. Als sie nun sah, dass die beiden in einem großen Haus verschwanden, dachte sie: »Jetzt weiß ich, wo es ist«, und malte mit einem Stück Kreide ein großes Kreuz auf die Tür. Dann ging sie nach Hause und legte sich ins Bett, und der Hund kam auch mit der Prinzessin wieder; als er aber sah, dass ein großes Kreuz auf die Tür gemalt war, wo der Soldat wohnte, nahm er ebenfalls ein Stück Kreide und machte Kreuze auf alle Türen in der Stadt; das war eine gute Idee, denn nun konnte die Hofdame nicht die richtige Tür finden, weil auf allen Kreuze waren.

Frühmorgens kamen der König und die Königin, die alte Hofdame und alle Offiziere zusammen, um zu sehen, wo die Prinzessin gewesen war. »Da ist es!« sagte der König, als er die erste Tür mit einem Kreuz sah. »Nein, dort ist es, mein lieber Mann«, sagte die Königin, als sie die zweite Tür mit einem Kreuz erblickte. »Aber hier ist eins und dort ist auch eins«, riefen alle; wohin sie sahen, waren Kreuze auf den Türen. Da mussten sie einsehen, dass ihnen das Suchen nichts nützte.

Doch die Königin war eine wirklich kluge Frau, die mehr konnte als bloß in einer Kutsche fahren. Sie nahm ihre goldene Schere, schnitt ein großes Stück Seidenzeug in Stücke und nähte daraus einen kleinen niedlichen Beutel; den füllte sie mit feiner Buchweizengrütze. Sie band ihn am Abend der Prinzessin auf den Rücken, und als das getan war, schnitt sie ein kleines Loch in den Beutel, so dass die Grütze auf dem Weg verstreut werden müsste, den die Prinzessin nähme.

In der Nacht kam nun der Hund wieder, nahm die Prinzessin auf seinen Rücken und lief mit ihr zu dem Soldaten hin, der sie lieb gewonnen hatte und so gern ein Prinz gewesen wäre, um sie zur Frau zu bekommen. Der Hund merkte jedoch nicht, wie die Grütze den ganzen Weg vom Schloss bis zum Haus des Soldaten aus dem Beutel herausrieselte, und lief mit der Prinzessin auf dem Rücken die Mauer hinauf. Am Morgen konnten der König und die Königin daher an den Spuren genau sehen, wo ihre Tochter gewesen war. Sie nahmen den Soldaten fest und sperrten ihn ins Gefängnis.

Da saß er nun. Hu, wie dunkel und langweilig war es dort! Außerdem sagte man zu ihm: »Morgen wirst du aufgehängt.« Das war nicht eben erfreulich zu hören, und zudem hatte er sein Feuerzeug zu Hause im Hotel vergessen. Am Morgen konnte er durch die eisernen Stangen vor dem kleinen Fenster sehen, wie das Volk aus der Stadt herbeieilte, um ihn hängen zu sehen. Er hörte die Trommeln und sah die Soldaten marschieren. Das ganze Volk war unterwegs; darunter war auch ein Schusterjunge mit Schurzfell und Pantoffeln, der es so eilig hatte, dass ihm ein Pantoffel wegflog – gerade gegen die Mauer, wo der Soldat saß und zwischen den Eisenstangen hinausguckte.

»He, Schusterjunge! Du brauchst nicht so zu rennen, es wird aus dem Spektakel nichts, bis ich komme. Willst du nicht zu meiner Wohnung laufen und mir mein Feuerzeug holen? Dafür sollst du auch vier Schillinge kriegen, aber du musst dich beeilen!« Der Schusterjunge wollte gern die vier Schillinge haben, lief schnell fort nach dem Feuerzeug, gab es dem Soldaten, und – nun ja, wir werden es hören!

Draußen vor der Stadt war ein großer Galgen errichtet. Ringsum standen Soldaten und viele hunderttausend Menschen. Der König und die Königin saßen auf einem prächtigen Thron, den Richtern und dem ganzen Rat gerade gegenüber.

Der Soldat stand schon oben auf der Leiter, und als sie ihm den Strick um den Hals legen wollten, brachte er vor, dass man doch stets einem armen Sünder, bevor er seine Strafe erleide, einen unschuldigen Wunsch erfüllte; er wolle gern noch eine Pfeife Tabak rauchen – die letzte Pfeife, die er in dieser Welt genießen könnte. Dazu konnte der König nicht Nein sagen; da nahm der Soldat sein Feuerzeug und schlug Feuer, ein-, zwei-, dreimal. Und alle Hunde standen da, der mit Augen so groß wie Teetassen, der mit Augen so groß wie Mühlräder und der dritte, der Augen so groß wie der Runde Turm hatte.

»Helft mir nun, dass ich nicht gehängt werde!« rief der Soldat, und die Hunde fuhren auf die Richter und den ganzen Rat los, packten den einen bei den Beinen, den andern an der Nase und warfen sie hoch in die Luft, so dass sie beim Herunterfallen zerplatzten. »Ich will nicht!« schrie der König, aber der größte Hund nahm beide, ihn und die Königin, und warf sie den anderen hinterher. Da erschraken die Soldaten, und alles Volk rief: »Lieber Soldat, du sollst unser König sein und die schöne Prinzessin zur Frau haben!«

Dann setzten sie den Soldaten in des Königs Kutsche, und alle drei Hunde sprangen voran und riefen »Hurra!« und die Jungen pfiffen auf den Fingern und die Soldaten präsentierten das Gewehr. Die Prinzessin kam aus dem kupfernen Schloss heraus und wurde Königin, und das gefiel ihr ausgezeichnet. Die Hochzeit dauerte acht Tage, und die Hunde saßen mit am Tische und machten große Augen.

Den Text aus „Sämmtliche Märchen“ habe ich sprachlich überarbeitet; dabei habe ich mich teilweise auf Eva-Maria Blühms und Paul Arndts Übersetzung gestützt. Eine Analyse steht hier: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/07/andersen-das-feuerzeug-kurze-analyse/

 

Hans C. Andersen: Tölpel-Hans – Text und Analyse

Andersen: Tölpel-Hans

Tief im Innern des Landes lag ein alter Herrenhof; dort saß ein Gutsherr, der zwei Söhne hatte, die sich für so pfiffig und gewitzt hielten, dass die Hälfte davon fürs ganze Leben gereicht hätte. Sie wollten um die Königstochter freien; denn die hatte öffentlich bekannt machen lassen, sie wolle den zum Ehegemahl nehmen, der sich am klügsten mit ihr zu unterhalten wisse.

Die beiden bereiteten sich nun volle acht Tage darauf vor; mehr Zeit brauchten sie nicht, denn sie hatten Vorkenntnisse, und wie nützlich so etwas ist, weiß jedermann. Der eine kannte das ganze lateinische Wörterbuch und nebenbei auch noch drei Jahrgänge vom Tageblatt des Städtchens auswendig, und zwar so, dass er alles je nach Wunsch vorwärts oder rückwärts aufsagen konnte. Der andere hatte sich in die Betriebswirtschaft eingearbeitet und wusste auswendig, was jeder Handwerksmeister wissen muss, weshalb er meinte, er könne auch bei Staatsangelegenheiten mitreden und seinen Senf dazugeben. Außerdem konnte er noch etwas: Er konnte Hosenträger mit Rosen und anderen Blümchen und Schnörkeln besticken, denn er hatte geschickte Hände und Fingerspitzengefühl.

»Ich bekomme die Königstochter!« riefen sie alle beide; deshalb schenkte der alte Vater einem jeden von ihnen ein stattliches Pferd. Derjenige, welcher das Wörterbuch und die Zeitung auswendig wusste, bekam einen Rappen; der in Betriebswirtschaft Belesene erhielt ein schneeweißes Pferd. Dann schmierten sie sich die Mundwinkel mit Fischtran ein, damit diese recht geschmeidig würden und sie gut reden könnten. Das ganze Gesinde stand unten im Hof und war Zeuge, wie sie die Pferde bestiegen; zufällig kam auch der dritte Bruder hinzu – der alte Gutsherr hatte nämlich drei Söhne, aber niemand zählte diesen dritten mit zu den Brüdern, weil er nicht so gelehrt wie die anderen war, und man nannte ihn allgemein auch bloß Tölpel-Hans.

»Ei!« sagte Tölpel-Hans, »wo wollt ihr denn hin? Ihr habt euch ja in den Sonntagsstaat geschmissen!«

»Zum Hof des Königs, um die Königstochter durch kluge Reden zu gewinnen! Weißt du denn nicht, was im ganzen Land bekannt gemacht worden ist?« Und nun erzählten sie ihm, worum es bei der Reise ging.

»Donnerwetter! Da bin ich mit von der Partie!« rief Tölpel-Hans, aber die Brüder lachten ihn aus und ritten davon.

»Vater«, rief Tölpel-Hans, »ich muss auch ein Pferd haben! Was ich jetzt für eine Lust zum Heiraten kriege! Nimmt sie mich, so nimmt sie mich, und nimmt sie mich nicht, so nehme ich sie – kriegen tu ich sie jedenfalls.«

»Lass das Geschwätz!« sagte der Alte, »dir gebe ich kein Pferd. Du kannst ja nicht reden, du weißt deine Worte nicht zu wählen; nein, deine Brüder, das sind ganz andere Kerle als du.«

»Nun«, sagte Tölpel-Hans, »wenn ich kein Pferd bekomme, so nehme ich den Ziegenbock, der gehört mir sowieso, und tragen kann er mich auch.« Gesagt, getan; er setzte sich rittlings auf den Ziegenbock, presste die Hacken in dessen Weichen und sprengte über die Landstraße wie der Sturmwind davon. Hei, hopp! Das war eine Fahrt! »Hier komme ich!« rief Tölpel-Hans und sang, dass es weit und breit widerhallte.

Die Brüder ritten ihm langsam voraus; sie sprachen jedoch kein Wort, denn sie mussten sich die guten Einfälle überlegen, die sie vorbringen wollten; das wollte nämlich alles genau durchdacht sein.

»Hei!« schrie Tölpel-Hans, »hier bin ich! Seht mal, was ich auf der Landstraße gefunden habe!« Und er zeigte ihnen eine tote Krähe, die er aufgehoben hatte.

»Tölpel!« spotteten die Brüder, »was willst du mit der machen?«

»Mit der Krähe? Die will ich der Königstochter schenken.«

»Ja, das tu nur!« lachten sie und ritten weiter.

»Hallo, hallo! Hier bin ich! Seht, was ich jetzt habe, das findet man nicht alle Tage auf der Landstraße!«

Die Brüder kehrten um, damit sie sähen, was er wohl noch haben könnte. »Tölpel!« sagten sie, »das ist ja ein alter Holzschuh, dem dazu noch das Oberteil fehlt; willst du den auch der Königstochter verehren?«

»Natürlich werde ich das«, erwiderte Tölpel-Hans; die Brüder lachten und ritten davon, so gewannen sie vor Hans einen Vorsprung.

»Hallo, hallo! Hier bin ich!« rief Tölpel-Hans; »nein, es wird immer besser! Heißa, nein! Es ist ganz famos!«

»Was hast du denn jetzt?« fragten die Brüder.

»Ach«, sagte Tölpel-Hans, »das hat gar nichts mit Reden zu tun. Aber wie sich die Königstochter darüber freuen wird!«

»Pfui!« sagten die Brüder, »das ist ja reiner Schlamm, unmittelbar aus dem Straßengraben.«

»Ja, das stimmt«, sprach Tölpel-Hans, »und zwar Schlamm von der feinsten Sorte, seht, er läuft einem glatt durch die Finger!« Und dabei füllte er seine Hosentasche mit dem Schlamm.

Nun sprengten die Brüder schnell davon, dass Kies und Funken stoben; deshalb gelangten sie eine ganze Stunde früher als Tölpel-Hans an das Stadttor. An diesem bekamen alle Freier sogleich nach ihrer Ankunft eine Nummer und wurden in Reih und Glied aufgestellt, sechs in jede Reihe und so dicht, dass sie die Arme nicht bewegen konnten; das war sehr weise so angeordnet, denn sie hätten einander sonst wohl das Fell über die Ohren gezogen, bloß weil einer vor dem andern stand.

Das ganze Volk des Landes war rings um das königliche Schloss eng zusammengedrängt, bis an die Fenster hinauf, um mit anzusehen, wie die Königstochter die Freier empfing. Aber komisch, sobald einer von diesen in den Saal trat, verschlug es ihm völlig die Sprache.

»Taugt nichts!« sprach die Königstochter. »Hinaus mit ihm!« Endlich kam die Reihe an den Bruder, der das Wörterbuch auswendig wusste, aber er wusste es nicht mehr; er hatte es beim langen Stehen in Reih und Glied völlig vergessen. Außerdem knarrten die Fußdielen, und die Zimmerdecke war aus Spiegelglas, so dass er sich selber auf dem Kopf stehen sah; dazu standen an jedem Fenster drei Schreiber und ein Oberschreiber, und jeder schrieb alles auf, was gesprochen wurde, damit es sofort in die Zeitung käme und für einen Silbergroschen an der Straßenecke verkauft werden könnte. Es war entsetzlich, und dabei hatte man zu allem Überfluss dermaßen den Ofen geheizt, dass er rot glühte.

»Hier ist eine entsetzliche Hitze«, begann der Freier das Gespräch. »Das stimmt! Mein Vater brät heute nämlich junge Hähne«, sagte die Königstochter.

»Mäh!« Da stand er wie ein Schaf; auf eine solche Rede war er nicht gefasst; kein Wort wusste er zu sagen, obgleich er doch etwas Witziges hatte sagen wollen.

»Taugt nichts!« sprach die Königstochter. »Hinaus mit ihm!« Und er musste verschwinden.

Nun trat der zweite Bruder ein.

»Hier ist eine entsetzliche Hitze«, sagte er.

»Jawohl, wir braten heute junge Hähne«, bemerkte die Königstochter. »Wie belie – wie?« fragte er, und die Schreiber notierten: »Wie belie – wie?« »Taugt nichts!« sagte die Königstochter. »Hinaus mit ihm!«

Nun kam Tölpel-Hans dran; er ritt auf dem Ziegenbock geradewegs in den Saal hinein. »Na, das ist doch eine Mordshitze hier!« sagte er.

»Jawohl, ich brate nämlich junge Hähne!« sagte die Königstochter.

»Ei, das trifft sich gut«, erwiderte Tölpel-Hans, »dann kann ich wohl auch eine Krähe mit braten?«

»Mit dem größten Vergnügen!« erwiderte die Königstochter; »aber haben Sie etwas, worin Sie das Tier braten können? Denn ich habe weder Topf noch Pfanne.«

»Och, das habe ich«, sagte Tölpel-Hans. »Hier ist ein wunderbares Kochgeschirr«, und er zog den alten Holzschuh hervor und legte die Krähe hinein.

»Das reicht für eine ganze Mahlzeit«, sagte die Königstochter, »aber wo nehmen wir die Soße her?«

»Die habe ich in der Tasche«, sprach Tölpel-Hans. »Ich habe so viel, dass man sogar einen Teil davon wegwerfen kann!« Und dann nahm er etwas Schlamm aus der Tasche heraus.

»Du gefällst mir«, sagte die Königstochter, »du kannst jedenfalls antworten und du kannst reden, dich will ich zum Mann haben! Aber weißt du auch, dass jedes Wort, das wir sprechen und gesprochen haben, aufgeschrieben wird und morgen in die Zeitung kommt? An jedem Fenster stehen, wie du siehst, drei Schreiber und ein alter Oberschreiber, und dieser Oberschreiber ist der schlimmste, er begreift nichts.« Das sagte sie, um Tölpel-Hans bange zu machen. Und die Schreiber lachten und spritzten dabei einen Tintenklecks auf den Fußboden.

»Aha, das sind wohl diese Herrschaften«, sagte Tölpel-Hans; »nun, dann werde ich dem Oberschreiber das Beste geben!« Und damit kehrte er seine Tasche um und warf ihm den Schlamm ins Gesicht.

»Das hast du fein gemacht«, sagte die Königstochter, »auf diese Idee wäre ich nicht gekommen; aber ich werde es schon noch lernen.«

So wurde Tölpel-Hans König, bekam eine Frau und eine Krone und saß auf einem Throne, und das alles haben wir druckfeucht aus der Zeitung des Oberschreibers – auf die ist allerdings kein Verlass.

Ich habe den Text aus „Sämmtliche Märchen“ sprachlich überarbeitet und mich dabei auf die Übersetzung Paul Arndts (H. C. Andersens Märchen für Kinder. Frei nach der Reclamschen Ausgabe bearbeitet, Stuttgart o.J.) gestützt. Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/07/andersen-tolpel-hans-kurze-analyse/

 

 

Hans Chr. Andersen: Die Springer – Text und Analyse

Andersen: Die Springer

Der Floh, der Grashüpfer und der Springbock wollten einmal sehen, wer von ihnen am höchsten springen könnte, und da luden sie jeden ein, der kommen wollte, bei diesem Fest dabei zu sein; es waren drei tüchtige Springer, die sich in einem Zimmer versammelt hatten.

»Ich gebe meine Tochter dem, der am höchsten springt«, sagte der König, »denn es wäre doch zu erbärmlich, wenn die Herren für nichts und wieder nichts springen sollten.«

Der Floh trat zuerst vor. Er hatte feine Manieren und grüßte nach allen Seiten, denn er hatte Blut eines Fräuleins in den Adern und war daran gewöhnt, mit Menschen umzugehen, und das macht sehr viel aus.

Darauf kam der Grashüpfer; der war freilich bedeutend schwerer, aber er hatte doch eine gute Figur und trug einen grünen Rock, der ihm angeboren war. Überdies behauptete er, dass er aus einer alten Familie im Land Ägypten abstamme, die dort hoch in Ehren stehe. Er war gerade vom Felde genommen und in ein Kartenhaus von drei Stockwerken gesetzt worden, die alle aus Spielkarten, welche die bunte Seite mit den Figuren nach innen kehrten, zusammengesetzt waren; im Haus waren sowohl Türen als auch Fenster ausgeschnitten. »Ich singe so gut,« sagte er, »dass sechzehn eingeborene Heimchen, die von ihrer Kindheit an gepfiffen und doch kein Kartenhaus erhalten haben, aus Neid dünner noch als vorher geworden sind, als sie mich hörten.«

Beide, der Floh und der Grashüpfer, taten also gehörig kund, wer sie waren; sie glaubten, ohne Weiteres eine Prinzessin heiraten zu können.

Der Springbock blieb stumm; aber man sagte von ihm, dass er desto mehr denke, und als der Hofhund ihn nur kurz beschnüffelt hatte, haftete er dafür, dass der Springbock aus guter Familie sei. Der alte Ratsherr, der drei Orden für sein Stillschweigen erhalten hatte, versicherte, dass der Springbock weissagen könnte; man könne an seinem Rücken erkennen, ob es einen milden oder strengen Winter geben werde, und das kann man nicht einmal am Rücken dessen erkennen, der den Kalender macht.

»Ich sage gar nichts dazu«, sprach der alte König, »ich gehe immer still in mich und denke mir mein Teil.«

Nun war es aber Zeit zu springen. Der Floh sprang als erster, und zwar so hoch, dass niemand sehen konnte, wo er blieb; da behaupteten die anderen, er sei gar nicht gesprungen, und das war doch recht schäbig.

Der Grashüpfer sprang nur halb so hoch wie der Floh, aber er flog dem König gerade ins Gesicht; da sagte dieser, das sei ekelhaft.

Der Springbock stand lange still und bedachte sich; am Ende glaubte man, er könne gar nicht springen.

»Wenn ihm nur nicht übel geworden ist«, sagte der Hofhund und beschnüffelte er ihn wieder. Hops! da sprang der mit einem kleinen schiefen Sprung in den Schoß der Prinzessin, welche auf einem niedrigen goldenen Schemel saß.

Da sagte der König: »Der höchste mögliche Sprung ist es, zu meiner Tochter hinaufzuspringen, denn darin liegt das Feine; aber es gehört Köpfchen dazu, darauf zu kommen, und der Springbock hat bewiesen, dass er einen guten Verstand hat. Er ist nicht auf den Kopf gefallen«

Und dann bekam der Springbock die Prinzessin.

»Ich bin doch am höchsten gesprungen«, sagte der Floh. »Aber das ist einerlei! Soll sie nur das Gänsegerippe mit seinem Stock und Pech bekommen! Ich bin doch am höchsten gesprungen, aber es gehört in dieser Welt ein kräftiger Körper dazu, damit man gesehen werden kann!«

Und dann ging der Floh in fremde Kriegsdienste, wo er, wie man sagt, erschlagen worden sein soll.

Der Grashüpfer aber setzte sich draußen in den Graben und dachte darüber nach, wie es eigentlich in der Welt zugehe; und auch er sagte: »Körper gehört dazu! Körper gehört dazu!« Und dann sang er sein eigenes trübseliges Lied, aus dem wir die Geschichte erfahren haben, die jedoch erlogen sein könnte, auch wenn sie gedruckt ist.

Den Text aus „Sämmtliche Märchen“ habe ich sprachlich überarbeitet; dabei habe ich mich an der Übersetzung in „Mährchen, Abenteuer und Geschichten für Jung und Alt“ (Zweites Bändchen. Braunschweig 1864, 6. Aufl.) orientiert. Vgl. auch https://internet-maerchen.de/maerchen/springer.htm (Quelle unbekannt). Kurze Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/08/andersen-die-springer-kurze-analyse/

 

Hans Chr. Andersen: Die Nachtigall – Text und Analyse

Andersen: Die Nachtigall (auch: Des Kaisers Nachtigall)

In China, weißt du ja wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um sich hat, sind Chinesen. Es ist nun viele Jahre her, aber gerade deshalb ist es gut, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen wird. Des Kaisers Schloss war das prächtigste der Welt, ganz und gar aus feinem Porzellan, ganz kostbar, aber so spröde, dass man sich ordentlich in Acht nehmen musste, es nicht zu berühren. Im Garten sah man die wunderbarsten Blumen, und an die prächtigsten waren Silberglöckchen gebunden, welche klingelten, damit man nicht vorbeigehen sollte, ohne die Blumen zu bemerken. Ja, in des Kaisers Garten war alles fein ausgedacht, und er erstreckte sich so weit, dass der Gärtner selbst das Ende nicht kannte; ging man immer weiter, so kam man in einen herrlichsten Wald mit hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald ging hinunter bis zum Meer, welches blau und tief war; große Schiffe konnten bis dicht unter die Zweige segeln, und in diesen wohnte eine Nachtigall, welche so herrlich sang, dass selbst der arme Fischer, der so viel anderes zu tun hatte, innehielt und horchte, wenn er nachts ausgefahren war, um das Fischnetz heraufzuziehen, und dann die Nachtigall hörte. »Mein Gott, ist das schön!« sagte er, aber dann musste er auf sein Netz achten und vergaß den Vogel; doch wenn dieser in der nächsten Nacht wieder sang und der Fischer kam dort hin, sagte er wieder: »Mein Gott, ist das schön!«

Aus allen Ländern kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und bewunderten diese, das Schloss und den Garten; doch wenn sie die Nachtigall zu hören bekamen, sagten sie alle: »Das ist doch das Beste!« Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause kamen, und die Gelehrten schrieben viele Bücher über die Stadt, das Schloss und den Garten, und auch die Nachtigall vergaßen sie nicht, sie wurde eigens in einem großen Kapitel behandelt; und die, welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte über die Nachtigall im Wald am tiefen See.

Diese Bücher gingen um die Welt und eines kam dann auch einmal zum Kaiser. Er saß in seinem goldenen Stuhl und las und las; jeden Augenblick nickte er mit dem Kopf, denn es freute ihn, die prächtigen Beschreibungen der Stadt, des Schlosses und des Gartens zur Kenntnis zu nehmen. »Aber die Nachtigall ist doch das Allerbeste!« stand in seinem Buch.

»Was ist das denn?« fragte der Kaiser. »Die Nachtigall kenne ich ja gar nicht! Ist ein solcher Vogel hier in meinem Kaiserreich und sogar in meinem Garten? Das habe ich noch nie gehört; so etwas muss man erst aus Büchern erfahren!«

Nun rief er seinen Haushofmeister. Der war so vornehm, dass, wenn jemand von geringerem Stand mit ihm zu sprechen oder ihn um etwas zu fragen wagte, er weiter nichts erwiderte als: »P!« Und das hatte nichts zu bedeuten.

»Hier soll ja ein höchst merkwürdiger Vogel sein, welcher Nachtigall genannt wird«, sagte der Kaiser. »Man sagt, dieser sei das Allerbeste in meinem ganzen Reich; weshalb hat man mir nie etwas davon gesagt?«

»Ich habe ihn früher nie nennen hören,« sagte der Haushofmeister. »Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden.«

»Ich will, dass er heute Abend herkomme und vor mir singe«, sagte der Kaiser. »Die ganze Welt weiß, was ich habe, nur ich weiß es nicht!«

»Ich habe ihn früher nie nennen hören«, sagte der Haushofmeister. »Ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden.«

Aber wo war er zu finden? Der Haushofmeister lief alle Treppen hinauf und hinab, durch Säle und Gänge; keiner von allen, die er traf, hatte von der Nachtigall sprechen hören. Und der Haushofmeister lief wieder zum Kaiser und sagte, dass sie sicher eine Erfindung von denen sei, die Bücher schreiben. »Eure Kaiserliche Majestät müssen nicht alles glauben, was geschrieben wird; das sind Dichtungen und etwas, was man die schwarze Kunst nennt.«

»Aber das Buch, in dem ich dies gelesen habe«, sagte der Kaiser, »ist mir von dem großmächtigen Kaiser von Japan gesandt worden, daher kann es keine Unwahrheit sein. Ich will die Nachtigall hören; sie muss heute Abend hier sein! Sie hat meine höchste Gnade. Und kommt sie nicht, soll der ganze Hof nach dem Abendessen ordentlich verprügelt werden!«

»Tsing-pe!« sagte der Haushofmeister und lief wieder alle Treppen hinauf und hinab, durch alle Säle und Gänge; und der halbe Hof lief mit, denn sie wollten nicht geprügelt werden. Da gab es ein Hin- und Herfragen nach der merkwürdigen Nachtigall, welche die ganze Welt kannte, nur niemand bei Hofe.

Endlich trafen sie ein armes kleines Mädchen in der Küche. Die sagte: »O Gott, die Nachtigall, die kenne ich gut, ja, wie die singen kann! Jeden Abend darf ich meiner armen kranken Mutter Essenreste nach Hause bringen; sie wohnt unten am Strand, und wenn ich dann zurückgehe, müde bin und mich im Wald ausruhe, dann höre ich die Nachtigall singen. Es kommen mir dabei die Tränen in die Augen; und es ist gerade so, als ob meine Mutter mich küsste.«

»Kleine Köchin«, sagte der Haushofmeister, »ich werde dir eine feste Anstellung in der Küche verschaffen und dazu die Erlaubnis, den Kaiser speisen zu sehen, wenn du uns zur Nachtigall führen kannst; denn die ist für heute Abend einbestellt.«

So zogen sie alle zusammen hinaus in den Wald, wo die Nachtigall zu singen pflegte; der halbe Hof war mit. Als sie so voranschritten, fing eine Kuh zu brüllen an.

»O!« sagten die Hofjunker, »nun haben wir sie; es ist doch eine merkwürdige Kraft in einem so kleinen Tier! Die habe ich bestimmt schon früher gehört!«

»Nein, das sind Kühe, welche brüllen«, sagte die kleine Köchin. »Wir sind noch weit von der Stelle entfernt.«

Nun quakten die Frösche im Sumpfe. »Herrlich!« sagte der chinesische Schlossprediger. »Nun höre ich sie, es klingt gerade wie kleine Kirchenglocken.«

»Nein, das sind Frösche«, sagte die kleine Köchin. »Aber nun, denke ich, werden wir sie bald hören.«

Da begann die Nachtigall zu singen. »Das ist sie«, sagte das kleine Mädchen. »Hört gut zu! Und da sitzt sie!« Sie zeigte nach einem kleinen grauen Vogel oben in den Zweigen.

»Ist es möglich?« sagte der Haushofmeister. »So hätte ich sie mir niemals vorgestellt; wie einfach sie aussieht! Sie hat sicher ihre Farbe verloren, weil sie so viele vornehme Menschen um sich erblickt.«

»Kleine Nachtigall« rief das Küchenmädchen ganz laut, »unser gnädiger Kaiser wünscht, dass Sie vor ihm singen!« »Mit dem größten Vergnügen«, sagte die Nachtigall und sang dann, dass es eine Lust war.

»Es klingt gerade wie Glasglocken«, sagte der Haushofmeister. »Und seht die kleine Kehle, wie sie arbeitet! Es ist merkwürdig, dass wir sie früher nie gehört haben; sie wird großes Aufsehen bei Hofe erregen.«

»Soll ich dem Kaiser noch einmal vorsingen?« fragte die Nachtigall, welche glaubte, der Kaiser sei auch da.

»Meine vortrefflichste Nachtigall«, sagte der Haushofmeister, »ich habe die große Freude, Sie zu einem Hoffest heute Abend einzuladen, wo Sie Seine Kaiserliche Majestät mit Ihrem reizenden Gesang bezaubern werden!« »Der nimmt sich am besten im Grünen aus«, sagte die Nachtigall, aber sie kam doch gern mit, als sie hörte, dass der Kaiser es wünschte.

Auf dem Schlosse war alles aufgeputzt. Die Wände und der Fußboden, welche von Porzellan waren, glänzten in den Strahlen vieler tausend goldener Lampen; die prächtigsten Blumen, die am besten klingeln konnten, waren in den Gängen aufgestellt; es war ein Laufen im Schloss und ein Zugwind, aber alle Glöckchen klingelten, so dass man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.

Mitten in dem großen Saal, wo der Kaiser saß, war ein goldener Stab aufgestellt, auf dem sollte die Nachtigall sitzen; der ganze Hof war da, und die kleine Köchin hatte die Erlaubnis erhalten, hinter der Tür zu stehen, da sie den Titel einer wirklichen Hofköchin bekommen hatte. Alle waren in ihren besten Kleidern und schauten auf den kleinen grauen Vogel, dem der Kaiser zunickte.

Die Nachtigall sang so herrlich, dass dem Kaiser die Tränen in die Augen traten; sie liefen ihm die Wangen herunter, und da sang die Nachtigall noch schöner, das ging recht zu Herzen. Der Kaiser war höchst erfreut und sagte, dass die Nachtigall einen goldenen Pantoffel um den Hals tragen sollte. Aber die Nachtigall dankte, sie sei schon genügend belohnt: »Ich habe Tränen in des Kaisers Augen gesehen, das ist für mich der größte Schatz; eines Kaisers Tränen haben eine besondere Kraft. Der Himmel weiß es, ich bin genug belohnt.« Darauf sang sie wieder mit ihrer süßen, lieblichen Stimme.

»Das ist die liebenswürdigste Stimme, die ich kenne!« sagten die Damen ringsherum; und dann nahmen sie Wasser in den Mund, um zu glucken, wenn jemand sie anredete – sie glaubten, dann auch Nachtigallen zu sein. Ja, die Diener und Kammermädchen ließen melden, dass auch sie zufrieden seien, und das will viel heißen, denn sie sind am schwierigsten zufriedenzustellen. Ja, die Nachtigall machte wahrlich ihr Glück.

Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihren eigenen Käfig und die Erlaubnis haben, zweimal des Tages und einmal des Nachts auszufliegen. Sie bekam zwölf Diener, welche sie an einem um ihr Bein geschlungenen Seidenband festhielten. Es war nicht viel Vergnügen bei einem solchen Ausflug.

Die ganze Stadt sprach von dem merkwürdigen Vogel, und begegneten sich zwei, sagte der eine nichts anderes als »Nacht« und der andere sagte »gall« [‚gal‘: verrückt (dänisch), N.T.], und dann seufzten sie und verstanden einander; ja, elf Kinder einfacher Leute wurden nach ihr benannt, aber nicht eines von ihnen hatte auch nur einen Ton in der Kehle.

Eines Tages erhielt der Kaiser eine Kiste, auf der geschrieben stand: »Die Nachtigall.« »Da haben wir wieder ein neues Buch über unsern berühmten Vogel!« sagte der Kaiser; aber es war kein Buch, es war ein Kunstwerk, welches in einer Schachtel lag, eine künstliche Nachtigall, die der lebenden gleichen sollte, aber überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt war. Sobald man den künstlichen Vogel aufzog, konnte er eines der Stücke, die der wirkliche sang, flöten, und dabei bewegte sich der Schwanz auf und nieder und glänzte von Silber und Gold. Um seinen Hals hing ein kleines Band, darauf stand geschrieben: »Des Kaisers von Japan Nachtigall ist armselig gegen die des Kaisers von China.«

»Das ist herrlich!« sagten alle, und der, welcher den künstlichen Vogel gebracht hatte, erhielt sogleich den Titel: Kaiserlicher Obernachtigallenbringer.

»Nun sollen sie zusammen singen! Was wird das für ein Genuss werden!«

So mussten sie zusammen singen, aber es wollte nicht recht klappen; denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Weise, und der Kunstvogel ging auf Walzen. »Der hat keine Schuld«, sagte der Spielmeister; »der ist völlig taktfest und ganz nach meiner Schule gebildet.« Nun sollte der Kunstvogel allein singen. Er machte ebenso viel Glück wie der wirkliche, und dann war er auch viel schöner anzusehen; er glänzte wie Armbänder und Brustnadeln.

Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und war doch nicht müde; die Leute hätten ihn gern wieder von vorn gehört, aber der Kaiser meinte, dass nun auch die lebendige Nachtigall einmal singen sollte. Aber wo war die? Niemand hatte bemerkt, dass sie durch das offene Fenster zu ihren grünen Wäldern fortgeflogen war.

»Was soll das bedeuten?« fragte der Kaiser; und alle Hofleute schalten und meinten, dass die Nachtigall ein höchst undankbares Tier sei. »Den besten Vogel haben wir doch!« sagten sie, und so musste der Kunstvogel wieder singen; das war das vierunddreißigste Mal, dass sie dasselbe Stück zu hören bekamen, aber sie konnten es noch nicht ganz auswendig, denn es war sehr schwer.

Der Spielmeister lobte den Vogel außerordentlich; ja, er versicherte, dass er besser als die wirkliche Nachtigall sei, nicht nur was die Kleider und die vielen herrlichen Diamanten betreffe, sondern auch im Innern. »Denn sehen Sie, meine Herrschaften, der Kaiser vor allem, bei der wirklichen Nachtigall kann man nie berechnen, was kommen wird, aber bei dem Kunstvogel ist alles bestimmt; man kann es erklären, man kann ihn aufmachen und die von Menschen ersonnene Mechanik zeigen: wie die Walzen liegen, wie sie gehen, und wie das eine aus dem anderen folgt.«

»Das ist ganz unsere Meinung!« sagten alle, und der Spielmeister erhielt die Erlaubnis, am nächsten Sonntag den Vogel dem Volk vorzuführen; es solle ihn auch singen hören, befahl der Kaiser, und es hörte ihn und wurde so vergnügt, als ob es sich am Tee berauscht hätte – das ist typisch chinesisch; und alle sagten »O!«, hoben den Zeigefinger in die Höhe und nickten dazu. Aber die armen Fischer, welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, sagten: »Es klingt hübsch, die Melodien gleichen sich auch, aber es fehlt etwas, ich weiß nicht, was!«

Die wirkliche Nachtigall aber wurde des Landes und Reiches verwiesen.

Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem seidenen Kissen dicht bei des Kaisers Bett; alle Geschenke, welche er bekam, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und er war er zum »Hochkaiserlichen Nachttischsänger« befördert worden, im Rang ‚Numero Eins zur linken Seite‘; denn der Kaiser rechnete die Seite für die vornehmste, auf der das Herz sitzt, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser links. Der Spielmeister schrieb nun ein Werk von fünfundzwanzig Bänden über den Kunstvogel; das war so gelehrt und lang, voll von den allerschwersten chinesischen Wörtern, dass alle Leute sagten, sie hätten es gelesen und verstanden, denn sonst wären sie ja dumm gewesen und verprügelt worden.

So ging es ein ganzes Jahr; der Kaiser, der Hof und alle übrigen Chinesen kannten jeden kleinen Kluck in des Kunstvogels Gesang auswendig, gerade deshalb gefiel er ihnen so gut; sie konnten selbst mitsingen, und das taten sie auch. Die Straßenbuben sangen »Zizizi! Kluklukluck« und auch der Kaiser sang es – ja, gewiss war es schön!

Aber eines Abends, als der Kunstvogel im besten Singen war und der Kaiser im Bett lag und zuhörte, machte es »swupp« im Vogel; da sprang etwas »surrrr«. Alle Räder liefen, aber die Musik schwieg.

Der Kaiser sprang gleich aus dem Bett und ließ seinen Leibarzt rufen, aber was konnte der helfen? Dann ließen sie den Uhrmacher holen, und nach vielem Diskutieren und Probieren brachte er den Vogel einigermaßen in Ordnung; aber er müsse sehr geschont werden müsse, sagte er, denn die Zapfen seien abgenutzt und es sei unmöglich, neue so einzusetzen, dass die Musik sicher spielte.

Das war nun eine große Trauer! Nur einmal im Jahr durfte man den Kunstvogel singen lassen, und das war fast schon zu viel; aber dann hielt der Spielmeister eine kleine Rede mit gewichtigen Worten und sagte, dass es ebenso gut wie früher sei, und dann war es ebenso gut wie früher.

Als fünf lange Jahre vergangen waren, kam eine große Trauer über das ganze Land. Die Chinesen hielten nämlich allesamt große Stücke auf ihren Kaiser, aber jetzt war er krank und konnte nicht länger leben. Schon war ein neuer Kaiser gewählt, und das Volk stand draußen auf der Straße und fragte den Haushofmeister, wie es ihrem alten Kaiser gehe.

»P!« sagte er und schüttelte mit dem Kopfe.

Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem großen prächtigen Bett, der ganze Hof hielt ihn für tot, und ein jeder lief, um den neuen Kaiser zu begrüßen; die Kammerdiener liefen hinaus, um darüber zu schwatzen, und die Kammermädchen hielten großen Kaffeeklatsch. Ringsum in allen Sälen und Gängen war Tuch ausgelegt, damit man keine Schritte hörte, und deshalb war es ganz still. Aber der Kaiser war noch nicht tot; steif und bleich lag er in dem prächtigen Bett mit den langen Samtvorhängen und den schweren Goldquasten, oben stand ein Fenster auf und der Mond schien herein auf den Kaiser und den Kunstvogel.

Der arme Kaiser konnte kaum atmen; es war ihm, als ob etwas auf seiner Brust säße; er schlug die Augen auf, da sah er, dass es der Tod war, der auf seiner Brust saß, sich seine goldene Krone aufgesetzt hatte und in der einen Hand des Kaisers goldenen Säbel, in der andern seine prächtige Fahne hielt; ringsumher sahen aus den Falten der langen Samtvorhänge wunderliche Köpfe hervor, einige hässlich, andere lieblich und mild; das waren des Kaisers gute und böse Taten, welche ihn anblickten, da der Tod ihm auf dem Herzen saß.

»Weißt du noch dieses?« flüsterten sie. Und dann erzählten sie ihm so viel, dass ihm der Schweiß von der Stirne rann.

»Das habe ich nie gewusst«, stöhnte der Kaiser. »Musik, Musik, die große chinesische Trommel,« rief er, »damit ich nicht höre, was sie sagen!« Aber sie fuhren fort, und der Tod nickte wie ein Chinese zu allem, was gesagt wurde.

»Musik, Musik!« schrie der Kaiser. »Du kleiner herrlicher Kunstvogel, singe doch, singe! Ich habe dir Gold und Kostbarkeiten gegeben, ich habe dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt, singe doch, singe!« Aber der Vogel stand still, es war niemand da, um ihn aufzuziehen, und sonst sang er nicht; der Tod aber fuhr fort, den Kaiser mit seinen großen leeren Augenhöhlen anzustarren; und es war still, schrecklich still.

Da klang auf einmal vom Fenster her der lieblichste Gesang. Es war die kleine lebendige Nachtigall, welche draußen auf einem Zweig saß; sie hatte von der Not ihres Kaisers gehört und war gekommen, ihm Trost und Hoffnung zu bringen; sobald sie sang, wurden die Gespenster blasser, das Blut kam rascher in des Kaisers schwachen Gliedern in Bewegung, und selbst der Tod horchte auf und sagte: »Fahre fort, kleine Nachtigall! Fahre fort!«

»Ja, willst du mir dafür den prächtigen goldenen Säbel geben? Willst du mir die schöne Fahne geben? Willst du mir des Kaisers Krone geben?«

Der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang, und die Nachtigall fuhr fort zu singen; sie sang von dem stillen Friedhof, wo die weißen Rosen wachsen, wo der Flieder duftet und das frische Gras von den Tränen der Hinterbliebenen befeuchtet wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem Garten und schwebte wie ein kalter weißer Nebel zum Fenster hinaus.

»Vielen, vielen Dank!« sagte der Kaiser, »du himmlischer, kleiner Vogel, ich kenne dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande und Reich gejagt, und doch hast du die bösen Geister von meinem Bett weggesungen, den Tod von meinem Herzen fortgeschafft. Wie kann ich dich belohnen?«

»Du hast mich schon belohnt«, sagte die Nachtigall. »Ich habe in deinen Augen Tränen gesehen, als ich das erste Mal vor dir sang, das vergesse ich nie! Das sind die Juwelen, die ein Sängerherz erfreuen. Aber schlafe nun und werde stark, ich will dir vorsingen!« Sie sang, und der Kaiser fiel in einen süßen Schlummer; mild und wohltuend war der Schlaf.

Die Sonne schien um Fenster herein, als er gestärkt und gesund erwachte; von seinen Dienern war noch keiner zurückgekehrt, denn sie glaubten alle, er sei tot; aber die Nachtigall saß noch da und sang.

»Immer musst du bei mir bleiben«, sagte der Kaiser. »Du sollst nur singen, wenn du selbst willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend Stücke.« »Tue das nicht«, sagte die Nachtigall, »er hat ja Gutes geleistet, so lange er konnte; behalte ihn auch ferner. Ich kann im Schloss nicht nisten und wohnen, aber lass mich kommen, wenn ich selbst Lust habe; da will ich des Abends dort am Fenster sitzen und dir vorsingen, damit du froh und nachdenklich werden kannst.

Ich werde von den Glücklichen singen und von denen, die leiden; ich werde vom Bösen und vom Guten singen, was rings um dich verborgen bleibt. Der kleine Sänger fliegt weit umher, zu dem armen Fischer, zu des Bauern Hütte, zu jedem, der weit von dir und deinem Hofe entfernt ist. Ich liebe dein Herz mehr als deine Krone, und doch hat die Krone den Duft von etwas Heiligem an sich. Ich komme und singe dir vor. Aber eines musst du mir versprechen.« »Alles!« sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen Tracht, die er angelegt hatte, und drückte den schweren Goldsäbel an sein Herz. »Um eines bitte ich dich; erzähle niemand, dass du einen kleinen Vogel hast, der dir alles sagt, dann wird es noch besser gehen!« Dann flog die Nachtigall fort.

Bald kamen die Diener herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen; ja, da standen sie – und der Kaiser sagte: »Guten Morgen!«

Den Text aus „Sämmtliche Märchen“ habe ich sprachlich überarbeitet und mich dabei auf die Übersetzung in „Mährchen, Abenteuer und Geschichten für Jung und Alt“ (Erstes Bändchen, Braunschweig 1864, 6. Aufl.) gestützt; vgl. auch https://archive.org/details/mrchenfrkinder00ande/page/68/mode/2up). Eine Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/10/31/andersen-die-nachtigall-kurze-analyse/

Hans Chr. Andersen: Die glückliche Familie – Text und Analyse

Andersen: Die glückliche Familie

Das größte grüne Blatt hierzulande ist sicher das Klettenblatt; ein Kind kann es leicht als Schürze oder als Regenschirm benutzen, denn es ist gewaltig groß. Nie wächst eine Klette allein, nein, wo eine wächst, da wachsen mehrere, es ist eine wahre Pracht. Und diese ganze Pracht ist Schneckenspeise. Die großen weißen Schnecken, woraus vornehme Leute in früheren Zeiten Frikassee bereiten ließen, verspeisten und sagten: »Hm! Schmeckt das gut!« – denn sie glaubten nun einmal, dass dies lecker sei – diese Schnecken lebten von Klettenblättern, und deswegen wurden Kletten gesät.

Nun gab es da ein altes Rittergut, wo man keine Schnecken mehr speiste; diese waren beinahe ausgestorben, aber die Kletten waren nicht ausgestorben, sie wuchsen draußen über alle Gänge und Beete, man konnte ihrer nicht mehr Herr werden. Es war förmlich ein Klettenwald entstanden, hin und wieder stand noch ein Apfel- oder ein Pflaumenbaum da, sonst hätte man gar nicht vermuten können, dass dies einmal ein Garten war. Alles war Klette, und darinnen wohnten die beiden letzten uralten Schnecken.

Sie wussten selbst nicht, wie alt sie waren, aber sie konnten sich sehr wohl erinnern, dass ihrer weit mehr gewesen, dass sie von einer aus fremden Ländern eingewanderten Familie abstammten und dass für sie und die Ihrigen der ganze Wald gepflanzt worden war. Sie waren noch nie aus ihm hinausgekommen, aber sie wussten doch, dass es noch etwas in der Welt gab, was der Herrenhof hieß; da oben wurde man gekocht, dann wurde man schwarz und wurde auf eine silberne Schüssel gelegt – was dann aber weiter geschah, das wussten sie nicht. Wie das übrigens ist, gekocht zu werden und auf einer silbernen Schüssel zu liegen, das konnten sie sich nicht vorstellen; aber schön sollte es sein und außerordentlich vornehm. Weder die Maikäfer noch die Kröten oder die Regenwürmer, welche sie darüber befragten, konnten ihnen Bescheid geben; keiner von ihnen war gekocht worden oder hatte auf einer silbernen Schüssel gelegen.

Die alten weißen Schnecken waren die vornehmsten in der Welt, das wussten sie; der Wald war ihretwegen da, und der Herrenhof stand da, damit sie gekocht würden und auf einer silbernen Schüssel liegen könnten.

Sie lebten jetzt sehr einsam und glücklich, und da sie selbst ohne Kinder waren, hatten sie eine kleine gewöhnliche Schnecke zu sich genommen, die sie wie ihr eigenes Kind erzogen; aber der Kleine wollte nicht wachsen, denn er war nur eine gewöhnliche Schnecke. Die Alten, besonders die Mutter, die Schneckenmutter, glaubte jedoch zu bemerken, dass er an Größe zunähme, und sie bat den Vater, wenn er das nicht sehen könnte, möge er doch nur das kleine Schneckenhaus befühlen; und dann fühlte der und fand, dass die Mutter recht habe.

Eines Tages regnete es stark. »Höre, wie es auf den Kletten tromme-romme-rommelt!« sagte der Vater.

»Da kommen auch Tropfen«, sagte die Schneckenmutter. »Es läuft ja am Stengel herab. Du wirst sehen, dass es hier nass wird. Ich bin froh, dass wir unsere guten Häuser haben und dass der Kleine auch eins hat! Für uns ist wirklich mehr getan als für alle andern Geschöpfe; da kann man sehen, dass wir die Herren der Welt sind. Wir haben ein Haus von der Geburt an, und der Klettenwald ist unseretwegen angepflanzt worden. Ich möchte nur wissen, wie weit er sich erstreckt und was dahinter ist.«

»Da ist nichts dahinter!« sagte der Schneckenvater. »Besser als bei uns kann es nirgends sein, und ich habe weiter keine Wünsche.«

»Ja«, sagte die Mutter, »aber ich möchte nach dem Herrenhof kommen, gekocht und auf eine silberne Schüssel gelegt werden; das ist mit allen unseren Vorfahren geschehen, und glaube mir, es ist etwas ganz Besonderes dabei!«

»Der Herrenhof ist vielleicht eingestürzt«, sagte der Schneckenvater, »oder der Klettenwald ist darüber hinweggewachsen, so dass die Menschen nicht mehr herauskommen können. Übrigens hat das keine Eile; du eilst immer so und der Kleine fängt auch schon damit an, er ist in bloß drei Tagen diesen Stiel hinaufgekrochen. Mir wird ganz schwindelig, wenn ich zu ihm hinaufsehe.«

»Du musst nicht schelten«, sagte die Mutter. »Er kriecht so besonnen; wir werden viel Freude an ihm haben, und wir Alten haben ja nichts anderes mehr, wofür wir leben. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wo wir eine Frau für ihn hernehmen? Glaubst du nicht, dass tief im Klettenwald noch jemand von unserer Art leben könnte?«

»Schwarze Schnecken, glaube ich, werden wohl da sein«, sagte der Alte; »schwarze Schnecken ohne Haus, aber das ist zu gewöhnlich, und doch sind sie eingebildet. Aber wir könnten den Ameisen einen Auftrag geben; die laufen dauernd hin und her, als ob sie etwas zu tun hätten, sie wissen sicher eine Frau für unser Schneckchen.«

»Ich weiß freilich die allerschönste«, sagte eine der Ameisen, »aber ich fürchte, das wird nichts, denn sie ist eine Königin.«

»Das macht nichts!« sagten die Alten. »Hat sie ein Haus?«

»Sie hat ein Schloss«, sagte die Ameise, »das schönste Ameisenschloss mit siebenhundert Gängen.«

»Schönen Dank!« sagte die Schneckenmutter. »Unser Sohn soll nicht in einen Ameisenhügel! Wisst ihr nichts Besseres, dann geben wir den Auftrag den weißen Mücken; die fliegen bei Regen und Sonnenschein weit umher und kennen den Klettenwald von innen und außen.«

»Wir haben eine Frau für ihn«, sagten die Mücken. »Hundert Menschenschritte von hier sitzt auf einem Stachelbeerstrauch eine kleine Schnecke mit einem Haus; sie ist allein und alt genug, sich zu verheiraten. Es sind nur hundert Menschenschritte von hier aus.«

»Ja, dann soll sie zu ihm kommen«, sagten die Alten, »er hat nämlich einen Klettenwald, sie hat nur einen Strauch.«

Nun holten die Mücken das kleine Schneckenfräulein. Es dauere acht Tage, bis dieses eintraf; aber das war gerade das Vornehme dabei, daran konnte man sehen, dass echtes Schneckenblut in ihr rollte.

Dann hielten sie Hochzeit. Sechs Johanniswürmchen leuchteten, so gut sie konnten; übrigens ging das Ganzen still vor sich, weil die alten Schnecken Schwärmen und lautes Feiern nicht ertragen konnten. Aber eine schöne Rede wurde von der Schneckenmutter gehalten; der Vater konnte nichts sagen, er war zu gerührt. Dann gaben sie ihnen den ganzen Klettenwald zur Erbschaft und sagten, was sie immer gesagt hatten, dass es das Beste in der Welt sei, redlich und ordentlich zu leben und sich zu vermehren – dann würden sie und ihre Kinder einst nach dem Herrenhof kommen, schwarz gekocht und auf eine silberne Schüssel gelegt werden.

Nachdem sie dies verkündet hatten, krochen die Alten in ihre Häuser und kamen nie wieder heraus; sie schliefen. Das junge Schneckenpaar regierte im Wald und bekam viele Nachkommen, aber sie wurden nie gekocht und sie kamen nie auf eine silberne Schüssel; daraus zogen sie den Schluss, dass der Herrenhof eingestürzt und die Menschen ausgestorben seien, und da ihnen niemand widersprach, musste es ja wahr sein.

Und der Regen schlug auf die Klettenblätter, um für sie Trommelmusik zu machen, und die Sonne schien, um den Klettenwald für sie zu beleuchten, und sie waren sehr glücklich, die ganze Familie war glücklich, sie war es wirklich.

Der Text aus „Sämmtliche Märchen“ wurde von mir sprachlich überarbeitet; dazu habe ich auch Eva-Maria Blühms Übersetzung und die Bearbeitung von Paul Arndt (Loewes Verlag, Stuttgart o.J.) herangezogen (https://archive.org/details/mrchenfrkinder00ande/page/60/mode/2up). Eine kurze Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/03/andersen-die-gluckliche-familie-kurze-analyse/

Hans Chr. Andersen: Die Irrlichter sind in der Stadt, sagte die Moorfrau – Text und Analyse

Andersen: Die Irrlichter sind in der Stadt, sagte die Moorfrau

Es war einmal ein Mann, der einst viele neue Märchen wusste – aber nun seien sie ihm ausgegangen, sagte er; das Märchen, das von selber auf Besuch kommt, kam nicht mehr und klopfte nicht mehr an seine Tür. Und weshalb kam es nicht? Ja, das ist allerdings wahr, der Mann hatte über Jahr und Tag nicht daran gedacht, hatte nicht erwartet, dass es kommen und anklopfen würde. Aber es war gewiss auch nicht da gewesen, denn draußen war Krieg und drinnen Kummer und Not, wie der Krieg sie mitbringt.
Storch und Schwalbe kamen von ihrer langen Reise zurück, sie dachten an keine Gefahr, und als sie kamen, waren ihr Nest verbrannt, die Häuser der Menschen verbrannt, die Hecken zerstört, ja ganz verschwunden; die Rosse der Feinde stampften auf den alten Gräbern. Es waren harte, dunkle Zeiten; aber auch die nehmen ein Ende.
Und nun waren sie zu Ende, sagte man, doch noch klopfte das Märchen nicht an oder ließ von sich hören.
»Es ist wohl tot und verschollen mit den vielen andern«, sagte der Mann. Aber das Märchen stirbt nie!
Und es verging mehr als ein ganzes Jahr, und er hatte schreckliche Sehnsucht: »Ob das Märchen nicht doch wiederkommen und anklopfen sollte?« Und er erinnerte sich seiner so lebhaft mit all den vielen Gestalten, in denen es zu ihm gekommen war; bald jung und herrlich, der Frühling selber, ein reizendes junges Mädchen mit einem Maiglöckchenkranz im Haar und einem Buchenzweig in der Hand; ihre Augen glänzten wie tiefe Waldseen im hellen Sonnenschein. Bald war es auch als Hausierer gekommen, hatte den Kramkasten geöffnet und das Seidenband mit Vers und Inschrift voll alter Erinnerungen flattern lassen. Aber am allerschönsten war es, wenn es als altes Mütterchen mit silberweißem Haar und mit großen und so klugen Augen kam, da wußte sie recht zu erzählen von den allerältesten Zeiten, lange noch bevor die Prinzessinnen Gold gesponnen hatten, während Drachen und Lindwürmer draußen lagen und sie bewachten. Da erzählte sie so lebendig, dass jedem dunkle Flecken vor die Augen kamen, der ihr zuhörte; der Boden wurde schwarz von Menschenblut, gräulich anzusehen und zu hören und doch so unterhaltend, denn es war schon lange her, seit es geschehen war.
»Ob es nicht mehr anklopfen sollte?« sagte der Mann und starrte nach der Tür, so dass ihm dunkle Flecken vor die Augen kramen, schwarze Flecken auch auf den Boden; er wusste nicht, ob es Blut war oder Trauerflor von den schweren dunklen Tagen.
Und wie er so saß, kam ihm in den Sinn, ob sich das Märchen nicht verborgen halte wie die Prinzessin in den richtigen, alten Märchen und nur aufgesucht werden wollte; wurde es gefunden, dann strahle es in neuer Herrlichkeit, schöner als jemals zuvor.
»Wer weiß, vielleicht liegt es verborgen in dem weggeworfenen Strohhalm, der auf dem Brunnenrand schaukelt. Vorsicht! Vorsicht! Vielleicht hat es sich in einer verwelkten Blume versteckt, die in einem der großen Bücher auf dem Bücherbord liegt.«
Und der Mann ging hin und öffnete eines der allerneuesten Bücher, um Klarheit darüber zu bekommen. Aber da lag keine Blume, da stand von Holger dem Dänen zu lesen; und der Mann las, dass die ganze Geschichte erfunden und von einem Mönch in Frankreich zusammengestellt worden sei; dass es ein Roman sei, »übersetzt und gedruckt in dänischer Sprache«; dass Holger der Däne gar nicht existiert hatte und also auch nicht wiederkommen könne, wie wir gesungen und so gerne geglaubt hatten. Es war mit Holger dem Dänen wie mit Wilhelm Tell, nur Geschichten, auf die man sich nicht verlassen konnte; das war in dem Buch mit großer Gelehrsamkeit dargelegt.
»Ja, ich glaube nun einmal, was ich glaube«, sagte der Mann, »es wächst kein Wegerich, wo kein Fuß hingetreten hat.«
Und er machte das Buch zu, stellte es auf das Bord und ging dann zu den frischen Blumen am Fensterbrett; vielleicht hatte sich dort das Märchen in der roten Tulpe mit den goldgelben Rändern oder in der frischen Rose oder der leuchtenden Kamelie versteckt? Zwischen deren Blättern lag der Sonnenschein, aber nicht das Märchen.
»Die Blumen, die hier in der Trauerzeit gestanden hatten, waren alle weit schöner; aber sie wurden abgeschnitten, jede einzelne, in Kränze gebunden, auf Särge gelegt, und über sie wurde die Fahne gebreitet. Vielleicht ist das Märchen mit den Blumen begraben worden. Aber davon müssten die Blumen gewusst haben, der Sarg hätte es vernommen, die Erde hätte es vernommen, jeder kleine Grashalm, der hervorwuchs, würde es erzählt haben. Das Märchen stirbt niemals!
Vielleicht ist es auch hier gewesen und hat angeklopft, aber wer hatte damals Ohren dafür, Gedanken dafür? Man sah düster, schwermütig, fast böse zum Sonnenschein des Frühlings, seinem Vogelgezwitscher und all dem fröhlichen Grün; ja, die Zunge konnte die alten, volksfrischen Lieder nicht ertragen, sie wurden eingesargt mit so vielem, was unserm Herzen teuer war. Das Märchen kann wohl angeklopft haben; aber es wurde nicht gehört, nicht willkommen geheißen, und so ist es dann fortgeblieben.
Ich will gehen und es aufsuchen.
Hinaus aufs Land! Hinaus in den Wald, an den offenen Strand!«

———
Draußen liegt ein alter Herrenhof mit roten Mauern, zackigem Giebel und wehender Fahne auf dem Turm. Die Nachtigall singt unter den feingefransten Buchenblättern, während sie auf des Garten blühende Apfelbäume blickt und glaubt, dass sie Rosen tragen. Hier sind in der Sommersonne die Bienen geschäftig, und mit summendem Gesang schwärmen sie um ihre Königin. Der Herbststurm weiß von der wilden Jagd zu erzählen, von den Menschengeschlechtern und den Blättern des Waldes, die verwehen. Zur Weihnachtszeit singen die wilden Schwäne draußen vor dem offenen Wasser, während man drinnen in dem alten Hof am Kaminfeuer Lust hat, Lieder und Sagen zu hören.
Unten in dem alten Teil des Gartens, wo die große Allee von wilden Kastanien mit ihrem Halbdunkel lockt, ging der Mann, der das Märchen suchte; hier hatte ihm einmal der Wind von Waldemar Daa und seinen Töchtern gesummt. Die Dryade im Baum, das war die Märchenmutter selbst, hatte ihm hier von des alten Eichenbaums letztem Traum erzählt. Zu Zeiten der Großmutter standen hier beschnittene Hecken, nun wuchsen nur Farnkräuter und Nesseln; sie breiteten sich über hingeworfene Reste alter Steinfiguren aus; Moos wuchs ihnen in den Augen, doch sie konnten ebenso gut sehen wie früher, aber das konnte der Mann, der nach dem Märchen suchte, nicht. Er sah das Märchen nicht. Wo war es?
Über ihn und die alten Bäume flogen Krähen zu Hunderten hin und schrieen »Fort von hier! Fort von hier!«
Und er ging aus dem Garten hinaus über den Wallgraben des Herrenhofes in das Erlenwäldchen hinein; dort stand ein kleines, sechseckiges Haus mit einem Hühnerhof und einem Entenhof. Mitten in der Stube saß die alte Frau, die das Ganze leitete und genau über jedes Ei, das gelegt wurde, Bescheid wusste, über jedes Küken, das aus dem Ei schlüpfte. Aber sie war nicht das Märchen, das der Mann suchte; das konnte sie beweisen mit einem christlichen Taufschein und einem Impfpass, beide lagen in der Truhe.
Draußen, nicht weit von dem Haus, ist ein Hügel mit Rotdorn und Goldregen; hier liegt ein alter Grabstein, der vor vielen Jahren vom Kirchhof eines Landstädtchens hierher gebracht worden war, eine Erinnerung an einen der ehrenhaften Ratsherren der Stadt; seine Frau und seine fünf Töchter, alle mit gefalteten Händen und Halskrause, stehen, in Stein gehauen, um ihn herum. Man konnte sie so lange betrachten, dass sie auf die Gedanken wirkten, und diese wirkten wiederum auf den Stein, so dass er von alten Zeiten erzählte; wenigstens erging es dem Mann so, der das Märchen suchte. Als er da hinkam, sah er einen lebendigen Schmetterling grade auf der Stirn der gemeißelten Figur des Ratsherrn sitzen; er schlug mit den Flügeln, flog eine kleine Strecke und setzt sich wieder dicht neben den Grabstein, gleichsam um zu zeigen, was dort wuchs. Dort wuchs ein vierblätteriger Klee, dort standen ganze sieben Stück davon nebeneinander. Kommt das Glück, so kommt es in Fülle! Er pflückte die Kleeblätter und steckte sie in die Tasche. Das Glück ist so gut wie bares Geld, aber ein neues, schönes Märchen wäre doch noch besser, dachte der Mann; aber er fand es dort nicht.
Die Sonne ging unter, rot und groß; die Wiese dampfte, und das Moorweib braute.
———
Es war spät am Abend; er stand allein in seiner Stube, sah hinaus über den Garten, über Wiese, Moor und Strand; der Mond schien hell, es lag Dunst über der Wiese, als wäre sie ein großer See, und das war sie auch einmal gewesen, ging die Sage, und im Mondschein bekommt man ein Ohr für Sagen. Da dachte der Mann daran, was er in der Stadt gelesen hatte, dass Wilhelm Tell und Hollger der Däne nicht gelebt hätten; aber im Volksglauben sind sie doch wie der See da draußen lebendige Figuren der Sage. Ja, Holger der Däne kommt wieder!
Während er so stand und dachte, schlug etwas ganz stark an das Fenster. War es ein Vogel? Eine Fledermaus oder eine Eule? Ja, die lässt man nicht herein, auch wenn sie klopfen. Das Fenster sprang von selber auf, eine alte Frau sah zu dem Mann herein.
»Was ist gefällig?« fragte er. »Wer ist sie? Gleich in die erste Etage schaut sie herein, steht sie auf einer Leiter?«
»Sie haben ein vierblätteriges Kleeblatt in der Tasche«, sagte sie, »ja, Sie haben sieben Stück, von denen eines ein Sechserklee ist.«
»Wer ist sie?« fragte der Mann.
»Die Moorfrau«, sagte sie, »die Moorfrau, die braut. Ich war gerade in voller Arbeit; der Zapfen saß im Fass, aber einer der kleinen Moorjungen riss im Übermut den Zapfen heraus und warf ihn gerade bis zum Haus, wo er an das Fenster schlug; nun läuft das Bier aus dem Fass, und damit ist keinem gedient.«
»Erzähle sie mir doch mehr!« sagte der Mann.
»Ja, warten Sie ein wenig!« sagte die Moorfrau. »Jetzt habe ich noch anderes zu erledigen!« Und damit war sie fort.
Der Mann war dabei, das Fenster zu schließen, da stand die Frau schon wieder da. »Nun ist es geschehen«, sagte sie. »Aber das halbe Bier kann ich morgen wieder brauen, wenn das Wetter danach bleibt. Nun, was haben Sie zu fragen? Ich komme wieder, denn ich halte immer Wort, und Sie haben sieben Vierblätter in der Tasche, von denen eines ein Sechserklee ist; das ist ein Ordenszeichen, das an der Landstraße wächst, aber nicht von jedem gefunden wird. Wonach haben Sie also zu fragen? Stehen Sie jetzt nicht da wie ein dummes Stück, ich muss bald fort zu meinem Zapfen und meinem Fass!«
Und der Mann fragte nach dem Märchen, fragte, ob das Moorweib es auf seinem Wege gesehen hätte.
»Ih, du großes Brauhaus!« sagte die Frau. »Haben Sie noch nicht genug Märchen? Ich glaube wirklich, dass die meisten genug haben. Hier ist anderes zu besorgen, anderes zu beachten. Selbst die Kinder sind schon darüber hinausgewachsen. Gebt den kleinen Jungen eine Zigarette und den kleinen Mädchen einen neuen Minirock, das mögen sie lieber! Auf Märchen hören? Nein, hier ist tatsächlich anderes zu besorgen, Wichtigeres auszurichten!«
»Was meint sie damit?« fragte der Mann. »Und was weiß sie von der Welt? Sie sieht ja nur Frösche und Irrlichter.«
»Ja, nehmen Sie sich in Acht vor den Irrlichtern« sagte das Weib, »sie sind heraus! Sie sind losgelassen! Von denen wollen wir reden! Kommen Sie zu mir in das Moor, wo meine Gegenwart erforderlich ist; dort werde ich Ihnen alles sagen, aber beeilen Sie sich ein wenig, solange Ihre sieben Viererblätter mit dem einen Sechser frisch sind und der Mond noch scheint!« Und weg war die Moorfrau.
———
Die Glocke schlug zwölf vom Turm, und ehe noch der letzte Schlag verklungen war, war der Mann hinaus in den Hof, hinaus in den Garten und stand auf der Wiese. Der Nebel hatte sich gelegt, die Moorfrau hörte auf zu brauen.
»Es hat lange gedauert, bis Sie kamen!« sagte die Moorfrau. »Zauberwesen kommen schneller voran als die Menschen, und ich bin froh, dass ich als Zauberwesen geboren bin.«
»Was hat sie mir nun zu sagen?« fragte der Mann. »Ist es ein Wort wegen des Märchens?«
»Können Sie denn niemals weiter kommen, als danach zu fragen?« sagte das Weib.
»Kann sie denn von der Zukunftspoesie sprechen?« fragte der Mann.
»Reden Sie nur nicht hochtrabend«, sagte das Weib, »dann will ich wohl antworten. Sie denken nur an die Dichterei, fragen nach dem Märchen, als ob es die Madame über das Ganze wäre! Es ist freilich schon das Älteste, aber es gilt immer als das Jüngste. Ich kenne es wohl! Ich bin auch einmal jung gewesen, und das ist keine Kinderkrankheit. Ich bin auch ein ganz niedliches Elfenmädchen gewesen und habe mit den anderen im Mondschein getanzt, auf die Nachtigall gehört, bin in den Wald gegangen und dem Märchenfräulein begegnet, das immer draußen war und sich herumtrieb. Bald nahm sie ihr Nachtlager in einer halberblühten Tulpe oder in einer Wiesenblume, bald huscht sie in die Kirche hinein und hüllte sich in den Trauerflor, der von den Altarkerzen herabhing!«
»Sie wissen wunderbar Bescheid«, sagte der Mann.
»Ich sollte doch wahrscheinlich ebenso viel wissen wie Sie!« sagte die Moorfrau. »Märchen und Poesie, ja, das sind zwei Ellen von einem Stück; die können gehen und sich schlafen legen, wo sie wollen. All ihre Worte und Werke kann man noch brauen und besser und billiger haben. Bei mir sollen Sie sie umsonst bekommen, ich habe einen ganzen Schrank voll von Poesie in Flaschen. Es sind Essenzen, nur das Feine der Kräuter, süße und auch bittere. Ich habe auf Flaschen alles, was die Menschen an Poesie brauchen, um an Festtagen etwas auf ihr Taschentuch zu tupfen jund daran zu riechen.«
»Das sind ganz seltsame Dinge, die sie da erzählt«, sagte der Mann. »Hat sie Poesie auf Flaschen?«
»Mehr, als Sie vertragen können«, sagte die Frau. »Sie kennen wohl die Geschichte von dem Mädchen, welches auf Brot trat, um seine neuen Schuhe nicht zu beschmutzen? Sie ist geschrieben und gedruckt.«
»Die habe ich selber erzählt«, sagte der Mann.
»Ja, dann kennen Sie sie ja«, sagte das Weib, »und wissen, dass das Mädchen direkt zur Moorfrau hinab in die Erde versank, gerade, als des Teufels Großmutter Besuch machte, um die Brauerei zu besichtigen. Sie sah das Mädchen, das heruntersank, und bat es sich als Souvenir aus, zur Erinnerung an den Besuch, und sie bekam es; ich bekam ein Geschenk, für das ich gar keine Verwendung hatte, eine Reiseapotheke, einen ganzen Schrank voll Poesie auf Flaschen. Die Großmutter sagte, wo der Schrank stehen sollte, und da steht er noch. Sehen Sie nur! Sie haben ja Ihre sieben Viererblätter in der Tasche, von denen das eine ein Sechserklee ist, da werden Sie ihn wohl sehen können.«
Und wirklich, mitten im Moor lag wie ein großer Erlenstrunk der Schrank der Großmutter. Er stand offen für die Moorfrau und für jeden in allen Ländern und zu allen Zeiten, wenn man nur wusste, wo der Schrank steht. Er war vorne und hinten zu öffnen, an allen Seiten und Ecken, ein ganzes Kunstwerk, und sah doch nur wie ein alter Erlenstrunk aus. Die Poeten aller Länder, besonders die unseres eigenen Landes, waren hier nachgemacht; ihr Geist war ihnen ausspekuliert, rezensiert, renoviert, konzentriert und auf Flaschen gezogen. Mit großem Instinkt, wie man es nennt, wenn man nicht Genie sagen will, hatte die Großmutter das in der Natur genommen, was gleichsam nach diesem oder jenem Poeten schmeckte, hatte etwas Teufelei hinzugegeben, und so hatte sie die Poesie auf Flaschen für die alle Zeit.
»Lassen Sie mich einmal schauen!« sagte der Mann.
»Ja, doch es gibt wichtigere Dinge zu hören«, sagte das Moorweib.
»Aber jetzt sind wir bei dem Schrank!« sagte der Mann und sah hinein. »Hier sind Flaschen in allen Größen. Was ist in dieser? Und was in der da?«
»Hier ist das, was Sie Maiduft nennen«, sagte das Weib. »Ich habe es nicht versucht, aber ich weiß, wenn man davon nur einen kleinen Tropfen auf den Boden spritzt, dann liegt da gleich ein herrlicher Waldsee mit Wasserlilien, blühendem Rohr und wilder Krauseminze. Und gießt man zwei Tropfen auf ein altes Heft, selbst aus der ersten Klasse, dann wird das Heft zum Buch mit einer ganzen Duftkomödie, die man sehr gut aufführen und bei der man einschlafen kann, so stark durftet sie. Es sollte wohl eine Höflichkeit gegen mich sein, dass auf der Flasche steht: ‚Gebräu der Moorfrau‘.
Hier steht die Skandalflasche. Sie sieht aus, als ob nur schmutziges Wasser darin wäre, und es ist schmutziges Wasser, aber mit Brausepulver von Stadtklatsch; drei Lot Lügen und zwei Gran Wahrheit, mit einem Birkenzweig umgerührt, einem Stück aus der Rute des Schulmeisters oder lieber gleich vom Besen genommen, mit dem man den Rinnstein gefegt hat.
Hier steht die Flasche mit der frommen Poesie im Psalmenton. Jeder Tropfen hat einen Klang wie das Quietschen des Höllentors und ist aus dem Blut und Schweiß der Strafen zubereitet. Einige sagen, es sei nur Taubengalle, aber die Tauben sind die frömmsten Tiere, sie haben keine Galle; so etwas sagen nur Leute, die keine Naturgeschichte kennen.«
Hier stand die Flasche aller Flaschen; sie nahm den halben Schrank ein, die Flasche mit den Alltagsgeschichten; sie war sowohl mit einer Schweinshaut als auch mit einer Blase zugebunden, denn sie durfte nichts von ihrer Kraft verlieren. Jede Nation konnte hier ihre eigene Suppe erhalten; sie kam, je nachdem wie man die Flasche wandte und drehte. Hier war alte deutsche Blutsuppe mit Räuberklößchen, auch dünne Hausmannssuppe mit wirklichen Geheimräten, die wie Wurzelwerk darin lagen, und auf der Oberfläche schwammen philosophische Fettaugen. Es gab englische Gouvernantensuppe und die französische Potage à la Kock, mit Hühnerknochen und Spatzeneiern zubereitet, auf Dänisch Cancansuppe genannt. Aber die beste aller Suppen war die Kopenhagener; das sagten jedenfalls die Familien.
Hier stand die Tragödie in Champagnerflaschen; sie konnte knallen, und das soll sie. Das Lustspiel sah aus wie feiner Sand, um ihn den Leuten in die Augen zu streuen, das heißt das feinere Lustspiel; das gröbere war auch auf Flaschen, aber bestand nur aus Zukunftsplakaten, wo der Name des Stücks das Kräftigste war. Es waren ausgezeichneten Komödiennamen wie: »Willst du wohl das Geld rausrücken!«, »Eins auf die Rübe«, »Der süße Esel« und »Sie ist sternhagelvoll!«
Der Mann verfiel dabei in Gedanken, aber die Moorfrau dachte weiter, sie wollte zu Ende kommen.
»Nun haben Sie wohl genug in der Kramkiste gesehen«, sagte sie. »Nun wissen Sie, was das ist; aber das Wichtigste, was Sie wissen sollten, wissen Sie noch nicht: Die Irrlichter sind in der Stadt! Das hat mehr zu bedeuten als Poesie und Märchen. Ich sollte jetzt meinen Mund halten, aber es muss eine Fügung sein, ein Schicksal, etwas, was stärker ist als ich – es drückt mir das Herz ab, es muss heraus. Die Irrlichter sind in der Stadt! Sie sind losgekommen: Nehmt euch in Acht, ihr Menschen!«
»Davon verstehe ich kein Wort«, sagte der Mann.
»Seien Sie so gut und setzen Sie sich auf den Schrank«, sagte sie, »aber fallen Sie nicht hinein, dass Sie nicht die Flaschen entzwei schlagen; Sie wissen, was darin ist. Ich werde Ihnen von dem großen Ereignis erzählen, es ist nicht länger her als seit vorgestern. Es wird also noch 363 Tage dauern; Sie wissen ja, wie viele Tage ein Jahr hat.

———
Und die Moorfrau erzählte:
»Hier hat sich vorgestern Großes in den Sümpfen ereignet: Hier war Kinderfest. Hier wurde ein kleines Irrlicht geboren, ja, es wurden zwölf auf einmal von der Sorte geboren, die, wenn sie wollen, als Menschen auftreten und unter diesen agieren und kommandieren können, als ob sie geborene Menschen wären. Das ist ein großes Ereignis im Sumpf, und deshalb tanzten alle Irrlichter und Irrlichterfrauen über Moor und Wiese hin; es waren auch welche vom Hundegeschlecht dabei, aber es lohnt nicht, von denen zu reden. Ich saß da auf meinem Schrank und hatte alle zwölf kleinen neugeborenen Irrlichter auf meinem Schoß; sie leuchteten wie Johanniswürmchen; sie fingen schon an zu hüpfen, und jede Minute nahmen sie an Größe zu, so dass, ehe eine Viertelstunde um war, jedes von ihnen ebenso groß aussah wie sein Vater oder sein Onkel. Nun ist es ein altes angeborenes Recht und eine Vergünstigung, wenn der Wind so weht und der Mond so steht wie vorgestern, dass dann alle Irrlichtern, die in dieser Zeit und in der Minute geboren werden, Menschen werden können und jedes von ihnen ein ganzes Jahr lang ringsum seine Macht üben kann.

Das Irrlicht kann durch das Land und um die Welt ziehen, wenn es nicht Angst hat, in den See zu fallen oder in einem starken Sturm ausgeblasen zu werden. Es kann in einen Menschen hineinfahren, für ihn sprechen und alle Bewegungen machen, wie es will. Das Irrlicht kann jede Gestalt, die es will, annehmen, sei es Mann oder Frau, kann in ihrem Verstand nach seiner Art handeln, so dass dabei herauskommt, was es will; aber es muss 365 Menschen in einem Jahr auf falsche Wege zu führen verstehen – und zwar in großem Stil, sie von Recht und Wahrheit fortlocken, dann erreicht es das Höchste, wozu es ein Irrlicht bringen kann, nämlich Läufer vor des Teufels Staatskarosse zu werden, glühende feuergelbe Kleider zu tragen und Flammen aus seinem Hals herauszupusten. Nach einer solcher Stellung kann sich ein einfaches Irrlicht den Mund lecken. Aber damit ist auch Gefahr und eine große Unannehmlichkeit für ein ehrgeiziges Irrlicht verbunden, das gerne diese Rolle spielen will. Gehen dem Menschen nämlich die Augen auf und sieht er, wer da in ihm ist, und kann es wegblasen, so ist es aus mit ihm und es muss zurück in den Sumpf; und wenn ein Irrlicht, bevor das Jahr um ist, von der Sehnsucht gepackt wird, zu seiner Familie zu kommen, und sich selber aufgibt, so ist es auch aus mit ihm, es kann nicht länger hell brennen, geht bald aus und kann nicht wieder angezündet werden. Und ist das Jahr zu Ende und es hat dann noch nicht 365 Menschen von der Wahrheit und von dem, was schön und gut ist, fortgelockt, so ist es verurteilt, in faulem Holz zu liegen und nach außen hin zu leuchten, ohne sich rühren zu können; das ist die fürchterlichste Strafe für ein lebhaftes Irrlicht.

All dies wusste ich und all dies sagte ich den zwölf kleinen Irrlichtern, die ich auf dem Schoß hatte und die wie toll vor Freude waren. Ich sagte ihnen, dass es das Sicherste und Bequemste wäre, die Ehre ihrer besonderen Geburt aufzugeben und nichts anzustellen; das wollten die jungen Flammen aber nicht, sie sahen sich schon in glühenden brandgelben Kleidern, mit der Flamme zum Halse heraus.

»Bleibt bei uns«, sagten einige von den Alten. »Treibt euer Spiel mit den Menschen!« sagten die andern. »Die Menschen trocknen unsere Wiesen aus, sie legen Dränage. Was soll da aus unseren Nachkommen werden!« »Wir wollen flammen, wollen flammen, flammen!« sagten die neugeborenen Irrlichter, und so war es abgemacht.
Danach war sofort Minutenball, kürzer konnte er nicht sein. Die Elfenmädchen schwangen sich dreimal herum mit allen den andern, um nicht hochmütig zu erscheinen; sie tanzen sonst am liebsten mit sich selber. Dann wurden die Patengeschenke verteilt, »rikoschettiert«, wie man sagt. Diese flogen wie Kieselsteine über das Moorwasser hin. Jedes von den Elfenmädchen gab einen Zipfel von seinem Schleier. »Nimm ihn«, sagten sie, »dann kannst du gleich den höheren Tanz, die schwierigsten Schwünge und Wendungen, das heißt, wenn es nötig ist; du bekommst die richtige Haltung und kannst dich in der steifsten Gesellschaft zeigen.«

Der Nachtrabe lehrte jedes der jungen Irrlichter, »bra, bra, brav!« zu sagen, und zwar an der richtigen Stelle zu sagen; das ist eine große Gabe, die sich selber belohnt. Die Eule und der Storch – aber das war nicht der Rede wert, davon zu sprechen, sagten sie; also reden wir nicht davon.

König Waldemars wilde Jagd fuhr gerade über das Moor hin, und als diese Herrschaften von dem Fest hörten, sandten sie als Geschenk ein paar feine Hunde, die mit Windeseile jagen und wohl ein Irrlicht tragen können oder auch drei. Zwei alte Nachtmahre, die vom Alpdrücken leben, waren mit bei dem Fest; die lehrten die neuen Irrlichter gleich die Kunst, durch ein Schlüsselloch zu schlüpfen; das ist dann so, als ob einem alle Türen offenstünden. Sie boten sich an, die jungen Irrlichter in die Stadt zu führen, wo sie gut Bescheid wüssten. Sie reiten gewöhnlich auf ihrem eigenen langen Nackenhaar, das sie in einen Knoten gebunden haben, um fest darauf zu sitzen, durch die Luft; aber nun setzten sie sich beide quer auf die Hunde der wilden Jagd, nahmen die jungen Irrlichter, die in die Stadt sollten, um die Menschen zu verwirren und zu verführen, auf den Schoß – husch! waren sie fort. Das war alles vorgestern Nacht. Nun sind die Irrlichter in der Stadt, jetzt haben sie die Sache schon angepackt, aber wie und wo – ja, sag mir das! Ich habe einen Wetterfaden in meinem großen Zeh, der mir immer etwas davon erzählt.«
»Das ist ein ganzes Märchen!« sagte der Mann.
»Das ist doch nur der Anfang von einem«, antwortete die Frau. »Können Sie mir erzählen, wie sich die Irrlichter nun tummeln und betragen, in welchen Gestalten sie aufgetreten sind, um die Menschen auf falsche Wege zu bringen?«

»Ich glaube wohl«, sagte der Mann, »es könnte ein ganzer Roman über die Irrlichter geschrieben werden, ganze zwölf Teile, einer über jedes Irrlicht, oder vielleicht noch besser eine ganze Volkskomödie.«
»Das sollten Sie schreiben«, sagte das Weib, »oder besser es lieber sein lassen!«
»Ja, das wäre angenehmer und bequemer«, sagte der Mann, »dann brauchte man sich nicht in der Zeitung zerreißen zu lassen; denn das ist einem genau so unangenehm wie einem Irrlicht, wenn es in einem Baume liegen und leuchten muss, aber sich nicht mucksen darf.«
»Mir ist das ganz gleich«, sagte die Moorfrau, »aber lassen Sie lieber andere schreiben, solche, die es können, und die, die es nicht können. Ich gebe Ihnen einen alten Zapfen von meinem Fass, der öffnet den Schrank mit der Poesie auf Flaschen, daraus können Sie bekommen, was Ihnen fehlt; aber Sie, mein guter Mann, scheinen mir nun Ihre Finger genug mit Tinte beklackert zu haben und sollten wohl in das Alter und zu der Gelassenheit gekommen sein, dass Sie nicht jedes Jahr dem Märchen nachlaufen müssen, wo nun viel wichtigere Dinge zu tun sind. Sie haben doch wohl verstanden, was los ist?«

»Die Irrlichter sind in der Stadt«, sagte der Mann. »Ich habe es gehört, ich habe es verstanden. Aber was meinen Sie, was ich tun soll? Es erginge mir ja doch schlecht, wenn ich sie sähe und den Leuten sagte: ‚Seht einmal, da geht ein Irrlicht im Maßanzug!‘«
»Sie gehen auch in Hemden«, sagte die Frau. »Das Irrlicht kann jede Gestalt annehmen und allerorten auftreten. Es geht in die Kirche, nicht um Gottes willen, nein – vielleicht ist es sogar in den Priester gefahren. Es spricht am Wahltag nicht zu des Landes und des Reiches Gunsten, sondern nur zu seinem eigenen Vorteil; es ist Künstler, sowohl im Farbentopf als auch im Theatertopf, aber bekommt es die ganze Macht, dann ist der Topf leer!

Ich schwatze und schwatze, doch es muss heraus, was ich auf dem Herzen habe, zum Schaden meiner eigenen Familie; aber ich muss jetzt die Retterin der Menschen sein! Das geschieht wahrlich nicht aus guter Absicht oder um einer Medaille willen. Ich tue das Verrückteste, was ich tun kann, ich sage es einem Poeten, und so bekommt es gleich die ganze Stadt zu wissen.«
»Die Stadt nimmt sich das nicht zu Herzen«, sagte der Mann. »Das wird keinen einzigen Menschen bekümmern; sie glauben alle, dass ich ein Märchen erzähle, während ich ihnen im tiefsten Ernst sage: ‚Die Irrlichter sind in der Stadt‘, sagte die Moorfrau, ‚nehmt euch in Acht.‘«

Ich habe den Text aus „Sämmtliche Märchen“ sprachlich überarbeitet und mich dabei auf die Übersetzung in„Neue Märchen und Geschichten. Zweite Folge“ (1866) gestützt, gelegentlich auch einen Blick in Eva-Maria Blühms Textfassung geworfen. Ein kurze Analyse steht hier: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/10/andersen-die-irrlichter-sind-in-der-stadt-sagte-die-moorfrau-kurze-analyse/

Hans Chr. Andersen: Der Kobold und die Madame – Text und Analyse

Andersen: Der Kobold und die Madame

Den Kobold kennst du; aber kennst du auch die Madame, die Gärtnersfrau? Sie besaß Bildung, kannte Gedichte auswendig, sie konnte mit Leichtigkeit selber welche schreiben; nur die Reime, „das Geklingel“, wie sie es nannte, machten ihr ein wenig Mühe. Sie war zum Schreiben und Reden begabt, sie hätte sehr gut Pastor sein können, wenigstens die Frau eines Pastors.

Die Erde ist herrlich in ihrem Sonntagskleid!“ sagte sie, und den Gedanken hatte sie in Verse und „Geklingel“ gebracht, hatte ein schönes langes Lied daraus gemacht.

Der Seminarist, Herr Kisserup, der Name tut aber nichts zur Sache, des Gärtners Neffe, besuchte die Gärtnersleute. Er hörte dort das Gedicht der Madame; das tue ihm gut, sagte er, tue im Innersten richtig gut. „Sie haben Geist, Madame“, sagte er.

Unsinn“, sagte der Gärtner. „Setz ihr nicht so was in den Kopf! Eine Frau soll Körper sein, ordentlicher Körper, und auf ihren Kochtopf achtgeben, damit die Grütze nicht anbrennt.“

Das Angebrannte schabe ich schon ab“, sagte die Madame. „Und wenn du dich darüber aufregst, bekommst du ein Küsschen. Man sollte meinen, du dächtest nur an Kohl und Kartoffeln, in Wahrheit liebst du jedoch die Blumen.“ Und dabei küsste sie ihn. „Die Blumen sind der Geist“, sagte sie.

Pass auf deinen Kochtopf auf!“ sagte er und ging in den Garten. Der war sein Kochtopf, auf den gab er acht.

Aber der Seminarist blieb bei der Madame sitzen und redete mit ihr. Über ihre ergreifenden Worte „Die Erde ist herrlich“ hielt er ihr auf seine Weise eine ganze Predigt.

Die Erde ist herrlich; machet sie euch untertan, wurde gesagt, und wir wurden ihre Herren. Einer ist es durch den Geist, der andere durch den Körper; der eine wurde als Ausrufezeichen des Bewunderns in die Welt gesetzt, ein anderer als Gedankenstrich, so dass man wohl fragen kann, was er hier soll. Einer wird Bischof, ein anderer nur ein kleiner Seminarist, aber alles ist weise eingerichtet. Die Erde ist herrlich, sie ist immer im Sonntagskleid. Ihr Gedicht, Madame, war geistreich, voller Gefühl und Geographie.“

Sie haben Geist, Herr Kisserup“, sagte die Madame, „einen großen Geist, das versichere ich Ihnen! Man gewinnt Klarheit über sich selber, wenn man mit Ihnen spricht.“

Und dann redeten sie weiter, beide schön und beide gut; aber draußen in der Küche redete auch jemand, nämlich der Kobold, der kleine graugekleidete Kobold mit der roten Mütze, du kennst ihn! Der Kobold saß in der Küche und war ein Topfgucker; er redete, aber niemand hörte ihn, außer der großen schwarzen Katze, dem Sahnedieb, wie die Madame sie nannte.

Der Kobold war böse auf die Madame, denn diese glaubte nicht an seine Existenz, das wusste er; sie hatte ihn zwar niemals gesehen, aber bei all ihrer Belesenheit müsste sie doch wissen, dass er existierte, und ihm ab und zu eine kleine Aufmerksamkeit erweisen. Aber es fiel ihr nicht ein, am Weihnachtsabend auch nur einen Löffel Milchreis für ihn hinzustellen; den hatten alle seine Vorfahren bekommen, und zwar von lauter Madames, die gar nicht belesen waren. Der Reis hatte in Butter und Sahne geschwommen; die Katze bekam ganz feuchte Lippen, wenn sie nur davon hörte.

Sie nennt mich einen bloßen Begriff“, sagte der Kobold, „das geht wirklich über meinen Verstand. Sie verleugnet mich damit! Das habe ich von ihr gehört, und heute habe ich wieder gelauscht. Sie sitzt da und säuselt dem Seminaristen, dem Kinderwärter, was vor. Ich sage mit dem Gärtner: ‚Pass du auf deinen Kochtopf auf!‘ Das tut sie aber nicht, und deshalb will ich dafür sorgen, dass er überkocht.“

Und der Kobold blies ins Feuer, dass es aufflackerte und hell brannte. Surre-rurre-rupp, da kochte der Topf über.

Jetzt will ich hingehen und Löcher in Vaters Socken machen“, sagte der Kobold. „Ich will ein großes Loch in die Hacke und in die Zehe reißen, dann hat sie was zu stopfen, wenn Madame nicht wieder dichten muss. Alte Dichterin, stopfe lieber Strümpfe!“ Die Katze musste niesen; sie war erkältet, obwohl sie immer mit Pelz ging.

Ich habe die Speisekammertür aufgeschlossen“, sagte der Kobold, „da steht gekochte Sahne, so dick wie Mehlbrei. Wenn du nicht naschen willst, werde ich es tun.“

Wenn ich doch die Schuld und die Prügel bekomme, will ich wenigstens auch von der Sahne schlecken“, sagte die Katze.

Erst die Sahne, dann die Haue!“ sagte der Kobold. „Aber nun will ich in des Seminaristen Stube gehen, seine Hosenträger über den Spiegel hängen und seine Socken in das Waschbecken legen; dann glaubt er, dass der Punsch zu stark und er im Kopf durcheinander war. Diese Nacht habe ich auf dem Holzstapel neben der Hundehütte gesessen; es ist mir ein Vergnügen, den Kettenhund zu ärgern. Ich ließ meine Beine herabhängen und baumeln. Der Hund konnte sie nicht erreichen, wie hoch er auch sprang; das ärgerte ihn. Er kläffte und kläffte, ich ließ die Beine weiter baumeln; es war ein Riesenspektakel. Der Seminarist erwachte davon; er stand dreimal auf und schaute nach, aber er sah mich nicht, obwohl er die Brille aufhatte; er schläft immer mit der Brille auf.“

Sag miau, wenn die Madame kommt“, sagte die Katze. „Ich höre nicht gut, ich bin heute krank.“

Du bist nur schleck-krank!“ sagte der Kobold. „Schleck drauflos, schleck die Krankheit weg! Aber trockne dir den Bart, damit keine Sahne daran hängen bleibt! Ich will jetzt hineingehen und lauschen.“

Und der Kobold stand an der Tür; die Tür war angelehnt, es befand sich niemand im Zimmer als die Madame und der Seminarist. Sie sprachen über das, was man, wie es der Seminarist so schön ausdrückte, in jedem Haus über Töpfe und Teller stellen sollte: über die Gaben des Geistes.

Herr Kisserup“, sagte die Madame, „nun will ich Ihnen in Bezug darauf etwas zeigen, was ich bisher noch keiner Menschenseele, am allerwenigsten einem Mann gezeigt habe, nämlich meine kleinen Dichtungen – einige sind freilich etwas länger. Ich habe sie ‚Widmungen einer germanischen Frau‘ genannt; ich liebe die uralten Wörter so sehr.“

Ja, die muss man auch lieben; man muss die Fremdwörter aus der Sprache ausmerzen.“ „Das tue ich auch“, entgegnete die Madame, „niemals werden Sie mich ‚Papa‘ oder ‚amüsieren‘ sagen hören; ich sage ‚Kindesvater‘ und ‚sich vergnügen‘.“ Und sie entnahm der Schublade ein Schreibheft mit hellgrünem Umschlag und zwei Tintenklecksen.

Es steht viel Ernstes in dem Buch!“ sagte sie. „Ich habe am meisten Sinn für das Traurige. Da ist ‚Der Seufzer in der Nacht‘, ‚Mein Abendrot‘ und ‚Als ich Klemm bekam‘, meinen Mann nämlich. Das letztere können Sie überspringen, obwohl viel Gefühl und tiefe Gedanken darin stecken. ‚Hausfrauenpflichten‘ ist das beste Gedicht! Aber alle sind traurig, darin liegt nun einmal meine Begabung. Nur eines ist in scherzendem Ton gehalten; das sind einige fröhliche Gedanken, wie man sie ja auch haben kann – nein, Sie dürfen nicht über mich lachen! – Gedanken darüber, dass ich eine Dichterin bin. Das alles kenne nur ich selbst und meine Schublade, und nun kennen Sie es auch, Herr Kisserup. Ich liebe die Poesie, sie kommt so über mich, sie neckt mich, sie beherrscht und leitet mich. Ich habe das in dem Gedicht ‚Der kleine Kobold‘ zum Ausdruck gebracht. Sie kennen ja den alten Volksglauben von dem Hauskobold, der stets seine Spielchen im Hause treibt. Ich habe mir vorgestellt, dass ich selber das Haus bin und dass die Poesie, das Gefühl in mir, der Kobold, der Geist ist, der alles leitet; seine Macht, seine Größe habe ich in ‚Der kleine Kobold‘ besungen. Aber Sie müssen mir versprechen, dass Sie das niemals meinem Mann oder sonst jemandem verraten. Lesen Sie es laut, damit ich hören kann, ob Sie mein Werk verstehen.“

Und der Seminarist las und die Madame hörte zu, und der kleine Kobold hörte zu; er horchte, wie du weißt, und war gerade in dem Augenblick gekommen, als die Überschrift „Der kleine Kobold“ gelesen wurde.

Das betrifft mich ja!“ sagte er. „Was kann sie nur über mich geschrieben haben? Ja, ich will sie schon strafen; ich nehme ihr die Eier weg, nehme ihr die Hühner weg und jage dem Kalb das Fett ab. Sieh mal an, diese Madame!“

Und er lauschte mit spitzem Mund und langen Ohren; aber je mehr er von der Herrlichkeit und Macht des Kobolds, von seiner Gewalt über die Madame hörte – damit meinte sie ja, wie du weißt, die Dichtkunst, aber der Kobold verstand es wörtlich, er hielt sich an die Überschrift – um so heller wurde sein Lächeln, um so mehr strahlten seine Augen vor Freude. Es kam ein vornehmer Zug in seine Mundwinkel; er hob seine Fersen in die Höhe, stand auf den Zehenspitzen, wurde einen ganzen Zoll größer als sonst; er war entzückt über alles, was von dem kleinen Kobold gesagt wurde.

Die Madame hat Geist und große Bildung. Wie hab ich der Frau doch unrecht getan! Sie hat mich in ihre Gedichte aufgenommen, die werden gedruckt und gelesen werden! Von nun an soll die Katze nicht mehr ihre Sahne trinken dürfen, das werde ich selber tun! Einer trinkt weniger als zwei, das ist immer eine Ersparnis; das will ich so einführen, die Madame will ich achten und ehren.“

Er ist ja der reinste Mensch, dieser Kobold!“ sagte die Katze. „Nur ein süßes Miau von der Madame, ein Miau über ihn selber, und schon ist er anders gesinnt. Die Madame hat‘s hinter den Ohren!“

Aber nicht die Madame hatte es hinter den Ohren; es war der Kobold, der wie ein Mensch dachte.

Wenn du diese Geschichte nicht recht verstehst, so frage ruhig; aber den Kobold darfst du nicht fragen und auch nicht die Madame.

Ich habe den Text aus „Sämmtliche Märchen“ sprachlich überarbeitet und mich dabei auch auf Eva-Maria Blühms Übersetzung (ebenfalls eine Überarbeitung von „Sämmtliche Märchen“) und „Neue Märchen und Geschichten. Fünfte Folge“ von H.C. Andersen, 1872, bezogen (dort als „Das Petermännchen und die Madame“). Eine Analyse steht hier: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/10/andersen-der-kobold-und-die-madam-kurze-analyse/

Hans Chr. Andersen: Der Floh und der Professor – Text und Analyse

Andersen: Der Floh und der Professor

Es war einmal ein Luftschiffer, dem erging es schlecht; sein Ballon platzte, der Mann plumpste herunter und wurde völlig zerfetzt. Seinen Jungen hatte er zwei Minuten vorher mit dem Fallschirm hinabgeschickt, das war des Jungen Glück; er blieb unbeschädigt und lebte mit allen Kenntnissen weiter, die ein Luftschiffer haben muss. Aber er hatte keinen Ballon und auch nicht die Mittel, sich einen zu beschaffen.

Leben musste er jedoch, und so verlegte er sich auf Kunststücke der Geschicklichkeit und darauf, mit dem Leib reden zu können, das heißt, Bauchredner zu sein. Er war jung und sah gut aus, und als er einen Bart bekam und gute Kleider anzog, konnte man ihn für einen Grafensohn halten. Die Damen fanden ihn schön, ja, ein Mädchen wurde von seiner Schönheit und seiner Geschicklichkeit so fasziniert, dass sie ihn in fremde Städte und Länder begleitete; dort nannte er sich Professor, darunter tat er es nicht.

Sein ständiger Gedanke war, einen Luftballon zu beschaffen und sich mit seiner kleinen Frau in die Lüfte zu erheben, aber sie hatten noch nicht die Mittel dazu. Die kommen noch“, sagte er. Wenn sie nur kommen wollten!“ entgegnete sie. Wir sind ja junge Leute! Und nun bin ich ein Professor; Krümeln sind auch Brot.“

Sie half ihm getreulich bei der Arbeit, saß am Eingang und verkaufte Billetts zur Vorstellung, und das war im Winter ein kaltes Vergnügen. Sie half ihm auch in einem Kunststück: Er steckte seine Frau ins Schubfach, ein großes Schubfach; da kroch sie ins Hinterfach, dann war sie im Vorderfach nicht zu sehen – sie war fort; das war wie eine Täuschung der Augen.

Aber eines Abends, als er das Schubfach aufzog, war sie auch von ihm fort; sie war nicht im Vorderfach, nicht im Hinterfach, nicht im ganzen Haus, war weder zu sehen noch zu hören; das war ein Kunststück ihrer Geschicklichkeit. Sie kam niemals wieder; sie hatte es satt gehabt, und so wurde auch er es satt, verlor seine gute Laune, konnte nicht mehr lachen oder Witze machen, und bald kamen auch keine Leute mehr. Der Verdienst wurde schlecht, die Kleider wurden schlecht; er besaß zuletzt nur noch einen großen Floh, ein Erbstück seiner Frau; deshalb hielt er viel von ihm. Nun dressierte er ihn, lehrte ihn Kunststücke der Geschicklichkeit, lehrte ihn, das Gewehr zu präsentieren und eine Kanone abzuschießen, aber nur eine kleine.

Der Professor war stolz auf den Floh, und der war stolz auf sich selber; er hatte etwas gelernt, hatte Menschenblut in sich und war in den größten Städten gewesen, war von Prinzen und Prinzessinnen gesehen worden und hatte ihren allerhöchsten Beifall gewonnen. Das stand gedruckt in den Zeitungen und auf den Plakaten. Er wußte, dass er eine Berühmtheit war und einen Professor, ja sogar eine ganze Familie ernähren konnte.

Stolz war er und berühmt war er, und doch, wenn er und der Professor reisten, fuhren sie in der Eisenbahn vierter Klasse; die fährt genau so schnell wie die erste. Es gab ein stillschweigendes Gelübde, dass sie sich niemals trennen wollten, auch niemals sich verheiraten – der Floh wollte Junggeselle bleiben und der Professor Witwer; das kommt auf dasselbe hinaus.

Wo man das größte Glück hatte“, sagte der Professor, „dahin soll man nicht zum zweiten Mal gehen!“ Er war ein Menschenkenner, und das ist auch eine Kenntnis.

Zuletzt hatten sie alle Länder bereist, außer dem Land der Wilden; und so wollte er hin zu dem Land der Wilden. Dort aß man freilich Christenmenschen, das wußte der Professor, aber er war kein richtiger Christ und der Floh kein richtiger Mensch; so meinte er, dass er wohl dahin reisen und gutes Geld verdienen könnte. Sie reisten mit dem Dampfschiff und mit dem Segelschiff; der Floh zeigte seine Künste, und so hatten sie freie Reise und kamen in das Land der Wilden.

Hier regierte eine kleine Prinzessin, sie war erst acht Jahre, aber sie regierte; sie hatte Vater und Mutter die Macht abgenommen, denn sie hatte einen starken Willen und war unvergleichlich reizend und unartig. Sogleich als der Floh das Gewehr präsentierte und die Kanone abschoss, war sie von dem Floh so sehr eingenommen, dass sie sagte: „Ihn oder keinen!“ Sie wurde ganz wild vor Liebe; dabei war sie schon vorher wild gewesen.

Süßes, kleines, vernünftiges Kind“, sagte ihr Vater, „könnte man bloß einen Menschen aus ihm machen!“ Dafür lass mich sorgen, Alter!“ sagte sie; das ist nicht nett gesagt von einer kleinen Prinzessin, die mit ihrem Vater spricht, aber sie war eben wild. Sie setzte den Floh auf ihre kleine Hand. „Nun bist du ein Mensch und regierst mit mir; aber du sollst tun, was ich will, sonst schlage ich dich tot und fresse den Professor.“

Der Professor bekam einen großen Saal, um darin zu wohnen. Die Wände waren aus Zuckerrohr; daran hätte er lecken können, aber er war kein Leckermaul. Er bekam eine Hängematte, um darin zu schlafen; es war, als läge er in einem Luftballon – den hatte er sich immer gewünscht und daran dachte er beständig.

Der Floh blieb bei der Prinzessin, er saß auf ihrer kleinen Hand und auf ihrem feinen Hals. Sie hatte ein Haar von ihrem Kopf genommen, das musste der Professor dem Floh ums Bein binden; und so hielt sie ihn an das große Korallenstück gebunden, das sie im Ohrläppchen trug.

Das war eine herrliche Zeit für die Prinzessin, auch für den Floh, dachte sie; aber der Professor war nicht zufrieden, er war ein Reisemensch. Er liebte es, von Land zu Land zu ziehen und in den Zeitungen Berichte von seiner Unterhaltungskunst und Klugheit zu lesen und dass er einen Floh lehren konnte, Dinge wie ein Mensch zu verrichten. Tagaus, tagein lag er in der Hängematte, faulenzte und bekam sein gutes Essen, frische Vogeleier, Elefantenaugen und gebratene Giraffenohren; die Menschenfresser leben nämlich nicht nur von Menschenfleisch, das ist eine seltene Delikatesse. „Kinderschultern mit scharfer Sauce“, sagte die Mutter der Prinzessin, „ist das Delikateste.“

Der Professor langweilte sich und wollte gerne fort aus dem Land der Wilden, aber den Floh musste er mitnehmen; der war ein Wunder und sein Lebensunterhalt. Wie sollte er ihn jedoch kriegen? Das war nicht so leicht. Er spannte alle seine Geisteskräfte an, und dann sagte er: „Nun habe ich es!“

Prinzessinvater, vergönne mir, etwas zu tun! Darf ich die Bewohner des Landes im Präsentieren üben? Das ist das, was man in den größten Ländern der Welt Bildung nennt“ Und was kannst du mich lehren?“ fragte der Prinzessinvater. Meine größte Kunst“, sagte der Professor, „nämlich eine Kanone abzufeuern, so dass die ganze Erde bebt und die leckersten Vögel des Himmels gebraten herabfallen. Das ist der Knalleffekt dabei!“ Komm mit der Kanone!“ sagte der Prinzessinvater.

Aber im ganzen Land gab es keine Kanone außer der, die der Floh mitgebracht hatte, und die war zu klein.

Ich gieße eine größere zurecht“, sagte der Professor. „Gib mir nur die Mittel! Ich muss feines Seidenzeug haben, Nadel und Faden, Taue und Schnüre und Magentropfen für Luftballons; die blasen auf, machen leicht und heben hoch, sie ergeben den Knall im Kanonenbau.“ All das, was er verlangte, bekam er. Alle Leute strömten zusammen, um die große Kanone zu sehen. Der Professor hatte sie nicht gerufen, bevor er nicht den Ballon zum Auffüllen und Aufsteigen fertig hatte.

Der Floh saß auf der Hand der Prinzessin und sah zu. Der Ballon wurde gefüllt, er schwoll und konnte kaum gehalten werden, so wild war er. Ich muss ihn in der Luft haben, damit er abkühlen kann“, sagte der Professor und setzt sich in den Korb, der unter dem Ballon hing. „Allein vermag ich ihn nicht zu lenken. Ich muss einen kundigen Kameraden dabei haben, der mir hilft. Hier ist keiner, der das kann, außer dem Floh.“

Ich gestatte es ungern“, sagte die Prinzessin, aber sie reichte den Floh doch dem Professor, der ihn auf seine Hand setzte. Lasst Taue und Schnüre los!“ sagte er. „Dann geht der Ballon hoch. “ Sie glaubten, er sagte: „Die Kanone!“ Und dann stieg der Ballon hoch und höher, hinauf über die Wolken, fort von dem Land der Wilden.

Die kleine Prinzessin, ihr Vater und ihre Mutter, das ganze Volk standen da und warteten. Sie warten noch immer, und glaubst du das nicht, so reise nach dem Land der Wilden! Dort spricht jedes Kind vom Floh und dem Professor und glaubt, dass sie wiederkommen, wenn die Kanone abgekühlt ist. Aber sie kommen nicht wieder, sie sind daheim bei uns, sie sind in ihrem Vaterland, fahren mit der Eisenbahn erster Klasse, nicht vierter; sie haben einen guten Verdienst und einen großen Ballon. Keiner fragt, wie sie an den Ballon gekommen sind oder woher sie ihn haben; sie sind angesehene Leute, allseits geschätzte Zeitgenossen, der Floh und der Professor.

Der Text aus „Sämmtliche Märchen“ wurde, auch mit Rückgriff auf die Übersetzung Eva-Maria Blühms, von mir sprachlich überarbeitet. Kurze Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/11/andersen-der-floh-und-der-professor-kurze-analyse/

Hand Chr. Andersen: Die Kröte – Text und Analyse

Andersen: Die Kröte

Der Brunnen war tief, darum war die Schnur lang. Die Winde ging sehr schwer, wenn man den Eimer mit Wasser über den Brunnenrand heben wollte. Die Sonne konnte niemals den Grund erreichen und sich in dem Wasser spiegeln, wie klar es auch war; aber so weit sie in den Brunnen hineinscheinen konnte, wuchs Grün zwischen den Steinen.

Dort unten wohnte eine Familie aus dem Geschlecht der Kröten, sie war eingewandert. Sie war eigentlich kopfüber hinuntergefallen in Gestalt der alten Krötenmutter, die noch lebte; die grünen Frösche, die hier seit viel längerer Zeit zu Hause waren und im Wasser herumschwammen, erkannten die Vetternschaft an und nannten sie Brunnengäste. Sie hatten die Absicht, hier unten zu bleiben; sie lebten hier sehr angenehm auf dem Trockenen – so nannten sie die nassen Steine.

Die Froschmutter war einmal auf Reisen gegangen, war im Wassereimer gewesen, als der in die Höhe ging; aber es wurde ihr zu hell, sie bekam Augenschmerzen. Glücklicherweise gelang es ihr, aus dem Eimer zu entkommen; sie fiel mit einem lauten Plumps ins Wasser und litt drei ganze Tage danach an Rückenschmerzen. Viel konnte sie nicht von der Welt da oben erzählen, aber das wusste sie, und das wussten deshalb alle, dass der Brunnen nicht die ganze Welt war. Die Krötenmutter freilich hätte davon erzählen können; aber sie antwortete niemals, wenn man sie fragte, und da fragte man lieber erst gar nicht.

Dick und hässlich, fett und grässlich!“ sangen die jungen grünen Frösche. „Ihre Jungen werden bald ebenso hässlich sein.“

Das mag wohl sein“, sagte die Krötenmutter. „Aber eins von ihnen hat einen Edelstein im Kopf; sonst habe ich ihn.“

Und die grünen Frösche hörten es und sie glotzten; und da ihnen das gar nicht gefiel, so schnitten sie eine Fratze und verschwanden auf den Grund des Wassers. Aber die jungen Kröten streckten ihre Hinterbeine vor lauter Stolz; eine jede glaubte, den Edelstein zu haben. Daher saßen sie ganz still da, ohne den Kopf zu bewegen; aber endlich fragten sie, worauf sie denn stolz seien und was so ein Edelstein eigentlich sei.

Das ist etwas so Herrliches und Kostbares“, sagte die Krötenmutter, „dass ich es nicht beschreiben kann. Das ist etwas, was man zu seinem eigenen Vergnügen trägt und worüber die andern sich ärgern. Aber fragt mich nicht weiter, ich antworte doch nicht!“

Ja, ich habe den Edelstein nicht“, sagte die kleinste Kröte; sie war so hässlich, wie man nur sein konnte. „Warum sollte gerade ich eine solche Kostbarkeit haben? Und wenn sich andre darüber ärgern, kann ich mich ja nicht darüber freuen. Nein, ich wünsche mir, dass ich einmal an die Brunnenkante hinaufkomme und hinaussehen kann; das muss herrlich sein!“

Bleib du nur, wo du bist“, sagte die Alte, „da weißt du, was du hast, und das kennst du. Nimm dich vor dem Eimer in Acht, der zerquetscht dich! Und wenn du glücklich in ihn hineinkommst, kannst du hinausfallen; nicht alle fallen so glücklich wie ich und behalten ihre heilen Glieder und ihre Eier.“

Quaak“, sage die Kleine, und das war so, als wenn wir Menschen „Ach“ sagen.

Sie hatte große Lust, auf den Brunnenrand hinaufzukommen und sich oben umzusehen; sie war voller Sehnsucht nach dem Grünen da oben. Und als am nächsten Morgen der Eimer mit Wasser gefüllt und in die Höhe gezogen wurde und zufällig gerade vor dem Stein anhielt, auf dem die Kröte saß, durchfuhr es das Tier; es sprang in den vollen Eimer hinein und fiel bis auf seinen Boden. Der Eimer wurde dann hinaufgezogen und ausgegossen.

Pfui Teufel!“ sagte der Knecht, der sie sah. „Das ist wahrhaftig das Gräulichste, was ich je gesehen habe!“ Und dann stieß er mit seinem Holzschuh nach der Kröte, die beinahe zerquetscht wäre, aber doch in die hohen Brennnesseln entkam. Da stand ein Stengel neben dem anderen. Sie schaute aufwärts: Die Sonne schien auf die Blätter, so dass sie ganz durchsichtig waren; das war für die Kröte so, als wenn wir Menschen in einen großen Wald kommen, wo die Sonne zwischen den Zweigen und Blättern hindurchscheint.

Hier ist es viel schöner als unten im Brunnen. Hier könnte man sein ganzes Leben bleiben“, sagte die kleine Kröte. Sie lag dort eine Stunde, sie lag dort zwei Stunden. „Was wohl hinter den Nesseln ist? Wenn ich so weit gekommen bin, muss ich sehen, dass ich weiter komme!“ Und sie kroch, so schnell sie kriechen konnte, und kam auf einen Weg hinaus, wo die Sonne schien und der Staub sie bepuderte, während sie über die Landstraße weg marschierte.

Hier ist man tatsächlich auf dem Trocknen“, sagte die Kröte, „ich bekomme fast zuviel des Guten; es kribbelt schon in mir.“

Bald kam sie an den Graben. Da wuchsen Vergissmeinnicht und Spiersträucher, da standen Hecken aus Holunder und Weißdorn, dort wuchsen Ackerwinden, „Marias weiße Hemdärmel“. Viele Farben konnte man sehen, auch ein Schmetterling schaukelte da; die Kröte glaubte, es sei eine Blume, die sich losgerissen hätte, um sich besser in der Welt umsehen zu können; das wäre ganz natürlich.

Wenn man auch so schnell vorwärts kommen könnte wie dieses Ding!“ sagte die Kröte. „Quaak, ach, wie viel Schönes ist hier zu sehen!“

Acht Tage und Nächte blieb sie am Graben, es fehlte ihr nicht an Nahrung. Am neunten Tage dachte sie: „Weiter!“ Aber ob sie etwas Schöneres finden würde? Vielleicht eine kleine Kröte oder ein paar grüne Frösche? Es hatte in der letzten Nacht so geklungen, als wenn Vettern in der Nähe wären.

Es ist so schön zu leben; aus dem Brunnen herauszukommen, in den Brennnesseln zu liegen, über den staubigen Weg zu kriechen und in dem nassen Graben zu liegen! Aber vorwärts! Ich muss doch versuchen, Frösche oder eine kleine Kröte zu finden; auf die kann man nicht verzichten, die Natur allein genügt einem nicht.“ Und dann machte sie sich erneut auf die Wanderung.

Sie kam übers Feld an einen großen Teich, der rundum mit Schilf bewachsen war; da hinein schlüpfte sie.

Hier ist es wohl reichlich feucht für Sie“, sagten die Frösche, „aber Sie sind uns willkommen! Sind Sie weiblichen oder männlichen Geschlechts? Aber das ist auch einerlei, Sie sind uns in beiden Fällen willkommen.“

Und dann wurde sie zum Konzert am Abend eingeladen; Familienkonzert, große Begeisterung und dünne Stimmen, das kennen wir. Es gab nichts zu essen, nur freie Getränke – der ganze Teich, wenn‘s nötig war.

Jetzt reise ich weiter“, sagte später die kleine Kröte; sie hatte immer das Bedürfnis nach etwas Besserem.

Sie sah die Sterne schimmern, so groß und so klar; sie sah den Vollmond leuchten, später die Sonne aufgehen, höher und höher.

Ich bin wohl noch immer in einem Brunnen, einem großen Brunnen, ich muss höher hinauf! Mich treibt eine Unruhe und die Sehnsucht.“ Und als der Mond wieder ganz hell und rund wurde, dachte das arme Tier: „Ob das wohl der Eimer ist, der herabgelassen wird und in den ich hineinspringen muss, um höher hinaufzukommen? Oder ist etwa die Sonne der große Eimer? Wie gewaltig sie ist, wie sie strahlt! Sie kann alles zusammen aufnehmen, ich muss die Gelegenheit nutzen. Ach, wie es in meinem Kopf leuchtet! Ich glaube nicht, dass der Edelstein besser leuchten kann. Aber den habe ich nicht, und ich weine auch deswegen nicht, nein, ich will höher hinauf in Glanz und Freude! Ich bin sehr zuversichtlich, und doch empfinde ich Angst – es ist ein schwerer Schritt, den ich tun will. Aber man muss ihn einfach tun! Vorwärts! Immer der Landstraße entlang!“

Und sie machte so große Schritte, wie sie ein Krabbeltier nur machen kann, und dann war sie auf der breiten Landstraße, wo die Menschen wohnten; da waren Blumengärten und Kohlgärten. Bei einem Kohlgarten machte sie Rast.

Wie viele verschiedene Geschöpfe es doch gibt, die ich nie gekannt habe! Und wie groß und herrlich die Welt ist! Aber man soll sich auch darin umsehen und nicht immer auf einem Fleck sitzen bleiben.“ Und dann hüpfte sie in den Kohlgarten hinein. „Wie grün es hier ist, richtig schön!“

Ja, das weiß ich recht gut“, sagte der Kohlwurm auf seinem Blatt. „Mein Blatt ist das größte hier drinnen! Es verbirgt die halbe Welt, aber auf die kann ich gut verzichten.“

Gluck, gluck“, sagte es; es kamen Hühner, sie trippelten im Kohlgarten. Das erste Huhn war weitsichtig; es sah den Wurm auf dem krausen Blatt und pickte danach, so dass er auf die Erde fiel, wo er sich wand und drehte. Das Huhn sah ihn erst mit dem einen Auge und dann mit dem anderen an, denn es wusste nicht, was aus dem Drehen und Winden werden würde.

Gute Absichten hat er nicht“, dachte das Huhn und erhob den Kopf, um nach dem Wurm zu picken. Die Kröte erschrak darüber so, dass sie dicht an das Huhn heran kroch.

So, er hat also Hilfstruppen“, sagte das Huhn. „So ein Wurmgezücht!“ Und damit wandte es sich ab. „Ich mache mir nichts aus dem kleinen grünen Mundvoll, der kitzelt ja nur im Hals!“ Die andern Hühner waren derselben Ansicht, deshalb gingen sie.

Ich habe mich gewunden und gekrümmt, bis sie gingen“, sagte der Kohlwurm. „Es ist doch gut, Geistesgegenwart zu besitzen; aber das Schwerste steht mir noch bevor, nämlich auf mein Kohlblatt wieder hinaufzukommen. Wo ist es nur?“

Und die kleine Kröte kam zu ihm und äußerte ihre Teilnahme. Sie freute sich, dass sie die Hühner mit ihrer Hässlichkeit verscheucht hatte.

Wie meinen Sie das?“ fragte der Kohlwurm. „Ich habe mich schließlich selber durch mein Krümmen und Winden befreit. Sie sind unangenehm anzusehen! Ich möchte in meinem eigenen Haus gern allein sein. Jetzt reise ich im Kohl, bis ich bei meinem Blatt angelangt bin. Es gibt doch nicht Schöneres als das eigene Heim! Aber höher hinauf muss ich noch.“

Ja, höher hinauf“, sagte die kleine Kröte, „höher hinauf! Er hat dieselben Empfindungen wie ich! Aber er ist heute schlechter Laune, das kommt von dem Schrecken mit dem Huhn. Wir wollen alle höher hinaus!“ Und sie sah so hoch empor, wie sie nur konnte.

Der Storch saß im Nest auf dem Dach des Bauernhauses; er klapperte, und die Storchenmutter klapperte auch.

In dem Bauernhause wohnten zwei junge Studenten, der eine war Dichter, der andere Naturforscher; der eine sang und schrieb voller Freude von allem, was Gott geschaffen hatte, wie es sich in seinem Herzen spiegelte. Er sang es in die Welt hinaus, reich und bewegt in klangvollen Versen. Der andere packte die Dinge selber an; ja, er schnitt sie auf, wenn es nötig war. Er fasste des lieben Gottes Schöpfung als großes Rechenexempel auf; er subtrahierte und multiplizierte, er wollte alles in- und auswendig kennen und sprach mit Verstand davon – und es war ein guter Verstand – und er sprach voll Freude und Klugheit von den Dingen. Es waren gute, fröhliche Menschen, alle beide.

Da sitzt ja ein famoses Exemplar von einer Kröte“, sagte der Naturforscher, „die muss ich in Spiritus setzen.“

Du hast doch schon zwei solche“, meinte der Dichter. „Lasse sie doch in Frieden sitzen und sich ihres Lebens freuen!“

Aber sie ist so herrlich hässlich!“ sagte der andere.

Ja, wenn wir den Edelstein in ihrem Kopf finden könnten“, sagte der Dichter, „dann wäre ich gleich mit dabei, sie aufzuschneiden.“

Den Edelstein?“ sagte der andere. „Du scheinst mir viel von Naturkunde zu verstehen!“

Aber liegt nicht gerade etwas Schönes in dem Volksglauben, dass die Kröte, selber das hässlichste Tier, in ihrem Kopf den kostbarsten Edelstein verbirgt? Und geht es nicht mit den Menschen ebenso? Welchen Edelstein steckte nicht in Äsop, und erst recht in Sokrates!“

Mehr hörte die Kröte nicht; sie verstand auch nicht die Hälfte von dem, was sie hörte. Die beiden Freunde gingen fort und sie wurde davor bewahrt, in Spiritus gesetzt zu werden.

Sie sprachen ebenfalls von dem Edelstein“, sagte die Kröte. „Ein Glück, dass ich ihn nicht habe, sonst wäre mir ein Unglück zugestoßen!“

Da klapperte es auf dem Dach des Bauernhauses; der Storchenvater hielt seiner Familie einen Vortrag, und die sah schief hinab auf die beiden jungen Leute im Kohlgarten.

Der Mensch ist die eingebildetste Kreatur“, sagte der Storch. „Hört nur, wie ihm den Schnabel geht! Und dabei können sie doch nicht ordentlich klappern. Sie brüsten sich mit ihrer Fähigkeit zu reden, mit ihrer Sprache. Eine nette Sprache ist das. Sobald sie nur eine Tagesreise machen, können sie sich nicht mehr den Leuten verständlich machen; einer versteht den andern nicht mehr. Unsere Sprache können wir in der ganzen Welt verwenden, in Dänemark so gut wie in Ägypten. Fliegen können die Menschen auch nicht; sie behelfen sich mit einem Gerät, das sie ‚Eisenbahn‘ nennen, aber auch damit brechen sie sich noch oft genug den Hals; es läuft mir kalt über den Schnabel, wenn ich nur daran denke. Die Welt kann sehr gut ohne Menschen bestehen. Wir könnten sie entbehren, wenn wir nur die Frösche und Regenwürmer behalten!“

Das war ja eine gewaltige Rede“, dachte die kleine Kröte. „Was für ein großer Mann das ist! Wie hoch er sitzt, und wie gut er schwimmen kann!“ rief sie aus, als der Storch seine Flügel ausbreitete und durch die Lüfte dahinflog.

Dann redete die Storchenmutter im Nest; sie erzählte von dem Land Ägypten, von dem Wasser des Nils und von all dem köstlichen Schlamm, der in dem fremden Lande ist. Das war für die kleine Kröte ganz neu, und es klang so lieblich.

Ich muss nach Ägypten!“ sagte sie. „Wenn mich nur der Storch mitnehmen wollte oder eins von seinen Jungen. Ich will ihn dafür an seinem Hochzeitstag bedienen. Ja, ich komme nach Ägypten, denn das Glück ist mir hold! Die ganze Sehnsucht und die Lust, die ich in mir spüre, ist wahrhaftig mehr wert, als einen Edelstein im Kopf zu haben.“

Und dabei besaß gerade sie den Edelstein: die ewige Sehnsucht und Lust „Aufwärts, immer aufwärts!“. Die leuchtete im Innern, die zeigte sich in der Freude, die strahlte in ihrer Lust.

Im gleichen Augenblick kam der Storch; er hatte die Kröte im Gras erspäht, flog herab und packte das kleine Tier nicht allzu sanft. Der Schnabel klemmte sie ein, der Wind sauste, es war nicht angenehm, aber es ging aufwärts, aufwärts, aufwärts nach Ägypten, das wusste die kleine Kröte, und darum strahlten ihre Augen; es war, als flöge ein Funke aus ihnen hervor.

Quaak! Ach!“

Ihr Körper war tot, die Kröte war verendet. Aber der Funke aus ihrem Auge, wo blieb der? Der Sonnenstrahl nahm ihn auf, der Sonnenstrahl trug den Edelstein aus dem Kopf der Kröte. Wohin?

Danach musst du den Naturforscher nicht fragen, frage lieber den Dichter; er erzählt es dir in Form eines Märchens. Auch der Kohlwurm kommt darin vor und die Storchenfamilie. Bedenke es nur: Der Kohlwurm verwandelt sich und wird ein herrlicher Schmetterling. Die Storchenfamilie fliegt über Berge und Meere fort nach dem fernen Afrika und findet doch wieder den kürzesten Weg in die Heimat zurück, zum selben Ort, zum selben Dach. Ja, das ist wirklich alles märchenhaft, und doch ist es wahr! Da kannst gern den Naturforscher fragen, er muss es zugeben; und du selber weißt es auch, denn du kannst es sehen.

Aber der Edelstein in dem Kopf der Kröte?

Suche ihn in der Sonne! Sieh ihn an, wenn du kannst!

Aber der Glanz dort ist zu stark. Wir haben noch keine Augen, die in all die Herrlichkeit hineinsehen können, die Gott geschaffen hat; aber wir werden sie einstmals bekommen, und das wird dann das schönste Märchen, denn darin kommen auch wir selber vor.

Der Text aus „Sämmtliche Märchen“ wurde von mir sprachlich überarbeitet. Eine kurze Analyse steht hier: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/04/andersen-die-krote-kurze-analyse/

(Die letzten drei Absätze sind sehr erbaulich; dem Märchen fehlt nichts, wenn man sie streicht – das wäre Andersen fürs 21. Jahrhundert.)

Hans Chr. Andersen: Der Mistkäfer – Text und Analyse

Andersen: Der Mistkäfer

Das Leibross des Kaisers bekam goldene Hufbeschläge, ein goldenes Hufeisen an jeden Fuß.
Aber warum?
Es war ein wunderschönes Tier, hatte feine Beine, kluge und helle Augen und eine Mähne, die ihm wie ein Schleier über den Hals herabhing. Es hatte seinen Herrn durch Pulverdampf und Kugelregen getragen, hatte die Kugeln singen und pfeifen gehört; es hatte gebissen, ausgeschlagen und mitgekämpft, als die Feinde eindrangen; es war mit seinem Kaiser in einem Sprung über das gestürzte Pferd des Feindes gesetzt; es hatte die Krone aus rotem Gold und das Leben seines Kaisers gerettet, und das war mehr wert als das rote Gold – deshalb bekam des Kaisers Ross goldene Hufeisen.
Ein Mistkäfer kam hervorgekrochen. »Erst die Großen, dann die Kleinen«, sagte er, »aber die Größe allein macht es nicht.« Und dabei streckte er seine dünnen Beine aus.
»Was willst du denn?« fragte der Schmied.
»Goldene Hufeisen, jawohl!« sagte der Mistkäfer. »Bin ich denn nicht ebenso gut wie das große Tier da, das gewartet und gebürstet wird und dem man Essen und Trinken vorsetzt? Gehöre ich nicht auch in den kaiserlichen Stall?«
»Weshalb bekommt das Ross denn goldene Beschläge?« sagte der Schmied, »begreifst du das nicht?«
»Begreifen? Ich begreife, dass es eine Geringschätzung meiner Person ist«, sagte der Mistkäfer; »es geschieht, um mich zu kränken – ich gehe deshalb fort, in die weite Welt!«
»Nur zu!« sagte der Schmied.
»Du grober Kerl, du!« sagte der Mistkäfer, und dann ging er aus dem Stall hinaus, flog eine kleine Strecke und befand sich bald darauf in einem schönen Blumengarten, wo es nach Rosen und Lavendel duftete.
»Ist es hier nicht wunderschön?« fragte einer der kleinen Marienkäfer, die mit ihren roten starken, mit schwarzen Pünktchen übersäten Flügeln darin umherflogen. »Wie angenehm es hier ist, wie schön!«
»Ich bin etwas Besseres gewöhnt«, sagte der Mistkäfer. »Ihr nennt das hier schön? Nicht einmal ein Misthaufen ist hier!«
Dann ging er weiter, in den Schatten einer großen Levkoje; da kroch eine Kohlraupe umher. »Wie ist die Welt doch schön«, sprach die Kohlraupe, »die Sonne ist so warm, alles macht Freude! Und wenn ich einmal einschlafe und sterbe, wie sie es nennen, so erwache ich als ein Schmetterling.«
»Was du dir einbildest«, sagte der Mistkäfer, »als Schmetterling umherfliegen! Ich komme aus dem Stall des Kaisers, aber niemand dort, selbst nicht des Kaisers Leibross, das doch meine verschlissenen goldenen Schuhe trägt, bildet sich so etwas ein: Flügel kriegen? Fliegen? Ja, aber jetzt fliege ich!« Und der Mistkäfer flog davon. »Ich will mich nicht ärgern, aber ich ärgere mich doch!« sprach er im Davonfliegen.

Bald darauf fiel er auf einen großen Rasenplatz; hier lag er eine Weile und dachte nach, endlich schlief er ein.
Plötzlich ging ein starker Platzregen nieder. Der Mistkäfer erwachte bei dem Lärm und wollte sich in die Erde verkriechen, aber es gelang ihm nicht. Er wurde um und um gewälzt; bald schwamm er auf dem Bauch, bald auf dem Rücken, an Fliegen war nicht zu denken. Er zweifelte daran, lebendig von diesem Ort fortzukommen. Er lag, wo er lag, und blieb da auch liegen.
Als das Unwetter ein wenig nachgelassen hatte und der Mistkäfer das Wasser aus seinen Augen weggeblinzelt hatte, sah er etwas Weißes schimmern. Es waren Leinentücher, die auf der Bleiche lagen; er gelangte zu ihnen hin und kroch zwischen eine Falte des nassen Leinens. Da lag es sich freilich anders als in dem warmen Haufen im Stall, aber etwas Besseres war hier nun einmal nicht vorhanden, und deshalb blieb er, wo er war, blieb einen ganzen Tag, eine ganze Nacht, und auch am Regnen blieb es. Gegen Morgen kroch er hervor; er ärgerte sich über das Wetter.
Auf dem Leinen saßen zwei Frösche; ihre hellen Augen strahlten vor lauter Vergnügen. »Das ist ein herrliches Wetter!« sagte der eine, »wie erfrischend! Und die Leinwand hält das Wasser so schön beisammen; es krabbelt mir in den Hinterfüßen, als wenn ich schwimmen sollte.«
»Ich möchte wissen«, sagte der andere, »ob die Schwalbe, die so weit umherfliegt, auf ihren vielen Reisen im Ausland ein besseres Klima als das unsrige gefunden hat: eine solche Nässe! Es ist wahrhaftig, als läge man in einem nassen Graben. Wer sich darüber nicht freut, liebt in der Tat sein Vaterland nicht.« »Seid ihr denn nicht im Stall des Kaisers gewesen?« fragte der Mistkäfer. »Dort ist das Nasse warm und würzig, das ist mein Klima, aber das kann man nicht mit auf Reisen nehmen. Gibt‘s hier im Garten kein Mistbeet, wo Standespersonen wie ich sich heimisch fühlen und logieren können?«
Die Frösche aber verstanden ihn nicht oder wollten ihn nicht verstehen.
»Ich frage nie zweimal!« sagte der Mistkäfer, nachdem er bereits dreimal gefragt und keine Antwort erhalten hatte.
Darauf ging er ein Stück weiter und stieß auf eine Tonscherbe, die freilich nicht da hätte liegen sollen; aber so, wie sie lag, gewährte sie Schutz gegen Wind und Wetter. Hier wohnten mehrere Ohrwurmfamilien; diese beanspruchen nicht viel – bloß etwas Geselligkeit. Ihre weiblichen Individuen sind voll der zärtlichsten Mutterliebe; deshalb hält auch jede Mutter ihr Kind für das schönste und klügste.
»Unser Söhnchen hat sich verlobt«, sagte eine Mutter, »die süße Unschuld! Sein ganzes Streben geht dahin, dereinst in das Ohr eines Geistlichen zu kommen. Er ist noch kindlich und überaus liebenswürdig; die Verlobung bewahrt ihn vor Ausschweifungen. Welche Freude für eine Mutter!«
»Unser Sohn«, sprach eine andere Mutter, »kaum aus dem Ei gekrochen, kam gleich in Fahrt; er ist voller Leben und Feuer! Er stößt sich die Hörner ab. Welch eine Freude für eine Mutter! Nicht war, Herr Mistkäfer?« – Sie erkannten den Fremden an seiner Gestalt.
»Sie haben beide recht«, sagte der Mistkäfer, und nun bat man ihn, in das Zimmer einzutreten, soweit er nämlich unter die Tonscherbe kriechen konnte.
»Jetzt sehen Sie auch mein kleines Ohrwürmchen«, riefen eine dritte und vierte Mutter. »Es sind gar liebliche Kinder, und sie machen sehr viel Freude. Sie sind nie unartig, außer sie haben Bauchschmerzen; leider kriegt man die aber gar zu leicht in ihrem Alter.«
Und in der Art sprach jede Mutter von ihrem Püppchen, und die Püppchen sprachen mit und gebrauchten ihre kleinen Scheren, die sie am Schwanz hatten, um den Mistkäfer an seinem Bart zu zupfen.
»Ja, die machen sich immer was zu schaffen, die kleinen Schelme«, sagten die Mütter und dampften ordentlich vor Mutterliebe; allein, das langweilte den Mistkäfer, und er fragte deshalb, ob es noch weit bis zum nächsten Mistbeet sei.
»Das ist draußen in der weiten Welt, jenseits des Grabens«, antwortete ein Ohrwurm; »so weit wird hoffentlich keines meiner Kinder gehen, das wäre mein Tod!«
»So weit will ich aber zu kommen versuchen«, sagte der Mistkäfer und entfernte sich, ohne Abschied zu nehmen; denn so ist es ja am feinsten. Am Graben traf er noch mehr seinesgleichen, alles Mistkäfer.
»Hier wohnen wir«, sagten sie. »Wir haben es ganz gemütlich. Dürfen wir Sie wohl bitten, in den fetten Schlamm hinabzusteigen? Die Reise war für Sie gewiss anstrengend.«
»Allerdings«, antwortete der Mistkäfer. »Ich war dem Regen ausgesetzt und habe auf weißem Leinen liegen müssen; diese Reinlichkeit macht mir vor allem zu schaffen. Außerdem zieht es in meinem linken Flügel, weil ich unter einer Tonscherbe im Luftzug gestanden habe. Es ist in der Tat ein wahre Erholung, wieder einmal unter seinesgleichen zu sein.«
»Kommen Sie vielleicht aus dem Mistbeet?« fragte der älteste.
»Oho, von höheren Orten!« rief der Mistkäfer. »Ich komme aus dem Stall des Kaisers, wo ich mit goldenen Schuhen an den Füßen geboren wurde; ich reise in einem geheimen Auftrag. Sie brauchen mich aber nicht danach zu fragen, ich verrate nichts.«
Darauf stieg der Mistkäfer in den fetten Schlamm hinab. Dort saßen drei junge Mistkäfermädchen; sie kicherten, weil sie nicht wussten, was sie sagen sollten.
»Sie sind alle drei noch nicht verlobt«, sagte die Mutter; und die jungen Mistkäfermädchen kicherten aufs neue, diesmal aus Verlegenheit.
»Ich habe in den kaiserlichen Ställen keine schöneren gesehen«, sagte der Mistkäfer, der sich ausruhte.
»Verderben Sie mir meine Mädchen nicht; sprechen Sie nicht mit ihnen, es sei denn, Sie haben ernsthafte Absichten! Doch die haben Sie sicher, und ich gebe meinen Segen dazu.«
»Hurra!« riefen alle andern Mistkäfer, und unser Mistkäfer war nun verlobt. Der Verlobung folgte die Hochzeit auf dem Fuß, denn es gab keinen Grund zum Aufschub des Heiratens.
Der folgende Tag verging sehr angenehm, der nächste noch einigermaßen, aber am dritten Tag musste man schon auf Nahrungssuche für die Frau gehen, vielleicht sogar schon an Kinder denken.
»Ich habe mich überrumpeln lassen«, dachte der Mistkäfer; »es bleibt mir daher nichts anderes übrig, als sie meinerseits zu übertölpeln.«
Gedacht, getan! Weg war er, den ganzen Tag blieb er aus, die ganze Nacht blieb er aus – und die Frau saß da als Witwe. »O«, sagten die anderen Mistkäfer, »der, den wir in die Familie aufgenommen haben, war nichts weiter als ein echter Landstreicher; er ist auf und davon gegangen und lässt die Frau uns zur Last fallen!«
»Ja, dann mag sie wieder als Jungfrau gelten«, sprach die Mutter, »und als mein Kind hierbleiben. Pfui über den Bösewicht, der sie verlassen hat!».
Der Mistkäfer war unterdessen immer weiter gereist und auf einem Kohlblatt über den Wassergraben gesegelt. In der Morgenstunde kamen zwei Menschen an den Graben; als sie ihn erblickten, hoben sie ihn auf, drehten ihn um und um und taten beide sehr gelehrt, namentlich der eine von ihnen – ein Knabe. »Allah sieht den schwarzen Mistkäfer in dem schwarzen Gestein in dem schwarzen Felsen! Nicht wahr, so steht es im Koran geschrieben?« Dann übersetzte er den Namen des Mistkäfers ins Lateinische und verbreitete sich über dessen Herkunft und Natur. Der zweite Mensch, ein älterer Gelehrter, war dagegen, ihn mit nach Hause zu nehmen; sie hätten, sagte er, dort ebenso gute Exemplare. Aber das, so schien es unserem Mistkäfer, war nicht höflich gesprochen; deshalb flog er ihm auch sofort aus der Hand. Da er jetzt trockene Flügel hatte, flog er eine ziemlich große Strecke und erreichte ein Treibhaus, wo er ganz bequem, da hier ein Fenster angelehnt war, hineinschlüpfen konnte und sich in dem frischen Mist vergrub.
»Hier ist es wunderbar!« sagte er.
Bald darauf schlief er ein, und es träumte ihm, dass des Kaisers Leibross gestürzt sei und ihm seine goldenen Hufeisen gegeben habe und obendrein das Versprechen, ihm noch zwei weitere anlegen zu lassen.
Das war sehr schön. Als der Mistkäfer erwachte, kroch er hervor und schaute sich um. Welche Pracht war in dem Treibhaus! Im Hintergrund wuchsen große Palmen, hoch emporragend; die Sonne ließ ihre Blätter transparent erscheinen, und unter ihnen eine Fülle von Grün und strahlenden Blumen, rot wie Feuer, gelb wie Bernstein, weiß wie frischer Schnee!
»Das ist eine unvergleichliche Pflanzenpracht, die wird schmecken, wenn sie fault«, sagte der Mistkäfer. »Das ist eine gute Speisekammer! Hier wohnen gewiss Verwandte; ich will doch auf Suche gehen, ob ich jemanden finde, mit dem ich ernsthaft Umgang pflegen kann. Darauf bin ich stolz, das ist meine Ehre!« Und nun lungerte er in dem Treibhaus herum und dachte an seinen schönen Traum von dem toten Pferd und den ererbten goldenen Hufeisen.
Da ergriff plötzlich eine Hand den Mistkäfer, drückte ihn und drehte ihn um.
Der kleine Sohn des Gärtners und ein Kamerad waren an das Mistbeet herangetreten, hatten den Mistkäfer gesehen und wollten nun ihren Spaß mit ihm haben. Zuerst wurde er in ein Weinblatt gewickelt und dann in eine warme Hosentasche gesteckt; er kribbelte und krabbelte dort nach Kräften, aber dafür bekam er einen Druck von der Hand des Knaben und wurde so zur Ruhe gebracht. Die Knaben gingen darauf rasch zu dem großen See, der am Ende des Gartens begann. Hier wurde der Mistkäfer in einen alten halbzerbrochenen Holzschuh gesetzt; auf diesen wurde ein Stäbchen als Mast gesteckt und an diesen der Mistkäfer mit einem Wollfaden festgefunden. Jetzt war er Schiffer und musste segeln.
Der See war sehr groß, dem Mistkäfer erschien er wie ein Weltmeer, und er erschrak dermaßen, dass er auf den Rücken fiel und mit den Füßen zappelte. Sein Schiff segelte fort und die Strömung des Wassers ergriff es; fuhr es aber zu weit vom Land weg, krempelte sofort einer der Knaben seine Hosen auf, sprang ins Wasser und holte es wieder ans Land zurück. Endlich aber, gerade als es wieder in bester Fahrt auf den See hinaus ging, wurden die Knaben gerufen, ganz eindrücklich gerufen; sie beeilten sich zu kommen, liefen vom Wasser fort und ließen das Schiff Schiff sein. Dieses trieb nun immer weiter vom Ufer ab, immer mehr auf den See hinaus; es war entsetzlich für den Mistkäfer, da er nicht fliegen konnte, weil er an den Mast gebunden war.
Da bekam er Besuch von einer Fliege. »Was für ein schönes Wetter!« sagte die Fliege. »Hier will ich ausruhen und mich sonnen; Sie haben es hübsch hier.«
»Sie reden, wie Sie‘s verstehen! Sehen Sie denn nicht, dass ich fest angebunden bin?«
»Ich bin nicht angebunden«, sagte die Fliege und flog davon.
»Na, jetzt kenne ich die Welt!« sprach der Mistkäfer. »Es ist eine niederträchtige Welt! Ich bin der einzige Anständige auf dieser Welt! Erst verweigert man mir goldene Schuhe, dann muss ich auf nassem Leinen liegen, in Zugluft stehen, und zu guter Letzt hängen sie mir noch eine Frau an. Tue ich dann einen raschen Schritt in die Welt hinaus, um zu erfahren, was es da an Möglichkeiten gibt und wie ich es haben könnte, so kommt so ein Junge, bindet mich fest und überlässt mich den wilden Wogen, während das Leibpferd des Kaisers in goldenen Schuhen umher stolziert! Das ärgert mich am meisten. Aber auf Anteilnahme darf man in dieser Welt nicht rechnen! Mein Lebensweg ist überaus interessant; doch was nützt das, wenn ihn niemand kennt? Die Welt verdient es gar nicht, ihn kennenzulernen! Sie hätte mir sonst sofort goldene Schuhe im Stall des Kaisers gegeben, damals, als das Leibross des Kaisers beschlagen wurde und ich meine Beine danach ausstreckte. Hätte ich goldene Schuhe bekommen, so wäre ich eine Zierde des Stalles geworden; jetzt hat mich der Stall verloren, die ganze Welt hat mich verloren. Alles ist aus!«
»Schau, da segelt ein alter Holzschuh«, sagte eines der Mädchen.
»Ein kleines Tier ist darin angebunden!« rief ein anderes.
Ihr Boot kam ganz in die Nähe des Schiffchens mit unserem Mistkäfer; die beiden Mädchen fischten es aus dem Wasser. Eine von ihnen zog eine kleine Schere aus ihrer Tasche und zerschnitt den wollenen Faden, ohne dem Mistkäfer ein Leid zuzufügen; als sie an Land gingen, setzte sie ihn in das Gras. »Krieche oder fliege, wenn du kannst«, sprach sie, »Freiheit ist etwas Herrliches.«
Und der Mistkäfer flog davon, gerade durch das offene Fenster eines großen Gebäudes; dort sank er müde und ermattet herab auf die feine, weiche, lange Mähne des kaiserlichen Leibrosses, das in dem Stall stand, in dem es selbst und auch der Mistkäfer zu Hause waren. Der Mistkäfer klammerte sich in der Mähne fest, saß eine kurze Zeit ganz still und erholte sich.
»Hier sitze ich auf dem Leibross des Kaisers, sitze als Kaiser auf ihm! Doch was wollte ich noch sagen? Ja, jetzt fällt mir‘s wieder ein. Das ist ein guter Gedanke, damit hat es seine Richtigkeit. ‚Weshalb bekommt das Pferd die goldenen Hufbeschläge?‘ So fragte mich damals der Schmied. Jetzt erst wird mir die Sache klar. Meinetwegen erhielt das Ross die goldenen Hufeisen!«
Und jetzt bekam der Mistkäfer gute Laune. »Man kriegt auf Reisen doch einen klaren Kopf«, dachte er.
Die Sonne warf ihre Strahlen in den Stall auf ihn hinab und machte es drinnen hell und freundlich.
»Die Welt ist genau besehen doch nicht so schlecht«, sagte der Mistkäfer, »man muss sie nur zu nehmen wissen.«
Ja, die Welt war wirklich schön, weil des Kaisers Leibross nur deshalb goldene Hufeisen bekommen hatte, damit der Mistkäfer sein Reiter sein konnte.
»Jetzt will ich zu den andern Käfern hinabsteigen und ihnen erzählen, wie viel man für mich getan hat. Ich will ihnen von den Unannehmlichkeiten berichten, die ich auf meiner Reise ins Ausland ertragen habe, und ihnen sagen, dass ich mindestens so lange zu Hause bleibe, bis das Ross seine goldenen Hufeisen verschlissen hat.«


Den Text der Übersetzung „Sämmtliche Märchen“, 1882, habe ich sprachlich überarbeitet; da ich keine andere Übersetzung zur Hand hatte, habe ich unklare Stellen nach meinem Verständnis expliziert. Eine kurze Analyse steht hier: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/03/andersen-der-mistkafer-kurze-analyse/