Ingrid Noll: Ehrenwort (2010) – Besprechung

Warum der Roman „Ehrenwort“ heißt, weiß ich nicht: Es geht um eine bürgerliche Familie mit kleinen Dellen; der Vater, Diplomingenieur, ist ein bisschen korrupt, seine Frau, eine Buchhändlerin, geht ein bisschen fremd, die Tochter studiert und ist lesbisch, der Sohn vernachlässigt sein Studium, wird erpresst, klaut Opas Geld und überhaupt… Bewegung kommt in das Geschehen, als der Opa verunglückt und ins Haus zieht. Der Enkel betätigt sich als Pfleger und verliebt sich in eine Pflegerin, Opa kommt wieder auf die Beine, obwohl die Eltern ihn möglichst schnell wieder weg haben wollen – zwei Mordversuche an Opa scheitern, dafür werden zwei Gangster von zwei Frauen ermordet und entsorgt.

Psychologische Wahrscheinlichkeit darf man bei Ingrid Noll nicht erwarten, sondern eine Art „humorvoller“ Unterhaltung; dazu gibt es wie üblich Nörgelei über die Verhunzung der deutschen Sprache, einige vom Opa zitierte lateinische Redensarten, ein bisschen Liebe, ein bisschen Cognac, zum Schluss ist die Familie wieder versöhnt, Sohn Max will Krankenpfleger werden und der Opa stirbt sogar – Max wusste sofort, „dass der Opa mit seinem Latein am Ende war“. Wer bei diesem doppeldeutigen Schluss den Humor des Erzählers nicht spürt, dem ist nicht zu helfen.

Wer die einigermaßen berühmte Autorin Ingrid Noll nicht kennt, hat nicht viel verpasst. Ich habe jetzt zwei ihrer Bücher gelesen, das reicht wirklich.

 

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Ingrid Noll: Halali (2017) – Besprechung

Ingrid Nolls „Halali“ (2017) bietet harmlose Unterhaltung für vier Stunden: Studien des Bonner Milieus in den 50er Jahren, in dem zwei junge Frauen („Mädchen“ oder „Fräuleins“ sagte man damals) ihre Zeit mit Arbeit im Innenministerium, Spaziergängen, Tratschen, Spielen und der Suche nach einem Mann verbringen. Dabei wird mehr oder weniger augenzwinkernd erzählt, wie die beiden mit einem angeworbenen Agenten und seinem Führungsoffizier in Verbindung kommen und nicht nur diese beiden töten oder sterben lassen, sondern später auch noch einen dritten, den langweiligen Ehemann der einen; der wird auf einer Jagd erschossen, während der erste Tote Jäger hieß – daher der Titel „Halali“.

Ich-Erzählerin ist eine 82jährige Frau, die genauso alt wie Ingrid Noll ist; sie erzählt ihrer Enkelin Laura bei Besuchen dieses Stück ihrer Lebensgeschichte in Abschnitten, wobei sie die von der Enkelin repräsentierte Gegenwart mit der neugierigen Distanz einer alten Dame betrachtet. Das Beste am Buch sind die trefflichen Milieuschilderungen des Lebens junger lediger Frauen in Bonn in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, in die auch manche altbekannte Scherze eingebaut sind.

J. Littell: Die Wohlgesinnten (2008) – Besprechung

Es ist nicht einfach, eine einzige Meinung über einen Roman von gut 1300 Seiten zu haben, in dem Blut und Scheiße, Cognac und Sperma in Strömen fließen. Der idealistisch überzeugte SS-Mann Dr. Max Aue, Jahrgang 1913, erzählt und reflektiert rückblickend in der Ich-Perspektive sein Leben von Juni 1941 bis April 1945; er war im SD und so direkt für die ordnungsgemäße Ermordung von Juden, Partisanen und anderen „Volksfeinden“ hinter der Front verantwortlich, ohne doch Lust am Töten zu haben – gleichwohl ermordet er noch zum Schluss drei Menschen eher grundlos.

Er ist schwul und lebt seine Sexualität teilweise mit pathologischer Besessenheit aus, lässt aber die ihn liebende junge Witwe Helene nicht wirklich an sich heran. Das hängt damit zusammen, dass er seiner Zwillingsschwester Una seit ihren gemeinsamen heftigen Pubertätsliebesübungen verfallen ist, während die Schwester sich davon distanziert hat und mit dem älteren kranken Baron von Üxküll verheiratet ist (und vermutlich zwei nichteheliche Kinder, ebenfalls Zwillinge, hat, die bei ihrer zum zweiten Mal verheirateten Mutter untergebracht waren, bis diese mit ihrem zweiten Mann in Frankreich ermordet wird).

Das Buch endet damit, dass er im von den Russen eroberten Berlin seinen Freund Thomas, der ihm gerade das Leben gerettet hat, mit einer Eisenstange erschlägt und im verwüsteten Zoo in seiner Traurigkeit zu sich kommt: „Mit einem Mal spürte ich das ganze Gewicht der Vergangenheit, den Schmerz des Lebens und des unerbittlichen Gedächtnisses, ich blieb allein mit dem sterbenden Flusspferd, einigen Straußen und den Kadavern, allein mit der Zeit und der Traurigkeit und dem Leid der Erinnerung, mit der Grausamkeit meiner Existenz und meines künftigen Todes. Die Wohlgesinnten hatten meine Spur wieder aufgenommen.“ (S. 1358 f.) „Die Wohlgesinnten“, das sind die drei Rachegöttinnen des griechischen Mythos (https://de.wikipedia.org/wiki/Erinnyen), die aber in der Auseinandersetzung mit Apollon von Athene eine neue Aufgabe bekommen haben. Sie müssen ihn also schon vorher verfolgt und sein wahnwitziges Leben bestimmt haben – ein Tipp des Erzählers, wie sein Leben zu verstehen ist (die beiden Kriminalbeamten als ihre moderne Entsprechung?). Entgegen diesem Tipp wird auf den letzten 50 Seiten teilweise reichlich surreal erzählt, wie Aue sich zusammen mit Thomas mit einer Kinderbande durch die russischen Linien schleicht, wie er bei einer Ordensverleihung Hitler in die Nase beißt und nicht getötet wird, wie ein hartnäckiger Kriminalbeamter ihn im zerbombten Berlin erneut stellt und dabei vom zufällig hinzukommenden Thomas erschossen wird…

Und das alles muss sich mit dem vertragen, was der Erzähler zu Beginn über sein Schreiben sagt:: „Hier geht es nicht um Schuldgefühle oder Gewissensbisse. Die gibt es natürlich auch, das will ich nicht leugnen, aber mir scheint, die Dinge liegen viel komplizierter. Selbst ein Mensch, der nicht im Krieg war, der nicht töten musste, wird erlebt haben, wovon ich rede.“ (S. 15)

Nicht nur die Vielzahl der Personen, denen Max Aue begegnet, sondern auch die seltsamen Überschneidungen von Wehrmacht, staatlicher Verwaltung und SS nebst ihren zahlreichen Diensträngen machen für mich das erzählte Geschehen so unübersichtlich, dass ich mir 31 Memo-Streifen an besonders eindrucksvollen Stellen ins Buch geklebt habe. Ich finde Littells Versuch, die systematische Vernichtung von Millionen Menschen aus der Sicht eines überzeugten Nazis zu erzählen, jedoch interessant, weil wir bisher nur die neutrale historische Dokumentation und die Erzählungen aus der Sicht der Opfer (Primo Levi, Jorge Semprun und andere) kennen – und vielleicht die Rechtfertigungen verbohrter Nazis, wofür ich aber kein Beispiel weiß, sowie Schlinks verquasten „Vorleser“.

An einem Beispiel möchte ich das moralische Problem des Helden aufzeigen: Seit meiner Kindheit trieb mich der leidenschaftliche Wunsch nach dem Absoluten und nach Grenzüberschreitung; jetzt hatte mich diese Leidenschaft an den Rand der Massengräber in der Ukraine geführt. Ich war immer bestrebt gewesen, radikal zu denken; nun hatten auch der Staat, die Nation die Radikalität und das Absolute für sich entdeckt; wie also hätte ich mich in diesem Augenblick verweigern, Nein sagen und mich stattdessen für die Bequemlichkeit der bürgerlichen Gesetze, die laue Sicherheit des Gesellschaftsvertrags entscheiden können? Das war natürlich unmöglich. Und wenn sich die Radikalität als die des Abgrunds und das Absolute als das absolut Schlechte erwies, so galt es trotzdem – zumindest war ich davon in meinem Innersten überzeugt –, ihnen offenen Auges bis zum bitteren Ende zu folgen.“ (S.137 f.) Das ist eine nicht akzeptable Rechtfertigung: Wer dem Absoluten nachjagt, kann nur das Gute suchen; wenn sich das vermeintlich Gute als das wahrhaft Böse erweist, kann man an ihm als intellektuell Redlicher (als welcher Dr. Aue sich stilisiert, z.B. S. 452) nicht mehr festhalten, muss man (nach Nietzsche) zum „Verräter“ werden (Menschliches, Allzumenschliches I 627 ff.). – Die zitierte Stelle ist intellektuell verlogen, also unglaubwürdig; zumindest in der Rückschau müsste der Ich-Erzähler sich davon distanzieren.

Bei den Soldaten, die schießen, verurteilt der Erzähler diejenigen, denen das Freude macht; die jedoch ihre Aufgabe „aus Pflichtgefühl“ erfüllten und „Freude an ihrer Hingabe“ empfanden, die finden seine Zustimmung (S. 141) – damit lobt er einen Kadavergehorsam („In einem Staat wie dem unseren war jedem seine Rolle zugewiesen: Du bist das Opfer und du der Henker…“, S. 146), der mit dem von ihm vertretenen Kategorischen Imperativ nicht vereinbar ist, nur mit einem Imperativ, der dem Führerprinzip untergeordnet ist, wie Aue das in einem Gespräch mit Eichmann erläutert (S. 791 f.). Die Freiheit bestehe darin, „die Notwendigkeit der Führerbefehle für sich selbst zu verstehen und anzunehmen“, andernfalls bleibe man ein Schaf. (S. 147) „Die Höhere Führung musste diese Probleme natürlich in ihrer Gesamtheit betrachten…“ (S. 142) – das ist dann bloß Geschwafel.

Im Gespräch mit Thomas erklärt Dr. Aue, die Ermordung der Juden sei objektiv sinnlos, „ein Verlustgeschäft, die reine Verschwendung. Das ist alles. Insofern kann es nur einen einzigen Sinn haben: den eines endgültigen Opfers, das uns für immer zusammenschweißt, das uns ein für alle Mals daran hindert, den Rückweg anzutreten.“ (S. 203) Anschließend muss er kotzen, aber davon wird der Gedanke auch nicht besser – er unterschlägt die menschliche Möglichkeit, wieder neu anzufangen; er stammt aus einem unmenschlichen Dezisionismus: Nur der GOTT kann ein für alle Mal „handeln“, wie Aue selber letztlich weiß; denn er rechnet mit der Möglichkeit, dass die Roten mehr Fabriken haben als bisher angenommen. So ist die Rechtfertigung der „Endlösung“ der Akt eines Spielers, der nachträglich einsehen müsste, dass man so hoch nicht pokern darf.

Allen bisherigen Ausführungen widersprechen die Gedanken, die Aue bald darauf äußert: Die Massaker im Osten bezeugten paradoxerweise „die schreckliche, unabänderliche Solidarität der Menschen untereinander“; denn kein Soldat könne eine Frau oder ein Kind erschießen, ohne an die eigene Frau, Schwester oder Mutter und das eigene Kind zu denken – „das alles bewies, dass es den Anderen gibt, dass es ihn als Anderen, als Menschen gibt und dass kein Wille, keine Ideologie, kein noch so großes Maß an Dummheit und Alkohol dieses Band zerreißen kann – dieses überdehnte, aber unzerstörbare Band. Das ist eine Tatsache und nicht bloßes Meinen.“ (S. 210 f.) Dieser Gedanke widerlegt alles, was Aue bis dahin geschrieben hat. Was heißt das? Entweder ist Dr. Aue in seinem Denken nicht klar, ist er ein intellektueller Schwätzer, der blind mit diversen Versatzstücken arbeitet, oder der Autor Littell muss sich diesen Schuh anziehen.

Ein Traum des Dr. Aue und seine Deutung bestätigt diese intellektuelle Unbedarftheit (des einen oder des anderen): Aue träumt also von einem vollkommenen Lager, wie er nach dem Erwachen erkennt (S. 868 f.), und fragt sich dann, „ob es nicht einfach eine Darstellung des sozialen Lebens in seiner Gesamtheit war. Ohne seine billige Verkleidung … bleibt vom menschlichen Leben kaum mehr als das übrig; sobald man sich fortgepflanzt hat, hat man den Zweck der Spezies erfüllt; und was den Zweck des eigenen Lebens angeht, so ist er nichts als Augenwischerei, ein Köder, der uns dazu bringen soll, morgens aufzustehen; doch wenn man die Sache objektiv betrachtete, wozu ich mich imstande glaubte, war die Nutzlosigkeit all dieser Bemühungen offenkundig, genauso wie der Fortpflanzung selbst, da sie nur dazu diente, neue Nutzlosigkeit hervorzubringen. Und so kam mir der Gedanke, dass das Lager selbst, mit seiner strengen Organisation, seiner absurden Gewalttätigkeit und seiner peniblen Hierarchie, womöglich nichts anderes als eine Metapher sei, eine reductio ad absurdum des täglichen Lebens.“ (S. 869) Das ist wieder so ein Gedankensplitter, der sich mit den bisherigen Rechtfertigungen des Judenmordes nicht verträgt – der Gedanke eines Menschen, der zu den Herren und nicht den Sklaven des Lagers gehört.

Iris Radischs (DIE ZEIT) Kritik:

  • literarisch mittelmäßig bis dürftig [stimmt i.W., aber streckenweise spannend]
  • Ich-Perspektive des NS-Täters ist eine Chance, aber
  • das Buch ist nur eine Bibliotheksfantasie und offenbart nicht den Täter als Menschen, [das stimmt]
  • außerdem ist er ein Edelnazi, der einen akzeptablen Nationalsozialismus repräsentiert, [der Relativsatz ist falsch, Dr. Voss entlarvt die Rassentheorie als Unsinn, S. 423 f.]
  • er wird durch das intertextuelle Spiel mit der „Orestie“ des Aischylos veredelt, [stimmt vielleicht – mir wird der Bezug auf die Orestie aber nicht klar!]
  • weswegen Dr. Max Aues Taten als Schicksal, aber nicht als zu verantwortende Entscheidungen dastehen. [Das halte ich für falsch, wenn auch die zu erwartenden Strafen von Aue bloß als Siegerjustiz gesehen werden.]
  • Das ist ein innerer Widerspruch: Wenn man den Täter derart ins Zentrum rückt, muss man ihn auch verantwortlich machen. [Problematisch!]
  • Außerdem hat der Roman keinen Stil, ist sexuell schwülstig und lebt vom Standardvokabular des Horrors, bleibt floskelhaft. [Das stimmt, außerdem hat der Roman oft überflüssige Längen, auch bei den Sexorgien Aues.]
  • Es gibt keinen Grund, ihn zu lesen. [Das ist vorschnell geurteilt – man muss die Ich-Perspektive als Chance begreifen, die zu bedenken ist, auch wenn Littell sie nicht wirklich genutzt hat.]

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/ss-roman-die-wohlgesinnten-der-scherge-in-uns-a-535538.html sowie http://www.spiegel.de/thema/jonathan_littell/

https://www.zeit.de/2008/08/L-Littell-Radisch/komplettansicht (sehr kritisch)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/osteuropa-jonathan-littell-die-wohlgesinnten-1386577.html (sehr kritisch)

https://www.begleitschreiben.net/die-wohlgesinnten/ (sehr ausführlich, sehr kritisch)

https://www.welt.de/kultur/article1677754/Jonathan-Littell-macht-jeden-zum-Nazi.html

http://schwarzaufweiss.online/littell-jonathan-die-wohlgesinnten/ (kritisch, doch positiv)

https://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/DieWohlgesinnten

https://dieterwunderlich.de/Littell-wohlgesinnten.htm (Inhalt ausführlich)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Wohlgesinnten (knappe Übersicht)

 

Eumeniden (Mythologie), Erynnien, Furien, die furchtbaren Rachegöttinnen der griechischen Mythe, Tochter der Nacht, Quälerinnen der Bösen in der Unterwelt, und auf der Oberwelt die verderblichen Machte, welche Seuchen, Hunger, Mord und Krieg verbreiteten. Sie hießen Tisiphone, Megära und Alekto; Andere geben ihre Zahl auf 50 an. Schlangen umringelten ihr Haupt statt des Haares, Schlangen umgürteten sie, Schlangen, Fackeln und Dolche trugen[28] sie in entfleischten Händen; ihr Gesicht war voll tiefer Häßlichkeit, schwarz, ihre Hände bekrallt, doch stellte eine veredelte Kunst später auch die Furien schöner, ja in vollendeter Schönheit voll tiefen Ernstes dar. Wen die Furien verfolgten, der fand keine Ruhe, keinen Frieden; rastlos wurde er umhergejagt von Ort zu Ort, bis er den Tod fand oder freiwillig wählte, oder die »Zürnenden« (Erynnien) sühnte. Neben dem Areopagus zu Athen hatten sie eine geheiligte Grotte.

Damen Conversations Lexikon, Band 4. [o.O.] 1835, S. 28-29.

Permalink: http://www.zeno.org/nid/20001728903

Erinyen (Singular Erinys), die griech. Rachegöttinnen, nach Hesiod entstanden aus den auf die Erde gefallenen Blutstropfen des entmannten Uranos, nach andern Töchter der Nacht oder des Skotos (Dunkels) und der Gäa. Die Dreizahl erscheint zuerst bei Euripides, noch später die Namen Alekto (die nie Rastende), Tisiphone (die Mordrächerin), Megära (die Verargende). Wie ihre Heimat, so ist ihr Aufenthalt die Unterwelt, aus der sie gerufen und ungerufen emporsteigen, um ihres Amtes zu walten. Sie sind die unerbittlichen Rächerinnen jeder Überschreitung der Weltordnung, besonders der Vergehen gegen die Grundlagen der menschlichen Gemeinschaft; so strafen sie die Versündigungen gegen Götter, Eltern und Geschwister, namentlich die Blutschuld, Verletzung des Gastrechts, Meineid etc. auf Erden wie im Hades. Die Phantasie der Dichter stattete sie nach dem Vorgang des Äschylos, der sie zuerst auf die Bühne brachte, mit allen möglichen Schrecknissen aus: von dunkler Hautfarbe, mit schwarzen, nach Jägerinnenart aufgeschürzten Gewändern und schwarzen Flügeln, mit Flammenblicken, Schlangen im Haar und um Leib und Arme, durch giftigen Hauch und Geifer Mißwachs und Seuche verbreitend, Fackeln, Geißel, Stachelstab oder Schlangen in den Händen, hetzen sie unermüdlich die Frevler und versetzen den Getroffenen in Wahnsinn, bis er seine Schuld gesühnt hat. Aber als Hüterinnen des Rechts und Rächerinnen des Frevels galten sie auch als wohltätige Mächte, als Eumeniden (die »Wohlwollenden«); in Attika wurden sie als Semnai (die »Ehrwürdigen«) am Areopag und auf dem Hügel Kolonos verehrt.

Geopfert wurde ihnen des Nachts mit schwarzen Schafen, honiggemischtem Wasser, Milch und Kuchen. Eine Übertragung der griechischen E. sind die römischen Furiae oder Dirae, die gewöhnlich als Quälerinnen der Frevler in der Unterwelt vorgestellt wurden, aber auch auf die Oberwelt kommen, um in Wahnsinn zu versetzen und Verbrechen anzustiften. – Dem Zwiefachen der E. entsprechen in der Kunst zwei Typen, der ältere stellte sie als ehrwürdige, langgekleidete Frauen von ernstem Charakter mit Schlangen in der Hand als Symbol dar; der zweite kennzeichnet sie als die furchtbaren Göttinnen und gibt sie mit Vorliebe in der Tracht von Jägerinnen von mehr oder minder schrecklichem Aussehen (vgl. die Abbild.)

http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

Zur „Orestie“ des Aischylos siehe W. Nicolai: Zum doppelten Wirkungsziel der aischyleischen Orstie (https://publications.ub.uni-mainz.de/opus/volltexte/2011/2638/pdf/2638.pdf, dort v.a. S. 37 ff. zu den „Eumeniden); vielleicht tut man mit der Lektüre dieses großen Aufsatzes Herrn Littell jedoch zu viel der Ehre an.

L. Binet: HHhH – Besprechung

L. Binet: HHhH. Himmlers Hirn heißt Heydrich. rororo 25587

Ein großartiges Buch, das man bis zum Ende mit Freude liest (um S. 250 überkam mich allerdings das Gefühl, allmählich könnte es mit dem Attentat losgehen): Laurent Binet erzählt, wie das Attentat auf Heydrich im Mai 1942 vorbereitet und durchgeführt wurde, wie Heydrich starb und wie die Attentäter schließlich durch Verrat gefunden wurden, sich gegen eine Übermacht verteidigten und schließlich selbst töteten. Um diesen Kern herum werden viele Geschichten ausgebreitet, von Heydrichs Lebenslauf, von seinem mörderischen Wirken, von der tschechischen Exilregierung und ihren Soldaten, und immer wieder von Prag, von Böhmen und Mähren und der Slowakei.

Doch ist Binets Buch nicht nur ein Thriller, sondern es ist zugleich ein reflektierter Roman: Immer wieder macht der Erzähler sich daran, über die Möglichkeit, vergangenes Geschehen wahrheitsgetreu zu erzählen, Gedanken; er bezieht sich auf andere Autoren und ihre Bücher, auf Filme und auf seine eigenen Wünsche – das alles nicht ohne Ironie und mit dem Anspruch, nur Wahres zu erzählen: „Diese Geschichte wird zu meiner persönlichen Angelegenheit. Deshalb vermischt sich meine Vorstellung manchmal mit den tatsächlichen Fakten. Es ist, wie es ist.“ (S. 148) Kapitel 102 kann man als Paradebeispiel für dieses Spiel mit der „Wahrheit“ und mit dem Leser ansehen.

Damit etwas ins allgemeine Gedächtnis übergeht, muss es zunächst in Literatur verwandelt werden. Das mag schäbig sein, aber es ist nun einmal so.“ Soll man mit Binet über diesen Satz streiten? Nein, es ist besser, das ganze Buch zu lesen, um sich im Sinne Binets die Untaten der Nazis noch einmal vor Augen zu führen.

https://de.wikipedia.org/wiki/HHhH

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/laurent-binet-hhhh-wie-die-blonde-bestie-starb-11229062.html

https://www.perlentaucher.de/buch/laurent-binet/hhhh.html

Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion (2018) – Besprechung

Die siebte Sprachfunktion“ ist ein witziger Roman. Unter Sprachfunktionen versteht man die wesentlichen Aufgaben, welche Sprache für die Menschen hat. Der Linguist Jakobson (https://de.wikipedia.org/wiki/Roman_Ossipowitsch_Jakobson#Werk) hat deren sechs identifiziert, vielleicht auch eine siebte, und um diese siebte geht es: um das Performativ oder die Möglichkeit, mit Sprache jeden herumzukriegen oder zu besiegen.

Gesucht wird also Jakobsons Manuskript der Theorie der siebten Sprachfunktion, bzw. dessen Fälschung, um dessen Besitz und Raub… dabei kommen allerlei Menschen zu Tode. Die Ereignisse spielen im Jahr 1980, zunächst in Paris mit seinen Intellektuellen und einigen wichtigen Politikern, dann an verschiedenen Orten mit vielen koksenden Studenten und sexuell freizügigen Menschen. Inspektor Bayard wird vom französischen Präsidenten damit beauftragt, besagtes Manuskript zu finden und den Tod Roland Barthes‘ aufzuklären; er engagiert dazu einen jungen Sprachwissenschaftler, und der erlebt von heißer Liebe über großen Wettkampf bis zur Verstümmelung das pralle Leben.

Besagte Sprachfunktion soll bei zwei Gelegenheiten eingesetzt werden: beim rhetorischen Wettkampf im Logos-Club (mit schlimmen Konsequenzen für die Verlierer) und beim französischen Wahlkampf 1980, den Mitterand gewinnt – und so gehen die Ereignisse ihren Gang, zum Schluss ist der Fall aufgeklärt.

Ich habe das Buch mit Freude gelesen.

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article161767523/Ganz-Frankreich-ist-ein-einziger-Krimi.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/laurent-binets-roman-die-siebte-sprachfunktion-14574555.html

https://www.zeit.de/2017/05/die-siebte-sprachfunktion-laurent-binet-roman-campus

https://www.deutschlandfunk.de/laurent-binet-die-siebte-sprachfunktion-deftige.700.de.html?dram:article_id=378885

J. Kaube: Die Anfänge von allem (2017) – Besprechung

Jürgen Kaube, einer der Herausgeber der FAZ, hat mit „Die Anfänge von allem“ (Rowohlt 2017) ein Buch veröffentlicht, das im Dezember 2017 bereits in 3. Auflage vorlag, wobei die Auflagenhöhe aber dezent verschwiegen wird. Es geht darin um die Anfänge spezifisch menschlich-kultureller Errungenschaften, die nicht durch Nachahmung natürlicher Gegebenheiten erklärt werden können, vom aufrechten Gang über die Anfänge der Sprache, der Religion, der Musik, der Schrift bis zu den Anfängen des Geldes und der Monogamie – insgesamt 16 Kapitel mit 50 Seiten Anmerkungen und 40 Seiten Literaturangaben. Dabei greift Kaube auf evolutionsbiologische Überlegungen, historische Untersuchungen zur Antike und ethnologisches Vergleichsmaterial zurück, ohne dass diese Differenzen in der Fragestellung im Einzelfall begründet würden: Warum widmet er sich z.B. im 12. Kapitel den Anfängen des geschriebenen Rechts, also dem Codex Hammurabi, aber nicht dem mutmaßlichen Anfang rechtlicher Verhältnisse unter Menschen?

Bestechend ist die Fülle der Literatur, die Kaube verarbeitet hat; dabei fällt allerdings auf, dass die englischsprachige Literatur überproportional vertreten ist, auch mit Artikeln in Fachzeitschriften, an die man als normaler deutscher Leser nicht herankommt. Dafür fehlt manchmal deutsche Standardliteratur, bei der Schrift etwa Christian Stetters „Schrift und Sprache“ (Suhrkamp 1997).

Die 14 Kapitel sind naturgemäß nicht gleich gut. Die ersten Kapitel haben mich besonders beeindruckt: über den aufrechten Gang als zentrales Kriterium des Menschlichen, über das Kochen und Sprechen (wobei ich nicht begreife, wie es ein Kapitel über das Sprechen und eines über die Sprache geben kann). Gut ist auch das Kapitel über die Stadt, während die Kapitel über die Religion, den Staat und das Erzählen Schwächen aufweisen. Das müsste an vielen Einzelheiten belegt werden.

So geht es im 14. Kapitel darum, dass es praktisch war, die unzähligen Götter auf einige zu reduzieren. „Dafür waren Gedanken wie der nötig, dass nicht jeder Fluss eines zuständigen Gottes bedarf, wenn sich alle Flüsse aus einem unterirdischen See speisen. Dessen Gott genügte dann. Auf diese Weise kamen Konzepte wie Ursache und Wirkung, Ganzes und Teil oder Über- und Unterordnung ins Spiel. Die Menschheit lernte an den Göttern, die sie sich vorgestellt hatte, logisch zu denken.“ (S. 296) Das ist denn doch eine viel zu einfache „Erklärung“ der Herkunft von Kategorien des Denkens. Und es nicht die einzige Stelle, wo Kaube journalistisch-flott statt wissenschaftlich-langsam argumentiert.

Gleichwohl hat Kaube ein Buch geschrieben, das interessant ist und viel Stoff zum Nachdenken bietet. Und das wollte er ja auch, nicht nur die Anfänge zivilisatorischer Errungenschaften darstellen (S. 19), sondern auch „Perspektiven auf die Zivilisation (…) eröffnen, die nicht von unseren eigenen Gewohnheiten schon festgelegt sind“ (S. 22). Dabei ergibt sich, dass viele Errungenschaften nicht eine einzige Ursache haben, dass sie nicht direkt „erfunden“ worden sind, dass es über ihre Anfänge nicht nur eine Theorie gibt; wenn man gut Bescheid weiß, etwa über die Anfänge der Stadt, reduziert sich jedoch die Zahl der plausiblen Theorien.

Als eine Schwäche erweist sich m.E. die Aufteilung der Frage nach den Anfängen auf viele Themen, bei denen man dann wieder auf andere Themen resp. die dort vorgetragenen Überlegungen zurückgreifen muss. Ein chronologisch geordneter Längsschnitt hätte diese Probleme umgangen.

https://www.mdr.de/kultur/empfehlungen/sachbuch-der-woche-juergen-kaube-die-anfaenge-von-allem-100.html

https://www.zeit.de/2017/44/die-anfaenge-von-allem-juergen-kaube-sachbuch

http://www.deutschlandfunk.de/juergen-kaube-die-anfaenge-von-allem-ein-buch-das-lust-zum.700.de.html?dram:article_id=408511

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article169026184/Was-hat-der-aufrechte-Gang-mit-Monogamie-zu-tun.html (sehr anregend)

https://www.praeposition.com/sentimenthek/9-jrgen-kaube-die-anfnge-von-allem u.a.

Philip Roth: Mein Leben als Sohn – Besprechung

Philip Roth: Mein Leben als Sohn. Eine wahre Geschichte, 1992

Vor einigen Tagen ist der amerikanische Autor Philip Roth gestorben. Aufgrund der Würdigung seiner wichtigsten Werke habe ich beschlossen, Roth zu lesen, und mir aus der Stadtbibliothek einige zufällig vorhandene Bücher mitgenommen. „Mein Leben als Sohn“, ein spätes Buch des Autors, handelt vom Sterben seines Vaters – genauer von der Zeit davor. Es beginnt mit der Entdeckung, dass Herman Roth einen bereits zehn Jahre alten Gehirntumor hat: Soll man dem 86jährigen noch eine über zehnstündige Operation zumuten? Und was geschieht mit ihm, wenn man nicht operiert?

Diese Geschichte wird aus der Perspektive des Sohnes erzählt, der sich um den eigenwilligen Vater kümmert, dessen Lebensgeschichte (jüdisches Einwandererkind, Ehemann und Vater, Sportsfreund und Kämpfer, Vertreter einer Versicherungsgesellschaft …) immer wieder durchscheint. Zum Schluss werden auch das Atem- und Esszentrum angegriffen, und Herman Roth stirbt einen schweren Tod.

Philip Roth greift seinem Tod in einem Traum voraus, in dem eine alte Kriegsfregatte unbewaffnet und steuerlos auf die Küste zutreibt; Philip Roth steht mit anderen Kinder am Ufer und sieht dem Geschehen zu. „Der Traum sagte mir, daß ich zumindest in meinen Träumen ewig als sein kleiner Sohn leben würde, mit dem Gewissen eines kleinen Sohnes, so wie er dort lebendig bleiben würde, nicht nur als mein Vater, sondern als der Vater, der zu Gericht sitzt über alles, was immer ich tue.“

Roth hat das Buch „Für unsere Familie, die Lebenden und die Toten“ geschrieben, ein eindrucksvolles Buch, das einen am Sterben des Herman Roth und am Mitleiden des Philip Roth teilnehmen lässt. Jetzt gehört Philip Roth selbst zu den Toten – wenn man denn so überhaupt sprechen darf, als ob es die Gemeinschaft der Toten gäbe. Vermutlich ist das aber nur ein Wort, bei dem wir uns im Glauben an die Existenz des Benannten etwas ahnend denken.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mein_Leben_als_Sohn

http://www.die-leselust.de/buch/roth_philip_sohn.htm

http://www.lesekost.de/Us/HHLUS05.htm

https://radiergummi.wordpress.com/2011/03/03/philip-roth-mein-leben-als-sohn/

D. Kehlmann: Tyll (2017) – Besprechung

Gestern habe ich Kehlmanns Roman „Tyll“ (Rowohlt 2017) zu Ende gelesen. Nun frage ich mich: Worum geht es eigentlich in dem Roman? Die Hauptfigur ist Till Eulenspiegel (https://de.wikipedia.org/wiki/Till_Eulenspiegel), eine Figur aus einem Volksbuch, der im 14. Jahrhundert gelebt haben soll und von Kehlmann in den 30jährigen Krieg versetzt wird. Er bekommt eine schwere Kindheit und eine Gefährtin Nele und wird Hofnarr beim gescheiterten Winterkönig und seiner Frau Elisabeth; außerdem zieht er als Gaukler durch die Welt des Krieges, wird als Mineur verschüttet und lebt dann zum Schluss doch.

Das wird also erzählt – aber worum geht es in dem Roman? Das ist mir nicht klar geworden. Es geht am ehesten um ein bisschen von allem: um den Krieg, um Armut und Not, um Kämpfen und Überleben, um Macht- und Familienpolitik und Verhandeln, um Hexenverfolgung und intrigante Jesuiten, um Gelehrte (Olearius und Kircher, Karikaturen weltberühmter Gelehrter, Tesimond schon ziemlich fiktiv) und Soldaten. Das alles wird einigermaßen spannend erzählt, ohne sprachliche Ambitionen, dafür mit vielen Versatzstücken: beginnend beim Spruch aus dem Märchen von den Bremer Stadtmusikanten, etwas Besseres als den Tod finde man überall, über die Ausschlachtung des bekannten Haufenparadoxes (https://also42.wordpress.com/2011/07/02/cohen-das-schiff-des-sorites-ratsel-8-das-schiff-des-theseus/ oder https://de.wikipedia.org/wiki/Paradoxie_des_Haufens), das hier „Körnerproblem“ genannt wird, das Vögelchen vom Blocksberg und die Umformulierung von des Kaisers neuen Kleidern, die hier als das leere Bild auftauchen, welches Lumpen und Nichtsnutze nicht sehen können. Im Roman erklärt Nele, wie in ihrem Kopf aus vielen bekannten Teilen ein Märchen entsteht: „fängt man einmal an, so geht es ganz von selbst weiter, und die Teile fügen sich zusammen, mal so und mal so, und schon hat man ein Märchen.“(S. 327) So ähnlich ist wohl auch Kehlmanns Roman „Tyll“ entstanden; da kann es dann auch zwei Versionen des gleichen Geschehens geben, etwa von Pirmins Tod, das fügt sich alles zusammen und ist auch nicht so wichtig.

Warum sollte man den Roman lesen? Dafür weiß ich keinen plausiblen Grund; eine zweite Lektüre lohnt sicher nicht – es ist also kein großer Roman, trotz der sich wieder überschlagenden Lobsprüche der Kritiker, sondern ein ziemlich solide gemachter, nicht mehr und nicht weniger.

M. de Unamuno: Das Leben Don Quijotes und Sanchos – vorgestellt

Miguel de Unamuno: Das Leben Don Quijotes und Sanchos nach Miguel de Cervantes-Saavedra erklärt und erläutert. 2. Auflage 1913 (deutsch 1926 von Otto Buek).

Wenn man in den Wikipedia-Artikel (https://de.wikipedia.org/wiki/Don_Quijote) über den „Don Quijote“ schaut, sieht man, dass dieses große Buch viele literarische Neufassungen hervorgerufen hat. Zu diesen zählt auch das Buch Unamunos. Es läuft im wesentlichen darauf hinaus, daß man den Gelehrten, den Kritikern und Geschichtsschreibern die verdienstvolle und nützliche Aufgabe überlassen solle, festzustellen und zu untersuchen, was der „Don Quijote“ zu seiner Zeit und unter den Verhältnissen, in denen er geschrieben wurde, bedeutete, was Cervantes mit ihm hat ausdrücken wollen und was er wirklich in ihm ausgedrückt haben mag, – daß es uns dagegen freistehen müsse, sein unsterbliches Werk als etwas Ewiges, außerhalb jeder Epoche Stehendes und nicht an die Grenzen eines Landes Gebundenes zu betrachten und darzustellen, und auszuführen, was die Lektüre dieses Buches an Gedanken, Gefühlen und Empfindungen in uns weckt und hervorruft. (…) Ich wiederhole, daß ich mich mehr als Donquijotisten, denn als Cervantisten fühle, und daß ich die Gestalt Don Quijotes von ihrem Schöpfer Cervantes selbst ablösen und befreien möchte (…). Denn ich glaube, daß auch die erdichteten Persönlichkeiten in dem Geiste des Autors, der sie erfindet, ihr eigenes Leben führen, eine bestimmte Autonomie besitzen und ihrer eigenen und innern Logik folgen, deren sich ihr Schöpfer selbst nicht immer ganz bewußt ist. (S. XIV) Das ist ein großes und gewagtes Programm Unamunos, welcher sich damit der Gefahr aussetzt, seine eigenen Vorstellungen für den ewigen Don Quijote zu halten. Solange man seine eigene Rezeption eines Werks für revidierbar hält, geht es noch an; sobald man sie für die ewige Wahrheit ausmacht, wird es riskant.

Unoamuno kommentiert also viele Kapitel von Cervantes‘ Buch bzw. von Don Quijotes Erlebnissen, Worten und Taten. An einem Beispiel möchte ich vorführen, was dabei herauskommt, am Satz des Helden: „Ich weiß, wer ich bin.“ Der Held kann von sich sagen: „Ich weiß, wer ich bin“, und darin liegt sein Kraft und zugleich sein Unglück. Seine Kraft, denn, da er weiß, wer er ist, braucht er niemand zu fürchten, außer Gott, der ihn zu dem machte, der er ist, – und sein Unglück, weil er auf dieser Welt allein weiß, wer er ist; und da die anderen es nicht wissen, so muß es ihnen so erscheinen – er mag tun und sagen, was er will –, als rührten diese Worte und Taten von einem Manne her, der sich nicht kennt, d.h. von einem Verrückten. […] Daher lebt der Held einsam und allein inmitten der Menschen, und diese Einsamkeit wird ihm zu einer Genossin und Gefährtin, die ihm Mut, Kraft und Stärke einflößt. […] Es genügt nicht, zu erklären: „Ich weiß, wer ich bin“, sondern man muß es wissen, und die Täuschung dessen, der so spricht und es dennoch nicht weiß, ja es vielleicht nicht einmal glaubt, wird sofort offenbar werden. […] Don Quijote aber dachte und überlegte mit seinem Willen, und wenn er erklärte: „Ich weiß, wer ich bin“, meinte er nur: „Ich weiß, wer ich sein will.“ Und hier liegt der Angelpunkt unseres ganzen Lebens: zu wissen, was der Mensch sein will. Es mag dich wenig anfechten, wer du bist; die Hauptsache muß für dich sein, zu wissen, was du sein willst. Das Wesen, das du bist, ist ein hinfälliges, vergängliches Geschöpf, das von Erde lebt und das die Erde einst wieder verschlingen wird; das Wesen, das du sein willst, ist eine Idee, die in Gott wohnt; ist das Bewußtsein des Alls, die göttliche Idee, dessen räumliche und zeitliche Erscheinung du bist. (Bd. 1, S. 74 ff.)

An dieser Passage zeigt sich, worauf Unamuno mit seiner idealistischen Interpretation der Figur Don Quijote hinaus will. Es zeigt sich zweitens, dass er dabei nicht davor zurückschreckt, den Text zu verändern. Und drittens ist das Ergebnis seiner Quijote-Interpretation: sein persönliches Lebensideal, interessant, aber vielleicht zu hoch gespannt. Gegen Unamunos Satz: „Ich weiß, wer ich sein will“, steht Mephistos Wort: „Du bist am Ende – was du bist.“ Ich halte es in dieser Frage lieber mit Mephisto, um mich nicht mit Unamuno auf ungreifbare Ideen Gottes berufen zu müssen. Dann kommt man nämlich dahin, wie Don Quijote und Ignatius von Loyola, zwischen dem und Don Quijote Unamuno öfter Parallelen zieht, die Entscheidung seines Pferdes für den Willen Gottes zu halten: Und als er nun an einen Kreuzweg gelangte, da überließ er die Entscheidung, welchen Weg er wählen solle, seinem Roß… Und es gefiel Gott, den Verstand des Rosses zu erleuchten, „so daß es den engen und ebenen Weg, den der Maure eingeschlagen hatte, verließ, und den wählte, der für Ignatius besser geeignet war“. Also verdankt die Gesellschaft Jesu ihre Entstehung der Eingebung eines Rosses. (S. 72)

Nossack: Dem unbekannten Sieger – Besprechung

Vierzig Jahre ist Hans Erich Nossack tot – und fast vergessen, obwohl er den Büchnerpreis bekommen hat. Gestern habe ich nach langer Zeit noch einmal „Dem unbekannten Sieger“ (1969) gelesen; vor Jahrzehnten war ich von dem Buch begeistert, heute lese ich es mit einigen Vorbehalten.

Ein namenloser Ich-Erzähler (verheiratet, Lehrer, promovierter Historiker) erzählt, wie man spät erfährt, einem Notar („Sie“) die Geschichte eines großen Missverständnisses, welches durch ein kleines Anzugetikett nach dem Tod des Vaters aufgeklärt wird: Er hat über revolutionäre Ereignisse 1919 in Hamburg seine Dissertation geschrieben und ein populärwissenschaftliches Buch darüber unter dem Titel „Dem unbekannten Sieger“ veröffentlicht; bei seiner Verlobung 1951 schenkt er das Buch seinem Vater, einem Kaufmann, der es aber schon kennt. Der Vater, Kurt Hinrichs, hat dem Sohn dann teilweise in einem Gespräch, teilweise im Vorspielen, teilweise in einem langen Vortrag erklärt, wie es in Wirklichkeit 1919 zugegangen sein muss; er sei damals in Vertretung der Firma in Hamburg gewesen und habe sich die Ereignisse angeschaut. Dabei wechselt er immer wieder in die Ich-Form des Agierenden und macht so beizeiten deutlich, dass er der unbekannte Sieger, der „Genosse Hein“ war. Was der Leser bald merkt, hat der Sohn 1951 nicht verstanden, obwohl es mit Händen zu greifen ist; denn als Historiker hält er sich an Dokumente, während der Vater als Vertreter des gesunden Menschenverstandes agiert hat und argumentiert: wie es gewesen sein muss. Was der Vater dabei an Detailwissen offenbart, tut der Sohn als Phantasie ab.

Das Buch lebt von dieser Differenz zwischen auf „Dokumenten“ beruhender Wissenschaft und gesundem Menschenverstand, wobei dieser sich als die überlegene Kraft erweist. Die Erzählsituation ist nicht glaubwürdig, der Notar kommt nicht einmal zu Wort; die Begriffsstutzigkeit des Historikers ist so dick aufgetragen, dass sie schon satirisch wirkt. Die alte Frau Hinrichs ist ein eher dummes Frauchen, die junge Frau Hinrichs darf ihr als Verlobte ein paar Mal beipflichten – Vater und Sohn sind die Hauptakteure, wobei es schon verwundert, dass der Historiker seinen Vater nie nach dessen Wissen oder Erlebnissen 1919 befragt hat. Fazit: beim ersten Lesen ganz nett, aber ein bisschen zu weitschweifig. Im Netz gibt es nur eine einzige Besprechung, die äußerst kritische von Martin Gregor-Dellin in der ZEIT (s. erster Link).

http://www.zeit.de/1970/08/ein-anzug-ist-nicht-genug (sehr kritisch)

https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Erich_Nossack

https://www.jewiki.net/wiki/Hans_Erich_Nossack

http://www.zeit.de/1963/41/hans-erich-nossack-der-nuechterne-visionaer (Würdigung des Autors)

http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/stadt/stadtviertelhaus3.pdf

Ludwig Marcuse: Ignatius von Loyola – vorgestellt

Ignatius von Loyola. Ein Soldat der Kirche“ ist erstmals 1937 (1935?) erschienen. Es ist die Biografie eines bedeutenden Katholiken aus der Feder eines „Ungläubigen“: ein sehr grundsätzliches Buch.

Marcuse zeichnet in seiner dialektischen Manier den Weg vom Knappen, der nach dem Vorbild des „Amadis von Gallien“ eine Dame verehrt, über den Soldaten, der verwundet und damit kampfuntauglich wird, über den Christen, der eine mystische Einheit mit den Armen und Kranken lebt, über den Pilger nach Jerusalem und den Mann, der die ersten Gefährten um sich sammelt, zum Ordensgründer und ersten General einer Gesellschaft, die auf totalen Gehorsam setzt und den Zugang zu den Großen sucht: ein Mann, der letztlich gescheitert sei: „Über dem christlichen Gesetz der Liebe steht das nichtchristliche Gesetz des blinden Gehorsams. Am Ende eines reines Lebens beweist der General noch einmal, daß er, ein heiliger Mann, in aller Unschuld, mit verehrungswürdiger Kraft – dem Satan gedient hat: dem harten Gott über allen Göttern; dem Gott, der Herren wachsen lässt. […] Nicht Sklaven, sondern Ideen-Besessene, nicht Schurken, sondern Heilige sind die besten Soldaten für die verruchtesten Kriegsziele.“

Dabei stellt Marcuse seinen Ignatius immer wieder als Menschen in seiner Zeit dar; das 16. Jahrhundert mit seinen Aufbrüchen, seinen Reichtümern, seinen Nöten und Gefahren wird vor den Augen der Leser lebendig, so dass man das Buch wie einen Roman liest. Und Ignatius von Loyola, in dessen Wappen zwei Wölfe stehen: „Er war immun gegen die tödlichsten Bazillen aller Kämpfe: gegen die Rachsucht des unterlegenen, gegen den Übermut des siegreichen Loyola.“

In einem großartigen „Nachwort an den gläubigen und den ungläubigen Leser“ reflektiert Marcuse sein Recht einer kritischen Loyola-Biografie, eine Darstellung „im Licht des Unglaubens, den er [I. v. L.] stiftete“. Denn „viel entscheidender als seine Zwiesprache mit dem Heiligen Geist war sein Entschluß, nichts Gott zu überlassen. Er meinte sogar, ‚daß es Gott versuchen hieße, wenn man die zur Verfügung gestellten Mittel verschmähen wollte, um auf Wunder zu warten‘. So setzte sich ein christlicher Atheismus durch.“

Das erste Motiv seines Buches sei gewesen, „den Mann vorzuführen, der die Religion des Trostes zu einer Religion der Welteroberung machte – ad majorem dei gloriam“. Und das zweite Hauptmotiv: „es darf der Loyola, es darf das Christentum nicht denen überlassen werden, die es in Verruf gebracht haben; und nicht von denen ‚überwunden‘ werden, die seiner nicht würdig sind“. Marcuse will also mit seiner Kritik an diesem Mann den Ignatius von Loyola retten – auf dass eine Askese wie die seinige einem größeren Ziel diene.

https://jesuiten.org/wir-jesuiten/heilige-und-selige/ignatius-von-loyola.html

https://www.heiligenlexikon.de/BiographienI/Ignatius_von_Loyola.htm

http://kath-zdw.ch/maria/hl.ignatius.v.loyola.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Ignatius_von_Loyola https://www.univie.ac.at/igl.geschichte/ws2002-2003/ku_ws2002_homepages/Behofsics/Ignatius%20von%20Loyola-Biographie.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Marcuse (Ludwig Marcuse)

Mabanckou: Die Lichter von Pointe-Noire (2017) – vorgestellt

Alain Mabanckou: Die Lichter von Pointe-Noire (deutsch 2017)

Pointe-Noire ist eine Hafenstadt von 750.000 Einwohnern im Kongo; wenn Mabanckou, der 2012 nach 23 Jahren für 12 Tage dahin zurückgekehrt ist, von seinen Begegnungen mit Menschen und Orten erzählt, hat man den Eindruck, Pointe-Noire sei ein Städtchen von höchstens 20.000 Einwohnern. Überall begegnet er den Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend: bei den Verwandten, bei seinem ehemaligen Philosophielehrer, bei den Prostituierten, im Kino, am Strand, im Gymnasium Lycée Victor Augagneur. Und in den Erinnerungen tauchen die Mythen auf, mit denen die Menschen dort in den 70er Jahren noch lebten… Nur ein Aufschneider in einem Restaurant, der ihn als Autor erkennt und ihn „einlädt“, um sich dann von ihm freihalten zu lassen, erzählt von den politischen Kämpfen um das Öl und die Präsidentschaft; aber bei ihm weiß man nicht, wie viel davon gelogen ist. Es ist ein heiteres Buch, das man mit Freude liest, auch wenn der Abschied von den Verwandten und dem Land der Kindheit immer wieder die Erzählung ein bisschen melancholisch tönt. Die schlichte Realität ist aber auch: Fast alle Verwandten schnorren und wollen vom erfolgreichen Auswanderer Bargeld geschenkt bekommen.

Ich habe im Kopf nachgerechnet: Siebzehn Jahre nach dem Tod meiner Mutter, sieben Jahre nach dem Tod meines Vaters und dreiundzwanzig Jahre nach meiner Abreise nach Frankreich bin ich in diese Stadt zurückgekehrt. Trotzdem habe ich nicht bemerkt, wie die Zeit vergangen ist. Ich bin nur ein schwarzer Storch, der inzwischen länger unterwegs ist, als es seiner Lebenserwartung entspricht. Schwebenden Schrittes habe ich am Bach der Ursprünge innegehalten in der Hoffnung, eine Existenz zum Stehen zu bringen, geschüttelt von den Myriaden von Blättern, die der genealogische Baum abgeworfen hat.

Sie mag zugrunde gerichtet und von ihrer anarchischen Ausdehnung zerfressen sein, ich suche trotzdem nach Gründen, diese Stadt zu lieben.“ So hat Mabanckou schon während seines Besuches dort mit den Aufzeichnungen begonnen – er hat dabei bewusst „Afrika-Literatur“ produziert; die Lebensgefährtin, die mit ihm dort war, wird nur an wenigen Stellen kurz erwähnt. Das moderne Pointe-Noire kommt in seinem Buch praktisch nicht vor.

Rezensionen:

http://www.zeit.de/2017/41/die-lichter-von-pointe-noire-alain-mabanckou

http://www.fr.de/kultur/buchmesse-frankfurt/literatur-trends/alain-mabanckou-der-roman-als-kollektives-werk-a-1367234

https://www.nzz.ch/feuilleton/so-fremd-kann-nur-die-heimat-sein-ld.1325329 (sehr gute Besprechung)

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-scala-aktuelle-kultur/audio-die-lichter-von-pointe-noire-von-alain-mabanckou-100.html

Sonstiges:

https://de.wikipedia.org/wiki/Pointe-Noire (Pointe-Noire)

https://de.wikipedia.org/wiki/Alain_Mabanckou (der Autor)