K. Grahame: Der Wind in den Weiden – eine Leseempfehlung

Der Wind in den Weiden“ (1908) wird normalerweise als Kinderbuch verkauft – in Wahrheit ist es ein zauberhaftes Buch vom Geheimnis des Lebens und von der Freundschaft: Zuerst freunden sich der Maulwurf und die Wasserratte an; dann besuchen sie im wilden Wald den Dachs, der sich ihrer in der Kälte des Winters annimmt; schließlich machen sie sich auf, um den Kröterich zu einer vernünftigen Lebensweise zu bewegen. Kröterich ist nämlich ein leichtsinniger, flotter Angeber, ein Lebemann, der sich seit neuestem ins Autofahren verliebt hat…

Die Tiere sind sehr menschlich gezeichnet, tragen auch Kleider und rauchen nach dem Essen eine Zigarre. Anderseits sind sie der Natur ganz nah und offenbaren deren Zauber. Und vor allem halten sie in unverbrüchlicher Freundschaft zum Kröterich, der immer wieder zur Einsicht gebracht und immer wieder rückfällig wird. Die vier Freunde erobern schließlich die Villa Kröterichs zurück, die sich die Wiesel und Hermeline während des Gefängnisaufenthalts ihres Besitzers unter den Nagel gerissen hatten.

Aus aller Beschränktheit der einzelnen Figuren spricht die Weisheit des Autors Kenneth Grahame, alle Dummheiten des Kröterichs werden von der wahren Freundschaft der anderen Tiere egalisiert. Ein Buch, das auch Erwachsene erfreut und im Herzen berührt: wie der Maulwurf die Welt der Wasserratte entdeckt, welche Abenteuer Kröterich mit den Menschen erlebt, wie Tiere menschlich sein können. Wer es nicht kennt, sollte es unbedingt lesen; und wer es kennt, kann es getrost zweimal lesen, wie ich es zuerst 2004 und gestern und heute wieder getan habe.

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Wind_in_den_Weiden

http://lebendom.com/article/der-wind-in-den-weiden

http://pockettorch.net/book/der-wind-in-den-weiden/

http://bibleandbookcenter.com/read/der-wind-in-den-weiden/

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Karl Emil Franzos: Der Pojaz (1905) – vorgestellt

Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten“ ist ein Roman, den Karl Emil Franzos‘ Witwe erst 1905 veröffentlicht hat, obwohl dieser ihn schon Jahre vorher vollendet hatte. Erzählt werden im Wesentlichen die beiden letzten Lebensjahre des jungen Juden Sender, der in einem Kaff in Galizien streng jüdisch aufgewachsen ist, der aus Begeisterung für den Schauspielerberuf mühsam Deutsch lernt und sich damit aus der jüdischen Tradition löst: „Deutsch“ war ein Schimpfwort für einen Juden, der sich der europäischen Bildung öffnete. – Die Figur weist einige Anklänge an des Autors Leben auf.

Sender ist das Kind eines „Schnorrers“, der unstet umhergezogen und vor Senders Geburt gestorben war. Seine Pflegemutter hat ihn selbstlos erzogen, aber ihm seine wahre Herkunft verschwiegen, weil diese als unehrenhaft galt. Doch die spielerischen Talente seines Vaters schlagen auch bei Sender durch. Er hat einen Teil seiner sprachlichen Kompetenz in der ungeheizten Bibliothek eines Dominikanerklosters erworben, wo er sich mühsam durch die Schauspiele Schillers gequält und sich eine Lungenkrankheit zugezogen hat; die große Rolle, die ihn fasziniert, ist Shakespeares Shylock. Als er sich unter seelischen Qualen heimlich aufmacht, um Schauspieler zu werden, ist er schon todkrank; er schließt sich widerwillig einer kleinen Truppe von Komödianten an, wird jedoch von seiner Pflegemutter zurückgeholt, erfährt die Wahrheit über seine Herkunft und stirbt schließlich.

Auch die Liebe hat ihn bewegt, obwohl er gegen die jüdische Pflicht und Tradition nie heiraten wollte: Er hat sich in die schöne Malke verliebt und glaubt, sie erwidere seine Gefühle; aber die hatte ihr Herz bereits an ihren Vetter Bernhard verloren, und dass die schöne und gutherzige Jütte ihn liebt, bemerkt er nicht, obwohl dank des auktorialen Erzählers für den Leser die Signale deutlich genug sind. Gleichwohl sagt er direkt vor seinem Tod: „Mein Leben. So schön…, so schön…“

Dennoch ist die Liebesgeschichte nicht das Hauptthema; vielmehr geht es darum, dass ein junger Mensch sich gegen Tradition und soziales Umfeld durchsetzen will, um sein Lebensziel (hier: Schauspieler werden) zu erreichen, dass er dafür härteste Strapazen auf sich nimmt, die Gesundheit verliert und im Gewissenskonflikt seine (Pflege)Mutter verlässt… Was auffällt: Es sind die Außenseiter der verschiedenen Großgruppen (Sender bei den Juden, Heinrich Wild bei den Soldaten, der strafversetzte Dominikaner), die den Schritt über die sozialen Grenzen wagen.

Erzählerisch ist der Roman eher melodramatische Unterhaltungsliteratur, und schon früh ahnt man, dass der junge Mann bald sterben wird. Der Wert des Romans liegt meines Erachtens darin, dass er uns die Welt des Ostjudentums um 1850 vor Augen führt: eine Welt der armen Außenseiter, die sich fanatisch gegen die moderne Kultur abgrenzen und dank ihres Glaubens und des strengen Regiments ihres Rabbis in einer feindlichen Umwelt als Juden überleben; wo der Heiratsvermittler nach dem Rabbi die wichtigste Person war; und wo lesen, schreiben und Deutsch sprechen lernen – Voraussetzung dafür, als Schauspieler auftreten zu können – den Abfall vom Glauben und den Ausschluss aus der Gemeinde bedeutet. Es geht im Ostjudentum zu wie im Mittelalter. Die Deutschen haben diese Welt und ihre Bewohner vernichtet – hier lebt sie literarisch weiter.

Was ich auch gelernt habe: dass die Chassidim (in der Sicht von Franzos‘ Erzähler) ziemlich engstirnige Fanatiker waren. Vor 50 Jahren galten sie unter fortschrittlichen Theologen dank Martin Bubers Buch „Die Erzählungen der Chassidim“ als Muster religiöser Weisheit. Meine Empfehlung: Karl Emil Franzos lesen (https://archive.org/details/derpojazeinegesc00fran/page/n9), bei archive.org gibt es eine Reihe Bücher von ihm. Ich bin auf das Buch in den Erinnerungen Golo Manns gestoßen.

Karl Emil Franzos:

http://www.lexikus.de/bibliothek/Die-Deutsche-Literatur-und-die-Juden/Karl-Emil-Franzos (ausführlich)

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Emil_Franzos = https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Karl_Emil_Franzos

https://www.deutsche-biographie.de/sfz16988.html#ndbcontent

https://de.wikisource.org/wiki/Karl_Emil_Franzos

https://archive.org/details/diegeschichtedes00fran/page/212 (K. E. Franzos: Die Geschichte meines Erstlingswerks)

Außer K. E. Franzos sind vor allem Leopold Kompert, daneben noch Berthold Auerbach und Aaron Bernstein als Autoren von Geschichten der Ostjuden zu nennen.

M. Birthler: Halbes Land, ganzes Land, ganzes Leben. Erinnerungen (2014) – Rezension

Marianne Birthlers Erinnerungen haben mich gefesselt und begeistert wie schon lange kein anderes Buch; sie sind wesentlich besser als Joachim Gaucks Erinnerungen „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ (2009), die ich unmittelbar vorher gelesen habe: Bei Birthler erfährt man wirklich, welche Menschen auf welche Weise die Revolution 1989 in der DDR gemacht haben. In ihrem Buch steckt viel mehr Arbeit als in Gaucks Buch; auch tritt der Mensch Birthler deutlicher als der Mensch Gauck ins Gesichtsfeld. Sie erzählt ihr Leben von ihrer Kindheit bis zum Abschied von der Leitung der Stasi-Unterlagen-Behörde, einer darauf folgenden Amerikareise und dem Entschluss, ihre Erinnerungen aufzuschreiben.

Ich möchte auf einige Punkte hinweisen, die mich beeindruckt haben. Einer davon sind die Überlegungen, die man in der DDR anstellen konnte, ob auszureisen nicht einen Verrat an denen darstellte, die zurückblieben. Der nächste ist die Beobachtung, dass auch so kritische Geister wie sie selbst eine innere Befreiung nach dem Ende der SED-Diktatur nötig hatten: „Selbst ich … trug die Diktatur noch in mir.“ Selbstkritische Bemerkungen stellen ohnehin eine der Stärken des Buches dar.

Politik ist die Kunst des Kompromisses, und wer einen mühsam ausgehandelten Kompromiss unter Berufung auf das Gewissen unterläuft, ist nicht automatisch der bessere Mensch.“ (S. 250)

Interessant waren für mich Birthlers Überlegungen, die zur Einführung des Fachs LER in Brandenburg geführt haben – ein Fach, das ich nur aus der westdeutsch-kirchlichen Polemik dagegen kannte und das ich jetzt ganz anders sehe. Aus Birthlers Zeit bei den Grünen sind ihre Beobachtungen über den Unterschied zwischen Ost und West spannend (S. 286 f.), über die Fremdheit zwischen politisch ähnlich Denkenden: „Warum haben sie damals Geld für den Befreiungskampf in Nicaragua gesammelt, aber die Menschenrechtsverletzungen im Ostblock ignoriert?“

Sie gedenkt auch der Weggefährten aus der DDR, die es nach 1989 nicht geschafft haben, beruflich von der Wende zu profitieren – ein sympathischer Zug, finde ich (S. 297). Für Gregor Gysi und verwandte DDR-Verteidiger: „Die SED-Diktatur war mehr als die Tätigkeit der Stasi, sie durchdrang den Alltag und beeinträchtigte und beschädigte das Leben aller Menschen in der DDR – auch wenn viele das bis heute nicht wahrhaben wollen.“ (S. 316) Bemerkenswert ist auch, wie sie das Urteil begründet, die DDR sei ein Unrechtsstaat gewesen, womit sie selbst einer couragierten Frau wie Gesine Schwan widerspricht: In einem Rechtsstaat gelten die Prinzipien des Rechtsstaates, und staatliche Macht wird rechtmäßig begründet – und das war in der DDR eben nicht der Fall, auch wenn es dort „Recht und Gesetz“ gab.

Marianne Birthler ist eine Frau, die viel erlebt hat: die Geburt dreier Kinder, die Trennung von ihrem Mann, die Arbeit in der kirchlichen Basisarbeit, den Zusammenschluss Oppositioneller im Bündnis 90, die Revolution 1989, die Übergangszeit zum 3. Oktober 1990, die Arbeit als Ministerin in Brandenburg und im Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen, eine Umschulung zur Beraterin von Organisationen, die Leitung der Stasi-Unterlagen-Behörde, deren Arbeit und Bestand sie vehement verteidigen musste und verteidigt (wie übrigens auch Gauck)…

Ich möchte Frau Birthler für ein großes Buch danken.

https://de.wikipedia.org/wiki/Marianne_Birthler

https://www.planet-wissen.de/geschichte/ddr/das_leben_in_der_ddr/pwiemariannebirthlereinlebenfuerdiefreiheit100.html

https://www.mdr.de/zeitreise/ddr/marianne-birthler-tapetenwechsel102.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/thema/marianne-birthler

https://www.ddr89.de/vk/inhalt_vk.html (Reden in der Volkskammer)

Maria C. Barbetta: Nachtleuchten (2018) – angelesen

Bis S. 213 bin ich vorgedrungen, habe 43 der 100 Kapitel gelesen und muss gestehen: Ic h weiß nicht, worum es in diesem Buch geht, außer um Ereignisse in Argentinien im Jahre 1974, dem Todesjahr Perons und des revolutionären Priesters Carlos Mugica (dazu gibt es eine Notiz im SPIEGEL und einen Artikel in der englischen Wikipedia).

Der erste Teil, also die ersten 33 Kapitel liest sich einigermaßen flüssig: Sie kreisen um 11jährige Schülerinnen einer Nonnenschule, die eine junge progressive Schwester Maria verehren, welche auf geheimnisvolle Weise auf einmal in Zivilkleidung verschwindet. Dabei sprechen die Mädchen eine Erwachsenensprache, die nicht zu ihnen passt („pikiert“, „die vom Leben verhätschelte Ariadna“, „Sie … kultivieren zudem ihre eigenen Phantasmen…“ – ich wüsste gern, wann die Autorin zum letzten Mal mit 11jährigen Mädchen gesprochen hat, vgl. auch S. 176!).

Da wir schon bei der Sprache sind: Was eine expressionistische Sprechblase ist, weiß ich nicht, kann ich mir auch nicht denken; dass man einer Untergangsstimmung durch Sirenengeheul „Nachdruck verleihen“ kann, halte ich für eine schräge Metapher, aber die indirekte Rede beherrsche ich im Gegensatz zur Erzählstimme bzw. der Autorin (S. 172).

Im zweiten Teil werden ständig neue Figuren im Zusammenhang mit der Arbeit in der Autowerkstatt „Autopia“ eingeführt, so dass ich den Überblick verloren habe und auch keinen Zusammenhang mit dem ersten Teil erkennen konnte. So habe ich mich schließlich gefragt: Was habe ich mit den Problemen des Peronismo mit und ohne Peron um 1974 zu tun? Wozu soll ich das alles lesen? Und weil ich darauf keine Antwort wusste, habe ich die Lektüre eingestellt, zu der mich eine Rezension in der SZ („Weltliteratur“) verführt hatte. Für das Verständnis des ersten Teils ist es übrigens hilfreich, wenn man einen katholischen Hintergrund hat.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/shortlist-nachtleuchten-von-maria-cecilia-barbetta-15782767.html

https://www.deutschlandfunkkultur.de/maria-cecilia-barbetta-nachtleuchten-ein-roman-wie-ein.950.de.html?dram:article_id=425518

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/maria-cecilia-barbetta-ihr-roman-nachtleuchten-spielt-in-buenos-aires-a-1227378.html

http://schreiblust-leselust.de/maria-cecilia-barbetta-nachtleuchten

https://www.zeit.de/2018/37/nachtleuchten-maria-cecilia-barbetta-argentinien

http://poesierausch.com/2018/10/07/dbp-18-maria-cecilia-barbetta-nachtleuchten/

https://www.kultur-ostbayern.de/2018/09/11/rezension-nachtleuchten-von-maria-cecilia-barbetta/

https://www.literaturzeitschrift.de/book-author/maria-cecilia-barbetta/ (kritisch)

https://literaturkritik.de/die-madonna-von-villa-ballester,24980.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/maria-cecilia-barbetta-und-ihr-roman-nachtleuchten-15813754.html (Interview mit der Autorin)

G. di Lorenzo: Vom Aufstieg und anderen Niederlagen (2014) – gelesen

Ich lese gern Gespräche, die jemand mit klugen Menschen führt – in den hier von Giovani die Lorenzo gesammelten Interviews von 1981 – 2014 hat er aber nicht nur kluge Menschen getroffen. Viele der Gesprächspartner haben etwas zu sagen (Renate Laker-Harpprecht, Anne-Sophie Mutter, Helmut Schmidt und auch Boris Becker etwa, für mich erstaunlich klug), während andere in ihrer Selbstoffenbarung nur peinlich sind (Silvio Berlusconi, Freiherr zu Guttenberg etwa) und über andere die Zeit einfach hinweggegangen ist (für mein Empfinden Giovanni Trappatoni und Toni Negri – die Entlassung eines Fußballtrainers vor über 20 Jahren und die Schicksale eines revolutionären italienischen Philosophieprofessors vor über 30 Jahren sind selbst historisch kaum noch interessant). Die Verstocktheit des Ehepaars von Brauchitsch ist jedoch auch heute noch bemerkenswert.

Fazit: Viele Gespräche liest man mit Anteilnahme und Interesse (auch die mit Angela Merkel und Rudolf Augstein), manche sind dagegen beinahe obsolet – ich kann nicht ganz so viel Begeisterung wie andere Rezensenten zeigen:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/interviewbuch-von-giovanni-di-lorenzo-13224188.html

https://www.rezensions-seite.de/rezensionen/biographien-berichte/giovanni-di-lorenzo-vom-aufstieg-und-anderen-niederlagen/

https://www.leselupe.de/blog/2014/10/02/giovanni-di-lorenzo-vom-aufstieg-und-anderen-niederlagen/

https://alexandrakloeckner.wordpress.com/2015/02/11/giovanni-di-lorenzo-vom-aufstieg-und-anderen-niederlagen/

https://wasliestdu.de/giovanni-di-lorenzo/vom-aufstieg-und-anderen-niederlagen

G. Gysi: Ein Leben ist zu wenig (2017) – Besprechung

Ich habe die 570 Seiten tatsächlich zu Ende gelesen, obwohl das Buch gegen Ende immer schwächer wird – es verliert sich im Anekdotischen. Am besten sind die Familiengeschichte, also die Vorgeschichte, und die Jugend des Autors erzählt. Interessant ist der Bericht von seiner Arbeit als Anwalt in der DDR, von der man als Wessi wenig weiß und an der der Vorwurf, IM gewesen zu sein, nach wie vor klebt. Der Bericht von der Arbeit in der Partei und Fraktion SED-PDS-Die Linke ist weithin eine Selbtbeweihräucherung; da fand ich vor allem interessant,was Gysi zu Lafontaine und zur Zusammenarbeit bzw. zum Streit mit mit ihm erzählt.

Wo das Buch gut ist, kommt Gysi aus dem Bericht einzelner Ereignisse zu allgemeinen Überlegungen. So merkt er zur Verteidigung eines Sexualtäters in der DDR an: „Ein gerechtes Urteil über einen Menschen erwächst auch aus der Kraft, die sich anderen Urteilen entgegenstellt. Nicht aus Prinzip, sondern aus dem Willen zur Ursachenforschung. Niemals darf ein Verteidiger zum zweiten Ankläger werden.“ Je weiter man liest, desto simpler werden allerdings diese Sentenzen: „Manchmal kann auch ein ganz schlichtes Argument überzeugend sein. Allerdings kann es manchmal lange dauern, bis man aufs Naheliegende kommt.“ Das ist bloß noch eine Plattitüde.

Von seinen Eltern spricht er immer wieder mit Respekt und Zuneigung, auch von seinen Frauen und seinen Kindern. Sich selbst stellt er als einen schlagfertigen Menschen dar, der tolerant ist: „Das Wissen um die Relativität eigener Wahrheiten bedeutet mir viel.“ (S. 204) Politisch folgt er jedoch seiner eignen Maxime nicht. Was seine Arbeit in der Wendezeit betrifft, müsste jemand beurteilen, der sich in den Einzelheiten der Zeitgeschichte besser auskennt als ich; interessant sind diese Teile des Buches allemal. Die Verhältnisse in der DDR hat Gysi beschönigt, finde ich. Zu den Ereignissen in Rostock 1992 bietet er keine Erklärung, über die rechtsradikalen Tendenzen in der ehemaligen DDR schweigt er beharrlich.

Von vielen Persönlichkeiten, die er als PDS-Vorsitzender getroffen hat, weiß Gysi nichts Substanzielles zu berichten, etwa von seiner Begegnung mit Nelson Mandela; dass dieser Toleranz und Güte ausstrahlte, war mir nicht neu – und ist als Ergebnis eines Besuchs bei ihm dürftig. In solchen Erzählungen höre ich nur den Unterton: Seht her, wen ich alles getroffen habe! Der Bericht über einen Besuch bei Assad ist ausgesprochen oberflächlich (Einrichtung des Palastes). Anlässlich einer Begegnung mit Milosevic spricht er über das Ende Jugoslawiens und die Kriege: „Das System kollabierte nicht, aber es durfte in Europa keinen sozialistischen Staat mehr geben.“ Das ist schlicht Unfug, es genügt ein Blick in der Artikel „Jugoslawienkriege“ in der Wikipedia, um besser belehrt zu werden.

Ein Leben ist zu wenig“, heißt das Buch; man hat den Eindruck, dass Gysi als Politiker hyperaktiv war, woran nach seinem Eingeständnis auch seine zweite Ehe zerbrochen ist. Er hatte immer zu wenig Zeit – und auch zum Schreiben des Buches hat er sich nicht genug Zeit genommen; er hat sich die Mitarbeit von Hans-Dieter Schütt gesichert (man weiß nicht, wie viel auf dessen Konto geht), und er bleibt eben weithin oberflächlich: „Aber die Unterschiede West-Ost blieben dennoch deutlich.“ Ja, welche denn?

Wenn man schon meint, sein Leben erzählen zu sollen, sollte man sich aber wirklich Zeit auch zum Nachdenken nehmen, nicht nur zum Sammeln der Einzelheiten und der Belege.

https://www.zeit.de/2017/51/gregor-gysi-autobiographie-ein-leben-ist-zu-wenig/komplettansicht

https://www.perlentaucher.de/buch/gregor-gysi/ein-leben-ist-zu-wenig.html

http://dasfilter.com/kultur/gysi-blickt-zurueck-rezension-ein-leben-ist-zu-wenig-hoerbuch

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/tv-kritik-maischberger-das-traurige-leben-von-gregor-gysi-13855619.html

„Damals wurde entdeckt, dass Gregor Gysi, den beispielsweise Bärbel Bohley und Robert Havemann als Rechtsbeistand gewählt hatten, Informationen über sie an die Stasi weitergeleitet hatte.“ (Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst. Erinnerungen, München 2009, S. 272)

Ingrid Noll: Ehrenwort (2010) – Besprechung

Warum der Roman „Ehrenwort“ heißt, weiß ich nicht: Es geht um eine bürgerliche Familie mit kleinen Dellen; der Vater, Diplomingenieur, ist ein bisschen korrupt, seine Frau, eine Buchhändlerin, geht ein bisschen fremd, die Tochter studiert und ist lesbisch, der Sohn vernachlässigt sein Studium, wird erpresst, klaut Opas Geld und überhaupt… Bewegung kommt in das Geschehen, als der Opa verunglückt und ins Haus zieht. Der Enkel betätigt sich als Pfleger und verliebt sich in eine Pflegerin, Opa kommt wieder auf die Beine, obwohl die Eltern ihn möglichst schnell wieder weg haben wollen – zwei Mordversuche an Opa scheitern, dafür werden zwei Gangster von zwei Frauen ermordet und entsorgt.

Psychologische Wahrscheinlichkeit darf man bei Ingrid Noll nicht erwarten, sondern eine Art „humorvoller“ Unterhaltung; dazu gibt es wie üblich Nörgelei über die Verhunzung der deutschen Sprache, einige vom Opa zitierte lateinische Redensarten, ein bisschen Liebe, ein bisschen Cognac, zum Schluss ist die Familie wieder versöhnt, Sohn Max will Krankenpfleger werden und der Opa stirbt sogar – Max wusste sofort, „dass der Opa mit seinem Latein am Ende war“. Wer bei diesem doppeldeutigen Schluss den Humor des Erzählers nicht spürt, dem ist nicht zu helfen.

Wer die einigermaßen berühmte Autorin Ingrid Noll nicht kennt, hat nicht viel verpasst. Ich habe jetzt zwei ihrer Bücher gelesen, das reicht wirklich.

 

Ingrid Noll: Halali (2017) – Besprechung

Ingrid Nolls „Halali“ (2017) bietet harmlose Unterhaltung für vier Stunden: Studien des Bonner Milieus in den 50er Jahren, in dem zwei junge Frauen („Mädchen“ oder „Fräuleins“ sagte man damals) ihre Zeit mit Arbeit im Innenministerium, Spaziergängen, Tratschen, Spielen und der Suche nach einem Mann verbringen. Dabei wird mehr oder weniger augenzwinkernd erzählt, wie die beiden mit einem angeworbenen Agenten und seinem Führungsoffizier in Verbindung kommen und nicht nur diese beiden töten oder sterben lassen, sondern später auch noch einen dritten, den langweiligen Ehemann der einen; der wird auf einer Jagd erschossen, während der erste Tote Jäger hieß – daher der Titel „Halali“.

Ich-Erzählerin ist eine 82jährige Frau, die genauso alt wie Ingrid Noll ist; sie erzählt ihrer Enkelin Laura bei Besuchen dieses Stück ihrer Lebensgeschichte in Abschnitten, wobei sie die von der Enkelin repräsentierte Gegenwart mit der neugierigen Distanz einer alten Dame betrachtet. Das Beste am Buch sind die trefflichen Milieuschilderungen des Lebens junger lediger Frauen in Bonn in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, in die auch manche altbekannte Scherze eingebaut sind.

J. Littell: Die Wohlgesinnten (2008) – Besprechung

Es ist nicht einfach, eine einzige Meinung über einen Roman von gut 1300 Seiten zu haben, in dem Blut und Scheiße, Cognac und Sperma in Strömen fließen. Der idealistisch überzeugte SS-Mann Dr. Max Aue, Jahrgang 1913, erzählt und reflektiert rückblickend in der Ich-Perspektive sein Leben von Juni 1941 bis April 1945; er war im SD und so direkt für die ordnungsgemäße Ermordung von Juden, Partisanen und anderen „Volksfeinden“ hinter der Front verantwortlich, ohne doch Lust am Töten zu haben – gleichwohl ermordet er noch zum Schluss drei Menschen eher grundlos.

Er ist schwul und lebt seine Sexualität teilweise mit pathologischer Besessenheit aus, lässt aber die ihn liebende junge Witwe Helene nicht wirklich an sich heran. Das hängt damit zusammen, dass er seiner Zwillingsschwester Una seit ihren gemeinsamen heftigen Pubertätsliebesübungen verfallen ist, während die Schwester sich davon distanziert hat und mit dem älteren kranken Baron von Üxküll verheiratet ist (und vermutlich zwei nichteheliche Kinder, ebenfalls Zwillinge, hat, die bei ihrer zum zweiten Mal verheirateten Mutter untergebracht waren, bis diese mit ihrem zweiten Mann in Frankreich ermordet wird).

Das Buch endet damit, dass er im von den Russen eroberten Berlin seinen Freund Thomas, der ihm gerade das Leben gerettet hat, mit einer Eisenstange erschlägt und im verwüsteten Zoo in seiner Traurigkeit zu sich kommt: „Mit einem Mal spürte ich das ganze Gewicht der Vergangenheit, den Schmerz des Lebens und des unerbittlichen Gedächtnisses, ich blieb allein mit dem sterbenden Flusspferd, einigen Straußen und den Kadavern, allein mit der Zeit und der Traurigkeit und dem Leid der Erinnerung, mit der Grausamkeit meiner Existenz und meines künftigen Todes. Die Wohlgesinnten hatten meine Spur wieder aufgenommen.“ (S. 1358 f.) „Die Wohlgesinnten“, das sind die drei Rachegöttinnen des griechischen Mythos (https://de.wikipedia.org/wiki/Erinnyen), die aber in der Auseinandersetzung mit Apollon von Athene eine neue Aufgabe bekommen haben. Sie müssen ihn also schon vorher verfolgt und sein wahnwitziges Leben bestimmt haben – ein Tipp des Erzählers, wie sein Leben zu verstehen ist (die beiden Kriminalbeamten als ihre moderne Entsprechung?). Entgegen diesem Tipp wird auf den letzten 50 Seiten teilweise reichlich surreal erzählt, wie Aue sich zusammen mit Thomas mit einer Kinderbande durch die russischen Linien schleicht, wie er bei einer Ordensverleihung Hitler in die Nase beißt und nicht getötet wird, wie ein hartnäckiger Kriminalbeamter ihn im zerbombten Berlin erneut stellt und dabei vom zufällig hinzukommenden Thomas erschossen wird…

Und das alles muss sich mit dem vertragen, was der Erzähler zu Beginn über sein Schreiben sagt:: „Hier geht es nicht um Schuldgefühle oder Gewissensbisse. Die gibt es natürlich auch, das will ich nicht leugnen, aber mir scheint, die Dinge liegen viel komplizierter. Selbst ein Mensch, der nicht im Krieg war, der nicht töten musste, wird erlebt haben, wovon ich rede.“ (S. 15)

Nicht nur die Vielzahl der Personen, denen Max Aue begegnet, sondern auch die seltsamen Überschneidungen von Wehrmacht, staatlicher Verwaltung und SS nebst ihren zahlreichen Diensträngen machen für mich das erzählte Geschehen so unübersichtlich, dass ich mir 31 Memo-Streifen an besonders eindrucksvollen Stellen ins Buch geklebt habe. Ich finde Littells Versuch, die systematische Vernichtung von Millionen Menschen aus der Sicht eines überzeugten Nazis zu erzählen, jedoch interessant, weil wir bisher nur die neutrale historische Dokumentation und die Erzählungen aus der Sicht der Opfer (Primo Levi, Jorge Semprun und andere) kennen – und vielleicht die Rechtfertigungen verbohrter Nazis, wofür ich aber kein Beispiel weiß, sowie Schlinks verquasten „Vorleser“.

An einem Beispiel möchte ich das moralische Problem des Helden aufzeigen: Seit meiner Kindheit trieb mich der leidenschaftliche Wunsch nach dem Absoluten und nach Grenzüberschreitung; jetzt hatte mich diese Leidenschaft an den Rand der Massengräber in der Ukraine geführt. Ich war immer bestrebt gewesen, radikal zu denken; nun hatten auch der Staat, die Nation die Radikalität und das Absolute für sich entdeckt; wie also hätte ich mich in diesem Augenblick verweigern, Nein sagen und mich stattdessen für die Bequemlichkeit der bürgerlichen Gesetze, die laue Sicherheit des Gesellschaftsvertrags entscheiden können? Das war natürlich unmöglich. Und wenn sich die Radikalität als die des Abgrunds und das Absolute als das absolut Schlechte erwies, so galt es trotzdem – zumindest war ich davon in meinem Innersten überzeugt –, ihnen offenen Auges bis zum bitteren Ende zu folgen.“ (S.137 f.) Das ist eine nicht akzeptable Rechtfertigung: Wer dem Absoluten nachjagt, kann nur das Gute suchen; wenn sich das vermeintlich Gute als das wahrhaft Böse erweist, kann man an ihm als intellektuell Redlicher (als welcher Dr. Aue sich stilisiert, z.B. S. 452) nicht mehr festhalten, muss man (nach Nietzsche) zum „Verräter“ werden (Menschliches, Allzumenschliches I 627 ff.). – Die zitierte Stelle ist intellektuell verlogen, also unglaubwürdig; zumindest in der Rückschau müsste der Ich-Erzähler sich davon distanzieren.

Bei den Soldaten, die schießen, verurteilt der Erzähler diejenigen, denen das Freude macht; die jedoch ihre Aufgabe „aus Pflichtgefühl“ erfüllten und „Freude an ihrer Hingabe“ empfanden, die finden seine Zustimmung (S. 141) – damit lobt er einen Kadavergehorsam („In einem Staat wie dem unseren war jedem seine Rolle zugewiesen: Du bist das Opfer und du der Henker…“, S. 146), der mit dem von ihm vertretenen Kategorischen Imperativ nicht vereinbar ist, nur mit einem Imperativ, der dem Führerprinzip untergeordnet ist, wie Aue das in einem Gespräch mit Eichmann erläutert (S. 791 f.). Die Freiheit bestehe darin, „die Notwendigkeit der Führerbefehle für sich selbst zu verstehen und anzunehmen“, andernfalls bleibe man ein Schaf. (S. 147) „Die Höhere Führung musste diese Probleme natürlich in ihrer Gesamtheit betrachten…“ (S. 142) – das ist dann bloß Geschwafel.

Im Gespräch mit Thomas erklärt Dr. Aue, die Ermordung der Juden sei objektiv sinnlos, „ein Verlustgeschäft, die reine Verschwendung. Das ist alles. Insofern kann es nur einen einzigen Sinn haben: den eines endgültigen Opfers, das uns für immer zusammenschweißt, das uns ein für alle Mals daran hindert, den Rückweg anzutreten.“ (S. 203) Anschließend muss er kotzen, aber davon wird der Gedanke auch nicht besser – er unterschlägt die menschliche Möglichkeit, wieder neu anzufangen; er stammt aus einem unmenschlichen Dezisionismus: Nur der GOTT kann ein für alle Mal „handeln“, wie Aue selber letztlich weiß; denn er rechnet mit der Möglichkeit, dass die Roten mehr Fabriken haben als bisher angenommen. So ist die Rechtfertigung der „Endlösung“ der Akt eines Spielers, der nachträglich einsehen müsste, dass man so hoch nicht pokern darf.

Allen bisherigen Ausführungen widersprechen die Gedanken, die Aue bald darauf äußert: Die Massaker im Osten bezeugten paradoxerweise „die schreckliche, unabänderliche Solidarität der Menschen untereinander“; denn kein Soldat könne eine Frau oder ein Kind erschießen, ohne an die eigene Frau, Schwester oder Mutter und das eigene Kind zu denken – „das alles bewies, dass es den Anderen gibt, dass es ihn als Anderen, als Menschen gibt und dass kein Wille, keine Ideologie, kein noch so großes Maß an Dummheit und Alkohol dieses Band zerreißen kann – dieses überdehnte, aber unzerstörbare Band. Das ist eine Tatsache und nicht bloßes Meinen.“ (S. 210 f.) Dieser Gedanke widerlegt alles, was Aue bis dahin geschrieben hat. Was heißt das? Entweder ist Dr. Aue in seinem Denken nicht klar, ist er ein intellektueller Schwätzer, der blind mit diversen Versatzstücken arbeitet, oder der Autor Littell muss sich diesen Schuh anziehen.

Ein Traum des Dr. Aue und seine Deutung bestätigt diese intellektuelle Unbedarftheit (des einen oder des anderen): Aue träumt also von einem vollkommenen Lager, wie er nach dem Erwachen erkennt (S. 868 f.), und fragt sich dann, „ob es nicht einfach eine Darstellung des sozialen Lebens in seiner Gesamtheit war. Ohne seine billige Verkleidung … bleibt vom menschlichen Leben kaum mehr als das übrig; sobald man sich fortgepflanzt hat, hat man den Zweck der Spezies erfüllt; und was den Zweck des eigenen Lebens angeht, so ist er nichts als Augenwischerei, ein Köder, der uns dazu bringen soll, morgens aufzustehen; doch wenn man die Sache objektiv betrachtete, wozu ich mich imstande glaubte, war die Nutzlosigkeit all dieser Bemühungen offenkundig, genauso wie der Fortpflanzung selbst, da sie nur dazu diente, neue Nutzlosigkeit hervorzubringen. Und so kam mir der Gedanke, dass das Lager selbst, mit seiner strengen Organisation, seiner absurden Gewalttätigkeit und seiner peniblen Hierarchie, womöglich nichts anderes als eine Metapher sei, eine reductio ad absurdum des täglichen Lebens.“ (S. 869) Das ist wieder so ein Gedankensplitter, der sich mit den bisherigen Rechtfertigungen des Judenmordes nicht verträgt – der Gedanke eines Menschen, der zu den Herren und nicht den Sklaven des Lagers gehört.

Iris Radischs (DIE ZEIT) Kritik:

  • literarisch mittelmäßig bis dürftig [stimmt i.W., aber streckenweise spannend]
  • Ich-Perspektive des NS-Täters ist eine Chance, aber
  • das Buch ist nur eine Bibliotheksfantasie und offenbart nicht den Täter als Menschen, [das stimmt]
  • außerdem ist er ein Edelnazi, der einen akzeptablen Nationalsozialismus repräsentiert, [der Relativsatz ist falsch, Dr. Voss entlarvt die Rassentheorie als Unsinn, S. 423 f.]
  • er wird durch das intertextuelle Spiel mit der „Orestie“ des Aischylos veredelt, [stimmt vielleicht – mir wird der Bezug auf die Orestie aber nicht klar!]
  • weswegen Dr. Max Aues Taten als Schicksal, aber nicht als zu verantwortende Entscheidungen dastehen. [Das halte ich für falsch, wenn auch die zu erwartenden Strafen von Aue bloß als Siegerjustiz gesehen werden.]
  • Das ist ein innerer Widerspruch: Wenn man den Täter derart ins Zentrum rückt, muss man ihn auch verantwortlich machen. [Problematisch!]
  • Außerdem hat der Roman keinen Stil, ist sexuell schwülstig und lebt vom Standardvokabular des Horrors, bleibt floskelhaft. [Das stimmt, außerdem hat der Roman oft überflüssige Längen, auch bei den Sexorgien Aues.]
  • Es gibt keinen Grund, ihn zu lesen. [Das ist vorschnell geurteilt – man muss die Ich-Perspektive als Chance begreifen, die zu bedenken ist, auch wenn Littell sie nicht wirklich genutzt hat.]

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/ss-roman-die-wohlgesinnten-der-scherge-in-uns-a-535538.html sowie http://www.spiegel.de/thema/jonathan_littell/

https://www.zeit.de/2008/08/L-Littell-Radisch/komplettansicht (sehr kritisch)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/osteuropa-jonathan-littell-die-wohlgesinnten-1386577.html (sehr kritisch)

https://www.begleitschreiben.net/die-wohlgesinnten/ (sehr ausführlich, sehr kritisch)

https://www.welt.de/kultur/article1677754/Jonathan-Littell-macht-jeden-zum-Nazi.html

http://schwarzaufweiss.online/littell-jonathan-die-wohlgesinnten/ (kritisch, doch positiv)

https://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/DieWohlgesinnten

https://dieterwunderlich.de/Littell-wohlgesinnten.htm (Inhalt ausführlich)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Wohlgesinnten (knappe Übersicht)

 

Eumeniden (Mythologie), Erynnien, Furien, die furchtbaren Rachegöttinnen der griechischen Mythe, Tochter der Nacht, Quälerinnen der Bösen in der Unterwelt, und auf der Oberwelt die verderblichen Machte, welche Seuchen, Hunger, Mord und Krieg verbreiteten. Sie hießen Tisiphone, Megära und Alekto; Andere geben ihre Zahl auf 50 an. Schlangen umringelten ihr Haupt statt des Haares, Schlangen umgürteten sie, Schlangen, Fackeln und Dolche trugen[28] sie in entfleischten Händen; ihr Gesicht war voll tiefer Häßlichkeit, schwarz, ihre Hände bekrallt, doch stellte eine veredelte Kunst später auch die Furien schöner, ja in vollendeter Schönheit voll tiefen Ernstes dar. Wen die Furien verfolgten, der fand keine Ruhe, keinen Frieden; rastlos wurde er umhergejagt von Ort zu Ort, bis er den Tod fand oder freiwillig wählte, oder die »Zürnenden« (Erynnien) sühnte. Neben dem Areopagus zu Athen hatten sie eine geheiligte Grotte.

Damen Conversations Lexikon, Band 4. [o.O.] 1835, S. 28-29.

Permalink: http://www.zeno.org/nid/20001728903

Erinyen (Singular Erinys), die griech. Rachegöttinnen, nach Hesiod entstanden aus den auf die Erde gefallenen Blutstropfen des entmannten Uranos, nach andern Töchter der Nacht oder des Skotos (Dunkels) und der Gäa. Die Dreizahl erscheint zuerst bei Euripides, noch später die Namen Alekto (die nie Rastende), Tisiphone (die Mordrächerin), Megära (die Verargende). Wie ihre Heimat, so ist ihr Aufenthalt die Unterwelt, aus der sie gerufen und ungerufen emporsteigen, um ihres Amtes zu walten. Sie sind die unerbittlichen Rächerinnen jeder Überschreitung der Weltordnung, besonders der Vergehen gegen die Grundlagen der menschlichen Gemeinschaft; so strafen sie die Versündigungen gegen Götter, Eltern und Geschwister, namentlich die Blutschuld, Verletzung des Gastrechts, Meineid etc. auf Erden wie im Hades. Die Phantasie der Dichter stattete sie nach dem Vorgang des Äschylos, der sie zuerst auf die Bühne brachte, mit allen möglichen Schrecknissen aus: von dunkler Hautfarbe, mit schwarzen, nach Jägerinnenart aufgeschürzten Gewändern und schwarzen Flügeln, mit Flammenblicken, Schlangen im Haar und um Leib und Arme, durch giftigen Hauch und Geifer Mißwachs und Seuche verbreitend, Fackeln, Geißel, Stachelstab oder Schlangen in den Händen, hetzen sie unermüdlich die Frevler und versetzen den Getroffenen in Wahnsinn, bis er seine Schuld gesühnt hat. Aber als Hüterinnen des Rechts und Rächerinnen des Frevels galten sie auch als wohltätige Mächte, als Eumeniden (die »Wohlwollenden«); in Attika wurden sie als Semnai (die »Ehrwürdigen«) am Areopag und auf dem Hügel Kolonos verehrt.

Geopfert wurde ihnen des Nachts mit schwarzen Schafen, honiggemischtem Wasser, Milch und Kuchen. Eine Übertragung der griechischen E. sind die römischen Furiae oder Dirae, die gewöhnlich als Quälerinnen der Frevler in der Unterwelt vorgestellt wurden, aber auch auf die Oberwelt kommen, um in Wahnsinn zu versetzen und Verbrechen anzustiften. – Dem Zwiefachen der E. entsprechen in der Kunst zwei Typen, der ältere stellte sie als ehrwürdige, langgekleidete Frauen von ernstem Charakter mit Schlangen in der Hand als Symbol dar; der zweite kennzeichnet sie als die furchtbaren Göttinnen und gibt sie mit Vorliebe in der Tracht von Jägerinnen von mehr oder minder schrecklichem Aussehen (vgl. die Abbild.)

http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

Zur „Orestie“ des Aischylos siehe W. Nicolai: Zum doppelten Wirkungsziel der aischyleischen Orstie (https://publications.ub.uni-mainz.de/opus/volltexte/2011/2638/pdf/2638.pdf, dort v.a. S. 37 ff. zu den „Eumeniden); vielleicht tut man mit der Lektüre dieses großen Aufsatzes Herrn Littell jedoch zu viel der Ehre an.

L. Binet: HHhH – Besprechung

L. Binet: HHhH. Himmlers Hirn heißt Heydrich. rororo 25587

Ein großartiges Buch, das man bis zum Ende mit Freude liest (um S. 250 überkam mich allerdings das Gefühl, allmählich könnte es mit dem Attentat losgehen): Laurent Binet erzählt, wie das Attentat auf Heydrich im Mai 1942 vorbereitet und durchgeführt wurde, wie Heydrich starb und wie die Attentäter schließlich durch Verrat gefunden wurden, sich gegen eine Übermacht verteidigten und schließlich selbst töteten. Um diesen Kern herum werden viele Geschichten ausgebreitet, von Heydrichs Lebenslauf, von seinem mörderischen Wirken, von der tschechischen Exilregierung und ihren Soldaten, und immer wieder von Prag, von Böhmen und Mähren und der Slowakei.

Doch ist Binets Buch nicht nur ein Thriller, sondern es ist zugleich ein reflektierter Roman: Immer wieder macht der Erzähler sich daran, über die Möglichkeit, vergangenes Geschehen wahrheitsgetreu zu erzählen, Gedanken; er bezieht sich auf andere Autoren und ihre Bücher, auf Filme und auf seine eigenen Wünsche – das alles nicht ohne Ironie und mit dem Anspruch, nur Wahres zu erzählen: „Diese Geschichte wird zu meiner persönlichen Angelegenheit. Deshalb vermischt sich meine Vorstellung manchmal mit den tatsächlichen Fakten. Es ist, wie es ist.“ (S. 148) Kapitel 102 kann man als Paradebeispiel für dieses Spiel mit der „Wahrheit“ und mit dem Leser ansehen.

Damit etwas ins allgemeine Gedächtnis übergeht, muss es zunächst in Literatur verwandelt werden. Das mag schäbig sein, aber es ist nun einmal so.“ Soll man mit Binet über diesen Satz streiten? Nein, es ist besser, das ganze Buch zu lesen, um sich im Sinne Binets die Untaten der Nazis noch einmal vor Augen zu führen.

https://de.wikipedia.org/wiki/HHhH

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/laurent-binet-hhhh-wie-die-blonde-bestie-starb-11229062.html

https://www.perlentaucher.de/buch/laurent-binet/hhhh.html

Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion (2018) – Besprechung

Die siebte Sprachfunktion“ ist ein witziger Roman. Unter Sprachfunktionen versteht man die wesentlichen Aufgaben, welche Sprache für die Menschen hat. Der Linguist Jakobson (https://de.wikipedia.org/wiki/Roman_Ossipowitsch_Jakobson#Werk) hat deren sechs identifiziert, vielleicht auch eine siebte, und um diese siebte geht es: um das Performativ oder die Möglichkeit, mit Sprache jeden herumzukriegen oder zu besiegen.

Gesucht wird also Jakobsons Manuskript der Theorie der siebten Sprachfunktion, bzw. dessen Fälschung, um dessen Besitz und Raub… dabei kommen allerlei Menschen zu Tode. Die Ereignisse spielen im Jahr 1980, zunächst in Paris mit seinen Intellektuellen und einigen wichtigen Politikern, dann an verschiedenen Orten mit vielen koksenden Studenten und sexuell freizügigen Menschen. Inspektor Bayard wird vom französischen Präsidenten damit beauftragt, besagtes Manuskript zu finden und den Tod Roland Barthes‘ aufzuklären; er engagiert dazu einen jungen Sprachwissenschaftler, und der erlebt von heißer Liebe über großen Wettkampf bis zur Verstümmelung das pralle Leben.

Besagte Sprachfunktion soll bei zwei Gelegenheiten eingesetzt werden: beim rhetorischen Wettkampf im Logos-Club (mit schlimmen Konsequenzen für die Verlierer) und beim französischen Wahlkampf 1980, den Mitterand gewinnt – und so gehen die Ereignisse ihren Gang, zum Schluss ist der Fall aufgeklärt.

Ich habe das Buch mit Freude gelesen.

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article161767523/Ganz-Frankreich-ist-ein-einziger-Krimi.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/laurent-binets-roman-die-siebte-sprachfunktion-14574555.html

https://www.zeit.de/2017/05/die-siebte-sprachfunktion-laurent-binet-roman-campus

https://www.deutschlandfunk.de/laurent-binet-die-siebte-sprachfunktion-deftige.700.de.html?dram:article_id=378885

J. Kaube: Die Anfänge von allem (2017) – Besprechung

Jürgen Kaube, einer der Herausgeber der FAZ, hat mit „Die Anfänge von allem“ (Rowohlt 2017) ein Buch veröffentlicht, das im Dezember 2017 bereits in 3. Auflage vorlag, wobei die Auflagenhöhe aber dezent verschwiegen wird. Es geht darin um die Anfänge spezifisch menschlich-kultureller Errungenschaften, die nicht durch Nachahmung natürlicher Gegebenheiten erklärt werden können, vom aufrechten Gang über die Anfänge der Sprache, der Religion, der Musik, der Schrift bis zu den Anfängen des Geldes und der Monogamie – insgesamt 16 Kapitel mit 50 Seiten Anmerkungen und 40 Seiten Literaturangaben. Dabei greift Kaube auf evolutionsbiologische Überlegungen, historische Untersuchungen zur Antike und ethnologisches Vergleichsmaterial zurück, ohne dass diese Differenzen in der Fragestellung im Einzelfall begründet würden: Warum widmet er sich z.B. im 12. Kapitel den Anfängen des geschriebenen Rechts, also dem Codex Hammurabi, aber nicht dem mutmaßlichen Anfang rechtlicher Verhältnisse unter Menschen?

Bestechend ist die Fülle der Literatur, die Kaube verarbeitet hat; dabei fällt allerdings auf, dass die englischsprachige Literatur überproportional vertreten ist, auch mit Artikeln in Fachzeitschriften, an die man als normaler deutscher Leser nicht herankommt. Dafür fehlt manchmal deutsche Standardliteratur, bei der Schrift etwa Christian Stetters „Schrift und Sprache“ (Suhrkamp 1997).

Die 14 Kapitel sind naturgemäß nicht gleich gut. Die ersten Kapitel haben mich besonders beeindruckt: über den aufrechten Gang als zentrales Kriterium des Menschlichen, über das Kochen und Sprechen (wobei ich nicht begreife, wie es ein Kapitel über das Sprechen und eines über die Sprache geben kann). Gut ist auch das Kapitel über die Stadt, während die Kapitel über die Religion, den Staat und das Erzählen Schwächen aufweisen. Das müsste an vielen Einzelheiten belegt werden.

So geht es im 14. Kapitel darum, dass es praktisch war, die unzähligen Götter auf einige zu reduzieren. „Dafür waren Gedanken wie der nötig, dass nicht jeder Fluss eines zuständigen Gottes bedarf, wenn sich alle Flüsse aus einem unterirdischen See speisen. Dessen Gott genügte dann. Auf diese Weise kamen Konzepte wie Ursache und Wirkung, Ganzes und Teil oder Über- und Unterordnung ins Spiel. Die Menschheit lernte an den Göttern, die sie sich vorgestellt hatte, logisch zu denken.“ (S. 296) Das ist denn doch eine viel zu einfache „Erklärung“ der Herkunft von Kategorien des Denkens. Und es nicht die einzige Stelle, wo Kaube journalistisch-flott statt wissenschaftlich-langsam argumentiert.

Gleichwohl hat Kaube ein Buch geschrieben, das interessant ist und viel Stoff zum Nachdenken bietet. Und das wollte er ja auch, nicht nur die Anfänge zivilisatorischer Errungenschaften darstellen (S. 19), sondern auch „Perspektiven auf die Zivilisation (…) eröffnen, die nicht von unseren eigenen Gewohnheiten schon festgelegt sind“ (S. 22). Dabei ergibt sich, dass viele Errungenschaften nicht eine einzige Ursache haben, dass sie nicht direkt „erfunden“ worden sind, dass es über ihre Anfänge nicht nur eine Theorie gibt; wenn man gut Bescheid weiß, etwa über die Anfänge der Stadt, reduziert sich jedoch die Zahl der plausiblen Theorien.

Als eine Schwäche erweist sich m.E. die Aufteilung der Frage nach den Anfängen auf viele Themen, bei denen man dann wieder auf andere Themen resp. die dort vorgetragenen Überlegungen zurückgreifen muss. Ein chronologisch geordneter Längsschnitt hätte diese Probleme umgangen.

https://www.mdr.de/kultur/empfehlungen/sachbuch-der-woche-juergen-kaube-die-anfaenge-von-allem-100.html

https://www.zeit.de/2017/44/die-anfaenge-von-allem-juergen-kaube-sachbuch

http://www.deutschlandfunk.de/juergen-kaube-die-anfaenge-von-allem-ein-buch-das-lust-zum.700.de.html?dram:article_id=408511

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article169026184/Was-hat-der-aufrechte-Gang-mit-Monogamie-zu-tun.html (sehr anregend)

https://www.praeposition.com/sentimenthek/9-jrgen-kaube-die-anfnge-von-allem u.a.