Saša Stanišić: Herkunft (2019) – vorgestellt

Zumindest einmal will ich den Namen richtig schreiben, auch wenn meine Maschine nicht die jugoslawischen Sonderzeichen fabrizieren kann: Saša Stanišić, ich habe ihn aus dem Wikipedia-Artikel kopiert. Es geht um seinen Roman „Herkunft“ (2019), der eher eine Sammlung einzelner Geschichten denn ein Roman ist. Sie werden durch das erzählende Ich zusammengehalten, das sich als Saša Stanišić ausgibt und großenteils vermutlich auch ist. Es sind Geschichten eines Flüchtlings – Stanisic spricht politisch korrekt lieber von einem Geflüchteten – der nach Deutschland kommt und sich gegen viele Widerstände als anerkannter Flüchtling etabliert, während seine Eltern Deutschland wieder verlassen müssen und die alte Großmutter ohnehin in Visegrad zurückgeblieben ist.

Der zweite Themenkomplex ist eben die besagte Großmutter, die in ihrer Demenz verwunderlich ist und der mit geschätzten 150 Seiten ziemlich viel Platz eingeräumt wird – zu viel, würde ich sagen, da eine demente Großmutter nichts mit dem zu tun hat, was durch den Titel „Herkunft“ thematisiert wird: wie die Herkunft das Schicksal eines Menschen in Deutschland bestimmt, aber nicht bestimmen sollte. „Ich sagte, Herkunft ist Zufall, immer mal wieder, auch ungefragt.“ (S. 178)

Solche Sätze allerdings machen mich stutzig: Wozu diese verquaste Satzbildung, warum „faulten“ die Spieler beim Basketball (S. 194), wozu gibt es den glühend kalten Tag (S. 240 – lassen wir „den Radio hören“ als süddeutsch durchgehen, auch wenn es grausam klingt)? Ist das nicht alles gekünstelt? Und dann der verschwurbelte Tiefsinn: „Sie legten für ihre Toten eine gute Geschichte ein. Der Geschmack des Brunnenwassers ist aus Sprache gemacht. Die Sprache wird weiterfließen. Einer überleben, um zu erzählen. Um zu sagen: Mein Leben ist unbegreiflich.“ (S 286)

Insgesamt findet man in Stanisics Roman ein Buch, das sich leicht lesen lässt; aber man muss es nicht lesen, finde ich, man hat nicht viel verpasst, wenn man es nicht liest. Es gibt mehrere Kapitel, die völlig belanglos sind (z.B.„Diplomatie“, S. 203); „Geschichtenkitt“ (S. 212) ist ziemlich verworrenes Zeug. Der große Schluss („Der Drachenhort“, S. 289 ff.) ist so konzipiert, dass man sich als Leser nach gehöriger Warnung (S. 291) mit der verworrenen Großmutter konfrontiert sieht (S. 293) und je nach gewählter eigener Reaktion zu zehn verschiedenen Enden der Erzählung geführt wird. Das ist ein künstlich erbautes Labyrinth, auf dessen Axiom ich mich nicht eingelassen habe: „… du erschaffst dein eigenes Abenteuer. (…) Du bist ich.“ Nein, das bin ich nicht und will ich auch nicht sein. Mit dem Angebot „Du bist ich“ wird der stillschweigend geschlossene Pakt des Erzählers mit dem Hörer-Leser gebrochen: ‚Ich erzähle dir die Wahrheit und du glaubst mir.‘ Wenn es nämlich zehn mögliche Wahrheiten gibt – bzw. wenn der Autor bewusst macht, dass es beim Erzählen keine Wahrheit, sondern nur Fiktionen gibt – dann ist das einerseits ehrlich und sogar aufklärend; anderseits wird damit die Empathie, mit der man das Flüchtlings-Ich Sascha begleitet hat, als blauäugiger Naivität entsprungen entlarvt. „Bemitleidenswerter Flüchtling? April, April, ich könnte auch ganz anders erzählen, sprich: ‚anderes erlebt haben‘ – wir betreiben hier Unterhaltung!“

Im folgenden Zitat (S. 193) wird diese Position allerdings widerrufen, so dass man sagen muss: Das Angebot der zehn möglichen Enden ist nicht durchdacht, es ist bloß ein modischer Schlenker: „Ich brauche niemandem zu erklären, warum ich dort, wo ich herkomme, nicht mehr bin. Es kommt mir vor, als würde ich genau das aber immerfort tun. Fast entschuldigend auch. Auch mir selbst gegenüber. Es kommt mir vor, als stünde ich wegen der Geschichte dieser Stadt, Visegrad, und wegen des Glücks meiner Kindheit in einer Schuld, die ich mit Geschichten begleichen muss. Es kommt mir vor, als meinten meine Geschichten diese Stadt sogar dann, wenn ich nicht über sie schreiben will.“ (S. 193)

Die begeisterten Rezensionen des Buches lassen mich ratlos zurück, ich bin von anderen Büchern begeistert. Und ob jemand nach der Lektüre seine Einstellung gegenüber den „Fremden“ ändert, bezweifle ich: Die Autoren des Feuilletons leben in ihrer eigenen Welt.

(Version vom 24. Juni 2019)

https://www.spiegel.de/kultur/literatur/herkunft-von-sasa-stanisic-ein-superbuch-a-1258440.html

https://www.zeit.de/2019/12/herkunft-sasa-stanisic-roman-autobiografie

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article190665023/Herkunft-von-Sasa-Stanisic-Von-Bosnien-nach-Deutschland.html usw.

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Gabriele Tergit: Effingers (1951 / 2019) – gelesen

70 Jahre deutscher Geschichte, 1878 – 1948, spiegeln sich in den Schicksalen der jüdischen Familien Goldschmidt und Effinger, eines Bankiers und eines Uhrmachers. Am 4. April 2019 erschien die begeistere Rezension Jens Biskys in der SZ, wenige Tage später war der Roman vergriffen, zehn Tage später lag er wieder vor, so dass ich ihn kaufen und lesen konnte: Es ist ein großer Roman, der das Leben von vier Generationen umfasst, von rund 30 Personen, die allesamt ihre Eigenheiten haben und sich im Lauf der Jahre ändern oder auch nicht ändern. Wir begegnen den national gesinnten Menschen im Kaiserreich und der dumpfen Vormacht der Militärs; wir erleben die Krisen der neu gegründeten Fabrik der Effingers, den Ersten Weltkrieg und die schrecklich-schönen Jahre der Weimarer Republik, den Aufstieg der Nazis, geschäftliche und künstlerische Karrieren und persönliche Pleiten, die sozialen Zwänge in den besseren Familien, die Unterschiede zwischen der Großstadt Berlin und dem Leben auf dem Land in Süddeutschland, zahlreiche Hochzeiten, Geburten und Todesfälle, und in den ganzen Jahren immer wieder den Antisemitismus, der bei den Nazis in Enteignung, Brandstiftung und Mord endete.

Die Figuren sind mit klarem Blick gezeichnet: „Sie brauchte zur Wahl jedes Nachthemds länger als zur Wahl ihres Bräutigams.“ (Sofie, vor ihrer missglückten Hochzeit, erinnert wie vieles im Buch an „Buddenbrooks“)

Lotte merkte: Wer gewissenlos war und eine modulationsfähige Stimme hatte, konnte die Menschen führen, wohin er wollte.“

Sie bauen keine Häuser mehr“, sagte Annette [1925]. „Sie wollen Zwei- und Dreizimmerwohnungen, Autos und Reisen. Es liegt ihnen nichts mehr an einem schönen Heim.“

Die Juden haben das Geld und sind Kommunisten. Die Juden morden kleine Kinder und zerstören den Ladenbesitz. Die Juden sind vor allem machtlos, und infolgedessen kann man sie ungestraft angreifen, und angreifen ist die Hauptsache.“

Eine wichtige Situation ist die, als Paul im Gefängnis in der Bibel Jesaja 10,13 ff. liest: „Und so sprach er: Durch die Kraft meiner Hand habe ich solches getan, weil ich so klug bin; darum habe ich die Grenzen der Völker verrückt, ihre Schätze geplündert und mich als Helden erwiesen…“ Und Paul weiß, dass es so war und so sein wird.

https://www.sueddeutsche.de/kultur/effingers-gabriele-tergit-rezension-1.4388556 (Jens Bisky)

https://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-03/verlage-romane-wiederentdeckungen-tergit

https://saetzeundschaetze.com/2019/04/07/gabriele-tergit-effingers/

https://www.diebuchbloggerin.de/das-literarische-quartett-die-buecher-der-sendung-am-1-maerz-2019/

Maya Angelou: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt (1969) – vorgestellt

Warum fesseln uns die Geschichten der Unterdrückten? Sind es die Gefahren, die sie zu bestehen haben, oder ist es ihr Kämpferherz, das uns beeindruckt? Maya Angelou, eigentlich Marguerite A. Johnson (1928-2014), war eine bedeutende Figur der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. In ihrem 1969 veröffentlichten Buch „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ (deutsch 1980), erzählt sie ihre Lebensgeschichte im Alter von drei bis 17 Jahren: wie sie von ihren geschiedenen Eltern zusammen mit ihrem Bruder zur Oma geschickt wurde, wie sie die Demütigungen der Schwarzen in den USA am eigenen Leibe erlebte, wie sie durch den Zusammenhalt der Familie und die Religion ihrer lebenstüchtigen Großmutter geprägt wurde, wie sie langsam (und manchmal zu heftig und schnell) in die Sexualität eingeführt wurde, wie sie um ihre Selbständigkeit kämpfte und noch als gute Schülerin Mutter wurde…

Es ist ein bewegendes Buch. „In ihren zarten Jahren wird die schwarze Frau von allen Kräften der Natur heimgesucht. Sie gerät in ein dreifaches Kreuzfeuer von Vorurteilen: des unlogischen weißen Hasses, der schwarzen Ohnmacht und des männlichen Chauvinismus.“ Maya Angelou hat dieses Kreuzfeuer bestanden.

Rezensionen:

https://wortgelueste.de/angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/

https://www.deutschlandfunk.de/maya-angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt-von.700.de.html?dram:article_id=440735

https://www.54books.de/angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/

https://motivationsgeschichten.com/2012/04/09/maya-angelou-weiss-gefangene-vogel-singt-13420993/

https://www.54books.de/54readsma-maya-angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/

die Autorin:

https://de.wikipedia.org/wiki/Maya_Angelou

A. Uzarski: Möppi. Die Memoiren eines Hundes (1921) – kurz vorgestellt

Adolf Uzarski, 1885 in Duisburg geboren, war in der Weimarer Republik als Maler und Schriftsteller eine feste Größe in der Düsseldorfer Kunstszene. Sein Roman „Möppi“ (1921) stellt die Memoiren eines Düsseldorfer Hundes dar, in denen aus der Hundeperspektive das Leben der Menschen im und nach dem Weltkrieg betrachtet wird. Das Buch lebt vom gleichen Humor, den es auch bei Herbert Knebel, dem Ohnesorg-Theater oder bei Millowitsch gibt, also von der Komik der Stereotypen. Dabei fallen einige besonders Eingebildete wie etwa Oberlehrer Dr. Kuhbach besonders heftig auf die Nase.

Fazit: Speziell in der Umgebung Düsseldorfs kann man Möppis Memoiren (350 Seiten) auch heute noch lesen, wenn man diese Art von Humor mag; die Heute-Show ist schließlich auch kaum besser.

https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Uzarski

http://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/adolf-uzarski/

https://www.google.de/search?hl=de&tbm=isch&source=hp&biw=1865&bih=974&ei=XPCxXJvgLY6imwXBz764DA&q=adolf+uzarski&oq=Uzarski&gs_l=img.1.1.0j0i5i30l3j0i24.1485.4026..6525…0.0..1.205.761.4j2j1……2….1..gws-wiz-img…..0..0i30j0i10i24.93K5SX31FG0

I. Turgenjew: Väter und Söhne – vorgestellt

Turgenjews Roman „Väter und Söhne“ (1861, deutsch 1869) ist eine Art Parabel von der Heimkehr der verlorenen Söhne. In ihr wird vom Weg zweier Freunde erzählt, die nach dem Studium in ihre Heimatdörfer zurückkehren, Arkadij und Basarow. Arkadij steht unter Basarows Einfluss, der ihn zu einem „Nihilisten“ gemacht hat – einem, der sich gegen alle Autorität, alles Hergebrachte einschließlich Liebe und Ehe wendet und nur anerkennt, was seiner Prüfung standhält.

Arkadij ist Sohn eines kleinen Adeligen, der seine Güter mehr schlecht als recht verwalten lässt; nach dem Tod seiner Frau lebt er mit der jungen Fenitschka zusammen, sie haben einen kleinen Sohn. Außerdem lebt sein Bruder Pawel bei Ihnen, der ihm gelegentlich finanziell unter die Arme greift. Basarows Vater ist ein ehemaliger Regimentsarzt, der als Bauer und Heilpraktiker wirtschaftet. Basarow betreibt intensiv wissenschaftliche Untersuchungen, er ist Mediziner.

Die beiden jungen Männer leben nach der Heimkehr teilweise zu Hause, teilweise bei der schönen Frau Odinzowa, einer jungen Witwe, die ein großes Gut geerbt hat, und ihrer Schwester Katja. Daneben gibt es noch die aufgekratzte „moderne“ Frau Kukschina und den Taugenichts Sitnikow nebst einigen weiteren Nebenfiguren, die wir nicht zu beachten brauchen. Arkadij und Basarow entfremden sich voneinander, was auch an ihrer Verehrung der Frau Odinzowa liegen mag, die sich stärker zu Basarow hingezogen fühlt, um ihn dann doch abzuweisen – resp. er sieht selber, dass sie ihn nicht lieben kann, und geht fort, während Arkadij sich zu ihrer Schwester Katja hingezogen fühlt.

Als Basarow in einer einsamen Stunde Fenitschka küsst, wird er von Pawlow beobachtet; der fordert ihn zum Duell auf und wird dabei verletzt. Damit neigt sich das Geschehen dem Ende zu: Die beiden Freunde wissen, dass sie einander fremd geworden sind. Arkadij heiratet Katja und übernimmt die elterlichen Güter, er hat sich durch Katjas Einfluss verändert und seinen Frieden mit der Familie gefunden; sein Vater heiratet Fenitschka, Pawlow zieht fort. Basarow wird nach einigen Wirren Gehilfe seines Vaters und arrangiert sich so mit ihm; bei einer Obduktion steckt er sich an einem Toten an, der an Typhus gestorben war, und geht ebenfalls dem Ende entgegen: „Ja, verneine einer einmal den Tod! Er verneint euch; damit ist alles gesagt.“

Im 28. Kapitel gibt der Erzähler noch einen Ausblick auf das weitere Schicksal der Hauptpersonen, wobei der letzte Blick auf das Grab Basarows fällt und er im Hinblick auf dessen traurige Eltern fragt: „Ist es möglich, daß ihre Gebete, ihre Tränen vergeblich wären?“

https://www.zeit.de/1980/36/vaeter-und-soehne

https://www.deutschlandfunk.de/iwan-turgenjew-vaeter-und-soehne-ueber-liebesverwirrungen.700.de.html?dram:article_id=410525

https://www.belletristik-couch.de/titel/3094-vaeter-und-soehne/

https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%A4ter_und_S%C3%B6hne

https://de.rbth.com/kultur/81177-vaeter-und-soehne-warum-turgenjew-lesen

https://www.ndr.de/kultur/buch/Iwan-Turgenjew-Vaeter-und-Soehne,weltliteratur192.html

https://www.horst-juergen-gerigk.de/aufs%C3%A4tze/turgenjew-heute/ (Turgenjews Bedeutung)

http://www.glanzundelend.de/Red17/t17/iwan_sergejewitsch_turgenjew.htm (dito)

https://archive.org/details/idealeundwirklic00kropuoft/page/108 (Kropotkin über Turgenjew, speziell S. 127 ff.)

https://archive.org/details/bub_gb_i20hAAAAMAAJ/page/n153 (E. Borkowsky über Turgenjew, speziell S. 147 ff.)

Text des Romans: https://archive.org/details/vterundshne00turg/page/n5; mit der Eindeutschung des russischen Namens ergeben sich auch die Schreibweisen Turgenev und Turgenjeff. 

Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (1777 ff.)

Lohnt es sich heute noch, Johann Heinrich Jung-Stillings „Lebensgeschichte“ zu lesen? Sie ist in mehreren Teilen ab 1777 erschienen; der erste Teil wurde von seinem Freund Goethe herausgegeben. Bei zeno.org stehen nur die ersten drei Teile: Heinrich Stillings Jugend, Heinrich Stillings Jünglings-Jahre, Heinrich Stillings Wanderschaft (http://www.zeno.org/Literatur/M/Jung-Stilling,+Johann+Heinrich/Autobiographische+Schriften); Gutenberg-Spiegel bietet auch noch einen Teil des vierten Bandes – das alles zeigt, dass heute doch größere Reserven gegenüber den Schriften Jung-Stillings bestehen.

Bereits sein Charakter gefällt mir nicht ganz, „jede Ironie, und jede Satyre, war ihm ein Gräuel, alle anderen Schwachheiten konnte er entschuldigen“. Erschwerend kommt hinzu, dass er fortwährend fromme Gedanken hegt und sein Leben unter der Idee erzählt, er sei von Gott auf seinem Weg geführt worden:

So angenehm verflossen dreyzehn Wochen, und ich kann sagen: daß Stilling während der Zeit sich weder seines Handwerks schämte, noch sonsten großes Verlangen trug, davon abzukommen. Um das Ende dieser Zeit, etwa mitten im Julius, gieng er an einem Sonntag Nachmittag durch eine Gasse der Stadt Schauberg; die Sonne schien angenehm, und der Himmel war hier und da mit einzelnen Wolken bedeckt; er hatte weder tiefe Betrachtungen, noch sonst etwas sonderliches in den Gedanken; von ohngefähr blickte er in die Höhe und sah eine lichte Wolke über seinem Haupte hinziehen; mit diesem Anblick durchdrung eine unbekannte Kraft seine Seele, ihm wurde so innig wohl, er zitterte am ganzen Leibe, und konnte sich kaum enthalten, daß er nicht darnieder sunk; von dem Augenblick an fühlte er eine unüberwindliche Neigung, ganz für die Ehre Gottes, und das Wohl seiner Mitmenschen zu leben und zu sterben; seine Liebe zum Vater der Menschen, und zum göttlichen Erlöser, desgleichen zu allen Menschen, war in dem Augenblick so groß, daß er willig sein Leben aufgeopfert hätte, wenn’s nöthig gewesen wäre. Dabey fühlte er einen unwiderstehlichen Trieb, über seine Gedanken, Worte und Werke zu wachen, damit sie alle Gottgeziemend, angenehm, und nützlich seyn möchten. Auf der Stelle machte er einen vesten und unwiderruflichen Bund mit Gott, sich hinführo lediglich Seiner Führung zu überlassen, und keine eitle Wünsche mehr zu hegen, sondern wenn es Gott gefallen würde, daß er Lebenslang ein Handwerksmann bleiben sollte, willig und mit Freuden damit zufrieden zu seyn.

Er kehrte alsofort um, gieng nach Haus, und sagte niemand von diesem Vorfall etwas, sondern er blieb wie er vorhin war, nur daß er weniger und behutsamer redete, welches ihn noch beliebter machte.

Diese Geschichte ist eine gewisse Wahrheit. Ich überlasse Schöngeistern, Philosophen und Psychologen, daraus zu machen, was ihnen beliebt; ich weiß wohl, was es ist, das den Menschen umkehrt, und so ganz verändert.“

Was soll man von einem Menschen halten, der eine lichte Wolke sieht und daraufhin einen unwiderruflichen Bund mit Gott schließt – ohne zu fragen, ob Gott den Bund auch mit ihm schließt – und sich Gottes Führung überlassen will? Und der später selber erkennt, dass die Sache mit der göttlichen Vorsehung eine schwierige Sache ist, und dann doch keine Konsequenzen aus dieser Einsicht zieht? (Vgl. https://also42.wordpress.com/wp-admin/post.php?action=edit&post=2713) Ich kann die Lektüre Jung-Stillings heute nur noch aus Gründen historischer Erkenntnis (Aufstieg armer Leute im späten 18. Jh., Probleme des westdeutschen Pietismus, Bekanntschaft mit Goethe) empfehlen.

Text: http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/jung_lebensgeschichte_1835

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser

Den „Anton Reiser“ (1785-1790) wollte oder sollte ich vor 45 Jahren in meinem Zweitstudium lesen; damals bin ich nicht dazu gekommen, jetzt habe ich das nachgeholt, und ich bereue es nicht. „Anton Reiser“, in vier Teilen ab 1785 erschienen, ist eine große psychologische Studie über die Entwicklung des „Anton Reiser“ genannten Karl Philipp Moritz von der Geburt bis zum Alter von etwa 19 Jahren; die in Kürzeln genannten Namen von Zeitgenossen sind meistens historisch auflösbar. „Es war die unverantwortliche Seelenlähmung durch das zurücksetzende Betragen seiner eigenen Eltern gegen ihn, die er von seiner Kindheit an noch nicht hatte wieder vermindern können. – Es war ihm unmöglich geworden, jemanden außer sich wie seinesgleichen zu betrachten – jeder schien ihm auf irgendeine Art wichtiger, bedeutender in der Welt, als er, zu sein – daher deuchten ihm Freundschaftsbezeigungen von andern gegen ihn immer eine Art von Herablassung – weil er nun glaubte, verachtet werden zu können, so wurde er wirklich verachtet – und ihm schien oft das schon Verachtung, was ein ein anderer, mit mehr Selbstgefühl, nie würde dafür genommen haben. (…) Das Lächerlichwerden ist eine Art von Vernichtung, und das Lächerlichmachen eine Art von Mord des Selbstgefühls, die nicht ihresgleichen hat. – Von allen außer sich gehaßt zu werden, ist dagegen wünschens- und begehrenswert. – Dieser allgemeine Haß würde das Selbstgefühl nicht töten, sondern es mit einem Trotz beseelen, wovon es auf Jahrtausende leben (…) könnte. – Aber keinen Freund, und nicht einmal einen Feind zu haben – das ist die wahre Hölle, die alle Qualen der fühlbaren Vernichtung eines denkenden Wesens in sich faßt.“ Das ist die Quintessenz der Beobachtung der inneren Entwicklung Anton Reisers.

Die Entwicklung Anton Reisers führt dazu, dass er sich, obwohl ein begabter Kerl, in Traumwelten flüchtet, deren letzte das Theater ist, wo er jedoch nicht Fuß fassen kann, weil es keine freien Stellen gibt und weil die letzte Truppe, auf die er seine Hoffnung gesetzt hatte, wegen eines Betrugs des Prinzipals sich aufgelöst hat. So handelt der Roman auch „die wichtige Frage ab, inwiefern ein junger Mensch sich selber einen Beruf zu wählen imstande sei?“

Die Geschichte Anton Reisers ist natürlich als Exempel interessant; denn menschliche Entwicklungen laufen zwar nicht gesetzmäßig, aber doch regelhaft ab, so dass Anton Reiser sowohl zum Selbstverständnis verhilft als auch darauf hinweist, wie man mit anderen (vor allem jüngeren) Menschen umzugehen hat. Im Einzelnen fallen auf:

  • die Überempfindlichkeit Antons infolge früher Demütigungen,
  • der schreckliche Einfluss der pietistischen Spinnereien seiner Eltern und einiger Erzieher,
  • Antons Flucht in Phantasiewelten (Lesewut, predigen, Theaterfieber),
  • seine Begierde nach Ruhm und Beachtung,
  • Kränkungen durch Mitschüler und Lehrer,
  • Flucht in die Einsamkeit und die Natur,
  • bitterste Armut, Todesnähe, Suizidgedanken,
  • eine Vielzahl freundlicher Helfer,
  • wobei die finanzielle Unterstützung durch den Prinzen „gespart“ statt für Anton verwendet wird;
  • das Studium wird nebenher erledigt,
  • Anton verdient Geld durch Nachhilfe,
  • geht aber sorglos damit um (zwecks Anerkennung);
  • er kann nicht glauben, dass eine Frau ihn lieben könnte;
  • es zeigt sich, wie wichtig die Kenntnis fremder Sprachen, der Sprache der feinen Lebensart, die Bildung überhaupt im bürgerlichen Zeitalter, aber auch die Freundschaft und die angemessene Kleidung für junge Menschen sind;
  • er geht von Hannover zu Fuß nach Bremen, Erfurt, Gotha, Leipzig – und steht schließlich dumm da, weil eine Theatertruppe sich aufgelöst hat.

Für die Zeitgeschichte (um 1775) ist wichtig, wie Ende des 18. Jh. einer aus der Unterschicht durch Bildung emporsteigt und wie bedeutsam ihm Shakespeare und Goethes „Werther“ werden. Allgemein ist von Bedeutung, wie Anton beschreibt, wie das Lesen ihm eine neue Welt eröffnet und wie der Entschluss, eine Predigt des angehimmelten Pastors P[aulmann] aufzuschreiben, ihn zu einem verständigen Hören führt. Das Aufschreiben veranlasst ihn dazu, dass er seine Gedanken ordnet, also gliedert, und Zusammenhänge herstellt – kurz, es bewirkt im Alter von 14 Jahren „eine neue Entwicklung seiner Verstandeskräfte“. In der Auseinandersetzung mit Gottscheds Philosophie lernt er, die Übersicht über die Materie nicht aus den Augen zu verlieren – „er schmeckte zuerst die Wonne des Denkens“.

Anton Reiser“ ist ein Klassiker, den zu lesen sich auch heute noch lohnt.

Anton Reiser“:

http://www.einladung-zur-literaturwissenschaft.de/index.php?option=com_content&view=article&id=479%3A11-5-anton-reiser

https://www.zeit.de/1979/47/anton-reiser

https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Reiser

https://klausgauger.files.wordpress.com/2010/11/karl-philipp-moritz-als-sprecher-des-vierten-standes-neu-fur-blog.pdf

https://www.ndr.de/kultur/buch/Karl-Philipp-Moritz-Anton-Reiser,weltliteratur120.html

https://www.mdr.de/kultur/empfehlungen/klassikerlesung-moritz-anton-reiser-100.html

https://www.versalia.de/rez_text.php?nr=1196

https://www.gute-literatur-meine-empfehlung.de/19-jahrhundert/karl-philipp-moritz-anton-reiser/

Karl Philipp Moritz:

https://www.deutsche-biographie.de/sfz65540.html

https://www.deutsche-biographie.de/sfz65540.html#adbcontent

http://www.bbaw.de/forschung/moritz/forum/chronik.html

http://www.sgipt.org/biogr/b_moritz.htm

http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/moritz/nuebel_selbstbeobachter.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Philipp_Moritz

https://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/MoritzKarlPhilipp

https://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/multi_lmno/moritz.html?print

Ingrid Noll: Ehrenwort (2010) – Besprechung

Warum der Roman „Ehrenwort“ heißt, weiß ich nicht: Es geht um eine bürgerliche Familie mit kleinen Dellen; der Vater, Diplomingenieur, ist ein bisschen korrupt, seine Frau, eine Buchhändlerin, geht ein bisschen fremd, die Tochter studiert und ist lesbisch, der Sohn vernachlässigt sein Studium, wird erpresst, klaut Opas Geld und überhaupt… Bewegung kommt in das Geschehen, als der Opa verunglückt und ins Haus zieht. Der Enkel betätigt sich als Pfleger und verliebt sich in eine Pflegerin, Opa kommt wieder auf die Beine, obwohl die Eltern ihn möglichst schnell wieder weg haben wollen – zwei Mordversuche an Opa scheitern, dafür werden zwei Gangster von zwei Frauen ermordet und entsorgt.

Psychologische Wahrscheinlichkeit darf man bei Ingrid Noll nicht erwarten, sondern eine Art „humorvoller“ Unterhaltung; dazu gibt es wie üblich Nörgelei über die Verhunzung der deutschen Sprache, einige vom Opa zitierte lateinische Redensarten, ein bisschen Liebe, ein bisschen Cognac, zum Schluss ist die Familie wieder versöhnt, Sohn Max will Krankenpfleger werden und der Opa stirbt sogar – Max wusste sofort, „dass der Opa mit seinem Latein am Ende war“. Wer bei diesem doppeldeutigen Schluss den Humor des Erzählers nicht spürt, dem ist nicht zu helfen.

Wer die einigermaßen berühmte Autorin Ingrid Noll nicht kennt, hat nicht viel verpasst. Ich habe jetzt zwei ihrer Bücher gelesen, das reicht wirklich.

 

Ingrid Noll: Halali (2017) – Besprechung

Ingrid Nolls „Halali“ (2017) bietet harmlose Unterhaltung für vier Stunden: Studien des Bonner Milieus in den 50er Jahren, in dem zwei junge Frauen („Mädchen“ oder „Fräuleins“ sagte man damals) ihre Zeit mit Arbeit im Innenministerium, Spaziergängen, Tratschen, Spielen und der Suche nach einem Mann verbringen. Dabei wird mehr oder weniger augenzwinkernd erzählt, wie die beiden mit einem angeworbenen Agenten und seinem Führungsoffizier in Verbindung kommen und nicht nur diese beiden töten oder sterben lassen, sondern später auch noch einen dritten, den langweiligen Ehemann der einen; der wird auf einer Jagd erschossen, während der erste Tote Jäger hieß – daher der Titel „Halali“.

Ich-Erzählerin ist eine 82jährige Frau, die genauso alt wie Ingrid Noll ist; sie erzählt ihrer Enkelin Laura bei Besuchen dieses Stück ihrer Lebensgeschichte in Abschnitten, wobei sie die von der Enkelin repräsentierte Gegenwart mit der neugierigen Distanz einer alten Dame betrachtet. Das Beste am Buch sind die trefflichen Milieuschilderungen des Lebens junger lediger Frauen in Bonn in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, in die auch manche altbekannte Scherze eingebaut sind.

J. Littell: Die Wohlgesinnten (2008) – Besprechung

Es ist nicht einfach, eine einzige Meinung über einen Roman von gut 1300 Seiten zu haben, in dem Blut und Scheiße, Cognac und Sperma in Strömen fließen. Der idealistisch überzeugte SS-Mann Dr. Max Aue, Jahrgang 1913, erzählt und reflektiert rückblickend in der Ich-Perspektive sein Leben von Juni 1941 bis April 1945; er war im SD und so direkt für die ordnungsgemäße Ermordung von Juden, Partisanen und anderen „Volksfeinden“ hinter der Front verantwortlich, ohne doch Lust am Töten zu haben – gleichwohl ermordet er noch zum Schluss drei Menschen eher grundlos.

Er ist schwul und lebt seine Sexualität teilweise mit pathologischer Besessenheit aus, lässt aber die ihn liebende junge Witwe Helene nicht wirklich an sich heran. Das hängt damit zusammen, dass er seiner Zwillingsschwester Una seit ihren gemeinsamen heftigen Pubertätsliebesübungen verfallen ist, während die Schwester sich davon distanziert hat und mit dem älteren kranken Baron von Üxküll verheiratet ist (und vermutlich zwei nichteheliche Kinder, ebenfalls Zwillinge, hat, die bei ihrer zum zweiten Mal verheirateten Mutter untergebracht waren, bis diese mit ihrem zweiten Mann in Frankreich ermordet wird).

Das Buch endet damit, dass er im von den Russen eroberten Berlin seinen Freund Thomas, der ihm gerade das Leben gerettet hat, mit einer Eisenstange erschlägt und im verwüsteten Zoo in seiner Traurigkeit zu sich kommt: „Mit einem Mal spürte ich das ganze Gewicht der Vergangenheit, den Schmerz des Lebens und des unerbittlichen Gedächtnisses, ich blieb allein mit dem sterbenden Flusspferd, einigen Straußen und den Kadavern, allein mit der Zeit und der Traurigkeit und dem Leid der Erinnerung, mit der Grausamkeit meiner Existenz und meines künftigen Todes. Die Wohlgesinnten hatten meine Spur wieder aufgenommen.“ (S. 1358 f.) „Die Wohlgesinnten“, das sind die drei Rachegöttinnen des griechischen Mythos (https://de.wikipedia.org/wiki/Erinnyen), die aber in der Auseinandersetzung mit Apollon von Athene eine neue Aufgabe bekommen haben. Sie müssen ihn also schon vorher verfolgt und sein wahnwitziges Leben bestimmt haben – ein Tipp des Erzählers, wie sein Leben zu verstehen ist (die beiden Kriminalbeamten als ihre moderne Entsprechung?). Entgegen diesem Tipp wird auf den letzten 50 Seiten teilweise reichlich surreal erzählt, wie Aue sich zusammen mit Thomas mit einer Kinderbande durch die russischen Linien schleicht, wie er bei einer Ordensverleihung Hitler in die Nase beißt und nicht getötet wird, wie ein hartnäckiger Kriminalbeamter ihn im zerbombten Berlin erneut stellt und dabei vom zufällig hinzukommenden Thomas erschossen wird…

Und das alles muss sich mit dem vertragen, was der Erzähler zu Beginn über sein Schreiben sagt:: „Hier geht es nicht um Schuldgefühle oder Gewissensbisse. Die gibt es natürlich auch, das will ich nicht leugnen, aber mir scheint, die Dinge liegen viel komplizierter. Selbst ein Mensch, der nicht im Krieg war, der nicht töten musste, wird erlebt haben, wovon ich rede.“ (S. 15)

Nicht nur die Vielzahl der Personen, denen Max Aue begegnet, sondern auch die seltsamen Überschneidungen von Wehrmacht, staatlicher Verwaltung und SS nebst ihren zahlreichen Diensträngen machen für mich das erzählte Geschehen so unübersichtlich, dass ich mir 31 Memo-Streifen an besonders eindrucksvollen Stellen ins Buch geklebt habe. Ich finde Littells Versuch, die systematische Vernichtung von Millionen Menschen aus der Sicht eines überzeugten Nazis zu erzählen, jedoch interessant, weil wir bisher nur die neutrale historische Dokumentation und die Erzählungen aus der Sicht der Opfer (Primo Levi, Jorge Semprun und andere) kennen – und vielleicht die Rechtfertigungen verbohrter Nazis, wofür ich aber kein Beispiel weiß, sowie Schlinks verquasten „Vorleser“.

An einem Beispiel möchte ich das moralische Problem des Helden aufzeigen: Seit meiner Kindheit trieb mich der leidenschaftliche Wunsch nach dem Absoluten und nach Grenzüberschreitung; jetzt hatte mich diese Leidenschaft an den Rand der Massengräber in der Ukraine geführt. Ich war immer bestrebt gewesen, radikal zu denken; nun hatten auch der Staat, die Nation die Radikalität und das Absolute für sich entdeckt; wie also hätte ich mich in diesem Augenblick verweigern, Nein sagen und mich stattdessen für die Bequemlichkeit der bürgerlichen Gesetze, die laue Sicherheit des Gesellschaftsvertrags entscheiden können? Das war natürlich unmöglich. Und wenn sich die Radikalität als die des Abgrunds und das Absolute als das absolut Schlechte erwies, so galt es trotzdem – zumindest war ich davon in meinem Innersten überzeugt –, ihnen offenen Auges bis zum bitteren Ende zu folgen.“ (S.137 f.) Das ist eine nicht akzeptable Rechtfertigung: Wer dem Absoluten nachjagt, kann nur das Gute suchen; wenn sich das vermeintlich Gute als das wahrhaft Böse erweist, kann man an ihm als intellektuell Redlicher (als welcher Dr. Aue sich stilisiert, z.B. S. 452) nicht mehr festhalten, muss man (nach Nietzsche) zum „Verräter“ werden (Menschliches, Allzumenschliches I 627 ff.). – Die zitierte Stelle ist intellektuell verlogen, also unglaubwürdig; zumindest in der Rückschau müsste der Ich-Erzähler sich davon distanzieren.

Bei den Soldaten, die schießen, verurteilt der Erzähler diejenigen, denen das Freude macht; die jedoch ihre Aufgabe „aus Pflichtgefühl“ erfüllten und „Freude an ihrer Hingabe“ empfanden, die finden seine Zustimmung (S. 141) – damit lobt er einen Kadavergehorsam („In einem Staat wie dem unseren war jedem seine Rolle zugewiesen: Du bist das Opfer und du der Henker…“, S. 146), der mit dem von ihm vertretenen Kategorischen Imperativ nicht vereinbar ist, nur mit einem Imperativ, der dem Führerprinzip untergeordnet ist, wie Aue das in einem Gespräch mit Eichmann erläutert (S. 791 f.). Die Freiheit bestehe darin, „die Notwendigkeit der Führerbefehle für sich selbst zu verstehen und anzunehmen“, andernfalls bleibe man ein Schaf. (S. 147) „Die Höhere Führung musste diese Probleme natürlich in ihrer Gesamtheit betrachten…“ (S. 142) – das ist dann bloß Geschwafel.

Im Gespräch mit Thomas erklärt Dr. Aue, die Ermordung der Juden sei objektiv sinnlos, „ein Verlustgeschäft, die reine Verschwendung. Das ist alles. Insofern kann es nur einen einzigen Sinn haben: den eines endgültigen Opfers, das uns für immer zusammenschweißt, das uns ein für alle Mals daran hindert, den Rückweg anzutreten.“ (S. 203) Anschließend muss er kotzen, aber davon wird der Gedanke auch nicht besser – er unterschlägt die menschliche Möglichkeit, wieder neu anzufangen; er stammt aus einem unmenschlichen Dezisionismus: Nur der GOTT kann ein für alle Mal „handeln“, wie Aue selber letztlich weiß; denn er rechnet mit der Möglichkeit, dass die Roten mehr Fabriken haben als bisher angenommen. So ist die Rechtfertigung der „Endlösung“ der Akt eines Spielers, der nachträglich einsehen müsste, dass man so hoch nicht pokern darf.

Allen bisherigen Ausführungen widersprechen die Gedanken, die Aue bald darauf äußert: Die Massaker im Osten bezeugten paradoxerweise „die schreckliche, unabänderliche Solidarität der Menschen untereinander“; denn kein Soldat könne eine Frau oder ein Kind erschießen, ohne an die eigene Frau, Schwester oder Mutter und das eigene Kind zu denken – „das alles bewies, dass es den Anderen gibt, dass es ihn als Anderen, als Menschen gibt und dass kein Wille, keine Ideologie, kein noch so großes Maß an Dummheit und Alkohol dieses Band zerreißen kann – dieses überdehnte, aber unzerstörbare Band. Das ist eine Tatsache und nicht bloßes Meinen.“ (S. 210 f.) Dieser Gedanke widerlegt alles, was Aue bis dahin geschrieben hat. Was heißt das? Entweder ist Dr. Aue in seinem Denken nicht klar, ist er ein intellektueller Schwätzer, der blind mit diversen Versatzstücken arbeitet, oder der Autor Littell muss sich diesen Schuh anziehen.

Ein Traum des Dr. Aue und seine Deutung bestätigt diese intellektuelle Unbedarftheit (des einen oder des anderen): Aue träumt also von einem vollkommenen Lager, wie er nach dem Erwachen erkennt (S. 868 f.), und fragt sich dann, „ob es nicht einfach eine Darstellung des sozialen Lebens in seiner Gesamtheit war. Ohne seine billige Verkleidung … bleibt vom menschlichen Leben kaum mehr als das übrig; sobald man sich fortgepflanzt hat, hat man den Zweck der Spezies erfüllt; und was den Zweck des eigenen Lebens angeht, so ist er nichts als Augenwischerei, ein Köder, der uns dazu bringen soll, morgens aufzustehen; doch wenn man die Sache objektiv betrachtete, wozu ich mich imstande glaubte, war die Nutzlosigkeit all dieser Bemühungen offenkundig, genauso wie der Fortpflanzung selbst, da sie nur dazu diente, neue Nutzlosigkeit hervorzubringen. Und so kam mir der Gedanke, dass das Lager selbst, mit seiner strengen Organisation, seiner absurden Gewalttätigkeit und seiner peniblen Hierarchie, womöglich nichts anderes als eine Metapher sei, eine reductio ad absurdum des täglichen Lebens.“ (S. 869) Das ist wieder so ein Gedankensplitter, der sich mit den bisherigen Rechtfertigungen des Judenmordes nicht verträgt – der Gedanke eines Menschen, der zu den Herren und nicht den Sklaven des Lagers gehört.

Iris Radischs (DIE ZEIT) Kritik:

  • literarisch mittelmäßig bis dürftig [stimmt i.W., aber streckenweise spannend]
  • Ich-Perspektive des NS-Täters ist eine Chance, aber
  • das Buch ist nur eine Bibliotheksfantasie und offenbart nicht den Täter als Menschen, [das stimmt]
  • außerdem ist er ein Edelnazi, der einen akzeptablen Nationalsozialismus repräsentiert, [der Relativsatz ist falsch, Dr. Voss entlarvt die Rassentheorie als Unsinn, S. 423 f.]
  • er wird durch das intertextuelle Spiel mit der „Orestie“ des Aischylos veredelt, [stimmt vielleicht – mir wird der Bezug auf die Orestie aber nicht klar!]
  • weswegen Dr. Max Aues Taten als Schicksal, aber nicht als zu verantwortende Entscheidungen dastehen. [Das halte ich für falsch, wenn auch die zu erwartenden Strafen von Aue bloß als Siegerjustiz gesehen werden.]
  • Das ist ein innerer Widerspruch: Wenn man den Täter derart ins Zentrum rückt, muss man ihn auch verantwortlich machen. [Problematisch!]
  • Außerdem hat der Roman keinen Stil, ist sexuell schwülstig und lebt vom Standardvokabular des Horrors, bleibt floskelhaft. [Das stimmt, außerdem hat der Roman oft überflüssige Längen, auch bei den Sexorgien Aues.]
  • Es gibt keinen Grund, ihn zu lesen. [Das ist vorschnell geurteilt – man muss die Ich-Perspektive als Chance begreifen, die zu bedenken ist, auch wenn Littell sie nicht wirklich genutzt hat.]

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/ss-roman-die-wohlgesinnten-der-scherge-in-uns-a-535538.html sowie http://www.spiegel.de/thema/jonathan_littell/

https://www.zeit.de/2008/08/L-Littell-Radisch/komplettansicht (sehr kritisch)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/osteuropa-jonathan-littell-die-wohlgesinnten-1386577.html (sehr kritisch)

https://www.begleitschreiben.net/die-wohlgesinnten/ (sehr ausführlich, sehr kritisch)

https://www.welt.de/kultur/article1677754/Jonathan-Littell-macht-jeden-zum-Nazi.html

http://schwarzaufweiss.online/littell-jonathan-die-wohlgesinnten/ (kritisch, doch positiv)

https://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/DieWohlgesinnten

https://dieterwunderlich.de/Littell-wohlgesinnten.htm (Inhalt ausführlich)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Wohlgesinnten (knappe Übersicht)

 

Eumeniden (Mythologie), Erynnien, Furien, die furchtbaren Rachegöttinnen der griechischen Mythe, Tochter der Nacht, Quälerinnen der Bösen in der Unterwelt, und auf der Oberwelt die verderblichen Machte, welche Seuchen, Hunger, Mord und Krieg verbreiteten. Sie hießen Tisiphone, Megära und Alekto; Andere geben ihre Zahl auf 50 an. Schlangen umringelten ihr Haupt statt des Haares, Schlangen umgürteten sie, Schlangen, Fackeln und Dolche trugen[28] sie in entfleischten Händen; ihr Gesicht war voll tiefer Häßlichkeit, schwarz, ihre Hände bekrallt, doch stellte eine veredelte Kunst später auch die Furien schöner, ja in vollendeter Schönheit voll tiefen Ernstes dar. Wen die Furien verfolgten, der fand keine Ruhe, keinen Frieden; rastlos wurde er umhergejagt von Ort zu Ort, bis er den Tod fand oder freiwillig wählte, oder die »Zürnenden« (Erynnien) sühnte. Neben dem Areopagus zu Athen hatten sie eine geheiligte Grotte.

Damen Conversations Lexikon, Band 4. [o.O.] 1835, S. 28-29.

Permalink: http://www.zeno.org/nid/20001728903

Erinyen (Singular Erinys), die griech. Rachegöttinnen, nach Hesiod entstanden aus den auf die Erde gefallenen Blutstropfen des entmannten Uranos, nach andern Töchter der Nacht oder des Skotos (Dunkels) und der Gäa. Die Dreizahl erscheint zuerst bei Euripides, noch später die Namen Alekto (die nie Rastende), Tisiphone (die Mordrächerin), Megära (die Verargende). Wie ihre Heimat, so ist ihr Aufenthalt die Unterwelt, aus der sie gerufen und ungerufen emporsteigen, um ihres Amtes zu walten. Sie sind die unerbittlichen Rächerinnen jeder Überschreitung der Weltordnung, besonders der Vergehen gegen die Grundlagen der menschlichen Gemeinschaft; so strafen sie die Versündigungen gegen Götter, Eltern und Geschwister, namentlich die Blutschuld, Verletzung des Gastrechts, Meineid etc. auf Erden wie im Hades. Die Phantasie der Dichter stattete sie nach dem Vorgang des Äschylos, der sie zuerst auf die Bühne brachte, mit allen möglichen Schrecknissen aus: von dunkler Hautfarbe, mit schwarzen, nach Jägerinnenart aufgeschürzten Gewändern und schwarzen Flügeln, mit Flammenblicken, Schlangen im Haar und um Leib und Arme, durch giftigen Hauch und Geifer Mißwachs und Seuche verbreitend, Fackeln, Geißel, Stachelstab oder Schlangen in den Händen, hetzen sie unermüdlich die Frevler und versetzen den Getroffenen in Wahnsinn, bis er seine Schuld gesühnt hat. Aber als Hüterinnen des Rechts und Rächerinnen des Frevels galten sie auch als wohltätige Mächte, als Eumeniden (die »Wohlwollenden«); in Attika wurden sie als Semnai (die »Ehrwürdigen«) am Areopag und auf dem Hügel Kolonos verehrt.

Geopfert wurde ihnen des Nachts mit schwarzen Schafen, honiggemischtem Wasser, Milch und Kuchen. Eine Übertragung der griechischen E. sind die römischen Furiae oder Dirae, die gewöhnlich als Quälerinnen der Frevler in der Unterwelt vorgestellt wurden, aber auch auf die Oberwelt kommen, um in Wahnsinn zu versetzen und Verbrechen anzustiften. – Dem Zwiefachen der E. entsprechen in der Kunst zwei Typen, der ältere stellte sie als ehrwürdige, langgekleidete Frauen von ernstem Charakter mit Schlangen in der Hand als Symbol dar; der zweite kennzeichnet sie als die furchtbaren Göttinnen und gibt sie mit Vorliebe in der Tracht von Jägerinnen von mehr oder minder schrecklichem Aussehen (vgl. die Abbild.)

http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

Zur „Orestie“ des Aischylos siehe W. Nicolai: Zum doppelten Wirkungsziel der aischyleischen Orstie (https://publications.ub.uni-mainz.de/opus/volltexte/2011/2638/pdf/2638.pdf, dort v.a. S. 37 ff. zu den „Eumeniden); vielleicht tut man mit der Lektüre dieses großen Aufsatzes Herrn Littell jedoch zu viel der Ehre an.

L. Binet: HHhH – Besprechung

L. Binet: HHhH. Himmlers Hirn heißt Heydrich. rororo 25587

Ein großartiges Buch, das man bis zum Ende mit Freude liest (um S. 250 überkam mich allerdings das Gefühl, allmählich könnte es mit dem Attentat losgehen): Laurent Binet erzählt, wie das Attentat auf Heydrich im Mai 1942 vorbereitet und durchgeführt wurde, wie Heydrich starb und wie die Attentäter schließlich durch Verrat gefunden wurden, sich gegen eine Übermacht verteidigten und schließlich selbst töteten. Um diesen Kern herum werden viele Geschichten ausgebreitet, von Heydrichs Lebenslauf, von seinem mörderischen Wirken, von der tschechischen Exilregierung und ihren Soldaten, und immer wieder von Prag, von Böhmen und Mähren und der Slowakei.

Doch ist Binets Buch nicht nur ein Thriller, sondern es ist zugleich ein reflektierter Roman: Immer wieder macht der Erzähler sich daran, über die Möglichkeit, vergangenes Geschehen wahrheitsgetreu zu erzählen, Gedanken; er bezieht sich auf andere Autoren und ihre Bücher, auf Filme und auf seine eigenen Wünsche – das alles nicht ohne Ironie und mit dem Anspruch, nur Wahres zu erzählen: „Diese Geschichte wird zu meiner persönlichen Angelegenheit. Deshalb vermischt sich meine Vorstellung manchmal mit den tatsächlichen Fakten. Es ist, wie es ist.“ (S. 148) Kapitel 102 kann man als Paradebeispiel für dieses Spiel mit der „Wahrheit“ und mit dem Leser ansehen.

Damit etwas ins allgemeine Gedächtnis übergeht, muss es zunächst in Literatur verwandelt werden. Das mag schäbig sein, aber es ist nun einmal so.“ Soll man mit Binet über diesen Satz streiten? Nein, es ist besser, das ganze Buch zu lesen, um sich im Sinne Binets die Untaten der Nazis noch einmal vor Augen zu führen.

https://de.wikipedia.org/wiki/HHhH

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/laurent-binet-hhhh-wie-die-blonde-bestie-starb-11229062.html

https://www.perlentaucher.de/buch/laurent-binet/hhhh.html

Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion (2018) – Besprechung

Die siebte Sprachfunktion“ ist ein witziger Roman. Unter Sprachfunktionen versteht man die wesentlichen Aufgaben, welche Sprache für die Menschen hat. Der Linguist Jakobson (https://de.wikipedia.org/wiki/Roman_Ossipowitsch_Jakobson#Werk) hat deren sechs identifiziert, vielleicht auch eine siebte, und um diese siebte geht es: um das Performativ oder die Möglichkeit, mit Sprache jeden herumzukriegen oder zu besiegen.

Gesucht wird also Jakobsons Manuskript der Theorie der siebten Sprachfunktion, bzw. dessen Fälschung, um dessen Besitz und Raub… dabei kommen allerlei Menschen zu Tode. Die Ereignisse spielen im Jahr 1980, zunächst in Paris mit seinen Intellektuellen und einigen wichtigen Politikern, dann an verschiedenen Orten mit vielen koksenden Studenten und sexuell freizügigen Menschen. Inspektor Bayard wird vom französischen Präsidenten damit beauftragt, besagtes Manuskript zu finden und den Tod Roland Barthes‘ aufzuklären; er engagiert dazu einen jungen Sprachwissenschaftler, und der erlebt von heißer Liebe über großen Wettkampf bis zur Verstümmelung das pralle Leben.

Besagte Sprachfunktion soll bei zwei Gelegenheiten eingesetzt werden: beim rhetorischen Wettkampf im Logos-Club (mit schlimmen Konsequenzen für die Verlierer) und beim französischen Wahlkampf 1980, den Mitterand gewinnt – und so gehen die Ereignisse ihren Gang, zum Schluss ist der Fall aufgeklärt.

Ich habe das Buch mit Freude gelesen.

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article161767523/Ganz-Frankreich-ist-ein-einziger-Krimi.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/laurent-binets-roman-die-siebte-sprachfunktion-14574555.html

https://www.zeit.de/2017/05/die-siebte-sprachfunktion-laurent-binet-roman-campus

https://www.deutschlandfunk.de/laurent-binet-die-siebte-sprachfunktion-deftige.700.de.html?dram:article_id=378885