G. Wohmann: Schönes goldenes Haar – Erläuterungen, Analyse

Diese Erzählung ist inzwischen rund 50 Jahre alt – sie stammt aus einer anderen Zeit, in ihr spiegeln sich inzwischen veraltete Denkweisen. Wenn man Gabriele Wohmanns Erzählung „Schönes goldenes Haar“, die in einem 1968 veröffentlichten Sammelband von Erzählungen stand, verstehen will, muss man den früheren Umgang mit Sexualität kennen. Stark vereinfacht gesagt galt damals,

  • dass sexueller Umgang nur in die Ehe gehörte,
  • dass nur Mann und Frau anständigen Sex haben könnten (Homosexualität unter Männern war nach § 175 StGB strafbar),
  • dass sexueller Verkehr primär dazu da war, Kinder zu zeugen (katholische Auffassung) – Empfängsnisverhütung galt als schwere Sünde,
  • dass sich der Kuppelei strafbar machte, wer sexuellen Verkehr zwischen Unverheirateten ermöglichte,
  • dass nur „der Mann“ sexuelle Bedürfnisse habe und die Frau diese eher erdulde und erleide, wogegen „Migräne“ als akzeptierte Ausrede half.

Da man aber auch wusste, dass dies alles nicht ganz richtig sei, entstand eine Doppelmoral: Einerseits sagte man…, anderseits wusste man (und praktizierte man) oft das Gegenteil. Aber man konnte nicht in normaler Sprache über Sexualität sprechen, höchstens in Latein (die Fachleute), in einer vulgären Sprache (die Männer) oder in dezenten Anspielungen (die Frauen), welche Kinder nicht verstehen sollten.

Die große Veränderung stellte die „sexuelle Revolution“ in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts dar, wobei heute umstritten ist, wodurch sie ausgelöst wurde: durch die Erfindung der Antibabypille, die Erfindung des Penicillins oder einen mental-gesellschaftlichen Aufbruch aus der dumpfen Nachkriegszeit (Restauration nach der Nazizeit, mit großem Einfluss der christlichen Kirchen).

In Gabriele Wohmanns Erzählung agiert die Mutter in dieser Doppelmoral: „Sorge“ um die Tochter und ihre Unschuld – Freude an ihrer Schönheit und Beliebtheit, Beförderung ihrer Attraktivität; auch die Einschätzung der Frauen als „Opferlämmer“ bezeugt die traditionelle Sicht auf die Männer, die „immer nur das Eine“ wollen, was die Frauen dann notgedrungen erdulden. Dass die Kommunikation zwischen Frau und Mann nach 20 Ehejahren nicht (mehr?) gelingt, ist ein anderes Problem, worauf heute im Zeitalter der Kommunikationsanalyse der Blick ruht, ohne dass nach den Ursachen dafür (oder nach der Berechtigung des Ideals „gelingende Kommunikation der Eheleute“) gefragt würde; man muss halt laut Lehrplan Kommunkationsmodelle durchspielen und unters Volk bringen.

Stichwort „Sexuelle Revolution“:

http://www.focus.de/wissen/videos/1961-die-pille-und-die-sexuelle-revolution_id_5312771.html

http://www.sueddeutsche.de/wissen/sexualitaet-sexuelle-revolution-bereits-in-den-er-jahren-1.1586833

http://www.taz.de/!5053471/

http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/68er-bewegung/51853/sexuelle-revolution?p=all

http://www.ezw-berlin.de/downloads/Information_20.pdf (Kurt Hutten: „Die sexuelle Revolution“ – Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen 1966)

Kardinal Joseph Höffner: Sexual-Moral im Licht des Glaubens. Zehn Leitsätze des Erzbischofs von Köln, 1972 (hier 3. Auflage 1973): „Zeichen und Unterpfand reifer und selbstloser Liebe ist vor allem die Ehrfurcht voreinander. Wer meint, das gegenseitige Kennen- und Schätzenlernen werde durch frühzeitige intime Beziehungen gefördert, irrt sich. Echte Liebe sieht im anderen in einzigartiger Weise den Sohn oder die Tochter Gottes. Sie wird den anderen nicht mit dem eigenen Begehren und Verlangen überfallen, sondern sich in einem wahren Sinn als verehrende Liebe erweisen. (…) Auch wenn die Brautleute den Verlobungsring am Finger tragen, dürfen sie nicht das vorwegnehmen, was der Herr ihnen im Sakrament der Ehe überträgt.“ (S. 25 f.)

Stichwort „Kuppelei“:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kuppelei (dort: Rechtliche Lage bis 1967: „Das Zusammenleben von unverheirateten Paaren unter einem Dach (sog. Wilde Ehe) war bis zur Abschaffung dieses Strafrechts-Paragrafen faktisch unmöglich. Denn dies wurde in Deutschland als Verstoß gegen die guten Sitten angesehen. Mietverträge über die Vermietung einer Wohnung an ein unverheiratetes, nicht wenigstens verlobtes Paar wurden als Begünstigung zur Kuppelei angesehen und konnten daher unwirksam sein. Zudem konnte der Vermieter einer Wohnung wegen Kuppelei belangt werden, wenn er einem nicht wenigstens verlobten Paar eine Wohnung vermietete. Es war daher üblich, dass sich der Vermieter vor Abschluss eines Mietvertrags z. B. den Trauschein des Paares vorlegen ließ. Auch in Beherbergungsbetrieben wurde die Vorlage von Dokumenten verlangt, wenn Doppelzimmer gebucht wurden, da die Vermittlung von Prostitution unterstellt wurde.“

http://de.wikimannia.org/180_StGB (Geschichte des § 180 StGB: Kuppelei)

Analyse

(Text, Aufgabenstellung und Zeilenzählung nach https://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/cms/upload/zentrale_klausuren/Beispielklausur_lit._Text_AufgabeL.pdf; die Zählung beginnt bei „Gabriele Wohmann“, der Text endet mit Z. 59)

Die Erzählung „Schönes goldenes Haar“ wurde 1968 in einem Band von Erzählungen Gabriele Wohmanns veröffentlicht; man kann sie als Kurzgeschichte ansehen, wofür nicht nur der unvermittelte Anfang und das offene Ende sprechen, sondern auch die Alltäglichkeit des erzählten Geschehens.

Ein neutraler Erzähler, der uns öfter personal erzählend an den Gedanken der Figuren teilhaben lässt, berichtet: Ein Ehepaar sitzt am Abend in der Küche (vermutlich nicht im Wohnzimmer, das war damals noch die gute Stube); der Mann liest die Zeitung (Z. 5 f.), die Frau stopft Socken (Z. 7). Sie spricht ihn vorwurfsvoll an (Z. 1 f.), weil ihre Tochter „oben“ (Z. 2), also in ihrem eigenen Zimmer allein mit einem jungen Mann ist und sie sich Sorgen macht, was die beiden „da oben vielleicht jetzt treiben“ (Z. 11), dass sie also ins Bett gehen könnten, was sich offensichtlich nicht gehört und sogar mit einer Schwangerschaft enden könnte. Der Gegenstand des Gesprächs ist sowohl das mögliche Tun der Tochter (Z. 11 f.) als auch die diesbezügliche Gleichgültigkeit des Mannes, die sie ihm wiederholt vorhält (Z. 1 f.; 20 f.; 23); er tut beides mit einer kurzen Bemerkung ab (Z. 28) – das ist sein einziger Beitrag zu diesem Thema, ansonsten verschanzt er sich hinter seiner Zeitung (Z. 7 f.; 35; 42) und schaltet sogar das Radio ein (Z. 40). Unvermittelt wechselt die Frau das Thema (Z. 45) und beginnt, von der Schönheit ihrer Tochter zu schwärmen, speziell von ihrem schönen Haar (in Gedanken ab Z. 48, verbal Z. 52); dem stimmt ihr Mann lakonisch zu (Z. 54) – ihr Gerede ist für ihn, personal erzählt, nur „quasseln und rumpoussieren“ (Z. 39 f. [poussieren: flirten, schmeichelnd umwerben, süß reden]).

Die Frau ist von Anfang an erregt (Aufregung, Z. 5 f.; unruhig, Z. 7; Erregung und Pusteln im Gesicht, Z. 25 f.; heiß, Z. 26 und 31; sie schwitzt, Z. 34); sie nimmt ihren Mann als bedrohlich wahr (fette Krallen, Z. 9, 14 f., 19), wie wiederholt personal erzählt wird. Überhaupt sind die Männer für sie Räuber, wie die Frauen allesamt „Opferlämmer“ sind (Z. 19) – ihr eigener Mann ist in ihrer Erinnerung auch nur ein frecher junger Mann mit dreisten Wünschen gewesen (Z. 13 f.), sie habe angeblich keinen Wunsch nach Intimität gehabt (Z. 14, vgl. die paar ausgeblichenen Bilder, Z. 31 f.). Im Widerspruch dazu nimmt sie den Verehrer ihrer Tochter als ausgesprochen netten und sympathischen Mann wahr (Z. 16 f.), freut sich über deren Attraktivität (Z. 45 f.) und plant sogar, durch Änderung des Kleides ihren Busen stärker hervorzuheben (Z. 46 f.). Das Verhältnis Mann-Frau erlebt sie also ausgesprochen ambivalent, wobei sie für sich Negatives sieht (vgl. auch ihre Arbeit: Stopfen; Kochen, Z. 29 f. mit der Folge Z. 36 f.; geätzte Haut, Z. 58), für ihre Tochter dagegen nur Positives (Schönheit, Verehrer, Z. 45 ff. und Z. 16 f. mit 31 f.). Das eine hat mit anderen vermeintlich nichts zu tun (Z. 31 f. und den Kontrast zwischen dem Bild ihres eigenen Mannes damals und dem Herrn Fetter heute, Z. 13 ff.).

In ihrer Erregung und dem Wunsch, mit ihm zu sprechen („redseliges Gesicht“, Z. 39 – seine Perspektive), setzt sie mehrfach zu ihren Vorwürfen an, ohne ihren Mann damit zu erreichen (s.o.); man kann also nicht sagen, dass sie dominant sei (gegen die NRW-Lösungserwartung). Sie schickt sich vielmehr in ihre Hilflosigkeit und Einsamkeit (ab Z. 42; vgl. die Metaphern „die Wand der Zeitung“, Z. 8, und „Abendversteck“, Z. 35); sie akzeptiert, dass von nun alles anders wird und sie Laurela als Gesprächspartnerin verliert (Z. 43-45 mit Z. 39 f.), auch wenn ihr das vielleicht auf den Magen schlägt (Z. 43). Der entscheidende Satz, aus ihrer Sicht, lautet: „Das war ihr Abend…“ (Z. 43 f.); das Pronomen „ihr“ bezieht sich sicher auf Laurela; Laurela ist oben, die Eltern sind unten (Z. 44 f.) – das gilt räumlich und symbolisch zugleich, die Eltern treten zurück, ordnen sich unter, müssen ab jetzt nur noch warten. Dafür wird die Mutter durch die Schönheit Laurelas und die Tatsache, dass diese Schönheit ihre Tochter ist („Seine und ihre Tochter“, Z. 57 f., wie sie wiederholt denkt), entschädigt. In der Tochter bleibt sie also ihrem Mann verbunden, auch wenn er mit seinen „Krallenpfoten“ schmatzt und schluckt und sie von der Hausarbeit eine geätzte Fingerkuppe hat (Z. 55 ff.). Der letzte Satz zeigt zugleich ihren Stolz und ihre Ambivalenz: Mitleid wohl mit sich selbst, Stolz auf ihre Tochter.

Man könnte sagen, dass mit ihrem Gedanken in Z. 45 eine Wende eintritt, sowohl thematisch als auch in ihrer Stimmung; aber diese Wende entfaltet nur die Ambivalenz der Frau oder ihre inneren Widersprüche, die sich bereits im Unterschied der Einschätzung ihres eigenen Mannes als jugendlicher Verehrer und des Herrn Fetter als Verehrer ihrer Tochter gezeigt haben.

Zur Aufgabenstellung NRW eine kritische Frage: Was sind erzählerische Mittel neben sprachlichen Mitteln? Sind erzählerische Mittel keine sprachlichen Mittel? Oder sind sprachliche Mittel Wortwahl, Satzbau, rhetorische Figuren und erzählerische Mittel die Formen der Redewiedergabe, die Zeitgestaltung und der erzählte „Inhalt“? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Mit dieser Einschränkung meine ich, dass hier von einem scheiternden Kommunikationsversuch erzählt wird: Ihrer Aufregung steht seine Gleichgültigkeit gegenüber. Er liest seine Zeitung, obwohl sie ihn mehrfach anspricht; er hört nur „werbendes Gejammer“ (Z. 23) und „ewiges Gegacker“ (Z. 38 – Metapher „Hühner“), er ist mit sich und der Welt zufrieden (Z. 35 ff.) und gibt nur kurze abweisende Antworten (Z. 28 und Z. 54). Die verschiedenen Tier-Metaphern (Raubtier, Opferlämmer, Hühner) zeigen, dass die personal erzählten Vorstellungen der Ehepartner vom anderen Geschlecht nicht dazu geeignet sind, ein Gespräch möglich zu machen. Ob sie ihn mit der „Sorge“ um die Tochter erreichen will oder ob die Sorge um Laurela ihre Hartnäckigkeit bei den Vorwürfen erzeugt, ist nicht zu entscheiden; er weist sie zurück, wofür die Zeitungswand das klarste Symbol ist (neben dem Anstellen des Radios); sie lehnt ihn ab (Wiederholung der Krallenmetapher; Adjektive „fett“, Z. 9; „fleischig“, Z. 14; „prall“, Z. 37, usw.) und flieht dann in eine Traumwelt, die von ihrer Tochter, der Schönheitskönigin Laurela, beherrscht wird.

Es ist schwer zu sagen, wie lange das erzählte Geschehen dauert; ich nehme an, dass es ungefähr so lange wie das Erzählen selbst dauert: ein paar Minuten; das zeigt, welche Bedeutung der Erzähler dem Geschehen beimisst. Ich lese die Erzählung als Kritik nicht nur am selbstzufriedenen Ehemann, sondern auch an der weinerlichen Frau, die keinen Ausweg aus ihrer Ambivalenz findet.

Die vier Seiten des Modells des Herrn Schulz von Thun kann man leicht im Internet nachschauen: http://www.schulz-von-thun.de/index.php?article_id=71&clang=0

https://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell (mit einem Beispiel)

http://www.germanistik-kommprojekt.uni-oldenburg.de/sites/1/1_06.html (am linken Rand andere Aspekte!)

http://wortwuchs.net/vier-ohren-modell/ (mehrere Beispiele)

Ich halte das Modell für nicht konsequent zu Ende gedacht: Der Aspekt „Beziehung“ umfasst bei Schulz von Thun sowohl die Einschätzung des Hörers als auch die Bewertung der Beziehung durch den Sprecher. Konsequent wäre es, wenn man nur „Selbstdarstellung des Sprechers / Einschätzung des Hörers“ unterschiede; darin ist nämlich die Einschätzung des Verhältnisses zwischen ihnen bereits eingeschlossen. – Zur Kritik an Schulz von Thuns Modell:

http://www.hyperkommunikation.ch/crashkurse/crashkurs_kommunikation/ck_kommunikation18.htm

http://www.btc-management.de/nachrich.htm

http://www.pflegewiki.de/wiki/Vier-Ohren-Modell

Die Selbstdarstellung der Frau ist oben hinreichend herausgearbeitet: Einmal ist sie besorgte Mutter, fleißige Hausfrau (stopfen, kochen) und Opferlamm des Mannes, dann ist sie auch noch die Mutter der schönen umschwärmten Laurela: das Frauenbild der Nachkriegszeit – dazu passte auch ein tüchtiger Sohn (wie Herr Fetter), der es weiter als seine Eltern bringt.

Zur Kurzgeschichte „Schönes goldenes Haar“:

http://www.zum.de/Faecher/Materialien/dittrich/Pruefung/schoenes_haar.htm (Text, Aufgabenstellung, Lösungserwartung)

https://www.inhaltsangabe.info/deutsch/interpretation-schoenes-goldenes-haar-von-gabriele-wohmann (schwache „Interpretation“)

http://www.freiereferate.de/deutsch/inhaltsangabe-schoenes-goldenes-haar-von-gabriele-wohmann (schwache Paraphrase)

http://marvins-zeug.de.tl/Textanalyse-Sch.oe.nes-Goldenes-Haar.htm (komplette Hilflosigkeit des Schülers vor dem Text)

https://teilenundkommentieren.wordpress.com/2013/05/27/analyse-stilmittel-und-erzahlerische-mittel-schones-goldenes-haar/comment-page-1/#comment-312 (dito)

http://www.babelboard.de/showthread.php/13255-Interpretation-Sch%C3%B6nes-goldenes-Haar-Gabriele-Wohmann (dito)

http://www.veritas.at/vproduct/download/download/sku/OM_26136_3 (hier scrollen -> „Zu Seite 216“, falsche Datierung: 1980 statt 1968; das Verhältnis der Eheleute ist richtig erkannt, die sexuelle Verklemmung der Frau und ihre Ambivalenz nicht)

http://www.fachdidaktik-einecke.de/1_Unterrichtsplanung/litsequenz_bsp_kommunik.htm (mögliche Texte zur Kommunikationsanalyse benannt, mit Analysemodell)

Kafka: Die Verwandlung, Motiv: Vater-Sohn-Konflikt

Die Absätze aller drei Kapitel werden wieder mit arabischen Ziffern gezählt, damit Leser unterschiedlicher Ausgaben diese Untersuchung nutzen können.

Vorgeschichte: Gregor hat an einem ungeliebten, anstrengenden Beruf festgehalten, um die Schuld der Eltern an seinen Chef abzubezahlen (I 4-6). Er hält durch seine Arbeit die anderen aus, liefert sein Verdienst fast vollständig ab (II 12); es hat sich sogar etwas Vermögen gebildet, welches der Vater verwaltet (II 12, 14). Der Vater frühstückt stundenlang (I 24), während Gregor um vier Uhr morgens aufstehen muss (I 7). Keiner aus der Familie außer Gregor arbeitet ( II 12); der Vater ist träge und fett geworden (II 15). Nur die Schwester lässt es nicht an Wärme gegen Gregor fehlen (II 12).

Eines Nachts wird Gregor in ein Ungeziefer verwandelt (I 1) und verschläft das Aufstehen (I 7). Gregor befürchtet Vorwürfe des Chefs an seine Eltern wegen des faulen Sohnes (I 7). Er sorgt sich um die Eltern, falls er die Arbeit verlöre (I 17, 25, 27), und bittet den Prokuristen um Schonung für seine Eltern (I 18). Er denkt an den Vater als Helfer beim Aufstehen (I 13).

Der Vater mahnt heftiger und ungeduldiger als die Mutter zum Aufstehen (I 7, 16); er schickt nach dem Schlosser, um Gregors Zimmertür gewaltsam öffnen zu lassen (I 20). Er ballt die Faust gegen Gregor (I 223) und scheucht ihn schließlich mit Stock und Zeitung in sein Zimmer zurück (I 27): unerbittlich, mit Zischlauten, mit einem Stock drohend. Er gibt dem in der Tür feststeckenden Gregor einen starken Stoß, wodurch Gregor ins Zimmer fliegt und verletzt wird, und schlägt die Tür zu (I 27).

In Kap. I wird also erzählt, wie Gregor nach der Verwandlung von der Sorge um die Familie erfüllt ist, während der Vater als einziger feindselig gegen ihn auftritt, ihn verjagt und verletzt; dabei ist Gregor der, der als einziger für den Unterhalt der ganzen Familie aufgekommen ist.

Während Gregor im Fortgang des Geschehens (Kap. II) auf die Familie Rücksicht nimmt (II 6) und sich schämt, dass die anderen jetzt arbeiten müssen (II 15), versorgt ihn die Schwester als einzige widerwillig und voll Abscheu (II 2 ff.); die Familie ist bedrückt (II 10, 11). Als jedoch die Mutter beim Anblick Gregors in Ohnmacht fällt, droht jene ihm mit erhobener Faust (II 27) und informiert den Vater: „Gregor ist ausgebrochen.“ (II 28) Der Vater ist gegenüber früher wie verwandelt (II 29), tritt übermächtig auf und verfolgt Gregor: Er bombardiert ihn mit Äpfeln und verletzt ihn, so dass die Mutter „in gänzlicher Vereinigung mit ihm“ um Schonung für Gregor bittet.

Die Situation hat sich gegenüber dem ersten Tag verschärft: Der Vater ist erstarkt, die Schwester ist auf seine Seite getreten, die Verfolgung und Verwundung Gregors durch den Vater sind stärker geworden.

Über einen Monat bleibt die Situation dann im Wesentlichen unverändert, so dass Gregor glaubt, er werde wegen der Verwundung geschont und gelte noch als „ein Familienmitglied“ (III 1); abends lässt man die Tür zu Gregors Zimmer ein wenig offen (III 2), der Vater schläft abends regelmäßig ein (III 3-5), seine Uniform verschmutzt, er hat seinen Schrecken verloren. Man lässt aber Gregors Zimmer verdrecken (III 7) und zur Rumpelkammer verkommen (III 9) – Gregor ist voller Wut über die schlechte Wartung (III 7). Er isst nun „fast gar nichts mehr“ und ist „zum Sterben müde und traurig“ (III 9), er geht freiwillig auf den Tod zu.

Nach dem Eklat mit den Zimmerherrn beim Violinspiel der Schwester (III 15) ergreift diese die Initiative: Sie fordert wiederholt heftig, man müsse Gregor loswerden, weil er bloß ein Tier sei (III 17, 20, 25); der Vater stimmt ihr zu (III 18), sie schließen sich zum neuen Paar zusammen (III 25, 26). Man sperrt Gregor in seinem Zimmer ein (III 28); er meint noch entschiedener als seine Schwester, verschwinden zu müssen, und stirbt (III 29). „Nun,“ sagte Herr Samsa, „jetzt können wir Gott danken.“ (III 31)

Gregors Schwester wird zu seiner offenen Feindin und verbündet sich noch inniger mit dem Vater, um Gregor zu beseitigen; er stirbt freiwillig.

Auswertung/Interpretation

  1. Der Vater-Sohn-Konflikt wird in der Erzählung „Die Verwandlung“ im Rahmen der Familie ausgetragen. Das sieht man schon daran, dass häufig die Aktionen und Reaktionen der drei anderen Mitglieder berichtet werden, vom Wecken am Unglücksmorgen (I 7) bis zum Ausflug nach Gregors Tod (III 34). Gregor selber nennt die Familie als die Größe, für die er gearbeitet hat (s.o., vor allem II 12) und in der er lebt; für ihn ist nämlich entscheidend, „daß Gregor trotz seiner gegenwärtigen und ekelhaften Gestalt ein Familienmitglied war, das man nicht wie einen Feind behandeln durfte, sondern demgegenüber es das Gebot der Familienpflicht war, den Widerwillen hinunterzuschlucken und zu dulden, nichts als zu dulden“ (III 1).
  2. Durch die Verwandlung wird seine Rolle in der Familie verändert:
  • Er verliert seine Bedeutung als Ernährer der Familie. Er hatte „der erstaunten und beglückten Familie zu Hause“ das Geld auf den Tisch legen können (II 12); niemand brauchte zu arbeiten. Mit der Verwandlung entfällt diese Rolle Gregors (I); der Vater gewinnt neue Macht über ihn (I 27) und drängt ihn gewaltsam in sein Zimmer zurück. Er erscheint Gregor sogar wie verwandelt und verletzt ihn beinahe tödlich (II 29).
  • Allerdings hatte sich das ursprüngliche Ansehen Gregors im Lauf der Zeit schon verloren. „Nur die Schwester war Gregor doch noch nahe geblieben […].“ (II 12). Mit der Verwandlung verliert er auch die Zuneigung der Schwester, die ihn nur noch voller Abscheu versorgt (II).
  • Die Mutter scheint sich zwar anfangs für ihn einzusetzen (I 16 – das könnte aber auch dem Versorger der Familie gelten), kann jedoch seinen Anblick nicht ertragen und flüchtet sich wie selbstverständlich zum Vater (I 27, II 29).
  • Als sich die Schwester mit dem Vater gegen Gregor verbündet (II 28, III 25 f.), fordert sie, Gregor aus der Familie zu entfernen, weil er bloß noch ein Tier sei (III 17 ff.).
  • Gregor, schon lebensmüde (III 9), macht sich in seiner Schwäche diesen Wunsch zu eigen und stirbt (III 29). Ohne ihn lebt die Familie auf (III 30 ff.).
  1. Wenn man die Verwandlung als einen „Aufstand“ Gregors gegen die Familie verstehen will, wäre dieser völlig missglückt. Wenn man sie als schicksalhaftes Ereignis versteht, wäre sie Strafe für sein verfehltes Leben: Er hat sich der schmarotzenden Familie untergeordnet, sich mit dem Bild einer schönen Frau, „das er vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte“ (I 2), begnügt und auf ein eigenes Leben verzichtet (I 16); dafür wird er jetzt bestraft, indem man ihn in sein Zimmer einsperrt. Wenn man die Verwandlung als Auswirkung väterlicher Macht versteht, wäre sie der entscheidende Schritt, mit dem Gregors vaterähnliche Versorgerrolle beendet wird und der Vater seine Übermacht (er verwaltet das Geld, II 12) sowohl zeigt wie festigt (II 29), und zwar im Verein mit der Schwester. – Durch die Verwandlung wird Gregors Rolle in der Familie geschwächt; er wird überflüssig und lästig. Folgerichtig verschwindet er als „Untier“ (III 17) aus diesem Verbund, in dem es für ihn Liebe und „Glanz“ nur um des Geldes willen gegeben hatte (II 12).

 

In Elisabeth Frenzels Werk „Motive der Weltliteratur“ (2008 in der 6. Auflage, ich habe leider nur die 1. Aufl. von 1976) gibt es einen großen Artikel über den „Vater-Sohn-Konflikt“ als Motiv der Weltliteratur. Sie schreibt allgemein über diesen Konflikt (kurz) und geht dann die Beispiele der Weltliteratur durch.

Es dürfte klar sein, dass der Vater-Sohn-Konflikt auch das zentrale Motiv von Kafkas Erzählungen „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ ist. Hinzu kommt der große „Brief an den Vater“ – man muss sich aber davor hüten, diesen Brief als Dokumentation des realen Lebens der Familie Kafka zu lesen; er ist ein Dokument von Franz Kafkas Erleben oder seiner Sicht des Verhältnisses – und als solches kann man es zur Interpretation der beiden Erzählungen (beide älter als der Brief) heranziehen.

Ich möchte anregen, als zentrales Motiv von Kafkas „Die Verwandlung“ nicht die Verwandlung, sondern eben den Vater-Sohn-Konflikt anzusehen, der auch das Verhältnis zu Mutter und Schwester umfasst und dazu die finanzielle Situation der Familie betrifft. In diesem Rahmen könnte man dann auch die plötzliche Verwandlung Gregors (und die Verwandlung der Familie) interpretieren.

Ich nenne zum Schluss der Linkliste einige mehr oder weniger oberflächliche Untersuchungen zum Vater-Sohn-Konflikt in den beiden Erzählungen. Ich erinnere noch daran, dass Kafka selber 1913 die drei Erzählungen „Der Heizer“, „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ unter der Überschrift „Söhne“ herauszugeben vorgeschlagen hat; 1915 hat er dann die Erzählungen „Das Urteil“, „Die Verwandlung“ und „In der Strafkolonie“ unter dem Titel „Strafen“ zu veröffentlichen angeregt.

http://limotee.blogspot.de/2012/08/vater-sohn-konflikt.html (Vater-Sohn-Konflikt: das Motiv in der Literatur)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/6804.htm (Vater-Sohn-Konflikt in der Literatur)

http://www.lesekost.de/themen/HHLTH15.htm (dito: Titel, mit Sekundärliteratur)

http://www.erf.de/online/uebersicht/politik-und-gesellschaft/die-fuenf-tragischsten-vater-sohn-konflikte/2270-542-3775 (Fünf große Vater-Sohn-Konflikte)

http://www.kafkaesk.de/franz-kafka/kafka-familie-freunde/hermann-kafka/verhaeltnis-kafka-vater.html (Vater-Sohn-Konflikt als Zeitphänomen um 1900)

http://www.deutschlandfunk.de/ein-besonderer-vater-sohn-konflikt.700.de.html?dram:article_id=83592 (Vater-Sohn-Konflikt bei Thomas Mann)

https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96dipuskonflikt (Art. „Ödipuskomplex“)

http://www.oedipus-online.de/FreudaufCouch.html (Ödipuskomplex und S. Freud)

http://kino-zeit.de/service/tag/vater-sohn-konflikt (Vater-Sohn-Konflikt: 62 Filme)

http://www.moviepilot.de/filme/beste/handlung-vater-sohn-beziehung (Vater-Sohn-Beziehung: Filme)

http://www.kikt.de/pdf/vortrag_hopf_sohn.pdf (Vater-Sohn, entwicklungspsychologisch)

http://alex-rubenbauer.de/psychologie/432/schwierige-vater-sohn-verhaeltnisse-weit-verbreitet/ (Schwierige Vater-Sohn-Verhältnisse)

http://www.presse.uni-oldenburg.de/einblicke/43/flaake.pdf (Männer als Väter und Söhne – heute)

http://de.uncyclopedia.wikia.com/wiki/Vater (Art. „Vater“, satirisch!)

http://www.huepertexte.de/cms/Joomla/index.php?option=com_content&task=view&id=545&Itemid=53 (Vater-Sohn-Konflikt: U-Ideen)

http://www.academia.edu/6082144/Der_Vater_Sohn-Konflikt_als_Hauptthema_in_Franz_Kafkas_fru_hen_Erz%C3%A4hlungen (Der Vater / Sohn-Konflikt als Hauptthema in Franz Kafkas Frühen Erzählungen – Bachelorarbeit – ziemlich oberflächlich)

http://www.fvss.de/assets/media/jahresarbeiten/deutsch/Kafka.pdf (Vater-Sohn-Beziehung bei Kafka, Facharbeit einer Schülerin)

http://www.grabbe-gymnasium.de/grabbe/analyse/verwandlung.htm (Referat einer Schülerin zu „Die Verwandlung“, leider weithin nur stichwortartig)

http://www.grin.com/de/e-book/194421/franz-kafkas-literarische-auseinandersetzung-mit-dem-vater-sohn-konflikt (ähnlich, Arbeit eines Studenten – unvollständig)

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2016/02/27/verwandlungen-als-kafkas-kernmotiv/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/12/kafka-motiv-der-verwandlung/!

Kafka: Motiv der Verwandlung

 

verwandeln, tr.: das Obj. in etwas anderes übergehen oder dazu werden lassen; rbez.: in etwas anderes übergehen oder dazu werden“ (Sanders: Handwörterbuch der deutschen Sprache, 1911 – die Abkürzungen stehen für transitiv und rückbezüglich)

verwandeln: „etwas in einen anderen Zustand versetzen, so daß es nicht mehr das ist, was es war, und ist daher verschieden von verändern und umgestalten“ (Hoffmann: Vollständiges Wörterbuch der deutschen Sprache, Bd. 6, 1861)

In mehreren Wörterbüchern der deutschen Sprache (Weigand, 1910; Paul, 1908) fehlt das Lemma „verwandeln“.

verwandeln: etw., jmdn. v. ♦ einer Sache, jmdm. eine andere Gestalt, ein anderes Aussehen geben, etw., jmdn. (völlig) ändern [dwds]

Die Verwandlung ist ein Wandel des Wesens durch Veränderung seines Äußeren oder Inneren, in der Mythologie zumeist durch Magie. [Wikipedia: Verwandlung]

Metamorphose in der Mythologie bezeichnet den Gestaltenwechsel oder die Verwandlung einer Gottheit, eines mythischen Wesens oder eines Menschen, seltener von Tieren oder Objekten. Diese kann vorübergehend oder dauerhaft sein. Häufig verläuft die Verwandlung einer Gottheit oder eines Menschen in ein Tier – besonders die Vogelmetamorphose ist ein beliebtes Thema – aber auch in eine Pflanze oder ein Gewässer. Eine besondere Form der Verwandlung ist die Versteinerung. Eine Verwandlung kann auch einen Geschlechtswandel beinhalten. Die Verwandlung von Tieren in Menschen ist seltener.

Fast alle Kulturen kennen die Metamorphose. Sie kann ein Zeichen göttlicher Macht sein, aber auch die Folge einer magischen Handlung. Im Schamanismus spielt die Verwandlung in ein Tier eine besondere Rolle. In der Neuzeit sind Metamorphosen beliebte Sujets in Märchen und in Literatur. Während aber in Mythen und Sagen Verwandlungen häufig einen Nutzen erbringen, ist diese in Märchen meist die Folge von Verwünschungen und Bestrafungen. In der Volkssage ist das Bild der Hexe, die sich in eine Katze verwandelt, ebenfalls verbreitet. [Wikipedia: Metamorphose (Mythologie)]

Die Kategorie der Identität verknüpft mehrere separat wahrnehmbare Phänomene zu dem Eindruck, dass es sich bei ihnen um ein und dasselbe handelt und dass daher alle Assoziationen, die mit dem Wesenskern des einen verbunden sind, auf das andere übertragen werden können. (S. 182)  Gleichheit bedeutet Übereinstimmung des Eigenschaftsprofils, während das keineswegs kontraintuitive Konzept der Verwandlung die Möglichkeit unterstellt, Identität auch bei Wechsel des Erscheinungsbildes zu bewahren. (S. 183, in Norbert Bischof: Moral. Ihre Natur, ihre Dynamik und ihr Schatten, Wien/Köln/Weimar 2012)

 

Auf die Frage, warum Kafka Märchenmotive (wie die Verwandlung) verwendet, hat in einem Forum ein „booster1965“ geantwortet:

Das Groteske entwickelt sich in Kafkas Umformungen zu dem eigentlichen Pendant des Märchenhaften. […]

Kafkas Erzählungen und Romane stimmen nicht mit der Welt überein, die wird durch unsere Sinne wahrnehmen. In seinen Werken treten sprechende und sich verwandelnde Tiere in Erscheinung. […]

Kafkas märchenhaft anmutende Erzählungen rücken jedoch von der etablierten und nach Jolles benannten einfachen Form des Märchens ab. Sie stimmen ausnahmslos nicht mit der naiven Moral des Märchens überein. Denn in den Kafkaschen Märchen wird der Protagonist am Ende nicht erlöst. Es findet keine Rückverwandlung statt. Nach Jolles werden demnach die Erwartungen und Anforderungen, die der Leser an eine gerechte Welt gemäß dem Märchen stellt, nicht erfüllt. […]

Das Motiv der Verwandlung ist so alt wie die Märchen selbst. Am berühmtesten sind die ‚Metamorphosen’ des Ovids. Dieser schildert den Akt der Verwandlung an sich, Kafkas Erzählungen setzen erst nach der Verwandlung des Helden ein und es werden im Laufe der Erzählung Leben und Schicksal des Verwandelten geschildert. Gemeinsam ist beiden aber das Muster der Bestrafungsverwandlung. In der Antike sind es die Götter, die die erniedrigenden Mächte darstellen, in den Märchen oft unbekannte Schicksalsmächte, bei Kafka ist es ebenfalls stets eine anonyme Macht.

Eine zentrale Stellung nimmt das Verwandlungsmotiv im Märchen ein. Häufig verwandelt sich ein Mensch in ein Tier und die Rückverwandlung findet durch eine menschliche Erlösung statt. Man denke z.B. an die Rückverwandlung des verzauberten Prinzen im Froschkönig: Die Prinzessin gibt ihre Ablehnung dem väterlichen Wunsch gegenüber auf und nimmt das Tier an. Die von außen ausgelöste Rückverwandlung eines zum Tier verwandelten Menschen findet sich auch in dem Märchen ‚Die Schöne und das Biest’.

Kafka kannte die Grimmschen Märchen gut. Gelegentlich benutzte er auch Märchen, Volkssagen oder E.T.A. Hoffmanns Nachtstücke als Quellen, durch die er auch einen Anschluss an Ovids Metamorphosen gewann. Nach Max Brods Erinnerung habe Kafka eine Neigung zu „phantastischen Märchen“ besessen. Dies ist jedoch kritisch aufzunehmen, denn Kafka stand dem Märchen auch sehr skeptisch gegenüber. Dies geht aus seiner Tagebucheintragung hervor, die er sich infolge seiner Urlaubsbekanntschaft mit einer jungen Schweizerin in Riva notierte: „Gerne wollte ich Märchen (warum hasse ich das Wort so?) schreiben, die der W. gefallen können.“ Wichtige Ideen für seine märchenhaften Erzählungen könnte Kafka auch aus der religiösen Tradition und der Volkskultur des Ostjudentums erhalten haben. Durch seine Begegnung mit dem jiddischen Theater in Prag in den Jahren 1910-1912 erhielt Kafka, vor allem durch den Schauspieler Jizchak Löwy, wichtige Einblicke in ihre Mythen und Märchen.

‚Die Verwandlung’, die zu den berühmtesten übernatürlichen Erzählungen des 20. Jahrhunderts zu zählen ist, in Bezug zum Märchen zu setzen liegt nahe, wenn man die groben Handlungspunkte dieser Erzählung betrachtet. Eine einzelne Person wird von einem schweren Schicksal getroffen und muss versuchen, sich so gut wie es nur geht, mit dieser Situation zu arrangieren. Aber im Sinne der Märchenstruktur wird Gregor Samsa nicht von seiner Metamorphose erlöst, weshalb man die Verwandlung auch als Antimärchen betrachtet hat. Aber der Begriff ‚Antimärchen’ ist nur in Bezug auf die bekannten Grimmschen Märchen sinnvoll, denn viele außereuropäischen Volksmärchen, wie etwa die auch Kafka bekannte chinesischen, kennen auch das tragische Ende des Helden.“ (http://www.gutefrage.net/frage/warum-maerchen-motive-in-die-verwandlung-) – Vgl. auch meine Untersuchungen: https://norberto42.wordpress.com/2016/02/19/kafka-die-verwandlung-wie-gregor-sie-in-i-erlebt/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/19/kafka-die-verwandlung-warum-gregor-ein-ungeziefer-wird/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/27/verwandlungen-als-kafkas-kernmotiv/!

In seinem „Kommentar zu sämtlichen Erzählungen“ Kafkas (1977, 2. Aufl.) äußert sich Hartmut Binder über mögliche literarische Vorlagen zur „Verwandlung“: Es bestehe kein direkter Zusammenhang mit Ovids Metamorphosen oder vergleichbaren Verwandlungsvorgängen im Märchen – gegen C. Heselhaus, 1952 – sondern mit Dostojewskijs Roman „Der Doppelgänger“ (so M. Spilka, 1959), aus dem Kafka viele Einzelmotive übernommen habe (S. 156). 1983 hat H. Binder auf Johannes Vilhelm Jensens Mythen und Jagden und Exotische Novellen, in denen Verwandlungen in Tiere und von Tieren eine zentrale Rolle spielen, hingewiesen man sieht, dass sich die „Quellen“ Kafkas fix ändern können. Zu Dostojewskijs Roman:

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Doppelg%C3%A4nger_%28Dostojewski%29

http://gutenberg.spiegel.de/buch/-7090/1 (Text)

http://www.dostojewski.eu/02_WERK/18461_Der_Doppelgaenger.htm (Links und Literatur)

Monika Schmitz-Emans: Poetiken der Verwandlung, Innsbruck 2008, untersucht das Motiv der Verwandlung als ein in der europäischen Literatur verbreitetes Motiv. Nicht nur Ovids „Metamorphosen“, sondern auch der Apuleius Roman „Der goldene Esel“ (170) seien seit der Antike bekannt: S. http://www.heinrich-tischner.de/50-ku/marchen/marchen/eselsrom.htm oder https://de.wikipedia.org/wiki/Apuleius; http://www.symbolon.de/downtxt/esel.htm (Text) oder http://www.zeno.org/Literatur/M/Apuleius/Roman/Der+goldene+Esel (Text)

Auch in der deutschen Literatur habe es lange vor Kafka Verwandlung gegeben, so etwa im 17. Jh. die Figur des „Baldanders“ bei Grimmelshausen (Der abenteuerliche Simplicissimus. Continuatio des abenteuerlichen Simplicissimi oder Der Schluß desselben), 9. Kapitel). Ein großer Repräsentant des Motivs sei E.T.A. Hoffmann: Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza (1814); Lebens-Ansichten des Katers Murr (1819/21); Meister Floh (1822) Sie nennt auch Wilhelm Busch; aber das zählt nur eingeschränkt: Wilhelm Busch: Die Verwandlung (1868, märchenartig, erinnert an „Hänsel und Gretel“). Sie verweist auf die großen Namen Darwin – Nietzsche – Freud, die stehen r Verzeitlichung und Dissoziation des Menschen, dessen Wesen sich aufzulösen scheint (S. 45 ff.)

Allgemein sagt Monika Schmitz-Emans über die Literatur des 19. Jahrhunderts: „Zum Grundprinzip ästhetischer Darstellung wird damit die Verfremdung des Vertrauten. Anders gesagt: Ästhetische Darstellung stellt sich nicht mehr in den Dienst der Identifikation dessen, was schon gewusst und bekannt ist, sondern sie betont die Abhängigkeit aller Gegenstände der Erfahrung vom Blick und von Prozessen der interpretierenden Darstellung. Sie macht die Wandelbarkeit aller so genannten Gegenstände des Wissens und der Erfahrung deutlich – und damit die Kontingenz dessen, was in einem bestimmten Moment als ‚Welt‘ erfahren wird.“ (S. 23) Bekannt sei auch Lewis Carrolls Buch „Alice im Wunderland“ (1865). – Kafka stehe also mit „Die Verwandlung“ in einer großen Tradition, die auch nach seinem Tod weitergeführt wird: Italo Calvino, Christoph Ransmayr, Yoko Tawada u.a.

Märchenartige Verwandlungen scheint es in der expressionistischen Literatur öfter gegeben zu haben. Ich bin auf Döblins Märchen „Vom Hinzel und dem wilden Lenchen“ (vor 1915) gestoßen: „Im schlichten Gang der Handlung ereignet sich eine Metamorphose: Hinzel wird zu einem molch. Diese Verwandlung ist Sinnbild der Rückführung eines Menschen in kreatürliche Natur; unter dem Schwarzwaldboden sind Sand und Wasser, ein Reich des Zaubers, der sich von der rationalistischen Oberwelt und von der bürgerlichen Nützlichkeit Lenchens absetzt.“ (Wilfried F. Schoeller: Alfred Döblin. Eine Biographie, München 2011, S. 133)

 

Das Motiv des Käfers taucht bereits in Kafkas Erzählung „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“ ( 1907/09, postum veröffentlicht) auf:

„Da schien es Raban, er werde auch noch die lange schlimme Zeit der nächsten vierzehn Tage überstehn. Denn es sind nur vierzehn Tage, also eine begrenzte Zeit, und wenn auch die Ärgernisse immer größer werden, so vermindert sich doch die Zeit, während welcher man sie ertragen muß. Daher wächst der Mut ohne Zweifel. ›Alle, die mich quälen wollen und die jetzt den ganzen Raum um mich besetzt haben, werden ganz allmählich durch den gütigen Ablauf dieser Tage zurückgedrängt, ohne daß ich ihnen auch nur im geringsten helfen müßte. Und ich kann, wie es sich als natürlich ergeben wird, schwach und still sein und alles mit mir ausführen lassen und doch muß alles gut werden, nur durch die verfließenden Tage.

Und überdies kann ich es nicht machen, wie ich es immer als Kind bei gefährlichen Geschäften machte? Ich brauche nicht einmal selbst aufs Land fahren, das ist nicht nötig. Ich schicke meinen angekleideten Körper. Wankt er zur Tür meines Zimmers hinaus, so zeigt das Wanken nicht Furcht, sondern seine Nichtigkeit. Es ist auch nicht Aufregung, wenn er über die Treppe stolpert, wenn er schluchzend aufs Land fährt und weinend dort sein Nachtmahl ißt. Denn ich, ich liege inzwischen in meinem Bett, glatt zugedeckt mit gelbbrauner Decke, ausgesetzt der Luft, die durch das wenig geöffnete Zimmer weht. Die Wagen und Leute auf der Gasse fahren und gehen zögernd auf blankem Boden, denn ich träume noch. Kutscher und Spaziergänger sind schüchtern und jeden Schritt, den sie vorwärts wollen, erbitten sie von mir, indem sie mich ansehn. Ich ermuntere sie, sie finden kein Hindernis. Ich habe, wie ich im Bett liege, die Gestalt eines großen Käfers, eines Hirschkäfers oder eines Maikäfers, glaube ich.‹

Vor einer Auslage, in der hinter einer nassen gläsernen Scheibe auf Stäbchen kleine Herrenhüte hingen, blieb er stehn und schaute, die Lippen gespitzt, in sie. ›Nun, mein Hut wird für die Ferien noch reichen‹, dachte er und ging weiter, ›und wenn mich niemand meines Hutes halber leiden kann, dann ist es desto besser. Eines Käfers große Gestalt, ja. Ich stellte es dann so an, als handle es sich um einen Winterschlaf, und ich preßte meine Beinchen an meinen gebauchten Leib. Und ich lisple eine kleine Zahl Worte, das sind Anordnungen an meinen traurigen Körper, der knapp bei mir steht und gebeugt ist. Bald bin ich fertig – er verbeugt sich, er geht flüchtig und alles wird er aufs beste vollführen, während ich ruhe.‹“ (http://gutenberg.spiegel.de/buch/franz-kafka-erz-161/3)

Vgl. auch die Käferbilder:

https://turmsegler.net/img/2007/Luis_Scafati-Kafka.gif

http://www.goldini.com/muestras/kafka.jpg

https://norberto42.wordpress.com/tag/die-verwandlung/ (Bilder zu Die Verwandlung)

 

Motiv (Verwandlung OR Metamorphose OR Gestaltwandel):

http://de.academic.ru/dic.nsf/pierer/5725/Metamorphose (Begriff der Metamorphose)

http://www.kallerkunst.de/atelier/text/metamorphose/ (Prinzip der Metamorphose, M. in der Kunst)

http://www.jugendliteratur.net/download/gasperi.pdf Die immer mögliche Verwandlung (im Märchen)

http://www.brg-schoren.ac.at/wiki/5i/index.php/Verwandlung_als_Symbol

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=3205&ausgabe=200012 (Besprechung einer Diss.)

http://www.maerchenlexikon.de/texte/archiv/derungs01.htm (Märchen und Totemismus)

http://www.cornelsen.de/bgd/97/83/06/06/02/08/7/9783060602087_x1SE_005.pdf (Motiv Verwandlung in der Literatur)

https://de.wikipedia.org/wiki/Metamorphosen_%28Ovid%29 (ein Klassiker der Literatur)

http://www.hellenica.de/Griechenland/Mythos/Metamorphosen.html (zu Ovid)

http://www.perikopen.de/Lesejahr_A/2Fast_A_Mt17_1-9_Wussow.pdf (Zur Verklärung = Verwandlung Jesu)

https://www.historicum.net/themen/hexenforschung/lexikon/alphabetisch/p-z/artikel/Zauber_und_Hexentiere/ (Verwandlung in Tiere, in Zusammenhang mit dem Hexenglauben)

http://www.judith-sixel.de/reviews/ (Judith Sixel: Roman: Verwandlung einer Frau in eine Ratte)

http://www.rpgworld.de/wiki/themes/vampire_masquerade/gestaltwandel (Gestaltwandel in Rollenspielen)

C. F. Meyer: Hochzeitslied – Überlegungen

Über die Zeitgebundenheit großer Dichter

Bereits wenn die in der „Freiburger Anthologie“ gesammelten bedeutenderen Gedichte Conrad Ferdinand Meyers anschaut, erkennt man, wie stark manche zeitgebunden sind. Ich denke etwa an das 1881 veröffentlichte „Hochzeitslied“ – Meyer war immerhin Mitte 50, also eigentlich ein reifer Mann:

 

Hochzeitslied

Aus der Eltern Macht und Haus
Tritt die züchtge Braut heraus
An des Lebens Scheide –
Geh und lieb und leide!

 

5 Freigesprochen, unterjocht,
Wie der junge Busen pocht
Im Gewand von Seide –
Geh und lieb und leide!

 

Frommer Augen helle Lust
10 Überstrahlt an voller Brust
Blitzendes Geschmeide –
Geh und lieb und leide!

 

Merke dir’s, du blondes Haar:
Schmerz und Lust Geschwisterpaar,
15 Unzertrennlich beide –
Geh und lieb und leide!

(http://www.lyrik123.de/conrad-ferdinand-meyer-hochzeitslied-9709/)

Dass Liebe und Leid zusammenhängen, ist sicher eine Einsicht, die man im Lauf des Lebens erwirbt – falls man sie nicht bereits hatte. Aber dass dieses „Leiden“ hier anscheinend nur der Braut, also der Frau angedient und aufgetragen wird, ist doch Signatur einer paternalistischen Welt, wogegen Frauen zu Recht revoltiert haben.

Mit diesem Gedicht wird die Analyse Meyer’scher Gedichte hier abgeschlossen.

 

http://www.zeno.org/Literatur/M/Meyer,+Conrad+Ferdinand/Gedichte (Gedichte, 1892)

http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/meyer_gedichte_1882 (Gedichte, 1882)

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meyer,_Conrad_Ferdinand (Biografie)

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118581775.html (dito, neuer)

Ach

Der Kollege Matthias Klagges schrieb mir u.a.:

Nebenbei dann einiges gelernt zu „ach“ (Ulla Hahn, Angeschaut, Z. 11),
wahrscheinlich dem wichtigsten Minimalsignifikant in der deutschen Literatur…

Das Wörtchen Ach in der deutschen Liebeslyrik vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert
http://www.deutsche-liebeslyrik.de/manuskript/manuskript60/manuskript60.htm

außerdem: Goethe: Faust:
„Habe nun, ach! Philosophie“
„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“

Schiller (sowieso):
„Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen? /
Spricht die Seele so spricht ach! schon die Seele nicht mehr.“ (aus: Musenalmanach für das Jahr 1797) => spricht die Seele ACH, so spricht die Seele schon NICHT mehr

und vor allem: Kleist, dazu sofort gekauft und dann gelesen
László F. Földényi: Heinrich von Kleist. Im Netz der Wörter. München. Matthes & Seitz 1999. S. 15-23 (= ACH!) – sehr gut,

und dort zu Hahn „Angeschaut“ gefunden / passend: „Alkmene: Ach!“ (Ende von Kleist: Amphitryon)

„Alkmenes Seufzer, als sie von Jupiter verlassen wird, der ihr in Gestalt des Gatten Amphitryon eine Liebesnacht geschenkt hatte. Wie überlebt ein sterbliches Wesen diese Heimsuchung durch einen göttlichen Liebhaber? Wie kann das Leben danach weitergehen? Muss es nicht zur Wüste werden, und ist das „Ach“ nicht auch Ausdruck des Schreckens vor dem Undsoweiter der Gewöhnlichkeit?“ Vgl. Rüdiger Safranski: „Ach“. http://www.zeit.de/2000/03/200003.l-kleist_.xml (aufgerufen 14.9.2015)

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Ich meine, man müsste Schillers Distischon anders lesen, und zwar so (vgl. http://amor.cms.hu-berlin.de/~h2816i3x/Talks/SchillerSinnspruch.pdf):

„Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen? /
Spricht die Seele, so spricht ach! schon die Seele nicht mehr.“

Das steht in einer Tradition, die wir schon im Römerbrief (8,26) finden: „Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können.“ Bei Paulus finden wir auch die Gegenüberstellung gramma/pneuma.

Vgl. auch http://lexika.digitale-sammlungen.de/adelung/lemma/bsb00009131_3_1_1067, https://de.wiktionary.org/wiki/ach und die anderen Wörterbücher zu „ach“!

Brecht: Was gehört in den Kanon seiner Gedichte?

Fragen dieser Art sind müßig und sind es nicht. Müßig sind sie, weil in ein Kunsturteil viel persönlicher Geschmack einfließt; weil man aber doch fragen darf, welche Gedichte denn nun einen dauernden Wert haben, sind sie nicht müßig.

Wen sollen wir mit unserer Frage behelligen? Ich nenne drei kompetente Leser, die ich befragen möchte: Wieland Herzfelde, er hat 1951 „Hundert Gedichte. 1918 – 1950“ in der DDR herausgegeben – notgedrungen fehlen deshalb die späten Gedichte; Peter Suhrkamp, er hat in der Bibliothek Suhrkamp „Bertolt Brechts Gedichte und Lieder“ herausgegeben (33. – 39. Tausend 1963); und Marcel Reich-Ranicki hat eine Reihe von Brechts Gedichten in seinen „Kanon“ aufgenommen (http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kanon bzw. http://swbplus.bsz-bw.de/bsz121156613inh.pdf;jsessionid=1326A5A977FE57499A4F06DD7085E051?1348505500337). In allen drei Sammlungen stehen folgende Gedichte (wobei ich ein Versehen meinerseits nicht ausschließen kann, weil die drei Herausgeber die Gedichte nach verschiedenen Gesichtspunkten angeordnet haben, sodass man leicht die Übersicht verliert; ferner variieren die Überschriften, z. B. beim „Choral vom Baal“, bei den „Terzinen über die Liebe“ u.a.):

Vom armen B.B.

Von der Freundlichkeit der Welt

Vom ertrunkenen Mädchen

Die Moritat von Mackie Messer

Die Seeräuber-Jenny (= Lied der Jenny)

Rückkehr

An meine Landsleute

Legende vom toten Soldaten

Kinderkreuzzug

Legende von der Entstehung des Buches Taoteking…

Der Pflaumenbaum

Erinnerung an die Marie A.

Die Maske des Bösen

Auf einen chinesischen Teewurzellöwen (= Theewurzellöwen)

An die Nachgeborenen

Ich habe mich an der Reihenfolge Peter Suhrkamps orientiert; das sind 15 von dessen 77 Gedichten (wobei ich bei ihm allerdings einige Gedichte vermisse, die in meinen Augen unbedingt in den Kanon gehören: Fragen eines lesenden Arbeiters, Der Zweifler u.a.).

Wenn man wiederum von Peter Suhrkamps Sammlung ausgeht und fragt, wo noch einer der beiden anderen ihm zustimmt, findet man folgende Gedichte:

Vom Klettern in Bäumen

Vier Aufforderungen an einen Mann

Gegen Verführung

Das Lied vom Wasserrad

Vom Sprengen des Gartens

Von der Willfährigkeit der Natur

Von der Billigung der Welt

Kohlen für Mike

Choral vom Manne Baal

Ballade von des Cortez Leuten

Abbau des Schiffes Oskawa durch die Mannschaft

Deutschland

Ballade von der Judenhure Marie Sanders

Gedanken über die Dauer des Exils

Schlechte Zeit für Lyrik

Motto der „Svendborger Gedichte“

Frühling 1938

1940

1941

An die deutschen Soldaten im Osten

Und was bekam des Soldaten Weib?

Lied einer deutschen Mutter

Der Schuh des Empedokles

Die Liebenden (= Terzinen über die Liebe)

Der Kirschdieb

Der Rauch

das sind weitere 26 Gedichte. Jetzt kann man noch die Schnittmenge von Reich-Ranicki und Herzfelde festhalten, um allen Dreien gerecht zu werden:

General, dein Tank ist ein starker Wagen

Einheitsfrontlied

Fragen eines lesenden Arbeiters

Kinderhymne

Die Pappel vom Karlsplatz

das sind noch einmal fünf Gedichte, macht zusammen 36 Gedichte. Man könnte natürlich noch andere Sammlungen heranziehen, ich könnte ebenfalls meinen Senf dazu geben: Es kann in solchen Fragen keine Eindeutigkeit [bei Wieland Herzfeldes Sammlung fällt auf, wie stark dort die „Deutsche Kriegsfibel“ (1938), „Pamphlete und Loblieder“ sowie „Zeitgedichte und Marschlieder“, also politisch linientreue Gedichte berücksichtigt sind] und keine Vollständigkeit geben – lassen wir es heute bei diesen 36 Gedichten. Wenn wir in zwanzig Jahren noch einmal über den Brecht-Kanon nachdenken (sofern ich dann noch denken kann), kommen wir vermutlich zu anderen Ergebnissen.

Epochenumbruch um 1900

Mit diesem Stichwort bzw. mit „Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert“ wird ein thematischer Schwerpunkt des Lehrplans Deutsch der Sekundarstufe II von NRW umschrieben. Deshalb ist es nötig, diesen Umbruch zu verstehen – aber nicht nur deshalb, sondern auch aus dem Grund, weil mit diesem Umbruch „die Moderne“ beginnt, vereinfacht gesagt. Ich orientiere mich an Hermann W. von der Dunck: Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. I (dt. 2004), den es in der BpB preisgünstig zu kaufen gibt oder gab, Kap. II: Das Ende einer Epoche, S. 76-243. Was Herr von der Dunk auf 165 Seiten schreibt, kann man natürlich nur verkürzt auf einigen Seiten zusammenfassen; ich schreibe im Indikativ, müsste aber als Referent eigentlich durchweg Konjunktiv I benutzen:

Das 19. Jahrhundert endete „eigentlich“ erst 1914 mit dem Beginn des Weltkriegs, wenn das Jahr 1900 auch als Schwelle empfunden wurde: gigantische Weltausstellung in Paris. Was änderte sich in dieser Zeit? Die Lebensverhältnisse in den Städten änderten sich; durch neue Verkehrsmittel konnte man am Wochenende den tristen Städten entfliehen. In den Städten wuchsen riesige Mietskasernen, in speziellen Vierteln errichtet. Schulpflicht und zunehmende Geburtenregelung führten zu einer Verbesserung der Lebensumstände. – Die Könige waren dabei, ihre Macht zu verlieren und mehr oder weniger Bilder der Macht zu sein, in den verschiedenen Ländern aber unterschiedlich stark. Der Adel verlor an Einfluss; er war dem alten Prinzip der Ehre verpflichtet, während das neue Prinzip „Leistung“ hieß; die reichen Brüger näherten sich dem Adel an. – Die Ständegesellschaft löste sich auf, es gab eine neue Elite mit politischen oder Verwaltungsaufgaben; es bildete sich eine „Intelligenz“ heraus. Insgesamt kam dem Nationalismus als Bindeglied große Bedeutung zu, er war eine Art neuer Religion. Die Situation der Arbeiter hatte sich verbessert, sie wandten sich großenteils sozialistischen Partien zu – doch blieben die verschiedenen Sozialismen national bestimmt; die Kirchen versuchten, brave christliche Gewerkschaften zu gründen.

Die Kirchen unterlagen der Säkularisierung: Der Kirchenbesuch ging zurück, die Kirchen verloren öffentliche Aufgaben an den Staat, im Inneren begehrten modernder Denkende gegen die traditionellen Dogmen auf. Es kam eine Frauenbewegung auf, die den Zugang der Frauen zum öffentlichen Leben, zum Studium und zu Teilnahme an Wahlen forderte. Das neue Jahrhundert stand auf besondere Weise im Zeichen der Jugend; der Vater-Sohn-Konflikt erhielt in der Psychologie Freuds eine zentrale Bedeutung (Ödipuskomplex). Eine pädagogische Reformbewegung wollte zur Charakterbildung und zur freien Selbstentfaltung des Einzelnen beitragen, statt aus ihm nur einen braven, nützlichen Staatsbürger zu machen.

Es entstand auch eine neue Jugendbewegung, weil Jugend sich als eine besondere Lebensphase etablierte und weil „die Jugend“ Trägerin einer hoffnungsvollen Zukunft war, die sich von der harten Welt der Erwachsenen unterschied. Es gab natürlich die kirchlichen Vereine und auch die vormilitärischen Pfadfinder, aber der Wandervogel war die richtige Jugendbewegung: Raus aus der Stadt, Gemeinschaft und Natur auf einfachste Weise erleben! Zudem kam mit der Idee des Sports eine Demokratisierung der Körperkultur auf.

In der Unterhaltungsliteratur kam die Kunst auch zur Menge; der Comic wurde erfunden, Kabarett, Revue und Film waren Kunstformen für die vielen – die elitäre Entwicklung der Kunst kriegten nur wenige mit.

Gegen die kapitalistische Industriegesellschaft wurde „Natur“ neu gesehen und gesetzt: das Widersinnige, Zerrissene der menschlichen Existenz. Raum und Zeit wurden neu erfahren: Beschleunigung als Prinzip der industriellen Produktion, Zerbrechen der einheitlichen Zeit- und Raumvorstellungen durch die Physik und die Erforschung fremder Völker. Das seit der Aufklärung bestimmende autonome Subjekt wurde relativiert als Lebens- und Triebwesen, als geschichtlich und sozial determiniert: Nietzsche, Bergson, Dilthey (Vitalismus, Lebensphilosophie).

Die neue Realitätsvorstellung in den Künsten:

Raum und Zeit waren problematisch geworden. Die Romanautoren J. Conrad, M. Proust, J. Joyce, Th. Mann, F. Kafka führten neue Weise des Erzählens ein – die Zeit war nicht mehr der Ordnungsrahmen eines kontinuierlich ablaufenden überschaubaren Geschehens. Im Drama räumten Strindberg, L. Pirandello, G. Kaiser, Schnitzler und F. Wedekind mit der bürgerlichen Welt- und Wertordnung auf. Die Fotografie hatte das Abbilden unternommen – so sahen sich die Maler in ihrer Existenz herausgefordert: Picasso entwickelt eine multiperspektivische Darstellung der Personen; die Dinge wurden in ihre Grundbestandteile oder -formen zerlegt und wieder zusammengesetzt; Kandinsky malte 1910 das erste abstrakte Bild. In Italien wurde das Manifest des Futurismus veröffentlicht: ein Kult des Tempos, der Kraft, der neuen Zeit. Bereits Mallarmé hatte das Wort befreien wollen, von der Bindung an die Dinge lösen, dem grafischen Zeichen eine eigene Bedeutung zuerkannt. In der Architektur ging die Veränderung langsamer vor sich (A. Loos), in der Dekoration entstand der Jugendstil. Die Musik löste sich aus dem traditionell harmonischen Rahmen (Schönberg: Zwölftonmusik), es kamen mit dem Jazz Elemente „unzivilisierter Völker“ in die Musik, Strawinsky erprobte Neues.

Diese Bewegung war nicht ohne Widersprüche: Man wollte weg von der Zivilisation und ihren Zwängen, betrieb das aber mittels einer Vergeistigung, die nur wenigen zugänglich war, und im Verbund mit den Wissenschaften. „Die Sehnsucht nach dem mythischen Erleben stand in direktem Zusammenhang mit einer Zukunftsgläubigkeit, mit der die Rebellen sich als Erben des neunzehnten Jahrhunderts erwiesen.“

Die Künstler verstanden sich messianisch – als Profeten einer neuen Zeit oder Künder des großen Untergangs; insgesamt waren sie eher „links“ eingestellt. Überall wurde eine traditionelle Ordnung in Frage gestellt. Der vertraute Himmel der Kirchen wie des Erlebens verschwand, die hergebrachte soziale Ordnung (oben/unten, Adel/Bürger/Arbeiter, Mann/Frau, Erwachsene/Jugend/Kinder) ging in die Brüche, die religiöse Sinndeutung verlor an Glaubwürdigkeit – die Kunst war nicht mehr der Welt zugewandt, sondern beschäftigte sich weithin mit sich selbst, mit ihrem Material und seinen Möglichkeiten: Der Rezipient musste selber zusehen, was ihm noch Kunst war und welchen Sinn er damit verbinden konnte. [Ende des Referats!]

Fazit: Man sollte sehen,

1. dass die Literatur in einem großen Umbruch aller Künste stand;

2. dass dieser Umbruch auch seine sozialen, politischen, wissenschaftlichen Entsprechungen (oder Gründe?) hatte;

3. dass es natürlich Anknüpfung an die Tradition (Rousseau, Aufklärung) und innere Widersprüche der neuen Bewegungen gab;

4. dass es „den Umbruch“ nicht gab – es waren oft nur kleine Gruppen, zumindest in der Kunst, die solche Umbrüche vollzogen und verstanden.

Für mein (N.T.) Empfinden versteht man die neuen Entwicklungen in der Literatur am besten, wenn man parallel die Entwicklung in der Malerei verfolgt: Die ist anschaulich zu (be)greifen; da kann man etwas intensiver hinschauen, ohne gleich das Ganze der Kulturgeschichte packen zu müssen.

* Schau dir Bilder von Francis Picabia an! Das ist ein Hinweis Heißenbüttels; ich würde schon auf Bilder von Braque, Léger (z.B. Contrastes de Formés, 1911), Picassso oder Juan Gris nach 1910 hinweisen [später: Marcel Duchamp!]. Fragmentation ist der Titel, unter dem solche Bilder im Centre Pompidou in Paris zusammengestellt sind. Wenn Andreas Beyer („Der souveräne, freie Blick“, SZ vom 21. Oktober 2006) recht hat, hat Paul Cézanne den entscheidenden Schritt zum konstruktiven Sehen getan und Picasso 1907 mit seinem Bild „Demoiselles d’Avignon“ das erste Bild der Moderne gemalt. Auch die Bilder im Arbeitsheft Kubismus sind aufschlussreich.

Aber die Schlagworte Naturalismus / Impressionismus / Fin de Siècle / Symbolismus / Jugendstil / Expressionismus sollte man schon „drauf haben“ und inhaltlich ein bisschen füllen können. Vgl. diesen Artikel (dort „Unterrichtseinheit: Lyrik des Expressionismus“) und die 1. Lektion von https://norberto42.wordpress.com/2013/01/13/deutsche-lyrik-1945-1960-unterricht/. Dort steht: Vielleicht ist der Überblick über die Geschichte der deutschen Lyrik, die Eberhard Hermes in seinem Buch „Abiturwissen Lyrik“ (Klett, 1985 = 9. A. 2000, S. 103 ff.) gibt, geeignet, einige Merkmale der Moderne (dazu S. 135 ff.) zu erfassen: Das Problem der Moderne besteht darin, dass die überlieferten Ausdrucksmittel der Sprache nicht mehr auf die erlebte Wirklichkeit passen. (1) Ein erster Lösungsversuch habe darin bestanden, „das alltagssprachlich vermittelte Oberflächenbild einer zusammenhängenden Realität zu durchstoßen, um der Wirklichkeit unmittelbar zu begegnen“. Beispiel dafür wäre A. Lichtenstein: Ein dicker Junge spielt… (2) Der nächste Schritt sei dort erfolgt, „wo zum Zeilenstil die Häufung der Bilder und ihre Isolierung voneinander dazukommt“. Beispiel dafür wäre Hans Arp: Ein Tag fällt vom Lichtbaum ab… (3) Die letzte Stufe der Auflösung „wäre dann der Verzicht auf Sprache überhaupt“, z.B. in Hugo Balls „Wolken“: elomen elomen lefitalominal…. [Hieran schließt Hermes seine Ausführungen über die hermetische Literatur Ingeborg Bachmanns und Paul Celans an.] – Damit sind drei Merkmale expressionistischer Lyrik beschrieben, die in den 20er Jahren endete und deren „Fortführung“ 1933 politisch verhindert wurde. http://www.xlibris.de/Epochen/VJahrhdt/VJhdrt1.htm bietet einen Überblick über die Literaturgeschichte 1900 – 1933 und damit in den Beginn der Moderne – zugleich ein Beitrag zum sogenannten Epochenumbruch von 1900.

Vgl. „Kunst & Kultur“ im Kaiserreich

Historischer Kontext der Literaturgeschichte ab 1880

Der Begriff „Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert“ (auch: der E. um 1800) ist eine Erfindung der Leute, die die Richtlinien NRW und das segensreich darauf abgestimmte TTS bei Cornelsen machen. Wenn man in die Wörterbücher schaut, findet man

1. im Metzler Lexikon Literatur (2007) die Begriffe „Avantgarde“ und „Moderne“,

2. im Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie (2004) die Begriffe „Avantgarde“, „Epochenschwelle“, „Moderne“ und „Modernismus, Literaturtheorien des“.

Im Metzler Lexikon Literatur findet man Folgendes:

Die Avantgarde ist ein Teil der Moderne im engeren Sinn (etwa ab 1900); den Beginn markiert das Futuristische Manifest F.T. Marinettos (1909). Abgelehnt wird Kunst als Imitation (Nachahmung der Natur oder der maßgebenden Autoren); es werden die Techniken der Montage und der Collage eingesetzt. Die Utopie einer neuen Kunst meint die Überwindung des Grabens zwischen Leben und Kunst und meint damit die Utopie einer neuen Gesellschaft.
Der Begriff der Moderne ist unklar; er kann die „Neuzeit“ seit der Renaissance meinen, die mit der Frühromantik beginnende Moderne (etwa seit 1795) oder eben die Moderne ab 1900. Diese letzte, an das Fin de Siècle geknüpfte Moderne kämpft gegen den Naturalismus und für eine Autonomie der Kunst und Literatur, für ihre Unabhängigkeit von der industriellen Zivilisation und der gesellschaftlichen Realität. Neben den besonderen Ausprägungen in Berliner, Wiener und Münchener Moderne stehen die „Richtungen“ oder Bewegungen des Ästhetizismus, Symbolismus, der Décadence, der Neuromantik und Neuklassik – und dann eben die bereits genannte Avantgarde.

Nachtrag:

In einem bemerkenswerten Aufsatz über „Die ästhetische Moderne und ihre Ursprünge im Okkulten“ (Untertitel des Aufsatzes „Totale Innerlichkeit“, SZ 24. November 2009) hat Thomas Steinfeld vorgeschlagen, gerade die Wende zur Abstraktion als „Konsequenz einer entschlossenen Esoterik“ zu verstehen. Gestützt auf viele Buchtitel (u.a. Christoph Türcke: Fundamentalismus, 2003) findet er hinter der entschieden modernen Abstraktion die Hoffnung, „sich zu einer totalen Innerlichkeit vorkämpfen zu können, zu Begegnungen von Seele mit Seele von so unmittelbarem Charakter, dass nichts in der herkömmlichen, irgendwie ‚figurativen’ Kunst sich damit hätte messen können“. Das sei ein religiöses Motiv, Ausdruck einer Theologie ohne Kirche.

Je mehr jedoch die Künstler sich in diese Hoffnung verrannten, desto mehr sahen sie sich dazu „gezwungen zu tun, was sie zuvor unbedingt vermeiden wollten: sich zu erklären, zu Worten und Texten zu greifen, zu verdeutlichen, was doch von allem Anfang an hätte evident sein sollen“. Denn die neue Wahrheit habe sich nicht geoffenbart, die Hoffnung auf den Ursprung der Kunst im Glauben an das Überirdische habe getrogen.

Diese Analyse Steinfelds wird durch eine Bemerkung Alfred Döblins bestätigt. In seinem Aufsatz „Bekenntnis zum Naturalismus“ (1920) wendet sich Alfred Döblin gegen die expressionistische Manier des Schreibens: „In der Dichtung wird seit einer Anzahl Jahren das ‚Beschreiben’, ‚Schildern’ als kunstfeindlich perhorresziert. Es wird in eine Linie gestellt mit dem ‚Abmalen’ in der Malerei. Die Ablehnung des ‚Beschreibens’ stammt aus dem allgemeinen Gefühl, daß die Vergeistigung zurzeit der wichtigste elementarste Antrieb der Künste ist; überall wird der materielle ‚realistische’ Ballast über Bord geworfen; es besteht das unbändige Verlangen, lebendige Seele unmittelbar zu geben, um sich den anderen Seelen zu nähern.“ (zitiert nach W. F. Schoeller: Alfred Döblin. Ein Biographie, 2011, S. 245 f.)

 

Die derzeitige Fülle der Publikationen über den Zusammenhang zwischen Okkultismus und Moderne zeige, dass hier etwas historisch zu werden beginnt; dass die ästhetische Moderne nach hundert Jahren ihrem Ende entgegengeht. – Das Gleiche ergibt sich meines Erachtens aus der Tatsache, dass „der Epochenumbruch um 1900“ in NRW Abiturthema bzw. ein leitender Aspekt für Themen im Fach Deutsch ist. Wortreich dürfen Schüler sich (in der Nachfolge von Hofmannsthals Chandos-Brief) darüber auslassen, welch gewaltige Sprachnot die Menschen bedrängt – ohne dass sie verstanden hätten, welche Wünsche sich hinter dieser „Sprachnot“ verbergen. (29.11.2009)

2. Nachtrag:

Stefan Zweig (1881 – 1942) hat in seinen Lebenserinnerungen „Die Welt von gestern“, einem charmanten Buch, das er 1941 geschrieben hat, im zweiten Kapitel „Die Schule im vorigen Jahrhundert“ (S. 47 ff.) behandelt. Darin erzählt er einmal von der geist- und seelenlosen Paukerei im österreichischen Gymnasium seiner Zeit [übrigens nicht die ganze Wahrheit, wenn man Freuds Erinnerungen berücksichtigt: Zur Psychologie des Gymnasiasten]; dagegen grenzt er die maßlose Begeisterung der Gymnasiasten für alles Künstlerische ab, dessen sie in Wien habhaft werden konnten. In diesem Zusammenhang zeichnet er mit einem groben Pinsel ein Bild vom sogenannten Epochenumbruch (S. 63 ff.) in der Kunst, dem dann auch ein politischer Umbruch entspricht (S. 81 ff.). Die strahlendste Gestalt des Neuen, der jugendlich revolutionären Künstler war für ihn Hugo von Hofmannsthal (S. 66 ff.), ein von Anfang an Vollendeter; Rilkes Entwicklung zum Künstler dagegen bezeugte ihm und seinen Kameraden, dass man „wie Rilke tasten, versuchen, sich formen, sich steigern“ konnte (S. 74). – Zweig zeichnet viele feine Linien aus seiner Erinnerung in das Bild des Aufbruchs, der sich gegenüber dem Beständigen und Honorigen der Ständegesellschaft des 19. Jahrhunderts ca. ab 1895 in Wien abzuzeichnen begann. Ich beziehe mich auf die Ausgabe in der „Bibliothek des 20. Jahrhunderts“, die im Deutschen Bücherbund o.J. erschienen ist. Es lohnt sich, das Buch in Ruhe zu lesen und nicht nur Belege für den Epochenumbruch im Din A4-Format herauszuschnippeln. (15. Januar 2011) In Fontanes Roman Der Stechlin wird der Übergang vom Alten zur neuen Zeit direkt thematisiert. Auch die Galgenlieder Christian Morgensterns zeigen, dass sich etwas Neues tut. (8. September 2013)

3. Nachtrag: Epochenbruch durch den 1. Weltkrieg

Wie aber lässt sich die Geschichte dieses Krieges heute noch erzählen? Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs lassen sich im Nachhinein nicht mehr einholen. Ihren Wertverlust im Krieg hatte schon Walter Benjamin 1933 festgehalten: „Die Erfahrung ist im Kurs gefallen und das in einer Generation, die 1914-1918 eine der ungeheuersten Erfahrungen der Weltgeschichte gemacht hat.“ Was die Väter ihren Söhnen zu sagen hätten, gelte nichts mehr, deshalb müssten diese in ihrer Erfahrungsarmut wieder ganz von Vorne anfangen. […]

Bei den Siegermächten gab es über alles Leid hinweg im Sieg der Idee der liberalen Demokratien eine letzte Antwort auf die Frage, wofür die Opfer gut gewesen waren. Etwas hält sich auch heute noch durch, über alle Fremdheit zwischen den Generationen, die auch dort eingetreten ist. In Deutschland dagegen versuchen wir vergeblich, über den Geschichtsbruch des Ersten Weltkriegs hinweg die Grundlagen des Fühlens und Denkens der Zeitgenossen, ihre Erfahrungen und Wertungen in uns wieder zu beleben. Alles Verstehen dieser Zeit ist deshalb trügerisch – geht es doch von Kenntnissen, Wertungen und Weltbildern aus, die damals noch nicht bestanden.

Die Geschichtswissenschaft stellt dies, nicht erst heute, vor die Aufgabe, das Unverständliche zu verstehen. Dazu ist es notwendig, die Natur moderner Geschichtsbrüche zu begreifen. Mit einem Geschichtsbruch beginnt nicht nur eine neue Epoche, es wird nicht einfach ein neues Kapitel im Geschichtsbuch aufgeschlagen.

Wenn die Geschichte bricht, dann bricht der ganze geschichtliche Horizont zusammen, in dem sich Menschen existenziell verorten: Worauf man bisher glaubte bauen zu können, erweist sich als brüchig. Und selbst die Vergangenheit stellt sich ganz anders dar als zuvor. Geschichtsverläufe über Geschichtsbrüche hinweg lassen sich nicht verstehen, sondern nur in ihrer Unverständlichkeit beschreiben.

Im Ersten Weltkrieg ist in Deutschland das gemeinsame Band der Geschichte zwischen den Generationen, aber auch zwischen den Tätern und Opfern des kriegerischen Gemetzels gerissen. Der Verlust des Vertrauens, einer gemeinsamen Geschichte und Gesellschaft anzugehören, schleppt sich seither über die Jahrzehnte fort.

Wir begegnen den Symptomen im Verstummen der aus dem Krieg Heimgekehrten gegenüber dem Leid auf den Schlachtfeldern, in den traumatischen Erfahrungen der Opfer des Krieges und der ethnischen Verfolgungen, in der Unfähigkeit der Kriegsgeneration, den Jüngeren die Umstände klar zu machen, unter denen sie selbst gehandelt und empfunden haben.

(Lucian Hölscher: Ein Riss in der Zeit – der ganze Aufsatz ist lesenswert.)

4. Nachtrag: angrenzende Epochen 

Naturalismus (ab 1880)

https://de.wikipedia.org/wiki/Naturalismus_(Literatur)

http://oregonstate.edu/instruct/ger341/natural.htm

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/literaturge/naturalismus.htm

http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/naturalismus.htm

http://www.literatur-hausarbeiten.com/deutsche-literatur/Naturalismus.php

Expressionismus (ab 1910)

http://www.seilnacht.com/Lexikon/Express.htm (als Kunstrichtung: Malerei)

https://de.wikipedia.org/wiki/Expressionismus_(Literatur)

http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/expressionismus.htm

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/literaturge/expressio.htm

http://www.schule-bw.de/unterricht/faecher/deutsch/unterrichtseinheiten/epoch2/expressionismus/

Neue Sachlichkeit

https://norberto42.wordpress.com/2012/09/22/neue-sachlichkeit-in-kunst-und-literatur-links/ (Linksammlung)

In der Praxis (Abitur NRW) wird auch die Neue Sachlichkeit zum Epochenumbruch um 1900 gezählt. – Vgl. auch meine Darstellung zum Epochenumbruch um 1800 (mit Links von Übersichten über die ganze deutsche Literaturgeschichte): https://norberto42.wordpress.com/2011/01/31/epochenumbruch-um-1800-ubersicht-epochen-der-deutschen-literatur-links/, wo auch der bürgerliche Realismus berücksichtigt ist, der zusammen mit dem Naturalismus den Hintergrund bzw. die Vorgeschichte des sogenannten Epochenumbruchs um 1900 bildet.