Wieland: Geschichte des Agathon – gelesen

Die „Geschichte des Agathon“ ist 1766/67 in zwei Teilen erschienen, wurde dann 1773 und noch einmal 1794 überarbeitet. Ich habe die dritte Fassung gelesen und sie grob mit der ersten Fassung verglichen: Die Bücher XIV – XVI sind zusätzlich entworfen worden: die Geschichte der Danae, wodurch sie rechtfertigt, dem Begehren Agathons nicht erneut nachzugeben; die Geschichte des Archytas und ein Überblick über sein philosophisches Weltbild; der kurze Bericht von einer Weltreise Agathons, die ihn endlich ganz reifen lässt und sein aufgeklärt-moralisches Weltbild vom Vorrang der täglichen Pflichterfüllung festigt. Wenn man ehrlich urteilt, kann man sagen, dass diese drei Bücher überflüssig sind und die endlosen Erläuterungen vom Vorzug der Tugend, von der Verderblichkeit der Wollust und vom Nutzen der schönen Künste bloß wiederholen. Geschichte des Agathon“ ist ohnehin ein kopflastiger Roman, in dem wenig gehandelt, aber viel geredet und vom Erzähler erklärt wird. Im zweiten der drei Teile (der Auflage von 1794) geht es etwas lebhafter zu, in der Mitte des dritten Teils ist der Schwung wieder dahin.

Geschichte des Agathon“ ist die Geschichte einer Desillusionierung des enthusiastischen Platonikers Agathon: die Begegnung mit seinem unbekannten Vater, mit dem Sophisten Hippias, mit der schönen Danae, mit dem Tyrannen Dionysius, mit der Familie des Archytas einschließlich seiner inzwischen verheirateten Schwester Psyche und mit der inzwischen zur Tugend bekehrten Danae. Dass er nach seinen negativen Erfahrungen als Kind in Delphi und als politischer Führer in Athen, die in II 7 und II 8 in der Vorgeschichte des Helden nachgetragen werden, immer noch so naiv ist, wie er im Streitgespräch mit Hippias sowie als Berater des Tyrannen Dionysius von Syrakus agiert, klingt nicht glaubhaft. Da ist der Autor seiner aufklärerischen Mission stärker als der psychologischen Wahrscheinlichkeit verpflichtet. Die Figur des ausschließlich den Dokumenten und der Wahrheit verpflichteten Erzählers bzw. Herausgebers und seine Einlassungen gegenüber dem Leser verdienten eine besondere Untersuchung.

Das Urteil des Erzählers über Danae vermittelt einen Eindruck vom Geist des Romans: „Eine schöne Seele kann sich verirren, kann durch Blendwerke getäuscht werden; aber sie kann nicht aufhören, eine schöne Seele zu sein. Laßt den magischen Nebel zerstreut werden, laßt sie die Gottheit der Tugend kennen lernen! Dies ist der Augenblick, wo sie sich selbst kennen lernt; wo sie fühlt, daß Tugend kein leerer Name, kein Geschöpf der Einbildung, keine Erfindung des Betrugs, – daß sie die Bestimmung, die Pflicht, die Wollust, der Ruhm, das höchste Gut eines denkenden Wesens ist.“ Zu dieser Einsicht werden Danae und Agathon geführt, und die Leser sollen sich ihnen bitte anschließen!

https://archive.org/details/werkeauswahlinze01wieluoft/page/n9 (Text der dritten Auflage, mit einem Lebensbild Wielands)

https://gutenberg.spiegel.de/buch/geschichte-des-agathon-4642/1 (Text der 1. Auflage)

www.zeno.org/Literatur/M/Wieland,+Christoph+Martin/Romane/Geschichte+des+Agathon/Erster+Teil/Vorbericht (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=1PSpuD_l6Vo und

https://www.youtube.com/watch?v=2uwv2F5s2ps (Text vorgelesen)

https://wiki.zum.de/wiki/Geschichte_des_Agathon (Kurzübersicht mit vielen Zitaten – ein guter Eindruck vom Roman)

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Agathon (dürftige Übersicht)

http://wwwu.edu.uni-klu.ac.at/jpichler/wieland.html (Referat eines Studenten: Inhalt und Aufbau des Romans)

https://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4348 (Rezension)

https://www.iasj.net/iasj?func=fulltext&aId=67451 (Einführung, Analyse der Hauptgestalten)

http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/serien/hr/escripta/6_2013.pdf (Liebe und Sexualität im Roman)

https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Martin_Wieland (C. M. Wieland)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/lebensgeschichte-29 (dito)

Es gibt verschiedene Hörbücher und natürlich moderne Ausgaben des Textes.

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H. Fielding: Tom Jones – online gelesen

Die Geschichte des Tom Jones, eines Findelkindes“ (1749) ist ein großer Roman – ein Roman der Intrigen und Irrtümer, der Liebschaften und Entlarvungen, des Selbstbetrugs und der meistens böse schillernden Gesellschaft. Er ist ein Beleg dafür, dass die Klassiker fast alle neumodischen literarischen Experimente um Längen schlagen. Der auktoriale Erzähler spielt mit dem Leser Katz und Maus und führt seinen Helden in die größte Gefahr, um ihn schließlich doch zum happy end mit seiner geliebten Sophie Western gelangen zu lassen.

Die Übersetzungen, die es im Netz gibt, stammen aus dem 19. Jahrhundert und waren in Frakturschrift gedruckt, die heute nicht immer korrekt gelesen wird (vgl. https://archive.org/details/bub_gb_VWdMAAAAcAAJ/page/n5), siehe z.B. entstammt < entflammt, verbögen < vermögen. Ursprünglich sind die 18 Bücher des Romans (mit jeweils etwa 10 Kapiteln) in vier Bänden erschienen; die deutsche Übersetzung Diezmanns (1841/1848) liegt aber in sechs Bänden vor, woran sich Gutenberg-Spiegel heute noch orientiert und was es schwer macht, sich im Roman zu orientieren; dafür sind dort aber die Namen der Figuren englisch, während sie in der übersichtlichen Übersetzung bei zeno.org ins Deutsche übersetzt sind („Rebhuhn“ usw.). Bei zeno.org findet man auch die Fußnoten, die bei Gutenberg-Spiegel fehlen. Es gibt heute eine Reihe gedruckter deutscher Ausgaben, zu denen ich aber nichts sagen kann.

Tom Jones“ wird zu den Schelmenromanen gezählt; vom Stil des Erzählers ist er mit Diderots „Jacques der Fatalist“ = „Jakob und sein Herr“ verwandt: einfach große Literatur, die man in Ruhe lesen muss, um die Widersprüche zwischen dem Selbstbild der markanten Figuren und ihrer Wirklichkeit genießen zu können (unübertroffen: die Tante Western).

https://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Jones:_Die_Geschichte_eines_Findelkindes

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/rezension-zu-tom-jones-von-fielding-15375367.html

https://www.zeit.de/1979/52/tom-jones

https://en.wikipedia.org/wiki/The_History_of_Tom_Jones,_a_Foundling

https://www.victoria.ac.nz/law/pdf/lawyers-as-writers/LAWS-Nijman-Guilty.pdf (T. J. und das Recht)

https://gutenberg.spiegel.de/buch/die-geschichte-des-tom-jones-theil-i-791/1 (deutscher Text, Übersetzung Diezmanns)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Fielding,+Henry/Roman/Tom+Jones.+Die+Geschichte+eines+Findlings (deutscher Text, Übersetzung J. Bodes)

https://en.wikisource.org/wiki/The_History_of_Tom_Jones,_a_Foundling (englischer Text)

Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre – das Geschehen

ERSTES BUCH

I 1 Die Schauspielerin Mariane (M) erhält ein Paket ihres Verehrers Norberg, dem ihre Dienerin Barbara zugetan ist. Sie bekommt Besuch von ihrem neuen Geliebten Wilhelm (W).

I 2 W spricht mit seiner Mutter über die vom Vater getadelte Leidenschaft fürs Theater und das Puppenspiel („David und Goliath“), das seine Mutter ihm vor 12 Jahren geschenkt hat; er nimmt die Puppen in seine Stube.

I 3 W geht in der Nacht mit den Puppen zu M; man isst, W muss von dem Ballett der Puppen erzählen, wie es früher aufgeführt wurde.

I 4 W erzählt von einer zweiten Aufführung des Stücks und davon, wie er einen Blick hinter den Vorhang getan hat

I 5 und wie er einmal unbemerkt in die Speisekammer kam und dort neben Obst auch die Kisten mit den Puppen fand, wobei er das Textbuch mitnahm und dann auswendig lernte; von der Vorbereitung einer neuen Aufführung.

I 6 W durfte bei einer Aufführung mitspielen, mit großem Erfolg trotz einer kleinen Panne. Er spielte dann Opernstücke mit den Figuren und bastelte ihnen neue Kleider. W fragt M nach ihrer Kindheit, wird aber von Barbara wieder an seine Lebensgeschichte zurückverwiesen.

I 7 W bastelte Ritterfiguren und bereitete eine Aufführung von „Das befreite Jerusalem“ (Tasso) vor, was aber schiefging, so dass man erneut auf „David und Goliath“ verfiel.

I 8 Während M einschläft, erzählt W von seiner frühen Theaterbegeisterung und begleitenden Aktivitäten sowie einem Gedicht, das er mit 14 verfasste.

I 9 W ist von der Liebe erfüllt, während M sich unsicher an den Geliebten klammert. W findet in ihr die Bestätigung seines geplanten Ausbruchs aus dem bürgerlichen Leben als Schauspieler.

I 10 W bereitet seinen Aufbruch vor; Werner hält ihm die Stümperei seiner theatralischen Bemühungen vor und wirbt für die solide Arbeit als Kaufmann.

I 11 Charakterisierung der Väter: der alte Wilhelm – der alte Werner; sie beschließen, W auf eine Handelsreise zu schicken, damit er lernt und sich bewährt; sie besorgen ihm ein Pferd. W geht in der Nacht zu M und teilt ihr den Plan mit, mit ihr aufzubrechen – sie bleibt verhalten.

I 12 Barbara muss unglückliche M trösten, die zwischen zwei Liebhabern steht und wohl schwanger ist; sie bevorzugt W, der aber kein Geld hat und abreisen will,wogegen Norberg bald kommt. Sie überlässt sich der Führung Barbaras.

I 13 W trifft auf der ersten Station einen Geschäftspartner, dessen Tochter mit einem Schauspieler durchgebrannt ist; beide werden wieder eingefangen. W ist beim Verhör anwesend; sie bekennt sich zu ihrer Liebe. W sieht die Parallele zu seinem Fall und setzt sich für die Liebenden ein.

I 14 W spricht mit Melina, dem Schauspieler, und will sich für ihn bei den Schwiegereltern verwenden; Melina will gegen W‘ Rat einen bürgerlichen Beruf ergreifen und schildert W das Elend des Schauspielerlebens. Bei den Eltern erreicht W nicht viel, die Liebenden wollen heiraten und müssen sich eine neue Truppe suchen.

I 15 W reitet heim und denkt über seine Liebesseligkeit, die Einrichtung von M‘ Zimmer (unordentlich) und die Reden der Schauspieler nach, denen sein Enthusiasmus fehlt. – W‘ Verhältnis zu seinem Freund Werner. Der hält ihm das schräge Verhältnis zu M vor, ohne Erfolg. M bezirzt ihn erneut, teils durch Lügen über die Anfänge ihrer Liebe, und bestärkt ihn so in seinen Plänen.

I 16 Brief W‘ an M: Er wirbt um sie, möchte zur Truppe Serlo gehen und sie nachholen. Er will heiraten und mit ihr als Schauspieler die Menschen beglücken.

I 17 W bei M, die ihn beinahe abweist; er gibt ihr nicht den Brief. Er trifft einen Fremden, der die Kunstsammlung des Großvaters kannte und für einen anderen gekauft hat. Sie sprechen über W‘ Lieblingsbild und über das vermeintliche Schicksal der Menschen. – W streicht um M‘ Wagen, sieht später eine Gestalt herauskommen und findet in einem Tuch M‘ einen Zettel Norbergs an sie, der bezeugt, dass beide ein Verhältnis haben.

ZWEITES BUCH

II 1 [Zeitsprung: mehrere Jahre] Nach einerKrankheit leidet er an der verlorenen Liebe.

II 2 W kritisiert seine Gedichte und sein schauspielerisches Können. Er widmet sich den Handelsgeschäften, er vernichtet alle Zeugnisse seiner jugendlichen Schwärmerei (Liebe, Kunst). Er streitet mit Werner, ob mittelmäßige Produkte aufbewahrt zu werden verdienen. W‘ Lobpreis des Dichters. W‘ Liebe zu M ist immer noch lebendig.

II 3 In der Arbeit findet w Ruhe. Er unternimmt eine neue Reise; er kassiert Schulden und erlebt in einem Bergdorf ein von Arbeitern inszeniertes Schauspiel. Einige Schuldner müssen verklagt werden. Er kommt zurück in die Ebene, in ein Städtchen.

II 4 Er trifft eine Gesellschaft Gaukler und lernt Philine und Laertes kennen, man fährt zum Essen raus und erlebt eine Aufführung von Bergleuten. Am Abend beobachtet man die Aufführung der Gaukler, W lernt Mignon (Mi) kennen. Am nächsten Tag versetzt Philine sie, W geht mit Laertes zu einem Restaurant, sie treffen Philine wieder; diese ist unstet und freizügig. Zurück zu den Gauklern, W rettet Mi vor einem Schläger; er kauft sie für 30 Taler los, sie ist verschwunden. Neue Aufführung der Gaukler. – W äußert sich mehrmals lobend über die Möglichkeiten des Theaters.

II 5 Gaukler fort, Mi taucht auf und will dienen; W übt sich im Tanzen und Fechten. Herr und Frau Melina kommen, finden keinen Geschmack an Laertes und Philine.

II 6 W wird von Melina um Geld für Theaterausrüstung angegangen, schafft die Abreise nicht und lebt auch im Zauber Mi‘.

II 7 Es kommen einige Schauspieler; Mi bedient. W erfährt, dass M schwanger war und entlassen wurde, ihr Helfer ist von ihr enttäuscht.

II 8 W denkt an M, Mi führt den Eitertanz für W auf.

II 9 Man fährt per Schiff essen und extemporiert Rollen; ein fremder „Geistlicher“ kommt hinzu; W spricht mit ihm über Schauspieler und Erziehung. Man verlebt gemeinsam den Tag.
II 10 Der Geistliche ist weg – fröhliche Heimfahrt; zu Hause wird ein deutsches Ritterstück vorgelesen, mit viel Punsch, es gibt Radau und Scherben.

II 11 W kommt für den Schaden auf und kauft Philine Geschenke; ein alter Harfner kommt und muss singen, u.a. „Was hör‘ ich draußen vor dem Tor“. Man spricht über seine Kunst – W ist über Melinas Vorwürfe verärgert.

II 12 W ist durch Philines Knutschen benommen und sagt Melina das Geld für die Ausrüstung zu. Es kommen verschiedene Männer, W ist unruhig.

II 13 W geht zum Harfner und hört „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“; W ist gerührt. Dann wird „Wer sich der Einsamkeit ergibt“ vorgetragen; der Sänger erbaut W.

II 14 W zahlt 300 Taler an den Notar für Melina; er erlebt die Eifersucht von Philines Diener Friedrich gegen den Stallmeister, ihre neue Eroberung. Die beiden fechten miteinander. W denkt über seine Situation nach und will fort. Mi erleidet einen Anfall wegen seiner geplanten Abreise; W verspricht ihr, sie zu behalten als sein Kind.

DRITTES BUCH

III 1 Mi‘ Lied; Melina als Theaterdirektor: Graf und Gräfin kommen und begutachten die Schauspieler, W wird der Gräfin vorgestellt. Chance, auf dem Schloss zu spielen.

III 2 Baron als Theaterexperte des Grafen bei den Schauspielern und W; W überlegt, ob er bleiben soll; er preist die Adeligen glücklich. Verteilung der Rollen, Aufführungen in der Stadt.

III 3 Umzug zum Schloss, unfreundlicher Empfang. Philine geht mit dem Stallmeister ins Schloss und schickt W Konfekt.

III 4 Der Graf kommt, um nach dem Rechten zu sehen, dazu Jarno (J); Vorbereitungen für eine Aufführung.

III 5 W wird zum Vortrag zur Gräfin gebeten, doch vor lauter Betrieb kommt es nicht dazu; er wird durch kleine Geschenke entschädigt.

III 6 Zu Ehren des Fürsten soll einVorspiel aufgeführt werden. W wird heimlich am Abend zur Gräfin eingeladen und plant mit den Damen Text und Aufführung, muss aber Kompromisse machen.

III 7 Vorbereitungen für das Vorspiel und das Stück; Mi will den Eiertanz nicht vorführen. Wie man Bedenken des Grafen auszuräumen gedenkt.

III 8 Der Fürst kommt an, Aufführung von Vorspiel und Stück; Interesse an den Aufführungen nimmt bald ab, W und die Gräfin mögen sich. Verschiedene Gunstbezeugungen an mehrere. W spricht mit dem Fürsten und J über französisches und englisches Theater; J macht ihn mit Shakespeare bekannt. W‘ neuer Blick auf das Leben der Großen.

III 9 Spannungen zwischen dem Baron und einigen Schauspielern, Spottgedicht auf den Baron; Überfall auf den Pedanten, den Günstling des Grafen, als vermeintlichen Verfasser des Gedichts. W lebt zurückgezogen, ist in die Welt Shakespeares eingetaucht. W setzt sich für Friedrich ein, der gestäupt werden sollte und begnadigt wird, so in W‘ „Familie“ aufgenommen wird (neben dem Alten und Mi).

III 10 Philine und die Baronesse fördern die Neigung der Gräfin zu W; der wird am Abend zu ihr gebeten. Er wird als Graf verkleidet und soll sich dann vor der Gräfin offenbaren – da kommt der echte Graf und sieht ihn kurz. W wird schnell entfernt und muss später dem Grafen etwas vorlesen.

III 11 W ist von Shakespeare beeindruckt, spricht mit J darüber. J deutet ihm einen Auftrag an, setzt aber den Alten und Mi herab, was ihn diskreditiert. W erfährt von den Machenschaften eines Hauptmanns und hält sich von J und dem Militär fern.

III 12 Der Graf ist verändert, weil er sich selbst gesehen zu haben glaubt. Machenschaften der Baronesse und J‘. W muss für die Gräfin seine Werke abschreiben und sie vor den herausgeputzten Damen – ganz im Banne der Gräfin – vorlesen. Sie schenkt ihm einen Ring mit einer Locke, beim Abschied küssen sie sich. Sie schickt ihn abrupt fort.

VIERTES BUCH

IV 1 Philine und Laertes – die verrinnende Zeit. Graf und Gräfin gehen fort, er gibt W einen Beutel Gold. W schreibt einen Brief nach Hause. Die Schauspieler bereiten den Aufbruch vor; der Alte will sich von W trennen, aber der behält ihn.

IV 2 W legt sich andere Kleidung (im Geist Shakespeares) zu, die Truppe ist ausgelassen. Über den Unterschied zwischen Bürgerlichen und Adeligen (W). Die Truppe führt freiwillig ein Stück auf, um sich zu erproben. W spricht über die Disziplin der Musiker als Vorbild für die Schauspieler und den Wert echter Kunst. Man beschließt, sich republikanisch zu organisieren.

IV 3 W erklärt, dass Kunstkritik auf Gründen beruhen müsse und dass man in den Geist des Autors eingedrungen sein müsse; er belegt das an seinen Problemen und Versuchen, die Figur Hamlet zu verstehen.

IV 4 Philine erzählt die Geschichte von Laertes‘ Liebesunglück. Gerüchte von einem Freicorps verunsichern die Truppe. W setzt sich für die vorgesehene Reiseroute ein, man bricht auf und rastet auf einer Waldwiese.

IV 5 Man fühlt sich wohl, W und Laertes spielen einen Fechtkampf. Überfall durch Räuber, Kampf. Philine mit dem verwundeten W und Mi bleiben als einzige zurück, der Rest flieht.

IV 6 Eine kleine Reisegruppe um eine schöne Frau kümmert sich um die Drei und versorgt W‘ Wunden.

IV 7 Man holt die Drei ins Dorf, die Truppe nimmt sie feindselig auf.

IV 8 W verteidigt sich gegen Vorwürfe, er sei schuld am Überfall; Frau Melina hat eine Totgeburt. W verzichtet auf seine Forderungen und will seine Habe allen zugute kommen lassen sowie Verluste ersetzen.

IV 9 Ein Jäger der Schönen bringt die Vier ins Pfarrhaus; W will Philine wegschicken, sie bleibt , „und wenn ich dich liebe, was geht’s dich an?“ W immer noch unter dem Eindruck seiner Retterin.

IV 10 Die Truppe bekommt von W Empfehlungsschreiben für Serlo und Reisegeld, obwohl sie schon welches hatte; Philine verlässt W auf seine Bitte, Mi umsorgt ihn.

IV 11 W‘ Pläne; ihn plagt die Sehnsucht nach seiner Retterin, der schönen Amazone. „Nur wer die Sehnsucht kennt…“

IV 12 W kann Namen und Aufenthalt der Amazone nicht ausmachen; er ist krisenhaft unruhig und bricht zu Serlo auf.

IV 13 Serlo kritisiert die Melina-Truppe als unfähig; seine Schwester Aurelia (A) kommt hinzu. W charakterisiert Hamlet und wirbt für das Stück.

IV 14 W spricht mit A über Ophelia, A ist betroffen und lehnt sich an W als Freund an. Philine ist bei Serlo untergekommen, bekennt W ihre Liebe und klärt ihn über die Verhältnisse Serlos und A‘ auf.

IV 15 Gegen seine Einsicht bricht W nicht zur Geschäftsreise auf. Theateraufführung ist gut. A zieht ihn ins Vertrauen, beklagt ihr Geschick und ihre Kindheit. Gespräch mit Serlo über Hamlet.

IV 16 W spricht mit A über Ophelias Lieder. A kämpft mit Serlo um ihren Dolch; A klärt W über sich selbst auf (Naivität gegenüber Menschen bei tiefer Kenntnis des Menschen) und erzählt ihre Theater- und Ehegeschichte. Mi will einen kleinen Atlas haben, ihre leidenschaftliche Liebe zu W. A‘ Freundschaft mit einem neuen Mann, auch nach dem Tod ihres Mannes. – A schickt W weg.

IV 17 W bricht zu Geschäftsbesuchen auf, es geht ordentlich voran. Er kann das vom Vater erwartete Reisejournal nicht schreiben, mangels Kenntnis. Laertes will ihm helfen, ein fiktives Journal zu schreiben.

IV 18 Serlos Lebensgeschichte als Theatergeschichte

IV 19 W findet Geschmack am Leben als Kaufmann, bekommt aber von Serlo das Angebot, selber bei ihm aufzutreten und die ganze Melina-Truppe mit zu engagieren. W denkt über Schicksal und sein Leben nach und schwankt zwischen den beiden Möglichkeiten Künstler/Kaufmann.

IV 20 A klagt W ihr theatralisches und menschlich-weibliches Leiden. W schwört ihr, nie sich leichtfertig einer Frau zu nahen, sie fährt mit dem Dolch über W‘ Hand, als Zeichen seines Versprechens.

FÜNFTES BUCH

V 1 Mia und Felix, A‘ Sohn; Serlo und die Kunst. Nachricht Werners vom Tod des Vaters. W‘ unkluge Art, seine mangelnde Lebenserfahrung zu kompensieren.

V 2 Werners Brief (Auszug): Er will W‘ Schwester heiraten, das Elternhaus verkaufen und einen Bauernhof erwerben, den W neu organisieren soll – seine Begeisterung über das fiktive Reisejournal. W sträubt sich gegen die Vorschläge.

V 3 W‘ Antwort an Werner: W gesteht die Fälschung des Journals und nennt als Ziel, sich selbst auszubilden: Vergleich der Möglichkeiten des Edelmanns und des Bürgers dazu. Er möchte eine öffentliche Person sein, was nur auf dem Theater möglich sei. Er will seinen Namen ändern und überlässt Werner die Verwaltung des Vermögens. – W unterzeichnet den Vertrag mit Serlo, das Bild der schönen Amazone vor Augen.

V 4 Zusage Serlos, den „Hamlet“ aufzuführen, soweit möglich. Streit mit W, ob man das Stück kürzen darf. Nach ein paar Tagen entwirft W einen Plan, wie man „Hamlet“ von Ballast befreien könnte. Serlo stimmt ihm begeistert zu.

V 5 W macht sich an die Arbeit, Philine soll auch mitspielen; ihre kleine Rangelei mit Serlo wegen der Pantoffeln.

V 6 Überlegungen, wie die Rollen zu besetzen sind und wie man auch den Souffleur einspannen könnte. W zweifelt, ob er selber für den Hamlet die richtige Besetzung ist.

V 7 Gespräch über den Unterschied von Roman und Drama; man veranstaltet eine Leseprobe des „Hamlet“. Serlo spricht über die Begabung des guten Schauspielers; vor dem Geist des Stücks müsse der Buchstabe richtig erfasst sein.

V 8 Zwei Theaterfreunde sind bei den Proben anwesend und greifen korrigierend ein: Bedingungen eines guten Spiels.

V 9 Proben zum „Hamlet“

V 10 Nach der Generalprobe – Kritik Philines an den Disputen der Männer. A kritisiert Philine vor W, der verteidigt sie. Philine spielt ihm einen Streich (Pantoffeln vor dem Bett).

V 11 Die Aufführung wird ein großer Erfolg; Rolle des Geistes wird herausgestellt.

V 12 Feier nach der Aufführung, ausgelassen, Mi rast. In seinem Bett findet W eine Gestalt, die sich an ihn drängt.

V 13 Zettel am Schleier des Geistes auf W‘ Bett: „Flieh! Jüngling, flieh!“ – Mi ist erwachsener geworden; Philine scheint die nächtliche Besucherin gewesen zu sein.

V 14 Nach dem Brand wohnt W mit Felix und Mi in einem neuen Haus, er ist unruhig; der Harfenspieler kommt: „An die Türen will ich schleichen…“

V 15 W gibt den verwirrten Harfner in Behandlung zu einem Geistlichen; Stimmen des Publikums zum Stück. Serlo und W gehen zu Philine, bei der eine Freundin namens M ist; W möchte sie vergeblich sehen. Die beiden Frauen reisen heimlich ab, man schickt einen Kundschafter hinterher.

V 16 Veränderungen in der Truppe; A‘ Abneigung gegen französische Stücke und Sprache. Schwierigkeiten, weil die vermittelnde Philine fehlt; W ist praktisch Regisseur, er ist unzufrieden. Der Harfner erholt sich beim Pfarrer; dessen Theorien über Krankheit. W hört durch einen Arzt vom Grafen und seiner Frau, denen es infolge des alten Scherzes W‘ nicht gut geht – er fühlt sich schuldig. W geht mit dem Arzt zu A; dieser verspricht ihm ein Manuskript „Bekenntnisse einer schönen Seele“, dessen Lektüre heilsam sei.

Melina schlägt Serno vor, eine Oper aufzuführen; W und A stehen ihnen dabei im Weg. „Emilia Galotti“ wird vorbereitet, mit W als Prinz (Adel!) und A als Orsina. Streit zwischen Serlo und A, sie wird krank. Die Lektüre des Manuskripts verändert sie, sie verzeiht ihrem untreuen Freund und stirbt. W soll den Abschiedsbrief an den Ex-Freund überbringen; Mi bleibt mit Felix zurück. Gedicht Mi‘: „Heiß mich nicht reden…“

SECHSTES BUCH

Bekenntnisse einer schönen Seele

Beginn des eigentlichen Lebens mit einem Blutsturz des 7jährigen Kindes, bei dem sich eine Neigung zum Unsichtbaren und zu Gott einstellt. Große Liebe zu Büchern, mit 12 Unterricht in Französisch und Tanzen; Freundschaft mit einem Tanzpartner, als dieser erkrankt.

In der Jugend starke Verweltlichung, doch ist sie gegen Männer reserviert. „Narziss“ (N), ein junger Mann aus dem diplomatischen Dienst, freundet sich mit ihr an; er findet Anschluss an die Familie; Eklat bei einem Fest, N wird verwundet und bleibt zwei Monate krank; er möchte sie heiraten – die Mutter agiert vorsichtig. Er nimmt die Besuche wieder auf; Heiratsantrag, die Eltern stimmen bedingungsweise zu. Vorteile, wenn aus dem Liebhaber ein Bräutigam wird – die Verlobten sind über die Grenzen des Erlaubten uneinig.

Neue Annäherung an Gott; die Beförderung N‘ scheitert. Ihre Einsicht in das, was die Zuwendung zu Gott verhindert: die gängigen Zerstreuungen. Sie erkennt, dass das Band zu N nicht so stark ist wie ihr seelisches Bedürfnis nach dem Guten. Eltern machen ihr Vorhaltungen, doch sie pocht auf das Recht ihrer Überzeugung. Sie kann davon ihren Vater überzeugen; N zieht sich zurück, sie liebt ihn gleichwohl. Ein Briefwechsel mit N führt zu nichts. Nach N‘ Beförderung will er sie als fügsame Gattin heiraten – Ende der Beziehung. Neue Zuwendung zur Welt, auch im Haus eines Grafen.

Stiefbruder des Vaters taucht auf, der sie zur Stiftsdame macht und die Schwester zur Hofdame. Pflichten des neuen Lebens; sie erleidet (mit 22?) erneut einen Blutsturz.

Krankheit der Eltern – die Nähe Gottes hilft ihr; sie vertraut auf ihre Erfahrung statt auf Theorien (etwa: das Hallesche Bekehrungssystem). Nach sieben Jahren freundet sich mit „Philo“ (P) an; durch dessen vergangene Verfehlungen erkennt sie auch in sich Ansätze des Ungeheuerlichen. Sie findet Hilfe beim Menschgewordenen und Gekreuzigten = Glaube; daraus ergibt sich eine neue Heiterkeit, die Prediger enttäuschen sie jetzt. P versorgt sie mit Schriften der Herrnhuter, sie vertraut sich ihm an, doch er ist noch nicht so weit wie sie. Sie besucht Herrnhuter Versammlungen. Der Oberhofprediger streitet mit ihnen über den wahren Glauben; er stirbt.

Heirat der Schwester, durch den Onkel vermittelt; Hochzeit in dessen wunderbar eingerichteten Schloss, Feier dauert mehrere Tage. Gespräche mit dem Onkel über die richtige Lebensführung: gemäß seinem Zweck leben! Bedeutung der Kunst für den sittlichen Menschen; beeindruckend die Bibliothek und die geistliche Vokalmusik. Sie kann sich aber nicht den Kunstwerken als solchen zuwenden.

Krankheit und Tod der ledigen Schwester, bedrückende Folgen davon; sie wendet sich nun auch praktischen Dingen zu. Geburt eines Neffen, Tod des Vaters → größte Freiheit für sie. Über das Glück der Freiheit (HA 414/10 ff.): das tun, was man für recht und schicklich hält. Dissens mit den Herrnhutern; es werden noch zwei Nichten geboren. Ihre Seele weiß: ‚Alles vergeht, Ich bin.‘ Kritik eines befreundeten Arztes an solchen Gefühlen: Der Mensch müsse tätig sein!

Geburt eines Neffen, Tod des Schwagers und der Schwester, der Onkel kümmert sich um die Kinder; Entwicklung der Kinder, in ihnen leben Eigenheiten der Familienmitglieder fort. Der Onkel hält die Kinder von ihr fern, sie ist ihm zu mystisch – sie hält am Glauben an die göttliche Nähe fest.

SIEBENTES BUCH

VII 1 W reitet zu Lothario (L), spricht mit einem Geistlichen, kommt in ein verbautes Schloss, gibt A‘ Brief ab. W wird einquartiert; sein Traum.

VII 2 Am nächsten Morgen kommt L nach einem Duell verwundet zurück; J ist da; die Vorgeschichte des Duells.

VII 3 L und J sprechen über das richtige Wirtschaften (Hofordnung verändern); die Gräfin ist L‘ Schwester, J kennt die Geschichte. J hat sich verändert. W kritisiert die Theatertruppe, J sagt: So ist die ganze Welt. W fragt J nach der Amazone, wird vertröstet.

VII 4 Der Arzt berichtet über den Zustand des Harfners und vermutet einen Fehltritt des früheren Geistlichen; dessen hoffnungslose Verschlossenheit. W soll Lydie, die Freundin L‘, durch einen Trick aus dem Haus schaffen; unter einem Vorwand fahren sie ab, Therese suchen. Am Haus Thereses wird Lydie ohnmächtig.

VII 5 Therese ist Lydies Vorgängerin bei L. W versteht sich mit Therese; Spaziergang, sie kennt sich in der Bewirtschaftung von Gütern aus. W neidet L ein bisschen seine Frauenbekanntschaften.

VII 6 Therese erzählt W ihre Geschichte: guter Vater, schwierige untreue Mutter, deren Vertraute Lydie war. Mutter reiste fort, Vater erlitt nach guten Jahren Schlaganfall und starb. Das Testament war für sie ungünstig, sie zog aus zu einer Bekannten. L sprach einmal über Männer – Frauen, sie entsprach seinem Ideal; bei einer Jagd lernte sie ihn näher kennen und wurde in Wirtschaftsfragen seine Vertraute. Lydie warb um L, aber dieser um Therese; sie sagte zu. Als es offiziell wurde, verschwand Lydie. Zufällig entdeckte L, dass er seine Schwiegermutter unter anderem Namen kannte, und verschwand.

Therese kümmert sich mit der Gräfin um fremde Kinder. Lydie verlangt geistliche Bücher zum Trost, was Therese verurteilt. L hatte ein Verhältnis mit ihrer Mutter und sich später auf Lydie eingelassen. Therese bekam Geld von einer Gönnerin und verzichtete auf ein größeres Gut, das L ihr geben wollte. – Lydie mag L‘ Freunde nicht, die ihn angeblich ihr abspenstig machen. W freut sich, Therese zu kennen; er reitet zu L zurück.

VII 7 L erzählt eine Begebenheit von einem Ritt, der ihn die Nähe des Elternhauses einer früheren Geliebten führte, und einer Verwechslung von zwei Frauen; im Gespräch über A, bei dem W seine früher geplante Kritik L‘ erwähnt, wird klar, dass A keinen Sohn hatte. W soll die Kinder holen, Therese sich um Mi, er sich um Felix kümmern und dem Theater entsagen. – L ist noch einmal zu dem Haus geritten und hat seine frühere Geliebte im Kreis ihrer Kinder getroffen, beide waren bewegt.

VII 8 W trifft die Kinder und die Alte = Barbara, M‘ Dienerin; die gibt ihm M‘ Abschiedsbrief: M ist tot, Felix sein Sohn, sie war ihm treu. W trifft die Truppe und hört Neuigkeiten. Barbara erzählt ihm in der Nacht die ganze Geschichte M‘, die sich gegen Norberg gewehrt und ihn vergeblich erwartet hat. W ist voll Reue und Liebe. Er bekommt M‘ Briefsammlung und liest sie am nächsten Tag. Begegnung mit einigen vom Theater. Gespräch mit Barbara über M‘ Geschick. – Mi wehrt sich gegen eine Trennung von W und Felix und wird mit Felix und Barbara zu Therese geschickt. W nimmt endgültig Abschied vom Theater, Frau Melina hängt an ihm. W schreibt an Werner.

VII 9 L hat geerbt, man muss sich um ein neues Gut kümmern (mit Therese). J verspricht ihm die Einführung in eine neue Welt. Am nächsten Tag wird W in unbekannte Räume geführt und trifft Menschen, die seinen Lebensweg gekreuzt haben; alles geschieht geheimnisvoll, sein Leben zwischen Schicksal und Erziehung changierend. Der Abbé gibt ihm den Lehrbrief, in dem dem Menschen auch Fehler zugestanden werden. Es wird bestätigt, dass Felix sein Sohn ist; der kommt auf ihn zu, und W‘ Lehrjahre sind vorbei.

ACHTES BUCH

VIII 1 Durch die Fragen Felix‘ erkennt W seine Unwissenheit, seine Bildung scheint erst anzufangen. Werner kommt wegen des geerbten Gutes, er ist verkümmert im Vergleich mit W. Die Sorge um Felix lässt W langfristig denken und planen – unsicher, ob er Felix richtig erziehen kann. W liest die im Turm aufbewahrte Rolle seiner Lehrjahre, um Therese seine Lebensgeschichte erzählen zu können. Heiratsantrag an Therese.

VIII 2 L und Werner sprechen über die Besteuerung von Gütern und das Verhältnis zum Staat. W soll mit den Kindern die Schwester L‘ aufsuchen (er meint: die Gräfin). Er ist von Zweifeln geplagt, erkennt aber in der Einladung die Handschrift der Amazone (Natalie, N) und fährt los. Ankunft, die Amazone empfängt ihn, W sieht bekannte Kunstwerke. N berichtet von Mi‘ Situation (Krämpfe, trägt jetzt Frauenkleider): Mi war vor Kindern als „Engel“ aufgetreten, Lied „So laß mich scheinen, bis ich werde…“

VIII 3 W im Zwiespalt zwischen Therese und N. Ein Bild zeigt N‘ Tante, die Autorin der „Bekenntnisse…“. Man befindet sich im Haus von N‘ Onkel, der des Großvaters Kunstsammlung gekauft hatte. Der Abbé als Erzieher N‘ und ihrer Geschwister. Der Arzt informiert W über Mi‘ Geschichte: Sie ist als Kind von Gauklern entführt worden – sie hatte zu W gewollt, als Philine nachts in seinem Bett lag → Eifersucht, Krämpfe. W ist ratlos, der Arzt rät zu Freundlichkeit. Mi ist mit Felix da, sie ist ganz ruhig.

N erklärt ihre Eigenart, die Bedürfnisse der Menschen zu sehen und zu lindern. Sie stimmt dem Prinzip des irren Lassens bei Kindern nicht zu. Ankunft der Gräfin angekündigt.

VIII 4 N gibt W einen Brief ihrer Freundin Therese, diese stimmt der Heirat zu; W ist unsicher wegen seiner Neigung zu N; Auszüge aus Briefen Thereses an N. Man will L informieren, als J eröffnet, dass Therese nicht die Tochter ihrer Mutter und damit frei für L sei. Bestürzung, W verzichtet auf Therese. Brief Thereses: W soll sofort zu ihr kommen. Brief L‘: W soll unbedingt bei N bleiben, bis Therese sich entschieden hat. Brief Thereses: Sie will notfalls selber kommen, sie fühlt sich von den Männern verplant.

VIII 5 Man geht zum Sarkophag des Onkels, dort der Spruch „Gedenke zu leben“. Wunderbare Einrichtung des Raumes. – Therese kommt, Küsse, Mi bricht zusammen, tot. Man will sie einbalsamieren. L kommt mit J und Abbé, W ist verdrossen. J klärt ihn über den Turm auf und über das Eingreifen des Abbés in sein Leben. Er charakterisiert den Abbé und andere Personen.

VIII 6 N‘ verschollener Bruder kommt, es ist Friedrich; er ist mit der schwangeren Philine zusammen. Der Abbé erzählt die Geschichte von Thereses Eltern und ihrer Geburt; W erneuert gegen J seinen Verzicht auf Therese.

VIII 7 J will nach Amerika gehen, der Turm soll sich in der ganzen Welt verteilen; er lädt W ein, ihn zu begleiten. J hat sich schon mit Lydie verabredet. Der Abbé bietet W an, als Begleiter des Marchese (Freund des Onkels von N) zu reisen. W wird sich bewusst, dass er N liebt. Er will mit Felix in die Welt und bittet Werner um Geld. Mit dem Marchese gibt es Gespräche über Kunst und oft fehlenden Kunstsinn.

VIII 8 Exequien Mi‘, kleine Feier; sie ist einbalsamiert. An einem Kreuz-Tatoo erkennt der Marchese sie als seine verschollene Nichte.

VIII 9 Marchese lädt alle nach Italien und W zur Mitreise ein. Die Gräfin kommt. Der Abbé liest die von ihm ausgearbeitete Geschichte des Marchese und seiner Familie, in der Mi als illegitimes Kind seines Bruders (Ex-Pater) und einer von Fremden erzogenen Schwester hervorgegangen ist. Der Mutter wurde etwas vorgespielt, das Kind ihr weggenommen – die kirchliche Vertuschung eines Fehltritts. Mi war ein wildes Kind, voll Musik, mit beschränktem Verstand. Nach dem Tod galt ihre Mutter als Heilige. Der Vater entfloh erneut dem Kloster.

VIII 10 Er ist der Harfner, heißt Augustin. W soll das Erbe Mi‘ antreten. Der Harfner kommt, er ist verwandelt (durch die Möglichkeit, sich zu töten). Der Graf kommt und macht sich nützlich. Felix scheint von Augustins Gift getrunken zu haben, N und W kümmern sich um ihn, er erholt sich aber schnell. Augustin will sich töten, was er schließlich schafft.

Verlegenheit vor W‘ Abreise. L offenbart W, dass Therese der Heirat mit L nur unter der Bedingung zugestimmt habe, dass W N bekommt, für die sein Herz sich entschieden habe. L bietet W an, gemeinsam zu heiraten und zu wirken. Friedrich verkündet, dass N W gewählt habe: „du kommst mir vor wie Saul, der Son Kis, der ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein Königreich fand.“ W ist glücklich.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Meisters_Lehrjahre (unvollständig)

http://cornelia.siteware.ch/literatur/litzusammenfassungen/Wilhelm_Meisters_Lehrjahre.html

https://www.xlibris.de/Autoren/Goethe/Werke/Wilhelm%20Meisters%20Lehrjahre

https://deliteratur.wordpress.com/2010/06/16/bildungsroman/ (Bildungsroman)

https://epub.ub.uni-muenchen.de/5349/1/5349.pdf (Selbmann: Der deutsche Bildungsroman)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/wp-content/uploads/2015/09/bildungsroman.pdf (Bildungsroman)

http://www.jltonline.de/index.php/conferences/article/view/582/1407 (Besprechung Böhm / Dennerlein)

http://www.literaturtipps.de/topthema/thema/wie-sich-der-bildungsroman-weiterbildete.html (Wie sich der Bildungsroman weiterbildete)

https://www.academia.edu/6102330/Dennis_Benneballe_Grade_Bildung_und_die_Turmgesellschaft_in_Goethes_Wilhelm_Meisters_Lehrjahre (Bildung und Turmgesellschaft)

https://vu.fernuni-hagen.de/lvuweb/lvu/file/FeU/KSW/2017SS/04528/oeffentlich/04528-4-01-S1+Vorschau.pdf (Aspekte des Bildungsromans in „Wilhelm Meister“)

http://geraldmackenthun.de/app/download/5784325403/Goethes_Wilhelm_Meister_%281995%29.pdf (dito)

http://sammelpunkt.philo.at/2614/1/Kammertoens_W_Meister_Kant.pdf (Kammertöns: Wieviel Kant steckt in Wilhelm Meisters Lehrjahren?)

https://www.pedocs.de/volltexte/2014/1650/pdf/Roesler_1990_Die_Grenze_erzieherischer_Moeglichkeiten.pdf (Die Grenze erzieherischer Möglichkeiten)

http://vicoweb.de/vn/refserv/source/kittler/wilhelm_meister_1978.htm (Über die Sozialisation Wilhelm Meisters)

http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/goethe/meisterslehrjahre_fischer.pdf (Die Turmgesellschaft)

https://www.christianix.de/doc/Lehrjahre.pdf (Bildungsidee, Arbeit eines Studenten)

https://bildungsserver.hamburg.de/wilhelm-meister/ (Links zu Arbeiten)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Romane/Wilhelm+Meisters+Lehrjahre (Text)

Saša Stanišić: Herkunft (2019) – vorgestellt

Zumindest einmal will ich den Namen richtig schreiben, auch wenn meine Maschine nicht die jugoslawischen Sonderzeichen fabrizieren kann: Saša Stanišić, ich habe ihn aus dem Wikipedia-Artikel kopiert. Es geht um seinen Roman „Herkunft“ (2019), der eher eine Sammlung einzelner Geschichten denn ein Roman ist. Sie werden durch das erzählende Ich zusammengehalten, das sich als Saša Stanišić ausgibt und großenteils vermutlich auch ist. Es sind Geschichten eines Flüchtlings – Stanisic spricht politisch korrekt lieber von einem Geflüchteten – der nach Deutschland kommt und sich gegen viele Widerstände als anerkannter Flüchtling etabliert, während seine Eltern Deutschland wieder verlassen müssen und die alte Großmutter ohnehin in Visegrad zurückgeblieben ist.

Der zweite Themenkomplex ist eben die besagte Großmutter, die in ihrer Demenz verwunderlich ist und der mit geschätzten 150 Seiten ziemlich viel Platz eingeräumt wird – zu viel, würde ich sagen, da eine demente Großmutter nichts mit dem zu tun hat, was durch den Titel „Herkunft“ thematisiert wird: wie die Herkunft das Schicksal eines Menschen in Deutschland bestimmt, aber nicht bestimmen sollte. „Ich sagte, Herkunft ist Zufall, immer mal wieder, auch ungefragt.“ (S. 178)

Solche Sätze allerdings machen mich stutzig: Wozu diese verquaste Satzbildung, warum „faulten“ die Spieler beim Basketball (S. 194), wozu gibt es den glühend kalten Tag (S. 240 – lassen wir „den Radio hören“ als süddeutsch durchgehen, auch wenn es grausam klingt)? Ist das nicht alles gekünstelt? Und dann der verschwurbelte Tiefsinn: „Sie legten für ihre Toten eine gute Geschichte ein. Der Geschmack des Brunnenwassers ist aus Sprache gemacht. Die Sprache wird weiterfließen. Einer überleben, um zu erzählen. Um zu sagen: Mein Leben ist unbegreiflich.“ (S 286)

Insgesamt findet man in Stanisics Roman ein Buch, das sich leicht lesen lässt; aber man muss es nicht lesen, finde ich, man hat nicht viel verpasst, wenn man es nicht liest. Es gibt mehrere Kapitel, die völlig belanglos sind (z.B.„Diplomatie“, S. 203); „Geschichtenkitt“ (S. 212) ist ziemlich verworrenes Zeug. Der große Schluss („Der Drachenhort“, S. 289 ff.) ist so konzipiert, dass man sich als Leser nach gehöriger Warnung (S. 291) mit der verworrenen Großmutter konfrontiert sieht (S. 293) und je nach gewählter eigener Reaktion zu zehn verschiedenen Enden der Erzählung geführt wird. Das ist ein künstlich erbautes Labyrinth, auf dessen Axiom ich mich nicht eingelassen habe: „… du erschaffst dein eigenes Abenteuer. (…) Du bist ich.“ Nein, das bin ich nicht und will ich auch nicht sein. Mit dem Angebot „Du bist ich“ wird der stillschweigend geschlossene Pakt des Erzählers mit dem Hörer-Leser gebrochen: ‚Ich erzähle dir die Wahrheit und du glaubst mir.‘ Wenn es nämlich zehn mögliche Wahrheiten gibt – bzw. wenn der Autor bewusst macht, dass es beim Erzählen keine Wahrheit, sondern nur Fiktionen gibt – dann ist das einerseits ehrlich und sogar aufklärend; anderseits wird damit die Empathie, mit der man das Flüchtlings-Ich Sascha begleitet hat, als blauäugiger Naivität entsprungen entlarvt. „Bemitleidenswerter Flüchtling? April, April, ich könnte auch ganz anders erzählen, sprich: ‚anderes erlebt haben‘ – wir betreiben hier Unterhaltung!“ [Man vergleiche dagegen die abgründige Erzählung  Borges‘ „Der Garten der Pfade, die sich verzweigen“!]

Im folgenden Zitat (S. 193) wird diese Position allerdings widerrufen, so dass man sagen muss: Das Angebot der zehn möglichen Enden ist nicht durchdacht, es ist bloß ein modischer Schlenker: „Ich brauche niemandem zu erklären, warum ich dort, wo ich herkomme, nicht mehr bin. Es kommt mir vor, als würde ich genau das aber immerfort tun. Fast entschuldigend auch. Auch mir selbst gegenüber. Es kommt mir vor, als stünde ich wegen der Geschichte dieser Stadt, Visegrad, und wegen des Glücks meiner Kindheit in einer Schuld, die ich mit Geschichten begleichen muss. Es kommt mir vor, als meinten meine Geschichten diese Stadt sogar dann, wenn ich nicht über sie schreiben will.“ (S. 193)

Die begeisterten Rezensionen des Buches lassen mich ratlos zurück, ich bin von anderen Büchern begeistert. Und ob jemand nach der Lektüre seine Einstellung gegenüber den „Fremden“ ändert, bezweifle ich: Die Autoren des Feuilletons leben in ihrer eigenen Welt.

(Version vom 24. Juni 2019)

https://www.spiegel.de/kultur/literatur/herkunft-von-sasa-stanisic-ein-superbuch-a-1258440.html

https://www.zeit.de/2019/12/herkunft-sasa-stanisic-roman-autobiografie

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article190665023/Herkunft-von-Sasa-Stanisic-Von-Bosnien-nach-Deutschland.html usw.

Gabriele Tergit: Effingers (1951 / 2019) – gelesen

70 Jahre deutscher Geschichte, 1878 – 1948, spiegeln sich in den Schicksalen der jüdischen Familien Goldschmidt und Effinger, eines Bankiers und eines Uhrmachers. Am 4. April 2019 erschien die begeistere Rezension Jens Biskys in der SZ, wenige Tage später war der Roman vergriffen, zehn Tage später lag er wieder vor, so dass ich ihn kaufen und lesen konnte: Es ist ein großer Roman, der das Leben von vier Generationen umfasst, von rund 30 Personen, die allesamt ihre Eigenheiten haben und sich im Lauf der Jahre ändern oder auch nicht ändern. Wir begegnen den national gesinnten Menschen im Kaiserreich und der dumpfen Vormacht der Militärs; wir erleben die Krisen der neu gegründeten Fabrik der Effingers, den Ersten Weltkrieg und die schrecklich-schönen Jahre der Weimarer Republik, den Aufstieg der Nazis, geschäftliche und künstlerische Karrieren und persönliche Pleiten, die sozialen Zwänge in den besseren Familien, die Unterschiede zwischen der Großstadt Berlin und dem Leben auf dem Land in Süddeutschland, zahlreiche Hochzeiten, Geburten und Todesfälle, und in den ganzen Jahren immer wieder den Antisemitismus, der bei den Nazis in Enteignung, Brandstiftung und Mord endete.

Die Figuren sind mit klarem Blick gezeichnet: „Sie brauchte zur Wahl jedes Nachthemds länger als zur Wahl ihres Bräutigams.“ (Sofie, vor ihrer missglückten Hochzeit, erinnert wie vieles im Buch an „Buddenbrooks“)

Lotte merkte: Wer gewissenlos war und eine modulationsfähige Stimme hatte, konnte die Menschen führen, wohin er wollte.“

Sie bauen keine Häuser mehr“, sagte Annette [1925]. „Sie wollen Zwei- und Dreizimmerwohnungen, Autos und Reisen. Es liegt ihnen nichts mehr an einem schönen Heim.“

Die Juden haben das Geld und sind Kommunisten. Die Juden morden kleine Kinder und zerstören den Ladenbesitz. Die Juden sind vor allem machtlos, und infolgedessen kann man sie ungestraft angreifen, und angreifen ist die Hauptsache.“

Eine wichtige Situation ist die, als Paul im Gefängnis in der Bibel Jesaja 10,13 ff. liest: „Und so sprach er: Durch die Kraft meiner Hand habe ich solches getan, weil ich so klug bin; darum habe ich die Grenzen der Völker verrückt, ihre Schätze geplündert und mich als Helden erwiesen…“ Und Paul weiß, dass es so war und so sein wird.

https://www.sueddeutsche.de/kultur/effingers-gabriele-tergit-rezension-1.4388556 (Jens Bisky)

https://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-03/verlage-romane-wiederentdeckungen-tergit

https://saetzeundschaetze.com/2019/04/07/gabriele-tergit-effingers/

https://www.diebuchbloggerin.de/das-literarische-quartett-die-buecher-der-sendung-am-1-maerz-2019/

Maya Angelou: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt (1969) – vorgestellt

Warum fesseln uns die Geschichten der Unterdrückten? Sind es die Gefahren, die sie zu bestehen haben, oder ist es ihr Kämpferherz, das uns beeindruckt? Maya Angelou, eigentlich Marguerite A. Johnson (1928-2014), war eine bedeutende Figur der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. In ihrem 1969 veröffentlichten Buch „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ (deutsch 1980), erzählt sie ihre Lebensgeschichte im Alter von drei bis 17 Jahren: wie sie von ihren geschiedenen Eltern zusammen mit ihrem Bruder zur Oma geschickt wurde, wie sie die Demütigungen der Schwarzen in den USA am eigenen Leibe erlebte, wie sie durch den Zusammenhalt der Familie und die Religion ihrer lebenstüchtigen Großmutter geprägt wurde, wie sie langsam (und manchmal zu heftig und schnell) in die Sexualität eingeführt wurde, wie sie um ihre Selbständigkeit kämpfte und noch als gute Schülerin Mutter wurde…

Es ist ein bewegendes Buch. „In ihren zarten Jahren wird die schwarze Frau von allen Kräften der Natur heimgesucht. Sie gerät in ein dreifaches Kreuzfeuer von Vorurteilen: des unlogischen weißen Hasses, der schwarzen Ohnmacht und des männlichen Chauvinismus.“ Maya Angelou hat dieses Kreuzfeuer bestanden.

Rezensionen:

https://wortgelueste.de/angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/

https://www.deutschlandfunk.de/maya-angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt-von.700.de.html?dram:article_id=440735

https://www.54books.de/angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/

https://motivationsgeschichten.com/2012/04/09/maya-angelou-weiss-gefangene-vogel-singt-13420993/

https://www.54books.de/54readsma-maya-angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/

die Autorin:

https://de.wikipedia.org/wiki/Maya_Angelou

A. Uzarski: Möppi. Die Memoiren eines Hundes (1921) – kurz vorgestellt

Adolf Uzarski, 1885 in Duisburg geboren, war in der Weimarer Republik als Maler und Schriftsteller eine feste Größe in der Düsseldorfer Kunstszene. Sein Roman „Möppi“ (1921) stellt die Memoiren eines Düsseldorfer Hundes dar, in denen aus der Hundeperspektive das Leben der Menschen im und nach dem Weltkrieg betrachtet wird. Das Buch lebt vom gleichen Humor, den es auch bei Herbert Knebel, dem Ohnesorg-Theater oder bei Millowitsch gibt, also von der Komik der Stereotypen. Dabei fallen einige besonders Eingebildete wie etwa Oberlehrer Dr. Kuhbach besonders heftig auf die Nase.

Fazit: Speziell in der Umgebung Düsseldorfs kann man Möppis Memoiren (350 Seiten) auch heute noch lesen, wenn man diese Art von Humor mag; die Heute-Show ist schließlich auch kaum besser.

https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Uzarski

http://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/adolf-uzarski/

https://www.google.de/search?hl=de&tbm=isch&source=hp&biw=1865&bih=974&ei=XPCxXJvgLY6imwXBz764DA&q=adolf+uzarski&oq=Uzarski&gs_l=img.1.1.0j0i5i30l3j0i24.1485.4026..6525…0.0..1.205.761.4j2j1……2….1..gws-wiz-img…..0..0i30j0i10i24.93K5SX31FG0

I. Turgenjew: Väter und Söhne – vorgestellt

Turgenjews Roman „Väter und Söhne“ (1861, deutsch 1869) ist eine Art Parabel von der Heimkehr der verlorenen Söhne. In ihr wird vom Weg zweier Freunde erzählt, die nach dem Studium in ihre Heimatdörfer zurückkehren, Arkadij und Basarow. Arkadij steht unter Basarows Einfluss, der ihn zu einem „Nihilisten“ gemacht hat – einem, der sich gegen alle Autorität, alles Hergebrachte einschließlich Liebe und Ehe wendet und nur anerkennt, was seiner Prüfung standhält.

Arkadij ist Sohn eines kleinen Adeligen, der seine Güter mehr schlecht als recht verwalten lässt; nach dem Tod seiner Frau lebt er mit der jungen Fenitschka zusammen, sie haben einen kleinen Sohn. Außerdem lebt sein Bruder Pawel bei Ihnen, der ihm gelegentlich finanziell unter die Arme greift. Basarows Vater ist ein ehemaliger Regimentsarzt, der als Bauer und Heilpraktiker wirtschaftet. Basarow betreibt intensiv wissenschaftliche Untersuchungen, er ist Mediziner.

Die beiden jungen Männer leben nach der Heimkehr teilweise zu Hause, teilweise bei der schönen Frau Odinzowa, einer jungen Witwe, die ein großes Gut geerbt hat, und ihrer Schwester Katja. Daneben gibt es noch die aufgekratzte „moderne“ Frau Kukschina und den Taugenichts Sitnikow nebst einigen weiteren Nebenfiguren, die wir nicht zu beachten brauchen. Arkadij und Basarow entfremden sich voneinander, was auch an ihrer Verehrung der Frau Odinzowa liegen mag, die sich stärker zu Basarow hingezogen fühlt, um ihn dann doch abzuweisen – resp. er sieht selber, dass sie ihn nicht lieben kann, und geht fort, während Arkadij sich zu ihrer Schwester Katja hingezogen fühlt.

Als Basarow in einer einsamen Stunde Fenitschka küsst, wird er von Pawlow beobachtet; der fordert ihn zum Duell auf und wird dabei verletzt. Damit neigt sich das Geschehen dem Ende zu: Die beiden Freunde wissen, dass sie einander fremd geworden sind. Arkadij heiratet Katja und übernimmt die elterlichen Güter, er hat sich durch Katjas Einfluss verändert und seinen Frieden mit der Familie gefunden; sein Vater heiratet Fenitschka, Pawlow zieht fort. Basarow wird nach einigen Wirren Gehilfe seines Vaters und arrangiert sich so mit ihm; bei einer Obduktion steckt er sich an einem Toten an, der an Typhus gestorben war, und geht ebenfalls dem Ende entgegen: „Ja, verneine einer einmal den Tod! Er verneint euch; damit ist alles gesagt.“

Im 28. Kapitel gibt der Erzähler noch einen Ausblick auf das weitere Schicksal der Hauptpersonen, wobei der letzte Blick auf das Grab Basarows fällt und er im Hinblick auf dessen traurige Eltern fragt: „Ist es möglich, daß ihre Gebete, ihre Tränen vergeblich wären?“

https://www.zeit.de/1980/36/vaeter-und-soehne

https://www.deutschlandfunk.de/iwan-turgenjew-vaeter-und-soehne-ueber-liebesverwirrungen.700.de.html?dram:article_id=410525

https://www.belletristik-couch.de/titel/3094-vaeter-und-soehne/

https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%A4ter_und_S%C3%B6hne

https://de.rbth.com/kultur/81177-vaeter-und-soehne-warum-turgenjew-lesen

https://www.ndr.de/kultur/buch/Iwan-Turgenjew-Vaeter-und-Soehne,weltliteratur192.html

https://www.horst-juergen-gerigk.de/aufs%C3%A4tze/turgenjew-heute/ (Turgenjews Bedeutung)

http://www.glanzundelend.de/Red17/t17/iwan_sergejewitsch_turgenjew.htm (dito)

https://archive.org/details/idealeundwirklic00kropuoft/page/108 (Kropotkin über Turgenjew, speziell S. 127 ff.)

https://archive.org/details/bub_gb_i20hAAAAMAAJ/page/n153 (E. Borkowsky über Turgenjew, speziell S. 147 ff.)

Text des Romans: https://archive.org/details/vterundshne00turg/page/n5; mit der Eindeutschung des russischen Namens ergeben sich auch die Schreibweisen Turgenev und Turgenjeff. 

Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (1777 ff.)

Lohnt es sich heute noch, Johann Heinrich Jung-Stillings „Lebensgeschichte“ zu lesen? Sie ist in mehreren Teilen ab 1777 erschienen; der erste Teil wurde von seinem Freund Goethe herausgegeben. Bei zeno.org stehen nur die ersten drei Teile: Heinrich Stillings Jugend, Heinrich Stillings Jünglings-Jahre, Heinrich Stillings Wanderschaft (http://www.zeno.org/Literatur/M/Jung-Stilling,+Johann+Heinrich/Autobiographische+Schriften); Gutenberg-Spiegel bietet auch noch einen Teil des vierten Bandes – das alles zeigt, dass heute doch größere Reserven gegenüber den Schriften Jung-Stillings bestehen.

Bereits sein Charakter gefällt mir nicht ganz, „jede Ironie, und jede Satyre, war ihm ein Gräuel, alle anderen Schwachheiten konnte er entschuldigen“. Erschwerend kommt hinzu, dass er fortwährend fromme Gedanken hegt und sein Leben unter der Idee erzählt, er sei von Gott auf seinem Weg geführt worden:

So angenehm verflossen dreyzehn Wochen, und ich kann sagen: daß Stilling während der Zeit sich weder seines Handwerks schämte, noch sonsten großes Verlangen trug, davon abzukommen. Um das Ende dieser Zeit, etwa mitten im Julius, gieng er an einem Sonntag Nachmittag durch eine Gasse der Stadt Schauberg; die Sonne schien angenehm, und der Himmel war hier und da mit einzelnen Wolken bedeckt; er hatte weder tiefe Betrachtungen, noch sonst etwas sonderliches in den Gedanken; von ohngefähr blickte er in die Höhe und sah eine lichte Wolke über seinem Haupte hinziehen; mit diesem Anblick durchdrung eine unbekannte Kraft seine Seele, ihm wurde so innig wohl, er zitterte am ganzen Leibe, und konnte sich kaum enthalten, daß er nicht darnieder sunk; von dem Augenblick an fühlte er eine unüberwindliche Neigung, ganz für die Ehre Gottes, und das Wohl seiner Mitmenschen zu leben und zu sterben; seine Liebe zum Vater der Menschen, und zum göttlichen Erlöser, desgleichen zu allen Menschen, war in dem Augenblick so groß, daß er willig sein Leben aufgeopfert hätte, wenn’s nöthig gewesen wäre. Dabey fühlte er einen unwiderstehlichen Trieb, über seine Gedanken, Worte und Werke zu wachen, damit sie alle Gottgeziemend, angenehm, und nützlich seyn möchten. Auf der Stelle machte er einen vesten und unwiderruflichen Bund mit Gott, sich hinführo lediglich Seiner Führung zu überlassen, und keine eitle Wünsche mehr zu hegen, sondern wenn es Gott gefallen würde, daß er Lebenslang ein Handwerksmann bleiben sollte, willig und mit Freuden damit zufrieden zu seyn.

Er kehrte alsofort um, gieng nach Haus, und sagte niemand von diesem Vorfall etwas, sondern er blieb wie er vorhin war, nur daß er weniger und behutsamer redete, welches ihn noch beliebter machte.

Diese Geschichte ist eine gewisse Wahrheit. Ich überlasse Schöngeistern, Philosophen und Psychologen, daraus zu machen, was ihnen beliebt; ich weiß wohl, was es ist, das den Menschen umkehrt, und so ganz verändert.“

Was soll man von einem Menschen halten, der eine lichte Wolke sieht und daraufhin einen unwiderruflichen Bund mit Gott schließt – ohne zu fragen, ob Gott den Bund auch mit ihm schließt – und sich Gottes Führung überlassen will? Und der später selber erkennt, dass die Sache mit der göttlichen Vorsehung eine schwierige Sache ist, und dann doch keine Konsequenzen aus dieser Einsicht zieht? (Vgl. https://also42.wordpress.com/wp-admin/post.php?action=edit&post=2713) Ich kann die Lektüre Jung-Stillings heute nur noch aus Gründen historischer Erkenntnis (Aufstieg armer Leute im späten 18. Jh., Probleme des westdeutschen Pietismus, Bekanntschaft mit Goethe) empfehlen.

Text: http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/jung_lebensgeschichte_1835

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser

Den „Anton Reiser“ (1785-1790) wollte oder sollte ich vor 45 Jahren in meinem Zweitstudium lesen; damals bin ich nicht dazu gekommen, jetzt habe ich das nachgeholt, und ich bereue es nicht. „Anton Reiser“, in vier Teilen ab 1785 erschienen, ist eine große psychologische Studie über die Entwicklung des „Anton Reiser“ genannten Karl Philipp Moritz von der Geburt bis zum Alter von etwa 19 Jahren; die in Kürzeln genannten Namen von Zeitgenossen sind meistens historisch auflösbar. „Es war die unverantwortliche Seelenlähmung durch das zurücksetzende Betragen seiner eigenen Eltern gegen ihn, die er von seiner Kindheit an noch nicht hatte wieder vermindern können. – Es war ihm unmöglich geworden, jemanden außer sich wie seinesgleichen zu betrachten – jeder schien ihm auf irgendeine Art wichtiger, bedeutender in der Welt, als er, zu sein – daher deuchten ihm Freundschaftsbezeigungen von andern gegen ihn immer eine Art von Herablassung – weil er nun glaubte, verachtet werden zu können, so wurde er wirklich verachtet – und ihm schien oft das schon Verachtung, was ein ein anderer, mit mehr Selbstgefühl, nie würde dafür genommen haben. (…) Das Lächerlichwerden ist eine Art von Vernichtung, und das Lächerlichmachen eine Art von Mord des Selbstgefühls, die nicht ihresgleichen hat. – Von allen außer sich gehaßt zu werden, ist dagegen wünschens- und begehrenswert. – Dieser allgemeine Haß würde das Selbstgefühl nicht töten, sondern es mit einem Trotz beseelen, wovon es auf Jahrtausende leben (…) könnte. – Aber keinen Freund, und nicht einmal einen Feind zu haben – das ist die wahre Hölle, die alle Qualen der fühlbaren Vernichtung eines denkenden Wesens in sich faßt.“ Das ist die Quintessenz der Beobachtung der inneren Entwicklung Anton Reisers.

Die Entwicklung Anton Reisers führt dazu, dass er sich, obwohl ein begabter Kerl, in Traumwelten flüchtet, deren letzte das Theater ist, wo er jedoch nicht Fuß fassen kann, weil es keine freien Stellen gibt und weil die letzte Truppe, auf die er seine Hoffnung gesetzt hatte, wegen eines Betrugs des Prinzipals sich aufgelöst hat. So handelt der Roman auch „die wichtige Frage ab, inwiefern ein junger Mensch sich selber einen Beruf zu wählen imstande sei?“

Die Geschichte Anton Reisers ist natürlich als Exempel interessant; denn menschliche Entwicklungen laufen zwar nicht gesetzmäßig, aber doch regelhaft ab, so dass Anton Reiser sowohl zum Selbstverständnis verhilft als auch darauf hinweist, wie man mit anderen (vor allem jüngeren) Menschen umzugehen hat. Im Einzelnen fallen auf:

  • die Überempfindlichkeit Antons infolge früher Demütigungen,
  • der schreckliche Einfluss der pietistischen Spinnereien seiner Eltern und einiger Erzieher,
  • Antons Flucht in Phantasiewelten (Lesewut, predigen, Theaterfieber),
  • seine Begierde nach Ruhm und Beachtung,
  • Kränkungen durch Mitschüler und Lehrer,
  • Flucht in die Einsamkeit und die Natur,
  • bitterste Armut, Todesnähe, Suizidgedanken,
  • eine Vielzahl freundlicher Helfer,
  • wobei die finanzielle Unterstützung durch den Prinzen „gespart“ statt für Anton verwendet wird;
  • das Studium wird nebenher erledigt,
  • Anton verdient Geld durch Nachhilfe,
  • geht aber sorglos damit um (zwecks Anerkennung);
  • er kann nicht glauben, dass eine Frau ihn lieben könnte;
  • es zeigt sich, wie wichtig die Kenntnis fremder Sprachen, der Sprache der feinen Lebensart, die Bildung überhaupt im bürgerlichen Zeitalter, aber auch die Freundschaft und die angemessene Kleidung für junge Menschen sind;
  • er geht von Hannover zu Fuß nach Bremen, Erfurt, Gotha, Leipzig – und steht schließlich dumm da, weil eine Theatertruppe sich aufgelöst hat.

Für die Zeitgeschichte (um 1775) ist wichtig, wie Ende des 18. Jh. einer aus der Unterschicht durch Bildung emporsteigt und wie bedeutsam ihm Shakespeare und Goethes „Werther“ werden. Allgemein ist von Bedeutung, wie Anton beschreibt, wie das Lesen ihm eine neue Welt eröffnet und wie der Entschluss, eine Predigt des angehimmelten Pastors P[aulmann] aufzuschreiben, ihn zu einem verständigen Hören führt. Das Aufschreiben veranlasst ihn dazu, dass er seine Gedanken ordnet, also gliedert, und Zusammenhänge herstellt – kurz, es bewirkt im Alter von 14 Jahren „eine neue Entwicklung seiner Verstandeskräfte“. In der Auseinandersetzung mit Gottscheds Philosophie lernt er, die Übersicht über die Materie nicht aus den Augen zu verlieren – „er schmeckte zuerst die Wonne des Denkens“.

Anton Reiser“ ist ein Klassiker, den zu lesen sich auch heute noch lohnt.

Anton Reiser“:

http://www.einladung-zur-literaturwissenschaft.de/index.php?option=com_content&view=article&id=479%3A11-5-anton-reiser

https://www.zeit.de/1979/47/anton-reiser

https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Reiser

https://klausgauger.files.wordpress.com/2010/11/karl-philipp-moritz-als-sprecher-des-vierten-standes-neu-fur-blog.pdf

https://www.ndr.de/kultur/buch/Karl-Philipp-Moritz-Anton-Reiser,weltliteratur120.html

https://www.mdr.de/kultur/empfehlungen/klassikerlesung-moritz-anton-reiser-100.html

https://www.versalia.de/rez_text.php?nr=1196

https://www.gute-literatur-meine-empfehlung.de/19-jahrhundert/karl-philipp-moritz-anton-reiser/

Karl Philipp Moritz:

https://www.deutsche-biographie.de/sfz65540.html

https://www.deutsche-biographie.de/sfz65540.html#adbcontent

http://www.bbaw.de/forschung/moritz/forum/chronik.html

http://www.sgipt.org/biogr/b_moritz.htm

http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/moritz/nuebel_selbstbeobachter.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Philipp_Moritz

https://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/MoritzKarlPhilipp

https://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/multi_lmno/moritz.html?print

Ingrid Noll: Ehrenwort (2010) – Besprechung

Warum der Roman „Ehrenwort“ heißt, weiß ich nicht: Es geht um eine bürgerliche Familie mit kleinen Dellen; der Vater, Diplomingenieur, ist ein bisschen korrupt, seine Frau, eine Buchhändlerin, geht ein bisschen fremd, die Tochter studiert und ist lesbisch, der Sohn vernachlässigt sein Studium, wird erpresst, klaut Opas Geld und überhaupt… Bewegung kommt in das Geschehen, als der Opa verunglückt und ins Haus zieht. Der Enkel betätigt sich als Pfleger und verliebt sich in eine Pflegerin, Opa kommt wieder auf die Beine, obwohl die Eltern ihn möglichst schnell wieder weg haben wollen – zwei Mordversuche an Opa scheitern, dafür werden zwei Gangster von zwei Frauen ermordet und entsorgt.

Psychologische Wahrscheinlichkeit darf man bei Ingrid Noll nicht erwarten, sondern eine Art „humorvoller“ Unterhaltung; dazu gibt es wie üblich Nörgelei über die Verhunzung der deutschen Sprache, einige vom Opa zitierte lateinische Redensarten, ein bisschen Liebe, ein bisschen Cognac, zum Schluss ist die Familie wieder versöhnt, Sohn Max will Krankenpfleger werden und der Opa stirbt sogar – Max wusste sofort, „dass der Opa mit seinem Latein am Ende war“. Wer bei diesem doppeldeutigen Schluss den Humor des Erzählers nicht spürt, dem ist nicht zu helfen.

Wer die einigermaßen berühmte Autorin Ingrid Noll nicht kennt, hat nicht viel verpasst. Ich habe jetzt zwei ihrer Bücher gelesen, das reicht wirklich.

 

Ingrid Noll: Halali (2017) – Besprechung

Ingrid Nolls „Halali“ (2017) bietet harmlose Unterhaltung für vier Stunden: Studien des Bonner Milieus in den 50er Jahren, in dem zwei junge Frauen („Mädchen“ oder „Fräuleins“ sagte man damals) ihre Zeit mit Arbeit im Innenministerium, Spaziergängen, Tratschen, Spielen und der Suche nach einem Mann verbringen. Dabei wird mehr oder weniger augenzwinkernd erzählt, wie die beiden mit einem angeworbenen Agenten und seinem Führungsoffizier in Verbindung kommen und nicht nur diese beiden töten oder sterben lassen, sondern später auch noch einen dritten, den langweiligen Ehemann der einen; der wird auf einer Jagd erschossen, während der erste Tote Jäger hieß – daher der Titel „Halali“.

Ich-Erzählerin ist eine 82jährige Frau, die genauso alt wie Ingrid Noll ist; sie erzählt ihrer Enkelin Laura bei Besuchen dieses Stück ihrer Lebensgeschichte in Abschnitten, wobei sie die von der Enkelin repräsentierte Gegenwart mit der neugierigen Distanz einer alten Dame betrachtet. Das Beste am Buch sind die trefflichen Milieuschilderungen des Lebens junger lediger Frauen in Bonn in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, in die auch manche altbekannte Scherze eingebaut sind.