L. Binet: HHhH – Besprechung

L. Binet: HHhH. Himmlers Hirn heißt Heydrich. rororo 25587

Ein großartiges Buch, das man bis zum Ende mit Freude liest (um S. 250 überkam mich allerdings das Gefühl, allmählich könnte es mit dem Attentat losgehen): Laurent Binet erzählt, wie das Attentat auf Heydrich im Mai 1942 vorbereitet und durchgeführt wurde, wie Heydrich starb und wie die Attentäter schließlich durch Verrat gefunden wurden, sich gegen eine Übermacht verteidigten und schließlich selbst töteten. Um diesen Kern herum werden viele Geschichten ausgebreitet, von Heydrichs Lebenslauf, von seinem mörderischen Wirken, von der tschechischen Exilregierung und ihren Soldaten, und immer wieder von Prag, von Böhmen und Mähren und der Slowakei.

Doch ist Binets Buch nicht nur ein Thriller, sondern es ist zugleich ein reflektierter Roman: Immer wieder macht der Erzähler sich daran, über die Möglichkeit, vergangenes Geschehen wahrheitsgetreu zu erzählen, Gedanken; er bezieht sich auf andere Autoren und ihre Bücher, auf Filme und auf seine eigenen Wünsche – das alles nicht ohne Ironie und mit dem Anspruch, nur Wahres zu erzählen: „Diese Geschichte wird zu meiner persönlichen Angelegenheit. Deshalb vermischt sich meine Vorstellung manchmal mit den tatsächlichen Fakten. Es ist, wie es ist.“ (S. 148) Kapitel 102 kann man als Paradebeispiel für dieses Spiel mit der „Wahrheit“ und mit dem Leser ansehen.

Damit etwas ins allgemeine Gedächtnis übergeht, muss es zunächst in Literatur verwandelt werden. Das mag schäbig sein, aber es ist nun einmal so.“ Soll man mit Binet über diesen Satz streiten? Nein, es ist besser, das ganze Buch zu lesen, um sich im Sinne Binets die Untaten der Nazis noch einmal vor Augen zu führen.

https://de.wikipedia.org/wiki/HHhH

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/laurent-binet-hhhh-wie-die-blonde-bestie-starb-11229062.html

https://www.perlentaucher.de/buch/laurent-binet/hhhh.html

Advertisements

Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion (2018) – Besprechung

Die siebte Sprachfunktion“ ist ein witziger Roman. Unter Sprachfunktionen versteht man die wesentlichen Aufgaben, welche Sprache für die Menschen hat. Der Linguist Jakobson (https://de.wikipedia.org/wiki/Roman_Ossipowitsch_Jakobson#Werk) hat deren sechs identifiziert, vielleicht auch eine siebte, und um diese siebte geht es: um das Performativ oder die Möglichkeit, mit Sprache jeden herumzukriegen oder zu besiegen.

Gesucht wird also Jakobsons Manuskript der Theorie der siebten Sprachfunktion, bzw. dessen Fälschung, um dessen Besitz und Raub… dabei kommen allerlei Menschen zu Tode. Die Ereignisse spielen im Jahr 1980, zunächst in Paris mit seinen Intellektuellen und einigen wichtigen Politikern, dann an verschiedenen Orten mit vielen koksenden Studenten und sexuell freizügigen Menschen. Inspektor Bayard wird vom französischen Präsidenten damit beauftragt, besagtes Manuskript zu finden und den Tod Roland Barthes‘ aufzuklären; er engagiert dazu einen jungen Sprachwissenschaftler, und der erlebt von heißer Liebe über großen Wettkampf bis zur Verstümmelung das pralle Leben.

Besagte Sprachfunktion soll bei zwei Gelegenheiten eingesetzt werden: beim rhetorischen Wettkampf im Logos-Club (mit schlimmen Konsequenzen für die Verlierer) und beim französischen Wahlkampf 1980, den Mitterand gewinnt – und so gehen die Ereignisse ihren Gang, zum Schluss ist der Fall aufgeklärt.

Ich habe das Buch mit Freude gelesen.

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article161767523/Ganz-Frankreich-ist-ein-einziger-Krimi.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/laurent-binets-roman-die-siebte-sprachfunktion-14574555.html

https://www.zeit.de/2017/05/die-siebte-sprachfunktion-laurent-binet-roman-campus

https://www.deutschlandfunk.de/laurent-binet-die-siebte-sprachfunktion-deftige.700.de.html?dram:article_id=378885

Philip Roth: Mein Leben als Sohn – Besprechung

Philip Roth: Mein Leben als Sohn. Eine wahre Geschichte, 1992

Vor einigen Tagen ist der amerikanische Autor Philip Roth gestorben. Aufgrund der Würdigung seiner wichtigsten Werke habe ich beschlossen, Roth zu lesen, und mir aus der Stadtbibliothek einige zufällig vorhandene Bücher mitgenommen. „Mein Leben als Sohn“, ein spätes Buch des Autors, handelt vom Sterben seines Vaters – genauer von der Zeit davor. Es beginnt mit der Entdeckung, dass Herman Roth einen bereits zehn Jahre alten Gehirntumor hat: Soll man dem 86jährigen noch eine über zehnstündige Operation zumuten? Und was geschieht mit ihm, wenn man nicht operiert?

Diese Geschichte wird aus der Perspektive des Sohnes erzählt, der sich um den eigenwilligen Vater kümmert, dessen Lebensgeschichte (jüdisches Einwandererkind, Ehemann und Vater, Sportsfreund und Kämpfer, Vertreter einer Versicherungsgesellschaft …) immer wieder durchscheint. Zum Schluss werden auch das Atem- und Esszentrum angegriffen, und Herman Roth stirbt einen schweren Tod.

Philip Roth greift seinem Tod in einem Traum voraus, in dem eine alte Kriegsfregatte unbewaffnet und steuerlos auf die Küste zutreibt; Philip Roth steht mit anderen Kinder am Ufer und sieht dem Geschehen zu. „Der Traum sagte mir, daß ich zumindest in meinen Träumen ewig als sein kleiner Sohn leben würde, mit dem Gewissen eines kleinen Sohnes, so wie er dort lebendig bleiben würde, nicht nur als mein Vater, sondern als der Vater, der zu Gericht sitzt über alles, was immer ich tue.“

Roth hat das Buch „Für unsere Familie, die Lebenden und die Toten“ geschrieben, ein eindrucksvolles Buch, das einen am Sterben des Herman Roth und am Mitleiden des Philip Roth teilnehmen lässt. Jetzt gehört Philip Roth selbst zu den Toten – wenn man denn so überhaupt sprechen darf, als ob es die Gemeinschaft der Toten gäbe. Vermutlich ist das aber nur ein Wort, bei dem wir uns im Glauben an die Existenz des Benannten etwas ahnend denken.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mein_Leben_als_Sohn

http://www.die-leselust.de/buch/roth_philip_sohn.htm

http://www.lesekost.de/Us/HHLUS05.htm

https://radiergummi.wordpress.com/2011/03/03/philip-roth-mein-leben-als-sohn/

M. de Unamuno: Das Leben Don Quijotes und Sanchos – vorgestellt

Miguel de Unamuno: Das Leben Don Quijotes und Sanchos nach Miguel de Cervantes-Saavedra erklärt und erläutert. 2. Auflage 1913 (deutsch 1926 von Otto Buek).

Wenn man in den Wikipedia-Artikel (https://de.wikipedia.org/wiki/Don_Quijote) über den „Don Quijote“ schaut, sieht man, dass dieses große Buch viele literarische Neufassungen hervorgerufen hat. Zu diesen zählt auch das Buch Unamunos. Es läuft im wesentlichen darauf hinaus, daß man den Gelehrten, den Kritikern und Geschichtsschreibern die verdienstvolle und nützliche Aufgabe überlassen solle, festzustellen und zu untersuchen, was der „Don Quijote“ zu seiner Zeit und unter den Verhältnissen, in denen er geschrieben wurde, bedeutete, was Cervantes mit ihm hat ausdrücken wollen und was er wirklich in ihm ausgedrückt haben mag, – daß es uns dagegen freistehen müsse, sein unsterbliches Werk als etwas Ewiges, außerhalb jeder Epoche Stehendes und nicht an die Grenzen eines Landes Gebundenes zu betrachten und darzustellen, und auszuführen, was die Lektüre dieses Buches an Gedanken, Gefühlen und Empfindungen in uns weckt und hervorruft. (…) Ich wiederhole, daß ich mich mehr als Donquijotisten, denn als Cervantisten fühle, und daß ich die Gestalt Don Quijotes von ihrem Schöpfer Cervantes selbst ablösen und befreien möchte (…). Denn ich glaube, daß auch die erdichteten Persönlichkeiten in dem Geiste des Autors, der sie erfindet, ihr eigenes Leben führen, eine bestimmte Autonomie besitzen und ihrer eigenen und innern Logik folgen, deren sich ihr Schöpfer selbst nicht immer ganz bewußt ist. (S. XIV) Das ist ein großes und gewagtes Programm Unamunos, welcher sich damit der Gefahr aussetzt, seine eigenen Vorstellungen für den ewigen Don Quijote zu halten. Solange man seine eigene Rezeption eines Werks für revidierbar hält, geht es noch an; sobald man sie für die ewige Wahrheit ausmacht, wird es riskant.

Unoamuno kommentiert also viele Kapitel von Cervantes‘ Buch bzw. von Don Quijotes Erlebnissen, Worten und Taten. An einem Beispiel möchte ich vorführen, was dabei herauskommt, am Satz des Helden: „Ich weiß, wer ich bin.“ Der Held kann von sich sagen: „Ich weiß, wer ich bin“, und darin liegt sein Kraft und zugleich sein Unglück. Seine Kraft, denn, da er weiß, wer er ist, braucht er niemand zu fürchten, außer Gott, der ihn zu dem machte, der er ist, – und sein Unglück, weil er auf dieser Welt allein weiß, wer er ist; und da die anderen es nicht wissen, so muß es ihnen so erscheinen – er mag tun und sagen, was er will –, als rührten diese Worte und Taten von einem Manne her, der sich nicht kennt, d.h. von einem Verrückten. […] Daher lebt der Held einsam und allein inmitten der Menschen, und diese Einsamkeit wird ihm zu einer Genossin und Gefährtin, die ihm Mut, Kraft und Stärke einflößt. […] Es genügt nicht, zu erklären: „Ich weiß, wer ich bin“, sondern man muß es wissen, und die Täuschung dessen, der so spricht und es dennoch nicht weiß, ja es vielleicht nicht einmal glaubt, wird sofort offenbar werden. […] Don Quijote aber dachte und überlegte mit seinem Willen, und wenn er erklärte: „Ich weiß, wer ich bin“, meinte er nur: „Ich weiß, wer ich sein will.“ Und hier liegt der Angelpunkt unseres ganzen Lebens: zu wissen, was der Mensch sein will. Es mag dich wenig anfechten, wer du bist; die Hauptsache muß für dich sein, zu wissen, was du sein willst. Das Wesen, das du bist, ist ein hinfälliges, vergängliches Geschöpf, das von Erde lebt und das die Erde einst wieder verschlingen wird; das Wesen, das du sein willst, ist eine Idee, die in Gott wohnt; ist das Bewußtsein des Alls, die göttliche Idee, dessen räumliche und zeitliche Erscheinung du bist. (Bd. 1, S. 74 ff.)

An dieser Passage zeigt sich, worauf Unamuno mit seiner idealistischen Interpretation der Figur Don Quijote hinaus will. Es zeigt sich zweitens, dass er dabei nicht davor zurückschreckt, den Text zu verändern. Und drittens ist das Ergebnis seiner Quijote-Interpretation: sein persönliches Lebensideal, interessant, aber vielleicht zu hoch gespannt. Gegen Unamunos Satz: „Ich weiß, wer ich sein will“, steht Mephistos Wort: „Du bist am Ende – was du bist.“ Ich halte es in dieser Frage lieber mit Mephisto, um mich nicht mit Unamuno auf ungreifbare Ideen Gottes berufen zu müssen. Dann kommt man nämlich dahin, wie Don Quijote und Ignatius von Loyola, zwischen dem und Don Quijote Unamuno öfter Parallelen zieht, die Entscheidung seines Pferdes für den Willen Gottes zu halten: Und als er nun an einen Kreuzweg gelangte, da überließ er die Entscheidung, welchen Weg er wählen solle, seinem Roß… Und es gefiel Gott, den Verstand des Rosses zu erleuchten, „so daß es den engen und ebenen Weg, den der Maure eingeschlagen hatte, verließ, und den wählte, der für Ignatius besser geeignet war“. Also verdankt die Gesellschaft Jesu ihre Entstehung der Eingebung eines Rosses. (S. 72)

Atlantis – das Märchen in „Heinrich von Ofterdingen“

Atlantis

Die Kaufleute erzählen Heinrich eine Geschichte (in Novalis: Heinrich von Ofterdingen, 1802, Erster Teil, Drittes Kapitel):

Ein alter König, dessen Frau verstorben war, lebte glücklich in seinem Reich. Seine ganze Liebe galt seiner einzigen Tochter und der Dichtkunst. Viele Sänger kamen an seinen Hof, deren Lieder die Seele der Prinzessin erfüllten. Streit und Missgunst gab es im Land nicht. Nur eine Sorge hatten seine Bewohner: ob es überhaupt einen Prinzen geben könnte, der der schönen Königstochter würdig wäre. Erst recht war der König selber überzeugt, dass nur ein Mann vornehmster Herkunft als Schwiegersohn in Frage käme.

Nahe der Hauptstadt lebte nun ein alter Mann, der seinen einzigen Sohn in der Wissenschaft von der Natur unterrichtete. Eines Tages kam die Prinzessin auf einem Spaziergang zu ihrem Hof und bat um ein Glas Milch; sowohl das Haus wie die beiden Männer gefilen ihr und sie bat um die Erlaubnis, sie wieder besuchen zu dürfen. Dann ging sie nach Hause, ohne ihre Herkunft verraten zu haben. Sowohl der Jüngling wie das Mädchen waren von der Begegnung zutiefst beeindruckt; die Prinzessin fühlte sich, als sei sie in eine überirdische Welt versetzt worden.

Der junge Mann hatte sich am Abend noch in den Wald begeben, wo er einen roten Stein fand, einen Karfunkel; er erinnerte sich, dass das Mädchen ihn in einer Kette getragen hatte. Er schrieb ein Gedicht auf einen Zettel, in den er den Stein einwickelte, um ihn am anderen Morgen seiner Besitzerin in der Stadt zu bringen. Die Prinzessin, die den Verlust bemerkt hatte, machte sich am nächsten Morgen ebenfalls auf, um ihren Stein zu suchen. Als sie sich trafen, überreichte er ihr den Stein, während sie ihm zum Dank ihre goldene Kette um den Hals hängte. Er war zutiefst betroffen; sie verabschiedeten sich und die Prinzessin versprach, ihn bald wieder zu besuchen, um von seinem Vater in die Kenntnis der Natur eingeweiht zu werden.

Bald kam sie wieder, und ihre Besuche hörten seitdem nicht mehr auf; sie sang auf ihrer Laute, er unterrichtete sie in den Geheimnissen der Natur. Eines Tages, als er sie auf dem Rückweg ein Stück begleitete, wurde ihre Liebe so stark, dass sie sich küssten. Bald kam ein Unwetter auf, vor dem sie sich in eine Höhle retten konnten. Dort kamen sie einander immer näher und vereinigten sich in Liebe. Sie beschlossen, im Haus des Jünglings eine Wohnung für sich einzurichten, und lebten von da an als Mann und Frau.

In der Stadt war der König von Sorge um seine Tochter gequält; er bereute es, alle Bewerber um sie für gering geachtet zu haben. In der Stadt aber hielt sich das Gerücht, die Prinzessin werde wiederkehren. Am Jahrestag ihres Verschwindens, einem heiteren Sommertag, feierte man am Hof wieder; die Dichter trugen ihre Lieder vor, aber der König war von Wehmut erfüllt. Da kam ein Jüngling, der ein wunderbares Lied vortrug. Es handelte vom Ursprung der Welt und aller Lebewesen, von der Sympathie der Natur und der goldenen alten Zeit, von der Erscheinung des Hasses und dem künftigen Triumph der Liebe und der Poesie; alle waren beeindruckt. Dann trug er ein zweites Lied vor, in dem er in Bildern sein eigenes Geschick besang. Währenddessen kam ein alter Mann mit einer verschleierten jungen Frau, die ein kleines Kind trug. Die beiden letzten Strophen lauteten so:

Der Liebe weicht und dem Gesange

Auch auf dem Thron ein Vaterherz,

Und wandelt bald in süßem Drange

Zu ewger Lust den tiefen Schmerz.

Die Liebe giebt, was sie entrissen,

Mit reichem Wucher bald zurück,

Und unter den Versöhnungsküssen

Entfaltet sich ein himmlisch Glück.

*

Geist des Gesangs, komm du hernieder,

Und steh auch jetzt der Liebe bey;

Bring die verlorne Tochter wieder,

Daß ihr der König Vater sey! –

Daß er mit Freuden sie umschließet,

Und seines Enkels sich erbarmt,

Und wenn das Herz ihm überfließet,

Den Sänger auch als Sohn umarmt.

Dann lüftete er den Schleier der Frau, die Prinzessin fiel ihrem Vater zu Füßen und hielt ihm ihr Kind hin. Der König hob sie und ihren Mann auf und reichte das Kind, das man ihm gab, dem Himmel entgegen, worauf er auch den Alten begrüßte. „Unendliche Freudenthränen flossen. In Gesänge brachen die Dichter aus, und der Abend ward ein heiliger Vorabend dem ganzen Lande, dessen Leben fortan nur Ein schönes Fest war. Kein Mensch weiß, wo das Land hingekommen ist. Nur in Sagen heißt es, daß Atlantis von mächtigen Fluten den Augen entzogen worden sey.“

(http://www.zeno.org/Literatur/M/Novalis/Romane/Heinrich+von+Ofterdingen/Erster+Theil%3A+Die+Erwartung/Drittes+Kapitel)

Sterne: Leben und Ansichten von Tristam Shandy, Gentleman – gelesen

Leben und Ansichten von Tristam Shandy, Gentleman“ von Laurence Sterne ist einer der ganz großen Romane der Weltliteratur. Es gibt genügend Charakterisierungen und Würdigungen des Buches (s. die Links); ich möchte in Stichworten den „Inhalt“ der ersten beiden der neun Bücher des Romans skizzieren, damit man eine Vorstellung davon bekommt, wie Sterne in den Themen springt und die Zeit dehnt – erst im dritten Buch wird die Geburt des Ich-Erzählers Tristam beschrieben. Also, geordnet nach Buch und Kapiteln:

Erstes Buch

1 Störung bei der Zeugung des Ich-Erzählers

2 über die Gefährdung des Homunkulus nach der Zeugung

3 spätere Klage des Vaters über die Störung

4 Zeugung Anfang März 1718, das ergibt sich aus der Kombination von Beischlaf und Uhraufziehen am Abend des 1. Sonntags jedes Monats

5 Geburt Tristam Shandys am 5. November 1718; Klage über sein Leben

6 über sein Schreiben, an den Leser gerichtet

7 wie seine Hebamme eine solche geworden war

8 über Steckenpferde – Widmung an den Lord

9 Angebot, diese Widmung zu kaufen – Widmung des größeren Teils des Buches an den Mond

10 der Pfarrer und sein dürrer Gaul – warum er ein so schlechtes Pferd reitet – warum er die Lizenz der Hebamme bezahlt hat – was die Leute dazu sagen

11 Pfarrer heißt Yorick, Familie stammt aus Dänemark (mit Hofnarr aus „Hamlet“ verwandt); ein harmloser, unerfahrener Mann, der gern Witze (auch über andere) macht

12 Freund warnt ihn vor leichtsinnigem Spotten, zu spät: Verspottete rächen sich an ihm; Besuch des Eugenius beim sterbenden Yorick, sein Grabstein – mehrere Anspielungen auf den „Don Quijote“

13 über den Ruhm der Hebamme

14 wieso der Autor nur langsam beim Schreiben vorankommt

15 Klausel des Ehevertrags seiner Eltern über das Recht der Mutter auf eine Entbindung in London – weshalb Tristam wegen einer unbegründeten Londonreise mit platter Nase zu Hause geboren wurde

16 Rückkehr von der unbegründeten Londonreise im Zorn

17 Ankündigung des Vaters bei der Zeugung, seine Frau werde nicht in London entbinden

18 frühzeitige Suche der Mutter nach einer Hebamme; Sorgen des Vaters, v.a. wegen der Landflucht nach London; die Mutter setzt die Hebamme als Helferin gegen den Vater durch; über Tristams Verhältnis zu Jenny

19 des Vaters Einschätzung von Vornamen, seine rhetorischen Fähigkeiten; er verachtet den Namen Tristam

20 ob man ungeborene Kinder taufen kann – Reflexionen über das Lesen; das Gutachten der Sorbonne von 1733; Vorschlag, alle Homunkuli direkt nach der Trauung bedingungsweise zu taufen

21 über das englische Klima – Onkelt Toby, ein Original, äußerst züchtiger Mensch; er mag nichts von Tante Dinahs Affäre hören (anders der Vater)

22 Tristam: im Leben und Schreiben von Digressionen (Verzögerungen) bestimmt

23 über die Erkenntnis eines Charakters und seine Darstellung

24 Zusammenhang Steckenpferd – Charakter

25 über die Verwundung Onkel Tobys an der Leiste, sein Krankenlager

Zweites Buch

1 Toby erzählt von der Belagerung von Namur (1695); er bekommt einen Plan der Festung

2 über den Grund der Verwirrung in Tobys Erzählungen: der ewig schwankende Gebrauch der Wörter

3 wie die Erforschung von Befestigungen Tobys Leidenschaft wurde

4 nach vier Jahren Studium von Festungsanlagen will Toby gesund werden

5 Aufbruch Tobys nach Shandy-Hall, wo er ein Haus mit Land besitzt; Diener Trim schlägt vor, dort selber Befestigungen zu bauen

6 die Mutter schickt nach der Hebamme, der Vater nach dem Arzt

7 Vater schickt sich an, Toby die Anatomie der Frau zu erklären

8 über die Dauer des erzählten Geschehens und des Erzählens

9 Diener Obadiah trifft Dr. Slop vor der Tür, der fällt vom Pferd

10 Dr. Slop trifft im Haus ein

11 Er hat seine Instrumente nicht bei sich.

12 Toby ergeht sich in Feinheiten der Fortifikation; der Vater beschimpft ihn, sie versöhnen sich

13 kurz über die Praxis des ehelichen Beischlafs

14 über den Segelwagen des Stevinus

15 Trim hat des Buch des Strevinus geholt, aus dem eine Predigt herausfällt

16 Trim soll sie vorlesen

17 Trims Körperhaltung dabei; Predigt zu Hebr 13,18; Trim beginnt zu lesen – Trims Bruder ist von der Inquisition verhaftet – über das gute Gewissen; die Predigt wird mit Unterbrechungen vorgelesen – über Selbstbetrug und über den Katholizismus; es ist Yoricks Predigt

18 Dr. Slop wird informiert, dass er der Hebamme nur assistieren darf.

19 philosophische Überlegungen des Vaters, in Verbindung mit dem Problem der richtigen = gehirnschonenden Methode des Gebärens; der Kaiserschnitt, vom Vater gelobt, von der Mutter abgelehnt

https://de.wikipedia.org/wiki/Leben_und_Ansichten_von_Tristram_Shandy,_Gentleman (knapp)

https://en.wikipedia.org/wiki/The_Life_and_Opinions_of_Tristram_Shandy,_Gentleman (engl., umfangreich)

http://www.klassiker-der-weltliteratur.de/tristram_shandy.htm (Zusammenfassung, kurz)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/wp-content/uploads/2015/10/Sterne_TristramShandy.pdf (kurze Analyse)

http://www.ndr.de/kultur/buch/Laurence-Sterne-Leben-und-Ansichten-von-Tristram-Shandy-Gentleman,weltliteratur190.html (Würdigung)

https://www.rezensionen.ch/laurence_sterne_tristram_shandy/303691174X/ (dito) = http://literaturkritik.de/id/10410

http://www.frankfurter-hefte.de/upload/Archiv/2013/Heft_11/PDF/2013-11_kesting.pdf (dito)

http://www.satt.org/literatur/07_01_sterne.html (dito)

http://www.br.de/radio/bayern2/inhalt/hoerspiel-und-medienkunst/hoerspiel-tristram-shandy-100.html (Hörbuch)

http://www.br.de/radio/bayern2/inhalt/hoerspiel-und-medienkunst/hoerspiel-sterne-tristram-shandy-gentleman-100.html (dito? Hörspiel)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/tristram-shandy-5100/1 (Text, Ü. A. Seubert, 1880)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Sterne,+Laurence/Roman/Tristram+Shandy/Erster+Band (dito, Ü. ?)

Um einen Eindruck vom Text zu vermitteln: Ich habe (allerdings in der modernen Walter-Übersetzung) eine köstliche Passage über den Nutzen der Hilfsverben gefunden. Tristams Vater hat sich Gedanken über die Erziehung seines Sohnes gemacht, hält sie in einem Buch fest und trägt sie hier seinen staunenden Zuhörern vor. Ich gebe sie leicht gekürzt wieder:

Ich bin überzeugt davon, Yorick, fuhr mein Vater fort, indem er halb las, halb frei sprach, daß es auch in der intellektuellen Welt eine nordwestliche Durchfahrt giebt, und daß die Seele des Menschen einen kürzeren Weg einschlagen kann, um zum Wissen und zum Erkennen zu gelangen, als den gewöhnlichen. – Aber ach! nicht neben jedem Acker läuft ein Fluß, oder ein Bach – nicht jedes Kind, Yorick, hat einen Vater, der ihm diesen Weg zeigen könnte.

Das Ganze beruht – dies sagte mein Vater mit leiserer Stimme – auf den Hülfszeitwörtern.

Hätte Yorick auf Virgils Natter getreten, er hätte nicht erschrockener aussehen können. – Ich erstaune selbst darüber, rief mein Vater, der es bemerkte, und halte es für einen der beklagenswerthesten Uebelstände unseres Bildungsganges, daß die, welchen die Erziehung unserer Kinder anvertraut ist, deren Geschäft es sein sollte, ihren Geist zu entwickeln und ihn mit Ideen zu befruchten, damit die Einbildungskraft sich frei bewege, bis jetzt so wenig Nutzen von den Hülfszeitwörtern gezogen haben, wie es der Fall ist, mit Ausnahme etwa von Raymond Lullius und dem ältern Pellegrini, welcher Letztere sich in dem Gebrauche derselben bei seinen Gesprächen eine solche Fertigkeit erworben hatte, daß er einen jungen Mann in wenigen Lehrstunden dahin bringen konnte, über jeden beliebigen Gegenstand ganz plausibel pro und contra zu reden und Alles, was darüber gesagt oder geschrieben werden konnte, zu sagen oder zu schreiben, ohne sich in einem Worte verbessern zu müssen, worüber Alle, die es sahen, erstaunt waren.

Ich möchte das gern ganz begreifen, unterbrach Yorick meinen Vater. – Sie sollen es, erwiederte dieser. – Die höchste Anwendung, deren ein Wort fähig ist, ist als bildlicher Ausdruck, – wodurch meiner Ansicht nach die Vorstellung gemeiniglich eher abgeschwächt, als verstärkt wird – doch lassen wir das; hat nun der Geist diese Anwendung davon gemacht, so ist die Sache zu Ende; – Geist und Vorstellung sind mit einander fertig, bis eine zweite Vorstellung auftritt u.s.w.

Nun sind es aber die Hülfsverben, welche die Seele in den Stand setzen, das ihr zugeführte Material selbstständig zu behandeln, und durch die Beweglichkeit der großen Maschine, um die es läuft, neue Wege der Untersuchung zu eröffnen und jede einzelne Vorstellung millionenfach zu vervielfältigen.

Sie erregen meine Neugierde im höchsten Grade, sagte Yorick. […]

Die Hülfsverben, von denen hier die Rede ist, fuhr mein Vater fort, sind sein, haben, werden, mögen, sollen, wollen, lassen, dürfen, können, müssen und pflegen in den verschiedenen Zeiten der Gegenwart, Zukunft oder Vergangenheit und in Verbindung mit dem Verbumsehen angewandt. Als positive Frage: Ist es? Was ist es? Kann es sein? Konnte es sein? Mag es sein? Mochte es sein? – Als negative Frage: Ist es nicht? War es nicht? Soll es nicht sein? – Oder affirmativ: es ist – es war – es muß sein, – oder chronologisch: Ist es je gewesen? Kürzlich? Wie lange ist es her? – oder hypothetisch: Wenn es war? Wenn es nicht war? Was würde daraus folgen? Wenn die Franzosen die Engländer schlagen sollten? Wenn die Sonne aus dem Thierkreis treten würde?

Würde nun eines Kindes Gedächtniß durch den rechten Gebrauch und die rechte Anwendung dieser Formen geübt, fuhr mein Vater fort, so könnte keine Vorstellung in sein Gehirn eintreten, und wäre es auch noch so unfruchtbar, ohne eine unendliche Menge von Begriffen und Folgerungen daraus zu ziehen. – Habt Ihr schon einmal einen weißen Bären gesehen? rief mein Vater und kehrte sich rasch nach Trim um, der hinter seinem Stuhle stand. – Nein, Ew. Gnaden, erwiederte der Korporal. – Aber Ihr könntet darüber reden, Trim, sagte mein Vater, wenn es sein müßte? – Wie wäre denn das möglich, Bruder, sagte mein Onkel Toby, wenn er nie einen gesehen hat. – Das brauch‘ ich gerade, erwiederte mein Vater, Du sollst sehen, daß es möglich ist:

Ein weißer Bär! Sehr wohl, habe ich je einen gesehen? Könnte ich jemals einen sehen? Werde ich jemals einen sehen? Dürfte ich jemals einen sehen? oder – sollte ich jemals einen sehen?

Ich wollte, ich hätte einen weißen Bären gesehen! (wie könnte ich mir sonst einen vorstellen?)

Sollte ich einen weißen Bären sehen, was würde ich dazu sagen? Wenn ich nie einen weißen Bären sehen sollte, was dann?

Wenn ich nie einen weißen Bären habe sehen können, sollen, dürfen, – habe ich vielleicht ein Fell von ihm gesehen? Habe ich einen abgebildet, geschildert gesehen? Habe ich je von einem geträumt?

Haben mein Vater, meine Mutter, mein Onkel, meine Tante, mein Bruder oder meine Schwestern je einen weißen Bären gesehen? Was würden sie darum geben? Wie würden sie sich dabei betragen? Wie würde der weiße Bär sich dabei betragen? Ist er wild? zahm? schrecklich? struppig? glatt?

Ist es der Mühe werth, einen weißen Bären zu sehen?

Oder eine weiße Bärin?

Ist es keine Sünde?

Ist es besser, als eine schwarze?

(5. Buch, Kap. 42 und 43, bzw. in der hier benutzen Ausgabe http://www.zeno.org/Literatur/M/Sterne,+Laurence/Roman/Tristram+Shandy: Zweiter Band, Kap. 42 und 43)

Der Fragekatalog erinnert mich übrigens an den sogenannten Beichtspiegel, mit dessen Hilfe wir als Kinder (analog die Erwachsenen) vor der Beichte unser Gewissen zu erforschen hatten, damit auch nur ja keine Sünde übersehen würde.

Diderot: Jakob und sein Herr – erneut gelesen

Erneut habe ich Diderots großen Roman „Jakob (der Fatalist) und sein Herr“ in der Übersetzung von Mylius (1792, Ausgabe it 772, hrsg. von Horst Günther) gelesen; die ist zwar sprachlich manchmal etwas altertümlich, aber in ihren Überarbeitungen auch die das 20. Jh. dominierende Übersetzung. Das heißt nicht, dass die neuesten Übersetzungen nicht gut wären – ich kenne sie nicht, ich besitze halt seit über 20 Jahren das Insel Taschenbuch 772.

Der überaus witzige Roman ist einer der großen Romane der Weltliteratur; es ist die Geschichte von Jakob und seinem Herrn, wobei der Diener Jakob der wahre Herr ist, wie auch in einem Vertrag festgelegt wird:

Jakob. Könnten wir nicht, ohne eben wieder von dieser Sache anzufangen, hundert ähnlichen Fällen durch einen billigen Vertrag vorbeugen?

Herr. Ich bin es zufrieden.

Jakob. Nun, so wollen wir ausmachen: Erstens, daß, weil nun einmal dort oben geschrieben steht, daß ich Ihnen unentbehrlich bin und ich es auch fühle und weiß, daß Sie mich nicht entbehren können – daß ich, sage ich, alle diese Vorrechte so oft werde mißbrauchen dürfen, als sich Gelegenheit dazu bietet.

Herr. Aber Jakob, noch niemals ist ein ähnlicher Vertrag geschlossen worden.

Jakob. Geschlossen oder nicht geschlossen – genug, das ist von jeher geschehen, geschieht noch und wird geschehen, solange die Welt steht. Glauben Sie nicht, daß andere sich, wie Sie, bemüht haben werden, sich diesem Dekret zu entziehen? und halten Sie sich für geschickter als andere Leute? Lassen Sie diesen Gedanken fahren und unterwerfen Sie sich dem Gesetze einer Notwendigkeit, dem zu entgehen nicht in Ihrer Macht steht. Zweitens wollen wir ausmachen: weil es nun für Jakob eine ebenso große Unmöglichkeit ist, sein Übergewicht und seine Gewalt über seinen Herrn nicht zu erkennen, als es für seinen Herrn eine ist, seine Schwachheit nicht einzusehen und seiner Nachsicht zu entsagen; so soll Jakob unverschämt sein und zur Aufrechterhaltung des Friedens sein Herr gar nicht tun dürfen, als ob er das gewahr würde. Denn dieses alles ward dort oben niedergeschrieben, ohne daß sie ein Wort davon wußten, und in eben dem Augenblick dort oben unterzeichnet und besiegelt, wo die Natur Jakob und seinen Herrn hervorbrachte. Es ward dort oben beschlossen, daß Sie den Titel führen und ich im Besitz der Sache sein sollte. Wollten Sie sich gleich dem Willen der Natur widersetzen, so würden Sie doch nichts ausrichten und all Ihr Bestreben vergeblich sein.

Herr. Aber unter diesen Umständen wäre dein Los ja besser als das meinige!

Jakob. Wer streitet Ihnen denn das ab?

Herr. Und ich täte am besten, deinen Platz einzunehmen und dich an den meinigen zu stellen!

Jakob. Wissen Sie, was dann geschehen würde? Sie würden auch den Titel verlieren und die Sache doch nicht besitzen. Lassen Sie uns bleiben, wie wir sind! Wir befinden uns ja alle beide so recht wohl und wollen den Rest unseres Lebens dazu anwenden, ein Sprichwort zu spielen.

Herr. Welches Sprichwort?

Jakob. Jakob hat seinen Herrn am Bändel … Wir werden die ersten sein, denen man es sagt; aber es wird bei tausend anderen wiederholt werden, die mehr wert sind als Sie und ich.

Herr. Das dünkt mich hart, sehr hart!

Jakob. Herr, lieber Herr! Löcken Sie nicht wider den Stachel; er sticht Sie sonst nur noch mehr. Also, das wäre nun zwischen uns ausgemacht.

Herr. Aber wozu bedarf es unserer Einwilligung bei einem notwendigen Gesetz?

Jakob. O, es bedarf ihrer recht sehr! Halten Sie es denn für etwas so Unnötiges, einmal recht klar und deutlich zu wissen, wie man miteinander steht? Alle unsere Fehden und Streitigkeiten sind die ganze Zeit über daher gekommen, daß wir uns noch nie recht offenherzig ins Gesicht gesagt hatten: Sie, daß Sie mein Herr heißen wollten und ich: daß ich Ihr Herr sein sollte. Doch nunmehr ist alles ins Reine gebracht, und jetzt dürfen wir uns nur danach richten und so miteinander fortleben.“

Der Roman besteht u.a. aus den Versuchen Jakobs, seine Liebesgeschichte zu erzählen, wobei er immer wieder unterbrochen wird. Der Ich-Erzähler treibt sein munteres Spiel mit dem Leser und den Figuren, und Jakob beruft sich als „Fatalist“ immer wieder darauf, dass alles so geschieht, wie es in dem großen Buch oben geschrieben steht, weshalb jede Aufregung überflüssig sei. Mit diesem Spruch erinnert Jakob mich an die Figur Candide, die fortwährend bezeugt, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben, nur dass Jakob nicht tumb, sondern ein gewitzter Bursche mit großem Durst ist, ein Plappermaul, ohne den sein Herr nicht leben und überleben könnte.

Wenn ich recht sehe, hat Hegel die Dialektik von Herr und Knecht aus Diderots Roman übernommen – aber egal, Hegel hin oder her, das Buch ist unbedingt lesenswert. Ich habe es gestern und heute erneut gelesen, und ich muss sagen: Es ist besser als die hoch gepriesenen Bücher des Jahres 2016, von denen ich eines (Bakewell: Das Café der Existenzialisten) zu Ende gelesen und ein anderes (Enard: Kompass) mühsam begonnen und dann weggelegt habe. Die großen Klassiker sind nicht zu schlagen.

Zusätzlich zu den Anmerkungen von Horst Günther musste ich für die Mylius-Übersetzung nachschlagen:

Kahm: Schimmel auf gegorenen Flüssigkeiten

bähen: wärmen und trockner

Laubtaler = Ecu (18. Jh.), 6 Livres

Erdfall: durch Einbruch eines Hohlraums entstandene Senke

Maréchaussée: militärisch organisierte Polizeitruppe (bis 1791)

Schußwasser: gegen Entzündung bei Verletzungen angewandt

Beaten: Betschwestern; Angehörige eines dritten Ordens

Tisane = Orgeade: kühlender Trank aus verschiedenen Kräutern

Praktikenmacherinnen: Intrigantinnen

pränumerieren: vorauszahlen

Das Strumpfband der Braut bekommt das Mädchen, das als nächstes heiratet.

Pierre Galet (+ 1757), französischer Dichter und Sänger

Musche: Schönheitspflästerchen

Schmitze: dünne äußerste Schnur an der Peitsche (erzeugt das Knallen)

Bisturi: Skalpell

Polischinell: Figur aus „Der eingebildete Kranke“

Neben Adelung dem Grimm‘schen Wörterbuch war hilfreich: http://www.deacademic.com/ (Zugriff auf viele alte Lexika)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/jakob-und-sein-herr-664/1 (Text, Ü Hanns Floerke, 1921: Mylius leicht modernisiert)

M. Bulgakow: Der Meister und Margarita – gelesen

Im Hotel stand Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ in der Bibliothek; ich habe ihn im Urlaub bei schlechtem Wetter und guter Laune erneut gelesen – zum zweiten Mal nach vielen Jahren. Während ich bei der ersten Lektüre nicht recht den Durchblick hatte, habe ich mich jetzt gewundert, wie schön und leicht der Roman sich liest, auch wenn die russischen Namen mich gelegentlich etwas verwirrt haben. Es ist ein großer Roman, den man ohne weiteres mehrmals lesen kann:

Erzählt wird von einem allwissenden Erzähler (der allerdings manchmal sagt, wovon man nichts wisse, könne man auch nichts sagen) vom Moskau der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, also der Zeit der kommunistischen Diktatur und Planwirtschaft mit ihren Mängeln. Die werden durch den Teufel, der hier Voland heißt und als Magier eine Vorstellung gibt, samt seinem Gefolge satirisch entlarvt, teilweise mit klamaukartigen Wendungen.

Die zweite Geschichte ist die des „Meisters“, eines erfolglosen Schriftstellers, und seiner Geliebten Margarita; sie kann wieder zu dem von ihr getrennten Meister kommen, wenn sie eine Nacht als Ballkönigin des Teufels fungiert – was sie dann auch tut, nachdem sie sich mit Hexensalbe eingerieben und um 10 Jahre verjüngt hat.

Die dritte Ebene beherrscht Pilatus vor und nach seiner Verurteilung Jesu, der in einer ungeliebten Stadt Dienst tun muss; es stellt sich heraus, dass diese Geschichte der Roman des Meisters ist, den er in seiner Verzweiflung verbrannt hat – Voland hat jedoch die Macht, ein Manuskript davon vorzulegen.

Zum Schluss wird nicht nur Pilatus erlöst, sondern auch der Meister und Margarita finden ihr Glück und ihren Frieden – im Tod. Der Teufel verschwindet wieder, aber in Moskau bleiben seine Spuren erhalten.

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Meister_und_Margarita (gute Übersicht)

http://www.zeit.de/1999/31/199931.jh-karahasan_bul.xml (stellt Bezug zu Dante und Goethe heraus)

http://www.marabout.de/Bulgakow/bulgakow.htm (Interpretation)

http://www.sandammeer.at/zeitloses/bulgakow-margarita.htm (mit Interpretation)

https://hegewald.wordpress.com/tag/der-meister-und-margarita/ (begeistert)

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/b/bulgakow-meister-margarita.htm (kritisch gegen die Neuübersetzung durch A. Nitzberg)

http://www.unique-online.de/der-meister-und-margarita-kulturarena2013/5641/ (Interpretation)

http://unaufhoerlicher-anfang.de/essays/michail-bulgakow/ (mehrere Aufsätze des Slawisten Ralf Schröder)

http://www.fb06.uni-mainz.de/russisch/Dateien/Bachelorarbeit_Krailich.pdf (Bachelorarbeit zur Interpretation des Teufels)

http://www.russjahr.de/article/meister-und-margarita-von-mythen-und-fakten (einige Hinweise)

https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Afanassjewitsch_Bulgakow (Bulgakow)

http://www.glanzundelend.de/Artikel/artikelalt/bulgakow.htm (Bulgakow)

https://www.youtube.com/watch?v=RWRzdyL8lXA (Verfilmung, deutsche Untertitel)

https://sites.google.com/site/abge429fafr/adte3461fsg/Der-Meister-und-Margarita.pdf?attredirects=1 (der Text)

S. Twardoch: Drach (2016) – gelesen

Kurz vorzustellen ist der bedeutende Roman „Drach“ von Szczepan Twardoch, Berlin 2016. Der Roman spielt in Schlesien, bis auf wenige Ausnahmen im Milieu der kleinen Leute. Die Erde, in der die polnischen Bergleute wühlen, erzählt von den Menschen, die aus ihr hervorgehen wie die Bäume und die Rehe und deren Säfte wieder in sie zurückfließen, um aufs Neue in irgendwelche Lebewesen hineinzuströmen… so dass letztlich alles Einzelne keine Bedeutung hat: Die Erde weiß alles, aber sie versteht nichts – denn es gibt nichts zu verstehen. Licht und Finsternis gibt es, in Abwandlung eines neutestamentlichen Motivs, aber das Licht kann sich nicht durchsetzen; es wird aus allen möglichen „Gründen“ gestorben und gemordet, was Josef Magnor als Protagonist erlebt und ausführt: wie ein Schwein geschlachtet wird, wie im Ersten Weltkrieg gemordet wird, wie er selber seine junge Geliebte eigenhändig erwürgt und einen ihrer Verehrer erschießt. Neben Josef spielen auch sein Urenkel Nikodem, ein Stararchitekt mit Liebes- und Alkoholproblemen, sowie der alte Pindur, der sich die Perspektive der Erde zu eigen gemacht hat und in der Klapse landet, eine Rolle. Auch die deutsch-polnischen Konflikte in Schlesien nach dem 1. Weltkrieg werden in Parteibildungen und Morden thematisiert. – Die verschiedenen Erzählstränge sind hart geschnitten und gehen ohne Überleitung auch innerhalb eines Kapitels ineinander über.

Weitere Informationen kann man den verschiedenen Rezensionen entnehmen; man liest das Buch leicht, das im Leben „Wichtige“ relativiert sich durch die Lektüre, die einen aber auch deprimieren kann. „Ihr seid der Quell und die Nahrung von allem, das einst geboren wird, und ein jedes ist die Nahrung von jedem. Ihr seid eins. Mit mir und mit euch,“ sagt die Erde. Im ewigen Kreislauf der Lebenssäfte ist alles Einzelne nichts, das etwas zu bedeuten hätte; es kommt wie eine Welle und eilt zum Element zurück (Goethe), ohne dass Gehalt und Form im Geist blieben. Davon kann Szczepan Twardoch allerdings erzählen.

http://postmondaen.net/2016/08/04/szczepan-twardoch-drach-rezension/

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/drach-von-szczepan-twardoch-roman-ueber-schlesien-identitaet-und-sprache-a-1083656.html (gute Übersicht)

https://www.wa.de/kultur/szczepan-twardochs-grosser-roman-drach-6354857.html

http://www.buchrezensionen-online.de/rezensionen/bb/045twardoch.htm

http://culturmag.de/rubriken/buecher/roman-szczepan-twardoch-drach/95038 (gute Übersicht)

http://www.tagesspiegel.de/kultur/drach-von-szczepan-twardoch-lied-von-der-geschundenen-erde/13753972.html (gute Übersicht)

http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/diwan/szczepan-twardoch-104.html (gleiche Autorin)

Joanna Bator: Wolkenfern (2013) – gelesen

Es ist ein zauberhaftes Buch: von Dominika, die man schon aus „Sandberg“ kennt, von ihrem Geschick nach einem schweren Autounfall und vor allem von ihrer Reiselust – sie ist im Aufbruch, sie plant ihre Zukunft nicht, sie lebt im Augenblick und auch in der Vergangenheit. Dazu treffen wir auf ihre Mutter Jadzia, eine typische Frau und Polin, die sich am Ende von sich selbst befreien kann, und auf viele andere, meistens Frauen: in einem bewegten Reigen, in dem auch Napoleons Nachttopf als Vermächtnis von einer Figur zur nächsten wandert, um am Ende in einem Zeitschriftenaufsatz gewürdigt zu werden. Vieles ist surreal erzählt, wie die Geschichte von der großen Sintflut, in die Jadzia mit ihrer Reisegruppe in einem Auto fortgeschwemmt wird, um am Ende als eben die geläuterte daraus wieder aufzutauchen… Ich glaube, Dominika ist eine moderne Schwester des Taugenichts, nur dass die Umwelt Dominikas (v.a. polnische Frauen und ein spaßeshalber angetrauter  amerikanischer Chocolatier, welcher ein Homodingsbums ist)  teils als Kontrastprogramm, teils als Seelenverwandte (Sara mit dem fetten Arsch) viel stärker als beim Taugenichts ausgebaut ist.

Es sind in diesem Roman die Frauen, die das Leben im Guten wie im Schlechten (das ist hier das Philiströse) bestimmen. Man kann den Inhalt eigentlich nicht erzählen, und er ist auch irgendwie nicht so wichtig – wichtig ist die Leichtigkeit des Seins, in die man im Lesen hineingleitet, auch wenn man (in meinem Fall: ich, hier verallgemeinert) die Beziehungen der Figuren nicht immer durchschaut oder wieder vergisst. Man liest voller Sympathie mit Dominka und Grazynka, von der erzählt wird, sie sei schließlich mit einem Japaner liiert und als Geisha gekleidet gesehen worden. Und der Zustand des Glücks auf der griechischen Insel, er ist ein Moment und wird nicht bleiben.

Ich scheue mich nicht zu sagen: Das ist Weltliteratur.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/joanna-bator-wolkenfern-napoleons-nachttopf-12709851.html

http://www.zeit.de/2013/49/joanna-bator-wolkenfern-roman

http://literaturkritik.de/id/18724

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/generationenroman-wolkenfern-von-joanna-bator-ueber-napoleons-nachttopf-a-928013.html

https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/joanna-bator/wolkenfern

https://de.wikipedia.org/wiki/Joanna_Bator (Joanna Bator)

Bators erster Roman „Sandberg“ war auch eine Wucht: https://norberto42.wordpress.com/2015/02/06/joanna-bator-sandberg-besprechung/, der dritte „Dunkel, fast Nacht“ erreicht nicht ganz das Niveau der beiden ersten Bücher, finde ich: https://norberto42.wordpress.com/2017/04/23/j-bator-dunkel-fast-nacht-2016-besprechung/.

Hermann Ungar: Die Verstümmelten (1923), gelesen

Franz Polzer ist Beamter einer Bank, das ist in der Literatur kein gutes Omen. Er ist ein zerbrochener Mensch, zerbrochen von seinem alleinerziehenden harten Vater. Durch Vermittlung eines Bekannten hat er nach abgebrochenem Studium eine Stelle in einer Bank bekommen und sie 16 Jahre mit der Zuverlässigkeit eines Automaten ausgefüllt, wie auch sein freudloses Leben in immer der gleichen Routine abläuft. Neben ihm spielen sein Jugendfreund Karl Fanta, seine Vermieterin, die Witwe Klara Porges, einige Kollegen der Bank, ein Pfleger des später erkrankten Fanta und dessen Ehefrau sowie ein Arzt eine Rolle im Geschehen.

Seine Vermieterin macht sich also an Franz heran, was ihm äußerst unangenehm ist, und wird schwanger – vermutlich von ihm, vielleicht auch nicht; der Arzt protegiert ihn und stattet ihn neu aus, worauf er befördert wird – womit er aber nicht zurecht kommt. Der Pfleger, ein ehemaliger Metzger, ist ein religiöser Spinner, und als Frau Porges das Schutzheiligenbild des hl. Franz verbrennt, ist die Ordnung in Franz Polzers Leben endgültig zerbrochen. Die Frauen sind allesamt Weiber, die Männer Mistkerle – Verdächtigungen, Intrigen, Ängste verwirren das Leben der Menschen, zerstören ihre Beziehungen, und am Ende ist Frau Porges geköpft, vermutlich von Franz: eine schauerliche Parabel einer sinnlosen Welt.

Die Erzählung weist nicht nur viele Wiederholungen, sondern auch einige Brüche auf: So ist zum Beispiel der ehemalige Jugendfreund Fanta plötzlich todkrank, und wie die arme, sexuell übergriffige Wirtin Klara plötzlich von Geldgier getrieben, und zwar erfolgreich getrieben wird, bleibt unklar. Der Roman hätte also wohl noch einmal überarbeitet werden müssen – das Niveau Kafkas hat er trotz des verwandten Vater-Sohn-Konflikts nicht (ganz) erreicht. Katja Petrowskaja hat die Leser der SZ in einer kurzen Empfehlung auf diesen Roman hingewiesen. Man kann das Buch in zwei Stunden im Netz lesen:

http://freilesen.de/werk_Hermann_Ungar,Die-Verstuemmelten,2940,1.html

http://freilesen.de/Hermann_Ungar_Die-Verstuemmelten_1,2940,1.pdf (die letzte Ziffer fortlaufend bis Kap. 17 verändern)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-verstummelten-614/14

http://fictionbook.ru/author/hermann_ungar/die_verstummelten/read_online.html

(alle mit den gleichen Fehlern, also z.B. gelegentlich „Poker“ statt „Polzer“)

Leider ist der Roman im Netzwerk tredition (noch) nicht greifbar: https://tredition.de/autoren/autoren-uebersicht/

Über Hermann Ungar: http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/UngarHermann

Kempowski: Tadellöser & Wolff – Inhalt, Links

Der Roman besteht aus kleinen Episoden; in ihnen tauchen viele Redensarten der Rostocker Bürger auf. So ist z.B. „Tadellöser und Wolff“ eine Umschreibung für „tadellos“, semantisch falsch gesteigert zu „tadellöser“ und dann mit der Bezeichnung der Zigarrenfabrik „Loeser & Wolff“ verbunden zu „Tadellöser & Wolff“. Man kann den „Inhalt“ des Romans nicht nacherzählen, man kann nur eine kurze Übersicht über die Kapitel geben, wobei aufgrund des episodischen Erzählens die Auswahl der genannten Aspekte auch gut anders ausfallen könnte.

1) Umzug der Familie in Rostock, in der Nähe einer katholischen Kirche; man kann St. Jacobi sehen. Familie Kempowski

2) Nachbar Woldemann, dessen Tochter Ute; Hausbesitzer Krause

3) Rostock als Stadt

4) Mit Robert und Schwester Ulla im Kino; die Sonntagnachmittage; Schulfreund Manfred

5) Zur Schule an ausgebrannter Synagoge vorbei; in die Oberschule, bei Lehrer „Hannes“; Schule, Schüler, Lehrer

6) Dicker Krahl als Freund – Spielen bei ihm

7) Mit den Pimpfen auf Fahrt; Erlebnisse und Verletzung

8) Robert, der große Bruder, und seine Freunde; Musik; Ausflug mit Mädchen nach Warnemünde

9) Urlaub im Harz, andere Familien und Gäste; Ausflug

10) Der Krieg kommt in den Alltag, Woldemann ziehen nach Berlin; Vater meldet sich freiwillig als Soldat und wird nicht genommen (Mitglied in der Loge)

11) Großvater väterlicherseits stirbt, Begräbnis, Erbangelegenheiten (Schulden)

12) Walter wird krank (Scharlach); Weihnachten und Winter

13) 1941 – Krieg u.a.; Vater wird eingezogen; eines seiner Schiffe läuft auf eine Mine; verschiedene Bekannte sind gefallen. (Das Sterben geht dann so weiter…)

14) Klavierunterricht, Musikschule, Konzert

15) In der Hitlerjugend-Spielschar; WHW-Sammlung; Feier zu Weihnachten

16) Roberts Freunde bei Kempowski

17) Woldemann im April 1942 aus Berlin zurück; Spiele mit Ute; häufig Fliegeralarm; Ende April erster Angriff auf Rostock, die Folgen; Mutter will weg aus der Stadt.

18) Reisevorbereitung, Mutter fährt mit Walter ab; in Gartz empfängt der Vater sie, sie kommen im Gasthof unter; Fahrt zum Förster Schulz; von KH-Häftlingen darf man nicht sprechen; bei Pastor Vorndran; Heimfahrt nach Rostock, Unordnung und Verluste

19) Sörensen, ihr dänischer Praktikant, wird als Spion verhaftet und wieder freigelassen; seine Erfahrungen mit den Deutschen; er zieht bei Kempowski ein; die Fächer in der Schule; Sörensen kehrt aus Dänemark zurück: ein anderes Land, andere Leute

20) Erkundung der nicht zerstörten Marienkirche

21) Sörensen geht mit Ulla ins Kino, Vater auf Urlaub lamentiert; dann wird doch mit Sörensen geplaudert und gefeiert.

22) Nachhilfe bei „Tante Anna“ (= Frau Kröger); Hordenführer in der HJ (bei „Dienst“ fällt die Nachhilfe aus!); Frauenkränzchen zu Besuch bei Kempowski.

23) Konfirmandenunterricht, der Pfarrer, verschiedene Kirchen

24) Ulla studiert; Sörensens Sicht auf Deutschland; Walter bei Krahl; auf der Suche nach „Aufklärung“; Sörensen wirbt um Ulla, die lernt Dänisch; Weihnachten: Vorbereitungen, Predigt, Feier zu Hause ohne den Vater.

25) Hochzeit im Mai (1943): Vorbereitungen, Verwandte, Trauung – Onkel Richard ist ein strammer Nazi; Festessen, Abfahrt des Paars nach Kopenhagen.

26) Mit Uli Prütter in der Nachhilfe; Mutter hat Magengeschwür, Walter kommt bei Prütter unter, wo der Haushalt viel lockerer als bei Kempowski läuft; Ende der Nachhilfe.

27) Operation der Mutter gelungen, Walter fährt zu Opa de Bonsac nach Hamburg in die Ferien; allein mit dem Opa, Museumsbesuche, Verwandte in Hamburg; Einrichtung des Großvaters, Erinnerungen; Schura, das ukrainische Dienstmädchen; Nachangriff auf Hamburg, Abreise.

28) Walter drückt sich möglichst bei der HJ; ist mit Ulli zusammen, tut „männliche“ Sprüche; tritt lässig auf; Vater wird versetzt, ins Partisanengebiet.

29) Dreharbeiten für einen Film; dandyhaftes Auftreten, Walter ist 14 Jahre alt; die Jungen bauen viel Mist.

30) Sommer 1944: zu von Germitz aufs Land; Ferdinand und seine Familie; frühmorgens raus zum Rauchen; Walter erklärt die Sprüche der Stadt; Ferdinand fährt weg, Walter mit Greta unterwegs; Abend am Kamin; Heimfahrt.

31) Oktober: Urlaub des Vaters, der immer noch auf Beförderung wartet; sein Blick als Militär; Krasemann verhaftet, Robert eingezogen; Vater bietet Walter (15) eine Zigarette an; Pläne für die Zukunft; Erinnerungen; Rostock ist zerbombt; Nazi-Propaganda; Abfahrt des Vaters. – Ein Spruch aus Kap. 31: „Und wie kann man bloß ‚Merkel’ heißen.“

32) Walter zum Pflichtdienst im Herbst 1944: Altpapier usw. sammeln, Kartoffeln aufheben, Bucheckern sammeln; wegen seiner Eigenheiten wird Walter zur Linien-HJ versetzt; der neue Führer redet ihm gut zu; Walter schwärmt für Antje; Jungen überfallen ihn und wollen ihm seine langen Haare stutzen; Vorladung zum Bann; er soll sich die Haare schneiden lassen, statt herumzulungern; Mutter zahlt 50 Mark Strafe, er wird in der HJ degradiert.

33) Walter hat „Magengeschwüre“ – ist kerngesund; Greta von Germitz zu Besuch; im November wird er in die Pflichtgefolgschaft überwiesen (Strafe); an einem Sonntag Übungen, Schleifen, Schikanen; zum Sportpalast kommandiert, unter einem Vorwand entlassen; am Abend im Konzert: eine Labsal!

34) Leben im Krieg, Knappheit; Vorräte anlegen; Januar 1945 russische Offensive; Flüchtlingstrecks, Schule geschlossen; einzelne Flüchtlinge kommen ins Haus.

35) Am 17. Februar wird Walter eingezogen, Kurierdienste für Heinckel; Vorbereitungen für den Endkampf; Anfang März geht das Reisen für Heinckel los; Soldaten setzen sich nach Westen ab; eine fremde Frau im Haus; Großvater de Bonsac ist ausgebombt und kommt, er ist nicht mehr für Hitler; am 22. März ist Musterung [Problem mit der Chronologie: für die vielen Reisen war nicht genug Zeit!], er wird als Sohn von „Körling“ (Spitzname des Vaters) zurückgestellt.

36) Mitte April soll er Medikamente in Berlin holen, dort geht er ins Kino; russische Artillerie beschießt die Stadt, es fährt kein Zug mehr; Walter schlägt sich nach Rostock durch, ist am 25. April zurück.

37) Drei Tage zu Hause; seine Kuriereinheit ist aufgelöst; am 29. April kommen andere Jungen zum Volkssturm; Mutter schlägt die Möglichkeit einer Flucht per Schiff aus; Krause geht weg, auch die dienstverpflichteten Franzosen; flüchtende Soldaten am 30. April; am 1. Mai gibt es bei Kempowski Sekt, auf den gewonnenen Krieg; man spricht von Übergabeverhandlungen; die ersten Russen kommen.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Tadell%C3%B6ser_%26_Wolff_(Roman)

http://literaturlexikon.uni-saarland.de/index.php?id=4221 (die Figuren des Romans)

https://books.google.de/books?id=DdVLCgAAQBAJ&pg=PT8&dq=%22morgens+hatten+wir+noch+in+der+alten+Wohnung+auf+grauen%22&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjRjczT1NLOAhUHAsAKHacRDqsQ6AEIKDAC#v=onepage&q=%22morgens%20hatten%20wir%20noch%20in%20der%20alten%20Wohnung%20auf%20grauen%22&f=false (Text des Romans)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43257845.html (Besprechung, 1971)

http://zettelsraum.blogspot.de/2007/06/walter-kempowski.html (Würdigung, 2007)

http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=ku&dig=2008%2F12%2F04%2Fa0037&cHash=b04c502d821a656fb0c5838a9960f861 (Besprechung 2008)

http://starke-meinungen.de/blog/2010/02/16/%E2%80%9Etadelloser-wolff%E2%80%9C-eine-kritik-des-deutschen-burgertums/ (Besprechung)

http://www.versalia.de/Rezension.Kempowski_Walter.970.html (dito)

http://www.syz.net/docs/kempowski.pdf (kurze Analyse)

https://uu.diva-portal.org/smash/get/diva2:211431/FULLTEXT02.pdf (große narratologische Analyse)

https://www.uni-leipzig.de/~germ/upload/user/stockinger/SS2010/Handout_Tadelloeser2.doc (Analyse)

https://de.wikipedia.org/wiki/Tadell%C3%B6ser_%26_Wolff_(Film)

https://www.youtube.com/watch?v=evBSfog5djA (Film) Inzwischen gibt es auch ein Theaterstück dazu.

https://www.youtube.com/watch?v=1LoWk3UPd20&list=PLXMZnuW27mdC6k1Ct6bNJqXl11zZT0GWI (Film: Ein Kapitel für sich, 1. Teil)

https://www.youtube.com/watch?v=pKUOPnP9Cho&list=PLCQ8wDEjXgxlIMiWLv6wqN9MpoR3QJ6Yy (Film: Ein Kapitel für sich, 2. Teil)

https://www.youtube.com/watch?v=aPw3fP4wxIQ&list=PLNvxXUG7IY-_OqvA5A_YgCPVy5RdyLi4Q (Gespräch mit Kempowski)

http://www.graal-mueritz.de/schriftsteller/kempowski-biografie-und-werk.php (Biografie und Werk Kempowskis)

http://www.zeit.de/online/2007/41/kempowski (Würdigung, zu seinem Tod)

http://www.sueddeutsche.de/kultur/walter-kempowski-gestorben-dank-ihm-ging-es-uns-gold-1.797177 (Nachruf)

http://www.lyrikwelt.de/hintergrund/kempowski-bericht-h.htm (dito)

http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/kempowski-biografie-r.htm (dito)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article127597804/Besessen-vom-eiskalten-Daemon-der-Befragung.html (Plankton, sein letztes Buch)

http://www.kempowski.info/kempowski04.htm (Übersicht: Die deutsche Chronik)

https://www.rostock-heute.de/walter-kempowski-stadtrundgang-rostock/14464 (Kempowski in Rostock)