Willemsen: Das Hohe Haus (2014) – Besprechung

Roger Willemsen: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament. S. Fischer: Frankfurt 2014

Willemsen hat ein sehr kritisches Buch über die Arbeit des Bundestages geschrieben, soweit sie im Parlament sichtbar wird. Von der eigentlichen Arbeit in den Ausschüssen berichtet er nicht, weil er dazu keinen Zugang hat – dazu müsste man etwa Dieter Lattmann: Die lieblose Republik. Aufzeichnungen aus Bonn am Rhein, München 1981 lesen; Lattmann war selber acht Jahre lang Abgeordneter und konnte als solcher Dinge wissen, die andere nicht kennen.

Dass Politik nicht so funktioniert, wie man es im Sozialkundeunterricht lernt, kann man seit langem wissen; den Politikbetrieb kritisch beobachtet haben viele, dazu kann man die (richtigen) Tages- und Wochenzeitungen lesen. Willemsen beobachtet dagegen nur die Debatten im Parlament und ist davon maßlos enttäuscht: von den Worthülsen, der gegenseitigen Missachtung der Abgeordneten, den Scheingefechten; dem Versagen der Kontrolle durch die Fraktionen, welche die Regierung stellen und diese stützen; dem Zynismus der Regierenden. Mit seinen Eindrücken von den Debatten verbindet er Hinweise auf das Aussehen oder die Geschichte des Reichstagsgebäudes und seiner Umgebung, auf die Besucher und das Personal des Hauses. Und er beginnt den Bericht von jeder Sitzung mit einem kurzen Überblick über Nachrichten des Tages.

Öfter wird von ihm durch bloße Aufzählung entlarvt, was an leerem Stroh im Parlament gedroschen wird, z.B. am 10. Januar (2013): „Da ist es 22 Uhr 43, und mein Kopf schwirrt vom Tages-Ausstoß alles dessen, was ‚wir brauchen’: Was wir brauchen, ist eine politische Rahmensetzung. Was wir brauchen, sind gutes Essen, Vielfalt, ein hoher Bioanteil, regionale Produkte für alle Kinder. Wir brauchen einen soliden Haushalt. Wir brauchen eine aktive Wirtschaftspolitik. Wir brauchen eine vorausschauende Wirtschaftspolitik. Wir brauchen den Politikwechsel in der Wirtschafts- und in der Sozialpolitik. Wir brauchen Investitionen. Wir brauchen endlich eine Art Masterplan. Wir brauchen, meine Damen und Herren, einen klaren Blick auf den Kern dieser Krise. Wir brauchen eine europäische Abwicklungsbehörde.“ (S. 52) Und so geht es knapp eine Seite weiter – entlarvend; aber damit ist nicht erwiesen, dass wir das alles nicht brauchten.

Willemsen reflektiert das Benehmen und die Reden der Abgeordneten aus der Sicht des freischwebenden Geistes: beseelt von der ursprünglichen Idee des Parlamentarismus, ohne Rücksicht auf die Bindung der politischen Willensbildung an Parteien, nicht belastet von den Zwängen des Regierens, also der Kompromissfindung. Wie utopisch sein Blick ist, zeigen Bemerkungen zur Sitzung vom 28. Februar 2013: „Die Entscheidungen sind fatal, die Entscheidungsträger trotzdem banal. / Ich blicke auf die Glaswand (…) und denke ohne Ergebnis über einen Satz des chinesischen Weisen Laotse nach: ‚Der Mensch kann nur unter einer nicht aktiven Politik glücklich sein.’ Glücklich wäre er vielleicht unter einer Politik der Notwehr, die nicht vor allem den Kampf um die Herrschaft organisierte.“ (S. 114) Was braucht es dazu – vielleicht den Philosophenkönig Platons? Kann eine Kritik des Bestehenden aus solcher Sicht mehr als den gegenwärtigen Betrieb entlarven?

„Der Kern der Sache liegt anderswo (…). Die Kritik trifft das System und muss von einem exterritorialen Standpunkt aus formuliert werden. (…) Dabei formulieren alle Redebeiträge letztlich den Grundwiderspruch zwischen dem systemkonformen Standpunkt, der die Banken schützt wie etwas Eigenes, und einem systemkritischen Standpunkt, der die Banken als Dienstleister versteht, nicht als Spekulanten. Es muss auch im Parlament erlaubt sein, die Idee eines Landes aufrechtzuerhalten, in dem sich das Gemeinwohl nicht über das Wohl der Banken definiert. Die Debatte, die jetzt geführt werden müsste, wird aus vielen Gründen nicht geführt. Das System begründet sich selbst nicht mehr.“ (S. 151 f.)

Willemsen lässt seine Leser ratlos zurück; sein Herz schlägt links, er hat seine Kritik vorgebracht. Neues erfährt man danach nicht mehr; ich habe das Buch bis S. 208 gelesen, das genügte.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/das-hohe-haus-von-roger-willemsen-banalitaet-der-demokratie-1.1906405 (klug und kritisch)

http://www.zeit.de/2014/12/roger-willemsen-das-hohe-haus (dito)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/roger-willemsens-buch-ueber-den-bundestag-12847056.html (etwas schwächer)

https://alltagsfruechte.wordpress.com/2016/02/23/rezension-roger-willemsen-das-hohe-haus/ (informativ und doch schwach)

http://pw-portal.de/rezension/37043-das-hohe-haus-45508 (kurz, relativ freundlich)

Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg – Besprechung

Zunächst hatte ich angefangen, Lewitscharoffs neuen Roman „Das Pfingstwunder“ (2016) zu lesen; in diesem Buch wird von einem Kongress der Danteforscher erzählt, von denen 33 vom Heiligen Geist erfüllt und hinweggetragen werden, während einer als Zeuge des Geschehens übrig bleibt. Das war mir zu dumm; so bin ich dem Ratschlag gefolgt, um Lewitscharoff kennenzulernen, solle man lieber den Roman „Blumenberg“ (2011) lesen.

In diesem Roman erzählt eine weithin ungreifbare, sich nur selten direkt einmischende Stimme einmal von dem großen Philosophen Blumenberg, seiner nächtlichen Arbeit und seinen Vorlesungen; diesem Blumenberg erscheint ein Löwe, ein Bote und Repräsentant des Göttlichen, in seinem Arbeitszimmer. Er taucht gelegentlich auch in der Vorlesung auf, ist aber nur für Blumenberg sichtbar (und für eine alte Nonne, die er zufällig trifft). Ferner gibt es eine Studentin und drei Studenten Blumenbergs, die allesamt vorzeitig zu Tode kommen. Am Ende stirbt auch Blumenberg, worauf er eine diffuse Zeit in einem Fegefeuer-Hades verbringt, um am Ende vom Löwen mit einem Prankenschlag „in eine andere Welt“ (S. 216) gerissen zu werden.

In einem nächtlichen Telefonat mit einem befreundeten Redakteur ringt Blumenberg mit der Unmöglichkeit, dem Redakteur von der Erscheinung des Löwen zu berichten. „Der Einbruch des Absoluten war nicht mitteilbar.“ (S. 146) Was Blumenberg nicht gelingt, gelingt nach meiner Einschätzung auch Sibylle Lewitscharoff nicht: Wieso sollte „das Absolute“ in Gestalt eines Löwen erscheinen? Zwar werden gleich zu Beginn von Blumenberg vergeblich allerlei Löwen-Bilder der Tradition zum Verständnis seines Löwen herangezogen (S. 12-17), indirekt von der Autorin zur Legitimation der Gestalt des Löwen – aber das ist Kulturgeschichte, also Vergangenes, nichts Lebendiges, nichts Glaubwürdiges. „Vor allem: glaubte er an die Beweiskraft des ihm widerfahrenen Wunders (…)?“ (S. 87) Blumenberg glaubt nicht daran, kann sich der Realität des Löwen aber nicht entziehen. Ich glaube auch nicht daran, kann aber die Beweiskraft der Erzählung vom realen Löwen bestreiten. Ein Wunder, Seinszufriedenheit, Kraftstrom, Himmelsflucht, Zuversichtsgenerator, Befreiung von Angst und Neid, Wiedergewinn der Weltgunst (S. 122 ff.), „die nie versiegende Zusicherung, das Netz der über Himmel und Erde geworfenen Namen, welches die Menschen zu ihrer Beruhigung ersonnen hatten, sei (…) reißfest“ (S. 132) – all das wird als Folge der Erscheinung von Blumenbergs Löwen für mich nicht plausibel. Kurz vor seinem Tod sieht Blumenberg sich als besiegt an „und [er] konnte keinen Trost daraus ziehen, daß die echte , die wahre Geschichte immer zu den Füßen der Besiegten saß, die den Tod vor Augen hatten“ (S. 200): Solche spekulativen Sätze verstehe ich einfach nicht, ich kann mir dabei nichts denken.

Als Roman über den Professor Blumenberg ist das Buch sympathisch, als Bild der Studenten von 1982 und den folgenden Jahren mäßig gelungen: Sie sterben alle verfrüht; das wird auch durch die Berufung der erzählenden Stimme auf die Pflicht, „auch das Unwahrscheinliche wahrheitsgetreu zu verzeichnen“ (S. 197), nicht besser – hier mogelt die Autorin, indem sie sich hinter die Erzählstimme flüchtet.

Eines weiß ich jetzt aber, was ich vorher nicht wusste: wer Agaue ist (https://de.wikipedia.org/wiki/Agaue).

http://www.rulit.me/books/blumenberg-read-433531-1.html Text des Romans

Rezensionen:

http://www.zeit.de/2011/37/L-B-Lewitscharoff (positiv, verständnisvoll, sublim kritisch)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/sibylle-lewitscharoff-blumenberg-zu-grosse-naehe-kann-alles-zerstoeren-11483802.html (aus guter Blumenberg-Kenntnis geschrieben: begeistert, verständnisvoll)

http://culturmag.de/rubriken/buecher/sibylle-lewitscharoff-blumenberg/36245 (aus guter Blumenberg-Kenntnis geschrieben: kritisch)

http://www.lesemond.de/titel/lewitscharoff_sibylle_blumenberg.html (voller Lob, mit kritischen Tönen)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-80652420.html (sehr knapp, bewundernd)

http://www.belletristik-couch.de/sibylle-lewitscharoff-blumenberg.html (inhaltlich viele Details, kritisch)

http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/blumenberg-r.htm (zwei unterschiedliche Rezensionen aus Österreich)

https://www.welt.de/kultur/article13613651/Sibylle-Lewitscharoff-weiss-alles-ueber-einen-Loewen.html (kritisch, klug)

http://www.nzz.ch/der-loewe-ist-los-1.12468199 (dezent lobend)

http://www.tagesspiegel.de/kultur/kritik-trost-sollen-mir-die-loewen-spenden/4596630.html (verständnisvoll, kritische Randbemerkungen)

https://www.youtube.com/watch?v=U80brmLEPsQ (Michael Reitz: Die Metaphernlehre des Philosophen)

Löwe als Symbol und Metapher:

Löwe,  Symbol mit ambivalenter Bedeutung. Einserseits sind Löwe und Lamm Symboltiere für  Christus, oft mit * Kreuzstab oder * Kreuzfahne dargestellt (der Löwe auch Symbol  für den Evangelisten * Markus), anderseits wird der Löwe als Sinnbild des  Bösen, wie Drache, Basilisk und Aspis, von Jesus zertreten. Als profanes Symboltier  versinnbildlicht der Löwe so wie der Adler Macht und Herrschaft. Da die Sonne zur  Zeit der Nilüberschwemmung ins Sternbild des Löwen tritt, brachte man den Löwen  in Ägypten auch mit Wasser in Verbindung, ein Aspekt, der von Griechen und  Römern übernommen wurde. Löwendarstellungen dienten deshalb oft als  Wächterfiguren bei Quellfassungen. Der Löwe ist auch eines der Tierkreiszeichen. (http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_8834.html)

In Bibel und Tradition Symbol für (Königs-) Macht, Gefährlichkeit, für Teufel (1 Petr 5,8) und Hölle („Rachen des Löwen“), aber auch für die schützende Kraft Gottes (Hos 5,13). Jesus wird „Löwe aus dem Stamme Juda“ (Offb 5,5) genannt. Der Löwe, der mit dem Schweif seine Spuren verwischt, ist Sinnbild für die geheimnisvolle Herkunft Jesu (Menschwerdung Gottes). Auch Auferstehungssymbol, weil man meinte, er könne mit offenen Augen schlafen und er könne seine totgeborenen Jungen durch Anatmen am dritten Tag zum Leben erwecken. Der Löwe ist Symbol für den Evangelisten Markus und Attribut des hl. Hieronymus, der mit einem Löwen zusammengelebt haben soll. (http://members.aon.at/veitschegger/texte/tiersymbole.htm)

http://www.symbolonline.de/index.php?title=L%C3%B6we

https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%B6we_(Wappentier)

https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/loewe/ch/51ea10888462ee02e8d4ae4924ba941d/

https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:L%C3%B6we_in_der_Kunst (Löwe in der Kunst)

http://www.symbole-andreaskirche.de/lowensymbolik.html

http://www.uni-regensburg.de/Uni/Virtuell/Lektion8neu.pdf (Bildhaftes Sprechen)

(https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/bildworte-bildreden-at/ch/a30723083da75fca491a34cb2ade46de/)

Alain de Botton: Religion für Atheisten – Ansatz einer Besprechung

Ein so seichtes Dahinplappern, wie Alain de Botton in seinem Buch „Religion für Atheisten“ (Fischer, 2013) von sich gibt, habe ich schon lange nicht mehr erlebt.

Keine Religion sei „wahr“ im wörtlichen Sinn, aber es sei auch Atheisten möglich, Religionen „gelegentlich ganz nützlich, interessant und tröstlich zu finden“ (S. 12). Er wolle religiöse Ideen und Praktiken auf die säkulare Welt übertragen. Denn Religionen seien dazu erfunden worden, ein harmonisches Leben in Gemeinschaft zu ermöglichen und mit dem Lebensschmerz fertig zu werden. Kurz, er wolle „einiges von dem retten, was [in den Religionen] schön, anrührend und weise ist“ (S. 19). Schließlich habe auch das Christentum sich nicht gescheut, Heidnisches zu adaptieren und in sein Eigenes zu verwandeln.

Was er dann zur Erklärung sozialer Entfremdung sagt, ist einfach naiv (S. 25 f.); in der Kirche gebe es jedoch Gemeinschaft unter Fremden, und so will er ein Agape-Restaurant eröffnen – ungeachtet der Tatsache, dass die Agape-Feiern im Christentum gescheitert sind und auf die sterile liturgische Messfeier reduziert wurden. Dann könnte man mit wildfremden Menschen ganz ehrlich über ihre Gefühle sprechen: „Was bereust du in deinem Leben“ oder Wovor fürchtest du dich?“ (S. 46) Dabei würde die Angst vor Fremden abgebaut, man komme sich nahe. – Ob er wohl selber inzwischen so ein Restaurant eröffnet hat? Vermutlich nicht (Wikipedia vermeldet nichts Derartiges), alles leeres Stroh…

An der Stelle habe ich beschlossen, das Buch des Schwachmathicus de Botton nicht weiter zu lesen. Stattdessen empfehle ich, sich ernsthaft mit Säkularisierung zu befassen – ein großes Zeugnis der Säkularisierung ist Schillers „Don Carlos“.

Säkularisierung:

http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138614/saekularisierung-und-die-rueckkehr-der-religion

https://www.herder-korrespondenz.de/schlagwoerter/themen/s/saekularisierung (HK ist eine katholische Zeitschrift.)

http://universal_lexikon.deacademic.com/35152/S%C3%A4kularisierung

http://www.ezw-berlin.de/html/3_4128.php

https://docupedia.de/zg/Saekularisierungstheorie

http://www.zeit.de/thema/saekularisierung

http://www.schulz-hageleit.de/material/saekularisierung.html

Kritiken zum Buch:

http://www.zeit.de/2013/25/abraten-de-botton-religion-fuer-atheisten

http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/169147/index.html

http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/01/Religion-Atheisten

http://scilogs.spektrum.de/hinter-gruende/religionen-intelligent-bestehlen-alain-de-bottons-religion-f-r-atheisten/

http://religionsphilosophischer-salon.de/keys/religion-fuer-atheisten

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Orgien-fuer-Unglaeubige/story/27109495

https://www.herder-korrespondenz.de/heftarchiv/68-jahrgang-2014/gottlos-von-zweiflern-und-religionskritikern/der-neue-atheismus-hat-verschiedene-facetten-vision-einer-religionsfreien-welt (Sammelbesprechung)

http://www.planet-interview.de/interviews/alain-de-botton/35782/ (Gespräch mit de Botton)

http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/zeitgenossen/580032_Man-braucht-etwas-Groesseres.html (dito)

http://hpd.de/artikel/atheisten-sind-12906

Kempowski: Tadellöser & Wolff – Inhalt, Links

Der Roman besteht aus kleinen Episoden; in ihnen tauchen viele Redensarten der Rostocker Bürger auf. So ist z.B. „Tadellöser und Wolff“ eine Umschreibung für „tadellos“, semantisch falsch gesteigert zu „tadellöser“ und dann mit der Bezeichnung der Zigarrenfabrik „Loeser & Wolff“ verbunden zu „Tadellöser & Wolff“. Man kann den „Inhalt“ des Romans nicht nacherzählen, man kann nur eine kurze Übersicht über die Kapitel geben, wobei aufgrund des episodischen Erzählens die Auswahl der genannten Aspekte auch gut anders ausfallen könnte.

1) Umzug der Familie in Rostock, in der Nähe einer katholischen Kirche; man kann St. Jacobi sehen. Familie Kempowski

2) Nachbar Woldemann, dessen Tochter Ute; Hausbesitzer Krause

3) Rostock als Stadt

4) Mit Robert und Schwester Ulla im Kino; die Sonntagnachmittage; Schulfreund Manfred

5) Zur Schule an ausgebrannter Synagoge vorbei; in die Oberschule, bei Lehrer „Hannes“; Schule, Schüler, Lehrer

6) Dicker Krahl als Freund – Spielen bei ihm

7) Mit den Pimpfen auf Fahrt; Erlebnisse und Verletzung

8) Robert, der große Bruder, und seine Freunde; Musik; Ausflug mit Mädchen nach Warnemünde

9) Urlaub im Harz, andere Familien und Gäste; Ausflug

10) Der Krieg kommt in den Alltag, Woldemann ziehen nach Berlin; Vater meldet sich freiwillig als Soldat und wird nicht genommen (Mitglied in der Loge)

11) Großvater väterlicherseits stirbt, Begräbnis, Erbangelegenheiten (Schulden)

12) Walter wird krank (Scharlach); Weihnachten und Winter

13) 1941 – Krieg u.a.; Vater wird eingezogen; eines seiner Schiffe läuft auf eine Mine; verschiedene Bekannte sind gefallen. (Das Sterben geht dann so weiter…)

14) Klavierunterricht, Musikschule, Konzert

15) In der Hitlerjugend-Spielschar; WHW-Sammlung; Feier zu Weihnachten

16) Roberts Freunde bei Kempowski

17) Woldemann im April 1942 aus Berlin zurück; Spiele mit Ute; häufig Fliegeralarm; Ende April erster Angriff auf Rostock, die Folgen; Mutter will weg aus der Stadt.

18) Reisevorbereitung, Mutter fährt mit Walter ab; in Gartz empfängt der Vater sie, sie kommen im Gasthof unter; Fahrt zum Förster Schulz; von KH-Häftlingen darf man nicht sprechen; bei Pastor Vorndran; Heimfahrt nach Rostock, Unordnung und Verluste

19) Sörensen, ihr dänischer Praktikant, wird als Spion verhaftet und wieder freigelassen; seine Erfahrungen mit den Deutschen; er zieht bei Kempowski ein; die Fächer in der Schule; Sörensen kehrt aus Dänemark zurück: ein anderes Land, andere Leute

20) Erkundung der nicht zerstörten Marienkirche

21) Sörensen geht mit Ulla ins Kino, Vater auf Urlaub lamentiert; dann wird doch mit Sörensen geplaudert und gefeiert.

22) Nachhilfe bei „Tante Anna“ (= Frau Kröger); Hordenführer in der HJ (bei „Dienst“ fällt die Nachhilfe aus!); Frauenkränzchen zu Besuch bei Kempowski.

23) Konfirmandenunterricht, der Pfarrer, verschiedene Kirchen

24) Ulla studiert; Sörensens Sicht auf Deutschland; Walter bei Krahl; auf der Suche nach „Aufklärung“; Sörensen wirbt um Ulla, die lernt Dänisch; Weihnachten: Vorbereitungen, Predigt, Feier zu Hause ohne den Vater.

25) Hochzeit im Mai (1943): Vorbereitungen, Verwandte, Trauung – Onkel Richard ist ein strammer Nazi; Festessen, Abfahrt des Paars nach Kopenhagen.

26) Mit Uli Prütter in der Nachhilfe; Mutter hat Magengeschwür, Walter kommt bei Prütter unter, wo der Haushalt viel lockerer als bei Kempowski läuft; Ende der Nachhilfe.

27) Operation der Mutter gelungen, Walter fährt zu Opa de Bonsac nach Hamburg in die Ferien; allein mit dem Opa, Museumsbesuche, Verwandte in Hamburg; Einrichtung des Großvaters, Erinnerungen; Schura, das ukrainische Dienstmädchen; Nachangriff auf Hamburg, Abreise.

28) Walter drückt sich möglichst bei der HJ; ist mit Ulli zusammen, tut „männliche“ Sprüche; tritt lässig auf; Vater wird versetzt, ins Partisanengebiet.

29) Dreharbeiten für einen Film; dandyhaftes Auftreten, Walter ist 14 Jahre alt; die Jungen bauen viel Mist.

30) Sommer 1944: zu von Germitz aufs Land; Ferdinand und seine Familie; frühmorgens raus zum Rauchen; Walter erklärt die Sprüche der Stadt; Ferdinand fährt weg, Walter mit Greta unterwegs; Abend am Kamin; Heimfahrt.

31) Oktober: Urlaub des Vaters, der immer noch auf Beförderung wartet; sein Blick als Militär; Krasemann verhaftet, Robert eingezogen; Vater bietet Walter (15) eine Zigarette an; Pläne für die Zukunft; Erinnerungen; Rostock ist zerbombt; Nazi-Propaganda; Abfahrt des Vaters. – Ein Spruch aus Kap. 31: „Und wie kann man bloß ‚Merkel’ heißen.“

32) Walter zum Pflichtdienst im Herbst 1944: Altpapier usw. sammeln, Kartoffeln aufheben, Bucheckern sammeln; wegen seiner Eigenheiten wird Walter zur Linien-HJ versetzt; der neue Führer redet ihm gut zu; Walter schwärmt für Antje; Jungen überfallen ihn und wollen ihm seine langen Haare stutzen; Vorladung zum Bann; er soll sich die Haare schneiden lassen, statt herumzulungern; Mutter zahlt 50 Mark Strafe, er wird in der HJ degradiert.

33) Walter hat „Magengeschwüre“ – ist kerngesund; Greta von Germitz zu Besuch; im November wird er in die Pflichtgefolgschaft überwiesen (Strafe); an einem Sonntag Übungen, Schleifen, Schikanen; zum Sportpalast kommandiert, unter einem Vorwand entlassen; am Abend im Konzert: eine Labsal!

34) Leben im Krieg, Knappheit; Vorräte anlegen; Januar 1945 russische Offensive; Flüchtlingstrecks, Schule geschlossen; einzelne Flüchtlinge kommen ins Haus.

35) Am 17. Februar wird Walter eingezogen, Kurierdienste für Heinckel; Vorbereitungen für den Endkampf; Anfang März geht das Reisen für Heinckel los; Soldaten setzen sich nach Westen ab; eine fremde Frau im Haus; Großvater de Bonsac ist ausgebombt und kommt, er ist nicht mehr für Hitler; am 22. März ist Musterung [Problem mit der Chronologie: für die vielen Reisen war nicht genug Zeit!], er wird als Sohn von „Körling“ (Spitzname des Vaters) zurückgestellt.

36) Mitte April soll er Medikamente in Berlin holen, dort geht er ins Kino; russische Artillerie beschießt die Stadt, es fährt kein Zug mehr; Walter schlägt sich nach Rostock durch, ist am 25. April zurück.

37) Drei Tage zu Hause; seine Kuriereinheit ist aufgelöst; am 29. April kommen andere Jungen zum Volkssturm; Mutter schlägt die Möglichkeit einer Flucht per Schiff aus; Krause geht weg, auch die dienstverpflichteten Franzosen; flüchtende Soldaten am 30. April; am 1. Mai gibt es bei Kempowski Sekt, auf den gewonnenen Krieg; man spricht von Übergabeverhandlungen; die ersten Russen kommen.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Tadell%C3%B6ser_%26_Wolff_(Roman)

http://literaturlexikon.uni-saarland.de/index.php?id=4221 (die Figuren des Romans)

https://books.google.de/books?id=DdVLCgAAQBAJ&pg=PT8&dq=%22morgens+hatten+wir+noch+in+der+alten+Wohnung+auf+grauen%22&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjRjczT1NLOAhUHAsAKHacRDqsQ6AEIKDAC#v=onepage&q=%22morgens%20hatten%20wir%20noch%20in%20der%20alten%20Wohnung%20auf%20grauen%22&f=false (Text des Romans)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43257845.html (Besprechung, 1971)

http://zettelsraum.blogspot.de/2007/06/walter-kempowski.html (Würdigung, 2007)

http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=ku&dig=2008%2F12%2F04%2Fa0037&cHash=b04c502d821a656fb0c5838a9960f861 (Besprechung 2008)

http://starke-meinungen.de/blog/2010/02/16/%E2%80%9Etadelloser-wolff%E2%80%9C-eine-kritik-des-deutschen-burgertums/ (Besprechung)

http://www.versalia.de/Rezension.Kempowski_Walter.970.html (dito)

http://www.syz.net/docs/kempowski.pdf (kurze Analyse)

https://uu.diva-portal.org/smash/get/diva2:211431/FULLTEXT02.pdf (große narratologische Analyse)

https://www.uni-leipzig.de/~germ/upload/user/stockinger/SS2010/Handout_Tadelloeser2.doc (Analyse)

https://de.wikipedia.org/wiki/Tadell%C3%B6ser_%26_Wolff_(Film)

https://www.youtube.com/watch?v=evBSfog5djA (Film) Inzwischen gibt es auch ein Theaterstück dazu.

https://www.youtube.com/watch?v=1LoWk3UPd20&list=PLXMZnuW27mdC6k1Ct6bNJqXl11zZT0GWI (Film: Ein Kapitel für sich, 1. Teil)

https://www.youtube.com/watch?v=pKUOPnP9Cho&list=PLCQ8wDEjXgxlIMiWLv6wqN9MpoR3QJ6Yy (Film: Ein Kapitel für sich, 2. Teil)

https://www.youtube.com/watch?v=aPw3fP4wxIQ&list=PLNvxXUG7IY-_OqvA5A_YgCPVy5RdyLi4Q (Gespräch mit Kempowski)

http://www.graal-mueritz.de/schriftsteller/kempowski-biografie-und-werk.php (Biografie und Werk Kempowskis)

http://www.zeit.de/online/2007/41/kempowski (Würdigung, zu seinem Tod)

http://www.sueddeutsche.de/kultur/walter-kempowski-gestorben-dank-ihm-ging-es-uns-gold-1.797177 (Nachruf)

http://www.lyrikwelt.de/hintergrund/kempowski-bericht-h.htm (dito)

http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/kempowski-biografie-r.htm (dito)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article127597804/Besessen-vom-eiskalten-Daemon-der-Befragung.html (Plankton, sein letztes Buch)

http://www.kempowski.info/kempowski04.htm (Übersicht: Die deutsche Chronik)

https://www.rostock-heute.de/walter-kempowski-stadtrundgang-rostock/14464 (Kempowski in Rostock)

A. Döblin: November 1918, Bd. 4: Karl und Rosa – Eindrücke

Alfred Döblin hat 1937-1943 seinen Roman über die deutsche Revolution 1918/19 geschrieben: „November 1918“, der 1949/50 erstmals ganz veröffentlicht wurde. Der vierte Band heißt „Karl und Rosa“; ich beziehe mich auf die Ausgabe dtv 1389 (München 1978). Ein Teil der Ereignisse ist von „Bonaventura“ nacherzählt worden: http://www.vigilie.de/2009/alfred-doblin-november-1918-4/ Mit rund 650 Seiten ist der vierte Band der umfangreichste des ganzen Epos; ich kann nur grob eine Übersicht über das erzählte Geschehen geben (Fortsetzung von https://norberto42.wordpress.com/2016/07/11/a-doeblin-november-1918-bd-3-heimkehr-der-fronttruppen-eindruecke/).

Da ist einmal der politische Themenkreis:

  • Ebert als Mensch, negativ gezeichnet, und sein Verhältnis zu den Militärs, die ihn als Werkzeug sehen;
  • Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die zunächst im Gefängnis sitzen, dann freigelassen werden und im Moment der revolutionären Erhebung (6. Januar 1919) versagen;
  • Noske und das Militär – Noske wird einfach als „brauchbar“ charakterisiert, er nimmt es auf sich, Militär zu organisieren und die Revolution niederzuschlagen;
  • Der 6. Januar als der Tag, an dem die Revolution möglich ist und an dem Spartakus versagt, weil Liebknecht ein Zauderer ist und Rosa Luxemburg an den Primat der sozialen, nicht der politischen Revolution glaubt.

Mit dem Politischen vermischen sich private Schicksale:

  • Rosa Luxemburg hängt an ihrem toten Freund Hannes, der ihr als Geist erscheint, ihren Körper benutzt und sich schließlich verflüchtigt, weil er seine Fehler bereut – als schließlich auch noch Satan ihr erscheint, wird die Serie der Geistererscheinungen und -existenzen etwas unübersichtlich.
  • Die Hauptfigur ist Becker, der in der Schule seinen Dienst antritt und in der Besprechung der „Antigone“ die Absolutheit des Staates bestreitet, was ihm seine konservativen Schüler und deren Eltern übelnehmen. Als er sich dann noch für seinen homophilen Direktor und den von ihm geliebten Schüler einsetzt, wird seine Situation in der Schule unhaltbar. Über den Schüler Heinz wird er schließlich in die Kämpfe um das Polizeipräsidium am 12. Januar hineingezogen; aus menschlicher Solidarität kämpft er auf Seiten der Spartakisten mit, wird verwundet und gefangen genommen. Die von Maus erwirkte Freilassung lehnt er ab; Hildegard befreit ihn als „Krankenschwester“ in einem Coup. Nach drei Jahren im Gefängnis fasst er nirgendwo richtig Fuß. Auch als Erzieher sieht er keine Möglichkeiten: „Was will man denn, was wollen die Eltern, das Volk, der Staat? Aufbau, Wohlstand, friedliche Verhältnisse, wie vor dem Krieg, und die Kinder und die Schüler sollen wir darauf ausrichten, das heißt, wir sollen sie betrügen und bewußtlos machen. Mag sich dazu hergeben, wer will. Es läßt sich auch nicht durchführen. Der Krieg läßt sich nicht übersehen. Er ist noch da.“ (S. 629): Er ist noch da, weil die Revolution gescheitert ist und die alten Machthaber noch/wieder oben sitzen. Er verkommt schließlich, nachdem er über drei „Fallstricke“ gestolpert ist – dieser Schluss erscheint mir nicht recht gelungen, „das Weib“ als Fallstrick passt nicht zu ihm. Er ringt um seine geistlich-christliche Existenz; er zieht als Tramp durchs Land. Satan und auch Tauler erscheinen, der Engel Antoniel geleitet ihn vermutlich doch zum Himmel. Seine Leiche wird ca. 1929 in Hamburg in den Hafen geworfen.
  • Maus ist zunächst noch als Offizier aktiv, heiratet Hilde, bekommt ein Kind und beginnt ein Studium in Karlsruhe. Er begegnet mehrfach Becker in verschiedenen Situationen.

Rein privat wird das Verhältnis von Stauffer und Lucie geklärt: Sie werden menschlich, kommen aus dem siebten Himmel auf der Erde an, haben ihre Schwächen und Macken und arrangieren sich in Liebe; auch werden verschiedene „Gerüchte“ über sie erzählt, so dass am Ende nicht ganz klar ist, was nun wirklich aus ihnen geworden ist.

Aus Rosas Sicht wird erklärt, was ein Geist wie Hannes ist: „Ein Tier bleibt Tier, eine Pflanze Pflanze. Aber ein Geist wechselt Form und Gestalt, nach dem, was ihn treibt und beschäftigt, und da ist ja kein Unterschied zwischeninnen und außen.“ (S. 89)

Ironisch-bildhaft wird Friedrich Ebert als der große Verhinderer charakterisiert: „Wilhelm der Zweite konnte nach Holland fahren, die anderen Fürsten konnten sich im Land verstecken. Es blieben Generale und Behörden. Wie wucherten fröhlich weiter als Ableger des alten Baumes. Es bliebt auch der Boden, das arbeitsame Volk, das gern gehorchte. / Und dann war da Friedrich Ebert. / Friedrich Ebert ließ sein Antlitz über dem herrenlosen Land leuchten. Ihm lag daran, hier nicht zu stören. Ihm lag daran, zu verhindern, daß etwas geschah, und was geschehen war, ungeschehen zu machen.“ (S. 107) Ähnlich ironisch werden die blauäugigen revolutionären Matrosen beschrieben (im Kapitel „Massenverhör im Finanzministerium“), später noch einmal Ebert („Ebert brütet Rache“).

Eindrucksvoll kommentiert der Erzähler, wie einen die Zeit verändert, hier am Beispiel Becker: „Welche Hinterlist steckt in der Zeit! (…) Sie verschiebt, verändert und verwirrt die Menschenherzen, und nicht nur die Menschenherzen, sondern alles bis in die Eingeweide und Knochen hinein. Sie gibt dir keine Möglichkeit zu sagen: ‚Das bin ich, und nun bin ich es, und zwar bin ich Herr X oder Frau Y.’“ Sie folgt einem wie ein Kriminalbeamter, wie ein Schatten, dem man schließlich alles gesteht, „was er will – und er hat Sie.“ (S. 180/82)

Der Versuch, den Polizeipräsidenten Eichhorn zu entlassen, wird surreal erzählt („Die Affäre Eichhorn“): „Die Zentralräte hatten sich mit dicken Mappen bewaffnet, aus denen sie, wie aus einer Pandorabüchse, lauter Übel und Kränkungen für Eichhorn hervorholten, für den Gast, der dazu extra vom Alexanderplatz hergefahren war. Jeder griff in die Taschen, zauberte ein neues Übel hervor. Sie waren mehr als Zentralräte: Zentralmagier.“ (S. 266 – so geht es durch das ganze Kapitel!) Surreal und sehr schön wird im Kapitel „Mitternacht in der Siegesallee“ erzählt, wie die Hohenzollern von den Sockeln herabsteigen und die Toten des Krieges sich auf die Hohenzollern stürzen, bis um Punkt 1.00 Uhr die Victoria dem Spuk ein Ende macht.

Die Sympathie des Erzählers für die Revolution wird an vielen Stellen deutlich (z.B. in „Die Revolution marschiert“): Der Revolutionssauschuss war „die erste Regierung einer deutschen Republik, eine Regierung gegen Generale, Junker und Schlotbarone und gegen den kommenden Krieg“ (S. 326 – hier merkt man, dass Döblin aus der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs heraus seinen Roman vollendet hat). Sarkastisch wird im Kapitel „Die Regierung, von keinem Terror gehindert“ deutlich gemacht, wie das Volk über die Morde an Luxemburg und Liebknecht belogen wird. (S. 599 ff.)

Ich kann nicht beurteilen, ob die Charaktere der historischen Figuren des Buches richtig gezeichnet werden und wie weit die erzählten revolutionären Ereignisse einer historischen Überprüfung standhalten. Als Manko meinerseits empfinde ich, dass ich Berlin nicht gut kenne – man müsste bei der Lektüre des vierten Bandes die Erzählung fortlaufend mit dem Blick in einen Stadtplan verfolgen.

Neben den verschiedenen Geistern tauchen viele Bibelzitate auf, mit denen vor allem Becker sich auseinandersetzt. Der geistliche Weg Beckers ist so komplex, dass man ihn in einer zweiten Lektüre eigens überprüfen müsste; man müsste zu Beginn der Lektüre bereits wissen, dass er die Hauptperson ist, dann könnte man genauer auf ihn achten; denn in der Fülle der erwähnten Figuren gehen einzelne von ihnen leicht unter.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/das-leben-radikal-anders-denken-1731194.html (Rezension des Romans, 2008)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40607341.html (Rezension Hans Mayers, 1978)

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=8579:karl-und-rosa-bonn&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40 (der 4. Band als Theaterstück)

Über Alfred Döblin:

https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_D%C3%B6blin

https://www.deutsche-biographie.de/sfz11475.html („Bis zur Konversion zum Katholizismus und seinem letzten großen Roman „Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende“ (1957) spannt sich ein Bogen stilistischer und sprachlicher Experimente, mit dem Ziel, durch die Dichtung eine neue ethische und metaphysische Ordnung zu gewinnen.“)

http://www.ursulahomann.de/EinAutorIstNeuZuEntdeckenAlfredDoeblin/kap001.html

http://www.judentum-projekt.de/persoenlichkeiten/liter/doeblin/index.html

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/d/alfred_doeblin.htm (Döblin-Biografie; vgl. zur Position des Sohnes Stephan http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/alfred-doeblins-sohn-stephan-der-traurige-nachzuegler-des-beruehmten-vaters-1908335-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2)

http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16241 (dito, mit Antwort: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16280 und Interview: http://www.buchjournal.de/477332/)

http://www.alfred-doeblin.de/ (Alfred-Döblin-Gesellschaft)

A. Döblin: November 1918, Bd. 3: Heimkehr der Fronttruppen -Eindrücke

Alfred Döblin hat 1937-1943 seinen Roman über die deutsche Revolution 1918/19 geschrieben: „November 1918“, der 1949 erstmals ganz veröffentlicht wurde. Der dritte Band heißt „Heimkehr der Fronttruppen“; ich beziehe mich auf die Ausgabe dtv 1389 (München 1978). Ein Teil der Ereignisse ist von „Bonaventura“ nacherzählt worden: http://www.vigilie.de/2009/alfred-dblin-november-1918-3/.

Da gibt es einmal die großen politischen Themen:

  1. Die unsichere Lage in Deutschland, wo die Regierung Ebert zwischen den linken (Radek, Liebknecht, einzelne Anhänger wie die Imkers) und den rechten Revolutionären (die schwankenden Generäle, die noch am Kaiser und den Vorrechten des Adels hängen) steht; erzählt wird, wie Liebknecht zögert, die Revolution zu beginnen, weswegen der drängende Russe Radek ihn verspottet, und wie Generäle in Münster und Berlin Freikorps bilden (wollen), während die heimkehrende Armee nicht weiß, was sie soll, und weithin zerfällt. – In diesem Zusammenhang zeigt sich nicht nur der Antisemitismus, sondern sehr deutlich auch das Aufkommen der Dolchstoßlegende (S. 381 u.ö.).
  2. Motz ist es, der Radek über die deutschen Revolutionäre aufklärt: „Bei uns gibt es keine Revolution, höchstens eine Gegenrevolution, und auch die nur als polizeiliche Maßnahme zur Wiederherstellung der Ordnung.“ (S. 270) Eine Revolution müsse in Deutschland „einen philosophischen, ja theologischen Kern haben“ (S. 271). „Stilleben ist die deutsche Daseinsform.“ (S. 272) Motz’ zynische Analyse hat etwas Wahres. Das zeigt auch der Bericht von einer Tagung der „Geistigen“ (S. 120 ff.), die wieder eine geistige Revolution durchführen wollen. Deren Spinnerei wird von einem jungen Reporter entlarvt: „Es gibt keine Geistigen. Denn es gibt keinen besonderen Geist. Es gibt Schriftsteller, Journalisten, Maler, Musiker, Bildhauer. Und diese Menschen haben Vorstellungen und Interessen wie jeder andere. Und ihre Vorstellungen und Interessen entstammen, wie bei jedem anderen Menschen, aus ihrer Schicht und Klasse.“ (S. 127)
  3. Eine zentrale Figur des 3. Buches ist der amerikanische Präsident Woodrow Wilson: seine Pläne (14 Punkte), sein Wirken in Europa: der Kampf um einen gerechten Friedensvertrag, gegen die starrsinnigen Politiker der Siegermächte, sein Scheitern und sein Tod (1924). Hier geht der Roman, der sich mit den Berliner Ereignissen bis zum 14. Dezember 1918 befasst, mit dem Erzählstrang Wilson – Versailler Vertrag – deutsche Nationalversammlung (kurz) – Gründung des Völkerbundes deutlich über den durch die Berliner Ereignisse gesteckten Zeitrahmen hinaus. Der Erzähler sympathisiert mit Wilson; das sieht man zum Beispiel daran, wie er Karikaturen Wilsons als amerikanischen Don Quijote beurteilt: „So sieht immer der Gottverlassene den Besseren, den er nicht erträgt.“ (S. 472)
  4. Eine Hauptfigur des 3. Bandes ist der verwundete Leutnant Becker, dem die Krankenschwester Hilde nach Berlin folgt. Becker ist exemplarisch der Deutsche, der sich seiner Verantwortung stellt, im Krieg gekämpft und getötet zu haben. Er macht eine Krise durch, in der es um das Selbst-Sein und die Selbsterkenntnis geht, wobei ihm die gläubige Schwester Hildegard zur Seite steht. Er findet zum christlichen Glauben (zurück): „Nun – kann ich mein Ich ansehen, ohne zu erschauern und zu verzweifeln.“ (S. 290) Die Selbsterkenntnis ist auch die Erfüllung der griechischen Philosophie (Sokrates), an der er verzweifelt ist, die jedoch im christlichen Glauben, d.h. im menschgewordenen Gott ihre Wahrheit findet. Eine Gegenfigur Beckers ist sein alter Freund Maus, der sich zuerst den Revolutionären und dann den Freikorps anschließen will und der Becker verachtet. Der Kampf Beckers um sein wahres Ich wird in Motiven des Faustdramas erzählt (Löwe, Ratte und Brasilianer als Gestalten des Gegenspielers), was mir teilweise etwas kitschig-gesucht vorkam. Auch hat Becker wieder Visionen, wo er mit Tauler spricht. Wieso Johannes Tauler? „Mit Eckhard teilte Tauler die Auffassung, dass es in der menschlichen Seele einen innersten Kern gibt, der eine besondere Nähe zu Gott hat, beinahe selbst schon göttlich ist; Tauler nannte ihn den Grund. Dieses tiefste Seelenzentrum strebt zu einer Vereinigung mit Gott, der Unio mystica, welche schon im diesseitigen Leben möglich ist. Der spirituelle Weg, den ein Mensch gehen muss, um diese Vereinigung zu erleben, ist das wichtigste Thema der Predigten Taulers. Der Gottsucher kann dieses Ziel erreichen auf dem Weg der inneren Abkehr von allem Weltlichen. So kann die menschliche Seele leer werden, so dass sie von Gottes Gegenwart ganz erfüllt wird.“ (https://www.heiligenlexikon.de/BiographienJ/Johannes_Tauler.htm) Außerdem stammte Tauler aus Straßburg, der wichtigsten Stadt des in Bd. 1 erzählten Geschehens; vor allem jedoch hatte die Taulerlektüre Döblins in den späten 30er Jahren den Autor tief beeindruckt. – Die Liebesgeschichte tritt hinter der Erzählung von Beckers Umkehr völlig zurück.

Thematisch mit Beckers Selbsterkenntnis ist die Geschichte des Dramatikers Stauffer verwandt, der ebenfalls durch eine Selbsterkenntnis im Spiegelbild zu sich kommt und den Mut findet, sich der neuen Liebe Lucie zu stellen (S. 159 f.). Diese rührende Geschichte von der alten Liebe Lucies, welche 20 Jahre auf Stauffer gewartet hat, und ihrer Begegnung mit Stauffer im Schloss ihrer Freundin im Tessin hat gar nichts mit dem Krieg zu tun; sie könnte in einem Roman über die Revolution 1918/19 fehlen, sie lockert als Geschichte einer gelingenden Annäherung und der Versöhnung mit Stauffers Tochter und Ex-Frau den politischen Stoff auf.

Es gibt natürlich weitere Figuren und Themen, die man nennen könnte (etwa den verbohrten Militärpfarrer mit seiner Theorie vom göttlichen Auftrag des Staates usw.), aber die genannten Figuren haben mich am meisten beeindruckt, was natürlich sowohl etwas über das Buch wie über mich besagt.

Fortsetzung: https://norberto42.wordpress.com/2016/07/24/a-doeblin-november-1918-bd-4-karl-und-rosa-eindruecke/

A. Döblin: November 1918, Bd. 2: Verratenes Volk – Eindrücke

Alfred Döblin hat 1937-1943 seinen Roman über die deutsche Revolution 1918/19 geschrieben: „November 1918“. Der zweite Band, „Verratenes Volk“, enthält die Ereignisse vom 22. November bis zum 7. Dezember 1918; der Blick des Erzählers richtet sich jetzt wesentlich auf die Situation in Berlin (Regierung Ebert; Not der Menschen; Liebknecht und der Spartakusbund; verschiedene Offiziers- und Soldatengruppen; einzelne Figuren, die wir teils aus Band 1 kennen, teils neu auftauchen: Soldaten, Schieber, Angehörige…), aber auch auf Kassel, wo die Heeresleitung sitzt (Hindenburg, Groener, von Schleicher), gelegentlich noch auf Straßburg und Paris, auch auf Köln und Münster: Es ist ein großes Potpourri von Aktionen und Gesprächen zwischen dem Sturm auf das Polizeipräsidium am 22.11. und einer Demonstration am 6.12., wobei Gardefüsiliere auf Demonstranten schießen. Ebert ist der einzige, der als Verhandlungspartner für die Siegermächte in Frage kommt; rechts von ihm planen Generäle und Offiziere einen Putsch, links von ihm zögert Liebknecht damit, die Revolution zu entfachen. – Ein Teil der Ereignisse ist von „Bonaventura“ nacherzählt worden: http://www.vigilie.de/2009/alfred-dblin-november-1918-2/.

Um einen Eindruck von Bd. 2 zu vermitteln, zitiere ich einige Kapitelüberschriften mit ihren Untertiteln:

STURM AUF DAS POLIZEIPRÄSIDIUM

Ein junger Mensch kehrt aus dem Krieg zurück, gewinnt dem Leben in Berlin keinen Reiz ab und trifft andere, denen es ebenso geht. Einige Aufgeregte Leute stürmen das Polizeipräsidium und können danach besser schlafen. Es ist der 22. November 1918.

DIE BEHÖRDEN

Die Behörden haben in dieser Zeit in Berlin nichts zu lachen. Aber sie ziehen sich mit Geschick aus der Affäre. Ein kleiner Mann hat sich an die Macht geschlichen und betrügt seine Umgebung. Es ist der 23. November 1918.

VON LIEBE MIT ODER OHNE GEGENLIEBE

Wir wechseln das Szenarium. Einige Personen, um nicht zu sagen: Helden unseres Berichts lassen uns an das Elsaß denken. Hier geht es ruhiger zu. Zahlreiche Hunde fühlen sich verlassen und möchten neu eingestellt sein. Ein Justizrat führt seinen Heldensohn herum, die Liebe redet ein ernstes Wort. Es dürfte um den 23. herum sein.

Von diesen Kapiteln gibt es 29 Stück in Band 2.

Erzähltechnisch sind folgende Stellen interessant:

  1. Im Kapitel „Übergang zu größerer Heiterkeit“ gibt es einen „Vorspruch“: „Der Schreiber dieser Zeilen ist betrübt, seine Leser trotz aller phantastischen Möglichkeiten dauernd zur Verfolgung der Ereignisse und der Schicksale der Personen durch trübes Wetter, Regen jagen zu müssen und sie nur gelegentlich in strengen Frost oder fröhliches Schneetreiben führen zu können. Es ist nicht seine Schuld. Ihm wäre es lieber, herüber in eine warme Adrialandschaft zu wechseln (…)“. (S. 132 in der alten Taschenbuchausgabe dtv 1389 von 1978) Auch im Kapitel „Ovationen für Friedrich Ebert“ gibt es einen ähnlichen Kommentar des Erzählers, in dem er sich rechtfertigt, dass plötzlich die Unteroffiziere agieren (S. 385); außerdem sind die Bedenken des Verfassers (S. 305 f.) zu nennen (im Kapitel „In der Apotheke und im Filmatelier“): „Eine große Zahl von Formen und Farben liegt schlafend in jedem Menschen, um im gegebenen Augenblick zu erwachen. / Manche Menschen lernen sich nur auf ein oder zwei Weisen, in ein zwei Formen kennen. Sie verfluchen sich in ihrer gnadenlosen Dummheit dazu, nur ein einziger Mensch zu sein. (…) Es ist gleich, ob wir, um uns zu vergewissern, den Menschenspiegel einer großen oder einer kleinen Stadt benutzen.“
  2. Die Rede Liebknechts im Kapitel „Die Stimme Liebknechts über Berlin“ (S. 180 ff.) wird nicht nur von Kommentaren der Zuhörer, sondern auch von einigen Kommentaren des Erzählers unterbrochen. Ich zitiere den ersten: „… Die welthistorische Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit hat begonnen. (Wie oft hat man das gehört, es war schon ein Leierkastenlied. Aber die Männer unten sahen einen aufgerissenen Mund, einen Kopf nach rückwärts gebogen, blitzende Brillengläser gegen den weißen Plafond gerichtet, eine kleine menschliche Figur in Schwarz gekleidet. Zusammengerissen schleuderte sie die Sätze heraus wie von einem Bogen. Sie schossen wie aus einem Rohr unter Überdruck. Und man begriff, als sie wie Teile von ihm durch die Luft spritzten: Es stand nicht nur zur Erörterung die Frage bürgerliche oder proletarische Revolution, sondern man sollte sich auch entscheiden, ob man mit ihm gehen, mit ihm sprühen wollte oder nicht. Nun ließ sich die Stimme wieder in den Saal herunter.)“
  3. Im gleichen Kapitel gibt es einen „Monolog der Spree“ (S. 205)
  4. Gelegentlich spricht der Erzähler im Plural majestatis, z.B. im Kapitel „Jeder Macht, was er will“: „Bei Tag ist alles nicht so geheimnisvoll, und wenn wir in der Nacht eine gewisse Scheu empfunden haben, in ihre Gespräche einzudringen, so sind wir jetzt davon frei.“ (S. 227 f.)
  5. Im Kapitel „Reise ohne Ergebnis“ gibt es eine große Reflexion des „Verfassers“ über sein Buch und die Revolution (S. 242-244): „Der Verfasser geht mit sich zu Rate Überblicken wir an diesem Punkt die Ereignisse, die verflossen sind und uns unabwendbar überströmen, und bedenken wir, von einer erklärlichen plötzlichen Müdigkeit überfallen unter dem unaufhaltsamen Ansturm der Begebenheiten (und es sind erst zwanzig Tage der Revolution vorbei), was nun kommen wird, so ist uns schon einiges klar: Mit der Revolution wird es auf diese Weise nicht vorwärtsgehen. Es wird mit ihr wahrscheinlich rückwärtsgehen. […]“
  6. Nicht nur dass Tauler wieder Becker erscheint (und spätere Erscheinungen erwarten lässt), ist zu vermelden; am Ende des Kapitels „Der 6. Dezember“ – das Datum, an dem die ersten bei einer Demonstration erschossen werden – tauchen am Schluss das Blut, die Seelen und die Schatten in Berlin handelnd auf (S. 402 f.)

Der alte Wylinski, Typus eines Kriegsgewinnlers (im Kapitel „Von Wanzen und ihrer Lebensweise“), trägt einige bemerkenswerte Einsichten vor: „Wir sind überall, in der Ehe und außer der Ehe, mit Geld beteiligt. Geld spielt bei allen Liebesbeziehungen irgendeine Rolle, mit Ausnahme bei der Backfischliebe – (…) Man steht sich, auch im unbekleideten Zustand, gesellschaftlich gegenüber. (…) Sparsamkeit ist der Todfeind der Liebe. Die Frauen hassen mit Recht sparsame Leute. Sparsamkeit ist der Tod jedes echten menschlichen Zusammenlebens.“ (S. 279 f.)

Bemerkenswert sind ebenfalls Beckers Reflexionen über die Juden (S. 364 ff., im Kapitel „Blick in einen dunklen Spiegel“), auf die ich hier nur hinweisen möchte; man müsste sie ganz im Zusammenhang lesen.

Interessant – und vielleicht aus Döblins historischem Abstand erklärbar – ist der Hinweis Barrès’ auf einen Artikel des Engländers Sir Maurice (im Kapitel „Paris, Ängste und Sünden“), die deutsche Armee sei nicht besiegt, sondern zusammengebrochen und könne wieder auferstehen – und die Deutschen glaubten fest, dass sie unbesiegt seien (S. 376 f.). Beachtung verdient auch der kurze Abriss: Hindenburgs Geschichte wird zum Mythos („Träger der Ordnung“, S. 342/44).

Ursprünglich waren Bd. 2 und Bd. 3 ein einziger Band. Döblin selber hat in ihm vier Schichten unterschieden: 1. die politische und revolutionäre Bewegung nach dem Kollaps, Ebert-Scheidemann gegen Liebknecht-Luxemburg; 2. die persönliche Schicht Rosas – imaginär, eine Geistergeschichte; 3. der Roman Friedrich Beckers, seines Freundes Maus und Hildas, der ebenfalls das Geisterreich berührt und sich zu einem religiösen Streit entwickelt; 4. die burlesken Affären des Autors Stauffer – Link und Idealismus – stehen in Gegenbewegung zu den Themen von Becker.

A. Döblin: November 1918, Band 1: Bürger und Soldaten – Eindrücke

Alfred Döblin hat 1937-1943 seinen Roman über die deutsche Revolution 1918/19 geschrieben: „November 1918“. Der erste Band , „Bürger und Soldaten 1918“, ist 1939 erschienen. In ihm wird im Wesentlichen in vielen Episoden erzählt, wie der Erste Weltkrieg in Straßburg endet (vom 10. – 24. November); diesen ersten Band habe ich bisher gelesen; man kann den Inhalt nur grob umschreiben: wie die Elsässer sich auf die neue Situation einstellen; wie Verwundete und Ärzte das Kriegsende erleben; wie revolutionäre Matrosen aus Wilhelmshaven die Revolution ins Elsass bringen wollen; wie die deutschen Truppen sich zurückziehen und nach Deutschland durchreisen; wie Bauern und Schieber an der Not der Menschen verdienen; wie Frauen von ihren Männern getrennt werden; wie die französischen Truppen als Befreier begrüßt werden…

Ich möchte auf einige bemerkenswerte Stellen im Band 1 („Bürger und Soldaten“) hinweisen, damit man davon einen ersten Eindruck gewinnt:

  1. Im Kapitel „Mittwoch, der dreizehnte“ sprechen die verwundeten deutschen Soldaten Becker und Maus über Schwester Hildegard miteinander: „Sie hat auch ihren Knacks.“ – „Wie wir alle.“ – „Wegen Richard. Und, nun ja, wegen Deutschland. Alles umsonst. Alles hin. Der ist tot, ich hab’ meine Schulter, du dein Kreuz, und was hier herumliegt und herumkriecht.“ – „Und was in der Erde liegt.“ – „Ja, Becker, alles umsonst. Es ist schon wahr. Ist das zu denken?“ (S. 107)

Hier wird für mich eine Enttäuschung sichtbar, in der sich die Menschen (die Deutschen) nicht mit der Sinnlosigkeit des Umsonst, der ganzen Opfer abfinden können.

  1. Im gleichen Kapitel finden wir eine erzähltechnische Besonderheit: Der Erzähler wendet sich als „der Dichter“ in Ich-Form an eine Frau namens Hanna: „Warum so nervös, liebes Kind? Warum sich das Leben so schwer machen. Sie haben zuviel Phantasie. Und andererseits haben Sie zuwenig Phantasie, sonst wüßten Sie zum Beispiel: Sie werden bald aufstehen, sich verzweifelt in der Wohnung umsehen, ob nicht jemand da ist, der Ihnen helfen kann, mit dem Sie sprechen könennen, vor dem Sie etwa weinen können. (…) Aber da ist noch etwas, woran Sie nicht zu rühren wagen. Soll ich es verraten? Sie haben es in Ihrem letzten Brief, der nach auf dem Tisch liegt, erwähnt, aber nicht klar gesagt. Die beiden Särge mit den erschossenen Soldaten sind an Ihrem Haus vorbeigefahren! Wer hat sie erschossen, wer war der Mörder? ‚Mörder’, sprechen wir es aus. Eine Weile tun Sie so, als ob es Sie nichts angeht, dann faßt es Sie an. Sie wissen nicht warum und was es ist. Zwei Menschen gemordet von ihm, von Hans. (…)“ (S. 114-116)

Das ist die einzige Stelle im ganzen Band „Bürger und Soldaten“, wo der Erzähler als Figur auftritt; dabei ist nicht klar, ob Hanna ihn hören kann – vermutlich kann sie ihn nicht hören, er spricht sie sozusagen kommentierend an und erzählt ihr auch von anderen, „nur durch meinen Hauch mit Ihnen zusammengebrachten, matten und wieder aufgeweckten“ Frau, der Operationsschwester Hilde (S. 116, bis S. 117). Eine bemerkenswerte Passage.

  1. Im Kapitel „Zu Boden“ wird u.a. erzählt, dass das englische Unterhaus in die Parlamentskirche zieht, um Gott für die Befreiung aus großer Gefahr zu danken. Im Gesang hören sie dann Gott sprechen: „Ich habe mich nicht gezeigt, so lange ihr Krieg führtet. Ich habe mit Tobsüchtigen und Verbissenen nichts zu tun. Daß die Menschen von mir abgefallen sind, weiß ich schon lange. (…) Euer Geschrei und Glockenläuten macht auf mich nicht den mindesten Eindruck. Aber weil ihr Dankbarkeit fühlt, höre ich euch an. Ihr fühlt, wie wohl dies tut. Ich traue euch nicht. Ich traue euch nicht.“ (S. 208)

Hier hat der auktoriale Erzähler den Mut, Gott selbst sprechen und zum Krieg Stellung nehmen zu lassen.

  1. Im Kapitel „Teure Heimat, sei gegrüßt“ trifft der verwundete Becker in Berlin bei seiner Mutter ein. Im Gespräch kommt seine Enttäuschung über die Flucht des Kaisers und das Verschwinden der Fürsten zum Ausdruck: „Wie konnte das vernichtet werden und verschwinden, Mutter, wie ein Staub, den man wegbläst, das, was Millionen von uns in den Krieg geschickt hat und opferte und tötete jung und alt, und das verschwindet wie ein Gespenst beim Hahnenkrähn, das Reich, das deutsche Reich, der Rahmen unseres Daseins. (…) Welche Entlarvung, Mutter. (…) Welche Schamlosigkeit, und sie waren unser Halt, der Rahmen unsres Daseins.“ (S. 242 f.)

Diese Stelle drückt die gleiche Enttäuschung wie die oben als erste genannte aus.

  1. Eindrucksvoll ist die Beschreibung der Großstadt Berlin im Kapitel „Schmeißfliegen und Leichenfledderer“: Es ist eine gewaltige Stadt. „Fabriken und Werkstätten, Kaufläden, Magazine, Schlachthöfe, Molkereien hatten sich hier entwickelt. Gasleitungen, Lichtdrähte waren gezogen, Wasserleitungen, Kanalisation verbanden die Häuser. Unaufhörlich fuhren Untergrundbahn, Elektrische, Autobusse in der Stadt hin und her, Telefonleitungen spannten sich zwischen Menschen entfernter Stadtteile, sie konnten sich von ihren Zimmern aus unterhalten.“ (S. 258) Im Fortgang dieser Analyse wird die Bedeutung der Arbeit für die Menschen herausgestellt, ihre Gier nach Arbeit. „Sie wühlten sich, um sich aufzupeitschen und weil sie nicht wußten, was mit ihnen war, in Zeitungsgeschrei ein, das gab ihnen Ärger, Haß und Groll, manchmal Spaß, Schadenfreude. Sie betraten Kinos und ließen sich Liebe, Schönheit und Abenteuer vormachen. Auf der Straße begegnete ihnen die Prostitution. Man setzte sich in einen Zirkus, wo sich Boxer niederschlugen.“

Insgesamt ist das eine brillante Analyse der Großstadt – und des modernen Menschen, finde ich.

  1. Im Kapitel „Die letzten Tage von Straßburg“ gibt es einen Erzählerkommentar zur Lage: „Geschlagenes Deutschland. Es wird keinem Volk ein größeres Glück zuteil, als wenn es seinem Hang nach Erhöhung nachgehen kann. Nur zu kauen und zu verdauen gefällt schon dem einzelnen nicht. Ein Volk gedeiht nicht sicher in seinen Gliedern, wenn es nicht aus sich heraus die hoheitsvollen Gestalten und Gebilde schaffen kann, an denen es wächst. / Zu einer äußersten Probe, übermütig und gedankenlos, hatte sich das deutsche Reich gestellt. Seine Menschen und Reichtümer, Jugend und Alter, Erzeugnisse der Felder und Bergwerke, Erfindungen der Laboratorien hatte es in den Kampf geworfen. Es war sicher, den Strauß zu gewinnen. Es war besiegt worden. Nun war das Land nicht gestorben, seine Mittel nicht erschöpft. Aber seine Seele hatte es, ohne es zu merken, in den Entscheidungskampf geworfen. / Dem alten Riesen, dem noch Rumpf und Glieder zuckten, war, so schien es, der Schädel eingeschlagen.“ (S. 283)
  2. im Kapitel „Kleine Tagesnachrichten, Berlin“ spottet der Erzähler über den „Rat der geistigen Arbeiter“. Ein Mitglied des Rats verliest am 20. November ein Manifest, das vom Erzähler kommentiert wird: „Es ist an der Menschheit in einer ungeheuren Weise gesündigt worden. (Unzweifelhaft!) (…) Die Gefallenen, brüderlich vereint, sind friedlich und still. (Kitsch) Auch für uns hat der Waffenkampf aufgehört, nicht aber der Kampf um Sein oder Nichtsein unseres Volkes, dieses Volkes, das einer künftigen gerechten Zeit in einer Glorie erscheinen wird. (Heil dir im Siegerkranz.) (…)“ (S. 299) Und so geht das Gelaber weiter, noch eine ganze Seite lang.
  3. Im Kapitel „Vom tiefen und gefährlichen Deutschland“ wird von Barrès und einigen Elsässern das Verhalten der deutschen Führung analysiert: Weder die Oberste Heeresleitung noch die Hohenzollern sind zu den Waffenstillstandsverhandlungen erschienen, sie schicken andere vor: „die Verantwortung abwälzen, sich den Konsequenzen entziehen. Den braven Herrn Erzberger hat man dann für später als Prügelknaben.“ (S. 349) Aus dem gleichen Grund unternehme die Armee nichts gegen die Revolutionäre (S. 350) – hier spricht der politische Beobachter Döblin mit seiner Kenntnis der 20er Jahre aus seinen Figuren.

http://www.alfreddoeblin.de/sixcms/media.php/690/Werkbeitrag_November%201918.pdf (Besprechung)

http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/november-1918-zwischen-geschichte-und-fiktion.html (zur Neuausgabe des Romans, 2008)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/das-leben-radikal-anders-denken-1731194.html (dito)

http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12507 (dito)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40607341.html (zum vollständigen Erscheinen 1978)

https://www1.wdr.de/kultur/buecher/november-karl-und-rosa-104.html (Hörspiel des WDR)

http://www.vigilie.de/2009/alfred-dblin-november-1918-1/ (zu Bd. 1)

http://www.vigilie.de/2009/alfred-doblin-november-1918-4/ (zu Band 4)

P.S. Wer den Roman lesen möchte, dem empfehle ich, auf die Figur Becker und seine Umgebung zu achten; Becker ist die Hauptfigur des ganzen Romans.

Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber – Besprechung

„Damals, es ist schon lange her, war ich noch sehr jung und lebte bei meinen Großeltern…“, so beginnt der Ich-Erzähler Mario seine Geschichte, deren einer Strang davon handelt, wie er sich als 18jähriger in die Schwester seiner angeheirateten Tante verliebt und sie schließlich gegen alle Widerstände heiratet. Diese Frau ist „Tante Julia“, eine 32jährige geschiedene Bolivianerin, die nach Lima/Peru gekommen ist, um einen neuen Mann zu finden. Der Ich-Erzähler studiert ein bisschen Jura, arbeitet als Nachrichtenredakteur beim Radio und möchte Schriftsteller werden; er schreibt auch eine Reihe von Erzählungen, die er jedoch alle wieder verwirft. Zu seinen Bekannten gehört auch das Unikum Pedro Camacho; der schreibt außerordentlich erfolgreich jede Menge Hörspiele, mit denen er beim gleichen Sender für hohe Einschaltquoten und damit hohe Werbeeinnahmen sorgt.

Dieser Erzählfaden wird in den ungeraden Kapiteln (I – XIX) gesponnen. In den Kapiteln mit den geraden Nummern erzählt ein auktorialer Erzähler wilde Geschichten von Leuten, deren Held jeweils gerade 50 geworden ist: „Er war ein Mann, der die Blüte seiner Jahre, nämlich die Fünfzig erreicht hatte, und in seiner Person – breite Stirn, Adlernase, durchdringender Blick von Güte und aufrechter Gesinnung – zeichnete sich seine ethische Reinheit in einer Haltung ab, die ihm sofort die Hochachtung aller Menschen sicherte.“ (S. 182 von suhrkamp taschenbuch 3903, 2007 – mit diesen Attributen wird in jeder Erzählung Camachos der Held geschmückt!) Man merkt, hier wird Schemaliteratur produziert, oder sagen wir es einfacher: Kitsch. Am Ende der Kapitel stehen Fragen wie in einem Fortsetzungsroman, die auf einen Fortgang des Geschehens zielen, der nie erzählt wird. So ab Kap. X kam mir der Verdacht, die geraden Kapitel könnten die Hörspiele sein, die von Pedro Camacho serienmäßig produziert werden, und ab S. 414 wird das dann auch zur Gewissheit.

Die Hörer des Radios und schließlich auch die Leser des Buches bemerken, dass die Geschichten Camachos immer verwirrter werden, dass Personen aus anderen Erzählungen in neuen Zusammenhänge auftauchen, dass „Tote“ auf einmal wieder agieren – kurz, Camacho hat die Übersicht verloren und landet schließlich im Irrenhaus.

Das ganze erzählte Geschehen dauert einige Monate; nur in Kap. XX nimmt der Ich-Erzähler wieder Abstand vom Geschehen und blickt nach seiner achtjährigen Ehe mit Julia auf diese Zeit und sein Leben in Europa zurück und endet in einem „Jetzt“ (S. 643), in dem er mit seiner Cousine verheiratet ist, Urlaub in Peru macht, die alten Bekannten (einschließlich Pedro Camacho, der nur noch kleine Botengänge macht) wieder trifft und mit ihnen essen geht.

Die südamerikanischen Feinheiten (Spannungen zwischen Peruanern, Bolivianern und Argentiniern) kann man als europäischer Leser natürlich nicht wirklich würdigen; neben den wilden Geschichten Camachos und der simplen Liebesgeschichte bleiben die verschiedenen Spielarten des Schreibens das relevante Thema: Nachrichten zurechtschustern, unreife „Erzählungen“ schreiben und dabei von der Schriftstellerexistenz in Paris träumen, Camachos triefende Vielschreiberei und schließlich – nur am Rande noch erwähnt – die Existenz des Ich-Erzählers als Schriftsteller, der in Europa lebt und jährlich nach Peru zu Besuch kommt, zurück zu den Wurzeln.

Insgesamt ein köstlicher Roman, den ich mit Freude gelesen habe und den man gut verschenken kann. Er ist 1977 in Barcelona erschienen, 1979 dann auf Deutsch unter dem Titel „Tante Julia und der Lohnschreiber“, ehe er in der Übersetzung Heidrun Adlers als „Tante Julia und der Kunstschreiber“ bei Suhrkamp herausgekommen ist. Es gibt eine neue Übersetzung von Thomas Brovot (2011).

https://de.wikipedia.org/wiki/Tante_Julia_und_der_Kunstschreiber

http://www.die-leselust.de/buch/vargas_llosa_julia.htm

http://www.vigilie.de/2011/mario-vargas-llosa-tante-julia-und-der-schreibkuenstler/

http://www.dieterwunderlich.de/Vargas-Llosa-tante-Julia-schreibkuenstler.htm

https://martinusliteratur.wordpress.com/2010/11/04/mario-vargas-llosa-tante-julia-und-der-kunstschreiber/

http://www.literaturmarkt.info/cms/front_content.php?idart=4187

Robert Burton: Anatomie der Melancholie – Besprechung

Die 1621 erstmals erschienene, später erweiterte „Anatomie der Melancholie“ ist für unsere Verhältnisse ein ungewöhnliches Buch: ein eher mittelalterliches Buch, das von Zitaten aller möglichen Klassiker wimmelt, die ein immens fleißiger Autor zusammengetragen hat, um das damalige Wissen und Unwissen über die Melancholie, ihre Arten und Ausdrucksformen, ihre Ursachen und ihre Behandlung zusammenzutragen. Er nennt sich Democritus junior, weil der große Demokrit aus dem Lachen über die Torheiten seiner Zeitgenossen nicht herauskam. Auch ihm erscheint die Welt wie ein großes Theater: „Tagtäglich höre ich neueste Nachrichten und landläufige Gerüchte über Kriege, Seuchen Feuer, Überschwemmungen, Diebstähle, Morde, Massaker, Meteore, Kometen, Geister, Wunder, Erscheinungen, über belagerte und eroberte Städte in Frankreich, Deutschland, der Türkei…“ (S. 20), „und das Bücherschreiben nimmt kein Ende, besonders in unseren Kritzelzeiten, in denen die Druckerzeugnisse Legion sind, sich die Pressen im Belagerungszustand befinden und es jeden gelüstet, sich als Autor einen Namen zu machen.“ (S. 24) Damit sind wir schon bei dem Punkt, der das Buch für mich interessant gemacht hat: Wenn wir unsere Zeit mit dem von Robert Burton beklagten 17. Jahrhundert vergleichen, sehen wir manche erstaunlichen Parallelen.

Burton systematisiert die Beschreibung des melancholischen Zustandes nach der Größe der befallenen Objekte: Königreiche, Provinzen, Familien und Einzelpersonen (S. 77). Was er über die Ursachen der Melancholie schreibt, ist teilweise vernünftig, teilweise dem mittelalterlichen Aberglauben verpflichtet. Witzig sind eher seine Ausfälle gegen bestimmte Gruppen und Laster, zum Beispiel die Anwälte; sie seien „nicht Beschützer, sondern die Quälgeister des Landes, ein hochmütiges, verdorbenes, raffgieriges, streitsüchtiges Geschlecht, eine beutelschneiderische Sippschaft, eine lärmende Gesellschaft, Geier im Talar, Diebe und Seminaristen der Zwietracht“ (S. 88) und so weiter und so weiter…

Man muss ehrlich zugeben, dass die Lektüre auf die Dauer teilweise ermüdend ist: Der Autor wiederholt sich in seinen Ausfällen. Einzelne Lichtblicke gibt es jedoch immer wieder, zum Beispiel die Ausführungen über die Kraft der Imagination (S. 199 ff.) oder über das Menschenlos: „Mit Blindheit geschlagen sind wir in der Jugend, in der Mitte unseres Lebens mühen wir uns ab, am Ende steht der Kummer, und nur der Irrtum bleibt uns treu.“ (S. 219). Burton zeichnet also ein eher düsteres Bild vom Menschen.

Zwischen der Lehre der philosophisch-klassischen Tradition und der kirchlichen Doktrin schwankt er: Armut und Not muss er zwar christlich rechtfertigen, gar preisen, aber das wirkt nicht überzeugend (S. 279 ff.); in der Frage des Suizids trägt er zunächst dessen plausible Verteidigung durch bedeutende Autoritäten vor, um ihn schließlich aus christlicher Sicht abzulehnen (S. 328 ff.).

Für mich war es erhellend zu sehen, dass es auch im 17. Jahrhundert schon die Klage über zu lasche Examina, gekaufte Noten und nicht nach Tüchtigkeit vergebene Ämter gab; „es ist unsere Schuld und insbesondere die derjenigen, die an der Universität lehren“ (S. 272).

Ulrich Horstmann hat den ersten Teil des Werkes übersetzt (seit 1988, mehrere Auflagen); Auszüge aus dem dritten Teil des Werks sind 1952 unter dem Titel „Schwermut der Liebe“ erschienen (nur noch antiquarisch zu bekommen). Lohnt es sich, das Buch zu lesen? Das kommt darauf an, was man von ihm erwartet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Anatomie_der_Melancholie

http://www.psychiatrie.de/bibliothek/buecher/depression/burton-schwermut/ (Besprechung)

http://www.welt.de/print-welt/article324938/Oh-Gott-wie-gehts-mir-schlecht.html (dito)

http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6954 (dito)

http://www.deutschlandfunk.de/melancholische-welt.700.de.html?dram:article_id=81961 (dito)

http://www.literaturzeitschrift.de/book-author/robert-burton/ (dito)

http://www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/191-burton-robert (Burton und das Buch)

http://untier.de/robert-burton-anatomie-der-melancholie/ (viele Stimmen zum Buch)

https://www.novego.de/wissen/depression/was-ist-melancholie/ (über Melancholie)

Der komplette englische Text:

http://www.exclassics.com/anatomy/anatomy1.pdf

http://www.exclassics.com/anatomy/anatomy2.pdf

http://www.exclassics.com/anatomy/anatomy3.pdf

oder bei archive.org in verschiedenen Ausgaben, z.B.

https://archive.org/stream/anatomyofmelanch1868burt#page/n11/mode/2up (Vol. I)

https://archive.org/stream/anatomyofmelanc01burt#page/n9/mode/2up (Vol. I)

https://archive.org/stream/anatomyofmelanch02burtuoft#page/n5/mode/2up (Vol. II)

https://archive.org/stream/anatomymelancho06burtgoog#page/n6/mode/2up (Vol. III)