romantisch – im zeitgenössischen Wörterbuch

romantisch (Wörterbuch)

1 „aus dem Franz. romantesque, welches gleichfalls [wie „romanenhaft“, N.T.] von Roman abstammet, aber nur in engerer Bedeutung von vorzüglich angenehmen und gleichsam bezaubernden Gegenden üblich ist, so wie sie in den Romanen und Ritterbüchern beschrieben werden. Die Stadt liegt sehr romantisch auf einem Felsen über der See. Eine romantische Gegend. Der romantische Styl, in der Mahlerey, die Vorstellung einer Gegend mit Ruinen. Es haben einige dafür romanenhaft gebraucht, welches aber wegen seiner Zweydeutigkeit zu diesem Begriffe unbequem ist.“ (Joh. Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, 2. Aufl. 1793-1801, Bd. 3, Sp. 1155)

2 „Da die meisten Romane die Menschen und Begebenheiten nicht so schildern, wie sie in der Natur und in der wirklichen Welt erscheinen, sondern so, wie sie nach einem ästhetischen oder moralischen Ideale sein sollten, oder wie sie die oft überspannte Phantasie des Dichters sich erträumt; so nennt man romantisch, im guten und schlimmen Sinne, alles, was entweder durch idealische Vollkommenheit, oder durch abenteuerliche Seltsamkeit und Verschrobenheit von dem Gewöhnlichen abweicht. So heißt ein Gesicht romantisch, wenn es bei dem sanften Ausdrucke von Unschuld, Zärtlichkeit, Offenheit ein reitzbares Gefühl für Freundschaft, Liebe, Menschlichkeit verräth – eine Gegend, eine Lage, wenn ihre erhabnen oder rührenden Schönheiten nicht durch blinde Naturkraft zusammengestellt, sondern nach einem künstlichen Plane zu Erweckung sanfter oder erhabner Empfindungen absichtlich angelegt scheinen – ein Charakter, in dem Neigung zum Ungewöhnlichen, Freundschaft, Liebe, Patriotismus, hoher Glaube an die Tugend oder Erwartung eines seltsam glücklichen Ausgangs wohlgemeinter Unternehmungen u. s. w. oder auch schlichte Sitteneinfalt, Vernachlässigung des Herkommens, der Mode, der Formalitäten, der Hofsitte in den Handlungen des gemeinen Lebens, vornehmlich aber in der Wahl des Standes, des Gatten, der Freunde hervorstechend sind. Allerdings kann sowohl der Hang zu idealisiren, als die treue Anhänglichkeit an die Natur auf Abwege verleiten, jener kann unter das gewöhnlich Gute herabsinken lassen, welches er zu überfliegen, diese von der Natur entfernen, welcher er anzunähern strebt; allein die Grundlage des Romantischen ist edel und schön. In der wirklichen Welt, d. h. in der Welt der gemeinen Menschen, die durch Eigennutz, Gewohnheit – Vorurtheil regiert wird, verstößt freilich ein romantischer Sinn mit jedem Schritte. Flache seelenlose Weltleute, Schlendriansmänner, die da in der Meinung stehen, alles müsse so sein, wie es bisher war und noch ist, glauben daher, einen uneigennützigen Charakter, ein edles Streben, sich und die Menschheit zu vervollkommnen, nicht leichter herabwürdigen zu können, als durch den Vorwurf des Romantischen.“ (Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 4, 1809, S. 326 f.)

3 mit diesem Worte bezeichnet man jetzt einen Gegensatz des Classischen, ohne daß ein bestimmter und genügender Begriff desselben aufgestellt werden könnte; ursprünglich bedeutete es das, was dem in Romanen Erzählten ähnlich ist; frz. romantique, engl. romantic.“ (Konrad Schwenck: Wörterbuch der deutschen Sprache in Beziehung auf Abstammung und Begriffsbildung, 3. Aufl. 1838, S. 560)

4 „Romantisch und Romantik sind Ausdrücke, welche in den mannichfaltigsten Beziehungen, vorzugsweise jedoch für jene Richtung der christlichen europ. Literatur und Kunst gebraucht werden, die sich während des Mittelalters als schönste Zierde der damaligen geistigen Zustände entwickelte. Der vorwaltenden Klarheit, sinnlich-objectiven Auffassung und gemessen-heitern Ruhe in der antiken Poesie und Kunst entgegengesetzt, wurden, als nach Verdrängung der alten Götter das Christenthum die neue Zeit beseelte, von diesem Geist und Phantasie auf eine neue, übersinnliche Welt hingewiesen, der sich sehnsüchtig die Gemüther mit ihren Ahnungen und kindlich frommen Hoffnungen zuwendeten. Man versenkte sich in das unermeßliche Reich des Unsichtbaren und Wundervollen, und das Bestreben, das Unerfaßliche und nur dunkel Empfundene in die poetische und künstlerische Darstellung zu übertragen, athmete ihr jenes erhöhte und veredelte, eigenthümliche Gefühlsleben ein, welches im Verein mit den von volksthümlichen und örtlichen Verhältnissen, von der veränderten Stellung der Frauen, der Entwickelung des Ritterthums und andern Umständen herrührenden harmonischen Einflüssen, in den verschiedensten Formen die künstlerischen Schöpfungen des Mittelalters durchdringt. In seinen bedeutsamen Äußerungen erfüllt es uns noch immer mit hoher Bewunderung weckt die erhabensten Regungen in der Menschenbrust obgleich jene Zeit geistiger Dämmerung längst hinter uns liegt und wir uns bemühen, das Schöne und Erhabene, was damals der Mensch im dunkeln Drange nach Offenbarung seiner edlen Gaben hervorbrachte, nun durch Bewußtsein veredelt herzustellen. Für die nationale Richtung der deutschen Literatur und Kunst und die Beurtheilung des Mittelalters ist es im Allgemeinen ersprießlich gewesen, daß in neuerer Zeit namentlich A. W. und Friedr. Schlegel und L. Tieck mit ihren Freunden sich bemühten, das Romantische für die Gegenwart wieder zu beleben, obgleich dadurch mitunter unklare und beschränkte Köpfe zu argen Verirrungen hingerissen worden sind. [] Häufig besonders wird auch der Ausdruck romantisch auf Gegenden angewendet, wo er dann wildschön und schauerlich, aber auch nur vorzugsweise malerisch bedeutet.“ (Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 3 1839, S. 734)

5 (unter dem Stichwort „Roman“):

eig. in einer der romanischen Sprachen verfasst; überh. im Geist und Geschmack des christlichen Mittelalters und der neueren volksmäßigen Kunst u. Poesie, entg. dem Antiken und Classischen; auch dichterisch-schön, malerisch, anmuthsvoll, reizend, beazubernd, zauberisch, wunderschön (z.B. eine romantische Gegend)“ (Allgemeines verdeutschendes und erklärendes Fremdwörterbuch von Joh. Christ. Aug. Heyse, 11. Auflage 1853, S. 785)

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E. T. A. Hoffmann: Der goldene Topf – Analysen, Links, Materialien

Der goldene Topf – Zeitstruktur

1. Vig.: ein Donnerstag im Mai (Himmelfahrstag), 15 – ca. 20.30 Uhr

2. Vig.: Donnerstag 21.00 – Freitag Nachmittag

3. Vig.: „heute“ ca. 1-2 Wochen später, ca. 1 Stunde (Erzählung L.‘), mit nachgetragener Vorgeschichte des Freitags der 2. Vig.

4. Vig.: Leseranrede / „einst“ (unbestimmt) Anselmus am Holunderbusch; kurzer Sammelbericht: jeden Abend; wieder einmal: Begegnung mit Lindhorst

5. Vig.: zwei Tage danach, Mittwoch: bei Paulmann

6. Vig.: Zeitsprung zurück: Montag, ca. 11.30-18.05 Uhr

7. Vig.: 23. September: Veronika bei der Alten, ca. 2 Stunden am Abend; am 24. September ist sie zu Hause, krank

8. Vig.: Anselmus bei Lindhorst, danach mit ihm zum Linkeschen Bad

9. Vig.: zwei Tage später: Anselmus nähert sich Veronika an und versagt bei Lindhorst

10. Vig.: Leseranrede / Leiden des Anselmus, Kampf, Rettung des A.

11. Vig: am gleichen Morgen bei Paulmann; am 4. Februar: Werbung und Verlobung Veronikas; Wochen später: Veronika im neuen Haus

12. Vig.: Leseranrede / Nacht der letzten Vigilie (unbestimmt)

mehrere Tage, ca. 22.45-23.30

 

Die Erfahrung der anderen Welt in der 1. Vigilie

  • Anselmus ist deprimiert wegen entgangener Freuden, voller Unmut, einsam am Holunderbuch
  • Er hört ein sonderbares Rieseln und Rascheln (vermutlich personal erzählt, also aus seiner Sicht)
  • Bald war es, als [ob] – irrealer Vergleich im Konjunktiv, dreimal
  • Anselmus dachte… (zweimal, Erklärung der sonderbaren Geräusche)
  • Er sah, wie die Schlange… und erbebte
  • Die blauen Augen blickten ihn mit unaussprechlicher Sehnsucht an – er antwortet darauf mit Seligkeit, Schmerz, Verlangen (= Sehnsucht)
  • Die Naturstimmen nennen als Bedingung dafür, dass man ihre Sprache versteht: wenn ihn die Liebe entzündet (dreimal)
  • Etwas geschieht wie… (zweimal), Anselmus ist voll Sehnsucht und Verlangen
  • Anselmus sah… (grünes Feuer!) – dann ist alles zu Ende,
  • und als er den Holunderbusch umarmt und mit ihm redet (2. Vigilie), wird er mit der Bürgerwelt konfrontiert.

Die andere Welt wird also mit zumeist irrealen Vergleichen eingeführt; Anselmus ist seelisch bereit, sich auf das Fremde einzulassen, das ihm als Blick der Sehnsucht begegnet, worauf er mit seiner Sehnsucht antwortet. Als Bedingung des Verstehens wird genannt, dass man von Liebe entzündet ist.

E. T. A. Hoffmann: Sämtliche Werke

https://archive.org/stream/smtlichewerk1v3hoff#page/n7/mode/2up Bd. 1-3

https://archive.org/stream/smtlichewerke04hoffuoft#page/n3/mode/2up Bd. 4-7

https://archive.org/stream/smtlichewer8v10hoff#page/n3/mode/2up Bd. 8-10

https://archive.org/stream/smtlichewerke11hoffuoft#page/n5/mode/2up Bd. 11-15, mit Bildern vor S. 1, 33, 49, 63, 81, 97, 99, 113 (alles 1900)

Kritische Ausgabe 1910/12:

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh01hoffuoft#page/n7/mode/2up 1908, Bd. 1: Callots Manier = https://archive.org/stream/bub_gb_WPpbAAAAMAAJ#page/n5/mode/2up

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh02hoffuoft#page/n7/mode/2up 1909, Bd. 2: Elixiere

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh03hoffuoft#page/n7/mode/2up 1909, Bd. 3: Nachtstücke

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh04hoffuoft#page/n9/mode/2up 1910, Bd. 4: Theater-Direktor; Klein Zaches

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh06hoffuoft#page/n7/mode/2up 1912, Bd. 6: Die Serapions-Brüder

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh07hoffuoft#page/n7/mode/2up 1914, Bd. 7: Fortsetzung

Fantasiestücke in Callots Manier

https://de.wikisource.org/wiki/Fantasiest%C3%BCcke_in_Callot%E2%80%99s_Manier Text, darin:

https://de.wikisource.org/wiki/Der_goldne_Topf (2. Aufl. 1819)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-goldne-topf-3103/2 Text 1814

https://www.youtube.com/watch?v=Lu2mn1ECXag Hörbuch

http://www.zeno.org/Literatur/M/Hoffmann,+E.+T.+A./Erz%C3%A4hlungen,+M%C3%A4rchen+und+Schriften/Fantasiest%C3%BCcke+in+Callots+Manier (Text)

http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/intermedialitaet/autoren/eta-hoffmann/der-goldne-topf.html

Der goldene Topf

http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/fileadmin/bbb/unterricht/faecher/sprachen/deutsch/SekIIAbi/Abi_2012/Q3_Literatur_Goldene_Topf_Abi2012_11-09-08.pdf Lit-Übersicht

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_goldne_Topf

https://www.inhaltsangabe.de/hoffmann/der-goldne-topf/ (Inhalt)

http://www.maerchenatlas.de/kunstmarchen/der-goldne-topf/ (Inhalt)

https://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Novellen/hoffmann/eta_topf.htm dito

https://gepoli.wordpress.com/category/literatur/e-t-a-hoffmann/der-goldne-topf/ i.W. Inhalt

http://mythos-magazin.de/methodenforschung/nb_hoffmann.pdf (Magister: der Sandmann – Der goldene Topf)

http://wikifarm.phil-fak.uni-duesseldorf.de/Orte_der_Utopie/index.php/Der_goldene_Topf die utop. Orte

http://www.lernender.ch/files/LAP/Zusammenfassungen/Deutsch/Literatur-E.T.A.%20Hoffmann-Der%20goldne%20Topf-Felician%20Abderhalden-30.04.02.pdf Analytisches

http://www.nthuleen.com/papers/142paper.html Anselmus‘ Charakter

https://www.uni-giessen.de/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/ndlk/publikationen/pubdateien/Der-goldene-Topf Interpret.

http://www.goethe.de/lrn/prj/mlg/mad/mdr/de8690027.htm Interpret.

http://www.schreiben10.com/referate/Literatur/29/Der-goldne-Topf—Hoffmann-reon.php Interpret.

http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literatur/hoffmann/goldtopf.html Interpret.

http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literaturunterricht/hoffmann/unt-einh.html U-Einheit

https://www.youtube.com/watch?v=Lu2mn1ECXag Hörbuch (3:24)

= https://www.youtube.com/watch?v=UKpR0ckrPVg

Materialien

https://archive.org/stream/uberdieentwickl00todsgoog#page/n5/mode/2up (H. Todsen: Über die Entwicklung des romantischen Kunstmärchens, 1906)

Schubert: Ansichten von der Nachtseite…, https://archive.org/stream/ansichtenvondern01schu#page/n3/mode/2up 1808 = (Vierte großentheils umgearbeitete und sehr vermehrte Auflage 1840) https://archive.org/stream/bub_gb_Gc4AAAAAcAAJ#page/n3/mode/2up

Gotthilf Heinrich Schubert: Die Symbolik des Traumes

https://archive.org/stream/diesymbolikdestr00schu#page/n3/mode/2up 2. Aufl. 1821

https://archive.org/stream/bub_gb_NM4AAAAAcAAJ#page/n3/mode/2up 1814

(man findet leicht spätere Auflagen, bis 1862)

Schlegel: Universalpoesie

https://de.wikipedia.org/wiki/Universalpoesie

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/116-athenaeums-fragment

http://www.einladung-zur-literaturwissenschaft.de/index.php?option=com_content&view=article&id=145%3A4-2-3-4-progressive-universalpoesie&catid=39%3Akapitel-4&Itemid=55

http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/587/903.pdf (Analyse)

https://prezi.com/f36wknysv-jv/friedrich-schlegels-theorie-der-universalpoesie/ Übersicht

http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/intermedialitaet/intermedialitaet-romantik.html romant. Bewusstsein

http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt97/9703deua.htm interessant. Zitat

http://www.zeno.org/Literatur/M/Schlegel,+Friedrich Schlegel: Werke

Atlantis:

http://www.zeno.org/Literatur/M/Novalis/Romane/Heinrich+von+Ofterdingen/Erster+Theil%3A+Die+Erwartung/Drittes+Kapitel Märchen von Atlantis (Ende des 2.Kapitels: von der Kraft des Dichtens früher)

https://de.wikipedia.org/wiki/Atlantis

Atlantis heute: http://stargate-wiki.de/wiki/Atlantis

Atlantis

Die Kaufleute erzählen Heinrich eine Geschichte (in Novalis: Heinrich von Ofterdingen, 1802, Erster Teil, Drittes Kapitel):

Ein alter König, dessen Frau verstorben war, lebte glücklich in seinem Reich. Seine ganze Liebe galt seiner einzigen Tochter und der Dichtkunst. Viele Sänger kamen an seinen Hof, deren Lieder die Seele der Prinzessin erfüllten. Streit und Missgunst gab es im Land nicht. Nur eine Sorge hatten seine Bewohner: ob es überhaupt einen Prinzen geben könnte, der der schönen Königstochter würdig wäre. Erst recht war der König selber überzeugt, dass nur ein Mann vornehmster Herkunft als Schwiegersohn in Frage käme.

Nahe der Hauptstadt lebte nun ein alter Mann, der seinen einzigen Sohn in der Wissenschaft von der Natur unterrichtete. Eines Tages kam die Prinzessin auf einem Spaziergang zu ihrem Hof und bat um ein Glas Milch; sowohl das Haus wie die beiden Männer gefilen ihr und sie bat um die Erlaubnis, sie wieder besuchen zu dürfen. Dann ging sie nach Hause, ohne ihre Herkunft verraten zu haben. Sowohl der Jüngling wie das Mädchen waren von der Begegnung zutiefst beeindruckt; die Prinzessin fühlte sich, als sei sie in eine überirdische Welt versetzt worden.

Der junge Mann hatte sich am Abend noch in den Wald begeben, wo er einen roten Stein fand, einen Karfunkel; er erinnerte sich, dass das Mädchen ihn in einer Kette getragen hatte. Er schrieb ein Gedicht auf einen Zettel, in den er den Stein einwickelte, um ihn am anderen Morgen seiner Besitzerin in der Stadt zu bringen. Die Prinzessin, die den Verlust bemerkt hatte, machte sich am nächsten Morgen ebenfalls auf, um ihren Stein zu suchen. Als sie sich trafen, überreichte er ihr den Stein, während sie ihm zum Dank ihre goldene Kette um den Hals hängte. Er war zutiefst betroffen; sie verabschiedeten sich und die Prinzessin versprach, ihn bald wieder zu besuchen, um von seinem Vater in die Kenntnis der Natur eingeweiht zu werden.

Bald kam sie wieder, und ihre Besuche hörten seitdem nicht mehr auf; sie sang auf ihrer Laute, er unterrichtete sie in den Geheimnissen der Natur. Eines Tages, als er sie auf dem Rückweg ein Stück begleitete, wurde ihre Liebe so stark, dass sie sich küssten. Bald kam ein Unwetter auf, vor dem sie sich in eine Höhle retten konnten. Dort kamen sie einander immer näher und vereinigten sich in Liebe. Sie beschlossen, im Haus des Jünglings eine Wohnung für sich einzurichten, und lebten von da an als Mann und Frau.

In der Stadt war der König von Sorge um seine Tochter gequält; er bereute es, alle Bewerber um sie für gering geachtet zu haben. In der Stadt aber hielt sich das Gerücht, die Prinzessin werde wiederkehren. Am Jahrestag ihres Verschwindens, einem heiteren Sommertag, feierte man am Hof wieder; die Dichter trugen ihre Lieder vor, aber der König war von Wehmut erfüllt. Da kam ein Jüngling, der ein wunderbares Lied vortrug. Es handelte vom Ursprung der Welt und aller Lebewesen, von der Sympathie der Natur und der goldenen alten Zeit, von der Erscheinung des Hasses und dem künftigen Triumph der Liebe und der Poesie; alle waren beeindruckt. Dann trug er ein zweites Lied vor, in dem er in Bildern sein eigenes Geschick besang. Währenddessen kam ein alter Mann mit einer verschleierten jungen Frau, die ein kleines Kind trug. Die letzte Strophe lautete so:

Geist des Gesangs, komm du hernieder,

Und steh auch jetzt der Liebe bey;

Bring die verlorne Tochter wieder,

Daß ihr der König Vater sey! –

Daß er mit Freuden sie umschließet,

Und seines Enkels sich erbarmt,

Und wenn das Herz ihm überfließet,

Den Sänger auch als Sohn umarmt.

Dann lüftete er den Schleier der Frau, die Prinzessin fiel ihrem Vater zu Füßen und hielt ihm ihr Kind hin. Der König hob sie und ihren Mann auf und reichte das Kind, das man ihm gab, dem Himmel entgegen, worauf er auch den Alten begrüßte. „Unendliche Freudenthränen flossen. In Gesänge brachen die Dichter aus, und der Abend ward ein heiliger Vorabend dem ganzen Lande, dessen Leben fortan nur Ein schönes Fest war. Kein Mensch weiß, wo das Land hingekommen ist. Nur in Sagen heißt es, daß Atlantis von mächtigen Fluten den Augen entzogen worden sey.“

(http://www.zeno.org/Literatur/M/Novalis/Romane/Heinrich+von+Ofterdingen/Erster+Theil%3A+Die+Erwartung/Drittes+Kapitel)

Stirb und Werde

Es ist ein ewiges Naturgesetz, das so klar da liegt, daß es sich dem Geist des Menschen zuerst aufdringen müssen, daß die vergängliche Form der Dinge untergeht, wenn ein neues, höheres Streben in ihnen erwacht, und daß nicht die Zeit, nicht die Außenwelt, sondern die Psyche selber ihre Hülle zerstört, wenn die Schwingen eines neuen, freyeren Daseyns sich in ihr entfalten. Ich habe in dem ersten Theil meiner schon angeführten Schrift, da wo ich von einem scheinbaren Streben der Dinge nach ihrer eigenen Vernichtung gehandelt, in vielen Beyspielen gezeigt, daß gerade in der Gluth der seeligsten und am am meisten erstrebten Augenblicke des Daseyns, dieses sich selber auflöset und zerstört. Es welkt die Blume sogleich, wenn der höchste Augenblick des Blühens vorüber ist, und das bunte Insekt sucht in der einen Stunde der Liebe zugleich die seines Todes, und empfängt in dem Tempel der Hochzeit selber sein Grab. Ja es sind bey dem Menschen gerade die seeligsten und geistigsten Augenblicke des Lebens, für dieses selber die zerstörendsten, und wir finden öfters in dem höchsten und heiligsten Streben unsres Wesens, einen seeligen Untergang. Die erhabensten und göttlichsten Blüthen in der Geschichte unsres Geschlechts, sind am schnellsten vergangen, am schnellsten von dem Andrange ihrer Zeit, oder vielmehr von ihrem eignen Streben zerstört worden, obwohl das Werk selber das sie gethan, für alle Zeiten gethan ist. So wird, wenn die Wesen mit allen Kräften gerungen, daß sie den Geist einer höheren Vollendung erreichen möchten, der Genuß selber der Tod, und nur das Streben nach jenem höchsten Moment hat das Leben aufrecht erhalten. Jedoch ist jenes Streben nicht vergeblich gewesen, und eben die Gluth jener zerstörenden Augenblicke, für die bisherige Form des Daseyns zu erhaben, erzeugt den Keim eines neuen höheren Lebens in der Asche des untergegangenen vorherigen, und das Vergängliche wird, (berührt und verzehrt von dem Ewigen) aus diesem von neuem wieder verjüngt.“

D. G. H. Schubert: Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft, Dresden 1808, S. 69 f. (https://archive.org/stream/ansichtenvondern01schu#page/n3/mode/2up)

Poesie – ihr Wesen, ihre Kraft (Romantik)

Heinrich von Ofterdingen ist dabei, ein Dichter zu werden. Im zweiten Kapitel des Romans (1802) wird erzählt, wie die Kaufleute ihn über die Poesie belehren:

Es dünkt uns, ihr habt Anlage zum Dichter. Ihr sprecht so geläufig von den Erscheinungen eures Gemüths, und es fehlt Euch nicht an gewählten Ausdrücken und passenden Vergleichungen. Auch neigt Ihr Euch zum Wunderbaren, als dem Elemente der Dichter.

Ich weiß nicht, sagte Heinrich, wie es kommt. Schon oft habe ich von Dichtern und Sängern sprechen gehört, und habe noch nie einen gesehn. Ja, ich kann mir nicht einmal einen Begriff von ihrer sonderbaren Kunst machen, und doch habe ich eine große Sehnsucht davon zu hören. Es ist mir, als würde ich manches besser verstehen, was jetzt nur dunkle Ahndung in mir ist. Von Gedichten ist oft erzählt worden, aber nie habe ich eins zu sehen bekommen, und mein Lehrer hat nie Gelegenheit gehabt Kenntnisse von dieser Kunst einzuziehn. Alles, was er mir davon gesagt, habe ich nicht deutlich begreifen können. Doch meynte er immer, es sey eine edle Kunst, der ich mich ganz ergeben würde, wenn ich sie einmal kennen lernte. In alten Zeiten sey sie weit gemeiner gewesen, und habe jedermann einige Wissenschaft davon gehabt, jedoch Einer vor dem Andern. Sie sey noch mit andern verlohrengegangenen herrlichen Künsten verschwistert gewesen. Die Sänger hätte göttliche Gunst hoch geehrt, so daß sie begeistert durch unsichtbaren Umgang, himmlische Weisheit auf Erden in lieblichen Tönen verkündigen können.

Die Kaufleute sagten darauf: Wir haben uns freylich nie um die Geheimnisse der Dichter bekümmert, wenn wir gleich mit Vergnügen ihrem Gesange zugehört. Es mag wohl wahr seyn, daß eine besondere Gestirnung dazu gehört, wenn ein Dichter zur Welt kommen soll; denn es ist gewiß eine recht wunderbare Sache mit dieser Kunst. Auch sind die andern Künste gar sehr davon unterschieden, und lassen sich weit eher begreifen. Bey den Mahlern und Tonkünstlern kann man leicht einsehn, wie es zugeht, und mit Fleiß und Geduld läßt sich beydes lernen. Die Töne liegen schon in den Saiten, und es gehört nur eine Fertigkeit dazu, diese zu bewegen um jene in einer reitzenden Folge aufzuwecken. Bey den Bildern ist die Natur die herrlichste Lehrmeisterin. Sie erzeugt unzählige schöne und wunderliche Figuren, giebt die Farben, das Licht und den Schatten, und so kann eine geübte Hand, ein richtiges Auge, und die Kenntniß von der Bereitung und Vermischung der Farben, die Natur auf das vollkommenste nachahmen. Wie natürlich ist daher auch die Wirkung dieser Künste, das Wohlgefallen an ihren Werken, zu begreifen. Der Gesang der Nachtigall, das Sausen des Windes, und die herrlichen Lichter, Farben und Gestalten gefallen uns, weil sie unsere Sinne angenehm beschäftigen; und da unsere Sinne dazu von der Natur, die auch jenes hervor bringt, so eingerichtet sind, so muß uns auch die künstliche Nachahmung der Natur gefallen. Die Natur will selbst auch einen Genuß von ihrer großen Künstlichkeit haben, und darum hat sie sich in Menschen verwandelt, wo sie nun selber sich über ihre Herrlichkeit freut, das Angenehme und Liebliche von den Dingen absondert, und es auf solche Art allein hervorbringt, daß sie es auf mannichfaltigere Weise, und zu allen Zeiten und allen Orten haben und genießen kann. Dagegen ist von der Dichtkunst sonst nirgends äußerlich etwas anzutreffen. Auch schafft sie nichts mit Werkzeugen und Händen; das Auge und das Ohr vernehmen nichts davon: denn das bloße Hören der Worte ist nicht die eigentliche Wirkung dieser geheimen Kunst. Es ist alles innerlich, und wie jene Künstler die äußern Sinne mit angenehmen Empfindungen erfüllen, so erfüllt der Dichter das inwendige Heiligthum des Gemüths mit neuen, wunderbaren und gefälligen Gedanken. Er weiß jene geheimen Kräfte in uns nach Belieben zu erregen, und giebt uns durch Worte eine unbekannte herrliche Welt zu vernehmen. Wie aus tiefen Höhlen steigen alte und künftige Zeiten, unzählige Menschen, wunderbare Gegenden, und die seltsamsten Begebenheiten in uns herauf, und entreißen uns der bekannten Gegenwart. Man hört fremde Worte und weiß doch, was sie bedeuten sollen. Eine magische Gewalt üben die Sprüche des Dichters aus; auch die gewöhnlichen Worte kommen in reizenden Klängen vor, und berauschten die festgebannten Zuhörer.

Ihr verwandelt meine Neugierde in heiße Ungeduld, sagte Heinrich. Ich bitte euch, erzählt mir von allen Sängern, die ihr gehört habt. Ich kann nicht genug von diesen besondern Menschen hören. Mir ist auf einmal, als hätte ich irgendwo schon davon in meiner tiefsten Jugend reden hören, doch kann ich mich schlechterdings nichts mehr davon entsinnen. Aber mir ist das, was ihr sagt, so klar, so bekannt, und ihr macht mir ein außerordentliches Vergnügen mit euren schönen Beschreibungen.

Wir erinnern uns selbst gern, fuhren die Kaufleute fort, mancher frohen Stunden, die wir in Welschland, Frankreich und Schwaben in der Gesellschaft von Sängern zugebracht haben, und freuen uns, daß ihr so lebhaften Antheil an unsern Reden nehmet. Wenn man so in Gebirgen reist, spricht es sich mit doppelter Annehmlichkeit, und die Zeit vergeht spielend. Vielleicht ergötzt es euch einige artige Geschichten von Dichtern zu hören, die wir auf unsern Reisen erfuhren. Von den Gesängen selbst, die wir gehört haben, können wir wenig sagen, da die Freude und der Rausch des Augenblicks das Gedächtniß hindert viel zu behalten, und die unaufhörlichen Handelsgeschäfte manches Andenken auch wieder verwischt haben.

In alten Zeiten muß die ganze Natur lebendiger und sinnvoller gewesen seyn, als heut zu Tage. Wirkungen, die jetzt kaum noch die Thiere zu bemerken scheinen, und die Menschen eigentlich allein noch empfinden und genießen, bewegten damals leblose Körper; und so war es möglich, daß kunstreiche Menschen allein Dinge möglich machten und Erscheinungen hervorbrachten, die uns jetzt völlig unglaublich und fabelhaft dünken. So sollen vor uralten Zeiten in den Ländern des jetzigen Griechischen Kaiserthums, wie uns Reisende berichtet, die diese Sagen noch dort unter dem gemeinen Volke angetroffen haben, Dichter gewesen seyn, die durch den seltsamen Klang wunderbarer Werkzeuge das geheime Leben der Wälder, die in den Stämmen verborgenen Geister aufgeweckt, in wüsten, verödeten Gegenden den todten Pflanzensaamen erregt, und blühende Gärten hervorgerufen, grausame Thiere gezähmt und verwilderte Menschen zu Ordnung und Sitte gewöhnt, sanfte Neigungen und Künste des Friedens in ihnen rege gemacht, reißende Flüsse in milde Gewässer verwandelt, und selbst die todtesten Steine in regelmäßige tanzende Bewegungen hingerissen haben. Sie sollen zugleich Wahrsager und Priester, Gesetzgeber und Ärzte gewesen seyn, indem selbst die höhern Wesen durch ihre zauberische Kunst herabgezogen worden sind, und sie in den Geheimnissen der Zukunft unterrichtet, das Ebenmaß und die natürliche Einrichtung aller Dinge, auch die innern Tugenden und Heilkräfte der Zahlen, Gewächse und aller Kreaturen, ihnen offenbart. Seitdem sollen, wie die Sage lautet, erst die mannichfaltigen Töne und die sonderbaren Sympathien und Ordnungen in die Natur gekommen seyn, indem vorher alles wild, unordentlich und feindselig gewesen ist. Seltsam ist nur hiebey, daß zwar diese schönen Spuren, zum Andenken der Gegenwart jener wohlthätigen Menschen, geblieben sind, aber entweder ihre Kunst, oder jene zarte Gefühligkeit der Natur verlohren gegangen ist. In diesen Zeiten hat es sich unter andern einmal zugetragen, daß einer jener sonderbaren Dichter oder mehr Tonkünstler – wiewohl die Musik und Poesie wohl ziemlich eins seyn mögen und vielleicht eben so zusammen gehören, wie Mund und Ohr, da der erste nur ein bewegliches und antwortendes Ohr ist – daß also dieser Tonkünstler übers Meer in ein fremdes Land reisen wollte. Er war reich an schönen Kleinodien und köstlichen Dingen, die ihm aus Dankbarkeit verehrt worden waren. Er fand ein Schiff am Ufer, und die Leute darinn schienen bereitwillig, ihn für den verheißenen Lohn nach der verlangten Gegend zu fahren. Der Glanz und die Zierlichkeit seiner Schätze reizten aber bald ihre Habsucht so sehr, daß sie unter einander verabredeten, sich seiner zu bemächtigen, ihn ins Meer zu werfen, und nachher seine Habe unter einander zu vertheilen. Wie sie also mitten im Meere waren, fielen sie über ihn her, und sagten ihm, daß er sterben müsse, weil sie beschlossen hätten, ihn ins Meer zu werfen. Er bat sie auf die rührendste Weise um sein Leben, bot ihnen seine Schätze zum Lösegeld an, und prophezeyte ihnen großes Unglück, wenn sie ihren Vorsatz ausführen würden. Aber weder das eine, noch das andere konnte sie bewegen: denn sie fürchteten sich, daß er ihre bösliche That einmal verrathen möchte. Da er sie nun einmal so fest entschlossen sah, bat er sie ihm wenigstens zu erlauben, daß er noch vor seinem Ende seinen Schwanengesang spielen dürfe, dann wolle er mit seinem schlichten hölzernen Instrumente, vor ihren Augen freywillig ins Meer springen. Sie wußten recht wohl, daß wenn sie seinen Zaubergesang hörten, ihre Herzen erweicht, und sie von Reue ergriffen werden würden; daher nahmen sie sich vor, ihm zwar diese letzte Bitte zu gewähren, während des Gesanges aber sich die Ohren fest zu verstopfen, daß sie nichts davon vernähmen, und so bey ihrem Vorhaben bleiben könnten. Dies geschah. Der Sänger stimmte einen herrlichen, unendlich rührenden Gesang an. Das ganze Schiff tönte mit, die Wellen klangen, die Sonne und die Gestirne erschienen zugleich am Himmel, und aus den grünen Fluten tauchten tanzende Schaaren von Fischen und Meerungeheuern hervor. Die Schiffer standen feindselig allein mit festverstopften Ohren, und warteten voll Ungeduld auf das Ende des Liedes. Bald war es vorüber. Da sprang der Sänger mit heitrer Stirn in den dunkeln Abgrund hin, sein wunderthätiges Werkzeug im Arm. Er hatte kaum die glänzenden Wogen berührt, so hob sich der breite Rücken eines dankbaren Unthiers unter ihm hervor, und es schwamm schnell mit dem erstaunten Sänger davon. Nach kurzer Zeit hatte es mit ihm die Küste erreicht, nach der er hingewollt hatte, und setzte ihn sanft im Schilfe nieder. Der Dichter sang seinem Retter ein frohes Lied, und ging dankbar von dannen. Nach einiger Zeit ging er einmal am Ufer des Meers allein, und klagte in süßen Tönen über seine verlohrenen Kleinode, die ihm, als Erinnerungen glücklicher Stunden und als Zeichen der Liebe und Dankbarkeit so werth gewesen waren. Indem er so sang, kam plözlich sein alter Freund im Meere fröhlich daher gerauscht, und ließ aus seinem Rachen die geraubten Schätze auf den Sand fallen. Die Schiffer hatten, nach des Sängers Sprunge, sich sogleich in seine Hinterlassenschaft zu theilen angefangen. Bey dieser Theilung war Streit unter ihnen entstanden, und hatte sich in einen mörderischen Kampf geendigt, der den Meisten das Leben gekostet; die wenigen, die übrig geblieben, hatten allein das Schiff nicht regieren können, und es war bald auf den Strand gerathen, wo es scheiterte und unterging. Sie brachten mit genauer Noth das Leben davon, und kamen mit leeren Händen und zerrissenen Kleidern ans Land, und so kehrten durch die Hülfe des dankbaren Meerthiers, das die Schätze im Meere aufsuchte, dieselben in die Hände ihres alten Besitzers zurück.

(http://www.zeno.org/Literatur/M/Novalis/Romane/Heinrich+von+Ofterdingen/Erster+Theil%3A+Die+Erwartung/Zweytes+Kapitel)

Universalpoesie

[116] Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehre Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst, bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosen Gesang. Sie kann sich so in das Dargestellte verlieren, daß man glauben möchte, poetische Individuen jeder Art zu charakterisieren, sei ihr Eins und Alles; und doch gibt es noch keine Form, die so dazu gemacht wäre, den Geist des Autors vollständig auszudrücken: so daß manche Künstler, die nur auch einen Roman schreiben wollten, von ungefähr sich selbst dargestellt haben. Nur sie kann gleich dem Epos ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden. Und doch kann auch sie am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen. Sie ist der höchsten und der allseitigsten Bildung fähig; nicht bloß von innen heraus, sondern auch von außen hinein; indem sie jedem, was ein Ganzes in ihren Produkten sein soll, alle Teile ähnlich organisiert, wodurch ihr die Aussicht auf eine grenzenlos wachsende Klassizität eröffnet wird. Die romantische Poesie ist unter den Künsten was der Witz der Philosophie, und die Gesellschaft, Umgang, Freundschaft und Liebe im Leben ist. Andre Dichtarten sind fertig, und können nun vollständig zergliedert werden. Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden, und nur eine divinatorische Kritik dürfte es wagen, ihr Ideal charakterisieren zu wollen. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art, und gleichsam die Dichtkunst selbst ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.

Friedrich Schlegel: Fragmente, in: Athenäum I 2 (1798), S. 28-30 (http://www.zeno.org/Literatur/M/Schlegel,+Friedrich/Fragmentensammlungen/Fragmente)

Dichter

Schlegel: Der Dichter http://www.zeno.org/Literatur/M/Schlegel,+Friedrich/Gedichte/Abendr%C3%B6te/Erster+Teil/Der+Dichter?hl=dichter

Tieck: An einen jüngeren Dichter http://www.zeno.org/Literatur/M/Tieck,+Ludwig/Gedichte/Gedichte/Zweiter+Theil/Bl%C3%A4tter+der+Erinnerung/An+einen+j%C3%BCngeren+Dichter?hl=dichter

E. T. A. Hoffmann: Das fremde Kind – Strukur, Interpretation

Das fremde Kind“ wird von Lothar erzählt (Zweiter Band „Die Serapionsbrüder“, 1819, Vierter Abschnitt). Struktur des erzählten Geschehens:

Ausgangssituation: Das freundliche Anwesen der Familie von Brakel in Brakelheim, wo diese inmitten der Natur ein einfaches Leben führt.

Störung: Besuch des vornehmen Vetters Cyprianus von Brakel mit seiner Familie

  • Einschränkung der Kinder schon vor dem Besuch
  • Charakterisierung der fremden Kinder
  • Konfrontation der beiden Sorten Kinder (fröhliche Bauernkinder – unbeholfene Kinder voller „Wissenschaften“)

Die neuen Spielsachen (Geschenk der Besucher)

  • machen vorübergehend Freude
  • enttäuschen in ihrer leblosen Mechanik
  • werden im Wald entsorgt

Gegenbewegung, ausgelöst durch das fremde Kind:

  • Die Kinder sind im Wald, aber traurig.
  • Das fremde Kind kommt.
  • Sie spielen in der Natur. – Die Eltern verstehen nichts von dem, was die Kinder ihnen erzählen.
  • Am nächsten Tag geht das fröhliche Spielen im Wald weiter.

Von der Heimat des fremden Kindes“ (der Mythos, vom Kind erzählt)

  • Es wohnt hinter den blauen Bergen.
  • Seine Mutter, eine Königin, führt ein glückliches Leben.
  • Pepasilio, „ein großer Gelehrter“, hat mit seinem schwarzen Saft (= Tinte: Wissenschaft) das Leben dort gestört.
  • Es gelang mit Hilfe von Kindern, sich von Pepasilio = Gnomenkönig Pepser (= eine Fliege) zu befreien.

Fortsetzung der Störung durch den Hofmeister:

  • Der vom Onkel Cyprianus versprochene Hofmeister, Magister Tinte, quält die Kinder sinnlos bei seiner Ankunft.
  • Sie müssen im Zimmer die Wissenschaften lernen.
  • Er liebt den Wald nicht, reißt Maiglöckchen aus und tötet einen Vogel; er verwandelt sich in eine summende, brummende Fliege (wie im Mythos Pepser). – Die Eltern verstehen den Bericht der Kinder nicht.
  • Er agiert im Haus wie eine Fliege und wird vom Vater mit der Fliegenklatsche (wie Pepser im Mythos) vertrieben.
  • Die im Wald entsorgten Spielsachen sind Zöglinge des Magisters Tinte; sie verleiden den Kindern den Wald.

Ausgang des Geschehens:

  • Herr von Brakel wird krank (vermutlich Tintes Werk).
  • Er bekennt sich zum fremden Kind, das er selber früher kannte.
  • Er stirbt.

Die Familie

  • wird durch den Vetter Cyprianus enteignet;
  • das fremde Kind ermahnt die beiden Kinder, Felix und Christlieb, zur Treue und verspricht Hilfe.
  • Die Familie wird trotz ihrer Armut glücklich. (Damit ist wieder der ausgeglichene Anfangszustand erreicht.)

Diese Struktur des Geschehens muss man vor Augen haben, wenn den im Netz mehrfach wiedergegebenen Inhalt des Märchens verstehen will. Interpretation:

Die „Helden“ des Geschehens sind Felix und Christlieb von Brakel. Die heile Welt ist die naturnahe kleine Welt des Thaddäus von Brakel und seiner Familie; die Kinder spielen im Wald und verstehen die Stimmen der Natur. Sie sind die wahren Menschen – eine Anwendung des Schiller‘schen Satzes: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Der Dreiklang des erfüllten Lebens besteht aus den Tönen „Kind sein – spielen – im Wald“; das Kriterium des Gelingens sind Freude, Freiheit und die vielen Stimmen, die man hört.

Die Gegenwelt ist die große Welt des Cyprianus von Brakel; er bringt seinen Kindern die sinn-losen „Wissenschaften“ bei und verschenkt mechanisches Spielzeug. Seine Kinder und die verschenkten Spielsachen (sie bestehen die Waldprobe nicht, verleiden den Kindern den Wald) sind negativ gezeichnet, Cyprianus selber ist ein übler Ausbeuter (s. Ende!). Zur Gegenwelt gehört auch der von ihm entsandte Hofmeister, Magister Tinte, der die Kinder ans Zimmer fesselt; er tritt als Sadist auf und lehrt „die Wissenschaften“, er ist in Wahrheit die summende, brummende Pepser-Fliege. Seine schwarze Kleidung entspricht der Tinte.

In der mythischen Parallelwelt stehen auf der einen Seite das fremde Kind und seine Mutter, auf der Gegenseite der große Wissenschaftler Pepasilio = Pepser, der mit seiner Tinte die ganze Natur tötet. In der mythischen Welt wird ein Kampf ausgefochten, der mit Fliegenklatschen gewonnen wird und dem in Brakelheim der Kampf gegen Magister Tinte entspricht. Als Naturkinder verstehen Felix und Christlieb die Botschaft des fremden Kindes. Die Eltern von Brakel verstehen zunächst ihre Kinder nicht; der Vater nähert sich als erster seinen Kindern an und erinnert sich an seine Kindheit, schließlich glaubt auch die Mutter den Kindern ihr „Märchen“.

In der großen Welt mag Minister Cyprianus Erfolg haben, doch wissen Felix und Christlieb (anders als ihre Cousine und ihr Vetter) zu leben (hier: zu spielen) und werden in ihrer Armut glücklich.

Vor diesem Hintergrund, dass „richtige“ Kinder die wahren Menschen sind, gewinnt das kleine Geplänkel über Märchen (Märchen – Kindermärchen – Märchen für große und kleine Kinder – Märchen für Kinder und für die, die es nicht sind) am Schluss der Erzählung seine poetologische Bedeutung.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_fremde_Kind_(E._T._A._Hoffmann) (Inhalt ziemlich knapp)

http://www.maerchenatlas.de/kunstmarchen/das-fremde-kind/ (Inhalt, mit kleinen Fehlern)

https://silkehorstkotte.files.wordpress.com/2014/08/das-fremde-kind2-kopie.pdf (Interpretation und Unterrichtsentwurf)

http://mythos-magazin.de/methodenforschung/tg_hoffmann.pdf (Interpretation einer Studentin – lustig, was die Wissenschaft aus dem Märchen macht)

Text:

http://www.zeno.org/Literatur/M/Hoffmann,+E.+T.+A./Erz%C3%A4hlungen,+M%C3%A4rchen+und+Schriften/Die+Serapionsbr%C3%BCder/Zweiter+Band/Vierter+Abschnitt/Das+fremde+Kind

http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-fremde-kind-3092/1

https://www.offenesbuch.com/g26762 (sehr gut lesbar)

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh06hoffuoft#page/262/mode/2up (historisch-krit. Ausgabe 1912, Frakturschrift)

http://www.maerchen.org/hoffmann/der-herr-von-brakel.htm

http://njfib.wbl.sk/uvod_do_nemeckej_literatury/das_fremde_kind.doc

E. T. A. Hoffmann: Nussknacker und Mausekönig (1816) – drei Wirklichkeiten

In diesem Märchen gibt es verschiedene Wirklichkeiten:

1. Die Welt der Familie Stahlbaum (Vater, Mutter, Fritz und Marie, ältere Schwester Luise), wozu auch der Pate Droßelmeier und der Chirurgus Wendelstein gehören; die Kinder besitzen eine Menge Spielsachen und bekommen zu Weihnachten u.a. einen Nussknacker geschenkt.

2. In der Nacht zum 25. Dezember gegen 12 Uhr erlebt Marie, wie die Spielsachen lebendig werden und, vom Nussknacker befehligt, einen Krieg gegen die Mäuse führen. Marie greift zugunsten der Spielsachen ein und wird ohnmächtig.

– Am anderen Tag erwacht sie verletzt im Bett, das normale Leben geht weiter (1. Ebene). Droßelmeier erzählt das Märchen (3. Wirklichkeit) von der harten Nuss:

3. Die Eltern der Prinzessin Pirlipat werden von Mäusen bedroht und bekämpft, Pirlipat wird hässlich. Der Hofuhrmacher Droßelmeier (!) muss zu ihrer Rettung die Nuss Krakatuk und einen jungen Mann besorgen, als den er seinen Neffen nimmt, der die harte Nuss aufbeißt. Dadurch ist die Prinzessin gerettet, der Neffe aber hässlich geworden, worauf die Prinzessin den Nussknacker wegwirft. Er kann gerettet werden, wenn er den Sohn des Mausekönigs besiegt und eine Dame ihn liebt.

– Es geht zurück in die Ebene (1); Marie erkennt in ihrem Nussknacker nun den Neffen Droßelmeiers aus (3). Der Pate ermuntert sie, den Nussknacker zu erlösen (Hinweis auf Ebene 3, Vorgriff auf den Schluss).

– In einem Wechsel von Ebene (1) und (3) opfert Marie nachts ihre Leckereien den Mäusen, die den Nussknacker bedrohen; die Eltern besorgen eine Falle, Marie verschafft dem Nussknacker aus den Spielsachen einen Degen.

In einer Nacht, um 12 Uhr, wechselt Marie erneut in die Ebene (3): Der Nussknacker tötet den Mausekönig und zieht mit Marie in ein Zauberland.

Als sie erwacht, liegt sie im Bett: Die Mohren aus dem Zauberland haben sie nach Hause getragen, sagt der Erzähler in einer Leseranrede.

Sprechen durfte nun Marie nicht mehr von ihrem Abenteuer, aber die Bilder jenes wunderbaren Feenreichs umgaukelten sie in süßwogendem Rauschen und in holden lieblichen Klängen; sie sah alles noch einmal, sowie sie nur ihren Sinn fest darauf richtete, und so kam es, daß sie, statt zu spielen, wie sonst, starr und still, tief in sich gekehrt, dasitzen konnte, weshalb sie von allen eine kleine Träumerin gescholten wurde.“

Die Ebenen vermischen sich nun: Bei der Reparatur einer Uhr stellt der Pate ihr seinen Neffen vor, der Marie heiratet,und Marie soll noch zur Stunde Königin eines Landes sein, in dem man überall funkelnde Weihnachtswälder, durchsichtige Marzipanschlösser, kurz, die allerherrlichsten, wunderbarsten Dinge erblicken kann, wenn man nur darnach Augen hat.
Das war das Märchen vom Nussknacker und Mausekönig.“

[Dieser Schluss fehlt im Text im Projekt Gutenberg – möglicherweise ist er von Hoffmann erst nachgetragen, als er das Märchen in die „Serapionsbrüder“ 1819 aufgenommen hat?] Mit dem Schluss-Satz steigt der Erzähler aus dem Erzählen aus.

Wir haben also die Erzählung einer Familienwelt vor uns, in der um Mitternacht Wunderbares geschieht (Spielsachen werden lebendig und kämpfen mit Mäusen), in der dann ein Märchen erzählt wird (von der Prinzessin, dem Hofuhrmacher Droßelmeier, seinem Neffen und der harten Nuss) – in dem also eine Figur aus der Wirklichkeit, der Erzähler selbst, als Figur auftaucht – in der die kämpfenden Mäuse in zwei Wirklichkeitsebenen auftauchen und in der zuletzt zwei Ebenen miteinander verschmelzen. – Es gibt viele Leseranreden und Kommentare des Erzählers.

https://de.wikipedia.org/wiki/Nu%C3%9Fknacker_und_Mausek%C3%B6nig

http://www.maerchenatlas.de/kunstmarchen/nussknacker-und-mausekoenig/ (Inhalt, anfangs viel zu ausführlich, danach viel zu knapp)

https://www.srf.ch/sendungen/hoerspiel/nussknacker-und-mausekoenig-von-e-t-a-hoffmann-2 (Schülerinterpretation)

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/unveroeffentlichte-bilder-wenn-der-nussknacker-zum-leben-erwacht-14572323.html (Würdigung zum 200. Jahrestag)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/nussknacker-und-mausekonig-3083/1 (Text, 1816)

http://www.nikolaus-weihnachten.de/weihnachtsmaerchen/der-weihnachtsabend.htm (Text)

https://archive.org/details/nussknacker_mausekoenig_0811_librivox (Hörbuch)

http://www.sais-tempel.de/nussknacker-und-mausek%C3%B6nig/ (von Ulrich Lenz sprachlich modernisierte Fassung)

https://www.srf.ch/sendungen/hoerspiel/nussknacker-und-mausekoenig-von-e-t-a-hoffmann-2 (Hörspiel)

https://www.youtube.com/watch?v=y25W6Vnk8mI (Zeichentrickfilm, sehr frei nach E. T. A. Hoffmann)

E. T. A. Hoffmann: Klein-Zaches genannt Zinnober (kurz gefasst)

In aller Kürze:

Der „Held“ ist der Student Balthasar aus Hoch-Jakobsheim; er ist ein poetischer Mensch, der Natur intensiv verbunden: »Ich liebe,« fuhr Prosper Alpanus fort, »ich liebe Jünglinge, die so wie du, mein Balthasar, Sehnsucht und Liebe im reinen Herzen tragen, in deren Innerm noch jene herrlichen Akkorde widerhallen, die dem fernen Lande voll göttlicher Wunder angehören, das meine Heimat ist. Die glücklichen, mit dieser inneren Musik begabten Menschen sind die einzigen, die man Dichter nennen kann, wiewohl viele auch so gescholten werden, die den ersten besten Brummbaß zur Hand nehmen, darauf herumstreichen und das verworrene Gerassel der unter ihrer Faust stöhnenden Saiten für herrliche Musik halten, die aus ihrem eignen Innern heraustönt. – Dir ist, ich weiß es, mein geliebter Balthasar, dir ist es zuweilen so, als verstündest du die murmelnden Quellen, die rauschenden Bäume, ja, als spräche das aufflammende Abendrot zu dir mit verständlichen Worten! – Ja, mein Balthasar! – in diesen Momenten verstehst du wirklich die wunderbaren Stimmen der Natur, denn aus deinem eignen Innern erhebt sich der göttliche Ton, den die wundervolle Harmonie des tiefsten Wesens der Natur entzündet.« (7. Kap.)

Sein Gegenspieler ist Klein-Zaches, Sohn armer Leute: „Der Kopf stak dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rückens vertrat ein kürbisähnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen die haselgertdünnen Beinchen herab, daß der Junge aussah wie ein gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel entdecken, schärfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein Paar kleine, schwarz funkelnde Äuglein gewahr, die, zumal bei den übrigens ganz alten, eingefurchten Zügen des Gesichts, ein klein Alräunchen kundzutun schienen.“ (1. Kap.)

Dieser Knirps wird vom Stiftsfräulein von Rosenschön (alis Fee Rosabelverde) aus Mitleid mit der Gabe ausgestattet, dass er den Leuten als eine stattliche Person erscheint, der man die Leistungen anderer zurechnet, während seine eigenen Fehlleistungen bei den anderen erkannt werden.

Sie leben in einem Fürstentum, in dem die Aufklärung per Dekret eingeführt wird, was zu einer Ächtung des Wunderbaren und der Poesie führt – anderseits nicht verhindert, dass die Regierung lachhaft ist und die Beförderungen willkürlich erfolgen (Satire!).

Klein-Zaches und Balthasar treffen an der Universität in Kerepes aufeinander, als Studenten des Professors Mosch Terpin bzw. als Konkurrenten um dessen schöne Tochter Candida: „Candida war, jeder mußte das eingestehen, ein bildhübsches Mädchen, mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen Rosenlippen. Ob ihre übrigens schönen Haare, die sie in wunderlichen Flechten gar phantastisch aufzunesteln wußte, mehr blond oder mehr braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut der seltsamen Eigenschaft, daß sie immer dunkler und dunkler wurden, je länger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter Bewegung, war das Mädchen, zumal in lebenslustiger Umgebung, die Huld, die Anmut selbst, und man übersah es bei so vielem körperlichen Reiz sehr gern, daß Hand und Fuß vielleicht kleiner und zierlicher hätten gebaut sein können. Dabei hatte Candida Goethes »Wilhelm Meister«, Schillers Gedichte und Fouqués »Zauberring« gelesen und beinahe alles, was darin enthalten, wieder vergessen; spielte ganz passabel das Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte die neuesten Françaisen und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit einer feinen leserlichen Hand. Wollte man durchaus an dem lieben Mädchen etwas aussetzen, so war es vielleicht, daß sie etwas zu tief sprach, sich zu fest einschnürte, sich zu lange über einen neuen Hut freute und zuviel Kuchen zum Tee verzehrte.“ (3. Kapitel – es folgt eine Verspottung der falschen romantischen Dichter)

Als Balthasar zu Ehren Candidas sein Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose in einer Versammlung vorträgt, wird es als Gedicht Zinnobers (so nennt sich Klein-Zaches jetzt) bewundert, wogegen dessen Miauen Balthasar angekreidet wird. – Auch andere leiden unter der zauberhaften Qualität Zinnobers (etwa der Referendarius Pulcher, der nicht Beamter wird), welcher eine steile Karriere im Staatsdienst macht und die Gunst Candidas sowie ihres Vaters gewinnt. Dessen Naturforschungen werden öfter satirisch verspottet.

Balthasars „aufgeklärter“ Freund Fabian führt ihn beim Arzt Prosper Alanus ein, welcher in Wahrheit ein Zauberer ist; der will Balthasar helfen und entdeckt, dass Zinnober ein gewöhnlicher Mensch ist, hinter dem eine zauberische Macht steht.

In einem Magierkampf besiegt er die Fee, welche einsieht, dass aufgrund seines Horoskops dem Studenten Balthasar die Zukunft gehört; sie gibt es auf, Zinnober weiter zu schützen. Alanus erklärt Balthasar, wie er Zinnober entzaubern kann: ihm drei rote Haare ausreißen und sie sogleich verbrennen. Das führt Balthasar zusammen mit seinen Freunden aus, als Zinnober dabei ist, sich mit Candida zu verloben; sogleich fällt sein Nimbus zusammen und alle erkennen in ihm eine missratene Figur.

Fabian wird vorübergehend dafür bestraft, dass er Prosper Alanus für einen gewöhnlichen Arzt hält, indem seine Rockschöße zu lang und die Ärmel zu Rocks zu kurz werden, was einerseits zu seiner politischen und religiösen Verfolgung führt (Satire!), anderseits seine akademische Karriere behindert, bis Alanus sich erbarmt und ihm einen Frack erster Klasse besorgt.

Prosper Alanus übereignet dem Balthasar sein Landgut: „Ziehst du mit deiner Candida ein in mein Landhaus, so ist das Glück deiner Ehe gesichert. Hinter den schönen Bäumen wächst alles, was das Haus bedarf; außer den herrlichsten Früchten der schönste Kohl und tüchtiges schmackhaftes Gemüse überhaupt, wie man es weit und breit nicht findet. Deine Frau wird immer den ersten Salat, die ersten Spargel haben. Die Küche ist so eingerichtet, daß die Töpfe niemals überlaufen und keine Schüssel verdirbt, solltest du auch einmal eine ganze Stunde über die Essenszeit ausbleiben. Teppiche, Stuhl- und Sofa-Bezüge sind von der Beschaffenheit, daß es bei der größten Ungeschicklichkeit der Dienstboten unmöglich bleibt, einen Fleck hineinzubringen, ebenso zerbricht kein Porzellan, kein Glas, sollte sich auch die Dienerschaft deshalb die größte Mühe geben und es auf den härtesten Boden werfen. Jedesmal endlich, wenn deine Frau waschen läßt, ist auf dem großen Wiesenplan hinter dem Hause das allerschönste heiterste Wetter, sollte es auch rings umher regnen, donnern und blitzen.(7. Kapitel)

Bei einem Aufstand des enttäuschten Volkes stirbt Zinnober, der wieder Klein-Zaches ist, vor Schreck in einem silbernen Pisspott. Er wird begraben, sein Mutter wird von der Fee entschädigt. Balthasar und Candida heiraten mit Zustimmung ihres Vaters: Die Fee „hatte sie selbst gekleidet und mit den schönsten, herrlichsten Rosen geschmückt. Nun weiß man aber wohl, daß der Anzug gut stehen muß, wenn eine Fee dabei Hand anlegt. Außerdem hatte Rosabelverde der holden Braut einen prächtig funkelnden Halsschmuck verehrt, der eine magische Wirkung dahin äußerte, daß sie, hatte sie ihn umgetan, niemals über Kleinigkeiten, über ein schlecht genesteltes Band, über einen mißratenen Haarschmuck, über einen Fleck in der Wäsche oder sonst verdrießlich werden konnte. Diese Eigenschaft, die ihr der Halsschmuck gab, verbreitete eine besondere Anmut und Heiterkeit auf ihrem ganzen Antlitz.“ (10. Kapitel) Alanus fährt fort, Balthasar wird ein Dichter, das junge Brautpaar führt „die glücklichste Ehe in aller Wonne und Herrlichkeit“, wozu der Halsschmuck Candidas seinen Teil beiträgt.

(Eine Reihe von Nebenfiguren und -handlungen sind hier nicht beachtet, siehe)

https://de.wikipedia.org/wiki/Klein_Zaches,_genannt_Zinnober (verschiedene Aspekte)

https://www.inhaltsangabe.de/hoffmann/klein-zaches-genannt-zinnober/ (Inhalt gut, Satire pointiert dargestellt)

http://www.maerchenatlas.de/kunstmarchen/klein-zaches-genannt-zinnober/ (Anfang breit ausgewalzt, zum Schluss ging dem Autor die Puste aus)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Hoffmann,+E.+T.+A./Erz%C3%A4hlungen,+M%C3%A4rchen+und+Schriften/Klein+Zaches (Text)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/klein-zaches-3089/1 (Text)

Romantische Ironie findet man an mindestens drei Stellen:

1. Alanus sagt zu Balthasar, „daß ich nach dem Urteil aller vernünftigen Leute eine Person bin, die nur im Märchen auftreten darf“ (7. Kap.) – siehe dazu unten die Links zur Selbstbezüglichkeit! Als Märchenparodie könnte man die Sache mit den drei roten Haaren ansehen (Märchen: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren).

2. Hierzu zählt auch der Seitenhieb auf die falschen romantischen Dichter:Überschwenglichen Dichtern war freilich noch vieles andere an der hübschen Candida nicht recht, aber was verlangen die auch alles. Fürs erste wollen sie, daß das Fräulein über alles, was sie von sich verlauten lassen, in ein somnambüles Entzücken gerate, tief seufze, die Augen verdrehe, gelegentlich auch wohl was weniges ohnmächtle oder gar zurzeit erblinde als höchste Stufe der weiblichsten Weiblichkeit. Dann muß besagtes Fräulein des Dichters Lieder singen nach der Melodie, die ihm (dem Fräulein) selbst aus dem Herzen geströmt, augenblicklich aber davon krank werden und selbst auch wohl Verse machen, sich aber sehr schämen, wenn es herauskommt, ungeachtet die Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem wohlriechenden Papier mit zarten Buchstaben geschrieben, selbst in die Hände spielte, der dann auch seinerseits vor Entzücken darüber erkrankt, welches ihm gar nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische Aszetiker, die noch weiter gehen und es aller weiblichen Zartheit entgegen finden, daß ein Mädchen lachen, essen und trinken und sich zierlich nach der Mode kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem heiligen Hieronymus, der den Jungfrauen verbietet Ohrgehänge zu tragen und Fische zu essen. Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas zubereitetes Gras genießen, beständig hungrig sein, ohne es zu fühlen, sich in grobe, schlecht genähte Kleider hüllen, die ihren Wuchs verbergen, vorzüglich aber eine Person zur Gefährtin wählen, die ernsthaft, bleich, traurig und etwas schmutzig ist!“ (3. Kap.)

3. Auch in der Leseranrede im letzten Kapitel findet sich die romantische Ironie im Selbstbezug des Erzählers, der den „Herausgeber“ E. T. A. Hoffmann verkörpert – Hoffmann ist laut Titel angeblich nur der Herausgeber des Märchens: „Es ist nun an dem, daß der, der für dich, geliebter Leser, diese Blätter aufschreibt, von dir scheiden will, und dabei überfällt ihn Wehmut und Bangen. – Noch vieles, vieles wüßte er von den merkwürdigen Taten des kleinen Zinnober, und er hätte, wie er denn nun überhaupt zu der Geschichte aus dem Innern heraus unwiderstehlich angeregt wurde, wahre Lust daran gehabt, dir, o mein Leser, noch das alles zu erzählen. Doch! – rückblickend auf alle Ereignisse, wie sie in den neun Kapiteln vorgekommen, fühlt er wohl, daß darin schon so viel Wunderliches, Tolles, der nüchternen Vernunft Widerstrebendes enthalten, daß er, noch mehr dergleichen anhäufend, Gefahr laufen müßte, es mit dir, geliebter Leser, deine Nachsicht mißbrauchend, ganz und gar zu verderben. Er bittet dich in jener Wehmut, in jenem Bangen, das plötzlich seine Brust beengte, als er die Worte: »Letztes Kapitel« schrieb, du mögest mit recht heitrem, unbefangenem Gemüt es dir gefallen lassen, die seltsamen Gestaltungen zu betrachten, ja dich mit ihnen zu befreunden, die der Dichter der Eingebung des spukhaften Geistes, Phantasus geheißen, verdankt, und dessen bizarrem, launischem Wesen er sich vielleicht zu sehr überließ. – Schmolle deshalb nicht mit beiden, mit dem Dichter und mit dem launischen Geiste! – Hast du, geliebter Leser, hin und wieder über manches recht im Innern gelächelt, so warst du in der Stimmung, wie sie der Schreiber dieser Blätter wünschte, und dann, so glaubt er, wirst du ihm wohl vieles zugute halten! –

Eigentlich hätte die Geschichte mit dem tragischen Tode des kleinen Zinnober schließen können. Doch ist es nicht anmutiger, wenn statt eines traurigen Leichenbegängnisses eine fröhliche Hochzeit am Ende steht?

So werde denn noch kürzlich der holden Candida und des glücklichen Balthasars gedacht.“ (10. Kap)

Zum Begriff der Selbstbezüglichkeit vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Mise_en_abyme

http://de.wikipedia.org/wiki/Metafiktion

http://www.schmidt.uni-halle.de/konzepte/texte/noeth1.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Autoreflexivit%C3%A4t

http://elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2009/4742/pdf/DissDaunerPublish.pdf (Dissertation von Dorea Dauner: Literarische Selbstreflexivität, 2009)

http://www.zeit.de/1992/34/hauptsache-selbstreflexiv (kritisch zur Methode, 1992)

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2010/03/04/kehlmann-die-vermessung-der-welt-selbstbezuglichkeit-des-romans/ und

https://norberto42.wordpress.com/2015/01/31/orhan-pamuk-das-museum-der-unschuld-besprechung/

Romantische Poesie – Theorie (Schlegel)

[116] Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehre Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst, bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosen Gesang. Sie kann sich so in das Dargestellte verlieren, daß man glauben möchte, poetische Individuen jeder Art zu charakterisieren, sei ihr Eins und Alles; und doch gibt es noch keine Form, die so dazu gemacht wäre, den Geist des Autors vollständig auszudrücken: so daß manche Künstler, die nur auch einen Roman schreiben wollten, von ungefähr sich selbst dargestellt haben. Nur sie kann gleich dem Epos ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden. Und doch kann auch sie am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen. Sie ist der höchsten und der allseitigsten Bildung fähig; nicht bloß von innen heraus, sondern auch von außen hinein; indem sie jedem, was ein Ganzes in ihren Produkten sein soll, alle Teile ähnlich organisiert, wodurch ihr die Aussicht auf eine grenzenlos wachsende Klassizität eröffnet wird. Die romantische Poesie ist unter den Künsten was der Witz der Philosophie, und die Gesellschaft, Umgang, Freundschaft und Liebe im Leben ist. Andre Dichtarten sind fertig, und können nun vollständig zergliedert werden. Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden, und nur eine divinatorische Kritik dürfte es wagen, ihr Ideal charakterisieren zu wollen. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art, und gleichsam die Dichtkunst selbst ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.

Friedrich Schlegel: Fragmente, in: Athenäum I 2 (1798), S. 28-30

(http://www.zeno.org/Literatur/M/Schlegel,+Friedrich/Fragmentensammlungen/Fragmente)

Poesie – ihr Wesen, ihre Kraft (Romantik)

Heinrich von Ofterdingen ist dabei, ein Dichter zu werden. Im zweiten Kapitel des Romans (1802) wird erzählt, wie die Kaufleute ihn über die Poesie belehren:

Es dünkt uns, ihr habt Anlage zum Dichter. Ihr sprecht so geläufig von den Erscheinungen eures Gemüths, und es fehlt Euch nicht an gewählten Ausdrücken und passenden Vergleichungen. Auch neigt Ihr Euch zum Wunderbaren, als dem Elemente der Dichter.

Ich weiß nicht, sagte Heinrich, wie es kommt. Schon oft habe ich von Dichtern und Sängern sprechen gehört, und habe noch nie einen gesehn. Ja, ich kann mir nicht einmal einen Begriff von ihrer sonderbaren Kunst machen, und doch habe ich eine große Sehnsucht davon zu hören. Es ist mir, als würde ich manches besser verstehen, was jetzt nur dunkle Ahndung in mir ist. Von Gedichten ist oft erzählt worden, aber nie habe ich eins zu sehen bekommen, und mein Lehrer hat nie Gelegenheit gehabt Kenntnisse von dieser Kunst einzuziehn. Alles, was er mir davon gesagt, habe ich nicht deutlich begreifen können. Doch meynte er immer, es sey eine edle Kunst, der ich mich ganz ergeben würde, wenn ich sie einmal kennen lernte. In alten Zeiten sey sie weit gemeiner gewesen, und habe jedermann einige Wissenschaft davon gehabt, jedoch Einer vor dem Andern. Sie sey noch mit andern verlohrengegangenen herrlichen Künsten verschwistert gewesen. Die Sänger hätte göttliche Gunst hoch geehrt, so daß sie begeistert durch unsichtbaren Umgang, himmlische Weisheit auf Erden in lieblichen Tönen verkündigen können.

Die Kaufleute sagten darauf: Wir haben uns freylich nie um die Geheimnisse der Dichter bekümmert, wenn wir gleich mit Vergnügen ihrem Gesange zugehört. Es mag wohl wahr seyn, daß eine besondere Gestirnung dazu gehört, wenn ein Dichter zur Welt kommen soll; denn es ist gewiß eine recht wunderbare Sache mit dieser Kunst. Auch sind die andern Künste gar sehr davon unterschieden, und lassen sich weit eher begreifen. Bey den Mahlern und Tonkünstlern kann man leicht einsehn, wie es zugeht, und mit Fleiß und Geduld läßt sich beydes lernen. Die Töne liegen schon in den Saiten, und es gehört nur eine Fertigkeit dazu, diese zu bewegen um jene in einer reitzenden Folge aufzuwecken. Bey den Bildern ist die Natur die herrlichste Lehrmeisterin. Sie erzeugt unzählige schöne und wunderliche Figuren, giebt die Farben, das Licht und den Schatten, und so kann eine geübte Hand, ein richtiges Auge, und die Kenntniß von der Bereitung und Vermischung der Farben, die Natur auf das vollkommenste nachahmen. Wie natürlich ist daher auch die Wirkung dieser Künste, das Wohlgefallen an ihren Werken, zu begreifen. Der Gesang der Nachtigall, das Sausen des Windes, und die herrlichen Lichter, Farben und Gestalten gefallen uns, weil sie unsere Sinne angenehm beschäftigen; und da unsere Sinne dazu von der Natur, die auch jenes hervor bringt, so eingerichtet sind, so muß uns auch die künstliche Nachahmung der Natur gefallen. Die Natur will selbst auch einen Genuß von ihrer großen Künstlichkeit haben, und darum hat sie sich in Menschen verwandelt, wo sie nun selber sich über ihre Herrlichkeit freut, das Angenehme und Liebliche von den Dingen absondert, und es auf solche Art allein hervorbringt, daß sie es auf mannichfaltigere Weise, und zu allen Zeiten und allen Orten haben und genießen kann. Dagegen ist von der Dichtkunst sonst nirgends äußerlich etwas anzutreffen. Auch schafft sie nichts mit Werkzeugen und Händen; das Auge und das Ohr vernehmen nichts davon: denn das bloße Hören der Worte ist nicht die eigentliche Wirkung dieser geheimen Kunst. Es ist alles innerlich, und wie jene Künstler die äußern Sinne mit angenehmen Empfindungen erfüllen, so erfüllt der Dichter das inwendige Heiligthum des Gemüths mit neuen, wunderbaren und gefälligen Gedanken. Er weiß jene geheimen Kräfte in uns nach Belieben zu erregen, und giebt uns durch Worte eine unbekannte herrliche Welt zu vernehmen. Wie aus tiefen Höhlen steigen alte und künftige Zeiten, unzählige Menschen, wunderbare Gegenden, und die seltsamsten Begebenheiten in uns herauf, und entreißen uns der bekannten Gegenwart. Man hört fremde Worte und weiß doch, was sie bedeuten sollen. Eine magische Gewalt üben die Sprüche des Dichters aus; auch die gewöhnlichen Worte kommen in reizenden Klängen vor, und berauschten die festgebannten Zuhörer.

Ihr verwandelt meine Neugierde in heiße Ungeduld, sagte Heinrich. Ich bitte euch, erzählt mir von allen Sängern, die ihr gehört habt. Ich kann nicht genug von diesen besondern Menschen hören. Mir ist auf einmal, als hätte ich irgendwo schon davon in meiner tiefsten Jugend reden hören, doch kann ich mich schlechterdings nichts mehr davon entsinnen. Aber mir ist das, was ihr sagt, so klar, so bekannt, und ihr macht mir ein außerordentliches Vergnügen mit euren schönen Beschreibungen.

Wir erinnern uns selbst gern, fuhren die Kaufleute fort, mancher frohen Stunden, die wir in Welschland, Frankreich und Schwaben in der Gesellschaft von Sängern zugebracht haben, und freuen uns, daß ihr so lebhaften Antheil an unsern Reden nehmet. Wenn man so in Gebirgen reist, spricht es sich mit doppelter Annehmlichkeit, und die Zeit vergeht spielend. Vielleicht ergötzt es euch einige artige Geschichten von Dichtern zu hören, die wir auf unsern Reisen erfuhren. Von den Gesängen selbst, die wir gehört haben, können wir wenig sagen, da die Freude und der Rausch des Augenblicks das Gedächtniß hindert viel zu behalten, und die unaufhörlichen Handelsgeschäfte manches Andenken auch wieder verwischt haben.

In alten Zeiten muß die ganze Natur lebendiger und sinnvoller gewesen seyn, als heut zu Tage. Wirkungen, die jetzt kaum noch die Thiere zu bemerken scheinen, und die Menschen eigentlich allein noch empfinden und genießen, bewegten damals leblose Körper; und so war es möglich, daß kunstreiche Menschen allein Dinge möglich machten und Erscheinungen hervorbrachten, die uns jetzt völlig unglaublich und fabelhaft dünken. So sollen vor uralten Zeiten in den Ländern des jetzigen Griechischen Kaiserthums, wie uns Reisende berichtet, die diese Sagen noch dort unter dem gemeinen Volke angetroffen haben, Dichter gewesen seyn, die durch den seltsamen Klang wunderbarer Werkzeuge das geheime Leben der Wälder, die in den Stämmen verborgenen Geister aufgeweckt, in wüsten, verödeten Gegenden den todten Pflanzensaamen erregt, und blühende Gärten hervorgerufen, grausame Thiere gezähmt und verwilderte Menschen zu Ordnung und Sitte gewöhnt, sanfte Neigungen und Künste des Friedens in ihnen rege gemacht, reißende Flüsse in milde Gewässer verwandelt, und selbst die todtesten Steine in regelmäßige tanzende Bewegungen hingerissen haben. Sie sollen zugleich Wahrsager und Priester, Gesetzgeber und Ärzte gewesen seyn, indem selbst die höhern Wesen durch ihre zauberische Kunst herabgezogen worden sind, und sie in den Geheimnissen der Zukunft unterrichtet, das Ebenmaß und die natürliche Einrichtung aller Dinge, auch die innern Tugenden und Heilkräfte der Zahlen, Gewächse und aller Kreaturen, ihnen offenbart. Seitdem sollen, wie die Sage lautet, erst die mannichfaltigen Töne und die sonderbaren Sympathien und Ordnungen in die Natur gekommen seyn, indem vorher alles wild, unordentlich und feindselig gewesen ist. Seltsam ist nur hiebey, daß zwar diese schönen Spuren, zum Andenken der Gegenwart jener wohlthätigen Menschen, geblieben sind, aber entweder ihre Kunst, oder jene zarte Gefühligkeit der Natur verlohren gegangen ist. In diesen Zeiten hat es sich unter andern einmal zugetragen, daß einer jener sonderbaren Dichter oder mehr Tonkünstler – wiewohl die Musik und Poesie wohl ziemlich eins seyn mögen und vielleicht eben so zusammen gehören, wie Mund und Ohr, da der erste nur ein bewegliches und antwortendes Ohr ist – daß also dieser Tonkünstler übers Meer in ein fremdes Land reisen wollte. Er war reich an schönen Kleinodien und köstlichen Dingen, die ihm aus Dankbarkeit verehrt worden waren. Er fand ein Schiff am Ufer, und die Leute darinn schienen bereitwillig, ihn für den verheißenen Lohn nach der verlangten Gegend zu fahren. Der Glanz und die Zierlichkeit seiner Schätze reizten aber bald ihre Habsucht so sehr, daß sie unter einander verabredeten, sich seiner zu bemächtigen, ihn ins Meer zu werfen, und nachher seine Habe unter einander zu vertheilen. Wie sie also mitten im Meere waren, fielen sie über ihn her, und sagten ihm, daß er sterben müsse, weil sie beschlossen hätten, ihn ins Meer zu werfen. Er bat sie auf die rührendste Weise um sein Leben, bot ihnen seine Schätze zum Lösegeld an, und prophezeyte ihnen großes Unglück, wenn sie ihren Vorsatz ausführen würden. Aber weder das eine, noch das andere konnte sie bewegen: denn sie fürchteten sich, daß er ihre bösliche That einmal verrathen möchte. Da er sie nun einmal so fest entschlossen sah, bat er sie ihm wenigstens zu erlauben, daß er noch vor seinem Ende seinen Schwanengesang spielen dürfe, dann wolle er mit seinem schlichten hölzernen Instrumente, vor ihren Augen freywillig ins Meer springen. Sie wußten recht wohl, daß wenn sie seinen Zaubergesang hörten, ihre Herzen erweicht, und sie von Reue ergriffen werden würden; daher nahmen sie sich vor, ihm zwar diese letzte Bitte zu gewähren, während des Gesanges aber sich die Ohren fest zu verstopfen, daß sie nichts davon vernähmen, und so bey ihrem Vorhaben bleiben könnten. Dies geschah. Der Sänger stimmte einen herrlichen, unendlich rührenden Gesang an. Das ganze Schiff tönte mit, die Wellen klangen, die Sonne und die Gestirne erschienen zugleich am Himmel, und aus den grünen Fluten tauchten tanzende Schaaren von Fischen und Meerungeheuern hervor. Die Schiffer standen feindselig allein mit festverstopften Ohren, und warteten voll Ungeduld auf das Ende des Liedes. Bald war es vorüber. Da sprang der Sänger mit heitrer Stirn in den dunkeln Abgrund hin, sein wunderthätiges Werkzeug im Arm. Er hatte kaum die glänzenden Wogen berührt, so hob sich der breite Rücken eines dankbaren Unthiers unter ihm hervor, und es schwamm schnell mit dem erstaunten Sänger davon. Nach kurzer Zeit hatte es mit ihm die Küste erreicht, nach der er hingewollt hatte, und setzte ihn sanft im Schilfe nieder. Der Dichter sang seinem Retter ein frohes Lied, und ging dankbar von dannen. Nach einiger Zeit ging er einmal am Ufer des Meers allein, und klagte in süßen Tönen über seine verlohrenen Kleinode, die ihm, als Erinnerungen glücklicher Stunden und als Zeichen der Liebe und Dankbarkeit so werth gewesen waren. Indem er so sang, kam plözlich sein alter Freund im Meere fröhlich daher gerauscht, und ließ aus seinem Rachen die geraubten Schätze auf den Sand fallen. Die Schiffer hatten, nach des Sängers Sprunge, sich sogleich in seine Hinterlassenschaft zu theilen angefangen. Bey dieser Theilung war Streit unter ihnen entstanden, und hatte sich in einen mörderischen Kampf geendigt, der den Meisten das Leben gekostet; die wenigen, die übrig geblieben, hatten allein das Schiff nicht regieren können, und es war bald auf den Strand gerathen, wo es scheiterte und unterging. Sie brachten mit genauer Noth das Leben davon, und kamen mit leeren Händen und zerrissenen Kleidern ans Land, und so kehrten durch die Hülfe des dankbaren Meerthiers, das die Schätze im Meere aufsuchte, dieselben in die Hände ihres alten Besitzers zurück.

(http://www.zeno.org/Literatur/M/Novalis/Romane/Heinrich+von+Ofterdingen/Erster+Theil%3A+Die+Erwartung/Zweytes+Kapitel)

Atlantis – das Märchen in „Heinrich von Ofterdingen“

Atlantis

Die Kaufleute erzählen Heinrich eine Geschichte (in Novalis: Heinrich von Ofterdingen, 1802, Erster Teil, Drittes Kapitel):

Ein alter König, dessen Frau verstorben war, lebte glücklich in seinem Reich. Seine ganze Liebe galt seiner einzigen Tochter und der Dichtkunst. Viele Sänger kamen an seinen Hof, deren Lieder die Seele der Prinzessin erfüllten. Streit und Missgunst gab es im Land nicht. Nur eine Sorge hatten seine Bewohner: ob es überhaupt einen Prinzen geben könnte, der der schönen Königstochter würdig wäre. Erst recht war der König selber überzeugt, dass nur ein Mann vornehmster Herkunft als Schwiegersohn in Frage käme.

Nahe der Hauptstadt lebte nun ein alter Mann, der seinen einzigen Sohn in der Wissenschaft von der Natur unterrichtete. Eines Tages kam die Prinzessin auf einem Spaziergang zu ihrem Hof und bat um ein Glas Milch; sowohl das Haus wie die beiden Männer gefilen ihr und sie bat um die Erlaubnis, sie wieder besuchen zu dürfen. Dann ging sie nach Hause, ohne ihre Herkunft verraten zu haben. Sowohl der Jüngling wie das Mädchen waren von der Begegnung zutiefst beeindruckt; die Prinzessin fühlte sich, als sei sie in eine überirdische Welt versetzt worden.

Der junge Mann hatte sich am Abend noch in den Wald begeben, wo er einen roten Stein fand, einen Karfunkel; er erinnerte sich, dass das Mädchen ihn in einer Kette getragen hatte. Er schrieb ein Gedicht auf einen Zettel, in den er den Stein einwickelte, um ihn am anderen Morgen seiner Besitzerin in der Stadt zu bringen. Die Prinzessin, die den Verlust bemerkt hatte, machte sich am nächsten Morgen ebenfalls auf, um ihren Stein zu suchen. Als sie sich trafen, überreichte er ihr den Stein, während sie ihm zum Dank ihre goldene Kette um den Hals hängte. Er war zutiefst betroffen; sie verabschiedeten sich und die Prinzessin versprach, ihn bald wieder zu besuchen, um von seinem Vater in die Kenntnis der Natur eingeweiht zu werden.

Bald kam sie wieder, und ihre Besuche hörten seitdem nicht mehr auf; sie sang auf ihrer Laute, er unterrichtete sie in den Geheimnissen der Natur. Eines Tages, als er sie auf dem Rückweg ein Stück begleitete, wurde ihre Liebe so stark, dass sie sich küssten. Bald kam ein Unwetter auf, vor dem sie sich in eine Höhle retten konnten. Dort kamen sie einander immer näher und vereinigten sich in Liebe. Sie beschlossen, im Haus des Jünglings eine Wohnung für sich einzurichten, und lebten von da an als Mann und Frau.

In der Stadt war der König von Sorge um seine Tochter gequält; er bereute es, alle Bewerber um sie für gering geachtet zu haben. In der Stadt aber hielt sich das Gerücht, die Prinzessin werde wiederkehren. Am Jahrestag ihres Verschwindens, einem heiteren Sommertag, feierte man am Hof wieder; die Dichter trugen ihre Lieder vor, aber der König war von Wehmut erfüllt. Da kam ein Jüngling, der ein wunderbares Lied vortrug. Es handelte vom Ursprung der Welt und aller Lebewesen, von der Sympathie der Natur und der goldenen alten Zeit, von der Erscheinung des Hasses und dem künftigen Triumph der Liebe und der Poesie; alle waren beeindruckt. Dann trug er ein zweites Lied vor, in dem er in Bildern sein eigenes Geschick besang. Währenddessen kam ein alter Mann mit einer verschleierten jungen Frau, die ein kleines Kind trug. Die beiden letzten Strophen lauteten so:

Der Liebe weicht und dem Gesange

Auch auf dem Thron ein Vaterherz,

Und wandelt bald in süßem Drange

Zu ewger Lust den tiefen Schmerz.

Die Liebe giebt, was sie entrissen,

Mit reichem Wucher bald zurück,

Und unter den Versöhnungsküssen

Entfaltet sich ein himmlisch Glück.

*

Geist des Gesangs, komm du hernieder,

Und steh auch jetzt der Liebe bey;

Bring die verlorne Tochter wieder,

Daß ihr der König Vater sey! –

Daß er mit Freuden sie umschließet,

Und seines Enkels sich erbarmt,

Und wenn das Herz ihm überfließet,

Den Sänger auch als Sohn umarmt.

Dann lüftete er den Schleier der Frau, die Prinzessin fiel ihrem Vater zu Füßen und hielt ihm ihr Kind hin. Der König hob sie und ihren Mann auf und reichte das Kind, das man ihm gab, dem Himmel entgegen, worauf er auch den Alten begrüßte. „Unendliche Freudenthränen flossen. In Gesänge brachen die Dichter aus, und der Abend ward ein heiliger Vorabend dem ganzen Lande, dessen Leben fortan nur Ein schönes Fest war. Kein Mensch weiß, wo das Land hingekommen ist. Nur in Sagen heißt es, daß Atlantis von mächtigen Fluten den Augen entzogen worden sey.“

(http://www.zeno.org/Literatur/M/Novalis/Romane/Heinrich+von+Ofterdingen/Erster+Theil%3A+Die+Erwartung/Drittes+Kapitel)

Kästner: Repetition des Gefühls

Repetition des Gefühls

Eines Tages war sie wieder da…

Und sie fände ihn bedeutend blässer.

Als er dann zu ihr hinübersah,
meinte sie, ihr gehe es nicht besser.

[…]

(Lärm im Spiegel, 1929)

Text:

https://issuu.com/klauss41/docs/erich_ka__stner_gedichte (dort S. 13 f.)

http://loveisafourletterwordlove.blogspot.de/2015/03/gedicht-nummer-drei-mein-drittes.html

https://www.youtube.com/watch?v=Ja4UnqOszTg (gesungen)

Wieder ein schönes Gedicht Kästners, das vielleicht nicht für die Schule geeignet ist, weil die Schüler eine solche Repetition des Gefühls vermutlich nicht kennen (können). Oder sollte man es dort trotzdem lesen, um solche Erfahrungen literarisch zu erschließen?

Sterne: Leben und Ansichten von Tristam Shandy, Gentleman – gelesen

Leben und Ansichten von Tristam Shandy, Gentleman“ von Laurence Sterne ist einer der ganz großen Romane der Weltliteratur. Es gibt genügend Charakterisierungen und Würdigungen des Buches (s. die Links); ich möchte in Stichworten den „Inhalt“ der ersten beiden der neun Bücher des Romans skizzieren, damit man eine Vorstellung davon bekommt, wie Sterne in den Themen springt und die Zeit dehnt – erst im dritten Buch wird die Geburt des Ich-Erzählers Tristam beschrieben. Also, geordnet nach Buch und Kapiteln:

Erstes Buch

1 Störung bei der Zeugung des Ich-Erzählers

2 über die Gefährdung des Homunkulus nach der Zeugung

3 spätere Klage des Vaters über die Störung

4 Zeugung Anfang März 1718, das ergibt sich aus der Kombination von Beischlaf und Uhraufziehen am Abend des 1. Sonntags jedes Monats

5 Geburt Tristam Shandys am 5. November 1718; Klage über sein Leben

6 über sein Schreiben, an den Leser gerichtet

7 wie seine Hebamme eine solche geworden war

8 über Steckenpferde – Widmung an den Lord

9 Angebot, diese Widmung zu kaufen – Widmung des größeren Teils des Buches an den Mond

10 der Pfarrer und sein dürrer Gaul – warum er ein so schlechtes Pferd reitet – warum er die Lizenz der Hebamme bezahlt hat – was die Leute dazu sagen

11 Pfarrer heißt Yorick, Familie stammt aus Dänemark (mit Hofnarr aus „Hamlet“ verwandt); ein harmloser, unerfahrener Mann, der gern Witze (auch über andere) macht

12 Freund warnt ihn vor leichtsinnigem Spotten, zu spät: Verspottete rächen sich an ihm; Besuch des Eugenius beim sterbenden Yorick, sein Grabstein – mehrere Anspielungen auf den „Don Quijote“

13 über den Ruhm der Hebamme

14 wieso der Autor nur langsam beim Schreiben vorankommt

15 Klausel des Ehevertrags seiner Eltern über das Recht der Mutter auf eine Entbindung in London – weshalb Tristam wegen einer unbegründeten Londonreise mit platter Nase zu Hause geboren wurde

16 Rückkehr von der unbegründeten Londonreise im Zorn

17 Ankündigung des Vaters bei der Zeugung, seine Frau werde nicht in London entbinden

18 frühzeitige Suche der Mutter nach einer Hebamme; Sorgen des Vaters, v.a. wegen der Landflucht nach London; die Mutter setzt die Hebamme als Helferin gegen den Vater durch; über Tristams Verhältnis zu Jenny

19 des Vaters Einschätzung von Vornamen, seine rhetorischen Fähigkeiten; er verachtet den Namen Tristam

20 ob man ungeborene Kinder taufen kann – Reflexionen über das Lesen; das Gutachten der Sorbonne von 1733; Vorschlag, alle Homunkuli direkt nach der Trauung bedingungsweise zu taufen

21 über das englische Klima – Onkelt Toby, ein Original, äußerst züchtiger Mensch; er mag nichts von Tante Dinahs Affäre hören (anders der Vater)

22 Tristam: im Leben und Schreiben von Digressionen (Verzögerungen) bestimmt

23 über die Erkenntnis eines Charakters und seine Darstellung

24 Zusammenhang Steckenpferd – Charakter

25 über die Verwundung Onkel Tobys an der Leiste, sein Krankenlager

Zweites Buch

1 Toby erzählt von der Belagerung von Namur (1695); er bekommt einen Plan der Festung

2 über den Grund der Verwirrung in Tobys Erzählungen: der ewig schwankende Gebrauch der Wörter

3 wie die Erforschung von Befestigungen Tobys Leidenschaft wurde

4 nach vier Jahren Studium von Festungsanlagen will Toby gesund werden

5 Aufbruch Tobys nach Shandy-Hall, wo er ein Haus mit Land besitzt; Diener Trim schlägt vor, dort selber Befestigungen zu bauen

6 die Mutter schickt nach der Hebamme, der Vater nach dem Arzt

7 Vater schickt sich an, Toby die Anatomie der Frau zu erklären

8 über die Dauer des erzählten Geschehens und des Erzählens

9 Diener Obadiah trifft Dr. Slop vor der Tür, der fällt vom Pferd

10 Dr. Slop trifft im Haus ein

11 Er hat seine Instrumente nicht bei sich.

12 Toby ergeht sich in Feinheiten der Fortifikation; der Vater beschimpft ihn, sie versöhnen sich

13 kurz über die Praxis des ehelichen Beischlafs

14 über den Segelwagen des Stevinus

15 Trim hat des Buch des Strevinus geholt, aus dem eine Predigt herausfällt

16 Trim soll sie vorlesen

17 Trims Körperhaltung dabei; Predigt zu Hebr 13,18; Trim beginnt zu lesen – Trims Bruder ist von der Inquisition verhaftet – über das gute Gewissen; die Predigt wird mit Unterbrechungen vorgelesen – über Selbstbetrug und über den Katholizismus; es ist Yoricks Predigt

18 Dr. Slop wird informiert, dass er der Hebamme nur assistieren darf.

19 philosophische Überlegungen des Vaters, in Verbindung mit dem Problem der richtigen = gehirnschonenden Methode des Gebärens; der Kaiserschnitt, vom Vater gelobt, von der Mutter abgelehnt

https://de.wikipedia.org/wiki/Leben_und_Ansichten_von_Tristram_Shandy,_Gentleman (knapp)

https://en.wikipedia.org/wiki/The_Life_and_Opinions_of_Tristram_Shandy,_Gentleman (engl., umfangreich)

http://www.klassiker-der-weltliteratur.de/tristram_shandy.htm (Zusammenfassung, kurz)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/wp-content/uploads/2015/10/Sterne_TristramShandy.pdf (kurze Analyse)

http://www.ndr.de/kultur/buch/Laurence-Sterne-Leben-und-Ansichten-von-Tristram-Shandy-Gentleman,weltliteratur190.html (Würdigung)

https://www.rezensionen.ch/laurence_sterne_tristram_shandy/303691174X/ (dito) = http://literaturkritik.de/id/10410

http://www.frankfurter-hefte.de/upload/Archiv/2013/Heft_11/PDF/2013-11_kesting.pdf (dito)

http://www.satt.org/literatur/07_01_sterne.html (dito)

http://www.br.de/radio/bayern2/inhalt/hoerspiel-und-medienkunst/hoerspiel-tristram-shandy-100.html (Hörbuch)

http://www.br.de/radio/bayern2/inhalt/hoerspiel-und-medienkunst/hoerspiel-sterne-tristram-shandy-gentleman-100.html (dito? Hörspiel)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/tristram-shandy-5100/1 (Text, Ü. A. Seubert, 1880)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Sterne,+Laurence/Roman/Tristram+Shandy/Erster+Band (dito, Ü. ?)

Um einen Eindruck vom Text zu vermitteln: Ich habe (allerdings in der modernen Walter-Übersetzung) eine köstliche Passage über den Nutzen der Hilfsverben gefunden. Tristams Vater hat sich Gedanken über die Erziehung seines Sohnes gemacht, hält sie in einem Buch fest und trägt sie hier seinen staunenden Zuhörern vor. Ich gebe sie leicht gekürzt wieder:

Ich bin überzeugt davon, Yorick, fuhr mein Vater fort, indem er halb las, halb frei sprach, daß es auch in der intellektuellen Welt eine nordwestliche Durchfahrt giebt, und daß die Seele des Menschen einen kürzeren Weg einschlagen kann, um zum Wissen und zum Erkennen zu gelangen, als den gewöhnlichen. – Aber ach! nicht neben jedem Acker läuft ein Fluß, oder ein Bach – nicht jedes Kind, Yorick, hat einen Vater, der ihm diesen Weg zeigen könnte.

Das Ganze beruht – dies sagte mein Vater mit leiserer Stimme – auf den Hülfszeitwörtern.

Hätte Yorick auf Virgils Natter getreten, er hätte nicht erschrockener aussehen können. – Ich erstaune selbst darüber, rief mein Vater, der es bemerkte, und halte es für einen der beklagenswerthesten Uebelstände unseres Bildungsganges, daß die, welchen die Erziehung unserer Kinder anvertraut ist, deren Geschäft es sein sollte, ihren Geist zu entwickeln und ihn mit Ideen zu befruchten, damit die Einbildungskraft sich frei bewege, bis jetzt so wenig Nutzen von den Hülfszeitwörtern gezogen haben, wie es der Fall ist, mit Ausnahme etwa von Raymond Lullius und dem ältern Pellegrini, welcher Letztere sich in dem Gebrauche derselben bei seinen Gesprächen eine solche Fertigkeit erworben hatte, daß er einen jungen Mann in wenigen Lehrstunden dahin bringen konnte, über jeden beliebigen Gegenstand ganz plausibel pro und contra zu reden und Alles, was darüber gesagt oder geschrieben werden konnte, zu sagen oder zu schreiben, ohne sich in einem Worte verbessern zu müssen, worüber Alle, die es sahen, erstaunt waren.

Ich möchte das gern ganz begreifen, unterbrach Yorick meinen Vater. – Sie sollen es, erwiederte dieser. – Die höchste Anwendung, deren ein Wort fähig ist, ist als bildlicher Ausdruck, – wodurch meiner Ansicht nach die Vorstellung gemeiniglich eher abgeschwächt, als verstärkt wird – doch lassen wir das; hat nun der Geist diese Anwendung davon gemacht, so ist die Sache zu Ende; – Geist und Vorstellung sind mit einander fertig, bis eine zweite Vorstellung auftritt u.s.w.

Nun sind es aber die Hülfsverben, welche die Seele in den Stand setzen, das ihr zugeführte Material selbstständig zu behandeln, und durch die Beweglichkeit der großen Maschine, um die es läuft, neue Wege der Untersuchung zu eröffnen und jede einzelne Vorstellung millionenfach zu vervielfältigen.

Sie erregen meine Neugierde im höchsten Grade, sagte Yorick. […]

Die Hülfsverben, von denen hier die Rede ist, fuhr mein Vater fort, sind sein, haben, werden, mögen, sollen, wollen, lassen, dürfen, können, müssen und pflegen in den verschiedenen Zeiten der Gegenwart, Zukunft oder Vergangenheit und in Verbindung mit dem Verbumsehen angewandt. Als positive Frage: Ist es? Was ist es? Kann es sein? Konnte es sein? Mag es sein? Mochte es sein? – Als negative Frage: Ist es nicht? War es nicht? Soll es nicht sein? – Oder affirmativ: es ist – es war – es muß sein, – oder chronologisch: Ist es je gewesen? Kürzlich? Wie lange ist es her? – oder hypothetisch: Wenn es war? Wenn es nicht war? Was würde daraus folgen? Wenn die Franzosen die Engländer schlagen sollten? Wenn die Sonne aus dem Thierkreis treten würde?

Würde nun eines Kindes Gedächtniß durch den rechten Gebrauch und die rechte Anwendung dieser Formen geübt, fuhr mein Vater fort, so könnte keine Vorstellung in sein Gehirn eintreten, und wäre es auch noch so unfruchtbar, ohne eine unendliche Menge von Begriffen und Folgerungen daraus zu ziehen. – Habt Ihr schon einmal einen weißen Bären gesehen? rief mein Vater und kehrte sich rasch nach Trim um, der hinter seinem Stuhle stand. – Nein, Ew. Gnaden, erwiederte der Korporal. – Aber Ihr könntet darüber reden, Trim, sagte mein Vater, wenn es sein müßte? – Wie wäre denn das möglich, Bruder, sagte mein Onkel Toby, wenn er nie einen gesehen hat. – Das brauch‘ ich gerade, erwiederte mein Vater, Du sollst sehen, daß es möglich ist:

Ein weißer Bär! Sehr wohl, habe ich je einen gesehen? Könnte ich jemals einen sehen? Werde ich jemals einen sehen? Dürfte ich jemals einen sehen? oder – sollte ich jemals einen sehen?

Ich wollte, ich hätte einen weißen Bären gesehen! (wie könnte ich mir sonst einen vorstellen?)

Sollte ich einen weißen Bären sehen, was würde ich dazu sagen? Wenn ich nie einen weißen Bären sehen sollte, was dann?

Wenn ich nie einen weißen Bären habe sehen können, sollen, dürfen, – habe ich vielleicht ein Fell von ihm gesehen? Habe ich einen abgebildet, geschildert gesehen? Habe ich je von einem geträumt?

Haben mein Vater, meine Mutter, mein Onkel, meine Tante, mein Bruder oder meine Schwestern je einen weißen Bären gesehen? Was würden sie darum geben? Wie würden sie sich dabei betragen? Wie würde der weiße Bär sich dabei betragen? Ist er wild? zahm? schrecklich? struppig? glatt?

Ist es der Mühe werth, einen weißen Bären zu sehen?

Oder eine weiße Bärin?

Ist es keine Sünde?

Ist es besser, als eine schwarze?

(5. Buch, Kap. 42 und 43, bzw. in der hier benutzen Ausgabe http://www.zeno.org/Literatur/M/Sterne,+Laurence/Roman/Tristram+Shandy: Zweiter Band, Kap. 42 und 43)

Der Fragekatalog erinnert mich übrigens an den sogenannten Beichtspiegel, mit dessen Hilfe wir als Kinder (analog die Erwachsenen) vor der Beichte unser Gewissen zu erforschen hatten, damit auch nur ja keine Sünde übersehen würde.

Diderot: Jakob und sein Herr – erneut gelesen

Erneut habe ich Diderots großen Roman „Jakob (der Fatalist) und sein Herr“ in der Übersetzung von Mylius (1792, Ausgabe it 772, hrsg. von Horst Günther) gelesen; die ist zwar sprachlich manchmal etwas altertümlich, aber in ihren Überarbeitungen auch die das 20. Jh. dominierende Übersetzung. Das heißt nicht, dass die neuesten Übersetzungen nicht gut wären – ich kenne sie nicht, ich besitze halt seit über 20 Jahren das Insel Taschenbuch 772.

Der überaus witzige Roman ist einer der großen Romane der Weltliteratur; es ist die Geschichte von Jakob und seinem Herrn, wobei der Diener Jakob der wahre Herr ist, wie auch in einem Vertrag festgelegt wird:

Jakob. Könnten wir nicht, ohne eben wieder von dieser Sache anzufangen, hundert ähnlichen Fällen durch einen billigen Vertrag vorbeugen?

Herr. Ich bin es zufrieden.

Jakob. Nun, so wollen wir ausmachen: Erstens, daß, weil nun einmal dort oben geschrieben steht, daß ich Ihnen unentbehrlich bin und ich es auch fühle und weiß, daß Sie mich nicht entbehren können – daß ich, sage ich, alle diese Vorrechte so oft werde mißbrauchen dürfen, als sich Gelegenheit dazu bietet.

Herr. Aber Jakob, noch niemals ist ein ähnlicher Vertrag geschlossen worden.

Jakob. Geschlossen oder nicht geschlossen – genug, das ist von jeher geschehen, geschieht noch und wird geschehen, solange die Welt steht. Glauben Sie nicht, daß andere sich, wie Sie, bemüht haben werden, sich diesem Dekret zu entziehen? und halten Sie sich für geschickter als andere Leute? Lassen Sie diesen Gedanken fahren und unterwerfen Sie sich dem Gesetze einer Notwendigkeit, dem zu entgehen nicht in Ihrer Macht steht. Zweitens wollen wir ausmachen: weil es nun für Jakob eine ebenso große Unmöglichkeit ist, sein Übergewicht und seine Gewalt über seinen Herrn nicht zu erkennen, als es für seinen Herrn eine ist, seine Schwachheit nicht einzusehen und seiner Nachsicht zu entsagen; so soll Jakob unverschämt sein und zur Aufrechterhaltung des Friedens sein Herr gar nicht tun dürfen, als ob er das gewahr würde. Denn dieses alles ward dort oben niedergeschrieben, ohne daß sie ein Wort davon wußten, und in eben dem Augenblick dort oben unterzeichnet und besiegelt, wo die Natur Jakob und seinen Herrn hervorbrachte. Es ward dort oben beschlossen, daß Sie den Titel führen und ich im Besitz der Sache sein sollte. Wollten Sie sich gleich dem Willen der Natur widersetzen, so würden Sie doch nichts ausrichten und all Ihr Bestreben vergeblich sein.

Herr. Aber unter diesen Umständen wäre dein Los ja besser als das meinige!

Jakob. Wer streitet Ihnen denn das ab?

Herr. Und ich täte am besten, deinen Platz einzunehmen und dich an den meinigen zu stellen!

Jakob. Wissen Sie, was dann geschehen würde? Sie würden auch den Titel verlieren und die Sache doch nicht besitzen. Lassen Sie uns bleiben, wie wir sind! Wir befinden uns ja alle beide so recht wohl und wollen den Rest unseres Lebens dazu anwenden, ein Sprichwort zu spielen.

Herr. Welches Sprichwort?

Jakob. Jakob hat seinen Herrn am Bändel … Wir werden die ersten sein, denen man es sagt; aber es wird bei tausend anderen wiederholt werden, die mehr wert sind als Sie und ich.

Herr. Das dünkt mich hart, sehr hart!

Jakob. Herr, lieber Herr! Löcken Sie nicht wider den Stachel; er sticht Sie sonst nur noch mehr. Also, das wäre nun zwischen uns ausgemacht.

Herr. Aber wozu bedarf es unserer Einwilligung bei einem notwendigen Gesetz?

Jakob. O, es bedarf ihrer recht sehr! Halten Sie es denn für etwas so Unnötiges, einmal recht klar und deutlich zu wissen, wie man miteinander steht? Alle unsere Fehden und Streitigkeiten sind die ganze Zeit über daher gekommen, daß wir uns noch nie recht offenherzig ins Gesicht gesagt hatten: Sie, daß Sie mein Herr heißen wollten und ich: daß ich Ihr Herr sein sollte. Doch nunmehr ist alles ins Reine gebracht, und jetzt dürfen wir uns nur danach richten und so miteinander fortleben.“

Der Roman besteht u.a. aus den Versuchen Jakobs, seine Liebesgeschichte zu erzählen, wobei er immer wieder unterbrochen wird. Der Ich-Erzähler treibt sein munteres Spiel mit dem Leser und den Figuren, und Jakob beruft sich als „Fatalist“ immer wieder darauf, dass alles so geschieht, wie es in dem großen Buch oben geschrieben steht, weshalb jede Aufregung überflüssig sei. Mit diesem Spruch erinnert Jakob mich an die Figur Candide, die fortwährend bezeugt, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben, nur dass Jakob nicht tumb, sondern ein gewitzter Bursche mit großem Durst ist, ein Plappermaul, ohne den sein Herr nicht leben und überleben könnte.

Wenn ich recht sehe, hat Hegel die Dialektik von Herr und Knecht aus Diderots Roman übernommen – aber egal, Hegel hin oder her, das Buch ist unbedingt lesenswert. Ich habe es gestern und heute erneut gelesen, und ich muss sagen: Es ist besser als die hoch gepriesenen Bücher des Jahres 2016, von denen ich eines (Bakewell: Das Café der Existenzialisten) zu Ende gelesen und ein anderes (Enard: Kompass) mühsam begonnen und dann weggelegt habe. Die großen Klassiker sind nicht zu schlagen.

Zusätzlich zu den Anmerkungen von Horst Günther musste ich für die Mylius-Übersetzung nachschlagen:

Kahm: Schimmel auf gegorenen Flüssigkeiten

bähen: wärmen und trockner

Laubtaler = Ecu (18. Jh.), 6 Livres

Erdfall: durch Einbruch eines Hohlraums entstandene Senke

Maréchaussée: militärisch organisierte Polizeitruppe (bis 1791)

Schußwasser: gegen Entzündung bei Verletzungen angewandt

Beaten: Betschwestern; Angehörige eines dritten Ordens

Tisane = Orgeade: kühlender Trank aus verschiedenen Kräutern

Praktikenmacherinnen: Intrigantinnen

pränumerieren: vorauszahlen

Das Strumpfband der Braut bekommt das Mädchen, das als nächstes heiratet.

Pierre Galet (+ 1757), französischer Dichter und Sänger

Musche: Schönheitspflästerchen

Schmitze: dünne äußerste Schnur an der Peitsche (erzeugt das Knallen)

Bisturi: Skalpell

Polischinell: Figur aus „Der eingebildete Kranke“

Neben Adelung dem Grimm‘schen Wörterbuch war hilfreich: http://www.deacademic.com/ (Zugriff auf viele alte Lexika)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/jakob-und-sein-herr-664/1 (Text, Ü Hanns Floerke, 1921: Mylius leicht modernisiert)

Clemens Brentano: Am Ufer bin ich gangen – Analyse

Am Ufer bin ich gangen…(http://gedichte.xbib.de/Brentano_gedicht_Am+Ufer+bin+ich+gangen….htm)

Wir haben ein Gedicht Brentanos aus dem Jahr 1835 (https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Brentano/bre_1835.html) vor uns, das einige Rätsel aufgibt: Es spricht als lyrisches Ich eine Frau, die mit sich nicht im reinen ist (Ich irres, wirres Kind, Str. 4; Ich armes Waiselein, Str. 8): Einerseits leidet sie an ihrer Einsamkeit, anderseits verschmäht sie ihren Liebhaber: „Mein ist er, ich nicht sein“ (Str. 7). In ihrer Not wendet sie sich schließlich an den Gekreuzigten; sie hört eine Stimme und bekommt als Rat die Goldene Regel gesagt (Str. 13). Da entschließt sie sich, sich mit einem lieben Wanderer zu verbinden (Str. 15). – Die letzte Strophe steht formal außerhalb dieser Ich-Rede und kann als Dichterwort über sein Gedicht, könnte aber auch als Fazit des lyrischen Ichs gelesen werden.

Die Form der ersten 15 Strophen ist sehr streng und trägt dadurch einiges dazu bei, dem Leser Rätsel aufzugeben: Eine Strophe besteht aus 6 Versen (Ausnahme Str. 14); jeder Vers besteht aus einem dreitaktigen Jambus. Die ersten vier Verse sind im Kreuzreim verbunden, wobei sich weibliche und männliche Kadenzen abwechseln, wodurch nach V. 2 und erst recht nach V. 4 eine Pause entsteht. Die Verse 5 und 6 sind im Paarreim aneinander geknüpft, wobei der sechste Vers immer „So ganz allein, allein, allein“ ist; das ist, gemessen an der Dreizahl der Takte, ein Takt bzw. ein „allein“ zu viel – offenbar war dem Dichter die Dreizahl von „allein“ (als Klage) wichtiger als das Maß des dreitaktigen Verses. – Die Sätze sind kurz, was semantisch einige Unklarheiten bedingt.

Ich gebe einen Überblick über den Aufbau und orientiere mich dabei an den sprachlichen Handlungen des lyrischen Ichs (grammatisch an der Verwendung der Tempora bzw. der Verbformen, der Satzform und der Personalpronomina):

In Str. 1-3 berichtet das Ich von einem Spaziergang am See, bei dem es an seiner Einsamkeit leidet, während sein Liebhaber betrübt zu Hause sitzt; offenbar hat es seiner jedoch kurz gedacht (Str. 2 und 3).

Bereits in Str. 2 ist durch das Perfekt/Präsens signalisiert, dass das Ich beim Spazieren denkt; dieses Denken wird nun in Str. 4-6 intensiv, als eine Jetzt-Situation wahrnehmbar: eine dreifache Absage an den Liebhaber, „Dem ich am Herz geruht“, auch wenn er darüber zugrunde gehen sollte (Str. 6). Der kurze Rückblick in Str. 7, in dem von der diesen belebenden Begegnung mit dem Liebhaber erzählt wird (V. 1-4), begründet die Aussage „Mein ist er“; diese steht in Spannung zur Fortsetzung „ich nicht sein“ – in diesem Vers ist die komplizierte Situation des lyrischen Ichs umschrieben: Es ist einsam, aber von einer unglücklichen, von ihm selber nicht erwiderten Liebe betroffen. Der Schlussvers „So ganz allein…“ bezieht sich meistens auf das Ich, aber auch auf den Liebhaber (Str. 4, 6); einmal ist unklar, worauf er sich bezieht (V. 5) – eigentlich ist er da fehl am Platz.

In seiner Not fragt das Ich: „Wohin, wohin mich wenden?“ (Str. 8) Damit zitiert es, leicht abgewandelt, das Kirchenlied „Wohin soll ich mich wenden, / wenn Gram und Schmerz mich drücket?“ (Trostlied des Johann Philipp Neumann, 1774-1849) Mit dem Zitat ist schon klar, wohin es sich wenden soll: zu Gott, „Zu dir, zu dir, o Vater / komm ich in Freud und Leiden…“ Damit wird die Hinwendung zum Gekreuzigten (Str. 12), die scheinbar (!) auf dem zufälligen Anblick eines Kreuzes beruht, sachlogisch vorbereitet und eingefordert (eine Schwäche des Gedichts).

Verzögert wird diese Hinwendung zum Gekreuzigten durch die Reflexion der eigenen Situation (Str. 8, 9): Das einsame Ich hört sein klagendes Echo, es sieht in der Natur alles paarweise und ist selber so allein.

In der Logik der Frage „Wohin, wohin mich wenden?“ und der Hinwendung zum Gekreuzigten finde ich die Strophen 10 und 11 störend: Sie stellen einen Rückblick aufs eigene Leben dar, aus dem sich ergeben soll, dass die jetzige Einsamkeit unverdient ist; zur Not könnte man sie als kontrastierende Fortführung von Str. 9 lesen, aber erforderlich sind sie nicht. Die ganze Str. 11 verstehe ich ohnehin nicht wirklich: Wieso ist der Trinker gleich schwer berauscht? Wieso ist da ein Zauberbecher? Wieso wird er vertauscht? Und wer ist hier so allein? (Wieder zeigt sich die Schwäche, dass der identische sechste Vers immer wiederholt wird!)

Die Perspektive des lyrischen Ichs wechselt wieder (Str. 12): Es erblickt ein Kreuz und wendet sich mit zwei Bitten an den Gekreuzigten: Blick (als guter Hirt, Joh 10) dein Schäflein = mich an, treib mich (als verlorenes Schaf, Luk 15,1 ff.) wieder ein = zur Herde zurück = rette mich; der sechste Vers ist leicht abgewandelt („Bald“ statt „So“), wobei die Abwandlung keinen rechten Sinn ergibt – im Gegenteil, das Schäflein ist längst allein bzw. in der Gegenwart des Hirten eben nicht mehr allein.

Man muss sich die berichtete Jetzt-Situation vom Anblick des Kreuzes als Fortsetzung des Berichtes (Str. 1-4, V. 1 in Str. 4 und 8) denken; anderseits bleibt die Gesprächssituation mit dem Bericht vom stundenlangen Spaziergang (Str. 1-3) und dem aktuellen Geschehen (ab Str. 4) unklar: 1. Wem soll das Ich dies alles erzählen? 2. Warum bleibt nicht die Tempusform Perfekt/Präteritum erhalten? Man kann natürlich ans aktualisierende historische Präsens denken (ab Str. 4); aber die Sequenz als durchgehende Erzählung überzeugt mich nicht: Sie endet nicht als Erzählung (Str. 16). Der Bericht vom vergangenen Spaziergang steht eher unverbunden vor der Beschreibung gegenwärtigen Erlebens.

Vor dem Kreuz, also wohl vom Kreuz hört das Ich eine mahnende Stimme, wie es im Präsens berichtet (Str. 13), die ihm die Goldene Regel (vgl. Mt 7,12 bzw. Luk 6,31) als Heilmittel empfiehlt und gleich auf seine Einsamkeit anwendet: „Willst du nicht einsam wandern, / So laß nicht einsam stehn.“ Konkret heißt das, das Ich müsste zu dem von ihm (aus unbekannten Gründen) verschmähten Geliebten zurückkehren.

Diesen Schluss zieht das Ich aber nicht, sondern fragt: „Will keiner mir begegnen…?“ (Str. 14) Diese eher unverständliche Frage bereitet die Wahrnehmung vor, dass es einen Schritt hört. Es fragt sich: „Wer ist‘s?“ Und dann fragt es „bist du‘s“ – eine unverständliche Frage, wenn man sie nicht auf das verschmähte Du (Str. 1 ff.) bezieht – wobei das Auftauchen dieses Verschmähten am See natürlich ein kleines Wunder ist, da er doch mit gebrochenem Herzen und mit Schmerzen (Str. 6) zu Hause saß. Nach christlicher Begrüßung stimmt die Ich-Sprecherin dann dem göttlichen Wink zu: „Ach ja, wenn es soll sein…“ – zu ergänzen ist: Dann akzeptiere ich dich als meinen Mann. Ohne diese Ergänzung fehlt die Pointe des Geschehens vor dem Kreuz.

Nach längerem Nachdenken schreibe ich die letzte Strophe als Äußerung dem lyrischen Ich zu: Es hat seinen Gang „In Reue vollendet / Zum Kreuz gewendet“; der Gekreuzigte hat ihm gezeigt, was zu tun ist: sich des verstoßenen Liebhabers zu erbarmen. Str. 16 passt zwar nicht zum sprachlichen Duktus einer Erzählung (ab Str. 1), aber zum erzählten Geschehen von Leiden, Belehrung und Umkehr.

Wie soll man das Gedicht verstehen, wozu hat Brentano ein solches Gedicht von einer verstockten Geliebten, die sich auf des Herrn Jesus Rat dem Verschmähten zuwendet, geschrieben? Ich weiß es nicht, ich kann es nicht in die Geschichte der Liebeslyrik oder des Dichtens Brentanos einordnen, dazu fehlt mir die Kompetenz. Recht simpel verstehe ich es als eine kompensierende Phantasie des verschmähten Dichters Brentano: „1833 lernte Brentano in München die Schweizer Malerin Emilie Linder kennen. Wie bei früheren Frauenbekanntschaften wiederholten sich Liebeswerbung und Bekehrungsbemühungen; wie früher entzog sich die Freundin diesen Forderungen, ohne aber von ihnen ganz unbeeindruckt zu bleiben.“ (Wikipedia, Art. „Clemens Brentano“) Ich will mich biografisch nicht auf Frau Linder festlegen – aber dem oftmals zurückgewiesenen Brentano mag es ein Trost gewesen sein, sich vorzustellen, wie eine ihn Zurückweisende selber an ihrer Einsamkeit leidet und dann vom Herrn Jesus mit der Goldenen Regel belehrt wird, solches zu unterzulassen und sich des armen Liebhabers gefälligst zu erbarmen, auf dass sie aus ihrer eigenen Einsamkeit befreit werde. Das klingt zwar simpel, leuchtet mir aber ein.

Ein großes Gedicht ist es nicht, es hakt an einigen Stellen und könnte auch um zwei Strophen (10 und 11) gekürzt werden; aber es ist interessant, sich mit der Auflösung seiner Rätsel zu beschäftigen.