A. von Schirnding: Alphabet meines Lebens (2000) – gelesen

Juri Rytheu hat 2010 eine autobiografische Erzählung mit dem Titel „Alphabet meines Lebens“ veröffentlicht, zehn Jahre zuvor hat Albert von Schirnding den gleichen Titel und die gleiche Methode benutzt, um von seinem Leben zu erzählen (dtv, 2000) – überhaupt eine beliebte Methode, um ein Thema unsystematisch zu bearbeiten. Die normale Biografie ist chronologisch organisiert, jedenfalls im Prinzip; die Orientierung an alphabetisch geordneten Stichworten schafft die Möglichkeit, wichtige Aspekte des eigenen Lebens zu schildern – oder zu verschweigen, indem man das Stichwort einfach nicht behandelt.

Wozu erzählt man Fremden von seinem Leben? Entweder muss das eigene Leben bedeutsam sein, die erzählten Ereignisse müssen wichtig oder der Erinnerung wert sein, oder sie müssen in irgendeiner Hinsicht typisch oder beispielhaft sein. Albert von Schirnding, 1935 geboren, hat die Artikel seines Buches noch im 20. Jahrhundert verfasst; er berücksichtigt 29 Stichworte, von Abstammung über Christentum, Heimat, Poeten, Unsterblichkeit bis Zuletzt. „Skizzenweise“ schreibe er, sagt er mit Berufung auf ein Goethe-Zitat. Ich kannte Herrn von Schirnding als Autor der SZ, heute werden ihn sicher außerhalb Bayerns nicht mehr viele Zeitgenossen kennen. Weil mich die Methode des Erzählens reizte, habe ich vor Jahren das Buch gekauft. Die 29 Aufsätze sind von unterschiedlicher Länge und Qualität.

Abstammung“ ist einer der längsten; die Familiengeschichte derer von Schirnding lässt sich bis ins Mittelalter verfolgen, aber sie interessiert mich nicht und ist in ihren Einzelheiten auch für den Autor nicht von Belang; im ganzen Buch jedoch merkt man (und gibt der Autor auch zu), dass die Herkunft aus einer adligen Familie beim Start ins Leben einen großen Vorsprung sichert. Über sein Kindermädchen „Deta“ berichtet er von ihrem Lebensende, aber nichts für ihn Wesentliches; der Artikel könnte ruhig fehlen. Von den „Eltern“ als solchen erzählt er nicht; er spricht von ihnen, um sich mit dem Tod und den Toten auseinanderzusetzen; dabei zeigt er im Rückgriff auf griechische Mythen und psychoanalytisches Vokabular, wie gebildet er ist. Unter „Freunde“ lesen wir von vier Jugendfreunden, die ich nicht kenne und die man nicht zu kennen braucht – und die von Schirnding selbst als Erwachsener auch aus den Augen verloren hat. In „Christentum“ finden wir die üblichen Bekannten; am Ende bleiben mit Karl Rahner und Reinhold Schneider zwei dunkle Stimmen, die irgendwie „dennoch“ am Glauben festhalten. „Griechisch“ ist ein bedeutsamer Artikel: Schirnding als Schüler, als Student und als Griechischlehrer, als ein Begeisterter, der zur Rettung aus den Wirren der Gegenwart sogar die Rückkehr zu den Griechen um das Jahr 400 vor Christus empfiehlt (S. 117), ohne jedoch zu sagen, was man dort für unsere Rettung finden kann; ich habe mir jedoch vorgenommen, demnächst die „Odyssee“ ganz zu lesen. Schirnding liebt dunkle Andeutungen, wie man auch am Ende des Abschnitts „Abstammung“ sieht: Die Toten „können von unserer Erinnerung nicht leben [richtig, N.T.], sie müssen sich schon selber genug sein lassen an dem, was sie gewesen sind [wie das? Die Toten gibt es nicht, sie können deshalb nichts tun.]. Unser Gedenken kann nur den Sinn haben, das spezifische Gewicht des eigenen Daseins schwerer zu machen [ein Bild – was denkt man sich dazu?].“ (S. 31 f.)

Das „Selbstporträt“ fällt dürftig aus; über den Autor erfährt man am meisten in den Artikeln „Griechisch, Lesen, Orte“. Er ist ein bayerischer Adeliger aus dem böhmischen Grenzland, Jahrgang 1935, er hat Griechisch unterrichtet, er hat gedichtet und Bücher veröffentlicht, er war in den literarischen Kreisen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vernetzt und ist irgendwie katholisch geblieben – wer ihn kennt, den könnte das Buch interessieren; wer ihn nicht kennt, den braucht es nicht zu interessieren. Das möchte ich mit einem Hinweis auf den Aufsatz „Märchen“ belegen: Wer denkt, er erfahre etwas von dem, was ihm Märchen bedeutet haben, der wird enttäuscht; stattdessen liest man ziemlich „schlaue“ Gedanken über eine Reihe von Märchen, wobei er nicht ohne Seitenhieb auf die „Psycho-Theologen“ auskommt, zu denen er doch selber hier gehört. Denn dass „[i]n einer etwas tieferen Schicht“ (S. 161 f.) die kluge Else die Sympathie des Erzählers und damit auch des Zuhörers erfahre, halte ich für Spinnerei; und die Reichweite ihrer Phantasie ist mitnichten ein Zeichen ihrer Klugheit (S. 161) , sondern ihrer Dummheit, ihr Attribut „klug“ ist und bleibt ironisch.

Die Artikel „Unsterblichkeit“ und „Zuletzt“ zeigen, dass er nicht den Mut hat, (seine) philosophie- und christentumskritischen Gedanken zu Ende zu denken. Er hält sich an Karl Rahner, der vom Tod Jesu sagt, das sei „ein solcher, der von seinem eigensten Wesen aus in die Auferstehung sich aufhebt, in diese hineinstirbt“ (S. 67). Wer solche Sätze versteht und dann auch glaubt, der kann sich an Albert von Schirnding halten.

Das Beste am Buch ist die Idee des Alphabets, um sein Leben in Stichworten zu erfassen. Vielleicht sollte man das selber einmal probieren?

http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/alphabet-meines-lebens.html

Albert von Schirnding:

https://www.literaturportal-bayern.de/autorinnen-autoren?task=lpbauthor.default&pnd=117276413

https://www.mittelbayerische.de/kultur/ein-leben-als-gesamtkunstwerk-21852-art1196213.html (Schirnding zum 80.)

https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_von_Schirnding

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Hofmannsthal: Ein Brief (des Lord Chandos) – Inhalt, Links zum Verständnis

Ich beziehe mich auf die Ausgabe bei zeno.org, weil die eine Seitenzählung hat; mit der Angabe der Seitenzahl (blau, in […]) beginnt dort jeweils der Text einer neuen Seite.

Hugo von Hofmannsthal hat 1902 „Ein Brief“ geschrieben. Dessen Inhalt/Gedankengang:

Ein Brief von Philipp Lord Chandos, 26 Jahre alt, an Francis Bacon (engl. Philosoph, Staatsmann und Wissenschaftler) im Jahr 1603

Chandos, ein erfolgreicher Autor, antwortet auf einen besorgten Brief Bacons. Er möchte sich entschuldigen, weil er zu schreiben aufgehört hat, obwohl er noch Pläne zu vielen Werken hatte (S. 461 – 463). Er erklärt seine Situation:

DAMALS (früher) erschien ihm das ganze Dasein, die Welt, als eine große Einheit, wo alles zueinander passte (S. 463 f.).

DANN

– haben die religiösen Vorstellungen ihre Kraft für ihn verloren (S. 464),

– hat er nicht mehr zusammenhängend über etwas denken und sprechen können:

a) die allgemeinen, abstrakten Begriffe sind ihm zerfallen (S. 465),

b) die alltäglichen Bezeichnungen ebenso;

c) selbst Seneca und Cicero haben ihm nicht geholfen, „das Tiefste, das Persönliche meines Denkens“ darzustellen (S. 466).

JETZT lebt er wie die meisten anderen, aber erfährt gelegentlich ganz einfache Dinge „mit einer überschwellenden Flut höheren Lebens“ (S. 467). Beispiel: wie er Ratten vergiftete und von ihrem Todeskampf ergriffen war (S. 467 f.). Es ist ihm, „als könnten wir in ein neues, ahnungsvolles Verhältnis zum ganzen Dasein treten, wenn wir anfingen, mit dem Herzen zu denken“ (S. 469). Das normale Alltagsleben kommt ihm dagegen schal vor (S. 470). Er vergleicht sich mit dem Römer Crassus, der beim Anblick eines toten Fisches weinte (S. 471).

Er kündigt an, kein Buch mehr schreiben zu wollen, weil die einzige Sprache, in der er noch denken und sprechen kann, eine Sprache ist, „von deren Worten mir auch nicht eines bekannt ist, eine Sprache, in welcher die stummen Dinge zu mir sprechen, und in welcher ich vielleicht einst im Grabe vor einem unbekannten Richter mich verantworten werde“ (S. 472 – die Pointe ist also weniger die Kritik der alten als die Idee einer neuen Sprache, die seinen mystischen Erfahrungen gerecht wird).

http://www.zeno.org/Literatur/M/Hofmannsthal,+Hugo+von/Essays,+Reden,+Vorträge/Ein+Brief (Text des Briefes, von mir benutzt)

http://www.staedte-im-wissenschaftsjahr.de/2009/pdf/Goettingen_Elena_Teresa.pdf (kurze Zusammenfassung; Text des Briefes; Kommentar)

http://home.cc.umanitoba.ca/~divay/psg/hvh.html (große Analyse, Kommentar)

http://195.145.96.95/Unter-projekte/Unterrichtsprojekte/Deutschprojekte/Zentralabitur-texte2004-2005/Zentralabi-2007/Texte-2007/Hofmannsthal-Chandos-Arb-Blaetter/Pr%C3%A4sentation-Candosbrief-L%C3%B6ser.pdf (flotte Analyse, mit Bildern usw.)

http://www.fabritianum.hsnr.de/Material/indexneu.php?dir=Deimel/LK+DEUTSCH+ABI+2011/MATERIALIEN/&download=MAT_47_HOFMANNSTHAL_EIN_BRIEF_PORTFOLIO_TEST.doc mittelgroße Analyse und Würdigung (Fragen und Lösungen), geht offenbar nur über diese Seite

http://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Brief (kurze Würdigung)

http://kom.aau.dk/~tb/articles/hofman89.pdf (Tom Brondsted: Das Versagen der begrifflichen Denkweise – der Brief als Beispiel einer modernen Poetologie)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/literatur20/Zusammenfassung060404.pdf (Kommentar und Würdigung des Briefs als „Entwurf einer Poetik der Sprach-‚Mystik’“)

http://www.boag-online.de/pdf/22003_Chandos_Brief.pdf (philosoph. Kommentar zum Brief)

http://www.navigare.de/hofmannsthal/brief.htm (Kommentar zum Brief)

http://www.gleichsatz.de/b-u-t/trad/hofm2a.html (G. Wunberg: [philosophie]geschichtlicher Kommentar)

Zur Sprachkritik, Sprachskepsis Fritz Mauthners (und auch Hugo von Hofmannsthals, siehe dessen Chandos-Brief) gibt es eine kurze Untersuchung Hubert Schleicherts, die auf einer größeren Arbeit beruht: http://www.gleichsatz.de/b-u-t/221149/schleich1.html, und die zu lesen sowohl für Deutschlehrer wie für geplagte Beinahe-Abiturienten lohnt, damit man zum Thema „Sprachkritik“ etwas Vernünftiges sagen kann.

http://www.navigare.de/hofmannsthal/chandos.html (Bezug zu anderen Werken Hofmannsthals)

https://norberto42.wordpress.com/2013/11/30/hofmannsthal-weltgeheimnis-analyse/ (meine Analyse des Gedichts „Weltgeheimnis“, das man parallel zum Chandos-Brief lesen kann)

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autorh/hugovh.html (Sammlung von Links zu HvH, Stand 2013)

http://bildungsserver.hamburg.de/hugo-von-hofmannsthal/ (Linksammlung zu Hugo v. H.)

Vgl. bereits die Wortproblematik in Goethes „Faust I“ und zeitgleich in „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“!