H. C. Andersen: Suppe aus einem Wurstspeiler – Text und Analyse

Andersen: Suppe aus einem Wurstspeiler (= von einem Wurstspeiler)

* Ein Wurstspeiler ist ein kleiner Holzspieß, mit dem man eine gerollte Wurst zusammenhält.

1) Suppe aus einem Wurstspeiler

»Das war gestern ein ausgezeichnetes Mittagessen!« sagte eine alte Mäusefrau zu einer, die nicht bei dem Schmaus gewesen war. »Ich saß einundzwanzig Plätze von dem alten Mäusekönig entfernt; das ist doch gar nicht schlecht! Wenn ich Ihnen nun etwas über die Gänge sagen soll, so waren sie sehr gut zusammengestellt: Schimmeliges Brot, Speckschwarte, Talglicht und Wurst – und dann dasselbe wieder von vorn; das war so gut, als hätten wir zwei Mahlzeiten bekommen. Es war eine behagliche Stimmung und gemütliches Durcheinander wie in einem Familienkreis; nichts ist übrig geblieben außer den Wurstspeilern. Darüber wurde natürlich gesprochen und auch davon, wie man Suppe aus einem Wurstspeiler kochen könnte; gehört hatte ja schon jeder davon, aber keiner hatte die Suppe gekostet, geschweige denn verstanden, sie zu kochen. Es wurde ein reizender Toast auf den Erfinder der Suppe ausgebracht, er verdiene, Armenhausvorsteher zu werden! War das nicht witzig? Und der alte Mäusekönig erhob sich und gelobte, dass diejenige von den jungen Mäusen, welche die erwähnte Suppe am leckersten kochen könnte, seine Königin werden sollte; Jahr und Tag sollten sie Bedenkzeit haben.«

»Das ist gar nicht so übel!« sagte die andere Maus, »aber wie kocht man die Suppe?« »Ja, wie kocht man sie?« Das fragten auch die andern Mäusedamen, junge und alte. Alle wollten sie gern Königin sein, aber keine wollte sich die Mühe machen, in die weite Welt hinauszugehen, um es zu lernen; doch das würde wohl notwendig werden. Aber es ist auch nicht jedem gegeben, die Familie und die alten Ecken und Winkel zu verlassen; nicht alle Tage kommt man draußen an Käserinde und den Geruch von Speckschwarten, nein, man muss manchmal Hunger leiden; vielleicht wird man sogar lebendigen Leibes von einer Katze gefressen!

Solche Gedanken waren es wohl auch, welche die meisten abschreckten, auf Erkundung auszuziehen. Es stellten sich nur vier Mäuse zur Abreise ein, jung und flink, aber arm; sie wollten jede bis an eines der vier Enden der Welt gehen, und nun kam es darauf an, wem das Glück zur Seite stände. Jede von ihnen nahm einen Wurstspeiler mit, um nicht zu vergessen, weshalb sie verreiste; er sollte ihr Wanderstab sein.

Anfang Mai zogen sie fort, und erst im Mai des folgenden Jahres kamen sie zurück, jedoch nur drei von ihnen; die vierte meldete sich nicht und ließ auch gar nichts von sich hören. Und nun war der Tag der Entscheidung da.

»Mit jedem Vergnügen ist doch immer ein Kummer verbunden«, sagte der Mäusekönig; aber er gab doch den Befehl, alle Mäuse viele Meilen im Umkreis einzuladen, sie sollten sich in der Küche versammeln. Die drei Reisemäuse standen in einer Reihe für sich; für die vierte, die fehlte, war ein Wurstspeiler mit schwarzem Trauerflor aufgestellt. Niemand wagte, etwas zu sagen, bevor nicht die drei gesprochen und der Mäusekönig bestimmt hatte, was weiter geschehen sollte.

Nun werden wir es hören.  

2) Was die erste kleine Maus auf der Reise gesehen und gelernt hatte

»Als ich in die weite Welt hinauszog«, sagte die kleine Maus, »glaubte ich wie so viele in meinem Alter, ich hätte schon alle Weisheit der Welt gefressen. Ich fuhr sogleich zur See, und zwar mit einem Schiff, das nach Norden sollte. Ich hatte gehört, dass ein Schiffskoch sich auf dem Meer zu helfen wissen müsse; aber es ist leicht, sich zu helfen, wenn man Speckseiten, Tonnen voll Pökelfleisch und schimmeliges Mehl hat; man lebt ausgezeichnet, aber man lernt dabei nicht, wie man eine Suppe aus einem Wurstspeiler kochen kann. Wir segelten viele Nächte und Tage, das Schiff schlingerte und wir wurden tüchtig nass. Als wir an Ort und Stelle ankamen, verließ ich das Schiff; es war hoch oben im Norden.

Es ist schon seltsam, aus seinem heimatlichen Winkel herauszukommen und mit einem Schiff zu fahren, das aber auch eine Art Winkel ist, und dann plötzlich über hundert Meilen entfernt zu sein und in einem fremden Land zu stehen. Dort gab es unwegsame Wälder mit Tannen und Birken, die stark dufteten. Ich habe das gar nicht gern! Die wilden Kräuter rochen so würzig, ich musste niesen und an Wurst denken. Dort waren große Waldseen; das Wasser sah in der Nähe ganz klar aus, aber aus der Ferne wie schwarze Tinte. Weiße Schwäne schwammen dort, ich hielt sie für Schaum, so still lagen sie; aber ich sah sie fliegen und ich sah sie gehen, da erkannte ich sie. Sie gehören zum Geschlecht der Gänse, das sieht man schon am Gang; niemand kann seine Herkunft verleugnen! Ich hielt mich an meine Art, ich schloss mich den Wald- und Feldmäusen an, die übrigens sehr wenig wissen, besonders was die Bewirtung angeht; und das war es doch gerade, weshalb ich ins Ausland gereist war. Der Idee, Suppe aus einem Wurstspeiler zu kochen, war für sie ein so außerordentlicher Gedanke, dass er sofort durch den ganzen Wald ging; aber die Aufgabe zu lösen, das hielten sie für ein Ding der Unmöglichkeit. Damals dachte ich überhaupt nicht daran, dass ich dort und noch in derselben Nacht in die Zubereitung eingeweiht werden sollte. Es war Mittsommer, darum dufte der Wald so stark, sagten sie; darum seien die Kräuter so würzig, die Seen so klar und doch so dunkel mit den weißen Schwänen auf dem Wasser. Am Saum des Waldes, zwischen drei, vier Häusern, war eine Stange errichtet, so hoch wie der Großmast eines Schiffes; ganz oben hingen Kränze und Bänder, es war ein Maibaum. Knechte und Mägde tanzten rundherum und sangen dazu mit der Fiedel des Spielmannes um die Wette. Es ging lustig her bei Sonnenuntergang und im Mondenschein, aber ich nahm nicht teil; was soll eine kleine Maus auf dem Ball im Wald! Ich saß im weichen Moos und hielt meinen Wurstspeiler fest. Der Mond schien besonders auf eine Stelle, wo ein Baum mit einem so feinen Moos stand, ja, ich darf wohl sagen, so fein wie das Fell des Mäusekönigs, aber es war grün – eine Wohltat für die Augen. Da kamen auf einmal die lieblichsten kleinen Leute aufmarschiert, nicht größer, als dass sie mir bis ans Knie reichten; sie sahen aus wie Menschen, aber sie waren besser proportioniert. Sie nannten sich Elfen und hatten feine Kleider aus Blütenblättern mit Fliegen- und Mückenflügelbesatz, gar nicht übel. Es kam mir so vor, als ob sie etwas suchten, ich wusste jedoch nicht was; dann kamen einige auf mich zu, der Vornehmste zeigte auf meinen Wurstspeiler und sagte: ›Das ist gerade so einer, wie wir ihn brauchen! Der ist zugespitzt, der ist ausgezeichnet!‹ Und je länger er meinen Wanderstab betrachtete, desto entzückter wurde er.

Nur leihen, aber nicht behalten! ‹ sagte ich. Nicht behalten‹, sagten sie alle, fassten den Wurstspeiler, den ich losließ, und tanzten mit ihm zu der Stelle mit dem feinen Moos, wo sie den Wurstspeiler mitten im Grünen aufrichteten. Sie wollten auch einen Maibaum haben, und der, den sie nun hatten, war ja auch wie dafür geschaffen. Nun wurde er geschmückt – ja, da bekam er erst ein Aussehen!

Kleine Spinnen spannen Golddraht darüber, behängten ihn mit wehenden Schleiern und Fahnen, so fein gewebt, so schneeweiß im Mondenschein gebleicht, dass es mir die Augen blendete. Sie nahmen Farben von den Flügeln des Schmetterlings und streuten diese über das weiße Leinen, da erschienen Blumen und Diamanten darauf; ich erkannte meinen Wurstspeiler nicht wieder. Ein solcher Maibaum findet gewiss nicht seinesgleichen auf der ganzen Welt! Und nun erst kam die richtige große Elfengesellschaft, ganz ohne Kleider, feiner konnte es nicht sein; mich lud man ein, das Fest mit anzusehen, aber aus einiger Entfernung, denn ich war ihnen zu groß.

Nun begann das Musizieren. Es war, als klängen Tausende von Glasglocken, so voll und stark, dass ich glaubte, es wären Schwäne, die sängen. Ja, es schien mir, als könnte ich auch den Kuckuck und die Drossel hören; es war zuletzt, als klänge der ganze Wald, da waren Kinderstimmen, Glockenklang und Vogelsang, die lieblichsten Melodien. Und all die Herrlichkeit erklang aus dem Maibaum der Elfen, der war ein ganzes Glockenspiel und war doch nur mein Wurstspeiler. Dass so viel aus ihm herauskommen könnte, hätte ich nie geglaubt; aber es kommt wohl immer darauf an, in welche Hände man gerät. Ich war wirklich sehr gerührt; ich weinte, wie nur ein Mäuschen weinen kann, vor lauter Freude.

Die Nacht war allzu kurz, aber sie ist nun einmal dort oben um diese Zeit nicht länger. In der Morgendämmerung wehte ein Lüftchen, der Wasserspiegel des Waldsees kräuselte sich, all die feinen schwebenden Schleier und Fahnen flogen in der Luft davon; die schaukelnden Lauben aus Spinnwebe, die Hängebrücken und Balustraden oder wie sie nun heißen, die von Blatt zu Blatt gespannt waren, flogen davon wie nichts. Sechs Elfen brachten mir meinen Wurstspeiler wieder und fragten, ob ich irgendeinen Wunsch hätte, den sie mir erfüllen könnten; da bat ich sie, mir zu sagen, wie man Suppe aus einem Wurstspeiler kocht.

Wie wir es machen‹, sagte der Vornehmste und lachte, ›das hast du doch soeben gesehen! Du kanntest deinen Wurstspeiler ja kaum wieder!‹ So meinen Sie es also‹, sagte ich und erzählte geradeheraus, warum ich auf Reisen sei und was man sich zu Hause davon verspreche. ›Welchen Nutzen‹, fragte ich, ›haben der Mäusekönig und unser ganzes mächtiges Reich davon, dass ich diese Herrlichkeit gesehen habe? Ich kann sie nicht aus dem Wurstspeiler schütteln und sagen: Seht, hier ist der Wurstspeiler, und nun kommt die Suppe! Das wäre doch höchstens eine Art Nachtisch – wenn man schon satt ist!‹

Da tauchte der Elf seinen kleinen Finger in den Kelch eines blauen Veilchens und sagte zu mir: ›Gib acht! Ich bestreiche deinen Wanderstab, und wenn du nach Hause zum Schloss des Mäusekönigs kommst, dann berühre mit dem Stab die warme Brust deines Königs und es werden Veilchen sprießen und den ganzen Stab bedecken, selbst zur kältesten Winterzeit. Sieh, dann hast du doch etwas nach Hause gebracht, und nun bekommst du noch ein bisschen dazu.‹« Aber bevor die kleine Maus sagte, was dieses bisschen sei, richtete sie ihren Stab auf die Brust des Königs, und wirklich, da spross der herrlichste Blumenstrauß hervor, der überaus stark duftete. Deshalb befahl der Mäusekönig, die Mäuse, welche dem Schornstein am nächsten standen, sollten sofort ihre Schwänze ins Feuer stecken, damit es etwas verbrannt rieche; denn der Veilchenduft sei nicht auszuhalten, das sei kein Geruch, den man schätze.

»Aber was war das Bisschen, von dem du eben sprachst?« fragte der Mäusekönig. »Ja«, sagte die kleine Maus, »das ist das, was man wohl den Knalleffekt nennt!« Und darauf kehrte sie den Wurstspeiler um; keine Blume war mehr da, sie hielt nur den nackten Speiler, und diesen hob sie wie einen Taktstock.

»Veilchen, sagte mir der Elf, sind für die Augen, für den Geruch und das Gefühl; aber es bleibt noch übrig, für das Gehör und den Geschmack zu sorgen!« Nun schlug sie den Takt; das war eine Musik, nicht wie sie im Wald beim Fest der Elfen erklang, nein, wie sie in der Küche zu hören ist. Na, das war ein Durcheinander! Es kam plötzlich, gerade als ob der Wind durch alle Schornsteine brauste; Kessel und Töpfe kochten über, der Feuerhaken donnerte gegen den Messingkessel, und dann wurde es auf einmal still. Man hörte den gedämpften Gesang des Teekessels, so wunderlich, dass man gar nicht wusste, ob er zu summen aufhörte oder begann; der kleine Topf kochte und der große Topf kochte, einer kümmerte sich nicht um den andern, es war, als habe jeder Topf seine Gedanken nicht beisammen. Und die kleine Maus schwang ihren Taktstock immer wilder – die Töpfe schäumten, brodelten, kochten über, der Wind sauste, der Schornstein pfiff – huha! Es wurde so entsetzlich, dass die kleine Maus selbst den Stock verlor.

»Das ist keine einfache Suppe!« sagte der Mäusekönig, »wird sie nun angerichtet?« »Das war das Ganze!« sagte die kleine Maus und verneigte sich. »Das Ganze! Ja, dann lasst uns hören, was die nächste zu berichten hat!« sagte der König.

3) Was die zweite kleine Maus zu erzählen wusste

»Ich bin in der Schlossbibliothek geboren«, sagte die zweite Maus, »ich und mehrere aus meiner Familie haben nie das Glück gekannt, in ein Speisezimmer, geschweige denn in die Speisekammer zu kommen; erst auf meiner Reise habe ich heute hier zum ersten Mal eine Küche gesehen. Wir haben wirklich oft Hunger in der Bibliothek gelitten, aber uns dafür viele Kenntnisse erworben. Auch zu uns drang das Gerücht von dem königlichen Preis, der dafür ausgesetzt war, Suppe aus einem Wurstspeiler zu kochen; da war es meine alte Großmutter, die ein Manuskript hervorsuchte, das sie zwar nicht lesen konnte, das sie aber hatte vorlesen hören, und darin stand: ›Ist man ein Dichter, so kann man Suppe aus einem Wurstspeiler kochen.‹ Sie fragte mich, ob ich ein Dichter sei. Ich fühlte mich in dieser Hinsicht unschuldig, und sie sagte, dann müsse ich sehen, dass ich einer würde. Was dazu erforderlich sei, fragte ich, denn es war für mich ebenso schwierig, das herauszufinden wie die Suppe zu kochen; doch Großmutter war bestens informiert. Sie sagte, es seien hauptsächlich drei Dinge erforderlich: ›Verstand, Phantasie und Gefühl, kannst du dir diese aneignen, so wirst du ein Dichter, und dann kommst du wohl auch mit dem Wurstspeiler zurecht!‹ Und dann ging ich nach Westen, in die weite Welt hinaus, um Dichter zu werden.

Verstand ist bei jedem Ding das Wichtigste, das wusste ich; die beiden anderen Teile werden nicht in gleicher Weise geschätzt. Ich suchte also zuerst den Verstand. Ja, wo wohnte der wohl? ›Gehe zur Ameise und werde weise!‹ hat ein großer König im Judenland gesagt, das wusste ich aus der Bibliothek; so machte ich keine Rast, bis ich zu einem großen Ameisenhaufen kam. Dort legte ich mich auf die Lauer, um weise zu werden.

Die Ameisen sind ein sehr respektables Volk, sie leben mit Verstand. Alles ist bei ihnen wie ein großes Rechenexempel, das aufgeht. Arbeiten und Eierlegen, sagen sie, heißt in der Zeit leben und für die Nachwelt sorgen, und das tun sie denn auch. Sie teilen sich in die sauberen und die schmutzigen Ameisen auf; der Rang besteht in einer Nummer, die Ameisenkönigin ist Nummer eins, und ihre Ansicht ist die einzig richtige; sie hat alle Weisheit geschluckt, und das zu wissen war für mich von Bedeutung! Sie sagte vieles, das war so klug, dass es mir dumm vorkam. Sie sagte, ihr Ameisenhaufen sei das Höchste in dieser Welt; aber dicht bei dem Haufen stand ein Baum, der höher, viel höher war, das ließ sich nicht leugnen, und so sprach man nicht davon. Eines Abends hatte sich eine Ameise dorthin verirrt, war den Stamm hinaufgekrochen, nicht einmal bis zur Krone, aber doch höher, als vorher irgendeine Ameise gekommen war. Als sie umkehrte und wieder nach Hause kam, erzählte sie im Haufen von etwas viel Höherem draußen; aber das empfanden die Ameisen als Beleidigung ihrer Gesellschaft, und die Ameise wurde deshalb zu Maulkorb und immerwährender Einsamkeit verurteilt. Doch kam kurze Zeit darauf eine andere Ameise zu dem Baum; sie nahm denselben Weg und machte die gleiche Entdeckung, sprach aber, wie man sagte, nur vorsichtig und in unklaren Ausdrücken davon. Da sie außerdem eine geachtete Ameise und eine der sauberen war, so glaubte man ihr, und als sie starb, setzte man ihr eine Eierschale als Denkmal; denn bei ihnen werden die Wissenschaften geachtet. Ich sah«, sagte die kleine Maus, »dass die Ameisen unaufhörlich mit ihren Eiern auf dem Rücken umherliefen. Eine von ihnen verlor das ihrige, sie gab sich große Mühe, es wieder aufzuheben, aber es wollte ihr nicht gelingen; da kamen zwei andere hinzu und halfen ihr aus Leibeskräften, so dass sie beinahe ihre eigenen Eier dabei verloren hätten. Da ließen sie es augenblicklich wieder sein, denn jeder ist sich selbst der Nächste; und die Ameisenkönigin äußerte darüber, hier sei Herz und Verstand gezeigt worden. ›Diese beiden Eigenschaften stellen uns Ameisen auf die höchste Stufe unter den Vernunftwesen. Der Verstand soll und muss jedoch den Vorrang haben, und ich habe den größten!‹ Dabei erhob sie sich auf ihre hintersten Beine; so war sie zu erkennen – ich konnte gar nicht fehlgehen – und verschluckte sie. Gehe zur Ameise und werde weise! Nun hatte ich die Königin.

Ich ging nun näher an den erwähnten großen Baum heran; es war eine Eiche, sie hatte einen hohen Stamm und eine mächtige Krone und war sehr alt. Ich wusste, hier wohnte ein lebendiges Geschöpf, eine Frau; Dryade wird sie genannt. Sie wird mit dem Baum geboren und stirbt auch mit ihm; ich hatte davon in der Bibliothek gehört – nun sah ich einen solchen Baum, sah ein solches Eichenmädchen; es stieß einen entsetzlichen Schrei aus, als es mich so nahe erblickte. Es fürchtete sich wie alle Frauen vor Mäusen, aber es hatte auch mehr Grund dazu als die anderen; denn ich hätte den Baum durchnagen können, und an ihm hing ja sein Leben. Ich sprach es freundlich und herzlich an, flößte ihm Mut ein und es nahm mich in seine feine Hand; als es erfuhr, warum ich in die weite Welt gegangen war, versprach es mir, ich solle vielleicht schon am selben Abend einen der zwei Schätze erhalten, die ich noch suchte. Es erzählte mir, dass Phantasus sein bester Freund sei und dass er so schön wie der Liebesgott sei. Er ruhe manche Stunde hier unter den belaubten Zweigen des Baumes, die dann noch kräftiger über den beiden rauschten. Er nenne sie seine Dryade, sagte sie, und den Baum seinen Baum. Die knorrige, mächtige schöne Eiche sei ganz nach seinem Sinn, die Wurzeln breiteten sich tief und fest in der Erde aus, der Stamm und die Krone höben sich hoch empor in die frische Luft und kännten den vom Sturm gefegten Schnee, die heftigen Winde und den warmen Sonnenschein so gut, wie man sie kennen solle. Ja, so sprach sie: ›Die Vögel singen dort oben und erzählen von fremden Ländern. Und auf dem einzigen dürren Ast hat der Storch sein Nest gebaut, das schmückt schön ihn und man bekommt etwas aus dem Land der Pyramiden zu hören. Das alles kann Phantasus gut leiden; es reicht ihm nicht einmal. Ich selbst muss ihm noch von meinem Leben im Wald erzählen, wo ich noch klein war und der Baum so zart, dass eine Brennnessel ihn verdeckte, bis jetzt, wo er so groß und mächtig geworden ist. Setze dich nun dort unter den grünen Waldmeister und gib gut Acht! Ich werde, wenn Phantasus kommt, schon Gelegenheit finden, ihn am Flügel zu zupfen und ihm eine kleine Feder auszurupfen. Die nimm dann, eine bessere hat kein Dichter bekommen; dann hast du genug.‹

Und Phantasus kam, die Feder wurde ausgerupft und ich nahm sie«, sagte die kleine Maus, » und ich hielt sie ins Wasser, damit sie weich würde. Sie war auch dann noch schwer verdaulich, aber ich habe sie doch aufgeknabbert. Es ist durchaus nicht leicht, sich zum Dichter durchzubeißen; es gibt so vieles, was man in sich aufnehmen muss. Nun hatte ich bereits zwei Dinge, Verstand und Phantasie; dadurch wusste ich nun, dass das dritte Ding in der Bibliothek zu finden sei. Ein großer Mann hat nämlich gesagt und aufgeschrieben, dass es Romane gibt, die allein dazu da sind, die Menschen von den überflüssigen Tränen zu befreien; sie seien so eine Art Schwamm, um die Gefühle aufzusaugen. Ich erinnerte mich an einige dieser Bücher, die mir immer ganz appetitlich ausgesehen hatten; sie waren so zerlesen, so fettig, sie müssen ganze Gefühlsströme in sich aufgesogen haben.

Ich ging heim in die Bibliothek, fraß gleich so gut wie einen ganzen Roman, das heißt das Weiche, das Eigentliche; die Kruste dagegen, den Einband ließ ich liegen. Als ich ihn verdaut hatte und noch einen dazu, spürte ich schon, wie es sich in meinem Innern regte. Ich fraß noch ein wenig von einem dritten, und dann war ich ein Dichter; das sagte ich mir selbst und sagte es auch den andern. Ich hatte Kopf- und Leibschmerzen – ich weiß nicht mehr, was ich alles für Schmerzen hatte; ich dachte nur darüber nach, welche Geschichten wohl in Verbindung mit einem Wurstspeiler gebracht werden könnten. Sehr viele Speiler und andere Hölzchen kamen mir in den Sinn – die Ameisenkönigin hatte einen außergewöhnlichen Verstand gehabt. Ich erinnerte mich an den Mann, der ein weißes Hölzchen in den Mund nahm und dann mitsamt dem Hölzchen unsichtbar wurde. Ich dachte an die Redewendung ›vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen‹, an ›den Stab über einen brechen‹ und andere Sprüche. Alle meine Gedanken gingen in Speilern und Hölzchen auf. Und davon müsste man auch ein Gedicht machen können, wenn man ein Dichter ist, und das bin ich; ich habe keine Mühe gescheut, bis ich es endlich geworden bin. Ich werde somit an jedem Tag der Woche mit einem Speiler, einer Geschichte aufwarten können – ja, das ist meine Suppe!«

»Lasst uns nun die dritte Maus hören!« sagte der Mäusekönig.

»Piep, piep!« sagte es in der Küchentür, und eine kleine Maus, es war die vierte von ihnen, die totgeglaubte, schoss herein und rannte den Wurstspeiler mit dem Trauerflor um. Sie war Tag und Nacht gelaufen, war auf der Eisenbahn mit einem Güterzug gefahren, wozu sie zufällig Gelegenheit gefunden hatte, und doch wäre sie fast zu spät gekommen. Sie drängte sich vor, sah zerzaust aus, hatte ihren Wurstspeiler verloren, aber nicht die Sprache. Sie ergriff sofort das Wort, als wenn man nur auf sie gewartet hätte, nur sie anhören wollte. Das geschah so plötzlich und unerwartet, dass niemand Zeit fand, sich über ihren Vorwitz groß aufzuregen, bevor sie mit ihrer Rede fertig war. Nun, wir wollen hören!

4) Was die vierte Maus, bevor die dritte gesprochen hatte, zu erzählen wusste

»Ich ging sogleich in die Großstadt«, sagte sie »der Name ist mir entfallen, ich habe ein schlechtes Namengedächtnis. Von der Eisenbahn kam ich mit konfiszierten Gütern aufs Rathaus, und dort lief ich zum Kerkermeister; er erzählte von seinen Gefangenen, besonders von einem, der unbesonnenes Zeug gesprochen hatte, und darüber war wieder gesprochen und geschrieben worden. »Das Ganze ist Suppe aus einem Wurstspeiler«, sagte er, »aber die Suppe kann ihn den Kopf kosten.« Das flößte mir nun Interesse für den Gefangenen ein«, sagte die kleine Maus; »ich benutzte die Gelegenheit und huschte zu ihm hinein, ein Mauseloch findet sich auch hinter verschlossenen Türen! Er sah blass aus, hatte einen langen Bart und große funkelnde Augen. Die Lampe rußte, die Wände waren schon daran gewöhnt, sie wurden nicht schwärzer. Der Gefangene ritzte Bilder und Verse hinein, Weiß auf Schwarz, ich habe sie nicht gelesen. Ich glaube, er langweilte sich; so war ich ein willkommener Gast. Er lockte mich mit Brotkrümeln, mit leisem Pfeifen und sanften Worten; er freute sich so über mich – ich fasste Vertrauen zu ihm und wir wurden Freunde. Er teilte Brot und Wasser mit mir, er gab mir Käse und Wurst. Ich lebte flott; aber es war doch, muss ich sagen, hauptsächlich sein guter Umgang, der mich fesselte. Er ließ mich auf seiner Hand und auf seinem Arm laufen, den ganzen Ärmel hinauf; er ließ mich in seinen Bart kriechen und nannte mich seinen kleinen Freund. Ich gewann ihn richtig lieb – so etwas ist eben gegenseitig. Ich vergaß meinen Auftrag in der weiten Welt, vergaß auch meinen Wurstspeiler in einer Ritze im Fußboden, dort liegt er noch. Ich wollte bleiben, wo ich war; wenn ich fortging, hatte der arme Gefangene ja keinen mehr, und das ist zu wenig in dieser Welt! Ich blieb also, aber er blieb nicht. Das letzte Mal sprach er ganz traurig zu mir, gab mir doppelt so viel Brot und Käserinde wie sonst und warf mir noch eine Kusshand zu; er ging und kam nie wieder. Ich kenne seine Geschichte nicht.

»Suppe aus einem Wurstspeiler«, hatte der Kerkermeister gesagt; zu diesem ging ich nun, doch ihm hätte ich nicht trauen sollen. Er nahm mich zwar in seine Hand, aber er steckte mich in einen Käfig, in eine Tretmühle; das ist entsetzlich! Man läuft und läuft und kommt nicht weiter und wird obendrein noch ausgelacht! Die Enkelin des Kerkermeisters war eine allerliebste Kleine, mit goldblonden Locken, fröhlichen Augen und lachendem Mund. »Arme kleine Maus!« sagte sie, guckte in meinen hässlichen Käfig hinein und schob den Riegel zurück – und ich sprang aufs Fensterbrett und in die Dachrinne hinaus. Frei! Frei! Daran allein dachte ich und nicht an das Ziel meiner Reise.

Es war dunkel, es wurde Nacht, ich suchte Obdach in einem alten Turm; dort wohnten ein Wächter und eine Eule. Ich traute keinem von beiden, am wenigsten der Eule; sie gleicht einer Katze und hat den großen Fehler, dass sie Mäuse frisst. Aber man kann sich irren, und das tat ich in diesem Fall; sie war eine respektable, außerordentlich gebildete alte Eule; sie wusste mehr als der Wächter und ebenso viel wie ich. Die Eulenjungen machten von jeder Kleinigkeit viel Aufheben. »Kocht nur keine Suppe aus einem Wurstspeiler!« sagte sie; das war das Härteste, was sie übers Herz bringen konnte – sie liebte ihre Jungen zu innig. Ich fasste ein solches Vertrauen zu ihr, dass ich ihr aus der Spalte, in der ich saß, »piep« zurief; dieses Zutrauen gefiel ihr sehr, und sie versicherte mir, dass ich unter ihrem Schutz stände. Keinem Tier sollte es erlaubt sein, mir Böses anzutun; das wolle sie selbst erst im Winter tun, wenn es schmale Kost gebe.

Sie war in allem ein kluges Tier; sie bewies mir, dass der Wächter ohne das Horn, das lose an seiner Seite hing, nicht tuten könnte. »Er bildet sich entsetzlich viel darauf ein und er glaubt, er sei eine Eule im Turm. Groß hinaus will er, aber winzig ist er! Suppe aus einem Wurstspeiler!« Ich bat sie, mir das Rezept dafür zu geben, und nun erklärte sie es mir: »›Suppe aus einem Wurstspeiler‹ ist nur eine menschliche Redensart und ist auf verschiedene Weise zu verstehen; ein jeder hält sein Verständnis für das richtige, aber das Ganze ist eigentlich nichts«

»Nichts?« fragte ich. Das traf mich. Die Wahrheit ist nicht immer angenehm, aber die Wahrheit geht über alles! Das sagte auch die alte Eule. Ich dachte darüber nach und sah ein: Wenn ich die Wahrheit als das Höchste mitbrächte, dann brächte ich viel mehr als Suppe aus einem Wurstspeiler. Und dann eilte ich fort, damit ich noch zur rechten Zeit nach Hause käme und das Höchste und Beste mitbrächte: die Wahrheit. Die Mäuse sind ein aufgeklärtes Volk, und der Mäusekönig steht über ihnen allen. Er ist imstande, mich um der Wahrheit willen zur Königin zu machen.«

»Deine Wahrheit ist eine Lüge!« sagte die Maus, die noch nicht die Erlaubnis zum Sprechen bekommen hatte. »Ich kann die Suppe kochen, und das werde ich auch tun« 

5) Wie sie gekocht wurde

»Ich bin nicht gereist«, sagte die dritte Maus, »ich bin im Land geblieben, das ist das Richtige! Man braucht nicht zu reisen, man kann hier alles ebenso gut bekommen. Ich bin hier geblieben. Ich habe meine Weisheit nicht von übernatürlichen Wesen gelernt, es mir nicht angefressen oder von Eulen gehört. Ich habe mein Wissen erworben, indem ich selber gedacht habe. Wollt ihr nun den Kessel aufs Feuer setzen und Wasser hineinfüllen! Ganz voll! Noch mehr stochen! Brennen lassen, bis das Wasser kocht – es muss sprudelnd kochen! Nun den Speiler hineinwerfen! – Wollen der Mäusekönig nun geruhen, seinen Schwanz in das kochende Wasser hineinzustecken und umzurühren! Je länger er umrührt, desto kräftiger wird die Suppe; es kostet nichts! Man braucht keine Zutaten – nur umrühren!«

»Kann das nicht ein anderer tun?« fragte der König. »Nein«, sagte die Maus, »die Kraft steckt nur im Schwanz des Mäusekönigs!«

Und das Wasser kochte und sprudelte, der Mäusekönig stellte sich dicht daran, es war beinah gefährlich. Er streckte den Schwanz aus, so wie es die Mäuse in der Milchkammer tun, wenn sie den Rahm aus einem Napf abschöpfen und sich darauf den Schwanz ablecken; aber er bekam den seinigen nur bis in den heißen Dampf hinein, dann sprang er sofort herunter und sagte: »Natürlich wirst du meine Königin! Mit der Suppe wollen wir aber bis zu unserer goldenen Hochzeit warten; dann haben die Armen meines Reiches etwas, worauf sie sich freuen können, und das wird eine große Freude!«

Und dann hielten sie Hochzeit. Aber mehrere Mäuse sagten, als sie nach Hause kamen: »Das konnte man doch nicht Suppe aus einem Wurstspeiler nennen, das ist eher Suppe aus einem Mäuseschwanz!« Dieses und jenes von dem, was erzählt worden war, fanden sie ganz gut; aber das Ganze hätte auch anders sein können: »Ich hätte es so erzählt – oder so – oder so –!«

Das war die Kritik, und die ist immer so klug – hinterher.

Und diese Geschichte ging um die ganze Welt; die Meinungen über sie waren geteilt, aber die Geschichte selbst blieb ganz. Und das ist das Wichtigste, im Großen wie im Kleinen, auch bei der Suppe aus einem Wurstspeiler; man darf nur keinen Dank dafür erwarten.

Die Übersetzung, die meiner Bearbeitung zugrunde liegt, ist die von https://internet-maerchen.de/maerchen/wurstspeiler.htm („Sämmtliche Märchen“, minimal geglättet); ich habe öfter auf http://visitandersen.de/suppe-von-einem-wurstspeiler/ und auch auf „Sämmtliche Märchen“ zurückgegriffen. Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/05/andersen-suppe-von-aus-einem-wurstspeiler-kurze-analyse/

H. C. Andersen: Was Vater tut, ist immer recht – Text und Analyse

Andersen: Was Vater tut, ist immer recht (= Wie‘s der Alte macht, ist‘s immer richtig)

Nun will ich dir einmal eine Geschichte erzählen, die ich gehört habe, als ich noch ein kleiner Junge war; so oft ich seither an die Geschichte dachte, kam sie mir jedes Mal schöner vor. Es geht mit den Geschichten gerade wie mit manchen Menschen; sie werden mit dem Alter immer schöner.

Du bist ja wohl schon draußen auf dem Land gewesen und hast dort ein richtiges altes Bauernhaus gesehen? Auf seinem Strohdach wächst Unkraut und Moos, und ein Storchennest steht auf der Dachfirst – ja, der Storch, der darf nicht fehlen. Die Wände sind schief, die Fenster niedrig, und man kann nur ein einziges davon aufmachen. Der Backofen ragt wie ein kleiner dicker Bauch aus der Mauer heraus, und der Fliederbusch neigt sich über den Zaun hinüber, neben dem eine Wasserpfütze mit einer Ente, oder oft auch mit mehreren Entlein unter einem verkrüppelten Weidenbaum steht. Außerdem ist auch noch ein Kettenhund da, der alle ohne Ausnahme anbellt.

Gerade so ein Bauernhaus stand draußen auf dem Land; darin wohnte ein altes Ehepaar, ein Bauer und eine Bäuerin. Sie besaßen zwar sehr wenig, meinten aber, sie könnten immerhin noch ein Teil entbehren, nämlich ein Pferd, das am Grabenrand neben der Landstraße zu grasen pflegte. Auf diesem Pferd ritt der Bauer gelegentlich nach der Stadt; die Nachbarn liehen es zuweilen aus und halfen dafür den Alten bei anderen Sachen. Allein, die Bauersleute dachten, es wäre besser, wenn sie das Pferd verkauften oder gegen irgendetwas eintauschten, das ihnen größeren Nutzen brächte. Aber was könnte das sein?

»Das wirst du, Alterchen, am besten wissen«, sagte die Frau. »Es ist gerade Jahrmarkt in der Stadt; reite heute hin und verkaufe das Pferd oder mache einen Tausch; was du tust, ist mir immer recht. Ja, reite nur zum Jahrmarkt.« Darauf band sie ihm sein Halstuch um, denn das konnte sie besser als er. Sie machte eine doppelte Schleife, das sah flott aus. Dann fuhr sie mit der flachen Hand über seinen Hut, damit ja kein Stäubchen mehr daran hinge, und küsste ihn auf den Mund; dann ritt er auf dem Pferd, das verkauft oder eingetauscht werden sollte, von dannen. »Ja, Vater versteht es ausgezeichnet«, murmelte sie.

Die Sonne brannte am wolkenlosen Himmel. Auf dem Wege staubte es gewaltig; denn es waren viele Leute, die auch auf den Jahrmarkt wollten, zu Wagen, zu Pferd oder zu Fuß unterwegs, und nirgends schützte ein Schatten vor der Sonne.

Unter den Fußgängern war auch ein Mann, der eine Kuh vor sich her trieb. Die Kuh war so schön, wie eine Kuh nur sein kann. Da dachte der Bauer: »Die gibt gewiss auch gute Milch; die Kuh für das Pferd, das wäre eigentlich ein guter Tausch.« »Höre einmal, du mit der Kuh, ich möchte dir einen Vorschlag machen!« rief er. »Siehst du, ein Pferd kostet zwar mehr als eine Kuh, aber das ist mir einerlei, die Kuh ist mir nützlicher. Wollen wir nicht tauschen?« »Mit Vergnügen!« sagte der Mann mit der Kuh, und darauf tauschten sie ihre Tiere.

Nachdem dies geschehen war, hätte der Bauer eigentlich wieder umkehren können; denn er hatte ja erreicht, was er wollte. Aber da er nun einmal geplant hatte, auf den Jahrmarkt zu gehen, so wollte er auch hin, wenn auch nur, um sich da umzuschauen, und so zog er mit seiner Kuh weiter.

Rasch ging er seines Weges und trieb die Kuh vor sich her. Nach einiger Zeit trafen sie auf einen Mann, der ein Schaf an einem Strick führte. Es war ein gutes, wohlgenährtes Schaf mit einem dicken wolligen Fell. »Das möchte ich gern haben«, dachte der Bauer; »es würde am Grabenrand nicht an Futter fehlen, und im Winter könnten wir es in der Stube halten. Eigentlich wäre es besser, wenn wir uns ein Schaf statt einer Kuh hielten.« »Du, wollen wir nicht tauschen?« fragte er den Mann mit dem Schaf. Der war natürlich damit einverstanden; sie tauschten ihre Tiere und der Bauer zog mit seinem Schaf weiter.

Da gewahrte er auf einem Fußweg, der auf die Landstraße einmündete, einen Mann mit einer großen Gans unter dem Arm. »Mann, das ist ja eine prächtige Gans, die du da hast!« redete unser Bauer den Mann an. »Die hat Federn und Fett im Überfluss, und wie hübsch würde sie sich auf unserem Tümpel ausnehmen! Das wäre etwas für Mutter, um ihre Abfälle zu verwerten; sie hat schon oft gesagt: ‚Hätten wir nur eine Gans zu füttern‘; nun könnte sie eine bekommen, und sie soll sie bekommen! Willst du tauschen? Ich gebe dir das Schaf für deine Gans und einen schönen Dank obendrein!« Der andere tauschte natürlich gern, und so erhielt der Bauer die Gans.

Er war nun schon ganz nahe an der Stadt, das Gedränge auf der Landstraße nahm immer mehr zu. Es wimmelte von Menschen und Vieh auf der Straße und im Graben, und am Schlagbaum drängte die Menge sogar auf den Kartoffelacker des Steuereintreibers, auf dem dieser seine Henne angebunden hatte, damit sie sich bei dem Durcheinander nicht verlaufen sollte. Es war eine hübsche Henne mit kurzen Schwanzfedern, und sie blinzelte mit dem einen Auge. »Gluck, gluck!« sagte sie. Was sie dabei dachte, kann ich dir nicht sagen; aber als der Bauer die Henne sah, dachte er: »Das ist die schönste Henne, die ich jemals gesehen habe; sie ist sogar schöner als unseres Pfarrers Bruthenne. Die möchte ich haben! Eine Henne findet immer ein Körnchen, sie braucht beinahe gar keine Pflege. Ich glaube, es wäre ein guter Tausch, wenn ich sie für meine Gans bekommen könnte.« »He da! wollen wir tauschen?« fragte er den Steuereintreiber. »Tauschen?« meinte dieser, »das wäre nicht übel!« Und so tauschten sie ihre Tiere. Der Bauer bekam das Huhn und der andere die Gans.

Der Bauer hatte seine Zeit gut genützt. Was hatte er nicht schon alles erreicht! Heiß war es auch, und er war ausgesprochen müde. Ein Gläschen Schnaps und einen Bissen Brot hatte er seiner Meinung nach redlich verdient, und da er sich gerade vor einem Wirtshaus befand, wollte er hineingehen; aber in diesem Augenblick kam der Knecht mit einem vollen Sack auf dem Rücken heraus.

»Was hast du darin?« fragte der Bauer. »Faule Äpfel«, erwiderte der Knecht; »einen ganzen Sack voll, für die Schweine.« »Einen ganzen Sack voll Äpfel? Welch eine Menge! Den Anblick würde ich meiner Alten daheim gönnen. Voriges Jahr hat unser alter Baum am Torfschuppen nur einen einzigen Apfel getragen, und der musste aufgehoben werden und stand auf der Kommode, bis er verdarb. ›Es zeigt immer einen gewissen Wohlstand,‹ sagte Mutter. Aber hier könnte sie erst richtigen Wohlstand sehen, ja, den Anblick möchte ich ihr gönnen.« »Nun, was wollt Ihr mir dafür geben?« fragte der Knecht. »Geben? Ich biete Euch meine Henne dafür.«

So tauschte er die Henne gegen den Sack Äpfel ein und trat nun mit diesem in die Wirtsstube. Hier lehnte er seinen Sack an den Ofen, der tüchtig geheizt war; allein das bedachte das Bäuerlein nicht. In der Stube befanden sich viele Fremde, Pferdehändler, Ochsentreiber und auch zwei Engländer. Diese sind alle so reich, dass ihre Taschen von Gold strotzen; und Wetten machen sie gern, das ist ihr Hauptvergnügen, das wirst du gleich hören.

»Suß – Suß!« – was tönte denn so sonderbar vom Ofen her? Die Äpfel begannen zu braten. »Was ist denn das?« fragten sich alle. Nun, da erfuhren sie vom Bauern die ganze Geschichte, von dem Pferd, das gegen eine Kuh und dann immer weiter herunter bis zu den faulen Äpfeln eingetauscht worden war.

»Na, da wird es Prügel geben, wenn du nach Hause kommst«, sagten die Engländer, »darauf kannst du dich verlassen!« »Was, Prügel! Einen Kuss wird sie mir geben und sagen: Was Vater tut, ist immer recht!« »Wollen wir wetten?« sagten die Engländer. »Wir wollen dir Goldstücke tonnenweise geben, wenn du gewinnst; hundert Pfund sind ein Schiffspfund.« »O, ich bin mit einem Scheffel voll zufrieden«, sagte der Bauer. »Ich selbst kann jedoch nur einen Scheffel Äpfel für mich und Mutter dagegen setzen; aber das ist auch schon ein gut gehäuftes Maß.« »Topp!« riefen die Engländer, und damit war die Wette abgemacht.

Hierauf wurde der Wagen des Wirts bestellt, und die Engländer sowie der Bauer mitsamt seinen faulen Äpfeln fuhren hinaus aufs Dorf und langten bald vor dem Haus des Bauern an.

»Guten Abend, Mutter!« »Grüß Gott, Alter!« »Der Tausch wäre gemacht.« »Ja, du verstehst es«, sagte die Frau, indem sie ihren Mann umarmte und weder den Sack noch die Engländer beachtete. »Ich habe also das Pferd gegen eine Kuh vertauscht.« »Gott sei Dank«, sagte die Frau, »nun können wir Milchspeisen kochen und Butter und Käse auf den Tisch stellen. Das war ein herrlicher Tausch!« »Aber dann habe ich die Kuh gegen ein Schaf eingetauscht.« »Das war auch viel besser, du denkst doch immer an alles! Für ein Schaf haben wir gerade Futter genug. Nun bekommen wir Schafsmilch und Schafskäse, wollene Strümpfe und wollene Nachtjacken. Wolle bekommt man von der Kuh keine, sie verliert ja ihre Haare. Wie du doch an alles denkst!«

»Aber das Schaf habe ich gegen eine Gans eingetauscht«, brachte der Bauer vor. »Können wir wirklich in diesem Jahr eine Martinsgans essen? Ach, Väterchen, du bist doch immer darauf bedacht, mir eine Freude zu machen! Das war ein guter Gedanke von dir. Die Gans können wir draußen an einem Strick anbinden, dann wird sie bis Martini noch fett.« »Aber die Gans habe ich dann gegen eine Henne eingetauscht.« »Eine Henne?« sagte die Frau. »Das ist wirklich ein guter Tausch. Die Henne legt Eier, sie brütet sie aus, wir kommen Küken, ja, einen ganzen Hühnerhof. Das habe ich mir im Stillen schon immer gewünscht.«

»Ja, aber die Henne habe ich für einen Sack fauler Äpfel eingetauscht.« »Nun muss ich dich küssen!« rief die Frau voller Freude. »Ich danke dir, liebster Mann, und muss dir gleich etwas erzählen. Als du heute morgen fort warst, habe ich mir überlegt, was ich dir Gutes kochen könnte, bis du nach Hause kommst. Eier und Schnittlauch natürlich! Eier hatte ich noch, aber keinen Schnittlauch. Deshalb ging ich zum Schullehrer hinüber; ich weiß ganz genau, dass sie welchen haben, aber die Frau ist ein Geizhals, wenn sie es sich auch nicht anmerken lassen will. Ich bat sie nun, mir ein wenig Schnittlauch zu leihen. ›Leihen?‹ versetzte sie, ›in unserem Garten wächst gar nichts, nicht einmal ein fauler Apfel, selbst den könnte ich Ihnen nicht leihen.‹ Aber jetzt kann ich ihr zehn, ja, einen ganzen Sack voll leihen! Das freut mich wirklich, Väterchen!« Und dabei gab sie ihm einen festen Kuss mitten auf den Mund.

»Das gefällt mir!« riefen die Engländer wie aus einem Mund, »immer bergab und doch immer gleich froh. Das ist wirklich das Geld wert.« Darauf zählten sie dem Bauern, der keine Prügel, sondern Küsse bekommen hatte, ein Schiffspfund Goldstücke auf den Tisch.

Ja, es lohnt sich immer, wenn die Frau einsieht und auch sagt, dass Vater der Klügste ist und dass das, was er tut, immer recht ist.

Siehst du, das ist meine Geschichte. Ich habe sie als Knabe gehört, und nun hast du sie auch gehört und weißt: Was Vater tut, ist immer recht ist.

Ich habe die Übersetzung Pauline Klaibers (1909) sprachlich überarbeitet und dabei auch auf die Übersetzung in „Sämmtliche Märchen“ zurückgegriffen. Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/10/andersen-was-vater-tut-ist-immer-recht-kurze-analyse/

Hans Chr. Andersen: Die kleine Seejungfrau – Text, Analyse, Kommentar

Andersen: Die kleine Seejungfrau (= Das kleine Meerweibchen)

Draußen im Meer ist das Wasser so blau wie die Blätter der schönsten Kornblumen und so klar wie das reinste Glas; aber es ist sehr tief, tiefer als irgendein Ankertau reicht; viele Kirchtürme müsste man aufeinander stellen, um vom Meeresboden bis an die Oberfläche des Wasser zu reichen.

Nun muss man aber nicht glauben, dass es da nur weißen Sand gibt; nein, da wachsen die sonderbarsten Bäume und Pflanzen, die so geschmeidig im Stiel und in den Blättern sind, dass sie sich bei der geringsten Bewegung des Wassers rühren, als ob sie lebten. Die Fische, kleine und große, schlüpfen zwischen den Zweigen hindurch, so wie hier oben die Vögel in der Luft. An der allertiefsten Stelle liegt des Meerkönigs Schloss; die Mauern sind von Korallen und die langen spitzen Fenster aus klarstem Bernstein; aber das Dach bilden Muschelschalen, die sich öffnen oder schließen, je nachdem wie das Wasser strömt. Das sieht herrlich aus, denn in jeder Muschel liegen strahlende Perlen; jede einzelne würde der Krone einer Königin die größte Pracht verleihen.

Der Meerkönig dort unten war seit vielen Jahren Witwer, wobei seine alte Mutter ihm den Haushalt führte. Sie war eine kluge Frau, aber stolz auf ihren Adel; deshalb trug sie zwölf Austern auf dem Schwanz, die anderen Vornehmen durften nur sechs tragen. Sonst jedoch verdiente sie alles Lob, besonders weil sie die kleinen Meerprinzessinnen, ihren Enkelinnen, so lieb hatte. Es waren sechs schöne Kinder, aber die jüngste war die schönste von allen; ihre Haut war so klar und fein wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie die tiefste See; aber wie die andern hatte sie keine Füße, ihr Körper endete in einem Fischschwanz.

Den ganzen Tag spielten sie unten im Schloss, in den großen Sälen, wo lebendige Blumen aus den Wänden hervorwuchsen. Die großen Bernsteinfenster wurden geöffnet, dann schwammen die Fische zu ihnen herein, wie bei uns die Schwalben hereinfliegen, wenn wir die Fenster aufmachen. Doch die Fische schwammen direkt zu den Prinzessinnen hin, fraßen ihnen aus den Händen und ließen sich streicheln.

Draußen vor dem Schloss war ein großer Garten mit feuerroten und dunkelblauen Bäumen; die Früchte strahlten wie Gold und die Blumen wie brennendes Feuer, während Stängel und Blätter sich fortwährend bewegten. Die Erde selbst war der feinste Sand, aber blau wie Schwefelflammen. Über dem Ganzen lag ein wunderbarer blauer Schimmer, man hätte beinahe glauben können, dass man hoch in der Luft stände und nur Himmel über und unter sich hätte. Bei Windstille konnte man sogar die Sonne erblicken; sie erschien wie eine Purpurblume, aus deren Kelch alles Licht strömt.

Eine jede der Prinzessinnen hatte ihr kleines Beet im Garten, wo sie graben und pflanzen konnte, wie es ihr gefiel. Die eine gab ihrem Blumenbeet die Gestalt eines Walfisches, einer andern gefiel es besser, wenn das ihre einem kleinen Meerweib glich, aber die jüngste machte das ihrige ganz rund, der Sonne gleich, und hatte nur Blumen, die rot wie diese schimmerten. Sie war ein wundersames Kind, still und nachdenklich, und während die andern Schwestern die seltsamen Sachen, welche sie von gestrandeten Schiffen gefunden hatten, als Zierrat aufstellten, gefiel ihr außer den rosenroten Blumen, die der Sonne dort oben glichen, nur ein hübsches Marmorbild; es war ein schöner Knabe, aus weißem klarem Stein gehauen, der aus einem gestrandeten Schiff auf den Meeresgrund gesunken war. Sie pflanzte bei dem Bild eine rosenrote Trauerweide; die wuchs herrlich und senkte ihre frischen Zweige über den Knaben bis zum blauen Sandboden hinunter, wo der bläuliche Schatten sich genau wie die Zweige bewegte; es sah aus, als ob die Spitzen und die Wurzeln miteinander spielten, als wollten sie sich küssen.

Es gab keine größere Freude für die jüngste Prinzessin, als von der Menschenwelt dort oben zu hören; die alte Großmutter musste alles erzählen, was sie von Schiffen und Städten, Menschen und Tieren wusste. Besonders schön erschien ihr, dass oben auf der Erde die Blumen duften, das taten sie am Grund des Meeres nicht; und dass die Wälder grün sind und die Fische, die man dort zwischen den Bäumen erblickt, so laut und herrlich singen können, dass sie zu hören eine Lust ist – es waren die kleinen Vögel, welche die Großmutter Fische nannte; denn anders konnten die Kinder sie nicht verstehen, da sie ja noch nie einen Vogel erblickt hatten.

»Wenn ihr fünfzehn Jahre alt seid«, sagte die Großmutter, »dann sollt ihr die Erlaubnis erhalten, aus dem Wasser emporzutauchen, im Mondschein auf der Klippe zu sitzen und die großen Schiffe, die vorbeisegeln, zu sehen; auch Wälder und Städte werdet ihr dann zu sehen bekommen.« Erst im folgenden Jahr würde die älteste der Schwestern fünfzehn Jahr alt, die andern waren jeweils ein Jahr jünger; die jüngste von ihnen hatte demnach noch volle fünf Jahre zu warten, bevor sie vom dem Grund des Meeres hinaufkommen und sehen durfte, wie es bei uns aussieht. Aber jede versprach, den andern zu erzählen, was sie erblickt und was sie am ersten Tag am schönsten gefunden habe; denn ihre Großmutter erzählte ihnen nicht genug, da war so vieles, worüber sie gern Auskunft haben wollten.

Keine hatte solche Sehnsucht wie die Jüngste, gerade sie, die noch die längste Zeit zu warten hatte und die so still und nachdenklich war. Manche Nacht stand sie am offenen Fenster und sah durch das dunkelblaue Wasser empor, wie die Fische mit ihren Flossen und Schwänzen schlugen. Mond und Sterne konnte sie sehen; freilich erschienen sie ganz bleich, aber durch das Wasser sahen sie größer aus als vor unseren Augen. Wurden sie von einer schwarzen Wolke verdunkelt, wusste sie, dass ein Wal über ihrem Kopf schwamm oder auch ein Schiff mit vielen Menschen; die dachten sicher nicht daran, dass eine liebliche kleine Seejungfrau unten stehe und ihre weißen Hände gegen den Kiel emporstrecke.

Nun war die älteste Prinzessin fünfzehn Jahre alt geworden und durfte zur Meeresoberfläche emporsteigen. Als sie zurückkehrte, hatte sie hundert Dinge zu erzählen; aber am schönsten, sagte sie, wäre es, im Mondschein auf einer Sandbank in der ruhigen See zu liegen und nahebei die Küste mit der großen Stadt zu betrachten, wo die Lichter gleich hundert Sternen blinkten, dazu die Musik, den Lärm und das Toben von Wagen und Menschen zu hören, die vielen Kirchtürme und Spitzen zu sehen und das Läuten der Glocken zu hören.

Gerade weil sie noch nicht hinaufgelangen konnte, sehnte die Jüngste sich am stärksten nach all dem. O, wie horchte sie genau! Und wenn sie des Abends spät am Fenster stand und durch das dunkelblaue Wasser emporblickte, dachte sie an die große Stadt mit all dem Lärm und Toben, und dann glaubte sie, die Kirchenglocken bis zu sich herunter läuten hören zu können.

Im nächsten Jahr erhielt die zweite Schwester die Erlaubnis, durch das Wasser aufzutauchen und zu schwimmen, wohin sie wollte. Sie tauchte eben auf, als die Sonne unterging, und dieser Anblick, fand sie, war das Schönste. Der ganze Himmel habe wie Gold ausgesehen, sagte sie, und die Wolken, ja, deren Schönheit konnte sie nicht genug beschreiben; rot und blau waren sie über ihr dahingesegelt, aber schneller als diese flog, einem langen weißen Schleier gleich, ein Schwarm wilder Schwäne über das Wasser da hin, wo die Sonne stand. Sie schwamm ihnen nach, aber die Sonne versank und der Rosenschein erlosch auf der Meeresoberfläche und den Wolken.

Das Jahr darauf kam die dritte Schwester hinauf; sie war die mutigste von allen, deshalb schwamm sie einen breiten Fluss aufwärts, der in das Meer mündete. Herrlich grüne Hügel mit Weinranken erblickte sie, Schlösser und Gehöfte schimmerten aus prächtigen Wälder hervor; sie hörte, wie alle Vögel sangen, und die Sonne schien so warm, dass sie oft ins Wasser tauchen musste, um ihr glühendes Gesicht abzukühlen. In einer kleinen Bucht traf sie einen ganzen Schwarm kleiner Menschenkinder, ganz nackt liefen sie herum und planschten im Wasser; sie wollte mit ihnen spielen, aber diese liefen erschrocken davon, und es kam ein kleines schwarzes Tier – das war ein Hund, aber sie hatte noch nie einen Hund gesehen – der bellte sie so schrecklich an, dass ihr bange wurde und sie in die offene See zurückschwamm. Aber niemals konnte sie die prächtigen Wälder, die grünen Hügel und die niedlichen Kinder vergessen, die im Wasser schwimmen konnten, obgleich sie keinen Fischschwanz hatten.

Die vierte Schwester war nicht so kühn, sie blieb draußen mitten im wilden Meer und erzählte, dass es dort am schönsten sei; man sehe weit ringsumher, viele Meilen weit, und der Himmel stehe wie eine Glasglocke darüber. Schiffe hatte sie gesehen, aber nur in weiter Ferne; sie hatten wie Strandmöwen ausgesehen, die possierlichen Delphine hatten Purzelbäume geschossen und die großen Walfische aus ihren Nasenlöchern Wasser emporgespritzt, so dass es ringsumher wie Hunderte von Springbrunnen ausgesehen hatte.

Nun kam die Reihe an die fünfte Schwester; ihr Geburtstag fiel gerade in den Winter, und deshalb sah sie etwas, was die anderen beim ersten Auftauchen nicht gesehen hatten. Die See nahm sich ganz grün aus, und ringsumher schwammen große Eisberge; ein jeder schimmerte wie eine Perle, sagte sie, und war doch weit größer als die Kirchtürme der Menschen. Sie zeigten sich in den sonderbarsten Gestalten und glänzten wie Diamanten. Sie hatte sich auf einen der allergrößten gesetzt und alle Segler waren erschrocken um die Stelle herum gekreuzt, wo sie saß und den Wind in ihrem langen Haar spielen ließ; aber gegen Abend hatte sich der Himmel mit Wolken überzogen, es blitzte und donnerte, während die schwarze See die großen Eisblöcke hoch emporhob und sie beim Licht der Blitze rot erglänzen ließ. Auf allen Schiffen holte man die Segel ein, da herrschte Angst und Grauen; aber sie saß ruhig auf ihrem schwimmenden Eisberg und sah die blauen Blitze im Zickzack in die schäumende See fahren.

Das erste Mal, wenn eine der Schwestern über das Wasser emporkam, war eine jede entzückt über das Neue und Schöne, was sie erblickte; aber da sie nun als erwachsene Mädchen die Erlaubnis hatten hinaufzusteigen, wann sie wollten, war es ihnen gleichgültig. Sie sehnten sich wieder zurück, und nach Verlauf eines Monats sagten sie, dass es da unten bei ihnen am allerschönsten sei, da sei man gemütlich zu Hause.

Manchmal stiegen des Abends die fünf Schwestern Arm in Arm im Wasser auf; herrliche Stimmen hatten sie, schöner als irgend ein Mensch, und wenn dann ein Sturm im Anzug war, so dass sie vermuten konnten, dass Schiffe untergehen würden, schwammen sie vor den Schiffen her, sangen lieblich davon, wie schön es auf dem Grund des Meeres sei, und baten die Seeleute, sich nicht zu fürchten, da hinunter zu kommen; aber diese konnten ihre Worte nicht verstehen und glaubten, es sei der Sturm; freilich bekamen sie auch die Herrlichkeiten dort unten nicht zu sehen, denn wenn ein Schiff sank, ertranken die Menschen und kamen nur als Leichen zu des Meerkönigs Schloss.

Wenn die Schwestern so des Abends Arm in Arm durch das Wasser hinaufstiegen, stand die kleine Schwester ganz allein und sah ihnen nach, und es war ihr, als ob sie weinen müsste; aber die Meerfrauen haben keine Tränen, darum leiden sie desto mehr. »Ach, wäre ich doch schon fünfzehn Jahre alt!« sagte sie. »Ich weiß, dass ich die Welt dort oben und die Menschen, die darauf wohnen, sehr lieben werde.«

Endlich wurde sie fünfzehn Jahre alt. »Sieh, nun bist du erwachsen«, sagte die Großmutter, die alte Königin-Witwe. »Komm, nun lass mich dich schmücken, gleich deinen Schwestern!« Und sie setzte ihr einen Kranz weißer Lilien auf das Haar, aber jedes Blatt in der Blume war die Hälfte einer Perle; und die Alte ließ acht große Austern sich im Schwanz der Prinzessin festklemmen, um ihren hohen Rang zu zeigen. »Das tut weh!« klagte die kleine Seejungfrau. »Wer schön sein will, muss leiden«, antwortete die Alte. Ach, sie hätte gern alle diese Pracht abschütteln und den schweren Kranz ablegen mögen – ihre roten Blumen im Garten kleideten sie besser, aber sie konnte es nun einmal nicht ändern. »Leb‘ wohl!« sprach sie und stieg leicht und klar, gleich einer Blase, durch das Wasser auf.

Die Sonne war eben untergegangen, als sie den Kopf über das Wasser erhob; alle Wolken glänzten noch wie Rosen und Gold, und inmitten der blassroten Luft strahlte der Abendstern hell und schön, die Luft war mild und frisch und das Meer ganz ruhig. Da lag ein großes Schiff mit drei Masten vor Anker; nur ein einziges Segel war aufgezogen, denn es rührte sich kein Lüftchen, und überall im Tauwerk und auf den Stangen saßen Matrosen. Es erklang Musik und Gesang, und wie der Abend dunkler wurde, wurden Hunderte von bunten Laternen angezündet; es sah aus, als ob die Flaggen aller Völker in der Luft wehten. Die kleine Seejungfrau schwamm bis zu einem Kajütenfenster hin, und jedes Mal, wenn die Dünung sie emporhob, konnte sie durch die klaren Fenster in die Kajüte blicken, wo viele festlich gekleidete Menschen standen; aber der schönste war doch ein junger Prinz mit großen schwarzen Augen. Er war sicher nicht älter als sechzehn Jahre; heute war sein Geburtstag, und der wurde hier auf dem Schiff gefeiert. Die Matrosen tanzten auf dem Deck, und als der junge Prinz hinaustrat, stiegen über hundert Raketen in die Luft; die leuchteten wie der helle Tag, so dass die kleine Seejungfrau sehr erschrak und ins Wasser tauchte; aber sie steckte bald den Kopf wieder hervor, und da war es, als ob alle Sterne des Himmels zu ihr herunterfielen. Noch nie hatte sie ein solches Feuerwerk gesehen. Große Sonnen sprühten herum, prächtige Feuerfische flogen in die blaue Luft, und alles spiegelte sich in der klaren, stillen See. Auf dem Schiff selbst war es so hell, dass man jedes kleine Tau und noch viel besser die Menschen sehen konnte. O, wie schön war doch der junge Prinz! Und er drückte den Leuten die Hände und lächelte, während die Musik weit in die herrliche Nacht hinaus schallte.

Es wurde spät, aber die kleine Seejungfrau konnte ihre Augen nicht vom Schiff und dem schönen Prinzen abwenden. Die bunten Laternen wurden gelöscht, Raketen stiegen nicht mehr in die Höhe, es ertönten auch keine Kanonenschüsse mehr; aber tief unten im Meer sauste und brauste es. Inzwischen saß sie auf dem Wasser und schaukelte auf und ab, so dass sie in die Kajüte hineinblicken konnte; aber auf das Schiff traf mehr Wind, ein Segel nach dem andern breitete sich aus, die Wogen gingen stärker, große Wolken zogen auf, es blitzte in der Ferne. Es würde ein schreckliches Gewitter geben! Deshalb holten die Matrosen die Segel ein. Das große Schiff schaukelte in fliegender Fahrt auf der wilden See, das Wasser erhob sich zu großen schwarzen Bergen, die über sich die Masten wälzen wollten; das Schiff tauchte gleich einem Schwan zwischen den hohen Wogen unter und ließ sich wieder auf die turmhohen Wasser heben. Der kleinen Seejungfrau schien es eine recht lustige Fahrt zu sein, aber den Seeleuten erschien es nicht so. Ihr Schiff knackte und krachte, die dicken Planken bogen sich bei den starken Stößen der See, der Mast brach mitten durch, als ob er ein Rohr wäre, und das Schiff legte sich auf die Seite, während Wasser in die Räume eindrang. Nun sah die kleine Seejungfrau, dass sie in Gefahr waren; sie musste sich selbst vor Balken und Brettern des Schiffs, die auf dem Wasser trieben, in Acht nehmen. Einen Augenblick war es so stockdunkel, dass sie nicht das Mindeste wahrnehmen konnte; aber wenn es blitzte, wurde es wieder so hell, dass sie alle auf dem Schiff erkennen konnte; besonders suchte sie den jungen Prinzen, und sie sah ihn, als das Schiff verschwand, ins tiefe Meer versinken. Zuerst wurde sie ganz vergnügt, denn nun kam er ja zu ihr; aber bald dachte sie daran, dass die Menschen nicht unter Wasser leben können und dass er nicht anders als tot zum Schloss ihres Vaters hinuntergelangen könnte. Nein, sterben durfte er nicht! Deshalb schwamm sie zu ihm hin zwischen Balken und Planken, die auf der See trieben, und vergaß völlig, dass diese sie hätten zerquetschen können; sie tauchte tief unter das Wasser, stieg wieder hoch zwischen den Wogen und gelangte schließlich zu dem jungen Prinzen, der kaum noch in der stürmenden See schwimmen konnte; seine Arme und Beine begannen zu ermatten, die schönen Augen schlossen sich – er hätte sterben müssen, wäre die kleine Seejungfrau ihm nicht zu Hilfe gekommen. Sie hielt seinen Kopf über Wasser und ließ sich mit ihm von den Wogen treiben, wohin diese wollten.

Am Morgen war das schlimme Wetter vorüber, vom Schiffe war keine Spur mehr zu sehen; die Sonne stieg rot und strahlend aus dem Wasser empor, es sah aus, als ob des Prinzen Wangen dadurch Leben dadurch erhielten, aber seine Augen blieben geschlossen. Die Seejungfrau küsste seine hohe Stirn und strich sein nasses Haar zurück; es kam ihr vor, als gleiche er dem Marmorbilde unten in ihrem kleinen Garten, sie küsste ihn wieder und wünschte, dass er noch leben möge.

Nun erblickte sie vor sich das Festland, hohe blaue Berge, auf deren Gipfel der weiße Schnee glänzte, als wären es Schwäne, die dort lägen; unten an der Küste standen herrliche grüne Wälder, und vor ihr lag eine Kirche oder ein Kloster, das wusste sie nicht genau, aber ein Gebäude war es. Zitronen- und Apfelsinenbäume wuchsen im Garten, und vor dem Tor standen hohe Palmen. Die See bildete hier eine kleine Bucht, da war es ganz still, aber sehr tief; hierhin schwamm sie mit dem schönen Prinzen, bis zu einer Klippe, wo der feine Sand aufgespült war, legte ihn in den Sand und sorgte besonders dafür, dass sein Kopf sicher im warmen Sonnenschein lag.

Nun läuteten die Glocken in dem großen weißen Gebäude und es kamen viele junge Mädchen in den Garten. Da schwamm die kleine Seejungfrau weiter hinaus, verbarg sich hinter einigen hohen Steine, die aus dem Wasser emporragten, und legte Meeresschaum auf ihr Haar und ihre Brust, so dass niemand ihr kleines Gesicht sehen konnte; sie passte auf, wer wohl zu dem armen Prinzen käme.

Es währte nicht lange, bis ein junges Mädchen dorthin kam; sie schien heftig zu erschrecken, aber nur einen Augenblick, dann holte sie mehrere Menschen und die Seejungfrau sah, dass der Prinz ins Leben zurückkehrte und dass er alle ringsum anlächelte; aber ihr lächelte er nicht zu – er wusste ja nicht, dass sie ihn gerettet hatte. Sie wurde traurig, und als er in das große Gebäude geführt wurde, tauchte sie betrübt unter und kehrte zum Schloss ihres Vaters zurück.

Immer war sie schon still und nachdenklich gewesen, aber nun wurde sie es noch weit mehr. Die Schwestern fragten sie, was sie das erste Mal dort oben gesehen habe, aber sie erzählte nichts. Manchen Abend und Morgen stieg sie dorthin auf, wo sie den Prinzen verlassen hatte. Sie sah, wie die Früchte des Gartens reiften und gepflückt wurden, sie sah, wie der Schnee auf den hohen Bergen schmolz; aber den Prinzen erblickte sie nicht, deshalb kehrte sie jeden Tag betrübter heim. Ihr einziger Trost bestand darin, in ihrem kleinen Garten zu sitzen und ihre Arme um das schöne Marmorbild zu schlingen, das dem Prinzen glich; aber ihre Blumen pflegte sie nicht mehr, die wuchsen wie in der Wildnis über die Gänge hinaus und flochten ihre langen Stiele und Blätter in die Zweige der Bäume hinein, so dass es dort ganz dunkel wurde.

Zuletzt konnte sie es nicht länger aushalten, sondern erzählte alles einer ihrer Schwestern; da bekamen es gleich die anderen zu wissen, aber niemand sonst als diese und ein paar andere Seejungfrauen, die es nicht weitersagten, nur ihren besten Freundinnen. Eine von diesen wusste, wer der Prinz war; sie hatte auch das Fest auf dem Schiff gesehen und gehört, woher er kam und wo sein Königsschloss lag.

Dieses war aus einer hellgelben glänzenden Steinart erbaut, mit großen Marmortreppen, von denen eine gerade ins Meer hinunter führte. Prächtige vergoldete Kuppeln erhoben sich über dem Dach, und zwischen den Säulen, die um das Gebäude herumliefen, standen Marmorbilder; die sahen aus, als als ob sie lebten. Durch das klare Glas in den hohen Fenstern blickte man in die prächtigsten Säle hinein, wo köstliche seidene Vorhänge und Teppiche aufgehängt und alle Wände mit großen Gemälden geschmückt waren; es war ein wahres Vergnügen, sie zu betrachten. Mitten im größten Saal plätscherte ein großer Springbrunnen, seine Strahlen reichten hoch hinauf bis zur Glaskuppel in der Decke, durch welche die Sonne auf das Wasser und die bunten Pflanzen schien, die in dem großen Becken wuchsen.

Nun wusste sie, wo er wohnte, und dort war sie manchen Abend und manche Nacht auf dem Wasser; sie schwamm dem Lande weit näher, als eine der anderen es gewagt hatte, ja sie schwamm einen schmalen Kanal ganz hinauf, bis unter den prächtigen Marmorbalkon, welcher einen langen Schatten über das Wasser warf. Hier saß sie und betrachtete den jungen Prinzen, der glaubte, er sei ganz allein im hellen Mondenschein.

Sie sah ihn auch manchen Abend mit Musik in seinem prächtigen Boot mit wehenden Flaggen segeln; sie schaute aus dem grünen Schilf hervor, und ergriff der Wind ihren langen silberweißen Schleier und jemand sah ihn, so glaubte er, es sei ein Schwan, der die Flügel ausbreite. Sie hörte in mancher Nacht, wenn die Fischer mit Fackeln auf der See waren, dass sie viel Gutes von dem jungen Prinzen erzählten, und es freute sie, dass sie sein Leben gerettet hatte, als er halb tot auf den Wogen herumtrieb; sie dachte daran, wie fest sein Haupt an ihrem Busen geruht und wie herzlich sie ihn da geküsst hatte; doch er wußte nichts davon, er konnte nicht einmal von ihr träumen.

Immer mehr fing sie an, die Menschen zu lieben, immer mehr wünschte sie, unter ihnen leben zu können; deren Welt schien ihr weit größer zu sein als ihre eigene – sie konnten ja auf Schiffen über das Meer fliegen, auf den hohen Bergen über die Wolken emporsteigen, und die Länder, die sie besaßen, erstreckten sich mit Wäldern und Feldern weiter, als ihre Blicke reichten. Da gab es vieles, was sie zu wissen wünschte, aber die Schwestern wussten ihr nicht alles zu beantworten; deshalb fragte sie die alte Großmutter, welche die obere Welt recht gut kannte, die sie richtig das Festland nannte.

»Wenn die Menschen nicht ertrinken«, fragte die kleine Seejungfrau, »können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht wie wir hier unten im Meer?« »Ja«, sagte die Alte, »sie müssen auch sterben, und ihre Lebenszeit ist sogar noch kürzer als unsere. Wir können dreihundert Jahre alt werden, aber wenn wir dann aufhören zu sein, werden wir zu Schaum auf dem Wasser; wir haben nicht einmal ein Grab hier unten bei unseren Lieben. Wir haben keine unsterbliche Seele, wir erhalten kein anderes Leben, wir gleichen dem grünen Schilf; ist das einmal abgeschnitten, so kann es nicht wieder grünen. Die Menschen hingegen haben eine Seele, die ewig lebt, auch nachdem der Körper zu Erde geworden ist; sie steigt durch die klare Luft empor hinauf zu den glänzenden Sternen. So wie wir aus dem Wasser auftauchen und die Länder der Menschen erblicken, so steigen die Seelen zu unbekannten herrlichen Orten auf, die wir nie zu sehen bekommen.«

»Warum haben wir keine unsterbliche Seele bekommen?« fragte die kleine Seejungfrau betrübt. »Ich möchte alle meine Hunderte von Jahren, die ich zu leben habe, dafür geben, um nur einen Tag ein Mensch zu sein und dann Anteil an der himmlischen Welt zu bekommen.« »So etwas musst du nicht denken«, sagte die Alte. »Wir haben es weit besser und sind glücklicher als die Menschen dort oben« »Ich werde also sterben und als Schaum auf dem Meer treiben, nicht mehr die Musik der Wogen hören, die schönen Blumen und die rote Sonne sehen? Kann ich denn gar nichts tun, um eine unsterbliche Seele zu gewinnen?« »Nein«, sagte die Alte, »nur wenn ein Mensch dich so lieben würde, dass du ihm mehr als Vater und Mutter bedeutest; wenn er mit all seinem Denken und all seiner Liebe an dir hinge und vom Priester seine rechte Hand in die deine legen ließe, mit dem Versprechen ewiger Treue, dann flösse seine Seele in deinen Körper über und auch du erhieltest Anteil an der Glückseligkeit der Menschen. Er gäbe dir eine Seele und behielt doch seine eigene. Aber das kann nie geschehen! Was hier im Meer gerade schön ist, dein Fischschwanz, finden sie dort auf der Erde hässlich; sie verstehen es nun nicht besser, man muss dort zwei plumpe Stützen haben, die sie Beine nennen, um schön zu sein.« Da seufzte die kleine Seejungfrau und sah betrübt auf ihren Fischschwanz. »Lass uns froh sein«, sagte die Alte, »hüpfen und springen wollen wir in den dreihundert Jahren, die wir zu leben haben! Das ist wahrlich Zeit genug, später kann man um so besser ausruhen. Heute Abend werden wir Hofball haben.«

Das war eine Pracht, wie man sie nie auf Erden erblickt. Die Wände und die Decke des großen Tanzsaales waren aus dickem, aber klarem Glas. Mehrere hundert ungeheure Muschelschalen, rosenrote und grasgrüne, standen zu jeder Seite in Reihen mit einem blau brennenden Feuer, welches den ganzen Saal beleuchtete und durch die Wände hinaus schien, so dass die See draußen hell erleuchtet war; man konnte die unzähligen Fische sehen, große und kleine, die zu den Glasmauern hin schwammen; auf einigen glänzten die Schuppen purpurrot, auf andern erschienen sie wie Silber und Gold. Mitten durch den Saal floss ein breiter Strom, und auf diesem tanzten die Meermänner und Meerfrauen zu ihrem eigenen lieblichen Gesang – so schöne Stimmen haben die Menschen auf der Erde nicht. Die kleine Seejungfrau sang am schönsten von allen, sie wurde deshalb beklatscht, und einen Augenblick fühlte sie große Freude in ihrem Herzen, denn sie wußte, dass sie die schönste Stimme von allen auf der Erde und im Meer hatte. Aber bald dachte sie wieder an die Welt oben über sich; sie konnte den hübschen Prinzen und ihren Kummer, dass sie keine unsterbliche Seele wie er besaß, nicht vergessen. Deshalb schlich sie sich aus ihres Vaters Schloss hinaus, und während alles drinnen Gesang und Frohsinn war, saß sie betrübt in ihrem kleinen Garten. Da hörte sie ein Waldhorn durch das Wasser ertönen, und sie dachte: »Nun segelt er sicher dort oben, er, der mir mehr bedeutet als Vater und Mutter, an dem meine Sinne hängen und in dessen Hand ich meines Lebens Glück legen möchte. Alles will ich wagen, um ihn und eine unsterbliche Seele zu gewinnen! Während meine Schwestern dort in meines Vaters Schloss tanzen, will ich zur Meerhexe gehen, vor der ich mich immer gefürchtet habe; sie kann mir vielleicht raten oder helfen.«

Nun ging die kleine Seejungfrau aus ihrem Garten hinaus zu den brausenden Strudeln hin, hinter denen die Hexe wohnte. Diesen Weg hatte sie noch nie zurückgelegt; da wuchsen keine Blumen, kein Seegras, nur der nackte graue Sandboden erstreckte sich gegen die Strudel hin, wo das Wasser gleich brausenden Mühlrädern herumwirbelte und alles, was es erfasste, mit sich in die Tiefe riss. Zwischen diesen zermalmenden Wirbeln musste sie hindurch, um in das Gebiet der Meerhexe zu gelangen; hier ging der Weg eine lange Strecke über warmen sprudelnden Schlamm, welchen die Hexe ihr Torfmoor nannte. Dahinter lag ihr Haus mitten in einem seltsamen Wald. Alle Bäume und Büsche waren Polypen, halb Tier, halb Pflanze, sie sahen aus, wie hundertköpfige Schlangen, die aus der Erde hervorwuchsen; die Zweige waren lange schleimige Arme mit Fingern wie geschmeidige Würmer, und Glied um Glied bewegte sich, von der Wurzel bis zur äußersten Spitze. Alles, was sie im Meer erfassen konnten, umschlangen sie fest und ließen es nie wieder los. Die kleine Seejungfrau blieb ganz erschrocken stehen; ihr Herz pochte vor Angst, fast wäre sie umgekehrt, aber dann dachte sie an den Prinzen und an die Seele der Menschen und bekam wieder Mut. Ihr langes fliegendes Haar band sie fest um das Haupt, damit die Polypen sie nicht daran ergreifen könnten, beide Hände legte sie über ihre Brust zusammen und schoss so schnell davon, wie ein Fisch durch das Wasser schießen kann, zwischen den hässlichen Polypen hindurch, die ihre geschmeidigen Arme und Finger nach ihr ausstreckten. Sie sah, wie jeder von ihnen das, was er ergriffen hatte, mit Hunderten kleiner Arme wie mit starken Eisenbanden festhielt: Menschen, die auf See umgekommen und in die Tiefe gesunken waren; Schiffsruder und Kisten; Knochen von Landtieren und sogar ein kleines Meerweib, welches sie gefangen und erstickt hatten – das war für sie das Schrecklichste.

Nun kam sie zu einem großen sumpfigen Platz im Wald, wo sich fette Wasserschnecken wälzten und ihren hässlichen weißgelben Bauch zeigten. Mitten auf dem Platze stand ein Haus, aus weißen Knochen gestrandeter Menschen errichtet; da saß die Meerhexe und ließ eine Kröte aus ihrem Mund fressen, so wie Menschen einem kleinen Kanarienvogel Zucker zu essen geben. Die hässlichen fetten Wasserschnecken nannte sie ihre Küken und ließ sie auf ihrer schwammigen Brust sich wälzen.

»Ich weiß schon, was du willst«, sagte die Meerhexe; »das ist zwar dumm von dir, doch sollst du deinen Willen haben; denn er wird dich ins Unglück stürzen, meine schöne Prinzessin. Du willst gern deinen Fischschwanz los sein und statt dessen zwei Stützen wie die Menschen zum Gehen haben, damit der junge Prinz sich in dich verliebt und du ihn und eine unsterbliche Seele bekommen kannst.« Dabei lachte die Hexe widerlich, so dass die Kröte und die Schnecken auf die Erde fielen, wo sie sich wälzten. »Du kommst gerade zur rechten Zeit«, sprach die Hexe, »morgen, wenn die Sonne aufgeht, könnte ich dir nicht mehr helfen, bis wieder ein Jahr vorüber ist. Ich werde dir einen Trank bereiten, mit dem musst du, bevor die Sonne aufgeht, ans Land schwimmen, dich dort an das Ufer setzen und ihn trinken; dann verschwindet dein Schwanz und schrumpft zu dem ein, was die Menschen niedliche Beine nennen; aber das tut weh, es ist, als ob ein scharfes Schwert dich durchschnitte. Alle, die dich sehen, werden sagen, du seist das schönste Menschenkind, was sie je gesehen haben. Du behältst deinen schwebenden Gang, keine Tänzerin kann schweben wie du; aber bei jedem Schritt, den du machst, ist dir dann, als ob du auf scharfe Messer trätest, als ob dein Blut fließen müsste. Willst du dies alles ertragen, so werde ich dir helfen.« »Ja!« sagte die kleine Seejungfrau mit bebender Stimme und dachte an den Prinzen und die unsterbliche Seele.

»Aber bedenke wohl«, sagte die Hexe, »wenn du einmal eine menschliche Gestalt angenommen hast, kannst du nie wieder eine Seejungfrau werden! Du kannst nie mehr durch das Wasser zu deinen Schwestern und zum Schloss deines Vaters zurückkehren; und gewinnst du des Prinzen Liebe nicht, so dass er für dich Vater und Mutter vergisst, an dir mit Leib und Seele hängt und den Priester eure Hände ineinanderlegen lässt, dass ihr Mann und Frau werdet, so bekommst du keine unsterbliche Seele. Am ersten Morgen, nachdem er eine andere geheiratet hat, wird dein Herz brechen und du wirst zu Schaum auf dem Wasser.« »Ich will es!« sagte die kleine Seejungfrau und war bleich wie der Tod.

»Aber du musst mich auch bezahlen!« sagte die Hexe, »und es ist nicht wenig, was ich verlange. Du hast die schönste Stimme von allen hier auf dem Grund des Meeres; damit glaubst du wohl, ihn bezaubern zu können, aber diese Stimme musst du mir geben. Das Beste, was du hast, will ich für meinen köstlichen Trank haben. Mein eigenes Blut muss ich dir ja darin zu trinken geben, damit der Trank scharf wird wie ein zweischneidiges Schwert.« »Aber wenn du meine Stimme nimmst«, fragte die kleine Seejungfrau, »was bleibt mir dann noch übrig?« »Deine schöne Gestalt«, sagte die Hexe, »dein schwebender Gang und deine sprechenden Augen; damit kannst du schon ein Menschenherz betören. Nun, hast du den Mut verloren? – Strecke deine kleine Zunge heraus, dann schneide ich sie ab und du erhältst den kräftigen Trank.«

»Es geschehe!« sagte die kleine Seejungfrau und die Hexe setzte ihren Kessel auf, um den Zaubertrank zu kochen. »Es geht nichts über Reinlichkeit!« sagte sie und scheuerte den Kessel mit den Schnecken ab, die sie zu einem Knoten zusammengebunden hatte; nun ritzte sie sich selbst in die Brust und ließ ihr schwarzes Blut hineintropfen; der Dampf bildete die sonderbarsten Gestalten, so dass einem angst und bange werden musste. Jeden Augenblick warf die alte Hexe neue Sachen in den Kessel, und als es recht kochte, klang es, als ob ein Krokodil weinte. Zuletzt war der Trank fertig; er sah aus wie das klarste Wasser.

»Da hast du ihn!« sagte die Hexe und schnitt der kleinen Seejungfrau die Zunge ab, die nun stumm war und weder singen noch sprechen konnte. »Sollten die Polypen dich ergreifen, wenn du durch meinen Wald zurückkehrst«, sprach die Hexe, »so schütte nur einen einzigen Tropfen dieses Getränks auf sie, davon zerspringen ihre Arme und Finger in tausend Stücke.« Aber das brauchte die kleine Seejungfrau nicht zu tun; die Polypen zogen sich erschrocken von ihr zurück, als sie den glänzenden Trank erblickten, der in ihrer Hand leuchtete, als sei er ein funkelnder Stern. So kam sie schnell durch den Wald, das Moor und die brausenden Strudel.

Sie konnte ihres Vaters Schloss sehen, die Fackeln im großen Tanzsaal waren erloschen; sicher schliefen alle darin, aber sie wagte doch nicht, sie zu besuchen, da sie ja stumm war und sie auf immer verlassen wollte. Ihr war, als ob ihr Herz vor Trauer zerspringen wollte. Sie schlich in den Garten, nahm eine Blume von jedem Blumenbeet ihrer Schwestern, warf Tausende von Kusshänden dem Schloss zu und stieg durch die dunkelblaue See hinauf.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie des Prinzen Schloss erblickte und die prächtige Marmortreppe hinaufstieg. Der Mond schien herrlich klar. Die kleine Seejungfrau trank den brennend scharfen Trank, und es war, als ginge ein zweischneidiges Schwert durch ihren feinen Körper; sie fiel in Ohnmacht und lag wie tot da. Als die Sonne über die See schien, erwachte sie und fühlte einen schneidenden Schmerz; aber vor ihr stand der schöne junge Prinz und heftete seine kohlschwarzen Augen auf sie, so dass sie die ihrigen niederschlug. Da sah sie, dass ihr Fischschwanz fort war und dass sie die niedlichsten weißen Beine hatte, die ein Mädchen nur haben kann; aber sie war ganz nackt, deshalb hüllte sie sich in ihr langes schwarzes Haar. Der Prinz fragte, wer sie sei und wie sie hergekommen sei, und sie schaute ihn milde und doch traurig mit ihren dunkelblauen Augen an – sprechen konnte sie ja nicht. Da nahm er sie bei der Hand und führte sie in das Schloss hinein. Bei jedem Schritt, den sie tat, war ihr, wie die Hexe vorausgesagt hatte, als träte sie auf spitze Nadeln und scharfe Messer, aber das ertrug sie gern; an des Prinzen Hand stieg sie so leicht wie eine Seifenblase, und er und alle wunderten sich über ihren anmutigen schwebenden Gang.

Köstliche Kleider von Seide und Musselin bekam sie nun zum Anziehen; im Schloss war sie die Schönste von allen, aber sie war stumm, konnte weder singen noch sprechen. Schöne Sklavinnen, in Seide und Gold gekleidet, kamen hinzu und sangen vor dem Prinzen und seinen königlichen Eltern; eine sang schöner als alle die andern, und der Prinz klatschte in die Hände und lächelte sie an, da wurde die kleine Seejungfrau betrübt; sie wußte ja, dass sie selbst weit schöner gesungen hatte. »O«, dachte sie, »er sollte nur wissen, dass ich, um bei ihm zu sein, meine Stimme für alle Ewigkeit dahingegeben habe.«

Nun tanzten die Sklavinnen in niedlichen schwebenden Reihen zur herrlichsten Musik; da erhob die kleine Seejungfrau ihre schönen weißen Arme, richtete sich auf den Zehenspitzen empor und schwebte tanzend über den Fußboden hin, wie noch keine getanzt hatte; bei jeder Bewegung wurde ihre Schönheit noch stärker sichtbar, und ihre Augen sprachen tiefer zum Herzen als der Gesang der Sklavinnen.

Alle waren entzückt davon, besonders der Prinz, der sie seinen kleinen Findling nannte, und sie tanzte und tanzte, obwohl es jedes Mal, wenn ihr Fuß die Erde berührte, war, als ob sie auf scharfe Messer träte. Der Prinz sagte, dass sie immer bei ihm sein solle, und sie erhielt die Erlaubnis, vor seiner Tür auf einem Samtkissen zu schlafen.

Er ließ ihr eine Männertracht machen, damit sie ihn zu Pferd begleiten könne. Sie ritten durch die duftenden Wälder, wo die grünen Zweige ihre Schultern streiften und die kleinen Vögel hinter den frischen Blättern sangen. Sie kletterte mit dem Prinzen auf die hohen Berge, und obgleich ihre zarten Füße bluteten, lachte sie darüber und folgte ihm, bis sie die Wolken unter sich segeln sahen, als wäre es ein Schwarm Vögel, die nach fremden Ländern ziehen.

Zu Hause in des Prinzen Schloss, wenn nachts die andern schliefen, ging sie auf die breite Marmortreppe hinaus und kühlte ihre brennenden Füße im kalten Seewasser, und dann dachte sie an die dort unten in der Tiefe.

Einmal kamen nachts ihre Schwestern Arm in Arm; sie sangen sehr traurig, indem sie über dem Wasser schwammen; sie winkte ihnen zu, und jene erkannten sie und erzählten, wie viel Kummer sie allen gemacht habe. Darauf besuchten die Schwestern sie jede Nacht, und einmal erblickte sie in weiter Ferne auch ihre alte Großmutter, die seit vielen Jahren nicht mehr über der Meeresoberfläche gewesen war, und den Meerkönig mit seiner Krone auf dem Haupt; beide streckten die Hände nach ihr aus, wagten sich aber nicht so nahe ans Land wie die Schwestern.

Tag für Tag wurde sie dem Prinzen lieber, er hatte sie so lieb, wie man nur ein gutes, liebes Kind lieben kann; aber sie zur Königin zu machen kam ihm nicht in den Sinn – und seine Frau musste sie doch werden, sonst erhielt sie keine unsterbliche Seele und musste am Morgen nach seiner Hochzeit zu Schaum auf dem Meer werden.

»Liebst du mich nicht mehr als alle anderen?« schienen die Augen der kleinen Seejungfrau zu fragen, wenn er sie in seine Arme nahm und ihre schöne Stirne küsste. »Ja, du bist mir sehr lieb«, sagte der Prinz, »du hast das beste Herz von allen, du bist mir am innigsten ergeben und du gleichst einem jungen Mädchen, das ich einmal sah, aber sicher nie wieder finde. Ich war auf einem Schiff, welches strandete, die Wellen warfen mich bei einem Tempel an das Land, wo mehrere junge Mädchen den Dienst verrichteten; die jüngste dort fand mich am Ufer und rettete mein Leben. Ich sah sie nur zweimal; sie wäre die einzige, die ich in dieser Welt lieben könnte, aber du gleichst ihr, du verdrängst fast ihr Bild aus meiner Seele; sie gehört dem heiligen Tempel an, und deshalb hat mein gutes Glück dich zu mir gesendet, nie wollen wir uns trennen!« »Ach, er weiß nicht, dass ich ihm das Leben gerettet habe«, dachte die kleine Seejungfrau. »Ich trug ihn über das Meer zum Wald hin, wo der Tempel steht, ich saß hinter dem Schaum und sah mich um, ob keine Menschen kämen. Ich sah auch das schöne Mädchen, das er mehr liebt als mich.« Und die Seejungfrau seufzte tief, weinen konnte sie nicht. »Das Mädchen gehört dem heiligen Tempel an, hat er gesagt, sie kommt nie in die Welt hinaus; sie begegnen sich nicht mehr, ich bin bei ihm, sehe ihn jeden Tag, ich will ihn pflegen, lieben und ihm mein Leben opfern!«

Aber nun sollte der Prinz sich verheiraten und des Nachbarkönigs schöne Tochter bekommen, erzählte man; deswegen rüste er ein prächtiges Schiff aus. Der Prinz reise, um des Nachbarkönigs Länder zu besichtigen, hieß es wohl, aber tatsächlich geschah es, um des Nachbarkönigs Tochter zu sehen; ein großes Gefolge soll ihn begleiten. Doch die kleine Seejungfrau schüttelte das Haupt und lächelte; sie kannte des Prinzen Gedanken weit besser als die andern. »Ich muss reisen«, hatte er zu ihr gesagt. »Ich muss die schöne Prinzessin sehen, meine Eltern verlangen es, aber sie wollen mich nicht zwingen, sie als meine Braut heimzuführen. Ich kann sie nicht lieben, sie gleicht nicht dem schönen Mädchen im Tempel, dem du ähnlich bist; sollte ich einmal eine Braut wählen, so würdest du es eher sein, mein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen!« Und er küsste sie auf ihren roten Mund, spielte mit ihren langen Haaren und legte sein Haupt an ihr Herz, so dass sie von Menschenglück und einer unsterblichen Seele träumte.

»Du fürchtest doch das Meer nicht, mein stummes Kind?« fragte er, als sie auf dem prächtigen Schiff standen, welches ihn zum Land des Nachbarkönigs führen sollte, und er erzählte ihr vom Sturm und von der Windstille, von seltsamen Fischen in der Tiefe und was die Taucher dort gesehen hätten, und sie lächelte bei seiner Erzählung; sie wußte ja besser als sonst jemand über den Meeresgrund Bescheid.

In der mondhellen Nacht, wenn alle bis auf den Steuermann, der am Ruder stand, schliefen, saß sie auf dem Bord des Schiffes und starrte durch das klare Wasser hinunter, und sie glaubte ihres Vaters Schloss zu erblicken; hoch auf demselben stand die alte Großmutter mit der Silberkrone auf dem Haupt und starrte durch die reißenden Ströme nach des Schiffes Kiel hinauf. Da kamen ihre Schwestern aus dem Wasser hervor, blickten sie traurig an und rangen ihre weißen Hände; sie winkte ihnen zu, lächelte und wollte erzählen, dass es ihr gut gehe, dass sie glücklich sei, aber der Schiffsjunge näherte sich ihr und die Schwestern tauchten unter, so dass der Junge glaubte, das Weiße, was er gesehen hatte, sei nur Schaum auf der See gewesen.

Am nächsten Morgen segelte das Schiff in den Hafen von des Nachbarkönigs prächtiger Stadt. Alle Kirchenglocken läuteten und von den hohen Türmen wurden die Posaunen geblasen, während die Soldaten mit fliegenden Fahnen und blitzenden Bajonetten in Reih und Glied standen. Jeden Tag gab es ein neues Fest. Bälle und Gesellschaften folgten einander, aber die Prinzessin war noch nicht da; sie werde weit entfernt in einem Tempel erzogen, sagte man, dort lerne sie alle königlichen Tugenden. Endlich traf sie ein.

Die kleine Seejungfrau war begierig, ihre Schönheit zu sehen, und sie musste anerkennen, dass sie noch nie eine lieblichere Erscheinung gesehen hatte. Die Haut war fein und klar und hinter den langen dunklen Augenwimpern lächelten ein paar schwarzblaue treue Augen.

»Sie ist es«, rief der Prinz, »die mich gerettet hat, als ich einer Leiche gleich am Strand lag!« Und er drückte seine errötende Braut in seine Arme. »O, ich bin allzu glücklich!« sagte er zur kleinen Seejungfrau. »Das Beste, was ich je hoffen durfte, ist mir in Erfüllung gegangen. Du wirst dich über mein Glück freuen, denn du meinst es am besten von allen mit mir.« Die kleine Seejungfrau küsste seine Hand, und es kam ihr schon vor, als fühle sie ihr Herz brechen; sein Hochzeitsmorgen sollte ihr ja den Tod geben und sie in Schaum auf dem Meer verwandeln.

Alle Kirchenglocken läuteten, Herolde ritten in den Straßen umher und verkündeten die Verlobung. Auf allen Altären brannte duftendes Öl in köstlichen Silberlampen. Die Priester schwangen die Rauchfässer, und Braut und Bräutigam reichten einander die Hand und erhielten den Segen des Bischofs. Die kleine Seejungfrau stand in Seide und Gold dabei und hielt die Schleppe der Braut, aber ihre Ohren hörten die festliche Musik nicht, ihr Auge sah die heilige Handlung nicht; sie gedachte ihrer Todesnacht und alles dessen, was sie in dieser Welt verloren hatte.

Noch an selben Abend gingen die Braut und der Bräutigam an Bord des Schiffes; die Kanonen donnerten, alle Flaggen wehten und mitten auf dem Schiffe war ein köstliches Zelt von Gold und Purpur und mit den schönsten Kissen errichtet, da sollte das Brautpaar in der stillen, kühlen Nacht schlafen.

Die Segel schwollen im Wind, und das Schiff glitt leicht und ruhig über die klare See dahin. Als es dunkelte, wurden bunte Lampen angezündet und die Seeleute tanzten lustige Tänze auf dem Verdeck. Die kleine Seejungfrau musste an ihr erstes Auftauchen aus dem Meere denken, wo sie dieselbe Pracht und Freude erblickt hatte, und sie drehte sich mit im Tanz und schwebte, wie eine verfolgte Schwalbe flog sie dahin, und alle jubelten ihr voller Bewunderung zu – noch nie hatte sie so herrlich getanzt; es schnitt wie scharfe Messer in die zarten Füße, aber sie fühlte es nicht, und noch schmerzlicher schnitt es durch ihr Herz. Sie wusste, es war der letzte Abend, an dem sie ihn erblickte, für den sie ihre Verwandten und ihre Heimat verlassen, ihre schöne Stimme hingegeben und täglich unsägliche Qualen ertragen hatte, ohne dass er es auch nur ahnte. Es war die letzte Nacht, dass sie dieselbe Luft mit ihm einatmete, das tiefe Meer und den sternklaren Himmel erblickte; eine ewige Nacht ohne Gedanken und Traum wartete auf sie, die keine Seele hatte und keine Seele gewinnen konnte. Alles war Freude und Heiterkeit auf dem Schiff bis weit über Mitternacht hinaus, sie lachte und tanzte mit Todesgedanken im Herzen. Der Prinz küsste seine schöne Braut, und diese spielte mit seinem schwarzen Haar, und Arm in Arm gingen sie zur Ruhe in das prächtige Zelt.

Es wurde still auf dem Schiff, nur der Steuermann stand am Ruder; die kleine Seejungfrau legte ihre weißen Arme auf den Schiffsrand und schaute gegen Osten nach der Morgenröte aus – der erste Sonnenstrahl, wusste sie, würde sie töten. Da sah sie ihre Schwestern aus dem Meer aufsteigen, sie waren bleich wie sie selber; ihre langen, schönen Haare wehten nicht mehr im Wind, sie waren abgeschnitten. »Wir haben sie der Hexe gegeben, um dir helfen zu können, damit du diese Nacht nicht sterben musst! Sie hat uns ein Messer gegeben, hier ist es! Siehst du, wie scharf? Bevor die Sonne aufgeht, musst du es in das Herz des Prinzen stechen, und wenn dann das warme Blut auf deine Füße spritzt, wachsen diese in einen Fischschwanz zusammen und du wirst wieder eine Seejungfrau, kannst zu uns hinabsteigen und lebst deine dreihundert Jahre, bevor du zu salzigem Meerschaum zerfließt. Beeile dich! Er oder du, einer muss sterben, bevor die Sonne aufgeht. Unsere alte Großmutter trauert so, dass ihr weißes Haar ausgefallen ist, so ähnlich wie das unsrige von der Schere der Hexe. Töte den Prinzen und komm zurück! Beeile dich, siehst du den roten Streifen am Himmel? In wenigen Minuten steigt die Sonne auf, dann musst du sterben!« Und sie stießen einen tiefen Seufzer aus und versanken in den Wogen.

Die kleine Seejungfrau zog den Purpurteppich vom Zelt fort und sah die schöne Braut mit ihrem Haupt an des Prinzen Brust ruhen, und sie beugte sich nieder, küsste ihn auf seine hohe Stirn, blickte zum Himmel auf, wo die Morgenröte heller und heller leuchtete, betrachtete das scharfe Messer und heftete den Blick wieder auf den Prinzen, der im Traum seine Braut beim Namen nannte. Nur diese war also in seinen Gedanken, das Messer zitterte in der Hand der Seejungfrau – da warf sie es weit hinaus in die Wogen, die Tropfen glänzten rot, als schimmerten Blutstropfen im Wasser. Noch einmal schaute sie mit brechendem Auge auf den Prinzen, stürzte sich vom Schiff in das Meer hinab und fühlte, wie ihr Körper sich in Schaum auflöste.

Nun stieg die Sonne aus dem Meere auf, die Strahlen fielen mild und warm auf den todeskalten Meerschaum, aber die kleine Seejungfrau fühlte nichts vom Tod; sie sah die helle Sonne, und oben über ihr schwebten Hunderte von durchsichtigen herrlichen Geschöpfen, sie konnte durch dieselben hindurch des Schiffes weiße Segel und des Himmels rote Wolken erblicken. Die Sprache dieser Geschöpfe war Melodie, aber eine rein geistige, so dass kein Menschenohr sie vernehmen, kein menschliches Auge sie erblicken konnte; ohne Flügel schwebten sie aufgrund ihrer eigenen Leichtigkeit durch die Luft. Die kleine Seejungfrau sah, dass sie einen Körper wie diese besaß, der sich mehr und mehr aus dem Schaum erhob.

»Wohin komme ich?« fragte sie, und ihre Stimme klang wie die der andern Wesen, so geistig, dass keine irdische Musik sie wiederzugeben vermag. »Zu den Töchtern der Luft«, erwiderten die anderen. »Eine Seejungfrau hat keine unsterbliche Seele und kann keine erhalten, wenn sie nicht eines Menschen Liebe gewinnt; von einer fremden Macht hängt ihr ewiges Dasein ab. Die Töchter der Luft haben auch keine ewige Seele, aber sie können durch gute Werke sich selbst eine schaffen. Wir fliegen nach den warmen Ländern, wo die schwüle Pestluft die Menschen tötet; denen fächeln wir Kühlung zu. Wir verbreiten den Duft der Blumen durch die Luft und senden Erquickung und Heilung. Wenn wir dreihundert Jahre lang bestrebt waren, alles Gute zu vollbringen, was in unserer Macht stand, so bekommen wir eine unsterbliche Seele und nehmen am ewigen Glück der Menschen teil. Du arme kleine Seejungfrau hast mit ganzem Herzen nach demselben Ziel wie wir gestrebt, du hast gelitten und geduldet, hast dich dann in die Welt der Luftgeister erhoben; nun kannst du dir selbst durch gute Werke nach drei Jahrhunderten eine unsterbliche Seele erwerben.« Die kleine Seejungfrau erhob ihre verklärten Arme zu Gottes Sonne, und zum ersten Mal fühlte sie Tränen in ihren Augen.

Auf dem Schiff war wieder Lärm und Leben, sie sah den Prinzen mit seiner schönen Braut nach ihr suchen; wehmütig starrten sie den perlenden Schaum an, als ob sie wüssten, dass sie sich in die Fluten gestürzt hatte. Unsichtbar küsste sie die Stirn der Braut, lächelte ihn an und stieg mit den übrigen Kindern der Luft auf die rosenrote Wolke hinauf, welche durch die Luft segelte. »Nach dreihundert Jahren schweben wir so in das Reich Gottes hinein!«, sagte eine Stimme.

»Auch noch früher können wir dahin gelangen«, flüsterte eine Tochter der Luft ihr zu. »Unsichtbar schweben wir in die Häuser der Menschen, wo Kinder sind, und für jeden Tag, an dem wir ein gutes Kind finden, welches seinen Eltern Freude bereitet und ihre Liebe verdient, verkürzt Gott unsere Probezeit. Ein Kind weiß nicht, wann wir durch die Stube fliegen; wenn wir aus Freude über seine guten Taten lächeln, so wird ein Jahr von den dreihundert abgerechnet; aber sehen wir ein unartiges und böses Kind, müssen wir Tränen der Trauer vergießen, und jede Träne fügt unserer Probezeit einen Tag hinzu.«

Ich habe den Text aus „Sämmtliche Märchen“ sprachlich überarbeitet und mich dabei auf die Übersetzung in „Mährchen, Abenteuer und Geschichte für Jung und Alt von H. C. Andersen“ (Erstes Bändhen, Braunschweig 1864) gestützt. Eine ältere Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/08/andersen-die-kleine-seejungfrau-kurze-analyse/

Kommentar:

Die kleine Meerjungfrau spielt das Spiel „Alles oder Nichts“:

Sie will die Liebe des Prinzen und eine unsterbliche Seele gewinnen.

Sie braucht dafür Beine statt des Schwanzes; die bekommt sie

  • mit großen Scherzen beim Gehen,

  • mit Verlust der Stimme,

  • mit Verlust von Heimat und Familie,

  • mit Todesdrohung bei anderweitiger Verheiratung des Prinzen.

Sie kommt verwandelt in die Nähe des Prinzen, aber er erkennt sie nicht als seine Retterin (er kann sie nicht erkennen, sie kann sich nicht mitteilen).

Der Prinz erkennt die fremde Prinzessin als seine Retterin und heiratet sie; damit steht der Tod der Meerjungfrau fest.

  • Sie könnte Leben, Fischgestalt und Heimat durch Ermordung des Prinzen zurückgewinnen; das lehnt sie ab.

Sie stirbt, sie löst sich in Meerschaum auf: Sie hat das Spiel verloren.

Das Märchen ist also die Geschichte einer gescheiterten Annäherung und steht so in einer Reihe mit „Der standhafte Zinnsoldat“, „Das Liebespaar“, „Der Schweinehirt“ und „Der Schneemann“.

Der darauf folgende Schluss (die letzten vier Absätze) passt nicht zur Idee des Märchens vom Spiel „Alles oder Nichts“:

  • Die Töchter der Luft gehören nicht zum Personal des Märchens.

  • Die Verwandlung in eine Tochter der Luft ist im Programm der Meerjungfrauen nicht vorgesehen.

  • Sich selbst eine Seele erschaffen ist ein Unding.

  • Nach dem Spiel „Alles oder Nichts“ kann es keine Rettung geben.

  • Der „pädagogische“ Schlenker, Kinder dürften nicht unartig und böse sein, weil sie dadurch die Wartezeit einer Tochter der Luft verlängern, ist ein geschmackloser Schmarren (und zudem ungerecht gegen die Betroffene).

Es wäre die Textgeschichte zu überprüfen: Ist es möglich, dass der Schluss nachträglich hinzugefügt worden ist? Oder hat hier Andersens Herz, der von seinem eigenen Märchen äußerst gerührt gewesen sein soll, seinen Verstand besiegt?

Hans Chr. Andersen: Der Schweinehirt – Text und Analyse

Andersen: Der Schweinehirt

Es war einmal ein armer Prinz; er hatte ein Königreich, welches zwar klein war, aber immer noch groß genug, um sich darauf zu verheiraten, und heiraten wollte er. Nun war es freilich etwas kess von ihm, dass er ausgerechnet die Tochter des Kaisers zu fragen wagte: »Willst du mich haben?« Aber er wagte es doch, denn sein Name war weit und breit berühmt; es gab hundert Prinzessinnen, die gerne Ja gesagt hätten. Wir wollen sehen, was die Umworbene tat.

Nun hört gut zu: Dort, wo der Vater des Prinzen begraben war, wuchs ein Rosenstrauch, ein herrlicher Rosenstrauch; der blühte nur jedes fünfte Jahr und trug dann auch nur eine einzige Rose; aber das war eine Blume, die duftete so süß, dass man alle seine Sorgen und seinen Kummer vergaß, wenn man daran roch. Ferner hatte der Prinz eine Nachtigall, die konnte singen, als ob alle schönen Melodien in ihrer Kehle steckten. Diese Rose und die Nachtigall sollte die Prinzessin bekommen, und deshalb wurden sie beide in große silberne Kästen gepackt und ihr zugesandt.

Der Kaiser ließ sie vor sich her in den Saal tragen, wo die Prinzessin sich aufhielt und »Es kommen Fremde an« mit ihren Hofdamen spielte; als sie die großen Kästen mit den Geschenken darin erblickte, klatschte sie vor Freude in die Hände. »Wenn es doch eine kleine Miezekatze wäre!« sagte sie, aber da kam der Strauch mit der herrlichen Rose zum Vorschein. »Wie niedlich sie gemacht ist!« sagten alle Hofdamen. »Sie ist mehr als niedlich«, sagte der Kaiser, »sie ist schön.«

Aber die Prinzessin befühlte sie, und da war sie nahe daran zu weinen. »Pfui, Papa!« rief sie; »sie ist gar nicht künstlich, sie ist natürlich!« »Pfui!« stimmten alle Hofdamen ein, »sie ist natürlich!«

»Lasst uns doch erst sehen, was in dem andern Kasten ist, ehe wir böse werden«, meinte der Kaiser; da kam die Nachtigall heraus, die so schön sang, dass man zuerst nichts Böses von ihr zu sagen wusste. »Superbe! Charmant!« sagten die Hofdamen, denn sie plauderten alle Französisch, eine noch schlechter als die andere. »Wie der Vogel mich an die Spieldose der seligen Kaiserin erinnert!« sagte ein alter Kavalier; »ach ja, das ist derselbe Ton, derselbe Vortrag.« »Ja«, sagte der Kaiser, und dann weinte er wie ein kleines Kind.

»Es wird doch hoffentlich kein natürlicher Vogel sein!« meinte die Prinzessin. »Doch, es ist ein natürlicher Vogel«, sagten die, welche ihn gebracht hatten. »Dann lasst den Vogel fliegen«, sagte die Prinzessin, und sie wollte auf keinen Fall gestatten, dass der Prinz selber komme.

Aber der ließ sich nicht abschrecken. Er bemalte sich das Gesicht mit Braun und Schwarz, zog die Mütze tief über den Kopf und klopfte an. »Guten Tag, Herr Kaiser!« sagte er. »Könnte ich hier auf dem Schloss wohl eine Arbeit bekommen?« »Jawohl«, sagte der Kaiser. »Ich brauche gerade jemand, der die Schweine hüten kann, davon haben wir sehr viele.«

So wurde der Prinz als kaiserlicher Schweinehirt angestellt. Er bekam eine jämmerlich kleine Kammer unten beim Schweinestall, da musste er bleiben; einen ganzen Tag saß er da und arbeitete, und als es Abend wurde, hatte er einen niedlichen kleinen Topf gemacht; rundherum hingen Schellen, und sobald der Topf kochte, klingelten sie allerliebst und spielten die alte Melodie:

Ach, du lieber Augustin,

Alles ist hin, hin, hin!“

Aber das Allerkünstlichste daran war, dass man, wenn man den Finger in den Dampf des Topfes hielt, sogleich riechen konnte, welche Gerichte auf jedem Herd in der Stadt gekocht wurden. Das war wahrlich etwas ganz anderes als die Rose!

Nun kam die Prinzessin mit allen ihren Hofdamen daherspaziert; als sie die Melodie hörte, blieb sie stehen und war ganz erfreut; denn auch sie konnte »Ach, du lieber Augustin« spielen. Es war das einzige Lied, was sie konnte, und das spielte sie sogar mit nur einem Finger. »Das ist ja mein Lied!« sagte sie. »Das muss ein gebildeter Schweinehirt sein! Höre, geh‘ einmal hin und frage ihn, was das Instrument kostet.«

Da musste eine der Hofdamen in den Schweinestall gehen, aber sie zog vorher Holzpantoffeln an. »Was willst du für den Topf haben?« fragte die Hofdame. »Ich will zehn Küsse von der Prinzessin haben«, sagte der Schweinehirt. »Gott bewahre uns!« sagte die Hofdame. »Ja, darunter tue ich es nicht«, antwortete der Schweinehirt.

»Er ist ein Flegel!« sagte die Prinzessin, und dann ging sie fort; aber als sie ein kleines Stück gegangen war, erklangen die Schellen so lieblich:

Ach, du lieber Augustin,

Alles ist hin, hin, hin!

»Höre«, sagte die Prinzessin, »frage ihn, ob er nicht zehn Küsse von meinen Hofdamen will!« »Nein, danke schön«, sagte der Schweinehirt; »zehn Küsse von der Prinzessin, oder ich behalte meinen Topf.« »Das ist doch unausstehlich!« sagte die Prinzessin. »Aber dann müsst ihr vor mir stehen, damit niemand etwas sieht.« Die Hofdamen stellten sich davor und breiteten ihre Kleider aus, und so bekam der Schweinehirt zehn Küsse und sie erhielt den Topf.

Das war nun eine Freude! Den ganzen Abend und den nächsten Tag musste der Topf kochen; es gab nicht einen Herd in der ganzen Stadt, von dem sie nicht wussten, was darauf gekocht wurde, sowohl beim Kammerherrn wie beim Schuhflicker. Die Hofdamen tanzten und klatschten in die Hände. »Wir wissen, wer heute süße Suppe und Eierkuchen isst, wir wissen, wer Grütze und Braten bekommt! Wie interessant das ist!« »Ja, aber haltet euren Mund, denn ich bin des Kaisers Tochter!« »Natürlich, natürlich!« sagten alle.

Der Schweinehirt, das heißt der Prinz – aber sie wussten es ja nicht anders, als dass er ein richtiger Schweinehirt sei – ließ keinen Tag vergehen, ohne etwas zu tun; er machte als nächstes eine Knarre. Wenn man diese herumschwenkte, erklangen alle Walzer und Tänze, die man seit Erschaffung der Welt gehört hatte.

»Ach, das ist superbe«, sagte die Prinzessin, als sie am Stall vorbeiging. »Ich habe nie eine schönere Musik gehört! Höre, geh‘ hinein und frage ihn, was das Instrument kostet – aber ich küsse nicht!« »Er will hundert Küsse von der Prinzessin haben«, sagte die Hofdame, welche hineingegangen war, um ihn zu fragen. »Ich glaube, er ist verrückt!« sagte die Prinzessin, und dann ging sie weg.

Aber als sie ein kleines Stück gegangen war, blieb sie stehen. »Man muss die Kunst fördern«, sagte sie, »ich bin des Kaisers Tochter. Sage ihm, er soll wie neulich zehn Küsse von mir bekommen; den Rest kann er sich von meinen Hofdamen geben lassen.« »O – aber wir tun es nur ungern«, sagten die Hofdamen. »Dummes Geschwätz«, sagte die Prinzessin, »wenn ich ihn küssen kann, dann könnt ihr es auch! Denkt daran, ich gebe euch Kost und Lohn.« Da mussten die Hofdamen wieder zu ihm hineingehen. »Hundert Küsse von der Prinzessin«, erwiderte er, »oder jeder behält das Seine!« »Stellt Euch davor!« sagte sie, und alle Hofdamen stellten sich davor, und dann küsste sie ihn.

»Was mag das wohl für ein Auflauf beim Schweinestall sein?« fragte der Kaiser, welcher auf den Balkon getreten war. Er rieb sich die Augen und setzte die Brille auf. »Das sind ja die Hofdamen, die sich da herumtreiben; ich werde wohl zu ihnen hinuntergehen müssen.« Dann zog er seine Pantoffeln hinten hoch; denn es waren Schuhe, die er platt getreten hatte.

Meine Güte, wie er sich beeilte! Sobald er in den Hof hinunterkam, ging er ganz leise, und die Hofdamen hatten so viel damit zu tun, die Küsse zu zählen, damit es ehrlich zuginge, dass sie den Kaiser gar nicht bemerkten. Er stellte sich auf den Zehen. »Was ist denn da los?« rief er, als er sah, dass sie sich küssten; und dann schlug er seine Tochter mit einem Pantoffel auf den Kopf, gerade als der Schweinehirt den sechsundachtzigsten Kuss bekam. »Fort mit euch!« sagte der Kaiser, denn er war zornig, und beide, die Prinzessin wie der Schweinehirt, mussten sein Kaiserreich verlassen.

Da stand sie nun und weinte, der Schweinehirt schimpfte, und der Regen strömte herab. »Ach, ich armes Geschöpf«, sagte die Prinzessin, »hätte ich doch den schönen Prinzen genommen! Ach, wie unglücklich bin ich jetzt!«

Der Schweinehirt aber ging hinter einen Baum, wischte sich das Schwarze und Braune aus seinem Gesicht, warf die schlechten Kleider von sich und trat nun in seiner Prinzenuniform vor, so schön, dass die Prinzessin sich vor ihm verneigen musste. »Ich bin dahin gekommen, dich zu verachten«, sprach er. »Einen ehrlichen Prinzen wolltest du nicht haben! Die Rose und die Nachtigall wusstest du nicht zu schätzen, aber den Schweinehirten konntest du für eine Spielerei küssen. Das hast du nun davon!«

Und dann ging er in sein Königreich hinein und schlug ihr die Tür vor der Nase zu. Nun konnte sie draußen singen:

Ach, du lieber Augustin,

Alles ist hin, hin, hin!“

 

Ich habe die Übersetzung aus „Sämmtliche Märchen“ sprachlich überarbeitet und mich dabei auf die Übersetzung in „Mährchen, Abenteuer und Geschichten für Jung und Alt von H. C. Andersen“ (Erstes Bändchen, Braunschweig 1864) gestützt. Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/10/31/andersen-der-schweinehirt-kurze-analyse/

 

Hans Chr. Andersen: Die Galoschen des Glücks – Text und Analyse

Andersen: Die Galoschen des Glücks

1. Ein Anfang

Es war in Kopenhagen, in eines der Häuser nahe beim Königsneumarkt war eine große Gesellschaft eingeladen – das muss zwischendurch schon einmal sein, denn es gilt, dass man dann selber auch wieder eingeladen wird. Die eine Hälfte der Gesellschaft saß schon an den Spieltischen, und die andere Hälfte wartete ab, wie es weitergehen würde; denn die Hausfrau hatte gesagt: „Nun, was tun wir jetzt?“ Soweit war man nun, und die Unterhaltung fing an, einigermaßen in Gang zu kommen. Unter anderem kam die Rede auch auf das Mittelalter. Einzelne sahen es für weit schöner an als die Gegenwart, ja, Justizrat Knap verteidigte diese Meinung so eifrig, dass die Frau des Hauses sofort zu ihm hielt, und beide wetterten nun gegen Oerstedts Artikel über alte und neue Zeiten im Volkskalender, worin unserem Zeitalter im Wesentlichen der Vorrang gegeben wurde. Justizrat Knap erklärte dagegen die Zeit des dänischen Königs Hans [gestorben 1513, war mit Christine von Sachsen verheiratet, N.T.] als die beste und glücklichste Epoche.

Während dieses Streitgesprächs für und wider, das nur einen Augenblick aussetzte, als die Zeitung ankam, in der aber auch nichts Lesenswertes stand, wollen wir in das Vorzimmer hinausgehen, wo Mäntel, Stöcke, Regenschirme und Galoschen ihren Platz gefunden hatten. Hier saßen zwei weibliche Gestalten, eine jung und eine alt. Man hätte glauben können, sie seien gekommen, um ihre Herrschaft nach Hause zu begleiten, irgend ein altes Fräulein oder eine Witwe; sah man sie jedoch genauer an, so bemerkte man bald, dass sie keine gewöhnlichen Dienstmädchen waren; dazu waren ihre Hände zu fein, ihre Haltung und die Art, sich zu bewegen, zu königlich, und auch die Kleider hatten einen ganz eigentümlich freien Schnitt. Es waren zwei Feen; die jüngere war wohl nicht das Glück selbst, aber eines der Kammermädchen seiner Kammerjungfern, welche die geringeren Gaben des Glückes verteilen; die ältere sah tiefernst aus, es war die Sorge. Sie erledigt immer in höchsteigener Person ihre Geschäfte; dann weiß sie, dass sie gut ausgeführt werden.

Sie erzählten einander, wo sie an diesem Tag gewesen waren. Das Kammermädchen des Glücks hatte nur einige unbedeutende Sachen erledigt; sie hatte, wie sie sagte, einen neuen Hut vor dem Regen gerettet, einem ehrlichen Manne einen Gruß von einer vornehmen Null ausgerichtet und Ähnliches; aber was nun noch übrig war, war etwas ganz Ungewöhnliches.

Ich muss dir noch erzählen“, sagte sie, „dass heute mein Geburtstag ist; aus diesem Anlass sind mir ein Paar Galoschen anvertraut worden, die ich den Menschen bringen soll. Diese Galoschen haben die Eigenschaft, dass jeder, der sie anzieht, sogleich an die Stelle oder in die Zeit versetzt wird, wo er am liebsten sein möchte. Jeder Wunsch bezüglich Zeit und Ort wird augenblicklich erfüllt, und die Menschen werden endlich einmal glücklich sein hienieden.“

Ja, das glaubst du!“ sagte die Sorge, „sie werden unglücklich werden und den Augenblick segnen, wo sie die Galoschen wieder los sind!“

Wie kommst du bloß darauf?“ fragte die andere. „Jetzt stelle ich sie hier an die Tür; einer vertut sich bestimmt beim Zugreifen und wird der Glückliche.“

Das war das Gespräch der beiden Feen.

2. Wie es dem Justizrat erging

Es war spät. Justizrat Knap, noch ganz vertieft in König Hans’ Zeit, wollte nach Hause, und nun ergab es sich, dass gerade er an Stelle seiner Galoschen die des Glücks genommen hatte. Er trat nun auf die Oststraße hinaus; aber durch der Galoschen Zauberkraft war er in die Zeit des Königs Hans zurückversetzt, und deshalb setzte er seinen Fuß mitten in Schlamm und Morast auf die Straße, da es in jener Zeit noch kein Steinpflaster gab.

Es ist ja fürchterlich, wie schmutzig es hier ist!“ schimpfte der Justizrat. „Der ganze Bürgersteig ist weg, und alle Laternen sind aus!“

Der Mond war noch nicht aufgegangen und die Luft überdies ziemlich neblig, so dass alles ringsumher im Dunkel verschwamm. An der nächsten Ecke hing jedoch eine Laterne vor einem Madonnenbild, aber diese Beleuchtung war so gut wie keine; er bemerkte sie erst, als er gerade darunter stand und seine Augen auf das Gemälde von Mutter und Kind fielen.

Das ist wahrscheinlich“, dachte er, „eine Kunsthandlung, wo man vergessen hat, das Schild hereinzunehmen.“

Ein paar Menschen gingen in der damaligen Tracht an ihm vorbei.

Wie sehen die denn aus? Die kommen wahrscheinlich von einem Maskenfest!“

Da erklangen mit einem Mal Trommeln und Pfeifen, Fackeln leuchteten auf. Der Justizrat blieb stehen und sah einen wunderlichen Zug vorbeiziehen. Zuerst kam ein ganzer Trupp Trommelschläger, die ihr Instrument recht kräftig bearbeiteten; ihnen folgten Leibwächter mit Bogen und Armbrust. Der Vornehmste im Zuge war ein geistlicher Herr. Erstaunt fragte der Justizrat, was das zu bedeuten habe und wer jener Mann sei.

Das ist der Bischof von Seeland“, antwortete man ihm.

Herrgott! Was fällt denn dem Bischof ein?“ seufzte der Justizrat und schüttelte mit dem Kopf. Unmöglich konnte ein Mann in diesem Aufzug der Bischof sein. Darüber nachgrübelnd ging der Justizrat, ohne nach rechts oder links zu blicken, durch die Oststraße zum Hohenbrückenplatz. Die Brücke zum Schlossplatz war nicht zu finden. Er sah undeutlich ein seichtes Flussufer, und stieß hier endlich auf zwei Männer, die ein Boot bei sich hatten.

Will der Herr nach dem Holm übergesetzt werden?“ fragten sie.

Nach dem Holm hinüber?“ sagte der Justizrat, der ja nicht wusste, in welchem Zeitalter er herumwanderte. „Ich will nach Christianshafen hinaus in die kleine Torfgasse!“

Die Männer sahen ihn staunend an.

Sagt mir doch, wo die Brücke ist!“ sagte er. „Es ist eine Schande, dass hier keine Laternen angezündet sind, und dann ist ein Schmutz hier, als ob man im Sumpf watete!“

Je länger er mit den Bootsleuten sprach, um so unverständlicher wurden sie ihm.

Ich kann euer Bornholmisch nicht versehen!“ sagte er zuletzt ärgerlich und kehrte ihnen den Rücken. Die Brücke konnte er nicht finden, ein Geländer war auch nicht da. „Es ist ein Skandal, wie es hier aussieht!“ sagte er. Niemals hatte er sein Zeitalter elender gefunden als an diesem Abend. „Ich glaube, ich werde eine Droschke nehmen müssen“, dachte er, aber wo eine hernehmen? Zu sehen war jedenfalls keine. Ich werde zum Königsneumarkt zurückgehen müssen, dort halten wohl Wagen, sonst komme ich nie nach Christianshafen hinaus.“

Nun ging er die Oststraße zurück und war fast an ihrem Ende, als der Mond hervorkam.

Mein Gott, was ist denn hier für ein Gerüst aufgestellt worden!“ sagte er, als er das Osttor sah, das zu jener Zeit die Oststraße abschloss.

Endlich fand er doch eine kleine Pforte, und durch diese kam er bei unserem Neumarkt heraus; das war damals ein großer Wiesengrund, einzelne Büsche standen da, und quer über die Wiese ging ein breiter Kanal oder Strom. Einige verwahrloste Holzbuden für die holländischen Schiffer, nach welchen der Ort den Namen „Hollandsau“ trug, lagen auf dem gegenüberliegenden Ufer.

Entweder sehe ich eine Fata Morgana oder ich bin betrunken!“ stöhnte der Justizrat. „Was ist das bloß? Was ist das bloß?“

Er kehrte wieder um in dem festen Glauben, dass er krank sei; als er in die Straße einbog, sah er sich die Häuser etwas genauer an. Die meisten waren aus Fachwerk, viele hatten nur ein Strohdach.

Nein, es geht mir gar nicht gut!“ seufzte er, „und ich habe doch nur ein Glas Punsch getrunken, aber ich kann ihn nicht vertragen. Und es war auch ganz und gar verkehrt, uns Punsch und dazu warmen Lachs vorzusetzen. Das werde ich der Dame auch einmal sagen. Ob ich wohl zurückgehe und sie wissen lasse, was das bei mir für Folgen hat? Aber das ist auch peinlich, und wer weiß, ob sie überhaupt noch auf sind.“

Er suchte nach dem Haus, konnte es aber nirgends finden.

Es ist doch schrecklich! Ich kann die Oststraße nicht wiedererkennen! Nicht ein Laden ist da. Alte, elende Hütten sehe ich, als ob ich in Roskilde oder Ringstedt wäre! Ich glaube, ich bin krank. Es nutzt nichts, sich zu genieren. Aber wo in aller Welt ist denn das Haus, aus dem ich eben fortgegangen bin? Es sieht sich gar nicht mehr ähnlich! Jedenfalls sind drinnen noch Leute wach. Nein, ich bin ganz bestimmt krank!“

Nun stieß er auf eine halboffene Türe, durch deren Spalt Licht fiel. Es war eine der Herbergen der damaligen Zeit, eine Art Bierhaus. Die Stube hatte das Aussehen einer holsteinischen Diele. Eine größere Gesellschaft von Schiffern, Kopenhagener Patriziern und ein paar Gelehrten saß hier in Gespräche vertieft bei ihren Krügen und gab nur wenig auf den Neuankömmling Acht.

Verzeihung“, sagte der Justizrat zu der Wirtin, die ihm entgegenkam, „mir ist plötzlich unwohl geworden! Könnten Sie mir nicht eine Droschke nach Christianshafen holen lassen?“

Die Frau schaute ihn an und schüttelte den Kopf; darauf redete sie ihn in deutscher Sprache an. Der Justizrat nahm an, dass sie des Dänischen nicht mächtig sei, und brachte daher seinen Wunsch auf Deutsch vor; dies wie auch seine fremde Tracht bestärkten die Frau in der Annahme, dass sie einen Ausländer vor sich habe. Dass es ihm nicht gut ging, begriff sie schnell und gab ihm deshalb einen Krug Wasser, das freilich abgestanden schmeckte, obgleich es aus dem Brunnen stammte.

Der Justizrat stützte seinen Kopf in die Hand, holte tief Luft und grübelte über all das Unbegreifliche ringsum.

Ist das die heutige Ausgabe vom ‚Tag‘ [Abendzeitung in Kopenhagen, N.T.]?“ fragte er, nur um etwas zu sagen, als er die Frau ein großes Stück Papier weglegen sah.

Sie verstand nicht, was er meinte, reichte ihm aber das Blatt. Es war ein Holzschnitt, der eine Lufterscheinung darstellte, die sich in der Stadt Köln gezeigt hatte.

Das ist sehr alt“, sagte der Justizrat und wurde ganz aufgeräumt bei dem Gedanken, dass er ein so altes Stück entdeckt habe. „Wie sind Sie zu diesem seltenen Blatte gekommen? Das ist sehr interessant, obgleich das Ganze eine Fabel ist. Man erklärt sich dergleichen Lufterscheinungen als Nordlichter, die man beobachtet hat; wahrscheinlich werden sie durch Elektrizität hervorgerufen.“

Diejenigen, die in der Nähe saßen und seine Rede gehört hatten, sahen verwundert zu ihm auf, und einer von ihnen erhob sich, lüftete ehrerbietig den Hut und sprach mit ernsthafter Miene: „Ihr seid gewiss ein hochgelehrter Herr, Monsieur!“

O, nein“, erwiderte der Justizrat, „ich kann nur bei diesem oder jenem mitreden, wie es ja ein jeder können sollte.“

Modestia [Bescheidenheit] ist eine schöne Tugend!“ sagte der Mann. „Im Übrigen muss ich zu eurer Rede sagen: mihi secus videtur [dass ich anderer Meinung bin], doch will ich hier gern mein Urteil suspendieren.“

Darf ich fragen, mit wem zu sprechen ich das Vergnügen habe?“ sagte der Justizrat.

Ich bin Baccalaureus der Heiligen Schrift“, antwortete der Mann.

Diese Antwort war dem Justizrat genug. Der Titel entsprach ganz seiner Tracht. „Es ist sicher ein alter Landschulmeister“, dachte er, „so ein sonderbarer Kauz, wie man sie noch ab und zu da oben in Jütland antrifft.“

Hier ist wohl nicht eigentlich der rechte locus docendi [Ort für gelehrte Gespräche]“, begann der Mann, „doch bitte ich Euch weiterzusprechen. Ihr seid gewiss in den Alten sehr belesen!“

O ja, einigermaßen“, antwortete der Justizrat, „ich lese gern alte nützliche Schriften, aber ich habe auch viel für die neueren übrig, nur nicht für die ‚Alltagsgeschichten’; die erleben wir hinreichend in der Wirklichkeit.“

Alltagsgeschichten?“ fragte unser Baccalaureus.

Ja, ich meine die neuen Romane, die es jetzt gibt.“

O“, lächelte der Mann, „sie bezeugen doch viel Geist und werden auch bei Hofe gelesen; der König liebt besonders den Roman von Herrn Ivent und Herrn Gaudian, der von König Artus und den Rittern seiner Tafelrunde handelt. Er hat darüber mit seinen hohen Herren gescherzt!“ [König Hans hat nach Holberg mit Otto Rud über den Roman gesprochen: Ivent und Gaudian seien wahre Ritter gewesen, wie es sie nun nicht mehr gäbe; darauf antwortete Rud, es würden sich solche Ritter schon finden, wenn es noch Helden wie König Artus gäbe.]

Ja, den habe ich noch nicht gelesen“, sagte der Justizrat, „das muss etwas ganz Neues sein, das Heiberg [Heiberg hatte die von seiner Mutter verfassten „Alltagsgeschichten“ veröffentlicht] herausgegeben hat!“

Nein“, antwortete der Mann, „der ist nicht bei Heiberg herausgekommen, sondern bei Gottfried von Gehmen [Buchdrucker und Verleger unter König Hans]!“

So, ist das der Verfasser?“ fragte der Justizrat. „Das ist ein sehr alter Name. So hieß ja wohl der erste Buchdrucker, den es in Dänemark gab.“

Ja, das ist unser erster Buchdrucker!“ sagte der Mann. Bis dahin ging alles gut; nun sprach einer der Bürgersleute von der schrecklichen Pest, die vor ein paar Jahren geherrscht habe, und meinte damit die vom Jahre 1484. Der Justizrat nahm an, dass von der Cholera die Rede sei; so ging der Diskurs recht gut weiter. Der Freibeuterkrieg von 1490 lag so nahe, dass er berührt werden musste. Die englischen Freibeuter hätten die auf der Reede liegenden Schiffe gekapert, meinten sie, und der Justizrat, der sich so recht in die Ereignisse von 1801 [Seeschlacht gegen Nelson] hineingelebt hatte, stimmte voller Überzeugung in die Verwünschungen gegen die Engländer mit ein. Die übrige Unterhaltung dagegen verlief nicht ganz so glücklich. Jeden Augenblick ergaben sich Missverständnisse. Der gute Baccalaureus wusste doch sehr wenig, und ihm erschienen selbst einfache Bemerkungen des Justizrats als zu gewagt und phantastisch. Sie sahen einander prüfend an, und wurde es gar zu arg, so sprach der Baccalaureus Latein, weil er glaubte, dann besser verstanden zu werden; aber auch das half nicht viel.

Wie geht es Euch?“ fragte die Wirtin und zog den Justizrat am Ärmel; da kam er wieder zur Besinnung, denn beim Gespräch mit den Gästen hatte er alles um sich her rein vergessen.

Herrgott, wo bin ich?“ fragte er ganz verwirrt und versuchte seine Lage zu verstehen.

Klaret wollen wir trinken! Met und Bremer Bier!“ rief einer der Gäste, „und Ihr sollt mithalten!“

Zwei Mädchen kamen herein. Die eine trug eine zweifarbige Haube [damals für Prostituierte vorgeschrieben]. Sie schenkten ein und neigten sich zu ihm hin – dem Justizrat lief es eiskalt über den Rücken.

Was soll das heißen? Was soll das heißen?“ stammelte er, aber er musste mit ihnen trinken. Sie ergriffen quasi Besitz von dem guten Mann, er war aufs höchste verzweifelt. Als dann einer sagte, er sei betrunken, zweifelte er nicht im Geringsten daran und bat wiederholt darum, ihm doch eine Droschke zu besorgen. Da glaubten sie, er rede Russisch.

Noch nie war der Justizrat in so roher und beschränkter Gesellschaft gewesen. „Man könnte fast glauben, das Land sei zum Heidentum zurückgekehrt“, dachte er, „dies ist der schrecklichste Augenblick meines Lebens!“ Doch plötzlich kam ihm der Gedanke, sich unter den Tisch zu bücken, zur Tür zu kriechen und hinauszuschlüpfen. Aber als er am Ausgang war, merkten die anderen, was er vorhatte; sie packten ihn bei den Beinen, da verlor er zum Glück die Galoschen – und damit war der ganze Zauber vorbei.

Der Justizrat sah ganz deutlich eine helle Laterne vor sich brennen, und hinter dieser lag ein großes Haus; er erkannte es ebenso wie die Nachbarhäuser. Es war die Oststraße, wie wir sie alle kennen. Er selbst lag mit den Beinen gegen eine Tür, und gegenüber saß der Nachtwächter und schlief.

Mein Gott, habe ich hier auf der Straße gelegen und geträumt?“ dachte er. „Ja, das ist die Oststraße! So hell und bunt wie immer! Es ist doch schrecklich, wie das eine Glas Punsch auf mich gewirkt haben muss!“

Zwei Minuten später saß er in einer Droschke, die ihn nach Christianshafen brachte. Er dachte an all die Angst und Not, die er überstanden hatte, und pries aus ganzem Herzen die glückliche Wirklichkeit, unsere Zeit, die mit all ihren Mängeln doch weit angenehmer sei als die, in der er sich vor kurzem befunden hatte. Und das war vernünftig vom Justizrat gedacht!

3. Des Nachtwächters Abenteuer

(Dieser schlüpft kurz in die Gestalt eines verliebten einsamen Leutnants, als solcher möchte er lieber Nachtwächter sein; er reist zum Mond.)

4. Ein Hauptmoment – Eine Deklamationsnummer. Eine ganz ungewöhnliche Reise

(Ein Medizinstudent hängt in einem Gitter fest. Er kann in die Herzen verschiedener Menschen sehen.)

5. Die Verwandlung des Kopisten

(Ein Polizeisekretär verwandelt sich in einen Dichter und in eine Lerche.)

Diese drei Kapitel fügen m. E. der augenblicklichen Wunscherfüllung, wie sie im 2. Kapitel für die Zeit und im 6. für den Ort durchgespielt wird, nichts Wesentliches hinzu. Wer möchte, kann sie hier nachlesen:

http://institut-asta.ch/fileadmin/user_upload/pdf/Hans%20Christian%20Andersen/DIE_GALOSCHEN_DES_GLUECKS.pdf

https://maerchen.com/andersen/die-galoschen-des-gluecks.php

https://archive.org/details/bub_gb_EgMOAAAAYAAJ/page/n471/mode/2up

6. Das Beste, was die Galoschen brachten

Frühmorgens am folgenden Tag, als der Schreiber noch im Bett lag, klopfte es an seine Tür; es war sein Nachbar aus derselben Etage, ein Student, der Pastor werden wollte. Er trat ein. „Leihe mir Deine Galoschen“, sagte er, „es ist so nass im Garten, aber die Sonne scheint herrlich, ich möchte ein Pfeifchen da unten rauchen.“

Er zog die Galoschen an und befand sich bald unten im Garten, der nur einen Pflaumen- und einen Birnenbaum aufzuweisen hatte. Selbst ein so kleiner Garten wie dieser gilt in Kopenhagen schon als eine große Herrlichkeit.

Draußen von der Straße erklang ein Posthorn. „O, reisen! reisen!“ rief er laut, „das ist doch das größte Glück in der Welt! Das ist meiner Wünsche höchstes Ziel! Das würde die Unruhe, die mich quält, stillen. Aber weit fort müsste es sein! Ich möchte die herrliche Schweiz sehen, nach Italien fahren und –“

Es war gut, dass die Galoschen sofort wirkten, sonst wäre er allzu weit sowohl für seinen Geschmack als auch für den unseren herumgekommen.

Er war auf Reisen, mitten in der Schweiz, aber mit acht anderen in einer Postkutsche zusammengepfercht. Er hatte Kopfschmerzen, sein Nacken war steif und das gestaute Blut ließ seine Beine anschwellen, so dass ihn die Stiefel drückten. Er schwebte in einem Zustand zwischen Wachen und Schlafen. In seiner rechten Tasche hatte er seine Reiseschecks, in der linken seinen Pass, und in einem kleinen Lederbeutel auf der Brust waren einige Goldstücke eingenäht. Jeder seiner Träume endete damit, dass der eine oder andere dieser Schätze verloren ginge. Deshalb fuhr er jeden Augenblick hoch, und die erste Bewegung, die seine Hand machte, war ein Dreieck von rechts nach links und zur Brust hinauf, um zu fühlen, ob alles noch da war. Regenschirme, Stöcke und Hüte schaukelten im Netz über seinem Kopf und versperrten ihm so ziemlich die Aussicht, die ansonsten großartig war. Er schielte hinaus, während sein Herz sang, was ein Dichter, den wir kennen, auch schon gesungen hatte, als er in der Schweiz war (er hat es aber bisher nicht drucken lassen):

Ja, hier ist‘s schön und das Herz hat Ruh‘!

Ich seh‘ den Montblanc in der Ferne.

Und reichte das Kleingeld nur dazu,

Ich bliebe hier lange noch gerne.

Groß und erhaben war die Natur rings um ihn. Die Tannenwälder erschienen wie Heidekraut auf den hohen Felsen, deren Spitzen sich im Wolkenschleier verbargen. Nun begann es zu schneien und ein kalter Wind blies.

Hu!“ seufzte er, „wären wir nur erst auf der anderen Seite der Alpen, dann wäre es Sommer und ich bekäme das Geld für meine Reiseschecks. Die Angst, die ich deswegen ausstehe, verdirbt mir den Genuss an Schweizer Natur. Ach, wäre ich doch schon auf der anderen Seite!“

Und da war er auf der anderen Seite, mitten in Italien, zwischen Florenz und Rom. Der Trasimenische See lag im Abendlicht wie flammendes Gold zwischen den blauen Bergen; hier, wo Hannibal den Flaminius geschlagen hatte, hielten sich nun Weinranken friedlich an ihren grünen Händen. Anmutige halbnackte Kinder bewachten eine Herde kohlschwarzer Schweine unter einer Gruppe duftender Lorbeerbäume an der Landstraße. Verstünden wir, diese Szene mit Worten zu malen, so würden alle jubeln: „Herrliches Italien!“ Aber weder der Theologe noch auch nur ein einziger von seinen Reisegefährten im Wagen sagte etwas Ähnliches.

Zu Hunderten flogen giftige Fliegen und Mücken zu ihnen herein; vergebens schlugen sie mit Myrtenzweigen um sich, die Fliegen stachen sie doch. Kein Mensch im ganzen Wagen, dessen Gesicht nicht geschwollen und blutig von den Stichen war! Die armen Pferde sahen wie Kadaver aus. Die Fliegen saßen in Schwärmen auf ihnen, und es half nur für Augenblicke, wenn der Kutscher abstieg und die Fliegen von seinen Tieren verjagte. Bald ging die Sonne unter; ein kurzer eisiger Schauer ging durch die ganze Natur. Das war wirklich nicht angenehm; aber ringsum verdämmerten die Berge und Wolken in einem wundervoll grünlichen Ton – ja, geht nur selbst hin und schaut, das ist besser, als Beschreibungen darüber zu lesen! Es war ein unvergleichliches Schauspiel; die Reisenden fanden das auch – aber der Magen war leer, die Glieder matt, alle Sehnsucht des Herzens richtete sich auf das Nachtlager. Aber wie würde das aussehen? Man hielt viel eifriger danach Ausschau als nach der Schönheit der Natur.

Der Weg führte durch einen Olivenwald; es war, als führe man daheim zwischen knotigen Weiden. Hier lag das einsame Wirtshaus. Ein halbes Dutzend bettelnder Krüppel hatte sich davor gelagert. Der gesündeste unter ihnen sah aus wie „des Hungers ältester Sohn, der seine Volljährigkeit erreicht hat“, um mit Marryat zu sprechen. Die anderen waren entweder blind, hatten lahme Beine und krochen auf den Händen oder hatten ausgezehrte Arme mit fingerlosen Händen. Das nackte Elend grinste überall aus den Lumpen hervor. „Erbarmen, gnädige Herren, habt Erbarmen!“ seufzten sie und entblößten ihre kranken Glieder. Die Wirtin selbst, mit bloßen Füßen, ungekämmtem Haar und

in einer schmutzigen Bluse, empfing die Gäste. Die Türen waren mit Bindfaden angebunden. Den Fußboden in den Zimmern bildete ein halbaufgerissenes Pflaster von Mauersteinen; Fledermäuse flatterten unter der Decke hin und her, und es stank da drinnen – –

Machen Sie lieber den Tisch im Stall zurecht“, sagte einer der Reisenden, „da unten weiß man wenigstens, was man einatmet.“

Die Fenster wurden schnell geöffnet, dass ein wenig frische Luft hereinkommen konnte, aber schneller als diese drangen die vertrockneten Arme herein und das unaufhörliche Gejammer: „Habt Erbarmen, gnädige Herren!“ An den Wänden standen viele Inschriften, die Hälfte davon war gegen Bella Italia gerichtet.

Das Essen wurde aufgetragen; es gab eine Suppe aus Wasser, mit Pfeffer und ranzigem Öl gewürzt, das auch in gleicher Güte beim Salat wieder erschien. Verdorbene Eier und gebratene Hahnenkämme machten das Hauptgericht aus; selbst der Wein hatte einen Beigeschmack, er war die reinste Medizin.

Zur Nacht wurden die Koffer gegen die Tür gestellt und einer der Reisenden hielt Wache, während die anderen schliefen. Den Theologen traf das Los, der Wachhabende zu sein. O, wie schwül war es hier drinnen! Die Hitze drückte, die Mücken summten und stachen, und die Krüppel wimmerten im Schlaf.

Ja, Reisen ist schon recht schön“, seufzte der Student, „wenn man nur keinen Körper hätte. Könnte dieser ruhen und der Geist indessen fliegen! Wohin ich auch komme, stoße ich auf einen Mangel, der das Herz bedrückt. Nach etwas Besserem als dem Augenblicklichen sehne ich mich, ja, nach dem Besten, aber wo und was ist das? Im Grunde weiß ich wohl, was ich will: Ich will an ein glückliches Ziel, das glücklichste von allen gelangen!“

Und wie das Wort ausgesprochen war, war er in seiner Heimat. Die langen, weißen Gardinen hingen vor den Fenstern herab, und mitten auf dem Fußboden stand ein schwarzer Sarg. In diesem lag er im sanften Todesschlaf. Sein Wunsch war erfüllt; der Körper ruhte, der Geist reiste. „Preise niemand glücklich vor seinem Tode“, Solons Wort, hier bewies es wieder einmal seine Gültigkeit.

Jede Leiche ist der Unsterblichkeit Sphinx. Aber auch die Sphinx hier in dem schwarzen Sarge gab keine Antwort auf die Frage, die der Lebende zwei Tage vorher aufgeschrieben hatte:

Du starker Tod, dein Schweigen wecket Grauen;

Des Kirchhofs Gräber zeigen deine Spur.

Soll meinem Geiste keine Hoffnung blauen?

Blüh ich als Gras im Todesgarten nur?

Dein größtes Leiden hat die Welt doch nie erblickt.

Der, der du gleich dir bliebst zum Letzten ohne Arg.

Im Leben ward dein Herz von manchem mehr bedrückt

Als von der Erde, die man wirft auf deinen Sarg!“

Zwei Gestalten bewegten sich im Zimmer. Wir kennen sie beide: Es waren die Sorge und die Abgesandte des Glücks. Sie beugten sich über den Toten. „Siehst du“, sagte die Sorge, „welches Glück haben deine Galoschen wohl den Menschen gebracht?“

Sie brachten wenigstens dem, der hier schläft, ein unvergängliches Gut“, erwiderte die Freude.

O nein!“ entgegnete die Sorge, „selbst ging er fort, er wurde nicht abberufen. Seine geistige Kraft war hier nicht stark genug, um die Schätze im Jenseits zu heben, die er nach seiner Bestimmung heben sollte! Ich will ihm eine Wohltat erweisen.“

Und sie zog die Galoschen von seinen Füßen; da war der Todesschlaf zu Ende und der Wiederbelebte erhob sich.

Die Feen waren verschwunden, mit ihnen aber auch die Galoschen; die Sorge hatte sich diese gewiss wieder genommen.

Ich bin von der Übersetzung bei http://institut-asta.ch/ (Übersetzer unbekannt) ausgegangen und habe sie anhand zweier weiterer Übersetzungen sprachlich überarbeitet. Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/10/30/andersen-die-galoschen-des-glucks-kurze-analyse/, vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2018/11/07/maerchen-von-den-drei-wuenschen-zwei-motive/!

Hans Chr. Andersen: Das hässliche junge Entlein – Text und Analyse

Andersen: Das hässliche junge Entlein (= Die hässliche Ente; Das hässliche Entlein; Das hässliche Entenküken)

Es war herrlich draußen auf dem Land. Es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer grün; das Heu lag unten auf den Wiesen in großen Haufen gebündelt, und der Storch ging auf seinen langen roten Beinen und plapperte ägyptisch; denn diese Sprache hatte er von seiner Frau Mutter gelernt. Rings um die Äcker und die Wiesen standen große Wälder und mitten in den Wäldern lagen tiefe Seen. Ja, es war wirklich herrlich draußen auf dem Land!

Dort lag im Sonnenschein ein altes Landgut, von tiefen Kanälen umgeben. Von der Mauer bis zum Wasser hinunter wuchsen große Klettenblätter, die so hoch wuchsen, dass kleine Kinder unter den höchsten aufrecht stehen konnten; es war darin ebenso wild durcheinander wie im tiefsten Wald. Hier saß eine Ente auf ihrem Nest, welche ihre Eier ausbrüten musste; aber sie war es fast satt, weil es gar zu lange dauerte und sie selten Besuch bekam – die anderen Enten schwammen lieber in den Kanälen umher, als sich unter ein Klettenblatt zu setzen und mit ihr zu schnattern.

Endlich platzte ein Ei nach dem anderen; »Piep! piep!« sagte es, und alle Eidotter waren lebendig geworden und steckten die Köpfe heraus. »Rapp! Rapp!« rief sie; und so rappelten sich alle nach Kräften und schauten nach allen Seiten unter den grünen Blättern umher; und die Mutter ließ sie gucken, so viel sie wollten, denn das Grüne ist gut für die Augen.

»Wie groß ist doch die Welt!« sagten alle Jungen, denn nun hatten sie freilich viel mehr Platz als vorher, als sie noch im Ei lagen. »Glaubt ihr, dass dies die ganze Welt ist?« fragte die Mutter; »die erstreckt sich noch weit über die andere Seite des Gartens, bis hinein in des Pfarrers Feld; aber da bin ich noch nie gewesen. – Ihr seid doch alle beisammen?« fuhr sie fort und stand auf. »Nein, ich habe noch nicht alle; das größte Ei liegt noch da. Wie lange soll das denn noch dauern? Ich bin es bald leid!« Und dann setzt sie sich wieder auf das Ei.

»Nun, wie geht es?« fragte eine alte Ente, welche zu Besuch kam. »Es dauert recht lange mit dem einen Ei«, antwortete die Ente, die darauf saß; »es will nicht platzen. Doch sieh dir nur die anderen an; es sind die niedlichsten Entchen, die ich je gesehen habe! Sie gleichen alle ihrem Vater; der Taugenichts – er kommt mich nicht einmal besuchen.« »Lass mich das Ei sehen, welches nicht platzen will«, sagte die Alte. »Verlass dich darauf, es ist ein Putenei! Ich bin auch einmal so angeführt worden und hatte meine große Not mit den Jungen, denn ihnen ist bange vor dem Wasser. Ich konnte sie nicht hineinbringen; ich rappte und schnappte, aber es half nichts. Lass mich das große Ei sehen! Ja, das ist ein Putenei. Lass es liegen und lehre lieber die anderen Kleinen schwimmen.« »Ich will doch noch ein bisschen darauf sitzen«, sagte die Ente; »habe ich nun so lange gesessen, dann kommt es auf ein paar Tage mehr oder weniger auch nicht an. »Wie du willst«, sagte die alte Ente und ging davon.

Endlich platze das Ei. »Piep! piep!« sagte das Junge und kroch heraus. Es war sehr groß und hässlich. Die Ente betrachtete es: »Es ist ein außerordentlich großes Entchen«, sagte sie, »keines von den andern sieht so aus. Sollte es doch ein Putenküken sein? Nun, wir werden bald dahinterkommen; ins Wasser muss es, müsste ich es auch selbst hineinstoßen!«

Am nächsten Tag war herrliches Wetter; die Sonne schien auf alle grünen Kletten. Die Mutter Ente ging mit ihrer ganzen Familie zu dem Kanal hinunter. Platsch! da sprang sie ins Wasser. »Rapp! rapp!« rief sie, und ein Entchen nach dem andern plumpste hinein; das Wasser schlug ihnen über dem Kopf zusammen, aber sie kamen gleich wieder hoch und schwammen ganz prächtig; die Beine gingen von selbst, alle waren sie im Wasser, selbst das hässliche graue Junge schwamm mit.

»Nein, es ist kein Puter«, sagte sie; »sieh doch einer, wie herrlich es die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält, es ist mein eigenes Kind! Im Grunde ist es auch ganz hübsch, wenn man es nur recht betrachtet. Rapp! rapp! Kommt nur mit mir, ich werde euch die Welt zeigen und euch im Entenhof vorstellen; aber haltet euch immer in meiner Nähe, damit euch niemand tritt, und nehmt euch vor den Katzen in Acht!«

Und so kamen sie in den Entenhof hinein. Drinnen war ein schrecklicher Lärm, denn zwei Familien stritten sich um den Kopf eines toten Aals, und am Ende bekam ihn doch die Katze.

»Seht, so geht es in der Welt zu!« sagte Mutter Ente und schnappte mit dem Schnabel, denn sie wollte auch den Aalkopf haben. »Gebraucht nun eure Beine«, sagte sie; »seht zu, dass ihr euch beeilt, und neigt euren Hals vor der alten Ente dort. Sie ist die vornehmste von allen hier; sie hat spanische Vorfahren, deshalb ist sie so dick. Und seht ihr: Sie hat einen roten Lappen um das Bein; das ist etwas außerordentlich Schönes und die größte Auszeichnung, welche eine Ente erhalten kann. Das bedeutet, dass man sie nicht verlieren will und dass sie von Tieren und Menschen erkannt werden soll! Die Füße nicht einwärts! Ein wohlerzogenes Entchen setzt die Füße weit auseinander, gerade wie Vater und Mutter. Seht, so! Nun neigt euren Hals und sagt ‚Rapp‘.«

Und das taten sie; aber die andern Enten ringsumher betrachteten sie und sagten ganz laut: »Seht euch das an! Nun sollen wir den Schwarm auch noch aufnehmen – als ob wir nicht so schon genug wären! Und pfui! Wie hässlich das eine aussieht, das wollen wir nicht bei uns dulden!« Und sogleich flog eine Ente hin und biss es in den Nacken. »Lass es in Ruhe!« sagte die Mutter; »es tut ja niemandem etwas.« »Ja, aber es ist so groß und sonderbar«, sagte die Ente, welche es gebissen hatte; »deshalb muss es geknufft werden.«

»Es sind hübsche Kinder, welche die Mutter hat«, sagte die alte Ente mit dem Lappen um das Bein; »alle schön, bis auf das eine, das ist misslungen; ich wollte, dass sie es umgestalten könnte.« »Das geht nicht, Ihro Gnaden«, sagte Mutter Ente; »es ist nicht hübsch, aber ein herzensgutes Kind und schwimmt so herrlich wie die anderen, ja, ich darf sagen, noch etwas besser. Ich denke, es wird ordentlich heranwachsen und mit der Zeit vielleicht etwas kleiner werden; es hat zu lange im Ei gelegen und deshalb nicht die rechte Gestalt bekommen.« Und sie zupfte es im Nacken und glättete das Gefieder. »Es ist außerdem ein Enterich«, meinte sie, »darum macht es nicht so viel aus. Ich denke, er wird gute Kräfte bekommen und sich schon durchschlagen.« »Die anderen Entchen sind niedlich«, sagte die Alte; »tut nun, als ob ihr zu Hause wärt, und findet ihr einen Aalkopf, so könnt ihr ihn mir bringen.« Und so waren sie hier wie zu Hause.

Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so hässlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und ausgelacht, sowohl von den Enten wie von den Hühnern. »Es ist zu groß!« sagten alle, und der Puter, welcher mit Sporen zur Welt gekommen war und deshalb glaubte, dass er Kaiser sei, machte sich breit wie ein Schiff mit vollen Segeln und ging gerade auf das hässliche Entchen los; dann kollerte er und wurde ganz rot am Kopf. Das Entchen wusste nicht, wo es stehen oder gehen sollte; es war so betrübt, weil es hässlich aussah und vom ganzen Entenhof verspottet wurde.

So ging es am ersten Tag, und später wurde es noch schlimmer. Das arme Entchen wurde von allen gejagt; selbst seine Schwestern waren ganz böse gegen es und sagten immer: »Wenn dich die Katze nur finge, du hässliches Geschöpf!« Die Mutter stöhnte: »Wenn du nur weit fort wärst!« Und die Enten bissen es, die Hühner hackten nach ihm und das Mädchen, welches die Tiere füttern sollte, stieß mit den Füßen nach ihm.

Da lief es weg und flog über den Zaun; die kleinen Vögel in den Büschen flogen erschrocken davon. »Das geschieht, weil ich so hässlich bin«, dachte das Entchen und schloss die Augen, lief aber trotzdem weiter; so kam es hinaus zu einem großen Moor, wo die wilden Enten wohnten. Hier lag es die ganze Nacht; es war nämlich müde und traurig.

Gegen Morgen flogen die wilden Enten auf und erblickten den neuen Kameraden. »Was bist du für einer?« fragten sie; das Entchen wendete sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte. »Du bist außerordentlich hässlich«, sagten die wilden Enten; aber das kann uns egal sein, wenn du nur nicht in unsere Familie einheiratest.« Das Arme! Es dachte wirklich nicht daran, sich zu verheiraten; es wollte nur die Erlaubnis erhalten, im Schilf zu liegen und etwas Moorwasser zu trinken.

So lag es zwei ganze Tage; dann kamen zwei wilde Gänse oder richtiger wilde Gänseriche, die erst vor kurzem aus dem Ei gekrochen waren; deshalb waren sie auch etwas vorlaut. »Höre, Kamerad«, sagten sie, »du bist so hässlich, dass wir dich gut leiden mögen; willst du mit uns kommen und Zugvogel werden? Hier nebenan in einem andern Moor gibt es einige süße, liebliche wilde Gänse, schöne Fräuleins, die alle ‚Rapp!‘ sagen können. Du bist imstande, dein Glück dort zu machen, so hässlich bist du!«

»Piff! Paff!« ertönte es im gleichen Augenblick; beide wilde Gänseriche fielen tot ins Schilf und das Wasser wurde blutrot. »Piff! Paff!« erscholl es wieder und ganze Scharen wilder Gänse flogen aus dem Schilf auf. Und dann knallte es wieder. Es war große Jagd, die Jäger lagen rings um das Moor herum; ja, einige saßen oben in den Bäumen, welche sich weit über das Schilfrohr erstreckten. Der blaue Dampf zog wie eine Wolke in die dunkeln Bäume hinein und weit über das Wasser hin; im Moor suchten die Jagdhunde die Beute. Platsch, Platsch, das Schilf und das Rohr neigte sich nach allen Seiten. Das war ein Schreck für das arme Entchen. Es drehte den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, aber in demselben Augenblick stand ein fürchterlich großer Hund dicht vor ihm; die Zunge hing dem Tier lang aus dem Hals heraus, und die Augen funkelten gräulich hässlich. Er steckte seine Schnauze dem Entchen entgegen, zeigte ihm die scharfen Zähne und – – Platsch, Platsch! ging er wieder, ohne es zu packen. »O, Gott sei Dank!« seufzte das Entchen; »ich bin so hässlich, dass selbst der Hund mich nicht beißen mag.« Und dann lag es ganz still, während die Schrotkugeln durch das Schilf sausten und Schuss auf Schuss knallte.

Erst spät am Tag wurde es ruhig; aber das arme Junge wagte noch nicht, sich zu erheben; es wartete noch mehrere Stunden, bevor es sich umsah, und dann eilte es fort aus dem Moor, so schnell es konnte. Es lief über Feld und Wiese; da tobte ein solcher Sturm, dass es ihm schwer wurde, von der Stelle zu kommen. Gegen Abend erreichte es eine kleine armselige Bauernhütte; die war so baufällig, dass sie selbst nicht wusste, nach welcher Seite sie fallen sollte, und darum blieb sie stehen. Der Sturm sauste so um das Entchen, dass es sich setzen musste, um sich dagegen zu stemmen, und es wurde schlimmer und schlimmer. Da bemerkte es, dass die Tür aus der einen Angel gegangen war und so schief hing, dass es durch die Spalte in die Stube hineinschlüpfen konnte, und das tat es.

Hier wohnte eine Frau mit ihrem Kater und ihrer Henne. Der Kater, den sie »Söhnchen« nannte, konnte einen Buckel machen und schnurren; er sprühte sogar Funken, aber dafür musste man ihn gegen das Haar streicheln. Die Henne hatte ganz kurze niedrige Beine, und deshalb wurde sie »Küken-Kurzbein« genannt; sie legte gute Eier, und die Frau liebte sie wie ihr eigenes Kind. Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde Entchen; und der Kater begann zu schnurren und die Henne zu glucken.

»Was gibt‘s da?« fragte die Frau und sah sich rings um; aber sie sah nicht gut, und so glaubte sie, das Entchen sei eine fette Ente, die sich verirrt hätte. »Das ist ja ein seltener Fang!« sagte sie. »Nun kann ich Enteneier bekommen. Wenn es nur kein Enterich ist! Das müssen wir noch ausprobieren.« Und so wurde das Entchen für drei Wochen auf Probe angenommen; aber es kamen keine Eier heraus.

Der Kater war Herr im Haus, und die Henne war die Dame. Immer sagten sie: »Wir und die Welt!« Denn sie glaubten, sie seien die Hälfte der Welt, und zwar die bei weitem bessere Hälfte. Das Entchen glaubte, dass man auch eine andere Meinung haben könnte; aber das duldete die Henne nicht. »Kannst du Eier legen?« fragte sie. »Nein!« »Nun, dann wirst du die Güte haben, den Mund zu halten.« Und der Kater fragte: »Kannst du einen krummen Buckel machen, schnurren und Funken sprühen?« »Nein.« »So darfst du auch keine Meinung äußern, wenn vernünftige Leute sprechen!« Und das Entchen saß im Winkel und hatte schlechte Laune.

Da fiel ihm die frische Luft und der Sonnenschein ein; es bekam gleich so eine sonderbare Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, dass es nicht unterlassen konnte, dies der Henne zu sagen. »Was fällt dir ein?« fragte die. »Du hast nichts zu tun, deshalb kommst du auf seltsame Gedanken! Lege Eier oder schnurre, dann verschwinden sie von selbst.« »Aber es ist so schön, auf dem Wasser zu schwimmen«, sagte das Entchen, »so herrlich, wenn es über dem Kopf zusammenschlägt und man auf den Grund tauchen kann!« »Ja, das ist ein tolles Vergnügen!« sagte die Henne. »Du bist wohl verrückt geworden! Frage den Kater – er ist das klügste Geschöpf, das ich kenne – ob er es liebt, auf dem Wasser zu schwimmen oder unterzutauchen. Von mir will ich überhaupt nicht sprechen. Frage selbst unsere Herrschaft, die alte Frau; klüger als sie ist niemand auf der Welt! Glaubst du, dass die Lust hat, zu schwimmen und das Wasser über dem Kopf zusammenschlagen zu lassen?«

»Ihr versteht mich nicht«, sagte das Entchen. »Wir verstehen dich nicht? Wer soll dich denn verstehen? Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen als der Kater oder die Frau – von mir will ich nicht reden. Bilde dir nichts ein, Kind! Und danke deinem Schöpfer für all das Gute, was man dir erwiesen hat! Bist du nicht in eine warme Stube gekommen und hast du nicht Gesellschaft, von der du etwas lernen kannst? Aber du redest dummes Zeug, und es ist nicht angenehm, mit dir umzugehen. Mir kannst du glauben, ich meine es gut mit dir. Ich sage dir Unangenehmes, daran kann man seine wahren Freunde erkennen. Gib dir einfach Mühe, Eier zu legen oder schnurren zu lernen!«

»Ich glaube, ich gehe hinaus in die weite Welt«, sagte das Entchen. »Ja, tue das!« sagte die Henne. Und das Entchen ging; es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, aber von allen Tieren wurde es wegen seiner Hässlichkeit nicht beachtet.

Nun kam der Herbst; die Blätter im Wald wurden gelb und braun; der Wind fasste sie, so dass sie umhertanzten, und oben in der Luft war es kalt. Die Wolken hingen schwer von Hagel und Schneeflocken; und auf dem Zaun saß der Rabe und schrie »Rab! Rab!« vor lauter Kälte. Ja, es fror einen schon, wenn man auch nur an das Wetter dachte. Dem armen Entchen ging es wahrlich nicht gut!

Eines Abends – die Sonne ging schön unter – kam ein ganzer Schwarm herrlicher großer Vögel aus dem Busch; das Entchen hatte nie so etwas Schönes gesehen. Sie waren blendend weiß, mit langen, geschmeidigen Hälsen; es waren Schwäne. Sie stießen einen sonderbaren Laut aus, breiteten ihre prächtigen langen Flügel aus und flogen aus der kalten Gegend fort nach wärmeren Ländern, nach offenen Seen. Sie stiegen hoch, so hoch, und dem hässlichen jungen Entlein wurde gar sonderbar zumute. Es drehte sich im Wasser um wie ein Rad, streckte den Hals hoch in die Luft nach ihnen und stieß einen so lauten und sonderbaren Schrei aus, dass ihm selbst bange dabei wurde. Ach, es konnte die schönen glücklichen Vögel nicht vergessen; und sobald es sie nicht mehr erblickte, tauchte es unter bis auf den Grund, und als es wieder heraufkam, war es beinahe außer sich. Es wusste nicht, wie diese Vögel hießen, auch nicht, wohin sie flogen; aber doch es liebte sie, wie es noch nie jemanden geliebt hatte. Es beneidete sie aber nicht – wie hätte es ihm einfallen können, sich solche Schönheit zu wünschen? Es wäre schon froh gewesen, wenn die Enten es nur bei sich geduldet hätten, das arme hässliche Tier.

Und im Winter wurde es kalt, so kalt! Die Ente musste auf dem Wasser umherschwimmen, um es offenzuhalten; aber in jeder Nacht wurde das Loch, in dem sie schwamm, etwas kleiner. Es fror so so stark, dass es in der Eisdecke knackte; die Ente musste fortwährend ihre Beine gebrauchen, damit das Wasserloch sich nicht schloss. Zuletzt wurde sie matt, lag ganz still und fror endlich im Eis fest.

Des Morgens früh kam ein Bauer; als er sie sah, schlug er mit seinem Holzschuh das Eis in Stücke und trug die Ente heim zu seiner Frau.

Da lebte sie wieder auf. Die Kinder wollten mit ihr spielen; aber die Ente glaubte, sie wollten ihr etwas zuleide tun, und fuhr in der Angst gerade in den Milchnapf hinein, so dass die Milch in die Stube spritzte. Die Frau schlug die Hände zusammen, worauf es in das Butterfass, dann hinunter in die Mehltonne und wieder heraus flog. Wie sah es da aus! Die Frau schrie und schlug mit der Feuerzange nach ihr; die Kinder rannten einander über den Haufen, um die Ente zu fangen; sie lachten und schrien. Gut war es, dass die Tür offen stand und sie zwischen die Büsche in den frischgefallenen Schnee schlüpfen konnte; dort lag sie ganz ermattet.

Es wäre zu traurig, von all der Not und dem Elend zu erzählen, welches die Ente in diesem harten Winter erdulden musste. Sie lag im Moor zwischen dem Schilf, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann. Die Lerchen sangen, der Frühling war wieder da.

Da konnte die Ente auf einmal ihre Flügel schwingen; sie schlugen stärker als früher und trugen sie kräftig davon; und ehe sie es recht wusste, befand sie sich in einem großen Garten, wo die Apfelbäume in der Blüte standen, wo der Flieder duftete und seine langen Zweige bis zu den Kanälen hinunterneigte, die sich durch die Wiese wanden. O, hier war es so schön, so frühlingsfrisch! Und vorn aus dem Dickicht kamen drei prächtige weiße Schwäne; sie brausten mit den Federn und schwammen so leicht auf dem Wasser. Die Ente kannte die prächtigen Tiere und wurde von einer wunderbaren Wehmut ergriffen.

»Ich will zu ihnen hinfliegen, zu den königlichen Vögeln! Und sie werden mich totschlagen, weil ich, so ein hässliches Tier, mich ihnen zu nähern wage. Aber das ist einerlei! Besser, von ihnen getötet als von den Enten gezwackt, von den Hühnern gepickt, oder von dem Mädchen, welches die Hühner füttert, getreten zu werden und im Winter zu hungern und zu frieren!« Und sie flog hinaus in das Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen; diese erblickten sie und schossen mit gesträubtem Gefieder auf sie los. »Tötet mich nur«, sagte das arme Tier, neigte seinen Kopf der Wasserfläche zu und erwartete den Tod. Doch was erblickte es in dem klaren Wasser? Es sah unter sich sein eigenes Bild – aber das war kein plumper schwarzgrauer Vogel mehr, hässlich und widerlich, sondern selbst ein Schwan. – Es schadet nichts, in einem Entenhof geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat!

Das Tier fühlte sich ordentlich erhoben über all die Not und die Drangsal, welche es erduldet hatte. Nun erkannte es erst recht sein Glück und all die Herzlichkeit, die ihm begegnete. Und die großen Schwäne umschwammen es und streichelten es mit dem Schnabel.

Da kamen einige kleine Kinder in den Garten. Sie warfen Brot und Körner in das Wasser, und das kleinste rief: »Da ist ein neuer!« Und die andern Kinder jubelten mit: »Ja, es ist ein neuer angekommen!« Und sie klatschten mit den Händen und tanzten umher, liefen zu dem Vater und der Mutter, und es wurde Brot und Kuchen in das Wasser geworfen, und alle sagten: »Der neue Schwan ist der schönste: So jung und so herrlich!« Und die alten Schwäne verneigten sich vor ihm.

Da fühlte er sich so beschämt und steckte den Kopf unter seine Flügel; er wusste selbst nicht, was er beginnen sollte, er war allzu glücklich, aber doch nicht stolz, denn ein gutes Herz wird nie stolz. Er dachte daran, wie er verfolgt und verhöhnt worden war, und hörte nun alle sagen, dass er der schönste aller schönen Vögel sei. Selbst der Flieder bog seine Zweige gerade zu ihm in das Wasser hinunter, und die Sonne schien so warm und so mild! Da sträubte er sein Gefieder, der schlanke Hals hob sich, und aus vollem Herzen jubelte er: »So viel Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das hässliche Entchen war!«

Den Text aus „Sämmtliche Märchen“ habe ich sprachlich überarbeitet; dabei habe ich auf verschiedene Übersetzungen zurückgegriffen. Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/01/andersen-das-hassliche-junge-entlein-kurze-analyse/

Hans Chr. Andersen: Das Feuerzeug – Text und Analyse

Hans Christian Andersen: Das Feuerzeug

Ein Soldat marschierte auf der Landstraße vor sich hin: Eins, zwei! Eins, zwei! Er hatte seinen Tornister auf dem Rücken und einen Säbel an der Seite, denn er war im Krieg gewesen und wollte nun heim. Da traf er unterwegs eine alte Hexe. Sie war potthässlich, ihre Unterlippe hing ihr bis auf die Brust hinab. Sie sagte: »Guten Abend, Soldat! Was für einen schönen Säbel du hast und was für einen großen Tornister! Du bist ein richtiger Soldat.« »Schönen Dank, alte Hexe!« sagte der Soldat.

»Hör zu, du kannst du so viel Geld bekommen, wie du willst. Siehst du dort den großen Baum?« fragte die Hexe und zeigte auf einen Baum an der Straße. »Er ist innen ganz hohl. Auf den sollst du hinaufklettern bis zur Spitze; dann siehst du ein Loch, durch welches du dich hinablassen und durch den Baum hinunterkommen kannst. Ich werde dir einen Strick um den Leib binden, damit ich dich wieder heraufziehen kann, sobald du mich rufst.«

»Was soll ich denn unten im Baum?« fragte der Soldat. »Geld holen!« sagte die Hexe. »Du musst wissen, wenn du auf dem Grund des Baumes ankommst, so stehst du in einem langen Gang; da ist es ganz hell, denn es brennen über hundert Lampen dort. Dann siehst du drei Türen. Du kannst sie aufschließen, der Schlüssel steckt darin. Gehst du in die erste Kammer hinein, siehst du mitten auf dem Fußboden eine große Kiste, auf der ein Hund sitzt; er hat Augen so groß wie ein Paar Teetassen, doch darum brauchst du dich nicht zu kümmern. Ich gebe dir meine blaukarierte Schürze, die kannst du auf dem Fußboden ausbreiten; geh dann rasch hin und nimm den Hund, setze ihn auf meine Schürze, schließe die Kiste auf und nimm so viel Geld, wie du willst; es sind lauter Kupfermünzen. Wenn du aber lieber Silber haben willst, musst du in das nächste Zimmer gehen; dort sitzt ein Hund, der hat ein Paar Augen so groß wie Mühlräder; aber darum brauchst du dich nicht zu kümmern, setze ihn auf meine Schürze und nimm dir von dem Geld. Willst du hingegen Gold haben, so kannst du es auch bekommen, und zwar so viel, wie du zu tragen vermagst, wenn du in die dritte Kammer hineingehst. Aber der Hund, der hier auf der Geldkiste sitzt, hat Augen so groß wie der Runde Turm in Kopenhagen. Das ist ein unheimlich großer Hund, kannst du mir glauben. Aber darum sollst du dich nicht kümmern! Setze ihn nur auf meine Schürze, dann tut er dir nichts, und nimm dir aus der Kiste so viel Gold, wie du willst.«

»Nicht übel«, sagte der Soldat. »Aber was soll ich dir geben, alte Hexe? Denn etwas willst du doch auch wohl haben, denke ich.« »Nein«, sagte die Hexe, »nicht einen einzigen Cent will ich haben! Für mich sollst du nur ein altes Feuerzeug nehmen, das meine Großmutter vergessen hat, als sie das letzte Mal unten war.« »Gut, dann lege mir den Strick um den Leib!« sprach der Soldat. »Hier ist er«, erwiderte die Hexe, »und hier ist meine blaukarierte Schürze.«

So kletterte der Soldat denn den Baum hinauf, ließ sich durch das Loch hinuntergleiten und stand bald unten, wie die Hexe es gesagt hatte, in dem großen Gang, wo die vielen hundert Lampen brannten.

Nun schloss er die erste Tür auf. Uh! da saß der Hund mit Augen so groß wie Teetassen und glotzte ihn an. »Du bist mir ja ein netter Kerl«, sagte der Soldat, setzte ihn auf die Schürze der Hexe und nahm so viel Kupfermünzen, wie in seine Taschen hineingehen wollten, schloss dann die Kiste, setzte den Hund wieder darauf und ging in das andere Zimmer.

Donnerwetter! da saß der Hund mit den Augen so groß wie Mühlräder. »Glotz mich nicht so an«, sagte der Soldat, »du könntest Augenschmerzen bekommen!« und setzte den Hund auf die Schürze der Hexe. Doch als er das viele Silber in der Kiste sah, warf er alles Kupfergeld fort, was er hatte, und füllte seine Taschen und den Tornister mit dem Silbergeld.

Nun ging er in die dritte Kammer. Nein, war das schrecklich! Der Hund darin hatte wirklich Augen so groß wie der Runde Turm, und die rollten gerade wie eine Windmühle im Kopf herum. »Guten Abend!« sagte der Soldat und griff zum Gruß an seine Mütze, denn solch einen Hund hatte er noch niemals gesehen; aber als er ihn eine Weile bestaunt hatte, dachte er: »Nun genügt es eigentlich«, setzte ihn auf die Schürze am Boden und schloss die Kiste auf. Gott bewahre, lag da eine Menge Gold, ganz Kopenhagen hätte er dafür kaufen können und außerdem noch alle Marzipanferkel des Konditors, alle Zinnsoldaten, Roller und Spielkonsolen der ganzen Welt! Ja, das war wirklich ordentlich Geld! Nun warf der Soldat alle Silberstücke, mit denen er seine Taschen und den Tornister gefüllt hatte, fort und nahm dafür Gold. Er stopfte seine Taschen so voll damit, dass er kaum laufen konnte. Nun hatte er Geld genug! Den Hund setzte er wieder auf die Kiste, schlug die Tür zu und rief dann durch den Baum hinauf: »Zieh mich nun hinauf, alte Hexe!«

»Hast du auch das Feuerzeug mit?« fragte die Hexe. »Wahrhaftig«, sagte der Soldat, »das habe ich glatt vergessen«; und er ging zurück und nahm es an sich. Die Hexe zog ihn hinauf, da stand er wieder auf der Landstraße: die Taschen, die Stiefel, den Tornister und die Mütze voll Gold.

»Was willst du eigentlich mit dem Feuerzeug?« fragte er die Hexe. »Das geht dich nichts an«, sagte diese, »du hast ja Geld bekommen, gib mir jetzt nur das Feuerzeug!« »Schnickschnack«, sagte der Soldat, »willst du mir nicht sofort sagen, was du damit willst, dann ziehe ich meinen Säbel und haue dir den Kopf ab!« »Nein!« antwortete die Hexe.

Da schlug ihr der Soldat den Kopf ab. Nun lag sie da! Er aber band all sein Geld in ihre Schürze, nahm diese wie ein Bündel auf den Rücken, steckte das Feuerzeug in die Tasche und machte sich auf den Weg in die Stadt.

Es war eine prächtige Stadt; im vornehmsten Hotel kehrte er ein und verlangte die allerbesten Zimmer und seine Leibgerichte, denn nun war er reich, da er so viel Gold hatte. Dem Diener, der seine Stiefel putzen sollte, schienen es für einen so reichen Herrn eigentlich recht erbärmliche alte Stiefel zu sein – er hatte sich nämlich noch keine neuen gekauft. Am nächsten Tag kaufte er sich Stiefel, mit denen er sich sehen lassen konnte, und die elegantesten Anzüge. Der Soldat war ein vornehmer Herr geworden und man erzählte ihm von den Sehenswürdigkeiten der Stadt, von ihrem König und seiner überaus reizenden Tochter, der Prinzessin.

»Wo kann man sie zu sehen bekommen?« fragte der Soldat. »Man kann sie überhaupt nicht zu sehen bekommen«, erwiderte man ihm, »sie lebt in einem großen Schloss aus Kupfer mit vielen, vielen Mauern und Türmen drumherum. Niemand außer dem König darf bei ihr aus- und eingehen; denn es ist geweissagt worden, dass sie einen ganz gewöhnlichen Soldaten heiraten wird, und das will der König nicht zulassen.« »Ich möchte sie wohl sehen«, dachte der Soldat, aber dazu konnte er leider keine Erlaubnis bekommen.

Nun lebte er lustig drauf los, ging ins Theater, fuhr in des Königs Park und gab den Armen viel Geld, und das war wohlgetan; er wusste ja noch aus alten Tagen, wie schlimm es ist, nicht einen Schilling zu besitzen. Er war jetzt reich, hatte schöne Kleider und gewann viele Freunde, die alle sagten, er wäre ein feiner Kerl, ein richtiger Kavalier; das gefiel dem Soldaten. Aber da er jeden Tag großzügig Geld ausgab und nie neues hereinkam, hatte er zuletzt nicht mehr als zwei Schillinge übrig. Er musste die schönen Zimmer, die er bewohnte, räumen und in eine kleine Kammer oben unter dem Dach ziehen; seine Stiefel durfte er nun selbst bürsten und sie mit einer Stopfnadel zusammenflicken, und keiner von seinen Freunden kam noch zu ihm, denn es waren so viele Treppen zur Dachkammer hinaufzusteigen.

Es war ein ganz dunkler Abend und er konnte sich nicht einmal eine Kerze kaufen. Da fiel ihm ein, dass in dem Feuerzeug, das er aus dem hohlen Baum mitgebracht hatte, in welchen ihn die Hexe geschickt hatte, ein kleiner Docht steckte. Er holte das Feuerzeug mit dem Docht hervor; im gleichen Augenblick, als er Feuer schlug und die Funken aus dem Stein stoben, sprang die Tür auf und der Hund mit den Augen so groß wie Teetassen, den er unter dem Baum getroffen hatte, stand vor ihm und fragte: »Was befiehlt mein Herr?« »Was ist das denn?« staunte der Soldat, »das ist ja ein lustiges Feuerzeug, womit ich bekommen kann, was ich haben will. Verschaffe mir etwas Geld!« befahl er dem Hund, und wupp, war der fort und wieder da und hielt einen großen Beutel voll Geld in seiner Schnauze.

Nun wusste der Soldat, was für ein wunderbares Feuerzeug das war. Schlug er einmal Feuer, so kam der Hund, der auf der Kiste mit Kupfergeld gesessen hatte; schlug er zweimal, so kam der, der das Silbergeld bewacht hatte, und schlug er dreimal, so kam der, der beim Gold gesessen hatte. Nun zog der Soldat wieder in die hübschen Zimmer hinunter und zeigte sich in guten Kleidern; da erkannten ihn alle seine Freunde sofort wieder, sie hielten nämlich große Stücke von ihm.

Da dachte er auf einmal: Es ist doch komisch, dass man die Prinzessin nicht zu sehen bekommen kann. Sie soll wunderschön sein, sagen alle; aber was hilft das, wenn sie immer in dem großen Kupferschloss mit den vielen Türmen sitzen muss? – Kann ich sie denn gar nicht zu sehen bekommen? – Wo ist denn mein Feuerzeug? Dann schlug er Feuer und wupp, kam der Hund mit den Augen so groß wie Teetassen.

»Es ist freilich mitten in der Nacht«, sagte der Soldat, »aber ich möchte so gern einmal die Prinzessin sehen, nur einen kleinen Augenblick.« Der Hund war sofort zur Tür hinaus, und ehe der Soldat es gedacht hatte, kam er mit der Prinzessin wieder. Sie saß auf dem Rücken des Hundes und schlief und war so schön, dass man auf den ersten Blick sehen konnte, dass es eine richtige Prinzessin war. Der Soldat konnte nicht anders, er musste sie küssen; denn er war nun einmal ein echter Soldat.

Der Hund lief nun mit der Prinzessin wieder zurück; aber als am Morgen der König und die Königin Tee tranken, sagte die Prinzessin, sie habe in der Nacht Seltsames von einem Hund und einem Soldaten geträumt: Sie wäre auf dem Hund geritten und der Soldat hätte sie geküsst. »Das wäre ja eine schöne Bescherung!« sagte die Königin. Deshalb sollte eine von den alten Hofdamen die nächste Nacht am Bett der Prinzessin wachen, um zu sehen, ob es wirklich nur ein Traum wäre oder was es sonst sein könnte.

Am Abend sehnte sich der Soldat schrecklich danach, die schöne Prinzessin wiederzusehen, und so kam denn der Hund in der Nacht, nahm sie und lief, so schnell er konnte, zurück; doch die alte Hofdame zog Wasserstiefel an und lief ebenso schnell hinterher. Als sie nun sah, dass die beiden in einem großen Haus verschwanden, dachte sie: »Jetzt weiß ich, wo es ist«, und malte mit einem Stück Kreide ein großes Kreuz auf die Tür. Dann ging sie nach Hause und legte sich ins Bett, und der Hund kam auch mit der Prinzessin wieder; als er aber sah, dass ein großes Kreuz auf die Tür gemalt war, wo der Soldat wohnte, nahm er ebenfalls ein Stück Kreide und machte Kreuze auf alle Türen in der Stadt; das war eine gute Idee, denn nun konnte die Hofdame nicht die richtige Tür finden, weil auf allen Kreuze waren.

Frühmorgens kamen der König und die Königin, die alte Hofdame und alle Offiziere zusammen, um zu sehen, wo die Prinzessin gewesen war. »Da ist es!« sagte der König, als er die erste Tür mit einem Kreuz sah. »Nein, dort ist es, mein lieber Mann«, sagte die Königin, als sie die zweite Tür mit einem Kreuz erblickte. »Aber hier ist eins und dort ist auch eins«, riefen alle; wohin sie sahen, waren Kreuze auf den Türen. Da mussten sie einsehen, dass ihnen das Suchen nichts nützte.

Doch die Königin war eine wirklich kluge Frau, die mehr konnte als bloß in einer Kutsche fahren. Sie nahm ihre goldene Schere, schnitt ein großes Stück Seidenzeug in Stücke und nähte daraus einen kleinen niedlichen Beutel; den füllte sie mit feiner Buchweizengrütze. Sie band ihn am Abend der Prinzessin auf den Rücken, und als das getan war, schnitt sie ein kleines Loch in den Beutel, so dass die Grütze auf dem Weg verstreut werden müsste, den die Prinzessin nähme.

In der Nacht kam nun der Hund wieder, nahm die Prinzessin auf seinen Rücken und lief mit ihr zu dem Soldaten hin, der sie lieb gewonnen hatte und so gern ein Prinz gewesen wäre, um sie zur Frau zu bekommen. Der Hund merkte jedoch nicht, wie die Grütze den ganzen Weg vom Schloss bis zum Haus des Soldaten aus dem Beutel herausrieselte, und lief mit der Prinzessin auf dem Rücken die Mauer hinauf. Am Morgen konnten der König und die Königin daher an den Spuren genau sehen, wo ihre Tochter gewesen war. Sie nahmen den Soldaten fest und sperrten ihn ins Gefängnis.

Da saß er nun. Hu, wie dunkel und langweilig war es dort! Außerdem sagte man zu ihm: »Morgen wirst du aufgehängt.« Das war nicht eben erfreulich zu hören, und zudem hatte er sein Feuerzeug zu Hause im Hotel vergessen. Am Morgen konnte er durch die eisernen Stangen vor dem kleinen Fenster sehen, wie das Volk aus der Stadt herbeieilte, um ihn hängen zu sehen. Er hörte die Trommeln und sah die Soldaten marschieren. Das ganze Volk war unterwegs; darunter war auch ein Schusterjunge mit Schurzfell und Pantoffeln, der es so eilig hatte, dass ihm ein Pantoffel wegflog – gerade gegen die Mauer, wo der Soldat saß und zwischen den Eisenstangen hinausguckte.

»He, Schusterjunge! Du brauchst nicht so zu rennen, es wird aus dem Spektakel nichts, bis ich komme. Willst du nicht zu meiner Wohnung laufen und mir mein Feuerzeug holen? Dafür sollst du auch vier Schillinge kriegen, aber du musst dich beeilen!« Der Schusterjunge wollte gern die vier Schillinge haben, lief schnell fort nach dem Feuerzeug, gab es dem Soldaten, und – nun ja, wir werden es hören!

Draußen vor der Stadt war ein großer Galgen errichtet. Ringsum standen Soldaten und viele hunderttausend Menschen. Der König und die Königin saßen auf einem prächtigen Thron, den Richtern und dem ganzen Rat gerade gegenüber.

Der Soldat stand schon oben auf der Leiter, und als sie ihm den Strick um den Hals legen wollten, brachte er vor, dass man doch stets einem armen Sünder, bevor er seine Strafe erleide, einen unschuldigen Wunsch erfüllte; er wolle gern noch eine Pfeife Tabak rauchen – die letzte Pfeife, die er in dieser Welt genießen könnte. Dazu konnte der König nicht Nein sagen; da nahm der Soldat sein Feuerzeug und schlug Feuer, ein-, zwei-, dreimal. Und alle Hunde standen da, der mit Augen so groß wie Teetassen, der mit Augen so groß wie Mühlräder und der dritte, der Augen so groß wie der Runde Turm hatte.

»Helft mir nun, dass ich nicht gehängt werde!« rief der Soldat, und die Hunde fuhren auf die Richter und den ganzen Rat los, packten den einen bei den Beinen, den andern an der Nase und warfen sie hoch in die Luft, so dass sie beim Herunterfallen zerplatzten. »Ich will nicht!« schrie der König, aber der größte Hund nahm beide, ihn und die Königin, und warf sie den anderen hinterher. Da erschraken die Soldaten, und alles Volk rief: »Lieber Soldat, du sollst unser König sein und die schöne Prinzessin zur Frau haben!«

Dann setzten sie den Soldaten in des Königs Kutsche, und alle drei Hunde sprangen voran und riefen »Hurra!« und die Jungen pfiffen auf den Fingern und die Soldaten präsentierten das Gewehr. Die Prinzessin kam aus dem kupfernen Schloss heraus und wurde Königin, und das gefiel ihr ausgezeichnet. Die Hochzeit dauerte acht Tage, und die Hunde saßen mit am Tische und machten große Augen.

Den Text aus „Sämmtliche Märchen“ habe ich sprachlich überarbeitet; dabei habe ich mich teilweise auf Eva-Maria Blühms und Paul Arndts Übersetzung gestützt. Eine Analyse steht hier: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/07/andersen-das-feuerzeug-kurze-analyse/

 

Hans C. Andersen: Tölpel-Hans – Text und Analyse

Andersen: Tölpel-Hans

Tief im Innern des Landes lag ein alter Herrenhof; dort saß ein Gutsherr, der zwei Söhne hatte, die sich für so pfiffig und gewitzt hielten, dass die Hälfte davon fürs ganze Leben gereicht hätte. Sie wollten um die Königstochter freien; denn die hatte öffentlich bekannt machen lassen, sie wolle den zum Ehegemahl nehmen, der sich am klügsten mit ihr zu unterhalten wisse.

Die beiden bereiteten sich nun volle acht Tage darauf vor; mehr Zeit brauchten sie nicht, denn sie hatten Vorkenntnisse, und wie nützlich so etwas ist, weiß jedermann. Der eine kannte das ganze lateinische Wörterbuch und nebenbei auch noch drei Jahrgänge vom Tageblatt des Städtchens auswendig, und zwar so, dass er alles je nach Wunsch vorwärts oder rückwärts aufsagen konnte. Der andere hatte sich in die Betriebswirtschaft eingearbeitet und wusste auswendig, was jeder Handwerksmeister wissen muss, weshalb er meinte, er könne auch bei Staatsangelegenheiten mitreden und seinen Senf dazugeben. Außerdem konnte er noch etwas: Er konnte Hosenträger mit Rosen und anderen Blümchen und Schnörkeln besticken, denn er hatte geschickte Hände und Fingerspitzengefühl.

»Ich bekomme die Königstochter!« riefen sie alle beide; deshalb schenkte der alte Vater einem jeden von ihnen ein stattliches Pferd. Derjenige, welcher das Wörterbuch und die Zeitung auswendig wusste, bekam einen Rappen; der in Betriebswirtschaft Belesene erhielt ein schneeweißes Pferd. Dann schmierten sie sich die Mundwinkel mit Fischtran ein, damit diese recht geschmeidig würden und sie gut reden könnten. Das ganze Gesinde stand unten im Hof und war Zeuge, wie sie die Pferde bestiegen; zufällig kam auch der dritte Bruder hinzu – der alte Gutsherr hatte nämlich drei Söhne, aber niemand zählte diesen dritten mit zu den Brüdern, weil er nicht so gelehrt wie die anderen war, und man nannte ihn allgemein auch bloß Tölpel-Hans.

»Ei!« sagte Tölpel-Hans, »wo wollt ihr denn hin? Ihr habt euch ja in den Sonntagsstaat geschmissen!«

»Zum Hof des Königs, um die Königstochter durch kluge Reden zu gewinnen! Weißt du denn nicht, was im ganzen Land bekannt gemacht worden ist?« Und nun erzählten sie ihm, worum es bei der Reise ging.

»Donnerwetter! Da bin ich mit von der Partie!« rief Tölpel-Hans, aber die Brüder lachten ihn aus und ritten davon.

»Vater«, rief Tölpel-Hans, »ich muss auch ein Pferd haben! Was ich jetzt für eine Lust zum Heiraten kriege! Nimmt sie mich, so nimmt sie mich, und nimmt sie mich nicht, so nehme ich sie – kriegen tu ich sie jedenfalls.«

»Lass das Geschwätz!« sagte der Alte, »dir gebe ich kein Pferd. Du kannst ja nicht reden, du weißt deine Worte nicht zu wählen; nein, deine Brüder, das sind ganz andere Kerle als du.«

»Nun«, sagte Tölpel-Hans, »wenn ich kein Pferd bekomme, so nehme ich den Ziegenbock, der gehört mir sowieso, und tragen kann er mich auch.« Gesagt, getan; er setzte sich rittlings auf den Ziegenbock, presste die Hacken in dessen Weichen und sprengte über die Landstraße wie der Sturmwind davon. Hei, hopp! Das war eine Fahrt! »Hier komme ich!« rief Tölpel-Hans und sang, dass es weit und breit widerhallte.

Die Brüder ritten ihm langsam voraus; sie sprachen jedoch kein Wort, denn sie mussten sich die guten Einfälle überlegen, die sie vorbringen wollten; das wollte nämlich alles genau durchdacht sein.

»Hei!« schrie Tölpel-Hans, »hier bin ich! Seht mal, was ich auf der Landstraße gefunden habe!« Und er zeigte ihnen eine tote Krähe, die er aufgehoben hatte.

»Tölpel!« spotteten die Brüder, »was willst du mit der machen?«

»Mit der Krähe? Die will ich der Königstochter schenken.«

»Ja, das tu nur!« lachten sie und ritten weiter.

»Hallo, hallo! Hier bin ich! Seht, was ich jetzt habe, das findet man nicht alle Tage auf der Landstraße!«

Die Brüder kehrten um, damit sie sähen, was er wohl noch haben könnte. »Tölpel!« sagten sie, »das ist ja ein alter Holzschuh, dem dazu noch das Oberteil fehlt; willst du den auch der Königstochter verehren?«

»Natürlich werde ich das«, erwiderte Tölpel-Hans; die Brüder lachten und ritten davon, so gewannen sie vor Hans einen Vorsprung.

»Hallo, hallo! Hier bin ich!« rief Tölpel-Hans; »nein, es wird immer besser! Heißa, nein! Es ist ganz famos!«

»Was hast du denn jetzt?« fragten die Brüder.

»Ach«, sagte Tölpel-Hans, »das hat gar nichts mit Reden zu tun. Aber wie sich die Königstochter darüber freuen wird!«

»Pfui!« sagten die Brüder, »das ist ja reiner Schlamm, unmittelbar aus dem Straßengraben.«

»Ja, das stimmt«, sprach Tölpel-Hans, »und zwar Schlamm von der feinsten Sorte, seht, er läuft einem glatt durch die Finger!« Und dabei füllte er seine Hosentasche mit dem Schlamm.

Nun sprengten die Brüder schnell davon, dass Kies und Funken stoben; deshalb gelangten sie eine ganze Stunde früher als Tölpel-Hans an das Stadttor. An diesem bekamen alle Freier sogleich nach ihrer Ankunft eine Nummer und wurden in Reih und Glied aufgestellt, sechs in jede Reihe und so dicht, dass sie die Arme nicht bewegen konnten; das war sehr weise so angeordnet, denn sie hätten einander sonst wohl das Fell über die Ohren gezogen, bloß weil einer vor dem andern stand.

Das ganze Volk des Landes war rings um das königliche Schloss eng zusammengedrängt, bis an die Fenster hinauf, um mit anzusehen, wie die Königstochter die Freier empfing. Aber komisch, sobald einer von diesen in den Saal trat, verschlug es ihm völlig die Sprache.

»Taugt nichts!« sprach die Königstochter. »Hinaus mit ihm!« Endlich kam die Reihe an den Bruder, der das Wörterbuch auswendig wusste, aber er wusste es nicht mehr; er hatte es beim langen Stehen in Reih und Glied völlig vergessen. Außerdem knarrten die Fußdielen, und die Zimmerdecke war aus Spiegelglas, so dass er sich selber auf dem Kopf stehen sah; dazu standen an jedem Fenster drei Schreiber und ein Oberschreiber, und jeder schrieb alles auf, was gesprochen wurde, damit es sofort in die Zeitung käme und für einen Silbergroschen an der Straßenecke verkauft werden könnte. Es war entsetzlich, und dabei hatte man zu allem Überfluss dermaßen den Ofen geheizt, dass er rot glühte.

»Hier ist eine entsetzliche Hitze«, begann der Freier das Gespräch. »Das stimmt! Mein Vater brät heute nämlich junge Hähne«, sagte die Königstochter.

»Mäh!« Da stand er wie ein Schaf; auf eine solche Rede war er nicht gefasst; kein Wort wusste er zu sagen, obgleich er doch etwas Witziges hatte sagen wollen.

»Taugt nichts!« sprach die Königstochter. »Hinaus mit ihm!« Und er musste verschwinden.

Nun trat der zweite Bruder ein.

»Hier ist eine entsetzliche Hitze«, sagte er.

»Jawohl, wir braten heute junge Hähne«, bemerkte die Königstochter. »Wie belie – wie?« fragte er, und die Schreiber notierten: »Wie belie – wie?« »Taugt nichts!« sagte die Königstochter. »Hinaus mit ihm!«

Nun kam Tölpel-Hans dran; er ritt auf dem Ziegenbock geradewegs in den Saal hinein. »Na, das ist doch eine Mordshitze hier!« sagte er.

»Jawohl, ich brate nämlich junge Hähne!« sagte die Königstochter.

»Ei, das trifft sich gut«, erwiderte Tölpel-Hans, »dann kann ich wohl auch eine Krähe mit braten?«

»Mit dem größten Vergnügen!« erwiderte die Königstochter; »aber haben Sie etwas, worin Sie das Tier braten können? Denn ich habe weder Topf noch Pfanne.«

»Och, das habe ich«, sagte Tölpel-Hans. »Hier ist ein wunderbares Kochgeschirr«, und er zog den alten Holzschuh hervor und legte die Krähe hinein.

»Das reicht für eine ganze Mahlzeit«, sagte die Königstochter, »aber wo nehmen wir die Soße her?«

»Die habe ich in der Tasche«, sprach Tölpel-Hans. »Ich habe so viel, dass man sogar einen Teil davon wegwerfen kann!« Und dann nahm er etwas Schlamm aus der Tasche heraus.

»Du gefällst mir«, sagte die Königstochter, »du kannst jedenfalls antworten und du kannst reden, dich will ich zum Mann haben! Aber weißt du auch, dass jedes Wort, das wir sprechen und gesprochen haben, aufgeschrieben wird und morgen in die Zeitung kommt? An jedem Fenster stehen, wie du siehst, drei Schreiber und ein alter Oberschreiber, und dieser Oberschreiber ist der schlimmste, er begreift nichts.« Das sagte sie, um Tölpel-Hans bange zu machen. Und die Schreiber lachten und spritzten dabei einen Tintenklecks auf den Fußboden.

»Aha, das sind wohl diese Herrschaften«, sagte Tölpel-Hans; »nun, dann werde ich dem Oberschreiber das Beste geben!« Und damit kehrte er seine Tasche um und warf ihm den Schlamm ins Gesicht.

»Das hast du fein gemacht«, sagte die Königstochter, »auf diese Idee wäre ich nicht gekommen; aber ich werde es schon noch lernen.«

So wurde Tölpel-Hans König, bekam eine Frau und eine Krone und saß auf einem Throne, und das alles haben wir druckfeucht aus der Zeitung des Oberschreibers – auf die ist allerdings kein Verlass.

Ich habe den Text aus „Sämmtliche Märchen“ sprachlich überarbeitet und mich dabei auf die Übersetzung Paul Arndts (H. C. Andersens Märchen für Kinder. Frei nach der Reclamschen Ausgabe bearbeitet, Stuttgart o.J.) gestützt. Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/07/andersen-tolpel-hans-kurze-analyse/

 

 

Hans Chr. Andersen: Die Springer – Text und Analyse

Andersen: Die Springer

Der Floh, der Grashüpfer und der Springbock wollten einmal sehen, wer von ihnen am höchsten springen könnte, und da luden sie jeden ein, der kommen wollte, bei diesem Fest dabei zu sein; es waren drei tüchtige Springer, die sich in einem Zimmer versammelt hatten.

»Ich gebe meine Tochter dem, der am höchsten springt«, sagte der König, »denn es wäre doch zu erbärmlich, wenn die Herren für nichts und wieder nichts springen sollten.«

Der Floh trat zuerst vor. Er hatte feine Manieren und grüßte nach allen Seiten, denn er hatte Blut eines Fräuleins in den Adern und war daran gewöhnt, mit Menschen umzugehen, und das macht sehr viel aus.

Darauf kam der Grashüpfer; der war freilich bedeutend schwerer, aber er hatte doch eine gute Figur und trug einen grünen Rock, der ihm angeboren war. Überdies behauptete er, dass er aus einer alten Familie im Land Ägypten abstamme, die dort hoch in Ehren stehe. Er war gerade vom Felde genommen und in ein Kartenhaus von drei Stockwerken gesetzt worden, die alle aus Spielkarten, welche die bunte Seite mit den Figuren nach innen kehrten, zusammengesetzt waren; im Haus waren sowohl Türen als auch Fenster ausgeschnitten. »Ich singe so gut,« sagte er, »dass sechzehn eingeborene Heimchen, die von ihrer Kindheit an gepfiffen und doch kein Kartenhaus erhalten haben, aus Neid dünner noch als vorher geworden sind, als sie mich hörten.«

Beide, der Floh und der Grashüpfer, taten also gehörig kund, wer sie waren; sie glaubten, ohne Weiteres eine Prinzessin heiraten zu können.

Der Springbock blieb stumm; aber man sagte von ihm, dass er desto mehr denke, und als der Hofhund ihn nur kurz beschnüffelt hatte, haftete er dafür, dass der Springbock aus guter Familie sei. Der alte Ratsherr, der drei Orden für sein Stillschweigen erhalten hatte, versicherte, dass der Springbock weissagen könnte; man könne an seinem Rücken erkennen, ob es einen milden oder strengen Winter geben werde, und das kann man nicht einmal am Rücken dessen erkennen, der den Kalender macht.

»Ich sage gar nichts dazu«, sprach der alte König, »ich gehe immer still in mich und denke mir mein Teil.«

Nun war es aber Zeit zu springen. Der Floh sprang als erster, und zwar so hoch, dass niemand sehen konnte, wo er blieb; da behaupteten die anderen, er sei gar nicht gesprungen, und das war doch recht schäbig.

Der Grashüpfer sprang nur halb so hoch wie der Floh, aber er flog dem König gerade ins Gesicht; da sagte dieser, das sei ekelhaft.

Der Springbock stand lange still und bedachte sich; am Ende glaubte man, er könne gar nicht springen.

»Wenn ihm nur nicht übel geworden ist«, sagte der Hofhund und beschnüffelte er ihn wieder. Hops! da sprang der mit einem kleinen schiefen Sprung in den Schoß der Prinzessin, welche auf einem niedrigen goldenen Schemel saß.

Da sagte der König: »Der höchste mögliche Sprung ist es, zu meiner Tochter hinaufzuspringen, denn darin liegt das Feine; aber es gehört Köpfchen dazu, darauf zu kommen, und der Springbock hat bewiesen, dass er einen guten Verstand hat. Er ist nicht auf den Kopf gefallen«

Und dann bekam der Springbock die Prinzessin.

»Ich bin doch am höchsten gesprungen«, sagte der Floh. »Aber das ist einerlei! Soll sie nur das Gänsegerippe mit seinem Stock und Pech bekommen! Ich bin doch am höchsten gesprungen, aber es gehört in dieser Welt ein kräftiger Körper dazu, damit man gesehen werden kann!«

Und dann ging der Floh in fremde Kriegsdienste, wo er, wie man sagt, erschlagen worden sein soll.

Der Grashüpfer aber setzte sich draußen in den Graben und dachte darüber nach, wie es eigentlich in der Welt zugehe; und auch er sagte: »Körper gehört dazu! Körper gehört dazu!« Und dann sang er sein eigenes trübseliges Lied, aus dem wir die Geschichte erfahren haben, die jedoch erlogen sein könnte, auch wenn sie gedruckt ist.

Den Text aus „Sämmtliche Märchen“ habe ich sprachlich überarbeitet; dabei habe ich mich an der Übersetzung in „Mährchen, Abenteuer und Geschichten für Jung und Alt“ (Zweites Bändchen. Braunschweig 1864, 6. Aufl.) orientiert. Vgl. auch https://internet-maerchen.de/maerchen/springer.htm (Quelle unbekannt). Kurze Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/08/andersen-die-springer-kurze-analyse/

 

Hans Chr. Andersen: Die Nachtigall – Text und Analyse

Andersen: Die Nachtigall (auch: Des Kaisers Nachtigall)

In China, weißt du ja wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um sich hat, sind Chinesen. Es ist nun viele Jahre her, aber gerade deshalb ist es gut, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen wird. Des Kaisers Schloss war das prächtigste der Welt, ganz und gar aus feinem Porzellan, ganz kostbar, aber so spröde, dass man sich ordentlich in Acht nehmen musste, es nicht zu berühren. Im Garten sah man die wunderbarsten Blumen, und an die prächtigsten waren Silberglöckchen gebunden, welche klingelten, damit man nicht vorbeigehen sollte, ohne die Blumen zu bemerken. Ja, in des Kaisers Garten war alles fein ausgedacht, und er erstreckte sich so weit, dass der Gärtner selbst das Ende nicht kannte; ging man immer weiter, so kam man in einen herrlichsten Wald mit hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald ging hinunter bis zum Meer, welches blau und tief war; große Schiffe konnten bis dicht unter die Zweige segeln, und in diesen wohnte eine Nachtigall, welche so herrlich sang, dass selbst der arme Fischer, der so viel anderes zu tun hatte, innehielt und horchte, wenn er nachts ausgefahren war, um das Fischnetz heraufzuziehen, und dann die Nachtigall hörte. »Mein Gott, ist das schön!« sagte er, aber dann musste er auf sein Netz achten und vergaß den Vogel; doch wenn dieser in der nächsten Nacht wieder sang und der Fischer kam dort hin, sagte er wieder: »Mein Gott, ist das schön!«

Aus allen Ländern kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und bewunderten diese, das Schloss und den Garten; doch wenn sie die Nachtigall zu hören bekamen, sagten sie alle: »Das ist doch das Beste!« Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause kamen, und die Gelehrten schrieben viele Bücher über die Stadt, das Schloss und den Garten, und auch die Nachtigall vergaßen sie nicht, sie wurde eigens in einem großen Kapitel behandelt; und die, welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte über die Nachtigall im Wald am tiefen See.

Diese Bücher gingen um die Welt und eines kam dann auch einmal zum Kaiser. Er saß in seinem goldenen Stuhl und las und las; jeden Augenblick nickte er mit dem Kopf, denn es freute ihn, die prächtigen Beschreibungen der Stadt, des Schlosses und des Gartens zur Kenntnis zu nehmen. »Aber die Nachtigall ist doch das Allerbeste!« stand in seinem Buch.

»Was ist das denn?« fragte der Kaiser. »Die Nachtigall kenne ich ja gar nicht! Ist ein solcher Vogel hier in meinem Kaiserreich und sogar in meinem Garten? Das habe ich noch nie gehört; so etwas muss man erst aus Büchern erfahren!«

Nun rief er seinen Haushofmeister. Der war so vornehm, dass, wenn jemand von geringerem Stand mit ihm zu sprechen oder ihn um etwas zu fragen wagte, er weiter nichts erwiderte als: »P!« Und das hatte nichts zu bedeuten.

»Hier soll ja ein höchst merkwürdiger Vogel sein, welcher Nachtigall genannt wird«, sagte der Kaiser. »Man sagt, dieser sei das Allerbeste in meinem ganzen Reich; weshalb hat man mir nie etwas davon gesagt?«

»Ich habe ihn früher nie nennen hören,« sagte der Haushofmeister. »Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden.«

»Ich will, dass er heute Abend herkomme und vor mir singe«, sagte der Kaiser. »Die ganze Welt weiß, was ich habe, nur ich weiß es nicht!«

»Ich habe ihn früher nie nennen hören«, sagte der Haushofmeister. »Ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden.«

Aber wo war er zu finden? Der Haushofmeister lief alle Treppen hinauf und hinab, durch Säle und Gänge; keiner von allen, die er traf, hatte von der Nachtigall sprechen hören. Und der Haushofmeister lief wieder zum Kaiser und sagte, dass sie sicher eine Erfindung von denen sei, die Bücher schreiben. »Eure Kaiserliche Majestät müssen nicht alles glauben, was geschrieben wird; das sind Dichtungen und etwas, was man die schwarze Kunst nennt.«

»Aber das Buch, in dem ich dies gelesen habe«, sagte der Kaiser, »ist mir von dem großmächtigen Kaiser von Japan gesandt worden, daher kann es keine Unwahrheit sein. Ich will die Nachtigall hören; sie muss heute Abend hier sein! Sie hat meine höchste Gnade. Und kommt sie nicht, soll der ganze Hof nach dem Abendessen ordentlich verprügelt werden!«

»Tsing-pe!« sagte der Haushofmeister und lief wieder alle Treppen hinauf und hinab, durch alle Säle und Gänge; und der halbe Hof lief mit, denn sie wollten nicht geprügelt werden. Da gab es ein Hin- und Herfragen nach der merkwürdigen Nachtigall, welche die ganze Welt kannte, nur niemand bei Hofe.

Endlich trafen sie ein armes kleines Mädchen in der Küche. Die sagte: »O Gott, die Nachtigall, die kenne ich gut, ja, wie die singen kann! Jeden Abend darf ich meiner armen kranken Mutter Essenreste nach Hause bringen; sie wohnt unten am Strand, und wenn ich dann zurückgehe, müde bin und mich im Wald ausruhe, dann höre ich die Nachtigall singen. Es kommen mir dabei die Tränen in die Augen; und es ist gerade so, als ob meine Mutter mich küsste.«

»Kleine Köchin«, sagte der Haushofmeister, »ich werde dir eine feste Anstellung in der Küche verschaffen und dazu die Erlaubnis, den Kaiser speisen zu sehen, wenn du uns zur Nachtigall führen kannst; denn die ist für heute Abend einbestellt.«

So zogen sie alle zusammen hinaus in den Wald, wo die Nachtigall zu singen pflegte; der halbe Hof war mit. Als sie so voranschritten, fing eine Kuh zu brüllen an.

»O!« sagten die Hofjunker, »nun haben wir sie; es ist doch eine merkwürdige Kraft in einem so kleinen Tier! Die habe ich bestimmt schon früher gehört!«

»Nein, das sind Kühe, welche brüllen«, sagte die kleine Köchin. »Wir sind noch weit von der Stelle entfernt.«

Nun quakten die Frösche im Sumpfe. »Herrlich!« sagte der chinesische Schlossprediger. »Nun höre ich sie, es klingt gerade wie kleine Kirchenglocken.«

»Nein, das sind Frösche«, sagte die kleine Köchin. »Aber nun, denke ich, werden wir sie bald hören.«

Da begann die Nachtigall zu singen. »Das ist sie«, sagte das kleine Mädchen. »Hört gut zu! Und da sitzt sie!« Sie zeigte nach einem kleinen grauen Vogel oben in den Zweigen.

»Ist es möglich?« sagte der Haushofmeister. »So hätte ich sie mir niemals vorgestellt; wie einfach sie aussieht! Sie hat sicher ihre Farbe verloren, weil sie so viele vornehme Menschen um sich erblickt.«

»Kleine Nachtigall« rief das Küchenmädchen ganz laut, »unser gnädiger Kaiser wünscht, dass Sie vor ihm singen!« »Mit dem größten Vergnügen«, sagte die Nachtigall und sang dann, dass es eine Lust war.

»Es klingt gerade wie Glasglocken«, sagte der Haushofmeister. »Und seht die kleine Kehle, wie sie arbeitet! Es ist merkwürdig, dass wir sie früher nie gehört haben; sie wird großes Aufsehen bei Hofe erregen.«

»Soll ich dem Kaiser noch einmal vorsingen?« fragte die Nachtigall, welche glaubte, der Kaiser sei auch da.

»Meine vortrefflichste Nachtigall«, sagte der Haushofmeister, »ich habe die große Freude, Sie zu einem Hoffest heute Abend einzuladen, wo Sie Seine Kaiserliche Majestät mit Ihrem reizenden Gesang bezaubern werden!« »Der nimmt sich am besten im Grünen aus«, sagte die Nachtigall, aber sie kam doch gern mit, als sie hörte, dass der Kaiser es wünschte.

Auf dem Schlosse war alles aufgeputzt. Die Wände und der Fußboden, welche von Porzellan waren, glänzten in den Strahlen vieler tausend goldener Lampen; die prächtigsten Blumen, die am besten klingeln konnten, waren in den Gängen aufgestellt; es war ein Laufen im Schloss und ein Zugwind, aber alle Glöckchen klingelten, so dass man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.

Mitten in dem großen Saal, wo der Kaiser saß, war ein goldener Stab aufgestellt, auf dem sollte die Nachtigall sitzen; der ganze Hof war da, und die kleine Köchin hatte die Erlaubnis erhalten, hinter der Tür zu stehen, da sie den Titel einer wirklichen Hofköchin bekommen hatte. Alle waren in ihren besten Kleidern und schauten auf den kleinen grauen Vogel, dem der Kaiser zunickte.

Die Nachtigall sang so herrlich, dass dem Kaiser die Tränen in die Augen traten; sie liefen ihm die Wangen herunter, und da sang die Nachtigall noch schöner, das ging recht zu Herzen. Der Kaiser war höchst erfreut und sagte, dass die Nachtigall einen goldenen Pantoffel um den Hals tragen sollte. Aber die Nachtigall dankte, sie sei schon genügend belohnt: »Ich habe Tränen in des Kaisers Augen gesehen, das ist für mich der größte Schatz; eines Kaisers Tränen haben eine besondere Kraft. Der Himmel weiß es, ich bin genug belohnt.« Darauf sang sie wieder mit ihrer süßen, lieblichen Stimme.

»Das ist die liebenswürdigste Stimme, die ich kenne!« sagten die Damen ringsherum; und dann nahmen sie Wasser in den Mund, um zu glucken, wenn jemand sie anredete – sie glaubten, dann auch Nachtigallen zu sein. Ja, die Diener und Kammermädchen ließen melden, dass auch sie zufrieden seien, und das will viel heißen, denn sie sind am schwierigsten zufriedenzustellen. Ja, die Nachtigall machte wahrlich ihr Glück.

Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihren eigenen Käfig und die Erlaubnis haben, zweimal des Tages und einmal des Nachts auszufliegen. Sie bekam zwölf Diener, welche sie an einem um ihr Bein geschlungenen Seidenband festhielten. Es war nicht viel Vergnügen bei einem solchen Ausflug.

Die ganze Stadt sprach von dem merkwürdigen Vogel, und begegneten sich zwei, sagte der eine nichts anderes als »Nacht« und der andere sagte »gall« [‚gal‘: verrückt (dänisch), N.T.], und dann seufzten sie und verstanden einander; ja, elf Kinder einfacher Leute wurden nach ihr benannt, aber nicht eines von ihnen hatte auch nur einen Ton in der Kehle.

Eines Tages erhielt der Kaiser eine Kiste, auf der geschrieben stand: »Die Nachtigall.« »Da haben wir wieder ein neues Buch über unsern berühmten Vogel!« sagte der Kaiser; aber es war kein Buch, es war ein Kunstwerk, welches in einer Schachtel lag, eine künstliche Nachtigall, die der lebenden gleichen sollte, aber überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt war. Sobald man den künstlichen Vogel aufzog, konnte er eines der Stücke, die der wirkliche sang, flöten, und dabei bewegte sich der Schwanz auf und nieder und glänzte von Silber und Gold. Um seinen Hals hing ein kleines Band, darauf stand geschrieben: »Des Kaisers von Japan Nachtigall ist armselig gegen die des Kaisers von China.«

»Das ist herrlich!« sagten alle, und der, welcher den künstlichen Vogel gebracht hatte, erhielt sogleich den Titel: Kaiserlicher Obernachtigallenbringer.

»Nun sollen sie zusammen singen! Was wird das für ein Genuss werden!«

So mussten sie zusammen singen, aber es wollte nicht recht klappen; denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Weise, und der Kunstvogel ging auf Walzen. »Der hat keine Schuld«, sagte der Spielmeister; »der ist völlig taktfest und ganz nach meiner Schule gebildet.« Nun sollte der Kunstvogel allein singen. Er machte ebenso viel Glück wie der wirkliche, und dann war er auch viel schöner anzusehen; er glänzte wie Armbänder und Brustnadeln.

Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und war doch nicht müde; die Leute hätten ihn gern wieder von vorn gehört, aber der Kaiser meinte, dass nun auch die lebendige Nachtigall einmal singen sollte. Aber wo war die? Niemand hatte bemerkt, dass sie durch das offene Fenster zu ihren grünen Wäldern fortgeflogen war.

»Was soll das bedeuten?« fragte der Kaiser; und alle Hofleute schalten und meinten, dass die Nachtigall ein höchst undankbares Tier sei. »Den besten Vogel haben wir doch!« sagten sie, und so musste der Kunstvogel wieder singen; das war das vierunddreißigste Mal, dass sie dasselbe Stück zu hören bekamen, aber sie konnten es noch nicht ganz auswendig, denn es war sehr schwer.

Der Spielmeister lobte den Vogel außerordentlich; ja, er versicherte, dass er besser als die wirkliche Nachtigall sei, nicht nur was die Kleider und die vielen herrlichen Diamanten betreffe, sondern auch im Innern. »Denn sehen Sie, meine Herrschaften, der Kaiser vor allem, bei der wirklichen Nachtigall kann man nie berechnen, was kommen wird, aber bei dem Kunstvogel ist alles bestimmt; man kann es erklären, man kann ihn aufmachen und die von Menschen ersonnene Mechanik zeigen: wie die Walzen liegen, wie sie gehen, und wie das eine aus dem anderen folgt.«

»Das ist ganz unsere Meinung!« sagten alle, und der Spielmeister erhielt die Erlaubnis, am nächsten Sonntag den Vogel dem Volk vorzuführen; es solle ihn auch singen hören, befahl der Kaiser, und es hörte ihn und wurde so vergnügt, als ob es sich am Tee berauscht hätte – das ist typisch chinesisch; und alle sagten »O!«, hoben den Zeigefinger in die Höhe und nickten dazu. Aber die armen Fischer, welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, sagten: »Es klingt hübsch, die Melodien gleichen sich auch, aber es fehlt etwas, ich weiß nicht, was!«

Die wirkliche Nachtigall aber wurde des Landes und Reiches verwiesen.

Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem seidenen Kissen dicht bei des Kaisers Bett; alle Geschenke, welche er bekam, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und er war er zum »Hochkaiserlichen Nachttischsänger« befördert worden, im Rang ‚Numero Eins zur linken Seite‘; denn der Kaiser rechnete die Seite für die vornehmste, auf der das Herz sitzt, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser links. Der Spielmeister schrieb nun ein Werk von fünfundzwanzig Bänden über den Kunstvogel; das war so gelehrt und lang, voll von den allerschwersten chinesischen Wörtern, dass alle Leute sagten, sie hätten es gelesen und verstanden, denn sonst wären sie ja dumm gewesen und verprügelt worden.

So ging es ein ganzes Jahr; der Kaiser, der Hof und alle übrigen Chinesen kannten jeden kleinen Kluck in des Kunstvogels Gesang auswendig, gerade deshalb gefiel er ihnen so gut; sie konnten selbst mitsingen, und das taten sie auch. Die Straßenbuben sangen »Zizizi! Kluklukluck« und auch der Kaiser sang es – ja, gewiss war es schön!

Aber eines Abends, als der Kunstvogel im besten Singen war und der Kaiser im Bett lag und zuhörte, machte es »swupp« im Vogel; da sprang etwas »surrrr«. Alle Räder liefen, aber die Musik schwieg.

Der Kaiser sprang gleich aus dem Bett und ließ seinen Leibarzt rufen, aber was konnte der helfen? Dann ließen sie den Uhrmacher holen, und nach vielem Diskutieren und Probieren brachte er den Vogel einigermaßen in Ordnung; aber er müsse sehr geschont werden müsse, sagte er, denn die Zapfen seien abgenutzt und es sei unmöglich, neue so einzusetzen, dass die Musik sicher spielte.

Das war nun eine große Trauer! Nur einmal im Jahr durfte man den Kunstvogel singen lassen, und das war fast schon zu viel; aber dann hielt der Spielmeister eine kleine Rede mit gewichtigen Worten und sagte, dass es ebenso gut wie früher sei, und dann war es ebenso gut wie früher.

Als fünf lange Jahre vergangen waren, kam eine große Trauer über das ganze Land. Die Chinesen hielten nämlich allesamt große Stücke auf ihren Kaiser, aber jetzt war er krank und konnte nicht länger leben. Schon war ein neuer Kaiser gewählt, und das Volk stand draußen auf der Straße und fragte den Haushofmeister, wie es ihrem alten Kaiser gehe.

»P!« sagte er und schüttelte mit dem Kopfe.

Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem großen prächtigen Bett, der ganze Hof hielt ihn für tot, und ein jeder lief, um den neuen Kaiser zu begrüßen; die Kammerdiener liefen hinaus, um darüber zu schwatzen, und die Kammermädchen hielten großen Kaffeeklatsch. Ringsum in allen Sälen und Gängen war Tuch ausgelegt, damit man keine Schritte hörte, und deshalb war es ganz still. Aber der Kaiser war noch nicht tot; steif und bleich lag er in dem prächtigen Bett mit den langen Samtvorhängen und den schweren Goldquasten, oben stand ein Fenster auf und der Mond schien herein auf den Kaiser und den Kunstvogel.

Der arme Kaiser konnte kaum atmen; es war ihm, als ob etwas auf seiner Brust säße; er schlug die Augen auf, da sah er, dass es der Tod war, der auf seiner Brust saß, sich seine goldene Krone aufgesetzt hatte und in der einen Hand des Kaisers goldenen Säbel, in der andern seine prächtige Fahne hielt; ringsumher sahen aus den Falten der langen Samtvorhänge wunderliche Köpfe hervor, einige hässlich, andere lieblich und mild; das waren des Kaisers gute und böse Taten, welche ihn anblickten, da der Tod ihm auf dem Herzen saß.

»Weißt du noch dieses?« flüsterten sie. Und dann erzählten sie ihm so viel, dass ihm der Schweiß von der Stirne rann.

»Das habe ich nie gewusst«, stöhnte der Kaiser. »Musik, Musik, die große chinesische Trommel,« rief er, »damit ich nicht höre, was sie sagen!« Aber sie fuhren fort, und der Tod nickte wie ein Chinese zu allem, was gesagt wurde.

»Musik, Musik!« schrie der Kaiser. »Du kleiner herrlicher Kunstvogel, singe doch, singe! Ich habe dir Gold und Kostbarkeiten gegeben, ich habe dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt, singe doch, singe!« Aber der Vogel stand still, es war niemand da, um ihn aufzuziehen, und sonst sang er nicht; der Tod aber fuhr fort, den Kaiser mit seinen großen leeren Augenhöhlen anzustarren; und es war still, schrecklich still.

Da klang auf einmal vom Fenster her der lieblichste Gesang. Es war die kleine lebendige Nachtigall, welche draußen auf einem Zweig saß; sie hatte von der Not ihres Kaisers gehört und war gekommen, ihm Trost und Hoffnung zu bringen; sobald sie sang, wurden die Gespenster blasser, das Blut kam rascher in des Kaisers schwachen Gliedern in Bewegung, und selbst der Tod horchte auf und sagte: »Fahre fort, kleine Nachtigall! Fahre fort!«

»Ja, willst du mir dafür den prächtigen goldenen Säbel geben? Willst du mir die schöne Fahne geben? Willst du mir des Kaisers Krone geben?«

Der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang, und die Nachtigall fuhr fort zu singen; sie sang von dem stillen Friedhof, wo die weißen Rosen wachsen, wo der Flieder duftet und das frische Gras von den Tränen der Hinterbliebenen befeuchtet wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem Garten und schwebte wie ein kalter weißer Nebel zum Fenster hinaus.

»Vielen, vielen Dank!« sagte der Kaiser, »du himmlischer, kleiner Vogel, ich kenne dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande und Reich gejagt, und doch hast du die bösen Geister von meinem Bett weggesungen, den Tod von meinem Herzen fortgeschafft. Wie kann ich dich belohnen?«

»Du hast mich schon belohnt«, sagte die Nachtigall. »Ich habe in deinen Augen Tränen gesehen, als ich das erste Mal vor dir sang, das vergesse ich nie! Das sind die Juwelen, die ein Sängerherz erfreuen. Aber schlafe nun und werde stark, ich will dir vorsingen!« Sie sang, und der Kaiser fiel in einen süßen Schlummer; mild und wohltuend war der Schlaf.

Die Sonne schien um Fenster herein, als er gestärkt und gesund erwachte; von seinen Dienern war noch keiner zurückgekehrt, denn sie glaubten alle, er sei tot; aber die Nachtigall saß noch da und sang.

»Immer musst du bei mir bleiben«, sagte der Kaiser. »Du sollst nur singen, wenn du selbst willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend Stücke.« »Tue das nicht«, sagte die Nachtigall, »er hat ja Gutes geleistet, so lange er konnte; behalte ihn auch ferner. Ich kann im Schloss nicht nisten und wohnen, aber lass mich kommen, wenn ich selbst Lust habe; da will ich des Abends dort am Fenster sitzen und dir vorsingen, damit du froh und nachdenklich werden kannst.

Ich werde von den Glücklichen singen und von denen, die leiden; ich werde vom Bösen und vom Guten singen, was rings um dich verborgen bleibt. Der kleine Sänger fliegt weit umher, zu dem armen Fischer, zu des Bauern Hütte, zu jedem, der weit von dir und deinem Hofe entfernt ist. Ich liebe dein Herz mehr als deine Krone, und doch hat die Krone den Duft von etwas Heiligem an sich. Ich komme und singe dir vor. Aber eines musst du mir versprechen.« »Alles!« sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen Tracht, die er angelegt hatte, und drückte den schweren Goldsäbel an sein Herz. »Um eines bitte ich dich; erzähle niemand, dass du einen kleinen Vogel hast, der dir alles sagt, dann wird es noch besser gehen!« Dann flog die Nachtigall fort.

Bald kamen die Diener herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen; ja, da standen sie – und der Kaiser sagte: »Guten Morgen!«

Den Text aus „Sämmtliche Märchen“ habe ich sprachlich überarbeitet und mich dabei auf die Übersetzung in „Mährchen, Abenteuer und Geschichten für Jung und Alt“ (Erstes Bändchen, Braunschweig 1864, 6. Aufl.) gestützt; vgl. auch https://archive.org/details/mrchenfrkinder00ande/page/68/mode/2up). Eine Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/10/31/andersen-die-nachtigall-kurze-analyse/

Hans Chr. Andersen: Die glückliche Familie – Text und Analyse

Andersen: Die glückliche Familie

Das größte grüne Blatt hierzulande ist sicher das Klettenblatt; ein Kind kann es leicht als Schürze oder als Regenschirm benutzen, denn es ist gewaltig groß. Nie wächst eine Klette allein, nein, wo eine wächst, da wachsen mehrere, es ist eine wahre Pracht. Und diese ganze Pracht ist Schneckenspeise. Die großen weißen Schnecken, woraus vornehme Leute in früheren Zeiten Frikassee bereiten ließen, verspeisten und sagten: »Hm! Schmeckt das gut!« – denn sie glaubten nun einmal, dass dies lecker sei – diese Schnecken lebten von Klettenblättern, und deswegen wurden Kletten gesät.

Nun gab es da ein altes Rittergut, wo man keine Schnecken mehr speiste; diese waren beinahe ausgestorben, aber die Kletten waren nicht ausgestorben, sie wuchsen draußen über alle Gänge und Beete, man konnte ihrer nicht mehr Herr werden. Es war förmlich ein Klettenwald entstanden, hin und wieder stand noch ein Apfel- oder ein Pflaumenbaum da, sonst hätte man gar nicht vermuten können, dass dies einmal ein Garten war. Alles war Klette, und darinnen wohnten die beiden letzten uralten Schnecken.

Sie wussten selbst nicht, wie alt sie waren, aber sie konnten sich sehr wohl erinnern, dass ihrer weit mehr gewesen, dass sie von einer aus fremden Ländern eingewanderten Familie abstammten und dass für sie und die Ihrigen der ganze Wald gepflanzt worden war. Sie waren noch nie aus ihm hinausgekommen, aber sie wussten doch, dass es noch etwas in der Welt gab, was der Herrenhof hieß; da oben wurde man gekocht, dann wurde man schwarz und wurde auf eine silberne Schüssel gelegt – was dann aber weiter geschah, das wussten sie nicht. Wie das übrigens ist, gekocht zu werden und auf einer silbernen Schüssel zu liegen, das konnten sie sich nicht vorstellen; aber schön sollte es sein und außerordentlich vornehm. Weder die Maikäfer noch die Kröten oder die Regenwürmer, welche sie darüber befragten, konnten ihnen Bescheid geben; keiner von ihnen war gekocht worden oder hatte auf einer silbernen Schüssel gelegen.

Die alten weißen Schnecken waren die vornehmsten in der Welt, das wussten sie; der Wald war ihretwegen da, und der Herrenhof stand da, damit sie gekocht würden und auf einer silbernen Schüssel liegen könnten.

Sie lebten jetzt sehr einsam und glücklich, und da sie selbst ohne Kinder waren, hatten sie eine kleine gewöhnliche Schnecke zu sich genommen, die sie wie ihr eigenes Kind erzogen; aber der Kleine wollte nicht wachsen, denn er war nur eine gewöhnliche Schnecke. Die Alten, besonders die Mutter, die Schneckenmutter, glaubte jedoch zu bemerken, dass er an Größe zunähme, und sie bat den Vater, wenn er das nicht sehen könnte, möge er doch nur das kleine Schneckenhaus befühlen; und dann fühlte der und fand, dass die Mutter recht habe.

Eines Tages regnete es stark. »Höre, wie es auf den Kletten tromme-romme-rommelt!« sagte der Vater.

»Da kommen auch Tropfen«, sagte die Schneckenmutter. »Es läuft ja am Stengel herab. Du wirst sehen, dass es hier nass wird. Ich bin froh, dass wir unsere guten Häuser haben und dass der Kleine auch eins hat! Für uns ist wirklich mehr getan als für alle andern Geschöpfe; da kann man sehen, dass wir die Herren der Welt sind. Wir haben ein Haus von der Geburt an, und der Klettenwald ist unseretwegen angepflanzt worden. Ich möchte nur wissen, wie weit er sich erstreckt und was dahinter ist.«

»Da ist nichts dahinter!« sagte der Schneckenvater. »Besser als bei uns kann es nirgends sein, und ich habe weiter keine Wünsche.«

»Ja«, sagte die Mutter, »aber ich möchte nach dem Herrenhof kommen, gekocht und auf eine silberne Schüssel gelegt werden; das ist mit allen unseren Vorfahren geschehen, und glaube mir, es ist etwas ganz Besonderes dabei!«

»Der Herrenhof ist vielleicht eingestürzt«, sagte der Schneckenvater, »oder der Klettenwald ist darüber hinweggewachsen, so dass die Menschen nicht mehr herauskommen können. Übrigens hat das keine Eile; du eilst immer so und der Kleine fängt auch schon damit an, er ist in bloß drei Tagen diesen Stiel hinaufgekrochen. Mir wird ganz schwindelig, wenn ich zu ihm hinaufsehe.«

»Du musst nicht schelten«, sagte die Mutter. »Er kriecht so besonnen; wir werden viel Freude an ihm haben, und wir Alten haben ja nichts anderes mehr, wofür wir leben. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wo wir eine Frau für ihn hernehmen? Glaubst du nicht, dass tief im Klettenwald noch jemand von unserer Art leben könnte?«

»Schwarze Schnecken, glaube ich, werden wohl da sein«, sagte der Alte; »schwarze Schnecken ohne Haus, aber das ist zu gewöhnlich, und doch sind sie eingebildet. Aber wir könnten den Ameisen einen Auftrag geben; die laufen dauernd hin und her, als ob sie etwas zu tun hätten, sie wissen sicher eine Frau für unser Schneckchen.«

»Ich weiß freilich die allerschönste«, sagte eine der Ameisen, »aber ich fürchte, das wird nichts, denn sie ist eine Königin.«

»Das macht nichts!« sagten die Alten. »Hat sie ein Haus?«

»Sie hat ein Schloss«, sagte die Ameise, »das schönste Ameisenschloss mit siebenhundert Gängen.«

»Schönen Dank!« sagte die Schneckenmutter. »Unser Sohn soll nicht in einen Ameisenhügel! Wisst ihr nichts Besseres, dann geben wir den Auftrag den weißen Mücken; die fliegen bei Regen und Sonnenschein weit umher und kennen den Klettenwald von innen und außen.«

»Wir haben eine Frau für ihn«, sagten die Mücken. »Hundert Menschenschritte von hier sitzt auf einem Stachelbeerstrauch eine kleine Schnecke mit einem Haus; sie ist allein und alt genug, sich zu verheiraten. Es sind nur hundert Menschenschritte von hier aus.«

»Ja, dann soll sie zu ihm kommen«, sagten die Alten, »er hat nämlich einen Klettenwald, sie hat nur einen Strauch.«

Nun holten die Mücken das kleine Schneckenfräulein. Es dauere acht Tage, bis dieses eintraf; aber das war gerade das Vornehme dabei, daran konnte man sehen, dass echtes Schneckenblut in ihr rollte.

Dann hielten sie Hochzeit. Sechs Johanniswürmchen leuchteten, so gut sie konnten; übrigens ging das Ganzen still vor sich, weil die alten Schnecken Schwärmen und lautes Feiern nicht ertragen konnten. Aber eine schöne Rede wurde von der Schneckenmutter gehalten; der Vater konnte nichts sagen, er war zu gerührt. Dann gaben sie ihnen den ganzen Klettenwald zur Erbschaft und sagten, was sie immer gesagt hatten, dass es das Beste in der Welt sei, redlich und ordentlich zu leben und sich zu vermehren – dann würden sie und ihre Kinder einst nach dem Herrenhof kommen, schwarz gekocht und auf eine silberne Schüssel gelegt werden.

Nachdem sie dies verkündet hatten, krochen die Alten in ihre Häuser und kamen nie wieder heraus; sie schliefen. Das junge Schneckenpaar regierte im Wald und bekam viele Nachkommen, aber sie wurden nie gekocht und sie kamen nie auf eine silberne Schüssel; daraus zogen sie den Schluss, dass der Herrenhof eingestürzt und die Menschen ausgestorben seien, und da ihnen niemand widersprach, musste es ja wahr sein.

Und der Regen schlug auf die Klettenblätter, um für sie Trommelmusik zu machen, und die Sonne schien, um den Klettenwald für sie zu beleuchten, und sie waren sehr glücklich, die ganze Familie war glücklich, sie war es wirklich.

Der Text aus „Sämmtliche Märchen“ wurde von mir sprachlich überarbeitet; dazu habe ich auch Eva-Maria Blühms Übersetzung und die Bearbeitung von Paul Arndt (Loewes Verlag, Stuttgart o.J.) herangezogen (https://archive.org/details/mrchenfrkinder00ande/page/60/mode/2up). Eine kurze Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/03/andersen-die-gluckliche-familie-kurze-analyse/

Hans Chr. Andersen: Der Floh und der Professor – Text und Analyse

Andersen: Der Floh und der Professor

Es war einmal ein Luftschiffer, dem erging es schlecht; sein Ballon platzte, der Mann plumpste herunter und wurde völlig zerfetzt. Seinen Jungen hatte er zwei Minuten vorher mit dem Fallschirm hinabgeschickt, das war des Jungen Glück; er blieb unbeschädigt und lebte mit allen Kenntnissen weiter, die ein Luftschiffer haben muss. Aber er hatte keinen Ballon und auch nicht die Mittel, sich einen zu beschaffen.

Leben musste er jedoch, und so verlegte er sich auf Kunststücke der Geschicklichkeit und darauf, mit dem Leib reden zu können, das heißt, Bauchredner zu sein. Er war jung und sah gut aus, und als er einen Bart bekam und gute Kleider anzog, konnte man ihn für einen Grafensohn halten. Die Damen fanden ihn schön, ja, ein Mädchen wurde von seiner Schönheit und seiner Geschicklichkeit so fasziniert, dass sie ihn in fremde Städte und Länder begleitete; dort nannte er sich Professor, darunter tat er es nicht.

Sein ständiger Gedanke war, einen Luftballon zu beschaffen und sich mit seiner kleinen Frau in die Lüfte zu erheben, aber sie hatten noch nicht die Mittel dazu. Die kommen noch“, sagte er. Wenn sie nur kommen wollten!“ entgegnete sie. Wir sind ja junge Leute! Und nun bin ich ein Professor; Krümeln sind auch Brot.“

Sie half ihm getreulich bei der Arbeit, saß am Eingang und verkaufte Billetts zur Vorstellung, und das war im Winter ein kaltes Vergnügen. Sie half ihm auch in einem Kunststück: Er steckte seine Frau ins Schubfach, ein großes Schubfach; da kroch sie ins Hinterfach, dann war sie im Vorderfach nicht zu sehen – sie war fort; das war wie eine Täuschung der Augen.

Aber eines Abends, als er das Schubfach aufzog, war sie auch von ihm fort; sie war nicht im Vorderfach, nicht im Hinterfach, nicht im ganzen Haus, war weder zu sehen noch zu hören; das war ein Kunststück ihrer Geschicklichkeit. Sie kam niemals wieder; sie hatte es satt gehabt, und so wurde auch er es satt, verlor seine gute Laune, konnte nicht mehr lachen oder Witze machen, und bald kamen auch keine Leute mehr. Der Verdienst wurde schlecht, die Kleider wurden schlecht; er besaß zuletzt nur noch einen großen Floh, ein Erbstück seiner Frau; deshalb hielt er viel von ihm. Nun dressierte er ihn, lehrte ihn Kunststücke der Geschicklichkeit, lehrte ihn, das Gewehr zu präsentieren und eine Kanone abzuschießen, aber nur eine kleine.

Der Professor war stolz auf den Floh, und der war stolz auf sich selber; er hatte etwas gelernt, hatte Menschenblut in sich und war in den größten Städten gewesen, war von Prinzen und Prinzessinnen gesehen worden und hatte ihren allerhöchsten Beifall gewonnen. Das stand gedruckt in den Zeitungen und auf den Plakaten. Er wußte, dass er eine Berühmtheit war und einen Professor, ja sogar eine ganze Familie ernähren konnte.

Stolz war er und berühmt war er, und doch, wenn er und der Professor reisten, fuhren sie in der Eisenbahn vierter Klasse; die fährt genau so schnell wie die erste. Es gab ein stillschweigendes Gelübde, dass sie sich niemals trennen wollten, auch niemals sich verheiraten – der Floh wollte Junggeselle bleiben und der Professor Witwer; das kommt auf dasselbe hinaus.

Wo man das größte Glück hatte“, sagte der Professor, „dahin soll man nicht zum zweiten Mal gehen!“ Er war ein Menschenkenner, und das ist auch eine Kenntnis.

Zuletzt hatten sie alle Länder bereist, außer dem Land der Wilden; und so wollte er hin zu dem Land der Wilden. Dort aß man freilich Christenmenschen, das wußte der Professor, aber er war kein richtiger Christ und der Floh kein richtiger Mensch; so meinte er, dass er wohl dahin reisen und gutes Geld verdienen könnte. Sie reisten mit dem Dampfschiff und mit dem Segelschiff; der Floh zeigte seine Künste, und so hatten sie freie Reise und kamen in das Land der Wilden.

Hier regierte eine kleine Prinzessin, sie war erst acht Jahre, aber sie regierte; sie hatte Vater und Mutter die Macht abgenommen, denn sie hatte einen starken Willen und war unvergleichlich reizend und unartig. Sogleich als der Floh das Gewehr präsentierte und die Kanone abschoss, war sie von dem Floh so sehr eingenommen, dass sie sagte: „Ihn oder keinen!“ Sie wurde ganz wild vor Liebe; dabei war sie schon vorher wild gewesen.

Süßes, kleines, vernünftiges Kind“, sagte ihr Vater, „könnte man bloß einen Menschen aus ihm machen!“ Dafür lass mich sorgen, Alter!“ sagte sie; das ist nicht nett gesagt von einer kleinen Prinzessin, die mit ihrem Vater spricht, aber sie war eben wild. Sie setzte den Floh auf ihre kleine Hand. „Nun bist du ein Mensch und regierst mit mir; aber du sollst tun, was ich will, sonst schlage ich dich tot und fresse den Professor.“

Der Professor bekam einen großen Saal, um darin zu wohnen. Die Wände waren aus Zuckerrohr; daran hätte er lecken können, aber er war kein Leckermaul. Er bekam eine Hängematte, um darin zu schlafen; es war, als läge er in einem Luftballon – den hatte er sich immer gewünscht und daran dachte er beständig.

Der Floh blieb bei der Prinzessin, er saß auf ihrer kleinen Hand und auf ihrem feinen Hals. Sie hatte ein Haar von ihrem Kopf genommen, das musste der Professor dem Floh ums Bein binden; und so hielt sie ihn an das große Korallenstück gebunden, das sie im Ohrläppchen trug.

Das war eine herrliche Zeit für die Prinzessin, auch für den Floh, dachte sie; aber der Professor war nicht zufrieden, er war ein Reisemensch. Er liebte es, von Land zu Land zu ziehen und in den Zeitungen Berichte von seiner Unterhaltungskunst und Klugheit zu lesen und dass er einen Floh lehren konnte, Dinge wie ein Mensch zu verrichten. Tagaus, tagein lag er in der Hängematte, faulenzte und bekam sein gutes Essen, frische Vogeleier, Elefantenaugen und gebratene Giraffenohren; die Menschenfresser leben nämlich nicht nur von Menschenfleisch, das ist eine seltene Delikatesse. „Kinderschultern mit scharfer Sauce“, sagte die Mutter der Prinzessin, „ist das Delikateste.“

Der Professor langweilte sich und wollte gerne fort aus dem Land der Wilden, aber den Floh musste er mitnehmen; der war ein Wunder und sein Lebensunterhalt. Wie sollte er ihn jedoch kriegen? Das war nicht so leicht. Er spannte alle seine Geisteskräfte an, und dann sagte er: „Nun habe ich es!“

Prinzessinvater, vergönne mir, etwas zu tun! Darf ich die Bewohner des Landes im Präsentieren üben? Das ist das, was man in den größten Ländern der Welt Bildung nennt“ Und was kannst du mich lehren?“ fragte der Prinzessinvater. Meine größte Kunst“, sagte der Professor, „nämlich eine Kanone abzufeuern, so dass die ganze Erde bebt und die leckersten Vögel des Himmels gebraten herabfallen. Das ist der Knalleffekt dabei!“ Komm mit der Kanone!“ sagte der Prinzessinvater.

Aber im ganzen Land gab es keine Kanone außer der, die der Floh mitgebracht hatte, und die war zu klein.

Ich gieße eine größere zurecht“, sagte der Professor. „Gib mir nur die Mittel! Ich muss feines Seidenzeug haben, Nadel und Faden, Taue und Schnüre und Magentropfen für Luftballons; die blasen auf, machen leicht und heben hoch, sie ergeben den Knall im Kanonenbau.“ All das, was er verlangte, bekam er. Alle Leute strömten zusammen, um die große Kanone zu sehen. Der Professor hatte sie nicht gerufen, bevor er nicht den Ballon zum Auffüllen und Aufsteigen fertig hatte.

Der Floh saß auf der Hand der Prinzessin und sah zu. Der Ballon wurde gefüllt, er schwoll und konnte kaum gehalten werden, so wild war er. Ich muss ihn in der Luft haben, damit er abkühlen kann“, sagte der Professor und setzt sich in den Korb, der unter dem Ballon hing. „Allein vermag ich ihn nicht zu lenken. Ich muss einen kundigen Kameraden dabei haben, der mir hilft. Hier ist keiner, der das kann, außer dem Floh.“

Ich gestatte es ungern“, sagte die Prinzessin, aber sie reichte den Floh doch dem Professor, der ihn auf seine Hand setzte. Lasst Taue und Schnüre los!“ sagte er. „Dann geht der Ballon hoch. “ Sie glaubten, er sagte: „Die Kanone!“ Und dann stieg der Ballon hoch und höher, hinauf über die Wolken, fort von dem Land der Wilden.

Die kleine Prinzessin, ihr Vater und ihre Mutter, das ganze Volk standen da und warteten. Sie warten noch immer, und glaubst du das nicht, so reise nach dem Land der Wilden! Dort spricht jedes Kind vom Floh und dem Professor und glaubt, dass sie wiederkommen, wenn die Kanone abgekühlt ist. Aber sie kommen nicht wieder, sie sind daheim bei uns, sie sind in ihrem Vaterland, fahren mit der Eisenbahn erster Klasse, nicht vierter; sie haben einen guten Verdienst und einen großen Ballon. Keiner fragt, wie sie an den Ballon gekommen sind oder woher sie ihn haben; sie sind angesehene Leute, allseits geschätzte Zeitgenossen, der Floh und der Professor.

Der Text aus „Sämmtliche Märchen“ wurde, auch mit Rückgriff auf die Übersetzung Eva-Maria Blühms, von mir sprachlich überarbeitet. Kurze Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/11/andersen-der-floh-und-der-professor-kurze-analyse/