Aufgaben zu Wolfgang Borchert: Das Brot

Text: http://www.geschichte-projekte-hannover.de/filmundgeschichte/deutschland_nach_1945/ruckblickende-kurzfilme/die-filme-2/das-brot-2.html

Zum Verständnis der Erzählung musst du wissen, dass diese Erzählung 1946, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist und dass damals die meisten Deutschen nicht genug zu essen hatten. – Bearbeite die Aufgaben in vollständigen Sätzen:

  1. Erkläre am Beispiel „Ach so!“, was personales Erzählen ist.
  2. Beschreibe kurz die Situation, in der die Eheleute sich in der Küche treffen.
  3. Erkläre, woran die Frau erkennt,
  •        dass ihr Mann sich Brot abgeschnitten hat,
  •        dass er sie belügt,
  •        warum er sie (vermutlich) belügt.
  1. In den ersten Absätzen wird mehrfach erwähnt (vom Erzähler, von den Figuren), dass die beiden sich im Hemd gegenüberstehen. Was bedeutet das in dieser Situation?
  2. Auch dass die Kälte der Fliesen an der Frau hochkriecht, hat vielleicht eine tiefere Bedeutung. Welche Bedeutung kannst du darin erkennen?
  3. Erkläre an einem Beispiel, was ein allwissender (omniscient) Erzähler ist.
  4. Der Mann denkt, bei den Frauen läge es an den Haaren, dass sie nachts älter aussehen. Wie kann man auf diese Idee kommen?
  5. Es wird gesagt, dass die Frau ihrem Mann mit einer Bemerkung zu Hilfe kommt. Erkläre,
  •        inwiefern (how) sie das tut,
  •        warum (why) sie das tut.
  1. „als ob er schon halb im Schlaf wäre“ ist ein irrealer Vergleich. Durch welches sprachliche Mittel wird angezeigt, dass dies in Wirklichkeit nicht der Fall ist?
  2. Warum möchte die Frau nicht, dass ihr Mann merkt, dass sie noch wach ist?
  3. In der Erzählung ist ein Zeitsprung (leap in time):
  •      Durch welche Wörter wird er angezeigt?
  •      Warum wird noch von dem erzählt, was später geschah?
  1. Erkläre, warum der Mann beim Abendessen nicht aufsieht.
  2. Findest du es richtig, dass die Frau ihrem Mann abends eine Scheibe von ihrer Portion Brot abgibt? Begründe kurz deine Meinung!

Vgl. auch die exemplarische Analyse https://norberto68.wordpress.com/2016/11/10/eine-erzaehlung-verstehen-wie-geht-das/!

Borchert: Nachts schlafen die Ratten doch – kurze Interpretation

Ich beziehe mich auf eine Textausgabe, die 87 Zeilen umfasst – danach kann man schätzen oder berechnen, wo die Belege in der eigenen Ausgabe stehen müssten.

Thema:

Es wird erzählt, wie es einem älteren Mann während des Krieges im Gespräch gelingt, aus einem neunjährigen Jungen in der Haltung eines wachsamen Kriegers wieder ein Kind zu machen, das sich über ein Kaninchen freut und bereit ist, am Abend nach Hause zu gehen.

Gang des Gesprächs:

Das Geschehen spielt in einer Trümmerlandschaft während des Krieges (Z. 1 ff.). Jürgen, ein Junge, tritt anfangs wie ein Soldat auf: Er bewacht etwas (aufpassen, Z. 13; mit Stock, Z. 14 f.; er raucht, Z. 42 f.). Der ältere Mann (Z. 9), der Kaninchenfutter gesammelt hat (Z. 9 f., 25 f.), bestimmt das Gespräch. Er eröffnet es mit Fragen an den neunjährigen Jürgen (Z. 12, Z. 28), die dieser zurückhaltend beantwortet (Z. 11 ff.); der will nicht preisgeben, worauf er aufpasst (Z. 16 ff.).

Über eine Anspielung auf das von ihm gesammelte Kaninchenfutter (Z. 22 ff.) und eine Kopfrechenaufgabe (Z. 27 ff., mit Lob verbunden, Z. 26) leitet er zu seinem Angebot über, Jürgen könne seine Kaninchen sehen (Z. 35 – das Angebot zielt auf das Kind in Jürgen). Als der Junge erneut auf seine Verpflichtung aufzupassen verweist (Z. 36), geht der Mann einen Schritt weiter und stellt die „irreale“ Möglichkeit dar, Jürgen hätte sich ein Kaninchen aussuchen können (Z. 45 f.).

Dieses Angebot stimmt Jürgen traurig, weil er es nicht annehmen kann, und bringt ihn dazu, sein erstes Geheimnis preiszugeben: „[E]s ist wegen den Ratten“ (Z. 50). Auf weitere Fragen erzählt er dann, dass er seinen verschütteten kleinen Bruder bewacht, damit die Ratten ihn nachts nicht auffressen (Z. 56 ff.). An dieser Stelle bekommt der Mann „plötzlich“ (Z. 61) die Idee, wie er Jürgen vollends erreichen kann: „Nachts schlafen die Ratten doch.“ (Z. 64 f. – eine Lüge: Ratten sind nachtaktiv!) Er stellt Jürgens Lehrer, der von den menschenfressenden Ratten gesprochen hat, als unwissend dar (Wiederholung, dass die Ratten nachts schlafen, Z. 62 ff.); damit stimmt er Jürgen um, der auf einmal „müde“ aussieht (Z. 63) und bei den von ihm gemachten Kuhlen an Betten denkt (Z. 68 – Wortfeld: nachts, müde, Betten, dunkel, Z. 63 ff.).

Der Mann macht dann seinen letzten Schritt auf Jürgen zu: Er schlägt ihm vor, ihn abzuholen, wenn es dunkel wird, und ihm ein Kaninchen mitzubringen (Z. 70 ff.). Jürgen denkt an kleine Kaninchen (Z. 72 f.) und geht auf das Angebot ein: „Da stand Jürgen auf“ (Z. 76 – Signal der Wandlung) und bittet von sich aus um ein weißes Kaninchen (weiß: Kontrast zum Dunkel der Trümmerlandschaft, Z. 1 ff.); der Mann besiegelt den Pakt, indem er vorschlägt, Jürgen am Abend nach Hause zu bringen – angeblich um dessen Vater zu erklären, wie man einen Kaninchenstall baut (Z. 79 f.). Damit ist die Wandlung Jürgens vollendet: „Ja, rief Jürgen, ich warte.“ (Z. 81)

Zum Schluss erwähnt der Erzähler noch einmal das grüne Kaninchenfutter (grün: Farbe des Lebens), das allerdings ein wenig (!) grau von Schutt ist.

Sprache:

Beachtung verdienen die Kürze der Sätze, ihre einfache Aufreihung, die Personifikationen zu Beginn (Z. 1-3), die Farbsymbolik.

Das Gespräch in Alltagssprache wird durchweg zeitdeckend erzählt; der allwissende Erzähler kennt auch die Gedanken Jürgens (z.B. „dachte er“, Z. 6). An einer Stelle werden die Gedanken Jürgens personal, also ohne ein einführendes Verb des Denkens vorgetragen (Z. 72 f.)

Erläuterung: Früher hat man Kaninchenfutter nicht im Laden gekauft, sondern Grünzeug am Feldrand oder auf Wiesen selber geschnitten (vor allem Löwenzahn, wenn ich mich recht entsinne). Viele Leute hatten Kaninchen, damit sie nicht immer das Fleisch für den Sonntagsbraten kaufen mussten; unter der Woche erinnerte nur noch die Soße an den Sonntagsbraten.

G. Wohmann: Schönes goldenes Haar – Erläuterungen, Analyse

Diese Erzählung ist inzwischen rund 50 Jahre alt – sie stammt aus einer anderen Zeit, in ihr spiegeln sich inzwischen veraltete Denkweisen. Wenn man Gabriele Wohmanns Erzählung „Schönes goldenes Haar“, die in einem 1968 veröffentlichten Sammelband von Erzählungen stand, verstehen will, muss man den früheren Umgang mit Sexualität kennen. Stark vereinfacht gesagt galt damals,

  • dass sexueller Umgang nur in die Ehe gehörte,
  • dass nur Mann und Frau anständigen Sex haben könnten (Homosexualität unter Männern war nach § 175 StGB strafbar),
  • dass sexueller Verkehr primär dazu da war, Kinder zu zeugen (katholische Auffassung) – Empfängsnisverhütung galt als schwere Sünde,
  • dass sich der Kuppelei strafbar machte, wer sexuellen Verkehr zwischen Unverheirateten ermöglichte,
  • dass nur „der Mann“ sexuelle Bedürfnisse habe und die Frau diese eher erdulde und erleide, wogegen „Migräne“ als akzeptierte Ausrede half.

Da man aber auch wusste, dass dies alles nicht ganz richtig sei, entstand eine Doppelmoral: Einerseits sagte man…, anderseits wusste man (und praktizierte man) oft das Gegenteil. Aber man konnte nicht in normaler Sprache über Sexualität sprechen, höchstens in Latein (die Fachleute), in einer vulgären Sprache (die Männer) oder in dezenten Anspielungen (die Frauen), welche Kinder nicht verstehen sollten.

Die große Veränderung stellte die „sexuelle Revolution“ in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts dar, wobei heute umstritten ist, wodurch sie ausgelöst wurde: durch die Erfindung der Antibabypille, die Erfindung des Penicillins oder einen mental-gesellschaftlichen Aufbruch aus der dumpfen Nachkriegszeit (Restauration nach der Nazizeit, mit großem Einfluss der christlichen Kirchen).

In Gabriele Wohmanns Erzählung agiert die Mutter in dieser Doppelmoral: „Sorge“ um die Tochter und ihre Unschuld – Freude an ihrer Schönheit und Beliebtheit, Beförderung ihrer Attraktivität; auch die Einschätzung der Frauen als „Opferlämmer“ bezeugt die traditionelle Sicht auf die Männer, die „immer nur das Eine“ wollen, was die Frauen dann notgedrungen erdulden. Dass die Kommunikation zwischen Frau und Mann nach 20 Ehejahren nicht (mehr?) gelingt, ist ein anderes Problem, worauf heute im Zeitalter der Kommunikationsanalyse der Blick ruht, ohne dass nach den Ursachen dafür (oder nach der Berechtigung des Ideals „gelingende Kommunikation der Eheleute“) gefragt würde; man muss halt laut Lehrplan Kommunikationsmodelle durchspielen und unters Volk bringen.

Stichwort „Sexuelle Revolution“:

http://www.focus.de/wissen/videos/1961-die-pille-und-die-sexuelle-revolution_id_5312771.html

http://www.sueddeutsche.de/wissen/sexualitaet-sexuelle-revolution-bereits-in-den-er-jahren-1.1586833

http://www.taz.de/!5053471/

http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/68er-bewegung/51853/sexuelle-revolution?p=all

http://www.ezw-berlin.de/downloads/Information_20.pdf (Kurt Hutten: „Die sexuelle Revolution“ – Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen 1966)

Kardinal Joseph Höffner: Sexual-Moral im Licht des Glaubens. Zehn Leitsätze des Erzbischofs von Köln, 1972 (hier 3. Auflage 1973): „Zeichen und Unterpfand reifer und selbstloser Liebe ist vor allem die Ehrfurcht voreinander. Wer meint, das gegenseitige Kennen- und Schätzenlernen werde durch frühzeitige intime Beziehungen gefördert, irrt sich. Echte Liebe sieht im anderen in einzigartiger Weise den Sohn oder die Tochter Gottes. Sie wird den anderen nicht mit dem eigenen Begehren und Verlangen überfallen, sondern sich in einem wahren Sinn als verehrende Liebe erweisen. (…) Auch wenn die Brautleute den Verlobungsring am Finger tragen, dürfen sie nicht das vorwegnehmen, was der Herr ihnen im Sakrament der Ehe überträgt.“ (S. 25 f.)

Stichwort „Kuppelei“:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kuppelei (dort: Rechtliche Lage bis 1967: „Das Zusammenleben von unverheirateten Paaren unter einem Dach (sog. Wilde Ehe) war bis zur Abschaffung dieses Strafrechts-Paragrafen faktisch unmöglich. Denn dies wurde in Deutschland als Verstoß gegen die guten Sitten angesehen. Mietverträge über die Vermietung einer Wohnung an ein unverheiratetes, nicht wenigstens verlobtes Paar wurden als Begünstigung zur Kuppelei angesehen und konnten daher unwirksam sein. Zudem konnte der Vermieter einer Wohnung wegen Kuppelei belangt werden, wenn er einem nicht wenigstens verlobten Paar eine Wohnung vermietete. Es war daher üblich, dass sich der Vermieter vor Abschluss eines Mietvertrags z. B. den Trauschein des Paares vorlegen ließ. Auch in Beherbergungsbetrieben wurde die Vorlage von Dokumenten verlangt, wenn Doppelzimmer gebucht wurden, da die Vermittlung von Prostitution unterstellt wurde.“

http://de.wikimannia.org/180_StGB (Geschichte des § 180 StGB: Kuppelei)

Analyse

(Text, Aufgabenstellung und Zeilenzählung nach https://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/cms/upload/zentrale_klausuren/Beispielklausur_lit._Text_AufgabeL.pdf; die Zählung beginnt bei „Gabriele Wohmann“, der Text endet mit Z. 59)

Die Erzählung „Schönes goldenes Haar“ wurde 1968 in einem Band von Erzählungen Gabriele Wohmanns veröffentlicht; man kann sie als Kurzgeschichte ansehen, wofür nicht nur der unvermittelte Anfang und das offene Ende sprechen, sondern auch die Alltäglichkeit des erzählten Geschehens.

Ein neutraler Erzähler, der uns öfter personal erzählend an den Gedanken der Figuren teilhaben lässt, berichtet: Ein Ehepaar sitzt am Abend in der Küche (vermutlich nicht im Wohnzimmer, das war damals noch die gute Stube); der Mann liest die Zeitung (Z. 5 f.), die Frau stopft Socken (Z. 7). Sie spricht ihn vorwurfsvoll an (Z. 1 f.), weil ihre Tochter „oben“ (Z. 2), also in ihrem eigenen Zimmer allein mit einem jungen Mann ist und sie sich Sorgen macht, was die beiden „da oben vielleicht jetzt treiben“ (Z. 11), dass sie also ins Bett gehen könnten, was sich offensichtlich nicht gehört und sogar mit einer Schwangerschaft enden könnte. Der Gegenstand des Gesprächs ist sowohl das mögliche Tun der Tochter (Z. 11 f.) als auch die diesbezügliche Gleichgültigkeit des Mannes, die sie ihm wiederholt vorhält (Z. 1 f.; 20 f.; 23); er tut beides mit einer kurzen Bemerkung ab (Z. 28) – das ist sein einziger Beitrag zu diesem Thema, ansonsten verschanzt er sich hinter seiner Zeitung (Z. 7 f.; 35; 42) und schaltet sogar das Radio ein (Z. 40). Unvermittelt wechselt die Frau das Thema (Z. 45) und beginnt, von der Schönheit ihrer Tochter zu schwärmen, speziell von ihrem schönen Haar (in Gedanken ab Z. 48, verbal Z. 52); dem stimmt ihr Mann lakonisch zu (Z. 54) – ihr Gerede ist für ihn, personal erzählt, nur „quasseln und rumpoussieren“ (Z. 39 f. [poussieren: flirten, schmeichelnd umwerben, süß reden]).

Die Frau ist von Anfang an erregt (Aufregung, Z. 5 f.; unruhig, Z. 7; Erregung und Pusteln im Gesicht, Z. 25 f.; heiß, Z. 26 und 31; sie schwitzt, Z. 34); sie nimmt ihren Mann als bedrohlich wahr (fette Krallen, Z. 9, 14 f., 19), wie wiederholt personal erzählt wird. Überhaupt sind die Männer für sie Räuber, wie die Frauen allesamt „Opferlämmer“ sind (Z. 19) – ihr eigener Mann ist in ihrer Erinnerung auch nur ein frecher junger Mann mit dreisten Wünschen gewesen (Z. 13 f.), sie habe angeblich keinen Wunsch nach Intimität gehabt (Z. 14, vgl. die paar ausgeblichenen Bilder, Z. 31 f.). Im Widerspruch dazu nimmt sie den Verehrer ihrer Tochter als ausgesprochen netten und sympathischen Mann wahr (Z. 16 f.), freut sich über deren Attraktivität (Z. 45 f.) und plant sogar, durch Änderung des Kleides ihren Busen stärker hervorzuheben (Z. 46 f.). Das Verhältnis Mann-Frau erlebt sie also ausgesprochen ambivalent, wobei sie für sich Negatives sieht (vgl. auch ihre Arbeit: Stopfen; Kochen, Z. 29 f. mit der Folge Z. 36 f.; geätzte Haut, Z. 58), für ihre Tochter dagegen nur Positives (Schönheit, Verehrer, Z. 45 ff. und Z. 16 f. mit 31 f.). Das eine hat mit anderen vermeintlich nichts zu tun (Z. 31 f. und den Kontrast zwischen dem Bild ihres eigenen Mannes damals und dem Herrn Fetter heute, Z. 13 ff.).

In ihrer Erregung und dem Wunsch, mit ihm zu sprechen („redseliges Gesicht“, Z. 39 – seine Perspektive), setzt sie mehrfach zu ihren Vorwürfen an, ohne ihren Mann damit zu erreichen (s.o.); man kann also nicht sagen, dass sie dominant sei (gegen die NRW-Lösungserwartung). Sie schickt sich vielmehr in ihre Hilflosigkeit und Einsamkeit (ab Z. 42; vgl. die Metaphern „die Wand der Zeitung“, Z. 8, und „Abendversteck“, Z. 35); sie akzeptiert, dass von nun alles anders wird und sie Laurela als Gesprächspartnerin verliert (Z. 43-45 mit Z. 39 f.), auch wenn ihr das vielleicht auf den Magen schlägt (Z. 43). Der entscheidende Satz, aus ihrer Sicht, lautet: „Das war ihr Abend…“ (Z. 43 f.); das Pronomen „ihr“ bezieht sich sicher auf Laurela; Laurela ist oben, die Eltern sind unten (Z. 44 f.) – das gilt räumlich und symbolisch zugleich, die Eltern treten zurück, ordnen sich unter, müssen ab jetzt nur noch warten. Dafür wird die Mutter durch die Schönheit Laurelas und die Tatsache, dass diese Schönheit ihre Tochter ist („Seine und ihre Tochter“, Z. 57 f., wie sie wiederholt denkt), entschädigt. In der Tochter bleibt sie also ihrem Mann verbunden, auch wenn er mit seinen „Krallenpfoten“ schmatzt und schluckt und sie von der Hausarbeit eine geätzte Fingerkuppe hat (Z. 55 ff.). Der letzte Satz zeigt zugleich ihren Stolz und ihre Ambivalenz: Mitleid wohl mit sich selbst, Stolz auf ihre Tochter.

Man könnte sagen, dass mit ihrem Gedanken in Z. 45 eine Wende eintritt, sowohl thematisch als auch in ihrer Stimmung; aber diese Wende entfaltet nur die Ambivalenz der Frau oder ihre inneren Widersprüche, die sich bereits im Unterschied der Einschätzung ihres eigenen Mannes als jugendlicher Verehrer und des Herrn Fetter als Verehrer ihrer Tochter gezeigt haben.

Zur Aufgabenstellung NRW eine kritische Frage: Was sind erzählerische Mittel neben sprachlichen Mitteln? Sind erzählerische Mittel keine sprachlichen Mittel? Oder sind sprachliche Mittel Wortwahl, Satzbau, rhetorische Figuren und erzählerische Mittel die Formen der Redewiedergabe, die Zeitgestaltung und der erzählte „Inhalt“? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Mit dieser Einschränkung meine ich, dass hier von einem scheiternden Kommunikationsversuch erzählt wird: Ihrer Aufregung steht seine Gleichgültigkeit gegenüber. Er liest seine Zeitung, obwohl sie ihn mehrfach anspricht; er hört nur „werbendes Gejammer“ (Z. 23) und „ewiges Gegacker“ (Z. 38 – Metapher „Hühner“), er ist mit sich und der Welt zufrieden (Z. 35 ff.) und gibt nur kurze abweisende Antworten (Z. 28 und Z. 54). Die verschiedenen Tier-Metaphern (Raubtier, Opferlämmer, Hühner) zeigen, dass die personal erzählten Vorstellungen der Ehepartner vom anderen Geschlecht nicht dazu geeignet sind, ein Gespräch möglich zu machen. Ob sie ihn mit der „Sorge“ um die Tochter erreichen will oder ob die Sorge um Laurela ihre Hartnäckigkeit bei den Vorwürfen erzeugt, ist nicht zu entscheiden; er weist sie zurück, wofür die Zeitungswand das klarste Symbol ist (neben dem Anstellen des Radios); sie lehnt ihn ab (Wiederholung der Krallenmetapher; Adjektive „fett“, Z. 9; „fleischig“, Z. 14; „prall“, Z. 37, usw.) und flieht dann in eine Traumwelt, die von ihrer Tochter, der Schönheitskönigin Laurela, beherrscht wird.

Es ist schwer zu sagen, wie lange das erzählte Geschehen dauert; ich nehme an, dass es ungefähr so lange wie das Erzählen selbst dauert: ein paar Minuten; das zeigt, welche Bedeutung der Erzähler dem Geschehen beimisst. Ich lese die Erzählung als Kritik nicht nur am selbstzufriedenen Ehemann, sondern auch an der weinerlichen Frau, die keinen Ausweg aus ihrer Ambivalenz findet.

Die vier Seiten des Modells des Herrn Schulz von Thun kann man leicht im Internet nachschauen: http://www.schulz-von-thun.de/index.php?article_id=71&clang=0

https://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell (mit einem Beispiel)

http://www.germanistik-kommprojekt.uni-oldenburg.de/sites/1/1_06.html (am linken Rand andere Aspekte!)

http://wortwuchs.net/vier-ohren-modell/ (mehrere Beispiele)

Ich halte das Modell für nicht konsequent zu Ende gedacht: Der Aspekt „Beziehung“ umfasst bei Schulz von Thun sowohl die Einschätzung des Hörers als auch die Bewertung der Beziehung durch den Sprecher. Konsequent wäre es, wenn man nur „Selbstdarstellung des Sprechers / Einschätzung des Hörers“ unterschiede; darin ist nämlich die Einschätzung des Verhältnisses zwischen ihnen bereits eingeschlossen. – Zur Kritik an Schulz von Thuns Modell:

http://www.hyperkommunikation.ch/crashkurse/crashkurs_kommunikation/ck_kommunikation18.htm

http://www.btc-management.de/nachrich.htm

http://www.pflegewiki.de/wiki/Vier-Ohren-Modell

Die Selbstdarstellung der Frau ist oben hinreichend herausgearbeitet: Einmal ist sie besorgte Mutter, fleißige Hausfrau (stopfen, kochen) und Opferlamm des Mannes, dann ist sie auch noch die Mutter der schönen umschwärmten Laurela: das Frauenbild der Nachkriegszeit – dazu passte auch ein tüchtiger Sohn (wie Herr Fetter), der es weiter als seine Eltern bringt.

Zur Kurzgeschichte „Schönes goldenes Haar“:

http://www.zum.de/Faecher/Materialien/dittrich/Pruefung/schoenes_haar.htm (Text, Aufgabenstellung, Lösungserwartung)

https://www.inhaltsangabe.info/deutsch/interpretation-schoenes-goldenes-haar-von-gabriele-wohmann (schwache „Interpretation“)

http://www.freiereferate.de/deutsch/inhaltsangabe-schoenes-goldenes-haar-von-gabriele-wohmann (schwache Paraphrase)

http://marvins-zeug.de.tl/Textanalyse-Sch.oe.nes-Goldenes-Haar.htm (komplette Hilflosigkeit des Schülers vor dem Text)

https://teilenundkommentieren.wordpress.com/2013/05/27/analyse-stilmittel-und-erzahlerische-mittel-schones-goldenes-haar/comment-page-1/#comment-312 (dito)

http://www.babelboard.de/showthread.php/13255-Interpretation-Sch%C3%B6nes-goldenes-Haar-Gabriele-Wohmann (dito)

http://www.veritas.at/vproduct/download/download/sku/OM_26136_3 (hier scrollen -> „Zu Seite 216“, falsche Datierung: 1980 statt 1968; das Verhältnis der Eheleute ist richtig erkannt, die sexuelle Verklemmung der Frau und ihre Ambivalenz nicht)

http://www.fachdidaktik-einecke.de/1_Unterrichtsplanung/litsequenz_bsp_kommunik.htm (mögliche Texte zur Kommunikationsanalyse benannt, mit Analysemodell)

Kafka: Die Verwandlung, Motiv: Vater-Sohn-Konflikt

Die Absätze aller drei Kapitel werden wieder mit arabischen Ziffern gezählt, damit Leser unterschiedlicher Ausgaben diese Untersuchung nutzen können.

Vorgeschichte: Gregor hat an einem ungeliebten, anstrengenden Beruf festgehalten, um die Schuld der Eltern an seinen Chef abzubezahlen (I 4-6). Er hält durch seine Arbeit die anderen aus, liefert seinen Verdienst fast vollständig ab (II 12); es hat sich sogar etwas Vermögen gebildet, welches der Vater verwaltet (II 12, 14). Der Vater frühstückt stundenlang (I 24), während Gregor um vier Uhr morgens aufstehen muss (I 7). Keiner aus der Familie außer Gregor arbeitet ( II 12); der Vater ist träge und fett geworden (II 15). Nur die Schwester lässt es nicht an Wärme gegen Gregor fehlen (II 12).

Eines Nachts wird Gregor in ein Ungeziefer verwandelt (I 1) und verschläft das Aufstehen (I 7). Gregor befürchtet Vorwürfe des Chefs an seine Eltern wegen des faulen Sohnes (I 7). Er sorgt sich um die Eltern, falls er die Arbeit verlöre (I 17, 25, 27), und bittet den Prokuristen um Schonung für seine Eltern (I 18). Er denkt an den Vater als Helfer beim Aufstehen (I 13).

Der Vater mahnt heftiger und ungeduldiger als die Mutter zum Aufstehen (I 7, 16); er schickt nach dem Schlosser, um Gregors Zimmertür gewaltsam öffnen zu lassen (I 20). Er ballt die Faust gegen Gregor (I 223) und scheucht ihn schließlich mit Stock und Zeitung in sein Zimmer zurück (I 27): unerbittlich, mit Zischlauten, mit einem Stock drohend. Er gibt dem in der Tür feststeckenden Gregor einen starken Stoß, wodurch Gregor ins Zimmer fliegt und verletzt wird, und schlägt die Tür zu (I 27).

In Kap. I wird also erzählt, wie Gregor nach der Verwandlung von der Sorge um die Familie erfüllt ist, während der Vater als einziger feindselig gegen ihn auftritt, ihn verjagt und verletzt; dabei ist Gregor der, der als einziger für den Unterhalt der ganzen Familie aufgekommen ist.

Während Gregor im Fortgang des Geschehens (Kap. II) auf die Familie Rücksicht nimmt (II 6) und sich schämt, dass die anderen jetzt arbeiten müssen (II 15), versorgt ihn die Schwester als einzige widerwillig und voll Abscheu (II 2 ff.); die Familie ist bedrückt (II 10, 11). Als jedoch die Mutter beim Anblick Gregors in Ohnmacht fällt, droht jene ihm mit erhobener Faust (II 27) und informiert den Vater: „Gregor ist ausgebrochen.“ (II 28) Der Vater ist gegenüber früher wie verwandelt (II 29), tritt übermächtig auf und verfolgt Gregor: Er bombardiert ihn mit Äpfeln und verletzt ihn, so dass die Mutter „in gänzlicher Vereinigung mit ihm“ um Schonung für Gregor bittet.

Die Situation hat sich gegenüber dem ersten Tag verschärft: Der Vater ist erstarkt, die Schwester ist auf seine Seite getreten, die Verfolgung und Verwundung Gregors durch den Vater sind stärker geworden.

Über einen Monat bleibt die Situation dann im Wesentlichen unverändert, so dass Gregor glaubt, er werde wegen der Verwundung geschont und gelte noch als „ein Familienmitglied“ (III 1); abends lässt man die Tür zu Gregors Zimmer ein wenig offen (III 2), der Vater schläft abends regelmäßig ein (III 3-5), seine Uniform verschmutzt, er hat seinen Schrecken verloren. Man lässt aber Gregors Zimmer verdrecken (III 7) und zur Rumpelkammer verkommen (III 9) – Gregor ist voller Wut über die schlechte Wartung (III 7). Er isst nun „fast gar nichts mehr“ und ist „zum Sterben müde und traurig“ (III 9), er geht freiwillig auf den Tod zu.

Nach dem Eklat mit den Zimmerherrn beim Violinspiel der Schwester (III 15) ergreift diese die Initiative: Sie fordert wiederholt heftig, man müsse Gregor loswerden, weil er bloß ein Tier sei (III 17, 20, 25); der Vater stimmt ihr zu (III 18), sie schließen sich zum neuen Paar zusammen (III 25, 26). Man sperrt Gregor in seinem Zimmer ein (III 28); er meint noch entschiedener als seine Schwester, verschwinden zu müssen, und stirbt (III 29). „Nun,“ sagte Herr Samsa, „jetzt können wir Gott danken.“ (III 31)

Gregors Schwester wird zu seiner offenen Feindin und verbündet sich noch inniger mit dem Vater, um Gregor zu beseitigen; er stirbt freiwillig.

Auswertung/Interpretation

  1. Der Vater-Sohn-Konflikt wird in der Erzählung „Die Verwandlung“ im Rahmen der Familie ausgetragen. Das sieht man schon daran, dass häufig die Aktionen und Reaktionen der drei anderen Mitglieder berichtet werden, vom Wecken am Unglücksmorgen (I 7) bis zum Ausflug nach Gregors Tod (III 34). Gregor selber nennt die Familie als die Größe, für die er gearbeitet hat (s.o., vor allem II 12) und in der er lebt; für ihn ist nämlich entscheidend, „daß Gregor trotz seiner gegenwärtigen und ekelhaften Gestalt ein Familienmitglied war, das man nicht wie einen Feind behandeln durfte, sondern demgegenüber es das Gebot der Familienpflicht war, den Widerwillen hinunterzuschlucken und zu dulden, nichts als zu dulden“ (III 1).
  2. Durch die Verwandlung wird seine Rolle in der Familie verändert:
  • Er verliert seine Bedeutung als Ernährer der Familie. Er hatte „der erstaunten und beglückten Familie zu Hause“ das Geld auf den Tisch legen können (II 12); niemand brauchte zu arbeiten. Mit der Verwandlung entfällt diese Rolle Gregors (I); der Vater gewinnt neue Macht über ihn (I 27) und drängt ihn gewaltsam in sein Zimmer zurück. Er erscheint Gregor sogar wie verwandelt und verletzt ihn beinahe tödlich (II 29).
  • Allerdings hatte sich das ursprüngliche Ansehen Gregors im Lauf der Zeit schon verloren. „Nur die Schwester war Gregor doch noch nahe geblieben […].“ (II 12). Mit der Verwandlung verliert er auch die Zuneigung der Schwester, die ihn nur noch voller Abscheu versorgt (II).
  • Die Mutter scheint sich zwar anfangs für ihn einzusetzen (I 16 – das könnte aber auch dem Versorger der Familie gelten), kann jedoch seinen Anblick nicht ertragen und flüchtet sich wie selbstverständlich zum Vater (I 27, II 29).
  • Als sich die Schwester mit dem Vater gegen Gregor verbündet (II 28, III 25 f.), fordert sie, Gregor aus der Familie zu entfernen, weil er bloß noch ein Tier sei (III 17 ff.).
  • Gregor, schon lebensmüde (III 9), macht sich in seiner Schwäche diesen Wunsch zu eigen und stirbt (III 29). Ohne ihn lebt die Familie auf (III 30 ff.).
  1. Wenn man die Verwandlung als einen „Aufstand“ Gregors gegen die Familie verstehen will, wäre dieser völlig missglückt. Wenn man sie als schicksalhaftes Ereignis versteht, wäre sie Strafe für sein verfehltes Leben: Er hat sich der schmarotzenden Familie untergeordnet, sich mit dem Bild einer schönen Frau, „das er vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte“ (I 2), begnügt und auf ein eigenes Leben verzichtet (I 16); dafür wird er jetzt bestraft, indem man ihn in sein Zimmer einsperrt. Wenn man die Verwandlung als Auswirkung väterlicher Macht versteht, wäre sie der entscheidende Schritt, mit dem Gregors vaterähnliche Versorgerrolle beendet wird und der Vater seine Übermacht (er verwaltet das Geld, II 12) sowohl zeigt wie festigt (II 29), und zwar im Verein mit der Schwester. – Durch die Verwandlung wird Gregors Rolle in der Familie geschwächt; er wird überflüssig und lästig. Folgerichtig verschwindet er als „Untier“ (III 17) aus diesem Verbund, in dem es für ihn Liebe und „Glanz“ nur um des Geldes willen gegeben hatte (II 12).

 

In Elisabeth Frenzels Werk „Motive der Weltliteratur“ (2008 in der 6. Auflage, ich habe leider nur die 1. Aufl. von 1976) gibt es einen großen Artikel über den „Vater-Sohn-Konflikt“ als Motiv der Weltliteratur. Sie schreibt allgemein über diesen Konflikt (kurz) und geht dann die Beispiele der Weltliteratur durch.

Es dürfte klar sein, dass der Vater-Sohn-Konflikt auch das zentrale Motiv von Kafkas Erzählungen „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ ist. Hinzu kommt der große „Brief an den Vater“ – man muss sich aber davor hüten, diesen Brief als Dokumentation des realen Lebens der Familie Kafka zu lesen; er ist ein Dokument von Franz Kafkas Erleben oder seiner Sicht des Verhältnisses – und als solches kann man es zur Interpretation der beiden Erzählungen (beide älter als der Brief) heranziehen.

Ich möchte anregen, als zentrales Motiv von Kafkas „Die Verwandlung“ nicht die Verwandlung, sondern eben den Vater-Sohn-Konflikt anzusehen, der auch das Verhältnis zu Mutter und Schwester umfasst und dazu die finanzielle Situation der Familie betrifft. In diesem Rahmen könnte man dann auch die plötzliche Verwandlung Gregors (und die Verwandlung der Familie) interpretieren.

Ich nenne zum Schluss der Linkliste einige mehr oder weniger oberflächliche Untersuchungen zum Vater-Sohn-Konflikt in den beiden Erzählungen. Ich erinnere noch daran, dass Kafka selber 1913 die drei Erzählungen „Der Heizer“, „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ unter der Überschrift „Söhne“ herauszugeben vorgeschlagen hat; 1915 hat er dann die Erzählungen „Das Urteil“, „Die Verwandlung“ und „In der Strafkolonie“ unter dem Titel „Strafen“ zu veröffentlichen angeregt.

http://limotee.blogspot.de/2012/08/vater-sohn-konflikt.html (Vater-Sohn-Konflikt: das Motiv in der Literatur)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/6804.htm (Vater-Sohn-Konflikt in der Literatur)

http://www.lesekost.de/themen/HHLTH15.htm (dito: Titel, mit Sekundärliteratur)

http://www.erf.de/online/uebersicht/politik-und-gesellschaft/die-fuenf-tragischsten-vater-sohn-konflikte/2270-542-3775 (Fünf große Vater-Sohn-Konflikte)

http://www.kafkaesk.de/franz-kafka/kafka-familie-freunde/hermann-kafka/verhaeltnis-kafka-vater.html (Vater-Sohn-Konflikt als Zeitphänomen um 1900)

http://www.deutschlandfunk.de/ein-besonderer-vater-sohn-konflikt.700.de.html?dram:article_id=83592 (Vater-Sohn-Konflikt bei Thomas Mann)

https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96dipuskonflikt (Art. „Ödipuskomplex“)

http://www.oedipus-online.de/FreudaufCouch.html (Ödipuskomplex und S. Freud)

http://kino-zeit.de/service/tag/vater-sohn-konflikt (Vater-Sohn-Konflikt: 62 Filme)

http://www.moviepilot.de/filme/beste/handlung-vater-sohn-beziehung (Vater-Sohn-Beziehung: Filme)

http://www.kikt.de/pdf/vortrag_hopf_sohn.pdf (Vater-Sohn, entwicklungspsychologisch)

http://alex-rubenbauer.de/psychologie/432/schwierige-vater-sohn-verhaeltnisse-weit-verbreitet/ (Schwierige Vater-Sohn-Verhältnisse)

http://www.presse.uni-oldenburg.de/einblicke/43/flaake.pdf (Männer als Väter und Söhne – heute)

http://de.uncyclopedia.wikia.com/wiki/Vater (Art. „Vater“, satirisch!)

http://www.huepertexte.de/cms/Joomla/index.php?option=com_content&task=view&id=545&Itemid=53 (Vater-Sohn-Konflikt: U-Ideen)

http://www.academia.edu/6082144/Der_Vater_Sohn-Konflikt_als_Hauptthema_in_Franz_Kafkas_fru_hen_Erz%C3%A4hlungen (Der Vater / Sohn-Konflikt als Hauptthema in Franz Kafkas Frühen Erzählungen – Bachelorarbeit – ziemlich oberflächlich)

http://www.fvss.de/assets/media/jahresarbeiten/deutsch/Kafka.pdf (Vater-Sohn-Beziehung bei Kafka, Facharbeit einer Schülerin)

http://www.grabbe-gymnasium.de/grabbe/analyse/verwandlung.htm (Referat einer Schülerin zu „Die Verwandlung“, leider weithin nur stichwortartig)

http://www.grin.com/de/e-book/194421/franz-kafkas-literarische-auseinandersetzung-mit-dem-vater-sohn-konflikt (ähnlich, Arbeit eines Studenten – unvollständig)

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2016/02/27/verwandlungen-als-kafkas-kernmotiv/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/12/kafka-motiv-der-verwandlung/!

Verwandlungen als Kafkas Kernmotiv

Monika Schmitz-Emans: Poetiken der Verwandlung, Innsbruck 2008, schreibt über Kafkas Verwandlungsgeschichten: „Verwandlungen sind Kafkas Kernmotiv und zugleich das prägende Gestaltungsprinzip seiner Texte. Seine Figuren wechseln dauernd ihre Erscheinung; dem korrespondiert ein Erzählstil, der keine festen und verlässlichen Auskünfte gibt, sondern alle Mitteilungen relativiert und verunklärt. Wie die narrativ evozierten Figuren sich in permanentem Übergang befinden, so vollziehen sich auch auf sprachlicher Ebene ständig Übergänge. Kafkas Erzählungen fixieren keine Gegenstände, Sachverhalte oder Situationen, sondern halten ihre imaginären Inhalte in ständiger Bewegung. Flüchtig, sich entziehend, unfasslich bleibt auch die Instanz des Erzählenden selbst. Auch zwischen sprachlich gefassten Ideen und fiktiven Wesen vollziehen sich vielfältige Übergänge: Aus einem Gedankenspiel wird etwa in ‚Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande‘ eine Geschichte, die an ‚Die Verwandlung‘ erinnert…“ (S. 160)

Sie nennt folgende sechs Erzählungen als Basis ihrer Argumentation:

Ein Bericht für eine Akademie (1917) https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Bericht_f%C3%BCr_eine_Akademie

http://www.xlibris.de/Autoren/Kafka/Werke/Ein%20Bericht%20f%C3%BCr%20eine%20Akademie

http://philosophieundliteratur.de/steilpass-in-die-tiefen-der-metaphysik/

Der Bau (e 1923/24) https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Bau

Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse (1924) https://de.wikipedia.org/wiki/Josefine,_die_S%C3%A4ngerin_oder_Das_Volk_der_M%C3%A4useb

http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/ms_kafka.pdf

Eine Kreuzung (e 1917) https://de.wikipedia.org/wiki/Eine_Kreuzung

In unserer Synagoge (= Die Synagoge von Thamühl, e 1922) https://de.wikipedia.org/wiki/In_unserer_Synagoge

Blumfeld, ein älterer Junggeselle (e 1915) https://de.wikipedia.org/wiki/Blumfeld,_ein_%C3%A4lterer_Junggeselle

http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/ez_kafka.pdf

http://revistas.ucm.es/index.php/RFAL/article/viewFile/36582/35415

Zusätzlich nennt Schmitz-Emans im Zusammenhang mit der kaum beschreibbaren resp. nicht exakt beschriebenen, nicht feststellbaren Figur des käferartigen Ungeheuers als Gefährten Gregor Samsas den Odradek („Die Sorge des Hausvaters“, 1920): https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Sorge_des_Hausvaters.

https://www.academia.edu/3230143/%C3%84hnlichkeiten_zwischen_Odradek_und_anderen_hausgeistern_und_ihrer_Symbolik_des_Heims_und_der_Familie_in_der_Kurzerz%C3%A4hlung_Die_Sorge_des_

http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2011/8090/pdf/JuliMirjam_2009_05_11.pdf – Wenn man ehrlich ist, muss man aber festhalten, dass eine echte Verwandlung nur in „Die Verwandlung“ erfolgt – in den anderen Erzählungen treten einfach Tiere oder andere seltsame Gegenstände auf, teilweise als Ich-Erzähler (z.B. in „Der Bau“). Bei den von Brunner Ungricht (s.u.) genannten Erzählungen liegen auch keine dramatischen Verwandlungen wie in „Die Verwandlung“ vor. Frau Schmitz-Evans ist ganz einfach dem Sog ihres Themas erlegen: Sie schreibt über die Poetik der Verwandlung und sieht dann überall Verwandlungen, auch dort, wo gar keine geschehen sind. Richtiger wäre es, über Tiere und Fabelwesen bei Kafka zu sprechen. Die Verwandlung Gregors muss zudem im Rahmen des Vater-Sohn-Konflikts verstanden werden.

Zusätzlich nenne ich: Forschungen eines Hundes (e 1922) https://de.wikipedia.org/wiki/Forschungen_eines_Hundes

http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/an_kafka.pdf

Gabriela Brunner Ungricht (Die Mensch-Tier-Verwandlung, Bern 1998, S. 283) weist auf zwei Texte Kafkas hin, in denen ein Tier in einen Menschen verwandelt worden ist:

* Der neue Advokat (1920 – Alexanders Schlachtross wird Mensch) https://de.wikipedia.org/wiki/Der_neue_Advokat

https://www.alexandria.unisg.ch/export/DL/49676.pdf

http://www.textlog.de/32068.html

* Das Fragment von Isabella, dem Apfelschimmel:

„Es ist Isabella, der Apfelschimmel, das alte Pferd, ich hätte sie in der Menge nicht erkannt, sie ist eine Dame geworden, wir trafen einander letzthin in einem Garten bei einem Wohltätigkeitsfest. Es ist dort eine kleine, abseits liegende Baumgruppe, die einen kühlen beschatteten Wiesenplatz einschließt, mehrere schmale Wege durchziehen ihn, es ist zu Zeiten sehr angenehm dort zu sein. Ich kenne den Garten von früher her und als ich des Festes müde war, bog ich in jene Baumgruppe ein. Kaum trete ich unter die Bäume, sehe ich von der andern Seite eine große Dame mir entgegenkommen; ihre Größe machte mich fast bestürzt, es war niemand sonst in der Nähe, mit dem ich sie hätte vergleichen können, aber ich war überzeugt, daß ich keine Frau kannte, welche dieser nicht um mehrere Kopflängen – im ersten Staunen dachte ich gar um unzählige – nachstehen mußte. Aber als ich näherkam, war ich bald beruhigt. Isabella, die alte Freundin! „Wie bist Du denn aus deinem Stall entwichen?“ „Ach, es war nicht schwer, ich werde ja eigentlich nur gnadenweise noch gehalten, meine Zeiten sind vorüber, erkläre ich meinem Herrn, daß ich, statt unnütz im Stall zu stehn, nun auch noch ein wenig die Welt kennen lernen will, solange die Kräfte reichen, erkläre ich das meinem Herrn, versteht er mich, sucht einige Kleider der Seligen aus, hilft mir noch beim Anziehn und entläßt mich mit guten Wünschen.“ „Wie schön Du bist!“ sage ich, nicht ganz ehrlich, nicht ganz lügnerisch“ (http://www.kafka.org/index.php?einj)

 

Allgemein über die Tiere bei Kafka:

http://www.pfarrerblatt.de/text_219.htm (H. Aßmann: Tiere aus der Ich-Perspektive bei Franz Kafka)

http://www.zeit.de/2003/19/KA-Sbib-19 (P. Kümmel: Kafkas Tiere, unsere weisen Vorfahren)

http://www.klassik-stiftung.de/uploads/tx_lombkswdigitaldocs/Nietzsche_2009_Oschmann.pdf (D. Oschmann: Skeptische Anthropologie: Kafka und Nietzsche – geht auf Nietzsches Formel vom Menschen als dem nicht festgestellten Tier zurück)

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2016/02/12/kafka-motiv-der-verwandlung/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/29/kafka-die-verwandlung-motiv-vater-sohn-konflikt/!

P.S. Von Friedmann Harzer: Erzählte Verwandlung, Tübingen 2000, habe ich Folgendes gelernt:

  1. Man muss zwischen den Tier- und den Verwandlungsgeschichten Kafkas unterscheiden. Zu den letzteren zählt er (außer „Die Verwandlung“) nur „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“ und „Beschreibung eines Kampfes“.
  2. Es gab in der deutschen Literatur schon vor Kafka das Motiv der Verwandlung. Harzer nennt Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (seit 1904, 1910 veröffentlicht) und Carl Einsteins Erzählung „Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders“ (1906/09, 1912 veröffentlicht, Text: http://gutenberg.spiegel.de/buch/bebuquin-7911/1)
  3. Als man Kafka auf die Erzählung „Lady into Fox“ David Garnetts, 1922, hinwies, sagte Kafka: „Das liegt in der Zeit. Wir haben es beide von ihr abgeschrieben.“

Pascal Nicklas’ Buch „Die Beständigkeit des Wandels“, Hildesheim 2002, ist seine Habilitation und entsprechend ausgearbeitet. Zum Begriff der Metamorphose schreibt er: „Differenz und Identität müssen gleichermaßen vorhanden sein: Aus einer Sache muß etwas anderes werden, und sie muß doch die gleiche bleiben.“ (S. 12) Das Grimm’sche Wörterbuch kenne Verwandlung in dreifachem Sinn: 1) durch übernatürliche Kraft; 2) durch menschliches Tun oder soziologische Vorgänge; 3) Verwandlung von Personen durch Veränderung ihrer Wesensart. (S. 14)

Hermann Bahr („Die Überwindung des Naturalismus“, 1891, http://www.univie.ac.at/bahr/sites/all/ks/2-ueberwindung.pdf), habe die Moderne als die Zeit charakterisiert, in der die individuelle Identität in Frage gestellt worden sei; sie sei verbunden mit verstärkter künstlerischer Selbstreflexion (S. 20 f.).

Außerdem sieht Nicklas die Moderne unter dem Einfluss der Evolutionstheorie, und zwar schon im 18. Jh., erst recht seit Darwin: Seitdem seien die strengen Grenzen zwischen Tier und Mensch aufgehoben; das Tier erscheine „als ein lebendes Dokument der Vergangenheit und ist damit zugleich Vorläufer und Ahn des Menschen, in dem sich die Herkunft und das wahre Wesen des Menschen findet“ (S. 220).

Die Verwandlung Gregor Samsas bringe auch eine Verwandlung der Welt mit sich, weil im personalen Erzählen die Perspektive auf die Welt sich verändert habe (S. 229). Gegen die gängigen Auffassung betont Nicklas, die Verwandlung Gregors sei zu Beginn der Erzählung nicht abgeschlossen, es ändere sich später also mehr als die Stimme [und die Sehkraft, N.T.] (S. 230). Der Körper Gregors führe ein Eigenleben, was man zum Beispiel an seinem Appetit sehe (S. 231 f.). Die Figuren sähen immer mehr und schließlich nur noch das Tier resp. „Untier“, während der Erzähler immer noch von Gregor spreche und so den Eindruck erwecke, es gebe ihn noch (S. 232).

Die Verwandlung in einen Käfer bedeute eine Reduktion Gregors, die in seiner Vernichtung endet (S. 234). Gregor verschwinde immer mehr, auch aus der Erinnerung; er wolle die Erinnerung an seine menschliche Vergangenheit aufrecht erhalten (S. 237). Dass das Tierische in Gregor die Überhand gewinnt, sehe man an seinem Drang zum Bild der Frau, deren Hände im Pelzmuff stecken (S. 237). Der Tod Gregors sei eine Erlösung, für ihn wie für die Familie; danach werde er vergessen, er sei damit vernichtet (S. 238). Er sei schlicht verhungert, wozu sowohl die schlechte Versorgung durch die Schwester wie sein eigenes Hungern beigetragen hätten (S. 239). – Nicklas sieht hier eine Parallele zu Kafkas Erzählung „Ein Hungerkünstler“.

Außerdem untersucht Nicklas „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“, wo jemand die Verwandlung in einen Käfer resp. die Abtrennung des Ich vom Käferkörper sich vorstellt (S. 221 ff.), und „Bericht vor einer Akademie“ (S. 240 ff.).

Mir ist noch aufgefallen, dass auch der Erzähler mit der Beschreibung vom sterbenden Gregor diesen zu den Tieren zählt: „Dann sank sein Kopf ohne seinen Willen gänzlich nieder, und aus seinen Nüstern strömte sein letzter Atem schwach hervor.“ (III 29) „Nüstern“ hat nur ein Tier, Menschen haben eine Nase.

Kafka: Die Verwandlung // Brief an den Vater

Ich möchte einige Stellen aus Kafkas „Brief an den Vater“ (1919, erst postum veröffentlicht) zitieren, die zu Passagen in „Die Verwandlung“ in Beziehung gesetzt werden können. Ich habe also den Text des Briefs vorsortiert – arbeiten damit muss jeder selber. Ich greife auf die Ausgabe von 1994 (wikisource) zurück, weil dort die Abschnitte benennbar und relativ klein sind; die Ausgabe bei zeno.org hat immerhin eine Seitenzählung (Ausgabe 1950).

1. Der Vater wertet alle(s) ab:

Nun behieltest Du ja mir gegenüber tatsächlich erstaunlich oft recht, im Gespräch war das selbstverständlich, denn zum Gespräch kam es kaum, aber auch in Wirklichkeit. Doch war auch das nichts besonders Unbegreifliches. Ich stand ja in allem meinem Denken unter Deinem schweren Druck, auch in dem Denken, das nicht mit dem Deinen übereinstimmte und besonders in diesem. Alle diese von Dir scheinbar unabhängigen Gedanken waren von Anfang an belastet mit Deinem absprechenden Urteil; bis zur vollständigen und dauernden Ausführung des Gedankens das zu ertragen, war [5c] fast unmöglich. Ich rede hier nicht von irgendwelchen hohen Gedanken, sondern von jedem kleinen Unternehmen der Kinderzeit. Man musste nur über irgendeine Sache glücklich sein, von ihr erfüllt sein, nach Hause kommen und es aussprechen und die Antwort war ein ironisches Seufzen, ein Kopfschütteln, ein Fingerklopfen auf den Tisch: „Hab auch schon etwas Schöneres gesehn“ oder „Mir gesagt, Deine Sorgen“ oder „ich hab keinen so geruhten Kopf“ oder oder „kein Ereignis!“ oder „Kauf Dir was dafür!“. Natürlich konnte man nicht für jede Kinderkleinigkeit Begeisterung von Dir verlangen, wenn Du in Sorge und Plage lebtest. Darum handelte es sich auch nicht. Es handelte sich vielmehr darum, dass Du solche Enttäuschungen dem Kinde immer und grundsätzlich bereiten musstest kraft Deines gegensätzlichen Wesens, weiter dass dieser Gegensatz durch Aufhäufung des Materials sich unaufhörlich verstärkte, so dass er sich schliesslich auch gewohnheitsmäßig [5d] geltend machte, wenn Du einmal der gleichen Meinung warst wie ich und dass endlich diese Enttäuschungen des Kindes nicht Enttäuschungen des gewöhnlichen Lebens waren, sondern, da es ja um Deine für alles massgebende Person ging, im Kern trafen. Der Mut, die Entschlossenheit, die Zuversicht, die Freude an dem und jenem hielten nicht bis zum Ende aus, wenn Du dagegen warst oder schon wenn Deine Gegnerschaft bloss angenommen werden konnte; und angenommen konnte sie wohl bei fast allem werden, was ich tat.

Das bezog sich auf Gedanken so gut wie auf Menschen. Es genügte, dass ich an einem Menschen ein wenig Interesse hatte – es geschah ja infolge meines Wesens nicht sehr oft – dass Du schon ohne jede Rücksicht auf mein Gefühl und ohne Achtung vor meinem Urteil mit Beschimpfung, Verleumdung, Entwürdigung dreinfuhrst. [6a] Unschuldige, kindliche Menschen wie z. B. der jiddische Schauspieler Löwy mussten das büssen. Ohne ihn zu kennen, verglichst Du ihn in einer schrecklichen Weise, die ich schon vergessen habe, mit Ungeziefer, und wie so oft für Leute, die mir lieb waren, hattest Du automatisch das Sprichwort von den Hunden und Flöhen bei der Hand. An den Schauspieler erinnere ich mich hier besonders, weil ich Deine Aussprüche über ihn damals mir mit der Bemerkung notierte: „So spricht mein Vater über meinen Freund (den er gar nicht kennt) nur deshalb, weil er mein Freund ist. Das werde ich ihm immer entgegenhalten können, wenn er mir Mangel an kindlicher Liebe und Dankbarkeit vorwerfen wird.“ Unverständlich war mir immer Deine vollständige Empfindungslosigkeit dafür, was für Leid und Schande Du mit Deinen Worten und mir [6b] zufügen konntest, es war, als hättest Du keine Ahnung von Deiner Macht. Auch ich habe Dich sicher oft mit Worten gekränkt, aber dann wusste ich es immer, es schmerzte mich, aber ich konnte mich nicht beherrschen, das Wort nicht zurückhalten, ich bereute es schon, während ich es sagte. Du aber schlugst mit Deinen Worten ohne weiters los, niemand tat Dir leid, nicht währenddessen, nicht nachher, man war gegen Dich vollständig wehrlos.“

2. Die Güte der Mutter:

Es ist wahr, dass die Mutter grenzenlos gut zu mir war, aber alles das stand für mich in Beziehung zu Dir, also in keiner guten Beziehung. Die Mutter hatte unbewusst die Rolle eines Treibers in der Jagd. Wenn schon Deine Erziehung in irgendeinem unwahrscheinlichen Fall mich durch Erzeugung von Trotz, Abneigung oder gar Hass auf eigene Füsse hätte stellen können, so glich das die Mutter durch Gut-sein, durch vernünftige Rede (sie war im Wirrwarr der Kindheit das Urbild der Vernunft), durch Fürbitte wieder aus und ich war wieder in Deinen Kreis zurückgetrieben, aus dem ich sonst vielleicht, Dir und [11c] mir zum Vorteil ausgebrochen wäre. Oder es war so, dass es zu keiner eigentlichen Versöhnung kam, dass die Mutter mich vor Dir bloss im Geheimen schützte, mir im Geheimen etwas gab, etwas erlaubte, dann war ich wieder vor Dir das lichtscheue Wesen, der Betrüger, der Schuldbewusste, der wegen seiner Nichtigkeit selbst zu dem, was er für sein Recht hielt, nur auf Schleichwegen kommen konnte. Natürlich gewöhnte ich mich dann auf diesen Wegen auch das zu suchen, worauf ich, selbst meiner Meinung nach kein Recht hatte. Das war wieder Vergrösserung des Schuldbewusstseins.“

3. „Mein Schreiben“:

Richtiger trafst Du mit Deiner Abneigung mein Schreiben und was, Dir unbekannt, damit zusammenhing. Hier war ich tatsächlich ein Stück selbständig von Dir weggekommen, wenn es auch ein wenig an den Wurm erinnerte, der, hinten von einem Fuss niedergetreten, sich mit dem Vorderteil losreisst und zur Seite schleppt. Einigermassen in Sicherheit war ich, es gab ein Aufatmen; die [19a] Abneigung, die Du natürlich gleich auch gegen mein Schreiben hattest, war mir hier ausnahmsweise willkommen. Meine Eitelkeit, mein Ehrgeiz litten zwar unter Deiner für uns berühmt gewordenen Begrüssung meiner Bücher: „Leg’s auf den Nachttisch!“ (meistens spieltest Du ja Karten, wenn ein Buch kam), aber im Grunde war mir dabei doch wohl, nicht nur aus aufbegehrender Bosheit, nicht nur aus Freude über eine neue Bestätigung meiner Auffassung unseres Verhältnisses, sondern ganz ursprünglich, weil jene Formel mir klang wie etwa: „Jetzt bist Du frei!“ Natürlich war es eine Täuschung, ich war nicht oder allergünstigsten Falles noch nicht frei. Mein Schreiben handelte von Dir, ich klagte dort ja nur, was ich an Deiner Brust nicht klagen konnte. Es war ein absichtlich in die Länge gezogener Abschied von Dir, nur dass er zwar von Dir erzwungen war, aber in der von mir bestimmten Richtung verlief.“

4. Misslingen des Heiratens:

Zunächst stellst du das Misslingen der Heiraten in die Reihe meiner sonstigen Misserfolge; dagegen hätte ich an sich nichts, vorausgesetzt, dass Du meine bisherige Erklärung des Misserfolgs annimmst. Es steht tatsächlich in dieser Reihe, nur die Bedeutung der Sache unterschätzt Du und unterschätzt sie derartig, dass wir, wenn wir miteinander davon reden, eigentlich von ganz verschiedenem sprechen. Ich wage zu sagen, daß Dir in Deinem ganzen Leben nichts geschehen ist, was für Dich eine solche Bedeutung gehabt hätte, wie für mich [21b] die Heiratsversuche. Damit meine ich nicht, dass Du an sich nichts so Bedeutendes erlebt hättest, im Gegenteil, Dein Leben war viel reicher und sorgenvoller und gedrängter als meines, aber eben deshalb ist Dir nichts derartiges geschehn. Es ist so wie wenn einer fünf niedrige Treppenstufen hinaufzusteigen hat und ein zweiter nur eine Treppenstufe, die aber so hoch ist, wie jene fünf zusammen; der Erste wird nicht nur die fünf bewältigen, sondern noch hunderte und tausende weitere, er wird ein grosses und sehr anstrengendes Leben geführt haben, aber keine der Stufen, die er erstiegen hat, wird für ihn eine solche Bedeutung gehabt haben, wie für den Zweiten jene eine, erste, hohe, für alle seine Kräfte unmöglich zu ersteigende Stufe, zu der er nicht hinauf und über die er natürlich auch nicht hinauskommt.

Heiraten, eine Familie gründen, alle Kinder, welche kommen wollen, hinnehmen, in dieser unsicheren Welt erhalten und gar noch ein wenig führen ist meiner Überzeugung nach das Äusserste, das einem Menschen überhaupt gelingen kann. Dass es scheinbar so vielen leicht gelingt, ist kein Gegenbeweis, denn erstens gelingt es tatsächlich nicht vielen und zweitens „tun“ es diese [21c] Nicht vielen meistens nicht, sondern es geschieht bloss mit ihnen; das ist zwar nicht jenes Äusserste, aber doch noch sehr gross und sehr ehrenvoll (besonders da sich „tun“ und „geschehn“ nicht rein von einander scheiden lassen). Und schliesslich handelt es sich auch gar nicht um dieses Äusserste, sondern nur um irgendeine ferne, aber anständige Annäherung; es ist doch nicht notwendig mitten in die Sonne hineinzufliegen, aber doch bis zu einem reinen Plätzchen auf der Erde hinzukriechen, wo manchmal die Sonne hinscheint und man sich ein wenig wärmen kann. […]

Ich will es näher zu erklären versuchen: Hier beim Heiratsversuch trifft in meinen Beziehungen zu Dir zweierlei scheinbar Entgegengesetztes so stark wie nirgends sonst zusammen. Die Heirat ist gewiss die Bürgschaft für die schärfste Selbstbefreiung und Unabhängigkeit. Ich hätte eine Familie, das Höchste, was man meiner Meinung nach erreichen kann, also auch das Höchste, was [24a] Du erreicht hast, ich wäre Dir ebenbürtig, alle alte und ewig neue Schande und Tyrannei wäre bloss noch Geschichte. Das wäre allerdings märchenhaft, aber darin liegt eben schon das Fragwürdige. Es ist zu viel, so viel kann nicht erreicht werden. Es ist so, wie wenn einer gefangen wäre und er hätte nicht nur die Absicht zu fliehen, was vielleicht erreichbar wäre, sondern auch noch undzwar gleichzeitig die Absicht, das Gefängnis in ein Lustschloss für sich umzubauen. Wenn er aber flieht, kann er nicht umbauen und wenn er umbaut kann er nicht fliehn. Wenn ich in dem besonderen Unglücksverhältnis, in welchem ich zu Dir stehe, selbständig werden will, muss ich etwas tun, was möglichst gar keine Beziehung zu Dir hat; das Heiraten ist zwar das Grösste und gibt die ehrenvollste Selbständigkeit, aber es ist auch gleichzeitig in engster Beziehung zu Dir. Hier hinauskommen zu wollen, hat deshalb etwas von Wahnsinn und jeder Versuch wird fast damit gestraft.

Gerade diese enge Beziehung lockt mich ja teilweise auch zum Heiraten. Ich denke mir diese Ebenbürtigkeit, die dann zwischen uns entstehen würde und die Du verstehen könntest wie keine andere, eben deshalb so schön, weil ich dann ein [24b] freier, dankbarer, schuldloser, aufrechter Sohn sein Du ein unbedrückter, untyrannischer, mitfühlender, zufriedener Vater sein könntest. Aber zu dem Zweck müsste eben alles Geschehene ungeschehen gemacht, d. h. wir selbst ausgestrichen werden.

So wie wir aber sind, ist mir das Heiraten dadurch verschlossen, dass es gerade Dein eigenstes Gebiet ist. Manchmal stelle ich mir die Erdkarte ausgespannt und Dich quer über sie hin ausgestreckt vor. Und es ist mir dann, als kämen für mein Leben nur die Gegenden in Betracht, die Du entweder nicht bedeckst oder die nicht in Deiner Reichweite liegen. Und das sind entsprechend der Vorstellung, die ich von Deiner Grösse habe, nicht viele und nicht sehr trostreiche Gegenden und besonders die Ehe ist nicht darunter.“

Erläuterung: Die Ziffern im Text markieren den Anfang einer neuen Seite bzw. Spalte.

Zum Verständnis des Briefs:

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/kaf/kaf_bri0.htm

http://www.kafka.uni-bonn.de/cgi-bin/kafka5caa.html?Rubrik=vater&Punkt=brief

http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/Maennergeschichte/rollen/opfer_01.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Brief_an_den_Vater

https://hans-joerggrosse.de/erlesenes/franz-kafka/brief-vater/brief-vater/

http://de.slideshare.net/schoolmeester/das-verhltnis-kafkas-zu-seinem-vater-ergebnisse-der-stunde (Tafelbild)

https://de.wikisource.org/wiki/Brief_an_den_Vater (Text)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Kafka,+Franz/Erzählungen+und+andere+Prosa/Prosa+aus+dem+Nachlaß/Brief+an+den+Vater (Text)

https://hans-joerggrosse.de/erlesenes/franz-kafka/brief-vater/ (Text und Vortrag)

https://www.youtube.com/watch?v=7Po22fzW7jU (der gleiche Vortrag: 2:16)

http://bildungsserver.hamburg.de/brief-an-den-vater/ (Links)

http://www.classicistranieri.com/wp-content/uploads/2014/05/concvater.pdf (Konkordanz zu allen Wörtern des Briefs)

Kafka: Die Verwandlung – Bilder

„Man erfährt bis zuletzt nicht genau, wie er aussieht; von der Verwandlung des Helden kontaminiert, verweigert der Text jede objektivierende Stillstellung. Man soll sich vom ‚ungeheuren Ungeziefer’ kein Bild machen können. Dass Kafka es ablehnt, einen Käfer oder ein ähnliches Tier auf dem Titelblatt seiner ‚Verwandlung’ abbilden zu lassen, ist bekannt. Er bat seinen Verleger Kurt Wolff am 25. 10. 1915 nachdrücklich, von einer etwa geplanten Käferzeichnung abzusehen.“ (Monika Schmitz-Emans: Poetiken der Verwandlung, Innsbruck 2008, S. 165 f.) Trotzdem ist es natürlich reizvoll zu sehen, wie verschiedene Leute sich das Samsa-Ungeziefer vorgestellt haben resp. uns vorstellen. Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2016/02/19/kafka-die-verwandlung-warum-gregor-ein-ungeziefer-wurde/!

Alle Bilder aus google-Bilder:

http://orig00.deviantart.net/33e6/f/2010/292/8/7/die_verwandlung_by_nachan-d313lmo.jpg

http://img-fotki.yandex.ru/get/9758/194810717.1e/0_d0661_82ba65fe_L.jpg

http://img05.deviantart.net/a554/i/2010/311/6/8/kafka___die_verwandlung_14_by_bjornbarends-d32ea3s.jpg

http://bbarends.deviantart.com/art/Kafka-Die-Verwandlung-02-185425756

http://blog.beetlebum.de/wp-content/uploads/2007/08/kafka.jpg

http://images.sofatutor.com/videos/pictures/11656/normal/vorschau.BMP?1371049452

http://ais.badische-zeitung.de/piece/02/26/27/b6/36054966.jpg

https://i.ytimg.com/vi/9t1gTV543JM/maxresdefault.jpg

http://www.artists.de/pictures/user_images/full/90090_typometamorphose-kafka-die-verwandlung.jpg

http://www.oocities.org/athens/olympus/2404/bugout.gif

http://www.fr-online.de/image/view/2010/8/6/4621716,2751008,mobileXhtml,Kafka_1.jpg

http://img07.deviantart.net/f565/i/2010/311/8/1/kafka___die_verwandlung_12_by_bjornbarends-d32eads.jpg

https://daslesenmitjames.files.wordpress.com/2009/05/dieverwandlung.jpg

http://img1.seite3.ch/news/309/236148-DieVerwandlung.jpg

http://img01.deviantart.net/3c3c/i/2010/145/7/2/die_verwandlung_by_hollowwings.png

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http://img10.deviantart.net/3870/i/2010/311/7/a/kafka___die_verwandlung_11_by_bjornbarends-d32eajw.jpg

The Metamorphosis:

https://anthonyhummel.files.wordpress.com/2013/12/metamorphosis.jpg

http://img14.deviantart.net/cbaf/i/2007/166/9/e/the_metamorphosis_by_blackphoenix87.jpg

https://thedrunkenodyssey.files.wordpress.com/2013/12/metamorphosis-detail.gif?w=529&h=277

http://amyscott.com/Images/metamorphosis.jpg

http://images.fineartamerica.com/images-medium-large-5/the-metamorphosis-john-ashton-golden.jpg

als Karikatur:

http://ais.badische-zeitung.de/piece/04/5e/3c/7a/73284730.jpg

Kafka: Die Verwandlung – Reaktion der anderen (in III)

Das Kap. III ist anders erzählt als die beiden vorherigen (viele Wahrnehmungen Gregors). Gregor wird vernachlässigt und gibt sich auf. Im Kampf gegen ihn verbünden sich Vater und Tochter (Schwester); dem kann Gregor nicht standhalten.

  • Gregor ist verwundet, III 1 – die Zimmertür steht stundenweise offen, III 2; die Frauen arbeiten noch am Abend, III 3; der Vater lässt sich gehen, III 4 f.
  • Gregor wird vernachlässig und ist von Wut erfüllt, III 6 f. – es gibt Streit um die Reinigung von Gregors Zimmer, III 7; die neue Bedienerin sieht ihn ohne Abscheu und nennt ihn einen Mistkäfer, III 8.
  • Gregor isst fast nichts mehr, sein Zimmer wird Abstellkammer, er resigniert, III 9.
  • Die Schwester wird den Zimmerherren als Musikerin präsentiert, III 10 ff.; Gregor will zur Schwester vordringen und sie für sich gewinnen, III 13 f., er löst damit einen Eklat aus, III 15 – die Schwester nennt ihn „Untier“ und will ihn loswerden, III 17; der Vater stimmt ihr zu, III 18. Es gibt ein Gespräch Vater-Tochter, III 20 ff.; sie bestreitet, dass „es“ Gregor ist, fühlt sich von diesem Tier „verfolgt“, III 25, und bildet eine Allianz mit dem Vater, III 25 f.
  • Gregor zieht sich in sein Zimmer zurück, III 27 – die Tür wird verschlossen, „Endlich!“ rufen die Eltern, III 28.
  • Seine Schmerzen lassen nach; er meint, er müsse verschwinden, und stirbt, III 29 – die Bedienerin entsorgt ihn, III 30.34; der Vater dankt Gott, III 31, und kündigt den Zimmerherren, III 33. Die Familie macht sich einen schönen Tag, III 34 ff.

Die Absätze des Kap. III werden wieder mit arabischen Ziffern gezählt, damit Leser unterschiedlicher Ausgaben diese Liste nützen können.

Kafka: Die Verwandlung – die Reaktion der anderen (in II)

In Kapitel II denkt und agiert Gregor viel, was zu beachten für das Verständnis seines Käfer-Daseins wichtig ist. Im Gegensatz zu Kap. I steht jetzt überwiegend Gregors Schwester im Blickpunkt, bis am Ende der erstarkte Vater hervortritt:

  • Essen (Milch) ist für Gregor bereitgestellt (II 2, vermutlich von der Schwester, die als einzige Gregor nahe war, II 12) – die Familie ist meistens still, II 3-5.
  • Gregor kriecht unters Kanapee, fühlt sich dort behaglich, II 5 – Schwester entdeckt ihn dort, erschrickt, II 7; sie bringt Essensreste für ihn (behandelt ihn wie ein Tier), fegt die Reste zusammen, II 7.
  • Später, II 8 – gewöhnt sie sich an alles, „natürlich“ nie vollständig, II 9. Die Familie berät, wie man sich jetzt verhalten solle, II 10; das Dienstmädchen wird entlassen, II 10; die Familie hat wenig Appetit zum Essen, II 11.
  • Gregors Kopf schlägt gelegentlich gegen die Tür, II 13 – Familie verstummt sofort, II 13; man spricht öfter über die finanzielle Situation und die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, II 14 f.
  • Er liebt es, sich ans Fenster zu lehnen, II 16 – Schwester rückt ihm den Sessel immer ans Fenster zurück, II 16; sie lüftet, wenn sie im Zimmer arbeitet, II 17.
  • Er steht einmal am Fenster – sie erschrickt über seinen Anblick, II 18.
  • Er verbirgt sich hinter dem Leintuch – sie begrüßt das, II 18. Sie muss der Familie berichten, wie es ihm geht, II 19. Die Mutter will ihn besuchen, wird jedoch zurückgehalten, II 19.
  • Gregor gewöhnt sich ans Herumkriechen – Schwester will ihm das Zimmer dafür ausräumen, II 20; die Mutter hat dagegen Bedenken, II 21, doch die Schwester setzt sich durch, II 21; die Mutter weicht dem Anblick Gregors aus, II 23.
  • Gregor will nicht, dass ihm alle Möbel genommen werden; er bricht hervor, um sein Bild zu retten, II 25 – die Mutter erblickt ihn und fällt in Ohnmacht, II 27. Die Schwester droht ihm mit erhobener Faust, verletzt ihn mit einem Glassplitter, schlägt die Tür zu, II 27.
  • Der Vater kommt hinzu und wird informiert, dass Gregor „ausgebrochen“ ist, II 28 – der gegenüber früher veränderte Vater verfolgt Gregor, bewirft ihn mit Äpfeln und verletzt ihn schwer, II 29; die weithin entkleidete Mutter eilt auf den Vater zu und bittet „in gänzlicher Vereinigung mit ihm“ um Gregors Leben, II 29.

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2016/02/21/kafka-die-verwandlung-reaktion-der-anderen-in-i/!

Ich habe wieder die Absätze mit arabischen Ziffern gezählt, damit die Leser unterschiedlicher Ausgaben hier mitlesen können.

Kafka: Die Verwandlung – Reaktion der anderen (in I)

Wie Gregor seine Verwandlung erlebt, ist für Kap. I bereits untersucht worden. Wenn jetzt dargestellt wird, wie die anderen auf seine Verwandlung reagieren, ist dies ein methodischer Zugriff, der trennt, was zusammengehört: Gregor reagiert im Umgang mit seiner Verwandlung ja weithin auf die Reaktionen der anderen. Mit dieser Einschränkung kann man folgendes Schema entwerfen:

  • 6.45 Uhr: Gregor ist nicht aufgestanden – die Mutter klopft vorsichtig und fragt sanft; der Vater klopft mit der Faust und mahnt; die Schwester fragt besorgt und beschwört ihn aufzustehen (I 7).
  • 7.10 Uhr: Der Prokurist kommt (I 14) – die Schwester informiert Gregor flüsternd (I 15). Der Vater klopft ungeduldig und drängt, die Tür zu öffnen; die Mutter setzt sich beim Prokuristen für Gregor ein; der Vater klopft erneut; die Schwester schluchzt (I 16). Der Prokurist ermahnt Gregor und droht ihm (I 18).
  • Gregors Antwort versteht man offensichtlich nicht (I 20) – die Mutter schickt nach einem Arzt; der Prokurist spricht von einer „Tierstimme“; der Vater schickt nach dem Schlosser (Tür mit Gewalt öffnen) (I 20).
  • Gregor öffnet die Tür (I 22) – der Prokurist sagt „Oh!“; die Mutter fällt nieder; der Vater ballt die Faust und weint (I 23).
  • Gregor lehnt sich an die Tür und redet (I 24 f.) – der Prokurist wendet sich ab und entfernt sich (I 26).
  • Gregor fällt hin (I 27) – die Mutter springt auf, ruft „Hilfe“, stößt Kaffeekanne um (I 27).
  • Gregor schnappt mit den Kiefern (I 27) – die Mutter flüchtet und fällt dem Vater in die Arme; der Prokurist verschwindet und ruft noch „Hu!“; der Vater scheucht Gregor ins Zimmer zurück; die Mutter braucht frische Luft und verbirgt ihr Gesicht; der Vater ist unerbittlich, er stößt den eingeklemmten Gregor gewaltsam ins Zimmer zurück und schlägt die Tür zu (I 27).

Zuerst reagiert die Familie besorgt auf Gregors Verschlafen, der Prokurist droht ihm jedoch und der Vater will gewaltsam die Tür öffnen lassen. Als man die Verwandlung wahrnimmt, flieht der Prokurist entsetzt; die Mutter wendet sich ebenfalls erschrocken von Gregor ab und sucht beim Vater Zuflucht. Der Vater scheucht ihn wie ein Tier gewaltsam ins Zimmer zurück und sperrt Gregor ein. – Es fällt auf, wie wenig die Schwester in Erscheinung tritt. Gegner in der Familie ist der Vater, während der Prokurist sich vom Ungeziefer Samsa absetzt.

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2016/02/21/kafka-die-verwandlung-die-reaktion-der-anderen-in-ii/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/19/kafka-die-verwandlung-wie-gregor-sie-in-i-erlebt/!

Ich habe wieder die Absätze gezählt, damit Leser verschiedener Ausgaben mit dieser kleinen Untersuchung etwas anfangen können.

Kafka: Die Verwandlung – warum Gregor ein Ungeziefer wurde

Ich habe wieder die Kapitel und die Absätze (diese mit arabischen Ziffern) gezählt, damit Leser unterschiedlicher Ausgaben mit meiner Untersuchung arbeiten können.

In Kafkas Erzählung „fand“ Gregor sich „zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“ (I 1), ohne dass er oder der Erzähler dafür einen Grund angäben. Die Frage ist jedoch, ob der Leser dahin geführt wird, so etwas wie einen Grund dieser scheinbar grundlosen Verwandlung zu sehen oder zumindest zu ahnen.

Dafür muss der Leser das Leben Gregor Samsas bedenken, das er vor seiner Verwandlung geführt hat. In diesem Leben hat es zwei Sphären gegeben, die des Berufs und die seiner Familie. Gregor war Reisender (I 2), der morgens um vier Uhr aufstehen muss (I 7), um seinen Zug zu erreichen. Er sieht, dass er „einen anstrengenden Beruf“ (I 4) hat, voller Plagen: das Reisen, das schlechte Essen, die flüchtigen Bekanntschaften (I 4). Sein Chef hat die üble Angewohnheit, von oben herab („vom Pult“) mit seinen Angestellten zu verkehren (I 6). Gregor hat intensiv gearbeitet, ist schon bald gut verdienender Reisender geworden (II 12), war in fünf Jahren nicht einmal krank (I 7, vgl. I 16 die Erwartung des Prokuristen); vor kurzem wurde ihm sogar das Inkasso anvertraut (I 18). Möglicherweise waren seine Leistungen in letzter Zeit unbefriedigend (I 18) – vielleicht ist diese Bemerkung des Prokuristen aber auch nur eines der üblichen Mittel, Druck auf Gregor auszuüben, wie ja auch seine Abfahrt mit dem Fünfuhrzug durch einen Geschäftsdiener kontrolliert wird (I 7). Gregor selber beklagt, er sei als häufig abwesender Reisender vom Klatsch bedroht (I 25); das ist vielleicht jedoch nur eine taktische Antwort zu seiner augenblicklichen Verteidigung. Jedenfalls denkt er daran, langfristig seine Anstellung zu kündigen (I 6).

Diese Strapazen hat Gregor auf sich genommen, um die Schuld der Eltern beim Chef abbezahlen zu können (I 6); er hat seiner Familie ein schönes Leben verschafft (II 3, vgl. II 12) und beinahe alles Geld zu Hause abgeliefert (II 14) – jedenfalls mehr Geld, als zum Lebensunterhalt der Familie nötig war. So hat der Vater Rücklagen bilden können (II 12) – seine Schwester wollte er zwecks musikalischer Ausbildung aufs Konservatorium schicken (II 12), was ihm sehr viel bedeutete (vgl. III 14). Sogar wenn er unterwegs im Hotel war, hat er an die lebhaften häuslichen Unterhaltungen gedacht (III 3). Hier zeigt sich eine überaus enge, ja zu starke Bindung an die Familie, die ihn offenbar unmündig gehalten hat. Gregor kannte schließlich als Hauptverdiener die Vermögensverhältnisse nicht (II 12) – dass er nachts die Türen abschließt (I 7), bezeugt jedoch weniger Vorsicht als untergründiges Misstrauen gegen diese Familie. Die Rücksichtnahme auf die anderen ist früher „sein Stolz gewesen“ (III 13), sein Lebensprinzip – er hatte sich selber aufgegeben.

Im Dienst der Familie war Gregor unter der Last des Berufs verkümmert: Er bleibt des Abends zu Hause, liest Zeitung und studiert Fahrpläne; er beschäftigt sich wie ein Kind mit Laubsägearbeiten (I 16), findet im Beruf immer nur wechselnden, nie herzlicher werdenden menschlichen Verkehr (I 4); er hat nur wenige flüchtige Damenbekanntschaften (III 6). Dabei war er in seiner Militärzeit ein fescher und selbstbewusster Leutnant (I 24) – er hätte also durchaus mehr aus sich machen können. Doch das Bild einer Dame, „die, mit einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß“ (I 2), ist das einzige Objekt seines Begehrens; selbst als Käfer drückt er sich noch mit heißem Bauch dagegen (II 25). Ob man auch die Käferphantasie von dem erotischen Verhältnis zur eigenen Schwester (III 14) dem noch nicht verwandelten Gregor zurechnen darf?

Sein in Beruf und Familie verfehltes Leben lässt ihn nicht zum Mann, sondern zum Ungeziefer werden – zu dieser Erwägung wird der Leser geführt, wenn er im Lauf der Erzählung erfährt, wie Gregor vor seiner Verwandlung gelebt hat. Mit der Verwandlung werden die Verhältnisse umgekehrt: Während früher der Vater und die Schwester ein nutzloses Leben geführt haben (II 15), kommt dieses jetzt dem Gregor-Käfer zu (Ralf Sudau).

Ralf Sudau (in: Franz Kafka: Kurze Prosa/ Erzählungen. 16 Interpretationen, Stuttgart 2007) erklärt die Verwandlung folgendermaßen: In der objektiven Funktion entlastet also die Verwandlung Gregor. Sie mutet wie eine übernatürliche Trotzreaktion aus dem Unbewussten an: Sie befreit ihn von der unliebsamen Arbeit, sie ermöglicht ihm die Verschreckung seiner diktatorischen Vorgesetzten, sie fordert die Familie zu Aufmerksamkeit und Fürsorge ihm gegenüber auf (gleichsam als Rückforderung all des emotionalen Engagements, das er für die Familie aufgebracht hat). All diese Gegebenheiten formulieren einen objektiven Sinn der Verwandlung, ohne dabei von einer ursächlichen Herleitung zu sprechen.“ (S. 154 – ich verdanke ihm zwei nützliche Hinweise; Sudau arbeitet aber manchmal etwas unsauber) Diese Interpretation ist aber fragwürdig, weil m.E. die Verwandlung im Rahmen des Vater-Sohn-Konflikts verstanden werden muss und der sich in dieser Erzählung im Rahm der Familie abspielt:

  1. Durch die Verwandlung wird Gregors Rolle in der Familie verändert:
  • Er verliert seine Bedeutung als Ernährer der Familie. Er hatte „der erstaunten und beglückten Familie zu Hause“ das Geld auf den Tisch legen können (II 12); niemand brauchte zu arbeiten. Mit der Verwandlung entfällt diese Rolle Gregors (I); der Vater gewinnt neue Macht über ihn (I 27) und drängt ihn gewaltsam in sein Zimmer zurück. Er erscheint Gregor sogar wie verwandelt und verletzt ihn beinahe tödlich (II 29).
  • Allerdings hatte sich das ursprüngliche Ansehen Gregors im Lauf der Zeit schon verloren. „Nur die Schwester war Gregor doch noch nahe geblieben […].“ (II 12). Mit der Verwandlung verliert er auch die Zuneigung der Schwester, die ihn nur noch voller Abscheu versorgt (II).
  • Die Mutter scheint sich zwar anfangs für ihn einzusetzen (I 16 – das könnte aber auch dem Versorger der Familie gelten), kann jedoch seinen Anblick nicht ertragen und flüchtet sich wie selbstverständlich zum Vater (I 27, II 29).
  • Als sich die Schwester mit dem Vater gegen Gregor verbündet (II 28, III 25 f.), fordert sie, Gregor aus der Familie zu entfernen, weil er bloß noch ein Tier sei (III 17 ff.).
  • Gregor, schon lebensmüde (III 9), macht sich in seiner Schwäche diesen Wunsch zu eigen und stirbt (III 29). Ohne ihn lebt die Familie auf (III 30 ff.).
  1. Wenn man die Verwandlung als einen „Aufstand“ Gregors gegen die Familie verstehen will, wäre dieser völlig missglückt. Wenn man sie als schicksalhaftes Ereignis versteht, wäre sie Strafe für sein verfehltes Leben: Er hat sich der schmarotzenden Familie untergeordnet, sich mit dem Bild einer schönen Frau, „das er vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte“ (I 2), begnügt und auf ein eigenes Leben verzichtet (I 16); dafür wird er jetzt bestraft, indem man ihn in sein Zimmer einsperrt. Wenn man die Verwandlung als Auswirkung väterlicher Macht versteht, wäre sie der entscheidende Schritt, mit dem Gregors vaterähnliche Versorgerrolle beendet wird und der Vater seine Übermacht (er verwaltet das Geld, II 12) sowohl zeigt wie festigt (II 29), und zwar im Verein mit der Schwester. – Durch die Verwandlung wird Gregors Rolle in der Familie geschwächt; er wird überflüssig und lästig. Folgerichtig verschwindet er als „Untier“ (III 17) aus diesem Verbund, in dem es für ihn Liebe und „Glanz“ nur um des Geldes willen gegeben hatte (II 12).

 

Hartmut Binder macht in seinem „Kafka-Kommentar zu sämtlichen Erzählungen“ (1977, 2. Aufl., S. 158 ff.) plausibel, dass sich bis in die Ungeziefer- und Käfervorstellung hinein Franz Kafka hinter Gregor Samsa verbirgt. So wird nicht nur im „Brief an den Vater“ der Kampf des Sohnes gegen den Vater mit dem Kampf eines Ungeziefers verglichen, sondern Kafkas Vater hat sogar dessen Freund J. Löwy als Ungeziefer bezeichnet und im Blick auf andere Freunde Kafkas das Sprichwort ziert: „Wer sich mit Hunden ins Bett legt, steht mit Wanzen auf.“ Binder wertet diese und andere Belege so aus: „Man kann also sagen, in der Verwandlung werde eine für ihn wichtige [metaphorisch gemeinte, N.T.] Selbstbewertung wörtlich genommen und erzählerisch entfaltet.“ (S. 159)

Doch das alles sind Erklärungen, welche von Lesern stammen – der Erzähler schweigt eisern über den Grund oder den Urheber der Verwandlung; vermutlich kennt er selber nicht den Grund. Der Erzähler sagt auch nicht ausdrücklich, das Ungeziefer sei ein Käfer; Hartmut Binder weist jedoch darauf hin, dass Kafka in seinen Tagebüchern später von einem Schwarzkäfer spricht und dass die Bedienerin ihn offensichtlich vergleichsweise einen Mistkäfer nennt. Auch Einzelheiten des Körperbaus wiesen auf diese Insektenart ebenso wie Gregors Problem, aus der Rückenlage sich in die Bauchlage zu bewegen (a.a.O., S. 160 f.), hin.

Vgl. auch http://dito42.blogspot.de/2016/02/kafka-motiv-der-verwandlung.html!

 

Kafka: Die Verwandlung – wie Gregor sie in I erlebt

Zugleich eine Anleitung, wie man einen literarischen Aufsatz schreibt

Aufgabenstellung: Untersuchen Sie in Kap. I,

a) wie Gregors Verwandlung vor sich geht (Liste der Fundstellen genügt),

b) wie Gregor sie erlebt und damit umgeht.

Mögliche Lösung (Stellen im Text):

a) Er findet sich zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt (Rücken panzerartig, Bauch gewölbt), hat dünne Beine, I 1

findet an sich kleine weiße Pünktchen, I 4

seine Stimme ist verändert (mit Piepsen vermischt), I 7

b) Er ist hilflos (Beine), I 1

denkt über das Geschehen nach, I 2

möchte weiterschlafen und „alle Narrheit“ vergessen, I 3

kann sich nicht auf die gewohnte rechte Seite legen, I 3

bekommt Schmerzen bei seinem Versuch, dies zu tun, I 3

denkt über seinen anstrengenden Beruf nach, I 4 (?)

empfindet leichtes Jucken, I 4

versteht die Pünktchen nicht zu beurteilen, I 4

erlebt Kälteschauer bei Berührung, I 4

schiebt das frühe Aufstehen als Erklärung vor, I 5 (?)

hat sich gegen alle Gewohnheit verschlafen, kann sich das Verschlafen nicht erklären, I 7

fühlt sich wohl, ist schläfrig, hat Hunger, I 7

erschrickt über seine Stimme, I 7

schränkt seine Mitteilung an die Mutter ein, I 7

spricht zur Kompensation langsamer, mit Pausen, I 7

widersetzt sich der Bitte, die Tür zu öffnen (= will nicht gesehen werden), I 7

erklärt sich die Veränderung der Stimme ‚vernünftig‘, I 8

will nicht im Bett bleiben, I 8 (vs. I 10)

kann Beinchen nicht kontrollieren, I 8, I 11

will sich dem Urteil der anderen stellen (I 9)

kann sich kaum bewegen, I 9

kann sich seinen Körper nicht vorstellen, I 9

stößt bei Bewegung an, was Schmerzen verursacht, und erlebt den unteren Teil seines Körpers als empfindlich, I 9

hat Angst vor Verletzung, I 10

will im Bett bleiben, I 10 (vs. I 8: Zwiespalt)

ist im Zwiespalt, was er tun soll, I 11

erwartet die Wiederkehr „der wirklichen und selbstverständlichen Verhältnisse“, I 11 (? im irrealen Vergleich!)

denkt über seine Lage nach, I 12

erwartet Hilfe, will aber nicht um Hilfe bitten, I 13

hegt unsinnige Hoffnung, I 14

steht auf, als er den Prokuristen hört, und verletzt sich dabei am Kopf, I 14

spricht vorsichtig (leise) mit der Schwester, I 15

lehnt Begegnung mit dem Prokuristen ab, I 16

hält „Sorgen“ der Schwester für unnötig, I 17

denkt, er könne sich herausreden, I 17

bittet den Prokuristen um Verständnis, I 18

will wissen, wie die anderen auf seinen Anblick reagieren, I 19

steht entschlossen auf, achtet nicht auf seine Schmerzen, erlangt „Herrschaft über sich“, I 19

wird ruhiger, fühlt sich „wieder einbezogen in den menschlichen Kreis“, I 21

bemüht sich um eine klare Stimme, I 21

öffnet die Tür mit dem Mund, I 22

hält sich für den einzigen, der Ruhe bewahrt, I 25

verhandelt mit dem Prokuristen um Nachsicht, I 25

hält sich für klüger als die Familie, I 27

er denkt im Eifer zu wenig, fällt auf die Beinchen und empfindet danach körperliches Wohlbehagen, I 27

fühlt sich vom Vater bedroht und wie ein Tier vertrieben, I 27

er will einlenken, I 27

er wird getreten, I 27

Auswertung

1. Die Verwandlung wird von Gregor „eines Morgens“ festgestellt (I 1); „finden“ bedeutet „erstrebend oder unabsichtlich gewahr werden, auf etwas […] kommen“ (Weigand, 1909). Dass er mit Pünktchen gezeichnet (I 4) und die Stimme verändert ist (I 7), gehört vermutlich zur nächtlichen Verwandlung und wird erst später von Gregor bemerkt. Ob die „unruhigen Träume“ (I 1) mit der Verwandlung zusammenhängen, bleibt offen; ein Grund der Verwandlung wird – anders als in vielen Märchen – nicht genannt.

2. Manchmal ist es problematisch, ob eine Fundstelle zu berücksichtigen ist (z.B. ist unklar, ob die Gedanken über das frühe Aufstehen tatsächlich in Zusammenhang mit der Verwandlung stehen, I 5; oder ob die in einem irrealen Vergleich ausgesprochene Erwartung als faktische Erwartung gewertet werden darf, I 11). Mit dieser Einschränkung kann man Folgendes dazu sagen, wie Gregor die Verwandlung erlebt und damit umgeht:

  • Er nimmt sich als körperlich verändert wahr,
  • er erschrickt,
  • er versteht nicht, was mit ihm vorgegangen ist,
  • er ist bzw. fühlt sich beeinträchtigt,
  • er ist unsicher, in einem Zwiespalt,
  • er weicht den Tatsachen aus, flieht in Pseudoerklärungen,
  • er überschätzt sich, schätzt seine Lage falsch ein,
  • er erwartet Hilfe von anderen,
  • er denkt über das Geschehen nach, stellt sich ihm also,
  • er kompensiert sein Manko, stellt sich ihm also,
  • er fühlt sich wohl.

Diese Gliederung ist systematisch angelegt, bildet also keine chronologische Reihenfolge ab; trotzdem kann man sagen, dass die Tendenz dahin geht, dass Gregor sich der Verwandlung stellt. Einige Fundstellen kann man unter mehreren der genannten Aspekte verstehen; ich verzichte hier auf eine Absicherung der Gliederung durch Nachweis der Fundstellen, diese Zuordnung kann jeder selbst vornehmen. Ich halte auch andere Gliederungen für möglich. – Die Gliederung müsste nun als Aufsatz (mit Belegstellen) ausgearbeitet werden. – Vgl. auch die Untersuchungen https://norberto42.wordpress.com/2016/02/12/kafka-motiv-der-verwandlung/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/21/kafka-die-verwandlung-reaktion-der-anderen-in-i/! Zur Erzähltechnik der erlebten Rede s. http://norberto42.blogspot.de/2016/02/merkmale-und-zweck-der-erlebten-rede.html!

 

Reflexion: Wie schreibt man einen literarischen Aufsatz?

1. Wir haben den Text nach den thematisch relevanten Stellen durchsucht und diese notiert (d.h. eine Liste angelegt, mit Fundstellen, s.o.).

2. Wir haben im Blick auf die Textstellen Kategorien (allgemeine Begriffe: abstrahiert, verallgemeinert) gebildet, um die Textstellen auch zu verstehen.

3. Diesen Kategorien haben wir die einzelnen Fundstellen zugeordnet, der Einfachheit halber im Manuskript mit Buchstaben abgekürzt (b = beeinträchtigt, d = er denkt nach, w = er weicht den Tatsachen aus, usw. – den gleichen Buchstaben nicht zweimal verwenden!).

4. Die verschiedenen Aspekte haben wir geordnet – das ist die Gliederung, die oben zu sehen ist.

5. Jetzt müsste der Aufsatz geschrieben werden, indem die verschiedenen Aspekte mittels der zugehörigen Belegstellen entfaltet werden, inklusive Einleitung und Schluss. – Es handelt sich dann um eine Darstellung des verstandenen Geschehens, die von der zeitlichen Abfolge der Ereignisse wie auch des Erzählens abgelöst ist.

Ich habe wieder die Absätze des Kap. I mit arabischen Ziffern gezählt, damit auch Leser unterschiedlicher Ausgaben mit meiner Untersuchung arbeiten können. Ich empfehle, für das Verständnis Kafkas mit zeitgenössischen Wörterbüchern (hier: Weigand, 1909) zu arbeiten, die man im Netz leicht findet.