Märchensammlungen

Neben den deutschen Märchensammlern (https://norberto42.wordpress.com/2014/09/28/deutsche-marchen/) gab es auch in anderen Ländern Sammler:

Afanasjew (russ.)

Asbjörnsen (norw.)

Caballero (span.)

Croker (ir.)

Grundtvig (dän.)

Ispirescu (rumän.)

Jacobs (div.)

Kretschmer (griech.)

Nemcová (tschech.)

Moe (norweg.)

Puschkin (russ.)

Sutermeister (schweiz.)

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Vor den deutschen Märchensammlungen sind bereits anderswo Märchen gesammelt worden. Die bedeutendsten Sammlungen sind:

Straparola (italien.): Die ergötzlichen Nächte (1550/53)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/ergotzliche-nachte-3762/1

Basile (italien.): Das Pentameron

http://www.maerchenatlas.de/aus-aller-welt/marchensammler/giambattista-basile/das-pentameron/ (Übersicht)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-pentameron-4884/1 (Text)

Perrault (franz.): Histoires ou contes du temps passé…

http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Perrault (Übersicht)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/charles-perrault-m-5446/1

urn:nbn:de:bvb:355-ubr07455-2

(Manche dieser Stoffe finden sich auch bei den Brüdern Grimm!)

Galland franz.): Märchen aus 1001 Nacht, um 1700

http://gutenberg.spiegel.de/buch/tausend-und-eine-nacht-erster-band-3445/1

http://www.maerchen.org/tausendundeine-nacht.htm

http://literaturnetz.org/tausendundeinenacht

http://www.kuehnle-online.de/literatur/habicht/1001/index.htm

http://forum.tunesien.org/ubbthreads.php?ubb=showflat&Number=96414 (Liste der Märchen)

Hier sollen nun Seiten genannt werden, die querbeet Märchen gesammelt haben:

http://de.wikisource.org/wiki/Die_M%C3%A4rchen_der_Weltliteratur (nur Links: Die Märchen der Weltliteratur, hrsg. von Friedrich von der Leyen bzw. Hans-Jörg Uther; dazu http://www.ruhr-uni-bochum.de/oaw/slc/Wilhelm_Volksmaerchen.pdf Chinesische Volksmärchen)

http://www.zeno.org/M%C3%A4rchen/M/Allgemein (Märchen aus aller Welt, überaus große Sammlung – weiterklicken!)

http://gutenberg.spiegel.de/genre/m-fairy (dito – weniger übersichtlich)

http://www.maerchen.name/Startseite/maerchen/maerchen_a/index.html (alphabetisches Verzeichnis vieler Märchen)

http://www.hekaya.de/maerchen/titel.html (dito)

http://de.wikisource.org/wiki/Kategorie:M%C3%A4rchen (dito, mit Märchen-Sammlungen; übergeordnet: http://de.wikisource.org/wiki/M%C3%A4rchen)

http://www.internet-maerchen.de/maerchen/ (Märchen aus aller Welt, alphabetisch geordnet, umfangreich)

http://maerchenblog.de/startseite/home…./ (Märchen zum Anhören: podcasts)

http://www.sagen.at/texte/maerchen/maerchen.htm (Märchen weltweit, v.a. Deutschland und Österreich)

http://literaturnetz.org/maerchen (Literaturnetz: Märchen und Sagen)

http://www.maerchenlexikon.de/inhalt.htm (Auswahl)

http://lanzerat.de/maerchenlexikon/titelregister.htm (Märchenlexikon: Titelregister; sehr umfangreich, einige kann man aufrufen)

http://www.maerchenatlas.de/category/register/ (Auswahl)

http://www.maerchenstern.de/maerchen/index.php (Auswahl)

http://www.die-geobine.de/marchen.htm (einzelne Märchen aus aller Welt)

http://maerchen-welt.eu/deutsche_maerchen.htm (deutsche und M. aus aller Welt, in Auswahl)

http://www.maerchen-sammlung.de/Russische-Maerchen_16/ (Russische M., Grimm, Andersen, deutsche M. – unübersichtlich)

http://www.maerchen.com/ (Grimm, Andersen, Bechstein, J.W. Wolf)

http://www.maerchen.org/ (Grimm, Bechstein, Wolf, Andersen, Hauff, ETA Hoffmann, 1001 Nacht u.a. – nur in Auswahl)

http://www.maerchen.net/ (Klassische Märchen – nur in Auswahl)

http://www.dw.de/themen/m%C3%A4rchen-aus-aller-welt/s-13423 (M. aus aller Welt, vorgelesen – unübersichtlich)

Die Suche bei http://archive.org/search.php?query=Märchen zeigt 588 Funde an.

https://norberto42.wordpress.com/2010/11/12/die-schonsten-marchen-andersens-ubersicht-und-kriterien/ (alles von H.C. Andersen)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/m-5905/1 Oscar Wilde: Märchen (1922)

http://maerchenfibel.com/maerchensammlungen/oscar-wilde (dito)

http://www.maerchen.ru/ (Volksmärchen aus Russland)

http://www.russouvenir.de/KUNST/maerchen/maerchen.html (russ. M.)

http://www.finn-land.net/finnland-m/maerchen/ (finnische M und Sagen)

http://www.maerchen.name/Startseite/maerchen/ (verschiedene, alphabetisch sortiert)

http://www.wdr5.de/sendungen/alsdaswuenschen/alsdaswuenschen_index100.html (M. in wdr5)

Für Kinder:

http://www.kindergarten-homepage.de/lesen/maerchen.html Texte: Märchen

http://www.familie.de/kind/maerchen-geschichten-576161.html Texte: Märchen

http://www.goethe.de/lrn/pro/maerchen/unterrichtsmaterial/Goethe_Maerchen_Didaktisches_Material.pdf (didakt. Material)

Sonstiges:

http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_M%C3%A4rchen (Liste von Märchen)

http://www.maerchenhelden.de/liste.php (Märchenhelden und Fabelwesen)

http://www.maerchendichter.de/kalender.php (Märchendichter und -sammler)

http://educationscouts.twoday.net/stories/2092153/ (Märchen: Begriff, Geschichte; Anwendung in der Grundschule)

Andersen: Des Kaisers neue Kleider

Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel von neuen Kleidern hielt, dass er all sein Geld dafür ausgab. Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, kümmerte sich nicht ums Theater und liebte es nicht, in den Wald zu fahren, außer um seine neuen Kleider zu zeigen. Er hatte einen Rock für jede Stunde des Tages, und ebenso wie man von einem König sagte, er sei im Rat, so sagte man dort immer: „Der Kaiser ist in der Garderobe!”

In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr munter her. An jedem Tag kamen viele Fremde an, und eines Tages kamen auch zwei Betrüger, die gaben sich für Weber aus und sagten, dass sie den schönsten Stoff, den man sich denken könne, zu weben verstünden. Die Farben und das Muster seien nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Stoff genäht würden, sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, dass sie für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.

,Das wären ja prächtige Kleider’, dachte der Kaiser; ,wenn ich solche hätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reich zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, das Zeug muss sogleich für mich gewebt werden!’ Er gab den beiden Betrügern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen sollten.

Sie stellten auch zwei Webstühle auf und taten, als ob sie arbeiteten, aber sie hatten nicht das Geringste auf dem Stuhl. Trotzdem verlangten sie die feinste Seide und das prächtigste Gold, das steckten sie aber in ihre eigene Tasche und arbeiteten an den leeren Stühlen bis spät in die Nacht hinein.

,Nun möchte ich doch wissen, wie weit sie mit dem Stoff sind!’ dachte der Kaiser, aber es war ihm beklommen zumute, wenn er daran dachte, dass keiner, der dumm sei oder schlecht zu seinem Amte tauge, es sehen könne. Er glaubte zwar, dass er für sich selbst nichts zu fürchten brauche, aber er wollte doch erst einen andern senden, um zu sehen, wie es damit stehe. Alle Menschen in der ganzen Stadt wussten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei. ,Ich will meinen alten, ehrlichen Minister zu den Webern senden’, dachte der Kaiser, ,er kann am besten beurteilen, wie der Stoff sich ausnimmt, denn er hat Verstand, und keiner übt sein Amt besser aus als er!’

Nun ging der alte, gute Minister in den Saal hinein, wo die zwei Betrüger saßen und an den leeren Webstühlen arbeiteten. ,Gott behüte uns!’ dachte der alte Minister und riss die Augen auf. ,Ich kann ja nichts erblicken!’ Aber das sagte er nicht.

Beide Betrüger baten ihn, näher zu treten, und fragten, ob es nicht ein hübsches Muster und schöne Farben seien. Dann zeigten sie auf den leeren Stuhl, und der arme alte Minister fuhr fort, die Augen aufzureißen, aber er konnte nichts sehen, denn es war nichts da. ,Herr Gott’, dachte er, ‚sollte ich dumm sein? Das habe ich nie geglaubt, und das darf kein Mensch wissen! Sollte ich nicht für mein Amt taugen? Nein, es geht nicht an, dass ich erzähle, ich könne das Zeug nicht sehen!’

„Nun, Sie sagen nichts dazu?” fragte der eine von den Webern. „Oh, es ist niedlich, ganz allerliebst!” antwortete der alte Minister und sah durch seine Brille. „Dieses Muster und diese Farben! – Ja, ich werde dem Kaiser sagen, dass es mir sehr gefällt!” „Nun, das freut uns!” sagten beide Weber, und darauf nannten sie die Farben mit Namen und erklärten das seltsame Muster. Der alte Minister passte gut auf, damit er dasselbe sagen könne, wenn er zum Kaiser zurück komme, und das tat er auch.

Nun verlangten die Betrüger mehr Geld, mehr Seide und mehr Gold zum Weben. Sie steckten alles in ihre eigenen Taschen, auf den Webstuhl kam kein Faden, und sie fuhren fort, wie bisher an den leeren Stühlen zu arbeiten.
Der Kaiser sandte bald wieder einen anderen tüchtigen Staatsmann hin, um zu sehen, wie es mit dem Weben stehe und ob das Zeug bald fertig sei; es ging ihm aber gerade wie dem ersten, er guckte und guckte – weil aber außer dem Webstuhl nichts da war, so konnte er nichts sehen. „Ist das nicht ein ganz besonders prächtiges und hübsches Stück Stoff?” fragten die beiden Betrüger und zeigten und erklärten das prächtige Muster, das gar nicht da war.

,Dumm bin ich nicht’, dachte der Mann; ‚es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre seltsam genug, aber das muss man sich nicht anmerken lassen!’ Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster. „Ja, es ist ganz allerliebst!” sagte er zum Kaiser. Alle Menschen in der Stadt sprachen von dem prächtigen Stoff.

Nun wollte der Kaiser selbst ihn sehen, während er noch auf dem Webstuhl sei. Mit einer ganzen Schar auserwählter Männer, unter denen auch die beiden ehrlichen Staatsmänner waren, die schon früher dagewesen waren, ging er zu den beiden listigen Betrügern hin, die nun aus allen Kräften webten, aber ohne Faser oder Faden.

„Ja, ist das nicht prächtig?” sagten die beiden ehrlichen Staatsmänner. „Wollen Eure Majestät sehen, welches Muster, welche Farben?” und dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, denn sie glaubten, dass die andern das Zeug wohl sehen könnten.

,Was!’ dachte der Kaiser; ‚ich sehe gar nichts! Das ist ja erschrecklich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir begegnen könnte.’ „Oh, es ist sehr hübsch”, sagte er, „es hat meinen allerhöchsten Beifall!” und er nickte zufrieden und betrachtete den leeren Webstuhl; er wollte nicht sagen, dass er nichts sehen könne. Das ganze Gefolge, was er mit sich hatte, schaute und schaute, aber es bekam nicht mehr heraus als alle andern; doch sie sagten gleich wie der Kaiser: „Oh, das ist hübsch!” und sie rieten ihm, diese neuen prächtigen Kleider das erste Mal bei dem großen Feste, das bevorstand, zu tragen.

„Es ist herrlich, niedlich, ausgezeichnet!” ging es von Mund zu Mund, und man schien allerseits innig erfreut darüber. Der Kaiser verlieh jedem der Betrüger ein Ritterkreuz, um es in das Knopfloch zu hängen, und den Titel Hofweber.
Die ganze Nacht vor dem Morgen, an dem das Fest stattfinden sollte, waren die Betrüger auf und hatten sechzehn Lichter angezündet, damit man sie auch recht gut bei ihrer Arbeit beobachten konnte. Die Leute konnten sehen, dass sie stark beschäftigt waren, des Kaisers neue Kleider fertigzumachen. Sie taten, als ob sie das Zeug aus dem Webstuhl nähmen, sie schnitten in die Luft mit großen Scheren, sie nähten mit Nähnadeln ohne Faden und sagten zuletzt: „Seht, nun sind die Kleider fertig!”

Der Kaiser kam mit seinen vornehmsten Beamten selbst, und beide Betrüger hoben den einen Arm in die Höhe, gerade, als ob sie etwas hielten, und sagten: „Seht, hier sind die Beinkleider, hier ist der Rock, hier ist der Mantel!” und so weiter. „Es ist so leicht wie Spinnwebe; man sollte glauben, man habe nichts auf dem Körper, aber das ist gerade die Schönheit dabei!” „Ja!” sagten alle Beamten, aber sie konnten nichts sehen, denn es war nichts da.

„Belieben Eure Kaiserliche Majestät, Ihre Kleider abzulegen”, sagten die Betrüger, „so wollen wir Ihnen die neuen hier vor dem großen Spiegel anziehen!”

Der Kaiser legte seine Kleider ab, und die Betrüger taten so, als ob sie ihm ein jedes Stück der neuen Kleider anzögen, die fertig genäht sein sollten, und der Kaiser wendete und drehte sich vor dem Spiegel.

„Ei, wie gut sie kleiden, wie herrlich sie sitzen!” sagten alle. „Welches Muster, welche Farben! Das ist ein kostbarer Anzug!” ­

„Draußen stehen sie mit dem Thronhimmel, der über Eurer Majestät getragen werden soll!” meldete der Oberzeremonienmeister.

„Seht, ich bin fertig!” sagte der Kaiser. „Sitzt nicht alles gut?” und dann wendete er sich nochmals zu dem Spiegel; denn es sollte so aussehen, als ob er seine Kleider recht betrachte.

Die Kammerherren, die das Recht hatten, die Schleppe zu tragen, griffen mit den Händen gegen den Fußboden, als ob sie die Schleppe aufhöben, sie gingen und taten, als hielten sie etwas in der Luft; sie wagten nicht, es sich anmerken zu lassen, dass sie nichts sehen konnten.

So ging der Kaiser unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: „Wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich! Welche Schleppe er am Kleid hat! Wie schön sie sitzt!” Keiner wollte es sich anmerken lassen, dass er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amt getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Noch nie hatten Kleider des Kaisers solche Anerkennung gefunden wie diese.

„Aber er hat ja gar nichts an!” sagte endlich ein kleines Kind. „Hört die Stimme der Unschuld!” sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte.

„Aber er hat ja gar nichts an!” rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: ,Nun muss ich durchhalten.’ Und die Kammerherren gingen und trugen eine Schleppe, die gar nicht da war.

(Text nach http://gutenberg.spiegel.de/buch/hans-christian-andersen-m-1227/114, sprachlich von mir überarbeitet)

Die erste Pointe steht hier:

,Das wären ja prächtige Kleider’, dachte der Kaiser; ,wenn ich solche hätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reich zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden!

Der Kaiser ist also nicht imstande, Dumme von Klugen zu unterscheiden, und sucht ein „einfaches“ bzw. sicheres Mittel dafür – was ein Zeichen von Dummheit ist.

Es folgt als zweite Pointe:

Alle Menschen in der ganzen Stadt wussten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.

Die Leute sind allesamt dumm – sie rechnen nämlich nur mit der Möglichkeit, dass andere dumm sein könnten, nicht aber sie selbst; so viel Egozentrik ist dumm.

Die dritte nebst folgenden Pointen findet man hier:

,Dumm bin ich nicht’, dachte der Mann; ‚es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre seltsam genug, aber das muss man sich nicht anmerken lassen!’ Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster.

Aus Angst, gegen das „schlaue“ Geschwätz der vermeintlichen Fachleute allein zu stehen und für dumm zu gelten, verlässt er sich nicht auf den Augenschein und den gesunden Menschenverstand, sondern spielt deren Spiel gegen eigene Einsicht mit und redet ihnen ihr Geschwätz nach.

Erst das Kind, das diese Angst nicht kennt, hat die Courage, einfach laut die Wahrheit zu sagen. Hier gilt wirklich das Wort Jesu: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich [des Erkennens, der Wahrheit] eingehen.

Vgl. die kurze Analyse https://norberto42.wordpress.com/2010/10/30/andersen-des-kaisers-neue-kleider-kurze-analyse/.

Märchen in leichter Sprache

Es gibt inzwischen den Versuch, Märchen in leichte Sprache zu übertragen, damit Kinder und Menschen mit Leseschwierigkeiten sie verstehen können: https://www.ndr.de/fernsehen/service/leichte_sprache/Maerchen-in-Leichter-Sprache,maerchenleichtesprache100.html

Jeder, der vorliest oder Märchen erzählt, kennt das Problem und hat vermutlich auch selber versucht, die kanonischen Texte zu vereinfachen. So muss man zum Beispiel im Märchen von den drei kleinen Schweinchen den Kindern erklären, wie früher gekocht wurde und wie der offene Kamin über der Feuerstelle dafür sorgte, dass der Rauch nicht im Zimmer hängen blieb – andernfalls können sie nicht verstehen, wie der Wolf durch den Kamin kommen will. Ich habe dazu sogar aus dem Internet ein paar Bilder ausgedruckt, damit die Szene den Kindern im Kindergarten auch anschaulich vor Augen geführt wird. Und meine in der Kategorie „Märchen“ vorgestellten Texte sind alle sprachlich überarbeitet.

Bliebe zum Schluss nur noch auf das Konzept Leichte Sprache hinzuweisen: https://norberto68.wordpress.com/2016/11/17/leichte-sprache/

Brüder Grimm: Hans mein Igel

Hans mein Igel

Es war einmal ein reicher Bauer, der hatte keine Kinder. Da ward er traurig und sprach: „Ich will ein Kind haben, und sollt’s ein Igel sein.“ Da kriegte seine Frau ein Kind, das war oben ein Igel und unten ein Junge, und als sie das Kind sah, erschrak sie und sprach: „Siehst du, du hast uns verwünscht!“ Da sprach der Mann: „Was kann das alles helfen, getauft muss der Junge werden; wir nennen ihn Hans mein Igel.“ Dann wurde hinter dem Ofen ein wenig Stroh zurecht gemacht und Hans mein Igel darauf gelegt. So lebte er acht Jahre lang. Nun trug es sich zu, dass in der Stadt ein Markt war und der Bauer wollte dahin gehen, da fragte er alle, was er ihnen mitbringen sollte. Die Bäuerin wollte Fleisch und Brot bekommen. Hans aber sprach: „Väterchen, bringt mir doch einen Dudelsack mit.“ Der Bauer tat alles, was man ihm aufgetragen hatte.

Wie nun Hans mein Igel den Dudelsack hatte, sprach er: „Väterchen, geht doch zur Schmiede und lasst mir meinen Göckelhahn beschlagen, dann will ich fortreiten.“ Da war der Vater froh, dass er den missratenen Sohn loswerden sollte, und ließ ihm den Hahn beschlagen, und als er fertig war, setzte sich Hans mein Igel darauf und ritt fort; er nahm auch Schweine und Esel mit, die wollte er draußen im Walde hüten. Im Wald aber musste der Hahn mit ihm auf einen hohen Baum fliegen, da saß er und hütete die Esel und Schweine, bis die Herde ganz groß war. Wenn er aber auf dem Baum saß, blies er seinen Dudelsack und machte Musik, die war sehr schön.

Einmal kam ein König vorbeigefahren, der hatte sich verirrt und hörte die Musik; da wunderte er sich darüber und schickte seinen Diener hin, er sollte sich einmal umgucken, wo die Musik herkäme. Der guckte sich um, sah aber nichts als ein kleines Tier auf dem Baum oben sitzen, das sah aus wie ein Göckelhahn, auf dem ein Igel saß, und machte die Musik. Der Diener fragte ihn nach dem Weg zurück ins Königreich; Hans sprach, er wollte ihnen den Weg zeigen, wenn der König versprechen wollte, was ihm zuerst begegnete am königlichen Hofe, wenn er nach Haus käme. Da dachte der König, das kannst du leicht tun, Hans mein Igel versteht’s doch nicht und du kannst schreiben, was du willst. Da schrieb der König etwas auf und Hans mein Igel zeigte ihm den Weg und er kam glücklich nach Hause. Seine Tochter lief ihm entgegen und küsste ihn. Er dachte an Hans mein Igel und erzählte ihr, wie es ihm gegangen wäre und dass er einem wunderlichen Tier, das auf einem Hahn geritten und schöne Musik gemacht, hätte verschreiben müssen, was ihm daheim zuerst begegnen würde; er hätte aber geschrieben, es sollt’s nicht haben, denn Hans mein Igel könnt es doch nicht lesen. Darüber war die Prinzessin froh und sagte, das wäre gut, denn sie wäre doch nimmermehr hingegangen.

Hans mein Igel aber hütete die Esel und Schweine, war immer lustig, saß auf dem Baum und blies auf seinem Dudelsack. Nun geschah es, dass ein anderer König gefahren kam mit seinen Dienern und hatte sich verirrt und wusste nicht wieder nach Haus zu kommen, weil der Wald so groß war. Der hörte gleichfalls die schöne Musik von weitem und sprach zu einem Diener, er sollt’ einmal zusehen, woher es kommt. Da ging der Diener unter den Baum und sah den Göckelhahn sitzen und Hans mein Igel oben drauf. Der Diener sagte, sie hätten sich verirrt und könnten nicht wieder ins Königreich, ob er ihnen den Weg nicht zeigen wollte. Da stieg Hans mein Igel mit dem Hahn vom Baum herunter und sagte zu dem alten König, er wollt’ ihm den Weg zeigen, wenn er ihm zu eigen geben wollte, was ihm zu Haus vor seinem königlichen Schloss als erstes begegnen würde. Der König sagte ja und unterschrieb die Abmachung. Als das geschehen war, ritt Hans auf dem Göckelhahn ein Stück voraus und zeigte ihm den Weg und er gelangte er glücklich wieder in sein Königreich. Wie er auf den Hof kam, fiel ihm seine einzige Tochter um den Hals und freute sich, dass ihr alter Vater wieder da war. Da erzählte er ihr, er wär’ beinahe gar nicht wieder gekommen, aber einer halb wie ein Igel, halb wie ein Mensch, habe auf einem Hahn in einem hohen Baum gesessen und, schöne Musik gemacht, der hätte ihm fortgeholfen und den Weg gezeigt; dafür habe er ihm das versprochen, was ihm am königlichen Hofe zuerst begegnete, und das wäre sie. Da versprach sie ihm aber, sie wollte gern mit Hans gehen, wenn er käme, ihrem Vater zu Liebe.

Hans mein Igel aber hütete seine Schweine, und die Schweine bekamen wieder Schweine und diese wieder und wurden so viele, dass der ganze Wald voll war. Da ging Hans mein Igel mit seinen Herden ins Dorf uns schenkte den Bauern die Schweine. Zu seinem Vater aber sagt er: „Väterchen, lasst mir meinen Göckelhahn noch einmal in der Schmiede beschlagen, dann reit’ ich fort und komm’ mein Lebtag nicht wieder.“ Da ließ der Vater den Göckelhahn beschlagen und war froh, daß Hans mein Igel nicht wiederkommen wollte.

Hans mein Igel ritt fort in das erste Königreich; da hatte der König befohlen, wenn einer käme auf einem Hahn geritten und hätte einen Dudelsack bei sich, dann sollten alle auf ihn schießen, damit er nicht ins Schloß käme. Aber Hans flog auf dem Hahn an des Königs Fenster, setzte sich da und rief ihm zu, er wollte ihn töten, wenn er nicht die Tochter bekäme. Da gab der König der Prinzessin gute Worte, schenkte ihr eine Kutsche und sie fuhr mit Hans fort. Aber als sie ein Stück Wegs von der Stadt entfernt waren, da zog Hans mein Igel seine Braut aus und stach sie mit seiner Igelhaut, bis sie ganz blutig war; er sagte: „Das ist der Lohn für eure Falschheit, geh’ weg, ich will dich nicht,“ und jagte sie damit nach Hause.

Hans mein Igel aber ritt weiter zu dem anderen Königreich. Der König dort aber hatte befohlen, wenn einer käm’ wie Hans mein Igel, sollten sie das Gewehr vor ihm präsentieren und ihn ins königliche Schloss bringen. Da wurde Hans mein Igel von der Prinzessin begrüßt, musste mit an die königliche Tafel gehen und sie setzte sich zu seiner Seite. Als sie am Abend schlafen gehen wollte, da fürchtete sie sich jedoch vor seinen Stacheln; er aber sprach, es geschäh’ ihr kein Leid. Zum König sagte er, man sollte eine Wache vors Zimmer stellen; wenn er seine Igelhaut ausgezogen habe, sollte man sie ins Feuer werfen. Wie die Glocke nun elfe schlug, da ging er in die Kammer und streifte die Igelhaut ab, und ließ sie vor dem Bett liegen, da kamen die Männer und holten sie geschwind und warfen sie ins Feuer, da war er erlöst und lag da im Bett ganz als ein schöner junger Herr. Wie das die Prinzessin sah, war sie froh; am anderen Morgen standen sie auf und es ward die Hochzeit gehalten; Hans mein Igel bekam den Thron und das Königreich von dem alten König.

Als etliche Jahre herum waren, fuhr er mit seiner Gemahlin zu seinem Vater und sagte, er wäre sein Sohn; der Vater aber sprach, er hätte einmal einen gehabt, der wär’ wie ein Igel mit Stacheln geboren worden und weggegangen. Da gab er sich zu erkennen, und der alte Vater freute sich und ging mit ihm fort in sein Königreich.

(Nach der ersten Fassung der KHM, gekürzt und sprachlich leicht überarbeitet)

Martin Auer: Lieschen Radieschen…

Martin Auers Geschichte von Lieschen Radieschen und dem Lämmergeier hat der Beltz-Verlag dankeswerterweise ins Netz gestellt. Ich denke, dass die Geschichte für Kl. 3 – 6 geeignet ist. Der Anfang liest sich so:

Lieschen Radieschen kriegte immer gleich einen roten Kopf. Aber immer, da war nichts zu machen. „Lieschen, dir ist kalt!“ rief Tante Evelyn, „komm, Pullover anziehen!“
„Das ist ein Kratzpullover!“ sagte Lieschen Radieschen.
„Aber er ist warm“, sagte Tante Evelyn.
„Ich mag keinen Kratzpullover!“ sagte Lieschen Radieschen.
„Komm“, sagte Tante Evelyn, „du verkühlst dich sonst!“
Lieschen Radieschen kniff die Augen zusammen, klappte den Mund zu und kriegte einen roten Kopf.

„Lieschen!“ sagte Tante Evelyn.
Lieschens Kopf wurde noch röter.
„Lieschen, bitte!“ sagte Tante Evelyn.
Lieschens Kopf wurde noch röter.
„So, jetzt ziehen wir den Pullover an!“ sagte Tante Evelyn.
Da schrie Lieschen Radieschen so laut, daß der Pullover davonflog.
„Gut, dann gehen wir eben nach Hause!“ sagte Tante Evelyn
Lieschen Radieschen rührte sich nicht.
„Ich habe gesagt, wir gehen nach Hause!“
Lieschen Radieschen rührte sich immer noch nicht.
„Lieschen, bitte!“
Lieschen Radieschen kniff die Augen zusammen, klappte den Mund zu und kriegte einen roten Kopf.
„Gut“, sagte Tante Evelyn, „Dann gehe ich eben alleine nach Hause! Aber eines sage ich dir: So zornige Kinder, die holt der Lämmergeier!“
„Mich holt kein Lämmergeier!“ schrie Lieschen Radieschen, „Ich hol ihn!“

http://www.geschichtenmaschine.net/lieschen_radieschen/01lies.htm (durchnummerieren bis http://www.geschichtenmaschine.net/lieschen_radieschen/15lies.htm)

Die Geschichte vom Wolf und vom Fuchs

Die Geschichte vom Wolf und vom Fuchs

Jahrelang hatten Wolf und Fuchs gemeinsam in einer Höhle gelebt, und der Wolf hatte den Fuchs oft geschlagen und gebissen. Nun aber war der Fuchs die Frechheiten des Wolfes leid geworden. Er ließ sich auf einem Baumstumpf nieder und dachte nach. Endlich hatte er das Gefühl, eine Lösung gefunden zu haben. Er lief zum Wolf und traf ihn vor der Höhle. Der Fuchs näherte sich dem Wolf und wartete auf die Erlaubnis zu sprechen.

„Was willst du, du Sohn eines Hundes?“, fuhr ihn der Wolf nach einer Weile mürrisch an. „O Gebieter, ich bitte dich, mir zu erlauben, dass ich dir einen Vorschlag mache.“ „Rede“, erwiderte der Wolf gelangweilt. „aber fasse dich kurz.“ Mit demütiger Stimme begann der Fuchs: „Du weißt, mein Gebieter, dass der Sohn Adams, der Mensch, schon so lange einen Krieg gegen uns führt. Er kämpft mit Fallen, Schlingen und Angriffen aus dem Hinterhalt. Der Wald ist so gefährlich für uns geworden, dass wir kaum mehr darin wohnen können. So schlage ich vor, dass alle Füchse und alle Wölfe miteinander einen Vertrag abschließen. Gemeinsam sollten wir gegen den Menschen vorgehen.“ „Das ist unverschämt, dass du auf meine Hilfe hoffst, elender Fuchs“, erwiderte der Wolf. Und er holte aus und schlug dem Fuchs die Vorderpfote so hart gegen die Wange, dass er umfiel.

Nur mit Mühe richtete er sich wieder auf. Er schluckte seine Wut herunter, verbeugte sich und sprach: „Verzeih, mein Herr, dass ich es wagte, so mit dir zu sprechen. Ich tat Unrecht und sehe ein, dass die Ohrfeige gerecht ist.“ Heimlich aber dachte der Fuchs bei sich: „Meine Zeit wird kommen. Dieser Wolf wird seine Schuld büßen.“ „Es ist gut, dass du meine Erziehung zu würdigen weißt“, knurrte der Wolf. „Aber nun schere dich an deine Arbeit. Gehe in den Wald und kundschafte ihn aus. Und wenn du ein Wild siehst, komm’ sofort zurück und melde es mir.“ „Gerne“, beeilte sich der Fuchs zu sagen. Und er ging fort, in den Wald hinein.

Als er durch den Wald gegangen war und zu einem Weinberg kam, stand er vor einem Platz, der ihm verdächtig vorkam. Er sah aus wie eine Falle; der Fuchs hielt an und überlegte: „Wenn jemand hier entlang kommt und so dumm ist, die Falle nicht zu bemerken, wird er wohl hineinfallen.“ Er näherte sich vorsichtig dem verdächtigen Ort und erkannte, dass es sich um eine Grube handelte, die mit Laub überdeckt war. Als er das sah, freute er sich: „Bei Allah, welch ein schöner Weinberg!“, sagte er zu sich. „Und welch eine schöne Falle – schön für den, der es versteht, nicht hineinzufallen. Auch Fallen können am Ende ihr Gutes haben.“

Schnell kehrte er zum Wolf zurück. „Ich bringe gute Nachrichten“, sagte er. „Denn siehe, Allah hat gut für dich gesorgt. Ich sah einen wunderschönen Weinberg mit dicken reifen Trauben. Der ist wie gemacht für dich.“ Der Wolf zweifelte keinen Augenblick an den Worten des Fuchses. Gierig fuhr er den Fuchs an: „Was wartest du noch, Elender. Führe mich sofort dahin.“ Da führte der Fuchs den Wolf zum Weinberg. Und als sie am Eingang angekommen waren, trat er ehrerbietig zurück und ließ dem Wolf den Vortritt. Der rannte in die Richtung, die der Fuchs ihm gewiesen hatte. Dabei achtete er nicht auf den Weg, lief über die dünnen Äste, die die Grube verbargen, und stürzte hinein.

Als der Fuchs das sah, wurde er sehr fröhlich. Vor Vergnügen wälzte er sich im Gras. Dann aber besann er sich und schaute in die Grube. Hier saß der Wolf gefangen, und vor lauter Kummer über sein Schicksal liefen ihm Tränen die Wangen hinunter. Da begann auch der Fuchs zu weinen. „Weinst du aus Mitleid?“, fragte der Wolf. „Aber nein“, entgegnete der Fuchs. „Ich weine darüber, dass du nicht schon eher in die Grube gestürzt bist. Denn bei Allah, mein Leben wäre so schön friedlich und ohne Heuchelei verlaufen, wenn ich dich schon früher losgeworden wäre. Mein Mitleid verdienst du nicht. Das verdient nur einer, der auch mit anderen Mitleid hat.“

(Stark gekürzte und vereinfachte Fassung von http://www.labbe.de/lesekorb/index.asp?themaid=92&titelid=718, offenbar eine Erzählung der Märchen aus 1001 Nacht)

Die Füchsin und ihre Freier

Als der alte Herr Fuchs gestorben war, kam der Wolf als Freier; er wollte die Füchsin zur Frau nehmen. Er klopfte an die Türe, und die Katze, die als Magd bei der Frau Füchsin diente, machte auf.
Der Wolf grüßte sie und sprach:
„Guten Tag, Frau Katz von Kehrewitz,
wie kommt’s, dass sie alleine sitzt?
was macht sie Gutes da?“
Die Katze antwortete:
„Brock mir Brot und Milch ein:
will der Herr mein Gast sein?“
„Dank schön, Frau Katze“, antwortete der Wolf, „ist die Frau Füchsin nicht zu Haus?“
Die Katze sprach:
„Sie sitzt droben in der Kammer,
beweint ihren Jammer,
beweint ihre große Not,
dass der alte Herr Fuchs ist tot.“
Der Wolf antwortete.
„Will sie haben einen andern Mann,
so soll sie nur herunter gan.“
Die Katz, die lief die Trepp hinan
sie hielt ihr Schwänzchen himmelan,
bis sie kam vor den langen Saal:
klopfte an mit ihren fünf goldenen Ringen.
„Frau Füchsin, ist sie drinnen?
Will sie haben einen andern Mann,
so soll sie nur herunter gan.“

Die Frau Füchsin fragte:
„Hat der Herr rote Höslein an, und hat er ein spitz Mäulchen?“
„Nein“, antwortete die Katze, „er trägt einen grauen Anzug.“ „So kann er mir nicht dienen“, antwortete die Füchsin.

Als der Wolf abgewiesen war, kamen ein Hund, ein Hirsch, ein Hase, ein Bär, ein Löwe und nacheinander alle Waldtiere. Aber es fehlte immer eine von den guten Eigenschaften, die der alte Herr Fuchs gehabt hatte; der Hund hatte ein schwarzes Fell, der Hirsch konnte keine Mäuse fangen, der Löwe war so groß, dass er nicht in den Fuchsbau hineinkam – und die Katze musste den Freier jedes Mal wegschicken.

Endlich kam ein junger Fuchs. Da fragte die Frau Füchsin ihre Katze:
„Hat der Herr rote Höslein an, und hat er ein spitz Mäulchen?“
„Ja“, sagte die Katze, „das hat er.“
„So soll er heraufkommen“, sprach die Frau Füchsin und hieß die Magd das Hochzeitsfest vorbereiten:
„Katze, kehr die Stube aus,
schmeiß den alten Fuchs zum Fenster raus –
brachte manche fette Maus,
fraß sie immer alleine,
gab mir aber keine.“

Da wurde die Hochzeit gehalten mit dem jungen Herrn Fuchs, und es wurde gegessen und getrunken, gesungen und getanzt, und wenn sie nicht aufgehört haben, so tanzen sie heute noch.

(Ich habe das Märchen aus den KHM sprachlich leicht verändert und modernisiert.)

Die Legende vom vierten König

Dies ist eine Bearbeitung von Edzard Schapers Erzählung „Die Legende vom vierten König“, die 1961 in Köln im Verlag Jakob Hegner erschienen ist und von der ich vor rund 40 Jahren diese gekürzte Fassung hergestellt habe, damit sie vorlesbar wird.

Als das Jesuskind in Bethlehem geboren werden sollte, erschien sein Stern den Weisen aus dem Morgenlande – diese Geschichte kennt ihr schon. Der Stern, der die Geburt des Heilandes aller Menschen anzeigte, erschien aber auch einem König im weiten Russland, der menschenfreundlich war und auch gern einmal lachte. Er wusste es von seinen Vorfahren: Einmal wird ein großer Stern leuchten und die Ankunft des Herrn aller Menschen und Länder anzeigen – und wer dann König in Russland wäre, der müsste aufbrechen und ihn besuchen und ihm huldigen. Der kleine König freute sich, dass der Stern gerade ihm erschienen war, und weil er jung war, wollte er sofort aufbrechen.

Aber halt, dachte der kleine König, ohne Geschenke geht man nicht zu Besuch, schon gar nicht zur Verehrung des höchsten Herrn der Welt. So packte er einige Rollen Leinen ein, warme Pelze von Fuchs und Bär, einige Säckchen Gold und schließlich noch ein Töpfchen Honig; denn der süße Honig aus Russland werde das Kindchen noch am ehesten an seine himmlische Heimat erinnern. Nachdem er den Seinen noch die letzten Anweisungen gegeben hatte, ritt er eines Nachts – der Stern leuchtete da besonders hell – auf seinem Pferdchen Wanka davon. Er kam über die Grenzen seines Reiches hinaus, rastete am Tag und ritt des Nachts und sah manches, was ihn tief bekümmerte; aber im Ausland hatte er ja nichts zu sagen.

Zwei, drei Monate war er schon geritten, da stieß er auf eine fremde Karawane, und das Seltsamste war: Die Männer ritten nicht auf Pferden, sondern auf unförmigen Tieren, die sie Kamele nannten. Der kleine König aus Russland gesellte sich zu ihnen; drei prächtig Gekleidete ragten aus der Gesellschaft heraus, und er staunte nicht schlecht, als er hörte, sie seien zum gleichen Ziel unterwegs wie er. Da hielt er es nicht mehr aus, und auch er erzählte von seinem Ziel, von seiner Reise und von seiner geliebten russischen Heimat. So ritten sie gemeinsam dem himmlischen Stern nach – nur waren die fremden Könige etwas vornehmer und zurückhaltender als der kleine König.

Eines Morgens geschah es nun, als der Sonnenschein im Morgentau glänzte, da packte den kleinen König der Übermut, er griff in seine Taschen und streute im hohen Bogen eine Handvoll Perlen in die Luft, die glänzten wie der Tau. Eigentlich waren sie für den größten König aller Zeiten bestimmt – er schämte sich seines Leichtsinns. Und einer der vornehmen Fremden sagte: „Perlen sind Tränen, die sollte man nicht in fremde Erde streuen.“

Der kleine König aus Russland merkte nur zu gut, dass er nicht so recht zu den drei Vornehmen passte, und so schlief er meist nicht in den prächtigen Zimmern der Herbergen, sondern im Schuppen bei seinem Pferdchen Wanka. Da träumte er von Russland und vom neuen König, von Gurken und Bier und einem warmen Ofen, als eines Nachts ein leises Stöhnen ihn weckte: Ein paar Meter entfernt hatte eine junge Frau ein Kind geboren, sie war ganz allein, sie hatte nichts bei sich; da erbarmte er sich, er riss von dem Leinen, das eigentlich für den neugeborenen König bestimmt war, einige Streifen ab, damit die Mutter wenigstens Windeln hätte, um ihr Kind einzuwickeln. Wenn ich diesem armen Säugling helfe, dachte er, wird es dem größten König recht sein, da ja einem seiner Untertanen so geholfen ist. Am nächsten Tag besorgte er der Mutter zu essen und zu trinken, kümmerte sich auch sonst um die junge Bettlerin und ihr neugeborenes Kind, und so wurde es schnell Abend. Da wollte er Mutter und Kind nicht allein lassen, und als er am nächsten Morgen ihnen noch einige Goldkörner gegeben hatte, sagte die Bettlerin beim Abschied: „Ich kann dir zum Dank nichts geben, weil ich außer meinem Kind nichts habe, aber ich schenke dir mein Herz – von jetzt an sollst du der König meines Herzens sein.“

Schnell galoppierte der kleine König fort, er wischte sich noch eine Träne aus dem Auge – er wollte ja den größten König aller Zeiten verehren; doch die fremden Könige aus dem Morgenland holte er nie mehr ein. Wo er hinkam, waren sie schon gewesen, und er hatte den Eindruck, dass ihr Vorsprung immer größer wurde. Auch leuchtete der Stern nicht mehr so hell wie früher, und sein Pferdchen, sein einziger Freund, magerte zusehends ab.

Eines Tages kam er an einem großen Gutshof vorbei, da sah er, wie zwei fette Aufseher die Arbeiter auspeitschten. Kurzerhand kaufte er die ganze Schar los, auch wenn es fast die Hälfte seines Goldes und einen Teil seiner Pelze kostete. Sie feierten ihn als ihren Befreier, die ganze Nacht sangen und tanzten sie, doch am andern Morgen wollten sie von ihm zu essen haben. So gab er ihnen Gold, dass sie für drei Tage zu essen kaufen konnten, und ritt dann schnell davon, weil helfen und befreien offenbar schwierig war.

Er wurde immer trauriger, immer ärmer, er ritt bald ohne klares Ziel, weil er den Stern nur noch selten am Horizont sah, und die fremden Könige kannte auch keiner. Als er nur noch sein Töpfchen Honig hatte, da fiel ein Bienenschwarm über ihn her; sie stachen das Pferdchen Wanka, sie stachen den kleinen König aus Russland und fraßen den Honig restlos auf. Und wenige Tage später, als die Stiche abgeschwollen waren, da stand sein Pferdchen nicht mehr auf, da war es tot. So weinte denn der kleine König, traurig war er und einsam, arm und fern der Heimat, und das Ziel seiner Reise hatte er aus den Augen verloren. Er wollte nicht länger leben, aber wie sehr er auch weinte, es nützte ihm nichts, und so ging er zu Fuß weiter, bis er in eine Hafenstadt kam

Das war für ihn etwas Neues, das kannte er nicht, die Schiffe und Matrosen, die Paläste und Pinten. Auf einmal sah er eine schöne junge Frau mit einem Knaben von vielleicht 14 Jahren; sie weinte am Kai des Hafens, und sie schaute ihn betrübt an, weil ihr Sohn verloren war: Er sollte auf einer Galeere rudern, um so die Schulden seines verstorbenen Vaters abzuarbeiten. Ja, dachte er, so eine Frau könnte ich liebhaben, und kurz entschlossen sagte er: „Ich gehe für deinen Sohn.“ Die Frau lächelte ihn dankbar an, und er ging aufs Schiff und ließ sich an die Ketten schmieden. Dreißig Jahre lang ruderte er das Schiff über die Meere, zusammen mit den anderen Gefangenen; oft zettelte er einen Aufruhr an, bekam viele Schläge und wenig Brot, und schließlich wusste keiner mehr, warum er überhaupt Galeerensklave war.

Als er von der harten Arbeit kraftlos geworden war, nach dreißig Jahren, da ließ man ihn an Land gehen. Er wankte über die Brücke, das Licht der Sonne blendete ihn, er setzte sich an die Hafenmauer und döste ein wenig vor sich hin – da kam ein vornehmer Mann im besten Alter, der ließ ihn von zwei Dienern in sein Haus tragen, und etwas unfreundlich murmelte er: „Vielleicht bist auch du nur ein Lump wie die meisten, die von der Galeere kommen; aber ich musste meiner sterbenden Mutter versprechen, sie alle zu pflegen, weil einmal einer mir das Leben gerettet hat und für mich auf das Schiff gegangen ist.“ Der kleine König sagte nichts, er schluckte nur ein paar Mal; nach einer guten Woche war er etwas zu Kräften gekommen, bedankte sich und ging davon – und als er so auf der Straße dahinzog, bemerkte er, dass viele Menschen in die gleiche Richtung gingen – nach Jerusalem, sagten sie, zu einem großen Fest. Bald kannte er den einen oder anderen vom Ansehen, und eines Tages leuchteten in der Ferne die Kuppeln einer großen Stadt.

Der kleine König aus Russland war ein alter Mann geworden; er hielt sich für sich allein. Einmal übernachtete er in einem großen Garten am Stadtrand; er war noch nicht eingeschlafen, da hörte er in der Nähe den Lärm vieler Leute, die anscheinend jemand gefangen hatten. Er versteckte sich hinter einer Hütte, bis der Lärm wieder abgeklungen war – da sah er, dass er nicht allein war. Eine alte Frau, die er gelegentlich in den letzten Tagen bemerkt hatte, war ebenfalls zur Übernachtung in den Garten gegangen. Sie kamen ins Gespräch, und die alte Frau erzählte, sie sei eine Bettlerin: Sie gebe den anderen Menschen Gelegenheit, ihr Gutes zu tun, und die Menschen seien ihr dafür dankbar. Und jeder könne etwas geben, jeder, sogar der Ärmste. Sie selber habe bettelarm vor gut dreißig Jahren einmal einem guten Menschen ihr Herz geschenkt. „Seitdem bin ich sehr glücklich“, sagte sie, „denn nichts geht verloren, was man schenkt.“ Der kleine König stimmte ihr zu: „Nein, nichts geht verloren von dem, was man schenkt; nur weiß niemand, wo es bleibt, wie nah oder wie fern.“ Dann sagte er nichts mehr. Dreißig Jahre hatte er etwas Kostbares besessen, und er hatte es nicht gewusst.

Am andern Morgen war die Bettlerin fort, die Sonne schien heiß und er ging in die Stadt. Das Volk drängte sich durch die engen Gassen; die Leute schrien wegen eines Königs, der hingerichtet werden sollte, doch der kleine König aus Russland verstand das alles nicht. Er überließ sich dem Sog der Menge, gelegentlich tauchte auch die alte Bettlerin wieder auf. Der da gekreuzigt werden sollte, habe Kranke geheilt und den Armen geholfen, hieß es, und er sei vielleicht sogar Gottes Sohn, gut dreißig Jahre sei er alt. Der kleine König aus Russland erschrak; er bekam kaum noch Luft, er setzte sich in eine Toreinfahrt – wie war das möglich!? Sollte das der große König sein, den zu verehren er vor dreißig Jahren aufgebrochen war? Ob er auch diesmal wieder zu spät käme? Und so schleppte er sich wieder die Straßen entlang, einen Hügel hinauf, zu einem Haufen Soldaten. Dann schaute er auf, und in der Mitte derer, die da hingen, sah er ihn. Und als der ihn anschaute, zu dessen Verehrung er aus seiner Heimat aufgebrochen war, da war es ihm zu viel. Denn alles, alles hatte er vertan. Nichts hatte er mehr, was er ihm geben konnte. Da fiel ihm das Herz der alten Bettlerin ein, und auch sein eigenes Herz. Das war alles, was er noch besaß. Und als er schon die Besinnung verlor, murmelten seine Lippen: „Aber mein Herz, Herr, mein Herz… und ihr Herz… Unsere Herzen, nimmst du sie an?“

Vgl. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Der_vierte_K%C3%B6nig

Mit https://www.qwant.com/ habe ich noch gefunden:

http://www.luellemann.de/txt-244.htm

http://www.christel-pruessner.de/texte/4ter-koenig.htm

http://www.b-meier.ch/?p=119

https://www.youtube.com/watch?v=BYlFr3m67RE (eine Art Hörspiel, 38:15)

http://www.k-l-j.de/download/pdf/kgeschichten/kgeschichte_weihnacht.pdf (dort die 2. Erzählung)

http://stklemens.at/2009/12/die-legende-vom-vierten-konig/ (eine verunstaltete Version)

Die Katze, der Hahn und die Leiter

In einem Häuschen am Ufer des Meeres lebte ein armer Fischer mit seinen drei Söhnen. Die hießen Hans, Peter und Andreas, und sie halfen ihrem Vater schon als kleine Jungen beim Fischen. Sie hatten eine Katze, die fing die Mäuse; und es gab auch einen Hahn, der sie jeden Morgen mit seinem Krähen weckte. Am Häuschen lehnte eine lange Leiter. Wenn ein Loch im Dach war – und das kam oft vor – dann konnte man hochklettern und das Dach reparieren. Sonst besaßen sie nichts. Aber sie hatten genug zu essen und waren zufrieden.

Als die drei Söhne (wisst ihr noch, wie sie heißen?) herangewachsen waren, bekamen sie Lust, in der weiten Welt ihr Glück zu suchen. „Vater“, sagten sie, „wir möchten in die weite Welt gehen und unser Glück suchen. Was kannst Du uns mitgeben für unseren Weg?“ „Meine lieben Söhne“, antwortete er, „wir besitzen nichts außer der Katze, dem Hahn und der Leiter. Nehmt also diese drei Dinge mit für unterwegs; sucht euch selber aus, wer davon was bekommen soll.“ Hans nahm die Katze, denn er hatte sich an ihr weiches Fell gewöhnt. Peter nahm sich den Hahn, denn ihm gefielen die bunten Federn und seine kräftige Stimme besonders. So blieb für Andreas die Leiter übrig. Am nächsten Morgen gingen die drei los. Hans ging mit seiner Katze am Meer entlang in die eine Richtung, Peter in die andere und Andreas nahm den Weg ins Landesinnere.

Hans ging einige Woche lang und ernährte sich unterwegs von Muscheln. Eines Tages sah er auf einem Hügel eine Windmühle. Er dachte: „Dort gibt’s bestimmt Mehl und auch Brot.“ Er stieg den Hügel hinauf und trat in die Mühle. Da wimmelte es von Mäusen; die nagten alle Mehlsäcke an, die auf dem Boden standen. Vier Männer mit langen Stöcken in der Hand rannten herum und versuchten, die Mäuse zu vertreiben. Aber sie schafften es nicht.
„Was macht ihr denn da?“, rief Hans. Einer entgegnete: „Ja, siehst du nicht, dass die Mäuse all unser Mehl fressen, wenn wir nicht aufpassen?“ Hans schüttelte den Kopf: „Da kenne ich jemanden, der es allein besser schafft als ihr alle zusammen – dieses kleine Tier hier auf meiner Schulter.“ „So ein Tier kennen wir gar nicht“, sagten sie. „Was kann es denn?“ Hans ließ die Katze von seiner Schulter auf den Boden springen, und als die Mäuse merkten, was die Katze konnte, huschten sie schnell in ihre Löcher und ließen die Mehlsäcke in Ruhe. Die Männer staunten nicht schlecht, sie wollten unbedingt die Katze kaufen und boten Hans einen Beutel Goldstücke dafür. Die Katze war’s zufrieden und Hans auch. Er nahm das Gold und kehrte zurück nach Hause.

Wie aber erging es dem mit dem Hahn, wisst ihr noch, wie der heißt? Nun, Peter ging ebenfalls am Meer entlang, aber in die andere Richtung. Auch er schlief nachts am Strand, und sobald der neue Tag anbrach, weckte ihn sein Hahn. Nach vielen Tagen kam er an einen großen Bauernhof und bat darum, in der Scheune schlafen zu dürfen. Die Bauersleute erlaubten es ihm und holten ihn sogar zum Essen in die Stube. „Ach, du hast es gut“, seufzte der Bauer, „du kannst schön schlafen im Heu – ich muss gleich nach dem Essen raus mit der Schubkarre!“ Peter staunte: „Raus mit der Schubkarre? Wieso?“ „Ja, weißt du das denn nicht?“, sprach der Bauer. „Man muss doch jede Nacht den neuen Tag suchen und ihn dann in der Schubkarre holen! Sonst bleibt es dunkel, und das Korn kann nicht wachsen ohne die Sonne, und die Kartoffeln auch nicht.“ Peter lächelte: „Da hast du aber Glück, dass ich hier vorbeigekommen bin! Ich hab’ nämlich ein Tierchen dabei, das schafft diese Arbeit ganz alleine! Heute Nacht brauchst du nicht wegzugehen, mein Hahn wird euch rechtzeitig den neuen Tag bringen.“ Der Bauer ließ sich den Hahn zeigen – er hatte noch nie einen gesehen – und wollte es nicht glauben. Aber er ließ es doch auf einen Versuch ankommen.
Als der Hahn beim Morgengrauen krähte, hörten das alle auf dem Hof. „Er hat den Tag gebracht!“, rief Pierre laut in der Scheune. Tatsächlich, am Himmel sah man bereits das Morgenrot! Unbedingt wollte der Bauer zusammen mit den Nachbarn das Tier kaufen, denn alle sehnten sich schon lange nach Schlaf und Ruhe in der Nacht. Als sie Peter drei Beutel Gold boten, war der’s zufrieden – und der Hahn auch. Peter machte sich auf und ging zurück nach Hause, denn auch er hatte nun sein Glück gemacht.

Und wie erging es dem mit der Leiter, wie hieß der doch gleich? Andreas wanderte über die Hügel und durch die Wälder des Landes, immer die Leiter auf der Schulter, bis er schließlich an einen Turm kam. Der stand mitten auf einer Wiese, und ein hübsches Mädchen schaute oben aus dem Fenster heraus und lächelte ihn an – eine Prinzessin, das sah Andreas sofort. „Verehrte Prinzessin, wenn Ihr mich zum Essen einladen würdet“, sagte er, „dann würde ich nicht nein sagen und zu Euch hochkommen.“ „Gerne würde ich Euch einladen“, antwortete sie, „aber Ihr könnt nicht hoch. Mein Vater hat mich hier eingesperrt, und er allein besitzt den Schlüssel für die Türe unten. Ich soll hier bleiben, bis er mir einen Prinzen zum Heiraten ausgesucht hat. Aber ich mag gar nicht hier bleiben, und irgendeinen Prinzen, den ich nicht kenne, mag ich auch nicht – ich glaube, Euch würde ich schon mögen – vielleicht sogar sehr – aber die Türe unten ist ja verschlossen. Es geht also nicht.“
Dann blickte sie auf die Leiter und fragte: „Was ist denn das für ein Ding, das Ihr da auf der Schulter tragt? So etwas habe ich ja noch nie gesehen. Hängt man daran die Wäsche auf?“ „Ich zeig’ Euch, was man damit macht“, sagte Andreas. Er lehnte die Leiter an den Turm, kletterte hinauf und holte die Prinzessin herunter. Aus der Schatzkammer nahmen sie auch noch fünf Beutel Gold mit. Dann ging er zusammen mit der Prinzessin nach Hause.

Zu Hause teilten die drei Brüder das Gold untereinander und mit dem Vater. Andreas heiratete die Prinzessin, Peter und Hans fanden im Dorf nette Mädchen, und von dem vielen Geld bauten sie alle zusammen ein Schlösschen am Meer, worin sie heute noch wohnen.

(Frei bearbeitet nach einem bretonischen Volksmärchen von Michael Nagel, http://www.stories.uni-bremen.de/maerchen/katze.html, noch einmal von mir überarbeitet)

Brüder Grimm: Die Bienenkönigin – überarbeitet

Die Bienenkönigin

Zwei Königssöhne gingen einmal auf Abenteuer aus und führten ein wildes Leben, so dass sie gar nicht wieder nach Haus kamen. Der jüngste, welcher der Dummling hieß, machte sich auf und suchte seine Brüder; aber wie er sie endlich fand, verspotteten sie ihn, dass er mit seiner Einfalt sich in der Welt behaupten wollte – dabei könnten sie beide das nicht, und sie wären doch viel klüger.

Sie zogen nun alle drei miteinander fort und kamen an einen Ameisenhaufen. Die zwei ältesten wollten ihn aufwühlen und sehen, wie die kleinen Ameisen in der Angst herumkröchen und ihre Eier forttrügen, aber der Dummling sagte: „Lasst die Tiere in Frieden, ich mag’s nicht, dass ihr sie stört.“ Da gingen sie weiter und kamen an einen See, auf dem schwammen viele, viele Enten. Die zwei Brüder wollten ein paar fangen und braten, aber der Dummling ließ es nicht zu und sprach: „Lasst die Tiere in Frieden, ich mag’s nicht, dass ihr sie tötet.“ Endlich kamen sie an einen Baum mit einem Bienennest, darin war so viel Honig, dass er am Stamm herunterlief. Die zwei wollten Feuer unter den Baum legen und die Bienen ersticken, damit sie den Honig wegnehmen könnten. Der Dummling hielt sie aber wieder ab und sprach: „Lasst die Tiere in Frieden, ich mag’s nicht, dass ihr sie verbrennt.“

Endlich kamen die drei Brüder in ein Schloss, wo in den Ställen lauter steinerne Pferde standen, auch war kein Mensch zu sehen; sie gingen durch alle Säle, bis sie vor eine Tür ganz am Ende kamen, davor hingen drei Schlösser; es war aber mitten in der Türe ein Löchlein, dadurch konnte man in die Stube sehen. Da sahen sie ein graues Männchen, das an einem Tisch saß. Sie riefen es an, einmal, zweimal, aber es hörte nicht; endlich riefen sie zum dritten Mal, da stand es auf, öffnete die Schlösser und kam heraus. Es sprach aber kein Wort, sondern führte sie zu einem gedeckten Tisch; und als sie gegessen und getrunken hatten, brachte es einen jeden in sein eigenes Schlafgemach.

Am andern Morgen kam das graue Männchen zu dem ältesten, winkte und führte ihn zu einer steinernen Tafel; darauf standen drei Aufgaben geschrieben, wodurch das Schloss erlöst werden könnte. Die erste war: In dem Wald unter dem Moos lagen die Perlen der Königstochter, tausend an der Zahl, die mussten gesucht und aufgehoben werden, und wenn vor Sonnenuntergang nur eine einzige fehlte, so wurde der, welcher gesucht hatte, zu Stein. Der älteste ging hin und suchte den ganzen Tag; als aber der Tag zu Ende war, hatte er erst hundert gefunden; und es geschah wie auf der Tafel stand, er wurde in einen Stein verwandelt. Am folgenden Tag unternahm der zweite Bruder das Abenteuer; es ging ihm aber nicht viel besser als dem ältesten, er fand nicht mehr als zweihundert Perlen und wurde zu Stein.

Endlich kam auch der Dummling an die Reihe, der suchte im Moos; es war aber so schwer, die Perlen zu finden, und ging so langsam. Da setzte er sich auf einen Stein und weinte. Und wie er so saß, kam der Ameisenkönig, dem er einmal das Leben gerettet hatte, mit fünftausend Ameisen, und es währte gar nicht lange, so hatten die kleinen Tiere die Perlen gefunden und auf einen Haufen getragen. Die zweite Aufgabe aber war, den Schlüssel zum Schlafzimmer der Königstochter aus dem See zu holen. Wie der Dummling zum See kam, schwammen die Enten, die er einmal gerettet hatte, heran, tauchten unter und holten den Schlüssel aus der Tiefe. Die dritte Aufgabe aber war die schwerste: Aus den drei schlafenden Töchtern des Königs sollte die jüngste und die liebste herausgesucht werden. Sie glichen sich aber vollkommen und waren in nichts verschieden, außer dass sie, bevor sie eingeschlafen waren, verschiedene Süßigkeiten gegessen hatten, die älteste ein Stück Zucker, die zweite ein wenig Sirup, die jüngste einen Löffel voll Honig. Da kam die Königin der Bienen, die der Dummling vor dem Feuer geschützt hatte, und flog um den Mund von allen dreien; zuletzt blieb sie auf dem Mund sitzen, der Honig gegessen hatte, und daran erkannte der Königssohn die richtige Prinzessin.

Da war der Zauber vorbei, alles war aus dem Schlaf erlöst, und wer ein Stein gewesen war, erhielt seine menschliche Gestalt wieder. Und der Dummling vermählte sich mit der jüngsten und liebsten und wurde König nach ihres Vaters Tod; seine zwei Brüder aber erhielten die beiden andern Schwestern.

(KHM 62 ab 2. Aufl., sprachlich minimal für heutige Kinder überarbeitet: https://de.wikisource.org/wiki/Die_Bienenk%C3%B6nigin_%281857%29)

Die Geschichte vom Kartoffelkönig

Die Geschichte vom Kartoffelkönig

Es war einmal eine große Kiste Kartoffeln. Die stand den Winter über im Keller der Großmutter im alten Haus. Ich kann euch sagen, prachtvolle Kartoffeln waren darin, eine noch dicker als die andere!

Eines Tages aber, da rief es aus der Kartoffelkiste: „Ich will nicht geschält werden! Ich will nicht gekocht werden! Und gegessen werden will ich schon gar nicht! Denn ich bin der große Kartoffelkönig!“ Und das stimmte auch; denn mitten in der Kartoffelkiste lag der Kartoffelkönig, der war so groß wie sechs andere Kartoffeln zusammen.

Gerade als der Kartoffelkönig so gerufen hatte, kam die Großmutter in den Keller; sie trug eine Brille, weil sie schon sehr alt war. Sie wollte ein Körbchen Kartoffeln holen, die wollte sie schälen und zu Mittag kochen. Auch den Kartoffelkönig legte sie in ihr Körbchen und sagte: „Oh, das ist aber eine dicke Kartoffel!“

Als die Großmutter dann mit dem Körbchen aus dem Keller kam und über den Hof ging, sprang der Kartoffelkönig, hops, aus dem Körbchen heraus und rollte fort.

(Spruch des Kartoffelkönigs:)

„Rumpel di pumpel und boller di bum,

so rollt der Kartoffelkönig herum!

Rumpel di pumpel und boller di behn,

Kartoffelkönig bleibt jetzt stehn!

Schaut stolz im ganzen Land umher.

Ja, König sein gefällt ihm sehr!“

Und der große Kartoffelkönig rollte so geschwind über den Hof, dass die Großmutter ihn nicht einholen konnte. „Ach“, sagte sie, „ich will die dicke Kartoffel nur laufen lassen. Vielleicht finden sie ein paar hungrige Kaninchen und essen sich daran satt.“ Der Kartoffelkönig aber rollte immer weiter. – (Spruch des K.)

Draußen auf der Wiese begegnete ihm zuerst der Igel Stachelfell. Der sagte: „Halt, dicke Kartoffel, warte ein Weilchen! Ich will dich zum Frühstück essen.“ „Nein!“, sagte der Kartoffelkönig. „Großmutter mit der Brille hat mich nicht gefangen. Und du, Igel Stachelfell, kriegst mich auch nicht!“ Und 1, 2, 3 rollte der Kartoffelkönig weiter, bis in den Wald hinein. – (Spruch…)

Dort begegnete ihm das Wildschwein Grunznickel. „Halt, prachtvolle dicke Kartoffel!“, rief es. „Warte ein Weilchen! Ich will dich geschwind essen.“ „Nein!“, sagte der Kartoffelkönig. „Großmutter mit der Brille hat mich nicht gefangen. Igel Stachelfell hat mich nicht gefangen! Und du, Wildschwein Grunznickel, kriegst mich auch nicht!“ Und 1, 2, 3 rollte der Kartoffelkönig weiter aufs Feld hinaus. – (Spruch…)

Da begegnete ihm der Hase Langohr. „Halt, du schöne dicke Kartoffel! Warte ein Weilchen! Ich will dich aufessen.“ „Nein!“, sagte der Kartoffelkönig. „Großmutter mit der Brille hat mich nicht gefangen. Igel Stachelfell hat mich nicht gefangen. Wildschwein Grunznickel hat mich nicht gefangen. Und du, Hase Langohr, kriegst mich auch nicht!“ Und 1, 2, 3 rollte der Kartoffelkönig weiter in den nächsten Wald. – (Spruch…)

Da begegnete ihm die Hexe Tannenmütterchen. Sie sagte: „Halt, warte ein Weilchen! Ich will dich aufessen.“ „Nein!“, sagte der Kartoffelkönig. „Großmutter mit der Brille hat mich nicht gefangen. Igel Stachelfell hat mich nicht gefangen. Wildschwein Grunznickel hat mich nicht gefangen. Hase Langohr hat mich nicht gefangen. Und du, Hexe Tannenmütterchen, kriegst mich auch nicht!“ Und 1, 2, 3 rollte der Kartoffelkönig weiter. – (Spruch…)

Da begegneten ihm zwei Kinder. Die hatten großen Hunger und sagten: „Ach, was läuft denn da für eine dicke Kartoffel! Wenn wir die zu Hause hätten, könnte Mutter sie für uns kochen!“ Als der Kartoffelkönig das hörte, da rollte er nicht mehr weiter. Hops, sprang er schnell den Kindern ins Körbchen.

So gingen die Kinder nach Haus und aßen sich am großen, dicken Kartoffelkönig satt: des Mittags zu Haus – und das Märchen ist aus!

(Quelle: Wilhelm Matthießen, „Das alte Haus“, von mir leicht überarbeitet.)

Wie selbst ein Blinder sieht, ist diese Geschichte die geringfügig variierte (also „geklaute“) Geschichte vom dicken, fetten Pfannekuchen, die aber kein bisschen besser als die alte Geschichte ist. Der „Spruch“ ist ziemlich sinnlos – der Kartoffelkönig bleibt ja gar nicht stehen, sondern rollt weg; auch gibt es im Wald keine Hasen, die leben im Feld. Aber man kann wie Christoph Niemann aus der „neuen“ Geschichte ein illustriertes Buch machen und dieses dann für 14,95 verkaufen, und das ist schließlich die Hauptsache.

Mein Vorschlag für den Spruch des Kartoffelkönigs:

„Der Hahn steht auf der Hühnerleiter,

doch die dicke Kartoffel rollt wieder weiter!

Sie rollt ohne Füße und ohne Zehen:

Ein Kartoffelkönig bleibt nicht stehen!“

Erklärung für Kinder von heute: In der guten alten Zeit, also in meiner Kindheit, liefen die Hühner frei in der Wiese herum und suchten sich ihr Futter; am Abend flogen sie auf niedrige Bäume, weil sie instinktiv wussten, dass ihr Leben am Boden in der Nacht durch kleine Raubtiere gefährdet ist. Im Hühnerstall, in dem sie im Winter übernachteten, gab es statt der Bäume eine breite Hühnerleiter mit mehreren Stufen, auf denen sich die Hühner dann entsprechend zum Schlafen niederließen. – Es gibt heute auch Hühnerleitern, auf denen die Hühner zu ihrem Stall hochklettern, siehe bei google die Bilder.

Die Geschichte von der kleinen Tschiep-Tschiep – englisches Märchen

Als das kleine Fräulein Tschiep-Tschiep (oder: Piep-Piep) eines Tages in den Wald ging, fiel ihr eine Eichel auf den Kopf und sie dachte, dass der Himmel runterfällt. Da sagte sie: „Ich muss zum Bürgermeister und ihm sagen, dass alle sich verstecken müssen, weil der Himmel runterfällt.“ Also machte Tschiep-Tschiep sich auf den Heimweg und traf Madame Putt-Putt. „Na, Frau Putt-Putt, wo wollen Sie denn hin?“ Und Madame Putt-Putt sagte: „Ich will im Wald spazieren gehen.“ Fräulein Tschiep-Tschiep antwortete: „Oh, Putt-Putt, ich würde da nicht hingehen, ich war gerade dort und mir ist der Himmel auf den Kopf gefallen; jetzt gehe ich zum Bürgermeister und erzähle es ihm.“ Dann gingen beide zurück und trafen Herrn Kikeriki.

„He, Meister Kikeriki, wohin soll’s denn gehen?“ Herr Kikeriki sagte: „Ich will im Wald spazieren gehen.“ Da sagte Frau Putt-Putt: „Oh, Kikeriki, dreh’ wieder um, denn ich wollte auch dorthin; doch da traf ich Fräulein Tschiep-Tschiep und sie war schon im Wald gewesen, da fiel ihr der Himmel auf ihren Kopf, jetzt gehen wir zum Bürgermeister und berichten es ihm.“ Dann machten sich alle drei auf den Weg und trafen Frau Biele-Biele.

„Guten Tag, Biele-Biele, wo wollen Sie denn hin?“ Frau Biele-Biele antwortete: „Ich will im Wald spazieren gehen.“ Da erschrak Herr Kikeriki: „Oh, meine gute Frau Biele-Biele, daraus wird nichts; ich wollte auch dorthin, da begegneten mir Frau Putt-Putt und Frau Putt-Putt hat Fräulein Tschiep-Tschiep getroffen und Tschiep-Tschiep war im Wald, da ist ihr der Himmel auf ihr Köpfchen gefallen; jetzt gehen wir zum Bürgermeister und berichten es ihm.“ Da ging Frau Biele-Biele auch mit ihnen und sie begegneten Madame Husch-Husch.

„Ui, Frau Husch-Husch, wohin so früh?“ Frau Husch-Husch antwortete: „Ich will in den Wald, spazieren gehen.“ Da sagte Frau Biele-Biele: „Oh, meine gute Madame Husch-Husch, das lassen Sie nur sein; denn ich wollte auch dorthin, da begegnete mir Herr Kikeriki und Herr Kikeriki hatte Madame Putt-Putt und diese hatte wieder das kleine Fräulein Tschiep-Tschiep getroffen, und Tschiep-Tschiep war im Wald gewesen, dort war der Himmel auf ihren nackten Kopf gefallen, und nun gehen wir alle hin zum Bürgermeister wollen ihm das zu sagen.“ Also drehte auch Frau Husch-Husch um, da kam auf einmal Dr. Schnatter-Schnatter angewackelt.

„Hallo Schnatter-Schnatter, wo wollen Sie denn hin?“ Schnatter-Schnatter meinte: „In den Wald will ich, spazieren gehen.“ Frau Husch-Husch antwortete: „Oh, Schnatter-Schnatter, daraus wird nichts; denn dorthin wollte ich auch, da begegnete mir aber Frau Biele-Biele und Frau Biele-Biele war Herrn Kikeriki begegnet und dieser wieder Frau Putt-Putt und Frau Putt-Putt hatte Fräulein Tschiep-Tschiep getroffen und diese war im Wald gewesen, da war der Himmel auf ihren Kopf gefallen; jetzt sind wir auf dem Weg zum Bürgermeister, um es ihm zu mitzuteilen.“ So kehrte also auch Dr. Schnatter-Schnatter um und stieß auf Herrn Kauter-Kauter:

„Guten Tag, Kauter-Kauter, wohin willst du denn?“ Und Kauter-Kauter antwortete: „Ich will im Wald spazieren gehen.“ Da sagte Schnatter-Schnatter: „Oh, lieber Kauter-Kauter, kehre nur wieder um; denn ich war auch schon auf dem Weg dorthin, da kam Frau Husch-Husch gelaufen und die hatte Madame Biele-Biele gesprochen und Madame Biele-Biele war Herrn Kikeriki begegnet und der hatte Frau Putt-Putt gesehen, und da war Fräulein Tschiep-Tschiep schon im Wald gewesen und der war der Himmel auf ihren kahlen Kopf gefallen; nun sind wir alle auf dem Weg zum Bürgermeister und wollen es ihm erzählen.“ Also drehte Herr Kauter-Kauter ebenfalls um und ging mit Schnatter-Schnatter, Husch-Husch, Biele-Biele, Kikeriki, Putt-Putt und Tschiep-Tschiep weiter.

Und als sie nun so zusammen dahinzogen, da kam der Fuchs, der Herr Fuchs-Fuchs. Und Fuchs-Fuchs fragte: „Ei, wo soll es denn hingehen?“ Da antworteten sie: „Fräulein Tschiep-Tschiep ist im Wald gewesen, da ist der Himmel auf ihr kahles Köpfchen gefallen und nun gehen wir zum Bürgermeister und wollen es ihm berichten.“ Da sprach Meister Fuchs-Fuchs: „Kommt mit mir, ich zeige euch den Weg.“ Aber Fuchs-Fuchs führte sie nicht zum Bürgermeister, sondern in einen Fuchsbau; da fraßen er und seine Söhne und Töchter Fräulein Tschiep-Tschiep, Frau Putt-Putt, Meister Kikeriki, Frau Biele-Biele, Madame Husch-Husch und Dr. Schnatter-Schnatter sowie Kauter-Kauter auf. Sie sahen nie den Bürgermeister und konnten ihm nicht erzählen, dass der Himmel eingefallen sei und die Leute sich verstecken müssten.

(Sprachlich leicht überarbeitet, übernommen von http://www.e-stories.de/view-kurzgeschichten.phtml?6214 = Carl-von-Weinberg-Schule, Klasse 7Gb 2004; diese wiederum hat das englische Märchen „Die Geschichte von der kleinen Tschiep-Tschiep“ abgeschrieben und geringfügig bearbeitet, vgl. zum Beispiel „Der Märchenpalast“, hrsg. von Ulf Diederichs, 1992 bzw. Weltbild 2002, S. 315 ff.)

P.S. Ich schlage vor, den gestrichenen Text (die Begegnung mit Kauter-Kauter) beim Vorlesen auszulassen, wie ich es in meiner Vorlesepraxis bei Vorschulkindern inzwischen tue; denn erstens ist inzwischen die Pointe des Wiederholens erschöpft und zweitens weiß ich nicht, was man sich unter einem Kauter-Kauter vorstellen soll.