K. Tucholsky: Wenn eena dot ist – Text und Analyse

Wenn eena dot is

Für Paul Graetz

Wenn eena dot is, kriste ‘n Schreck.
Denn denkste: Ick bin da, un der is weg.
Un hastn jern jehabt, dein Freund, den Schmidt,
denn stirbste ‘n kleenet Sticksken mit.

Der Rest is Quatsch.
Der Pfaffe, schwarz wien Rabe,
un det Jemache an den offnen Jrabe…
Die Kränze…! Schade um det Jeld.
Und denn die Reden – hach du liebe Welt –!

Da helfen keine hümmlische Jewalten:
die Rede muss der Dümmste halten.
Un der bepredicht sich die schwarze Weste
un hält sich an Zylinder feste.
Wat macht der kleene Mann, wenn eena sanft vablich?
Er is nich hülflos – er ist feialich.

Leer is de Wohnung. Trauer, die macht dumm.
Denn kram se so in seine Sachen rum.
Der Tod bestärkt die edelsten Jefühle,
un denn jibs Krach, von wejn die Lederstühle.

Der Zeitvesuv speit seine Lava.
Denn sacht mal eena: »Ja, wie der noch da wah –!«
Denn ween se noch ‘n bisken hinterher,
und denn, denn wissen se jahnischt mehr.

Wenn eena dot is, brummts in dir:
Nu is a wech. Wat soll ickn denn noch hier?
Man keene Bange,
det denkste nämlich jahnich lange;
ne kleine Sseit,
denn is soweit:
Denn lebst du wieda wie nach Noten!

Keener wandert schneller wie die Toten.

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 24. 5. 1932, Nr. 21, S. 792

Erläuterung:

Paul Graetz (Widmung) war ein großer Berliner Kabarettist (1890-1937), der intensiv mit Tucholsky zusammengearbeitet hat.

Es spricht eine unbekannte Stimme darüber, was passiert, wenn jemand stirbt; sie spricht mit „du“ jedoch keinen an, sondern meint alle, also „man“. Es ist ein Monolog, eine Art Meditation, für die es keinen besonderen Anlass braucht.

In der ersten Strophe spricht die Stimme davon, wie es einem selber in diesem Fall ergeht. In der zweiten und dritten Strophe wird das, was am Grab geschieht, als „Quatsch“ (V. 5) abgetan. In der vierten und fünften Strophe wird beschrieben, wie es nach dem Begräbnis weitergeht. In den beiden letzten Strophen wird dann erwogen, wie man selber danach weiterlebt. Thema ist unser Umgang mit dem Tod eines anderen Menschen.

Das Gedicht besteht aus sieben Strophen unterschiedlicher Länge, deren Verse im Paarreim verbunden sind. In der Regel weisen die Verse, im Jambus gesprochen, vier bis fünf Hebungen auf; Ausnahmen werden gesondert besprochen. Die Kadenzen wechseln unregelmäßig, sind aber in den reimenden Versen gleich. Gelegentlich gehen die Sätze übers Versende hinaus, wobei jedoch meist ein weiterer Hauptsatz folgt. Das alles ergibt ein recht lebhaftes Sprechen, was gut zur distanzierten Einstellung der Stimme gegenüber dem ganzen Trauerbetrieb passt.. Deswegen sind auch viele Reime holperig, einige aber semantisch sinnvoll, etwa: kriste ’n Schreck – der is weg (V. 1/2); bepredigt sich die Weste – hält sich an Zylinder feste (V. 12/13), und andere (V. 18/19; V. 22/23; V. 26/27; V. 30/31). Die Stimme spricht Berliner Dialekt und repräsentiert so den gesunden Menschenverstand des kleinen Mannes, dem das angeblich traurige Getue zuwider ist.

Zur Widmung weiß ich nicht mehr, als in der Erläuterung steht. Die Stimme spricht ehrlich das aus, was man erlebt, wenn jemand gestorben ist: der Schreck, eventuell die eigene Betroffenheit (1. Strophe). Was am Grab geschieht, wird als „Quatsch“ bezeichnet (V. 5), in einem Vers mit nur zwei Hebungen und dadurch langsam und energisch zu sprechen; V. 6 setzt vom Sprechen her V. 5 zu einem Vers mit fünf Hebungen fort.. Summarisch wird der „Rest“ aufgeführt: Pfarrer (abschätzig als „Pfaffe“ bezeichnet, V. 6); Jemache, also die Beileidsbekundungen; Kränze (distanziert: „Schade um det Jeld.“); die Reden. In der dritten Strophe wird die Grabrede zerpflückt: Die unpassende Einleitung von den himmlischen Gewalten zur Tatsache, dass der Dümmste sie halten muss (V. 10 f.), echt satirisch. Dass der sich die Weste „bepredigt“ (V. 12, Neologismus), lässt mich an „bekleckert“ denken – an sich hat die Weste ja nichts mit der Rede zu tun (Satire). Seine Hilflosigkeit zeigt sich daran, dass er sich am eigenen Zylinder festhält (V. 13). Die Sentenz am Ende mit dem Kontrast „hülflos – feialich“ rundet den Spott über die Grabrede ab; dabei ist das gar kein Kontrast, sondern der Redner ist feierlich, weil er hilflos ist und eigentlich nichts Tröstliches zu sagen weiß.

In den beiden folgenden Strophen spricht die Stimme davon, wie es nach dem Begräbnis weitergeht; dabei zählt die Stimme ganz einfach mit „Denn“ die Stationen auf. Einen schönen satirischen Kontrast bilden das Lob der edlen „Jefühle“ (V. 18) und der folgende Streit um die Lederstühle (V. 19). Die allgemeine Ratlosigkeit wird in der Sentenz „Trauer, die macht dumm“ (V. 16) ausgedrückt; ihr entspricht die Bemerkung am Schluss, dass sie gar nichts mehr wissen (V. 23, Objekt des Wissens fehlt) – was vielleicht heißt, dass sie nach dem flüchtigen Gedenken (V. 21) und den letzten Tränchen (V. 22) nichts mehr vom Verstorbenen wissen. Denn: „Der Zeitvesuv speit seine Lava“ (V. 20, ein originelles Bild), und diese Lava bedeckt alles, die Zeit heilt alle Wunden, sagt man, und so groß sind sie beim Tod eines anderen normalerweise nicht.

Auch in einem selber – darum geht es anschließend, V. 24 ff. – läuft der gleiche Prozess ab, dass die Trauer sich schnell abschwächt: Zuerst befallen einen Zweifel am Lebenssinn (V. 25), aber bald lebt man wieder fröhlich „wie nach Noten“ (V. 30). Der kurze Vers „Man keene Bange“ (V. 26), nur zwei Hebungen, leitet den Übergang ein (vgl. V. 5!) und bereitet pointiert auf die Wahrheit gegenüber dem Gefühlsüberschwang vor: „det denkste (…) jahnich lange“ (V. 27). Die beiden folgenden Verse (V. 28 f.), verkürzt, geben Zeit zum Nachdenken und zur Einsicht, dass bald wieder alles normal verläuft.

Der letzte Vers macht als Konsequenz aller dieser Erfahrungen eine ganze Strophe aus: „Keener wandert schneller wie die Toten.“ (V. 31) Sie wandern fort, das heißt, sie sind schnell verschwunden.

Tucholsky hat hier wieder ein Gedicht über elementare menschliche Erfahrungen geschrieben, ein ehrliches Gedicht, welches das übliche Trauergehabe entlarvt.

Zum Vergleich könnte man das Gedicht „Dreimal ging die Witwe übers Ödland“ von Marie Luise Kaschnitz lesen, welches im hohen Ton letztlich nichts anderes sagt als Tucholskys Gedicht, nämlich dass nach einiger Zeit die Witwe ins normale Leben zurückkehrt: „Hoch stand das Gras, verwachsen starrten die Hecken, / Margeriten blühten und Rosen, die Sichel ging. / Leb wohl, und die Sonne nickte.“ Wegen des hohen Tons (mit der antiquierten Vorstellung von der Sichel) zählt das Gedicht der Frau Kaschnitz allgemein zu den „schönen“ Trauergedichten – da sucht man allerdings Tucholskys Gedicht mit seinem schnodderigen Berliner Ton vergebens.

Vortrag des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=7rwJrhn6sXk (Der Vorleser, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=GfH_QQSIszk (Martin Sommerhoff, gesungen, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=3B2l2BeOUtI (blonde Carmen, gesungen, undeutlich)

 

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Kurt Tucholsky: Die Herren Eltern – Text und Analyse

Die Herren Eltern

Ist ein Schullehrer Pazifist
und sagt, wie es in Wahrheit im Kriege ist –:
dass Generale Kriegsinteressenten sind,
ganz gleich, wer verliert; ganz gleich, wer gewinnt…
dann – sollte man meinen – freun sich die Eltern für ihr Kind?
Jawoll!

Dann erhebt sich ein ungeheures Elterngeschrei:
»Raus mit dem Kerl! Das ist Giftmischerei!
Unser Junge soll lernen, wie schön die Kriege sind!
Wir warten schon drauf, wann wieder ein neuer beginnt –
und dazu liefern wir gratis und franko 1 Kind!
Jawoll!«

Die Elternbegeisterung ist ganz enorm.
Die Mütter: aus Liebe zur Uniform.
Die Väter, die Lieferanten für den Schützengraben,
denken: warum sollen denn diese Knaben
es besser als unsereiner haben?
Nicht wahr?
Die Fabrikation eines Kindes ist nicht sehr teuer.

Aber erhöh mal ein bisschen die Umsatzsteuer –:
dann kreischen die Herren Eltern, dass der Ziegel vom Dache fällt.
Man trennt sich leicht vom Kind.
Aber schwer vom Geld.
Bekommt das Kind einen Bauchschuss? Das macht ihnen keine Schmerzen.
Doch ihr Geld – das lieben die Herren Eltern von Herzen.
Jawoll!

Mitleid mit den Opfern, die da fallen für Petroleum, für Fahnen, für Gold –?
Die Herren Eltern haben es so gewollt.

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 19. 4. 1932, Nr. 16, S. 590

An der Überschrift fällt die Bestimmung „Herren“ zu „Eltern“ auf, weil ja zu Zeiten heterosexueller Ehen nur ein Elternteil ein Herr war. Also muss „Herr“ hier etwas anderes bedeuten, wie wir es etwa aus der Zusammenstellung von Herr und Knecht kennen: „jemand, der anderen zu befehlen hat, der über jemanden oder etwas Gewalt hat; Gebieter“ (DWDS 3.).

Es spricht eine unbekannte Stimme; zu wem oder bei welcher Gelegenheit sie spricht, bleibt offen, es muss aber in einer von militaristischem Denken bestimmten Zeit sein.

Im Gedicht geht es um die Frage, was Eltern als „Herren“ bereit sind herzugeben bzw. wann sie dabei Geschrei erheben. Dafür werden zwei Möglichkeiten erwogen: Sie geben ihr Kind (1.-3. Strophe) oder sie geben Geld her (4. Strophe). Aus den verschiedenen Reaktionen der Eltern in den beiden Fällen folgert die Stimme, dass die Eltern lieber ihren Sohn als ihr Geld hergeben, und bewertet das sarkastisch (4. und 5. Strophe). Daraus erklärt sich auch das Attribut „Herren“: Eltern verfügen, wenn es um Krieg geht, wie Herren über ihren Sohn.

Das Gedicht besteht aus fünf Strophen, wovon die ersten vier etwa gleich lang sind. Die Verse weisen kein festes Metrum auf, reimen sich aber meistens im Paarreim; einige dieser Reime sind Dreiergruppen (V. 3-5 und V. 15-18); die vier Einschübe „Jawoll!“ und „Nicht wahr?“ fallen aus dem Rahmen. Die beiden Verse 22 und 23 sind als ein einziger Vers zu lesen (des Reimes wegen); sie stehen aber getrennt, weil die beiden Aussagen dem Empfinden widersprechen und höchst bedeutsam sind – zwischen ihnen muss eine Pause gemacht werden, damit der Kontrast spürbar wird. In der ersten und der dritten Strophe geht ein Satz über mehrere Verse. Das Gedicht ist insgesamt zügig zu sprechen, weil die Stimme zornig ist und sich über die Eltern und ihr Gehabe empört. Die Stimme spricht die Standardsprache; sie übertreibt einiges, so dass man ihre Äußerung zumindest Polemik, vielleicht Satire nennen muss. In diesem Sinn bindet eine Reihe von Reimen Verse semantisch sinnvoll: Pazifist – wie es in Wahrheit im Kriege ist (V. 1/2); Elterngeschrei – das ist Giftmischerei! (V. 7/8); Bauchschuss macht keine Schmerzen – Geld lieben sie von Herzen (V. 24/24), usw.

In den beiden ersten Strophen geht es um eine einzige Situation: Wie die Eltern reagieren, wenn ein Lehrer als Pazifist die Kinder über den Krieg aufklärt. Die Stimme steht auf der Seite des Pazifisten, wie man am Adverbial „in Wahrheit“ und den Aussagen des Lehrers (V. 3 f.) erkennt. Ab V. 5 geht es um die Reaktion der Eltern darauf, zuerst um die erwartete (V. 5 f.), dann um die tatsächliche Reaktion (V. 7 ff.). Die erwartete Reaktion wird mit dem Einschub „– sollte man meinen –“ (V. 5) qualifiziert; dem entspricht dann die erwartete Zustimmung der Eltern („Jawoll!“, V. 6; das sagen die Eltern also nicht, das erwartet die Stimme nur). In Wirklichkeit reagieren die Eltern entgegengesetzt, wobei V. 8 (Forderung nach dem Rauswurf des Lehrers) als tatsächliche Äußerung gelten kann. Ihre Äußerungen V. 9-11 sind dagegen sarkastisch übertrieben – sie gehen nur implizit auf das Konto der Eltern, weil diese den Pazifisten bzw. den Pazifismus ablehnen, also Krieg gut finden (logisch etwas problematisch), sogar auf einen neuen Krieg sehnsüchtig warten (das war 1914 allerdings teilweise der Fall) und ihr Kind gern dafür hergeben. Die Wendung „gratis und franko liefern“ (V. 11) stammt aus dem Bereich des Geschäftlichen und bereitet den späteren Vergleich damit, wie schwer sich Eltern vom Geld trennen, vor; auch die Ziffer 1 qualifiziert das zu liefernde Kind als Ware. In diesen Zusammenhang gehört auch die Aussage: „Die Fabrikation eines Kindes ist nicht sehr teuer.“ (V. 19, ein Gedanke der Väter) Hier sind die Wörter „Fabrikation“ und „teuer“ markant. Das „Jawoll!“ am Ende der zweiten Strophe (V. 12) drückt echte Zustimmung aus.

In der dritten Strophe erklärt die Stimme diese unerwartete Reaktion der Eltern. Die Begeisterung der Eltern (V. 13) ist die für den Krieg – „Begeisterung“ ist vielleicht etwas übertrieben, siehe oben! Dabei haben Mütter und Väter unterschiedliche Motive (V. 14/V.15-19) – beides sind aber niedere Motive, wenn man die „normale“ Liebe zum eigenen Kind als Maßstab nimmt; durch diese niederen Motive wird der Antipazifismus der Eltern diskreditiert. Statt mit „Jawoll!“ werben die Väter hier mit „Nicht wahr?“ (V. 18) um Zustimmung zu dem Gemeinplatz „Warum sollen denn diese Knaben es besser als unsereiner haben?“ (V. 16 f.); „diese Knaben“ wertet die nächste Generation und damit auch den eigenen Sohn ab: Diese Knaben brauchen es in der Tat nicht besser zu haben; unsere Kinder – sagt man normalerweise – sollen es dagegen einmal besser haben als wir.

In der vierten Strophe wird, um die Paradoxie dieser elterlichen Militärverherrlichung zu zeigen, zum Vergleich die Reaktion auf eine Steuererhöhung dargestellt, die ausdrücklich als gering („ein bisschen“, V. 20) bezeichnet wird; sie löst Kreischen aus (V. 21), das durch die metaphorisch umschriebene Folge (Ziegel fällt vom Dach, V. 21) qualifiziert wird und vergleichbar dem Geschrei über den pazifistischen Lehrer (V. 7) ist. Es folgt die gravierende Bewertung, auf zwei Verse verteilt, dass man sich offenbar leichter vom eigenen Kind als vom eigenen Geld trennt (V. 22 f.).

Hier könnte das Gedicht eigentlich zu Ende sein. Aber in zwei Aussagen wird noch einmal aufgezeigt und bewertet, wie die Eltern ohne Mitleid auf einen möglichen Bauchschuss ihres Sohnes oder seinen Tod „für Petroleum, für Fahnen, für Geld“ reagieren; dabei wird der vorgebliche Tod „fürs Vaterland“ oder „für die Heimat“ (oder „für den Kaiser“, später „für Führer, Volk und Vaterland“) ausdrücklich nicht genannt (bzw. durch das Objekt „für Fahnen“ abgewertet), sondern eben die Interessen, für die aus der Sicht des Pazifisten die Kriege in Wahrheit ausgetragen werden (vgl. die Entlarvung der Generale als Kriegsinteressenten, V. 3 f. – diese Entlarvung hätte ich mir etwas deutlicher gewünscht). Der letzte Satz bezieht sich zurück auf den Tod Tausender oder sogar von Millionen für Petroleum und Gold: „Die Herren Eltern haben es so gewollt.“ Hier zeigt sich, wieso diese Eltern „Herren“ sind und was ihre Verteufelung des pazifistischen Lehrers bedeutet: Sie stellen ihre kleinkarierten Lebensentwürfe und Vorurteile über die wahren Interessen ihres Kindes.

Als Vater und als pensionierter Lehrer kann ich sagen, dass es nicht einfach ist, die wahren Interessen der Kinder zu bestimmen. Aber am FMG in MG-Giesenkirchen habe ich manches erlebt, was mich der Stimme Tucholskys nachdenklich zuhören lässt.

Vortrag des Gedichts:

Tucholsky: Also wat nu – ja oder ja? – Text und Analyse

Also wat nu – ja oder ja?

 

Wie ick noch ’n kleena Junge wah,

da hattn wa auffe Schule

een Lehra, den nannten wa bloß: Papa –

een jewissen Doktor Kuhle.

Un frachte der wat, un der Schieler war dumm,

un der quatschte und klönte bloß so rum,

denn sachte Kuhle feierlich:

»Also – du weeßt et nich!«

 

So nachn Essen, da rooch ick jern

in stillen meine Sßijarre.

Da denk ick so, inwieso un wiefern

un wie se so looft, die Karre.

Wer weeß det … Heute wähln wa noch rot,

un morjen sind wa valleicht alle tot.

Also ick ja nich, denkt jeda. Immahin …

man denkt sich so manchet in seinen Sinn.

Ick bin, ick werde, ich wah jewesen …

Da haak nu so ville Bicher jelesen.

Und da steht die Wissenschaft uff de Kommode.

Wie wird det mit uns so nachn Tode?

Die Kürche kommt jleich eilich jeloofn,

da jibt et ’n Waschkorb voll Phillesophen …

Det lies man. Un haste det hinta dir,

dreihundert Pfund bedrucktet Papier,

denn leechste die Weisen

beit alte Eisen

un sachst dir, wie Kuhle, innalich:

Sie wissen et nich. Sie wissen et nich.

 

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 1. 9. 1931, Nr. 35, S. 347

Es spricht ein Ich-Erzähler über seine letzten Einsichten; zu wem oder bei welcher Gelegenheit er spricht, bleibt offen.

Das Gedicht besteht aus zwei ungleich langen Strophen. In der ersten Strophe erzählt er als Erwachsener von seinem Lehrer Dr. Kuhle und dessen Spruch: „Also – du weeßt et nich!“ In der zweiten Strophe berichtet er, wie er gelegentlich über Gott und die Welt nachdenkt und dabei zum Ergebnis kommt, dass „die Weisen“ trotz ihrer vielen Bücher auch nicht mehr wissen als er. Thema ist die Beschränktheit menschlichen Wissens.

Der Erzähler spricht Berliner Dialekt; damit bezieht er einen Standpunkt nahe bei den einfachen Leuten, beim gesunden Menschenverstand, obwohl er viele Philosophen gelesen hat (V. 22 f.). Die Verse weisen meisten vier, gelegentlich drei Hebungen bei unregelmäßiger Füllung auf, was sich gut fürs Erzählen und fürs Nachdenken macht. Nur die Verse 25 und 26 weisen zwei Hebungen auf und sind somit gegenüber der erwarteten Fülle kurz, sind also langsam zu sprechen und bereiten so auf die Pointe vor. Die ersten vier Verse jeder Strophe stehen im Kreuzreim, die anderen im Paarreim. Vor allem am Anfang gehen die Sätze oft übers Versende hinaus, so dass nicht immer mit sinnvollen Reimen zu rechnen ist. Aber es gibt sie durchaus: auffe Schule – Doktor Kuhle (V. 2/4); war dumm – klönte so rum (V. 5 f.), und einige andere.

Die Erinnerung an die eigene Schulzeit wird erzählt, weil der Erzähler später den Spruch seines Lehrers Doktor Kuhle (V. 7 f.) braucht (V. 27 f.). Bei der Erzählung vom Doktor Kuhle fällt der Reim „sachte Kuhle feierlich – du weeßt et nich“ (V. 7 f.) auf, besonders der Kontrast zwischen „feierlich“ und dem Urteil, das den Schätzer bloßstellte. Der Übergang zum Bericht (was die Stimme hier sprachlich tut, ist schwer zu erfassen; sie erzählt sicher nicht; am ehesten berichtet sie von dem, was das Ich regelmäßig tut und denkt) ist unvermittelt und wird erst zum Schluss klar, wo die Stimme auf Doktor Kuhles Spruch zurückgreift.

Sie berichtet zunächst vom ruhigen Nachdenken nach dem Essen (V. 9 ff.); als Gegenstand wird der Gang der Welt („der Karre“, V. 12, eine gängige Metapher oder pars pro toto) genannt: „inwieso und inwiefern un wie“. Die Häufung unbestimmter Fragewörter zeigt die Weite des Nachdenkens an; „inwieso“ ist eine Neubildung, eine Kombination aus „wieso“ und „inwiefern“. Mit „Wer weeß det…“ (V. 13) wird schon die spätere Einsicht vorweggenommen, da offensichtlich niemand als Wissender benannt werden kann. Ein Beispiel für die Gedanken nach dem Essen steht in V. 13-15. Ein weiteres Beispiel ist Vers 20: „Wie wird det mit uns nachn Tode?“ Zwischen den beiden Beispielen wird noch einmal gezeigt, wie die Fragen in die Weite schweifen: „Immahin…“ ist völlig unbestimmt, „so manchet“ ebenso; die Konjugation von „Ick bin“ zeigt gleichfalls sozusagen das Ganze: Vergangenheit und Zukunft des Gegenwärtigen. Mit „Da“ (V. 18) leitet die Stimme zum Ende ihres Berichtes über, zum Ergebnis der Lektüre vieler Bücher (V. 18; „die Wissenschaft“, V. 19; „ ’n Waschkorb voll“, V. 22; „dreihundert Pfund“, V. 24) – die Häufung der Bezeichnungen des Wissens macht deutlich, dass es nicht an Eifer im Bemühen ums die richtige Erkenntnis gefehlt hat. „Die Kürche“ wird nur nebenher erwähnt (V. 21), sie zählt nicht zu den relevanten Quellen des Wissens. Das Ergebnis aller Mühen wird ganz ruhig berichtet: „denn lechste die Weisen / beit alte Eisen“ (V. 25 f.). Und dann („Also wat nu“)? Dann hilft der Spruch von Doktor Kuhle weiter, hier allerdings ein wenig resigniert vorgetragen, ohne Kuhles überlegenes Wissen: „Sie wissen et nich.“ (V. 28) Und weil das stimmt und eine wesentliche Einsicht ist, muss man es gleich zweimal sagen (auch damit der Vers voll wird).

Die Überschrift versteht man erst nach der Lektüre des Gedichts: „Also wat nu –“ sagt man in der Situation, wo man eine endgültige Antwort erwartet; im Gedicht lernt man, dass es diese Antwort nicht gibt. Das kommt in der unsinnigen Alternative „ja oder ja?“ zum Ausdruck: Auf diese paradoxe Frage kann es keine Antwort geben. Damit stellt die Überschrift den Gang des Berichts in knappster Form vor; aber das versteht man erst hinterher.

Vortrag des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=9l6dsvI1H8c (Jürgen von der Lippe, 1-2)

Über das Nichtwissen ist seit Sokrates viel nachgedacht worden (https://de.wikipedia.org/wiki/Ich_wei%C3%9F,_dass_ich_nichts_wei%C3%9F). Der in Deutschland bekannteste Beleg stammt aus dem „Faust“, Szene „Nacht“:

Habe nun, ach! Philosophie,

Juristerei und Medizin,

Und leider auch Theologie

Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh‘ ich nun, ich armer Tor,

Und bin so klug als wie zuvor!

Heiße Magister, heiße Doktor gar,

Und ziehe schon an die zehen Jahr‘

Herauf, herab und quer und krumm

Meine Schüler an der Nase herum –

Und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen.“

Bei Sokrates ist nicht einmal klar, was man unter „Wissen“ zu verstehen hat (https://also42.wordpress.com/2018/03/17/platon-theaitetos-theaetet-kurze-uebersicht); aber das ist eine weitere Frage, die wir hier nicht untersuchen können.

K. Tucholsky: Die Gefangenen – Text und Analyse

Die Gefangenen

 

Hörst du sie schlucken, Herrgott?

Sie sitzen muffig riechend und essen ein muffiges Essen,

holen es mit dem Blechlöffel aus den amtlichen Gefäßen

und führen es in ihren privaten Mund.

Der Körper verdaut es,

und es ist ganz sinnlos, was sie da tun.

Hörst du sie schlucken, Herrgott?

 

Siehst du sie im Hof trotten, Herrgott?

Man bewegt sie wie die Pferde, damit sie nicht frühzeitig sterben –

sie sollen leidensfähig erhalten werden,

und im Schubkasten des Gefängnispastors liegt eine Bibel.

Daraus liest er ihnen von Zeit zu Zeit etwas vor und glaubt wirklich,

er sei besser als sie.

Siehst du sie in ihrer Kirche sitzen, Herrgott?

Fühlst du sie leiden?

Nachts bedrängen sie wüste Träume;

ihre innere Sekretion ist nicht in Ordnung,

sie sehen riesige Geschlechtsteile auf Beinen

und zupfen an sich herum …

Fühlst du sie leiden?

 

Ja, sie haben gefehlt – das ist wahr.

Doch kann kein Mensch den andern bestrafen, er kann ihn nur quälen.

Denn Schuld und Strafe kommen niemals zusammen.

Ja, sie haben gefehlt, das ist wahr.

Da sitzen sie und leiden:

   Weil sie gestohlen haben;

      weil ihre Eltern nur einen verwüsteten Körper zeugen konnten;

      weil sie in Spanien eine Republik haben wollten;

weil sie Stalins Politik nicht billigen;

   weil sie den Duce nicht lieben;

      weil sie in Amerika Gewerkschaften gründen wollten …

Sie sind Späne des irdischen Sägewerks.

Die Gerechten können nicht sein, wenn die Ungerechten nicht wären.

Ja, sie haben gefehlt – das ist wahr.

 

Und so ist es eingeteilt:

Sie haben gesündigt.

Andre haben sie verurteilt.

Wieder andre vollstrecken das Urteil.

Was haben diese drei Dinge miteinander zu tun?

 

Gott, du siehst es –!

Erbarme, erbarme dich der Gefangenen!

Der Mensch, der da richtet, erbarmt sich nicht.

Man müsste ihn quälen, wiederum,

und wiederum wäre nichts damit getan.

Hörst du sie, siehst du sie, fühlst du sie,

die Gefangenen –?

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 14. 4. 1931, Nr. 15, S. 534

Erläuterung:

in Spanien eine Republik (V. 28): In Spanien gab es 1923-1930 die Diktatur des Miguel Primo de Rivera; Stalin war seit 1922 Generalsekretär der KPdSU, Mussolini ab 1924 in Italien Diktator.

Es spricht eine namenlose Stimme, die sich an den Herrgott wendet (V. 1 ff.), also ein betendes Ich. Ort und Datum des Sprechens sind nicht bekannt, einen konkreten Anlass dafür gibt es nicht – außer der Tatsache, dass es Gefangene gibt. Da Stalins Politik und die Herrschaft des Duce (Mussolini) als Anlass der Gefangenschaft genannt werden, muss 1924 als frühester Zeitpunkt des Betens gelten.

In den beiden ersten Strophen wendet die Stimme sich an Gott und fragt ihn, ob er die Gefangenen leiden hört, sieht und fühlt. Darauf reflektiert die Stimme die Verfehlungen und die Bestrafung von Gefangenen (dritte und vierte Strophe). In der letzten Strophe appelliert der Sprecher an Gott, der möge sich der leidenden Gefangenen erbarmen. Thema ist das Leiden der Gefangenen und das Recht, sie so zu quälen

Die fünf Strophen sind unterschiedlich lang. Das Gedicht kommt ohne Metrum und Reime aus, es ist in freien Rhythmen verfasst. Die Sätze können über mehrere Verse gehen (V. 2-4), doch ist der einzelne Vers eine geschlossene Sinneinheit. Die Stimme spricht die Standardsprache.

In der ersten Strophe wird gefragt, ob Gott die Gefangenen hört, und zwar schlucken hört (zweimal, V. 1 und V. 7, identisch, der Rahmen der Strophe). Es geht nämlich um ihr Essen, und das ist „muffig“ (dumpfriechend: abwertend gebraucht) wie sie selbst (V. 2). Der Kontrast zwischen dem amtlichen Gefäßen und dem privaten Mund (V. 3 f.) markiert zwei Sphären, die getrennt sein müssten, aber durch das Essen verbunden und vermengt werden; dieser Kontrast setzt sich in der Unterscheidung Körper / sie (V. 5 f.) fort: Der Körper verdaut das muffige Essen, aber für sie als Menschen ist das Ganze sinnlos.

Die zweite Strophe wird in zwei Teilen durch die wiederholten Fragen, ob Gott sie sieht und ob der sie leiden fühlt, bestimmt (V. 8/14; V. 15/20); beide Fragen rahmen wieder weitere Beschreibungen der Leiden derer, die mal im Hof trotten, mal in der Kirche sitzen; „trotten“ statt „gehen“ (V. 8) wertet das Gehen ab, ebenso der Tiervergleich „Man bewegt sie wie die Pferde“ (V. 9); der folgende Finalsatz (V. 9 f.) zeigt den Zynismus des Systems. Auch der Pastor ist Teil des Systems (V. 11 ff.); er wertet die Gefangenen ab, indem er auf die herabschaut. Die Frage, ob Gott sie leiden fühlt, wechselt von den äußeren Sinnen (sehen, hören) zum inneren Sinn (fühlen, mitfühlen) und damit zu jener Solidarität, die in der christlichen Lehre von der Menschwerdung Gottes gemeint war. Hier geht es um „wüste Träume“ (V. 16) und die sexuelle Not der kasernierten Männer, deren „innere Sekretion“ zwangsläufig gestört ist (V. 17). Die Frage klingt, an einen körperlosen Gott gerichtet, seltsam – aber wie soll es Erlösung geben, wenn ein Gott nicht in allem mitfühlen kann? Allzu früh hat man den Erlöser Christus auf die Erlösung der Seelen festgelegt – eine komplizierte Geschichte in der Auseinandersetzung mit dem leibfeindlichen Mönchtum und dem Platonismus in der Kirche. Das hat Goethe gewusst, als er „Der Gott und die Bajadere“ dichtete:

Mahadöh, der Herr der Erde,
Kommt herab zum sechsten Mal,
Dass er unseresgleichen werde,
Mit zu fühlen Freud’ und Qual.
Er bequemt sich, hier zu wohnen,
Lässt sich alles selbst geschehn.
Soll er strafen oder schonen,
Muss er Menschen menschlich sehn.

Dass die Männer an sich „zupfen“ (V. 19), ist ein Euphemismus – Sex im Knast ist vermutlich eine härtere Nummer. Nach mehr als Mitgefühl kann die Stimme nicht fragen.

Sie scheint die direkte Anrede Gottes zu unterbrechen (V. 21), aber das muss nicht sein, wie man beim zweiten Nachdenken bemerkt; die Stimme kann ihre Überlegungen über die Schuld der Gefangenen (3. und 4. Strophe) auch Gott vortragen, und zwar im Sinn der rhetorischen Strategie „Zwar – Aber“, an die sich dann die Bitte um Gottes Erbarmen begründet anschließen kann (5. Strophe). Mit der Konzession „Ja“ (V. 21) bzw. „Ja, sie haben gefehlt“ (V.21, in V. 24 wiederholt) kommt die Stimme einem möglichen Einwand Gottes entgegen; darauf folgt der Widerspruch: „Doch kann kein Mensch den andern bestrafen (V. 22). Da das dem Augenschein widerspricht, kommt die Stimme mit einer Unterscheidung weiter, dass der eine Mensch den anderen „nur quälen“ kann (V. 22), was er mit einem allgemeinen Satz (V. 23) begründet. Dieser Satz, dass Schuld und Strafe „niemals“ zusammenkommen, ist recht kühn – wir wissen, dass sie oft nicht zusammenkommen; das Adverbial „niemals“ enthält eine gewagte These, die durch die Konzession „Ja, sie haben gefehlt“ (V. 24 und noch einmal V. 34) abgemildert wird: „fehlen“ („ungerecht handeln, sündigen“, DWDS) muss als „verfehlen“ gelesen werden, „einen Fehler begehen“ – was möglicherweise impliziert: aber sie haben nicht Schuld auf sich geladen. „Da sitzen sie und leiden“, leitet die Stimme die lange Liste seiner Entschuldigungen ein (V. 25), womit er an seine letzte Frage an Gott anknüpft (V. 20). In dieser Liste ist nur das Stehlen als echte Verfehlung zu erkennen, die folgenden fünf Gründe machen die Gefangenen wirklich von eigener Schuld frei und bereiten die Erklärung vor, dass jene „Späne des irdischen Sägewerks“ sind (V. 32, eine Metapher für unpersönliche Abläufe), in das man ohne eigenes Zutun hineingeraten kann, dessen Kräfte den Menschen einfach ergreifen und zermalmen. Auch die folgende Unterscheidung entschuldigt sie: Die von Gott geliebten Gerechten könnte es ohne deren Gegenteil nicht geben (V. 33); ob Gott sich auf eine solche Rechnung wohl einlässt? Mit der erneut wiederholten Konzession (V. 34) könnte die Stimme Gottes Bedenken zerstreuen wollen.

Die Argumentation in der vierten Strophe ist riskant. Sie knüpft an die Arbeitsteilung in den modernen Gesellschaften an („so ist es eingeteilt“, V. 35), welche auch für den Bereich der Justiz gilt: Dass andere das Urteil vorstrecken als die, die das Urteil aussprechen (. 37 f.), kann einen nicht wundern, wird jedoch in der letzten Strophe problematisiert, ebenso wie der Zusammenhang zwischen Unrecht (Sünde, V. 36) und Verurteilung (V. 36 f.); hier wird der institutionalisierte Zusammenhang von Urteilen und Ausführen in Frage gestellt (V. 39).

Die entscheidende Argumentation folgt in der letzten Strophe: „Gott, du siehst es –!“ (V. 40) Es, das ist das Leiden, das ist der fragwürdige Zusammenhang von Schuld und Strafe. Der Ausruf begründet die Bitte um Erbarmen (V. 41). Es folgt die schon angekündigte Begründung dafür, dass die drei Dinge Sünde – Urteil – Vollstreckung nicht wirklich miteinander verbunden sind:

  • Der Richter erbarmt sich nicht (V. 42).
  • Damit er Erbarmen spürte, müsste er das Leiden fühlen (unausgesprochen).
  • Damit er das Leiden fühlte, müsste man ihn quälen (wie die Gefangenen, V. 43).
  • Damit wäre aber nichts getan, weil dann neue Schuld entstände (V. 44).

Also bleibt der Zusammenhang von Schuld und Strafe gestört (unausgesprochen).

Deshalb bleibt nur der Appell an das Erbarmen Gottes: „Hörst du sie, siehst du sie, fühlst du sie, die Gefangenen –?“ (V. 45 f.) Der wichtigste Appell ist der an das Mitfühlen – die Frage ist als solche ein Appell, Mitleid zu zeigen. Ob es eine Frage ist, die auch die Skepsis zuließe, wie Goethes Prometheus sie zornig ausspricht: „als wenn drüber wär / Ein Ohr, zu hören meine Klage, / Ein Herz wie meins, / Sich des Bedrängten zu erbarmen“?

Tucholsky war ein studierter Jurist, hat aber nie als solcher gearbeitet. Er stellt mit diesem Gedicht die ganze Strafverfolgung – hier insbesondere auch die politische (V. 28-31) – in Frage. Vom Gottvertrauen des Samuel Gottlieb Bürde (1753-1831) ist nichts mehr zu spüren:

Wenn der Herr einst die Gefangenen
ihrer Bande ledig macht,
o dann schwinden die vergangenen
Leiden wie ein Traum der Nacht…“

Tucholskys Stimme lässt sich nicht mehr auf das religiöse Einst vertrösten; sie will, dass die Leiden jetzt enden.

Mit so naiven „Dichtern“ wie Andreas Kley: Richter sehen alles (https://gedichte.xbib.de/Kley%2C+Andreas_gedicht_Richter+sehen+alles.htm) braucht man sich erst gar nicht abzugeben. Vgl. auch die Liste der Gedichte über Gefangene in https://gedichte.xbib.de/_Gefangenen_gedicht.htm! Interessant wäre eine Konfrontation von Tucholskys Gedicht mit Goethe: Das Göttliche (http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1111). Aber das führte hier zu weit.

Vortrag des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=9levlFvbYkE (Jürgen Goslar, 1-2)

Kurt Tucholsky: Stationen – Text und Analyse

Stationen

Erst gehst du umher und suchst an der Frau

das, was man anfassen kann.

Wollknäul, Spielzeug und Kätzchen – Miau –

du bist noch kein richtiger Mann.

Du willst eine lustig bewegte Ruh:

sie soll anders sein, aber sonst wie du …

Dein Herz sagt:

Max und Moritz!

 

Das verwächst du. Dann langts nicht mit dem Verstand.

Die Karriere! Es ist Zeit … !

Eine kluge Frau nimmt dich an die Hand

in tyrannischer Mütterlichkeit.

Sie passt auf dich auf. Sie wartet zu Haus.

Du weinst dich an ihren Brüsten aus …

Dein Herz sagt:

Mutter.

 

Das verwächst du. Nun bist du ein reifer Mann.

Dir wird etwas sanft im Gemüt.

Du möchtest, dass im Bett nebenan

eine fremde Jugend glüht.

Dumm kann sie sein. Du willst: junges Tier,

ein Reh, eine Wilde, ein Elixier.

Dein Herz sagt:

Erde.

 

Und dann bist du alt.

Und ist es so weit,

dass ihr an der Verdauung leidet –:

dann sitzt ihr auf einem Bänkchen zu zweit,

als Philemon und Baucis verkleidet.

Sie sagt nichts. Du sagst nichts, denn ihr wisst,

wie es im menschlichen Leben ist …

Dein Herz, das so viele Frauen besang,

dein Herz sagt: »Na, Alte … ?«

Dein Herz sagt: Dank.

 

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 18.11.1930, Nr. 47, S. 756

Erläuterungen:

verwachsen (V. 9): aus etwas herauswachsen, für etwas zu groß werden (DWDS, 4.)

Elixier (V 22): Heilmittel, Zaubertrank

Philemon und Baucis (V. 29): im griechischen Mythos ein altes Ehepaar, das den auf Erden wandernden Zeus aufnahm und dafür belohnt wurde.

Es spricht eine unbekannte Stimme zu einem Du, das jeder Mann ist. Ort und Zeit des Sprechens gibt es nicht, weil ja jeder Mann angesprochen wird.

Die Überschrift nennt „Stationen“ als Thema: Es sind die Stationen im normalen Leben eines Mannes, soweit es sich um sein Verhältnis zur Frau handelt. Diese Stationen reichen in chronologischer Reihenfolge vom jungen bis zu alten Mann, wobei nur die beiden letzten Stationen mit „ein reifer Mann“ (V. 17) und „alt“ (V. 25) genauer bestimmt, die beiden ersten dagegen nur vage umschrieben werden. Die Stimme scheint ein überlegenes Wissen zu haben; sie kennt die Stationen im Leben eines Mannes und muss demnach über das Wissen der Alten, also der Weisen verfügen, die „alles“ gesehen haben (vgl. V. 31 f.: „denn ihr wisst, wie es im menschlichen Leben ist…“)

Das Gedicht besteht aus vier Strophen. Die ersten drei Strophen sind gleich aufgebaut: vier Verse im Kreuzreim, zwei Verse als Paarreim, der Satz „Dein Herz sagt“ und als achter Vers ein Stichwort, mit dem die Bedeutung der jeweils gesuchten bzw. gefundenen Frau umschrieben wird. Man könnte den Text für reine Prosa halten; man kann aber auch sechs Verse in einem Wechsel von vier und drei Hebungen bei freier Füllung erkennen, wobei V. 10 jedoch Probleme macht. Die letzte Strophe weicht im grafischen Bild davon insofern ab, als die ersten vier Verse zu fünf gedehnt sind, wobei vom Sprechen her V. 25 f. als ein Vers zu gelten hat. Es folgen darauf fünf Verse, wovon die ersten drei vier Hebungen besitzen. Die letzten drei Verse werden mit „Dein Herz“ eingeleitet, und was das Herz sagt, wird zweimal ausgeführt (V. 33 f.). Die Stimme spricht die Umgangssprache mit dem Verschleifen von Buchstaben (Ruh, V. 5), kennt aber Philemon und Baucis. Öfter geht der Satz in Versen mit vier Hebungen übers Versende hinaus, so dass eine Art Langvers entsteht. In diesen Langversen sind auch die Reime meist semantisch bedeutsam: was man anfassen kann – noch kein richtiger Mann (V. 2/4); etwas sanft im Gemüt – eine fremde Jugend glüht (V. 18/20, Kontrast); es ist so weit – auf dem Bänkchen zu zweit (V. 26/28, Alter); ebenso V. 28/30. Auch die Paarreime sind semantisch sinnvoll, wie man leicht sieht.

Mit „Erst“ (V. 1) im Sinn von „Zuerst“ wird der junge Mann charakterisiert und das, was er sucht; weil er etwas zum Anfassen sucht, wird die entsprechende Frau als „Spielzeug“ bestimmt (V. 3), in einer Reihe ähnlicher Bestimmungen (Aufzählung), wobei dem Kätzchen um des Reimes willen ein „Miau“ entlockt wird (V. 3). Der junge Mann wird dann als „noch kein richtiger Mann“ beurteilt (V. 4). In einem neuen Anlauf wird bestimmt, was der junge Mann will: „eine lustig bewegte Ruh“ (V. 5), ein Paradox also, und auch der nächste Vers ist ein Paradox: anders als du, aber sonst wie du (V. 6), was beim besten Willen nicht möglich ist, nur vom Adverb „sonst“ gegen alle Logik überspielt wird. Wenn das Herz „Max und Moritz“ („eine Bubengeschichte“, 1865) sagt, dann stehen deren Streiche als Kinder für das noch nicht Männliche des Suchens in dieser Phase.

Das verwächst du.“ (V. 9, die dritte Strophe beginnt genauso: Wiederholung) Mit dieser Einleitung wird die nächste Station des Lebens angedeutet, die des Mannes, in die man hineinwächst. Dessen Situation wird in drei Bestimmungen als die eines Mangels charakterisiert: Mangel an Verstand (ohne dass dies erklärt würde) und Wunsch nach beruflichem Aufstieg; „Es ist Zeit…“ (V. 10) drückt ein unbestimmtes getrieben Sein aus: die Angst, etwas zu verpassen. Dem hilft „[e]ine kluge Frau“ (V. 11) ab; die metaphorische Geste „an die Hand nehmen“ ist hier die der Mutter, auch wieder paradox (und doch lebensnah) formuliert: „in tyrannischer Mütterlichkeit“ (V. 12). Mütterlichkeit, dazu gehören als Synonyme Selbstlosigkeit und Fürsorge; aber wie die Erfahrung lehrt und auch die Literatur weiß, kann die totale Mutter auch ein Tyrann sein, die vorab das Leben ihres Sohnes bestimmt (Felix Schottlaender: Die Mutter als Schicksal, 1967 – gibt es leider nicht mehr zu kaufen). Was diese „Mutter“ dem Mann bedeutet, wird in den beiden nächsten Versen beschrieben: Sie gibt dem Mann Halt, der weint sich „an ihren Brüsten aus“ (V. 13 f.); deshalb sagt sein Herz auch „Mutter“ (V. 15 f.).

Die nächste Station ist die des reifen Mannes. Bei dem liegt das Paradoxe in der Spannung zwischen dem, was er ist („etwas sanft im Gemüt“, V. 18), und dem was er neben sich im Bett haben will: ein junges Tier, eine Wilde, kurzum heiß glühende Jugend (V. 20 ff.). Der Kontrast zur „Mutter“ fällt auf; diese war klug (V. 11), aber die junge Wilde kann ruhig dumm sein (V. 21; vgl. „vorn doof und hinten majorenn“ in „Danach“) – sie soll die verschwundene Jugend zurückbringen. Das Herz sagt „Erde“ (V. 24); es könnte auch „Tier“ sagen, finde ich.

Zu bedenken ist noch die Wendung „Das verwächst du.“ (V. 9 und V. 17), die zweimal zwischen „Erst“ (V. 1) und „Und dann“ (V. 25) steht: Diese Stationen zu durchlaufen scheint der Stimme eine Art Gesetz des organischen Wachsens zu sein; von Freiheit, Einsicht und Persönlichkeit ist nicht die Rede. Als letzte Station wird das Alter genannt, metaphorisch in der Ähnlichkeit mit Philemon und Baucis ausgedrückt (V. 25-29); dass das Leben eingeschränkt ist, ergibt sich aus dem Hinweis auf Verdauungsprobleme und dem Diminutiv „Bänkchen“. Erstmals wird hier auch die Personenangabe „zu zweit“ (V. 28) verwendet. Dem Alter wird die gereifte Weisheit zugeordnet (V. 30 f.): Man braucht nichts zu sagen, denn beide wissen Bescheid. Das Herz sagt ganz prosaisch „Na, Alte…?“ (V. 33) Das steht im Gegensatz zu den hohen Tönen, in denen das Herz früher „viele Frauen besang“ (V. 32), als es etwas von ihnen wollte, als es sie verführen wollte. Jetzt stehen die beiden von gleich zu gleich, eben „zu zweit“ (V. 28) – bei „Max und Moritz“ war die Frau ein Spielzeug, als „Mutter“ war sie die Herrin, bei der „Erde“ war sie ein Gegenstand, jetzt ist sie eine gleich alte Frau, mit der man gelebt hat. Deshalb sagt das Herz mit Recht „Dank“ (V. 34).

Es fällt auf, dass in dieser Lebensgeschichte kein Kind vorkommt, anders als in „Danach“; Tucholsky selbst war zweimal kurz verheiratet, hatte aber keine Kinder – er kannte sie wohl nur vom Hörensagen, sie gehören anscheinend nicht in die „Stationen“ eines Mannes. Aber auch das, was er selber vor allem betrieb: das rastlose Schreiben, kommt in den Stationen nicht vor, es sollen wohl die Stationen des Otto Normalverbraucher sein, zu denen jedoch eigentlich Kinder gehören.

Vorträge des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=ePPd_T2aVrc (Florian Friedrich, undeutlich)

https://www.youtube.com/watch?v=JeHyz0jWTIA (Der Vorleser, 2-)

Noch einmal anders wird das Thema des Zusammenlebens in „Liebespaar am Fenster“ behandelt.

Tucholsky: Das dritte Reich – Text und Analyse

Das dritte Reich

Es braucht ein hohes Ideal
der nationale Mann,
daran er morgens allemal
ein wenig turnen kann.
Da hat denn deutsche Manneskraft
in segensreichen Stunden
als neueste Errungenschaft
ein Ideal erfunden:
Es soll nicht sein das erste Reich,
es soll nicht sein das zweite Reich…

Das dritte Reich?
Bitte sehr! Bitte gleich!
Wir dürfen nicht mehr massisch sein –
wir müssen durchaus rassisch sein –
und freideutsch, jungdeutsch, heimatwolkig
und bündisch, völkisch, volkisch, volkig…
und überhaupt.
Wers glaubt,
wird selig. Wer es nicht glaubt, ist
ein ganz verkommener Paz- und Bolschewist.

Das dritte Reich?
Bitte sehr! Bitte gleich!
Im dritten Reich ist alles eitel Glück.
Wir holen unsre Brüder uns zurück:
die Sudetendeutschen und die Saardeutschen
und die Eupendeutschen und die Dänendeutschen…
Trutz dieser Welt! Wir pfeifen auf den Frieden.
Wir brauchen Krieg. Sonst sind wir nichts hienieden.
Im dritten Reich haben wir gewonnenes Spiel.
Da sind wir unter uns.
Und unter uns, da ist nicht viel.
Da herrscht der Bakel und der Säbel und der Stock –
da glänzt der Orden an dem bunten Rock,
da wird das Rad der Zeit zurückgedreht –
wir rufen »Vaterland!«, wenns gar nicht weitergeht…
Da sind wir alle reich und gleich
im dritten Reich.
Und wendisch und kaschubisch reine Arier.

Ja, richtig… Und die Proletarier!
Für die sind wir die Original-Befreier!
Die danken Gott in jeder Morgenfeier –
Und merken gleich:
Sie sind genau so arme Luder wie vorher,
genau solch schuftendes und graues Heer,
genau so arme Schelme ohne Halm und Haber –
Aber:
im dritten Reich.
Und das sind wir.
Ein Blick in die Statistik:
Wir fabrizieren viel. Am meisten nationale Mistik.

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 06.05.1930, Nr. 19, S. 686

Erläuterungen:

Das dritte Reich“ (Überschrift), ein Begriff aus christlich-theologischen Spekulationen, hat eine lange Geschichte. Möglicherweise hat Dietrich Eckart 1919 den Begriff im Sinn der Nazi-Ideologie eingeführt; zu seiner Verbreitung trug Moeller van den Bucks Buch „Das dritte Reich“ (1923) bei. Siehe den Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Drittes_Reich#Ideengeschichtliche_Hintergr%C3%BCnde!

massisch (V. 13): eine Neubildung ohne feste Bedeutung (von „Masse“ abgeleitet), Reimwort zu „rassisch“

Bakel (V. 32): Rohrstock

wendisch (V. 38): Die Wenden sind Slawen im deutschsprachigen Raum, etwa an der Elbe, nördlich der Donau und in der Oberpfalz.

kaschubisch (V. 38): Die Kaschuben, ein westslawisches Volk, lebten im östlichen Pommern (westlich von Danzig).

Haber (V. 45): Hafer

Mistik (V. 50): Verballhornung von „Mystik“: gefühlsmäßiges Erleben des Übersinnlichen; es klingt auch „Mist“ an.

Es spricht eine unbekannte Stimme über ein Thema, wozu es weder einen fiktiven Ort noch ein fiktives Datum des Sprechens braucht, weil es in der politischen Diskussion der Zeit (1930) präsent ist: das dritte Reich, das die Nazis nach ihrer Machtübernahme verwirklichen wollen.

Der Sprecher führt den Begriff als „neueste Errungenschaft“ (V. 7) ein (1. Strophe) und nennt die Rasse als Kriterium der Zugehörigkeit (2. Strophe). Danach erklärt er, was das dritte Reich bedeuten würde: Krieg und Prügel (3. Strophe). Für die Proletarier würde sich aber nichts ändern, sie blieben arm (4. Strophe). Das Gedicht ist eine Satire, es verspottet die Nazi-Ideologie.

Die Stimme spricht durchweg im Jambus, mit unterschiedlicher Anzahl von Takten pro Vers; Ausnahmen im Takt sind Verse, die eine Art Einschub darstellen (V. 12, V. 22, V. 45), dazu V. 20, V. 40 und V. 46. Die ersten acht Verse sind im Kreuzreim verbunden, die anderen (bis auf V. 30 und V. 48) als Paarreime. In einer Satire dürfen die Reime ziemlich holperig sein; trotzdem reimen sich eine Reihe von Versen sinnvoll: in segensreichen Stunden – ein Ideal erfunden (V. 6/8, ein Vorgang); eitel Glück – Brüder zurück (V. 23/24); reich und gleich – im dritten Reich (V. 36/37), usw. Das Wortfeld der politischen Diskussion beherrscht die Rede der Stimme, sie spricht die Umgangssprache; man darf das Gedicht nicht schnell sprechen.

Die Satire beginnt mit dem Hinweis auf das hohe Ideal, an dem der nationale Mann turnen kann, als ob es ein Reck wäre (V.1 ff., Kategorien passen nicht zueinander); das gilt auch für die „deutsche Manneskraft“, die ein Ideal erfunden habe (V. 5 ff.) – Manneskraft hat nichts mit Idealen zu tun. Die lehrerhafte Aufzählung „erstes, zweites, drittes Reich“ (V. 9 ff.) klingt spöttisch, nimmt das dritte Reich als solches nicht ernst. Die Bitte, man möge es gleich liefern (V. 12), ist ironisch. Die Reimerei „massisch – rassisch“ (V. 13 f.) ist sinnlos und damit Spott, ebenso die Aufzählung V. 15 f., die viele bedeutungslose Adjektive bündelt (für uns heute ist der damalige Klang von „freideutsch“ und „jungdeutsch“ schwer einzuschätzen; „freideutsch“, „heimatwolkig“ , „volkisch“ und „volkig“ sind sicher erfundene Wörter, was die Nazi-Bewegung als sinnlos diskreditiert). Der Nachtrag „und überhaupt“ (V. 17) ist nach so vielen Adjektiven auch sinnlos. „Wers glaubt, wird selig.“ ist eine spöttische Redewendung, in der der biblische Satz „Wer glaubt, wird selig.“ (vgl. Mk 16,16) parodiert wird. Auch die Abwertung „ganz verkommener“ (V. 20) ist ironisch; die Zusammenstellung „Paz- und Bolschewist“ (V. 20) klappt sprachlich nicht, weil „Paz-“ nicht richtig zu „Pazifist“ ergänzt wird: Satire; Pazifisten und Bolschewisten waren den Nazis ein Gräuel (wie mir das Wort „Gräuel“ statt „Greuel“).

In der dritten Strophe wird erklärt, was ein drittes Reich in Deutschland bedeuten würde: „alles eitel Glück“ (V. 23), das ist bittere Ironie; denn die angestrebte „Heimkehr“ aller sogenannten Auslandsdeutschen (V. 23 ff.) würde Krieg bedeuten, weil die anerkannten Grenzen verletzt würden (V. 27 f.). Dass wir ohne Krieg „nichts hinieden“ sind, ist ebenfalls ein ironisch-sarkastische Begründung der Wünsche, alle Volksdeutschen „heimzuholen“. Ein nettes Wortspiel liegt in V. 30 f. vor: unter úns – únter uns; wenn únter uns nicht viel ist, dann sind wir im dritten Reich ziemlich unten. Das wird mit dem Hinweis auf die drohenden Prügel (V. 32) und den kommenden Militarismus (V. 33) plausibel gemacht. V. 34 ist eine offene Abwertung, V. 35 ein Spott über das sinn- und wirkungslose „Vaterland“-Rufen, das angeblich helfen soll, „wenns gar nicht weitergeht“. Dass wir dann alle reich seien (V. 36), wird gleich durch den Hinweis auf die Proletarier (V. 39 ff.) widerlegt, ebenso durch die damit verbundene versprochene Gleichheit: Wenn alle gleich sind, sind sie nicht reich; „reich – Reich“ (V. 36 f.) ist ein kleines ironisches Wortspiel am Rande. Dass die Wenden und Kaschuben als Slawen „reine Arier“ seien, ist ein innerer Widerspruch (Satire); wie solche Widersprüche später in Gaskammern gelöst wurden, konnte Tucholsky 1930 nicht ahnen.

In der letzten Strophe wird das Versprechen künftigen Wohlstands für alle am Beispiel der Proletarier widerlegt. „Original-Befreier“ (V. 40) ist eine sinnlose Steigerung von „Befreier“. Dass sie Gott danken (was sie ohnehin als Sozialisten nicht tun) und gleich bemerken, dass sich nichts geändert hat (V. 41-43), ist wider ein innerer Widerspruch, der die Nazi-Verheißungen entlarvt. Die Adjektive „schuftend“ und „grau“ (V. 44) werten ihre Existenz ab, ebenso das Prädikativ „arme Schelme“ (V. 45); „ohne Halm und Haber“ ist eine vom Sprecher erfundene Alliteration, sie haben also nichts zu beißen. Der Trost, dass sie dafür aber (hervorgehoben: ein ganzer Vers für ein Wort) im dritten Reich sind (V. 46 f.), ist ein schwacher Trost. Mit dem Vers 48 wird ein Ausspruch der Nazis zitiert, die ab V. 24 in der Wir-Form zu Wort kommen., während die ersten „Wir“ (V. 13 f.) alle Deutschen meinten.

Der Abschluss (V.  49 f.) ist wieder ein satirisches Feuerwerk: Da ist zunächst die Kombination von Statistik – Mistik, die nicht passende Größen zusammenfügt; da ist die Verballhornung von „Mystik“ zu „Mistik“; und drittens wird die Behauptung „Wir fabrizieren viel.“ – gemeint im Sinn von „Wir produzieren viel.“ – durch das Hauptprodukt „nationale Mistik“ völlig entwertet; denn die zu produzieren kostet nichts und bringt nichts. Damit bekommt „fabrizieren“ dann eindeutig den negativen Klang, den es in der Umgangssprache oft hat: „etwas mühsam, behelfsmäßig verfertigen, zusammenbasteln“ (DWDS). Statt „Mistik“ denkt man „Mist“, dieser Anklang ist vermutlich bewusst gewählt.

Durch den Mund seines Sprechers verspottet Tucholsky die Nazis , entlarvt ihre Rassenideologie und ihre „Heim ins Reich“-Parolen als Kriegstreiberei, während ihre Wohlstandsversprechen als leeres Gerede, als „Mistik“ bezeichnet werden. Der Spott ist gut, aber mit seinem Spott konnte er den politischen Siegeszug der Nazis nicht stoppen; denn, wie es im Gedicht „Die Mäuler auf!“ (1930, https://www.textlog.de/tucholsky-die-maeuler-auf.html) heißt, „hinten zahlt die Industrie. Hinten zahlt die Landwirtschaft.“ Auch die rechtslastigen Gerichte der Weimarer Republik haben den Aufstieg der Nazis mit ermöglicht. „Aussage eines Nationalsozialisten vor Gericht“ (1930, https://www.textlog.de/tucholsky-aussage-gericht.html) und „Nächtliche Unterhaltung“ (1926, siehe die Analyse dort!) gehören in den Umkreis von Tucholskys Auseinandersetzung mit den Nazis.

Vortrag des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=eF3eBF-1mB4 (Jürgen Goslar, sehr gut)

K. Tucholsky: Danach – Text und Analyse

Danach

Es wird nach einem Happy-end
im Film jewöhnlich abjeblendt.
Man sieht bloß noch in ihre Lippen
den Helden seinen Schnurrbart stippen –
da hat sie nun den Schentelmen …
Na, un denn –?

Denn jehn die Beeden brav ins Bett.
Naja … diss is ja auch janz nett.
A manchmal möcht man doch jern wissen:
Wat tun se, wenn se sich nich kissen?
Die könn ja doch nich immer penn …!
Na, un denn?

Denn säuselt im Kamin der Wind.
Denn kricht det junge Paar n Kind.
Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba.
Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba.
Denn wolln sich Beede jänzlich trenn …
Na, un denn?

Denn is det Kind nich uffn Damm.
Denn bleihm die Beeden doch zesamm.
Denn quäln se sich noch manche Jahre.
Er will noch wat mit blonde Haare:
vorn dof und hinten minorenn …
Na, un denn?

Denn sind se alt. Der Sohn haut ab.
Der Olle macht nu ooch bald schlapp.
Vajessen Kuss und Schnurrbartzeit –
Ach, Menschenskind,wie liecht det weit!
Wie der noch scharf uff Muttern war,
det is schon beinah nich mehr wahr!
Der olle Mann denkt so zurück:
Wat hat er nu von seinen Jlück?
Die Ehe war zum jrößten Teile
vabrühte Milch un Langeweile.
Und darum wird beim Happy-end
im Film jewöhnlich abjeblendt.

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 1. 4. 1930, Nr. 14, S. 517

(Textform, Rechtschreibung und Zeichensetzung nach https://de.wikisource.org/wiki/Danach_(Tucholsky), nur die ß-Schreibung ist den neuen Regeln angepasst.)

Erläuterung:

minorenn (V. 23): minderjährig, unmündig

Es spricht eine unbekannte Stimme über die Frage, warum im Film nach einem Happy end abgeblendet wird. Ort, Zeit und äußerer Anlass des Sprechens sind unbekannt – sachlicher Anlass ist die erstaunliche Tatsache, dass es so ist.

Zu diesem Zweck erzählt die Stimme im Berliner Dialekt, wie die Geschichte des Liebespaares nach dem großen Kuss am Filmende (1. Strophe) weitergeht: Sie gehen ins Bett (2. Strophe), sie kriegen ein Kind und führen eine normale Ehe, bis es kriselt (3. Strophe), sie bleiben doch zusammen (4. Strophe), sie werden alt; im Rückblick erkennt der Mann, dass vom großen Glück nicht viel übrig geblieben ist. Der Erzähler schließt mit der Erklärung, dass deshalb im Film nach dem Happy end abgeblendet wird (5. Strophe). Thema ist der Verlauf einer normalen Ehe zwischen Glücksfantasien und Enttäuschungen.

Das Gedicht besteht aus fünf Strophen; die ersten vier umfassen jeweils sechs Verse, die letzte zwölf – in ihr wird außer vom Altern der beiden auch vom Rückblick des Mannes erzählt (bis V. 34) und abschließend erklärt, warum im Film rechtzeitig abgeblendet wird (V. 35 f.).; damit ist die indirekt zu Beginn gestellte Frage (V. 1 f. bzw. direkt V. 6) beantwortet. Am stärksten fällt auf, dass die Stimme Dialekt spricht. Das weist sie als Stimme eines ganz normalen Zeitgenossen aus, der die Bilder vom großen Liebesglück und den Verlauf der darauf folgenden Liebes- und Ehegeschichte ganz nüchtern betrachtet (Schnurrbart stippen, V. 4; janz nett, V. 7; immer penn, V. 11; macht schlapp, V. 27; V. 29). So fragt er nach jeder Etappe der Geschichte: „Na, und denn –?“ (V. 6 usw.); diese Frage ist als Zitat Courtelines (1858-1929, französischer Schriftsteller), etwa in der Bedeutung „Na, und?“, vorangestellt. Die Stimme wird dadurch veranlasst, immer weiter zu erzählen: „Denn …“ (V. 7 ff.). Gesprochen wird im vierhebigen Jambus, wovon nur die Frage „Na, und denn –?“ abweicht. Die Verse sind im Kreuzreim verbunden, durchweg semantisch sinnvoll, weil zwei Verse immer eine semantische Einheit ergeben: brav ins Bett – auch janz nett (V. 7/8); säuselt der Wind – kriegen ein Kind (V. 13/14); Sohn haut ab – der Olle macht schlapp (V. 25/26), usw. Nur der fünfte Vers in den ersten vier Strophen bleibt in dem Sinn offen, dass er die weiterführende Frage provoziert, die sich aber mit ihm reimt. Die Kadenzen wechseln unregelmäßig. Der Jambus ermöglicht ein zügiges Sprechen, manchmal geht der Satz auch übers Versende hinaus (V. 1, V. 3, V.33, V. 35; ansatzweise V. 9, V. 29, V. 31); aber weil die Stimme einem skeptischen Zeitgenossen gehört („Naja …“, V. 8), spricht sie oft bedächtig.

Schentelmen“ (V. 5), die verdeutschte Schreibweise eines Fremdwortes, zeigt gegenüber den Alternativen „Liebhaber“ oder „Schatz“ ebenfalls die Distanz der Stimme gegenüber dem gezeigten großen Glück, weshalb die Frage „Na, und denn –?“ auch berechtigt ist. In V. 7 fällt vor allem das Satzadjektiv „brav“ auf – sie gehen ins Bett (statt in den siebten Himmel der Liebe) wie Kinder, die ihr Abendprogramm abspulen; so sieht es jedenfalls der Erzähler. Distanz zeigt sich auch in der nächsten Frage: „Wat tun se…?“ (V. 10). In der Bemerkung, dass der Wind säuselt (V. 13), klingt die Liebesromantik noch einmal an; sie wird jedoch von den nächsten Ereignissen konterkariert: Milch läuft über, Streit, Trennungsabsichten (V.15 ff.); das reale Leben hat die Idylle des großen Kusses entzaubert, die Krise ist da. Sie wird weniger überwunden als ertragen, weithin „quälen se sich noch manche Jahre“ (V. 21); das ist alles andere als das große Glück, wie der alte Mann später auch selber einsieht und sagt (V. 32-34).

Die Schreibweise „dof“ (V. 23) sieht verdächtig aus, ist aber laut Wikisource am Original geprüft; die Texte bei zeno.org und textlog.de haben aber „doof“, so dass man entweder von einem Schreibfehler in der „Weltbühne“ von 1930 oder von einem Versehen bei Wikisource ausgehen muss. Diese Stelle soll zum Anlass dienen, die Problematik von Texten im Internet zu bedenken und die drei wichtigsten Quellen für Tucholsky-Gedichte zu nennen (und zu Rate zu ziehen, falls erforderlich).

Am Ende des Lebens (V. 25 ff.) liegt die Herrlichkeit des anfänglichen Happy Ends in weiter Ferne. Der Erzähler lässt den alten Mann selber zurückblicken (V. 31 ff.) und explizit aussprechen, was der Hörer längst erkannt hat: dass aus dem großen Glück viel Banales geworden ist. So kann er selber die Erklärung dafür liefern, warum beim Happy End „jewöhnlich abjeblendt“ wird (V. 35 f.).

Tucholsky behandelt hier die gleiche Lebenserfahrung wie im Gedicht „Ideal und Wirklichkeit“ (siehe die Analyse dort) und wendet sich so gegen das seit dem Sturm und Drang propagierte Ideal von der großen romantischen Liebe, welches schon viele Menschen unglücklich gemacht hat.

Eine ähnliche Idee wie Tucholsky hat Slawomir Mrozek (1930-2013) in seiner Satire „Schneewittchen“ (u. a. in „Das Leben ist schwer“, dtv 10480, 1985) verwirklicht: Schneewittchen will in der Pose des Kusses verharren („Das ist doch das Glück.“), als der Königssohn sie fragt (so ähnlich wie unser Erzähler): „Und was jetzt?“ Dem Königssohn tut bald der Rücken weh, er geht kurz Zigaretten holen und muss versprechen, sofort wiederzukommen…

https://norberto42.wordpress.com/2014/04/09/tucholsky-danach-analyse/ (ein erster Versuch vor vier Jahren)

Vorträge des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=zmolhSFfY-k (Tanja Wedhorn, gut, zu schnell)

https://www.deutschelyrik.de/index.php/danach.html (Fritz Stavenhagen, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=ri-v3VTnKKc&t=6s (Jörg Schulze, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=8jlj7bJ0yWA (Guido Franz, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=8ghn9S_T5b0 (Rüdiger Wolff, gesungen, sehr gut, zu hochdeutsch gesprochen)

https://www.youtube.com/watch?v=pdC2YApnfGQ (Günter Rüdiger, gesungen, gut)

Tucholsky: Eine Frau denkt – Text und Analyse

Eine Frau denkt

Mein Mann schläft immer gleich ein… oder er raucht seine Zeitung und liest seine Zigarre
… Ich bin so nervös… und während ich an die Decke starre,
denke ich mir mein Teil.
Man gibt ihnen so viel, wenigstens zu Beginn. Sie sind es nicht wert.
Sie glauben immer, man müsse hochgeehrt
sein, weil man sie liebt.
Ob es das wohl gibt:
ein Mann, der so nett bleibt, so aufmerksam
wie am ersten Tag, wo er einen nahm… ?
Einer, der Freund ist und Mann und Liebhaber; der uns mal neckt,
mal bevatert, der immer neu ist, vor dem man Respekt
hat und der einen liebt… liebt… liebt…
ob es das gibt?

Manchmal denke ich: ja.
Dann sehe ich: nein.
Man fällt immer wieder auf sie herein.

Und ich frage mich bloß, wo diese Kerls ihre Nerven haben.
Wahrscheinlich… na ja. Die diesbezüglichen Gaben
sind wohl ungleich verteilt. So richtig verstehen sie uns nie.
Weil sie faul sind, murmeln sie was von Hysterie.
Ist aber keine. Und wollen wir Zärtlichkeit,
dann haben die Herren meist keine Zeit.
Sie spielen: Symphonie mit dem Paukenschlag.
Unsere Liebe aber verzittert, das ist nicht ihr Geschmack.
Hop-hop-hop – wie an der Börse. Sie sind eigentlich nie mehr als
erotische Statisterie.
Die Hauptrolle spielen wir. Wir singen allein Duett,
leer in der Seele, bei sonst gut besuchtem Bett.

Mein Mann schläft immer gleich ein, oder er dreht sich um und raucht seine Zigarre.
Warum? Weil…
Und während ich an die Decke starre,
denke ich mir mein Teil.

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 17.12.1929, Nr. 51, S. 920

Textgestalt nach https://de.wikisource.org/wiki/Eine_Frau_denkt (= Weltbühne 1929), andere Ausgaben haben die 2. und 3. Strophe als eine einzige.

 

In der Zusammenstellung „Die Frau spricht“ von 1932 ist „Eine Frau denkt“ das zweite Gedicht; in Wirklichkeit ist das dritte, „Die Nachfolgerin“, eine Woche vorher in „Die Weltbühne“ erschienen. „Die Nachfolgerin“ ist ein schwaches Gedicht, allerdings mit einer bemerkenswerten Aussage: dass sich die Frau nicht nur für ihren Mann, sondern auch gegen andere Frau schön macht:

Immerhin erwart ich, dass ers merken kann;

         ich will fühlen, dass ich reizvoll bin.

         Dreifach spiegeln will ich mich: im Glas, im Neid, im Mann.

Und der guckt gar nicht hin.“

Eine Frau denkt“, das sind Gedanken einer Frau, die sie nicht ausspricht; Ort und Zeit des Denkens bleiben unbestimmt.

Man denkt nach, wenn einem etwas nicht gefällt. Diese Frau denkt über ihren Mann und dann über das Verhältnis von Frauen und Männern nach, weil sie Zuwendung und Zärtlichkeit ihres Mannes vermisst (V. 1-3 und V. 21 ff.). Sie fragt sich, ob des den idealen Mann wohl gibt, und muss diese Frage verneinen (1. und 2. Strophe). Dann bedenkt sie, wie verschieden Frauen und Männer sind und empfinden (3. Strophe). Die letzte Strophe ist eine Variation der ersten drei Verse und bildet mit diesen den Rahmen der Gedanken. Das Thema ist das problematische Verhältnis von Mann und Frau.

Das Gedicht besteht aus vier Strophen unterschiedlicher Länge; in manchen Ausgaben werden die zweite und die dritte Strophe zu einer zusammengefasst. Die Sprache ist prosaisch, die Verse sind unterschiedlich lang, aber durchweg im Kreuzreim miteinander verbunden (Ausnahmen:V. 3 und V. 14-16). Wenn der Satz übers Versende hinausgeht, klappt es mit der semantischen Entsprechung der reimenden Verse meist nicht. Sonst aber gibt es viele semantische Entsprechungen: er befasst sich mit Zigarre – ich an die Decke starre (V. 1 f. und V. 29/31, dort ausnahmsweise Kreuzreim); verstehen uns nie – sprechen von Hysterie (V. 19/20, Gleiches); wir wollen Zärtlichkeit – sie haben keine Zeit (V. 21/22, Kontrast), usw. Meistens sind die Kadenzen männlich; wenn der Satz damit endet, ergibt das einen richtigen Abschluss. Die Sprache ist die Standardsprache mit wenigen Verschleifungen („mal“, V. 10; „was“, V. 20), aber einigen Wörtern der Bildungssprache (Hysterie, V. 20; Symphonie mit dem Paukenschlag, V. 23; Börse, V. 23; Duett, V. 27). Gelegentlich hält die Frau im Denken inne oder führt einen Satz nicht zu Ende; vieles bleibt auch unbestimmt, weil es um ihre Gefühle geht.

Die Gedanken setzen bei der Beobachtung ein, dass der Mann „immer gleich“ einschläft (V. 1 – nach dem Geschlechtsverkehr, ist zu ergänzen), womit die Frau nicht zufrieden ist, ebenso wenig wie mit seinem anschließenden Rauchen oder Lesen. Dass er seine Zeitung raucht und seine Zigarre liest – ein Versprecher – ist nicht leicht zu erklären; ich denke, was er tut, ist ihr egal – schlimm ist nur, dass er sich nicht ihr zuwendet. Ob ihre Bemerkung, sie sei so nervös (V. 2), sich auf den Moment des gegenwärtigen Nachdenkens oder auf die Wahrnehmung, was er nachher tut, bezieht, bleibt offen; wer nervös ist, ist „reizbar, erregbar, gereizt, unruhig, zerfahren“ (DWDS) – ich meine, sie sei jetzt im Augenblick des Nachdenkens nervös. Ihr hilflose Reaktion auf seine nächtliche Abwendung, damit fährt sie fort: Sie starrt an die Decke und denkt sich „mein Teil“; was die Frau denkt, wird aber nicht gesagt, sicher ist es nichts Erfreuliches.

Dann wendet sie sich in ihren Gedanken allen Männern zu („sie“, ab V. 4, und „diese Kerls“, V. 17); hinter dem Indefinitum „man“ (V. 4, V. 6, V. 16) steht „ich immer“ (vgl. V. 14) oder „wir Frauen“ (vgl. „uns“, V. 10). Sie arbeitet zunächst den Unterschied im Gene und Nehmen in der Liebe zwischen Frau und Mann heraus (V. 4-6), wobei offen bleibt, was „so viel“ (V. 4) ist – es ist eine empfundene Differenz, ein Mangel, der die Frau eben zum Nachdenken antreibt. Danach fragt sie, ob es den idealen Mann wohl gibt (V. 7-13), bei dem es diese Differenz nicht gäbe und „der einen liebt… liebt… liebt…“ (V. 12); die Wiederholung steht für die Unendlichkeit des Gefühls, welche die Frau ersehnt und die sie zuvor an Beispielen verdeutlicht hat (aufmerksam usw.). Diese Erwartung ist die gleiche wie die, welche Tucholsky in Gedichten wie „Das Ideal“ oder „Ideal und Wirklichkeit“ als Ausgeburt unserer unendlichen Fantasie entlarvt hat; die Frau muss ihre Frage demgemäß verneinen (V. 14 f.), auch wenn sie ihre fantastische Hoffnung nicht aufgibt (V. 16), also unbelehrbar ist – vgl. sein Gedicht „Stationen“, wo die wechselnden Erwartungen des Mannes beschrieben wird, der schließlich zur Einsicht und zur Bejahung der Realität kommt. Will sagen: Was die Frau denkt, muss nicht die Billigung des Autors Tucholsky findet, auch nicht die des Lesers – man soll es einfach einmal zur Kenntnis nehmen, das genügt für den Anfang, weiteres Nachdenken ist damit nicht verboten.

In der dritten Strophe steht unter dem Gedanken: „So richtig verstehen sie uns nie.“ (V. 19) Damit ist die Front wir-sie bezeichnet, die in den Streckenabschnitten Erregung (V. 17-21) und Zärtlichkeit (V. 21-28) beschrieben wird. Mit dem nicht vollendeten Satz „Wahrscheinlich…“ und dem unbestimmten Verweis auf die „diesbezüglichen Gaben“ (V. 18) weist die Klage der Frau ins Weite, ohne dass man ein Objekt sähe; sie deutet allerdings die gegenseitigen Vorwürfe mit den Stichworten Faulheit / Hysterie an (V. 20). Der Mangel an „Zärtlichkeit“ (V. 21) der Männer wird eindrucksvoll beklagt, mit den Bildern von der „Symphonie mit dem Paukenschlag“ (Haydn) und der erotischen Statisterie vs. Hauptrolle (Theater), mit dem Börsenvergleich; die Klage gipfelt in dem schönen Paradox „Wir singen allein Duett“ (V. 27) und dem passenden Reim „leer in der Seele, bei sonst gut besuchtem Bett“ (V. 28). Auf den Begriff und in den Gegensatz zum „Paukenschlag“ gebracht: „Unsere Liebe aber verzittert“ (V. 24); „verzittern“ bedeutet nach dem Grimm’schen Wörterbuch „von akustischen vorgängen ‚zitternd verhallen, verklingen’“, „von optischen erscheinungen ‚zitternd verzucken, verblassen’“, dann auch wie hier uneigentlich, also bildlich gebraucht. Der Unterschied zwischen dem Ende mit Paukenschlag und dem Verzittern macht sich bei der Frau als Leere in der Seele bemerkbar (V. 28).

Die letzte Strophe gleicht den ersten drei Versen, nur dass der Mann sich umdreht, statt zu lesen, und diesmal tatsächlich seine Zigarre raucht. – Vgl. auch Tucholskys Gedicht „Sie, zu ihm“!

Was eine Frau denkt (Überschrift), ist vor allem für Männer interessant, weil es hier ungefiltert ans Licht kommt; die Frage ist nur, was die anderen Frauen denken, vor allem die eigene, und ob die Frauen heute Ähnliches denken – aber das sagt einem ja keiner, oder, wenn ich ehrlich bin: Man bekommt es doch gesagt, aber die Unterschiede bleiben trotzdem bestehen.

Vortrag des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=_UVn94IaVK8 (Fritz Stavenhagen, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=rwkhJLVuHxc („Vorleser“, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=bSpDy8Foaj0 (Astrid Kohrs, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=U7IbIFui1QQ (Dolly Velbinger, schwächer)

https://www.youtube.com/watch?v=tvvJFYHWDMs (Claudia Riese, gut, unvollständig)

Als Gegengedicht sollte man unbedingt Tucholskys „Stationen“ (1930) lesen. Ausgewogen kann man sich bei Herrn Stangl über Geschlechtsunterschiede informieren: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Geschlechtsunterschiede.shtml

Tucholsky: Die geschiedene Frau – Text und Analyse

Die geschiedene Frau

 

Ja … da wär nun also wieder einer …

das ist komisch!

Vor fünf Jahren, da war meiner;

dann war eine ganze Weile keiner …

Und jetzt geht ein Mann in meiner Wohnung um,

findet manches, was ich sage, dumm;

lobt und tadelt, spricht vom Daseinszwecke

und macht auf das Tischtuch Kaffeeflecke –

Ist das alles nötig –?

 

Ja … er sorgt. Und liebt. Und ists ein trüber

Morgen, reich ich meine Hand hinüber …

Das ist komisch:

Männer … so in allen ihren Posen …

Und frühmorgens, in den Unterhosen …

Plötzlich wohnt da einer auch in meiner Seele.

Quält mich; liebt mich; will, dass ich ihn quäle;

dreht mein Leben anders, lastet, lässt mich fliegen –

siegt, und weil ich klug bin, lass ich mich besiegen …

Habe ich das nötig –?

 

Ich war ausgeglichen. Bleiben wir allein,

… komisch …

sind wir stolz. So sollt es immer sein!

Flackerts aber, knistern kleine Flammen,

fällt das alles jäh in sich zusammen.

Er braucht uns. Und wir, wir brauchen ihn.

Liebe ist: Erfüllung, Last und Medizin.

Denn ein Mann ist Mann und Gott und Kind,

weil wir so sehr Hälfte sind.

Aber das ist schließlich überall:

Der erste Mann ist stets ein Unglücksfall.

Die wahre Erkenntnis liegt unbestritten

etwa zwischen dem zweiten und dem dritten.

Dann weißt du. Vom Wissen wird man nicht satt,

aber notdürftig zufrieden, mit dem, was man hat,

Amen.

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne 13. 8. 1929, Nr. 33, S. 248

Die geschiedene Frau (Überschrift) führt ein Selbstgespräch, Ort und Zeit sind natürlich unbestimmt, ihre Situation ergibt sich aus dem Text: Sie lebt mit einem neuen Mann zusammen und denkt über ihre Lage nach.

Solche Gedanken sind nicht systematisch geordnet; gleichwohl kann man mit Abstrichen eine Progression feststellen: Sie beschreibt, wie er auftritt, wie sie ihn liebt, wie es überhaupt mit dem Verhältnis von Frauen und Männern ist – und wie man als Frau schließlich „notdürftig zufrieden, mit dem, was man hat“ (V. 34), ist. Das Schlusswort „Amen“ (V. 35) weist das Gedicht nicht als Gebet aus, sondern bedeutet in seinem ursprünglichen Sinn „So sei es.“ (wahrlich, es geschehe; so soll es sein). Thema des Gedichts ist das Verhältnis von Mann und Frau.

Die Überschrift ist „Die geschiedene Frau“, veröffentlicht am 13. 8. 1929 in „Die Weltbühne“. Dieses Gedicht ist mit drei weiteren (vom 10. 12. 1929, 17. 12. 1929 und 6. 1. 1931) unter der Überschrift „Die Frau spricht“ im Buch „Lerne lachen ohne zu weinen“ (1931) zusammengefasst worden, aber sicher unabhängig von den anderen entstanden. Vielleicht sind aber „Die Nachfolgerin“ (10. 12.) und „Eine Frau denkt“ (17. 12. 1929) – der zeitliche Zusammenhang legt es nahe – zusammen konzipiert worden. Im weiteren Sinn kann man das Gedicht zur Liebeslyrik zählen – aber welch ein Unterschied zu den Gedichten des jungen Goethe; darin kamen keine geschiedenen Frauen vor, und erst recht keine, die selber nachdachten.

Vermutlich ist das Schriftbild (hier etwas gestört nach textlog.de) eine Hilfe, wenn man das Metrum des Gedichtes verstehen will. Durchgängig bestehen die Verse aus vier- bis sechshebigen Trochäen, die ruhig gesprochen werden, weil die Frau ja nachdenkt. Davon weichen die eingerückten „komisch“-Sätze ab (V. 2 usw.), ebenso die beiden „nötig“-Fragen (V. 9 und V. 19) und natürlich das abschließende „Amen“ (V. 35). Von diesen abgesehen sind die Verse im Kreuzreim miteinander verbunden, welche die Verse meistens semantisch sinnvoll aufeinander beziehen: wieder einer – meiner – eine Weile keiner (V. 1/3/4, ihre Männer, ausnahmsweise drei Verse mit einem Reim); spricht vom Daseinszwecke – macht Kaffeeflecke (V. 7/8, der Mann in der Wohnung, beinahe satirisch); in ihren Posen – in den Unterhosen (V. 13/14, schöner Kontrast, ähnlich wie V. 7/8), usw. Die Kadenzen wechseln ohne erkennbares System. Die Sätze gehen manchmal übers Versende hinaus; dem Gestus des Denkens entsprechend sind die Sätze gelegentlich unvollständig, als Aufzählung aneinander gereiht, auch durch „und“ angeschlossen. Umgangssprachlich werden gelegentlich Endbuchstaben verschluckt („reich“, V. 11; „sollt“, V. 22) oder Wörter verschliffen („ists“, V. 10; „Flackerts“, V. 23).

Das einleitende „Ja“ entspricht etwa meinem „tja“ und „drückt [umgangssprachlich] Nachdenklichkeit, Bedenken, eine zögernde Haltung, auch Verlegenheit oder Resignation aus“ (namenloses Wörterbuch bei google); im Grimm‘schen Wörterbuch steht unter I 5: „begleitet auch nur einen zweifel, einwurf, ein bedenken“; diese Bedenken findet man auch in der Wendung „nun also wieder“ (V. 1) und im ersten Kommentar („komisch“, V. 2). Komisch ist die Situation, weil die Frau einige Jahre offenbar zufrieden allein gelebt hat und jetzt ein Mann in der Wohnung umhergeht (V. 6; „umgehen“ erinnert ein wenig an das Treiben eines Gespenstes) und allerlei Seltsames anstellt (V. 5-8), was in der Disparatheit von „Daseinszwecke / Kaffeeflecke“ (V. 7 f.) schön zum Ausdruck kommt, aber auch in seiner Einschätzung mancher Äußerungen der Frau als „dumm“, V. 6). So ist ihre Frage verständlich: „Ist das alles nötig –?“ (V. 9, ähnlich in V. 19 wiederholt).

Das nächste „Ja“ ist eines, das Zustimmung, vielleicht sogar Gewissheit ausdrückt (DWDS); denn es folgen drei Aussagen über das Gute an diesem Mann (sorgt, liebt, verbunden, V. 10 f.). Mit dem zweiten Komisch-Kommentar (V. 12) leitet sie zu ambivalenten Erfahrung mit diesem Mann über, zunächst zu den etwas lächerlichen (in ihren Posen – in den Unterhosen, V. 13 f.), dann zu denen, über die man wirklich nachdenken kann; denn der Mann ist nicht nur in der Wohnung (V. 5), sondern „auch in meiner Seele“ (V. 15) und beschert so neben der Liebe auch Qual, belastet und lässt „mich fliegen“ (V. 17), kurz, er „dreht mein Leben anders“ (V. 17). Dazu gehört auch, dass sie ihn gleichermaßen quält (V. 16, damit ist nicht SM gemeint, sondern die normale Qual von unbedachten Äußerungen, Kompromissen und Missverständnissen); und er muss als Mann natürlich „siegen“, was sie ihm als kluge Frau zugesteht (V. 18). Weil das alles nicht nur Gewinn ist, fragt sie erneut: „Habe ich das alles nötig?“ (V. 19)

Aber man muss auch die Gegenfrage stellen: Was fehlt mir, wenn das alles fehlt? Darum geht es in der letzten Strophe. Zuerst blickt die Frau zurück auf die Zeit, in der sie ohne Mann gelebt hat und ausgeglichen war (V. 20). Für alle allein lebenden Frauen („wir“, V. 20) stellt sie fest, dass sie „stolz“ sind oder als stolz gelten (V. 22) – das ist hier bei „sind“ nicht zu entscheiden; diesen Sachverhalt kommentiert sie wieder (V. 21) und fügt bejahend hinzu: „So sollt es immer sein!“ (V. 22) Als Mann verstehe ich sie vielleicht nicht ganz, ich lese „stolz“ im Sinn von „selbstbewusst, emanzipiert, unabhängig“. Doch die Realität macht diesen Wunsch leicht zunichte, stellt sie fest: „Flackerts aber…“ (V. 23), dann fällt im Fall der Liebe „das alles jäh in sich zusammen“ (V. 24). Es folgt die Erklärung dafür: Der eine braucht den anderen (V. 25). Was das heißt, steht im nächsten Vers: Liebe ist „Erfüllung, Last und Medizin“ (V. 26), was sich fast dialektisch anhört: positiv die Erfüllung, negativ die Last, Medizin als Aufhebung des Belastenden. Das folgende „Denn“ (V. 27) kann ich nicht als echte Begründung der Liebesdefinition verstehen; gemäß dem Grimm‘schen Wörterbuch (dort 5.) steht „denn“ auch für „zugleich, dabei, dazu, simul“, und das passt hier gut, wenn bei „denn“ vielleicht auch ein kausaler Ton mitschwingt. Ein Mann hat also ganz verschiedene Seiten: Als Gott will er siegen, als Kind umsorgt werden, und als Mann, na ja, das weiß man. Worauf sich der weil-Satz bezieht, ist bei der Disparatheit des Mann-Bestimmungen unklar, vielleicht gerade auf ihre Gesamtheit; anderseits hat „weil“ auch eine zeitliche Bedeutung („so lange als“). Dass der Mann so verquer sein kann, wie er ist (V. 27), kann also daran liegen, dass er die Frauen oder eine Frau braucht, „weil wir so sehr [seine] Hälfte sind“ und er ohne Frau nur ein halber Mensch ist. Das Wort von der besseren Hälfte, eine Redensart, mag darauf beruhen, dass in der Bibel Mann und Frau als „ein Leib (ein Fleisch)“ bezeichnet werden (Gen 2,24).„Aber“ (V. 29) drückt einen Gegensatz des Folgenden zu der in V. 23-28 signalisierten Zustimmung zum Mann im eigenen Leben aus, dient in abgeschwächter Bedeutung zur Anknüpfung und Weiterführung des bisher Gesagten (DWDS), und zwar in einer allgemein gültigen Erkenntnis darüber, welcher Mann ins Leben einer Frau passt: Der erste nicht, das ist „stets ein Unglücksfall“ (V. 30), und dann ganz witzig: „Die wahre Erkenntnis liegt unbestritten / etwa zwischen dem zweiten und dem dritten.“ (V. 31 f.) Was man in dieser Erkenntnis erkennt („Dann weißt du.“, V. 33 – das Objekt fehlt, es ist leicht zu ergänzen: was du von einem Mann erwarten darfst), wird nicht ausgeführt, dafür aber, wozu diese Erkenntnis gut ist: Man wird als Frau „notdürftig zufrieden, mit dem, was man hat“ (V. 33 f.). Die Pointe liegt in der Zusammenstellung des Adjektivs „zufrieden“ mit dem Modalwort „notdürftig“ (= „nicht befriedigend, nur knapp ausreichend“, DWDS). Metaphorisch sagt die Frau, man werde von diesem Wissen „nicht satt“ – zu ergänzen wäre, dass man aber auch nicht verhungert, wenn man sich als Frau wissend auf einen Mann einlässt: „Erfüllung, Last und Medizin“ (V. 26) kann die Beziehung zu ihm sein.

Da abschließende „Amen“ bestätigt diese Erkenntnis und ist das Gegenwort zum einleitenden skeptischen „Ja“ (V. 1). So ist der Weg von der Skepsis zur Zustimmung, einer von Wissen und Erfahrung geprägten verhaltenen Zustimmung beendet. Die Frau hat die Erkenntnis gewonnen, die der Leser in vielen Gedichten Tucholskys finden kann („Ideal und Wirklichkeit“, „Nebenan“ und andere). – Um das Problem des Mannes, ob er nun heiraten soll oder nicht, geht es in Tucholskys Gedicht „Wie mans macht“.

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=4w5FiNBkrck (Juliane Kosarev, sehr gut) = https://www.youtube.com/watch?v=pohP6unL4RE

https://www.youtube.com/watch?v=fod6MT9Df3I (Fritz Stavenhagen, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=HWBPvuDLozY („Vorleser“, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=4r-Cmk4RvzQ (Astrid Kohrs, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=2iA01WG8pBo (???, gut)

Tucholsky: Ideal und Wirklichkeit – Text und Analyse

Ideal und Wirklichkeit

In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
Du präparierst dir im Gedankengange
das, was du willst – und nachher kriegst du’s nie…
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
C’est la vie – !

Sie muss sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zuwenig – und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt.
Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih – !

Man möchte eine helle Pfeife kaufen
und kauft die dunkle – andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
und tut es nicht. Beinah…beinah…
Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik…und nun ists die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih – !

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 5. 11. 1929, Nr. 45, S. 710

Es spricht eine unbekannte Stimme zu einem „du“ (V. 2), das aber für alle steht, wie man am Pronomen „Man“ im Refrain (V. 7 usw.) sieht; deshalb sind für dieses Sprechen weder Ort noch Zeit erforderlich.

In der ersten Strophe wird beispielhaft beschrieben, wie man sich etwas ausdenkt, was man gern hätte, ohne es zu bekommen. Es folgt der Refrain (V. 7-9), in dem beispielhaft beschrieben wird, wie es einem immer ergeht. Wie schon in dieser Strophe mehrere Ansätze zur Verallgemeinerung dieser Erfahrung stecken, wird unten aufgezeigt. In der zweiten Strophe wird die „große Lange“ des Refrains zu einem Beispiel dafür ausgebaut, wie man das, was man haben möchte, nicht bekommt. In der dritten Strophe werden kurz drei Beispiele für denselben Sachverhalt aufgeführt, wodurch die Gültigkeit des Refrains erneut bestätigt ist. Der Refrain tröstet die Hörer und soll aus Sicht des Autors die Leser vermutlich mit der enttäuschenden Wirklichkeit versöhnen. Thema des Gedichts ist die Erfahrung, dass es nachher nie so schön ist, wie man es sich vorher ausgemalt hat.

Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu neun Versen in einem fünfhebigen Jambus; der neunte Vers weist zwei Takte auf und verschafft so gegenüber der Erwartung, fünf Takte zu hören, eine Pause zum Nachdenken darüber, wie es so im Leben zugeht. Von den Reimen her gehört der neunte Vers aber zum achten, weil er den Reim zu Vers 6 darstellt, also gewissermaßen doch zu Vers 8 gehört. Die Verse sind – mit der genannten Besonderheit – im Kreuzreim aneinander gebunden; da jeweils zwei Verse eine semantische Einheit und oft auch einen einzigen Satz bilden, kann man nur für das zweite Reimpaar eine semantische Entsprechung erwarten, die auch immer vorhanden ist: was dir fehlt – was uns leise quält (V. 2/4); nachher kriegst du’s nie – C’est la vie (V. 6/9), usw. Weibliche und männliche Kadenzen wechseln regelmäßig, mit den männlichen Kadenzen enden die Sätze der Doppelverse; die weibliche Kadenz macht als „halber“ Takt eine minimale Pause möglich. Die Stimme spricht die Umgangssprache, kennt die französische Redensart „C’est la vie“ und formt sie zweimal in die deutsche Schreibweise „Ssälawih“ um; auch diesen Scherz lese ich als Anweisung, die bezeichnete Erfahrung als allgemein, französisch so gut wie deutsch, zu verstehen.

Im Gedicht wird die Erfahrung verarbeitet, dass es nachher nie so schön ist, wie man es sich vorher ausgemalt hat. In der ersten Strophe wird diese Erfahrung einmal in V. 1-6 und dann erneut im Refrain beschrieben. Die Verse 1-4 malen dabei aus, wie man sich etwas ausdenkt, und die Verse 5 f. formulieren die Erfahrung. Wesentlich ist, dass man sich etwas „ausdenkt“, was einem vermeintlich fehlt (V. 1 f.); die stille Nacht und das monogame Bett laden eben zum Nachdenken ein, weil nichts los ist. Der Plural „Betten“ ist bezogen auf das Subjekt „du“ ein logischer Schnitzer; wohlwollend kann man darin schon den Ansatz der Allgemeingültigkeit finden, wie er auch im Plural „wir“ (V. 3 f., gegenüber dem „du“ aus V. 2), in „nie“ (V. 6) und in „immer“ (V.  7) zu finden ist. Das Bild, dass die Nerven knistern (V. 3), zeigt die innere Unruhe, aus der die fantastischen Gedanken geboren werden. „Wenn wir das doch hätten…“ ist personal gesprochen. Dass uns das Fehlende „leise quält“ (V. 4), zeigt an, dass es uns nicht wirklich fehlt; es muss als Ziel erst im Gedankengang „präpariert“ werden (V. 5 f.), es ist ein Produkt der Fantasie, nicht des gespürten Bedarfs – und deshalb kriegt man’s nie (V. 6). Im Refrain wird die allgemeine enttäuschende Erfahrung am Beispiel der Traumfrau, schon verallgemeinert („immer“, V. 7), auf heitere Weise durchgespielt und mit der französischen Redensart tröstlich abgeschlossen.

In der zweiten Strophe wird die „große Lange“ des Refrains als Traumfrau beschrieben (V. 10-13); in V.13 liegt ein Satzbruch vor, der Hauptsatz fehlt, was aber nicht schwer wiegt – wichtiger ist der Traum von der strahlenden Mähne der Frau (surreales Bild: sich in den Haaren sonnen). Was der verfluchte Hang, dem man erliegt (V. 14) für ein Hang ist, wird nicht gesagt; ich nehme an, dass es der Hang ist, seinen Fantasien zu frönen. Die Eile besteht darin, dass man das Ideal der Fantasie gleich haben will. In der zweiten Strophe finden wir wieder die entscheidende Zeitangabe „Nachher“ (V. 14, vgl. V.6), der ein unausgesprochenes „Vorher“ entspricht, ebenso wie die Satzfolge des Refrains: Man möchte immer… und dann bekommt man…

In der dritten Strophe werden kurz drei Beispiel für die gleiche Erfahrung benannt, welche in ihrer Disparatheit deren Allgemeingültigkeit bezeugen: eine Pfeife kaufen, jeden Morgen einen Dauerlauf machen, eine Republik bekommen. Einmal wird dabei ein Grund für das Scheitern benannt (keine helle Pfeife da, V. 20; die Ungeduld des haben Wollens wird nicht genannt). Wichtigstes Beispiel ist die Republik, die Weimarer Republik („die“, V. 24), die auch nicht dem entspricht, was man sich vorher „unter kaiserlichem Zwange“ (V. 23) davon (an Freiheit?) versprochen hat. Diese beiden Verse sind natürlich nicht geeignet, die Probleme der Republik zu erklären; sie können nur mit ihrer enttäuschenden Wirklichkeit versöhnen. „Ssälawih!“

Die Erfahrung von der Macht der Fantasie hat Tucholsky auch in den Gedichten „Nebenan“ und „Das Ideal“, ähnlich in „Missachtung der Liebe“ verarbeitet; es scheint, dass diese Erfahrung zu verstehen nicht nur für Tucholsky wichtig war – von „Das Ideal“ gibt es nämlich viele Vorträge im Netz:

https://www.youtube.com/watch?v=aTdKq1wSwiQ (Bernhard Scheller, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=lgr_O2uADGU (Fritz Stavenhagen, sehr gut) = https://www.deutschelyrik.de/index.php/ideal-und-wirklichkeit.html

https://www.youtube.com/watch?v=wGfQT6HXouU (Jörg Schulz, gut plus)

https://www.youtube.com/watch?v=KWdawKNEuK0 (gut gesprochen)

https://www.youtube.com/watch?v=PQXktWTnIlg (Jürgen von der Lippe, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=_DhLjqa9i0A (Evgenij Verenin singt Eisler)

https://www.youtube.com/watch?v=vzn2wT4epEY (Günter Pfitzmann singt)

https://www.youtube.com/watch?v=WhREUUwhLuI (Marie Soubrestre singt)

https://www.youtube.com/watch?v=bMvtqf8hxjg (B. M. Vermeulen singt Eisler)

https://www.youtube.com/watch?v=Yq0dqRRW8MI („Die Gimpel“ singen)

K. Tucholsky: Die Leibesfrucht – Text und Analyse

Die Leibesfrucht

Du bist so schwer, du bist so blass –
was hast du, Mutter?
Du willst etwas und weißt nicht was –
was hast du, Mutter?
»Ich trag in meinem Leibe ein Kind;
ich weiß, wie seine Geschwister sind:
ohne Stiefel, ohne Wolle, ohne Milch, ohne Butter –
ich bin eine Mutter! Ich will keine Mutter mehr sein!
Lass mich schrein –!
Lass mich schrein –!«

Es darf und darf mir nicht zur Welt!
»Frau, was wollen Sie?«
Mein Mann ohne Stellung – wir haben kein Geld!
»Frau, was wollen Sie?«
Ich will nicht, dass man für eine Nacht
mich und die Kinder unglücklich macht!
Dieselben Rechte will ich wie die Reichen,
die ungestraft zum Abtreiber schleichen –
Warum will mich denn keiner befrein?
Lasst mich schrein –!
Lasst mich schrein –!

Mit Schreien ist da nichts getan –
Wacht auf, ihr Frauen!
Nieder mit kirchlichem Größenwahn!
Wacht auf, ihr Frauen!
Ihr krümmt euch vor Schmerzen, und in euer Ohr
tönt heulend der Unternehmerchor:
»Trag es aus! Trag es aus!
Trag es aus im Sturmgebraus!
Wenn der Staat bleibt bestehn,
könnt ihr alle zugrunde gehn!
Ihr habt nichts zu fressen?
Wir brauchen die Kinder für Dortmund und Essen,
für die Reichswehr und für die Büros –
und wenn ihr krepiert, dann sind wir euch los!«

Aus Jodoform und blutigem Leinen
kommt winselnd eines Kindes Weinen.
Es wartet an dem kleinen Bett
bereits ein mächtiges Quartett:
Fabrik. Finanzamt. Schwindsucht. Kirchenzucht.

Das ist das Schicksal einer deutschen Leibesfrucht.

Theobald Tiger, in: Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1929

Erläuterungen:

ungestraft zum Abtreiber (V. 18): Wer eine Leibesfrucht (Embryo) vorsätzlich und rechtswidrig abtrieb, wurde nach § 218 StGB mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren, mindestens mit Gefängnis nicht unter 6 Monaten bestraft; wer nicht angezeigt wurde, konnte nicht bestraft werden.

Jodoform (V. 36) wurde zur Desinfektion von Wunden verwendet.

Kirchenzucht (V. 40): Sammelbegriff für Maßnahmen, in der evangelischen Kirche Ordnung und Lehre zu sichern; dazu gehören etwa die Abmahnung eines Pastors bis hin zum Ausschluss von kirchlichen Rechten, etwa der Teilnahme am Abendmahl.

Die Überschrift „Die Leibesfrucht“ ist noch dunkel, sie wird im Verlauf des Gedichtes erhellt. Zunächst werden Dialoge zweier verschiedener Stimmen mit einer werdenden Mutter wörtlich wiedergegeben (V. 1-21); wer das alles berichtet, ist unklar. Darauf meldet sich eine Stimme, die sich an alle Frauen wendet und sie zum „Aufwachen“ auffordert (V. 22-35). Danach wird vermutlich durch die gleiche Stimme die Situation eines neugeborenen Kindes beschrieben, das möglicherweise das Kind der zu Beginn klagenden Mutter ist und dessen Schicksal als armes unterdrücktes Wesen jetzt schon feststeht (V. 36-40). Das Fazit, ein einziger Satz, ist die letzte Strophe: „Das ist das Schicksal einer deutschen Leibesfrucht.“ (V. 41) Die Stimme ergreift Partei für die arme schwangere Frau, ruft alle Frauen zum Widerstand gegen die Kirche und die Unternehmer auf, welche vom § 218 profitieren, und beklagt das Schicksal des neugeborenen Kindes. – Der Autor Tucholsky wendet sich mit diesem Gedicht 1929 in der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ gegen den Fortbestand des § 218 StGB.

Der Rhythmus des Gedichtes ist bewegt und komplex. Das vorherrschende Versmaß ist der Knittelvers; in einigen kurzen Versen, die auch wiederholt werden (V. 2, V. 9, V. 12, V. 20), sowie zu Beginn des Unternehmerchors (V. 28-32) gibt es nur zwei Hebungen, während der Vers 8 (der Aufschrei der Mutter) fünf Hebungen aufweist. Die Kadenzen wechseln ohne System. Zu Beginn der ersten drei Strophen steht jeweils ein Kreuzreim, die anderen Reime sind Paarreime; nur V. 7 bezieht sich entweder auf V. 2/4 zurück oder greift auf „Mutter“ in V. 8 vor. Die Verse 9/10 und 20/21 könnte man als einen Vers auffassen, dann hätte man vier Hebungen und einen einzigen Reim mit dem vorhergehenden reimenden Vers. Der Satz geht gelegentlich über das Versende hinaus. Die reimenden Verse passen meist semantisch gut zusammen, zum Beispiel: ein Kind – wie seine Geschwister sind (V. 5/6); die Reichen – ungestraft zum Abtreiber schleichen (V. 17/18); mit Schreien ist nichts getan – nieder mit kirchlichem Größenwahn (V. 22/24). Die Frau spricht erregt und schnell, der Unternehmerchor langsam, die anderen Stimmen unterschiedlich.

Die erste Stimme, die sich an die Mutter wendet (V. 1-4), könnte die eines ihrer Kinder, kann aber auch eine fremde Stimme sein; sie fragt besorgt, was die Mutter hat, dass es ihr so schlecht geht. Darauf klagt die Mutter ihr Leid (V. 5-10), dass sie schwanger ist und dass es den bereits vorhandenen Kindern schlecht geht; sie zählt auf, was die alles nicht haben (V. 7), obwohl sie es brauchen. Sie schreit verzweifelt: „Ich will keine Mutter mehr sein!“ (V. 8) Das könnte heißen, dass sie insgesamt aus ihrer Situation ausbrechen will oder dass sie nicht noch einmal Mutter werden will. Und dann wiederholt sie: „Lass mich schrein –!“ (V. 9 f.)

Das Gespräch der Mutter mit der zweiten Stimme, von der sie als „Frau“ angesprochen wird, könnte ein Beratungsgespräch mit einem Arzt sein. Die Stimme fragt zweimal lapidar: „Frau, was wollen Sie?“ (V. 12 und V. 14) und gibt so der Schwangeren Gelegenheit, ihre Lebenssituation zu schildern: Die Familie hat kein Geld, ein weiteres Kind würde sie unglücklich machen; sie will „dieselben Rechte wie die Reichen, die ungestraft zum Abtreiber schleichen“ (V. 16 f.). Damit berührt sie die soziale Problematik des § 218; dieser verbietet zwar Abtreibung generell, aber mit genügend Geld konnte man ihn umgehen und die Abtreibung von einem hilfsbereiten Arzt statt von einer „Engelmacherin“ vornehmen lassen (Engelmacherin: eine nicht medizinisch ausgebildete Frau, die eine ungewollte Schwangerschaft durch einfache und meist gefährliche Methoden beendete – die toten Embryos wurden angeblich zu „Engelchen“, daher der Name; vgl. den Bericht http://de.muvs.org/topic/2007-meine-grossmutter-war-engelmacherin/). Was vom Gesetz verboten war, wurde durch die Praxis zu einem „Recht“ der Reichen – und genau dieses Recht fordert die arme Frau für sich ein. Deshalb fragt sie: „Warum will mich denn keiner [von meinem Embryo] befrein?“ (V. 19) Sie endet verzweifelt wie im vorigen Gespräch: „Lasst mich schrein – !“ (V. 20 f., diesmal im Plural)

Dieser wiederholte Ausruf schließt die beiden Gespräche ab und ist Anlass für eine Stimme, die vermutlich im Namen des Autors Tucholsky spricht: „Mit Schreien ist da nichts getan – Wacht auf ihr Frauen!“ (V. 22 f.) Warum ist da mit Schreien nichts getan? Weil Schreien nur die eigene Verzweiflung ausdrückt, aber nichts an den Verhältnissen ändert. Die Fragen des Rechts, wozu das Verbot der Abtreibung gehört, sind nämlich auch Fragen der Macht. Die Gegner der Frau in diesem Machtkampf sind laut der Stimme die Kirchen und die Unternehmer. Die kann man nur bekämpfen, wenn man aufwacht. Die Metapher „schlafen / erwachen“ ist uralt und in vielen Situationen verwendet worden, siehe meinen Aufsatz „Schlafen – erwachen – aufstehen: ein Metaphernfeld“. Der erste Gegner der Frauen ist kirchlicher Größenwahn; den greift die Stimme an, weil die Kirchen im Namen Gottes und der Natur („Naturrecht“) Abtreibung verbieten und mit kirchlichen Sanktionen belegen. Der zweite Gegner sind die Unternehmer, die ohne Rücksicht auf die Schmerzen der Frauen heulend (heulen: „scharf, durchdringend tönen“, DWDS) rufen: „Trag es aus! Trag es aus!“ (V. 28 und V. 29) Die zynische Begründung dieser Forderung folgt in den Versen 30-35: Der § 218, verallgemeinert: der Staat muss bestehen bleiben, auch wenn ihr alle untergeht (schöner Reim: bleibt bestehn – ihr könnt zugrunde gehn, V. 30 f.); der zweite Grund, am § 218 festzuhalten: „Wir“ brauchen die Kinder als Arbeitskräfte und Soldaten (V. 33 f.), und wenn „ihr“ Mütter „krepiert, dann sind wir euch los“ (V. 35). In diesem Gegensatz wir/ihr sieht man die Fronten des Machtkampfes. Die zahlreichen Wiederholungen (diesmal V. 23 und V. 25, V. 28 f.) gehören ebenso wie die Aufzählung in V. 33 f. zum agitatorischen Gestus des Sprechers. Dass die Unternehmer von „fressen“ (V. 32, statt „essen“) sprechen, zeigt, wie verächtlich sie auf die Armen herabblicken, als wären es niedere Tiere.

Unvermittelt wird durch die gleiche Stimme nun beschrieben, wie die Situation eines Neugeborenen ist – als Leser denkt man sich (und der letzte Vers bestätigt es), dass die schwangere Mutter (erste beiden Strophen) ihr Kind geboren hat: ein winselndes Weinen (V. 37), als wüsste das Kind bereits, was es später zu erwarten hat, nämlich „ein mächtiges (!) Quartett: Fabrik. Finanzamt. Schwindsucht. Kirchenzucht.“ (V. 39 f.) Das Attribut „mächtig“ deutet noch einmal den Horizont an, in dem die Frage des § 218 (und nicht nur diese) gesehen werden muss: Inhaber von Interessen sichern ihre Macht durch das Recht des Staates. Wer als einfacher Arbeiter in die Fabrik geht, bringt es höchstens zur Schwindsucht; Finanzamt und Kirchenzucht sorgen dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Die letzte Strophe ist ein einziger Vers, in dem das ganze Gedicht als Weg bzw. „Schicksal einer deutschen Leibesfrucht“ zusammengefasst wird (V. 41).

Tucholsky hat mit diesem Gedicht massiv Stellung bezogen und die politischen Aspekte des Verbots der Abtreibung angedeutet. Die psychologischen Aspekte, dass mit der Kontrolle der Sexualität „im Namen Gottes“ Macht über Menschen ausgeübt wird, werden hier nicht berücksichtigt.

Das große deutsche Drama, in dem es auch um eine Abtreibung geht, ist Goethes „Faust“. Ich könnte mir vorstellen, dass Enzensbergers Gedicht „Geburtsanzeige“ (1957) durch Tucholskys Gedicht „Die Leibesfrucht“ angeregt ist.

Marcelle Auclaire: Das tödliche Schweigen. Eine Umfrage über die Abtreibung, Walter-Verlag 1964. Nachdem ich dieses Buch vor 50 Jahren gelesen habe, ist mir die kirchliche Position in der Frage der Abtreibung fragwürdig geworden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es in Deutschland eine große Debatte um den § 218 gegeben. Dass die katholische Kirche nach wie vor Empfängsnisverhütung offiziell verbietet, sich aber auf Anordnung des Papstes Johannes Paul II. (den man sogar heiliggesprochen hat) aus der Konfliktberatung für Schwangere zurückgezogen hat, ist trotz der „frommen“ Begründung [Schwangere könnten den katholischen Beratungsschein für eine Abtreibung benutzen] an Zynismus nicht mehr zu überbieten: ‚Sollen sie zusehen, wie sie ohne uns klarkommen.‘ Jesus würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was seine Kirche alles anstellt.

https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/schwangerschaftsberatung-nach—218/81024 (Schwangerschafsberatung nach § 218)

Tucholsky: Bürgerliche Wohltätigkeit – Text und Analyse

Bürgerliche Wohltätigkeit

Sieh! Da steht das Erholungsheim
einer Aktiengesellschafts-Gruppe;
morgens gibt es Haferschleim
und abends Gerstensuppe.
Und die Arbeiter dürfen auch in den Park …
Gut. Das ist der Pfennig.
Aber wo ist die Mark –?

Sie reichen euch manche Almosen hin
unter christlichen frommen Gebeten;
sie pflegen die leidende Wöchnerin,
denn sie brauchen ja die Proleten.
Sie liefern auch einen Armensarg …
Das ist der Pfennig. Aber wo ist die Mark –?

Die Mark ist tausend- und tausendfach
in fremde Taschen geflossen;
die Dividende hat mit viel Krach
der Aufsichtsrat beschlossen.
Für euch die Brühe. Für sie das Mark.
Für euch der Pfennig. Für sie die Mark.

Proleten!
Fallt nicht auf den Schwindel rein!
Sie schulden euch mehr als sie geben.
Sie schulden euch alles! Die Länderein,
die Bergwerke und die Wollfärberein …
sie schulden euch Glück und Leben.
Nimm, was du kriegst. Aber pfeif auf den Quark.
Denk an deine Klasse! Und die mach stark!
Für dich der Pfennig! Für dich die Mark!
Kämpfe –!

Kurt Tucholsky, in: Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1928, Nr. 45, S. 11, auch unter dem Titel »Wohltätigkeit«

Es spricht eine unbekannte Stimme zu einem („Sieh!“, V. 1, und ab V. 26) und zu vielen „Proleten“ (V. 20, vgl. V. 18 f.); die Situation ist nicht näher bestimmt, die Figuren scheinen anfangs in der Nähe eines Erholungsheims für Arbeiter zu stehen (V. 1).

Zunächst beschreibt der Sprecher, wie notleidende Arbeiter behandelt werden; dabei bewertet er die Behandlung als schlecht (V. 1-13). In der dritten Strophe erklärt er, wieso das Geld für eine bessere Behandlung fehlt. In der letzten Strophe ruft er die Proleten auf, für ihr Recht zu kämpfen und sich ihren Anteil zu nehmen. Thema des Gedichts ist die Notlage der Arbeiter.

Das Gedicht besteht aus vier unterschiedlich langen Strophen (sechs bis zehn Verse). Der Sprecher ist erregt, er ruft die Proleten zum Kampf auf. Das zeigt sich im Versmaß und in den Reimformen. Es wechseln Verse mit vier und drei Hebungen, also eine Variante des Knittelverses; diese Verse sind im Kreuzreim verbunden. Die beiden letzten Verse einer Strophe stehen als Paarreim da und haben jeweils vier Hebungen; dabei müsste V. 6 f. als ein Vers gezählt werden, V. 24 im Rahmen der Aufzählung als Doppelung von V. 23; V. 20 und V. 30 fallen als energische Aufrufe aus dem Rahmen. Das Muster ist also erkennbar, aber ziemlich komplex; der Wechsel von weiblichen und männlichen Kadenzen ist unregelmäßig, die Sätze gehen oft übers Versende hinaus – alles Zeichen für das Tempo des erregten Sprechens. Trotzdem passen die reimenden Verse semantisch oft zusammen: Erholungsheim – Haferschleim (V. 1/3, ärmliche Gaben); dürfen in den Park – wo ist die Mark (V. 5/7, Kontrast); pfeif auf den Quark – die mach stark (V. 26/27, Aufruf zum Kampf), usw. Der Sprecher hält sich an die Standardsprache; es dominieren die Wortfelder Wohltätigkeit – Wirtschaft – (Klassen)Kampf.

Mit dem Aufruf „Sieh!“ (V. 1) wird jemand zu genauem Hinsehen aufgefordert, so beginnt das Gedicht. Der Blick richtet sich auf ein Erholungsheim einer Aktiengesellschaft, das für Arbeiter eingerichtet ist und kurz beschrieben wird; das Essen ist ärmlich (Haferschleim, Gerstensuppe – es fehlen Gemüse und Braten, V. 3 f.), in die Beschreibung fließt unmerklich eine Bewertung ein. Beinahe ironisch wird auf die Erlaubnis verwiesen, dass Arbeiter den Park betreten dürfen (V. 5). Darauf folgt die offene Bewertung: Das alles ist nur ein Pfennig, also 1% von einer Mark, von der nichts zu sehen ist und nach deren Verbleib gefragt wird (V. 6 f.). Das einleitende „Gut“ meint also nicht „gut“, sondern ist eher ein summierendes „so weit, so gut“, worauf als Ergebnis die Bilanz von vorhandenem Pfennig und fehlender Mark folgt. Was die Aktiengesellschaft gibt, ihre „Bürgerliche Wohltätigkeit“ (Überschrift), ist nur einen Pfennig wert.

In der zweiten Strophe wird die im Erholungsheim erwiesene Wohltätigkeit in den Kreis weiterer „Almosen“ gestellt (V. 8); Almosen sind milde Gaben, kleine Spenden für die Armen – oft wie hier abwertend gebraucht (bloße Almosen im Gegensatz zum Recht auf…). Der Hinweis auf die näheren Umstände („unter christlichen frommen Gebeten“ gereicht, V. 9 f.) erinnert an Marx‘ Ausspruch, dass Religion Opium für das Volk sei – die frommen Gebete verschönern die Almosen, machen sie aber nicht größer, während die Beter sich auf die Seite der Besitzenden schlagen und ihren Gott dabei mitnehmen. Es werden dann zwei weitere Beispiele der bürgerlichen Wohltätigkeit abwertend beschrieben: Die Wöchnerin wird gepflegt, weil die Fabrikanten ihre Kinder als „Proleten“ brauchen (V. 10 f.), womit die Wohltätigkeit als Akt weiterer Ausbeutung entlarvt ist. Wofür die Kinder gebraucht werden, steht hier nicht, man kann es aus dem Gedicht „Die Leibesfrucht“ ergänzen: „Wir brauchen die Kinder für Dortmund und Essen,“ also für die Schwerstarbeit unter Tage und in den Gießereien des Ruhrgebiets. Als weiteres Almosen wird der Armensarg genannt (V. 12), der per se von minderer Qualität ist und der zur Wiederholung des Spruchs von Pfennig und Mark aus der ersten Strophe einlädt (V. 13).

Aber wo ist die Mark?“ (V. 7 und V. 13) Diese Frage wird in der dritten Strophe beantwortet; dort wird erklärt, dass sie „in fremde Taschen geflossen“ ist (V. 15), als Dividende in die Taschen der Aktionäre (V. 16 f., vgl. V. 2). Die ungerechte Teilung der Gewinne auf Arbeiter und Aktionäre wird durch die Wiederaufnahme der Stichworte „Pfennig“ und „Mark“ angeklagt (V. 19); darauf bezogen wird ein entsprechender Suppenvergleich gezogen, wobei sich im Wortspiel „Mark“ (Knochenmark) auf „Mark“ (Geld) reimt (V. 18/19). Brühe : Mark = Pfennig : Mark = ungerecht. Die Sätze sind parallel gebaut, das hat einen Wiederholungseffekt; überhaupt spielt die Wiederholung in diesem Gedicht eine große Rolle (vgl. V. 6 f. mit V. 13, V. 14, V. 19 mit V. 28 und das dreifache „Sie schulden euch“, V. 22 ff.), sie hämmert den Zuhörern ein, was der Sprecher zu sagen hat. Die letzte Strophe beginnt mit dem Aufruf „Proleten“ (V.20), der einen ganzen Vers ausmacht und eine lange Pause nach sich zieht, was dem Aufruf Bedeutung verleiht. Er beschwört die Arbeiter als Klasse, die in den Klassenkampf ziehen soll, der nach Marx‘ Analysen zum Sieg der Arbeiter führen wird. Vier Appelle (oder drei und ein Fazit) richtet der Sprecher an die Proleten (V. 21 ff.), wobei er vom Plural zum Aufruf an den Einzelnen wechselt:

  • Fallt nicht auf den Schwindel (der Almosen) rein!
  • Nimm, was du kriegen kannst!
  • Denk an deine Klasse und mache sie stark!
  • Kämpfe!

Der Wechsel zum Singular ist nötig, weil letztlich jeder einzelne Arbeiter/Prolet sich für den Kampf entscheiden muss, wenn er auch nur in Gemeinschaft mit den anderen stark ist (siehe den dritten Aufruf). Wie „Nimm, was du kriegen kannst“ gehen soll, bleibt offen – der Sprecher und mit ihm Tucholsky agitiert nur, er plant nicht politisch. Dass besagtes Nehmen jedoch berechtigt ist, wird dreifach begründet:

  • Sie schulden euch mehr, als sie geben.
  • Sie schulden euch alles (die Produktionsmittel).
  • Sie schulden euch Glück und Leben.

Wer „sie“ ist, wird nicht gesagt, ist in der Anrede „Proleten“ jedoch impliziert: Sie sind die Ausbeuter, die Almosen verteilen, aber Dividenden einstreichen, weil ihnen die Produktionsmittel gehören (V. 23 f.); die Aufzählung in V. 23 f. unterstreicht den Reichtum der „Bürger“, welche Almosen verteilen. Mit dem „Quark“ sind vermutlich die Almosen gemeint.

In V. 28 wird V. 19 leicht abgewandelt wiederholt. In V. 19 wird anklagend festgestellt, wie die Gewinne tatsächlich auf die beiden Parteien „euch – sie“ verteilt werden. In V. 28 fehlen „sie“, sie sind nämlich – eine Vision – enteignet worden. Alles ist jetzt „für dich“, der Proleten, der sich sein Recht erkämpft hat. Und damit die Vision wahr wird, erfolgt der letzte Aufruf: „Kämpfe!“ (V. 29) Wie das Kämpfen geht, bleibt wieder offen – das sagt die Partei der Arbeiter. Welches die richtige Partei der Arbeiter ist, SPD, KPD oder (eine Zeit lang) die USPD, dafür hat sich der Leser der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ bereits entschieden; in dieser Illustrierten (zur Geschichte der Zeitung s. https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeiter-Illustrierte-Zeitung) ist Tucholskys revolutionäres Gedicht 1928 erschienen. Die Fragen, die für uns als Leser heute offen sind, konnten die Leser der Illustrierten leicht selber beantworten. Vgl. auch Tucholskys Gedicht „Asyl für Obdachlose“!

Von Kästners Gedichten könnte man „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“ und „Ansprache an Millionäre“ zum Vergleich heranziehen. Tucholskys Gedicht „Warte nicht“ (1931) ist thematisch mit „Bürgerliche Wohltätigkeit“ verwandt: nicht abwarten, sondern entschlossen handeln und kämpfen! Sartre hat 1945 solche Gedichte „engagierte Literatur“ genannt, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Engagierte_Literatur oder http://www.eingreifendes-denken.phil.uni-erlangen.de/sartre_funktion.html!

Vortrag des Gedichts

https://www.youtube.com/watch?v=FuKPS3c48YI (Fritz Stavenhagen, sehr gut) = https://www.deutschelyrik.de/index.php/buergerliche-wohltaetigkeit-1929.html

https://www.youtube.com/watch?v=FUWyyHLQ_Jg (gesungen, hört sich nach Eisler an)

https://www.youtube.com/watch?v=I8zpjDAIELo (Christoph Holzhöfer, gut gesungen)

https://www.youtube.com/watch?v=tj2WYyozZyI (Antje Di Bella singt, zu hohe Stimme)

https://www.youtube.com/watch?v=BYCdSS_nEaw (Ernst Busch singt, besser!)

https://www.youtube.com/watch?v=mVLVGx4qVjI (Jahrgang ‘49 singt Eisler)