Kalila und Dimna (Fabeln) – gelesen

Ich habe nur eine Auswahl der Fabeln gelesen: Kalila und Dimna. Vom sinnreichen Umgang mit Freunden. Ausgewählte Fabeln des Bidpai. Nacherzählt von Ramsay Wood (übersetzt von Edgar Otten): Freiburg 1986. Die traditionellen Fabeln sind also durch eine übersetzte Nacherzählung gefärbt, so dass man die schillernden Farben des Originals oft nur erahnen kann.

Die Fabeln werden von Bidpai im Gespräch mit König Dabschelim vorgetragen, doch so, dass aus einer Erzählung die nächste Geschichte entspringt: Eine Figur der Erzählung erzählt einer anderen wiederum eine Geschichte, in der eine Figur einer anderen eine Geschichte erzählt… Gleichwohl verliert man den Rahmen, Bidpai vor dem König, und die Haupterzählung vom bösen Schakal Dimna, der die Freundschaft zwischen dem Löwen und dem Stier durch Lügen und Misstrauen untergräbt, nicht aus den Augen. Es ist ein wunderbares Buch, das zu lesen sich lohnt.

Zur Übersetzung möchte ich sagen, dass sie einige Macken aufweist, wie man an folgenden Beispielen sieht: Als der Wolf auf die Kadaver der Hirschkuh, des Bogenschützen und des Ebers trifft, „sprintet er von Kadaver zu Kadaver“ (S. 213) – das ist unwahrscheinlich, er wird sich langsam bewegen; die Ratte erfreut sich an „einem geilen Goldhaufen“ (S. 218); die Ratte bewertet etwas als „der absolute Nadir“ (S. 220) – der „Tiefpunkt“ trifft es eher, außerdem passen „Nadir“ und „geil“ nicht auf eine Sprachebene; das gilt auch für die Stelle, wo die Ratte die Kurve kratzt und ihr Loch in Agonie erreicht (S. 228) – wer die Kurve kratzt, kennt auch kein Habitat und Sanktuarium (S. 229). Und was eine Halbtierce bzw. ein Buch in der Gestalt einer Halbtierce ist, das konnte ich nicht herausfinden, während ich das Oxhoftfass in der Wikipedia gefunden habe.

https://www.wikizero.com/de/Kal%C4%ABla_wa_Dimna

https://www.evolution-mensch.de/Anthropologie/Kal%C4%ABla_wa_Dimna

https://en.wikipedia.org/wiki/Panchatantra (umfangreich)

https://en.wikipedia.org/wiki/Calila_e_Dimna (dito)

http://self.gutenberg.org/articles/Kalila_and_Dimna

https://de.wikipedia.org/wiki/Kal%C4%ABla_wa_Dimna

https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/734966

https://archive.org/details/bub_gb_fJAWAAAAYAAJ_2/page/n5 (Text, ungekürzt)

https://archive.org/details/kalilaunddimnasy00bdps/page/n249 (Text, syrisch und deutsch)

https://www.chbeck.de/kalila-dimna/product/20616 (Übersetzung der persischen Fassung, Rezension: http://www.sandammeer.at/rezensionen/monschi-kalila.htm)

http://www.inst.at/trans/16Nr/06_1/haschemi16.htm (Auswirkungen auf die Fabeln der dt. Aufklärung)

https://journals.ut.ac.ir/article_19136_e471c878eee832e37492328c47fe2ba0.pdf (Rezeption in Iran und Deutschland)

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F. Schiller: Die Räuber – das Geschehen (Inhalt)

Friedrich Schiller: Die Räuber

1. Akt

I 1 Franz und der alte Moor in einem Saal des Moorischen Schlosses

Franz Moor bedrängt mittels eines Briefes aus Leipzig seinen alten Vater, seinen im Brief als Verbrecher denunzierten Bruder Karl zu verstoßen; er bringt seinen Vater dazu, selber einen diesbezüglichen Brief an Karl schreiben zu dürfen – alles angeblich aus Sorge um das Wohlergehen des alten Herrn.

In einem großen Monolog bekennt er, selber den anklagenden Brief aus Leipzig geschrieben zu haben. Er offenbart seinen Hass auf den älteren, schöneren und begabteren Bruder Karl. Er verspottet alles, was anderen Menschen heilig ist (ehrlicher Name, Gewissen, Verwandtschaft). „Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt daß ich nicht Herr bin.“

I 2 Karl von Moor und Spiegelberg in einer Schenke an der Grenze von Sachsen

Karl Moor beklagt die Schlappheit des Jahrhunderts. Spiegelberg will ihn zu neuen Streichen ermuntern, indem er von den alten erzählt. Spiegelberg träumt von großen Verbrechen, Karl sehnt sich nach seiner Amalia und bekennt, den Vater umVergebung gebeten zu haben.

Schweizer, Grimm, Roller, Schufterle, Ratzmann treten auf.

Ein Brief Franz Moors zerstört alle Hoffnungen Karls. Spiegelberg schlägt den Genossen vor, in Böhmen eine Räuberbande zu gründen. Die Kameraden stimmen zu, Spiegelberg will Anführer werden.

Der wieder hinzukommende Karl Moor ist außer sich aus Enttäuschung über Franzens Brief: Der Vater verstoße ihn. Er will der Hauptmann der Räuber und Mörder sein: „Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, daß mir jemals etwas teuer war!“ Alle schwören ihm „Treu und Gehorsam bis in den Tod“; Spiegelberg steht enttäuscht abseits.

I 3 Franz und Amalia in Amalias Zimmer im Schloss

Franz gesteht Amalia seine Liebe, doch sie weist ihn zurück. Zweimal wird sie unsicher: als er verspricht, sich beim Vater für Karl einzusetzen, und als er ihr suggeriert, Karl habe Amalias Ring einer Dirne gegeben – doch sie fängt sich wieder. Als er ihr dann weismacht, Karl habe ihm beim Abschied Amalia anvertraut, entlarvt sie seine Lügen. Sie wirft ihn hinaus. Er droht ihr Schlimmes an; sie entsagt um Karls willen allen Reichtümern.

Ergebnis des 1. Aktes:

Die Hauptfiguren werden eingeführt: Franz Moor erweist sich als der böse Drahtzieher, der den Vater manipuliert, Karl zu verstoßen, und Karl dazu bringt, sich dem Räuberleben zuzuwenden. Bei Amalia scheitert er jedoch mit seiner Werbung und seinen Lügen.

Offen ist, ob es bei den Räubern wegen Spiegelbergs Enttäuschung Probleme geben wird, was die drei Figuren der Familie von Moor sowie Amalia tun werden und ob Karl den Weg nach Hause finden wird.

2. Akt

II 1 Franz von Moor nachdenkend in seinem Zimmer

Franz erwägt, wie er den Tod seines kranken Vaters herbeiführen kann; er will es über die Zerstörung seines Geistes durch Verzweiflung versuchen.

Hermann tritt auf.

Franz appelliert an Hermanns Kränkung durch den Vater und daran, dass Amalia seine Werbung zurückgewiesen und Karl gewählt hat. Er verspricht ihm Beförderung und Amalia und gewinnt ihn so dazu, verkleidet dem Vater die falsche Nachricht vom Tod Karls in Böhmen zu überbringen.

II 2 Moors Schlafzimmer, der Alte schlafend, Amalia

Der alte Moor träumt von Karl. Als er sich wegen dessen Verstoßung anklagt, beschwichtigt Amalia ihn. Sie singt das Lied vom Abschied Andromachas und Hektors.

Daniel kündigt einen Fremden an. Franz und der verkleidete Hermann kommen.

Hermann erzählt von Karl und seinem heldenhaften Tod im Krieg nebst demVorwurf, der Fluch des Vaters habe ihn zu den Soldaten getrieben. Der Alte verzweifelt. Auf einem Schwert steht, mit Blut geschrieben, eine Botschaft an Franz und Amalia. Der Alte wütet gegen Franz; Amalia muss ihm die biblische Geschichte von Jakobs Trauer um Joseph vorlesen. Der Alte stirbt, Franz frohlockt: „Weg dann mit dieser lästigen Maske von Sanftmut und Tugend! Nun sollt ihr den nackten Franz sehen, und euch entsetzen!“

II 3 Spiegelberg, Ratzmann, Räuberhaufen, in den böhmischen Wäldern

Spiegelberg prahlt mit seinem Trupp von 78 Räubern; er erzählt, wie er Leute anwirbt und was für Dinger sie zusammen drehen. Ratzmann berichtet von den Taten des Hauptmanns Moor, der eher wie Robin Hood agiert.

Schwarz kommt und berichtet, Roller und vier andere seien gehängt worden.

Räuber Moor zu Pferd; Schweizer, Roller, Grimm, Schufterle; Räubertrupp

Roller ist glücklich; es wird erzählt, wie Karl ihn gerettet hat – dafür wurde die Stadt angezündet, 83 Menschen kamen um, es wurde geplündert und gemordet – Karl Moor verdammt unnötige Verbrechen und wirft Schufterle raus. Er will fliehen, kommt aber zurück: Die Räuber sind von Soldaten eingekesselt. Moor macht einen Schlachtplan.

Ein Pater tritt auf, beschimpft Moor und bietet ihm an, gerädert zu werden. Moor bekennt sich schuldig und berichtet auch von der Bestrafung verbrecherischer Würdenträger. Er wirft der Kirche ihre Verbrechen vor, will sich nur vor Gott verantworten: „Sag ihnen, mein Handwerk ist Wiedervergeltung…“ Der Pater verspricht den Räubern Amnestie und Belohnung, wenn sie Moor fesseln. Der ermuntert seine Leute, dies zu tun. Roller, Schweizer, alle wollen ihn retten. „Itzt sind wir frei – Kameraden! (…) Tod oder Freiheit! Wenigstens sollen sie keinen lebendig haben.“ Der Kampf beginnt.

Ergebnis des 2. Aktes:

Franz Moors Plan ist zu einem Teil mit dem Tod seines Vaters geglückt, er zeigt sein wahres bereits bekanntes Gesicht. Karl Moor wird als Räuberhauptmann vorgestellt, der einerseits alles für einen gefangenen Kameraden tut, dem die Räuber unbedingt treu folgen, der anderseits die verbrecherischen Reichen bestraft – sein Handeln ist zwiespältig.

Offen sind die Fragen, ob Franz Moor weiterhin Erfolg haben wird (Amalia gewinnen), wie der Kampf der Räuber ausgehen wird und wie Karl Moor aus der Räuberei herauskommen kann.

3. Akt

III 1 Amalia im Garten, spielt auf der Laute.

Sie beklagt im Lied den Tod des Geliebten.

Franz tritt auf, bietet ihr Herz, Hand und Reichtum an. Sie weist ihn zurück. Er droht ihr mit dem Kloster, was sie begrüßt. Da droht er ihr mit Vergewaltigung – sie verjagt ihn mit seinem Degen.

Hermann kommt und gesteht, dass Karl und ihr Oheim noch leben. Amalia ist neu beseelt.

III 2 Die Räuber lagern an der Donau.

Alle sind erschöpft, Moor ist ob seines Räuberlebens deprimiert; 300 Feinde sind gefallen, bei den Räubern nur Roller.

Kosinsky kommt, will zu den Räubern gehören; Moor warnt ihn, weist ihn zurück. Kosinsky erzählt, wie man ihm seine Braut Amalia entrissen hat. Das Stichwort „Amalia“ elektrisiert Moor, alle brechen auf nach Franken.

Ergebnis des 3. Aktes:

Es deutet sich eine Wende zum Guten an: Sowohl Amalia als auch Moor haben sich dem anderen zugewandt, der alte Graf scheint noch zu leben.

4. Akt

IV 1 Gegend beim Moorischen Schloss: Räuber Moor, Kosinsky

Kosinsky soll den „Graf von Brand“ melden. Moor im Monolog: Er ist hin und her gerissen zwischen Glück und Verzweiflung.

IV 2 Galerie im Schloss, Räuber Moor und Amalia

Amalia führt Karl Moor unerkannt durch das Schloss; er ist bei einem Bild seines Vaters gerührt, sie bei seinem Bild. Er fühlt sich als Mörder des Vaters.

Franz Moor allein, erkennt im Fremden plötzlich seinen Bruder wieder.

Daniel kommt, Franz Moor wittert in ihm einen Feind und bekniet ihn, seinen Bruder am nächsten Tag zu töten. Im Monolog offenbart er seine ganze Bosheit.

IV 3 Zimmer im Schloss, Räuber Moor und Daniel

Daniel erkennt den Grafen Moor und erzählt aus dessen Kindheit.

Kosinsky kommt, Moor will mit ihm fliehen und geht dann in den Hof.

IV 4 Im Garten, Amalia

Sie ist von dem fremden Grafen fasziniert, lebt in Erinnerung an Moor.

Moor kommt, sie erkennt ihn nicht, er spricht in Bildern von der Liebe zu seiner Amalia, die allerdings von einem Mörder geliebt werde. Sie singen abwechselnd das Hektor-Andomacha-Lied, er flieht.

IV 5 Wald, Nacht, die Räuberbande

Sie singen ein Räuberlied. Spiegelberg will Razmann zum Mord an Moor überreden, um selber Chef zu werden; Schweizer ersticht ihn.

Moor und Kosinsky kommen, Moor ist vom Besuch im Schloss bewegt. Die Räuber gehen schlafen, Moor sinnt über sein Geschick und das Schicksal des Menschen. „Sei wie du willt namenloses Jenseits – bleibt mir nur dieses mein Selbst getreu – Sei wie du willt, wenn ich nur mich selbst mit hinübernehme – …“ Er erwägt und verwirft den Selbstmord.

Hermann kommt und bringt dem eingesperrten alten Grafen Brot und Wasser. Karl befreit den Vater, der erzählt, wie Franz den Scheintoten vor drei Monaten entsorgt und Hermann ihn vor dem Tod bewahrt hat; er trauert um Karl, ohne ihn zu erkennen. Moor ruft die Räuber herbei und beauftragt Schweizer, Rache zu üben und Franz lebendig herzubringen.

Ergebnis des 4. Aktes:

Die beiden Handlungsstränge werden im Schloss zusammengeführt. Karl Moor wird von einigen, aber nicht von Braut und Vater wiedererkannt. Mit Franzens Mordplan, der Befreiung des Vaters und dem Auftrag zur Rache drängen die Ereignisse zu einem Ende; offen ist Karls Abrechnung mit Franz Moor und die Frage, was die offene Begegnung von Karl und Amalia bringen wird.

5. Akt

V 1 Nacht, Aussicht von vielen Fenstern, Daniel mit einer Laterne

Daniel will fliehen,

Franz Moor kommt, ist aufgelöst wegen des Angriffs der Räuber; er schickt nach dem Pastor, wird kurz ohnmächtig, erzählt seinen Traum vom Weltgericht, schaudert vor dem Tod.

Pastor Moser tritt auf, streitet mit Franz über das Weltgericht; dass Vatermord die schlimmste Sünde sei, erschüttert diesen; er schickt Moser fort.

Ein Bedienter meldet, dass Amalia geflohen ist.

Daniel kommt, Franz beschwört ihn um Hilfe, das Schloss brennt.

Volksauflauf, die Räuber kommen, Franz erdrosselt sich, die Räuber finden die Leiche, Schweizer erschießt sich.

V 2 Schauplatz wie IV 5; der alte Moor, Karl, Räuber hin und her im Wald.

Der alte Moor trauert um Karl, segnet Karl auf dessen Bitte, ohne ihn zu erkennen.

Schweizers Gefährten vermelden den Tod Franzens und Schweizers.

Neue Räuber, Amalia kommen, Karl Moor rast wegen der begangenen Morde, will fliehen, wendet sich in Liebe Amalia zu. Die Räuber erinnern ihn an seinen Treueschwur in Böhmen. Er löst sich von Amalia, sie bittet um den Tod, er tötet sie: „Die Narben, die böhmischen Wälder! Ja ja! Dies mußte freilich bezahlt werden.“ Er erkennt, dass zwei Menschen wie er „den ganzen Bau der sittlichen Welt zu Grund richten würden“. Er legt sein Amt als Hauptmann nieder, um sich dem Gericht zu stellen. Er erinnert sich an einen Armen, der ihn anzeigen soll, damit er das Kopfgeld bekommt.

Ergebnis des 5. Aktes:

Den bösen Franz Moor trifft die Strafe. Karl hat sich so in Schuld verstrickt, dass er die endlich gefundene Amalia nicht als Braut haben kann. Er entsagt, tötet sie selber und will sich angesichts seiner Schuld dem Gericht stellen. Was aus dem alten Vater und den Räubern wird, bleibt offen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_R%C3%A4uber

https://www.friedrich-schiller-archiv.de/inhaltsangaben/zusammenfassung-die-raeuber/

http://www.rither.de/a/deutsch/schiller–friedrich/die-raeuber/

https://www.xlibris.de/Autoren/Schiller/Werke/Die%20R%C3%A4uber%20%E2%80%93%20Kabale%20und%20Liebe%20%E2%80%93%20Wilhelm%20Tell

Carola Sterns Biografie der Johanna Schopenhauer (2003) – erneut gelesen

Irgendwie kamen mir die Figuren bekannt vor, als ich gestern Carola Sterns Biografie der Joahnna Schopenhauer, „Alles, was ich in der Welt verlange“ (2003), zu lesen begann; ich dachte, es sei die Erinnerung an Thomas Manns „Lotte in Weimar“ – aber als ich heute zu der Stelle kam, wo erzählt wird, wie Adele und Ottilie für einen preußischen Leutnant schwärmten, wurde mir klar, dass ich das Buch bereits gelesen hatte: 2015, wie eine kurze Besprechung zeigt. Deshalb möchte ich jetzt nur noch einige Einzelheiten nachtragen.

Das Leben der Johanna Schopenhauer wird nicht streng chronologisch, sondern nach Themen geordnet partiell chronologisch erzählt, wodurch sich gelegentlich Passagen überschneiden. Vielleicht verdankt sich das der Methode der Autorin, umfangreich Literatur zu studieren und teilweise zu zitieren (was einfacher ist, wenn man Themen gesondert bearbeitet); so werden die geselligen Abende bei Johanna S. mit einer Beschreibung Garlieb Merkels in seinen „Briefen über Hamburg und Lübeck“ veranschaulicht. Eine zweite Methode besteht darin, Fragen zu stellen und Vermutungen zu äußern – und diese dabei als solche zu kennzeichnen. Und drittens wahrt Carola Stern die historische Distanz, indem sie immer wieder darauf verweist, dass Johanna Schopenhauer in einer anderen Welt als wir heute lebte. Während Johanna sich in Weimar in den besseren Kreisen zu bewegen suchte, verzichtet Carola Stern nicht darauf, auch das Weimar der kleinen Leute zu skizzieren. Den zwei Seiten einer Sache wird sie dadurch gerecht, dass sie einmal die eine und später die andere Seite darstellt: die Freuden und die Beschwernisse des Reisens (S. 93-97), Goethes Liebenswürdigkeit und Goethes Tyrannei (S. 124 f. / S. 137 ff.).

Was mich gestört hat, sind einige unzulässige Verallgemeinerungen: „Schwerhörigkeit macht den, der sie erleidet, und den, der sie ständig miterleben muss, ungeduldig und auch ungerecht, erzeugt in der Ehe Spannungen und Nervosität.“ (S. 89; das braucht man nicht zu diskutieren!) Oder wenn Stern von den Widersprüchen in Johannas Charakter spricht: „dem starken Bedürfnis, zu gefallen und sich also anzupassen, und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben – ein Widerspruch, mit dem bis heute viele Frauen leben“ (S. 129; der Wunsch nach Anerkennung muss durchaus nicht dazu führen, dass man sich ans Milieu anpasst!). Mit solch kurzbeinigen Weisheiten kommt man nicht zur Einsicht in die Probleme eines Lebens.

Carola Stern, deren eigene Biografie einige Überraschungen bietet (siehe den Wikipedia-Artikel!), schreibt flüssig und flott. Allerdings unterlaufen ihr gelegentlich grammatische Schnitzer: „Später, berichteten die Klatschbasen, sei sie die Geliebte des Zaren Paul geworden und wurde nach dessen Ermordung aus Russland ausgewiesen.“ (S. 77; auch S. 161: „die Miete sei allein für sie zu hoch“, richtig „für sie allein“).

Wenn man den Artikel „Schopenhauer, Johanna“ in der Allgemeinen Deutschen Biographie liest, ist man über Johanna Schopenhauer hinreichend informiert; sie war eine Frau mit großen Ambitionen im Banne Goethes. Carola Sterns Buch zeichnet darüber hinaus vor allem das Bild ihrer Zeit und Zeitgenossen.

Homer: Die Odyssee – gelesen

In den letzten Tagen habe ich, angeregt durch Albert von Schirndings Lobeshymnen auf das Nausikaa-Bild in der Odyssee, dieses Epos in der Übersetzung Roland Hampes gelesen. Die 400 Seiten lesen sich flüssig, aber die große Erleuchtung oder Erschütterung hat sich bei mir nicht eingestellt, und Nausikaa konnte bei mir auch nicht das Bild aller Mädchen und Frauen verdrängen. Man kennt die Irrfahrten und das große Aufräumen am Ende bereits aus vielen Nacherzählungen; so blieb das (übersetzte) Original ohne die große Wirkung, die ihm Gräzisten bescheinigen.

Ein größeres Diktum des Odysseus ist mir allerdings aufgefallen, das mich von fern an der Chorlied der Antigone erinnert:

Siehe, kein Wesen ist so eitel und unbeständig

Als der Mensch, von allem, was lebt und webet auf Erden.

Denn solange die Götter ihm Heil und blühende Jugend

Schenken, trotzt er und wähnt, ihn treffe nimmer ein Unglück.

Aber züchtigen ihn die seligen Götter mit Trübsal,

Dann erträgt er sein Leiden mit Ungeduld und Verzweiflung.

Denn wie die Tage sich ändern, die Gott vom Himmel uns sendet,

Ändert sich auch das Herz des erdebewohnenden Menschen.

Siehe, ich selber war einst ein glücklicher Mann und verübte

Viel Unarten, vom Trotz und Übermute verleitet,

Weil mein Vater mich schützte und meine mächtigen Brüder.

Drum erhebe sich nimmer ein Mann und frevele nimmer,

Sondern genieße, was ihm die Götter bescheren, in Demut!“

(Odysseus zu Amphinomos in der Odyssee XVIII 130 ff.)

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Odyssee

https://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Odyssee

https://archive.org/details/homersodysseeei01goog/page/n5 (Hennings: Ein kritischer Kommentar)

https://archive.org/details/einsthetischerk01sitzgoog/page/n5 (Sitzler: Ein ästhetischer Kommentar)

https://en.wikipedia.org/wiki/Odyssey (darin wichtig die Abschnitte Themes und Scenes)

https://www.penguin.com/static/pdf/teachersguides/HomerOdysseyTG.pdf

https://www.litcharts.com/lit/the-odyssey/book-1

https://www.owleyes.org/text/odyssey  (darin wichtig: Analysis)

https://www.academia.edu/4474894/Analysis_on_The_Odyssey_of_Homer

https://odyssee267.wordpress.com/2017/12/09/mythos-und-aufklaerung-1/

Text:

https://archive.org/details/homersiliasvonjo00home/page/n1

http://www.zeno.org/Literatur/M/Homer/Epen/Odyssee

https://archive.org/details/odysseus_1404_librivox

Friedrich Christian Laukhard (1792 ff.) – ein Leseerlebnis

Friedrich Christian Laukhards Beschreibung seines Lebens zu lesen ist ein großes Erlebnis. Sie ist ab 1792 in sechs Bänden erschienen; sie wurde 1908 leicht gekürzt neu herausgegeben. Laukhard war der Sohn eines evangelischen Pfarrers, der seinem leichtlebigen Sohn immer wieder unter die Arme griff. Beeindruckend sind seine Schilderungen des Studentenlebens, seiner kurzen Laufbahn an der Uni und der akademischen Intrigen, seiner Geschicke als preußischer Soldat, als Beobachter des revolutionären Frankreichs, als Erzähler vieler Begegnungen mit freundlichen Menschen:

Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale. Von ihm selbst beschrieben. Bearbeitet von Dr. Viktor Petersen (1908)

https://archive.org/details/magisterfchlauk00petegoog/page/n11

https://archive.org/details/lebenundschicksa02laukuoft/page/n5 (Bd. 2)

Über F. C. Laukhard:

https://www.deutsche-biographie.de/artikelNDB_pnd118726692.html

https://www.deutsche-biographie.de/artikelNDB_pnd118726692.html#adbcontent

https://www.laukhard.de/Laukhards-Lebensdaten.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Christian_Laukhard

https://de.wikisource.org/wiki/Friedrich_Christian_Laukhard

Laukhard hat auch „Beyträge und Berichtigungen zu Herrn D. Karl Friedrich Bahrdts Lebensbeschreibung in Briefen eines Pfälzers“ (1791, https://archive.org/details/bub_gb_z985AAAAcAAJ/page/n5) geschrieben. Damit sei auf Carl Friedrich Bahrdts Selbstbiografie verwiesen, welche ebenfalls lesenswert ist, auch wenn viel geflunkert oder beschönigt wird.

https://www.deutsche-biographie.de/gnd11850598X.html#ndbcontent (alte und neue Biografie)

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Friedrich_Bahrdt

https://de.wikisource.org/wiki/Carl_Friedrich_Bahrdt

Märchen von den drei Wünschen – zwei Motive

Man meint, es sei ein Motiv, wenn jemand im Märchen drei Wünsche frei hat, die ihm erfüllt werden. In Wirklichkeit gibt es aber zwei verschiedene Motive.

Das Pointe des ersten Motivs besteht darin, dass jemand drei Wünsche frei hat, dass es ihm aber nicht gelingt, damit seinem Glück einen Schritt näher zu kommen. Am bekanntesten für uns Deutsche ist die Ausprägung dieses Motivs bei Johann Peter Hebel: Drei Wünsche, in: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, 1811 (https://de.wikisource.org/wiki/Drei_W%C3%Bcnsche), wo ein dreifaches „Merke“ angehängt ist, das in dem Satz zusammengefasst wird: „Alle Gelegenheit, glücklich zu werden, hilft nichts, wer den Verstand nicht hat, sie zu benutzen.“ Dieses Motiv ist uralt, es liegt schon in Perraults Märchen „Die drei törichten Wünsche“ vor (s. http://www.maerchenatlas.de/aus-aller-welt/franzosische-feenmarchen/charles-perrault/die-laecherlichen-wuensche/) und soll die Fortbildung eines antiken Motivs sein; es zeigt, dass die zahlreichen Wünsche, von denen Menschen geplagt werden, meistens töricht sind und dass Glück bzw. Zufriedenheit (s. Hebel!) nicht von der Erfüllung aller möglichen Wünsche abhängt.

Das zweite Motiv liegt vor, wenn einem guten, bescheidenen Menschen drei Wünsche erfüllt werden, was einen habgierigen (und geizigen) Menschen nicht ruhen lässt, bis auch ihm drei Wünsche zugestanden werden, deren Erfüllung jedoch zu seinem Unheil ausschlägt. Es geht also eher darum, dass ein Habgieriger bestraft wird, weil er geizig ist und dem beschenkten Armen sein Glück nicht gönnt. Dieses Motiv kennen wir aus dem Märchen „Der Arme und der Reiche“ der Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 1815 [https://de.wikisource.org/wiki/Der_Arme_und_der_Reiche_(1815)]. Abgewandelt finden wir es unter dem Titel „Die drei Wünsche“ in „Deutsche Märchen erzählt von Karl Simrock“, 1864 (https://archive.org/details/bub_gb_fEMJAAAAQAAJ/page/n337), und kunstvoll ausgebaut in Ludwig Bechsteins „Neues deutsches Märchenbuch“, 1856: „Die drei Wünsche“ (http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Neues+deutsches+M%C3%A4rchenbuch/Die+drei+W%C3%Bcnsche), worin verschiedene andere Erzählungen einarbeitet sind.

Es gibt übrigens auch eine Sammlung „Märchen vom Wünschen“, hrsg. von Sigrid Früh und Hariolf Reitmaier, 2009. Das Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ ist natürlich in diesem Zusammenhang nicht zu vergessen.

Der Schwank vom verwünschten Esel – Tradition und Abwandlung eines Motivs

Das Motiv des Schwanks: Einem Mann wird ein Esel entwendet, indem ein Schelm sich an dessen Stelle das Halfter überzieht und nach einiger Zeit dem erstaunten Besitzer erklärt, er sei wegen eines Vergehens in einen Esel verwünscht worden, nun aber wieder erlöst; daraufhin gibt der Besitzer ihn frei. Als der sich bald danach auf dem Markt einen neuen Esel kaufen will, stößt er auf seinen alten Esel und hält ihn für den erneut verwünschten Menschen. Die Pointe am Schluss wechselt: a) Wer dich kennt, der kauft dich nicht. b) Hast du dich wieder eines Vergehens schuldig gemacht? c) Er kauft ihn erneut, da eine baldige Erlösung des Esels nicht zu erwarten ist. – Bei Simrock sind die Pointen a) und b) kombiniert.

Dieses Motiv taucht sowohl im Orient wie in deutschen Märchen auf:

1. Paul Alverdes: List gegen List, 1963, S. 164 f.: Der verwünschte Esel (aus: Tausendundeine Nacht)

2. In den Schwänken des Nasreddin Hodscha in verschiedenen Fassungen:

  • Nasreddin Hodscha. Wer den Duft des Essens verkauft. Aus dem Türkischen übersetzt von Herbert Melzig, Reinbek 1988, S. 93 f. (ohne Überschrift)
  • Der Hodscha Nasreddin: Türkische, arabische… Märlein und Schwänke. Gesammelt und herausgegeben von Albert Wesselski. II. Band 1911, S. 161 f. (https://archive.org/details/derhodschanasred02wess/page/160, in der Anm. 487 als griechische Überlieferung angegeben)

3. In deutschen Märchensammlungen

Es ist sehr lehrreich, die verschiedenen Fassungen des gleichen Motivs, beinahe des gleichen Stoffs miteinander zu vergleichen, das über Länder und Zeiten hinweg überliefert ist. Ich kenne das Buch von Alverdes am längsten und habe die Geschichte oft in der Schule zur Unterhaltung meiner Klasse vorgelesen.

Zu motivgleichen Erzählungen s. https://norberto42.wordpress.com/2011/04/05/literarische-motive-kurze-ubersicht/!

Gedichte mit BLAU + Farbsymbolik

Gedichte zur Farbe BLAU

1. Farbsymbolik „blau“

Blau ist die flüchtigste aller Farben, sie weicht optisch vom Betrachter zurück und wirkt ebenso kühl wie bodenlos. Blau wird mit dem Himmel und dem Meer assoziiert – obwohl Luft und Wasser an sich durchsichtig sind. Damit wird Blau zu der Farbe des Unwirklichen, des Unsichtbaren und Nichtgreifbaren. Dies verdeutlich auch die Entwicklung von Sprachen: Die alten Römer beispielsweise kannten kein Wort für Blau, die Isländer bezeichnen alle Farben zwischen Schwarz und Blau mit demselben Wort und sowohl die alten Ägypter als auch einige Naturvölker unterscheiden sprachlich nicht zwischen Blau und Grün.

Im Christentum stand Blau als Farbe des Himmels schon immer mit dem Göttlichen, dem Überirdischen in Verbindung. Einst galt die Farbe als weiblich und wurde der Jungfrau Maria zugeschrieben. Im Gegensatz zum irdischen, präsenten Rot symbolisiert Blau das Flüchtige und das Immaterielle. Es steht gleichermaßen für den Traum nach Freiheit, unendlichen Weiten aber auch für Introvertiertheit und den Rückzug in sich selbst. Blau symbolisiert Ruhe – aber im Gegensatz zum präsenten, gelassenen Grün, ist Blau ruhig durch Distanz. Gleichzeitig repräsentiert Blau auch eine klare Besonnenheit, Objektivität, Neutralität und Klarheit – das flößt Vertrauen ein und vermittelt ein Gefühl von Sicherheit. Aus diesem Grunde bedienen sich Banken und Versicherungen gern der Farbe Blau für ihre Firmenlogos. (https://alpina-farben.de/artikel/farbsymbolik-bedeutung-blau/)

Blau, die Farbenempfindung, die der zwischen den Fraunhoferschen Linien F und G liegende Teil des Spektrums in einem normalen Auge hervorruft. Zu jedem einfachen B. läßt sich im gelben Teile des Spektrums ein einfaches Gelb finden, das damit gemischt Weiß gibt. Spektrales B. und spektrales Gelb sind also zueinander komplementär. Ein blauer Farbstoff, mit einem gelben gemischt, gibt nicht Weiß, sondern Grün, weil der blaue Farbstoff die roten und gelben, der gelbe die blauen und violetten Strahlen absorbiert, so daß im zurückgeworfenen Licht das Grün vorherrscht. Vgl. Farbensymbolik. (Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1905)

Farbensymbolik, die Deutung der Farben auf bestimmte Lebensverhältnisse, Begriffe und Gemütsstimmungen sowie ihre Benutzung, um in Kleider- und Schmucktracht (Jett als Trauerschmuck), durch Tragen der Lieblingsfarben einer Dame beim Turnier, in der Blumensprache etc. diese Stimmung auszudrücken. Die den Farben beigelegte Bedeutung wechselt nach Völkern und Zeiten, z. B. hinsichtlich der Trauer (s.d.), ohne daß sich psychologische Gründe für die Wahl bestimmter Farben für bestimmte Beziehungen überall anführen ließen. (…) Im allgemeinen hat sich bei den Kulturvölkern folgende F. Herausgebildet: (…) Blau war seit ältester Zeit die verehrteste Farbe, der Lapislazuli im Altertum der geschätzteste Edelstein, und der Indigo, mit dem man bei Pelusium die (nach Brugsch) danach benannten Arbeiterkleider oder Blusen färbte, hieß Dar-neken, der vor »Schaden bewahrende« Farbstoff. Den Alten galt Blau, wie Eusebios sagt, als Götterfarbe (in der Kleidung), besonders der Himmelsgöttin (Juno), nach dem blauen Himmel. Schon im germanischen Altertum erscheint Blau als Symbol der Treue und Beständigkeit, daher blaue Blumen (Männertreu, Vergißmeinnicht, Gedenke mein, Pensee) als Beständigkeitssymbole. (http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Farbensymbolik)

 

2. Gedichte zu BLAU

Joseph von Eichendorff
Frische Fahrt (1815)

Laue Luft kommt blau geflossen,

Frühling, Frühling soll es sein!

Waldwärts Hörnerklang geschossen,

Mut’ger Augen lichter Schein;

Und das Wirren bunt und bunter

Wird ein magisch wilder Fluß,

In die schöne Welt hinunter

Lockt dich dieses Stromes Gruß.

 

Und ich mag mich nicht bewahren!

Weit von euch treibt mich der Wind,

Auf dem Strome will ich fahren,

Von dem Glanze selig blind!

Tausend Stimmen lockend schlagen,

Hoch Aurora flammend weht,

Fahre zu! ich mag nicht fragen,

Wo die Fahrt zu Ende geht!

 

Joseph von Eichendorff:

Jugendandacht (1841)


1

Daß des verlornen Himmels es gedächte,

Schlagen ans Herz des Frühlings linde Wellen,

Wie ew’ger Wonnen schüchternes Vermuten.

Geheimer Glanz der lauen Sommernächte,

Du grüner Wald, verführend Lied der Quellen,

Des Morgens Pracht, stillblühnde Abendgluten,

Ihr fragt: wo Schmerz und Lust so lange ruhten,

Die süß das Herz verdunkeln und es hellen?

Wie tut ihr zaubrisch auf die alten Wunden,

Daß losgebunden in das Licht sie bluten!

O sel’ge Zeit entfloßner Himmelbläue,

Der ersten Andacht solch inbrünst’ger Liebe,

Die ewig wollte knien vor der Einen!

Demütig in der Glorie des Maien

Hob sie den Schleier oft, laß offen bliebe

Der Augen Himmel, in das Land zu scheinen.

Und stand ich still, und mußt ich herzlich weinen;

In ihrem Blick gereinigt alle Triebe:

Da war nur Wonne, was ich mußte klagen,

Im Angesicht der Stillen, Ewigreinen

Kein Schmerz, als solcher Liebe Lieb ertragen!

2

Wie in einer Blume himmelblauen

Grund, wo schlummernd träumen stille Regenbogen,

Ist mein Leben ein unendlich Schauen,

Klar durchs ganze Herz ein süßes Bild gezogen.

 

Stille saß ich, sah die Jahre fliegen,

Bin im Innersten dein treues Kind geblieben;

Aus dem duft’gen Kelche aufgestiegen,

Ach! wann lohnst du endlich auch mein treues Liebe

3

Was wollen mir vertraun die blauen Weiten,

Des Landes Glanz, die Wirrung süßer Lieder,

Mir ist so wohl, so bang! Seid ihr es wieder

Der frommen Kindheit stille Blumenzeiten?

 

Wohl weiß ich’s – dieser Farben heimlich Spreiten

Deckt einer Jungfrau strahlend reine Glieder;

Es wogt der große Schleier auf und nieder,

Sie schlummert drunten fort seit Ewigkeiten.

 

Mir ist in solchen linden, blauen Tagen,

Als müßten alle Farben auferstehen,

Aus blauer Fern sie endlich zu mir gehen.

 

So wart ich still, schau in den Frühling milde,

Das ganze Herz weint nach dem süßen Bilde,

Vor Freud, vor Schmerz? – ich weiß es nicht zu sagen.

(Es folgen weitere Gedichte.)

 

 

Heinrich Heine

Lyrisches Intermezzo

XXX

Die blauen Veilchen der Äugelein,
Die roten Rosen der Wängelein,
Die weißen Liljen der Händchen klein,
Die blühen und blühen noch immerfort,
Und nur das Herzchen ist verdorrt.

 

Eduard Mörike

Er ist‘s

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte

Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab‘ ich vernommen!

 

 

Hermann Allmers

Feldeinsamkeit (1852)

Ich ruhe still im hohen grünen Gras
sende lange meinen Blick nach oben,
Grillen ringsumschwirrt ohn‘ Unterlass,
Himmelbläu wundersam umwoben.

Und schöne weiße Wolken ziehn dahin
durch’s tiefe Blau, wie schöne stille Träume; –
mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
und ziehe selig mit durch ew’ge Räume.

 

Oskar Loerke

Blauer Abend in Berlin (1911)

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Regt sie des Wassers Wille und Verstand

Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.

 

 

Georg Heym

Träumerei in Hellblau

Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.

Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht.

Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.

Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern, und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.

 

Else Lasker-Schüler

Mein blaues Klavier (1937)

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier

Und kenne doch keine Note.

 

Es steht im Dunkel der Kellertür,

Seitdem die Welt verrohte.
Es spielten Sternenhände vier –

Die Mondfrau sang im Boote.

Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

 

Zerbrochen ist die Klaviatur.

Ich beweine die blaue Tote.

 

Ach liebe Engel öffnet mir

Ich aß vom bitteren Brote –

Mir lebend schon die Himmelstür,

Auch wider dem Verbote.

 

Else Lasker-Schüler

In deine Augen

Blau wird es in deinen Augen –
Aber warum zittert all mein Herz
Vor deinen Himmeln?

Nebel liegt auf meiner Wange
Und mein Herz beugt sich zum Untergange.

 

Christian Morgenstern

Dämmrig blaun im Mondenschimmer

Dämmrig blaun im Mondenschimmer
Berge … gleich Erinnerungen
ihrer selbst; selbst Berge nimmer.

Träume bloss noch, hinterlassen
von vergangnen Felsenmassen:
So wie Glocken, die verklungen,
noch die Luft als Zittern fassen.

 

Rainer Maria Rilke

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

 


S
iehe auch http://gedichte.xbib.de/die+farbe+blau_gedichte_recherche.htm

3. Eine Gedichtsammlung:

Gabriele Sander (Hrsg.): Blaue Gedichte, Reclam 2012:

Inhaltsverzeichnis:

Prolog
Konrad Bayer – topologie der sprache

I Das blaue Gedicht
Yvan Goll – Das blaue Gedicht
Annette von Droste-Hülshoff – Poesie
Rudolf Hartung – Heimweg
Rose Ausländer – Verwandelt
Hilde Domin – Angsttraum I
Rolf Dieter Brinkmann – Von der Gegenständlichkeit eines Gedichtes
Otto Erich – Blaue Lyrik


II O Blau der Welt
Barthold Heinrich Brockes – Fabel
Gottfried Keller – Ich liege beschaulich
Paul Celan – O Blau der Welt
Niklas Stiller – Barke Blau
Hans Magnus Enzensberger – Die Visite
Marcel Beyer – Das kommende Blau

III Schau auf das Blau des Himmels
Kurt Marti – blauer himmel
Ericht Kästner – Prima Wetter
Alfred Lichtenstein – Sommerfrische
Ernst Meister – Das Blau
Tuvia Rübner – Immer wieder
Karl Krolow – Draußen


IV Blaue Tage
Robert Walser – Helle
Joseph von Eichendorff – Was wollen mir vertraun die blauen Weiten
Eduard Mörike – Er ist’s
Wilhelm Lehmann – Ein Lachen
Karl Wolfskehl – Herbst
Rose Ausländer – Blaßblaue Tage I
Rose Ausländer – Blaßblaue Tage II
Hilde Domin – Ein blauer Tag

V Blaue Stunde
Stefan George – Blaue Stunde
Gertrud Kolmar – Glockenspiel
Gottfried Benn – Blaue Stunde I-III
Ingeborg Bachmann – Die blaue Stunde
Peter Rühmkorf – Wintergewitter
Michael Zeller – Blaue Minute

VI Dämmerkantaten und Notturnos
Georg Heym – Träumerei in Hellblau
Ernst Stadler – Dämmerung in der Stadt
Oskar Loerke – Blauer Abend in Berlin
Gottfried Benn – Fragmente
Paul Boldt – Abendwald
Heiner Müller – Blaupause
Carl Zuckmayer – Dämmerkantate

VII Ins Fernblau schwebend
Johann Wolfgang Goethe – Schwebender Genius über der Erdkugel
Oskar Loerke – Ins Fernblau schwebend
Georg Heym – Sehnsucht
Ludwig Tieck – Flöte
Joachim Ringelnatz – Melancholie

VIII Auf blauen Wellen
Theodor Däubler – Auf blauen Wellen ängstigt sich das Leben
Günter Kunert – Golf von Neapel
Peter Huchel – Die Insel Alohe
Hugo von Hofmannsthal – Die Stunden! wo wir auf das helle Blauen
Georg Kaiser – Vita naufragium longum
Peter Hacks – Der Bluewater-Valley-Song

IX Blaue Träume, Sehnsüchte und Erinnerungen
Clemens Brentano – Hörst du wie die Brunnen rauschen
Georg Trakl – Kindheit
Ernst Jandl – in jugendblau
Else Lasker-Schüler – Mein blaues Klavier
Ulla Hahn – Frau in Blau
Friedrich Christian Delius – Lieder eines fahrenden Gesellen

X Blau war das Kleid …
Günter Eich – Der Mann in der blauen Jacke
Jürgen Becker – Blaues Kleid
Jakob van Hoddis – Tanz
H.C. Artman – mylady mit dem blauen hut
Richard Dehmel – Die blauen Schuhe
Rolf Dieter Brinkmann – Meine blauen Wildlederschuhe

XI Der blaue Vogel deines Auges
Martin Opitz – Sonnet über die augen der Astree
Heinrich Heine – Mit deinen blauen Augen
Paul Celan – Die Jahre von dir zu mir
Yvan Goll – Der blaue Vogel deines Auges
Peter Maiwald – Fotoalbum

XII Blaue Tiere
Gottfried Keller – Wie schlafend unterm Flügel ein Pfau den Schnabel hält
Wilhelm Lehmann – Pfauenauge
Hermann Hesse – Blauer Schmetterling
Elisabeth Borchers – Der blaue Fisch
Paul Zech – Die Ballade von den blauen Pferden
Ursula Krechel – Das Flußpferd

XIII Vom Krokusblau zum Blau der Herbstzeitlose
Paul Zech – Krokus
Barthold Heinrich Brockes – Die Trauben-Hyazinthe
Johann Wilhelm Ludwig Gleim – Das Blümchen
Alfred Mombert – Mittagstunde
Rainer Maria Rilke – Blaue Hortensie
Michael Zeller – Für S. / die mir im Straßengraben eine Herbstzeitlose zeigte

XIV Die Blaue Blume
Georg Trakl – An Novalis
Joseph von Eichendorff – An Isidorus Orientalis
Achim von Arnim – Sie sah die blaue Blume
Georg Trakl – Verklärung
Wolfgang Borchert – Gedicht
Arno Holz – In den Grunewald

XV Dieses Blau – aus alten Meistern hervordestilliert
Hans Dieter Schwarze – Prolog
Ernst Jandl – lassen – lässt…
Albert Ehrenstein – Georg Trakl+
Elisabeth Borchers – Nerudas Blau
Max Dauthendey – Vision

XVI Blauer Rauch
Arno Holz – Horche nicht hinter die Dinge
Georg von der Vring – Kleiner Faden Blau
Paul Zech – Der Kohlenbaron

XVII Blau ist das Meer und der Suff
Bertolt Brecht – Matrosen-Song
Rainer Brambach – Heiterkeit im Garten
Robert Gernhardt – Ein Frühjahr

XVIII Blaues im Blauen Saal
Peter Roos – AZULITOblues
Erich Kästner – Vornehme Leute, 1200 Meter hoch
Joachim Ringelnatz – Blues
Ernst Meister – Augustinischer Blues

Epilog
Konrad Ferdinand Meyer – Epilog

 

M. de Unamuno: Das Leben Don Quijotes und Sanchos – vorgestellt

Miguel de Unamuno: Das Leben Don Quijotes und Sanchos nach Miguel de Cervantes-Saavedra erklärt und erläutert. 2. Auflage 1913 (deutsch 1926 von Otto Buek).

Wenn man in den Wikipedia-Artikel (https://de.wikipedia.org/wiki/Don_Quijote) über den „Don Quijote“ schaut, sieht man, dass dieses große Buch viele literarische Neufassungen hervorgerufen hat. Zu diesen zählt auch das Buch Unamunos. Es läuft im wesentlichen darauf hinaus, daß man den Gelehrten, den Kritikern und Geschichtsschreibern die verdienstvolle und nützliche Aufgabe überlassen solle, festzustellen und zu untersuchen, was der „Don Quijote“ zu seiner Zeit und unter den Verhältnissen, in denen er geschrieben wurde, bedeutete, was Cervantes mit ihm hat ausdrücken wollen und was er wirklich in ihm ausgedrückt haben mag, – daß es uns dagegen freistehen müsse, sein unsterbliches Werk als etwas Ewiges, außerhalb jeder Epoche Stehendes und nicht an die Grenzen eines Landes Gebundenes zu betrachten und darzustellen, und auszuführen, was die Lektüre dieses Buches an Gedanken, Gefühlen und Empfindungen in uns weckt und hervorruft. (…) Ich wiederhole, daß ich mich mehr als Donquijotisten, denn als Cervantisten fühle, und daß ich die Gestalt Don Quijotes von ihrem Schöpfer Cervantes selbst ablösen und befreien möchte (…). Denn ich glaube, daß auch die erdichteten Persönlichkeiten in dem Geiste des Autors, der sie erfindet, ihr eigenes Leben führen, eine bestimmte Autonomie besitzen und ihrer eigenen und innern Logik folgen, deren sich ihr Schöpfer selbst nicht immer ganz bewußt ist. (S. XIV) Das ist ein großes und gewagtes Programm Unamunos, welcher sich damit der Gefahr aussetzt, seine eigenen Vorstellungen für den ewigen Don Quijote zu halten. Solange man seine eigene Rezeption eines Werks für revidierbar hält, geht es noch an; sobald man sie für die ewige Wahrheit ausmacht, wird es riskant.

Unoamuno kommentiert also viele Kapitel von Cervantes‘ Buch bzw. von Don Quijotes Erlebnissen, Worten und Taten. An einem Beispiel möchte ich vorführen, was dabei herauskommt, am Satz des Helden: „Ich weiß, wer ich bin.“ Der Held kann von sich sagen: „Ich weiß, wer ich bin“, und darin liegt sein Kraft und zugleich sein Unglück. Seine Kraft, denn, da er weiß, wer er ist, braucht er niemand zu fürchten, außer Gott, der ihn zu dem machte, der er ist, – und sein Unglück, weil er auf dieser Welt allein weiß, wer er ist; und da die anderen es nicht wissen, so muß es ihnen so erscheinen – er mag tun und sagen, was er will –, als rührten diese Worte und Taten von einem Manne her, der sich nicht kennt, d.h. von einem Verrückten. […] Daher lebt der Held einsam und allein inmitten der Menschen, und diese Einsamkeit wird ihm zu einer Genossin und Gefährtin, die ihm Mut, Kraft und Stärke einflößt. […] Es genügt nicht, zu erklären: „Ich weiß, wer ich bin“, sondern man muß es wissen, und die Täuschung dessen, der so spricht und es dennoch nicht weiß, ja es vielleicht nicht einmal glaubt, wird sofort offenbar werden. […] Don Quijote aber dachte und überlegte mit seinem Willen, und wenn er erklärte: „Ich weiß, wer ich bin“, meinte er nur: „Ich weiß, wer ich sein will.“ Und hier liegt der Angelpunkt unseres ganzen Lebens: zu wissen, was der Mensch sein will. Es mag dich wenig anfechten, wer du bist; die Hauptsache muß für dich sein, zu wissen, was du sein willst. Das Wesen, das du bist, ist ein hinfälliges, vergängliches Geschöpf, das von Erde lebt und das die Erde einst wieder verschlingen wird; das Wesen, das du sein willst, ist eine Idee, die in Gott wohnt; ist das Bewußtsein des Alls, die göttliche Idee, dessen räumliche und zeitliche Erscheinung du bist. (Bd. 1, S. 74 ff.)

An dieser Passage zeigt sich, worauf Unamuno mit seiner idealistischen Interpretation der Figur Don Quijote hinaus will. Es zeigt sich zweitens, dass er dabei nicht davor zurückschreckt, den Text zu verändern. Und drittens ist das Ergebnis seiner Quijote-Interpretation: sein persönliches Lebensideal, interessant, aber vielleicht zu hoch gespannt. Gegen Unamunos Satz: „Ich weiß, wer ich sein will“, steht Mephistos Wort: „Du bist am Ende – was du bist.“ Ich halte es in dieser Frage lieber mit Mephisto, um mich nicht mit Unamuno auf ungreifbare Ideen Gottes berufen zu müssen. Dann kommt man nämlich dahin, wie Don Quijote und Ignatius von Loyola, zwischen dem und Don Quijote Unamuno öfter Parallelen zieht, die Entscheidung seines Pferdes für den Willen Gottes zu halten: Und als er nun an einen Kreuzweg gelangte, da überließ er die Entscheidung, welchen Weg er wählen solle, seinem Roß… Und es gefiel Gott, den Verstand des Rosses zu erleuchten, „so daß es den engen und ebenen Weg, den der Maure eingeschlagen hatte, verließ, und den wählte, der für Ignatius besser geeignet war“. Also verdankt die Gesellschaft Jesu ihre Entstehung der Eingebung eines Rosses. (S. 72)

Faust I: Osterspaziergang

https://de.wikipedia.org/wiki/Faust._Eine_Tragödie.#Osterspaziergang (der Osterspaziergang im Kontext)

http://www.br.de/telekolleg/faecher/deutsch/drama-goethe-faust-inhalt-100.html (dito)

http://herrlarbig.de/2008/09/22/faust-1-vor-dem-tor-gelehrtentragoedie-2-v-8081177/ (Interpretation im Kontext)

VOM EISE BEFREIT SIND CHROM UND BLECHE: http://blog.zeit.de/zeit-der-leser/2012/04/12/osterspaziergang-2012-nach-johann-wolfgang-von-goethe-faust-i/ (Parodie)

Eine politische Travestie von Goethes „Osterspaziergang“ (Faust I: Vor dem Tor) ist Tucholskys Gedicht „Osterspaziergang“ aus dem Jahr 1919: https://tucholsky.de/osterspaziergang/

romantisch – im zeitgenössischen Wörterbuch

romantisch (Wörterbuch)

1 „aus dem Franz. romantesque, welches gleichfalls [wie „romanenhaft“, N.T.] von Roman abstammet, aber nur in engerer Bedeutung von vorzüglich angenehmen und gleichsam bezaubernden Gegenden üblich ist, so wie sie in den Romanen und Ritterbüchern beschrieben werden. Die Stadt liegt sehr romantisch auf einem Felsen über der See. Eine romantische Gegend. Der romantische Styl, in der Mahlerey, die Vorstellung einer Gegend mit Ruinen. Es haben einige dafür romanenhaft gebraucht, welches aber wegen seiner Zweydeutigkeit zu diesem Begriffe unbequem ist.“ (Joh. Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, 2. Aufl. 1793-1801, Bd. 3, Sp. 1155)

2 „Da die meisten Romane die Menschen und Begebenheiten nicht so schildern, wie sie in der Natur und in der wirklichen Welt erscheinen, sondern so, wie sie nach einem ästhetischen oder moralischen Ideale sein sollten, oder wie sie die oft überspannte Phantasie des Dichters sich erträumt; so nennt man romantisch, im guten und schlimmen Sinne, alles, was entweder durch idealische Vollkommenheit, oder durch abenteuerliche Seltsamkeit und Verschrobenheit von dem Gewöhnlichen abweicht. So heißt ein Gesicht romantisch, wenn es bei dem sanften Ausdrucke von Unschuld, Zärtlichkeit, Offenheit ein reitzbares Gefühl für Freundschaft, Liebe, Menschlichkeit verräth – eine Gegend, eine Lage, wenn ihre erhabnen oder rührenden Schönheiten nicht durch blinde Naturkraft zusammengestellt, sondern nach einem künstlichen Plane zu Erweckung sanfter oder erhabner Empfindungen absichtlich angelegt scheinen – ein Charakter, in dem Neigung zum Ungewöhnlichen, Freundschaft, Liebe, Patriotismus, hoher Glaube an die Tugend oder Erwartung eines seltsam glücklichen Ausgangs wohlgemeinter Unternehmungen u. s. w. oder auch schlichte Sitteneinfalt, Vernachlässigung des Herkommens, der Mode, der Formalitäten, der Hofsitte in den Handlungen des gemeinen Lebens, vornehmlich aber in der Wahl des Standes, des Gatten, der Freunde hervorstechend sind. Allerdings kann sowohl der Hang zu idealisiren, als die treue Anhänglichkeit an die Natur auf Abwege verleiten, jener kann unter das gewöhnlich Gute herabsinken lassen, welches er zu überfliegen, diese von der Natur entfernen, welcher er anzunähern strebt; allein die Grundlage des Romantischen ist edel und schön. In der wirklichen Welt, d. h. in der Welt der gemeinen Menschen, die durch Eigennutz, Gewohnheit – Vorurtheil regiert wird, verstößt freilich ein romantischer Sinn mit jedem Schritte. Flache seelenlose Weltleute, Schlendriansmänner, die da in der Meinung stehen, alles müsse so sein, wie es bisher war und noch ist, glauben daher, einen uneigennützigen Charakter, ein edles Streben, sich und die Menschheit zu vervollkommnen, nicht leichter herabwürdigen zu können, als durch den Vorwurf des Romantischen.“ (Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 4, 1809, S. 326 f.)

3 mit diesem Worte bezeichnet man jetzt einen Gegensatz des Classischen, ohne daß ein bestimmter und genügender Begriff desselben aufgestellt werden könnte; ursprünglich bedeutete es das, was dem in Romanen Erzählten ähnlich ist; frz. romantique, engl. romantic.“ (Konrad Schwenck: Wörterbuch der deutschen Sprache in Beziehung auf Abstammung und Begriffsbildung, 3. Aufl. 1838, S. 560)

4 „Romantisch und Romantik sind Ausdrücke, welche in den mannichfaltigsten Beziehungen, vorzugsweise jedoch für jene Richtung der christlichen europ. Literatur und Kunst gebraucht werden, die sich während des Mittelalters als schönste Zierde der damaligen geistigen Zustände entwickelte. Der vorwaltenden Klarheit, sinnlich-objectiven Auffassung und gemessen-heitern Ruhe in der antiken Poesie und Kunst entgegengesetzt, wurden, als nach Verdrängung der alten Götter das Christenthum die neue Zeit beseelte, von diesem Geist und Phantasie auf eine neue, übersinnliche Welt hingewiesen, der sich sehnsüchtig die Gemüther mit ihren Ahnungen und kindlich frommen Hoffnungen zuwendeten. Man versenkte sich in das unermeßliche Reich des Unsichtbaren und Wundervollen, und das Bestreben, das Unerfaßliche und nur dunkel Empfundene in die poetische und künstlerische Darstellung zu übertragen, athmete ihr jenes erhöhte und veredelte, eigenthümliche Gefühlsleben ein, welches im Verein mit den von volksthümlichen und örtlichen Verhältnissen, von der veränderten Stellung der Frauen, der Entwickelung des Ritterthums und andern Umständen herrührenden harmonischen Einflüssen, in den verschiedensten Formen die künstlerischen Schöpfungen des Mittelalters durchdringt. In seinen bedeutsamen Äußerungen erfüllt es uns noch immer mit hoher Bewunderung weckt die erhabensten Regungen in der Menschenbrust obgleich jene Zeit geistiger Dämmerung längst hinter uns liegt und wir uns bemühen, das Schöne und Erhabene, was damals der Mensch im dunkeln Drange nach Offenbarung seiner edlen Gaben hervorbrachte, nun durch Bewußtsein veredelt herzustellen. Für die nationale Richtung der deutschen Literatur und Kunst und die Beurtheilung des Mittelalters ist es im Allgemeinen ersprießlich gewesen, daß in neuerer Zeit namentlich A. W. und Friedr. Schlegel und L. Tieck mit ihren Freunden sich bemühten, das Romantische für die Gegenwart wieder zu beleben, obgleich dadurch mitunter unklare und beschränkte Köpfe zu argen Verirrungen hingerissen worden sind. [] Häufig besonders wird auch der Ausdruck romantisch auf Gegenden angewendet, wo er dann wildschön und schauerlich, aber auch nur vorzugsweise malerisch bedeutet.“ (Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 3 1839, S. 734)

5 (unter dem Stichwort „Roman“):

eig. in einer der romanischen Sprachen verfasst; überh. im Geist und Geschmack des christlichen Mittelalters und der neueren volksmäßigen Kunst u. Poesie, entg. dem Antiken und Classischen; auch dichterisch-schön, malerisch, anmuthsvoll, reizend, beazubernd, zauberisch, wunderschön (z.B. eine romantische Gegend)“ (Allgemeines verdeutschendes und erklärendes Fremdwörterbuch von Joh. Christ. Aug. Heyse, 11. Auflage 1853, S. 785)

Romantische Poesie – Theorie (Schlegel)

[116] Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehre Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst, bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosen Gesang. Sie kann sich so in das Dargestellte verlieren, daß man glauben möchte, poetische Individuen jeder Art zu charakterisieren, sei ihr Eins und Alles; und doch gibt es noch keine Form, die so dazu gemacht wäre, den Geist des Autors vollständig auszudrücken: so daß manche Künstler, die nur auch einen Roman schreiben wollten, von ungefähr sich selbst dargestellt haben. Nur sie kann gleich dem Epos ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden. Und doch kann auch sie am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen. Sie ist der höchsten und der allseitigsten Bildung fähig; nicht bloß von innen heraus, sondern auch von außen hinein; indem sie jedem, was ein Ganzes in ihren Produkten sein soll, alle Teile ähnlich organisiert, wodurch ihr die Aussicht auf eine grenzenlos wachsende Klassizität eröffnet wird. Die romantische Poesie ist unter den Künsten was der Witz der Philosophie, und die Gesellschaft, Umgang, Freundschaft und Liebe im Leben ist. Andre Dichtarten sind fertig, und können nun vollständig zergliedert werden. Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden, und nur eine divinatorische Kritik dürfte es wagen, ihr Ideal charakterisieren zu wollen. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art, und gleichsam die Dichtkunst selbst ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.

Friedrich Schlegel: Fragmente, in: Athenäum I 2 (1798), S. 28-30

(http://www.zeno.org/Literatur/M/Schlegel,+Friedrich/Fragmentensammlungen/Fragmente)