Wieland: Geschichte des Agathon – gelesen

Die „Geschichte des Agathon“ ist 1766/67 in zwei Teilen erschienen, wurde dann 1773 und noch einmal 1794 überarbeitet. Ich habe die dritte Fassung gelesen und sie grob mit der ersten Fassung verglichen: Die Bücher XIV – XVI sind zusätzlich entworfen worden: die Geschichte der Danae, wodurch sie rechtfertigt, dem Begehren Agathons nicht erneut nachzugeben; die Geschichte des Archytas und ein Überblick über sein philosophisches Weltbild; der kurze Bericht von einer Weltreise Agathons, die ihn endlich ganz reifen lässt und sein aufgeklärt-moralisches Weltbild vom Vorrang der täglichen Pflichterfüllung festigt. Wenn man ehrlich urteilt, kann man sagen, dass diese drei Bücher überflüssig sind und die endlosen Erläuterungen vom Vorzug der Tugend, von der Verderblichkeit der Wollust und vom Nutzen der schönen Künste bloß wiederholen. Geschichte des Agathon“ ist ohnehin ein kopflastiger Roman, in dem wenig gehandelt, aber viel geredet und vom Erzähler erklärt wird. Im zweiten der drei Teile (der Auflage von 1794) geht es etwas lebhafter zu, in der Mitte des dritten Teils ist der Schwung wieder dahin.

Geschichte des Agathon“ ist die Geschichte einer Desillusionierung des enthusiastischen Platonikers Agathon: die Begegnung mit seinem unbekannten Vater, mit dem Sophisten Hippias, mit der schönen Danae, mit dem Tyrannen Dionysius, mit der Familie des Archytas einschließlich seiner inzwischen verheirateten Schwester Psyche und mit der inzwischen zur Tugend bekehrten Danae. Dass er nach seinen negativen Erfahrungen als Kind in Delphi und als politischer Führer in Athen, die in II 7 und II 8 in der Vorgeschichte des Helden nachgetragen werden, immer noch so naiv ist, wie er im Streitgespräch mit Hippias sowie als Berater des Tyrannen Dionysius von Syrakus agiert, klingt nicht glaubhaft. Da ist der Autor seiner aufklärerischen Mission stärker als der psychologischen Wahrscheinlichkeit verpflichtet. Die Figur des ausschließlich den Dokumenten und der Wahrheit verpflichteten Erzählers bzw. Herausgebers und seine Einlassungen gegenüber dem Leser verdienten eine besondere Untersuchung.

Das Urteil des Erzählers über Danae vermittelt einen Eindruck vom Geist des Romans: „Eine schöne Seele kann sich verirren, kann durch Blendwerke getäuscht werden; aber sie kann nicht aufhören, eine schöne Seele zu sein. Laßt den magischen Nebel zerstreut werden, laßt sie die Gottheit der Tugend kennen lernen! Dies ist der Augenblick, wo sie sich selbst kennen lernt; wo sie fühlt, daß Tugend kein leerer Name, kein Geschöpf der Einbildung, keine Erfindung des Betrugs, – daß sie die Bestimmung, die Pflicht, die Wollust, der Ruhm, das höchste Gut eines denkenden Wesens ist.“ Zu dieser Einsicht werden Danae und Agathon geführt, und die Leser sollen sich ihnen bitte anschließen!

https://archive.org/details/werkeauswahlinze01wieluoft/page/n9 (Text der dritten Auflage, mit einem Lebensbild Wielands)

https://gutenberg.spiegel.de/buch/geschichte-des-agathon-4642/1 (Text der 1. Auflage)

www.zeno.org/Literatur/M/Wieland,+Christoph+Martin/Romane/Geschichte+des+Agathon/Erster+Teil/Vorbericht (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=1PSpuD_l6Vo und

https://www.youtube.com/watch?v=2uwv2F5s2ps (Text vorgelesen)

https://wiki.zum.de/wiki/Geschichte_des_Agathon (Kurzübersicht mit vielen Zitaten – ein guter Eindruck vom Roman)

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Agathon (dürftige Übersicht)

http://wwwu.edu.uni-klu.ac.at/jpichler/wieland.html (Referat eines Studenten: Inhalt und Aufbau des Romans)

https://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4348 (Rezension)

https://www.iasj.net/iasj?func=fulltext&aId=67451 (Einführung, Analyse der Hauptgestalten)

http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/serien/hr/escripta/6_2013.pdf (Liebe und Sexualität im Roman)

https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Martin_Wieland (C. M. Wieland)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/lebensgeschichte-29 (dito)

Es gibt verschiedene Hörbücher und natürlich moderne Ausgaben des Textes.

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H. Fielding: Tom Jones – online gelesen

Die Geschichte des Tom Jones, eines Findelkindes“ (1749) ist ein großer Roman – ein Roman der Intrigen und Irrtümer, der Liebschaften und Entlarvungen, des Selbstbetrugs und der meistens böse schillernden Gesellschaft. Er ist ein Beleg dafür, dass die Klassiker fast alle neumodischen literarischen Experimente um Längen schlagen. Der auktoriale Erzähler spielt mit dem Leser Katz und Maus und führt seinen Helden in die größte Gefahr, um ihn schließlich doch zum happy end mit seiner geliebten Sophie Western gelangen zu lassen.

Die Übersetzungen, die es im Netz gibt, stammen aus dem 19. Jahrhundert und waren in Frakturschrift gedruckt, die heute nicht immer korrekt gelesen wird (vgl. https://archive.org/details/bub_gb_VWdMAAAAcAAJ/page/n5), siehe z.B. entstammt < entflammt, verbögen < vermögen. Ursprünglich sind die 18 Bücher des Romans (mit jeweils etwa 10 Kapiteln) in vier Bänden erschienen; die deutsche Übersetzung Diezmanns (1841/1848) liegt aber in sechs Bänden vor, woran sich Gutenberg-Spiegel heute noch orientiert und was es schwer macht, sich im Roman zu orientieren; dafür sind dort aber die Namen der Figuren englisch, während sie in der übersichtlichen Übersetzung bei zeno.org ins Deutsche übersetzt sind („Rebhuhn“ usw.). Bei zeno.org findet man auch die Fußnoten, die bei Gutenberg-Spiegel fehlen. Es gibt heute eine Reihe gedruckter deutscher Ausgaben, zu denen ich aber nichts sagen kann.

Tom Jones“ wird zu den Schelmenromanen gezählt; vom Stil des Erzählers ist er mit Diderots „Jacques der Fatalist“ = „Jakob und sein Herr“ verwandt: einfach große Literatur, die man in Ruhe lesen muss, um die Widersprüche zwischen dem Selbstbild der markanten Figuren und ihrer Wirklichkeit genießen zu können (unübertroffen: die Tante Western).

https://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Jones:_Die_Geschichte_eines_Findelkindes

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/rezension-zu-tom-jones-von-fielding-15375367.html

https://www.zeit.de/1979/52/tom-jones

https://en.wikipedia.org/wiki/The_History_of_Tom_Jones,_a_Foundling

https://www.victoria.ac.nz/law/pdf/lawyers-as-writers/LAWS-Nijman-Guilty.pdf (T. J. und das Recht)

https://gutenberg.spiegel.de/buch/die-geschichte-des-tom-jones-theil-i-791/1 (deutscher Text, Übersetzung Diezmanns)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Fielding,+Henry/Roman/Tom+Jones.+Die+Geschichte+eines+Findlings (deutscher Text, Übersetzung J. Bodes)

https://en.wikisource.org/wiki/The_History_of_Tom_Jones,_a_Foundling (englischer Text)

Kalila und Dimna (Fabeln) – gelesen

Ich habe nur eine Auswahl der Fabeln gelesen: Kalila und Dimna. Vom sinnreichen Umgang mit Freunden. Ausgewählte Fabeln des Bidpai. Nacherzählt von Ramsay Wood (übersetzt von Edgar Otten): Freiburg 1986. Die traditionellen Fabeln sind also durch eine übersetzte Nacherzählung gefärbt, so dass man die schillernden Farben des Originals oft nur erahnen kann.

Die Fabeln werden von Bidpai im Gespräch mit König Dabschelim vorgetragen, doch so, dass aus einer Erzählung die nächste Geschichte entspringt: Eine Figur der Erzählung erzählt einer anderen wiederum eine Geschichte, in der eine Figur einer anderen eine Geschichte erzählt… Gleichwohl verliert man den Rahmen, Bidpai vor dem König, und die Haupterzählung vom bösen Schakal Dimna, der die Freundschaft zwischen dem Löwen und dem Stier durch Lügen und Misstrauen untergräbt, nicht aus den Augen. Es ist ein wunderbares Buch, das zu lesen sich lohnt.

Zur Übersetzung möchte ich sagen, dass sie einige Macken aufweist, wie man an folgenden Beispielen sieht: Als der Wolf auf die Kadaver der Hirschkuh, des Bogenschützen und des Ebers trifft, „sprintet er von Kadaver zu Kadaver“ (S. 213) – das ist unwahrscheinlich, er wird sich langsam bewegen; die Ratte erfreut sich an „einem geilen Goldhaufen“ (S. 218); die Ratte bewertet etwas als „der absolute Nadir“ (S. 220) – der „Tiefpunkt“ trifft es eher, außerdem passen „Nadir“ und „geil“ nicht auf eine Sprachebene; das gilt auch für die Stelle, wo die Ratte die Kurve kratzt und ihr Loch in Agonie erreicht (S. 228) – wer die Kurve kratzt, kennt auch kein Habitat und Sanktuarium (S. 229). Und was eine Halbtierce bzw. ein Buch in der Gestalt einer Halbtierce ist, das konnte ich nicht herausfinden, während ich das Oxhoftfass in der Wikipedia gefunden habe.

https://www.wikizero.com/de/Kal%C4%ABla_wa_Dimna

https://www.evolution-mensch.de/Anthropologie/Kal%C4%ABla_wa_Dimna

https://en.wikipedia.org/wiki/Panchatantra (umfangreich)

https://en.wikipedia.org/wiki/Calila_e_Dimna (dito)

http://self.gutenberg.org/articles/Kalila_and_Dimna

https://de.wikipedia.org/wiki/Kal%C4%ABla_wa_Dimna

https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/734966

https://archive.org/details/bub_gb_fJAWAAAAYAAJ_2/page/n5 (Text, ungekürzt)

https://archive.org/details/kalilaunddimnasy00bdps/page/n249 (Text, syrisch und deutsch)

https://www.chbeck.de/kalila-dimna/product/20616 (Übersetzung der persischen Fassung, Rezension: http://www.sandammeer.at/rezensionen/monschi-kalila.htm)

http://www.inst.at/trans/16Nr/06_1/haschemi16.htm (Auswirkungen auf die Fabeln der dt. Aufklärung)

https://journals.ut.ac.ir/article_19136_e471c878eee832e37492328c47fe2ba0.pdf (Rezeption in Iran und Deutschland)

Saša Stanišić: Herkunft (2019) – vorgestellt

Zumindest einmal will ich den Namen richtig schreiben, auch wenn meine Maschine nicht die jugoslawischen Sonderzeichen fabrizieren kann: Saša Stanišić, ich habe ihn aus dem Wikipedia-Artikel kopiert. Es geht um seinen Roman „Herkunft“ (2019), der eher eine Sammlung einzelner Geschichten denn ein Roman ist. Sie werden durch das erzählende Ich zusammengehalten, das sich als Saša Stanišić ausgibt und großenteils vermutlich auch ist. Es sind Geschichten eines Flüchtlings – Stanisic spricht politisch korrekt lieber von einem Geflüchteten – der nach Deutschland kommt und sich gegen viele Widerstände als anerkannter Flüchtling etabliert, während seine Eltern Deutschland wieder verlassen müssen und die alte Großmutter ohnehin in Visegrad zurückgeblieben ist.

Der zweite Themenkomplex ist eben die besagte Großmutter, die in ihrer Demenz verwunderlich ist und der mit geschätzten 150 Seiten ziemlich viel Platz eingeräumt wird – zu viel, würde ich sagen, da eine demente Großmutter nichts mit dem zu tun hat, was durch den Titel „Herkunft“ thematisiert wird: wie die Herkunft das Schicksal eines Menschen in Deutschland bestimmt, aber nicht bestimmen sollte. „Ich sagte, Herkunft ist Zufall, immer mal wieder, auch ungefragt.“ (S. 178)

Solche Sätze allerdings machen mich stutzig: Wozu diese verquaste Satzbildung, warum „faulten“ die Spieler beim Basketball (S. 194), wozu gibt es den glühend kalten Tag (S. 240 – lassen wir „den Radio hören“ als süddeutsch durchgehen, auch wenn es grausam klingt)? Ist das nicht alles gekünstelt? Und dann der verschwurbelte Tiefsinn: „Sie legten für ihre Toten eine gute Geschichte ein. Der Geschmack des Brunnenwassers ist aus Sprache gemacht. Die Sprache wird weiterfließen. Einer überleben, um zu erzählen. Um zu sagen: Mein Leben ist unbegreiflich.“ (S 286)

Insgesamt findet man in Stanisics Roman ein Buch, das sich leicht lesen lässt; aber man muss es nicht lesen, finde ich, man hat nicht viel verpasst, wenn man es nicht liest. Es gibt mehrere Kapitel, die völlig belanglos sind (z.B.„Diplomatie“, S. 203); „Geschichtenkitt“ (S. 212) ist ziemlich verworrenes Zeug. Der große Schluss („Der Drachenhort“, S. 289 ff.) ist so konzipiert, dass man sich als Leser nach gehöriger Warnung (S. 291) mit der verworrenen Großmutter konfrontiert sieht (S. 293) und je nach gewählter eigener Reaktion zu zehn verschiedenen Enden der Erzählung geführt wird. Das ist ein künstlich erbautes Labyrinth, auf dessen Axiom ich mich nicht eingelassen habe: „… du erschaffst dein eigenes Abenteuer. (…) Du bist ich.“ Nein, das bin ich nicht und will ich auch nicht sein. Mit dem Angebot „Du bist ich“ wird der stillschweigend geschlossene Pakt des Erzählers mit dem Hörer-Leser gebrochen: ‚Ich erzähle dir die Wahrheit und du glaubst mir.‘ Wenn es nämlich zehn mögliche Wahrheiten gibt – bzw. wenn der Autor bewusst macht, dass es beim Erzählen keine Wahrheit, sondern nur Fiktionen gibt – dann ist das einerseits ehrlich und sogar aufklärend; anderseits wird damit die Empathie, mit der man das Flüchtlings-Ich Sascha begleitet hat, als blauäugiger Naivität entsprungen entlarvt. „Bemitleidenswerter Flüchtling? April, April, ich könnte auch ganz anders erzählen, sprich: ‚anderes erlebt haben‘ – wir betreiben hier Unterhaltung!“ [Man vergleiche dagegen die abgründige Erzählung  Borges‘ „Der Garten der Pfade, die sich verzweigen“!]

Im folgenden Zitat (S. 193) wird diese Position allerdings widerrufen, so dass man sagen muss: Das Angebot der zehn möglichen Enden ist nicht durchdacht, es ist bloß ein modischer Schlenker: „Ich brauche niemandem zu erklären, warum ich dort, wo ich herkomme, nicht mehr bin. Es kommt mir vor, als würde ich genau das aber immerfort tun. Fast entschuldigend auch. Auch mir selbst gegenüber. Es kommt mir vor, als stünde ich wegen der Geschichte dieser Stadt, Visegrad, und wegen des Glücks meiner Kindheit in einer Schuld, die ich mit Geschichten begleichen muss. Es kommt mir vor, als meinten meine Geschichten diese Stadt sogar dann, wenn ich nicht über sie schreiben will.“ (S. 193)

Die begeisterten Rezensionen des Buches lassen mich ratlos zurück, ich bin von anderen Büchern begeistert. Und ob jemand nach der Lektüre seine Einstellung gegenüber den „Fremden“ ändert, bezweifle ich: Die Autoren des Feuilletons leben in ihrer eigenen Welt.

(Version vom 24. Juni 2019)

https://www.spiegel.de/kultur/literatur/herkunft-von-sasa-stanisic-ein-superbuch-a-1258440.html

https://www.zeit.de/2019/12/herkunft-sasa-stanisic-roman-autobiografie

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article190665023/Herkunft-von-Sasa-Stanisic-Von-Bosnien-nach-Deutschland.html usw.

Carola Sterns Biografie der Johanna Schopenhauer (2003) – erneut gelesen

Irgendwie kamen mir die Figuren bekannt vor, als ich gestern Carola Sterns Biografie der Joahnna Schopenhauer, „Alles, was ich in der Welt verlange“ (2003), zu lesen begann; ich dachte, es sei die Erinnerung an Thomas Manns „Lotte in Weimar“ – aber als ich heute zu der Stelle kam, wo erzählt wird, wie Adele und Ottilie für einen preußischen Leutnant schwärmten, wurde mir klar, dass ich das Buch bereits gelesen hatte: 2015, wie eine kurze Besprechung zeigt. Deshalb möchte ich jetzt nur noch einige Einzelheiten nachtragen.

Das Leben der Johanna Schopenhauer wird nicht streng chronologisch, sondern nach Themen geordnet partiell chronologisch erzählt, wodurch sich gelegentlich Passagen überschneiden. Vielleicht verdankt sich das der Methode der Autorin, umfangreich Literatur zu studieren und teilweise zu zitieren (was einfacher ist, wenn man Themen gesondert bearbeitet); so werden die geselligen Abende bei Johanna S. mit einer Beschreibung Garlieb Merkels in seinen „Briefen über Hamburg und Lübeck“ veranschaulicht. Eine zweite Methode besteht darin, Fragen zu stellen und Vermutungen zu äußern – und diese dabei als solche zu kennzeichnen. Und drittens wahrt Carola Stern die historische Distanz, indem sie immer wieder darauf verweist, dass Johanna Schopenhauer in einer anderen Welt als wir heute lebte. Während Johanna sich in Weimar in den besseren Kreisen zu bewegen suchte, verzichtet Carola Stern nicht darauf, auch das Weimar der kleinen Leute zu skizzieren. Den zwei Seiten einer Sache wird sie dadurch gerecht, dass sie einmal die eine und später die andere Seite darstellt: die Freuden und die Beschwernisse des Reisens (S. 93-97), Goethes Liebenswürdigkeit und Goethes Tyrannei (S. 124 f. / S. 137 ff.).

Was mich gestört hat, sind einige unzulässige Verallgemeinerungen: „Schwerhörigkeit macht den, der sie erleidet, und den, der sie ständig miterleben muss, ungeduldig und auch ungerecht, erzeugt in der Ehe Spannungen und Nervosität.“ (S. 89; das braucht man nicht zu diskutieren!) Oder wenn Stern von den Widersprüchen in Johannas Charakter spricht: „dem starken Bedürfnis, zu gefallen und sich also anzupassen, und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben – ein Widerspruch, mit dem bis heute viele Frauen leben“ (S. 129; der Wunsch nach Anerkennung muss durchaus nicht dazu führen, dass man sich ans Milieu anpasst!). Mit solch kurzbeinigen Weisheiten kommt man nicht zur Einsicht in die Probleme eines Lebens.

Carola Stern, deren eigene Biografie einige Überraschungen bietet (siehe den Wikipedia-Artikel!), schreibt flüssig und flott. Allerdings unterlaufen ihr gelegentlich grammatische Schnitzer: „Später, berichteten die Klatschbasen, sei sie die Geliebte des Zaren Paul geworden und wurde nach dessen Ermordung aus Russland ausgewiesen.“ (S. 77; auch S. 161: „die Miete sei allein für sie zu hoch“, richtig „für sie allein“).

Wenn man den Artikel „Schopenhauer, Johanna“ in der Allgemeinen Deutschen Biographie liest, ist man über Johanna Schopenhauer hinreichend informiert; sie war eine Frau mit großen Ambitionen im Banne Goethes. Carola Sterns Buch zeichnet darüber hinaus vor allem das Bild ihrer Zeit und Zeitgenossen.

Homer: Die Odyssee – gelesen

In den letzten Tagen habe ich, angeregt durch Albert von Schirndings Lobeshymnen auf das Nausikaa-Bild in der Odyssee, dieses Epos in der Übersetzung Roland Hampes gelesen. Die 400 Seiten lesen sich flüssig, aber die große Erleuchtung oder Erschütterung hat sich bei mir nicht eingestellt, und Nausikaa konnte bei mir auch nicht das Bild aller Mädchen und Frauen verdrängen. Man kennt die Irrfahrten und das große Aufräumen am Ende bereits aus vielen Nacherzählungen; so blieb das (übersetzte) Original ohne die große Wirkung, die ihm Gräzisten bescheinigen.

Ein größeres Diktum des Odysseus ist mir allerdings aufgefallen, das mich von fern an der Chorlied der Antigone erinnert:

Siehe, kein Wesen ist so eitel und unbeständig

Als der Mensch, von allem, was lebt und webet auf Erden.

Denn solange die Götter ihm Heil und blühende Jugend

Schenken, trotzt er und wähnt, ihn treffe nimmer ein Unglück.

Aber züchtigen ihn die seligen Götter mit Trübsal,

Dann erträgt er sein Leiden mit Ungeduld und Verzweiflung.

Denn wie die Tage sich ändern, die Gott vom Himmel uns sendet,

Ändert sich auch das Herz des erdebewohnenden Menschen.

Siehe, ich selber war einst ein glücklicher Mann und verübte

Viel Unarten, vom Trotz und Übermute verleitet,

Weil mein Vater mich schützte und meine mächtigen Brüder.

Drum erhebe sich nimmer ein Mann und frevele nimmer,

Sondern genieße, was ihm die Götter bescheren, in Demut!“

(Odysseus zu Amphinomos in der Odyssee XVIII 130 ff.)

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Odyssee

https://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Odyssee

https://archive.org/details/homersodysseeei01goog/page/n5 (Hennings: Ein kritischer Kommentar)

https://archive.org/details/einsthetischerk01sitzgoog/page/n5 (Sitzler: Ein ästhetischer Kommentar)

https://en.wikipedia.org/wiki/Odyssey (darin wichtig die Abschnitte Themes und Scenes)

https://www.penguin.com/static/pdf/teachersguides/HomerOdysseyTG.pdf

https://www.litcharts.com/lit/the-odyssey/book-1

https://www.owleyes.org/text/odyssey  (darin wichtig: Analysis)

https://www.academia.edu/4474894/Analysis_on_The_Odyssey_of_Homer

https://odyssee267.wordpress.com/2017/12/09/mythos-und-aufklaerung-1/

Text:

https://archive.org/details/homersiliasvonjo00home/page/n1

http://www.zeno.org/Literatur/M/Homer/Epen/Odyssee

https://archive.org/details/odysseus_1404_librivox

A. Holl: Wo Gott wohnt (1976) – gelesen

Von Adolf Holl kenne ich zwei Bücher, „Jesus in schlechter Gesellschaft“ (1971) und „Tod und Teufel“ (1973); das erste trifft weithin den Ton Tralala, das zweite hat mir gut gefallen, da es auch die Geschichte seiner Entfremdung vom Priesterberuf erzählt – was aber genau darin steht, weiß ich nicht mehr, ich muss es mal wieder lesen. Jetzt habe ich mir antiquarisch „Wo Gott wohnt“ (1976) gekauft, aufgrund einer uralten Empfehlung einer guten Bekannten: Hier wird die Geschichte des biblischen Gottes erzählt, dessen Zeit inzwischen um ist, damit ihm der kleine Gott Jesus nachfolgen kann, der alle 155 Jahre ein Jahr älter wird und deshalb jetzt gerade erwachsen ist, so dass von ihm noch etwas zu erwarten ist.

Im Hintergrund des Buches steht die Erkenntnis, dass die Israeliten nicht immer den gleichen GOTT verehrt haben, dass es verschiedene Namen und Vorstellungen des GOTTes gab, dass er zuerst neben anderen Göttern stand, ehe er als EINZIGER verehrt wurde… was natürlich im Religionsunterricht so nicht gesagt wurde und was die meisten katholischen Bischöfe vermutlich heute noch nicht wissen, da sie stramm eine ahistorische Dogmatik gelernt haben. Die letzte seriöse Darstellung des Problems, die ich kenne, stammt von Werner H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte (3. Auflage 1979; es gibt eine 7., verbesserte Auflage); vermutlich gibt es neuere Darstellungen, ich habe das nicht mehr verfolgt. Aus dieser Geschichte der Gottesvorstellungen macht Adolf Holl nun eine Geschichte GOTTes, der sich selber entwickelt – für die in griechischer Philosophie Denkenden (wie die Kirchenväter und die Konzilien) ein grauenhafter und lästerlicher Gedanke.

Wenn ich es recht sehe, hatte Heinrich Heine als erster die Idee, eine Biografie Gottes zu schreiben; diese Idee ist in sich kritisch, weil sie ein Ende GOTTes impliziert, Schwäche und Tod – das Gegenteil GOTTes. Bei Adolf Holl wird dieses Ende zugunsten des kleinen Gottes Jesus begrüßt: Holl greift dafür auf Christus-Darstellungen in den Katakomben zurück, „Darstellungen einer knabenhaften Gestalt: eine Art Hirtenjunge, ohne Bart [ganz wichtig, El war nämlich ein alter Mann mit Bart, S. 37, N.T.], ähnlich dem griechischen Gott Orpheus“ – „Jesus, der den Tod überlistet, unangestrengt und bei bester Gesundheit“ (S. 118). Dieser kleine Gott wendet sich vom Himmel ab und den Menschen zu, zum Schluss fährt er mit Luzifer und der Geist-Taube per Bus bis zur Endstation. Was sie da tun, wird nicht mehr erzählt.

Auf der Basis einiger historischer Fakten, in freier Variation biblischer Erzählungen und mit viel Fiktion und Fantasie erzählt Holl auszugsweise biblische und kirchliche Geschichte(n) nach – insgesamt wieder in der Methode Tralala. Das ist ganz nett, mehr aber auch nicht; eine marxistisch-kritische Darstellung der ganzen Geschichte hat Walter Beltz geschrieben: „Gott und die Götter. Biblische Mythologie“ (1975). Lesenswert sind Leszek Kolakowskis geistreiche Kommentare zu einzelnen biblischen Geschichten, „Der Himmelsschlüssel. Erbauliche Geschichten“ (1964). Was Jack Miles‘ „Gott. Eine Biographie“ (1996) taugt, weiß ich nicht; ich hänge zwei Rezensionen an, die ich im Netz gefunden habe.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-am-achten-tag-schuf-gott-sich-selbst-11306703.html

https://hansarandt.wordpress.com/2015/01/03/das-selbstbewusstsein-gottes/

A. von Schirnding: Alphabet meines Lebens (2000) – gelesen

Juri Rytheu hat 2010 eine autobiografische Erzählung mit dem Titel „Alphabet meines Lebens“ veröffentlicht, zehn Jahre zuvor hat Albert von Schirnding den gleichen Titel und die gleiche Methode benutzt, um von seinem Leben zu erzählen (dtv, 2000) – überhaupt eine beliebte Methode, um ein Thema unsystematisch zu bearbeiten. Die normale Biografie ist chronologisch organisiert, jedenfalls im Prinzip; die Orientierung an alphabetisch geordneten Stichworten schafft die Möglichkeit, wichtige Aspekte des eigenen Lebens zu schildern – oder zu verschweigen, indem man das Stichwort einfach nicht behandelt.

Wozu erzählt man Fremden von seinem Leben? Entweder muss das eigene Leben bedeutsam sein, die erzählten Ereignisse müssen wichtig oder der Erinnerung wert sein, oder sie müssen in irgendeiner Hinsicht typisch oder beispielhaft sein. Albert von Schirnding, 1935 geboren, hat die Artikel seines Buches noch im 20. Jahrhundert verfasst; er berücksichtigt 29 Stichworte, von Abstammung über Christentum, Heimat, Poeten, Unsterblichkeit bis Zuletzt. „Skizzenweise“ schreibe er, sagt er mit Berufung auf ein Goethe-Zitat. Ich kannte Herrn von Schirnding als Autor der SZ, heute werden ihn sicher außerhalb Bayerns nicht mehr viele Zeitgenossen kennen. Weil mich die Methode des Erzählens reizte, habe ich vor Jahren das Buch gekauft. Die 29 Aufsätze sind von unterschiedlicher Länge und Qualität.

Abstammung“ ist einer der längsten; die Familiengeschichte derer von Schirnding lässt sich bis ins Mittelalter verfolgen, aber sie interessiert mich nicht und ist in ihren Einzelheiten auch für den Autor nicht von Belang; im ganzen Buch jedoch merkt man (und gibt der Autor auch zu), dass die Herkunft aus einer adligen Familie beim Start ins Leben einen großen Vorsprung sichert. Über sein Kindermädchen „Deta“ berichtet er von ihrem Lebensende, aber nichts für ihn Wesentliches; der Artikel könnte ruhig fehlen. Von den „Eltern“ als solchen erzählt er nicht; er spricht von ihnen, um sich mit dem Tod und den Toten auseinanderzusetzen; dabei zeigt er im Rückgriff auf griechische Mythen und psychoanalytisches Vokabular, wie gebildet er ist. Unter „Freunde“ lesen wir von vier Jugendfreunden, die ich nicht kenne und die man nicht zu kennen braucht – und die von Schirnding selbst als Erwachsener auch aus den Augen verloren hat. In „Christentum“ finden wir die üblichen Bekannten; am Ende bleiben mit Karl Rahner und Reinhold Schneider zwei dunkle Stimmen, die irgendwie „dennoch“ am Glauben festhalten. „Griechisch“ ist ein bedeutsamer Artikel: Schirnding als Schüler, als Student und als Griechischlehrer, als ein Begeisterter, der zur Rettung aus den Wirren der Gegenwart sogar die Rückkehr zu den Griechen um das Jahr 400 vor Christus empfiehlt (S. 117), ohne jedoch zu sagen, was man dort für unsere Rettung finden kann; ich habe mir jedoch vorgenommen, demnächst die „Odyssee“ ganz zu lesen. Schirnding liebt dunkle Andeutungen, wie man auch am Ende des Abschnitts „Abstammung“ sieht: Die Toten „können von unserer Erinnerung nicht leben [richtig, N.T.], sie müssen sich schon selber genug sein lassen an dem, was sie gewesen sind [wie das? Die Toten gibt es nicht, sie können deshalb nichts tun.]. Unser Gedenken kann nur den Sinn haben, das spezifische Gewicht des eigenen Daseins schwerer zu machen [ein Bild – was denkt man sich dazu?].“ (S. 31 f.)

Das „Selbstporträt“ fällt dürftig aus; über den Autor erfährt man am meisten in den Artikeln „Griechisch, Lesen, Orte“. Er ist ein bayerischer Adeliger aus dem böhmischen Grenzland, Jahrgang 1935, er hat Griechisch unterrichtet, er hat gedichtet und Bücher veröffentlicht, er war in den literarischen Kreisen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vernetzt und ist irgendwie katholisch geblieben – wer ihn kennt, den könnte das Buch interessieren; wer ihn nicht kennt, den braucht es nicht zu interessieren. Das möchte ich mit einem Hinweis auf den Aufsatz „Märchen“ belegen: Wer denkt, er erfahre etwas von dem, was ihm Märchen bedeutet haben, der wird enttäuscht; stattdessen liest man ziemlich „schlaue“ Gedanken über eine Reihe von Märchen, wobei er nicht ohne Seitenhieb auf die „Psycho-Theologen“ auskommt, zu denen er doch selber hier gehört. Denn dass „[i]n einer etwas tieferen Schicht“ (S. 161 f.) die kluge Else die Sympathie des Erzählers und damit auch des Zuhörers erfahre, halte ich für Spinnerei; und die Reichweite ihrer Phantasie ist mitnichten ein Zeichen ihrer Klugheit (S. 161) , sondern ihrer Dummheit, ihr Attribut „klug“ ist und bleibt ironisch.

Die Artikel „Unsterblichkeit“ und „Zuletzt“ zeigen, dass er nicht den Mut hat, (seine) philosophie- und christentumskritischen Gedanken zu Ende zu denken. Er hält sich an Karl Rahner, der vom Tod Jesu sagt, das sei „ein solcher, der von seinem eigensten Wesen aus in die Auferstehung sich aufhebt, in diese hineinstirbt“ (S. 67). Wer solche Sätze versteht und dann auch glaubt, der kann sich an Albert von Schirnding halten.

Das Beste am Buch ist die Idee des Alphabets, um sein Leben in Stichworten zu erfassen. Vielleicht sollte man das selber einmal probieren?

http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/alphabet-meines-lebens.html

Albert von Schirnding:

https://www.literaturportal-bayern.de/autorinnen-autoren?task=lpbauthor.default&pnd=117276413

https://www.mittelbayerische.de/kultur/ein-leben-als-gesamtkunstwerk-21852-art1196213.html (Schirnding zum 80.)

https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_von_Schirnding

F. Schottlaender: Die Mutter als Schicksal – erneut gelesen

Außer einigen Fachleuten kennt heute kaum noch jemand Felix Schottlaender (1892-1958), einen bedeutenden Psychoanalytiker jüdischer Herkunft. Sein Buch „Die Mutter als Schicksal“, 1967 erneut als Taschenbuch erschienen (Stundenbücher 72, damals 3,80 DM), habe ich 1972 gekauft und gelesen; es hat mein Leben verändert. Es hat mich gelehrt, 1. hinter dem Bild von mütterlicher Angst, Sorge, Herrschsucht, Opferbereitschaft – „Liebe“ oder „Mutterliebe“ genannt – die neurotische Frau zu sehen, 2. die Mechanismen gegenseitiger Bindung und Verstrickung als fallhafte Vorgänge zu begreifen, 3. dadurch Distanz zu den moralischen Kategorien von Dankbarkeit, Mitleid und Gehorsam zu gewinnen: Was mich selbst bisher im Innersten betroffen hatte, war ein neurotischer Prozess, der letztlich nicht mich selber meinte; es war ein Fall. Diese Einsicht hat zu meiner Befreiung beigetragen – nicht sie allein, aber sie auch. Ich habe das Buch im August 1972 als eine Offenbarung verschlungen; heute lese ich es gelassen, die Gedanken sind mir vertraut.

Als Kennzeichen der Neurose nennt Schottlaender

  • ein erhöhtes Leiden am Leben,
  • ein Minderwertigkeitsgefühl,
  • die Ichhaftigkeit,
  • den Anspruch auf Liebe (aus dem Wunsch, selber lieben zu können),
  • Schwierigkeiten im Liebesleben.

Diese Wesenszüge seien auf Störungen in den Liebesbeziehungen des ehemaligen Kindes zu seiner Mutter zurückzuführen.

In den nächsten Kapiteln erklärt Schottlaender anschaulich und verständlich anhand von Beispielen, was Mütter im Verhältnis zum Kind falsch machen können und dass die Bindung das Gegenteil von Liebe ist. In den folgenden Fallgeschichten beschreibt er, wie er Neurotikern zu helfen versucht hat, was ihm nicht immer gelungen ist. Besonders aufschlussreich für mich war das Kap. VII, in dem die Bindung zweier tüchtiger erwachsener Söhne an ihre Mutter unter dem Stichwort „Kleinbürgerliches Inferno“ beschrieben wird: Einer der beiden bricht aus und heiratet, der andere bleibt bei der Mutter. – Dieses Beispiel zeigt, dass die kritische Einsicht in die Ambivalenz der „Mutterliebe“ nur dann die in der Bindung Gefangenen befreien kann, wenn beide Parteien diese Einsicht gewinnen, so dass man sich distanziert arrangieren kann; wenn die Mutter ihre ambivalente Bindung nicht erkennt oder nicht anerkennen will/kann, kann und sollte man als Sohn diese Bindung abbrechen, egal wie viel Herzschmerzen die Mutter bekommt und womit sie droht.

Schottlaender war offenbar ein gütiger, verständnisvoller Mensch. Seine zum Schluss (anscheinend kurz nach Krieg) geäußerte Hoffnung, das Christentum werde die Greuel des Dritten Reiches überwinden helfen, hat sich nach meiner Einschätzung nicht erfüllt. – Ein kleines großes Buch, das es noch antiquarisch zu kaufen gibt, wenn es heute insgesamt auch nicht mehr so „aufklärerisch“ sein kann wie für mich 1972. Auch Schottlaenders Buch „Des Lebens schöne Mitte. Gedanken über Liebe und Ehe“ ist heute noch lesenswert, wenn es in den Stadtbibliotheken auch längst ausgeschieden worden ist.

Felix Schottlaender:

https://www.fachzeitungen.de/ebook-felix-schottlaender-0

http://www.ciando.com/ebook/bid-477755-felix-schottlaender-leben-und-werk/leseprobe/

https://download.e-bookshelf.de/download/0000/7541/97/L-G-0000754197-0002328550.pdf

https://www.psychoanalytikerinnen.de/deutschland_geschichte.html

https://www.akademie-stuttgart.de/geschichte/

https://psychoanalysestgt.de/dateien/stuttgarter.html

https://also42.wordpress.com/2016/01/11/blinde-flecken-meditation/

Ph. Ariès: Bilder zur Geschichte des Todes (1984) – vorgestellt

Philippe Ariès‘ „Bilder zur Geschichte des Todes“ (1983, deutsch 1984) bietet rund 400 Bilder, mit denen er seine Theorie von der „Geschichte des Todes“ (1976) im Abendland seit dem Mittelalter illustriert. Da ich den Theorieband nicht kenne, kann ich nur mit Einschränkungen über den Bildband urteilen, den ich dieser Tage gelesen habe und in dem viele Nachweise fehlen, die im Theorieband zu finden sein müssten. Ariès geht also der Frage nach, wie wir seit dem 9. Jahrhundert in Europa die Toten begraben und wie wir sie bzw. „den Tod“ dargestellt haben.

Was mich an meine Beobachtungen in Brügge erinnerte, waren die Hinweise auf das Aufkommen des Porträts, das hier mit der Figur des priant in Verbindung gebracht wird: In Brügge kann man schön sehen, wie sich das Porträt nach 1300 aus den Stifterfiguren entwickelt hat, wobei die gefalteten Hände der anbetenden Stifter anfänglich auch noch (inzwischen funktionslos) auf den Porträts auftauchen.

Das Buch leidet daran, dass sich historische Verläufe und systematische Aspekte vermengen. Thematisiert werden der Friedhof und die Kirche; die Gräber; vom Totenbett zum Grabe; das Jenseits; omnia vanitas; die Wiederkehr des Friedhofs; der Tod des anderen; „Und heute?“. Um nicht den Überblick über die Fülle der Bilder und Behauptungen zu verlieren, müsste man sich bei der Lektüre Notizen machen. Auf jeden Fall wird der Blick des Lesers auf Details geschärft, die man sonst nicht wahrnimmt.

Manche Äußerungen des Autors sind problematisch, etwa dass es „die Hölle“ erst seit dem 13. Jahrhundert gebe (S. 154). Unklar ist, wie viele der kleinen Schnitzer auf das Konto des Übersetzers Hans-Horst Henschen gehen (sicher „Photomontage“ S. 184, „Soziabilität“ ist einfach nicht übersetzt, S. 188; das Alter der Frau auf Bild Nr. 293 war 35, nicht 36 – vielleicht ein Fehler des Autors), manche Aussagen bleiben schleierhaft. Der Druck der Fotos ist etwas grobkörnig, so dass manche Einzelheiten kaum zu erkennen sind.

30 Jahre stand das Buch unbeachtet im Bücherschrank, jetzt habe ich es mit Gewinn, teilweise auch mit Verwirrung gelesen und die Bilder betrachtet.

Geschichte des Todes (deutsch 1976):

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41069411.html

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14320141.html

https://doc1.bibliothek.li/aaa/000A092296.pdf (Inhaltsverzeichnis)

http://www.transhistory.de/tod_jenseits/index.html (kleine Parallele)

http://www.rowane.de/html/inhalt.htm (dito)

Gabriele Tergit: Effingers (1951 / 2019) – gelesen

70 Jahre deutscher Geschichte, 1878 – 1948, spiegeln sich in den Schicksalen der jüdischen Familien Goldschmidt und Effinger, eines Bankiers und eines Uhrmachers. Am 4. April 2019 erschien die begeistere Rezension Jens Biskys in der SZ, wenige Tage später war der Roman vergriffen, zehn Tage später lag er wieder vor, so dass ich ihn kaufen und lesen konnte: Es ist ein großer Roman, der das Leben von vier Generationen umfasst, von rund 30 Personen, die allesamt ihre Eigenheiten haben und sich im Lauf der Jahre ändern oder auch nicht ändern. Wir begegnen den national gesinnten Menschen im Kaiserreich und der dumpfen Vormacht der Militärs; wir erleben die Krisen der neu gegründeten Fabrik der Effingers, den Ersten Weltkrieg und die schrecklich-schönen Jahre der Weimarer Republik, den Aufstieg der Nazis, geschäftliche und künstlerische Karrieren und persönliche Pleiten, die sozialen Zwänge in den besseren Familien, die Unterschiede zwischen der Großstadt Berlin und dem Leben auf dem Land in Süddeutschland, zahlreiche Hochzeiten, Geburten und Todesfälle, und in den ganzen Jahren immer wieder den Antisemitismus, der bei den Nazis in Enteignung, Brandstiftung und Mord endete.

Die Figuren sind mit klarem Blick gezeichnet: „Sie brauchte zur Wahl jedes Nachthemds länger als zur Wahl ihres Bräutigams.“ (Sofie, vor ihrer missglückten Hochzeit, erinnert wie vieles im Buch an „Buddenbrooks“)

Lotte merkte: Wer gewissenlos war und eine modulationsfähige Stimme hatte, konnte die Menschen führen, wohin er wollte.“

Sie bauen keine Häuser mehr“, sagte Annette [1925]. „Sie wollen Zwei- und Dreizimmerwohnungen, Autos und Reisen. Es liegt ihnen nichts mehr an einem schönen Heim.“

Die Juden haben das Geld und sind Kommunisten. Die Juden morden kleine Kinder und zerstören den Ladenbesitz. Die Juden sind vor allem machtlos, und infolgedessen kann man sie ungestraft angreifen, und angreifen ist die Hauptsache.“

Eine wichtige Situation ist die, als Paul im Gefängnis in der Bibel Jesaja 10,13 ff. liest: „Und so sprach er: Durch die Kraft meiner Hand habe ich solches getan, weil ich so klug bin; darum habe ich die Grenzen der Völker verrückt, ihre Schätze geplündert und mich als Helden erwiesen…“ Und Paul weiß, dass es so war und so sein wird.

https://www.sueddeutsche.de/kultur/effingers-gabriele-tergit-rezension-1.4388556 (Jens Bisky)

https://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-03/verlage-romane-wiederentdeckungen-tergit

https://saetzeundschaetze.com/2019/04/07/gabriele-tergit-effingers/

https://www.diebuchbloggerin.de/das-literarische-quartett-die-buecher-der-sendung-am-1-maerz-2019/

Maya Angelou: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt (1969) – vorgestellt

Warum fesseln uns die Geschichten der Unterdrückten? Sind es die Gefahren, die sie zu bestehen haben, oder ist es ihr Kämpferherz, das uns beeindruckt? Maya Angelou, eigentlich Marguerite A. Johnson (1928-2014), war eine bedeutende Figur der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. In ihrem 1969 veröffentlichten Buch „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ (deutsch 1980), erzählt sie ihre Lebensgeschichte im Alter von drei bis 17 Jahren: wie sie von ihren geschiedenen Eltern zusammen mit ihrem Bruder zur Oma geschickt wurde, wie sie die Demütigungen der Schwarzen in den USA am eigenen Leibe erlebte, wie sie durch den Zusammenhalt der Familie und die Religion ihrer lebenstüchtigen Großmutter geprägt wurde, wie sie langsam (und manchmal zu heftig und schnell) in die Sexualität eingeführt wurde, wie sie um ihre Selbständigkeit kämpfte und noch als gute Schülerin Mutter wurde…

Es ist ein bewegendes Buch. „In ihren zarten Jahren wird die schwarze Frau von allen Kräften der Natur heimgesucht. Sie gerät in ein dreifaches Kreuzfeuer von Vorurteilen: des unlogischen weißen Hasses, der schwarzen Ohnmacht und des männlichen Chauvinismus.“ Maya Angelou hat dieses Kreuzfeuer bestanden.

Rezensionen:

https://wortgelueste.de/angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/

https://www.deutschlandfunk.de/maya-angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt-von.700.de.html?dram:article_id=440735

https://www.54books.de/angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/

https://motivationsgeschichten.com/2012/04/09/maya-angelou-weiss-gefangene-vogel-singt-13420993/

https://www.54books.de/54readsma-maya-angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/

die Autorin:

https://de.wikipedia.org/wiki/Maya_Angelou