Memoiren einer Idealistin, Bd. 2 (1875) – vorgestellt

Der zweite Band der „Memoiren einer Idealistin“ (https://archive.org/details/memoireneineride00meysuoft/page/402), eine ursprünglich nicht geplante Fortsetzung von Band 1, erschien 1875. Darin berichtet Malwida von Meysenbug aus der Zeit ihres Exils in London. Sie hielt sich mit dem Erteilen von Deutschunterricht – Deutsch war fashionable, weil der Prinzgemahl ein Deutscher war – über Wasser; dann lernte sie Alexander Herzen kennen und vertrat bei dessen Töchtern die Stelle der Mutter, welche verstorben war. Sie erläutert, wie sie deutsche Ordnung in den russischen Schlendrian Herzens brachte und wie sie in ihrer Mutterrolle aufging. Die „Familie“ zog dann nach Richmond, also aus der Großstadt weg, was den Wünschen Malwidas entgegenkam. So ist dieser Band von vielen Überlegungen zur richtigen Erziehung, aber auch dem Bericht von einigen Begegnungen mit anderen Exilanten, Auszügen aus Briefen und dem Bericht von der Hinrichtung Barthélemys bestimmt. Dabei spricht Frau von Meysenbug in schwärmerischem Ton von den Aufgaben und dem Glück einer Mutter: „Was aber den höchsten Inhalt der Mutterliebe ausmacht: die heisse Sorge um das geistige Leben, den Charakter, die volle Entwicklung aller Fähigkeiten, die Sehnsucht, in dem jungen Leben die eigene Unsterblichkeit zu erleben, das, was als Ideal in uns gewohnt hat, zu neuer Blüte hinüber zu retten in die Jugend der Erscheinung; dieses Hüten der jungen Seele, über der man noch eifriger wacht als über der eigenen, um sie vor geistigem und moralischem Unheil zu bewahren, um sie in keuscher, unverletzter Schönheit der Sonne der Erkenntnis und des Bewusstseins zu erschließen – all dieses erlebte und empfand ich in mir…“ (S. 275 f.)

Ich darf hier anmerken, dass Malwida hier ein dominantes Erziehen vertritt, was ihrer eigenen Erfahrung doch widerspricht: dass sie sich im Widerstand gegen alle Herkunft befreit hat (s. Band 1).

Die Familie kehrte jedenfalls nach London zurück, weil Herzens Sohn studieren soll, an den Stadtrand, was Malwidas Liebe zu Häuslichkeit und Landleben entgegenkommt (vgl. S. 295 f.). Als dann Herzens Jugendfreund Ogareff (Ogarew, auch andere Schreibweisen) mit seiner Frau auftauchte, ging die Idylle zu Ende: Ogareffs Frau, eine Jugendfreundin der Frau Herzen, griff in die Erziehung der Kinder ein; es kam aus Malwidas Sicht zu einem Übergewicht des Russischen und zum Konflikt, den Herzen nicht managen konnte oder wollte und dem Malwida sich durch plötzliche Abreise entzog.

Der zweite Band war für mich nicht so interessant wie der erste; er zeigt, wie sich mittellose Exilanten mit Mühe in London nach 1850 über Wasser hielten, bis sie wie auch immer irgendwo festen Fuß fassten. Die wohlklingenden Äußerungen Malwidas über Erziehung und Mütterlichkeit wirken heute etwas schwülstig und verdecken, dass die gute Absicht und „höhere“ Einsicht der Mutter leicht zum Terror werden kann.

Ich verweise noch auf https://archive.org/details/memoireneineride00meysuoft/page/324 („Memoiren einer Idealistin“, Bd. 3, 1876) und

https://archive.org/details/derlebensabende00meysgoog/page/n9 („Der Lebensabend einer Idealistin“).

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Memoiren einer Idealistin (1869), kurz vorgestellt

Malwida von Meysenbug, 1816 als Amelie Malwida Tamina Rivalier in einer vornehmen Familie geboren (https://de.wikipedia.org/wiki/Malwida_von_Meysenbug), ist als Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau bekannt geworden. 1869 erschienen ihre Erinnerungen „Memoiren einer Idealistin“, der später zwei weitere Bände folgten. Ich habe den ersten Band gelesen und bin davon begeistert. Sie erzählt darin von ihrer Kindheit, der Jugend und ihrer eigenen Emanzipation: von der Religion, von der Familie, von ihrem Stand. Sie findet ein Lebensziel, „die Teilnahme, durch den Gedanken und die Tat, am Fortschritt der Menschheit“. Den Weg zu dieser Einsicht und die ersten Schritte, die sie dann tut (Mitarbeit an der Hochschule für Frauen in Hamburg, Sorge um Arme, konfessionslose Gemeindeschule, Förderung von Kindergärten), aber auch ihre letztlich nicht erwiderte Liebe zu Theodor Althaus bis zu dessen Tod und die Behinderung ihrer Arbeit durch die politische Reaktion erzählt sie lebendig und knüpft daran vielfältige Reflexionen an, so dass man voller Sympathie und Verständnis an ihrem Leben, ihrem Reifungsprozess teilnimmt.

Ein Beispiel für eine Reflexion, in der Goethes „Daimon“ im Hintergrund zu stehen scheint: Sie hat von der Hochschule für das weibliche Geschlecht in Hamburg gehört und beschlossen, dorthin und von dort aus nach Amerika zu gehen. „Alles schien zusammenzutreffen, um mir diesen Weg zu zeigen. (…) Ich bewunderte innerlich die Verkettung von Ursache und Wirkung, und die Notwendigkeit, mit welcher die Entwicklung unseres Charakters unser Schicksal wird. In dieser Logik der Dinge selbst erkannte ich die wirkliche Gottheit, die unser Leben regiert, und ich neigte mich demütig vor diesem Mysterium, das mir viel erschütternder erschien, als mir je die Mysterien des Christentums erschienen waren.“ (S. 291)

Als sie in Berlin verhört, ihre Wohnung durchsucht wird und ihre Papiere beschlagnahmt werden, bricht sie 1852 nach England ins Exil auf. Damit endet der erste Teil ihrer Memoiren – lesenswert für alle, die sich interessieren

  • für das Leben der Malwida von Meysenbug,
  • für die Geschichte einer persönlichen Emanzipation,
  • für die Anfänge der Frauenemanzipation
  • und ihre Verbindung mit dem demokratischen Aufbruch 1848
  • sowie die Auswirkungen der Reaktion nach 1848.

Ich habe aus dem Buch vieles gelernt, was ich noch nicht wusste, und mich in manchem bestätigt gesehen, was ich aus eigener Erfahrung kenne.

https://archive.org/details/memoireneineride00meysuoft/page/n5 (Band 1-3 der Memoiren)

Historische Augenblicke (1988), hrsg. von J. Moeller – Besprechung

In rund 70 Briefen werden „Historische Augenblicke“ des 20. Jahrhunderts vorgestellt; „Deutsche Briefe des Zwanzigsten Jahrhunderts“ ist der Untertitel des 1988 von Jürgen Moeller bei C. H. Beck herausgegebenen Buches. Naturgemäß kommt ein wichtiges Ereignis des 20. Jahrhunderts darin nicht mehr vor: der Aufstand in der DDR 1989 und die deutsche Wiedervereinigung 1990 – so ist es, wenn man 12 Jahre vor dem Ende des Jahrhunderts bereits das Jahrhundert würdigt (wie bei den Jahresrückblicken, die bereits am 1. Dezember beginnen, damit man vor den anderen dran ist).

Eine große Schwäche hat das Buch Moellers: Es kommen zu viele Schriftsteller (und Künstler) zu Wort, zu wenige Wissenschaftler, Bürger und Politiker; wir hören also zu oft die Sprache des Herzens und zu selten die Worte der kühlen Vernunft. Der überflüssigste Brief ist der Erika Manns an einen Beamten, in dem sie ihren Antrag auf die amerikanische Staatsbürgerschaft zurückzieht – das besagt nun wirklich kaum etwas über Deutschland!

Wichtig und gut fand ich den Brief Karl Barths über die religiöse Verbrämung und Rechtfertigung des Krieges 1914; den Stefan Zweigs über die von Hass und Lüge bestimmte Lage nach dem Versailler Vertrag von 1921; den Carl Jakob Burckhardts über den Aufstand der mythischen Mächte gegen die Zivilisation von 1925; den Alfred Döblins über die vielen Wahrheiten und den Unterschied zwischen Sozialismus und Klassenkampf 1930 (dieser Brief ist schon die Antwort auf die Naivitäten Rudi Dutschkes und die Anmaßungen der RAF!). Mutig war Ricarda Huchs Austritt aus der Preußischen Akademie 1933, verräterisch die Antwort Gottfried Benns auf Klaus Manns Offerte 1933 (ebenso die Stellungnahme Brechts zum 17. Juni 1953). Glänzend ironisch ist Feuchtwangers Brief von 1935 an den Bewohner seines Hauses, aus dem man ihn vertrieben hatte (aber nicht wichtig für Deutschland, nicht repräsentativ für die Enteigneten). Die letzten Briefe zweier unbekannter Soldaten aus Stalingrad können sich sehen lassen , ebenso von Kluges Brief an Hitler 1944. Helmuth James Graf von Moltkes Brief an seine Frau, in dem er Freislers Verhandlungsführung bloßstellt, kannte ich bereits. Zu erwähnen sind Hesses Brief von 1950 gegen die hysterische Angst vor einem neuen Krieg und vor den Bolschewiken; menschlich bewegend (für Deutschland jedoch nicht so wichtig) ist John T. Bechers Brief an seinen Vater Johannes R. Becher von 1951, in dem er ihm klar macht, dass dieser als Minister in der DDR bloß als Aushängeschild benutzt wird. Günther Anders analysiert die Lage des Hiroshima-Piloten (und indirekt unser aller Lage) 1959 exzellent; die Brüder des ermordeten Gero von Braunmühl entlarven die Sprüche der RAF völlig – das waren meines Erachtens die besten Briefe, einige gute bleiben hier ungenannt. Viel besser als Adenauers Brief über die Schuld der Deutschen und der katholischen Bischöfe (aufgrund ihrer Gleichgültigkeit, 1946) wäre als Dokument des Versagens der Brief Kardinal Bertrams an die deutschen Erzbischöfe über die Frage, ob sie sich zum Aufruf zum Judenboykott (zum 1. April 1933) äußern sollten; dort wird das ganze schmierige Denken eines Kardinals sichtbar.

Zu kurz kommen bzw. (beinahe) ganz fehlen der ökologische Aufbruch des 20. Jahrhunderts, die Entspannungspolitik Willy Brandts, die Friedensbewegung (bis auf einen Appell Günter Grass‘, also wieder die Aufregung des Schriftstellers) und, wie gesagt, die Vorgänge ab 1989; das Dritte Reich und die unmittelbare Nachkriegszeit ist mit gut 30 Briefen überrepräsentiert. Es fällt auf, wie viele offene Briefe in die Sammlung aufgenommen wurden. Was fehlt, sind Leserbriefe – in den großen Zeitungen stellen sie heute beachtliche Stimmen zu den großen Ereignissen der Zeit dar.

Den Brief Stefan Zweigs an Romain Rolland kann man hier lesen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/briefe-an-schriftsteller-7450/2 (8. Februar 1921)

Benns Brief „Antwort an die literarischen Emigranten“ (https://books.google.de/books?id=P4vZAwAAQBAJ&pg=PT149&lpg=PT149&dq=%22im+Ausland,+wenn+Sie+das+Vorstehende+lesen%22&source=bl&ots=tkqWVnkQqN&sig=ACfU3U3E4uMF-nzQ2_vN0NZLiFc6_5aNTg&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwjq5erPrYTgAhUSblAKHTveCA0Q6AEwAHoECAAQAQ#v=onepage&q=%22im%20Ausland%2C%20wenn%20Sie%20das%20Vorstehende%20lesen%22&f=false)

Der offene Brief der Brüder G. von Braunmühls (https://www.taz.de/fileadmin/verlagsdateien/pdfs/titelseiten/An_die_Moerder_unseres_Bruders_7_11_86.pdf)

die anderen wichtigen Briefe habe ich leider im Internet nicht finden können.

J. Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste (2018) – Besprechung

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/verzeichnis-einiger-verluste-von-judith-schalansky-rezension-a-1234131.html (begeistert)

https://www.zeit.de/2018/53/verzeichnis-einiger-verluste-judith-schalansky (voll des Lobes)

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/erzaehlsammlung-verzeichnis-einiger-verluste-von-schalansky-15852860.html (voll des Lobes, verweist auf Bezüge zu anderen Werken der Autorin)

https://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2018/10/Judith-Schalansky-Verzeichnis-einiger-Verluste.html

Der Ton der Rezensionen ist einhellig: hell klingende Begeisterung.

In ihrer Hinwendung zum Vergangenen, zum Verlorenen, zum Vergessenen und allgemein zur Vergänglichkeit geht Judith Schalansky an einigen Stellen im Vorwort sehr weit, vielleicht zu weit: „Im Grunde ist jedes Ding immer schon Müll, jedes Gebäude immer schon Ruine und alles Schaffen nichts als Zerstörung, so auch das Werk all jener Disziplinen und Institutionen, die sich rühmen, das Erbe der Menschheit zu bewahren.“ (S. 16) Ist es wirklich so? Ist das Maß „nichts als…“ gültig? Nein, das ist es nicht.

Die Erde selbst ist bekanntlich ein Trümmerhaufen vergangener Zukunft, und die Menschheit die bunt zusammengewürfelte, sich streitende Erbengemeinschaft einer numinosen Vorzeit, die fortwährend angeeignet und umgestaltet, verworfen und zerstört, ignoriert und verdrängt werden muss, so dass entgegen landläufiger Annahme nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit den wahren Möglichkeitsraum darstellt.“ (S. 19) Ist es tatsächlich so? Nein, die Vergangenheit ist der Möglichkeitsraum von Deutungen, aber der Möglichkeitsraum des Tatsächlichen ist und bleibt die Zukunft.

Warum überzieht Schalansky die richtigen Einsichten, die sie gewonnen hat, ins Grundsätzliche und damit Falsche? Will sie originell sein und schreiben?

In 16 Kapiteln zu je 16 Seiten, die durch einen schwarzen Karton mit einem schwach angedeuteten Bild getrennt sind, befasst Schalansky sich mit verschiedenen „Verlusten“, der Insel Tuanaki, dem Kaspischen Tiger, Sapphos Liebesliedern, dem Palast der Republik… Was diese 16 Verluste verbindet, wird nicht deutlich. Und es ist schwer, über verlorene „Dinge“ jeweils 16 Seiten zu schreiben. Zwangsläufig überlässt sich Schalansky dabei ihren Assoziationen; aber wenn ein Kampf zwischen Tiger und Löwe in einem römischen Theater den Hauptteil des Kapitels über den Kaspischen Tiger ausmacht, erschließt sich mir damit nicht der Verlust des Kaspischen Tigers. Und bei Sapphos Liebesliedern hätte ich mir mehr Sappho-Text und Mutmaßungen über verlorene Texte als über Sapphos Vater und Ergüsse über die lesbische Liebe gewünscht. Der letzte Satz dieses Kapitels lautet: „In deutschen Wörterbüchern steht ‚lesbisch‘ gleich nach ‚lesbar‘.“ Schön – aber was soll diese Bemerkung besagen? Außerdem stimmt sie nicht. In Dudens Deutschem Universalwörterbuch (7. Auflage) lautet die Reihenfolge der Stichwörter: lesbar – Lesbarkeit – Lesbe – Lesbier – Lesbierin – lesbisch – Lesbos.

Ich war von Schalanskys Buch enttäuscht. Aber wer Tiefsinn liebt, bitte sehr: „Die wüste Leere eines Vorbeginns scheint reicher als das öde Gesetz des Gegensatzes, das seither wie ein Fluch auf der Menschheit lastet, die sich fortan entscheiden muss, zwischen Sammeln und Jagen, dem Pflügen des Ackers und dem Hüten der Herde, dem Schüren des Feuers und dem Gang zum Brunnen. Was dort, in der Tiefe, auf dem Grund des Seins, auf Erkenntnis wartet, vermag niemand zu sagen.“ (S. 158, über die sieben verlorenen Bücher des Mani). Aber worüber man nichts zu sagen weiß, davon sollte man besser schweigen, war nicht nur Wittgensteins Rat.

Carl Schurz: Lebenserinnerungen, Bd. 1 (1906) – Besprechung

An seine Freunde“ hat Carl Schurz am 24. Juli 1849 einen Brief (https://archive.org/details/lebenserinnerung03schuuoft/page/48, dort S. 49-52) geschrieben, der mich stark beeindruckt hat: Am Tag der Übergabe der von den Aufständischen gehaltenen Festung Rastatt: „Tod oder endlose Gefangenschaft“ stehen ihm offenbar bevor, als er sich Rechenschaft über sein Leben und Tun gibt.

Aufgrund dieses Briefes habe ich mich entschlossen, Carl Schurz‘ Lebenserinnerungen zu lesen, die er kurz vor seinem Tod veröffentlicht hat. Im ersten Band (1906, https://archive.org/details/lebenserinnerung11schu/page/n7) erzählt er von seiner Kindheit in Lieblar bei Köln, seiner Schulzeit, dem Beginn des Studiums in Bonn und seinen Aktivitäten in der deutschen Revolution 1848/49. Dabei spart er nicht mit nüchternen Beurteilungen der revolutionären Hoffnungen und Illusionen seiner Jugend und seiner damaligen Freunde. Einen großen Teil seiner Erinnerungen nimmt die Befreiung seines Freundes, des Professors Kinkel, aus der Festung Spandau ein; es folgen die Aufenthalte in Paris und London im Exil, bis er 1852 mit seiner frisch angetrauten Frau nach Amerika fährt.

Schurz erzählt anschaulich und interessant; er zeigt sich als ein energischer und engagierter Kämpfer und als großherziger Freund. Er weiß, dass das eigene Gedächtnis einen trügen kann, und hat sich deshalb auch der Erinnerungen anderer und neutraler Quellen bedient, um die alte Zeit noch einmal lebendig werden zu lassen. Man weiß von der deutschen Revolution 1848/49 normalerweise nicht viel: Schurz‘ Erinnerungen führen einen aus einer natürlich begrenzten Perspektive in diese Zeit ein, und da Schurz später amerikanischer Botschafter und sogar Innenminister wurde, darf man ihm ein kompetentes Urteil darüber zutrauen, was er als junger Mann erlebt hat. Ich habe den ersten Band seiner Erinnerungen mit großer Freude gelesen.

Zur Charakterisierung Schurz‘ siehe auch „Memoiren einer Idealistin“, Bd. 2, S. 70-82 (https://archive.org/details/memoireneineride00meysuoft/page/n527) sowie https://archive.org/details/lebenserinnerung03schuuoft/page/n3 (Lebensabriss und Briefe von Carl Schurz).

O. Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele – Besprechung

Maxim Biller hat in der SZ Olivier Guez‘ Roman „DasVerschwinden des Josef Mengele“ (2018, französisch 2017) zu seinem eindrucksvollsten Buch des Jahres 2018 erklärt; dafür darf man ihn ein wenig bedauern – dass er nichts Besseres gelesen hat.

Wenn man die drei unten zitierten Besprechungen liest, weiß man genug über den Roman und seinen Wert. Für mich war neu, welche Altnazis sich in Südamerika nach 1945 getummelt haben, und dass Simon Wiesenthal weithin ein Spinner war, wusste ich auch nicht. Ansonsten habe ich das Buch einfach so heruntergelesen und immer gehofft, man möge den Josef Mengele fangen; aber das ist nicht gelungen, er ist nach großen geschäftlichen Erfolgen (bis 1961) und der darauf folgenden Flucht von einem Ort und Land zum nächsten 1979 als alter kranker Mann im Meer verunglückt.

An einigen Stellen hakt vermutlich die Übersetzung: „Trotz der Gartenlaube erstickt Mengele an diesem heißen Sonntag…“ (S. 185 f.) – nein, er erstickt natürlich nicht, er wäre beinahe erstickt resp. er hatte das Gefühl, er müsse ersticken… Auch ist die Personenzuordnung gelegentlich problematisch. Wenn man sieht, welche Garne in der Presse über Josef Mengele gesponnen wurden, könnte man tatsächlich an deren Qualität zweifeln; aber das waren i.W. die Presseorgane, die ohnehin von den Sensationen leben.

In der Stadtbibliothek Mönchengladbach zählt das Buch zu den Bestsellern, man muss zwei Euro fürs Ausleihen bezahlen; das ist aber immer noch billiger, als es selber zu kaufen, und mehr als einmal liest man es wirklich nicht.

Sachliche Ergänzung: Der Fetzen des Gebets, den Mengele von seinem Vater gelernt hat (Procul recedant somnia et noctium phantasmata), stammt aus dem Hymnus der Komplet „Te lucis ante terminum…“ (http://www.hymnarium.de/hymni-breviarii/hymnen/psalterium/83-te-lucis-ante-terminum); wie die Fortsetzung zeigt, sind die im Hymnus gemeinten phantasmata andere als die, welche Mengele bedrängen. Die alte deutsche Übersetzung des Hymnus lautet: „Bevor des Tages Licht vergeht…“ (https://orare.de/?p=452).

 

https://www.zeit.de/2018/52/das-verschwinden-des-josef-mengele-olivier-guez-roman (sehr kritisch über den Wert des Romans)

https://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Roman-Olivier-Guez-Das-Verschwinden-des-Josef-Mengele,mengele100.html (angeblich ein sprödes Buch – miserable Besprechung)

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/roman-das-verschwinden-des-josef-mengele-von-olivier-guez-15739560-p2.html (gute Übersicht über den Aufbau des Romans – kritsch gegen die literarische „Leistung“ des Autors).

 

Über Josef Mengele:

https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Mengele (umfangreich, v.a. seine Taten im Dritten Reich)

https://www.dhm.de/lemo/biografie/josef-mengele (knapp)

G. Saunders: Lincoln im Bardo (2018) – angelesen

Es scheint nur begeisterte Rezension von George Saunders‘ Roman „Lincoln im Bardo“ zu geben; in den vier Exemplaren, die ich nenne, kann man sich über das Buch informieren:

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/lincoln-im-bardo-von-george-saunders-einblick-in-die-vorhoelle-a-1207578.html

https://www.swr.de/swr2/literatur/buch-der-woche/saunders-george-lincoln-im-bardo/-/id=8316184/did=22053228/nid=8316184/dn6tl6/index.html

https://www.zeit.de/2018/25/lincoln-im-bardo-george-saunders-roman

https://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2018/05/George-Saunders-Lincoln-im-Bardo.html

Gleichwohl habe ich nach 30 Kapiteln von 108 mit dem Lesen aufgehört. Für die Person Lincoln interessiere ich mich nicht, und dass die Untoten die Lebenden spiegeln und kommentieren, ist so weit hergeholt, dass es mich nicht davon abbringt, im vormaligen Geschick der richtig Toten und bei den richtig Lebenden (und sogar bei Tieren – ich denke etwa an Weckherlins wunderbare Parabel „Monolog einer Milbe im siebenten Stock eines Edamerkäses“) die Spiegelungen menschlichen Seins zu suchen. Die Toten sind tot; man soll sie tot „sein“ lassen, ihnen die „ewige Ruhe“ gönnen – die Sprache versagt, da wir von ihnen sprechen, als gäbe es sie irgendwo/-wie. Nach allem, was wir wissen, ist dem nicht so. Belassen wir es dabei.

J. Schalansky: Der Hals der Giraffe. Bildungsroman (2011) – Besprechung

Die Lehrerin Inge Lohmark ist die „Heldin“ des Romans; sie unterrichtet in einer Stadt in Meck-Pomm Biologie in einer 9. Klasse, und die Prinzipien der Evolutionstheorie bestimmen auch ihr Denken und Handeln: Sie unterrichtet 12 Pubertierende und lässt dich dabei von den Regeln leiten, die einen harten Lehrer in der Schule überleben lassen: immer unnahbar sein, keine Schwäche zeigen, konsequent handeln, kein Mitleid kennen. Bildhafter Ausdruck dessen: Frau Lohmarks Frontalunterricht.

Sie hat eigentlich keine Kontakte zu anderen Menschen: Ihr Mann lebt neben ihr her und züchtet Strauße, ihre Tochter wohnt seit Jahren fern von ihr in Amerika, die Kollegen schätzt sie nicht, der Schulleiter ist ein Schwadroneur. Nur für eine Schülerin zeigt sie zum Schluss Zuneigung.

Zuerst wird neutral, dann immer stärker personal erzählt, wie sie Unterricht macht und ihre Mitmenschen einschätzt, also abwertet. Das Geschehen dauert etwa ein halbes Jahr, vom Herbst bis zum Frühling, ohne dass deutlich würde, wie die Zeit fortschreitet. Inge Lohmark meint, sie habe sich den Gegebenheiten ihres Lebens angepasst; aber zum Schluss wird deutlich, dass sie gescheitert ist: Sie wird vom Schulleiter aus der Klasse geholt und gerüffelt, weil sie nicht bemerkt habe, wie ein Mädchen wochenlang schikaniert worden ist; ihr droht die Entlassung. Noch wichtiger ist eine Erinnerung daran, wie sie vor Jahren ihre eigene Tochter in ihrem Unterricht nicht beachtet hat, als diese schreiend zusammengebrochen war und auf dem Boden lag. „Natürlich war sie ihre Mutter. Aber zuallererst ihre Lehrerin. (…) Sie waren in der Schule. Es war Unterricht. Sie war Frau Lohmark.“

Der Verlag stellt das Buch so vor, dass Inge Lohmark am Ende von Gott Darwin abfalle. Darüber kann man streiten. Die letzten Sätze lauten: „Der Geruch von Erde. Die Strauße tanzten über die Weide. Inge Lohmark stand am Zaun und schaute.“ Das erinnert mich an das Ende von Max Frischs „Homo faber“, aber ich lese die Sätze nicht als Zeugnis der Bekehrung von Frau Lohmark, sondern einfach als offenes Ende.

Der Untertitel „Bildungsroman“ führt in die Irre – gezeigt wird eher, wie in der Schule Bildung nicht gelingt, und auch die Heldin Lohmark ändert sich nicht. Sie kann sich nach 30 Jahren als Lehrerin erst in der DDR, dann in einem Bundesland, dem die Menschen weglaufen, nicht mehr ändern. Sie hat auch nicht Unrecht mit ihren Prinzipien – so wenig wie die butterweiche Kollegin, die sich bei den Schülern anbiedert und allerlei Gruppenspielchen mit denen veranstaltet. Frau Lohmark hat darin Unrecht, dass sie die Schüler nicht als Menschen sieht und dass sie nicht als Mensch oder Frau Lehrerin ist. Die Prinzipien der biologischen Entwicklung sind immer mit zu bedenken; aber sie machen noch kein menschliches Leben aus, auch wenn sie in ihrer Klarheit und Härte eine Versuchung des Denkens darstellen.

Judith Schalanskys Buch ist schön ausgestattet, mit einem Leinenumschlag und vielen Zeichnungen der biologischen Gestalten, die Frau Lohmark im Unterricht behandelt. Es lohnt sich, das Buch nachdenklich zu lesen.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/judith-schalansky-der-hals-der-giraffe-im-tierreich-trifft-man-sich-nicht-zum-kaffeetrinken-11135465.html

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/s/judith_schalansky.htm (kritisch)

https://www.bonaventura.blog/2011/judith-schalansky-der-hals-der-giraffe/

https://www.sueddeutsche.de/kultur/der-hals-der-giraffe-von-judith-schalansky-bakterie-muesste-man-sein-1.1150542

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Hals_der_Giraffe_(Roman)

K. Grahame: Der Wind in den Weiden – eine Leseempfehlung

Der Wind in den Weiden“ (1908) wird normalerweise als Kinderbuch verkauft – in Wahrheit ist es ein zauberhaftes Buch vom Geheimnis des Lebens und von der Freundschaft: Zuerst freunden sich der Maulwurf und die Wasserratte an; dann besuchen sie im wilden Wald den Dachs, der sich ihrer in der Kälte des Winters annimmt; schließlich machen sie sich auf, um den Kröterich zu einer vernünftigen Lebensweise zu bewegen. Kröterich ist nämlich ein leichtsinniger, flotter Angeber, ein Lebemann, der sich seit neuestem ins Autofahren verliebt hat…

Die Tiere sind sehr menschlich gezeichnet, tragen auch Kleider und rauchen nach dem Essen eine Zigarre. Anderseits sind sie der Natur ganz nah und offenbaren deren Zauber. Und vor allem halten sie in unverbrüchlicher Freundschaft zum Kröterich, der immer wieder zur Einsicht gebracht und immer wieder rückfällig wird. Die vier Freunde erobern schließlich die Villa Kröterichs zurück, die sich die Wiesel und Hermeline während des Gefängnisaufenthalts ihres Besitzers unter den Nagel gerissen hatten.

Aus aller Beschränktheit der einzelnen Figuren spricht die Weisheit des Autors Kenneth Grahame, alle Dummheiten des Kröterichs werden von der wahren Freundschaft der anderen Tiere egalisiert. Ein Buch, das auch Erwachsene erfreut und im Herzen berührt: wie der Maulwurf die Welt der Wasserratte entdeckt, welche Abenteuer Kröterich mit den Menschen erlebt, wie Tiere menschlich sein können. Wer es nicht kennt, sollte es unbedingt lesen; und wer es kennt, kann es getrost zweimal lesen, wie ich es zuerst 2004 und gestern und heute wieder getan habe.

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Wind_in_den_Weiden

http://lebendom.com/article/der-wind-in-den-weiden

http://pockettorch.net/book/der-wind-in-den-weiden/

http://bibleandbookcenter.com/read/der-wind-in-den-weiden/

Karl Emil Franzos: Der Pojaz (1905) – vorgestellt

Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten“ ist ein Roman, den Karl Emil Franzos‘ Witwe erst 1905 veröffentlicht hat, obwohl dieser ihn schon Jahre vorher vollendet hatte. Erzählt werden im Wesentlichen die beiden letzten Lebensjahre des jungen Juden Sender, der in einem Kaff in Galizien streng jüdisch aufgewachsen ist, der aus Begeisterung für den Schauspielerberuf mühsam Deutsch lernt und sich damit aus der jüdischen Tradition löst: „Deutsch“ war ein Schimpfwort für einen Juden, der sich der europäischen Bildung öffnete. – Die Figur weist einige Anklänge an des Autors Leben auf.

Sender ist das Kind eines „Schnorrers“, der unstet umhergezogen und vor Senders Geburt gestorben war. Seine Pflegemutter hat ihn selbstlos erzogen, aber ihm seine wahre Herkunft verschwiegen, weil diese als unehrenhaft galt. Doch die spielerischen Talente seines Vaters schlagen auch bei Sender durch. Er hat einen Teil seiner sprachlichen Kompetenz in der ungeheizten Bibliothek eines Dominikanerklosters erworben, wo er sich mühsam durch die Schauspiele Schillers gequält und sich eine Lungenkrankheit zugezogen hat; die große Rolle, die ihn fasziniert, ist Shakespeares Shylock. Als er sich unter seelischen Qualen heimlich aufmacht, um Schauspieler zu werden, ist er schon todkrank; er schließt sich widerwillig einer kleinen Truppe von Komödianten an, wird jedoch von seiner Pflegemutter zurückgeholt, erfährt die Wahrheit über seine Herkunft und stirbt schließlich.

Auch die Liebe hat ihn bewegt, obwohl er gegen die jüdische Pflicht und Tradition nie heiraten wollte: Er hat sich in die schöne Malke verliebt und glaubt, sie erwidere seine Gefühle; aber die hatte ihr Herz bereits an ihren Vetter Bernhard verloren, und dass die schöne und gutherzige Jütte ihn liebt, bemerkt er nicht, obwohl dank des auktorialen Erzählers für den Leser die Signale deutlich genug sind. Gleichwohl sagt er direkt vor seinem Tod: „Mein Leben. So schön…, so schön…“

Dennoch ist die Liebesgeschichte nicht das Hauptthema; vielmehr geht es darum, dass ein junger Mensch sich gegen Tradition und soziales Umfeld durchsetzen will, um sein Lebensziel (hier: Schauspieler werden) zu erreichen, dass er dafür härteste Strapazen auf sich nimmt, die Gesundheit verliert und im Gewissenskonflikt seine (Pflege)Mutter verlässt… Was auffällt: Es sind die Außenseiter der verschiedenen Großgruppen (Sender bei den Juden, Heinrich Wild bei den Soldaten, der strafversetzte Dominikaner), die den Schritt über die sozialen Grenzen wagen.

Erzählerisch ist der Roman eher melodramatische Unterhaltungsliteratur, und schon früh ahnt man, dass der junge Mann bald sterben wird. Der Wert des Romans liegt meines Erachtens darin, dass er uns die Welt des Ostjudentums um 1850 vor Augen führt: eine Welt der armen Außenseiter, die sich fanatisch gegen die moderne Kultur abgrenzen und dank ihres Glaubens und des strengen Regiments ihres Rabbis in einer feindlichen Umwelt als Juden überleben; wo der Heiratsvermittler nach dem Rabbi die wichtigste Person war; und wo lesen, schreiben und Deutsch sprechen lernen – Voraussetzung dafür, als Schauspieler auftreten zu können – den Abfall vom Glauben und den Ausschluss aus der Gemeinde bedeutet. Es geht im Ostjudentum zu wie im Mittelalter. Die Deutschen haben diese Welt und ihre Bewohner vernichtet – hier lebt sie literarisch weiter.

Was ich auch gelernt habe: dass die Chassidim (in der Sicht von Franzos‘ Erzähler) ziemlich engstirnige Fanatiker waren. Vor 50 Jahren galten sie unter fortschrittlichen Theologen dank Martin Bubers Buch „Die Erzählungen der Chassidim“ als Muster religiöser Weisheit. Meine Empfehlung: Karl Emil Franzos lesen (https://archive.org/details/derpojazeinegesc00fran/page/n9), bei archive.org gibt es eine Reihe Bücher von ihm. Ich bin auf das Buch in den Erinnerungen Golo Manns gestoßen.

Karl Emil Franzos:

http://www.lexikus.de/bibliothek/Die-Deutsche-Literatur-und-die-Juden/Karl-Emil-Franzos (ausführlich)

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Emil_Franzos = https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Karl_Emil_Franzos

https://www.deutsche-biographie.de/sfz16988.html#ndbcontent

https://de.wikisource.org/wiki/Karl_Emil_Franzos

https://archive.org/details/diegeschichtedes00fran/page/212 (K. E. Franzos: Die Geschichte meines Erstlingswerks)

Außer K. E. Franzos sind vor allem Leopold Kompert, daneben noch Berthold Auerbach und Aaron Bernstein als Autoren von Geschichten der Ostjuden zu nennen.

M. Birthler: Halbes Land, ganzes Land, ganzes Leben. Erinnerungen (2014) – Rezension

Marianne Birthlers Erinnerungen haben mich gefesselt und begeistert wie schon lange kein anderes Buch; sie sind wesentlich besser als Joachim Gaucks Erinnerungen „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ (2009), die ich unmittelbar vorher gelesen habe: Bei Birthler erfährt man wirklich, welche Menschen auf welche Weise die Revolution 1989 in der DDR gemacht haben. In ihrem Buch steckt viel mehr Arbeit als in Gaucks Buch; auch tritt der Mensch Birthler deutlicher als der Mensch Gauck ins Gesichtsfeld. Sie erzählt ihr Leben von ihrer Kindheit bis zum Abschied von der Leitung der Stasi-Unterlagen-Behörde, einer darauf folgenden Amerikareise und dem Entschluss, ihre Erinnerungen aufzuschreiben.

Ich möchte auf einige Punkte hinweisen, die mich beeindruckt haben. Einer davon sind die Überlegungen, die man in der DDR anstellen konnte, ob auszureisen nicht einen Verrat an denen darstellte, die zurückblieben. Der nächste ist die Beobachtung, dass auch so kritische Geister wie sie selbst eine innere Befreiung nach dem Ende der SED-Diktatur nötig hatten: „Selbst ich … trug die Diktatur noch in mir.“ Selbstkritische Bemerkungen stellen ohnehin eine der Stärken des Buches dar.

Politik ist die Kunst des Kompromisses, und wer einen mühsam ausgehandelten Kompromiss unter Berufung auf das Gewissen unterläuft, ist nicht automatisch der bessere Mensch.“ (S. 250)

Interessant waren für mich Birthlers Überlegungen, die zur Einführung des Fachs LER in Brandenburg geführt haben – ein Fach, das ich nur aus der westdeutsch-kirchlichen Polemik dagegen kannte und das ich jetzt ganz anders sehe. Aus Birthlers Zeit bei den Grünen sind ihre Beobachtungen über den Unterschied zwischen Ost und West spannend (S. 286 f.), über die Fremdheit zwischen politisch ähnlich Denkenden: „Warum haben sie damals Geld für den Befreiungskampf in Nicaragua gesammelt, aber die Menschenrechtsverletzungen im Ostblock ignoriert?“

Sie gedenkt auch der Weggefährten aus der DDR, die es nach 1989 nicht geschafft haben, beruflich von der Wende zu profitieren – ein sympathischer Zug, finde ich (S. 297). Für Gregor Gysi und verwandte DDR-Verteidiger: „Die SED-Diktatur war mehr als die Tätigkeit der Stasi, sie durchdrang den Alltag und beeinträchtigte und beschädigte das Leben aller Menschen in der DDR – auch wenn viele das bis heute nicht wahrhaben wollen.“ (S. 316) Bemerkenswert ist auch, wie sie das Urteil begründet, die DDR sei ein Unrechtsstaat gewesen, womit sie selbst einer couragierten Frau wie Gesine Schwan widerspricht: In einem Rechtsstaat gelten die Prinzipien des Rechtsstaates, und staatliche Macht wird rechtmäßig begründet – und das war in der DDR eben nicht der Fall, auch wenn es dort „Recht und Gesetz“ gab.

Marianne Birthler ist eine Frau, die viel erlebt hat: die Geburt dreier Kinder, die Trennung von ihrem Mann, die Arbeit in der kirchlichen Basisarbeit, den Zusammenschluss Oppositioneller im Bündnis 90, die Revolution 1989, die Übergangszeit zum 3. Oktober 1990, die Arbeit als Ministerin in Brandenburg und im Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen, eine Umschulung zur Beraterin von Organisationen, die Leitung der Stasi-Unterlagen-Behörde, deren Arbeit und Bestand sie vehement verteidigen musste und verteidigt (wie übrigens auch Gauck)…

Ich möchte Frau Birthler für ein großes Buch danken.

https://de.wikipedia.org/wiki/Marianne_Birthler

https://www.planet-wissen.de/geschichte/ddr/das_leben_in_der_ddr/pwiemariannebirthlereinlebenfuerdiefreiheit100.html

https://www.mdr.de/zeitreise/ddr/marianne-birthler-tapetenwechsel102.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/thema/marianne-birthler

https://www.ddr89.de/vk/inhalt_vk.html (Reden in der Volkskammer)

Maria C. Barbetta: Nachtleuchten (2018) – angelesen

Bis S. 213 bin ich vorgedrungen, habe 43 der 100 Kapitel gelesen und muss gestehen: Ic h weiß nicht, worum es in diesem Buch geht, außer um Ereignisse in Argentinien im Jahre 1974, dem Todesjahr Perons und des revolutionären Priesters Carlos Mugica (dazu gibt es eine Notiz im SPIEGEL und einen Artikel in der englischen Wikipedia).

Der erste Teil, also die ersten 33 Kapitel liest sich einigermaßen flüssig: Sie kreisen um 11jährige Schülerinnen einer Nonnenschule, die eine junge progressive Schwester Maria verehren, welche auf geheimnisvolle Weise auf einmal in Zivilkleidung verschwindet. Dabei sprechen die Mädchen eine Erwachsenensprache, die nicht zu ihnen passt („pikiert“, „die vom Leben verhätschelte Ariadna“, „Sie … kultivieren zudem ihre eigenen Phantasmen…“ – ich wüsste gern, wann die Autorin zum letzten Mal mit 11jährigen Mädchen gesprochen hat, vgl. auch S. 176!).

Da wir schon bei der Sprache sind: Was eine expressionistische Sprechblase ist, weiß ich nicht, kann ich mir auch nicht denken; dass man einer Untergangsstimmung durch Sirenengeheul „Nachdruck verleihen“ kann, halte ich für eine schräge Metapher, aber die indirekte Rede beherrsche ich im Gegensatz zur Erzählstimme bzw. der Autorin (S. 172).

Im zweiten Teil werden ständig neue Figuren im Zusammenhang mit der Arbeit in der Autowerkstatt „Autopia“ eingeführt, so dass ich den Überblick verloren habe und auch keinen Zusammenhang mit dem ersten Teil erkennen konnte. So habe ich mich schließlich gefragt: Was habe ich mit den Problemen des Peronismo mit und ohne Peron um 1974 zu tun? Wozu soll ich das alles lesen? Und weil ich darauf keine Antwort wusste, habe ich die Lektüre eingestellt, zu der mich eine Rezension in der SZ („Weltliteratur“) verführt hatte. Für das Verständnis des ersten Teils ist es übrigens hilfreich, wenn man einen katholischen Hintergrund hat.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/shortlist-nachtleuchten-von-maria-cecilia-barbetta-15782767.html

https://www.deutschlandfunkkultur.de/maria-cecilia-barbetta-nachtleuchten-ein-roman-wie-ein.950.de.html?dram:article_id=425518

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/maria-cecilia-barbetta-ihr-roman-nachtleuchten-spielt-in-buenos-aires-a-1227378.html

http://schreiblust-leselust.de/maria-cecilia-barbetta-nachtleuchten

https://www.zeit.de/2018/37/nachtleuchten-maria-cecilia-barbetta-argentinien

http://poesierausch.com/2018/10/07/dbp-18-maria-cecilia-barbetta-nachtleuchten/

https://www.kultur-ostbayern.de/2018/09/11/rezension-nachtleuchten-von-maria-cecilia-barbetta/

https://www.literaturzeitschrift.de/book-author/maria-cecilia-barbetta/ (kritisch)

https://literaturkritik.de/die-madonna-von-villa-ballester,24980.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/maria-cecilia-barbetta-und-ihr-roman-nachtleuchten-15813754.html (Interview mit der Autorin)