Gedichte mit BLAU + Farbsymbolik

Gedichte zur Farbe BLAU

1. Farbsymbolik „blau“

Blau ist die flüchtigste aller Farben, sie weicht optisch vom Betrachter zurück und wirkt ebenso kühl wie bodenlos. Blau wird mit dem Himmel und dem Meer assoziiert – obwohl Luft und Wasser an sich durchsichtig sind. Damit wird Blau zu der Farbe des Unwirklichen, des Unsichtbaren und Nichtgreifbaren. Dies verdeutlich auch die Entwicklung von Sprachen: Die alten Römer beispielsweise kannten kein Wort für Blau, die Isländer bezeichnen alle Farben zwischen Schwarz und Blau mit demselben Wort und sowohl die alten Ägypter als auch einige Naturvölker unterscheiden sprachlich nicht zwischen Blau und Grün.

Im Christentum stand Blau als Farbe des Himmels schon immer mit dem Göttlichen, dem Überirdischen in Verbindung. Einst galt die Farbe als weiblich und wurde der Jungfrau Maria zugeschrieben. Im Gegensatz zum irdischen, präsenten Rot symbolisiert Blau das Flüchtige und das Immaterielle. Es steht gleichermaßen für den Traum nach Freiheit, unendlichen Weiten aber auch für Introvertiertheit und den Rückzug in sich selbst. Blau symbolisiert Ruhe – aber im Gegensatz zum präsenten, gelassenen Grün, ist Blau ruhig durch Distanz. Gleichzeitig repräsentiert Blau auch eine klare Besonnenheit, Objektivität, Neutralität und Klarheit – das flößt Vertrauen ein und vermittelt ein Gefühl von Sicherheit. Aus diesem Grunde bedienen sich Banken und Versicherungen gern der Farbe Blau für ihre Firmenlogos. (https://alpina-farben.de/artikel/farbsymbolik-bedeutung-blau/)

Blau, die Farbenempfindung, die der zwischen den Fraunhoferschen Linien F und G liegende Teil des Spektrums in einem normalen Auge hervorruft. Zu jedem einfachen B. läßt sich im gelben Teile des Spektrums ein einfaches Gelb finden, das damit gemischt Weiß gibt. Spektrales B. und spektrales Gelb sind also zueinander komplementär. Ein blauer Farbstoff, mit einem gelben gemischt, gibt nicht Weiß, sondern Grün, weil der blaue Farbstoff die roten und gelben, der gelbe die blauen und violetten Strahlen absorbiert, so daß im zurückgeworfenen Licht das Grün vorherrscht. Vgl. Farbensymbolik. (Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1905)

Farbensymbolik, die Deutung der Farben auf bestimmte Lebensverhältnisse, Begriffe und Gemütsstimmungen sowie ihre Benutzung, um in Kleider- und Schmucktracht (Jett als Trauerschmuck), durch Tragen der Lieblingsfarben einer Dame beim Turnier, in der Blumensprache etc. diese Stimmung auszudrücken. Die den Farben beigelegte Bedeutung wechselt nach Völkern und Zeiten, z. B. hinsichtlich der Trauer (s.d.), ohne daß sich psychologische Gründe für die Wahl bestimmter Farben für bestimmte Beziehungen überall anführen ließen. (…) Im allgemeinen hat sich bei den Kulturvölkern folgende F. Herausgebildet: (…) Blau war seit ältester Zeit die verehrteste Farbe, der Lapislazuli im Altertum der geschätzteste Edelstein, und der Indigo, mit dem man bei Pelusium die (nach Brugsch) danach benannten Arbeiterkleider oder Blusen färbte, hieß Dar-neken, der vor »Schaden bewahrende« Farbstoff. Den Alten galt Blau, wie Eusebios sagt, als Götterfarbe (in der Kleidung), besonders der Himmelsgöttin (Juno), nach dem blauen Himmel. Schon im germanischen Altertum erscheint Blau als Symbol der Treue und Beständigkeit, daher blaue Blumen (Männertreu, Vergißmeinnicht, Gedenke mein, Pensee) als Beständigkeitssymbole. (http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Farbensymbolik)

 

2. Gedichte zu BLAU

Joseph von Eichendorff
Frische Fahrt (1815)

Laue Luft kommt blau geflossen,

Frühling, Frühling soll es sein!

Waldwärts Hörnerklang geschossen,

Mut’ger Augen lichter Schein;

Und das Wirren bunt und bunter

Wird ein magisch wilder Fluß,

In die schöne Welt hinunter

Lockt dich dieses Stromes Gruß.

 

Und ich mag mich nicht bewahren!

Weit von euch treibt mich der Wind,

Auf dem Strome will ich fahren,

Von dem Glanze selig blind!

Tausend Stimmen lockend schlagen,

Hoch Aurora flammend weht,

Fahre zu! ich mag nicht fragen,

Wo die Fahrt zu Ende geht!

 

Joseph von Eichendorff:

Jugendandacht (1841)


1

Daß des verlornen Himmels es gedächte,

Schlagen ans Herz des Frühlings linde Wellen,

Wie ew’ger Wonnen schüchternes Vermuten.

Geheimer Glanz der lauen Sommernächte,

Du grüner Wald, verführend Lied der Quellen,

Des Morgens Pracht, stillblühnde Abendgluten,

Ihr fragt: wo Schmerz und Lust so lange ruhten,

Die süß das Herz verdunkeln und es hellen?

Wie tut ihr zaubrisch auf die alten Wunden,

Daß losgebunden in das Licht sie bluten!

O sel’ge Zeit entfloßner Himmelbläue,

Der ersten Andacht solch inbrünst’ger Liebe,

Die ewig wollte knien vor der Einen!

Demütig in der Glorie des Maien

Hob sie den Schleier oft, laß offen bliebe

Der Augen Himmel, in das Land zu scheinen.

Und stand ich still, und mußt ich herzlich weinen;

In ihrem Blick gereinigt alle Triebe:

Da war nur Wonne, was ich mußte klagen,

Im Angesicht der Stillen, Ewigreinen

Kein Schmerz, als solcher Liebe Lieb ertragen!

2

Wie in einer Blume himmelblauen

Grund, wo schlummernd träumen stille Regenbogen,

Ist mein Leben ein unendlich Schauen,

Klar durchs ganze Herz ein süßes Bild gezogen.

 

Stille saß ich, sah die Jahre fliegen,

Bin im Innersten dein treues Kind geblieben;

Aus dem duft’gen Kelche aufgestiegen,

Ach! wann lohnst du endlich auch mein treues Liebe

3

Was wollen mir vertraun die blauen Weiten,

Des Landes Glanz, die Wirrung süßer Lieder,

Mir ist so wohl, so bang! Seid ihr es wieder

Der frommen Kindheit stille Blumenzeiten?

 

Wohl weiß ich’s – dieser Farben heimlich Spreiten

Deckt einer Jungfrau strahlend reine Glieder;

Es wogt der große Schleier auf und nieder,

Sie schlummert drunten fort seit Ewigkeiten.

 

Mir ist in solchen linden, blauen Tagen,

Als müßten alle Farben auferstehen,

Aus blauer Fern sie endlich zu mir gehen.

 

So wart ich still, schau in den Frühling milde,

Das ganze Herz weint nach dem süßen Bilde,

Vor Freud, vor Schmerz? – ich weiß es nicht zu sagen.

(Es folgen weitere Gedichte.)

 

 

Heinrich Heine

Lyrisches Intermezzo

XXX

Die blauen Veilchen der Äugelein,
Die roten Rosen der Wängelein,
Die weißen Liljen der Händchen klein,
Die blühen und blühen noch immerfort,
Und nur das Herzchen ist verdorrt.

 

Eduard Mörike

Er ist‘s

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte

Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab‘ ich vernommen!

 

 

Hermann Allmers

Feldeinsamkeit (1852)

Ich ruhe still im hohen grünen Gras
sende lange meinen Blick nach oben,
Grillen ringsumschwirrt ohn‘ Unterlass,
Himmelbläu wundersam umwoben.

Und schöne weiße Wolken ziehn dahin
durch’s tiefe Blau, wie schöne stille Träume; –
mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
und ziehe selig mit durch ew’ge Räume.

 

Oskar Loerke

Blauer Abend in Berlin (1911)

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Regt sie des Wassers Wille und Verstand

Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.

 

 

Georg Heym

Träumerei in Hellblau

Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.

Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht.

Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.

Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern, und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.

 

Else Lasker-Schüler

Mein blaues Klavier (1937)

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier

Und kenne doch keine Note.

 

Es steht im Dunkel der Kellertür,

Seitdem die Welt verrohte.
Es spielten Sternenhände vier –

Die Mondfrau sang im Boote.

Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

 

Zerbrochen ist die Klaviatur.

Ich beweine die blaue Tote.

 

Ach liebe Engel öffnet mir

Ich aß vom bitteren Brote –

Mir lebend schon die Himmelstür,

Auch wider dem Verbote.

 

Else Lasker-Schüler

In deine Augen

Blau wird es in deinen Augen –
Aber warum zittert all mein Herz
Vor deinen Himmeln?

Nebel liegt auf meiner Wange
Und mein Herz beugt sich zum Untergange.

 

Christian Morgenstern

Dämmrig blaun im Mondenschimmer

Dämmrig blaun im Mondenschimmer
Berge … gleich Erinnerungen
ihrer selbst; selbst Berge nimmer.

Träume bloss noch, hinterlassen
von vergangnen Felsenmassen:
So wie Glocken, die verklungen,
noch die Luft als Zittern fassen.

 

Rainer Maria Rilke

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

 


S
iehe auch http://gedichte.xbib.de/die+farbe+blau_gedichte_recherche.htm

3. Eine Gedichtsammlung:

Gabriele Sander (Hrsg.): Blaue Gedichte, Reclam 2012:

Inhaltsverzeichnis:

Prolog
Konrad Bayer – topologie der sprache

I Das blaue Gedicht
Yvan Goll – Das blaue Gedicht
Annette von Droste-Hülshoff – Poesie
Rudolf Hartung – Heimweg
Rose Ausländer – Verwandelt
Hilde Domin – Angsttraum I
Rolf Dieter Brinkmann – Von der Gegenständlichkeit eines Gedichtes
Otto Erich – Blaue Lyrik


II O Blau der Welt
Barthold Heinrich Brockes – Fabel
Gottfried Keller – Ich liege beschaulich
Paul Celan – O Blau der Welt
Niklas Stiller – Barke Blau
Hans Magnus Enzensberger – Die Visite
Marcel Beyer – Das kommende Blau

III Schau auf das Blau des Himmels
Kurt Marti – blauer himmel
Ericht Kästner – Prima Wetter
Alfred Lichtenstein – Sommerfrische
Ernst Meister – Das Blau
Tuvia Rübner – Immer wieder
Karl Krolow – Draußen


IV Blaue Tage
Robert Walser – Helle
Joseph von Eichendorff – Was wollen mir vertraun die blauen Weiten
Eduard Mörike – Er ist’s
Wilhelm Lehmann – Ein Lachen
Karl Wolfskehl – Herbst
Rose Ausländer – Blaßblaue Tage I
Rose Ausländer – Blaßblaue Tage II
Hilde Domin – Ein blauer Tag

V Blaue Stunde
Stefan George – Blaue Stunde
Gertrud Kolmar – Glockenspiel
Gottfried Benn – Blaue Stunde I-III
Ingeborg Bachmann – Die blaue Stunde
Peter Rühmkorf – Wintergewitter
Michael Zeller – Blaue Minute

VI Dämmerkantaten und Notturnos
Georg Heym – Träumerei in Hellblau
Ernst Stadler – Dämmerung in der Stadt
Oskar Loerke – Blauer Abend in Berlin
Gottfried Benn – Fragmente
Paul Boldt – Abendwald
Heiner Müller – Blaupause
Carl Zuckmayer – Dämmerkantate

VII Ins Fernblau schwebend
Johann Wolfgang Goethe – Schwebender Genius über der Erdkugel
Oskar Loerke – Ins Fernblau schwebend
Georg Heym – Sehnsucht
Ludwig Tieck – Flöte
Joachim Ringelnatz – Melancholie

VIII Auf blauen Wellen
Theodor Däubler – Auf blauen Wellen ängstigt sich das Leben
Günter Kunert – Golf von Neapel
Peter Huchel – Die Insel Alohe
Hugo von Hofmannsthal – Die Stunden! wo wir auf das helle Blauen
Georg Kaiser – Vita naufragium longum
Peter Hacks – Der Bluewater-Valley-Song

IX Blaue Träume, Sehnsüchte und Erinnerungen
Clemens Brentano – Hörst du wie die Brunnen rauschen
Georg Trakl – Kindheit
Ernst Jandl – in jugendblau
Else Lasker-Schüler – Mein blaues Klavier
Ulla Hahn – Frau in Blau
Friedrich Christian Delius – Lieder eines fahrenden Gesellen

X Blau war das Kleid …
Günter Eich – Der Mann in der blauen Jacke
Jürgen Becker – Blaues Kleid
Jakob van Hoddis – Tanz
H.C. Artman – mylady mit dem blauen hut
Richard Dehmel – Die blauen Schuhe
Rolf Dieter Brinkmann – Meine blauen Wildlederschuhe

XI Der blaue Vogel deines Auges
Martin Opitz – Sonnet über die augen der Astree
Heinrich Heine – Mit deinen blauen Augen
Paul Celan – Die Jahre von dir zu mir
Yvan Goll – Der blaue Vogel deines Auges
Peter Maiwald – Fotoalbum

XII Blaue Tiere
Gottfried Keller – Wie schlafend unterm Flügel ein Pfau den Schnabel hält
Wilhelm Lehmann – Pfauenauge
Hermann Hesse – Blauer Schmetterling
Elisabeth Borchers – Der blaue Fisch
Paul Zech – Die Ballade von den blauen Pferden
Ursula Krechel – Das Flußpferd

XIII Vom Krokusblau zum Blau der Herbstzeitlose
Paul Zech – Krokus
Barthold Heinrich Brockes – Die Trauben-Hyazinthe
Johann Wilhelm Ludwig Gleim – Das Blümchen
Alfred Mombert – Mittagstunde
Rainer Maria Rilke – Blaue Hortensie
Michael Zeller – Für S. / die mir im Straßengraben eine Herbstzeitlose zeigte

XIV Die Blaue Blume
Georg Trakl – An Novalis
Joseph von Eichendorff – An Isidorus Orientalis
Achim von Arnim – Sie sah die blaue Blume
Georg Trakl – Verklärung
Wolfgang Borchert – Gedicht
Arno Holz – In den Grunewald

XV Dieses Blau – aus alten Meistern hervordestilliert
Hans Dieter Schwarze – Prolog
Ernst Jandl – lassen – lässt…
Albert Ehrenstein – Georg Trakl+
Elisabeth Borchers – Nerudas Blau
Max Dauthendey – Vision

XVI Blauer Rauch
Arno Holz – Horche nicht hinter die Dinge
Georg von der Vring – Kleiner Faden Blau
Paul Zech – Der Kohlenbaron

XVII Blau ist das Meer und der Suff
Bertolt Brecht – Matrosen-Song
Rainer Brambach – Heiterkeit im Garten
Robert Gernhardt – Ein Frühjahr

XVIII Blaues im Blauen Saal
Peter Roos – AZULITOblues
Erich Kästner – Vornehme Leute, 1200 Meter hoch
Joachim Ringelnatz – Blues
Ernst Meister – Augustinischer Blues

Epilog
Konrad Ferdinand Meyer – Epilog

 

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Lutz Görner, Rezitator – neue homepage

Lutz Görner, Rezitator deutscher Gedichte, hat eine neue homepage; deshalb stimmen die alten Verlinkungen nicht mehr. Auf der neuen homepage muss man „Wundertüte“ anklicken, dann kommt man auf die gesammelten, von ihm gesprochenen „Gedichte des Tages“. Oder man klickt direkt http://www.lutzgoerner.de/alle-gedichte-des-tages an.

Wozu Gedichte schreiben?

In den „Dionysos-Dithyramben“ Nietzsches (1888) gibt es das Gedicht „Zwischen Raubvögeln“. Darin spricht Zarathustra (V. 41 ff.):

„Jetzt –

einsam mit dir,

zwiesam im eignen Wissen,

zwischen hundert Spiegeln

vor dir selber falsch,

zwischen hundert Erinnerungen

ungewiß,

an jeder Wunde müd,

an jedem Froste kalt,

in eignen Stricken gewürgt,

Selbstkenner!

Selbsthenker!

 

Was bandest du dich

mit dem Strick deiner Weisheit?

Was locktest du dich

ins Paradies der alten Schlange?

Was schlichst du dich ein

in dich – in dich?

 

Ein Kranker nun,

der an Schlangengift krank ist;

ein Gefangner nun,

der das härteste Los zog:

im eignen Schachte

gebückt arbeitend,

in dich selber eingehöhlt,

dich selber angrabend,

unbehilflich,

steif,

ein Leichnam –,

von hundert Lasten übertürmt,

von dir überlastet,

ein Wissender!

ein Selbsterkenner!

der weise Zarathustra!…“

Ich wähle bewusst nur diesen Auszug aus einem der Gedichte des Zyklus – philologisch korrekt müsste man den ganzen Zyklus beachten. Mir geht es jedoch um die Einsamkeit eines Denkenden, in der er sich selbst zerstört; dies ist hier wunderbar ausgearbeitet – es ist die Einsamkeit, in der und mit der man nicht leben kann, die jedoch für manche Dichter Bedingung ihres Schreibens zu sein scheint. Schreibend bitten sie beliebige Fremde um ein Gespräch, indem sie sich poetisch äußern und hierauf eine Antwort erwarten, erhoffen, erbitten – aber wehe den Lesern, wenn sie nicht „richtig“ antworten! Ich zitiere aus Celans Brief vom 12. November 1959 an Ingeborg Bachmann, es geht dabei um die Rezension der „Sprachgitter“ durch Günter Blöcker vom 11. Oktober 1959 in der Zeitung „Der Tagesspiegel“: „Du weisst auch – oder vielmehr: Du wusstest es einmal -, was ich in der Todesfuge zu sagen versucht habe. Du weißt – nein, du wusstest – und so muss ich Dich jetzt daran erinnern -, dass die Todesfuge auch dies für mich ist: eine Grabschrift und ein Grab. Wer über die Todesfuge das schreibt, was dieser Blöcker darüber geschrieben hat, der schändet die Gräber. / Auch meine Mutter hat nur dieses Grab.“

Hier kanzelt Celan nicht nur den Rezensenten Blöcker ab, hier weist er auch brutal Ingeborg Bachmann zurück, die er doch geliebt hatte und die zur Zeit dieses Briefes mit Max Frisch zusammen lebte und in ihrem Brief vom 9. November um Celans Verständnis geworben hat – sie stand zwischen zwei Männern, die ihr teuer waren.

Wenn man ein Gedicht veröffentlicht, macht es sich in der Öffentlichkeit selbständig. Wenn man seine Seele in dieses Gedicht gelegt hat, ändert das nichts daran, dass Fremde in das Gedicht hineinschauen dürfen und vielleicht keine Seele entdecken. Blöcker hat in seiner Rezension u.a. behauptet, „der Kommunikationscharakter der Sprache“ hemme und belaste Paul Celan weniger als andere; wie sehr er damit recht hat, erkennt man an Celans Reaktion. Dass die „Todesfuge“ für ihn das einzige Grab seiner Mutter ist, müssen die Leser dem Gedicht nicht ansehen. Das Grab seiner Mutter darf man nicht der Öffentlichkeit übergeben. Wenn man es freilich in seiner Einsamkeit der Öffentlichkeit übergeben muss, ist die Katastrophe abzusehen.

Es bleibt die Frage: Wozu soll man Gedichte schreiben?

Rezitation von Gedichten

Es gehört zu meinen besten Einsichten, dass man Gedichte hören muss, dass sie Klanggebilde sind. Aus diesem Grund weise ich auf zwei Rezitatoren deutscher Gedichte hin, deren Vorträge man kostenlos hören kann:

http://www.lutzgoerner.de/alle-gedichte-des-tages (Lutz Görner, früher: rezitator.de)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/auslaender.html (Fritz Stavenhagen)

Die Vorträge sind zwar nicht immer ganz „richtig“, aber immerhin insgesamt gut, oft sehr gut. Auch bei youtube kann man versuchen, Rezitationen (oder Vertonungen) zu hören.

Nicht rezitieren, sondern sprechen

In einem Interview mit Tanja Rest (SZ am 9. Juli 2011, Seite V2/8) sagte Alan Rickman, als er wegen seiner Rezitation von Shakespeares Sonett Nr. 130 gelobt wurde, zur Erklärung: Er habe von Peter Brooks gelernt, dass man niemals so gut sei wie der Autor; das gelte besonders für die Sonette. „Sie sind wie Gefäße, die einen Gedanken bergen, und diesen Gedanken muss man im Kopf behalten. Man darf ein Shakespeare-Sonett nicht rezitieren. Man muss es sprechen.“

Alles, was wir unter dem Stichwort „Gedichtanalyse“ betreiben, dient dazu, den Standpunkt des Sprechers zu finden, zu betreten und in seine Blickrichtung zu schauen, um dann derart ein Gedicht sprechen zu lernen.

Sammlungen deutscher Gedichte, erweitert (Links)

Bei www.mweyer.de habe ich ein paar Hinweise entdeckt, die mich meine ältere Linksammlung erweitern lassen:

http://gedichte.xbib.de/ (Die Deutsche Gedichtebibliothek)

http://www.freiburger-anthologie.de/ (Freiburger Anthologie, reicht bis 1900)

http://www.kalliope.org/en/poets.cgi?list=az&cn=de (kalliope – sehr umfangreich)

http://www.wortblume.de/dichterinnen/index.htm (Lyrik dt. Dichterinnen)

http://www.zgedichte.de/dichter_liste.php (Gedichte-Sammlung)

http://www.onlinekunst.de/gedichte/ (500 Gedichte)

http://www.dmoz.org/World/Deutsch/Kultur/Literatur/Lyrik/Archive_elektronischer_Texte/ (Links bei dmoz)

Beim Projekt Gutenberg kann man auf der Startseite -> Genres, dort -> Gedichte anklicken – das wusste ich übrigens nicht, lieber Kollege Weyer. Ferner gibt es www.balladen.de, wo der Name sagt, dass man dort Balladen (aber nicht nur!) findet. Das Projekt „Lyrik und Lied“ hat auf www.liederlexikon.de zu einer Sammlung von Kommentaren zu Liedern geführt. Ferner:

http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/,

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/,

http://www.autoren-gedichte.de/gedicht.htm,

http://www.zgedichte.de/dichter_liste.php,

http://hor.de/gedichte/,

http://www.gigers.com/matthias/schule/gedichte.html (Sammlung von Links),

http://www.projekt.net/ (ebenso),

http://www.learn-german-online.net/learning-german-resouces/literatur.htm (auch Gedichte-Links);

http://gedichte.ws0.org/ (Anthologie)

http://www.wer-weiss-was.de/faq173/entry3314.html (Linksammlung)

gesprochene (rezitierte) Gedichte: http://www.archive.org/details/sammlung_gedichte_006_0903_librivox,

http://www.deutschelyrik.de/ (Fritz Stavenhagen),

http://www.rezitator.de/gdt/autor/ bzw. http://lutzgoerner.de/3sat/autor/ (Lutz Görner),

http://www.archive.org/details/sammlung_gedichte_001_librivox

http://librivox.org/sammlung-deutscher-gedichte-009-by-various/ (Da fragt man sich, was 002-008 ist.)

Kleiner Lehrgang im Lesen / Zweitleseunterricht

 

Dieser kleine Lehrgang soll den Blick für die Möglichkeiten öffnen, wie man lesen kann; soll für die Frage sensibilisieren, wie man lesen soll; soll auch an einige semantisch-grammatische Einsichten erinnern, die angesichts des realen Deutschunterrichts für viele Leser als Theorie neu sind. Ich habe als Beispiel die 1. Strophe von Hebbels „Sommerbild“ (1848) gewählt.

Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,

Sie war, als ob sie bluten könne, rot;

Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:

„So weit im Leben, ist zu nah am Tod!“

Ich sah ist der bestimmende Anfang; damit ist die Perspektive ICH gesetzt. Ein solches Ich in Gedichten nennen wir lyrisches Ich. Es blickt zurück, spricht von einem vergangenen Ereignis. Anderes würde folgende Stellung der gleichen Wörter ausdrücken: Des Sommers letzte Rose / sah ich stehn. Hier stände die Rose stärker als das sehende Ich im Vordergrund. sah ist die Achse, und was im Vorfeld steht, verdient besondere Beachtung. [-> Satzgliedstellung]

Das lyrische Ich berichtet oder erzählt, dass es (etwas) sah; es ist auch ein zuhörendes Du mitgedacht, dem das sprechende Ich sagt, dass es damals sah. [-> Kommunikation im fiktionalen Text]

Damit man die Bedeutung dieses Anfangs ermessen kann, nenne ich zwei andere Anfänge von Gedichten aus der gleichen Zeit:

Es reist – wer reist wohin? Es reist so mancher Philister (Hoffmann von Fallersleben, 1845); hier spricht ein nicht greifbarer Sprecher allgemein über die reisenden Philister. Der Sprecher bedenkt, was diese Philister tun; vielleicht berichtet er später von einem Reisenden, der etwas Besonderes erlebt hat. Diesen Anfang könnte das sprechende Ich auch für sich allein denken: Ja, ja, es reist so mancher Philister…

Fern hallt Musik (Storm, 1852) ist der zweite Anfang; der wiederum ungenannte Sprecher beschreibt (erfreut? klagend?), dass er Musik hört.

Verglichen mit diesen beiden Anfängen wird mit dem Anfang Ich sah das (damals) sehende Ich betont in den Vordergrund gerückt. Was sah das Ich? Diese Frage ist mit dem Anfang Ich sah gestellt. Auf diese Frage gibt es zwei Antworten; welche Antwort man als Leser zuerst wahrnimmt, hängt davon ab, wie man liest.

Die erste Antwort wird in der Überschrift Sommerbild (Hebbel) gegeben oder zumindest angedeutet. Sommer ist eine Jahreszeit; Sommerbild lässt also an Natur oder Menschen denken, die im Sommer unter dem Eindruck von Licht und Wärme stehen. Es wird eine Erwartung geweckt: zu sehen war, was im Sommer war.

Die zweite Antwort gibt die Fortsetzung Ich sah / des Sommers letzte Rose stehn. Es wären auch andere Fortsetzungen denkbar gewesen:

* Ich sah nach meinem spielenden Kind, oder

* Ich sah in der Ferne das glitzernde Meer, oder

* Ich sah, dass du schwitzend littest. Diese Möglichkeiten sind durch die Valenz des Verbs sehen und die dadurch gegebenen Satzbaupläne eröffnet. Erst wenn man die nicht realisierten Möglichkeiten beachtet, versteht man, was die realisierte Möglichkeit besagt. [-> Valenz, Satzbaupläne]

Die zweite Antwort ist viel genauer als die erste; es ist die Antwort des sprechenden Ichs in seinem sehen-Satz, während die Überschrift der Titel des Autors über dem ganzen Gedicht ist. So ist der Titel des Gedichtes „Fern hallt Musik“ Hyazinthen; der Name dieser Blumensorte sagt nun wirklich nichts zur fern hallenden Musik, sodass man die Antwort aus der Überschrift Sommerbild nicht überbewerten sollte. Die „richtige“ Antwort gibt es in der Fortsetzung des sehen-Satzes, im Nachfeld. [-> Strukturtypen des Satzes; Vorfeld, Nachfeld]

Ich sah / des Sommers letzte Rose stehn. Diese Antwort besteht aus zwei Teilen: des Sommers letzte Rose und stehn. Rose und stehn sind einander zugeordnet, aber eben doch nicht in der Form eines Satzes:

# Ich sah, dass des Sommers letzte Rose stand. Diese #-Variante stellt „stand“ heraus, während in Hebbels Gedicht „des Sommers letzte Rose“ in den Vordergrund gerückt wird – „stehn“ könnte beinahe fehlen. Was besagt des Sommers letzte Rose?

Was diese Wendung besagt, versteht man, wenn man bedenkt, welche Wendungen durch die Wahl „des Sommers letzte Rose“ ausgeschlossen sind:

* des Sommers erste Rose,

* des Herbstes letzte Rose <passt nicht zu „Sommerbild“>,

* des Sommers letzte Hyazinthe… usw.

Mit „Sommers“ wird die Erwartung der Überschrift „Sommerbild“ erfüllt, mit „letzte“ wird sie gestört – letzte Blumen gibt es eher im Herbst; letzte rückt den Sommer in die Nähe des Herbstes. Und was bedeutet uns die Rose? Sie steht uns näher als die Hyazinthe – was bedeutet sie?

Exkurs: das Wörterbuch benutzen

Die Regel lautet: Was ein Wort bedeuten kann, steht im Wörterbuch; was es tatsächlich bedeutet, ergibt sich aus dem determinierenden Kontext, in dem das Wort steht. Ich gebe hier den Eintrag zu „Rose“ im Wörterbuch (Wortschatz Uni Leipzig) verkürzt wieder:

Beschreibung: duftende Blume

französischer Frauenname

Gestalt aus „Glöckchen des Eremiten“

Gestalt aus „Rose Bernd“

Königin der Blumen

Das Wörterbuch DWDS gibt (verkürzt) an:

1. stachlicher Zierstrauch mit gefiederten Blättern (…)

2. Blüte von 1: (…) sowie dem Hinweis auf Goethes „Heideröslein“;

schön wie eine Rose; [bildlich:] nicht auf Rosen gebettet sein; keine Rose ohne Dornen

3. [übertragen] Dinge, die einer Rose äußerlich ähnlich sind.

Erstes Fazit: Die Angaben in den beiden Wörterbüchern sind nicht gleich; man sollte deshalb möglichst nicht nur ein einziges Wörterbuch zu Rate ziehen. Zweites Fazit: Der Rose kommt eine große Bedeutung für uns zu; sie wird nicht nur als Name gebraucht, sondern kommt auch in Redesarten vor uns gilt uns als „Königin der Blumen“, als oberste und schönste Blume.

Man kann dieses Feld möglicher Bedeutungen erweitern, wenn man in der Suchmaschine (oder in Wörterbüchern) „Rose“ nachschlägt. Man würde normalerweise nun die unproblematische Bedeutung „letzte“ mit „Rose“ verbinden, um „letzte Rose“ zu verstehen: Ende des Blühens der schönsten Blumen, deren letzte noch übrig ist. Aber es ist so, dass nicht nur heute, sondern bereits 1848 „letzte Rose“ eine feste Wendung war. Ich vermute, dass Friedrich von Flotows Oper „Martha“ (1847) mit einer Rosenarie Hebbel inspiriert hat:

„Letzte Rose, wie magst du

So einsam hier blühn? (…)“

Flotow ist seinerseits vermutlich von einem Gedicht des irischen Lyrikers Thomas Moore angeregt worden:

„Des Sommers letzte Rose

Blüht hier noch, einsam rot…“ (1830, dt. von Wilhelm Riese).

Unter dem Eindruck dieses Motivs, das sich bei Hebbel auch noch in dem Gedicht „Verloren und gefunden“ findet, stehen heute zahlreiche Titel der Volksmusik: „Letzte Rose in meinem Garten“, „Auf der Heide blühn die letzten Rosen“ und ähnliche. – Die Wendung „des Sommers letzte Rose“ (V. 1) straft den Titel „Sommerbild“ Lügen; diese Rose ist nämlich die Botin des Herbstes.

Drittes Fazit: Man darf nicht (nur) einzelne Wörter betrachten, sondern muss beachten, dass sie mit anderen zusammengefügt sind. [-> Valenz der Wörter]

Man könnte zum Beispiel auch hallen im Wörterbuch nachschlagen und dann sehen, wie das Bedeutungsfeld von „hallen“ durch das Subjekt „Musik“ eingeschränkt wird: Es hallen keine Glocken- oder Donnerschläge, sondern Musik; das ist ein ganz anderes Hallen – man ist beinahe verwundert, dass Musik hallt (Trommelschläge könnten noch hallen). Die Eigentümlichkeit des Hallens oder, genauer, der Wahrnehmung (!) des Hallens durch den Sprecher ergibt sich in der Fortsetzung:

Fern hallt Musik; doch hier ist stille Nacht. Es wird ein doppelter Kontrast in der Wahrnehmung beschrieben: hallende Musik / stille Nacht, und zwar fern / hier. Diese Kontraste eröffnen ein Feld der Erwartung: Wie schön, dass es hier still ist. Oder: Wie schade, dass hier nichts los ist. Dieses Feld wird dann erst in den beiden folgenden Versen thematisch eindeutig bestimmt:

Ich habe deiner (hier) gedacht / du musst (in der Ferne) tanzen. Man muss also Storms Gedichten „Hyazinthen“ bis Vers 4 lesen, um die Bedeutung von hallen zu verstehen!

Was sah das Ich, als es des Sommers letzte Rose sah?

Sie war, als ob sie bluten könne, rot. Die Rose war rot; viele Rosen sind rot. Das Ich mit seinem Blick sah dieses Rot so: als ob sie bluten könne. Die reguläre Form von „könne“ wäre „könnte“; damit haben wir einen sogenannten irrealen Vergleich der Farbe Rot. Die Rose kann nicht bluten, aber sie ist – sieht das Ich! – so rot, als ob sie bluten könnte; in der Sicht des lyrischen Ichs ist die Rose verletzlich, sterblich wie ein Mensch. Es geht in diesem Gedicht also nicht „um eine Rose“, sondern um die Begegnung des Ichs mit der letzten Rose, die so rot ist, als ob sie bluten könnte; es geht darum, was das Ich in dieser Rose sieht.

Was diese Begegnung dem Ich bedeutet, sagt es dann:

Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:

„So weit im Leben, ist zu nah am Tod!“

Das Ich sprach schauernd; die Begegnung mit der letzten Rose hat das Ich erschüttert, hat ihm einen Schauer über den Rücken gejagt, hat ihm die Ahnung des Todes vermittelt. Ob im Vorübergehn eine Bedeutung außer der Beschreibung der Tätigkeit des Ichs (oder der Bestimmung des Zeitpunkts des Sprechens) hat, ist offen. Man könnte die Bedeutung prüfen:

* Da sprach ich schauernd, als ich stehen blieb, oder

* Da sprach ich schauernd, mit gesenktem Kopf.

im Vorübergehn könnte also eine wesentliche, nicht nur zufällige Bestimmung des lyrischen Ichs sein – es selber wäre dann ein vorübergehendes, ein vergehendes Wesen. Ähnlich heißt es in einem Gedicht Werner Bergengruens 1945, also viel später: „Was aus Schmerzen kam, war Vorübergang.“

Was das Ich damals sprach, wird nun berichtet:

„So weit im Leben, ist zu nah am Tod!“ Das Ich besitzt ein Wissen über den Zusammenhang von Leben und Tod; es bewertet die Position der letzten Rose im Leben: Die Rose ist in ihrem Leben weit vorangekommen. Die Rose ist damit zu nah am Tod. In der Partikel zu drückt das Ich aus, dass es den Tod ablehnt oder fürchtet.

In diesem Satz ist die Rose nicht genannt; aber zunächst ist sie gemeint, da sie ja so rot ist, als ob sie bluten könnte. Sie ist also so weit im Leben fortgeschritten, dass sie in der Nähe des Todes ist. Da die Rose als Subjekt dieser Bewertung aber nicht genannt ist und da das Ich schauernd spricht, spricht es seine Bewertung auch im Hinblick auf sich selber aus, ohne dass seine Position im Leben bestimmt würde. Mit dem Rufzeichen am Ende des 4. Verses unterstreicht das Ich, wie wichtig ihm die Furcht vor der Todesnähe ist.

Das Sommerbild ist das Bild der letzten Rose, der das Ich vor einiger Zeit begegnet ist; sie war so rot, dass Todesahnungen das lyrische Ich haben erschauern lassen. Es hat seine Gestimmtheit ausgesprochen, es scheut vor dem nahenden Tod zurück.

In der zweiten Strophe berichtet das Ich, wie es der letzten Rose erging: Der Flügelschlag eines Schmetterlings erschütterte die Rose, sodass sie nach dem Gesetz ihres Lebens verging.

Was zum Rhythmus und zur Semantik der Reime zu sagen wäre, haben wir noch nicht beachtet. Ich verweise dafür auf meine Analyse des Gedichtes (http://www.bloghof.net/norberto42/archive/2006/03/25/1cfdda2hy8eis.htm) und auf die entsprechenden Aufsätze zu Reim und Rhythmus (http://www.bloghof.net/norberto42/trackbacks/show.htm?entryId=1tlcvm1tn1xku sowie http://norberto42.kulando.de/post/2006/01/07/gedichte_analysieren).

Welche Arbeitsaufträge haben sich ergeben? Zu erforschen sind:

Satzgliedstellung

Kommunikation im fiktionalen Text

Valenz (des Verbs, der Wörter allgemein)

Satzbaupläne

Strukturtypen des Satzes

Vorfeld, Nachfeld

Es zeigt sich, dass hier Fragen der Grammatik auftauchen, die im normalen Deutschunterricht nicht thematisiert werden und die in Schülergrammatiken oft nicht einmal behandelt werden. Es zeigt sich ferner, wie sinnlos die von verzweifelten Deutschlehrern ans Volk gerichtete Frage ist: „An welchen Wörtern siehst du das?“ An bloßen Wörtern sieht man ziemlich wenig!

Vgl. auch diesen Hinweis zum Thema Leseförderung!