E. T. A. Hoffmann: Der goldene Topf – Analysen, Links, Materialien

Der goldene Topf – Zeitstruktur

1. Vig.: ein Donnerstag im Mai (Himmelfahrstag), 15 – ca. 20.30 Uhr

2. Vig.: Donnerstag 21.00 – Freitag Nachmittag

3. Vig.: „heute“ ca. 1-2 Wochen später, ca. 1 Stunde (Erzählung L.‘), mit nachgetragener Vorgeschichte des Freitags der 2. Vig.

4. Vig.: Leseranrede / „einst“ (unbestimmt) Anselmus am Holunderbusch; kurzer Sammelbericht: jeden Abend; wieder einmal: Begegnung mit Lindhorst

5. Vig.: zwei Tage danach, Mittwoch: bei Paulmann

6. Vig.: Zeitsprung zurück: Montag, ca. 11.30-18.05 Uhr

7. Vig.: 23. September: Veronika bei der Alten, ca. 2 Stunden am Abend; am 24. September ist sie zu Hause, krank

8. Vig.: Anselmus bei Lindhorst, danach mit ihm zum Linkeschen Bad

9. Vig.: zwei Tage später: Anselmus nähert sich Veronika an und versagt bei Lindhorst

10. Vig.: Leseranrede / Leiden des Anselmus, Kampf, Rettung des A.

11. Vig: am gleichen Morgen bei Paulmann; am 4. Februar: Werbung und Verlobung Veronikas; Wochen später: Veronika im neuen Haus

12. Vig.: Leseranrede / Nacht der letzten Vigilie (unbestimmt)

mehrere Tage, ca. 22.45-23.30

 

Die Erfahrung der anderen Welt in der 1. Vigilie

  • Anselmus ist deprimiert wegen entgangener Freuden, voller Unmut, einsam am Holunderbuch
  • Er hört ein sonderbares Rieseln und Rascheln (vermutlich personal erzählt, also aus seiner Sicht)
  • Bald war es, als [ob] – irrealer Vergleich im Konjunktiv, dreimal
  • Anselmus dachte… (zweimal, Erklärung der sonderbaren Geräusche)
  • Er sah, wie die Schlange… und erbebte
  • Die blauen Augen blickten ihn mit unaussprechlicher Sehnsucht an – er antwortet darauf mit Seligkeit, Schmerz, Verlangen (= Sehnsucht)
  • Die Naturstimmen nennen als Bedingung dafür, dass man ihre Sprache versteht: wenn ihn die Liebe entzündet (dreimal)
  • Etwas geschieht wie… (zweimal), Anselmus ist voll Sehnsucht und Verlangen
  • Anselmus sah… (grünes Feuer!) – dann ist alles zu Ende,
  • und als er den Holunderbusch umarmt und mit ihm redet (2. Vigilie), wird er mit der Bürgerwelt konfrontiert.

Die andere Welt wird also mit zumeist irrealen Vergleichen eingeführt; Anselmus ist seelisch bereit, sich auf das Fremde einzulassen, das ihm als Blick der Sehnsucht begegnet, worauf er mit seiner Sehnsucht antwortet. Als Bedingung des Verstehens wird genannt, dass man von Liebe entzündet ist.

E. T. A. Hoffmann: Sämtliche Werke

https://archive.org/stream/smtlichewerk1v3hoff#page/n7/mode/2up Bd. 1-3

https://archive.org/stream/smtlichewerke04hoffuoft#page/n3/mode/2up Bd. 4-7

https://archive.org/stream/smtlichewer8v10hoff#page/n3/mode/2up Bd. 8-10

https://archive.org/stream/smtlichewerke11hoffuoft#page/n5/mode/2up Bd. 11-15, mit Bildern vor S. 1, 33, 49, 63, 81, 97, 99, 113 (alles 1900)

Kritische Ausgabe 1910/12:

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh01hoffuoft#page/n7/mode/2up 1908, Bd. 1: Callots Manier = https://archive.org/stream/bub_gb_WPpbAAAAMAAJ#page/n5/mode/2up

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh02hoffuoft#page/n7/mode/2up 1909, Bd. 2: Elixiere

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh03hoffuoft#page/n7/mode/2up 1909, Bd. 3: Nachtstücke

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh04hoffuoft#page/n9/mode/2up 1910, Bd. 4: Theater-Direktor; Klein Zaches

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh06hoffuoft#page/n7/mode/2up 1912, Bd. 6: Die Serapions-Brüder

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh07hoffuoft#page/n7/mode/2up 1914, Bd. 7: Fortsetzung

Fantasiestücke in Callots Manier

https://de.wikisource.org/wiki/Fantasiest%C3%BCcke_in_Callot%E2%80%99s_Manier Text, darin:

https://de.wikisource.org/wiki/Der_goldne_Topf (2. Aufl. 1819)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-goldne-topf-3103/2 Text 1814

https://www.youtube.com/watch?v=Lu2mn1ECXag Hörbuch

http://www.zeno.org/Literatur/M/Hoffmann,+E.+T.+A./Erz%C3%A4hlungen,+M%C3%A4rchen+und+Schriften/Fantasiest%C3%BCcke+in+Callots+Manier (Text)

http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/intermedialitaet/autoren/eta-hoffmann/der-goldne-topf.html

Der goldene Topf

http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/fileadmin/bbb/unterricht/faecher/sprachen/deutsch/SekIIAbi/Abi_2012/Q3_Literatur_Goldene_Topf_Abi2012_11-09-08.pdf Lit-Übersicht

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_goldne_Topf

https://www.inhaltsangabe.de/hoffmann/der-goldne-topf/ (Inhalt)

http://www.maerchenatlas.de/kunstmarchen/der-goldne-topf/ (Inhalt)

https://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Novellen/hoffmann/eta_topf.htm dito

https://gepoli.wordpress.com/category/literatur/e-t-a-hoffmann/der-goldne-topf/ i.W. Inhalt

http://mythos-magazin.de/methodenforschung/nb_hoffmann.pdf (Magister: der Sandmann – Der goldene Topf)

http://wikifarm.phil-fak.uni-duesseldorf.de/Orte_der_Utopie/index.php/Der_goldene_Topf die utop. Orte

http://www.lernender.ch/files/LAP/Zusammenfassungen/Deutsch/Literatur-E.T.A.%20Hoffmann-Der%20goldne%20Topf-Felician%20Abderhalden-30.04.02.pdf Analytisches

http://www.nthuleen.com/papers/142paper.html Anselmus‘ Charakter

https://www.uni-giessen.de/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/ndlk/publikationen/pubdateien/Der-goldene-Topf Interpret.

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http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literaturunterricht/hoffmann/unt-einh.html U-Einheit

https://www.youtube.com/watch?v=Lu2mn1ECXag Hörbuch (3:24)

= https://www.youtube.com/watch?v=UKpR0ckrPVg

Materialien

https://archive.org/stream/uberdieentwickl00todsgoog#page/n5/mode/2up (H. Todsen: Über die Entwicklung des romantischen Kunstmärchens, 1906)

Schubert: Ansichten von der Nachtseite…, https://archive.org/stream/ansichtenvondern01schu#page/n3/mode/2up 1808 = (Vierte großentheils umgearbeitete und sehr vermehrte Auflage 1840) https://archive.org/stream/bub_gb_Gc4AAAAAcAAJ#page/n3/mode/2up

Gotthilf Heinrich Schubert: Die Symbolik des Traumes

https://archive.org/stream/diesymbolikdestr00schu#page/n3/mode/2up 2. Aufl. 1821

https://archive.org/stream/bub_gb_NM4AAAAAcAAJ#page/n3/mode/2up 1814

(man findet leicht spätere Auflagen, bis 1862)

Schlegel: Universalpoesie

https://de.wikipedia.org/wiki/Universalpoesie

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/116-athenaeums-fragment

http://www.einladung-zur-literaturwissenschaft.de/index.php?option=com_content&view=article&id=145%3A4-2-3-4-progressive-universalpoesie&catid=39%3Akapitel-4&Itemid=55

http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/587/903.pdf (Analyse)

https://prezi.com/f36wknysv-jv/friedrich-schlegels-theorie-der-universalpoesie/ Übersicht

http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/intermedialitaet/intermedialitaet-romantik.html romant. Bewusstsein

http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt97/9703deua.htm interessant. Zitat

http://www.zeno.org/Literatur/M/Schlegel,+Friedrich Schlegel: Werke

Atlantis:

http://www.zeno.org/Literatur/M/Novalis/Romane/Heinrich+von+Ofterdingen/Erster+Theil%3A+Die+Erwartung/Drittes+Kapitel Märchen von Atlantis (Ende des 2.Kapitels: von der Kraft des Dichtens früher)

https://de.wikipedia.org/wiki/Atlantis

Atlantis heute: http://stargate-wiki.de/wiki/Atlantis

Atlantis

Die Kaufleute erzählen Heinrich eine Geschichte (in Novalis: Heinrich von Ofterdingen, 1802, Erster Teil, Drittes Kapitel):

Ein alter König, dessen Frau verstorben war, lebte glücklich in seinem Reich. Seine ganze Liebe galt seiner einzigen Tochter und der Dichtkunst. Viele Sänger kamen an seinen Hof, deren Lieder die Seele der Prinzessin erfüllten. Streit und Missgunst gab es im Land nicht. Nur eine Sorge hatten seine Bewohner: ob es überhaupt einen Prinzen geben könnte, der der schönen Königstochter würdig wäre. Erst recht war der König selber überzeugt, dass nur ein Mann vornehmster Herkunft als Schwiegersohn in Frage käme.

Nahe der Hauptstadt lebte nun ein alter Mann, der seinen einzigen Sohn in der Wissenschaft von der Natur unterrichtete. Eines Tages kam die Prinzessin auf einem Spaziergang zu ihrem Hof und bat um ein Glas Milch; sowohl das Haus wie die beiden Männer gefilen ihr und sie bat um die Erlaubnis, sie wieder besuchen zu dürfen. Dann ging sie nach Hause, ohne ihre Herkunft verraten zu haben. Sowohl der Jüngling wie das Mädchen waren von der Begegnung zutiefst beeindruckt; die Prinzessin fühlte sich, als sei sie in eine überirdische Welt versetzt worden.

Der junge Mann hatte sich am Abend noch in den Wald begeben, wo er einen roten Stein fand, einen Karfunkel; er erinnerte sich, dass das Mädchen ihn in einer Kette getragen hatte. Er schrieb ein Gedicht auf einen Zettel, in den er den Stein einwickelte, um ihn am anderen Morgen seiner Besitzerin in der Stadt zu bringen. Die Prinzessin, die den Verlust bemerkt hatte, machte sich am nächsten Morgen ebenfalls auf, um ihren Stein zu suchen. Als sie sich trafen, überreichte er ihr den Stein, während sie ihm zum Dank ihre goldene Kette um den Hals hängte. Er war zutiefst betroffen; sie verabschiedeten sich und die Prinzessin versprach, ihn bald wieder zu besuchen, um von seinem Vater in die Kenntnis der Natur eingeweiht zu werden.

Bald kam sie wieder, und ihre Besuche hörten seitdem nicht mehr auf; sie sang auf ihrer Laute, er unterrichtete sie in den Geheimnissen der Natur. Eines Tages, als er sie auf dem Rückweg ein Stück begleitete, wurde ihre Liebe so stark, dass sie sich küssten. Bald kam ein Unwetter auf, vor dem sie sich in eine Höhle retten konnten. Dort kamen sie einander immer näher und vereinigten sich in Liebe. Sie beschlossen, im Haus des Jünglings eine Wohnung für sich einzurichten, und lebten von da an als Mann und Frau.

In der Stadt war der König von Sorge um seine Tochter gequält; er bereute es, alle Bewerber um sie für gering geachtet zu haben. In der Stadt aber hielt sich das Gerücht, die Prinzessin werde wiederkehren. Am Jahrestag ihres Verschwindens, einem heiteren Sommertag, feierte man am Hof wieder; die Dichter trugen ihre Lieder vor, aber der König war von Wehmut erfüllt. Da kam ein Jüngling, der ein wunderbares Lied vortrug. Es handelte vom Ursprung der Welt und aller Lebewesen, von der Sympathie der Natur und der goldenen alten Zeit, von der Erscheinung des Hasses und dem künftigen Triumph der Liebe und der Poesie; alle waren beeindruckt. Dann trug er ein zweites Lied vor, in dem er in Bildern sein eigenes Geschick besang. Währenddessen kam ein alter Mann mit einer verschleierten jungen Frau, die ein kleines Kind trug. Die letzte Strophe lautete so:

Geist des Gesangs, komm du hernieder,

Und steh auch jetzt der Liebe bey;

Bring die verlorne Tochter wieder,

Daß ihr der König Vater sey! –

Daß er mit Freuden sie umschließet,

Und seines Enkels sich erbarmt,

Und wenn das Herz ihm überfließet,

Den Sänger auch als Sohn umarmt.

Dann lüftete er den Schleier der Frau, die Prinzessin fiel ihrem Vater zu Füßen und hielt ihm ihr Kind hin. Der König hob sie und ihren Mann auf und reichte das Kind, das man ihm gab, dem Himmel entgegen, worauf er auch den Alten begrüßte. „Unendliche Freudenthränen flossen. In Gesänge brachen die Dichter aus, und der Abend ward ein heiliger Vorabend dem ganzen Lande, dessen Leben fortan nur Ein schönes Fest war. Kein Mensch weiß, wo das Land hingekommen ist. Nur in Sagen heißt es, daß Atlantis von mächtigen Fluten den Augen entzogen worden sey.“

(http://www.zeno.org/Literatur/M/Novalis/Romane/Heinrich+von+Ofterdingen/Erster+Theil%3A+Die+Erwartung/Drittes+Kapitel)

Stirb und Werde

Es ist ein ewiges Naturgesetz, das so klar da liegt, daß es sich dem Geist des Menschen zuerst aufdringen müssen, daß die vergängliche Form der Dinge untergeht, wenn ein neues, höheres Streben in ihnen erwacht, und daß nicht die Zeit, nicht die Außenwelt, sondern die Psyche selber ihre Hülle zerstört, wenn die Schwingen eines neuen, freyeren Daseyns sich in ihr entfalten. Ich habe in dem ersten Theil meiner schon angeführten Schrift, da wo ich von einem scheinbaren Streben der Dinge nach ihrer eigenen Vernichtung gehandelt, in vielen Beyspielen gezeigt, daß gerade in der Gluth der seeligsten und am am meisten erstrebten Augenblicke des Daseyns, dieses sich selber auflöset und zerstört. Es welkt die Blume sogleich, wenn der höchste Augenblick des Blühens vorüber ist, und das bunte Insekt sucht in der einen Stunde der Liebe zugleich die seines Todes, und empfängt in dem Tempel der Hochzeit selber sein Grab. Ja es sind bey dem Menschen gerade die seeligsten und geistigsten Augenblicke des Lebens, für dieses selber die zerstörendsten, und wir finden öfters in dem höchsten und heiligsten Streben unsres Wesens, einen seeligen Untergang. Die erhabensten und göttlichsten Blüthen in der Geschichte unsres Geschlechts, sind am schnellsten vergangen, am schnellsten von dem Andrange ihrer Zeit, oder vielmehr von ihrem eignen Streben zerstört worden, obwohl das Werk selber das sie gethan, für alle Zeiten gethan ist. So wird, wenn die Wesen mit allen Kräften gerungen, daß sie den Geist einer höheren Vollendung erreichen möchten, der Genuß selber der Tod, und nur das Streben nach jenem höchsten Moment hat das Leben aufrecht erhalten. Jedoch ist jenes Streben nicht vergeblich gewesen, und eben die Gluth jener zerstörenden Augenblicke, für die bisherige Form des Daseyns zu erhaben, erzeugt den Keim eines neuen höheren Lebens in der Asche des untergegangenen vorherigen, und das Vergängliche wird, (berührt und verzehrt von dem Ewigen) aus diesem von neuem wieder verjüngt.“

D. G. H. Schubert: Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft, Dresden 1808, S. 69 f. (https://archive.org/stream/ansichtenvondern01schu#page/n3/mode/2up)

Poesie – ihr Wesen, ihre Kraft (Romantik)

Heinrich von Ofterdingen ist dabei, ein Dichter zu werden. Im zweiten Kapitel des Romans (1802) wird erzählt, wie die Kaufleute ihn über die Poesie belehren:

Es dünkt uns, ihr habt Anlage zum Dichter. Ihr sprecht so geläufig von den Erscheinungen eures Gemüths, und es fehlt Euch nicht an gewählten Ausdrücken und passenden Vergleichungen. Auch neigt Ihr Euch zum Wunderbaren, als dem Elemente der Dichter.

Ich weiß nicht, sagte Heinrich, wie es kommt. Schon oft habe ich von Dichtern und Sängern sprechen gehört, und habe noch nie einen gesehn. Ja, ich kann mir nicht einmal einen Begriff von ihrer sonderbaren Kunst machen, und doch habe ich eine große Sehnsucht davon zu hören. Es ist mir, als würde ich manches besser verstehen, was jetzt nur dunkle Ahndung in mir ist. Von Gedichten ist oft erzählt worden, aber nie habe ich eins zu sehen bekommen, und mein Lehrer hat nie Gelegenheit gehabt Kenntnisse von dieser Kunst einzuziehn. Alles, was er mir davon gesagt, habe ich nicht deutlich begreifen können. Doch meynte er immer, es sey eine edle Kunst, der ich mich ganz ergeben würde, wenn ich sie einmal kennen lernte. In alten Zeiten sey sie weit gemeiner gewesen, und habe jedermann einige Wissenschaft davon gehabt, jedoch Einer vor dem Andern. Sie sey noch mit andern verlohrengegangenen herrlichen Künsten verschwistert gewesen. Die Sänger hätte göttliche Gunst hoch geehrt, so daß sie begeistert durch unsichtbaren Umgang, himmlische Weisheit auf Erden in lieblichen Tönen verkündigen können.

Die Kaufleute sagten darauf: Wir haben uns freylich nie um die Geheimnisse der Dichter bekümmert, wenn wir gleich mit Vergnügen ihrem Gesange zugehört. Es mag wohl wahr seyn, daß eine besondere Gestirnung dazu gehört, wenn ein Dichter zur Welt kommen soll; denn es ist gewiß eine recht wunderbare Sache mit dieser Kunst. Auch sind die andern Künste gar sehr davon unterschieden, und lassen sich weit eher begreifen. Bey den Mahlern und Tonkünstlern kann man leicht einsehn, wie es zugeht, und mit Fleiß und Geduld läßt sich beydes lernen. Die Töne liegen schon in den Saiten, und es gehört nur eine Fertigkeit dazu, diese zu bewegen um jene in einer reitzenden Folge aufzuwecken. Bey den Bildern ist die Natur die herrlichste Lehrmeisterin. Sie erzeugt unzählige schöne und wunderliche Figuren, giebt die Farben, das Licht und den Schatten, und so kann eine geübte Hand, ein richtiges Auge, und die Kenntniß von der Bereitung und Vermischung der Farben, die Natur auf das vollkommenste nachahmen. Wie natürlich ist daher auch die Wirkung dieser Künste, das Wohlgefallen an ihren Werken, zu begreifen. Der Gesang der Nachtigall, das Sausen des Windes, und die herrlichen Lichter, Farben und Gestalten gefallen uns, weil sie unsere Sinne angenehm beschäftigen; und da unsere Sinne dazu von der Natur, die auch jenes hervor bringt, so eingerichtet sind, so muß uns auch die künstliche Nachahmung der Natur gefallen. Die Natur will selbst auch einen Genuß von ihrer großen Künstlichkeit haben, und darum hat sie sich in Menschen verwandelt, wo sie nun selber sich über ihre Herrlichkeit freut, das Angenehme und Liebliche von den Dingen absondert, und es auf solche Art allein hervorbringt, daß sie es auf mannichfaltigere Weise, und zu allen Zeiten und allen Orten haben und genießen kann. Dagegen ist von der Dichtkunst sonst nirgends äußerlich etwas anzutreffen. Auch schafft sie nichts mit Werkzeugen und Händen; das Auge und das Ohr vernehmen nichts davon: denn das bloße Hören der Worte ist nicht die eigentliche Wirkung dieser geheimen Kunst. Es ist alles innerlich, und wie jene Künstler die äußern Sinne mit angenehmen Empfindungen erfüllen, so erfüllt der Dichter das inwendige Heiligthum des Gemüths mit neuen, wunderbaren und gefälligen Gedanken. Er weiß jene geheimen Kräfte in uns nach Belieben zu erregen, und giebt uns durch Worte eine unbekannte herrliche Welt zu vernehmen. Wie aus tiefen Höhlen steigen alte und künftige Zeiten, unzählige Menschen, wunderbare Gegenden, und die seltsamsten Begebenheiten in uns herauf, und entreißen uns der bekannten Gegenwart. Man hört fremde Worte und weiß doch, was sie bedeuten sollen. Eine magische Gewalt üben die Sprüche des Dichters aus; auch die gewöhnlichen Worte kommen in reizenden Klängen vor, und berauschten die festgebannten Zuhörer.

Ihr verwandelt meine Neugierde in heiße Ungeduld, sagte Heinrich. Ich bitte euch, erzählt mir von allen Sängern, die ihr gehört habt. Ich kann nicht genug von diesen besondern Menschen hören. Mir ist auf einmal, als hätte ich irgendwo schon davon in meiner tiefsten Jugend reden hören, doch kann ich mich schlechterdings nichts mehr davon entsinnen. Aber mir ist das, was ihr sagt, so klar, so bekannt, und ihr macht mir ein außerordentliches Vergnügen mit euren schönen Beschreibungen.

Wir erinnern uns selbst gern, fuhren die Kaufleute fort, mancher frohen Stunden, die wir in Welschland, Frankreich und Schwaben in der Gesellschaft von Sängern zugebracht haben, und freuen uns, daß ihr so lebhaften Antheil an unsern Reden nehmet. Wenn man so in Gebirgen reist, spricht es sich mit doppelter Annehmlichkeit, und die Zeit vergeht spielend. Vielleicht ergötzt es euch einige artige Geschichten von Dichtern zu hören, die wir auf unsern Reisen erfuhren. Von den Gesängen selbst, die wir gehört haben, können wir wenig sagen, da die Freude und der Rausch des Augenblicks das Gedächtniß hindert viel zu behalten, und die unaufhörlichen Handelsgeschäfte manches Andenken auch wieder verwischt haben.

In alten Zeiten muß die ganze Natur lebendiger und sinnvoller gewesen seyn, als heut zu Tage. Wirkungen, die jetzt kaum noch die Thiere zu bemerken scheinen, und die Menschen eigentlich allein noch empfinden und genießen, bewegten damals leblose Körper; und so war es möglich, daß kunstreiche Menschen allein Dinge möglich machten und Erscheinungen hervorbrachten, die uns jetzt völlig unglaublich und fabelhaft dünken. So sollen vor uralten Zeiten in den Ländern des jetzigen Griechischen Kaiserthums, wie uns Reisende berichtet, die diese Sagen noch dort unter dem gemeinen Volke angetroffen haben, Dichter gewesen seyn, die durch den seltsamen Klang wunderbarer Werkzeuge das geheime Leben der Wälder, die in den Stämmen verborgenen Geister aufgeweckt, in wüsten, verödeten Gegenden den todten Pflanzensaamen erregt, und blühende Gärten hervorgerufen, grausame Thiere gezähmt und verwilderte Menschen zu Ordnung und Sitte gewöhnt, sanfte Neigungen und Künste des Friedens in ihnen rege gemacht, reißende Flüsse in milde Gewässer verwandelt, und selbst die todtesten Steine in regelmäßige tanzende Bewegungen hingerissen haben. Sie sollen zugleich Wahrsager und Priester, Gesetzgeber und Ärzte gewesen seyn, indem selbst die höhern Wesen durch ihre zauberische Kunst herabgezogen worden sind, und sie in den Geheimnissen der Zukunft unterrichtet, das Ebenmaß und die natürliche Einrichtung aller Dinge, auch die innern Tugenden und Heilkräfte der Zahlen, Gewächse und aller Kreaturen, ihnen offenbart. Seitdem sollen, wie die Sage lautet, erst die mannichfaltigen Töne und die sonderbaren Sympathien und Ordnungen in die Natur gekommen seyn, indem vorher alles wild, unordentlich und feindselig gewesen ist. Seltsam ist nur hiebey, daß zwar diese schönen Spuren, zum Andenken der Gegenwart jener wohlthätigen Menschen, geblieben sind, aber entweder ihre Kunst, oder jene zarte Gefühligkeit der Natur verlohren gegangen ist. In diesen Zeiten hat es sich unter andern einmal zugetragen, daß einer jener sonderbaren Dichter oder mehr Tonkünstler – wiewohl die Musik und Poesie wohl ziemlich eins seyn mögen und vielleicht eben so zusammen gehören, wie Mund und Ohr, da der erste nur ein bewegliches und antwortendes Ohr ist – daß also dieser Tonkünstler übers Meer in ein fremdes Land reisen wollte. Er war reich an schönen Kleinodien und köstlichen Dingen, die ihm aus Dankbarkeit verehrt worden waren. Er fand ein Schiff am Ufer, und die Leute darinn schienen bereitwillig, ihn für den verheißenen Lohn nach der verlangten Gegend zu fahren. Der Glanz und die Zierlichkeit seiner Schätze reizten aber bald ihre Habsucht so sehr, daß sie unter einander verabredeten, sich seiner zu bemächtigen, ihn ins Meer zu werfen, und nachher seine Habe unter einander zu vertheilen. Wie sie also mitten im Meere waren, fielen sie über ihn her, und sagten ihm, daß er sterben müsse, weil sie beschlossen hätten, ihn ins Meer zu werfen. Er bat sie auf die rührendste Weise um sein Leben, bot ihnen seine Schätze zum Lösegeld an, und prophezeyte ihnen großes Unglück, wenn sie ihren Vorsatz ausführen würden. Aber weder das eine, noch das andere konnte sie bewegen: denn sie fürchteten sich, daß er ihre bösliche That einmal verrathen möchte. Da er sie nun einmal so fest entschlossen sah, bat er sie ihm wenigstens zu erlauben, daß er noch vor seinem Ende seinen Schwanengesang spielen dürfe, dann wolle er mit seinem schlichten hölzernen Instrumente, vor ihren Augen freywillig ins Meer springen. Sie wußten recht wohl, daß wenn sie seinen Zaubergesang hörten, ihre Herzen erweicht, und sie von Reue ergriffen werden würden; daher nahmen sie sich vor, ihm zwar diese letzte Bitte zu gewähren, während des Gesanges aber sich die Ohren fest zu verstopfen, daß sie nichts davon vernähmen, und so bey ihrem Vorhaben bleiben könnten. Dies geschah. Der Sänger stimmte einen herrlichen, unendlich rührenden Gesang an. Das ganze Schiff tönte mit, die Wellen klangen, die Sonne und die Gestirne erschienen zugleich am Himmel, und aus den grünen Fluten tauchten tanzende Schaaren von Fischen und Meerungeheuern hervor. Die Schiffer standen feindselig allein mit festverstopften Ohren, und warteten voll Ungeduld auf das Ende des Liedes. Bald war es vorüber. Da sprang der Sänger mit heitrer Stirn in den dunkeln Abgrund hin, sein wunderthätiges Werkzeug im Arm. Er hatte kaum die glänzenden Wogen berührt, so hob sich der breite Rücken eines dankbaren Unthiers unter ihm hervor, und es schwamm schnell mit dem erstaunten Sänger davon. Nach kurzer Zeit hatte es mit ihm die Küste erreicht, nach der er hingewollt hatte, und setzte ihn sanft im Schilfe nieder. Der Dichter sang seinem Retter ein frohes Lied, und ging dankbar von dannen. Nach einiger Zeit ging er einmal am Ufer des Meers allein, und klagte in süßen Tönen über seine verlohrenen Kleinode, die ihm, als Erinnerungen glücklicher Stunden und als Zeichen der Liebe und Dankbarkeit so werth gewesen waren. Indem er so sang, kam plözlich sein alter Freund im Meere fröhlich daher gerauscht, und ließ aus seinem Rachen die geraubten Schätze auf den Sand fallen. Die Schiffer hatten, nach des Sängers Sprunge, sich sogleich in seine Hinterlassenschaft zu theilen angefangen. Bey dieser Theilung war Streit unter ihnen entstanden, und hatte sich in einen mörderischen Kampf geendigt, der den Meisten das Leben gekostet; die wenigen, die übrig geblieben, hatten allein das Schiff nicht regieren können, und es war bald auf den Strand gerathen, wo es scheiterte und unterging. Sie brachten mit genauer Noth das Leben davon, und kamen mit leeren Händen und zerrissenen Kleidern ans Land, und so kehrten durch die Hülfe des dankbaren Meerthiers, das die Schätze im Meere aufsuchte, dieselben in die Hände ihres alten Besitzers zurück.

(http://www.zeno.org/Literatur/M/Novalis/Romane/Heinrich+von+Ofterdingen/Erster+Theil%3A+Die+Erwartung/Zweytes+Kapitel)

Universalpoesie

[116] Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehre Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst, bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosen Gesang. Sie kann sich so in das Dargestellte verlieren, daß man glauben möchte, poetische Individuen jeder Art zu charakterisieren, sei ihr Eins und Alles; und doch gibt es noch keine Form, die so dazu gemacht wäre, den Geist des Autors vollständig auszudrücken: so daß manche Künstler, die nur auch einen Roman schreiben wollten, von ungefähr sich selbst dargestellt haben. Nur sie kann gleich dem Epos ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden. Und doch kann auch sie am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen. Sie ist der höchsten und der allseitigsten Bildung fähig; nicht bloß von innen heraus, sondern auch von außen hinein; indem sie jedem, was ein Ganzes in ihren Produkten sein soll, alle Teile ähnlich organisiert, wodurch ihr die Aussicht auf eine grenzenlos wachsende Klassizität eröffnet wird. Die romantische Poesie ist unter den Künsten was der Witz der Philosophie, und die Gesellschaft, Umgang, Freundschaft und Liebe im Leben ist. Andre Dichtarten sind fertig, und können nun vollständig zergliedert werden. Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden, und nur eine divinatorische Kritik dürfte es wagen, ihr Ideal charakterisieren zu wollen. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art, und gleichsam die Dichtkunst selbst ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.

Friedrich Schlegel: Fragmente, in: Athenäum I 2 (1798), S. 28-30 (http://www.zeno.org/Literatur/M/Schlegel,+Friedrich/Fragmentensammlungen/Fragmente)

Dichter

Schlegel: Der Dichter http://www.zeno.org/Literatur/M/Schlegel,+Friedrich/Gedichte/Abendr%C3%B6te/Erster+Teil/Der+Dichter?hl=dichter

Tieck: An einen jüngeren Dichter http://www.zeno.org/Literatur/M/Tieck,+Ludwig/Gedichte/Gedichte/Zweiter+Theil/Bl%C3%A4tter+der+Erinnerung/An+einen+j%C3%BCngeren+Dichter?hl=dichter

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E. T. A. Hoffmann: Das fremde Kind – Strukur, Interpretation

Das fremde Kind“ wird von Lothar erzählt (Zweiter Band „Die Serapionsbrüder“, 1819, Vierter Abschnitt). Struktur des erzählten Geschehens:

Ausgangssituation: Das freundliche Anwesen der Familie von Brakel in Brakelheim, wo diese inmitten der Natur ein einfaches Leben führt.

Störung: Besuch des vornehmen Vetters Cyprianus von Brakel mit seiner Familie

  • Einschränkung der Kinder schon vor dem Besuch
  • Charakterisierung der fremden Kinder
  • Konfrontation der beiden Sorten Kinder (fröhliche Bauernkinder – unbeholfene Kinder voller „Wissenschaften“)

Die neuen Spielsachen (Geschenk der Besucher)

  • machen vorübergehend Freude
  • enttäuschen in ihrer leblosen Mechanik
  • werden im Wald entsorgt

Gegenbewegung, ausgelöst durch das fremde Kind:

  • Die Kinder sind im Wald, aber traurig.
  • Das fremde Kind kommt.
  • Sie spielen in der Natur. – Die Eltern verstehen nichts von dem, was die Kinder ihnen erzählen.
  • Am nächsten Tag geht das fröhliche Spielen im Wald weiter.

Von der Heimat des fremden Kindes“ (der Mythos, vom Kind erzählt)

  • Es wohnt hinter den blauen Bergen.
  • Seine Mutter, eine Königin, führt ein glückliches Leben.
  • Pepasilio, „ein großer Gelehrter“, hat mit seinem schwarzen Saft (= Tinte: Wissenschaft) das Leben dort gestört.
  • Es gelang mit Hilfe von Kindern, sich von Pepasilio = Gnomenkönig Pepser (= eine Fliege) zu befreien.

Fortsetzung der Störung durch den Hofmeister:

  • Der vom Onkel Cyprianus versprochene Hofmeister, Magister Tinte, quält die Kinder sinnlos bei seiner Ankunft.
  • Sie müssen im Zimmer die Wissenschaften lernen.
  • Er liebt den Wald nicht, reißt Maiglöckchen aus und tötet einen Vogel; er verwandelt sich in eine summende, brummende Fliege (wie im Mythos Pepser). – Die Eltern verstehen den Bericht der Kinder nicht.
  • Er agiert im Haus wie eine Fliege und wird vom Vater mit der Fliegenklatsche (wie Pepser im Mythos) vertrieben.
  • Die im Wald entsorgten Spielsachen sind Zöglinge des Magisters Tinte; sie verleiden den Kindern den Wald.

Ausgang des Geschehens:

  • Herr von Brakel wird krank (vermutlich Tintes Werk).
  • Er bekennt sich zum fremden Kind, das er selber früher kannte.
  • Er stirbt.

Die Familie

  • wird durch den Vetter Cyprianus enteignet;
  • das fremde Kind ermahnt die beiden Kinder, Felix und Christlieb, zur Treue und verspricht Hilfe.
  • Die Familie wird trotz ihrer Armut glücklich. (Damit ist wieder der ausgeglichene Anfangszustand erreicht.)

Diese Struktur des Geschehens muss man vor Augen haben, wenn den im Netz mehrfach wiedergegebenen Inhalt des Märchens verstehen will. Interpretation:

Die „Helden“ des Geschehens sind Felix und Christlieb von Brakel. Die heile Welt ist die naturnahe kleine Welt des Thaddäus von Brakel und seiner Familie; die Kinder spielen im Wald und verstehen die Stimmen der Natur. Sie sind die wahren Menschen – eine Anwendung des Schiller‘schen Satzes: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Der Dreiklang des erfüllten Lebens besteht aus den Tönen „Kind sein – spielen – im Wald“; das Kriterium des Gelingens sind Freude, Freiheit und die vielen Stimmen, die man hört.

Die Gegenwelt ist die große Welt des Cyprianus von Brakel; er bringt seinen Kindern die sinn-losen „Wissenschaften“ bei und verschenkt mechanisches Spielzeug. Seine Kinder und die verschenkten Spielsachen (sie bestehen die Waldprobe nicht, verleiden den Kindern den Wald) sind negativ gezeichnet, Cyprianus selber ist ein übler Ausbeuter (s. Ende!). Zur Gegenwelt gehört auch der von ihm entsandte Hofmeister, Magister Tinte, der die Kinder ans Zimmer fesselt; er tritt als Sadist auf und lehrt „die Wissenschaften“, er ist in Wahrheit die summende, brummende Pepser-Fliege. Seine schwarze Kleidung entspricht der Tinte.

In der mythischen Parallelwelt stehen auf der einen Seite das fremde Kind und seine Mutter, auf der Gegenseite der große Wissenschaftler Pepasilio = Pepser, der mit seiner Tinte die ganze Natur tötet. In der mythischen Welt wird ein Kampf ausgefochten, der mit Fliegenklatschen gewonnen wird und dem in Brakelheim der Kampf gegen Magister Tinte entspricht. Als Naturkinder verstehen Felix und Christlieb die Botschaft des fremden Kindes. Die Eltern von Brakel verstehen zunächst ihre Kinder nicht; der Vater nähert sich als erster seinen Kindern an und erinnert sich an seine Kindheit, schließlich glaubt auch die Mutter den Kindern ihr „Märchen“.

In der großen Welt mag Minister Cyprianus Erfolg haben, doch wissen Felix und Christlieb (anders als ihre Cousine und ihr Vetter) zu leben (hier: zu spielen) und werden in ihrer Armut glücklich.

Vor diesem Hintergrund, dass „richtige“ Kinder die wahren Menschen sind, gewinnt das kleine Geplänkel über Märchen (Märchen – Kindermärchen – Märchen für große und kleine Kinder – Märchen für Kinder und für die, die es nicht sind) am Schluss der Erzählung seine poetologische Bedeutung.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_fremde_Kind_(E._T._A._Hoffmann) (Inhalt ziemlich knapp)

http://www.maerchenatlas.de/kunstmarchen/das-fremde-kind/ (Inhalt, mit kleinen Fehlern)

https://silkehorstkotte.files.wordpress.com/2014/08/das-fremde-kind2-kopie.pdf (Interpretation und Unterrichtsentwurf)

http://mythos-magazin.de/methodenforschung/tg_hoffmann.pdf (Interpretation einer Studentin – lustig, was die Wissenschaft aus dem Märchen macht)

Text:

http://www.zeno.org/Literatur/M/Hoffmann,+E.+T.+A./Erz%C3%A4hlungen,+M%C3%A4rchen+und+Schriften/Die+Serapionsbr%C3%BCder/Zweiter+Band/Vierter+Abschnitt/Das+fremde+Kind

http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-fremde-kind-3092/1

https://www.offenesbuch.com/g26762 (sehr gut lesbar)

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh06hoffuoft#page/262/mode/2up (historisch-krit. Ausgabe 1912, Frakturschrift)

http://www.maerchen.org/hoffmann/der-herr-von-brakel.htm

http://njfib.wbl.sk/uvod_do_nemeckej_literatury/das_fremde_kind.doc

E. T. A. Hoffmann: Nussknacker und Mausekönig (1816) – drei Wirklichkeiten

In diesem Märchen gibt es verschiedene Wirklichkeiten:

1. Die Welt der Familie Stahlbaum (Vater, Mutter, Fritz und Marie, ältere Schwester Luise), wozu auch der Pate Droßelmeier und der Chirurgus Wendelstein gehören; die Kinder besitzen eine Menge Spielsachen und bekommen zu Weihnachten u.a. einen Nussknacker geschenkt.

2. In der Nacht zum 25. Dezember gegen 12 Uhr erlebt Marie, wie die Spielsachen lebendig werden und, vom Nussknacker befehligt, einen Krieg gegen die Mäuse führen. Marie greift zugunsten der Spielsachen ein und wird ohnmächtig.

– Am anderen Tag erwacht sie verletzt im Bett, das normale Leben geht weiter (1. Ebene). Droßelmeier erzählt das Märchen (3. Wirklichkeit) von der harten Nuss:

3. Die Eltern der Prinzessin Pirlipat werden von Mäusen bedroht und bekämpft, Pirlipat wird hässlich. Der Hofuhrmacher Droßelmeier (!) muss zu ihrer Rettung die Nuss Krakatuk und einen jungen Mann besorgen, als den er seinen Neffen nimmt, der die harte Nuss aufbeißt. Dadurch ist die Prinzessin gerettet, der Neffe aber hässlich geworden, worauf die Prinzessin den Nussknacker wegwirft. Er kann gerettet werden, wenn er den Sohn des Mausekönigs besiegt und eine Dame ihn liebt.

– Es geht zurück in die Ebene (1); Marie erkennt in ihrem Nussknacker nun den Neffen Droßelmeiers aus (3). Der Pate ermuntert sie, den Nussknacker zu erlösen (Hinweis auf Ebene 3, Vorgriff auf den Schluss).

– In einem Wechsel von Ebene (1) und (3) opfert Marie nachts ihre Leckereien den Mäusen, die den Nussknacker bedrohen; die Eltern besorgen eine Falle, Marie verschafft dem Nussknacker aus den Spielsachen einen Degen.

In einer Nacht, um 12 Uhr, wechselt Marie erneut in die Ebene (3): Der Nussknacker tötet den Mausekönig und zieht mit Marie in ein Zauberland.

Als sie erwacht, liegt sie im Bett: Die Mohren aus dem Zauberland haben sie nach Hause getragen, sagt der Erzähler in einer Leseranrede.

Sprechen durfte nun Marie nicht mehr von ihrem Abenteuer, aber die Bilder jenes wunderbaren Feenreichs umgaukelten sie in süßwogendem Rauschen und in holden lieblichen Klängen; sie sah alles noch einmal, sowie sie nur ihren Sinn fest darauf richtete, und so kam es, daß sie, statt zu spielen, wie sonst, starr und still, tief in sich gekehrt, dasitzen konnte, weshalb sie von allen eine kleine Träumerin gescholten wurde.“

Die Ebenen vermischen sich nun: Bei der Reparatur einer Uhr stellt der Pate ihr seinen Neffen vor, der Marie heiratet,und Marie soll noch zur Stunde Königin eines Landes sein, in dem man überall funkelnde Weihnachtswälder, durchsichtige Marzipanschlösser, kurz, die allerherrlichsten, wunderbarsten Dinge erblicken kann, wenn man nur darnach Augen hat.
Das war das Märchen vom Nussknacker und Mausekönig.“

[Dieser Schluss fehlt im Text im Projekt Gutenberg – möglicherweise ist er von Hoffmann erst nachgetragen, als er das Märchen in die „Serapionsbrüder“ 1819 aufgenommen hat?] Mit dem Schluss-Satz steigt der Erzähler aus dem Erzählen aus.

Wir haben also die Erzählung einer Familienwelt vor uns, in der um Mitternacht Wunderbares geschieht (Spielsachen werden lebendig und kämpfen mit Mäusen), in der dann ein Märchen erzählt wird (von der Prinzessin, dem Hofuhrmacher Droßelmeier, seinem Neffen und der harten Nuss) – in dem also eine Figur aus der Wirklichkeit, der Erzähler selbst, als Figur auftaucht – in der die kämpfenden Mäuse in zwei Wirklichkeitsebenen auftauchen und in der zuletzt zwei Ebenen miteinander verschmelzen. – Es gibt viele Leseranreden und Kommentare des Erzählers.

https://de.wikipedia.org/wiki/Nu%C3%9Fknacker_und_Mausek%C3%B6nig

http://www.maerchenatlas.de/kunstmarchen/nussknacker-und-mausekoenig/ (Inhalt, anfangs viel zu ausführlich, danach viel zu knapp)

https://www.srf.ch/sendungen/hoerspiel/nussknacker-und-mausekoenig-von-e-t-a-hoffmann-2 (Schülerinterpretation)

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/unveroeffentlichte-bilder-wenn-der-nussknacker-zum-leben-erwacht-14572323.html (Würdigung zum 200. Jahrestag)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/nussknacker-und-mausekonig-3083/1 (Text, 1816)

http://www.nikolaus-weihnachten.de/weihnachtsmaerchen/der-weihnachtsabend.htm (Text)

https://archive.org/details/nussknacker_mausekoenig_0811_librivox (Hörbuch)

http://www.sais-tempel.de/nussknacker-und-mausek%C3%B6nig/ (von Ulrich Lenz sprachlich modernisierte Fassung)

https://www.srf.ch/sendungen/hoerspiel/nussknacker-und-mausekoenig-von-e-t-a-hoffmann-2 (Hörspiel)

https://www.youtube.com/watch?v=y25W6Vnk8mI (Zeichentrickfilm, sehr frei nach E. T. A. Hoffmann)

E. T. A. Hoffmann: Klein-Zaches genannt Zinnober (kurz gefasst)

In aller Kürze:

Der „Held“ ist der Student Balthasar aus Hoch-Jakobsheim; er ist ein poetischer Mensch, der Natur intensiv verbunden: »Ich liebe,« fuhr Prosper Alpanus fort, »ich liebe Jünglinge, die so wie du, mein Balthasar, Sehnsucht und Liebe im reinen Herzen tragen, in deren Innerm noch jene herrlichen Akkorde widerhallen, die dem fernen Lande voll göttlicher Wunder angehören, das meine Heimat ist. Die glücklichen, mit dieser inneren Musik begabten Menschen sind die einzigen, die man Dichter nennen kann, wiewohl viele auch so gescholten werden, die den ersten besten Brummbaß zur Hand nehmen, darauf herumstreichen und das verworrene Gerassel der unter ihrer Faust stöhnenden Saiten für herrliche Musik halten, die aus ihrem eignen Innern heraustönt. – Dir ist, ich weiß es, mein geliebter Balthasar, dir ist es zuweilen so, als verstündest du die murmelnden Quellen, die rauschenden Bäume, ja, als spräche das aufflammende Abendrot zu dir mit verständlichen Worten! – Ja, mein Balthasar! – in diesen Momenten verstehst du wirklich die wunderbaren Stimmen der Natur, denn aus deinem eignen Innern erhebt sich der göttliche Ton, den die wundervolle Harmonie des tiefsten Wesens der Natur entzündet.« (7. Kap.)

Sein Gegenspieler ist Klein-Zaches, Sohn armer Leute: „Der Kopf stak dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rückens vertrat ein kürbisähnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen die haselgertdünnen Beinchen herab, daß der Junge aussah wie ein gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel entdecken, schärfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein Paar kleine, schwarz funkelnde Äuglein gewahr, die, zumal bei den übrigens ganz alten, eingefurchten Zügen des Gesichts, ein klein Alräunchen kundzutun schienen.“ (1. Kap.)

Dieser Knirps wird vom Stiftsfräulein von Rosenschön (alis Fee Rosabelverde) aus Mitleid mit der Gabe ausgestattet, dass er den Leuten als eine stattliche Person erscheint, der man die Leistungen anderer zurechnet, während seine eigenen Fehlleistungen bei den anderen erkannt werden.

Sie leben in einem Fürstentum, in dem die Aufklärung per Dekret eingeführt wird, was zu einer Ächtung des Wunderbaren und der Poesie führt – anderseits nicht verhindert, dass die Regierung lachhaft ist und die Beförderungen willkürlich erfolgen (Satire!).

Klein-Zaches und Balthasar treffen an der Universität in Kerepes aufeinander, als Studenten des Professors Mosch Terpin bzw. als Konkurrenten um dessen schöne Tochter Candida: „Candida war, jeder mußte das eingestehen, ein bildhübsches Mädchen, mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen Rosenlippen. Ob ihre übrigens schönen Haare, die sie in wunderlichen Flechten gar phantastisch aufzunesteln wußte, mehr blond oder mehr braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut der seltsamen Eigenschaft, daß sie immer dunkler und dunkler wurden, je länger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter Bewegung, war das Mädchen, zumal in lebenslustiger Umgebung, die Huld, die Anmut selbst, und man übersah es bei so vielem körperlichen Reiz sehr gern, daß Hand und Fuß vielleicht kleiner und zierlicher hätten gebaut sein können. Dabei hatte Candida Goethes »Wilhelm Meister«, Schillers Gedichte und Fouqués »Zauberring« gelesen und beinahe alles, was darin enthalten, wieder vergessen; spielte ganz passabel das Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte die neuesten Françaisen und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit einer feinen leserlichen Hand. Wollte man durchaus an dem lieben Mädchen etwas aussetzen, so war es vielleicht, daß sie etwas zu tief sprach, sich zu fest einschnürte, sich zu lange über einen neuen Hut freute und zuviel Kuchen zum Tee verzehrte.“ (3. Kapitel – es folgt eine Verspottung der falschen romantischen Dichter)

Als Balthasar zu Ehren Candidas sein Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose in einer Versammlung vorträgt, wird es als Gedicht Zinnobers (so nennt sich Klein-Zaches jetzt) bewundert, wogegen dessen Miauen Balthasar angekreidet wird. – Auch andere leiden unter der zauberhaften Qualität Zinnobers (etwa der Referendarius Pulcher, der nicht Beamter wird), welcher eine steile Karriere im Staatsdienst macht und die Gunst Candidas sowie ihres Vaters gewinnt. Dessen Naturforschungen werden öfter satirisch verspottet.

Balthasars „aufgeklärter“ Freund Fabian führt ihn beim Arzt Prosper Alanus ein, welcher in Wahrheit ein Zauberer ist; der will Balthasar helfen und entdeckt, dass Zinnober ein gewöhnlicher Mensch ist, hinter dem eine zauberische Macht steht.

In einem Magierkampf besiegt er die Fee, welche einsieht, dass aufgrund seines Horoskops dem Studenten Balthasar die Zukunft gehört; sie gibt es auf, Zinnober weiter zu schützen. Alanus erklärt Balthasar, wie er Zinnober entzaubern kann: ihm drei rote Haare ausreißen und sie sogleich verbrennen. Das führt Balthasar zusammen mit seinen Freunden aus, als Zinnober dabei ist, sich mit Candida zu verloben; sogleich fällt sein Nimbus zusammen und alle erkennen in ihm eine missratene Figur.

Fabian wird vorübergehend dafür bestraft, dass er Prosper Alanus für einen gewöhnlichen Arzt hält, indem seine Rockschöße zu lang und die Ärmel zu Rocks zu kurz werden, was einerseits zu seiner politischen und religiösen Verfolgung führt (Satire!), anderseits seine akademische Karriere behindert, bis Alanus sich erbarmt und ihm einen Frack erster Klasse besorgt.

Prosper Alanus übereignet dem Balthasar sein Landgut: „Ziehst du mit deiner Candida ein in mein Landhaus, so ist das Glück deiner Ehe gesichert. Hinter den schönen Bäumen wächst alles, was das Haus bedarf; außer den herrlichsten Früchten der schönste Kohl und tüchtiges schmackhaftes Gemüse überhaupt, wie man es weit und breit nicht findet. Deine Frau wird immer den ersten Salat, die ersten Spargel haben. Die Küche ist so eingerichtet, daß die Töpfe niemals überlaufen und keine Schüssel verdirbt, solltest du auch einmal eine ganze Stunde über die Essenszeit ausbleiben. Teppiche, Stuhl- und Sofa-Bezüge sind von der Beschaffenheit, daß es bei der größten Ungeschicklichkeit der Dienstboten unmöglich bleibt, einen Fleck hineinzubringen, ebenso zerbricht kein Porzellan, kein Glas, sollte sich auch die Dienerschaft deshalb die größte Mühe geben und es auf den härtesten Boden werfen. Jedesmal endlich, wenn deine Frau waschen läßt, ist auf dem großen Wiesenplan hinter dem Hause das allerschönste heiterste Wetter, sollte es auch rings umher regnen, donnern und blitzen.(7. Kapitel)

Bei einem Aufstand des enttäuschten Volkes stirbt Zinnober, der wieder Klein-Zaches ist, vor Schreck in einem silbernen Pisspott. Er wird begraben, sein Mutter wird von der Fee entschädigt. Balthasar und Candida heiraten mit Zustimmung ihres Vaters: Die Fee „hatte sie selbst gekleidet und mit den schönsten, herrlichsten Rosen geschmückt. Nun weiß man aber wohl, daß der Anzug gut stehen muß, wenn eine Fee dabei Hand anlegt. Außerdem hatte Rosabelverde der holden Braut einen prächtig funkelnden Halsschmuck verehrt, der eine magische Wirkung dahin äußerte, daß sie, hatte sie ihn umgetan, niemals über Kleinigkeiten, über ein schlecht genesteltes Band, über einen mißratenen Haarschmuck, über einen Fleck in der Wäsche oder sonst verdrießlich werden konnte. Diese Eigenschaft, die ihr der Halsschmuck gab, verbreitete eine besondere Anmut und Heiterkeit auf ihrem ganzen Antlitz.“ (10. Kapitel) Alanus fährt fort, Balthasar wird ein Dichter, das junge Brautpaar führt „die glücklichste Ehe in aller Wonne und Herrlichkeit“, wozu der Halsschmuck Candidas seinen Teil beiträgt.

(Eine Reihe von Nebenfiguren und -handlungen sind hier nicht beachtet, siehe)

https://de.wikipedia.org/wiki/Klein_Zaches,_genannt_Zinnober (verschiedene Aspekte)

https://www.inhaltsangabe.de/hoffmann/klein-zaches-genannt-zinnober/ (Inhalt gut, Satire pointiert dargestellt)

http://www.maerchenatlas.de/kunstmarchen/klein-zaches-genannt-zinnober/ (Anfang breit ausgewalzt, zum Schluss ging dem Autor die Puste aus)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Hoffmann,+E.+T.+A./Erz%C3%A4hlungen,+M%C3%A4rchen+und+Schriften/Klein+Zaches (Text)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/klein-zaches-3089/1 (Text)

Romantische Ironie findet man an mindestens drei Stellen:

1. Alanus sagt zu Balthasar, „daß ich nach dem Urteil aller vernünftigen Leute eine Person bin, die nur im Märchen auftreten darf“ (7. Kap.) – siehe dazu unten die Links zur Selbstbezüglichkeit! Als Märchenparodie könnte man die Sache mit den drei roten Haaren ansehen (Märchen: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren).

2. Hierzu zählt auch der Seitenhieb auf die falschen romantischen Dichter:Überschwenglichen Dichtern war freilich noch vieles andere an der hübschen Candida nicht recht, aber was verlangen die auch alles. Fürs erste wollen sie, daß das Fräulein über alles, was sie von sich verlauten lassen, in ein somnambüles Entzücken gerate, tief seufze, die Augen verdrehe, gelegentlich auch wohl was weniges ohnmächtle oder gar zurzeit erblinde als höchste Stufe der weiblichsten Weiblichkeit. Dann muß besagtes Fräulein des Dichters Lieder singen nach der Melodie, die ihm (dem Fräulein) selbst aus dem Herzen geströmt, augenblicklich aber davon krank werden und selbst auch wohl Verse machen, sich aber sehr schämen, wenn es herauskommt, ungeachtet die Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem wohlriechenden Papier mit zarten Buchstaben geschrieben, selbst in die Hände spielte, der dann auch seinerseits vor Entzücken darüber erkrankt, welches ihm gar nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische Aszetiker, die noch weiter gehen und es aller weiblichen Zartheit entgegen finden, daß ein Mädchen lachen, essen und trinken und sich zierlich nach der Mode kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem heiligen Hieronymus, der den Jungfrauen verbietet Ohrgehänge zu tragen und Fische zu essen. Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas zubereitetes Gras genießen, beständig hungrig sein, ohne es zu fühlen, sich in grobe, schlecht genähte Kleider hüllen, die ihren Wuchs verbergen, vorzüglich aber eine Person zur Gefährtin wählen, die ernsthaft, bleich, traurig und etwas schmutzig ist!“ (3. Kap.)

3. Auch in der Leseranrede im letzten Kapitel findet sich die romantische Ironie im Selbstbezug des Erzählers, der den „Herausgeber“ E. T. A. Hoffmann verkörpert – Hoffmann ist laut Titel angeblich nur der Herausgeber des Märchens: „Es ist nun an dem, daß der, der für dich, geliebter Leser, diese Blätter aufschreibt, von dir scheiden will, und dabei überfällt ihn Wehmut und Bangen. – Noch vieles, vieles wüßte er von den merkwürdigen Taten des kleinen Zinnober, und er hätte, wie er denn nun überhaupt zu der Geschichte aus dem Innern heraus unwiderstehlich angeregt wurde, wahre Lust daran gehabt, dir, o mein Leser, noch das alles zu erzählen. Doch! – rückblickend auf alle Ereignisse, wie sie in den neun Kapiteln vorgekommen, fühlt er wohl, daß darin schon so viel Wunderliches, Tolles, der nüchternen Vernunft Widerstrebendes enthalten, daß er, noch mehr dergleichen anhäufend, Gefahr laufen müßte, es mit dir, geliebter Leser, deine Nachsicht mißbrauchend, ganz und gar zu verderben. Er bittet dich in jener Wehmut, in jenem Bangen, das plötzlich seine Brust beengte, als er die Worte: »Letztes Kapitel« schrieb, du mögest mit recht heitrem, unbefangenem Gemüt es dir gefallen lassen, die seltsamen Gestaltungen zu betrachten, ja dich mit ihnen zu befreunden, die der Dichter der Eingebung des spukhaften Geistes, Phantasus geheißen, verdankt, und dessen bizarrem, launischem Wesen er sich vielleicht zu sehr überließ. – Schmolle deshalb nicht mit beiden, mit dem Dichter und mit dem launischen Geiste! – Hast du, geliebter Leser, hin und wieder über manches recht im Innern gelächelt, so warst du in der Stimmung, wie sie der Schreiber dieser Blätter wünschte, und dann, so glaubt er, wirst du ihm wohl vieles zugute halten! –

Eigentlich hätte die Geschichte mit dem tragischen Tode des kleinen Zinnober schließen können. Doch ist es nicht anmutiger, wenn statt eines traurigen Leichenbegängnisses eine fröhliche Hochzeit am Ende steht?

So werde denn noch kürzlich der holden Candida und des glücklichen Balthasars gedacht.“ (10. Kap)

Zum Begriff der Selbstbezüglichkeit vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Mise_en_abyme

http://de.wikipedia.org/wiki/Metafiktion

http://www.schmidt.uni-halle.de/konzepte/texte/noeth1.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Autoreflexivit%C3%A4t

http://elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2009/4742/pdf/DissDaunerPublish.pdf (Dissertation von Dorea Dauner: Literarische Selbstreflexivität, 2009)

http://www.zeit.de/1992/34/hauptsache-selbstreflexiv (kritisch zur Methode, 1992)

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2010/03/04/kehlmann-die-vermessung-der-welt-selbstbezuglichkeit-des-romans/ und

https://norberto42.wordpress.com/2015/01/31/orhan-pamuk-das-museum-der-unschuld-besprechung/

Aufgaben zu Wolfgang Borchert: Das Brot

Text: http://www.geschichte-projekte-hannover.de/filmundgeschichte/deutschland_nach_1945/ruckblickende-kurzfilme/die-filme-2/das-brot-2.html

Zum Verständnis der Erzählung musst du wissen, dass diese Erzählung 1946, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist und dass damals die meisten Deutschen nicht genug zu essen hatten. – Bearbeite die Aufgaben in vollständigen Sätzen:

  1. Erkläre am Beispiel „Ach so!“, was personales Erzählen ist.
  2. Beschreibe kurz die Situation, in der die Eheleute sich in der Küche treffen.
  3. Erkläre, woran die Frau erkennt,
  •        dass ihr Mann sich Brot abgeschnitten hat,
  •        dass er sie belügt,
  •        warum er sie (vermutlich) belügt.
  1. In den ersten Absätzen wird mehrfach erwähnt (vom Erzähler, von den Figuren), dass die beiden sich im Hemd gegenüberstehen. Was bedeutet das in dieser Situation?
  2. Auch dass die Kälte der Fliesen an der Frau hochkriecht, hat vielleicht eine tiefere Bedeutung. Welche Bedeutung kannst du darin erkennen?
  3. Erkläre an einem Beispiel, was ein allwissender (omniscient) Erzähler ist.
  4. Der Mann denkt, bei den Frauen läge es an den Haaren, dass sie nachts älter aussehen. Wie kann man auf diese Idee kommen?
  5. Es wird gesagt, dass die Frau ihrem Mann mit einer Bemerkung zu Hilfe kommt. Erkläre,
  •        inwiefern (how) sie das tut,
  •        warum (why) sie das tut.
  1. „als ob er schon halb im Schlaf wäre“ ist ein irrealer Vergleich. Durch welches sprachliche Mittel wird angezeigt, dass dies in Wirklichkeit nicht der Fall ist?
  2. Warum möchte die Frau nicht, dass ihr Mann merkt, dass sie noch wach ist?
  3. In der Erzählung ist ein Zeitsprung (leap in time):
  •      Durch welche Wörter wird er angezeigt?
  •      Warum wird noch von dem erzählt, was später geschah?
  1. Erkläre, warum der Mann beim Abendessen nicht aufsieht.
  2. Findest du es richtig, dass die Frau ihrem Mann abends eine Scheibe von ihrer Portion Brot abgibt? Begründe kurz deine Meinung!

Vgl. auch die exemplarische Analyse https://norberto68.wordpress.com/2016/11/10/eine-erzaehlung-verstehen-wie-geht-das/!

Borchert: Nachts schlafen die Ratten doch – kurze Interpretation

Ich beziehe mich auf eine Textausgabe, die 87 Zeilen umfasst – danach kann man schätzen oder berechnen, wo die Belege in der eigenen Ausgabe stehen müssten.

Thema:

Es wird erzählt, wie es einem älteren Mann während des Krieges im Gespräch gelingt, aus einem neunjährigen Jungen in der Haltung eines wachsamen Kriegers wieder ein Kind zu machen, das sich über ein Kaninchen freut und bereit ist, am Abend nach Hause zu gehen.

Gang des Gesprächs:

Das Geschehen spielt in einer Trümmerlandschaft während des Krieges (Z. 1 ff.). Jürgen, ein Junge, tritt anfangs wie ein Soldat auf: Er bewacht etwas (aufpassen, Z. 13; mit Stock, Z. 14 f.; er raucht, Z. 42 f.). Der ältere Mann (Z. 9), der Kaninchenfutter gesammelt hat (Z. 9 f., 25 f.), bestimmt das Gespräch. Er eröffnet es mit Fragen an den neunjährigen Jürgen (Z. 12, Z. 28), die dieser zurückhaltend beantwortet (Z. 11 ff.); der will nicht preisgeben, worauf er aufpasst (Z. 16 ff.).

Über eine Anspielung auf das von ihm gesammelte Kaninchenfutter (Z. 22 ff.) und eine Kopfrechenaufgabe (Z. 27 ff., mit Lob verbunden, Z. 26) leitet er zu seinem Angebot über, Jürgen könne seine Kaninchen sehen (Z. 35 – das Angebot zielt auf das Kind in Jürgen). Als der Junge erneut auf seine Verpflichtung aufzupassen verweist (Z. 36), geht der Mann einen Schritt weiter und stellt die „irreale“ Möglichkeit dar, Jürgen hätte sich ein Kaninchen aussuchen können (Z. 45 f.).

Dieses Angebot stimmt Jürgen traurig, weil er es nicht annehmen kann, und bringt ihn dazu, sein erstes Geheimnis preiszugeben: „[E]s ist wegen den Ratten“ (Z. 50). Auf weitere Fragen erzählt er dann, dass er seinen verschütteten kleinen Bruder bewacht, damit die Ratten ihn nachts nicht auffressen (Z. 56 ff.). An dieser Stelle bekommt der Mann „plötzlich“ (Z. 61) die Idee, wie er Jürgen vollends erreichen kann: „Nachts schlafen die Ratten doch.“ (Z. 64 f. – eine Lüge: Ratten sind nachtaktiv!) Er stellt Jürgens Lehrer, der von den menschenfressenden Ratten gesprochen hat, als unwissend dar (Wiederholung, dass die Ratten nachts schlafen, Z. 62 ff.); damit stimmt er Jürgen um, der auf einmal „müde“ aussieht (Z. 63) und bei den von ihm gemachten Kuhlen an Betten denkt (Z. 68 – Wortfeld: nachts, müde, Betten, dunkel, Z. 63 ff.).

Der Mann macht dann seinen letzten Schritt auf Jürgen zu: Er schlägt ihm vor, ihn abzuholen, wenn es dunkel wird, und ihm ein Kaninchen mitzubringen (Z. 70 ff.). Jürgen denkt an kleine Kaninchen (Z. 72 f.) und geht auf das Angebot ein: „Da stand Jürgen auf“ (Z. 76 – Signal der Wandlung) und bittet von sich aus um ein weißes Kaninchen (weiß: Kontrast zum Dunkel der Trümmerlandschaft, Z. 1 ff.); der Mann besiegelt den Pakt, indem er vorschlägt, Jürgen am Abend nach Hause zu bringen – angeblich um dessen Vater zu erklären, wie man einen Kaninchenstall baut (Z. 79 f.). Damit ist die Wandlung Jürgens vollendet: „Ja, rief Jürgen, ich warte.“ (Z. 81)

Zum Schluss erwähnt der Erzähler noch einmal das grüne Kaninchenfutter (grün: Farbe des Lebens), das allerdings ein wenig (!) grau von Schutt ist.

Sprache:

Beachtung verdienen die Kürze der Sätze, ihre einfache Aufreihung, die Personifikationen zu Beginn (Z. 1-3), die Farbsymbolik.

Das Gespräch in Alltagssprache wird durchweg zeitdeckend erzählt; der allwissende Erzähler kennt auch die Gedanken Jürgens (z.B. „dachte er“, Z. 6). An einer Stelle werden die Gedanken Jürgens personal, also ohne ein einführendes Verb des Denkens vorgetragen (Z. 72 f.)

Erläuterung: Früher hat man Kaninchenfutter nicht im Laden gekauft, sondern Grünzeug am Feldrand oder auf Wiesen selber geschnitten (vor allem Löwenzahn, wenn ich mich recht entsinne). Viele Leute hatten Kaninchen, damit sie nicht immer das Fleisch für den Sonntagsbraten kaufen mussten; unter der Woche erinnerte nur noch die Soße an den Sonntagsbraten.

G. Wohmann: Schönes goldenes Haar – Erläuterungen, Analyse

Diese Erzählung ist inzwischen rund 50 Jahre alt – sie stammt aus einer anderen Zeit, in ihr spiegeln sich inzwischen veraltete Denkweisen. Wenn man Gabriele Wohmanns Erzählung „Schönes goldenes Haar“, die in einem 1968 veröffentlichten Sammelband von Erzählungen stand, verstehen will, muss man den früheren Umgang mit Sexualität kennen. Stark vereinfacht gesagt galt damals,

  • dass sexueller Umgang nur in die Ehe gehörte,
  • dass nur Mann und Frau anständigen Sex haben könnten (Homosexualität unter Männern war nach § 175 StGB strafbar),
  • dass sexueller Verkehr primär dazu da war, Kinder zu zeugen (katholische Auffassung) – Empfängsnisverhütung galt als schwere Sünde,
  • dass sich der Kuppelei strafbar machte, wer sexuellen Verkehr zwischen Unverheirateten ermöglichte,
  • dass nur „der Mann“ sexuelle Bedürfnisse habe und die Frau diese eher erdulde und erleide, wogegen „Migräne“ als akzeptierte Ausrede half.

Da man aber auch wusste, dass dies alles nicht ganz richtig sei, entstand eine Doppelmoral: Einerseits sagte man…, anderseits wusste man (und praktizierte man) oft das Gegenteil. Aber man konnte nicht in normaler Sprache über Sexualität sprechen, höchstens in Latein (die Fachleute), in einer vulgären Sprache (die Männer) oder in dezenten Anspielungen (die Frauen), welche Kinder nicht verstehen sollten.

Die große Veränderung stellte die „sexuelle Revolution“ in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts dar, wobei heute umstritten ist, wodurch sie ausgelöst wurde: durch die Erfindung der Antibabypille, die Erfindung des Penicillins oder einen mental-gesellschaftlichen Aufbruch aus der dumpfen Nachkriegszeit (Restauration nach der Nazizeit, mit großem Einfluss der christlichen Kirchen).

In Gabriele Wohmanns Erzählung agiert die Mutter in dieser Doppelmoral: „Sorge“ um die Tochter und ihre Unschuld – Freude an ihrer Schönheit und Beliebtheit, Beförderung ihrer Attraktivität; auch die Einschätzung der Frauen als „Opferlämmer“ bezeugt die traditionelle Sicht auf die Männer, die „immer nur das Eine“ wollen, was die Frauen dann notgedrungen erdulden. Dass die Kommunikation zwischen Frau und Mann nach 20 Ehejahren nicht (mehr?) gelingt, ist ein anderes Problem, worauf heute im Zeitalter der Kommunikationsanalyse der Blick ruht, ohne dass nach den Ursachen dafür (oder nach der Berechtigung des Ideals „gelingende Kommunikation der Eheleute“) gefragt würde; man muss halt laut Lehrplan Kommunikationsmodelle durchspielen und unters Volk bringen.

Stichwort „Sexuelle Revolution“:

http://www.focus.de/wissen/videos/1961-die-pille-und-die-sexuelle-revolution_id_5312771.html

http://www.sueddeutsche.de/wissen/sexualitaet-sexuelle-revolution-bereits-in-den-er-jahren-1.1586833

http://www.taz.de/!5053471/

http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/68er-bewegung/51853/sexuelle-revolution?p=all

http://www.ezw-berlin.de/downloads/Information_20.pdf (Kurt Hutten: „Die sexuelle Revolution“ – Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen 1966)

Kardinal Joseph Höffner: Sexual-Moral im Licht des Glaubens. Zehn Leitsätze des Erzbischofs von Köln, 1972 (hier 3. Auflage 1973): „Zeichen und Unterpfand reifer und selbstloser Liebe ist vor allem die Ehrfurcht voreinander. Wer meint, das gegenseitige Kennen- und Schätzenlernen werde durch frühzeitige intime Beziehungen gefördert, irrt sich. Echte Liebe sieht im anderen in einzigartiger Weise den Sohn oder die Tochter Gottes. Sie wird den anderen nicht mit dem eigenen Begehren und Verlangen überfallen, sondern sich in einem wahren Sinn als verehrende Liebe erweisen. (…) Auch wenn die Brautleute den Verlobungsring am Finger tragen, dürfen sie nicht das vorwegnehmen, was der Herr ihnen im Sakrament der Ehe überträgt.“ (S. 25 f.)

Stichwort „Kuppelei“:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kuppelei (dort: Rechtliche Lage bis 1967: „Das Zusammenleben von unverheirateten Paaren unter einem Dach (sog. Wilde Ehe) war bis zur Abschaffung dieses Strafrechts-Paragrafen faktisch unmöglich. Denn dies wurde in Deutschland als Verstoß gegen die guten Sitten angesehen. Mietverträge über die Vermietung einer Wohnung an ein unverheiratetes, nicht wenigstens verlobtes Paar wurden als Begünstigung zur Kuppelei angesehen und konnten daher unwirksam sein. Zudem konnte der Vermieter einer Wohnung wegen Kuppelei belangt werden, wenn er einem nicht wenigstens verlobten Paar eine Wohnung vermietete. Es war daher üblich, dass sich der Vermieter vor Abschluss eines Mietvertrags z. B. den Trauschein des Paares vorlegen ließ. Auch in Beherbergungsbetrieben wurde die Vorlage von Dokumenten verlangt, wenn Doppelzimmer gebucht wurden, da die Vermittlung von Prostitution unterstellt wurde.“

http://de.wikimannia.org/180_StGB (Geschichte des § 180 StGB: Kuppelei)

Analyse

(Text, Aufgabenstellung und Zeilenzählung nach https://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/cms/upload/zentrale_klausuren/Beispielklausur_lit._Text_AufgabeL.pdf; die Zählung beginnt bei „Gabriele Wohmann“, der Text endet mit Z. 59)

Die Erzählung „Schönes goldenes Haar“ wurde 1968 in einem Band von Erzählungen Gabriele Wohmanns veröffentlicht; man kann sie als Kurzgeschichte ansehen, wofür nicht nur der unvermittelte Anfang und das offene Ende sprechen, sondern auch die Alltäglichkeit des erzählten Geschehens.

Ein neutraler Erzähler, der uns öfter personal erzählend an den Gedanken der Figuren teilhaben lässt, berichtet: Ein Ehepaar sitzt am Abend in der Küche (vermutlich nicht im Wohnzimmer, das war damals noch die gute Stube); der Mann liest die Zeitung (Z. 5 f.), die Frau stopft Socken (Z. 7). Sie spricht ihn vorwurfsvoll an (Z. 1 f.), weil ihre Tochter „oben“ (Z. 2), also in ihrem eigenen Zimmer allein mit einem jungen Mann ist und sie sich Sorgen macht, was die beiden „da oben vielleicht jetzt treiben“ (Z. 11), dass sie also ins Bett gehen könnten, was sich offensichtlich nicht gehört und sogar mit einer Schwangerschaft enden könnte. Der Gegenstand des Gesprächs ist sowohl das mögliche Tun der Tochter (Z. 11 f.) als auch die diesbezügliche Gleichgültigkeit des Mannes, die sie ihm wiederholt vorhält (Z. 1 f.; 20 f.; 23); er tut beides mit einer kurzen Bemerkung ab (Z. 28) – das ist sein einziger Beitrag zu diesem Thema, ansonsten verschanzt er sich hinter seiner Zeitung (Z. 7 f.; 35; 42) und schaltet sogar das Radio ein (Z. 40). Unvermittelt wechselt die Frau das Thema (Z. 45) und beginnt, von der Schönheit ihrer Tochter zu schwärmen, speziell von ihrem schönen Haar (in Gedanken ab Z. 48, verbal Z. 52); dem stimmt ihr Mann lakonisch zu (Z. 54) – ihr Gerede ist für ihn, personal erzählt, nur „quasseln und rumpoussieren“ (Z. 39 f. [poussieren: flirten, schmeichelnd umwerben, süß reden]).

Die Frau ist von Anfang an erregt (Aufregung, Z. 5 f.; unruhig, Z. 7; Erregung und Pusteln im Gesicht, Z. 25 f.; heiß, Z. 26 und 31; sie schwitzt, Z. 34); sie nimmt ihren Mann als bedrohlich wahr (fette Krallen, Z. 9, 14 f., 19), wie wiederholt personal erzählt wird. Überhaupt sind die Männer für sie Räuber, wie die Frauen allesamt „Opferlämmer“ sind (Z. 19) – ihr eigener Mann ist in ihrer Erinnerung auch nur ein frecher junger Mann mit dreisten Wünschen gewesen (Z. 13 f.), sie habe angeblich keinen Wunsch nach Intimität gehabt (Z. 14, vgl. die paar ausgeblichenen Bilder, Z. 31 f.). Im Widerspruch dazu nimmt sie den Verehrer ihrer Tochter als ausgesprochen netten und sympathischen Mann wahr (Z. 16 f.), freut sich über deren Attraktivität (Z. 45 f.) und plant sogar, durch Änderung des Kleides ihren Busen stärker hervorzuheben (Z. 46 f.). Das Verhältnis Mann-Frau erlebt sie also ausgesprochen ambivalent, wobei sie für sich Negatives sieht (vgl. auch ihre Arbeit: Stopfen; Kochen, Z. 29 f. mit der Folge Z. 36 f.; geätzte Haut, Z. 58), für ihre Tochter dagegen nur Positives (Schönheit, Verehrer, Z. 45 ff. und Z. 16 f. mit 31 f.). Das eine hat mit anderen vermeintlich nichts zu tun (Z. 31 f. und den Kontrast zwischen dem Bild ihres eigenen Mannes damals und dem Herrn Fetter heute, Z. 13 ff.).

In ihrer Erregung und dem Wunsch, mit ihm zu sprechen („redseliges Gesicht“, Z. 39 – seine Perspektive), setzt sie mehrfach zu ihren Vorwürfen an, ohne ihren Mann damit zu erreichen (s.o.); man kann also nicht sagen, dass sie dominant sei (gegen die NRW-Lösungserwartung). Sie schickt sich vielmehr in ihre Hilflosigkeit und Einsamkeit (ab Z. 42; vgl. die Metaphern „die Wand der Zeitung“, Z. 8, und „Abendversteck“, Z. 35); sie akzeptiert, dass von nun alles anders wird und sie Laurela als Gesprächspartnerin verliert (Z. 43-45 mit Z. 39 f.), auch wenn ihr das vielleicht auf den Magen schlägt (Z. 43). Der entscheidende Satz, aus ihrer Sicht, lautet: „Das war ihr Abend…“ (Z. 43 f.); das Pronomen „ihr“ bezieht sich sicher auf Laurela; Laurela ist oben, die Eltern sind unten (Z. 44 f.) – das gilt räumlich und symbolisch zugleich, die Eltern treten zurück, ordnen sich unter, müssen ab jetzt nur noch warten. Dafür wird die Mutter durch die Schönheit Laurelas und die Tatsache, dass diese Schönheit ihre Tochter ist („Seine und ihre Tochter“, Z. 57 f., wie sie wiederholt denkt), entschädigt. In der Tochter bleibt sie also ihrem Mann verbunden, auch wenn er mit seinen „Krallenpfoten“ schmatzt und schluckt und sie von der Hausarbeit eine geätzte Fingerkuppe hat (Z. 55 ff.). Der letzte Satz zeigt zugleich ihren Stolz und ihre Ambivalenz: Mitleid wohl mit sich selbst, Stolz auf ihre Tochter.

Man könnte sagen, dass mit ihrem Gedanken in Z. 45 eine Wende eintritt, sowohl thematisch als auch in ihrer Stimmung; aber diese Wende entfaltet nur die Ambivalenz der Frau oder ihre inneren Widersprüche, die sich bereits im Unterschied der Einschätzung ihres eigenen Mannes als jugendlicher Verehrer und des Herrn Fetter als Verehrer ihrer Tochter gezeigt haben.

Zur Aufgabenstellung NRW eine kritische Frage: Was sind erzählerische Mittel neben sprachlichen Mitteln? Sind erzählerische Mittel keine sprachlichen Mittel? Oder sind sprachliche Mittel Wortwahl, Satzbau, rhetorische Figuren und erzählerische Mittel die Formen der Redewiedergabe, die Zeitgestaltung und der erzählte „Inhalt“? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Mit dieser Einschränkung meine ich, dass hier von einem scheiternden Kommunikationsversuch erzählt wird: Ihrer Aufregung steht seine Gleichgültigkeit gegenüber. Er liest seine Zeitung, obwohl sie ihn mehrfach anspricht; er hört nur „werbendes Gejammer“ (Z. 23) und „ewiges Gegacker“ (Z. 38 – Metapher „Hühner“), er ist mit sich und der Welt zufrieden (Z. 35 ff.) und gibt nur kurze abweisende Antworten (Z. 28 und Z. 54). Die verschiedenen Tier-Metaphern (Raubtier, Opferlämmer, Hühner) zeigen, dass die personal erzählten Vorstellungen der Ehepartner vom anderen Geschlecht nicht dazu geeignet sind, ein Gespräch möglich zu machen. Ob sie ihn mit der „Sorge“ um die Tochter erreichen will oder ob die Sorge um Laurela ihre Hartnäckigkeit bei den Vorwürfen erzeugt, ist nicht zu entscheiden; er weist sie zurück, wofür die Zeitungswand das klarste Symbol ist (neben dem Anstellen des Radios); sie lehnt ihn ab (Wiederholung der Krallenmetapher; Adjektive „fett“, Z. 9; „fleischig“, Z. 14; „prall“, Z. 37, usw.) und flieht dann in eine Traumwelt, die von ihrer Tochter, der Schönheitskönigin Laurela, beherrscht wird.

Es ist schwer zu sagen, wie lange das erzählte Geschehen dauert; ich nehme an, dass es ungefähr so lange wie das Erzählen selbst dauert: ein paar Minuten; das zeigt, welche Bedeutung der Erzähler dem Geschehen beimisst. Ich lese die Erzählung als Kritik nicht nur am selbstzufriedenen Ehemann, sondern auch an der weinerlichen Frau, die keinen Ausweg aus ihrer Ambivalenz findet.

Die vier Seiten des Modells des Herrn Schulz von Thun kann man leicht im Internet nachschauen: http://www.schulz-von-thun.de/index.php?article_id=71&clang=0

https://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell (mit einem Beispiel)

http://www.germanistik-kommprojekt.uni-oldenburg.de/sites/1/1_06.html (am linken Rand andere Aspekte!)

http://wortwuchs.net/vier-ohren-modell/ (mehrere Beispiele)

Ich halte das Modell für nicht konsequent zu Ende gedacht: Der Aspekt „Beziehung“ umfasst bei Schulz von Thun sowohl die Einschätzung des Hörers als auch die Bewertung der Beziehung durch den Sprecher. Konsequent wäre es, wenn man nur „Selbstdarstellung des Sprechers / Einschätzung des Hörers“ unterschiede; darin ist nämlich die Einschätzung des Verhältnisses zwischen ihnen bereits eingeschlossen. – Zur Kritik an Schulz von Thuns Modell:

http://www.hyperkommunikation.ch/crashkurse/crashkurs_kommunikation/ck_kommunikation18.htm

http://www.btc-management.de/nachrich.htm

http://www.pflegewiki.de/wiki/Vier-Ohren-Modell

Die Selbstdarstellung der Frau ist oben hinreichend herausgearbeitet: Einmal ist sie besorgte Mutter, fleißige Hausfrau (stopfen, kochen) und Opferlamm des Mannes, dann ist sie auch noch die Mutter der schönen umschwärmten Laurela: das Frauenbild der Nachkriegszeit – dazu passte auch ein tüchtiger Sohn (wie Herr Fetter), der es weiter als seine Eltern bringt.

Zur Kurzgeschichte „Schönes goldenes Haar“:

http://www.zum.de/Faecher/Materialien/dittrich/Pruefung/schoenes_haar.htm (Text, Aufgabenstellung, Lösungserwartung)

https://www.inhaltsangabe.info/deutsch/interpretation-schoenes-goldenes-haar-von-gabriele-wohmann (schwache „Interpretation“)

http://www.freiereferate.de/deutsch/inhaltsangabe-schoenes-goldenes-haar-von-gabriele-wohmann (schwache Paraphrase)

http://marvins-zeug.de.tl/Textanalyse-Sch.oe.nes-Goldenes-Haar.htm (komplette Hilflosigkeit des Schülers vor dem Text)

https://teilenundkommentieren.wordpress.com/2013/05/27/analyse-stilmittel-und-erzahlerische-mittel-schones-goldenes-haar/comment-page-1/#comment-312 (dito)

http://www.babelboard.de/showthread.php/13255-Interpretation-Sch%C3%B6nes-goldenes-Haar-Gabriele-Wohmann (dito)

http://www.veritas.at/vproduct/download/download/sku/OM_26136_3 (hier scrollen -> „Zu Seite 216“, falsche Datierung: 1980 statt 1968; das Verhältnis der Eheleute ist richtig erkannt, die sexuelle Verklemmung der Frau und ihre Ambivalenz nicht)

http://www.fachdidaktik-einecke.de/1_Unterrichtsplanung/litsequenz_bsp_kommunik.htm (mögliche Texte zur Kommunikationsanalyse benannt, mit Analysemodell)

Kafka: Die Verwandlung, Motiv: Vater-Sohn-Konflikt

Die Absätze aller drei Kapitel werden wieder mit arabischen Ziffern gezählt, damit Leser unterschiedlicher Ausgaben diese Untersuchung nutzen können.

Vorgeschichte: Gregor hat an einem ungeliebten, anstrengenden Beruf festgehalten, um die Schuld der Eltern an seinen Chef abzubezahlen (I 4-6). Er hält durch seine Arbeit die anderen aus, liefert seinen Verdienst fast vollständig ab (II 12); es hat sich sogar etwas Vermögen gebildet, welches der Vater verwaltet (II 12, 14). Der Vater frühstückt stundenlang (I 24), während Gregor um vier Uhr morgens aufstehen muss (I 7). Keiner aus der Familie außer Gregor arbeitet ( II 12); der Vater ist träge und fett geworden (II 15). Nur die Schwester lässt es nicht an Wärme gegen Gregor fehlen (II 12).

Eines Nachts wird Gregor in ein Ungeziefer verwandelt (I 1) und verschläft das Aufstehen (I 7). Gregor befürchtet Vorwürfe des Chefs an seine Eltern wegen des faulen Sohnes (I 7). Er sorgt sich um die Eltern, falls er die Arbeit verlöre (I 17, 25, 27), und bittet den Prokuristen um Schonung für seine Eltern (I 18). Er denkt an den Vater als Helfer beim Aufstehen (I 13).

Der Vater mahnt heftiger und ungeduldiger als die Mutter zum Aufstehen (I 7, 16); er schickt nach dem Schlosser, um Gregors Zimmertür gewaltsam öffnen zu lassen (I 20). Er ballt die Faust gegen Gregor (I 223) und scheucht ihn schließlich mit Stock und Zeitung in sein Zimmer zurück (I 27): unerbittlich, mit Zischlauten, mit einem Stock drohend. Er gibt dem in der Tür feststeckenden Gregor einen starken Stoß, wodurch Gregor ins Zimmer fliegt und verletzt wird, und schlägt die Tür zu (I 27).

In Kap. I wird also erzählt, wie Gregor nach der Verwandlung von der Sorge um die Familie erfüllt ist, während der Vater als einziger feindselig gegen ihn auftritt, ihn verjagt und verletzt; dabei ist Gregor der, der als einziger für den Unterhalt der ganzen Familie aufgekommen ist.

Während Gregor im Fortgang des Geschehens (Kap. II) auf die Familie Rücksicht nimmt (II 6) und sich schämt, dass die anderen jetzt arbeiten müssen (II 15), versorgt ihn die Schwester als einzige widerwillig und voll Abscheu (II 2 ff.); die Familie ist bedrückt (II 10, 11). Als jedoch die Mutter beim Anblick Gregors in Ohnmacht fällt, droht jene ihm mit erhobener Faust (II 27) und informiert den Vater: „Gregor ist ausgebrochen.“ (II 28) Der Vater ist gegenüber früher wie verwandelt (II 29), tritt übermächtig auf und verfolgt Gregor: Er bombardiert ihn mit Äpfeln und verletzt ihn, so dass die Mutter „in gänzlicher Vereinigung mit ihm“ um Schonung für Gregor bittet.

Die Situation hat sich gegenüber dem ersten Tag verschärft: Der Vater ist erstarkt, die Schwester ist auf seine Seite getreten, die Verfolgung und Verwundung Gregors durch den Vater sind stärker geworden.

Über einen Monat bleibt die Situation dann im Wesentlichen unverändert, so dass Gregor glaubt, er werde wegen der Verwundung geschont und gelte noch als „ein Familienmitglied“ (III 1); abends lässt man die Tür zu Gregors Zimmer ein wenig offen (III 2), der Vater schläft abends regelmäßig ein (III 3-5), seine Uniform verschmutzt, er hat seinen Schrecken verloren. Man lässt aber Gregors Zimmer verdrecken (III 7) und zur Rumpelkammer verkommen (III 9) – Gregor ist voller Wut über die schlechte Wartung (III 7). Er isst nun „fast gar nichts mehr“ und ist „zum Sterben müde und traurig“ (III 9), er geht freiwillig auf den Tod zu.

Nach dem Eklat mit den Zimmerherrn beim Violinspiel der Schwester (III 15) ergreift diese die Initiative: Sie fordert wiederholt heftig, man müsse Gregor loswerden, weil er bloß ein Tier sei (III 17, 20, 25); der Vater stimmt ihr zu (III 18), sie schließen sich zum neuen Paar zusammen (III 25, 26). Man sperrt Gregor in seinem Zimmer ein (III 28); er meint noch entschiedener als seine Schwester, verschwinden zu müssen, und stirbt (III 29). „Nun,“ sagte Herr Samsa, „jetzt können wir Gott danken.“ (III 31)

Gregors Schwester wird zu seiner offenen Feindin und verbündet sich noch inniger mit dem Vater, um Gregor zu beseitigen; er stirbt freiwillig.

Auswertung/Interpretation

  1. Der Vater-Sohn-Konflikt wird in der Erzählung „Die Verwandlung“ im Rahmen der Familie ausgetragen. Das sieht man schon daran, dass häufig die Aktionen und Reaktionen der drei anderen Mitglieder berichtet werden, vom Wecken am Unglücksmorgen (I 7) bis zum Ausflug nach Gregors Tod (III 34). Gregor selber nennt die Familie als die Größe, für die er gearbeitet hat (s.o., vor allem II 12) und in der er lebt; für ihn ist nämlich entscheidend, „daß Gregor trotz seiner gegenwärtigen und ekelhaften Gestalt ein Familienmitglied war, das man nicht wie einen Feind behandeln durfte, sondern demgegenüber es das Gebot der Familienpflicht war, den Widerwillen hinunterzuschlucken und zu dulden, nichts als zu dulden“ (III 1).
  2. Durch die Verwandlung wird seine Rolle in der Familie verändert:
  • Er verliert seine Bedeutung als Ernährer der Familie. Er hatte „der erstaunten und beglückten Familie zu Hause“ das Geld auf den Tisch legen können (II 12); niemand brauchte zu arbeiten. Mit der Verwandlung entfällt diese Rolle Gregors (I); der Vater gewinnt neue Macht über ihn (I 27) und drängt ihn gewaltsam in sein Zimmer zurück. Er erscheint Gregor sogar wie verwandelt und verletzt ihn beinahe tödlich (II 29).
  • Allerdings hatte sich das ursprüngliche Ansehen Gregors im Lauf der Zeit schon verloren. „Nur die Schwester war Gregor doch noch nahe geblieben […].“ (II 12). Mit der Verwandlung verliert er auch die Zuneigung der Schwester, die ihn nur noch voller Abscheu versorgt (II).
  • Die Mutter scheint sich zwar anfangs für ihn einzusetzen (I 16 – das könnte aber auch dem Versorger der Familie gelten), kann jedoch seinen Anblick nicht ertragen und flüchtet sich wie selbstverständlich zum Vater (I 27, II 29).
  • Als sich die Schwester mit dem Vater gegen Gregor verbündet (II 28, III 25 f.), fordert sie, Gregor aus der Familie zu entfernen, weil er bloß noch ein Tier sei (III 17 ff.).
  • Gregor, schon lebensmüde (III 9), macht sich in seiner Schwäche diesen Wunsch zu eigen und stirbt (III 29). Ohne ihn lebt die Familie auf (III 30 ff.).
  1. Wenn man die Verwandlung als einen „Aufstand“ Gregors gegen die Familie verstehen will, wäre dieser völlig missglückt. Wenn man sie als schicksalhaftes Ereignis versteht, wäre sie Strafe für sein verfehltes Leben: Er hat sich der schmarotzenden Familie untergeordnet, sich mit dem Bild einer schönen Frau, „das er vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte“ (I 2), begnügt und auf ein eigenes Leben verzichtet (I 16); dafür wird er jetzt bestraft, indem man ihn in sein Zimmer einsperrt. Wenn man die Verwandlung als Auswirkung väterlicher Macht versteht, wäre sie der entscheidende Schritt, mit dem Gregors vaterähnliche Versorgerrolle beendet wird und der Vater seine Übermacht (er verwaltet das Geld, II 12) sowohl zeigt wie festigt (II 29), und zwar im Verein mit der Schwester. – Durch die Verwandlung wird Gregors Rolle in der Familie geschwächt; er wird überflüssig und lästig. Folgerichtig verschwindet er als „Untier“ (III 17) aus diesem Verbund, in dem es für ihn Liebe und „Glanz“ nur um des Geldes willen gegeben hatte (II 12).

 

In Elisabeth Frenzels Werk „Motive der Weltliteratur“ (2008 in der 6. Auflage, ich habe leider nur die 1. Aufl. von 1976) gibt es einen großen Artikel über den „Vater-Sohn-Konflikt“ als Motiv der Weltliteratur. Sie schreibt allgemein über diesen Konflikt (kurz) und geht dann die Beispiele der Weltliteratur durch.

Es dürfte klar sein, dass der Vater-Sohn-Konflikt auch das zentrale Motiv von Kafkas Erzählungen „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ ist. Hinzu kommt der große „Brief an den Vater“ – man muss sich aber davor hüten, diesen Brief als Dokumentation des realen Lebens der Familie Kafka zu lesen; er ist ein Dokument von Franz Kafkas Erleben oder seiner Sicht des Verhältnisses – und als solches kann man es zur Interpretation der beiden Erzählungen (beide älter als der Brief) heranziehen.

Ich möchte anregen, als zentrales Motiv von Kafkas „Die Verwandlung“ nicht die Verwandlung, sondern eben den Vater-Sohn-Konflikt anzusehen, der auch das Verhältnis zu Mutter und Schwester umfasst und dazu die finanzielle Situation der Familie betrifft. In diesem Rahmen könnte man dann auch die plötzliche Verwandlung Gregors (und die Verwandlung der Familie) interpretieren.

Ich nenne zum Schluss der Linkliste einige mehr oder weniger oberflächliche Untersuchungen zum Vater-Sohn-Konflikt in den beiden Erzählungen. Ich erinnere noch daran, dass Kafka selber 1913 die drei Erzählungen „Der Heizer“, „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ unter der Überschrift „Söhne“ herauszugeben vorgeschlagen hat; 1915 hat er dann die Erzählungen „Das Urteil“, „Die Verwandlung“ und „In der Strafkolonie“ unter dem Titel „Strafen“ zu veröffentlichen angeregt.

http://limotee.blogspot.de/2012/08/vater-sohn-konflikt.html (Vater-Sohn-Konflikt: das Motiv in der Literatur)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/6804.htm (Vater-Sohn-Konflikt in der Literatur)

http://www.lesekost.de/themen/HHLTH15.htm (dito: Titel, mit Sekundärliteratur)

http://www.erf.de/online/uebersicht/politik-und-gesellschaft/die-fuenf-tragischsten-vater-sohn-konflikte/2270-542-3775 (Fünf große Vater-Sohn-Konflikte)

http://www.kafkaesk.de/franz-kafka/kafka-familie-freunde/hermann-kafka/verhaeltnis-kafka-vater.html (Vater-Sohn-Konflikt als Zeitphänomen um 1900)

http://www.deutschlandfunk.de/ein-besonderer-vater-sohn-konflikt.700.de.html?dram:article_id=83592 (Vater-Sohn-Konflikt bei Thomas Mann)

https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96dipuskonflikt (Art. „Ödipuskomplex“)

http://www.oedipus-online.de/FreudaufCouch.html (Ödipuskomplex und S. Freud)

http://kino-zeit.de/service/tag/vater-sohn-konflikt (Vater-Sohn-Konflikt: 62 Filme)

http://www.moviepilot.de/filme/beste/handlung-vater-sohn-beziehung (Vater-Sohn-Beziehung: Filme)

http://www.kikt.de/pdf/vortrag_hopf_sohn.pdf (Vater-Sohn, entwicklungspsychologisch)

http://alex-rubenbauer.de/psychologie/432/schwierige-vater-sohn-verhaeltnisse-weit-verbreitet/ (Schwierige Vater-Sohn-Verhältnisse)

http://www.presse.uni-oldenburg.de/einblicke/43/flaake.pdf (Männer als Väter und Söhne – heute)

http://de.uncyclopedia.wikia.com/wiki/Vater (Art. „Vater“, satirisch!)

http://www.huepertexte.de/cms/Joomla/index.php?option=com_content&task=view&id=545&Itemid=53 (Vater-Sohn-Konflikt: U-Ideen)

http://www.academia.edu/6082144/Der_Vater_Sohn-Konflikt_als_Hauptthema_in_Franz_Kafkas_fru_hen_Erz%C3%A4hlungen (Der Vater / Sohn-Konflikt als Hauptthema in Franz Kafkas Frühen Erzählungen – Bachelorarbeit – ziemlich oberflächlich)

http://www.fvss.de/assets/media/jahresarbeiten/deutsch/Kafka.pdf (Vater-Sohn-Beziehung bei Kafka, Facharbeit einer Schülerin)

http://www.grabbe-gymnasium.de/grabbe/analyse/verwandlung.htm (Referat einer Schülerin zu „Die Verwandlung“, leider weithin nur stichwortartig)

http://www.grin.com/de/e-book/194421/franz-kafkas-literarische-auseinandersetzung-mit-dem-vater-sohn-konflikt (ähnlich, Arbeit eines Studenten – unvollständig)

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2016/02/27/verwandlungen-als-kafkas-kernmotiv/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/12/kafka-motiv-der-verwandlung/!

Verwandlungen als Kafkas Kernmotiv

Monika Schmitz-Emans: Poetiken der Verwandlung, Innsbruck 2008, schreibt über Kafkas Verwandlungsgeschichten: „Verwandlungen sind Kafkas Kernmotiv und zugleich das prägende Gestaltungsprinzip seiner Texte. Seine Figuren wechseln dauernd ihre Erscheinung; dem korrespondiert ein Erzählstil, der keine festen und verlässlichen Auskünfte gibt, sondern alle Mitteilungen relativiert und verunklärt. Wie die narrativ evozierten Figuren sich in permanentem Übergang befinden, so vollziehen sich auch auf sprachlicher Ebene ständig Übergänge. Kafkas Erzählungen fixieren keine Gegenstände, Sachverhalte oder Situationen, sondern halten ihre imaginären Inhalte in ständiger Bewegung. Flüchtig, sich entziehend, unfasslich bleibt auch die Instanz des Erzählenden selbst. Auch zwischen sprachlich gefassten Ideen und fiktiven Wesen vollziehen sich vielfältige Übergänge: Aus einem Gedankenspiel wird etwa in ‚Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande‘ eine Geschichte, die an ‚Die Verwandlung‘ erinnert…“ (S. 160)

Sie nennt folgende sechs Erzählungen als Basis ihrer Argumentation:

Ein Bericht für eine Akademie (1917) https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Bericht_f%C3%BCr_eine_Akademie

http://www.xlibris.de/Autoren/Kafka/Werke/Ein%20Bericht%20f%C3%BCr%20eine%20Akademie

http://philosophieundliteratur.de/steilpass-in-die-tiefen-der-metaphysik/

Der Bau (e 1923/24) https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Bau

Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse (1924) https://de.wikipedia.org/wiki/Josefine,_die_S%C3%A4ngerin_oder_Das_Volk_der_M%C3%A4useb

http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/ms_kafka.pdf

Eine Kreuzung (e 1917) https://de.wikipedia.org/wiki/Eine_Kreuzung

In unserer Synagoge (= Die Synagoge von Thamühl, e 1922) https://de.wikipedia.org/wiki/In_unserer_Synagoge

Blumfeld, ein älterer Junggeselle (e 1915) https://de.wikipedia.org/wiki/Blumfeld,_ein_%C3%A4lterer_Junggeselle

http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/ez_kafka.pdf

http://revistas.ucm.es/index.php/RFAL/article/viewFile/36582/35415

Zusätzlich nennt Schmitz-Emans im Zusammenhang mit der kaum beschreibbaren resp. nicht exakt beschriebenen, nicht feststellbaren Figur des käferartigen Ungeheuers als Gefährten Gregor Samsas den Odradek („Die Sorge des Hausvaters“, 1920): https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Sorge_des_Hausvaters.

https://www.academia.edu/3230143/%C3%84hnlichkeiten_zwischen_Odradek_und_anderen_hausgeistern_und_ihrer_Symbolik_des_Heims_und_der_Familie_in_der_Kurzerz%C3%A4hlung_Die_Sorge_des_

http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2011/8090/pdf/JuliMirjam_2009_05_11.pdf – Wenn man ehrlich ist, muss man aber festhalten, dass eine echte Verwandlung nur in „Die Verwandlung“ erfolgt – in den anderen Erzählungen treten einfach Tiere oder andere seltsame Gegenstände auf, teilweise als Ich-Erzähler (z.B. in „Der Bau“). Bei den von Brunner Ungricht (s.u.) genannten Erzählungen liegen auch keine dramatischen Verwandlungen wie in „Die Verwandlung“ vor. Frau Schmitz-Evans ist ganz einfach dem Sog ihres Themas erlegen: Sie schreibt über die Poetik der Verwandlung und sieht dann überall Verwandlungen, auch dort, wo gar keine geschehen sind. Richtiger wäre es, über Tiere und Fabelwesen bei Kafka zu sprechen. Die Verwandlung Gregors muss zudem im Rahmen des Vater-Sohn-Konflikts verstanden werden.

Zusätzlich nenne ich: Forschungen eines Hundes (e 1922) https://de.wikipedia.org/wiki/Forschungen_eines_Hundes

http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/an_kafka.pdf

Gabriela Brunner Ungricht (Die Mensch-Tier-Verwandlung, Bern 1998, S. 283) weist auf zwei Texte Kafkas hin, in denen ein Tier in einen Menschen verwandelt worden ist:

* Der neue Advokat (1920 – Alexanders Schlachtross wird Mensch) https://de.wikipedia.org/wiki/Der_neue_Advokat

https://www.alexandria.unisg.ch/export/DL/49676.pdf

http://www.textlog.de/32068.html

* Das Fragment von Isabella, dem Apfelschimmel:

„Es ist Isabella, der Apfelschimmel, das alte Pferd, ich hätte sie in der Menge nicht erkannt, sie ist eine Dame geworden, wir trafen einander letzthin in einem Garten bei einem Wohltätigkeitsfest. Es ist dort eine kleine, abseits liegende Baumgruppe, die einen kühlen beschatteten Wiesenplatz einschließt, mehrere schmale Wege durchziehen ihn, es ist zu Zeiten sehr angenehm dort zu sein. Ich kenne den Garten von früher her und als ich des Festes müde war, bog ich in jene Baumgruppe ein. Kaum trete ich unter die Bäume, sehe ich von der andern Seite eine große Dame mir entgegenkommen; ihre Größe machte mich fast bestürzt, es war niemand sonst in der Nähe, mit dem ich sie hätte vergleichen können, aber ich war überzeugt, daß ich keine Frau kannte, welche dieser nicht um mehrere Kopflängen – im ersten Staunen dachte ich gar um unzählige – nachstehen mußte. Aber als ich näherkam, war ich bald beruhigt. Isabella, die alte Freundin! „Wie bist Du denn aus deinem Stall entwichen?“ „Ach, es war nicht schwer, ich werde ja eigentlich nur gnadenweise noch gehalten, meine Zeiten sind vorüber, erkläre ich meinem Herrn, daß ich, statt unnütz im Stall zu stehn, nun auch noch ein wenig die Welt kennen lernen will, solange die Kräfte reichen, erkläre ich das meinem Herrn, versteht er mich, sucht einige Kleider der Seligen aus, hilft mir noch beim Anziehn und entläßt mich mit guten Wünschen.“ „Wie schön Du bist!“ sage ich, nicht ganz ehrlich, nicht ganz lügnerisch“ (http://www.kafka.org/index.php?einj)

 

Allgemein über die Tiere bei Kafka:

http://www.pfarrerblatt.de/text_219.htm (H. Aßmann: Tiere aus der Ich-Perspektive bei Franz Kafka)

http://www.zeit.de/2003/19/KA-Sbib-19 (P. Kümmel: Kafkas Tiere, unsere weisen Vorfahren)

http://www.klassik-stiftung.de/uploads/tx_lombkswdigitaldocs/Nietzsche_2009_Oschmann.pdf (D. Oschmann: Skeptische Anthropologie: Kafka und Nietzsche – geht auf Nietzsches Formel vom Menschen als dem nicht festgestellten Tier zurück)

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2016/02/12/kafka-motiv-der-verwandlung/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/29/kafka-die-verwandlung-motiv-vater-sohn-konflikt/!

P.S. Von Friedmann Harzer: Erzählte Verwandlung, Tübingen 2000, habe ich Folgendes gelernt:

  1. Man muss zwischen den Tier- und den Verwandlungsgeschichten Kafkas unterscheiden. Zu den letzteren zählt er (außer „Die Verwandlung“) nur „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“ und „Beschreibung eines Kampfes“.
  2. Es gab in der deutschen Literatur schon vor Kafka das Motiv der Verwandlung. Harzer nennt Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (seit 1904, 1910 veröffentlicht) und Carl Einsteins Erzählung „Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders“ (1906/09, 1912 veröffentlicht, Text: http://gutenberg.spiegel.de/buch/bebuquin-7911/1)
  3. Als man Kafka auf die Erzählung „Lady into Fox“ David Garnetts, 1922, hinwies, sagte Kafka: „Das liegt in der Zeit. Wir haben es beide von ihr abgeschrieben.“

Pascal Nicklas’ Buch „Die Beständigkeit des Wandels“, Hildesheim 2002, ist seine Habilitation und entsprechend ausgearbeitet. Zum Begriff der Metamorphose schreibt er: „Differenz und Identität müssen gleichermaßen vorhanden sein: Aus einer Sache muß etwas anderes werden, und sie muß doch die gleiche bleiben.“ (S. 12) Das Grimm’sche Wörterbuch kenne Verwandlung in dreifachem Sinn: 1) durch übernatürliche Kraft; 2) durch menschliches Tun oder soziologische Vorgänge; 3) Verwandlung von Personen durch Veränderung ihrer Wesensart. (S. 14)

Hermann Bahr („Die Überwindung des Naturalismus“, 1891, http://www.univie.ac.at/bahr/sites/all/ks/2-ueberwindung.pdf), habe die Moderne als die Zeit charakterisiert, in der die individuelle Identität in Frage gestellt worden sei; sie sei verbunden mit verstärkter künstlerischer Selbstreflexion (S. 20 f.).

Außerdem sieht Nicklas die Moderne unter dem Einfluss der Evolutionstheorie, und zwar schon im 18. Jh., erst recht seit Darwin: Seitdem seien die strengen Grenzen zwischen Tier und Mensch aufgehoben; das Tier erscheine „als ein lebendes Dokument der Vergangenheit und ist damit zugleich Vorläufer und Ahn des Menschen, in dem sich die Herkunft und das wahre Wesen des Menschen findet“ (S. 220).

Die Verwandlung Gregor Samsas bringe auch eine Verwandlung der Welt mit sich, weil im personalen Erzählen die Perspektive auf die Welt sich verändert habe (S. 229). Gegen die gängigen Auffassung betont Nicklas, die Verwandlung Gregors sei zu Beginn der Erzählung nicht abgeschlossen, es ändere sich später also mehr als die Stimme [und die Sehkraft, N.T.] (S. 230). Der Körper Gregors führe ein Eigenleben, was man zum Beispiel an seinem Appetit sehe (S. 231 f.). Die Figuren sähen immer mehr und schließlich nur noch das Tier resp. „Untier“, während der Erzähler immer noch von Gregor spreche und so den Eindruck erwecke, es gebe ihn noch (S. 232).

Die Verwandlung in einen Käfer bedeute eine Reduktion Gregors, die in seiner Vernichtung endet (S. 234). Gregor verschwinde immer mehr, auch aus der Erinnerung; er wolle die Erinnerung an seine menschliche Vergangenheit aufrecht erhalten (S. 237). Dass das Tierische in Gregor die Überhand gewinnt, sehe man an seinem Drang zum Bild der Frau, deren Hände im Pelzmuff stecken (S. 237). Der Tod Gregors sei eine Erlösung, für ihn wie für die Familie; danach werde er vergessen, er sei damit vernichtet (S. 238). Er sei schlicht verhungert, wozu sowohl die schlechte Versorgung durch die Schwester wie sein eigenes Hungern beigetragen hätten (S. 239). – Nicklas sieht hier eine Parallele zu Kafkas Erzählung „Ein Hungerkünstler“.

Außerdem untersucht Nicklas „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“, wo jemand die Verwandlung in einen Käfer resp. die Abtrennung des Ich vom Käferkörper sich vorstellt (S. 221 ff.), und „Bericht vor einer Akademie“ (S. 240 ff.).

Mir ist noch aufgefallen, dass auch der Erzähler mit der Beschreibung vom sterbenden Gregor diesen zu den Tieren zählt: „Dann sank sein Kopf ohne seinen Willen gänzlich nieder, und aus seinen Nüstern strömte sein letzter Atem schwach hervor.“ (III 29) „Nüstern“ hat nur ein Tier, Menschen haben eine Nase.

Kafka: Die Verwandlung // Brief an den Vater

Ich möchte einige Stellen aus Kafkas „Brief an den Vater“ (1919, erst postum veröffentlicht) zitieren, die zu Passagen in „Die Verwandlung“ in Beziehung gesetzt werden können. Ich habe also den Text des Briefs vorsortiert – arbeiten damit muss jeder selber. Ich greife auf die Ausgabe von 1994 (wikisource) zurück, weil dort die Abschnitte benennbar und relativ klein sind; die Ausgabe bei zeno.org hat immerhin eine Seitenzählung (Ausgabe 1950).

1. Der Vater wertet alle(s) ab:

Nun behieltest Du ja mir gegenüber tatsächlich erstaunlich oft recht, im Gespräch war das selbstverständlich, denn zum Gespräch kam es kaum, aber auch in Wirklichkeit. Doch war auch das nichts besonders Unbegreifliches. Ich stand ja in allem meinem Denken unter Deinem schweren Druck, auch in dem Denken, das nicht mit dem Deinen übereinstimmte und besonders in diesem. Alle diese von Dir scheinbar unabhängigen Gedanken waren von Anfang an belastet mit Deinem absprechenden Urteil; bis zur vollständigen und dauernden Ausführung des Gedankens das zu ertragen, war [5c] fast unmöglich. Ich rede hier nicht von irgendwelchen hohen Gedanken, sondern von jedem kleinen Unternehmen der Kinderzeit. Man musste nur über irgendeine Sache glücklich sein, von ihr erfüllt sein, nach Hause kommen und es aussprechen und die Antwort war ein ironisches Seufzen, ein Kopfschütteln, ein Fingerklopfen auf den Tisch: „Hab auch schon etwas Schöneres gesehn“ oder „Mir gesagt, Deine Sorgen“ oder „ich hab keinen so geruhten Kopf“ oder oder „kein Ereignis!“ oder „Kauf Dir was dafür!“. Natürlich konnte man nicht für jede Kinderkleinigkeit Begeisterung von Dir verlangen, wenn Du in Sorge und Plage lebtest. Darum handelte es sich auch nicht. Es handelte sich vielmehr darum, dass Du solche Enttäuschungen dem Kinde immer und grundsätzlich bereiten musstest kraft Deines gegensätzlichen Wesens, weiter dass dieser Gegensatz durch Aufhäufung des Materials sich unaufhörlich verstärkte, so dass er sich schliesslich auch gewohnheitsmäßig [5d] geltend machte, wenn Du einmal der gleichen Meinung warst wie ich und dass endlich diese Enttäuschungen des Kindes nicht Enttäuschungen des gewöhnlichen Lebens waren, sondern, da es ja um Deine für alles massgebende Person ging, im Kern trafen. Der Mut, die Entschlossenheit, die Zuversicht, die Freude an dem und jenem hielten nicht bis zum Ende aus, wenn Du dagegen warst oder schon wenn Deine Gegnerschaft bloss angenommen werden konnte; und angenommen konnte sie wohl bei fast allem werden, was ich tat.

Das bezog sich auf Gedanken so gut wie auf Menschen. Es genügte, dass ich an einem Menschen ein wenig Interesse hatte – es geschah ja infolge meines Wesens nicht sehr oft – dass Du schon ohne jede Rücksicht auf mein Gefühl und ohne Achtung vor meinem Urteil mit Beschimpfung, Verleumdung, Entwürdigung dreinfuhrst. [6a] Unschuldige, kindliche Menschen wie z. B. der jiddische Schauspieler Löwy mussten das büssen. Ohne ihn zu kennen, verglichst Du ihn in einer schrecklichen Weise, die ich schon vergessen habe, mit Ungeziefer, und wie so oft für Leute, die mir lieb waren, hattest Du automatisch das Sprichwort von den Hunden und Flöhen bei der Hand. An den Schauspieler erinnere ich mich hier besonders, weil ich Deine Aussprüche über ihn damals mir mit der Bemerkung notierte: „So spricht mein Vater über meinen Freund (den er gar nicht kennt) nur deshalb, weil er mein Freund ist. Das werde ich ihm immer entgegenhalten können, wenn er mir Mangel an kindlicher Liebe und Dankbarkeit vorwerfen wird.“ Unverständlich war mir immer Deine vollständige Empfindungslosigkeit dafür, was für Leid und Schande Du mit Deinen Worten und mir [6b] zufügen konntest, es war, als hättest Du keine Ahnung von Deiner Macht. Auch ich habe Dich sicher oft mit Worten gekränkt, aber dann wusste ich es immer, es schmerzte mich, aber ich konnte mich nicht beherrschen, das Wort nicht zurückhalten, ich bereute es schon, während ich es sagte. Du aber schlugst mit Deinen Worten ohne weiters los, niemand tat Dir leid, nicht währenddessen, nicht nachher, man war gegen Dich vollständig wehrlos.“

2. Die Güte der Mutter:

Es ist wahr, dass die Mutter grenzenlos gut zu mir war, aber alles das stand für mich in Beziehung zu Dir, also in keiner guten Beziehung. Die Mutter hatte unbewusst die Rolle eines Treibers in der Jagd. Wenn schon Deine Erziehung in irgendeinem unwahrscheinlichen Fall mich durch Erzeugung von Trotz, Abneigung oder gar Hass auf eigene Füsse hätte stellen können, so glich das die Mutter durch Gut-sein, durch vernünftige Rede (sie war im Wirrwarr der Kindheit das Urbild der Vernunft), durch Fürbitte wieder aus und ich war wieder in Deinen Kreis zurückgetrieben, aus dem ich sonst vielleicht, Dir und [11c] mir zum Vorteil ausgebrochen wäre. Oder es war so, dass es zu keiner eigentlichen Versöhnung kam, dass die Mutter mich vor Dir bloss im Geheimen schützte, mir im Geheimen etwas gab, etwas erlaubte, dann war ich wieder vor Dir das lichtscheue Wesen, der Betrüger, der Schuldbewusste, der wegen seiner Nichtigkeit selbst zu dem, was er für sein Recht hielt, nur auf Schleichwegen kommen konnte. Natürlich gewöhnte ich mich dann auf diesen Wegen auch das zu suchen, worauf ich, selbst meiner Meinung nach kein Recht hatte. Das war wieder Vergrösserung des Schuldbewusstseins.“

3. „Mein Schreiben“:

Richtiger trafst Du mit Deiner Abneigung mein Schreiben und was, Dir unbekannt, damit zusammenhing. Hier war ich tatsächlich ein Stück selbständig von Dir weggekommen, wenn es auch ein wenig an den Wurm erinnerte, der, hinten von einem Fuss niedergetreten, sich mit dem Vorderteil losreisst und zur Seite schleppt. Einigermassen in Sicherheit war ich, es gab ein Aufatmen; die [19a] Abneigung, die Du natürlich gleich auch gegen mein Schreiben hattest, war mir hier ausnahmsweise willkommen. Meine Eitelkeit, mein Ehrgeiz litten zwar unter Deiner für uns berühmt gewordenen Begrüssung meiner Bücher: „Leg’s auf den Nachttisch!“ (meistens spieltest Du ja Karten, wenn ein Buch kam), aber im Grunde war mir dabei doch wohl, nicht nur aus aufbegehrender Bosheit, nicht nur aus Freude über eine neue Bestätigung meiner Auffassung unseres Verhältnisses, sondern ganz ursprünglich, weil jene Formel mir klang wie etwa: „Jetzt bist Du frei!“ Natürlich war es eine Täuschung, ich war nicht oder allergünstigsten Falles noch nicht frei. Mein Schreiben handelte von Dir, ich klagte dort ja nur, was ich an Deiner Brust nicht klagen konnte. Es war ein absichtlich in die Länge gezogener Abschied von Dir, nur dass er zwar von Dir erzwungen war, aber in der von mir bestimmten Richtung verlief.“

4. Misslingen des Heiratens:

Zunächst stellst du das Misslingen der Heiraten in die Reihe meiner sonstigen Misserfolge; dagegen hätte ich an sich nichts, vorausgesetzt, dass Du meine bisherige Erklärung des Misserfolgs annimmst. Es steht tatsächlich in dieser Reihe, nur die Bedeutung der Sache unterschätzt Du und unterschätzt sie derartig, dass wir, wenn wir miteinander davon reden, eigentlich von ganz verschiedenem sprechen. Ich wage zu sagen, daß Dir in Deinem ganzen Leben nichts geschehen ist, was für Dich eine solche Bedeutung gehabt hätte, wie für mich [21b] die Heiratsversuche. Damit meine ich nicht, dass Du an sich nichts so Bedeutendes erlebt hättest, im Gegenteil, Dein Leben war viel reicher und sorgenvoller und gedrängter als meines, aber eben deshalb ist Dir nichts derartiges geschehn. Es ist so wie wenn einer fünf niedrige Treppenstufen hinaufzusteigen hat und ein zweiter nur eine Treppenstufe, die aber so hoch ist, wie jene fünf zusammen; der Erste wird nicht nur die fünf bewältigen, sondern noch hunderte und tausende weitere, er wird ein grosses und sehr anstrengendes Leben geführt haben, aber keine der Stufen, die er erstiegen hat, wird für ihn eine solche Bedeutung gehabt haben, wie für den Zweiten jene eine, erste, hohe, für alle seine Kräfte unmöglich zu ersteigende Stufe, zu der er nicht hinauf und über die er natürlich auch nicht hinauskommt.

Heiraten, eine Familie gründen, alle Kinder, welche kommen wollen, hinnehmen, in dieser unsicheren Welt erhalten und gar noch ein wenig führen ist meiner Überzeugung nach das Äusserste, das einem Menschen überhaupt gelingen kann. Dass es scheinbar so vielen leicht gelingt, ist kein Gegenbeweis, denn erstens gelingt es tatsächlich nicht vielen und zweitens „tun“ es diese [21c] Nicht vielen meistens nicht, sondern es geschieht bloss mit ihnen; das ist zwar nicht jenes Äusserste, aber doch noch sehr gross und sehr ehrenvoll (besonders da sich „tun“ und „geschehn“ nicht rein von einander scheiden lassen). Und schliesslich handelt es sich auch gar nicht um dieses Äusserste, sondern nur um irgendeine ferne, aber anständige Annäherung; es ist doch nicht notwendig mitten in die Sonne hineinzufliegen, aber doch bis zu einem reinen Plätzchen auf der Erde hinzukriechen, wo manchmal die Sonne hinscheint und man sich ein wenig wärmen kann. […]

Ich will es näher zu erklären versuchen: Hier beim Heiratsversuch trifft in meinen Beziehungen zu Dir zweierlei scheinbar Entgegengesetztes so stark wie nirgends sonst zusammen. Die Heirat ist gewiss die Bürgschaft für die schärfste Selbstbefreiung und Unabhängigkeit. Ich hätte eine Familie, das Höchste, was man meiner Meinung nach erreichen kann, also auch das Höchste, was [24a] Du erreicht hast, ich wäre Dir ebenbürtig, alle alte und ewig neue Schande und Tyrannei wäre bloss noch Geschichte. Das wäre allerdings märchenhaft, aber darin liegt eben schon das Fragwürdige. Es ist zu viel, so viel kann nicht erreicht werden. Es ist so, wie wenn einer gefangen wäre und er hätte nicht nur die Absicht zu fliehen, was vielleicht erreichbar wäre, sondern auch noch undzwar gleichzeitig die Absicht, das Gefängnis in ein Lustschloss für sich umzubauen. Wenn er aber flieht, kann er nicht umbauen und wenn er umbaut kann er nicht fliehn. Wenn ich in dem besonderen Unglücksverhältnis, in welchem ich zu Dir stehe, selbständig werden will, muss ich etwas tun, was möglichst gar keine Beziehung zu Dir hat; das Heiraten ist zwar das Grösste und gibt die ehrenvollste Selbständigkeit, aber es ist auch gleichzeitig in engster Beziehung zu Dir. Hier hinauskommen zu wollen, hat deshalb etwas von Wahnsinn und jeder Versuch wird fast damit gestraft.

Gerade diese enge Beziehung lockt mich ja teilweise auch zum Heiraten. Ich denke mir diese Ebenbürtigkeit, die dann zwischen uns entstehen würde und die Du verstehen könntest wie keine andere, eben deshalb so schön, weil ich dann ein [24b] freier, dankbarer, schuldloser, aufrechter Sohn sein Du ein unbedrückter, untyrannischer, mitfühlender, zufriedener Vater sein könntest. Aber zu dem Zweck müsste eben alles Geschehene ungeschehen gemacht, d. h. wir selbst ausgestrichen werden.

So wie wir aber sind, ist mir das Heiraten dadurch verschlossen, dass es gerade Dein eigenstes Gebiet ist. Manchmal stelle ich mir die Erdkarte ausgespannt und Dich quer über sie hin ausgestreckt vor. Und es ist mir dann, als kämen für mein Leben nur die Gegenden in Betracht, die Du entweder nicht bedeckst oder die nicht in Deiner Reichweite liegen. Und das sind entsprechend der Vorstellung, die ich von Deiner Grösse habe, nicht viele und nicht sehr trostreiche Gegenden und besonders die Ehe ist nicht darunter.“

Erläuterung: Die Ziffern im Text markieren den Anfang einer neuen Seite bzw. Spalte.

Zum Verständnis des Briefs:

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/kaf/kaf_bri0.htm

http://www.kafka.uni-bonn.de/cgi-bin/kafka5caa.html?Rubrik=vater&Punkt=brief

http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/Maennergeschichte/rollen/opfer_01.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Brief_an_den_Vater

https://hans-joerggrosse.de/erlesenes/franz-kafka/brief-vater/brief-vater/

http://de.slideshare.net/schoolmeester/das-verhltnis-kafkas-zu-seinem-vater-ergebnisse-der-stunde (Tafelbild)

https://de.wikisource.org/wiki/Brief_an_den_Vater (Text)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Kafka,+Franz/Erzählungen+und+andere+Prosa/Prosa+aus+dem+Nachlaß/Brief+an+den+Vater (Text)

https://hans-joerggrosse.de/erlesenes/franz-kafka/brief-vater/ (Text und Vortrag)

https://www.youtube.com/watch?v=7Po22fzW7jU (der gleiche Vortrag: 2:16)

http://bildungsserver.hamburg.de/brief-an-den-vater/ (Links)

http://www.classicistranieri.com/wp-content/uploads/2014/05/concvater.pdf (Konkordanz zu allen Wörtern des Briefs)

Kafka: Die Verwandlung – Bilder

„Man erfährt bis zuletzt nicht genau, wie er aussieht; von der Verwandlung des Helden kontaminiert, verweigert der Text jede objektivierende Stillstellung. Man soll sich vom ‚ungeheuren Ungeziefer’ kein Bild machen können. Dass Kafka es ablehnt, einen Käfer oder ein ähnliches Tier auf dem Titelblatt seiner ‚Verwandlung’ abbilden zu lassen, ist bekannt. Er bat seinen Verleger Kurt Wolff am 25. 10. 1915 nachdrücklich, von einer etwa geplanten Käferzeichnung abzusehen.“ (Monika Schmitz-Emans: Poetiken der Verwandlung, Innsbruck 2008, S. 165 f.) Trotzdem ist es natürlich reizvoll zu sehen, wie verschiedene Leute sich das Samsa-Ungeziefer vorgestellt haben resp. uns vorstellen. Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2016/02/19/kafka-die-verwandlung-warum-gregor-ein-ungeziefer-wurde/!

Alle Bilder aus google-Bilder:

http://orig00.deviantart.net/33e6/f/2010/292/8/7/die_verwandlung_by_nachan-d313lmo.jpg

http://img-fotki.yandex.ru/get/9758/194810717.1e/0_d0661_82ba65fe_L.jpg

http://img05.deviantart.net/a554/i/2010/311/6/8/kafka___die_verwandlung_14_by_bjornbarends-d32ea3s.jpg

http://bbarends.deviantart.com/art/Kafka-Die-Verwandlung-02-185425756

http://blog.beetlebum.de/wp-content/uploads/2007/08/kafka.jpg

http://images.sofatutor.com/videos/pictures/11656/normal/vorschau.BMP?1371049452

http://ais.badische-zeitung.de/piece/02/26/27/b6/36054966.jpg

https://i.ytimg.com/vi/9t1gTV543JM/maxresdefault.jpg

http://www.artists.de/pictures/user_images/full/90090_typometamorphose-kafka-die-verwandlung.jpg

http://www.oocities.org/athens/olympus/2404/bugout.gif

http://www.fr-online.de/image/view/2010/8/6/4621716,2751008,mobileXhtml,Kafka_1.jpg

http://img07.deviantart.net/f565/i/2010/311/8/1/kafka___die_verwandlung_12_by_bjornbarends-d32eads.jpg

https://daslesenmitjames.files.wordpress.com/2009/05/dieverwandlung.jpg

http://img1.seite3.ch/news/309/236148-DieVerwandlung.jpg

http://img01.deviantart.net/3c3c/i/2010/145/7/2/die_verwandlung_by_hollowwings.png

https://cdn.goconqr.com/uploads/image_clipping/image/38260/UnsignedIllustrationFromFamousFantasticMysteriesB565.png

http://img10.deviantart.net/3870/i/2010/311/7/a/kafka___die_verwandlung_11_by_bjornbarends-d32eajw.jpg

The Metamorphosis:

https://anthonyhummel.files.wordpress.com/2013/12/metamorphosis.jpg

http://img14.deviantart.net/cbaf/i/2007/166/9/e/the_metamorphosis_by_blackphoenix87.jpg

https://thedrunkenodyssey.files.wordpress.com/2013/12/metamorphosis-detail.gif?w=529&h=277

http://amyscott.com/Images/metamorphosis.jpg

http://images.fineartamerica.com/images-medium-large-5/the-metamorphosis-john-ashton-golden.jpg

als Karikatur:

http://ais.badische-zeitung.de/piece/04/5e/3c/7a/73284730.jpg

Kafka: Die Verwandlung – Reaktion der anderen (in III)

Das Kap. III ist anders erzählt als die beiden vorherigen (viele Wahrnehmungen Gregors). Gregor wird vernachlässigt und gibt sich auf. Im Kampf gegen ihn verbünden sich Vater und Tochter (Schwester); dem kann Gregor nicht standhalten.

  • Gregor ist verwundet, III 1 – die Zimmertür steht stundenweise offen, III 2; die Frauen arbeiten noch am Abend, III 3; der Vater lässt sich gehen, III 4 f.
  • Gregor wird vernachlässig und ist von Wut erfüllt, III 6 f. – es gibt Streit um die Reinigung von Gregors Zimmer, III 7; die neue Bedienerin sieht ihn ohne Abscheu und nennt ihn einen Mistkäfer, III 8.
  • Gregor isst fast nichts mehr, sein Zimmer wird Abstellkammer, er resigniert, III 9.
  • Die Schwester wird den Zimmerherren als Musikerin präsentiert, III 10 ff.; Gregor will zur Schwester vordringen und sie für sich gewinnen, III 13 f., er löst damit einen Eklat aus, III 15 – die Schwester nennt ihn „Untier“ und will ihn loswerden, III 17; der Vater stimmt ihr zu, III 18. Es gibt ein Gespräch Vater-Tochter, III 20 ff.; sie bestreitet, dass „es“ Gregor ist, fühlt sich von diesem Tier „verfolgt“, III 25, und bildet eine Allianz mit dem Vater, III 25 f.
  • Gregor zieht sich in sein Zimmer zurück, III 27 – die Tür wird verschlossen, „Endlich!“ rufen die Eltern, III 28.
  • Seine Schmerzen lassen nach; er meint, er müsse verschwinden, und stirbt, III 29 – die Bedienerin entsorgt ihn, III 30.34; der Vater dankt Gott, III 31, und kündigt den Zimmerherren, III 33. Die Familie macht sich einen schönen Tag, III 34 ff.

Die Absätze des Kap. III werden wieder mit arabischen Ziffern gezählt, damit Leser unterschiedlicher Ausgaben diese Liste nützen können.