Sterne: Leben und Ansichten von Tristam Shandy, Gentleman – gelesen

Leben und Ansichten von Tristam Shandy, Gentleman“ von Laurence Sterne ist einer der ganz großen Romane der Weltliteratur. Es gibt genügend Charakterisierungen und Würdigungen des Buches (s. die Links); ich möchte in Stichworten den „Inhalt“ der ersten beiden der neun Bücher des Romans skizzieren, damit man eine Vorstellung davon bekommt, wie Sterne in den Themen springt und die Zeit dehnt – erst im dritten Buch wird die Geburt des Ich-Erzählers Tristam beschrieben. Also, geordnet nach Buch und Kapiteln:

Erstes Buch

1 Störung bei der Zeugung des Ich-Erzählers

2 über die Gefährdung des Homunkulus nach der Zeugung

3 spätere Klage des Vaters über die Störung

4 Zeugung Anfang März 1718, das ergibt sich aus der Kombination von Beischlaf und Uhraufziehen am Abend des 1. Sonntags jedes Monats

5 Geburt Tristam Shandys am 5. November 1718; Klage über sein Leben

6 über sein Schreiben, an den Leser gerichtet

7 wie seine Hebamme eine solche geworden war

8 über Steckenpferde – Widmung an den Lord

9 Angebot, diese Widmung zu kaufen – Widmung des größeren Teils des Buches an den Mond

10 der Pfarrer und sein dürrer Gaul – warum er ein so schlechtes Pferd reitet – warum er die Lizenz der Hebamme bezahlt hat – was die Leute dazu sagen

11 Pfarrer heißt Yorick, Familie stammt aus Dänemark (mit Hofnarr aus „Hamlet“ verwandt); ein harmloser, unerfahrener Mann, der gern Witze (auch über andere) macht

12 Freund warnt ihn vor leichtsinnigem Spotten, zu spät: Verspottete rächen sich an ihm; Besuch des Eugenius beim sterbenden Yorick, sein Grabstein – mehrere Anspielungen auf den „Don Quijote“

13 über den Ruhm der Hebamme

14 wieso der Autor nur langsam beim Schreiben vorankommt

15 Klausel des Ehevertrags seiner Eltern über das Recht der Mutter auf eine Entbindung in London – weshalb Tristam wegen einer unbegründeten Londonreise mit platter Nase zu Hause geboren wurde

16 Rückkehr von der unbegründeten Londonreise im Zorn

17 Ankündigung des Vaters bei der Zeugung, seine Frau werde nicht in London entbinden

18 frühzeitige Suche der Mutter nach einer Hebamme; Sorgen des Vaters, v.a. wegen der Landflucht nach London; die Mutter setzt die Hebamme als Helferin gegen den Vater durch; über Tristams Verhältnis zu Jenny

19 des Vaters Einschätzung von Vornamen, seine rhetorischen Fähigkeiten; er verachtet den Namen Tristam

20 ob man ungeborene Kinder taufen kann – Reflexionen über das Lesen; das Gutachten der Sorbonne von 1733; Vorschlag, alle Homunkuli direkt nach der Trauung bedingungsweise zu taufen

21 über das englische Klima – Onkelt Toby, ein Original, äußerst züchtiger Mensch; er mag nichts von Tante Dinahs Affäre hören (anders der Vater)

22 Tristam: im Leben und Schreiben von Digressionen (Verzögerungen) bestimmt

23 über die Erkenntnis eines Charakters und seine Darstellung

24 Zusammenhang Steckenpferd – Charakter

25 über die Verwundung Onkel Tobys an der Leiste, sein Krankenlager

Zweites Buch

1 Toby erzählt von der Belagerung von Namur (1695); er bekommt einen Plan der Festung

2 über den Grund der Verwirrung in Tobys Erzählungen: der ewig schwankende Gebrauch der Wörter

3 wie die Erforschung von Befestigungen Tobys Leidenschaft wurde

4 nach vier Jahren Studium von Festungsanlagen will Toby gesund werden

5 Aufbruch Tobys nach Shandy-Hall, wo er ein Haus mit Land besitzt; Diener Trim schlägt vor, dort selber Befestigungen zu bauen

6 die Mutter schickt nach der Hebamme, der Vater nach dem Arzt

7 Vater schickt sich an, Toby die Anatomie der Frau zu erklären

8 über die Dauer des erzählten Geschehens und des Erzählens

9 Diener Obadiah trifft Dr. Slop vor der Tür, der fällt vom Pferd

10 Dr. Slop trifft im Haus ein

11 Er hat seine Instrumente nicht bei sich.

12 Toby ergeht sich in Feinheiten der Fortifikation; der Vater beschimpft ihn, sie versöhnen sich

13 kurz über die Praxis des ehelichen Beischlafs

14 über den Segelwagen des Stevinus

15 Trim hat des Buch des Strevinus geholt, aus dem eine Predigt herausfällt

16 Trim soll sie vorlesen

17 Trims Körperhaltung dabei; Predigt zu Hebr 13,18; Trim beginnt zu lesen – Trims Bruder ist von der Inquisition verhaftet – über das gute Gewissen; die Predigt wird mit Unterbrechungen vorgelesen – über Selbstbetrug und über den Katholizismus; es ist Yoricks Predigt

18 Dr. Slop wird informiert, dass er der Hebamme nur assistieren darf.

19 philosophische Überlegungen des Vaters, in Verbindung mit dem Problem der richtigen = gehirnschonenden Methode des Gebärens; der Kaiserschnitt, vom Vater gelobt, von der Mutter abgelehnt

https://de.wikipedia.org/wiki/Leben_und_Ansichten_von_Tristram_Shandy,_Gentleman (knapp)

https://en.wikipedia.org/wiki/The_Life_and_Opinions_of_Tristram_Shandy,_Gentleman (engl., umfangreich)

http://www.klassiker-der-weltliteratur.de/tristram_shandy.htm (Zusammenfassung, kurz)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/wp-content/uploads/2015/10/Sterne_TristramShandy.pdf (kurze Analyse)

http://www.ndr.de/kultur/buch/Laurence-Sterne-Leben-und-Ansichten-von-Tristram-Shandy-Gentleman,weltliteratur190.html (Würdigung)

https://www.rezensionen.ch/laurence_sterne_tristram_shandy/303691174X/ (dito) = http://literaturkritik.de/id/10410

http://www.frankfurter-hefte.de/upload/Archiv/2013/Heft_11/PDF/2013-11_kesting.pdf (dito)

http://www.satt.org/literatur/07_01_sterne.html (dito)

http://www.br.de/radio/bayern2/inhalt/hoerspiel-und-medienkunst/hoerspiel-tristram-shandy-100.html (Hörbuch)

http://www.br.de/radio/bayern2/inhalt/hoerspiel-und-medienkunst/hoerspiel-sterne-tristram-shandy-gentleman-100.html (dito? Hörspiel)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/tristram-shandy-5100/1 (Text, Ü. A. Seubert, 1880)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Sterne,+Laurence/Roman/Tristram+Shandy/Erster+Band (dito, Ü. ?)

Um einen Eindruck vom Text zu vermitteln: Ich habe (allerdings in der modernen Walter-Übersetzung) eine köstliche Passage über den Nutzen der Hilfsverben gefunden. Tristams Vater hat sich Gedanken über die Erziehung seines Sohnes gemacht, hält sie in einem Buch fest und trägt sie hier seinen staunenden Zuhörern vor. Ich gebe sie leicht gekürzt wieder:

Ich bin überzeugt davon, Yorick, fuhr mein Vater fort, indem er halb las, halb frei sprach, daß es auch in der intellektuellen Welt eine nordwestliche Durchfahrt giebt, und daß die Seele des Menschen einen kürzeren Weg einschlagen kann, um zum Wissen und zum Erkennen zu gelangen, als den gewöhnlichen. – Aber ach! nicht neben jedem Acker läuft ein Fluß, oder ein Bach – nicht jedes Kind, Yorick, hat einen Vater, der ihm diesen Weg zeigen könnte.

Das Ganze beruht – dies sagte mein Vater mit leiserer Stimme – auf den Hülfszeitwörtern.

Hätte Yorick auf Virgils Natter getreten, er hätte nicht erschrockener aussehen können. – Ich erstaune selbst darüber, rief mein Vater, der es bemerkte, und halte es für einen der beklagenswerthesten Uebelstände unseres Bildungsganges, daß die, welchen die Erziehung unserer Kinder anvertraut ist, deren Geschäft es sein sollte, ihren Geist zu entwickeln und ihn mit Ideen zu befruchten, damit die Einbildungskraft sich frei bewege, bis jetzt so wenig Nutzen von den Hülfszeitwörtern gezogen haben, wie es der Fall ist, mit Ausnahme etwa von Raymond Lullius und dem ältern Pellegrini, welcher Letztere sich in dem Gebrauche derselben bei seinen Gesprächen eine solche Fertigkeit erworben hatte, daß er einen jungen Mann in wenigen Lehrstunden dahin bringen konnte, über jeden beliebigen Gegenstand ganz plausibel pro und contra zu reden und Alles, was darüber gesagt oder geschrieben werden konnte, zu sagen oder zu schreiben, ohne sich in einem Worte verbessern zu müssen, worüber Alle, die es sahen, erstaunt waren.

Ich möchte das gern ganz begreifen, unterbrach Yorick meinen Vater. – Sie sollen es, erwiederte dieser. – Die höchste Anwendung, deren ein Wort fähig ist, ist als bildlicher Ausdruck, – wodurch meiner Ansicht nach die Vorstellung gemeiniglich eher abgeschwächt, als verstärkt wird – doch lassen wir das; hat nun der Geist diese Anwendung davon gemacht, so ist die Sache zu Ende; – Geist und Vorstellung sind mit einander fertig, bis eine zweite Vorstellung auftritt u.s.w.

Nun sind es aber die Hülfsverben, welche die Seele in den Stand setzen, das ihr zugeführte Material selbstständig zu behandeln, und durch die Beweglichkeit der großen Maschine, um die es läuft, neue Wege der Untersuchung zu eröffnen und jede einzelne Vorstellung millionenfach zu vervielfältigen.

Sie erregen meine Neugierde im höchsten Grade, sagte Yorick. […]

Die Hülfsverben, von denen hier die Rede ist, fuhr mein Vater fort, sind sein, haben, werden, mögen, sollen, wollen, lassen, dürfen, können, müssen und pflegen in den verschiedenen Zeiten der Gegenwart, Zukunft oder Vergangenheit und in Verbindung mit dem Verbumsehen angewandt. Als positive Frage: Ist es? Was ist es? Kann es sein? Konnte es sein? Mag es sein? Mochte es sein? – Als negative Frage: Ist es nicht? War es nicht? Soll es nicht sein? – Oder affirmativ: es ist – es war – es muß sein, – oder chronologisch: Ist es je gewesen? Kürzlich? Wie lange ist es her? – oder hypothetisch: Wenn es war? Wenn es nicht war? Was würde daraus folgen? Wenn die Franzosen die Engländer schlagen sollten? Wenn die Sonne aus dem Thierkreis treten würde?

Würde nun eines Kindes Gedächtniß durch den rechten Gebrauch und die rechte Anwendung dieser Formen geübt, fuhr mein Vater fort, so könnte keine Vorstellung in sein Gehirn eintreten, und wäre es auch noch so unfruchtbar, ohne eine unendliche Menge von Begriffen und Folgerungen daraus zu ziehen. – Habt Ihr schon einmal einen weißen Bären gesehen? rief mein Vater und kehrte sich rasch nach Trim um, der hinter seinem Stuhle stand. – Nein, Ew. Gnaden, erwiederte der Korporal. – Aber Ihr könntet darüber reden, Trim, sagte mein Vater, wenn es sein müßte? – Wie wäre denn das möglich, Bruder, sagte mein Onkel Toby, wenn er nie einen gesehen hat. – Das brauch‘ ich gerade, erwiederte mein Vater, Du sollst sehen, daß es möglich ist:

Ein weißer Bär! Sehr wohl, habe ich je einen gesehen? Könnte ich jemals einen sehen? Werde ich jemals einen sehen? Dürfte ich jemals einen sehen? oder – sollte ich jemals einen sehen?

Ich wollte, ich hätte einen weißen Bären gesehen! (wie könnte ich mir sonst einen vorstellen?)

Sollte ich einen weißen Bären sehen, was würde ich dazu sagen? Wenn ich nie einen weißen Bären sehen sollte, was dann?

Wenn ich nie einen weißen Bären habe sehen können, sollen, dürfen, – habe ich vielleicht ein Fell von ihm gesehen? Habe ich einen abgebildet, geschildert gesehen? Habe ich je von einem geträumt?

Haben mein Vater, meine Mutter, mein Onkel, meine Tante, mein Bruder oder meine Schwestern je einen weißen Bären gesehen? Was würden sie darum geben? Wie würden sie sich dabei betragen? Wie würde der weiße Bär sich dabei betragen? Ist er wild? zahm? schrecklich? struppig? glatt?

Ist es der Mühe werth, einen weißen Bären zu sehen?

Oder eine weiße Bärin?

Ist es keine Sünde?

Ist es besser, als eine schwarze?

(5. Buch, Kap. 42 und 43, bzw. in der hier benutzen Ausgabe http://www.zeno.org/Literatur/M/Sterne,+Laurence/Roman/Tristram+Shandy: Zweiter Band, Kap. 42 und 43)

Der Fragekatalog erinnert mich übrigens an den sogenannten Beichtspiegel, mit dessen Hilfe wir als Kinder (analog die Erwachsenen) vor der Beichte unser Gewissen zu erforschen hatten, damit auch nur ja keine Sünde übersehen würde.

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Diderot: Jakob und sein Herr – erneut gelesen

Erneut habe ich Diderots großen Roman „Jakob (der Fatalist) und sein Herr“ in der Übersetzung von Mylius (1792, Ausgabe it 772, hrsg. von Horst Günther) gelesen; die ist zwar sprachlich manchmal etwas altertümlich, aber in ihren Überarbeitungen auch die das 20. Jh. dominierende Übersetzung. Das heißt nicht, dass die neuesten Übersetzungen nicht gut wären – ich kenne sie nicht, ich besitze halt seit über 20 Jahren das Insel Taschenbuch 772.

Der überaus witzige Roman ist einer der großen Romane der Weltliteratur; es ist die Geschichte von Jakob und seinem Herrn, wobei der Diener Jakob der wahre Herr ist, wie auch in einem Vertrag festgelegt wird:

Jakob. Könnten wir nicht, ohne eben wieder von dieser Sache anzufangen, hundert ähnlichen Fällen durch einen billigen Vertrag vorbeugen?

Herr. Ich bin es zufrieden.

Jakob. Nun, so wollen wir ausmachen: Erstens, daß, weil nun einmal dort oben geschrieben steht, daß ich Ihnen unentbehrlich bin und ich es auch fühle und weiß, daß Sie mich nicht entbehren können – daß ich, sage ich, alle diese Vorrechte so oft werde mißbrauchen dürfen, als sich Gelegenheit dazu bietet.

Herr. Aber Jakob, noch niemals ist ein ähnlicher Vertrag geschlossen worden.

Jakob. Geschlossen oder nicht geschlossen – genug, das ist von jeher geschehen, geschieht noch und wird geschehen, solange die Welt steht. Glauben Sie nicht, daß andere sich, wie Sie, bemüht haben werden, sich diesem Dekret zu entziehen? und halten Sie sich für geschickter als andere Leute? Lassen Sie diesen Gedanken fahren und unterwerfen Sie sich dem Gesetze einer Notwendigkeit, dem zu entgehen nicht in Ihrer Macht steht. Zweitens wollen wir ausmachen: weil es nun für Jakob eine ebenso große Unmöglichkeit ist, sein Übergewicht und seine Gewalt über seinen Herrn nicht zu erkennen, als es für seinen Herrn eine ist, seine Schwachheit nicht einzusehen und seiner Nachsicht zu entsagen; so soll Jakob unverschämt sein und zur Aufrechterhaltung des Friedens sein Herr gar nicht tun dürfen, als ob er das gewahr würde. Denn dieses alles ward dort oben niedergeschrieben, ohne daß sie ein Wort davon wußten, und in eben dem Augenblick dort oben unterzeichnet und besiegelt, wo die Natur Jakob und seinen Herrn hervorbrachte. Es ward dort oben beschlossen, daß Sie den Titel führen und ich im Besitz der Sache sein sollte. Wollten Sie sich gleich dem Willen der Natur widersetzen, so würden Sie doch nichts ausrichten und all Ihr Bestreben vergeblich sein.

Herr. Aber unter diesen Umständen wäre dein Los ja besser als das meinige!

Jakob. Wer streitet Ihnen denn das ab?

Herr. Und ich täte am besten, deinen Platz einzunehmen und dich an den meinigen zu stellen!

Jakob. Wissen Sie, was dann geschehen würde? Sie würden auch den Titel verlieren und die Sache doch nicht besitzen. Lassen Sie uns bleiben, wie wir sind! Wir befinden uns ja alle beide so recht wohl und wollen den Rest unseres Lebens dazu anwenden, ein Sprichwort zu spielen.

Herr. Welches Sprichwort?

Jakob. Jakob hat seinen Herrn am Bändel … Wir werden die ersten sein, denen man es sagt; aber es wird bei tausend anderen wiederholt werden, die mehr wert sind als Sie und ich.

Herr. Das dünkt mich hart, sehr hart!

Jakob. Herr, lieber Herr! Löcken Sie nicht wider den Stachel; er sticht Sie sonst nur noch mehr. Also, das wäre nun zwischen uns ausgemacht.

Herr. Aber wozu bedarf es unserer Einwilligung bei einem notwendigen Gesetz?

Jakob. O, es bedarf ihrer recht sehr! Halten Sie es denn für etwas so Unnötiges, einmal recht klar und deutlich zu wissen, wie man miteinander steht? Alle unsere Fehden und Streitigkeiten sind die ganze Zeit über daher gekommen, daß wir uns noch nie recht offenherzig ins Gesicht gesagt hatten: Sie, daß Sie mein Herr heißen wollten und ich: daß ich Ihr Herr sein sollte. Doch nunmehr ist alles ins Reine gebracht, und jetzt dürfen wir uns nur danach richten und so miteinander fortleben.“

Der Roman besteht u.a. aus den Versuchen Jakobs, seine Liebesgeschichte zu erzählen, wobei er immer wieder unterbrochen wird. Der Ich-Erzähler treibt sein munteres Spiel mit dem Leser und den Figuren, und Jakob beruft sich als „Fatalist“ immer wieder darauf, dass alles so geschieht, wie es in dem großen Buch oben geschrieben steht, weshalb jede Aufregung überflüssig sei. Mit diesem Spruch erinnert Jakob mich an die Figur Candide, die fortwährend bezeugt, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben, nur dass Jakob nicht tumb, sondern ein gewitzter Bursche mit großem Durst ist, ein Plappermaul, ohne den sein Herr nicht leben und überleben könnte.

Wenn ich recht sehe, hat Hegel die Dialektik von Herr und Knecht aus Diderots Roman übernommen – aber egal, Hegel hin oder her, das Buch ist unbedingt lesenswert. Ich habe es gestern und heute erneut gelesen, und ich muss sagen: Es ist besser als die hoch gepriesenen Bücher des Jahres 2016, von denen ich eines (Bakewell: Das Café der Existenzialisten) zu Ende gelesen und ein anderes (Enard: Kompass) mühsam begonnen und dann weggelegt habe. Die großen Klassiker sind nicht zu schlagen.

Zusätzlich zu den Anmerkungen von Horst Günther musste ich für die Mylius-Übersetzung nachschlagen:

Kahm: Schimmel auf gegorenen Flüssigkeiten

bähen: wärmen und trockner

Laubtaler = Ecu (18. Jh.), 6 Livres

Erdfall: durch Einbruch eines Hohlraums entstandene Senke

Maréchaussée: militärisch organisierte Polizeitruppe (bis 1791)

Schußwasser: gegen Entzündung bei Verletzungen angewandt

Beaten: Betschwestern; Angehörige eines dritten Ordens

Tisane = Orgeade: kühlender Trank aus verschiedenen Kräutern

Praktikenmacherinnen: Intrigantinnen

pränumerieren: vorauszahlen

Das Strumpfband der Braut bekommt das Mädchen, das als nächstes heiratet.

Pierre Galet (+ 1757), französischer Dichter und Sänger

Musche: Schönheitspflästerchen

Schmitze: dünne äußerste Schnur an der Peitsche (erzeugt das Knallen)

Bisturi: Skalpell

Polischinell: Figur aus „Der eingebildete Kranke“

Neben Adelung dem Grimm‘schen Wörterbuch war hilfreich: http://www.deacademic.com/ (Zugriff auf viele alte Lexika)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/jakob-und-sein-herr-664/1 (Text, Ü Hanns Floerke, 1921: Mylius leicht modernisiert)

M. Bulgakow: Der Meister und Margarita – gelesen

Im Hotel stand Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ in der Bibliothek; ich habe ihn im Urlaub bei schlechtem Wetter und guter Laune erneut gelesen – zum zweiten Mal nach vielen Jahren. Während ich bei der ersten Lektüre nicht recht den Durchblick hatte, habe ich mich jetzt gewundert, wie schön und leicht der Roman sich liest, auch wenn die russischen Namen mich gelegentlich etwas verwirrt haben. Es ist ein großer Roman, den man ohne weiteres mehrmals lesen kann:

Erzählt wird von einem allwissenden Erzähler (der allerdings manchmal sagt, wovon man nichts wisse, könne man auch nichts sagen) vom Moskau der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, also der Zeit der kommunistischen Diktatur und Planwirtschaft mit ihren Mängeln. Die werden durch den Teufel, der hier Voland heißt und als Magier eine Vorstellung gibt, samt seinem Gefolge satirisch entlarvt, teilweise mit klamaukartigen Wendungen.

Die zweite Geschichte ist die des „Meisters“, eines erfolglosen Schriftstellers, und seiner Geliebten Margarita; sie kann wieder zu dem von ihr getrennten Meister kommen, wenn sie eine Nacht als Ballkönigin des Teufels fungiert – was sie dann auch tut, nachdem sie sich mit Hexensalbe eingerieben und um 10 Jahre verjüngt hat.

Die dritte Ebene beherrscht Pilatus vor und nach seiner Verurteilung Jesu, der in einer ungeliebten Stadt Dienst tun muss; es stellt sich heraus, dass diese Geschichte der Roman des Meisters ist, den er in seiner Verzweiflung verbrannt hat – Voland hat jedoch die Macht, ein Manuskript davon vorzulegen.

Zum Schluss wird nicht nur Pilatus erlöst, sondern auch der Meister und Margarita finden ihr Glück und ihren Frieden – im Tod. Der Teufel verschwindet wieder, aber in Moskau bleiben seine Spuren erhalten.

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Meister_und_Margarita (gute Übersicht)

http://www.zeit.de/1999/31/199931.jh-karahasan_bul.xml (stellt Bezug zu Dante und Goethe heraus)

http://www.marabout.de/Bulgakow/bulgakow.htm (Interpretation)

http://www.sandammeer.at/zeitloses/bulgakow-margarita.htm (mit Interpretation)

https://hegewald.wordpress.com/tag/der-meister-und-margarita/ (begeistert)

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/b/bulgakow-meister-margarita.htm (kritisch gegen die Neuübersetzung durch A. Nitzberg)

http://www.unique-online.de/der-meister-und-margarita-kulturarena2013/5641/ (Interpretation)

http://unaufhoerlicher-anfang.de/essays/michail-bulgakow/ (mehrere Aufsätze des Slawisten Ralf Schröder)

http://www.fb06.uni-mainz.de/russisch/Dateien/Bachelorarbeit_Krailich.pdf (Bachelorarbeit zur Interpretation des Teufels)

http://www.russjahr.de/article/meister-und-margarita-von-mythen-und-fakten (einige Hinweise)

https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Afanassjewitsch_Bulgakow (Bulgakow)

http://www.glanzundelend.de/Artikel/artikelalt/bulgakow.htm (Bulgakow)

https://www.youtube.com/watch?v=RWRzdyL8lXA (Verfilmung, deutsche Untertitel)

https://sites.google.com/site/abge429fafr/adte3461fsg/Der-Meister-und-Margarita.pdf?attredirects=1 (der Text)

S. Twardoch: Drach (2016) – gelesen

Kurz vorzustellen ist der bedeutende Roman „Drach“ von Szczepan Twardoch, Berlin 2016. Der Roman spielt in Schlesien, bis auf wenige Ausnahmen im Milieu der kleinen Leute. Die Erde, in der die polnischen Bergleute wühlen, erzählt von den Menschen, die aus ihr hervorgehen wie die Bäume und die Rehe und deren Säfte wieder in sie zurückfließen, um aufs Neue in irgendwelche Lebewesen hineinzuströmen… so dass letztlich alles Einzelne keine Bedeutung hat: Die Erde weiß alles, aber sie versteht nichts – denn es gibt nichts zu verstehen. Licht und Finsternis gibt es, in Abwandlung eines neutestamentlichen Motivs, aber das Licht kann sich nicht durchsetzen; es wird aus allen möglichen „Gründen“ gestorben und gemordet, was Josef Magnor als Protagonist erlebt und ausführt: wie ein Schwein geschlachtet wird, wie im Ersten Weltkrieg gemordet wird, wie er selber seine junge Geliebte eigenhändig erwürgt und einen ihrer Verehrer erschießt. Neben Josef spielen auch sein Urenkel Nikodem, ein Stararchitekt mit Liebes- und Alkoholproblemen, sowie der alte Pindur, der sich die Perspektive der Erde zu eigen gemacht hat und in der Klapse landet, eine Rolle. Auch die deutsch-polnischen Konflikte in Schlesien nach dem 1. Weltkrieg werden in Parteibildungen und Morden thematisiert. – Die verschiedenen Erzählstränge sind hart geschnitten und gehen ohne Überleitung auch innerhalb eines Kapitels ineinander über.

Weitere Informationen kann man den verschiedenen Rezensionen entnehmen; man liest das Buch leicht, das im Leben „Wichtige“ relativiert sich durch die Lektüre, die einen aber auch deprimieren kann. „Ihr seid der Quell und die Nahrung von allem, das einst geboren wird, und ein jedes ist die Nahrung von jedem. Ihr seid eins. Mit mir und mit euch,“ sagt die Erde. Im ewigen Kreislauf der Lebenssäfte ist alles Einzelne nichts, das etwas zu bedeuten hätte; es kommt wie eine Welle und eilt zum Element zurück (Goethe), ohne dass Gehalt und Form im Geist blieben. Davon kann Szczepan Twardoch allerdings erzählen.

http://postmondaen.net/2016/08/04/szczepan-twardoch-drach-rezension/

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/drach-von-szczepan-twardoch-roman-ueber-schlesien-identitaet-und-sprache-a-1083656.html (gute Übersicht)

https://www.wa.de/kultur/szczepan-twardochs-grosser-roman-drach-6354857.html

http://www.buchrezensionen-online.de/rezensionen/bb/045twardoch.htm

http://culturmag.de/rubriken/buecher/roman-szczepan-twardoch-drach/95038 (gute Übersicht)

http://www.tagesspiegel.de/kultur/drach-von-szczepan-twardoch-lied-von-der-geschundenen-erde/13753972.html (gute Übersicht)

http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/diwan/szczepan-twardoch-104.html (gleiche Autorin)

Joanna Bator: Wolkenfern (2013) – gelesen

Es ist ein zauberhaftes Buch: von Dominika, die man schon aus „Sandberg“ kennt, von ihrem Geschick nach einem schweren Autounfall und vor allem von ihrer Reiselust – sie ist im Aufbruch, sie plant ihre Zukunft nicht, sie lebt im Augenblick und auch in der Vergangenheit. Dazu treffen wir auf ihre Mutter Jadzia, eine typische Frau und Polin, die sich am Ende von sich selbst befreien kann, und auf viele andere, meistens Frauen: in einem bewegten Reigen, in dem auch Napoleons Nachttopf als Vermächtnis von einer Figur zur nächsten wandert, um am Ende in einem Zeitschriftenaufsatz gewürdigt zu werden. Vieles ist surreal erzählt, wie die Geschichte von der großen Sintflut, in die Jadzia mit ihrer Reisegruppe in einem Auto fortgeschwemmt wird, um am Ende als eben die geläuterte daraus wieder aufzutauchen… Ich glaube, Dominika ist eine moderne Schwester des Taugenichts, nur dass die Umwelt Dominikas (v.a. polnische Frauen und ein spaßeshalber angetrauter  amerikanischer Chocolatier, welcher ein Homodingsbums ist)  teils als Kontrastprogramm, teils als Seelenverwandte (Sara mit dem fetten Arsch) viel stärker als beim Taugenichts ausgebaut ist.

Es sind in diesem Roman die Frauen, die das Leben im Guten wie im Schlechten (das ist hier das Philiströse) bestimmen. Man kann den Inhalt eigentlich nicht erzählen, und er ist auch irgendwie nicht so wichtig – wichtig ist die Leichtigkeit des Seins, in die man im Lesen hineingleitet, auch wenn man (in meinem Fall: ich, hier verallgemeinert) die Beziehungen der Figuren nicht immer durchschaut oder wieder vergisst. Man liest voller Sympathie mit Dominka und Grazynka, von der erzählt wird, sie sei schließlich mit einem Japaner liiert und als Geisha gekleidet gesehen worden. Und der Zustand des Glücks auf der griechischen Insel, er ist ein Moment und wird nicht bleiben.

Ich scheue mich nicht zu sagen: Das ist Weltliteratur.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/joanna-bator-wolkenfern-napoleons-nachttopf-12709851.html

http://www.zeit.de/2013/49/joanna-bator-wolkenfern-roman

http://literaturkritik.de/id/18724

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/generationenroman-wolkenfern-von-joanna-bator-ueber-napoleons-nachttopf-a-928013.html

https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/joanna-bator/wolkenfern

https://de.wikipedia.org/wiki/Joanna_Bator (Joanna Bator)

Bators erster Roman „Sandberg“ war auch eine Wucht: https://norberto42.wordpress.com/2015/02/06/joanna-bator-sandberg-besprechung/, der dritte „Dunkel, fast Nacht“ erreicht nicht ganz das Niveau der beiden ersten Bücher, finde ich: https://norberto42.wordpress.com/2017/04/23/j-bator-dunkel-fast-nacht-2016-besprechung/.

P. von Matt: … fertig ist das Angesicht – gelesen

Ich möchte kurz über ein bedeutendes Buch sprechen, dessen Lektüre ich leider unterbrochen hatte. Von Matts Buch zur Literaturgeschichte des menschlichen Gesichts (1983) ist in verschiedenen Verlagen erschienen, mir liegt die Ausgabe als Suhrkamp Taschenbuch von 1989 vor.

Peter von Matt geht von Kafkas Beschreibungen von Gesichtern aus; er zitiert die Texte aus Kafkas Tagebüchern und untersucht sie dann höchst raffiniert und genau. Von Goethe sind die Beschreibungen seiner Schwester Cornelia und seiner Freundin Friederike eindrucksvoll analysiert. Lavaters Versuch einer physiognomischen Theorie wird als leer entlarvt. Im bürgerlichen 19. Jahrhundert blühte eine Art der Gesichtsbeschreibung, die naiv ihr eigenes Weltbild in den Gesichtern wiedererkannte. Über „Möglichkeiten und Grenzen der Symbolisierung“ geht es in einem Exkurs „Zur Psychoanalyse der Gesichtserfahrung“ (S. 150 ff.). Die Beispiele von Musils und Rilkes Porträtierungen sind eindrucksvoll, noch eindrucksvoller ist ein kleiner Text Heinrich Manns über Hitler: „Es muß ein herrliches Gefühl sein, wenn schon um acht Uhr früh sämtliche Militärkapellen die schönst Musik anheben, weil ich um ein Uhr reden will. Ein Anderer würde darüber den Faden verlieren, anders ich. Denn ich habe keinen zu verlieren. Ich mache einfach mein Führergesicht, es ist bösartig, hat aber auch wieder etwas Ulkiges, das entwaffnet. […] Ich rühme mich einer Anordnung meiner Haare, wie nur verkrachte Malermeister sie fertig bringen, lockere Strähnen in die Stirn, und auf dem Gipfel des Hauptes eine Fülle. Es muß etwas daran sein. Menschen der Macht, die nichts weiter sind, haben Kahlköpfe. Ich bin ein Genie.“ (S. 184 f.)

Klug ist auch, wie von Matt die Schwierigkeiten, ein Gesicht zu beschreiben, in die Zeitgeschichte einordnet und wie er die Krise der Gesichtsbeschreibung herausarbeitet. Für mich war dann aufschlussreich, was der Autor über „Das Gesicht im Erzähltext“ (S. 221 ff.) zu sagen weiß: „Im fest gegebenen, erkennbaren, benennbaren Gesicht vergewissere ich mich immer auch meiner eigenen Identität als des naturhaften Widerspiels zur entgegenkommenden andern. Daraus entspringt jene Sicherheit, die mit der Empfindung zusammenfällt, ich sei zu Hause. Wo nämlich das Gesicht feststeht, ist Heimat.“ (S. 254 f.) Und bedeutsam ist auch, was er über „Lesen als Zuhausesein“ (S. 257 ff.) sagt – aber das sollte man selber lesen.

Das Buch von Matts, das erste in seiner Reihe thematischer Literaturuntersuchungen, ist es wert, dass man es zweimal liest.

http://www.zeit.de/1983/49/gesichter-aus-woertern

http://www.literaturhaus.at/index.php?id=3958

http://www.thomasmacho.de/files/9900/literaturliste_gesichter.pdf (Literatur für ein Seminar)

H. Weinrich: Über das Haben (2012) – gelesen

Harald Weinrichs Buch „Über das Haben“ (2012) beginnt furios: mit klugen Überlegungen und Untersuchungen zum Phänomen („Kategorie“ nach Aristoteles) des HABENS und des SEINS; da kommen die Philosophen von Aristoteles bis Erich Fromm zu Wort. Im zweiten Abschnitt, „Treffpunkt Sprache“, geht es um die verschiedenen sprachlichen Aspekte des Verbs „haben“, alles gut belegt und auch durch Sekundärliteratur abgesichert. Im dritten Abschnitt, „Lebenszeit und Körperlichkeit“, wird das Thema nicht mehr strikt durchgehalten – etwa mit dem Roman des Hochstaplers Felix Krull oder dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern – bzw. Körperlichkeit und Lebenszeit passen nicht zusammen, sind nur noch Titel-Klammer für eine Sammlung divergierender Betrachtungen und Referate; von denen sind allerdings einige noch wirklich gut (die Analyse des Gemäldes „Die Goldwägerin“ etwa), während in der Paraphrase der neutestamentlichen Passagen die verschiedenen Tonlagen von Paulus, den Synoptikern und Johannes überspielt werden.

Den vierten und fünften Abschnitt finde ich deutlich schwächer; da werden fast nur noch literarische Werke paraphrasiert, in denen es irgendwie ums Haben geht, wobei der Sängerkrieg um den Rhein (S. 163 ff.) belanglos ist, eine Hitlerrede (S. 171 ff.) aus dem Rahmen fällt und die Betrachtung über die Menschenrechte als „Haben-Recht“ zu dürftig ist, um diesem großen Thema gerecht zu werden.

Fazit: Anfangs war ich begeistert, man kann zunächst ein kluges Buch meditativ lesen; von den beiden letzten Abschnitten war ich enttäuscht, da wirkt die Schreibweise von HABEN und SEIN in Großbuchstaben nur noch gestelzt. Vielleicht sollte man mit dem Kauf warten, bis das Buch bei Beck als Taschenbuch erscheint (so angekündigt); dann beträgt der Preis vermutlich drei Fünftel des jetzigen Preises (19,95), das wäre für die ersten drei der fünf Abschnitte angemessen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/harald-weinrich-ueber-das-haben-sein-und-haben-11905929.html

https://www.socialnet.de/rezensionen/14000.php (sehr umfangreich)

http://ef-magazin.de/2016/06/22/9294-rezension-ueber-das-haben

http://www.sueddeutsche.de/kultur/schloemanns-auslese-ueber-das-haben-1.1550496

Auster oder Bohrer – zu zwei Büchern

Paul Austers Roman „4 3 2 1“ wurde mir kürzlich geschenkt, ganz ohne Anlass, ich habe mich sehr darüber gefreut und bald zu lesen begonnen; das Buch über die vier möglichen Leben Archie Fergusons liest sich leicht – aber auf die Dauer konnte ich es nicht ertragen: immer die gleichen pubertären und familiären Probleme, dazu unendlich breite Passagen über das Baseballspielen, ganz kurz angetippte Namen amerikanischer Filme, Musiken, Namen von Büchern und Organisationen (die ich teilweise nicht kenne). Ich bin bis S. 468 gekommen, dann war es wirklich gut; ich habe noch einmal auf S. 826 mit dem Lesen begonnen, aber nach 12 Seiten ging es nicht mehr: alles wie gehabt, nur hieß das Mädchen jetzt anders. Das alles berührt mich nicht, die Namen amerikanischer Politiker wie Kennedy und Ford berühren mich heute nicht (mehr).

Ganz anders Karl Heinz Bohrers Buch „Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie“, ebenfalls 2017: eine Autobiografie, ein faszinierendes Buch, dessen erstes Kapitel ich inzwischen gelesen habe. Da geht es um Fragen, die Bohrer in seinem ersten Buch („Die gefährdete Phantasie“) bedacht hat, dass nämlich in Literatur und Wirklichkeit die Phantasie ihr Recht hat, wobei allerdings die marxistische Utopie als doktrinärer Totalitarismus nicht gemeint sein kann… Es ist ein Buch, in dessen Themen ich mich bewegt habe, wenn auch anders als Bohrer – er ist knapp zehn Jahre älter als ich; aber er lebte in meinem Land und in meiner Sprache, und er schreibt in diesem Buch von seinem Leben und Denken als Erwachsener, nicht von den Nöten des Erwachsenwerdens im puritanischen Amerika.

P.S. Inzwischen habe ich Bohrers „Jetzt“, eine halbe Autobiografie, mit Freude zu Ende gelesen, bis S. 542. Es ist vermutlich ein Buch vor allem für ältere Menschen, die höchstens 20 Jahre jünger als Karl Heinz Bohrer sind; denn sie kennen noch die meisten Akteure des Buches, etwa Habermas, den Freund und kritischen Gesprächspartner Bohrers, oder haben wenigstens Interesse daran, unbekannte Namen nachzuschlagen. Wer aber wie meine Kinder erst mit der Jahrtausendwende begonnen hat, die Welt bewusst wahrzunehmen, für den ist zu vieles aus Bohrers Erinnerungen bloße Vergangenheit.

Was hat mich am Buch fasziniert? Es ist Bohrers Skepsis gegen den Primat der Begriffe, sein Plädoyer für Wahrnehmung des Gegebenen, der Reiz des Fremden, die Sympathie für die Unangepassten, die Ablehnung der gedankenlosen politischen Korrektheit, die Sympathie für ein nationales Selbstbewusstsein, das Deutschland nicht auf das Dritte Reich, dessen Vergehen und das dadurch begründete Schuldbewusstsein reduziert… Das alles wird immer wieder mit den Befunden der Bedeutung des Jetzt, des Augenblicks, des jederzeit möglichen Ereignisses, der Bedeutung des Fremden begründet. Von persönlichen Bindungen Bohrers werden die intellektuell bedeutsamen genannt, wozu seine zweite Frau Undine Gruenter und seine dritte Frau Angela (geb. von der Schulenburg) gehören.

Einige Längen gab es im 7. Kapitel (wegen der gelehrten historischen Einzelheiten) und auch im 8., weil Angelas englische Freunde mich wirklich nicht interessierten. Im kurzen Schlusskapitel wird der betagte Autor ein wenig nostalgisch, als er das Verschwinden der ihm bekannten Fremdheit von Paris und London beklagt. Ob man seine Aversion gegen den kulturell fremden Islam und dessen angeblich primitive Theologie und seine Einschätzung des Internets teilt, ist eine andere Frage – sie ist aber bedenkenswert im Hinblick auf Merkels unpolitische (und politisch nicht legitimierte) Entscheidung, über eine Million Fremde ins Land zu lassen. Zum Schluss werden auch der Brexit (ausführlicher – Bohrer lebt in London) und Trumps Auftreten (kurz) behandelt, aber das sind nur kleine Schlenker in einem großen Gedankengang.

Auster:

https://www.ndr.de/kultur/buch/Paul-Auster-4-3-2-1,paulauster102.html

http://www1.wdr.de/kultur/buecher/auster-vier-drei-zwei-eins-104.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/paul-auster-veroeffentlicht-seinen-neuen-roman-4-3-2-1-14817155.html

http://www.zeit.de/2017/06/paul-auster-4321-roman-biografie-archie-ferguson

http://www.sueddeutsche.de/kultur/belletristik-vier-fliegen-eine-klappe-1.3360737 (endlich eine kritische Stimme!)

Bohrer:

http://www.zeit.de/2017/10/karl-heinz-bohrer-autobiografie-denker

https://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2017/04/Karl-Heinz-Bohrer-Jetzt.html

http://www.deutschlandfunkkultur.de/karl-heinz-bohrer-jetzt-begegnungen-mit-dem-fremden.1270.de.html?dram:article_id=381375

https://www.socialnet.de/rezensionen/22496.php

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/38577/Ich-habe-einen-romantischen-Blick (Interview)

J. Bator: Dunkel, fast Nacht (2016) – Besprechung

Joanna Bator: Dunkel, fast Nacht. Roman. Aus dem Polnischen von Lisa Palmes. Suhrkamp 2016

Endlich wieder ein großer Roman, dessen 500 Seiten man mühelos bewältigt – nur beim ersten Kapitel habe ich mich schwer getan. Die Ich-Erzählerin Alicja Tabor, Reporterin einer großen polnischen Zeitung, fährt im Herbst in ihre Heimatstadt Walbrzych, wo drei Kinder verschwunden sind. Darüber will sie eine Reportage schreiben, doch sie wird in das dunkle Geschehen einbezogen, entdeckt schließlich eines der entführten Kinder und jagt als gute Läuferin den Mittäter Jerry Swan über 15 Kilometer, was dieser dann nicht überlebt.

Doch ehe es so weit ist, erfährt Alicja und mit ihr der Leser viele Geschichten, in denen die Vergangenheit Walbrzychs lebt – zunächst die Vergangenheit Ewas, der „großen“ Schwester Alicjas, und die der Familie Tabor: Ewa hat Alicja vor der schrecklichen Mutter beschützt und mit 16 Jahren Selbstmord begangen. In diesen Geschichten findet Alicja dann zu sich selbst, sie verändert sich im Lauf des Geschehens, wozu auch die Liebesbegegnung mit Marcin beiträgt. Man kann die teilweise verwirrend verflochtenen Erzählstränge nur schwer entwirren; ich begnüge mich damit, verschiedene Dimensionen des Romans zu benennen:

  • Alicja erfährt stückweise Ewas Geschichte und die ihrer bösen Mutter, die als Kind von Russen 1945 vergewaltigt wurde, und begegnet so sich selbst. Die Liebesbegegnung mit Marcin wird erst durch Alicjas Wandlung möglich.
  • Das erzählte Geschehen hat eine mythische Dimension, in der die Katzenfresser von den Katzenfrauen und ihren Verbündeten bekämpft und besiegt werden; diese Dimension ist einerseits geheimnisvoll, anderseits wird von ihr nicht ohne Ironie erzählt (die Aufzählungen der Namen aller Katzenfrauen z.B.). Eine getötete und enthäutete Katze stellt die Verbindung zur Detektivgeschichte her.
  • Die Suche nach den entführten Kindern bringt Elemente der Detektivgeschichte zur Geltung; dazu gehören dann auch geheimnisvolle Anrufe oder Nachrichten im Internet. Am Schluss erzählen die Protagonisten verschiedene Geschichten, wodurch die beiden Verbrechen aufgeklärt werden, wenn auch ein Kind nicht gerettet wird. Die Geheimnisse um Schloss Fürstenstein und den verlorenen Schatz gehören ebenfalls hierhin; die Geheimnisse der Beteiligten werden schrittweise gelüftet, was teilweise das Verstehen erschwert.
  • Es ist ein Roman, in dem die Verhängnisse der Familiengeschichten deutlich werden, aus denen sich jedoch einzelne befreien können, etwa Alicja und Marcin; später löst sich Marek von seiner dominanten Mutter, die hinter den Entführungen steht, und der vermeintlich entführte Junge hat eine deutsche Pflegefamilie gefunden, seine Entführung war nur von seiner kranken Oma vorgeschoben.
  • Es ist ein polnischer Roman, in dem es neben dem Katholizismus samt Reliquiengeschäft und volksverdummender Madonnenverehrung auch noch die deutsche Vergangenheit des Krieges und der Vertreibung aus Schlesien untergründig weiterwirkend gibt.
  • Stichwort Internet: In drei Protokollen über das, was die Leute anlässlich der Entführungen und des Plans, eine großen Marienstatue zu errichten, im Chat alles von sich geben, zeigt sich die (nicht nur) polnische Volksseele als wahrer Hexenkessel – die Protokolle weisen bereits satirische Züge auf, finde ich. Die polnische Volksseele unterscheidet sich jedoch nicht wesentlich von der deutschen, man sollte diesbezüglich kein Illusionen hegen.

Alles habe ich bei der ersten Lektüre nicht verstanden, z.B. wie Dawid, Ewas ehemalige große Liebe, entschwindet und schließlich zu Tode kommt, aber das trübt den Gesamteindruck nicht: Die Lektüre war ein großes Leseerlebnis. Vergleiche auch

http://literaturkritik.de/id/22144 (die umfassendste Rezension)

https://schiefgelesen.net/2016/05/10/3982/ (kritisch)

http://www.swr.de/swr2/literatur/buch-der-woche/joanna-bator-dunkel-fast-nacht/-/id=8316184/did=17051888/nid=8316184/14oa2tw/index.html

https://www.hkw.de/de/programm/projekte/2016/internationaler_literaturpreis_2016/shortlist_2016/joanna_bator_lisa_palmes_dunkel_fast_nacht.php

https://muromez.com/2016/04/20/joanna-bator-dunkel-fast-nacht/

https://www.rezensions-seite.de/rezensionen/belletristik/joanna-bator-dunkel-fast-nacht/

http://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Literatur_Romane%20+%20Belletristik.php?id=14191889

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article153688369/Ich-habe-immer-das-Unheimliche-gespuert.html (Interview mit J. B.)

G. Vermes: Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas (2016) – gelesen

Geza Vermes: Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas. Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, 2016.

Das Buch rekonstruiert in drei großen Schritten und elf Kapiteln die zweistufige Entstehung des Christentums – mit einem kurzen „jüdischen Auftakt“ und einer längeren Formung zur Heidenkirche. Erster Schritt: Leben und Lehre des historischen Jesus werden eingebettet in die Tradition und Richtung eines zeitgenössischen „charismatischen“, prophetischen, eschatologischen, das heißt das unmittelbare Bevorstehen der Endzeit erwartenden Judentums (Kapitel 1 und 2). Zweiter Schritt: Die „Urgemeinde“ oder „Jesusbruderschaft“ der Apostel und ihrer Gefährten, die nichts anderes als eine jüdische Sekte war, wird in zwei Stufen völlig transformiert: Zunächst deutet Paulus, der eigentliche Gründer des Christentums, die bereits etablierten Rituale von Taufe und Abendmahl allegorisch um, baut die Lehre „großartig“ erfinderisch zu einem „Kultdrama über den Mythos vom sterbenden und auferstehenden Gottessohn“ aus und verlagert die Mission nicht ohne Konflikte, aber schließlich erfolgreich von Juden auf Nichtjuden. Jahrzehnte später bietet, daran anschließend, der Verfasser des Johannesevangeliums das vom historischen Jesus völlig abgehobene, von griechischer Philosophie inspirierte, gänzlich unjüdische Bild eines göttlichen Christus als des „Logos“ und die Skizze eines mystisch personifizierten Heiligen Geistes (Kapitel 3 bis 5).

Der dritte Schritt ist am ausführlichsten dargestellt (Kapitel 6 bis 10): die Weiterentwicklung des Christentums, vor allem des Dogmas, von zwei mit den apostolischen noch gleichzeitigen Schriften (Didache, Barnabasbrief) über die verschiedenen Generationen von Kirchenvätern bis zu den dogmatischen Auseinandersetzungen, als deren Abschluss das Konzil von Nizäa im Jahre 325 gedacht war. Vergeblich – aber immerhin wurde auf ihm die bis dahin höchst umstrittene, danach jedoch für die größten Teile des weiteren Christentums bis heute verbindliche Lehre von einem „dreieinigen“ Gott festgeschrieben.“ Mit diesem Auszug aus der großartigen Besprechung Norbert Mecklenburgs (http://literaturkritik.de/vermes-vom-jesus-der-geschichte-zum-christus-des-dogmas-von-der-theozentrik-zur-christozentrik,22944.html), aufgrund deren ich das Werk gekauft und gelesen habe, möchte ich ein Buch des inzwischen verstorbenen jüdischen Gelehrten Geza Vermes vorstellen.

Vermes war mit seinen Eltern zum Katholizismus konvertiert, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum katholischen Priester geweiht, heiratete und wandte sich wieder vom Christentum ab. Er hat sich wiederholt mit der Gestalt Jesu beschäftigt; in diesem Alterswerk zeigt er auf, wie aus dem jüdischen charismatischen Wanderprediger Jesus, der die baldige Ankunft des Gottesreiches verkündete, im Denken der Heidenchristen der wesenhaft göttliche Christus wurde – und wie sich die Gemeinde seiner Anhänger zur Institution Kirche veränderte, einer Institution, die Jesus weder vorhergesehen noch gewollt habe.

Was Vermes schreibt, ist für Historiker nicht wesentlich neu; erfrischend ist jedoch seine Klarheit, seine Sympathie für den jüdischen Jesus, der uns in der Didache und bei den Synoptikern begegnet, und seine Distanz, aus der er die Sprünge des christologischen Denkens beschreibt. Wenn man wie ich die harmonisierenden Deutungen der christlichen (v.a. der katholischen) Theologen genossen hat, welche eine ehrliche historische Lektüre der alten Schriften verbauen, weiß man Vermes‘ Offenheit und seine kleinen Bosheiten zu schätzen: „Im Denken des Arius ist, was in der Theologie vielleicht nicht wirklich wünschenswert ist, nichts unklar, und nichts bleibt bei ihm ungesagt.“ (S. 313) Neu war für mich das erste Kapitel „Charismatisches Judentum von Moses bis Jesus“; wenn man dieses Judentum und seine Gestalten kennt, fällt es nicht schwer, Jesus als eine dieser Gestalten zu begreifen. Dass es jedoch zu einer Reformation der christlichen Kirchen als Hinwendung zur reinen religiösen Vision und dem Enthusiasmus Jesu, des jüdischen charismatischen Boten Gottes, kommen könnte, wie Vermes hofft (S. 333), halte ich für unwahrscheinlich; denn den eschatologischen Horizont unserer Zeit macht nicht das kommende Gottesreich aus, sondern die Klimakatastrophe, Kriege, weltweite Hungersnöte und ähnliche Szenarien. Gleichwohl hat Vermes ein gutes Buch geschrieben.

Vgl. auch http://www.swr.de/swr2/literatur/buch-der-woche/vermes-geza-vom-jesus-der-geschichte-zum-christus-des-dogmas/-/id=8316184/did=18677508/nid=8316184/161unie/index.html

https://orig.www.ndr.de/kultur/buch/Sachbuecher-des-Monats-April-2017,sachbuchapril130.html

http://david.juden.at/kulturzeitschrift/70-75/72-davidowicz.htm

https://www.jewiki.net/wiki/Geza_Vermes (Geza Vermes)

https://de.wikipedia.org/wiki/Geza_Vermes (dito)

https://en.wikipedia.org/wiki/G%C3%A9za_Vermes (dito, ausführlicher)

https://www.theguardian.com/books/2013/may/14/geza-vermes (Würdigung)

http://www.biblicalarchaeology.org/daily/archaeology-today/archaeologists-biblical-scholars-works/geza-vermes-1924%e2%80%932013/ (dito)

http://www.independent.co.uk/arts-entertainment/books/features/geza-vermes-a-child-of-his-time-8875881.html (dito)

und zum Schluss ein Witz: https://also42.wordpress.com/2015/03/30/ein-abgrundiger-witz/

Christian Hoppe startet eine ähnliche Interpretation des Christentums auf der Grundlage naturwissenschaftlichen Denkens, siehe den Beitrag http://scilogs.spektrum.de/wirklichkeit/ostergruss-ii/ (und evtl. http://scilogs.spektrum.de/wirklichkeit/ostergruss/).

R. Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen…

Ehe ich in die Rezensionen schaue, möchte ich meine eigenen Eindrücke von Schimmelpfennigs Roman „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ festhalten.

Das Buch liest sich zügig, was auch daran liegt, dass pro Seite nur 27 Zeilen gesetzt sind, aber ich frage mich am Ende: Was soll das alles? Es geht um einen Wolf sowie zwei Pärchen nebst einigen Leuten, die mit ihnen zu tun haben: Elisabeth und Micha, zwei Jugendliche, laufen von zu Hause weg, weil Elisabeths Mutter sie in ihrer Wut ins Gesicht geschlagen hat; sie laufen aufs Geratewohl, fahren auf einem Güterzug und schlagen sich nach Berlin durch. Sie werden von Elisabeths Vater, einem Künstler, und ihrer geschiedenen Mutter sowie von Michas Vater, einem Alkoholiker gesucht. Das zweite Pärchen bilden Agnieszka, eine Polin, die in Berlin putzt, und Tomasz, der als Bauarbeiter in Berlin arbeitet; Tomasz ist auf der Fahrt nach Berlin im Schneesturm stecken geblieben, hat einen Wolf gesehen und fotografiert – das Bild hat Agnieszka dann einer Journalistin verkauft, die es veröffentlicht hat, was eine große Suche nach dem Wolf auslöst. Außerdem ist Agnieszka von einem anderen Mann schwanger, was zu Problemen führt – die Vorgeschichte Agnieszkas wird nur kurz und kaum als solche kenntlich nachgetragen. Alle fünf, vom Wolf über Micha bis Tomasz, wohnen in Berlin oder streben nach Berlin und ziehen die Suchenden auch mit nach Berlin.

Dann tauchen noch eine Reihe weitere Figuren auf, die alle unwahrscheinlich hilfsbereit sind und die beiden Kinder Elisabeth und Micha einladen, bei ihnen zu übernachten; das muss wohl an Berlin liegen – ich käme nicht auf die Idee, wildfremde Jugendliche einzuladen, bei mir zu übernachten, aber das ist in Berlin kein Problem. Jedenfalls finden die beiden Pärchen zum Schluss irgendwie wieder zusammen; Micha hat zufällig (!) in Berlin auch seinen sturzbetrunkenen Vater gefunden, der gerade aus einer Kneipe geworfen wurde, aber das kann ihn nicht aufhalten. Ach ja, eine weitere wichtige Figur ist das Gewehr eines Jägers, der vermutlich einen Herzinfarkt bekommen hat und gestorben ist; das Gewehr wandert mit Micha ebenfalls nach Berlin, dann findet Tomasz es irgendwie, und im Kampf mit Agnieszka um das Gewehr löst sich ein Schuss, der Tomasz am Kopf streift, worauf man ins Krankenhaus fährt, und so geht das weiter, bis es zum Schluss aufhört.

Die Zeitstruktur des erzählten Geschehens – alle Szenen sind hart geschnitten – ist undeutlich; die Figuren bleiben oberflächlich, allesamt Pappkameraden ohne jede seelische oder charakterliche Tiefe und ohne Geschichte, auch wenn gelegentlich biografische Daten der Vergangenheit einfließen; manche Leute haben auch keinen Namen, sondern sind so etwas wie „der Vater des (geflohenen) Jungen“ und Ähnliches.

Das Buch ist Roland Schimmelpfennigs erster Roman, hoffentlich auch sein letzter. Man hat nichts verpasst, wenn man ihn nicht liest; höchstens freuen sich Berliner bei der Lektüre, weil so viele Straßen und Plätze Berlins genannt werden, die einem Fremden bloße Namen bleiben. Ich habe den Roman gestern gelesen – insgesamt ist er wie viel modernes Zeug nur zeilenfüllender Mist; man liest besser die Klassiker, die das Aussieben durch Jahrzehnte oder Jahrhunderte überstanden haben.

Dem http://derstandard.at/2000033040176/Offene-Buecher-und-Gesellschaft entnehme ich, dass der Roman es auf die shortlist (zu Deutsch: Liste der engeren Auswahl) der Leipziger Buchmesse 2016 geschafft hat. Die einzige Besprechung, die ich gefunden habe, steht in einem Blog: https://masuko13.wordpress.com/2016/03/02/roland-schimmelpfennig-an-einem-klaren-eiskalten-januarmorgen-zu-beginn-des-21-jahrhunderts/, und bei einer Buchhandlung gibt es eine Besprechung/Empfehlung des Lesers Felix Palent: http://www.wist-derliteraturladen.de/tag/felix-palent/, der aber offenbar ein anderes Buch als ich gelesen hat. Alle großen Zeitungen nehmen den Roman nicht zur Kenntnis.

Willemsen: Das Hohe Haus (2014) – Besprechung

Roger Willemsen: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament. S. Fischer: Frankfurt 2014

Willemsen hat ein sehr kritisches Buch über die Arbeit des Bundestages geschrieben, soweit sie im Parlament sichtbar wird. Von der eigentlichen Arbeit in den Ausschüssen berichtet er nicht, weil er dazu keinen Zugang hat – dazu müsste man etwa Dieter Lattmann: Die lieblose Republik. Aufzeichnungen aus Bonn am Rhein, München 1981 lesen; Lattmann war selber acht Jahre lang Abgeordneter und konnte als solcher Dinge wissen, die andere nicht kennen.

Dass Politik nicht so funktioniert, wie man es im Sozialkundeunterricht lernt, kann man seit langem wissen; den Politikbetrieb kritisch beobachtet haben viele, dazu kann man die (richtigen) Tages- und Wochenzeitungen lesen. Willemsen beobachtet dagegen nur die Debatten im Parlament und ist davon maßlos enttäuscht: von den Worthülsen, der gegenseitigen Missachtung der Abgeordneten, den Scheingefechten; dem Versagen der Kontrolle durch die Fraktionen, welche die Regierung stellen und diese stützen; dem Zynismus der Regierenden. Mit seinen Eindrücken von den Debatten verbindet er Hinweise auf das Aussehen oder die Geschichte des Reichstagsgebäudes und seiner Umgebung, auf die Besucher und das Personal des Hauses. Und er beginnt den Bericht von jeder Sitzung mit einem kurzen Überblick über Nachrichten des Tages.

Öfter wird von ihm durch bloße Aufzählung entlarvt, was an leerem Stroh im Parlament gedroschen wird, z.B. am 10. Januar (2013): „Da ist es 22 Uhr 43, und mein Kopf schwirrt vom Tages-Ausstoß alles dessen, was ‚wir brauchen’: Was wir brauchen, ist eine politische Rahmensetzung. Was wir brauchen, sind gutes Essen, Vielfalt, ein hoher Bioanteil, regionale Produkte für alle Kinder. Wir brauchen einen soliden Haushalt. Wir brauchen eine aktive Wirtschaftspolitik. Wir brauchen eine vorausschauende Wirtschaftspolitik. Wir brauchen den Politikwechsel in der Wirtschafts- und in der Sozialpolitik. Wir brauchen Investitionen. Wir brauchen endlich eine Art Masterplan. Wir brauchen, meine Damen und Herren, einen klaren Blick auf den Kern dieser Krise. Wir brauchen eine europäische Abwicklungsbehörde.“ (S. 52) Und so geht es knapp eine Seite weiter – entlarvend; aber damit ist nicht erwiesen, dass wir das alles nicht brauchten.

Willemsen reflektiert das Benehmen und die Reden der Abgeordneten aus der Sicht des freischwebenden Geistes: beseelt von der ursprünglichen Idee des Parlamentarismus, ohne Rücksicht auf die Bindung der politischen Willensbildung an Parteien, nicht belastet von den Zwängen des Regierens, also der Kompromissfindung. Wie utopisch sein Blick ist, zeigen Bemerkungen zur Sitzung vom 28. Februar 2013: „Die Entscheidungen sind fatal, die Entscheidungsträger trotzdem banal. / Ich blicke auf die Glaswand (…) und denke ohne Ergebnis über einen Satz des chinesischen Weisen Laotse nach: ‚Der Mensch kann nur unter einer nicht aktiven Politik glücklich sein.’ Glücklich wäre er vielleicht unter einer Politik der Notwehr, die nicht vor allem den Kampf um die Herrschaft organisierte.“ (S. 114) Was braucht es dazu – vielleicht den Philosophenkönig Platons? Kann eine Kritik des Bestehenden aus solcher Sicht mehr als den gegenwärtigen Betrieb entlarven?

„Der Kern der Sache liegt anderswo (…). Die Kritik trifft das System und muss von einem exterritorialen Standpunkt aus formuliert werden. (…) Dabei formulieren alle Redebeiträge letztlich den Grundwiderspruch zwischen dem systemkonformen Standpunkt, der die Banken schützt wie etwas Eigenes, und einem systemkritischen Standpunkt, der die Banken als Dienstleister versteht, nicht als Spekulanten. Es muss auch im Parlament erlaubt sein, die Idee eines Landes aufrechtzuerhalten, in dem sich das Gemeinwohl nicht über das Wohl der Banken definiert. Die Debatte, die jetzt geführt werden müsste, wird aus vielen Gründen nicht geführt. Das System begründet sich selbst nicht mehr.“ (S. 151 f.)

Willemsen lässt seine Leser ratlos zurück; sein Herz schlägt links, er hat seine Kritik vorgebracht. Neues erfährt man danach nicht mehr; ich habe das Buch bis S. 208 gelesen, das genügte.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/das-hohe-haus-von-roger-willemsen-banalitaet-der-demokratie-1.1906405 (klug und kritisch)

http://www.zeit.de/2014/12/roger-willemsen-das-hohe-haus (dito)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/roger-willemsens-buch-ueber-den-bundestag-12847056.html (etwas schwächer)

https://alltagsfruechte.wordpress.com/2016/02/23/rezension-roger-willemsen-das-hohe-haus/ (informativ und doch schwach)

http://pw-portal.de/rezension/37043-das-hohe-haus-45508 (kurz, relativ freundlich)