Wieland: Geschichte des Agathon – gelesen

Die „Geschichte des Agathon“ ist 1766/67 in zwei Teilen erschienen, wurde dann 1773 und noch einmal 1794 überarbeitet. Ich habe die dritte Fassung gelesen und sie grob mit der ersten Fassung verglichen: Die Bücher XIV – XVI sind zusätzlich entworfen worden: die Geschichte der Danae, wodurch sie rechtfertigt, dem Begehren Agathons nicht erneut nachzugeben; die Geschichte des Archytas und ein Überblick über sein philosophisches Weltbild; der kurze Bericht von einer Weltreise Agathons, die ihn endlich ganz reifen lässt und sein aufgeklärt-moralisches Weltbild vom Vorrang der täglichen Pflichterfüllung festigt. Wenn man ehrlich urteilt, kann man sagen, dass diese drei Bücher überflüssig sind und die endlosen Erläuterungen vom Vorzug der Tugend, von der Verderblichkeit der Wollust und vom Nutzen der schönen Künste bloß wiederholen. Geschichte des Agathon“ ist ohnehin ein kopflastiger Roman, in dem wenig gehandelt, aber viel geredet und vom Erzähler erklärt wird. Im zweiten der drei Teile (der Auflage von 1794) geht es etwas lebhafter zu, in der Mitte des dritten Teils ist der Schwung wieder dahin.

Geschichte des Agathon“ ist die Geschichte einer Desillusionierung des enthusiastischen Platonikers Agathon: die Begegnung mit seinem unbekannten Vater, mit dem Sophisten Hippias, mit der schönen Danae, mit dem Tyrannen Dionysius, mit der Familie des Archytas einschließlich seiner inzwischen verheirateten Schwester Psyche und mit der inzwischen zur Tugend bekehrten Danae. Dass er nach seinen negativen Erfahrungen als Kind in Delphi und als politischer Führer in Athen, die in II 7 und II 8 in der Vorgeschichte des Helden nachgetragen werden, immer noch so naiv ist, wie er im Streitgespräch mit Hippias sowie als Berater des Tyrannen Dionysius von Syrakus agiert, klingt nicht glaubhaft. Da ist der Autor seiner aufklärerischen Mission stärker als der psychologischen Wahrscheinlichkeit verpflichtet. Die Figur des ausschließlich den Dokumenten und der Wahrheit verpflichteten Erzählers bzw. Herausgebers und seine Einlassungen gegenüber dem Leser verdienten eine besondere Untersuchung.

Das Urteil des Erzählers über Danae vermittelt einen Eindruck vom Geist des Romans: „Eine schöne Seele kann sich verirren, kann durch Blendwerke getäuscht werden; aber sie kann nicht aufhören, eine schöne Seele zu sein. Laßt den magischen Nebel zerstreut werden, laßt sie die Gottheit der Tugend kennen lernen! Dies ist der Augenblick, wo sie sich selbst kennen lernt; wo sie fühlt, daß Tugend kein leerer Name, kein Geschöpf der Einbildung, keine Erfindung des Betrugs, – daß sie die Bestimmung, die Pflicht, die Wollust, der Ruhm, das höchste Gut eines denkenden Wesens ist.“ Zu dieser Einsicht werden Danae und Agathon geführt, und die Leser sollen sich ihnen bitte anschließen!

https://archive.org/details/werkeauswahlinze01wieluoft/page/n9 (Text der dritten Auflage, mit einem Lebensbild Wielands)

https://gutenberg.spiegel.de/buch/geschichte-des-agathon-4642/1 (Text der 1. Auflage)

www.zeno.org/Literatur/M/Wieland,+Christoph+Martin/Romane/Geschichte+des+Agathon/Erster+Teil/Vorbericht (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=1PSpuD_l6Vo und

https://www.youtube.com/watch?v=2uwv2F5s2ps (Text vorgelesen)

https://wiki.zum.de/wiki/Geschichte_des_Agathon (Kurzübersicht mit vielen Zitaten – ein guter Eindruck vom Roman)

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Agathon (dürftige Übersicht)

http://wwwu.edu.uni-klu.ac.at/jpichler/wieland.html (Referat eines Studenten: Inhalt und Aufbau des Romans)

https://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4348 (Rezension)

https://www.iasj.net/iasj?func=fulltext&aId=67451 (Einführung, Analyse der Hauptgestalten)

http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/serien/hr/escripta/6_2013.pdf (Liebe und Sexualität im Roman)

https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Martin_Wieland (C. M. Wieland)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/lebensgeschichte-29 (dito)

Es gibt verschiedene Hörbücher und natürlich moderne Ausgaben des Textes.

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H. Fielding: Tom Jones – online gelesen

Die Geschichte des Tom Jones, eines Findelkindes“ (1749) ist ein großer Roman – ein Roman der Intrigen und Irrtümer, der Liebschaften und Entlarvungen, des Selbstbetrugs und der meistens böse schillernden Gesellschaft. Er ist ein Beleg dafür, dass die Klassiker fast alle neumodischen literarischen Experimente um Längen schlagen. Der auktoriale Erzähler spielt mit dem Leser Katz und Maus und führt seinen Helden in die größte Gefahr, um ihn schließlich doch zum happy end mit seiner geliebten Sophie Western gelangen zu lassen.

Die Übersetzungen, die es im Netz gibt, stammen aus dem 19. Jahrhundert und waren in Frakturschrift gedruckt, die heute nicht immer korrekt gelesen wird (vgl. https://archive.org/details/bub_gb_VWdMAAAAcAAJ/page/n5), siehe z.B. entstammt < entflammt, verbögen < vermögen. Ursprünglich sind die 18 Bücher des Romans (mit jeweils etwa 10 Kapiteln) in vier Bänden erschienen; die deutsche Übersetzung Diezmanns (1841/1848) liegt aber in sechs Bänden vor, woran sich Gutenberg-Spiegel heute noch orientiert und was es schwer macht, sich im Roman zu orientieren; dafür sind dort aber die Namen der Figuren englisch, während sie in der übersichtlichen Übersetzung bei zeno.org ins Deutsche übersetzt sind („Rebhuhn“ usw.). Bei zeno.org findet man auch die Fußnoten, die bei Gutenberg-Spiegel fehlen. Es gibt heute eine Reihe gedruckter deutscher Ausgaben, zu denen ich aber nichts sagen kann.

Tom Jones“ wird zu den Schelmenromanen gezählt; vom Stil des Erzählers ist er mit Diderots „Jacques der Fatalist“ = „Jakob und sein Herr“ verwandt: einfach große Literatur, die man in Ruhe lesen muss, um die Widersprüche zwischen dem Selbstbild der markanten Figuren und ihrer Wirklichkeit genießen zu können (unübertroffen: die Tante Western).

https://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Jones:_Die_Geschichte_eines_Findelkindes

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/rezension-zu-tom-jones-von-fielding-15375367.html

https://www.zeit.de/1979/52/tom-jones

https://en.wikipedia.org/wiki/The_History_of_Tom_Jones,_a_Foundling

https://www.victoria.ac.nz/law/pdf/lawyers-as-writers/LAWS-Nijman-Guilty.pdf (T. J. und das Recht)

https://gutenberg.spiegel.de/buch/die-geschichte-des-tom-jones-theil-i-791/1 (deutscher Text, Übersetzung Diezmanns)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Fielding,+Henry/Roman/Tom+Jones.+Die+Geschichte+eines+Findlings (deutscher Text, Übersetzung J. Bodes)

https://en.wikisource.org/wiki/The_History_of_Tom_Jones,_a_Foundling (englischer Text)

Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre – das Geschehen

ERSTES BUCH

I 1 Die Schauspielerin Mariane (M) erhält ein Paket ihres Verehrers Norberg, dem ihre Dienerin Barbara zugetan ist. Sie bekommt Besuch von ihrem neuen Geliebten Wilhelm (W).

I 2 W spricht mit seiner Mutter über die vom Vater getadelte Leidenschaft fürs Theater und das Puppenspiel („David und Goliath“), das seine Mutter ihm vor 12 Jahren geschenkt hat; er nimmt die Puppen in seine Stube.

I 3 W geht in der Nacht mit den Puppen zu M; man isst, W muss von dem Ballett der Puppen erzählen, wie es früher aufgeführt wurde.

I 4 W erzählt von einer zweiten Aufführung des Stücks und davon, wie er einen Blick hinter den Vorhang getan hat

I 5 und wie er einmal unbemerkt in die Speisekammer kam und dort neben Obst auch die Kisten mit den Puppen fand, wobei er das Textbuch mitnahm und dann auswendig lernte; von der Vorbereitung einer neuen Aufführung.

I 6 W durfte bei einer Aufführung mitspielen, mit großem Erfolg trotz einer kleinen Panne. Er spielte dann Opernstücke mit den Figuren und bastelte ihnen neue Kleider. W fragt M nach ihrer Kindheit, wird aber von Barbara wieder an seine Lebensgeschichte zurückverwiesen.

I 7 W bastelte Ritterfiguren und bereitete eine Aufführung von „Das befreite Jerusalem“ (Tasso) vor, was aber schiefging, so dass man erneut auf „David und Goliath“ verfiel.

I 8 Während M einschläft, erzählt W von seiner frühen Theaterbegeisterung und begleitenden Aktivitäten sowie einem Gedicht, das er mit 14 verfasste.

I 9 W ist von der Liebe erfüllt, während M sich unsicher an den Geliebten klammert. W findet in ihr die Bestätigung seines geplanten Ausbruchs aus dem bürgerlichen Leben als Schauspieler.

I 10 W bereitet seinen Aufbruch vor; Werner hält ihm die Stümperei seiner theatralischen Bemühungen vor und wirbt für die solide Arbeit als Kaufmann.

I 11 Charakterisierung der Väter: der alte Wilhelm – der alte Werner; sie beschließen, W auf eine Handelsreise zu schicken, damit er lernt und sich bewährt; sie besorgen ihm ein Pferd. W geht in der Nacht zu M und teilt ihr den Plan mit, mit ihr aufzubrechen – sie bleibt verhalten.

I 12 Barbara muss unglückliche M trösten, die zwischen zwei Liebhabern steht und wohl schwanger ist; sie bevorzugt W, der aber kein Geld hat und abreisen will,wogegen Norberg bald kommt. Sie überlässt sich der Führung Barbaras.

I 13 W trifft auf der ersten Station einen Geschäftspartner, dessen Tochter mit einem Schauspieler durchgebrannt ist; beide werden wieder eingefangen. W ist beim Verhör anwesend; sie bekennt sich zu ihrer Liebe. W sieht die Parallele zu seinem Fall und setzt sich für die Liebenden ein.

I 14 W spricht mit Melina, dem Schauspieler, und will sich für ihn bei den Schwiegereltern verwenden; Melina will gegen W‘ Rat einen bürgerlichen Beruf ergreifen und schildert W das Elend des Schauspielerlebens. Bei den Eltern erreicht W nicht viel, die Liebenden wollen heiraten und müssen sich eine neue Truppe suchen.

I 15 W reitet heim und denkt über seine Liebesseligkeit, die Einrichtung von M‘ Zimmer (unordentlich) und die Reden der Schauspieler nach, denen sein Enthusiasmus fehlt. – W‘ Verhältnis zu seinem Freund Werner. Der hält ihm das schräge Verhältnis zu M vor, ohne Erfolg. M bezirzt ihn erneut, teils durch Lügen über die Anfänge ihrer Liebe, und bestärkt ihn so in seinen Plänen.

I 16 Brief W‘ an M: Er wirbt um sie, möchte zur Truppe Serlo gehen und sie nachholen. Er will heiraten und mit ihr als Schauspieler die Menschen beglücken.

I 17 W bei M, die ihn beinahe abweist; er gibt ihr nicht den Brief. Er trifft einen Fremden, der die Kunstsammlung des Großvaters kannte und für einen anderen gekauft hat. Sie sprechen über W‘ Lieblingsbild und über das vermeintliche Schicksal der Menschen. – W streicht um M‘ Wagen, sieht später eine Gestalt herauskommen und findet in einem Tuch M‘ einen Zettel Norbergs an sie, der bezeugt, dass beide ein Verhältnis haben.

ZWEITES BUCH

II 1 [Zeitsprung: mehrere Jahre] Nach einerKrankheit leidet er an der verlorenen Liebe.

II 2 W kritisiert seine Gedichte und sein schauspielerisches Können. Er widmet sich den Handelsgeschäften, er vernichtet alle Zeugnisse seiner jugendlichen Schwärmerei (Liebe, Kunst). Er streitet mit Werner, ob mittelmäßige Produkte aufbewahrt zu werden verdienen. W‘ Lobpreis des Dichters. W‘ Liebe zu M ist immer noch lebendig.

II 3 In der Arbeit findet w Ruhe. Er unternimmt eine neue Reise; er kassiert Schulden und erlebt in einem Bergdorf ein von Arbeitern inszeniertes Schauspiel. Einige Schuldner müssen verklagt werden. Er kommt zurück in die Ebene, in ein Städtchen.

II 4 Er trifft eine Gesellschaft Gaukler und lernt Philine und Laertes kennen, man fährt zum Essen raus und erlebt eine Aufführung von Bergleuten. Am Abend beobachtet man die Aufführung der Gaukler, W lernt Mignon (Mi) kennen. Am nächsten Tag versetzt Philine sie, W geht mit Laertes zu einem Restaurant, sie treffen Philine wieder; diese ist unstet und freizügig. Zurück zu den Gauklern, W rettet Mi vor einem Schläger; er kauft sie für 30 Taler los, sie ist verschwunden. Neue Aufführung der Gaukler. – W äußert sich mehrmals lobend über die Möglichkeiten des Theaters.

II 5 Gaukler fort, Mi taucht auf und will dienen; W übt sich im Tanzen und Fechten. Herr und Frau Melina kommen, finden keinen Geschmack an Laertes und Philine.

II 6 W wird von Melina um Geld für Theaterausrüstung angegangen, schafft die Abreise nicht und lebt auch im Zauber Mi‘.

II 7 Es kommen einige Schauspieler; Mi bedient. W erfährt, dass M schwanger war und entlassen wurde, ihr Helfer ist von ihr enttäuscht.

II 8 W denkt an M, Mi führt den Eitertanz für W auf.

II 9 Man fährt per Schiff essen und extemporiert Rollen; ein fremder „Geistlicher“ kommt hinzu; W spricht mit ihm über Schauspieler und Erziehung. Man verlebt gemeinsam den Tag.
II 10 Der Geistliche ist weg – fröhliche Heimfahrt; zu Hause wird ein deutsches Ritterstück vorgelesen, mit viel Punsch, es gibt Radau und Scherben.

II 11 W kommt für den Schaden auf und kauft Philine Geschenke; ein alter Harfner kommt und muss singen, u.a. „Was hör‘ ich draußen vor dem Tor“. Man spricht über seine Kunst – W ist über Melinas Vorwürfe verärgert.

II 12 W ist durch Philines Knutschen benommen und sagt Melina das Geld für die Ausrüstung zu. Es kommen verschiedene Männer, W ist unruhig.

II 13 W geht zum Harfner und hört „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“; W ist gerührt. Dann wird „Wer sich der Einsamkeit ergibt“ vorgetragen; der Sänger erbaut W.

II 14 W zahlt 300 Taler an den Notar für Melina; er erlebt die Eifersucht von Philines Diener Friedrich gegen den Stallmeister, ihre neue Eroberung. Die beiden fechten miteinander. W denkt über seine Situation nach und will fort. Mi erleidet einen Anfall wegen seiner geplanten Abreise; W verspricht ihr, sie zu behalten als sein Kind.

DRITTES BUCH

III 1 Mi‘ Lied; Melina als Theaterdirektor: Graf und Gräfin kommen und begutachten die Schauspieler, W wird der Gräfin vorgestellt. Chance, auf dem Schloss zu spielen.

III 2 Baron als Theaterexperte des Grafen bei den Schauspielern und W; W überlegt, ob er bleiben soll; er preist die Adeligen glücklich. Verteilung der Rollen, Aufführungen in der Stadt.

III 3 Umzug zum Schloss, unfreundlicher Empfang. Philine geht mit dem Stallmeister ins Schloss und schickt W Konfekt.

III 4 Der Graf kommt, um nach dem Rechten zu sehen, dazu Jarno (J); Vorbereitungen für eine Aufführung.

III 5 W wird zum Vortrag zur Gräfin gebeten, doch vor lauter Betrieb kommt es nicht dazu; er wird durch kleine Geschenke entschädigt.

III 6 Zu Ehren des Fürsten soll einVorspiel aufgeführt werden. W wird heimlich am Abend zur Gräfin eingeladen und plant mit den Damen Text und Aufführung, muss aber Kompromisse machen.

III 7 Vorbereitungen für das Vorspiel und das Stück; Mi will den Eiertanz nicht vorführen. Wie man Bedenken des Grafen auszuräumen gedenkt.

III 8 Der Fürst kommt an, Aufführung von Vorspiel und Stück; Interesse an den Aufführungen nimmt bald ab, W und die Gräfin mögen sich. Verschiedene Gunstbezeugungen an mehrere. W spricht mit dem Fürsten und J über französisches und englisches Theater; J macht ihn mit Shakespeare bekannt. W‘ neuer Blick auf das Leben der Großen.

III 9 Spannungen zwischen dem Baron und einigen Schauspielern, Spottgedicht auf den Baron; Überfall auf den Pedanten, den Günstling des Grafen, als vermeintlichen Verfasser des Gedichts. W lebt zurückgezogen, ist in die Welt Shakespeares eingetaucht. W setzt sich für Friedrich ein, der gestäupt werden sollte und begnadigt wird, so in W‘ „Familie“ aufgenommen wird (neben dem Alten und Mi).

III 10 Philine und die Baronesse fördern die Neigung der Gräfin zu W; der wird am Abend zu ihr gebeten. Er wird als Graf verkleidet und soll sich dann vor der Gräfin offenbaren – da kommt der echte Graf und sieht ihn kurz. W wird schnell entfernt und muss später dem Grafen etwas vorlesen.

III 11 W ist von Shakespeare beeindruckt, spricht mit J darüber. J deutet ihm einen Auftrag an, setzt aber den Alten und Mi herab, was ihn diskreditiert. W erfährt von den Machenschaften eines Hauptmanns und hält sich von J und dem Militär fern.

III 12 Der Graf ist verändert, weil er sich selbst gesehen zu haben glaubt. Machenschaften der Baronesse und J‘. W muss für die Gräfin seine Werke abschreiben und sie vor den herausgeputzten Damen – ganz im Banne der Gräfin – vorlesen. Sie schenkt ihm einen Ring mit einer Locke, beim Abschied küssen sie sich. Sie schickt ihn abrupt fort.

VIERTES BUCH

IV 1 Philine und Laertes – die verrinnende Zeit. Graf und Gräfin gehen fort, er gibt W einen Beutel Gold. W schreibt einen Brief nach Hause. Die Schauspieler bereiten den Aufbruch vor; der Alte will sich von W trennen, aber der behält ihn.

IV 2 W legt sich andere Kleidung (im Geist Shakespeares) zu, die Truppe ist ausgelassen. Über den Unterschied zwischen Bürgerlichen und Adeligen (W). Die Truppe führt freiwillig ein Stück auf, um sich zu erproben. W spricht über die Disziplin der Musiker als Vorbild für die Schauspieler und den Wert echter Kunst. Man beschließt, sich republikanisch zu organisieren.

IV 3 W erklärt, dass Kunstkritik auf Gründen beruhen müsse und dass man in den Geist des Autors eingedrungen sein müsse; er belegt das an seinen Problemen und Versuchen, die Figur Hamlet zu verstehen.

IV 4 Philine erzählt die Geschichte von Laertes‘ Liebesunglück. Gerüchte von einem Freicorps verunsichern die Truppe. W setzt sich für die vorgesehene Reiseroute ein, man bricht auf und rastet auf einer Waldwiese.

IV 5 Man fühlt sich wohl, W und Laertes spielen einen Fechtkampf. Überfall durch Räuber, Kampf. Philine mit dem verwundeten W und Mi bleiben als einzige zurück, der Rest flieht.

IV 6 Eine kleine Reisegruppe um eine schöne Frau kümmert sich um die Drei und versorgt W‘ Wunden.

IV 7 Man holt die Drei ins Dorf, die Truppe nimmt sie feindselig auf.

IV 8 W verteidigt sich gegen Vorwürfe, er sei schuld am Überfall; Frau Melina hat eine Totgeburt. W verzichtet auf seine Forderungen und will seine Habe allen zugute kommen lassen sowie Verluste ersetzen.

IV 9 Ein Jäger der Schönen bringt die Vier ins Pfarrhaus; W will Philine wegschicken, sie bleibt , „und wenn ich dich liebe, was geht’s dich an?“ W immer noch unter dem Eindruck seiner Retterin.

IV 10 Die Truppe bekommt von W Empfehlungsschreiben für Serlo und Reisegeld, obwohl sie schon welches hatte; Philine verlässt W auf seine Bitte, Mi umsorgt ihn.

IV 11 W‘ Pläne; ihn plagt die Sehnsucht nach seiner Retterin, der schönen Amazone. „Nur wer die Sehnsucht kennt…“

IV 12 W kann Namen und Aufenthalt der Amazone nicht ausmachen; er ist krisenhaft unruhig und bricht zu Serlo auf.

IV 13 Serlo kritisiert die Melina-Truppe als unfähig; seine Schwester Aurelia (A) kommt hinzu. W charakterisiert Hamlet und wirbt für das Stück.

IV 14 W spricht mit A über Ophelia, A ist betroffen und lehnt sich an W als Freund an. Philine ist bei Serlo untergekommen, bekennt W ihre Liebe und klärt ihn über die Verhältnisse Serlos und A‘ auf.

IV 15 Gegen seine Einsicht bricht W nicht zur Geschäftsreise auf. Theateraufführung ist gut. A zieht ihn ins Vertrauen, beklagt ihr Geschick und ihre Kindheit. Gespräch mit Serlo über Hamlet.

IV 16 W spricht mit A über Ophelias Lieder. A kämpft mit Serlo um ihren Dolch; A klärt W über sich selbst auf (Naivität gegenüber Menschen bei tiefer Kenntnis des Menschen) und erzählt ihre Theater- und Ehegeschichte. Mi will einen kleinen Atlas haben, ihre leidenschaftliche Liebe zu W. A‘ Freundschaft mit einem neuen Mann, auch nach dem Tod ihres Mannes. – A schickt W weg.

IV 17 W bricht zu Geschäftsbesuchen auf, es geht ordentlich voran. Er kann das vom Vater erwartete Reisejournal nicht schreiben, mangels Kenntnis. Laertes will ihm helfen, ein fiktives Journal zu schreiben.

IV 18 Serlos Lebensgeschichte als Theatergeschichte

IV 19 W findet Geschmack am Leben als Kaufmann, bekommt aber von Serlo das Angebot, selber bei ihm aufzutreten und die ganze Melina-Truppe mit zu engagieren. W denkt über Schicksal und sein Leben nach und schwankt zwischen den beiden Möglichkeiten Künstler/Kaufmann.

IV 20 A klagt W ihr theatralisches und menschlich-weibliches Leiden. W schwört ihr, nie sich leichtfertig einer Frau zu nahen, sie fährt mit dem Dolch über W‘ Hand, als Zeichen seines Versprechens.

FÜNFTES BUCH

V 1 Mia und Felix, A‘ Sohn; Serlo und die Kunst. Nachricht Werners vom Tod des Vaters. W‘ unkluge Art, seine mangelnde Lebenserfahrung zu kompensieren.

V 2 Werners Brief (Auszug): Er will W‘ Schwester heiraten, das Elternhaus verkaufen und einen Bauernhof erwerben, den W neu organisieren soll – seine Begeisterung über das fiktive Reisejournal. W sträubt sich gegen die Vorschläge.

V 3 W‘ Antwort an Werner: W gesteht die Fälschung des Journals und nennt als Ziel, sich selbst auszubilden: Vergleich der Möglichkeiten des Edelmanns und des Bürgers dazu. Er möchte eine öffentliche Person sein, was nur auf dem Theater möglich sei. Er will seinen Namen ändern und überlässt Werner die Verwaltung des Vermögens. – W unterzeichnet den Vertrag mit Serlo, das Bild der schönen Amazone vor Augen.

V 4 Zusage Serlos, den „Hamlet“ aufzuführen, soweit möglich. Streit mit W, ob man das Stück kürzen darf. Nach ein paar Tagen entwirft W einen Plan, wie man „Hamlet“ von Ballast befreien könnte. Serlo stimmt ihm begeistert zu.

V 5 W macht sich an die Arbeit, Philine soll auch mitspielen; ihre kleine Rangelei mit Serlo wegen der Pantoffeln.

V 6 Überlegungen, wie die Rollen zu besetzen sind und wie man auch den Souffleur einspannen könnte. W zweifelt, ob er selber für den Hamlet die richtige Besetzung ist.

V 7 Gespräch über den Unterschied von Roman und Drama; man veranstaltet eine Leseprobe des „Hamlet“. Serlo spricht über die Begabung des guten Schauspielers; vor dem Geist des Stücks müsse der Buchstabe richtig erfasst sein.

V 8 Zwei Theaterfreunde sind bei den Proben anwesend und greifen korrigierend ein: Bedingungen eines guten Spiels.

V 9 Proben zum „Hamlet“

V 10 Nach der Generalprobe – Kritik Philines an den Disputen der Männer. A kritisiert Philine vor W, der verteidigt sie. Philine spielt ihm einen Streich (Pantoffeln vor dem Bett).

V 11 Die Aufführung wird ein großer Erfolg; Rolle des Geistes wird herausgestellt.

V 12 Feier nach der Aufführung, ausgelassen, Mi rast. In seinem Bett findet W eine Gestalt, die sich an ihn drängt.

V 13 Zettel am Schleier des Geistes auf W‘ Bett: „Flieh! Jüngling, flieh!“ – Mi ist erwachsener geworden; Philine scheint die nächtliche Besucherin gewesen zu sein.

V 14 Nach dem Brand wohnt W mit Felix und Mi in einem neuen Haus, er ist unruhig; der Harfenspieler kommt: „An die Türen will ich schleichen…“

V 15 W gibt den verwirrten Harfner in Behandlung zu einem Geistlichen; Stimmen des Publikums zum Stück. Serlo und W gehen zu Philine, bei der eine Freundin namens M ist; W möchte sie vergeblich sehen. Die beiden Frauen reisen heimlich ab, man schickt einen Kundschafter hinterher.

V 16 Veränderungen in der Truppe; A‘ Abneigung gegen französische Stücke und Sprache. Schwierigkeiten, weil die vermittelnde Philine fehlt; W ist praktisch Regisseur, er ist unzufrieden. Der Harfner erholt sich beim Pfarrer; dessen Theorien über Krankheit. W hört durch einen Arzt vom Grafen und seiner Frau, denen es infolge des alten Scherzes W‘ nicht gut geht – er fühlt sich schuldig. W geht mit dem Arzt zu A; dieser verspricht ihm ein Manuskript „Bekenntnisse einer schönen Seele“, dessen Lektüre heilsam sei.

Melina schlägt Serno vor, eine Oper aufzuführen; W und A stehen ihnen dabei im Weg. „Emilia Galotti“ wird vorbereitet, mit W als Prinz (Adel!) und A als Orsina. Streit zwischen Serlo und A, sie wird krank. Die Lektüre des Manuskripts verändert sie, sie verzeiht ihrem untreuen Freund und stirbt. W soll den Abschiedsbrief an den Ex-Freund überbringen; Mi bleibt mit Felix zurück. Gedicht Mi‘: „Heiß mich nicht reden…“

SECHSTES BUCH

Bekenntnisse einer schönen Seele

Beginn des eigentlichen Lebens mit einem Blutsturz des 7jährigen Kindes, bei dem sich eine Neigung zum Unsichtbaren und zu Gott einstellt. Große Liebe zu Büchern, mit 12 Unterricht in Französisch und Tanzen; Freundschaft mit einem Tanzpartner, als dieser erkrankt.

In der Jugend starke Verweltlichung, doch ist sie gegen Männer reserviert. „Narziss“ (N), ein junger Mann aus dem diplomatischen Dienst, freundet sich mit ihr an; er findet Anschluss an die Familie; Eklat bei einem Fest, N wird verwundet und bleibt zwei Monate krank; er möchte sie heiraten – die Mutter agiert vorsichtig. Er nimmt die Besuche wieder auf; Heiratsantrag, die Eltern stimmen bedingungsweise zu. Vorteile, wenn aus dem Liebhaber ein Bräutigam wird – die Verlobten sind über die Grenzen des Erlaubten uneinig.

Neue Annäherung an Gott; die Beförderung N‘ scheitert. Ihre Einsicht in das, was die Zuwendung zu Gott verhindert: die gängigen Zerstreuungen. Sie erkennt, dass das Band zu N nicht so stark ist wie ihr seelisches Bedürfnis nach dem Guten. Eltern machen ihr Vorhaltungen, doch sie pocht auf das Recht ihrer Überzeugung. Sie kann davon ihren Vater überzeugen; N zieht sich zurück, sie liebt ihn gleichwohl. Ein Briefwechsel mit N führt zu nichts. Nach N‘ Beförderung will er sie als fügsame Gattin heiraten – Ende der Beziehung. Neue Zuwendung zur Welt, auch im Haus eines Grafen.

Stiefbruder des Vaters taucht auf, der sie zur Stiftsdame macht und die Schwester zur Hofdame. Pflichten des neuen Lebens; sie erleidet (mit 22?) erneut einen Blutsturz.

Krankheit der Eltern – die Nähe Gottes hilft ihr; sie vertraut auf ihre Erfahrung statt auf Theorien (etwa: das Hallesche Bekehrungssystem). Nach sieben Jahren freundet sich mit „Philo“ (P) an; durch dessen vergangene Verfehlungen erkennt sie auch in sich Ansätze des Ungeheuerlichen. Sie findet Hilfe beim Menschgewordenen und Gekreuzigten = Glaube; daraus ergibt sich eine neue Heiterkeit, die Prediger enttäuschen sie jetzt. P versorgt sie mit Schriften der Herrnhuter, sie vertraut sich ihm an, doch er ist noch nicht so weit wie sie. Sie besucht Herrnhuter Versammlungen. Der Oberhofprediger streitet mit ihnen über den wahren Glauben; er stirbt.

Heirat der Schwester, durch den Onkel vermittelt; Hochzeit in dessen wunderbar eingerichteten Schloss, Feier dauert mehrere Tage. Gespräche mit dem Onkel über die richtige Lebensführung: gemäß seinem Zweck leben! Bedeutung der Kunst für den sittlichen Menschen; beeindruckend die Bibliothek und die geistliche Vokalmusik. Sie kann sich aber nicht den Kunstwerken als solchen zuwenden.

Krankheit und Tod der ledigen Schwester, bedrückende Folgen davon; sie wendet sich nun auch praktischen Dingen zu. Geburt eines Neffen, Tod des Vaters → größte Freiheit für sie. Über das Glück der Freiheit (HA 414/10 ff.): das tun, was man für recht und schicklich hält. Dissens mit den Herrnhutern; es werden noch zwei Nichten geboren. Ihre Seele weiß: ‚Alles vergeht, Ich bin.‘ Kritik eines befreundeten Arztes an solchen Gefühlen: Der Mensch müsse tätig sein!

Geburt eines Neffen, Tod des Schwagers und der Schwester, der Onkel kümmert sich um die Kinder; Entwicklung der Kinder, in ihnen leben Eigenheiten der Familienmitglieder fort. Der Onkel hält die Kinder von ihr fern, sie ist ihm zu mystisch – sie hält am Glauben an die göttliche Nähe fest.

SIEBENTES BUCH

VII 1 W reitet zu Lothario (L), spricht mit einem Geistlichen, kommt in ein verbautes Schloss, gibt A‘ Brief ab. W wird einquartiert; sein Traum.

VII 2 Am nächsten Morgen kommt L nach einem Duell verwundet zurück; J ist da; die Vorgeschichte des Duells.

VII 3 L und J sprechen über das richtige Wirtschaften (Hofordnung verändern); die Gräfin ist L‘ Schwester, J kennt die Geschichte. J hat sich verändert. W kritisiert die Theatertruppe, J sagt: So ist die ganze Welt. W fragt J nach der Amazone, wird vertröstet.

VII 4 Der Arzt berichtet über den Zustand des Harfners und vermutet einen Fehltritt des früheren Geistlichen; dessen hoffnungslose Verschlossenheit. W soll Lydie, die Freundin L‘, durch einen Trick aus dem Haus schaffen; unter einem Vorwand fahren sie ab, Therese suchen. Am Haus Thereses wird Lydie ohnmächtig.

VII 5 Therese ist Lydies Vorgängerin bei L. W versteht sich mit Therese; Spaziergang, sie kennt sich in der Bewirtschaftung von Gütern aus. W neidet L ein bisschen seine Frauenbekanntschaften.

VII 6 Therese erzählt W ihre Geschichte: guter Vater, schwierige untreue Mutter, deren Vertraute Lydie war. Mutter reiste fort, Vater erlitt nach guten Jahren Schlaganfall und starb. Das Testament war für sie ungünstig, sie zog aus zu einer Bekannten. L sprach einmal über Männer – Frauen, sie entsprach seinem Ideal; bei einer Jagd lernte sie ihn näher kennen und wurde in Wirtschaftsfragen seine Vertraute. Lydie warb um L, aber dieser um Therese; sie sagte zu. Als es offiziell wurde, verschwand Lydie. Zufällig entdeckte L, dass er seine Schwiegermutter unter anderem Namen kannte, und verschwand.

Therese kümmert sich mit der Gräfin um fremde Kinder. Lydie verlangt geistliche Bücher zum Trost, was Therese verurteilt. L hatte ein Verhältnis mit ihrer Mutter und sich später auf Lydie eingelassen. Therese bekam Geld von einer Gönnerin und verzichtete auf ein größeres Gut, das L ihr geben wollte. – Lydie mag L‘ Freunde nicht, die ihn angeblich ihr abspenstig machen. W freut sich, Therese zu kennen; er reitet zu L zurück.

VII 7 L erzählt eine Begebenheit von einem Ritt, der ihn die Nähe des Elternhauses einer früheren Geliebten führte, und einer Verwechslung von zwei Frauen; im Gespräch über A, bei dem W seine früher geplante Kritik L‘ erwähnt, wird klar, dass A keinen Sohn hatte. W soll die Kinder holen, Therese sich um Mi, er sich um Felix kümmern und dem Theater entsagen. – L ist noch einmal zu dem Haus geritten und hat seine frühere Geliebte im Kreis ihrer Kinder getroffen, beide waren bewegt.

VII 8 W trifft die Kinder und die Alte = Barbara, M‘ Dienerin; die gibt ihm M‘ Abschiedsbrief: M ist tot, Felix sein Sohn, sie war ihm treu. W trifft die Truppe und hört Neuigkeiten. Barbara erzählt ihm in der Nacht die ganze Geschichte M‘, die sich gegen Norberg gewehrt und ihn vergeblich erwartet hat. W ist voll Reue und Liebe. Er bekommt M‘ Briefsammlung und liest sie am nächsten Tag. Begegnung mit einigen vom Theater. Gespräch mit Barbara über M‘ Geschick. – Mi wehrt sich gegen eine Trennung von W und Felix und wird mit Felix und Barbara zu Therese geschickt. W nimmt endgültig Abschied vom Theater, Frau Melina hängt an ihm. W schreibt an Werner.

VII 9 L hat geerbt, man muss sich um ein neues Gut kümmern (mit Therese). J verspricht ihm die Einführung in eine neue Welt. Am nächsten Tag wird W in unbekannte Räume geführt und trifft Menschen, die seinen Lebensweg gekreuzt haben; alles geschieht geheimnisvoll, sein Leben zwischen Schicksal und Erziehung changierend. Der Abbé gibt ihm den Lehrbrief, in dem dem Menschen auch Fehler zugestanden werden. Es wird bestätigt, dass Felix sein Sohn ist; der kommt auf ihn zu, und W‘ Lehrjahre sind vorbei.

ACHTES BUCH

VIII 1 Durch die Fragen Felix‘ erkennt W seine Unwissenheit, seine Bildung scheint erst anzufangen. Werner kommt wegen des geerbten Gutes, er ist verkümmert im Vergleich mit W. Die Sorge um Felix lässt W langfristig denken und planen – unsicher, ob er Felix richtig erziehen kann. W liest die im Turm aufbewahrte Rolle seiner Lehrjahre, um Therese seine Lebensgeschichte erzählen zu können. Heiratsantrag an Therese.

VIII 2 L und Werner sprechen über die Besteuerung von Gütern und das Verhältnis zum Staat. W soll mit den Kindern die Schwester L‘ aufsuchen (er meint: die Gräfin). Er ist von Zweifeln geplagt, erkennt aber in der Einladung die Handschrift der Amazone (Natalie, N) und fährt los. Ankunft, die Amazone empfängt ihn, W sieht bekannte Kunstwerke. N berichtet von Mi‘ Situation (Krämpfe, trägt jetzt Frauenkleider): Mi war vor Kindern als „Engel“ aufgetreten, Lied „So laß mich scheinen, bis ich werde…“

VIII 3 W im Zwiespalt zwischen Therese und N. Ein Bild zeigt N‘ Tante, die Autorin der „Bekenntnisse…“. Man befindet sich im Haus von N‘ Onkel, der des Großvaters Kunstsammlung gekauft hatte. Der Abbé als Erzieher N‘ und ihrer Geschwister. Der Arzt informiert W über Mi‘ Geschichte: Sie ist als Kind von Gauklern entführt worden – sie hatte zu W gewollt, als Philine nachts in seinem Bett lag → Eifersucht, Krämpfe. W ist ratlos, der Arzt rät zu Freundlichkeit. Mi ist mit Felix da, sie ist ganz ruhig.

N erklärt ihre Eigenart, die Bedürfnisse der Menschen zu sehen und zu lindern. Sie stimmt dem Prinzip des irren Lassens bei Kindern nicht zu. Ankunft der Gräfin angekündigt.

VIII 4 N gibt W einen Brief ihrer Freundin Therese, diese stimmt der Heirat zu; W ist unsicher wegen seiner Neigung zu N; Auszüge aus Briefen Thereses an N. Man will L informieren, als J eröffnet, dass Therese nicht die Tochter ihrer Mutter und damit frei für L sei. Bestürzung, W verzichtet auf Therese. Brief Thereses: W soll sofort zu ihr kommen. Brief L‘: W soll unbedingt bei N bleiben, bis Therese sich entschieden hat. Brief Thereses: Sie will notfalls selber kommen, sie fühlt sich von den Männern verplant.

VIII 5 Man geht zum Sarkophag des Onkels, dort der Spruch „Gedenke zu leben“. Wunderbare Einrichtung des Raumes. – Therese kommt, Küsse, Mi bricht zusammen, tot. Man will sie einbalsamieren. L kommt mit J und Abbé, W ist verdrossen. J klärt ihn über den Turm auf und über das Eingreifen des Abbés in sein Leben. Er charakterisiert den Abbé und andere Personen.

VIII 6 N‘ verschollener Bruder kommt, es ist Friedrich; er ist mit der schwangeren Philine zusammen. Der Abbé erzählt die Geschichte von Thereses Eltern und ihrer Geburt; W erneuert gegen J seinen Verzicht auf Therese.

VIII 7 J will nach Amerika gehen, der Turm soll sich in der ganzen Welt verteilen; er lädt W ein, ihn zu begleiten. J hat sich schon mit Lydie verabredet. Der Abbé bietet W an, als Begleiter des Marchese (Freund des Onkels von N) zu reisen. W wird sich bewusst, dass er N liebt. Er will mit Felix in die Welt und bittet Werner um Geld. Mit dem Marchese gibt es Gespräche über Kunst und oft fehlenden Kunstsinn.

VIII 8 Exequien Mi‘, kleine Feier; sie ist einbalsamiert. An einem Kreuz-Tatoo erkennt der Marchese sie als seine verschollene Nichte.

VIII 9 Marchese lädt alle nach Italien und W zur Mitreise ein. Die Gräfin kommt. Der Abbé liest die von ihm ausgearbeitete Geschichte des Marchese und seiner Familie, in der Mi als illegitimes Kind seines Bruders (Ex-Pater) und einer von Fremden erzogenen Schwester hervorgegangen ist. Der Mutter wurde etwas vorgespielt, das Kind ihr weggenommen – die kirchliche Vertuschung eines Fehltritts. Mi war ein wildes Kind, voll Musik, mit beschränktem Verstand. Nach dem Tod galt ihre Mutter als Heilige. Der Vater entfloh erneut dem Kloster.

VIII 10 Er ist der Harfner, heißt Augustin. W soll das Erbe Mi‘ antreten. Der Harfner kommt, er ist verwandelt (durch die Möglichkeit, sich zu töten). Der Graf kommt und macht sich nützlich. Felix scheint von Augustins Gift getrunken zu haben, N und W kümmern sich um ihn, er erholt sich aber schnell. Augustin will sich töten, was er schließlich schafft.

Verlegenheit vor W‘ Abreise. L offenbart W, dass Therese der Heirat mit L nur unter der Bedingung zugestimmt habe, dass W N bekommt, für die sein Herz sich entschieden habe. L bietet W an, gemeinsam zu heiraten und zu wirken. Friedrich verkündet, dass N W gewählt habe: „du kommst mir vor wie Saul, der Son Kis, der ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein Königreich fand.“ W ist glücklich.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Meisters_Lehrjahre (unvollständig)

http://cornelia.siteware.ch/literatur/litzusammenfassungen/Wilhelm_Meisters_Lehrjahre.html

https://www.xlibris.de/Autoren/Goethe/Werke/Wilhelm%20Meisters%20Lehrjahre

https://deliteratur.wordpress.com/2010/06/16/bildungsroman/ (Bildungsroman)

https://epub.ub.uni-muenchen.de/5349/1/5349.pdf (Selbmann: Der deutsche Bildungsroman)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/wp-content/uploads/2015/09/bildungsroman.pdf (Bildungsroman)

http://www.jltonline.de/index.php/conferences/article/view/582/1407 (Besprechung Böhm / Dennerlein)

http://www.literaturtipps.de/topthema/thema/wie-sich-der-bildungsroman-weiterbildete.html (Wie sich der Bildungsroman weiterbildete)

https://www.academia.edu/6102330/Dennis_Benneballe_Grade_Bildung_und_die_Turmgesellschaft_in_Goethes_Wilhelm_Meisters_Lehrjahre (Bildung und Turmgesellschaft)

https://vu.fernuni-hagen.de/lvuweb/lvu/file/FeU/KSW/2017SS/04528/oeffentlich/04528-4-01-S1+Vorschau.pdf (Aspekte des Bildungsromans in „Wilhelm Meister“)

http://geraldmackenthun.de/app/download/5784325403/Goethes_Wilhelm_Meister_%281995%29.pdf (dito)

http://sammelpunkt.philo.at/2614/1/Kammertoens_W_Meister_Kant.pdf (Kammertöns: Wieviel Kant steckt in Wilhelm Meisters Lehrjahren?)

https://www.pedocs.de/volltexte/2014/1650/pdf/Roesler_1990_Die_Grenze_erzieherischer_Moeglichkeiten.pdf (Die Grenze erzieherischer Möglichkeiten)

http://vicoweb.de/vn/refserv/source/kittler/wilhelm_meister_1978.htm (Über die Sozialisation Wilhelm Meisters)

http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/goethe/meisterslehrjahre_fischer.pdf (Die Turmgesellschaft)

https://www.christianix.de/doc/Lehrjahre.pdf (Bildungsidee, Arbeit eines Studenten)

https://bildungsserver.hamburg.de/wilhelm-meister/ (Links zu Arbeiten)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Romane/Wilhelm+Meisters+Lehrjahre (Text)

Kalila und Dimna (Fabeln) – gelesen

Ich habe nur eine Auswahl der Fabeln gelesen: Kalila und Dimna. Vom sinnreichen Umgang mit Freunden. Ausgewählte Fabeln des Bidpai. Nacherzählt von Ramsay Wood (übersetzt von Edgar Otten): Freiburg 1986. Die traditionellen Fabeln sind also durch eine übersetzte Nacherzählung gefärbt, so dass man die schillernden Farben des Originals oft nur erahnen kann.

Die Fabeln werden von Bidpai im Gespräch mit König Dabschelim vorgetragen, doch so, dass aus einer Erzählung die nächste Geschichte entspringt: Eine Figur der Erzählung erzählt einer anderen wiederum eine Geschichte, in der eine Figur einer anderen eine Geschichte erzählt… Gleichwohl verliert man den Rahmen, Bidpai vor dem König, und die Haupterzählung vom bösen Schakal Dimna, der die Freundschaft zwischen dem Löwen und dem Stier durch Lügen und Misstrauen untergräbt, nicht aus den Augen. Es ist ein wunderbares Buch, das zu lesen sich lohnt.

Zur Übersetzung möchte ich sagen, dass sie einige Macken aufweist, wie man an folgenden Beispielen sieht: Als der Wolf auf die Kadaver der Hirschkuh, des Bogenschützen und des Ebers trifft, „sprintet er von Kadaver zu Kadaver“ (S. 213) – das ist unwahrscheinlich, er wird sich langsam bewegen; die Ratte erfreut sich an „einem geilen Goldhaufen“ (S. 218); die Ratte bewertet etwas als „der absolute Nadir“ (S. 220) – der „Tiefpunkt“ trifft es eher, außerdem passen „Nadir“ und „geil“ nicht auf eine Sprachebene; das gilt auch für die Stelle, wo die Ratte die Kurve kratzt und ihr Loch in Agonie erreicht (S. 228) – wer die Kurve kratzt, kennt auch kein Habitat und Sanktuarium (S. 229). Und was eine Halbtierce bzw. ein Buch in der Gestalt einer Halbtierce ist, das konnte ich nicht herausfinden, während ich das Oxhoftfass in der Wikipedia gefunden habe.

https://www.wikizero.com/de/Kal%C4%ABla_wa_Dimna

https://www.evolution-mensch.de/Anthropologie/Kal%C4%ABla_wa_Dimna

https://en.wikipedia.org/wiki/Panchatantra (umfangreich)

https://en.wikipedia.org/wiki/Calila_e_Dimna (dito)

http://self.gutenberg.org/articles/Kalila_and_Dimna

https://de.wikipedia.org/wiki/Kal%C4%ABla_wa_Dimna

https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/734966

https://archive.org/details/bub_gb_fJAWAAAAYAAJ_2/page/n5 (Text, ungekürzt)

https://archive.org/details/kalilaunddimnasy00bdps/page/n249 (Text, syrisch und deutsch)

https://www.chbeck.de/kalila-dimna/product/20616 (Übersetzung der persischen Fassung, Rezension: http://www.sandammeer.at/rezensionen/monschi-kalila.htm)

http://www.inst.at/trans/16Nr/06_1/haschemi16.htm (Auswirkungen auf die Fabeln der dt. Aufklärung)

https://journals.ut.ac.ir/article_19136_e471c878eee832e37492328c47fe2ba0.pdf (Rezeption in Iran und Deutschland)

Saša Stanišić: Herkunft (2019) – vorgestellt

Zumindest einmal will ich den Namen richtig schreiben, auch wenn meine Maschine nicht die jugoslawischen Sonderzeichen fabrizieren kann: Saša Stanišić, ich habe ihn aus dem Wikipedia-Artikel kopiert. Es geht um seinen Roman „Herkunft“ (2019), der eher eine Sammlung einzelner Geschichten denn ein Roman ist. Sie werden durch das erzählende Ich zusammengehalten, das sich als Saša Stanišić ausgibt und großenteils vermutlich auch ist. Es sind Geschichten eines Flüchtlings – Stanisic spricht politisch korrekt lieber von einem Geflüchteten – der nach Deutschland kommt und sich gegen viele Widerstände als anerkannter Flüchtling etabliert, während seine Eltern Deutschland wieder verlassen müssen und die alte Großmutter ohnehin in Visegrad zurückgeblieben ist.

Der zweite Themenkomplex ist eben die besagte Großmutter, die in ihrer Demenz verwunderlich ist und der mit geschätzten 150 Seiten ziemlich viel Platz eingeräumt wird – zu viel, würde ich sagen, da eine demente Großmutter nichts mit dem zu tun hat, was durch den Titel „Herkunft“ thematisiert wird: wie die Herkunft das Schicksal eines Menschen in Deutschland bestimmt, aber nicht bestimmen sollte. „Ich sagte, Herkunft ist Zufall, immer mal wieder, auch ungefragt.“ (S. 178)

Solche Sätze allerdings machen mich stutzig: Wozu diese verquaste Satzbildung, warum „faulten“ die Spieler beim Basketball (S. 194), wozu gibt es den glühend kalten Tag (S. 240 – lassen wir „den Radio hören“ als süddeutsch durchgehen, auch wenn es grausam klingt)? Ist das nicht alles gekünstelt? Und dann der verschwurbelte Tiefsinn: „Sie legten für ihre Toten eine gute Geschichte ein. Der Geschmack des Brunnenwassers ist aus Sprache gemacht. Die Sprache wird weiterfließen. Einer überleben, um zu erzählen. Um zu sagen: Mein Leben ist unbegreiflich.“ (S 286)

Insgesamt findet man in Stanisics Roman ein Buch, das sich leicht lesen lässt; aber man muss es nicht lesen, finde ich, man hat nicht viel verpasst, wenn man es nicht liest. Es gibt mehrere Kapitel, die völlig belanglos sind (z.B.„Diplomatie“, S. 203); „Geschichtenkitt“ (S. 212) ist ziemlich verworrenes Zeug. Der große Schluss („Der Drachenhort“, S. 289 ff.) ist so konzipiert, dass man sich als Leser nach gehöriger Warnung (S. 291) mit der verworrenen Großmutter konfrontiert sieht (S. 293) und je nach gewählter eigener Reaktion zu zehn verschiedenen Enden der Erzählung geführt wird. Das ist ein künstlich erbautes Labyrinth, auf dessen Axiom ich mich nicht eingelassen habe: „… du erschaffst dein eigenes Abenteuer. (…) Du bist ich.“ Nein, das bin ich nicht und will ich auch nicht sein. Mit dem Angebot „Du bist ich“ wird der stillschweigend geschlossene Pakt des Erzählers mit dem Hörer-Leser gebrochen: ‚Ich erzähle dir die Wahrheit und du glaubst mir.‘ Wenn es nämlich zehn mögliche Wahrheiten gibt – bzw. wenn der Autor bewusst macht, dass es beim Erzählen keine Wahrheit, sondern nur Fiktionen gibt – dann ist das einerseits ehrlich und sogar aufklärend; anderseits wird damit die Empathie, mit der man das Flüchtlings-Ich Sascha begleitet hat, als blauäugiger Naivität entsprungen entlarvt. „Bemitleidenswerter Flüchtling? April, April, ich könnte auch ganz anders erzählen, sprich: ‚anderes erlebt haben‘ – wir betreiben hier Unterhaltung!“ [Man vergleiche dagegen die abgründige Erzählung  Borges‘ „Der Garten der Pfade, die sich verzweigen“!]

Im folgenden Zitat (S. 193) wird diese Position allerdings widerrufen, so dass man sagen muss: Das Angebot der zehn möglichen Enden ist nicht durchdacht, es ist bloß ein modischer Schlenker: „Ich brauche niemandem zu erklären, warum ich dort, wo ich herkomme, nicht mehr bin. Es kommt mir vor, als würde ich genau das aber immerfort tun. Fast entschuldigend auch. Auch mir selbst gegenüber. Es kommt mir vor, als stünde ich wegen der Geschichte dieser Stadt, Visegrad, und wegen des Glücks meiner Kindheit in einer Schuld, die ich mit Geschichten begleichen muss. Es kommt mir vor, als meinten meine Geschichten diese Stadt sogar dann, wenn ich nicht über sie schreiben will.“ (S. 193)

Die begeisterten Rezensionen des Buches lassen mich ratlos zurück, ich bin von anderen Büchern begeistert. Und ob jemand nach der Lektüre seine Einstellung gegenüber den „Fremden“ ändert, bezweifle ich: Die Autoren des Feuilletons leben in ihrer eigenen Welt.

(Version vom 24. Juni 2019)

https://www.spiegel.de/kultur/literatur/herkunft-von-sasa-stanisic-ein-superbuch-a-1258440.html

https://www.zeit.de/2019/12/herkunft-sasa-stanisic-roman-autobiografie

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article190665023/Herkunft-von-Sasa-Stanisic-Von-Bosnien-nach-Deutschland.html usw.

F. Schiller: Die Räuber – das Geschehen (Inhalt)

Friedrich Schiller: Die Räuber

1. Akt

I 1 Franz und der alte Moor in einem Saal des Moorischen Schlosses

Franz Moor bedrängt mittels eines Briefes aus Leipzig seinen alten Vater, seinen im Brief als Verbrecher denunzierten Bruder Karl zu verstoßen; er bringt seinen Vater dazu, selber einen diesbezüglichen Brief an Karl schreiben zu dürfen – alles angeblich aus Sorge um das Wohlergehen des alten Herrn.

In einem großen Monolog bekennt er, selber den anklagenden Brief aus Leipzig geschrieben zu haben. Er offenbart seinen Hass auf den älteren, schöneren und begabteren Bruder Karl. Er verspottet alles, was anderen Menschen heilig ist (ehrlicher Name, Gewissen, Verwandtschaft). „Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt daß ich nicht Herr bin.“

I 2 Karl von Moor und Spiegelberg in einer Schenke an der Grenze von Sachsen

Karl Moor beklagt die Schlappheit des Jahrhunderts. Spiegelberg will ihn zu neuen Streichen ermuntern, indem er von den alten erzählt. Spiegelberg träumt von großen Verbrechen, Karl sehnt sich nach seiner Amalia und bekennt, den Vater umVergebung gebeten zu haben.

Schweizer, Grimm, Roller, Schufterle, Ratzmann treten auf.

Ein Brief Franz Moors zerstört alle Hoffnungen Karls. Spiegelberg schlägt den Genossen vor, in Böhmen eine Räuberbande zu gründen. Die Kameraden stimmen zu, Spiegelberg will Anführer werden.

Der wieder hinzukommende Karl Moor ist außer sich aus Enttäuschung über Franzens Brief: Der Vater verstoße ihn. Er will der Hauptmann der Räuber und Mörder sein: „Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, daß mir jemals etwas teuer war!“ Alle schwören ihm „Treu und Gehorsam bis in den Tod“; Spiegelberg steht enttäuscht abseits.

I 3 Franz und Amalia in Amalias Zimmer im Schloss

Franz gesteht Amalia seine Liebe, doch sie weist ihn zurück. Zweimal wird sie unsicher: als er verspricht, sich beim Vater für Karl einzusetzen, und als er ihr suggeriert, Karl habe Amalias Ring einer Dirne gegeben – doch sie fängt sich wieder. Als er ihr dann weismacht, Karl habe ihm beim Abschied Amalia anvertraut, entlarvt sie seine Lügen. Sie wirft ihn hinaus. Er droht ihr Schlimmes an; sie entsagt um Karls willen allen Reichtümern.

Ergebnis des 1. Aktes:

Die Hauptfiguren werden eingeführt: Franz Moor erweist sich als der böse Drahtzieher, der den Vater manipuliert, Karl zu verstoßen, und Karl dazu bringt, sich dem Räuberleben zuzuwenden. Bei Amalia scheitert er jedoch mit seiner Werbung und seinen Lügen.

Offen ist, ob es bei den Räubern wegen Spiegelbergs Enttäuschung Probleme geben wird, was die drei Figuren der Familie von Moor sowie Amalia tun werden und ob Karl den Weg nach Hause finden wird.

2. Akt

II 1 Franz von Moor nachdenkend in seinem Zimmer

Franz erwägt, wie er den Tod seines kranken Vaters herbeiführen kann; er will es über die Zerstörung seines Geistes durch Verzweiflung versuchen.

Hermann tritt auf.

Franz appelliert an Hermanns Kränkung durch den Vater und daran, dass Amalia seine Werbung zurückgewiesen und Karl gewählt hat. Er verspricht ihm Beförderung und Amalia und gewinnt ihn so dazu, verkleidet dem Vater die falsche Nachricht vom Tod Karls in Böhmen zu überbringen.

II 2 Moors Schlafzimmer, der Alte schlafend, Amalia

Der alte Moor träumt von Karl. Als er sich wegen dessen Verstoßung anklagt, beschwichtigt Amalia ihn. Sie singt das Lied vom Abschied Andromachas und Hektors.

Daniel kündigt einen Fremden an. Franz und der verkleidete Hermann kommen.

Hermann erzählt von Karl und seinem heldenhaften Tod im Krieg nebst demVorwurf, der Fluch des Vaters habe ihn zu den Soldaten getrieben. Der Alte verzweifelt. Auf einem Schwert steht, mit Blut geschrieben, eine Botschaft an Franz und Amalia. Der Alte wütet gegen Franz; Amalia muss ihm die biblische Geschichte von Jakobs Trauer um Joseph vorlesen. Der Alte stirbt, Franz frohlockt: „Weg dann mit dieser lästigen Maske von Sanftmut und Tugend! Nun sollt ihr den nackten Franz sehen, und euch entsetzen!“

II 3 Spiegelberg, Ratzmann, Räuberhaufen, in den böhmischen Wäldern

Spiegelberg prahlt mit seinem Trupp von 78 Räubern; er erzählt, wie er Leute anwirbt und was für Dinger sie zusammen drehen. Ratzmann berichtet von den Taten des Hauptmanns Moor, der eher wie Robin Hood agiert.

Schwarz kommt und berichtet, Roller und vier andere seien gehängt worden.

Räuber Moor zu Pferd; Schweizer, Roller, Grimm, Schufterle; Räubertrupp

Roller ist glücklich; es wird erzählt, wie Karl ihn gerettet hat – dafür wurde die Stadt angezündet, 83 Menschen kamen um, es wurde geplündert und gemordet – Karl Moor verdammt unnötige Verbrechen und wirft Schufterle raus. Er will fliehen, kommt aber zurück: Die Räuber sind von Soldaten eingekesselt. Moor macht einen Schlachtplan.

Ein Pater tritt auf, beschimpft Moor und bietet ihm an, gerädert zu werden. Moor bekennt sich schuldig und berichtet auch von der Bestrafung verbrecherischer Würdenträger. Er wirft der Kirche ihre Verbrechen vor, will sich nur vor Gott verantworten: „Sag ihnen, mein Handwerk ist Wiedervergeltung…“ Der Pater verspricht den Räubern Amnestie und Belohnung, wenn sie Moor fesseln. Der ermuntert seine Leute, dies zu tun. Roller, Schweizer, alle wollen ihn retten. „Itzt sind wir frei – Kameraden! (…) Tod oder Freiheit! Wenigstens sollen sie keinen lebendig haben.“ Der Kampf beginnt.

Ergebnis des 2. Aktes:

Franz Moors Plan ist zu einem Teil mit dem Tod seines Vaters geglückt, er zeigt sein wahres bereits bekanntes Gesicht. Karl Moor wird als Räuberhauptmann vorgestellt, der einerseits alles für einen gefangenen Kameraden tut, dem die Räuber unbedingt treu folgen, der anderseits die verbrecherischen Reichen bestraft – sein Handeln ist zwiespältig.

Offen sind die Fragen, ob Franz Moor weiterhin Erfolg haben wird (Amalia gewinnen), wie der Kampf der Räuber ausgehen wird und wie Karl Moor aus der Räuberei herauskommen kann.

3. Akt

III 1 Amalia im Garten, spielt auf der Laute.

Sie beklagt im Lied den Tod des Geliebten.

Franz tritt auf, bietet ihr Herz, Hand und Reichtum an. Sie weist ihn zurück. Er droht ihr mit dem Kloster, was sie begrüßt. Da droht er ihr mit Vergewaltigung – sie verjagt ihn mit seinem Degen.

Hermann kommt und gesteht, dass Karl und ihr Oheim noch leben. Amalia ist neu beseelt.

III 2 Die Räuber lagern an der Donau.

Alle sind erschöpft, Moor ist ob seines Räuberlebens deprimiert; 300 Feinde sind gefallen, bei den Räubern nur Roller.

Kosinsky kommt, will zu den Räubern gehören; Moor warnt ihn, weist ihn zurück. Kosinsky erzählt, wie man ihm seine Braut Amalia entrissen hat. Das Stichwort „Amalia“ elektrisiert Moor, alle brechen auf nach Franken.

Ergebnis des 3. Aktes:

Es deutet sich eine Wende zum Guten an: Sowohl Amalia als auch Moor haben sich dem anderen zugewandt, der alte Graf scheint noch zu leben.

4. Akt

IV 1 Gegend beim Moorischen Schloss: Räuber Moor, Kosinsky

Kosinsky soll den „Graf von Brand“ melden. Moor im Monolog: Er ist hin und her gerissen zwischen Glück und Verzweiflung.

IV 2 Galerie im Schloss, Räuber Moor und Amalia

Amalia führt Karl Moor unerkannt durch das Schloss; er ist bei einem Bild seines Vaters gerührt, sie bei seinem Bild. Er fühlt sich als Mörder des Vaters.

Franz Moor allein, erkennt im Fremden plötzlich seinen Bruder wieder.

Daniel kommt, Franz Moor wittert in ihm einen Feind und bekniet ihn, seinen Bruder am nächsten Tag zu töten. Im Monolog offenbart er seine ganze Bosheit.

IV 3 Zimmer im Schloss, Räuber Moor und Daniel

Daniel erkennt den Grafen Moor und erzählt aus dessen Kindheit.

Kosinsky kommt, Moor will mit ihm fliehen und geht dann in den Hof.

IV 4 Im Garten, Amalia

Sie ist von dem fremden Grafen fasziniert, lebt in Erinnerung an Moor.

Moor kommt, sie erkennt ihn nicht, er spricht in Bildern von der Liebe zu seiner Amalia, die allerdings von einem Mörder geliebt werde. Sie singen abwechselnd das Hektor-Andomacha-Lied, er flieht.

IV 5 Wald, Nacht, die Räuberbande

Sie singen ein Räuberlied. Spiegelberg will Razmann zum Mord an Moor überreden, um selber Chef zu werden; Schweizer ersticht ihn.

Moor und Kosinsky kommen, Moor ist vom Besuch im Schloss bewegt. Die Räuber gehen schlafen, Moor sinnt über sein Geschick und das Schicksal des Menschen. „Sei wie du willt namenloses Jenseits – bleibt mir nur dieses mein Selbst getreu – Sei wie du willt, wenn ich nur mich selbst mit hinübernehme – …“ Er erwägt und verwirft den Selbstmord.

Hermann kommt und bringt dem eingesperrten alten Grafen Brot und Wasser. Karl befreit den Vater, der erzählt, wie Franz den Scheintoten vor drei Monaten entsorgt und Hermann ihn vor dem Tod bewahrt hat; er trauert um Karl, ohne ihn zu erkennen. Moor ruft die Räuber herbei und beauftragt Schweizer, Rache zu üben und Franz lebendig herzubringen.

Ergebnis des 4. Aktes:

Die beiden Handlungsstränge werden im Schloss zusammengeführt. Karl Moor wird von einigen, aber nicht von Braut und Vater wiedererkannt. Mit Franzens Mordplan, der Befreiung des Vaters und dem Auftrag zur Rache drängen die Ereignisse zu einem Ende; offen ist Karls Abrechnung mit Franz Moor und die Frage, was die offene Begegnung von Karl und Amalia bringen wird.

5. Akt

V 1 Nacht, Aussicht von vielen Fenstern, Daniel mit einer Laterne

Daniel will fliehen,

Franz Moor kommt, ist aufgelöst wegen des Angriffs der Räuber; er schickt nach dem Pastor, wird kurz ohnmächtig, erzählt seinen Traum vom Weltgericht, schaudert vor dem Tod.

Pastor Moser tritt auf, streitet mit Franz über das Weltgericht; dass Vatermord die schlimmste Sünde sei, erschüttert diesen; er schickt Moser fort.

Ein Bedienter meldet, dass Amalia geflohen ist.

Daniel kommt, Franz beschwört ihn um Hilfe, das Schloss brennt.

Volksauflauf, die Räuber kommen, Franz erdrosselt sich, die Räuber finden die Leiche, Schweizer erschießt sich.

V 2 Schauplatz wie IV 5; der alte Moor, Karl, Räuber hin und her im Wald.

Der alte Moor trauert um Karl, segnet Karl auf dessen Bitte, ohne ihn zu erkennen.

Schweizers Gefährten vermelden den Tod Franzens und Schweizers.

Neue Räuber, Amalia kommen, Karl Moor rast wegen der begangenen Morde, will fliehen, wendet sich in Liebe Amalia zu. Die Räuber erinnern ihn an seinen Treueschwur in Böhmen. Er löst sich von Amalia, sie bittet um den Tod, er tötet sie: „Die Narben, die böhmischen Wälder! Ja ja! Dies mußte freilich bezahlt werden.“ Er erkennt, dass zwei Menschen wie er „den ganzen Bau der sittlichen Welt zu Grund richten würden“. Er legt sein Amt als Hauptmann nieder, um sich dem Gericht zu stellen. Er erinnert sich an einen Armen, der ihn anzeigen soll, damit er das Kopfgeld bekommt.

Ergebnis des 5. Aktes:

Den bösen Franz Moor trifft die Strafe. Karl hat sich so in Schuld verstrickt, dass er die endlich gefundene Amalia nicht als Braut haben kann. Er entsagt, tötet sie selber und will sich angesichts seiner Schuld dem Gericht stellen. Was aus dem alten Vater und den Räubern wird, bleibt offen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_R%C3%A4uber

https://www.friedrich-schiller-archiv.de/inhaltsangaben/zusammenfassung-die-raeuber/

http://www.rither.de/a/deutsch/schiller–friedrich/die-raeuber/

https://www.xlibris.de/Autoren/Schiller/Werke/Die%20R%C3%A4uber%20%E2%80%93%20Kabale%20und%20Liebe%20%E2%80%93%20Wilhelm%20Tell

Carola Sterns Biografie der Johanna Schopenhauer (2003) – erneut gelesen

Irgendwie kamen mir die Figuren bekannt vor, als ich gestern Carola Sterns Biografie der Joahnna Schopenhauer, „Alles, was ich in der Welt verlange“ (2003), zu lesen begann; ich dachte, es sei die Erinnerung an Thomas Manns „Lotte in Weimar“ – aber als ich heute zu der Stelle kam, wo erzählt wird, wie Adele und Ottilie für einen preußischen Leutnant schwärmten, wurde mir klar, dass ich das Buch bereits gelesen hatte: 2015, wie eine kurze Besprechung zeigt. Deshalb möchte ich jetzt nur noch einige Einzelheiten nachtragen.

Das Leben der Johanna Schopenhauer wird nicht streng chronologisch, sondern nach Themen geordnet partiell chronologisch erzählt, wodurch sich gelegentlich Passagen überschneiden. Vielleicht verdankt sich das der Methode der Autorin, umfangreich Literatur zu studieren und teilweise zu zitieren (was einfacher ist, wenn man Themen gesondert bearbeitet); so werden die geselligen Abende bei Johanna S. mit einer Beschreibung Garlieb Merkels in seinen „Briefen über Hamburg und Lübeck“ veranschaulicht. Eine zweite Methode besteht darin, Fragen zu stellen und Vermutungen zu äußern – und diese dabei als solche zu kennzeichnen. Und drittens wahrt Carola Stern die historische Distanz, indem sie immer wieder darauf verweist, dass Johanna Schopenhauer in einer anderen Welt als wir heute lebte. Während Johanna sich in Weimar in den besseren Kreisen zu bewegen suchte, verzichtet Carola Stern nicht darauf, auch das Weimar der kleinen Leute zu skizzieren. Den zwei Seiten einer Sache wird sie dadurch gerecht, dass sie einmal die eine und später die andere Seite darstellt: die Freuden und die Beschwernisse des Reisens (S. 93-97), Goethes Liebenswürdigkeit und Goethes Tyrannei (S. 124 f. / S. 137 ff.).

Was mich gestört hat, sind einige unzulässige Verallgemeinerungen: „Schwerhörigkeit macht den, der sie erleidet, und den, der sie ständig miterleben muss, ungeduldig und auch ungerecht, erzeugt in der Ehe Spannungen und Nervosität.“ (S. 89; das braucht man nicht zu diskutieren!) Oder wenn Stern von den Widersprüchen in Johannas Charakter spricht: „dem starken Bedürfnis, zu gefallen und sich also anzupassen, und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben – ein Widerspruch, mit dem bis heute viele Frauen leben“ (S. 129; der Wunsch nach Anerkennung muss durchaus nicht dazu führen, dass man sich ans Milieu anpasst!). Mit solch kurzbeinigen Weisheiten kommt man nicht zur Einsicht in die Probleme eines Lebens.

Carola Stern, deren eigene Biografie einige Überraschungen bietet (siehe den Wikipedia-Artikel!), schreibt flüssig und flott. Allerdings unterlaufen ihr gelegentlich grammatische Schnitzer: „Später, berichteten die Klatschbasen, sei sie die Geliebte des Zaren Paul geworden und wurde nach dessen Ermordung aus Russland ausgewiesen.“ (S. 77; auch S. 161: „die Miete sei allein für sie zu hoch“, richtig „für sie allein“).

Wenn man den Artikel „Schopenhauer, Johanna“ in der Allgemeinen Deutschen Biographie liest, ist man über Johanna Schopenhauer hinreichend informiert; sie war eine Frau mit großen Ambitionen im Banne Goethes. Carola Sterns Buch zeichnet darüber hinaus vor allem das Bild ihrer Zeit und Zeitgenossen.

Homer: Die Odyssee – gelesen

In den letzten Tagen habe ich, angeregt durch Albert von Schirndings Lobeshymnen auf das Nausikaa-Bild in der Odyssee, dieses Epos in der Übersetzung Roland Hampes gelesen. Die 400 Seiten lesen sich flüssig, aber die große Erleuchtung oder Erschütterung hat sich bei mir nicht eingestellt, und Nausikaa konnte bei mir auch nicht das Bild aller Mädchen und Frauen verdrängen. Man kennt die Irrfahrten und das große Aufräumen am Ende bereits aus vielen Nacherzählungen; so blieb das (übersetzte) Original ohne die große Wirkung, die ihm Gräzisten bescheinigen.

Ein größeres Diktum des Odysseus ist mir allerdings aufgefallen, das mich von fern an der Chorlied der Antigone erinnert:

Siehe, kein Wesen ist so eitel und unbeständig

Als der Mensch, von allem, was lebt und webet auf Erden.

Denn solange die Götter ihm Heil und blühende Jugend

Schenken, trotzt er und wähnt, ihn treffe nimmer ein Unglück.

Aber züchtigen ihn die seligen Götter mit Trübsal,

Dann erträgt er sein Leiden mit Ungeduld und Verzweiflung.

Denn wie die Tage sich ändern, die Gott vom Himmel uns sendet,

Ändert sich auch das Herz des erdebewohnenden Menschen.

Siehe, ich selber war einst ein glücklicher Mann und verübte

Viel Unarten, vom Trotz und Übermute verleitet,

Weil mein Vater mich schützte und meine mächtigen Brüder.

Drum erhebe sich nimmer ein Mann und frevele nimmer,

Sondern genieße, was ihm die Götter bescheren, in Demut!“

(Odysseus zu Amphinomos in der Odyssee XVIII 130 ff.)

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Odyssee

https://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Odyssee

https://archive.org/details/homersodysseeei01goog/page/n5 (Hennings: Ein kritischer Kommentar)

https://archive.org/details/einsthetischerk01sitzgoog/page/n5 (Sitzler: Ein ästhetischer Kommentar)

https://en.wikipedia.org/wiki/Odyssey (darin wichtig die Abschnitte Themes und Scenes)

https://www.penguin.com/static/pdf/teachersguides/HomerOdysseyTG.pdf

https://www.litcharts.com/lit/the-odyssey/book-1

https://www.owleyes.org/text/odyssey  (darin wichtig: Analysis)

https://www.academia.edu/4474894/Analysis_on_The_Odyssey_of_Homer

https://odyssee267.wordpress.com/2017/12/09/mythos-und-aufklaerung-1/

Text:

https://archive.org/details/homersiliasvonjo00home/page/n1

http://www.zeno.org/Literatur/M/Homer/Epen/Odyssee

https://archive.org/details/odysseus_1404_librivox

A. Holl: Wo Gott wohnt (1976) – gelesen

Von Adolf Holl kenne ich zwei Bücher, „Jesus in schlechter Gesellschaft“ (1971) und „Tod und Teufel“ (1973); das erste trifft weithin den Ton Tralala, das zweite hat mir gut gefallen, da es auch die Geschichte seiner Entfremdung vom Priesterberuf erzählt – was aber genau darin steht, weiß ich nicht mehr, ich muss es mal wieder lesen. Jetzt habe ich mir antiquarisch „Wo Gott wohnt“ (1976) gekauft, aufgrund einer uralten Empfehlung einer guten Bekannten: Hier wird die Geschichte des biblischen Gottes erzählt, dessen Zeit inzwischen um ist, damit ihm der kleine Gott Jesus nachfolgen kann, der alle 155 Jahre ein Jahr älter wird und deshalb jetzt gerade erwachsen ist, so dass von ihm noch etwas zu erwarten ist.

Im Hintergrund des Buches steht die Erkenntnis, dass die Israeliten nicht immer den gleichen GOTT verehrt haben, dass es verschiedene Namen und Vorstellungen des GOTTes gab, dass er zuerst neben anderen Göttern stand, ehe er als EINZIGER verehrt wurde… was natürlich im Religionsunterricht so nicht gesagt wurde und was die meisten katholischen Bischöfe vermutlich heute noch nicht wissen, da sie stramm eine ahistorische Dogmatik gelernt haben. Die letzte seriöse Darstellung des Problems, die ich kenne, stammt von Werner H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte (3. Auflage 1979; es gibt eine 7., verbesserte Auflage); vermutlich gibt es neuere Darstellungen, ich habe das nicht mehr verfolgt. Aus dieser Geschichte der Gottesvorstellungen macht Adolf Holl nun eine Geschichte GOTTes, der sich selber entwickelt – für die in griechischer Philosophie Denkenden (wie die Kirchenväter und die Konzilien) ein grauenhafter und lästerlicher Gedanke.

Wenn ich es recht sehe, hatte Heinrich Heine als erster die Idee, eine Biografie Gottes zu schreiben; diese Idee ist in sich kritisch, weil sie ein Ende GOTTes impliziert, Schwäche und Tod – das Gegenteil GOTTes. Bei Adolf Holl wird dieses Ende zugunsten des kleinen Gottes Jesus begrüßt: Holl greift dafür auf Christus-Darstellungen in den Katakomben zurück, „Darstellungen einer knabenhaften Gestalt: eine Art Hirtenjunge, ohne Bart [ganz wichtig, El war nämlich ein alter Mann mit Bart, S. 37, N.T.], ähnlich dem griechischen Gott Orpheus“ – „Jesus, der den Tod überlistet, unangestrengt und bei bester Gesundheit“ (S. 118). Dieser kleine Gott wendet sich vom Himmel ab und den Menschen zu, zum Schluss fährt er mit Luzifer und der Geist-Taube per Bus bis zur Endstation. Was sie da tun, wird nicht mehr erzählt.

Auf der Basis einiger historischer Fakten, in freier Variation biblischer Erzählungen und mit viel Fiktion und Fantasie erzählt Holl auszugsweise biblische und kirchliche Geschichte(n) nach – insgesamt wieder in der Methode Tralala. Das ist ganz nett, mehr aber auch nicht; eine marxistisch-kritische Darstellung der ganzen Geschichte hat Walter Beltz geschrieben: „Gott und die Götter. Biblische Mythologie“ (1975). Lesenswert sind Leszek Kolakowskis geistreiche Kommentare zu einzelnen biblischen Geschichten, „Der Himmelsschlüssel. Erbauliche Geschichten“ (1964). Was Jack Miles‘ „Gott. Eine Biographie“ (1996) taugt, weiß ich nicht; ich hänge zwei Rezensionen an, die ich im Netz gefunden habe.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-am-achten-tag-schuf-gott-sich-selbst-11306703.html

https://hansarandt.wordpress.com/2015/01/03/das-selbstbewusstsein-gottes/

A. von Schirnding: Alphabet meines Lebens (2000) – gelesen

Juri Rytheu hat 2010 eine autobiografische Erzählung mit dem Titel „Alphabet meines Lebens“ veröffentlicht, zehn Jahre zuvor hat Albert von Schirnding den gleichen Titel und die gleiche Methode benutzt, um von seinem Leben zu erzählen (dtv, 2000) – überhaupt eine beliebte Methode, um ein Thema unsystematisch zu bearbeiten. Die normale Biografie ist chronologisch organisiert, jedenfalls im Prinzip; die Orientierung an alphabetisch geordneten Stichworten schafft die Möglichkeit, wichtige Aspekte des eigenen Lebens zu schildern – oder zu verschweigen, indem man das Stichwort einfach nicht behandelt.

Wozu erzählt man Fremden von seinem Leben? Entweder muss das eigene Leben bedeutsam sein, die erzählten Ereignisse müssen wichtig oder der Erinnerung wert sein, oder sie müssen in irgendeiner Hinsicht typisch oder beispielhaft sein. Albert von Schirnding, 1935 geboren, hat die Artikel seines Buches noch im 20. Jahrhundert verfasst; er berücksichtigt 29 Stichworte, von Abstammung über Christentum, Heimat, Poeten, Unsterblichkeit bis Zuletzt. „Skizzenweise“ schreibe er, sagt er mit Berufung auf ein Goethe-Zitat. Ich kannte Herrn von Schirnding als Autor der SZ, heute werden ihn sicher außerhalb Bayerns nicht mehr viele Zeitgenossen kennen. Weil mich die Methode des Erzählens reizte, habe ich vor Jahren das Buch gekauft. Die 29 Aufsätze sind von unterschiedlicher Länge und Qualität.

Abstammung“ ist einer der längsten; die Familiengeschichte derer von Schirnding lässt sich bis ins Mittelalter verfolgen, aber sie interessiert mich nicht und ist in ihren Einzelheiten auch für den Autor nicht von Belang; im ganzen Buch jedoch merkt man (und gibt der Autor auch zu), dass die Herkunft aus einer adligen Familie beim Start ins Leben einen großen Vorsprung sichert. Über sein Kindermädchen „Deta“ berichtet er von ihrem Lebensende, aber nichts für ihn Wesentliches; der Artikel könnte ruhig fehlen. Von den „Eltern“ als solchen erzählt er nicht; er spricht von ihnen, um sich mit dem Tod und den Toten auseinanderzusetzen; dabei zeigt er im Rückgriff auf griechische Mythen und psychoanalytisches Vokabular, wie gebildet er ist. Unter „Freunde“ lesen wir von vier Jugendfreunden, die ich nicht kenne und die man nicht zu kennen braucht – und die von Schirnding selbst als Erwachsener auch aus den Augen verloren hat. In „Christentum“ finden wir die üblichen Bekannten; am Ende bleiben mit Karl Rahner und Reinhold Schneider zwei dunkle Stimmen, die irgendwie „dennoch“ am Glauben festhalten. „Griechisch“ ist ein bedeutsamer Artikel: Schirnding als Schüler, als Student und als Griechischlehrer, als ein Begeisterter, der zur Rettung aus den Wirren der Gegenwart sogar die Rückkehr zu den Griechen um das Jahr 400 vor Christus empfiehlt (S. 117), ohne jedoch zu sagen, was man dort für unsere Rettung finden kann; ich habe mir jedoch vorgenommen, demnächst die „Odyssee“ ganz zu lesen. Schirnding liebt dunkle Andeutungen, wie man auch am Ende des Abschnitts „Abstammung“ sieht: Die Toten „können von unserer Erinnerung nicht leben [richtig, N.T.], sie müssen sich schon selber genug sein lassen an dem, was sie gewesen sind [wie das? Die Toten gibt es nicht, sie können deshalb nichts tun.]. Unser Gedenken kann nur den Sinn haben, das spezifische Gewicht des eigenen Daseins schwerer zu machen [ein Bild – was denkt man sich dazu?].“ (S. 31 f.)

Das „Selbstporträt“ fällt dürftig aus; über den Autor erfährt man am meisten in den Artikeln „Griechisch, Lesen, Orte“. Er ist ein bayerischer Adeliger aus dem böhmischen Grenzland, Jahrgang 1935, er hat Griechisch unterrichtet, er hat gedichtet und Bücher veröffentlicht, er war in den literarischen Kreisen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vernetzt und ist irgendwie katholisch geblieben – wer ihn kennt, den könnte das Buch interessieren; wer ihn nicht kennt, den braucht es nicht zu interessieren. Das möchte ich mit einem Hinweis auf den Aufsatz „Märchen“ belegen: Wer denkt, er erfahre etwas von dem, was ihm Märchen bedeutet haben, der wird enttäuscht; stattdessen liest man ziemlich „schlaue“ Gedanken über eine Reihe von Märchen, wobei er nicht ohne Seitenhieb auf die „Psycho-Theologen“ auskommt, zu denen er doch selber hier gehört. Denn dass „[i]n einer etwas tieferen Schicht“ (S. 161 f.) die kluge Else die Sympathie des Erzählers und damit auch des Zuhörers erfahre, halte ich für Spinnerei; und die Reichweite ihrer Phantasie ist mitnichten ein Zeichen ihrer Klugheit (S. 161) , sondern ihrer Dummheit, ihr Attribut „klug“ ist und bleibt ironisch.

Die Artikel „Unsterblichkeit“ und „Zuletzt“ zeigen, dass er nicht den Mut hat, (seine) philosophie- und christentumskritischen Gedanken zu Ende zu denken. Er hält sich an Karl Rahner, der vom Tod Jesu sagt, das sei „ein solcher, der von seinem eigensten Wesen aus in die Auferstehung sich aufhebt, in diese hineinstirbt“ (S. 67). Wer solche Sätze versteht und dann auch glaubt, der kann sich an Albert von Schirnding halten.

Das Beste am Buch ist die Idee des Alphabets, um sein Leben in Stichworten zu erfassen. Vielleicht sollte man das selber einmal probieren?

http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/alphabet-meines-lebens.html

Albert von Schirnding:

https://www.literaturportal-bayern.de/autorinnen-autoren?task=lpbauthor.default&pnd=117276413

https://www.mittelbayerische.de/kultur/ein-leben-als-gesamtkunstwerk-21852-art1196213.html (Schirnding zum 80.)

https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_von_Schirnding

F. Schottlaender: Die Mutter als Schicksal – erneut gelesen

Außer einigen Fachleuten kennt heute kaum noch jemand Felix Schottlaender (1892-1958), einen bedeutenden Psychoanalytiker jüdischer Herkunft. Sein Buch „Die Mutter als Schicksal“, 1967 erneut als Taschenbuch erschienen (Stundenbücher 72, damals 3,80 DM), habe ich 1972 gekauft und gelesen; es hat mein Leben verändert. Es hat mich gelehrt, 1. hinter dem Bild von mütterlicher Angst, Sorge, Herrschsucht, Opferbereitschaft – „Liebe“ oder „Mutterliebe“ genannt – die neurotische Frau zu sehen, 2. die Mechanismen gegenseitiger Bindung und Verstrickung als fallhafte Vorgänge zu begreifen, 3. dadurch Distanz zu den moralischen Kategorien von Dankbarkeit, Mitleid und Gehorsam zu gewinnen: Was mich selbst bisher im Innersten betroffen hatte, war ein neurotischer Prozess, der letztlich nicht mich selber meinte; es war ein Fall. Diese Einsicht hat zu meiner Befreiung beigetragen – nicht sie allein, aber sie auch. Ich habe das Buch im August 1972 als eine Offenbarung verschlungen; heute lese ich es gelassen, die Gedanken sind mir vertraut.

Als Kennzeichen der Neurose nennt Schottlaender

  • ein erhöhtes Leiden am Leben,
  • ein Minderwertigkeitsgefühl,
  • die Ichhaftigkeit,
  • den Anspruch auf Liebe (aus dem Wunsch, selber lieben zu können),
  • Schwierigkeiten im Liebesleben.

Diese Wesenszüge seien auf Störungen in den Liebesbeziehungen des ehemaligen Kindes zu seiner Mutter zurückzuführen.

In den nächsten Kapiteln erklärt Schottlaender anschaulich und verständlich anhand von Beispielen, was Mütter im Verhältnis zum Kind falsch machen können und dass die Bindung das Gegenteil von Liebe ist. In den folgenden Fallgeschichten beschreibt er, wie er Neurotikern zu helfen versucht hat, was ihm nicht immer gelungen ist. Besonders aufschlussreich für mich war das Kap. VII, in dem die Bindung zweier tüchtiger erwachsener Söhne an ihre Mutter unter dem Stichwort „Kleinbürgerliches Inferno“ beschrieben wird: Einer der beiden bricht aus und heiratet, der andere bleibt bei der Mutter. – Dieses Beispiel zeigt, dass die kritische Einsicht in die Ambivalenz der „Mutterliebe“ nur dann die in der Bindung Gefangenen befreien kann, wenn beide Parteien diese Einsicht gewinnen, so dass man sich distanziert arrangieren kann; wenn die Mutter ihre ambivalente Bindung nicht erkennt oder nicht anerkennen will/kann, kann und sollte man als Sohn diese Bindung abbrechen, egal wie viel Herzschmerzen die Mutter bekommt und womit sie droht.

Schottlaender war offenbar ein gütiger, verständnisvoller Mensch. Seine zum Schluss (anscheinend kurz nach Krieg) geäußerte Hoffnung, das Christentum werde die Greuel des Dritten Reiches überwinden helfen, hat sich nach meiner Einschätzung nicht erfüllt. – Ein kleines großes Buch, das es noch antiquarisch zu kaufen gibt, wenn es heute insgesamt auch nicht mehr so „aufklärerisch“ sein kann wie für mich 1972. Auch Schottlaenders Buch „Des Lebens schöne Mitte. Gedanken über Liebe und Ehe“ ist heute noch lesenswert, wenn es in den Stadtbibliotheken auch längst ausgeschieden worden ist.

Felix Schottlaender:

https://www.fachzeitungen.de/ebook-felix-schottlaender-0

http://www.ciando.com/ebook/bid-477755-felix-schottlaender-leben-und-werk/leseprobe/

https://download.e-bookshelf.de/download/0000/7541/97/L-G-0000754197-0002328550.pdf

https://www.psychoanalytikerinnen.de/deutschland_geschichte.html

https://www.akademie-stuttgart.de/geschichte/

https://psychoanalysestgt.de/dateien/stuttgarter.html

https://also42.wordpress.com/2016/01/11/blinde-flecken-meditation/

Ph. Ariès: Bilder zur Geschichte des Todes (1984) – vorgestellt

Philippe Ariès‘ „Bilder zur Geschichte des Todes“ (1983, deutsch 1984) bietet rund 400 Bilder, mit denen er seine Theorie von der „Geschichte des Todes“ (1976) im Abendland seit dem Mittelalter illustriert. Da ich den Theorieband nicht kenne, kann ich nur mit Einschränkungen über den Bildband urteilen, den ich dieser Tage gelesen habe und in dem viele Nachweise fehlen, die im Theorieband zu finden sein müssten. Ariès geht also der Frage nach, wie wir seit dem 9. Jahrhundert in Europa die Toten begraben und wie wir sie bzw. „den Tod“ dargestellt haben.

Was mich an meine Beobachtungen in Brügge erinnerte, waren die Hinweise auf das Aufkommen des Porträts, das hier mit der Figur des priant in Verbindung gebracht wird: In Brügge kann man schön sehen, wie sich das Porträt nach 1300 aus den Stifterfiguren entwickelt hat, wobei die gefalteten Hände der anbetenden Stifter anfänglich auch noch (inzwischen funktionslos) auf den Porträts auftauchen.

Das Buch leidet daran, dass sich historische Verläufe und systematische Aspekte vermengen. Thematisiert werden der Friedhof und die Kirche; die Gräber; vom Totenbett zum Grabe; das Jenseits; omnia vanitas; die Wiederkehr des Friedhofs; der Tod des anderen; „Und heute?“. Um nicht den Überblick über die Fülle der Bilder und Behauptungen zu verlieren, müsste man sich bei der Lektüre Notizen machen. Auf jeden Fall wird der Blick des Lesers auf Details geschärft, die man sonst nicht wahrnimmt.

Manche Äußerungen des Autors sind problematisch, etwa dass es „die Hölle“ erst seit dem 13. Jahrhundert gebe (S. 154). Unklar ist, wie viele der kleinen Schnitzer auf das Konto des Übersetzers Hans-Horst Henschen gehen (sicher „Photomontage“ S. 184, „Soziabilität“ ist einfach nicht übersetzt, S. 188; das Alter der Frau auf Bild Nr. 293 war 35, nicht 36 – vielleicht ein Fehler des Autors), manche Aussagen bleiben schleierhaft. Der Druck der Fotos ist etwas grobkörnig, so dass manche Einzelheiten kaum zu erkennen sind.

30 Jahre stand das Buch unbeachtet im Bücherschrank, jetzt habe ich es mit Gewinn, teilweise auch mit Verwirrung gelesen und die Bilder betrachtet.

Geschichte des Todes (deutsch 1976):

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41069411.html

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14320141.html

https://doc1.bibliothek.li/aaa/000A092296.pdf (Inhaltsverzeichnis)

http://www.transhistory.de/tod_jenseits/index.html (kleine Parallele)

http://www.rowane.de/html/inhalt.htm (dito)