J. Bator: Dunkel, fast Nacht (2016) – Besprechung

Joanna Bator: Dunkel, fast Nacht. Roman. Aus dem Polnischen von Lisa Palmes. Suhrkamp 2016

Endlich wieder ein großer Roman, dessen 500 Seiten man mühelos bewältigt – nur beim ersten Kapitel habe ich mich schwer getan. Die Ich-Erzählerin Alicja Tabor, Reporterin einer großen polnischen Zeitung, fährt im Herbst in ihre Heimatstadt Walbrzych, wo drei Kinder verschwunden sind. Darüber will sie eine Reportage schreiben, doch sie wird in das dunkle Geschehen einbezogen, entdeckt schließlich eines der entführten Kinder und jagt als gute Läuferin den Mittäter Jerry Swan über 15 Kilometer, was dieser dann nicht überlebt.

Doch ehe es so weit ist, erfährt Alicja und mit ihr der Leser viele Geschichten, in denen die Vergangenheit Walbrzychs lebt – zunächst die Vergangenheit Ewas, der „großen“ Schwester Alicjas, und die der Familie Tabor: Ewa hat Alicja vor der schrecklichen Mutter beschützt und mit 16 Jahren Selbstmord begangen. In diesen Geschichten findet Alicja dann zu sich selbst, sie verändert sich im Lauf des Geschehens, wozu auch die Liebesbegegnung mit Marcin beiträgt. Man kann die teilweise verwirrend verflochtenen Erzählstränge nur schwer entwirren; ich begnüge mich damit, verschiedene Dimensionen des Romans zu benennen:

  • Alicja erfährt stückweise Ewas Geschichte und die ihrer bösen Mutter, die als Kind von Russen 1945 vergewaltigt wurde, und begegnet so sich selbst. Die Liebesbegegnung mit Marcin wird erst durch Alicjas Wandlung möglich.
  • Das erzählte Geschehen hat eine mythische Dimension, in der die Katzenfresser von den Katzenfrauen und ihren Verbündeten bekämpft und besiegt werden; diese Dimension ist einerseits geheimnisvoll, anderseits wird von ihr nicht ohne Ironie erzählt (die Aufzählungen der Namen aller Katzenfrauen z.B.). Eine getötete und enthäutete Katze stellt die Verbindung zur Detektivgeschichte her.
  • Die Suche nach den entführten Kindern bringt Elemente der Detektivgeschichte zur Geltung; dazu gehören dann auch geheimnisvolle Anrufe oder Nachrichten im Internet. Am Schluss erzählen die Protagonisten verschiedene Geschichten, wodurch die beiden Verbrechen aufgeklärt werden, wenn auch ein Kind nicht gerettet wird. Die Geheimnisse um Schloss Fürstenstein und den verlorenen Schatz gehören ebenfalls hierhin; die Geheimnisse der Beteiligten werden schrittweise gelüftet, was teilweise das Verstehen erschwert.
  • Es ist ein Roman, in dem die Verhängnisse der Familiengeschichten deutlich werden, aus denen sich jedoch einzelne befreien können, etwa Alicja und Marcin; später löst sich Marek von seiner dominanten Mutter, die hinter den Entführungen steht, und der vermeintlich entführte Junge hat eine deutsche Pflegefamilie gefunden, seine Entführung war nur von seiner kranken Oma vorgeschoben.
  • Es ist ein polnischer Roman, in dem es neben dem Katholizismus samt Reliquiengeschäft und volksverdummender Madonnenverehrung auch noch die deutsche Vergangenheit des Krieges und der Vertreibung aus Schlesien untergründig weiterwirkend gibt.
  • Stichwort Internet: In drei Protokollen über das, was die Leute anlässlich der Entführungen und des Plans, eine großen Marienstatue zu errichten, im Chat alles von sich geben, zeigt sich die (nicht nur) polnische Volksseele als wahrer Hexenkessel – die Protokolle weisen bereits satirische Züge auf, finde ich. Die polnische Volksseele unterscheidet sich jedoch nicht wesentlich von der deutschen, man sollte diesbezüglich kein Illusionen hegen.

Alles habe ich bei der ersten Lektüre nicht verstanden, z.B. wie Dawid, Ewas ehemalige große Liebe, entschwindet und schließlich zu Tode kommt, aber das trübt den Gesamteindruck nicht: Die Lektüre war ein großes Leseerlebnis. Vergleiche auch

http://literaturkritik.de/id/22144 (die umfassendste Rezension)

https://schiefgelesen.net/2016/05/10/3982/ (kritisch)

http://www.swr.de/swr2/literatur/buch-der-woche/joanna-bator-dunkel-fast-nacht/-/id=8316184/did=17051888/nid=8316184/14oa2tw/index.html

https://www.hkw.de/de/programm/projekte/2016/internationaler_literaturpreis_2016/shortlist_2016/joanna_bator_lisa_palmes_dunkel_fast_nacht.php

https://muromez.com/2016/04/20/joanna-bator-dunkel-fast-nacht/

https://www.rezensions-seite.de/rezensionen/belletristik/joanna-bator-dunkel-fast-nacht/

http://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Literatur_Romane%20+%20Belletristik.php?id=14191889

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article153688369/Ich-habe-immer-das-Unheimliche-gespuert.html (Interview mit J. B.)

G. Vermes: Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas (2016) – gelesen

Geza Vermes: Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas. Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, 2016.

Das Buch rekonstruiert in drei großen Schritten und elf Kapiteln die zweistufige Entstehung des Christentums – mit einem kurzen „jüdischen Auftakt“ und einer längeren Formung zur Heidenkirche. Erster Schritt: Leben und Lehre des historischen Jesus werden eingebettet in die Tradition und Richtung eines zeitgenössischen „charismatischen“, prophetischen, eschatologischen, das heißt das unmittelbare Bevorstehen der Endzeit erwartenden Judentums (Kapitel 1 und 2). Zweiter Schritt: Die „Urgemeinde“ oder „Jesusbruderschaft“ der Apostel und ihrer Gefährten, die nichts anderes als eine jüdische Sekte war, wird in zwei Stufen völlig transformiert: Zunächst deutet Paulus, der eigentliche Gründer des Christentums, die bereits etablierten Rituale von Taufe und Abendmahl allegorisch um, baut die Lehre „großartig“ erfinderisch zu einem „Kultdrama über den Mythos vom sterbenden und auferstehenden Gottessohn“ aus und verlagert die Mission nicht ohne Konflikte, aber schließlich erfolgreich von Juden auf Nichtjuden. Jahrzehnte später bietet, daran anschließend, der Verfasser des Johannesevangeliums das vom historischen Jesus völlig abgehobene, von griechischer Philosophie inspirierte, gänzlich unjüdische Bild eines göttlichen Christus als des „Logos“ und die Skizze eines mystisch personifizierten Heiligen Geistes (Kapitel 3 bis 5).

Der dritte Schritt ist am ausführlichsten dargestellt (Kapitel 6 bis 10): die Weiterentwicklung des Christentums, vor allem des Dogmas, von zwei mit den apostolischen noch gleichzeitigen Schriften (Didache, Barnabasbrief) über die verschiedenen Generationen von Kirchenvätern bis zu den dogmatischen Auseinandersetzungen, als deren Abschluss das Konzil von Nizäa im Jahre 325 gedacht war. Vergeblich – aber immerhin wurde auf ihm die bis dahin höchst umstrittene, danach jedoch für die größten Teile des weiteren Christentums bis heute verbindliche Lehre von einem „dreieinigen“ Gott festgeschrieben.“ Mit diesem Auszug aus der großartigen Besprechung Norbert Mecklenburgs (http://literaturkritik.de/vermes-vom-jesus-der-geschichte-zum-christus-des-dogmas-von-der-theozentrik-zur-christozentrik,22944.html), aufgrund deren ich das Werk gekauft und gelesen habe, möchte ich ein Buch des inzwischen verstorbenen jüdischen Gelehrten Geza Vermes vorstellen.

Vermes war mit seinen Eltern zum Katholizismus konvertiert, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum katholischen Priester geweiht, heiratete und wandte sich wieder vom Christentum ab. Er hat sich wiederholt mit der Gestalt Jesu beschäftigt; in diesem Alterswerk zeigt er auf, wie aus dem jüdischen charismatischen Wanderprediger Jesus, der die baldige Ankunft des Gottesreiches verkündete, im Denken der Heidenchristen der wesenhaft göttliche Christus wurde – und wie sich die Gemeinde seiner Anhänger zur Institution Kirche veränderte, einer Institution, die Jesus weder vorhergesehen noch gewollt hat.

Was Vermes schreibt, ist für Historiker nicht wesentlich neu; erfrischend ist jedoch seine Klarheit, seine Sympathie für den jüdischen Jesus, der uns in der Didache und bei den Synoptikern begegnet, und seine Distanz, aus der er die Sprünge des christologischen Denkens beschreibt. Wenn man wie ich die harmonisierenden Deutungen der christlichen (v.a. der katholischen) Theologen genossen hat, welche eine ehrliche historische Lektüre der alten Schriften verbauen, weiß man Vermes‘ Offenheit und seine kleinen Bosheiten zu schätzen: „Im Denken des Arius ist, was in der Theologie vielleicht nicht wirklich wünschenswert ist, nichts unklar, und nichts bleibt bei ihm ungesagt.“ (S. 313) Neu war für mich das erste Kapitel „Charismatisches Judentum von Moses bis Jesus“; wenn man dieses Judentum und seine Gestalten kennt, fällt es nicht schwer, Jesus als eine dieser Gestalten zu begreifen. Dass es jedoch zu einer Reformation der christlichen Kirchen als Hinwendung zur reinen religiösen Vision und dem Enthusiasmus Jesu, des jüdischen charismatischen Boten Gottes, kommen könnte, wie Vermes hofft (S. 333), halte ich für unwahrscheinlich; denn den eschatologischen Horizont unserer Zeit macht nicht das kommende Gottesreich aus, sondern die Klimakatastrophe, Kriege, weltweite Hungersnöte und ähnliche Szenarien. Gleichwohl hat Vermes ein gutes Buch geschrieben.

Vgl. auch http://www.swr.de/swr2/literatur/buch-der-woche/vermes-geza-vom-jesus-der-geschichte-zum-christus-des-dogmas/-/id=8316184/did=18677508/nid=8316184/161unie/index.html

https://orig.www.ndr.de/kultur/buch/Sachbuecher-des-Monats-April-2017,sachbuchapril130.html

http://david.juden.at/kulturzeitschrift/70-75/72-davidowicz.htm

https://www.jewiki.net/wiki/Geza_Vermes (Geza Vermes)

https://de.wikipedia.org/wiki/Geza_Vermes (dito)

https://en.wikipedia.org/wiki/G%C3%A9za_Vermes (dito, ausführlicher)

https://www.theguardian.com/books/2013/may/14/geza-vermes (Würdigung)

http://www.biblicalarchaeology.org/daily/archaeology-today/archaeologists-biblical-scholars-works/geza-vermes-1924%e2%80%932013/ (dito)

http://www.independent.co.uk/arts-entertainment/books/features/geza-vermes-a-child-of-his-time-8875881.html (dito)

und zum Schluss ein Witz: https://also42.wordpress.com/2015/03/30/ein-abgrundiger-witz/

Christian Hoppe startet eine ähnliche Interpretation des Christentums auf der Grundlage naturwissenschaftlichen Denkens, siehe den Beitrag http://scilogs.spektrum.de/wirklichkeit/ostergruss-ii/ (und evtl. http://scilogs.spektrum.de/wirklichkeit/ostergruss/).

R. Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen…

Ehe ich in die Rezensionen schaue, möchte ich meine eigenen Eindrücke von Schimmelpfennigs Roman „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ festhalten.

Das Buch liest sich zügig, was auch daran liegt, dass pro Seite nur 27 Zeilen gesetzt sind, aber ich frage mich am Ende: Was soll das alles? Es geht um einen Wolf sowie zwei Pärchen nebst einigen Leuten, die mit ihnen zu tun haben: Elisabeth und Micha, zwei Jugendliche, laufen von zu Hause weg, weil Elisabeths Mutter sie in ihrer Wut ins Gesicht geschlagen hat; sie laufen aufs Geratewohl, fahren auf einem Güterzug und schlagen sich nach Berlin durch. Sie werden von Elisabeths Vater, einem Künstler, und ihrer geschiedenen Mutter sowie von Michas Vater, einem Alkoholiker gesucht. Das zweite Pärchen bilden Agnieszka, eine Polin, die in Berlin putzt, und Tomasz, der als Bauarbeiter in Berlin arbeitet; Tomasz ist auf der Fahrt nach Berlin im Schneesturm stecken geblieben, hat einen Wolf gesehen und fotografiert – das Bild hat Agnieszka dann einer Journalistin verkauft, die es veröffentlicht hat, was eine große Suche nach dem Wolf auslöst. Außerdem ist Agnieszka von einem anderen Mann schwanger, was zu Problemen führt – die Vorgeschichte Agnieszkas wird nur kurz und kaum als solche kenntlich nachgetragen. Alle fünf, vom Wolf über Micha bis Tomasz, wohnen in Berlin oder streben nach Berlin und ziehen die Suchenden auch mit nach Berlin.

Dann tauchen noch eine Reihe weitere Figuren auf, die alle unwahrscheinlich hilfsbereit sind und die beiden Kinder Elisabeth und Micha einladen, bei ihnen zu übernachten; das muss wohl an Berlin liegen – ich käme nicht auf die Idee, wildfremde Jugendliche einzuladen, bei mir zu übernachten, aber das ist in Berlin kein Problem. Jedenfalls finden die beiden Pärchen zum Schluss irgendwie wieder zusammen; Micha hat zufällig (!) in Berlin auch seinen sturzbetrunkenen Vater gefunden, der gerade aus einer Kneipe geworfen wurde, aber das kann ihn nicht aufhalten. Ach ja, eine weitere wichtige Figur ist das Gewehr eines Jägers, der vermutlich einen Herzinfarkt bekommen hat und gestorben ist; das Gewehr wandert mit Micha ebenfalls nach Berlin, dann findet Tomasz es irgendwie, und im Kampf mit Agnieszka um das Gewehr löst sich ein Schuss, der Tomasz am Kopf streift, worauf man ins Krankenhaus fährt, und so geht das weiter, bis es zum Schluss aufhört.

Die Zeitstruktur des erzählten Geschehens – alle Szenen sind hart geschnitten – ist undeutlich; die Figuren bleiben oberflächlich, allesamt Pappkameraden ohne jede seelische oder charakterliche Tiefe und ohne Geschichte, auch wenn gelegentlich biografische Daten der Vergangenheit einfließen; manche Leute haben auch keinen Namen, sondern sind so etwas wie „der Vater des (geflohenen) Jungen“ und Ähnliches.

Das Buch ist Roland Schimmelpfennigs erster Roman, hoffentlich auch sein letzter. Man hat nichts verpasst, wenn man ihn nicht liest; höchstens freuen sich Berliner bei der Lektüre, weil so viele Straßen und Plätze Berlins genannt werden, die einem Fremden bloße Namen bleiben. Ich habe den Roman gestern gelesen – insgesamt ist er wie viel modernes Zeug nur zeilenfüllender Mist; man liest besser die Klassiker, die das Aussieben durch Jahrzehnte oder Jahrhunderte überstanden haben.

Dem http://derstandard.at/2000033040176/Offene-Buecher-und-Gesellschaft entnehme ich, dass der Roman es auf die shortlist (zu Deutsch: Liste der engeren Auswahl) der Leipziger Buchmesse 2016 geschafft hat. Die einzige Besprechung, die ich gefunden habe, steht in einem Blog: https://masuko13.wordpress.com/2016/03/02/roland-schimmelpfennig-an-einem-klaren-eiskalten-januarmorgen-zu-beginn-des-21-jahrhunderts/, und bei einer Buchhandlung gibt es eine Besprechung/Empfehlung des Lesers Felix Palent: http://www.wist-derliteraturladen.de/tag/felix-palent/, der aber offenbar ein anderes Buch als ich gelesen hat. Alle großen Zeitungen nehmen den Roman nicht zur Kenntnis.

Willemsen: Das Hohe Haus (2014) – Besprechung

Roger Willemsen: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament. S. Fischer: Frankfurt 2014

Willemsen hat ein sehr kritisches Buch über die Arbeit des Bundestages geschrieben, soweit sie im Parlament sichtbar wird. Von der eigentlichen Arbeit in den Ausschüssen berichtet er nicht, weil er dazu keinen Zugang hat – dazu müsste man etwa Dieter Lattmann: Die lieblose Republik. Aufzeichnungen aus Bonn am Rhein, München 1981 lesen; Lattmann war selber acht Jahre lang Abgeordneter und konnte als solcher Dinge wissen, die andere nicht kennen.

Dass Politik nicht so funktioniert, wie man es im Sozialkundeunterricht lernt, kann man seit langem wissen; den Politikbetrieb kritisch beobachtet haben viele, dazu kann man die (richtigen) Tages- und Wochenzeitungen lesen. Willemsen beobachtet dagegen nur die Debatten im Parlament und ist davon maßlos enttäuscht: von den Worthülsen, der gegenseitigen Missachtung der Abgeordneten, den Scheingefechten; dem Versagen der Kontrolle durch die Fraktionen, welche die Regierung stellen und diese stützen; dem Zynismus der Regierenden. Mit seinen Eindrücken von den Debatten verbindet er Hinweise auf das Aussehen oder die Geschichte des Reichstagsgebäudes und seiner Umgebung, auf die Besucher und das Personal des Hauses. Und er beginnt den Bericht von jeder Sitzung mit einem kurzen Überblick über Nachrichten des Tages.

Öfter wird von ihm durch bloße Aufzählung entlarvt, was an leerem Stroh im Parlament gedroschen wird, z.B. am 10. Januar (2013): „Da ist es 22 Uhr 43, und mein Kopf schwirrt vom Tages-Ausstoß alles dessen, was ‚wir brauchen’: Was wir brauchen, ist eine politische Rahmensetzung. Was wir brauchen, sind gutes Essen, Vielfalt, ein hoher Bioanteil, regionale Produkte für alle Kinder. Wir brauchen einen soliden Haushalt. Wir brauchen eine aktive Wirtschaftspolitik. Wir brauchen eine vorausschauende Wirtschaftspolitik. Wir brauchen den Politikwechsel in der Wirtschafts- und in der Sozialpolitik. Wir brauchen Investitionen. Wir brauchen endlich eine Art Masterplan. Wir brauchen, meine Damen und Herren, einen klaren Blick auf den Kern dieser Krise. Wir brauchen eine europäische Abwicklungsbehörde.“ (S. 52) Und so geht es knapp eine Seite weiter – entlarvend; aber damit ist nicht erwiesen, dass wir das alles nicht brauchten.

Willemsen reflektiert das Benehmen und die Reden der Abgeordneten aus der Sicht des freischwebenden Geistes: beseelt von der ursprünglichen Idee des Parlamentarismus, ohne Rücksicht auf die Bindung der politischen Willensbildung an Parteien, nicht belastet von den Zwängen des Regierens, also der Kompromissfindung. Wie utopisch sein Blick ist, zeigen Bemerkungen zur Sitzung vom 28. Februar 2013: „Die Entscheidungen sind fatal, die Entscheidungsträger trotzdem banal. / Ich blicke auf die Glaswand (…) und denke ohne Ergebnis über einen Satz des chinesischen Weisen Laotse nach: ‚Der Mensch kann nur unter einer nicht aktiven Politik glücklich sein.’ Glücklich wäre er vielleicht unter einer Politik der Notwehr, die nicht vor allem den Kampf um die Herrschaft organisierte.“ (S. 114) Was braucht es dazu – vielleicht den Philosophenkönig Platons? Kann eine Kritik des Bestehenden aus solcher Sicht mehr als den gegenwärtigen Betrieb entlarven?

„Der Kern der Sache liegt anderswo (…). Die Kritik trifft das System und muss von einem exterritorialen Standpunkt aus formuliert werden. (…) Dabei formulieren alle Redebeiträge letztlich den Grundwiderspruch zwischen dem systemkonformen Standpunkt, der die Banken schützt wie etwas Eigenes, und einem systemkritischen Standpunkt, der die Banken als Dienstleister versteht, nicht als Spekulanten. Es muss auch im Parlament erlaubt sein, die Idee eines Landes aufrechtzuerhalten, in dem sich das Gemeinwohl nicht über das Wohl der Banken definiert. Die Debatte, die jetzt geführt werden müsste, wird aus vielen Gründen nicht geführt. Das System begründet sich selbst nicht mehr.“ (S. 151 f.)

Willemsen lässt seine Leser ratlos zurück; sein Herz schlägt links, er hat seine Kritik vorgebracht. Neues erfährt man danach nicht mehr; ich habe das Buch bis S. 208 gelesen, das genügte.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/das-hohe-haus-von-roger-willemsen-banalitaet-der-demokratie-1.1906405 (klug und kritisch)

http://www.zeit.de/2014/12/roger-willemsen-das-hohe-haus (dito)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/roger-willemsens-buch-ueber-den-bundestag-12847056.html (etwas schwächer)

https://alltagsfruechte.wordpress.com/2016/02/23/rezension-roger-willemsen-das-hohe-haus/ (informativ und doch schwach)

http://pw-portal.de/rezension/37043-das-hohe-haus-45508 (kurz, relativ freundlich)

Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg – Besprechung

Zunächst hatte ich angefangen, Lewitscharoffs neuen Roman „Das Pfingstwunder“ (2016) zu lesen; in diesem Buch wird von einem Kongress der Danteforscher erzählt, von denen 33 vom Heiligen Geist erfüllt und hinweggetragen werden, während einer als Zeuge des Geschehens übrig bleibt. Das war mir zu dumm; so bin ich dem Ratschlag gefolgt, um Lewitscharoff kennenzulernen, solle man lieber den Roman „Blumenberg“ (2011) lesen.

In diesem Roman erzählt eine weithin ungreifbare, sich nur selten direkt einmischende Stimme einmal von dem großen Philosophen Blumenberg, seiner nächtlichen Arbeit und seinen Vorlesungen; diesem Blumenberg erscheint ein Löwe, ein Bote und Repräsentant des Göttlichen, in seinem Arbeitszimmer. Er taucht gelegentlich auch in der Vorlesung auf, ist aber nur für Blumenberg sichtbar (und für eine alte Nonne, die er zufällig trifft). Ferner gibt es eine Studentin und drei Studenten Blumenbergs, die allesamt vorzeitig zu Tode kommen. Am Ende stirbt auch Blumenberg, worauf er eine diffuse Zeit in einem Fegefeuer-Hades verbringt, um am Ende vom Löwen mit einem Prankenschlag „in eine andere Welt“ (S. 216) gerissen zu werden.

In einem nächtlichen Telefonat mit einem befreundeten Redakteur ringt Blumenberg mit der Unmöglichkeit, dem Redakteur von der Erscheinung des Löwen zu berichten. „Der Einbruch des Absoluten war nicht mitteilbar.“ (S. 146) Was Blumenberg nicht gelingt, gelingt nach meiner Einschätzung auch Sibylle Lewitscharoff nicht: Wieso sollte „das Absolute“ in Gestalt eines Löwen erscheinen? Zwar werden gleich zu Beginn von Blumenberg vergeblich allerlei Löwen-Bilder der Tradition zum Verständnis seines Löwen herangezogen (S. 12-17), indirekt von der Autorin zur Legitimation der Gestalt des Löwen – aber das ist Kulturgeschichte, also Vergangenes, nichts Lebendiges, nichts Glaubwürdiges. „Vor allem: glaubte er an die Beweiskraft des ihm widerfahrenen Wunders (…)?“ (S. 87) Blumenberg glaubt nicht daran, kann sich der Realität des Löwen aber nicht entziehen. Ich glaube auch nicht daran, kann aber die Beweiskraft der Erzählung vom realen Löwen bestreiten. Ein Wunder, Seinszufriedenheit, Kraftstrom, Himmelsflucht, Zuversichtsgenerator, Befreiung von Angst und Neid, Wiedergewinn der Weltgunst (S. 122 ff.), „die nie versiegende Zusicherung, das Netz der über Himmel und Erde geworfenen Namen, welches die Menschen zu ihrer Beruhigung ersonnen hatten, sei (…) reißfest“ (S. 132) – all das wird als Folge der Erscheinung von Blumenbergs Löwen für mich nicht plausibel. Kurz vor seinem Tod sieht Blumenberg sich als besiegt an „und [er] konnte keinen Trost daraus ziehen, daß die echte , die wahre Geschichte immer zu den Füßen der Besiegten saß, die den Tod vor Augen hatten“ (S. 200): Solche spekulativen Sätze verstehe ich einfach nicht, ich kann mir dabei nichts denken.

Als Roman über den Professor Blumenberg ist das Buch sympathisch, als Bild der Studenten von 1982 und den folgenden Jahren mäßig gelungen: Sie sterben alle verfrüht; das wird auch durch die Berufung der erzählenden Stimme auf die Pflicht, „auch das Unwahrscheinliche wahrheitsgetreu zu verzeichnen“ (S. 197), nicht besser – hier mogelt die Autorin, indem sie sich hinter die Erzählstimme flüchtet.

Eines weiß ich jetzt aber, was ich vorher nicht wusste: wer Agaue ist (https://de.wikipedia.org/wiki/Agaue).

http://www.rulit.me/books/blumenberg-read-433531-1.html Text des Romans

Rezensionen:

http://www.zeit.de/2011/37/L-B-Lewitscharoff (positiv, verständnisvoll, sublim kritisch)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/sibylle-lewitscharoff-blumenberg-zu-grosse-naehe-kann-alles-zerstoeren-11483802.html (aus guter Blumenberg-Kenntnis geschrieben: begeistert, verständnisvoll)

http://culturmag.de/rubriken/buecher/sibylle-lewitscharoff-blumenberg/36245 (aus guter Blumenberg-Kenntnis geschrieben: kritisch)

http://www.lesemond.de/titel/lewitscharoff_sibylle_blumenberg.html (voller Lob, mit kritischen Tönen)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-80652420.html (sehr knapp, bewundernd)

http://www.belletristik-couch.de/sibylle-lewitscharoff-blumenberg.html (inhaltlich viele Details, kritisch)

http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/blumenberg-r.htm (zwei unterschiedliche Rezensionen aus Österreich)

https://www.welt.de/kultur/article13613651/Sibylle-Lewitscharoff-weiss-alles-ueber-einen-Loewen.html (kritisch, klug)

http://www.nzz.ch/der-loewe-ist-los-1.12468199 (dezent lobend)

http://www.tagesspiegel.de/kultur/kritik-trost-sollen-mir-die-loewen-spenden/4596630.html (verständnisvoll, kritische Randbemerkungen)

https://www.youtube.com/watch?v=U80brmLEPsQ (Michael Reitz: Die Metaphernlehre des Philosophen)

Löwe als Symbol und Metapher:

Löwe,  Symbol mit ambivalenter Bedeutung. Einserseits sind Löwe und Lamm Symboltiere für  Christus, oft mit * Kreuzstab oder * Kreuzfahne dargestellt (der Löwe auch Symbol  für den Evangelisten * Markus), anderseits wird der Löwe als Sinnbild des  Bösen, wie Drache, Basilisk und Aspis, von Jesus zertreten. Als profanes Symboltier  versinnbildlicht der Löwe so wie der Adler Macht und Herrschaft. Da die Sonne zur  Zeit der Nilüberschwemmung ins Sternbild des Löwen tritt, brachte man den Löwen  in Ägypten auch mit Wasser in Verbindung, ein Aspekt, der von Griechen und  Römern übernommen wurde. Löwendarstellungen dienten deshalb oft als  Wächterfiguren bei Quellfassungen. Der Löwe ist auch eines der Tierkreiszeichen. (http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_8834.html)

In Bibel und Tradition Symbol für (Königs-) Macht, Gefährlichkeit, für Teufel (1 Petr 5,8) und Hölle („Rachen des Löwen“), aber auch für die schützende Kraft Gottes (Hos 5,13). Jesus wird „Löwe aus dem Stamme Juda“ (Offb 5,5) genannt. Der Löwe, der mit dem Schweif seine Spuren verwischt, ist Sinnbild für die geheimnisvolle Herkunft Jesu (Menschwerdung Gottes). Auch Auferstehungssymbol, weil man meinte, er könne mit offenen Augen schlafen und er könne seine totgeborenen Jungen durch Anatmen am dritten Tag zum Leben erwecken. Der Löwe ist Symbol für den Evangelisten Markus und Attribut des hl. Hieronymus, der mit einem Löwen zusammengelebt haben soll. (http://members.aon.at/veitschegger/texte/tiersymbole.htm)

http://www.symbolonline.de/index.php?title=L%C3%B6we

https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%B6we_(Wappentier)

https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/loewe/ch/51ea10888462ee02e8d4ae4924ba941d/

https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:L%C3%B6we_in_der_Kunst (Löwe in der Kunst)

http://www.symbole-andreaskirche.de/lowensymbolik.html

http://www.uni-regensburg.de/Uni/Virtuell/Lektion8neu.pdf (Bildhaftes Sprechen)

(https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/bildworte-bildreden-at/ch/a30723083da75fca491a34cb2ade46de/)

Alain de Botton: Religion für Atheisten – Ansatz einer Besprechung

Ein so seichtes Dahinplappern, wie Alain de Botton in seinem Buch „Religion für Atheisten“ (Fischer, 2013) von sich gibt, habe ich schon lange nicht mehr erlebt.

Keine Religion sei „wahr“ im wörtlichen Sinn, aber es sei auch Atheisten möglich, Religionen „gelegentlich ganz nützlich, interessant und tröstlich zu finden“ (S. 12). Er wolle religiöse Ideen und Praktiken auf die säkulare Welt übertragen. Denn Religionen seien dazu erfunden worden, ein harmonisches Leben in Gemeinschaft zu ermöglichen und mit dem Lebensschmerz fertig zu werden. Kurz, er wolle „einiges von dem retten, was [in den Religionen] schön, anrührend und weise ist“ (S. 19). Schließlich habe auch das Christentum sich nicht gescheut, Heidnisches zu adaptieren und in sein Eigenes zu verwandeln.

Was er dann zur Erklärung sozialer Entfremdung sagt, ist einfach naiv (S. 25 f.); in der Kirche gebe es jedoch Gemeinschaft unter Fremden, und so will er ein Agape-Restaurant eröffnen – ungeachtet der Tatsache, dass die Agape-Feiern im Christentum gescheitert sind und auf die sterile liturgische Messfeier reduziert wurden. Dann könnte man mit wildfremden Menschen ganz ehrlich über ihre Gefühle sprechen: „Was bereust du in deinem Leben“ oder „Wovor fürchtest du dich?“ (S. 46) Dabei würde die Angst vor Fremden abgebaut, man komme sich nahe. – Ob er wohl selber inzwischen so ein Restaurant eröffnet hat? Vermutlich nicht (Wikipedia vermeldet nichts Derartiges), alles leeres Stroh…

An der Stelle habe ich beschlossen, das Buch des Schwachmathicus de Botton nicht weiter zu lesen. Stattdessen empfehle ich, sich ernsthaft mit Säkularisierung zu befassen – ein großes Zeugnis der Säkularisierung ist Schillers „Don Carlos“.

Säkularisierung:

http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138614/saekularisierung-und-die-rueckkehr-der-religion

https://www.herder-korrespondenz.de/schlagwoerter/themen/s/saekularisierung (HK ist eine katholische Zeitschrift.)

http://universal_lexikon.deacademic.com/35152/S%C3%A4kularisierung

http://www.ezw-berlin.de/html/3_4128.php

https://docupedia.de/zg/Saekularisierungstheorie

http://www.zeit.de/thema/saekularisierung

http://www.schulz-hageleit.de/material/saekularisierung.html

Kritiken zum Buch:

http://www.zeit.de/2013/25/abraten-de-botton-religion-fuer-atheisten

http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/169147/index.html

http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/01/Religion-Atheisten

http://scilogs.spektrum.de/hinter-gruende/religionen-intelligent-bestehlen-alain-de-bottons-religion-f-r-atheisten/

http://religionsphilosophischer-salon.de/keys/religion-fuer-atheisten

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Orgien-fuer-Unglaeubige/story/27109495

https://www.herder-korrespondenz.de/heftarchiv/68-jahrgang-2014/gottlos-von-zweiflern-und-religionskritikern/der-neue-atheismus-hat-verschiedene-facetten-vision-einer-religionsfreien-welt (Sammelbesprechung)

http://www.planet-interview.de/interviews/alain-de-botton/35782/ (Gespräch mit de Botton)

http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/zeitgenossen/580032_Man-braucht-etwas-Groesseres.html (dito)

http://hpd.de/artikel/atheisten-sind-12906

Kempowski: Tadellöser & Wolff – Inhalt, Links

Der Roman besteht aus kleinen Episoden; in ihnen tauchen viele Redensarten der Rostocker Bürger auf. So ist z.B. „Tadellöser und Wolff“ eine Umschreibung für „tadellos“, semantisch falsch gesteigert zu „tadellöser“ und dann mit der Bezeichnung der Zigarrenfabrik „Loeser & Wolff“ verbunden zu „Tadellöser & Wolff“. Man kann den „Inhalt“ des Romans nicht nacherzählen, man kann nur eine kurze Übersicht über die Kapitel geben, wobei aufgrund des episodischen Erzählens die Auswahl der genannten Aspekte auch gut anders ausfallen könnte.

1) Umzug der Familie in Rostock, in der Nähe einer katholischen Kirche; man kann St. Jacobi sehen. Familie Kempowski

2) Nachbar Woldemann, dessen Tochter Ute; Hausbesitzer Krause

3) Rostock als Stadt

4) Mit Robert und Schwester Ulla im Kino; die Sonntagnachmittage; Schulfreund Manfred

5) Zur Schule an ausgebrannter Synagoge vorbei; in die Oberschule, bei Lehrer „Hannes“; Schule, Schüler, Lehrer

6) Dicker Krahl als Freund – Spielen bei ihm

7) Mit den Pimpfen auf Fahrt; Erlebnisse und Verletzung

8) Robert, der große Bruder, und seine Freunde; Musik; Ausflug mit Mädchen nach Warnemünde

9) Urlaub im Harz, andere Familien und Gäste; Ausflug

10) Der Krieg kommt in den Alltag, Woldemann ziehen nach Berlin; Vater meldet sich freiwillig als Soldat und wird nicht genommen (Mitglied in der Loge)

11) Großvater väterlicherseits stirbt, Begräbnis, Erbangelegenheiten (Schulden)

12) Walter wird krank (Scharlach); Weihnachten und Winter

13) 1941 – Krieg u.a.; Vater wird eingezogen; eines seiner Schiffe läuft auf eine Mine; verschiedene Bekannte sind gefallen. (Das Sterben geht dann so weiter…)

14) Klavierunterricht, Musikschule, Konzert

15) In der Hitlerjugend-Spielschar; WHW-Sammlung; Feier zu Weihnachten

16) Roberts Freunde bei Kempowski

17) Woldemann im April 1942 aus Berlin zurück; Spiele mit Ute; häufig Fliegeralarm; Ende April erster Angriff auf Rostock, die Folgen; Mutter will weg aus der Stadt.

18) Reisevorbereitung, Mutter fährt mit Walter ab; in Gartz empfängt der Vater sie, sie kommen im Gasthof unter; Fahrt zum Förster Schulz; von KH-Häftlingen darf man nicht sprechen; bei Pastor Vorndran; Heimfahrt nach Rostock, Unordnung und Verluste

19) Sörensen, ihr dänischer Praktikant, wird als Spion verhaftet und wieder freigelassen; seine Erfahrungen mit den Deutschen; er zieht bei Kempowski ein; die Fächer in der Schule; Sörensen kehrt aus Dänemark zurück: ein anderes Land, andere Leute

20) Erkundung der nicht zerstörten Marienkirche

21) Sörensen geht mit Ulla ins Kino, Vater auf Urlaub lamentiert; dann wird doch mit Sörensen geplaudert und gefeiert.

22) Nachhilfe bei „Tante Anna“ (= Frau Kröger); Hordenführer in der HJ (bei „Dienst“ fällt die Nachhilfe aus!); Frauenkränzchen zu Besuch bei Kempowski.

23) Konfirmandenunterricht, der Pfarrer, verschiedene Kirchen

24) Ulla studiert; Sörensens Sicht auf Deutschland; Walter bei Krahl; auf der Suche nach „Aufklärung“; Sörensen wirbt um Ulla, die lernt Dänisch; Weihnachten: Vorbereitungen, Predigt, Feier zu Hause ohne den Vater.

25) Hochzeit im Mai (1943): Vorbereitungen, Verwandte, Trauung – Onkel Richard ist ein strammer Nazi; Festessen, Abfahrt des Paars nach Kopenhagen.

26) Mit Uli Prütter in der Nachhilfe; Mutter hat Magengeschwür, Walter kommt bei Prütter unter, wo der Haushalt viel lockerer als bei Kempowski läuft; Ende der Nachhilfe.

27) Operation der Mutter gelungen, Walter fährt zu Opa de Bonsac nach Hamburg in die Ferien; allein mit dem Opa, Museumsbesuche, Verwandte in Hamburg; Einrichtung des Großvaters, Erinnerungen; Schura, das ukrainische Dienstmädchen; Nachangriff auf Hamburg, Abreise.

28) Walter drückt sich möglichst bei der HJ; ist mit Ulli zusammen, tut „männliche“ Sprüche; tritt lässig auf; Vater wird versetzt, ins Partisanengebiet.

29) Dreharbeiten für einen Film; dandyhaftes Auftreten, Walter ist 14 Jahre alt; die Jungen bauen viel Mist.

30) Sommer 1944: zu von Germitz aufs Land; Ferdinand und seine Familie; frühmorgens raus zum Rauchen; Walter erklärt die Sprüche der Stadt; Ferdinand fährt weg, Walter mit Greta unterwegs; Abend am Kamin; Heimfahrt.

31) Oktober: Urlaub des Vaters, der immer noch auf Beförderung wartet; sein Blick als Militär; Krasemann verhaftet, Robert eingezogen; Vater bietet Walter (15) eine Zigarette an; Pläne für die Zukunft; Erinnerungen; Rostock ist zerbombt; Nazi-Propaganda; Abfahrt des Vaters. – Ein Spruch aus Kap. 31: „Und wie kann man bloß ‚Merkel’ heißen.“

32) Walter zum Pflichtdienst im Herbst 1944: Altpapier usw. sammeln, Kartoffeln aufheben, Bucheckern sammeln; wegen seiner Eigenheiten wird Walter zur Linien-HJ versetzt; der neue Führer redet ihm gut zu; Walter schwärmt für Antje; Jungen überfallen ihn und wollen ihm seine langen Haare stutzen; Vorladung zum Bann; er soll sich die Haare schneiden lassen, statt herumzulungern; Mutter zahlt 50 Mark Strafe, er wird in der HJ degradiert.

33) Walter hat „Magengeschwüre“ – ist kerngesund; Greta von Germitz zu Besuch; im November wird er in die Pflichtgefolgschaft überwiesen (Strafe); an einem Sonntag Übungen, Schleifen, Schikanen; zum Sportpalast kommandiert, unter einem Vorwand entlassen; am Abend im Konzert: eine Labsal!

34) Leben im Krieg, Knappheit; Vorräte anlegen; Januar 1945 russische Offensive; Flüchtlingstrecks, Schule geschlossen; einzelne Flüchtlinge kommen ins Haus.

35) Am 17. Februar wird Walter eingezogen, Kurierdienste für Heinckel; Vorbereitungen für den Endkampf; Anfang März geht das Reisen für Heinckel los; Soldaten setzen sich nach Westen ab; eine fremde Frau im Haus; Großvater de Bonsac ist ausgebombt und kommt, er ist nicht mehr für Hitler; am 22. März ist Musterung [Problem mit der Chronologie: für die vielen Reisen war nicht genug Zeit!], er wird als Sohn von „Körling“ (Spitzname des Vaters) zurückgestellt.

36) Mitte April soll er Medikamente in Berlin holen, dort geht er ins Kino; russische Artillerie beschießt die Stadt, es fährt kein Zug mehr; Walter schlägt sich nach Rostock durch, ist am 25. April zurück.

37) Drei Tage zu Hause; seine Kuriereinheit ist aufgelöst; am 29. April kommen andere Jungen zum Volkssturm; Mutter schlägt die Möglichkeit einer Flucht per Schiff aus; Krause geht weg, auch die dienstverpflichteten Franzosen; flüchtende Soldaten am 30. April; am 1. Mai gibt es bei Kempowski Sekt, auf den gewonnenen Krieg; man spricht von Übergabeverhandlungen; die ersten Russen kommen.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Tadell%C3%B6ser_%26_Wolff_(Roman)

http://literaturlexikon.uni-saarland.de/index.php?id=4221 (die Figuren des Romans)

https://books.google.de/books?id=DdVLCgAAQBAJ&pg=PT8&dq=%22morgens+hatten+wir+noch+in+der+alten+Wohnung+auf+grauen%22&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjRjczT1NLOAhUHAsAKHacRDqsQ6AEIKDAC#v=onepage&q=%22morgens%20hatten%20wir%20noch%20in%20der%20alten%20Wohnung%20auf%20grauen%22&f=false (Text des Romans)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43257845.html (Besprechung, 1971)

http://zettelsraum.blogspot.de/2007/06/walter-kempowski.html (Würdigung, 2007)

http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=ku&dig=2008%2F12%2F04%2Fa0037&cHash=b04c502d821a656fb0c5838a9960f861 (Besprechung 2008)

http://starke-meinungen.de/blog/2010/02/16/%E2%80%9Etadelloser-wolff%E2%80%9C-eine-kritik-des-deutschen-burgertums/ (Besprechung)

http://www.versalia.de/Rezension.Kempowski_Walter.970.html (dito)

http://www.syz.net/docs/kempowski.pdf (kurze Analyse)

https://uu.diva-portal.org/smash/get/diva2:211431/FULLTEXT02.pdf (große narratologische Analyse)

https://www.uni-leipzig.de/~germ/upload/user/stockinger/SS2010/Handout_Tadelloeser2.doc (Analyse)

https://de.wikipedia.org/wiki/Tadell%C3%B6ser_%26_Wolff_(Film)

https://www.youtube.com/watch?v=evBSfog5djA (Film) Inzwischen gibt es auch ein Theaterstück dazu.

https://www.youtube.com/watch?v=1LoWk3UPd20&list=PLXMZnuW27mdC6k1Ct6bNJqXl11zZT0GWI (Film: Ein Kapitel für sich, 1. Teil)

https://www.youtube.com/watch?v=pKUOPnP9Cho&list=PLCQ8wDEjXgxlIMiWLv6wqN9MpoR3QJ6Yy (Film: Ein Kapitel für sich, 2. Teil)

https://www.youtube.com/watch?v=aPw3fP4wxIQ&list=PLNvxXUG7IY-_OqvA5A_YgCPVy5RdyLi4Q (Gespräch mit Kempowski)

http://www.graal-mueritz.de/schriftsteller/kempowski-biografie-und-werk.php (Biografie und Werk Kempowskis)

http://www.zeit.de/online/2007/41/kempowski (Würdigung, zu seinem Tod)

http://www.sueddeutsche.de/kultur/walter-kempowski-gestorben-dank-ihm-ging-es-uns-gold-1.797177 (Nachruf)

http://www.lyrikwelt.de/hintergrund/kempowski-bericht-h.htm (dito)

http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/kempowski-biografie-r.htm (dito)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article127597804/Besessen-vom-eiskalten-Daemon-der-Befragung.html (Plankton, sein letztes Buch)

http://www.kempowski.info/kempowski04.htm (Übersicht: Die deutsche Chronik)

https://www.rostock-heute.de/walter-kempowski-stadtrundgang-rostock/14464 (Kempowski in Rostock)

A. Döblin: November 1918, Bd. 4: Karl und Rosa – Eindrücke

Alfred Döblin hat 1937-1943 seinen Roman über die deutsche Revolution 1918/19 geschrieben: „November 1918“, der 1949/50 erstmals ganz veröffentlicht wurde. Der vierte Band heißt „Karl und Rosa“; ich beziehe mich auf die Ausgabe dtv 1389 (München 1978). Ein Teil der Ereignisse ist von „Bonaventura“ nacherzählt worden: http://www.vigilie.de/2009/alfred-doblin-november-1918-4/ Mit rund 650 Seiten ist der vierte Band der umfangreichste des ganzen Epos; ich kann nur grob eine Übersicht über das erzählte Geschehen geben (Fortsetzung von https://norberto42.wordpress.com/2016/07/11/a-doeblin-november-1918-bd-3-heimkehr-der-fronttruppen-eindruecke/).

Da ist einmal der politische Themenkreis:

  • Ebert als Mensch, negativ gezeichnet, und sein Verhältnis zu den Militärs, die ihn als Werkzeug sehen;
  • Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die zunächst im Gefängnis sitzen, dann freigelassen werden und im Moment der revolutionären Erhebung (6. Januar 1919) versagen;
  • Noske und das Militär – Noske wird einfach als „brauchbar“ charakterisiert, er nimmt es auf sich, Militär zu organisieren und die Revolution niederzuschlagen;
  • Der 6. Januar als der Tag, an dem die Revolution möglich ist und an dem Spartakus versagt, weil Liebknecht ein Zauderer ist und Rosa Luxemburg an den Primat der sozialen, nicht der politischen Revolution glaubt.

Mit dem Politischen vermischen sich private Schicksale:

  • Rosa Luxemburg hängt an ihrem toten Freund Hannes, der ihr als Geist erscheint, ihren Körper benutzt und sich schließlich verflüchtigt, weil er seine Fehler bereut – als schließlich auch noch Satan ihr erscheint, wird die Serie der Geistererscheinungen und -existenzen etwas unübersichtlich.
  • Die Hauptfigur ist Becker, der in der Schule seinen Dienst antritt und in der Besprechung der „Antigone“ die Absolutheit des Staates bestreitet, was ihm seine konservativen Schüler und deren Eltern übelnehmen. Als er sich dann noch für seinen homophilen Direktor und den von ihm geliebten Schüler einsetzt, wird seine Situation in der Schule unhaltbar. Über den Schüler Heinz wird er schließlich in die Kämpfe um das Polizeipräsidium am 12. Januar hineingezogen; aus menschlicher Solidarität kämpft er auf Seiten der Spartakisten mit, wird verwundet und gefangen genommen. Die von Maus erwirkte Freilassung lehnt er ab; Hildegard befreit ihn als „Krankenschwester“ in einem Coup. Nach drei Jahren im Gefängnis fasst er nirgendwo richtig Fuß. Auch als Erzieher sieht er keine Möglichkeiten: „Was will man denn, was wollen die Eltern, das Volk, der Staat? Aufbau, Wohlstand, friedliche Verhältnisse, wie vor dem Krieg, und die Kinder und die Schüler sollen wir darauf ausrichten, das heißt, wir sollen sie betrügen und bewußtlos machen. Mag sich dazu hergeben, wer will. Es läßt sich auch nicht durchführen. Der Krieg läßt sich nicht übersehen. Er ist noch da.“ (S. 629): Er ist noch da, weil die Revolution gescheitert ist und die alten Machthaber noch/wieder oben sitzen. Er verkommt schließlich, nachdem er über drei „Fallstricke“ gestolpert ist – dieser Schluss erscheint mir nicht recht gelungen, „das Weib“ als Fallstrick passt nicht zu ihm. Er ringt um seine geistlich-christliche Existenz; er zieht als Tramp durchs Land. Satan und auch Tauler erscheinen, der Engel Antoniel geleitet ihn vermutlich doch zum Himmel. Seine Leiche wird ca. 1929 in Hamburg in den Hafen geworfen.
  • Maus ist zunächst noch als Offizier aktiv, heiratet Hilde, bekommt ein Kind und beginnt ein Studium in Karlsruhe. Er begegnet mehrfach Becker in verschiedenen Situationen.

Rein privat wird das Verhältnis von Stauffer und Lucie geklärt: Sie werden menschlich, kommen aus dem siebten Himmel auf der Erde an, haben ihre Schwächen und Macken und arrangieren sich in Liebe; auch werden verschiedene „Gerüchte“ über sie erzählt, so dass am Ende nicht ganz klar ist, was nun wirklich aus ihnen geworden ist.

Aus Rosas Sicht wird erklärt, was ein Geist wie Hannes ist: „Ein Tier bleibt Tier, eine Pflanze Pflanze. Aber ein Geist wechselt Form und Gestalt, nach dem, was ihn treibt und beschäftigt, und da ist ja kein Unterschied zwischeninnen und außen.“ (S. 89)

Ironisch-bildhaft wird Friedrich Ebert als der große Verhinderer charakterisiert: „Wilhelm der Zweite konnte nach Holland fahren, die anderen Fürsten konnten sich im Land verstecken. Es blieben Generale und Behörden. Wie wucherten fröhlich weiter als Ableger des alten Baumes. Es bliebt auch der Boden, das arbeitsame Volk, das gern gehorchte. / Und dann war da Friedrich Ebert. / Friedrich Ebert ließ sein Antlitz über dem herrenlosen Land leuchten. Ihm lag daran, hier nicht zu stören. Ihm lag daran, zu verhindern, daß etwas geschah, und was geschehen war, ungeschehen zu machen.“ (S. 107) Ähnlich ironisch werden die blauäugigen revolutionären Matrosen beschrieben (im Kapitel „Massenverhör im Finanzministerium“), später noch einmal Ebert („Ebert brütet Rache“).

Eindrucksvoll kommentiert der Erzähler, wie einen die Zeit verändert, hier am Beispiel Becker: „Welche Hinterlist steckt in der Zeit! (…) Sie verschiebt, verändert und verwirrt die Menschenherzen, und nicht nur die Menschenherzen, sondern alles bis in die Eingeweide und Knochen hinein. Sie gibt dir keine Möglichkeit zu sagen: ‚Das bin ich, und nun bin ich es, und zwar bin ich Herr X oder Frau Y.’“ Sie folgt einem wie ein Kriminalbeamter, wie ein Schatten, dem man schließlich alles gesteht, „was er will – und er hat Sie.“ (S. 180/82)

Der Versuch, den Polizeipräsidenten Eichhorn zu entlassen, wird surreal erzählt („Die Affäre Eichhorn“): „Die Zentralräte hatten sich mit dicken Mappen bewaffnet, aus denen sie, wie aus einer Pandorabüchse, lauter Übel und Kränkungen für Eichhorn hervorholten, für den Gast, der dazu extra vom Alexanderplatz hergefahren war. Jeder griff in die Taschen, zauberte ein neues Übel hervor. Sie waren mehr als Zentralräte: Zentralmagier.“ (S. 266 – so geht es durch das ganze Kapitel!) Surreal und sehr schön wird im Kapitel „Mitternacht in der Siegesallee“ erzählt, wie die Hohenzollern von den Sockeln herabsteigen und die Toten des Krieges sich auf die Hohenzollern stürzen, bis um Punkt 1.00 Uhr die Victoria dem Spuk ein Ende macht.

Die Sympathie des Erzählers für die Revolution wird an vielen Stellen deutlich (z.B. in „Die Revolution marschiert“): Der Revolutionssauschuss war „die erste Regierung einer deutschen Republik, eine Regierung gegen Generale, Junker und Schlotbarone und gegen den kommenden Krieg“ (S. 326 – hier merkt man, dass Döblin aus der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs heraus seinen Roman vollendet hat). Sarkastisch wird im Kapitel „Die Regierung, von keinem Terror gehindert“ deutlich gemacht, wie das Volk über die Morde an Luxemburg und Liebknecht belogen wird. (S. 599 ff.)

Ich kann nicht beurteilen, ob die Charaktere der historischen Figuren des Buches richtig gezeichnet werden und wie weit die erzählten revolutionären Ereignisse einer historischen Überprüfung standhalten. Als Manko meinerseits empfinde ich, dass ich Berlin nicht gut kenne – man müsste bei der Lektüre des vierten Bandes die Erzählung fortlaufend mit dem Blick in einen Stadtplan verfolgen.

Neben den verschiedenen Geistern tauchen viele Bibelzitate auf, mit denen vor allem Becker sich auseinandersetzt. Der geistliche Weg Beckers ist so komplex, dass man ihn in einer zweiten Lektüre eigens überprüfen müsste; man müsste zu Beginn der Lektüre bereits wissen, dass er die Hauptperson ist, dann könnte man genauer auf ihn achten; denn in der Fülle der erwähnten Figuren gehen einzelne von ihnen leicht unter.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/das-leben-radikal-anders-denken-1731194.html (Rezension des Romans, 2008)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40607341.html (Rezension Hans Mayers, 1978)

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=8579:karl-und-rosa-bonn&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40 (der 4. Band als Theaterstück)

Über Alfred Döblin:

https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_D%C3%B6blin

https://www.deutsche-biographie.de/sfz11475.html („Bis zur Konversion zum Katholizismus und seinem letzten großen Roman „Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende“ (1957) spannt sich ein Bogen stilistischer und sprachlicher Experimente, mit dem Ziel, durch die Dichtung eine neue ethische und metaphysische Ordnung zu gewinnen.“)

http://www.ursulahomann.de/EinAutorIstNeuZuEntdeckenAlfredDoeblin/kap001.html

http://www.judentum-projekt.de/persoenlichkeiten/liter/doeblin/index.html

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/d/alfred_doeblin.htm (Döblin-Biografie; vgl. zur Position des Sohnes Stephan http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/alfred-doeblins-sohn-stephan-der-traurige-nachzuegler-des-beruehmten-vaters-1908335-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2)

http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16241 (dito, mit Antwort: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16280 und Interview: http://www.buchjournal.de/477332/)

http://www.alfred-doeblin.de/ (Alfred-Döblin-Gesellschaft)

A. Döblin: November 1918, Bd. 3: Heimkehr der Fronttruppen -Eindrücke

Alfred Döblin hat 1937-1943 seinen Roman über die deutsche Revolution 1918/19 geschrieben: „November 1918“, der 1949 erstmals ganz veröffentlicht wurde. Der dritte Band heißt „Heimkehr der Fronttruppen“; ich beziehe mich auf die Ausgabe dtv 1389 (München 1978). Ein Teil der Ereignisse ist von „Bonaventura“ nacherzählt worden: http://www.vigilie.de/2009/alfred-dblin-november-1918-3/.

Da gibt es einmal die großen politischen Themen:

  1. Die unsichere Lage in Deutschland, wo die Regierung Ebert zwischen den linken (Radek, Liebknecht, einzelne Anhänger wie die Imkers) und den rechten Revolutionären (die schwankenden Generäle, die noch am Kaiser und den Vorrechten des Adels hängen) steht; erzählt wird, wie Liebknecht zögert, die Revolution zu beginnen, weswegen der drängende Russe Radek ihn verspottet, und wie Generäle in Münster und Berlin Freikorps bilden (wollen), während die heimkehrende Armee nicht weiß, was sie soll, und weithin zerfällt. – In diesem Zusammenhang zeigt sich nicht nur der Antisemitismus, sondern sehr deutlich auch das Aufkommen der Dolchstoßlegende (S. 381 u.ö.).
  2. Motz ist es, der Radek über die deutschen Revolutionäre aufklärt: „Bei uns gibt es keine Revolution, höchstens eine Gegenrevolution, und auch die nur als polizeiliche Maßnahme zur Wiederherstellung der Ordnung.“ (S. 270) Eine Revolution müsse in Deutschland „einen philosophischen, ja theologischen Kern haben“ (S. 271). „Stilleben ist die deutsche Daseinsform.“ (S. 272) Motz’ zynische Analyse hat etwas Wahres. Das zeigt auch der Bericht von einer Tagung der „Geistigen“ (S. 120 ff.), die wieder eine geistige Revolution durchführen wollen. Deren Spinnerei wird von einem jungen Reporter entlarvt: „Es gibt keine Geistigen. Denn es gibt keinen besonderen Geist. Es gibt Schriftsteller, Journalisten, Maler, Musiker, Bildhauer. Und diese Menschen haben Vorstellungen und Interessen wie jeder andere. Und ihre Vorstellungen und Interessen entstammen, wie bei jedem anderen Menschen, aus ihrer Schicht und Klasse.“ (S. 127)
  3. Eine zentrale Figur des 3. Buches ist der amerikanische Präsident Woodrow Wilson: seine Pläne (14 Punkte), sein Wirken in Europa: der Kampf um einen gerechten Friedensvertrag, gegen die starrsinnigen Politiker der Siegermächte, sein Scheitern und sein Tod (1924). Hier geht der Roman, der sich mit den Berliner Ereignissen bis zum 14. Dezember 1918 befasst, mit dem Erzählstrang Wilson – Versailler Vertrag – deutsche Nationalversammlung (kurz) – Gründung des Völkerbundes deutlich über den durch die Berliner Ereignisse gesteckten Zeitrahmen hinaus. Der Erzähler sympathisiert mit Wilson; das sieht man zum Beispiel daran, wie er Karikaturen Wilsons als amerikanischen Don Quijote beurteilt: „So sieht immer der Gottverlassene den Besseren, den er nicht erträgt.“ (S. 472)
  4. Eine Hauptfigur des 3. Bandes ist der verwundete Leutnant Becker, dem die Krankenschwester Hilde nach Berlin folgt. Becker ist exemplarisch der Deutsche, der sich seiner Verantwortung stellt, im Krieg gekämpft und getötet zu haben. Er macht eine Krise durch, in der es um das Selbst-Sein und die Selbsterkenntnis geht, wobei ihm die gläubige Schwester Hildegard zur Seite steht. Er findet zum christlichen Glauben (zurück): „Nun – kann ich mein Ich ansehen, ohne zu erschauern und zu verzweifeln.“ (S. 290) Die Selbsterkenntnis ist auch die Erfüllung der griechischen Philosophie (Sokrates), an der er verzweifelt ist, die jedoch im christlichen Glauben, d.h. im menschgewordenen Gott ihre Wahrheit findet. Eine Gegenfigur Beckers ist sein alter Freund Maus, der sich zuerst den Revolutionären und dann den Freikorps anschließen will und der Becker verachtet. Der Kampf Beckers um sein wahres Ich wird in Motiven des Faustdramas erzählt (Löwe, Ratte und Brasilianer als Gestalten des Gegenspielers), was mir teilweise etwas kitschig-gesucht vorkam. Auch hat Becker wieder Visionen, wo er mit Tauler spricht. Wieso Johannes Tauler? „Mit Eckhard teilte Tauler die Auffassung, dass es in der menschlichen Seele einen innersten Kern gibt, der eine besondere Nähe zu Gott hat, beinahe selbst schon göttlich ist; Tauler nannte ihn den Grund. Dieses tiefste Seelenzentrum strebt zu einer Vereinigung mit Gott, der Unio mystica, welche schon im diesseitigen Leben möglich ist. Der spirituelle Weg, den ein Mensch gehen muss, um diese Vereinigung zu erleben, ist das wichtigste Thema der Predigten Taulers. Der Gottsucher kann dieses Ziel erreichen auf dem Weg der inneren Abkehr von allem Weltlichen. So kann die menschliche Seele leer werden, so dass sie von Gottes Gegenwart ganz erfüllt wird.“ (https://www.heiligenlexikon.de/BiographienJ/Johannes_Tauler.htm) Außerdem stammte Tauler aus Straßburg, der wichtigsten Stadt des in Bd. 1 erzählten Geschehens; vor allem jedoch hatte die Taulerlektüre Döblins in den späten 30er Jahren den Autor tief beeindruckt. – Die Liebesgeschichte tritt hinter der Erzählung von Beckers Umkehr völlig zurück.

Thematisch mit Beckers Selbsterkenntnis ist die Geschichte des Dramatikers Stauffer verwandt, der ebenfalls durch eine Selbsterkenntnis im Spiegelbild zu sich kommt und den Mut findet, sich der neuen Liebe Lucie zu stellen (S. 159 f.). Diese rührende Geschichte von der alten Liebe Lucies, welche 20 Jahre auf Stauffer gewartet hat, und ihrer Begegnung mit Stauffer im Schloss ihrer Freundin im Tessin hat gar nichts mit dem Krieg zu tun; sie könnte in einem Roman über die Revolution 1918/19 fehlen, sie lockert als Geschichte einer gelingenden Annäherung und der Versöhnung mit Stauffers Tochter und Ex-Frau den politischen Stoff auf.

Es gibt natürlich weitere Figuren und Themen, die man nennen könnte (etwa den verbohrten Militärpfarrer mit seiner Theorie vom göttlichen Auftrag des Staates usw.), aber die genannten Figuren haben mich am meisten beeindruckt, was natürlich sowohl etwas über das Buch wie über mich besagt.

Fortsetzung: https://norberto42.wordpress.com/2016/07/24/a-doeblin-november-1918-bd-4-karl-und-rosa-eindruecke/

A. Döblin: November 1918, Bd. 2: Verratenes Volk – Eindrücke

Alfred Döblin hat 1937-1943 seinen Roman über die deutsche Revolution 1918/19 geschrieben: „November 1918“. Der zweite Band, „Verratenes Volk“, enthält die Ereignisse vom 22. November bis zum 7. Dezember 1918; der Blick des Erzählers richtet sich jetzt wesentlich auf die Situation in Berlin (Regierung Ebert; Not der Menschen; Liebknecht und der Spartakusbund; verschiedene Offiziers- und Soldatengruppen; einzelne Figuren, die wir teils aus Band 1 kennen, teils neu auftauchen: Soldaten, Schieber, Angehörige…), aber auch auf Kassel, wo die Heeresleitung sitzt (Hindenburg, Groener, von Schleicher), gelegentlich noch auf Straßburg und Paris, auch auf Köln und Münster: Es ist ein großes Potpourri von Aktionen und Gesprächen zwischen dem Sturm auf das Polizeipräsidium am 22.11. und einer Demonstration am 6.12., wobei Gardefüsiliere auf Demonstranten schießen. Ebert ist der einzige, der als Verhandlungspartner für die Siegermächte in Frage kommt; rechts von ihm planen Generäle und Offiziere einen Putsch, links von ihm zögert Liebknecht damit, die Revolution zu entfachen. – Ein Teil der Ereignisse ist von „Bonaventura“ nacherzählt worden: http://www.vigilie.de/2009/alfred-dblin-november-1918-2/.

Um einen Eindruck von Bd. 2 zu vermitteln, zitiere ich einige Kapitelüberschriften mit ihren Untertiteln:

STURM AUF DAS POLIZEIPRÄSIDIUM

Ein junger Mensch kehrt aus dem Krieg zurück, gewinnt dem Leben in Berlin keinen Reiz ab und trifft andere, denen es ebenso geht. Einige Aufgeregte Leute stürmen das Polizeipräsidium und können danach besser schlafen. Es ist der 22. November 1918.

DIE BEHÖRDEN

Die Behörden haben in dieser Zeit in Berlin nichts zu lachen. Aber sie ziehen sich mit Geschick aus der Affäre. Ein kleiner Mann hat sich an die Macht geschlichen und betrügt seine Umgebung. Es ist der 23. November 1918.

VON LIEBE MIT ODER OHNE GEGENLIEBE

Wir wechseln das Szenarium. Einige Personen, um nicht zu sagen: Helden unseres Berichts lassen uns an das Elsaß denken. Hier geht es ruhiger zu. Zahlreiche Hunde fühlen sich verlassen und möchten neu eingestellt sein. Ein Justizrat führt seinen Heldensohn herum, die Liebe redet ein ernstes Wort. Es dürfte um den 23. herum sein.

Von diesen Kapiteln gibt es 29 Stück in Band 2.

Erzähltechnisch sind folgende Stellen interessant:

  1. Im Kapitel „Übergang zu größerer Heiterkeit“ gibt es einen „Vorspruch“: „Der Schreiber dieser Zeilen ist betrübt, seine Leser trotz aller phantastischen Möglichkeiten dauernd zur Verfolgung der Ereignisse und der Schicksale der Personen durch trübes Wetter, Regen jagen zu müssen und sie nur gelegentlich in strengen Frost oder fröhliches Schneetreiben führen zu können. Es ist nicht seine Schuld. Ihm wäre es lieber, herüber in eine warme Adrialandschaft zu wechseln (…)“. (S. 132 in der alten Taschenbuchausgabe dtv 1389 von 1978) Auch im Kapitel „Ovationen für Friedrich Ebert“ gibt es einen ähnlichen Kommentar des Erzählers, in dem er sich rechtfertigt, dass plötzlich die Unteroffiziere agieren (S. 385); außerdem sind die Bedenken des Verfassers (S. 305 f.) zu nennen (im Kapitel „In der Apotheke und im Filmatelier“): „Eine große Zahl von Formen und Farben liegt schlafend in jedem Menschen, um im gegebenen Augenblick zu erwachen. / Manche Menschen lernen sich nur auf ein oder zwei Weisen, in ein zwei Formen kennen. Sie verfluchen sich in ihrer gnadenlosen Dummheit dazu, nur ein einziger Mensch zu sein. (…) Es ist gleich, ob wir, um uns zu vergewissern, den Menschenspiegel einer großen oder einer kleinen Stadt benutzen.“
  2. Die Rede Liebknechts im Kapitel „Die Stimme Liebknechts über Berlin“ (S. 180 ff.) wird nicht nur von Kommentaren der Zuhörer, sondern auch von einigen Kommentaren des Erzählers unterbrochen. Ich zitiere den ersten: „… Die welthistorische Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit hat begonnen. (Wie oft hat man das gehört, es war schon ein Leierkastenlied. Aber die Männer unten sahen einen aufgerissenen Mund, einen Kopf nach rückwärts gebogen, blitzende Brillengläser gegen den weißen Plafond gerichtet, eine kleine menschliche Figur in Schwarz gekleidet. Zusammengerissen schleuderte sie die Sätze heraus wie von einem Bogen. Sie schossen wie aus einem Rohr unter Überdruck. Und man begriff, als sie wie Teile von ihm durch die Luft spritzten: Es stand nicht nur zur Erörterung die Frage bürgerliche oder proletarische Revolution, sondern man sollte sich auch entscheiden, ob man mit ihm gehen, mit ihm sprühen wollte oder nicht. Nun ließ sich die Stimme wieder in den Saal herunter.)“
  3. Im gleichen Kapitel gibt es einen „Monolog der Spree“ (S. 205)
  4. Gelegentlich spricht der Erzähler im Plural majestatis, z.B. im Kapitel „Jeder Macht, was er will“: „Bei Tag ist alles nicht so geheimnisvoll, und wenn wir in der Nacht eine gewisse Scheu empfunden haben, in ihre Gespräche einzudringen, so sind wir jetzt davon frei.“ (S. 227 f.)
  5. Im Kapitel „Reise ohne Ergebnis“ gibt es eine große Reflexion des „Verfassers“ über sein Buch und die Revolution (S. 242-244): „Der Verfasser geht mit sich zu Rate Überblicken wir an diesem Punkt die Ereignisse, die verflossen sind und uns unabwendbar überströmen, und bedenken wir, von einer erklärlichen plötzlichen Müdigkeit überfallen unter dem unaufhaltsamen Ansturm der Begebenheiten (und es sind erst zwanzig Tage der Revolution vorbei), was nun kommen wird, so ist uns schon einiges klar: Mit der Revolution wird es auf diese Weise nicht vorwärtsgehen. Es wird mit ihr wahrscheinlich rückwärtsgehen. […]“
  6. Nicht nur dass Tauler wieder Becker erscheint (und spätere Erscheinungen erwarten lässt), ist zu vermelden; am Ende des Kapitels „Der 6. Dezember“ – das Datum, an dem die ersten bei einer Demonstration erschossen werden – tauchen am Schluss das Blut, die Seelen und die Schatten in Berlin handelnd auf (S. 402 f.)

Der alte Wylinski, Typus eines Kriegsgewinnlers (im Kapitel „Von Wanzen und ihrer Lebensweise“), trägt einige bemerkenswerte Einsichten vor: „Wir sind überall, in der Ehe und außer der Ehe, mit Geld beteiligt. Geld spielt bei allen Liebesbeziehungen irgendeine Rolle, mit Ausnahme bei der Backfischliebe – (…) Man steht sich, auch im unbekleideten Zustand, gesellschaftlich gegenüber. (…) Sparsamkeit ist der Todfeind der Liebe. Die Frauen hassen mit Recht sparsame Leute. Sparsamkeit ist der Tod jedes echten menschlichen Zusammenlebens.“ (S. 279 f.)

Bemerkenswert sind ebenfalls Beckers Reflexionen über die Juden (S. 364 ff., im Kapitel „Blick in einen dunklen Spiegel“), auf die ich hier nur hinweisen möchte; man müsste sie ganz im Zusammenhang lesen.

Interessant – und vielleicht aus Döblins historischem Abstand erklärbar – ist der Hinweis Barrès’ auf einen Artikel des Engländers Sir Maurice (im Kapitel „Paris, Ängste und Sünden“), die deutsche Armee sei nicht besiegt, sondern zusammengebrochen und könne wieder auferstehen – und die Deutschen glaubten fest, dass sie unbesiegt seien (S. 376 f.). Beachtung verdient auch der kurze Abriss: Hindenburgs Geschichte wird zum Mythos („Träger der Ordnung“, S. 342/44).

Ursprünglich waren Bd. 2 und Bd. 3 ein einziger Band. Döblin selber hat in ihm vier Schichten unterschieden: 1. die politische und revolutionäre Bewegung nach dem Kollaps, Ebert-Scheidemann gegen Liebknecht-Luxemburg; 2. die persönliche Schicht Rosas – imaginär, eine Geistergeschichte; 3. der Roman Friedrich Beckers, seines Freundes Maus und Hildas, der ebenfalls das Geisterreich berührt und sich zu einem religiösen Streit entwickelt; 4. die burlesken Affären des Autors Stauffer – Link und Idealismus – stehen in Gegenbewegung zu den Themen von Becker.