Dostojewski: Schuld und Sühne – Inhalt

Die Übersetzung des Titels schwankt zwischen „Schuld und Sühne“ und „Verbrechen und Strafe“, die Schreibweise des Namens zwischen „Dostojewski“, „Dostoevskij“, „Dostojewsky“ und „Dostojewskij“ (mindestens). Ich verzichte darauf, in diesen Streit einzugreifen, und referiere den Inhalt des Romans, wobei ich für mehrere Namen eine Abkürzung einführe; zitiert wird die Übersetzung von Swetlana Geier, weil sie fürs Lesen die handlichste war – zur Problematik des Übersetzens siehe den vorigen Artikel!

Erster Teil

I Raskolnikow (R), ein junger Mann, bei seiner Wirtin verschuldet, geht im Juli zu Aljona Iwanowna und beleiht eine Uhr; danach in eine Kneipe. Er hat etwas vor, wovor er erschrickt.

II Der versoffene Titularrat Marmeladow erzählt ihm seine Geschichte (inklusive Sonja); R bringt ihn nach Hause, der Familie droht unmittelbar der Rauswurf aus der Wohnung.

III Die Magd Nastassja weckt R um 10 h, bringt ihm Tee und einen Brief. Die Mutter schreibt ihm über ihre finanzielle Lage, Dunjas (der Schwester) bevorstehende Hochzeit mit Hofrat Luschin, ihre beruflichen Hoffnungen für R und eine anstehende Reise nach Petersburg, kündigt Geldsendung an. Der Brief erregt R.

IV R reflektiert den Brief und ist absolut gegen die geplante Heirat, weil Dunja sich damit opfere; auf der Straße will er ein betrunkenes Mädchen vor Belästigung schützen – er war auf dem Weg zu Rasumichin (Ras).

V R ist völlig verwirrt, trinkt einen Wodka und schläft ein; Traum vom Pferdchen, das erschlagen wird und dem er nicht helfen kann; er bedenkt den Traum und schreckt vor dem geplanten Mord zurück. Zufällig begegnet er Lisaweta Iwanowna, der Schwester der Pfandleiherin, welche am nächsten ab 18 h nicht zu Hause sein wird … günstig für seinen Anschlag.

VI Vorgeschichte: Wie R ein Wirtshausgespräch mit anhörte, in dem ein Student dafür plädierte, die Pfandleiherin zu ermorden, um mit ihrem Geld Gutes zu tun – Parallele zu seinem Vorhaben. Zu Hause schläft er ein. Nastassja weckt ihn um 10 h und um 14 h; gegen 18 h steht er auf, näht eine Schlinge fürs Beil in den Mantel – Gedanken über die Unzulänglichkeiten der Planung eines Verbrechens; er findet ein Beil und ist gegen 19.30 h an der Wohnung des Opfers.

VII R erschlägt die Alte, sucht Geld und Schmuck, tötet dann auch Lisaweta und entkommt knapp zwei weiteren Kunden, die Geld leihen wollen und die Tür von innen verschlossen finden; unter Mühe entsorgt er das Beil und geht nach Hause.

Zweiter Teil

I R erwacht in der Nacht mit Fieber, sucht Spuren zu beseitigen. Nastassja und der Hausknecht wecken ihn, mit Vorladung zur Polizei; verspätet geht er hin – es geht um eine Geldforderung seiner Vermieterin – er ist beruhigt; R erklärt dem Hauptmann Formitsch die Umstände, wie der Schuldschein zustande gekommen ist; er hat das seltsame Gefühl, alles gestehen zu müssen, Übelkeit – Gespräch der Polizisten über den Mord und mögliche Verdächtige.

II R fühlt sich verfolgt und will den Raub entsorgen; er versteckt die Beute in einer Mauer hinter einem schweren Stein; er ist voller Selbstzweifel geht zu Ras, ohne es zu wollen; er bekommt von einer Frau ein Almosen; zu Hause phantasiert er, Nastassja bringt ihm zu essen und zu trinken; er verliert das Bewusstsein.

III Nach Delirien kommt R am vierten Tag zu sich (Montag, 10 h). Ras ist da, ein Bote bringt Geld, Nastassja Essen; Ras hat über die Wirtin alles von R erfahren und bürgt für den Wechsel – er ist in die Nähe umgezogen und auch mit Bürovorsteher Samjotow bekannt; R erwacht gegen 18 h, Ras hat neue (gebrauchte) Kleidung für ihn besorgt.

IV Arzt Sossimow (Soss) ist da, gibt Ratschläge; unterhält sich mit Ras über den Mordfall und Verdächtige, der lädt zur Feier seines Einzugs in die neue Wohnung ein; Ras entlastet den Verdächtigen psychologisch, konstruiert den Ablauf des Geschehens nach der Tat – R hört ihm dabei zu.

V Ein Fremder tritt auf – Luschin stellt sich vor, neu eingekleidet; er hat für Mutter und Braut eine billige Absteige gebucht; Luschin redet modernes Zeug vom Eigennutz daher; man spricht wieder über den Mord – R wirft Luschin dessen Kalkül, bewusst eine arme Braut zu heiraten, vor – Streit – R wirft Luschin raus; R will allein sein – die anderen bemerken sein Interesse am Mord.

VI R zieht die neuen Kleider an und geht fort, unter die Leute; er trifft in einem Lokal Samjotow (Polizei); R weist Samjotow auf sein eigenes Interesse am Mord hin; er erzählt, was er nach dem Mord gemacht hätte (= wie es wirklich war); er geht, trifft Ras und weist dessen Hilfe brüsk zurück; Ras lädt ihn zur Feier am Abend ein; eine Frau springt ins Wasser, wird gerettet – so nicht, denkt R; er will zum Polizeibüro gehen und landet im Haus der Ermordeten, schaut sich um, zieht die Klingel, will mit Handwerkern ins Polizeibüro gehen, will allein dahin …

VII Unfall – Marmeladow ist unter eine Kutsche geraten; R kümmert sich um ihn, lässt ihn nach Hause bringen; Zuschauer werden verscheucht; Arzt und Priester kommen, ebenfalls Sonja (Tochter, Dirne); Marmeladow bittet um Vergebung und stirbt; R gibt der Frau 20 Rubel und geht; kleine Tochter rennt ihm nach, fragt nach dem Namen – Gespräch und Zuneigung; R wendet sich innerlich um – dem Leben zu; er geht zu Ras – der Arzt gibt ihm ein Pülverchen (und hält ihn für verrückt); Ras deutet ihm den Verdacht der anderen (Mord) an und bringt ihn nach Hause – dort warten Mutter und Schwester auf ihn; R fällt in Ohnmacht.

Dritter Teil

I R besteht darauf, dass Dunja die Verlobung auflöst; er möchte allein sein; Ras organisiert das Weitere – Dunja gefällt ihm; er bringt die Damen in ihr Hotel; später kommt er mit Soss und berichtet über R, beruhigt die Frauen; Ras will dem Arzt R.s Wirtin andrehen; beide bleiben im Haus, um nach R zu schauen.

II Ras erwacht gegen 7 h, hat Gewissensbisse; Gespräch mit Soss über R; Ras geht gegen 9 h ins Hotel und spricht mit den Frauen über R.s ambivalenten Charakter; die Mutter fragt ihn zu einem Brief Luschins, der erst am Abend zu einem Gespräch – unbedingt ohne R – kommen will; gemeinsam gehen sie zu R.

III R ist gewaschen und angekleidet, steht unter Spannung; man spricht vorsichtig über R.s Zustand; R versöhnt sich mit Dunja; alle haben Angst vor R – der steht unter dem Eindruck seines nahenden Endes – große Verlegenheit; Ras gefällt auch Dunja; R streitet mit Dunja über ihre Heiratspläne, er liest Luschins Brief – Dunja bittet R, am Abend ebenfalls zu kommen (gegen Luschins Willen), ebenso Ras; Mutter will „die volle Wahrheit sagen“.

IV Sonja kommt überraschend, lädt R zur Aussegnung und zum Totenmahl ein; Mutter mag Sonja nicht, sie geht mit Dunja zum Mittagessen; R will mit Ras den verliehenen Ring und die Uhr bei der Polizei geltend machen; Sonja geht, ein Fremder folgt ihr – sie wohnen im gleichen Haus; R und Ras gehen zu Petrowitsch, R weist Ras auf seine Verliebtheit hin.

V Bei Petrowitsch, Samjotow ist auch da; R trägt sein Anliegen (Pfandsachen) vor, er soll eine schriftliche Eingabe machen – man hatte erwartet, dass er sich meldet; R wittert überall den Verdacht der Polizisten; man kommt auf das Gespräch des Vorabends (beim Fest) zurück: Ist die sozialistische Theorie des Verbrechens (Protest in maroder Gesellschaft) richtig? Ras: nein! Petrowitsch spricht R auf dessen Artikel über das Verbrechen und die Vorrechte der Außergewöhnlichen an – R erläutert seine alte Idee (350 ff.); Ras ist entsetzt, dass R Morden „aus Gewissen“ erlauben will; Petrowitsch wendet die Theorie auf R.s Selbstverständnis an, Samjotow spielt auf den Mord an, Petrowitsch lädt R zum Gespräch ins Büro ein. Falle: Petrowitsch fragt R nach den Anstreichern im 2. Stock, der hat angeblich nichts gesehen; R und Ras gehen.

VI R spricht mit Ras über den Verdacht der Polizisten und ihr Vorgehen; R geht kurz nach Hause und kontrolliert die Wohnung; ein Fremder hat ihn gesucht – der geht weg und bezeichnet ihn auf der Straße als Mörder; R ist fertig, er legt sich hin; R reflektiert seinen Mord im Licht seiner Theorie: Er hat versagt, hat sich selbst betrogen; R findet sich auf der Straße wieder, er folgt dem Fremden ins Haus der Ermordeten, er ermordet die Frau noch einmal – ein Traum; ein Fremder kommt in sein Zimmer: Swidrigajlow (Swi).

Vierter Teil

I Swi lässt sich nicht wegschicken und redet Unklares – er ist der Mann der verstorbenen Marfa Petrowna (Dunjas Arbeitgeberin); er war Falschspieler, Marfa hat ihn aus dem Gefängnis freigekauft; seine tote Frau erscheine ihm; Swi möchte die Heirat Luschins mit Dunja verhindern – seine Frau hatte die Heiratspläne eingefädelt, er will Dunja mit 10.000 Rubel entschädigen; er möchte Dunja sehen – seine Frau habe ihr 3.000 Rubel vermacht.

II R erklärt Ras, wer Swi ist; sie gehen gegen 8 h zum Treffen, kommen mit Luschin an; der informiert die Frauen über Swis Reise nach Petersburg, macht ihn schlecht; R berichtet kurz von Swis Besuch; Luschin will gehen – Dunja nötigt ihn zu bleiben; Auseinandersetzung der beiden, dann auch mit Mutter und R – Dunja schickt ihn weg, sie will ihn nicht wiedersehen; Luschin macht ihr unverschämte Vorwürfe … Ras will ihn verprügeln, R wirft ihn raus.

III Erzählerkommentar zu Luschins Agieren – der plant für den nächsten Tag; Freude der von Luschin Verlassenen, R berichtet vom Treffen mit Swi; Ras plant die Zukunft: einen eigenen Verlag gründen; bis auf die Mutter stimmen alle zu – R verabschiedet sich für immer; R überträgt Ras die Verantwortung für die Frauen; Ras ahnt die Wahrheit über R – Ras wird den Frauen „Sohn und Bruder“ und tröstet sie.

IV R geht zu Sonja, die verwirrt ist; Sonja erklärt ihr Verhältnis zur Stiefmutter, die in ihrer Not nicht weiter weiß; R sieht deren Tod voraus und fragt nach den Kindern; er küsst Sonjas Fuß; ihre Situation ist ausweglos – warum geht sie nicht ins Wasser? Sie glaubt an Gott; sie war mit Lisaweta befreundet; sie muss ihm die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus (Joh 11) vorlesen; er schlägt Sonja vor, gemeinsam zu gehen, weil sie beide eine Grenze überschritten hätten – auf Gott zu hoffen helfe nicht; er rät „niederreißen und das Leid auf sich nehmen“; er verabschiedet sich auf „morgen“ – Swi hat gelauscht.

V Am nächsten Morgen gegen 11 ist R bei der Polizei; bei Petrowitsch ist die Sache mit den Pfändern schnell erledigt; R ist voller Misstrauen und Hass – er bittet um klare Vernehmung – Petrowitsch plaudert mit ihm – Vortrag über das Vorgehen der Polizei bei Verhör und Verdacht; ein Verdächtiger müsse nicht gleich verhaftet werden, er könne ja nicht fliehen … R fühlt sich provoziert (Petrowitsch trifft psychologisch exakt seine Situation!); er erklärt, dass Petrowitsch ihn als Mörder verdächtige – der bietet ihm Wasser und frische Luft ob seiner heftigen Reaktion an; R leide an Wahnvorstellungen; R wirft ihm vor zu lügen, als Petrowitsch analysiert, wieso R nicht der Täter sein könne; R will in aller Form als verdächtig behandelt werden – Petrowitsch hatte die Bedeutung der Form heruntergespielt; R habe sich klar genug verraten – er habe eine Überraschung für R hinter der Tür.

VI Nach Lärmen draußen kommt Nikolaj, ein junger Mann, ins Zimmer und bekennt sich als der Mörder; R wird weggeschickt – Petrowitsch kündigt ihm ein kleines Verhör an; zu Hause reflektiert R das Gespräch; er will zum Totenmahl gehen, da kommt der Mann von gestern – der entschuldigt sich, er hatte R angezeigt und stand bei Petrowitsch hinter der Tür als Überraschung für R; er geht, R ist zuversichtlich und will kämpfen.

Fünfter Teil

I Am nächsten Morgen setzt Luschin sich mit seiner Abfuhr und seinen Fehlern auseinander; er wohnt bei seinem ehemaligen Mündel Lebesjatnikow (Lebes), der zu den jungen Intellektuellen und Entlarvern gehört – gespanntes Verhältnis der beiden; sie wollen trotz Einladung nicht zum Totenmahl gehen – sie streiten, auch über Sonja, welche Lebes in eine Kommune holen will; er will Sonja „entwickeln“; er holt Sonja – Luschin will angeblich etwas für die Witwe Marmeladow tun; er gibt Sonja 10 Rubel und vereinbart ein Treffen am Abend mit ihr; Lebes fabuliert über freie Liebe und das Ende von „Untreue“ …

II Warum die Witwe wohl eingeladen hat … Die Vermieterin hat den Tisch gedeckt, aber die meisten Eingeladenen fehlen; R kommt und wird hofiert, Sonja kommt von Luschin und entschuldigt ihn; die Witwe palavert zu viel – jemand schickt Sonja zwei aus Brot geknetete Herzen, die Wirtin will ablenken; die Witwe schwafelt von einem geplanten Mädchenpensionat und gerät mit der Wirtin in Streit – da erscheint Luschin.

III Der geht zu Sonja und fordert eine angeblich verschwundene 100 Rubel-Note ein; Sonja weiß von nichts, die Witwe zetert; in Sonjas rechter Tasche ist das Geld, Luschin verzichtet „großmütig“ auf weitere Schritte; Lebes schaltet sich ein und beschuldigt Luschin, den Schein heimlich in die Tasche gesteckt zu haben; Streit; R klärt Luschins Motiv auf: letztlich R diskreditieren; Lebes stimmt ihm zu und schmeißt Luschin raus, Sonja bekommt einen Anfall und geht heim; die Wirtin kündigt Marmeladows auf der Stelle und wirft alles auf den Boden; R geht zu Sonja.

IV Er fordert sie auf, für Luschin über dessen Recht zu leben zu entscheiden; Sonja verzweifelt; er deutet an, dass er selber Lisaweta ermordet hat; Sonja ist verstört, umarmt ihn – sie will zu ihm halten; er ringt mit sich und bekennt: „Ich wollte ein Napoleon werden, darum habe ich gemordet …“ R erklärt, er habe die Alte umgebracht, um ein neues Leben nach dem Studium zu beginnen; Sonja glaubt das nicht; R ringt um eine Erklärung: Der Mensch ändere sich nicht, wer etwas wagt, habe Macht über die Menschen; das viele Denken habe ihn zermartert, er wollte „nur um meiner selbst willen“ morden; probieren, ob er imstande sei, eine Grenze zu überschreiten; R sieht, dass auch er nur eine Laus ist, vom Teufel verführt; Sonja sagt, er solle sich stellen: das Leid auf sich nehmen und dadurch Erlösung finden; R will sich noch wehren – Sonja will ihm ein Kreuz gehen, da kommt Lebes herein.

V Der berichtet, die Marmeladow sei durchgedreht; Sonja rennt weg, R geht nach Hause; Dunja kommt, sie kennt den Verdacht und versichert ihm ihre Solidarität; R geht raus, Lebes informiert ihn, dass die Witwe verrückt geworden ist; Auftritt der Frau mit den Kindern, auch R kann ihr nicht helfen; ein Polizist will sie heimbringen, die Kinder rennen weg, man bringt die gefallene Frau in Sonjas Zimmer – Swi kommt hinzu; sie fantasiert und stirbt; Swi wendet sich an R und erklärt, für die Waisen sorgen zu wollen; Swi will R näher kennenlernen.

Sechster Teil

I R in einer seltsamen Lage, wie im Nebel; Verhältnis zu Swi belastet ihn; Sonja zeigt ihm einmal ihre Zuneigung, sonst ist alles fade; Ras kommt besorgt, R trägt ihm Verantwortung für Mutter und Schwester auf; Dunja hat einen Brief bekommen, der „Mörder“ Mikolka hat gestanden; R traut Petrowitschs psychologischen Erklärungen nicht; der kommt unerwartet zu Besuch.

II Er möchte sich mit R „aussprechen“; er wolle offen reden; er erklärt seinen früheren Verdacht und sein Vorgehen gegen R; Mikolka sei ein guter Mensch und religiöser Phantast, aber unschuldig; beim Mord gehe es „um ein sich an Theorien entzündendes Herz“ (616); er hält R für den Mörder, der bestreitet es vergeblich; Petrowitsch schlägt ein offenes Geständnis vor, er werde ihn in einigen Tagen einsperren; er erklärt die Vorteile eines baldigen Geständnisses; auch nach einer Verurteilung habe er das Leben vor sich; er fürchtet nicht, dass R flieht; er solle das Leid auf sich nehmen, in der Haft werde er gestehen.

III R geht zu Swi; er findet ihn zufällig im Restaurant; R spricht aggressiv, Swi hält ihn für einen interessanten Menschen; Swi deutet ein wichtiges Thema an, ohne sich näher zu äußern; als R gehen will, möchte Swi von Dunja erzählen.

IV Swi erzählt seine Geschichte: wie Dunja ihn retten wollte; er habe zuletzt Schmeichelei eingesetzt, der Erfolg scheiterte an seiner offenen Begierde; er habe Dunja verhöhnt, seine Frau habe darauf das Verlöbnis mit Luschin arrangiert; R verdächtigt Swi, noch hinter Dunja her zu sein; Swi berichtet von seiner 16jährigen Braut, mit er sich vor zwei Tagen verlobt hat; erzählt dann, wie er einer armen Familie geholfen hat – R beschimpft ihn als Lüstling; der nennt R „Schiller“; R folgt Swi.

V Der wehrt sich vergeblich dagegen – im Disput hält er R seinen Mord vor und nimmt ihn mit in die Wohnung; er täuscht eine Droschkenfahrt vor und hängt R ab; Dunja sieht ihn trübselig, Swi winkt sie zu sich; Dunja geht trotz Abneigung mit ihm in die Wohnung; er begehrt sie – sie kommt auf den Brief zu sprechen; Swi sagt, er habe gelauscht und R.s Geständnis vor Sonja gehört; er klärt Dunja über den Bruder auf, sie lehnt Swi kategorisch ab – er will R retten, gesteht Dunja seine Liebe und bedrängt sie, die Tür sei verschlossen; sie zieht einen Revolver und schießt, Streifschuss; sie wirft den Revolver weg, lehnt Swi endgültig ab – der gibt ihr den Schlüssel, sie geht. Er nimmt den Revolver.

VI Swi treibt sich herum – Gewitter – geht nach Hause und zu Sonja: gibt ihr Geld und Wertpapiere für 15.000; er geht in eine Wirtschaft, nimmt ein Zimmer, denkt nach, schläft und träumt … Gegen 3 h will er gehen, trifft ein kleines misshandeltes Mädchen, legt es ins Bett; am Feuerwehrturm erschießt er sich.

VII Gegen 19 h taucht R abgerissen bei der Mutter auf; sie hat seinen Aufsatz gelesen und sieht ihn große Karriere machen; er versichert sie seiner Liebe und kündigt eine Reise an; in seinem Zimmer wartet Dunja auf ihn; sie bestärkt ihn, den Leidensweg zu gehen; er sagt, er habe nur beim ersten Schritt versagt; er bittet sie um Vergebung, gibt ihr ein Bild seiner ehemaligen Braut; er geht und denkt an Sibirien.

VIII Er geht zu Sonja, die schon seinen Selbstmord befürchtet hatte; sie gibt ihm ein Kreuz, er redet wirr, sie will mit ihm gehen – er lehnt das ab; verabschiedet sich nicht, draußen ist er gerührt und küsst die Erde, wie Sonja ihm vorgeschlagen hatte; er sieht, wie Sonja ihm folgt, und geht zur Polizei; Petrowitsch empfängt ihn, redet Allgemeines über die Zeitläufte; Swi habe sich erschossen; Samjotow ist versetzt worden, Petrowitsch entlässt R; draußen sieht er Sonja, er geht zurück und gesteht Petrowitsch den Mord.

Epilog

I Anderthalb Jahre später in Sibirien – Rückblick auf den Prozess, 8 Jahre Zwangsarbeit 2. Klasse (mildes Urteil); die Mutter ist verstört, fragt nicht nach R; Sonja geht mit ihm nach Sibirien, Dunja und Ras heiraten; die Mutter stirbt bald – hat doch mehr geahnt als zugegeben; Sonja hält Briefkontakt, sie berichtet über das ärmliche Leben und die gedrückte Stimmung R.s.

II Grund dafür: Er sieht keine Schuld, sondern einen Fehler – er habe nicht durchgehalten (anders als etwa Putschisten), daher ist er nicht im Recht; er hält Abstand von den anderen Gefangenen, man will ihn als Gottlosen totschlagen; Sonja ist bei allen Gefangenen beliebt, sie arbeitet im Ort; sein Traum von einem chaotischen Bürgerkrieg; als er gesund wird, ist Sonja krank – er hat Sehnsucht (sonst war er oft abweisend); sie findet ihn allein, er fällt vor ihr nieder; da ist er in Liebe auferstanden – sie schauen auf das Ende der sieben ausstehenden Jahre – es beginnt seine allmähliche Erneuerung.

 

http://www.inhaltsangabe.de/dostojewski/schuld-und-suehne/ (kurze Inhaltsangabe)

http://de.wikipedia.org/wiki/Schuld_und_S%C3%BChne (dito)

http://suite101.de/article/buchbesprechung—verbrechen-und-strafe-a95587#.VORfi1OG8mc

https://buchjunkie.wordpress.com/2010/07/30/fjodor-dostojewski-schuld-und-suhne/ (Leseerfahrungen)

http://www.uni-frankfurt.de/46835514/Peter-Wolfart.pdf (Vorstellungen von Freiheit bei P. Bieri und Dostojewski in der Figur Raskolnikow)

http://xmartin.lima-city.de/DateienBlogKK/20131014_Dostojewskij/Dostojewskij.pdf (zu „Der Idiot“ und „Schuld und Sühne“ – schöne Einführung!)

http://www.zeit.de/1994/02/uebertretung-und-zurechtweisung (Diskussion des „richtigen“ Titels)

http://limotee.blogspot.de/2012/07/schuld-suhne-gewissen-verantwortung.html (Motiv von „Schuld und Sühne“ in der Literatur)

Es fällt auf, dass es im Internet kaum Vernünftiges zur Interpretation des Romans gibt; allgemein wird er als Psycho- und Krimi-Roman gehandelt, er ist aber auch ein poetischer Liebesroman (Sonjas Liebe zu R). Die Kapitel V im Dritten und Vierten Teil sind ungewöhnlich eindrucksvoll. Gegen Swetlana Geier behaupte ich, dass der Roman nicht aus 40, sondern aus 41 Szenen besteht (bitte addieren!); sie gibt S. 762-764 eine Übersicht auf die Aufteilung der Szenen auf 14 oder 15 Tage (5.-7. und 11.-13. Tag fallen wegen Bewusstlosigkeit aus), der Epilog ist ein Rückblick aus der Zeit anderthalb Jahre später.

Joanna Bator: Sandberg – Besprechung

Joanna Bator hat mit „Sandberg“ (2011, polnisch 2009) einen großartigen Roman geschrieben: über das Leben in einer polnischen Plattenbausiedlung in den 70er und 80er Jahren, mitsamt den Vorgeschichten im Krieg: über das Leben der kleinen Leute in ihrer Beschränktheit (meistens) und Menschlichkeit (selten), wie sie sich behaupten gegen die trostlosen Umstände und ihre gleichgültigen oder neidischen oder gierigen Nachbarn – in der Hoffnung auf beruflichen Aufstieg, auf Aufstieg der Kinder und einen Schwiegersohn aus der BeErDe. Die starken Figuren sind die Frauen – wer von ihnen die Protagonistin ist, ist schwer zu sagen. Den meisten Raum bekommt Jadzia Chmura, am Ende emanzipiert sich ihre Tochter Dominika aus der Beschränktheit der polnischen Kleinstadt, nicht ohne Hilfe ihrer Großmütter und Freundin. Viele Figuren treten auf, man kann leicht den Überblick verlieren, zumal da die erzählende Stimme sich nicht an die Chronologie der Ereignisse hält.

Interessant war für mich auch der Blick von außen auf die Bundesrepublik der 80er Jahre, auf den Otto-Katalog und die Warenfülle, auf die deutschen Männer mit den unsäglichen Namen [Herr von Sinnen aus Castrop-Rauxel: Ich bin ein ruhiger kinderlieber Automechaniker (33, männlich)] als Heiratskandidaten (S. 209 f.).

Die erzählende Stimme ist die größte Heldin der Erzählung, finde ich. Sie ist nah bei der jeweiligen Figur, sie übernimmt problemlos deren Sicht und gibt oft Phantastisches preis, ohne mit der Wimper zu zucken: „Die erste Zigarette des Tages zündete sie sich an, sobald sie in dem großen Holzbett aufwachte, das Deutschen gehört hatte, unter dem Bild von Jesus als Hirte mit Wangenrouge und karminroten Lippen, auch er hatte Deutschen gehört, denn wenn Gott mit uns ist, dann ist es sein Sohn ja wohl auch, selbst wenn er aussieht wie ein Transvestit.“ (S. 111) Hier haben wir in einem Satz gleich drei Erzählstimmen: eine neutrale, eine der benannten „sie“ und dann die der Deutschen, mit denen laut Koppelschloss Gott war.

Zum Schluss des Romans wird etwas fix aufgeräumt; durch eine Brandstiftung kommen Zofia und der von ihr vor über 40 Jahren gerettete Jude, der zu ihr aus Amerika zurückgekommen ist, Jadzias Vater, ums Leben, während sich die Liebesgeschichte Dominikas mit dem Kaplan durch Intrige und absichtlich herbeigeführten Autounfall in Nichts auflöst – beide Episoden waren ohnehin sentimentale Einfälle der Autorin, welche nicht recht in die harte Welt von Walbrzych passen und deshalb von der Erzählstimme rasch liquidiert werden. Einen netten Gr-Lapsus will ich festhalten: „Patientinnen, von denen etliche seine vorübergehenden Geliebten waren“ (S. 419) – nein, sie waren vorübergehend seine Geliebten! Von den Kritikern wird die Übersetzung Esther Kinskys durchweg gelobt.

Fazit: ein großartiger Roman, unbedingt lesenswert, wie auch die Kritiken festellen:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/joanna-bator-sandberg-die-republik-der-frauen-1657342.html

http://www.deutschlandfunk.de/aufbruch-aus-dem-polnischen-plattenbauglueck.700.de.html?dram:article_id=85163

http://www.deutschlandfunk.de/polnische-familiensaga-der-nachkriegszeit.700.de.html?dram:article_id=206151

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=18724&ausgabe=201401

http://www.tlz.de/web/zgt/kultur/detail/-/specific/Sandberg-Bator-erzaehlt-vom-Ueberleben-in-Waldenburg-349105943

http://www.deutschlandradiokultur.de/ein-kleinbuergerliches-sittenbild-polens.950.de.html?dram:article_id=140091

http://www.novinki.de/seiler-nina-ein-tornado-aus-walbrzych/

http://www.srf.ch/play/tv/literaturclub/video/sandberg-von-joanna-bator?id=fe25ddd2-7823-4be7-a214-287101e2655c

http://www.zeit.de/video/2013-12/2930112479001/romane-von-joanna-bator-lesetipps-von-iris-radisch-sandberg-und-wolkenfern-von-joanna-bator

Ich bin auf die Fortsetzung „Wolkenfern“ gespannt.

Orhan Pamuk: Das Museum der Unschuld – Besprechung

Pamuks Roman „Das Museum der Unschuld“ (2008) ist eine Liebesgeschichte: Der 30jährige Kemal lässt sich kurz vor seiner Verlobung mit der schönen Sibel auf eine heiße Affäre mit seiner entfernten 18jährigen Verwandten Füsun ein, mit der er auch auf seiner Verlobung tanzt. Nach der Verlobung entzieht Füsun sich ihm, worauf er todunglücklich ist; die Verlobung geht in die Brüche, er versucht, mit seiner Erinnerung an Füsun zu leben. Schließlich gelingt es ihm, mit der inzwischen verheirateten Füsun Kontakt aufzunehmen. Er besucht sie acht Jahre lang in deren Elternhaus und sponsert Filmprojekte ihres Mannes. Nach Füsuns Scheidung von ihrem Mann nähern sich die beiden vorsichtig wieder einander an. Er bricht mit Füsun und deren Mutter zu einer Europareise auf und schläft erstmals seit Jahren wieder mit Füsun; am nächsten Tag kommt es zu einem Streit. Füsun wirft ihm vor, ihre Filmkarriere verhindert zu haben, und steuert ihr Auto gegen einen Baum; sie ist tot, er überlebt und lebt fortan für die Erinnerung an Füsun.

Er hat dann die Idee, ein Museum einzurichten, in dem alle Dinge, die mit Füsun zu tun haben, ausgestellt werden. Weil man dazu auch einen Katalog braucht, engagiert er den Autor Orhan Pamuk und bittet ihn, seine Liebesgeschichte zu erzählen, was Orhan dann auch in Ich-Form tut (so als hätte Kemal erzählt: der Roman). Kemal verabschiedet sich schließlich „Auf Wiedersehen!“, Orhan setzt fort und stellt sich vor: „Hallo, ich bin Orhan Pamuk!“ (549). Orhan erzählt später, dass Kemal am 12. April 2007 gestorben ist.

Zum Schluss berichtet Orhan von einem Gespräch mit Kemal, das sie ein halbes Jahr vor dessen Tod geführt haben. Kemal sagt zu Orhan, er habe dessen Roman „Schnee“ bis zum Ende gelesen, der Schluss habe ihm gefallen: „So wie der Romanheld dort, würde ich auch gern am Ende unseres Romans direkt etwas zum Leser sagen. Darf ich das?“ (565) Was er zu sagen hat, ist dann der letzte Satz des Romans: „Jeder soll wissen, dass ich ein glückliches Leben geführt habe.“ (565)

Der Roman hat viele Längen: zu Beginn in der Liebesgeschichte mit Füsun, in der Phase der Trauer um die entschwundene Füsun, in der Zeit des geduldigen neuen Werbens und auch in der Einrichtung des Museums der Unschuld; wenn man 300 der 565 Seiten gestrichen hätte, hätte er vielleicht die richtige Länge.

Bemerkenswert ist die Selbstbezüglichkeit des Romans und das Vexierspiel zwischen dem Autor Orhan Pamuk, dem erlebenden Ich (Kemal Basmaci), welches den bekannten Autor Orhan Pamuk bittet, seine Liebesgeschichte zu erzählen, und Orhan Pamuk als fiktivem Ich-Erzähler.

„Doch warum Roman und Museum? Versucht sich der Nobelpreisträger nun als literarischer Kurator? In der Tat – und das ist das Unvergleichliche an seinem neuen Werk: Es führt die steten Ansätze seines Autors, Deskription und Bild, wahre Fantasie und wahrhafte Realität zu verquicken, zu einer erstaunlichen Perfektion. Indem es sich als korpulenter Museumskatalog zu Hunderten von Exponaten liest. Doch niemals während der Lektüre kann man sich wirklich sicher sein, was zuerst da war: das Museum, der Roman oder das Glück.“ (Teresa Grenzmann, in ihrer Besprechung im Münchner Merkur: http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/dasmuseumderunschuld-r.htm)

Zum Begriff der Selbstbezüglichkeit vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Mise_en_abyme

http://de.wikipedia.org/wiki/Metafiktion

http://www.schmidt.uni-halle.de/konzepte/texte/noeth1.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Autoreflexivit%C3%A4t

http://elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2009/4742/pdf/DissDaunerPublish.pdf (Dissertation von Dorea Dauner: Literarische Selbstreflexivität, 2009)

http://www.zeit.de/1992/34/hauptsache-selbstreflexiv (kritisch zur Methode, 1992)

vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2010/03/04/kehlmann-die-vermessung-der-welt-selbstbezuglichkeit-des-romans/

Rezensionen:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/romanatlas/tuerkei-istanbul-orhan-pamuk-das-museum-der-unschuld-1680477.html (über das Museum und den Roman)

http://www.gbv.de/dms/faz-rez/FD1200809201943061.pdf (begeisterte Rezension: Es ist eine Geschichte über Klassenunterschiede, Geschlechterrollen und Doppelmoral, die da im Gewand einer Liebestragikomödie erzählt wird – und zugleich eine Alltagsgeschichte der siebziger Jahre in der Türkei. Kilb vermutet einen autobiografischen Hintergrund der Liebesgeschichte.)

http://www.taz.de/!22890/ (voll des Lobes, allerdings: zum Teil ausufernd erzählt)

http://www.rezensionen.ch/orhan_pamuk_das_museum_der_unschuld/3446230610/ (sehr begeistert) = http://www.versalia.de/Rezension.Pamuk_Orhan.443.html

http://www.arte.tv/de/pamuk-orhan-das-museum-der-unschuld/2251546,CmC=2250138.html (dezent kritisch)

http://www.booksection.de/buch/1372-Das_Museum_der_Unschuld (bemängelt ebenfalls die Länge des Romans)

http://www.deutschlandradiokultur.de/kult-um-die-jungfraeulichkeit.950.de.html?dram:article_id=136597 (sehr kritisch: als Roman verunglückt)

http://www.falter.at/falter/rezensionen/buecher/?issue_id=512&item_id=9783446230613 (ebenfalls sehr kritisch)

http://www.brigitte.de/kultur/buecher/buchsalon-orhan-pamuk-das-museum-der-unschuld-kritiken-571475/?p=2& (schwärmerisch begeistert)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=13865 (ähnlich)

http://www.literaturmarkt.info/cms/front_content.php?idcat=81&idart=1601 (ähnlich)

http://www.sandammeer.at/rez08/pamuk-museum.htm (ähnlich, gute Inhaltsangabe)

http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-60746626.html (Interview mit O. Pamuk)

http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/die-quittenreibe-und-das-universum-der-liebe-1.1165521 (Interview mit O. Pamuk)

http://www.deutschlandfunk.de/liebe-schlimmer-als-ein-autounfall.700.de.html?dram:article_id=83800 (dito)

http://www.sueddeutsche.de/kultur/orhan-pamuk-eroeffnet-museum-der-unschuld-dinge-und-ihre-doppelgaenger-1.1344028 (Pamuk eröffnet 2012 tatsächlich das Museum!)

http://www.zeit.de/2012/19/Pamuk-Museum (dito)

http://www.heise.de/tp/artikel/36/36860/1.html (dito)

http://www.dw.de/das-museum-der-unschuld/a-15921694 (Interview mit O. Pamuk zur Eröffnung des Museums)

http://museologien.blogspot.de/2014/05/orhan-pamuks-text-uber-das-museum-der.html (über das Museum)

http://zaeb.net/index.php/zaeb/article/viewFile/68/69 (großer Aufsatz über Museum und Roman)

Don Winslow: Tage der Toten – Kurzbesprechung

Gerade habe ich Don Winslow: Tage der Toten, 2010 (= The Power oft he Dog, 2005) gelesen – ein faszinierender Krimi über Drogenschmuggel, Drogenkriege und die Verwicklung der Geheimdienste der Vereinigten Staaten in diese schmutzigen Geschäfte – ein Krieg auch gegen das eigene amerikanische Volk, das mit seinem Drogenkonsum sowohl Waffen für rechte Contras als auch für die Drogenmafia finanziert. Es gibt eine Reihe guter Besprechungen (die erstgenannten bitte zuerst lesen) und eine Nacherzählung von Dieter Wunderlich. – Don Winslow hat lange für diesen Roman recherchiert und bleibt, so meinen die Kritiker, nah an der Wirklichkeit; das Buch ist inzwischen verfilmt worden.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/themen/don-winslow-ueber-mexikos-drogenkrieg-vergiss-dass-das-alles-wahr-ist-11039798.html

http://culturmag.de/rubriken/buecher/don-winslow-tage-der-toten/25263

http://wolffrump.blogspot.de/2012/11/rezension-tage-der-toten-von-don.html

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/u_v_w/don_winslow.htm

http://www.focus.de/kultur/buecher/brands-buecher/tage-der-toten-allein-gegen-die-mafia_aid_563511.html

http://www.wolffvonrechenberg.de/feuillton/2010-12-28/buchtipp-don-winslow-tage-der-toten/

http://www.krimi-couch.de/krimis/don-winslow-tage-der-toten.html

http://www.deutschlandradiokultur.de/rachefeldzug-im-drogenkrieg.950.de.html?dram:article_id=139273

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/krimis-des-monats-kokser-kommies-und-der-drogenkrieg-a-720111.html (sehr kritisch)

http://www.dieterwunderlich.de/Winslow-tage-toten.htm (Nacherzählung)

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/sonne-surfer-drogenkrieg (Kontext: andere Romane des Autors)

Ein Hintergrund des Romans: die Iran-Contra-Affäre

http://de.wikipedia.org/wiki/Iran-Contra-Aff%C3%A4re

http://www.heise.de/tp/news/Akten-zur-Iran-Contra-Affaere-veroeffentlicht-2032783.html

http://www.dw.de/die-iran-contra-aff%C3%A4re/a-4502179

Penzoldt: Die Powenzbande – statt einer Rezension

„In den Fuß getretene Nägel oder Spreißel ließ man einfach herausschwären, und Blut stillte man durch Auflegen von Schnupftabak.“ (S. 43) „Daß sie zuweilen Katzenbraten aßen, ist ihnen mit ziemlicher Sicherheit nachgewiesen.“ (S. 46) – Das sind zwei Beispiele für den Humor von Ernst Penzoldts Roman „Die Powenzbande“ (1930); das mag man nun einen Schelmenroman nennen, das mag man lustig finden oder nicht – wer es lesen möchte, soll es ruhig lesen; ob es für „Familienromane“ bei der neuen ebook-Sammlung der SZ aber nichts Besseres gibt, bezweifle ich.

Praktisch gibt es als Sekundärliteratur im Netz nur den Wikipedia-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Powenzbande; unter Analyse, Inhalt, Rezension sucht man vergebens nach einem Beitrag (außer 5 Zeilen bei lovelybooks.de). Damit ist alles gesagt. Nach 40 Seiten habe ich die Lektüre eingestellt.

Bei Suhrkamp ist das Buch noch 2002 in der Reihe „Die Romane des Jahrhunderts“ erschienen – zu viel der Ehre.

Ernst Jünger: In Stahlgewittern – Die Doppelschlacht bei Cambrai (Analyse)

Um Ernst Jüngers Bericht historisch einordnen zu können, sollte man zunächst den Aufsatz Yves Le Maners über die Schlacht von Cambrai lesen: http://www.wegedererinnerung-nordfrankreich.com/die-geschichte/schlachten/die-schlacht-von-cambrai-20-november-bis-14-dezember-1917.html

Zeitstruktur von Jüngers Bericht „Die Doppelschlacht bei Cambrai“ (Text aus Ernst Jünger: Werke. Bd. 1: Tagebücher I. Ernst Klett, Stuttgart 1961, S. 222 ff.; vgl. http://www.calameo.com/books/0001271727eeb57886111, dort „lesen“, S. 229 – 246)

Wir lagen noch kurze Zeit in V-a-t…

fuhren am 15. November 1917 nach Lécluse

– Hechtepisode

Am 19. November besichtigte ich…

– fast jede Nacht alarmiert…

29. November: Info über Teilnahme am großen Gegenangriff (222)

Nacht 30./1. Dezember: zwei störende Episoden

Fahrt zur Front; Info: sie sollen nur die Reserve bilden

9.00 Artillerieangriff bis 11.50; Angriff, Fesselballon wird abgeschossen

Nachmittagsschlaf (223) 15.00 Vorrücken unter Feuer

Abendessen mit Tebbe

23.00 Befehl zum weiteren Vorrücken (224)

Ankunft im Bataillonsgefechtsstand; Diskussion, Angriffsbefehl (revidiert)

Nacht zum 2. Dezember (225)

„Drachenweg“ entdeckt, dort Spitze der Engländer getroffen;

Angriff geplant und den Leuten erklärt, endlos lange Stunden im Erdloch

6.00 aufgestanden, letzte Anordnungen getroffen (226)

7.00 vorgerückt in die Siegfriedstellung, Nahkampf, Engländer ergeben sich (227)

Begegnung mit dem Anführer der engl. Kompanie; 200 Gefangene (228)

Plünderung der engl. Vorräte; nach 30 min weiteres Vorrücken

Freiwillige für Angriff über offenes Feld gesucht (229)

Bericht vom Kämpfen und von einzelnen Gefallenen (230)

12.00 Frühstück und Lagebesprechung der Offiziere; Zwischenfall: Kampf (231); Beispiel eines rasenden dt. Angreifers, der andere mitreißt; Nahkampf, Verluste auf beiden Seiten (232)

Disput mit einem Offiziersstellvertreter, wer werfen darf; Flucht der Engländer (233), Nahkampf

Jünger wird verletzt (Schädelstreifschuss), Tebbe ist tot, weitere Verluste (234), aber die siebte Kompanie hält die Stellung.

Auf dem Rückweg wird Jünger erneut verwundet, geht mit dem Hauptmann zurück zur Befehlsstelle (235).

In Moeuvres wird er verarztet, fährt am Nachmittag nach Lécluse, berichtet beim Abendessen dem Oberst von Oppen, geht zu Bett. —

Am ­4. Dezember kommt auch das Bataillon dort an; Belobigung und Auszeichnung der erfolgreichen Soldaten. —

Die Verletzungen kuriert Jünger während eines Weihnachtsurlaubs aus, er wird besonders ausgezeichnet; goldgerandetes Ritterkreuz und silberner Pokal sind seine Erinnerungszeichen an die Schlacht von Cambrai (236).

Bedeutung der Schlacht wird erklärt (236 f.); der durchschossene Stahlhelm: ein weiteres Erinnerungsstück (237).

Auswertung

Es werden Ereignisse eines Zeitraums von etwa sechs Wochen erwähnt; berichtet werden Ereignisse von fünf Tagen. Dabei hängen die Daten 29.11. bis 2.12. 1917 mit dem 4.12. als die Tage des Gegenangriffs von Cambrai und die Ehrung der erfolgreichen Soldaten zusammen. Die meiste Aufmerksamkeit bekommen die beiden Tage des Angriffs, der 1. und 2. Dezember 1917; sie bilden den Kern des Kapitels.

Kommentare des Erzählers

Vom Kämpfen berichtet der Erzähler Ernst Jünger distanziert. Wenn man seine Einstellung (bzw. die Tendenz des Buches „In Stahlgewittern“) erfassen will, muss man sich hauptsächlich an die Erzählerkommentare halten – abgesehen davon, dass auch ein distanziertes Erzählen über die Schrecken des Nahkampfs etwas besagt. Es ist nicht einfach, Kommentare (K) von Erklärungen (E) des Erzählers zu unterscheiden; ein Anzeichen, dass sicher ein Kommentar vorliegt, ist die Verwendung des Präsens. Aber auch Erklärungen werfen ein Licht auf den Erzähler.

E: da mir die gute Stimmung der Mannschaft bedeutend mehr am Herzen lag… (222); die Hechtepisode zeigt eine „menschliche“ Seite des Krieges.

K: Erfahrenen Kriegern war klar… (222): Der Erzähler ist erfahren.

K: Obwohl wir froh waren… (222): Der richtige Soldat liebt den Angriff.

K: Ich sah bei der Gelegenheit… (223): menschliche Erfahrung.

K: … war auch ein Zeichen dafür, daß die Unbarmherzigkeit des Krieges sich steigerte (223): Bereitet auf die Schilderung des Kampfes vor.

E: Zahlreiche Tote verrieten… (224, unbedeutend)

K: Ein unheimliches Gefühl beschleicht… (224 f.); hier wird eine Soldatenerfahrung von der Fremdheit der Welt beschrieben.

K: Der nächste Morgen zeigte… (225): Das Misstrauen des erfahrenen Offiziers rettet ihm und seinen Leuten das Leben.

K: Ich dachte mir mein Teil… (225 – Fortsetzung des vorhergehenden Kommentars)

K: Man hat ein flaues Gefühl… (226): Die Anspannung vor dem Kampf zeigt die menschliche Seite der Soldaten; diese Erfahrung, so etwas wie Prüfungsangst, verbindet sie mit allen Lesern.

K: Seine ersten Worte zeigten… (228): Respekt vor dem Feind als einem richtigen Mann

K: Für eine Kompanie von achtzig Köpfen… (228): Selbstlob

K: Als vorsichtiger Mann… (229): Misstrauen und Umsicht des Führers, s. Kommentare S. 225.

K: … der mich lehrte, daß man niemanden kennt… (229): Kampf als die Bewährungsprobe des Menschen (des Mannes)

K: Das hatte etwas Gespenstisches (230): Der plötzliche Tod eines Vertrauten berührt auch einen abgebrühten Soldaten.

K: Mut, tollkühner Einsatz… (232): indirekt ein Lob der Tollkühnheit

E: Jedesmal, wenn einer der eierförmigen Eisenklumpen… (232): Erfahrung des Soldaten vom erfolgreichen Kämpfen, das als „Duell“ bezeichnet wird.

K: Der Handgranatenwechsel erinnert an das Florettfechten… (233); durch den Vergleich mit Florettfechten und Ballett wird der Handgranatenkampf beschönigt, wenn er sofort darauf auch als „der tödlichste der Zweikämpfe“ bewertet wird.

K: Ich konnte während dieser Minuten… (233 – Fortsetzung des vorigen Kommentars); dieser Kommentar ist bezeichnend für die „Sachlichkeit“, mit Jünger gekämpft und über den Krieg geschrieben hat.

E: Ein Freund von hohen Eigenschaften… (234); diese Erklärung relativiert den vorhergehenden Kommentar – der plötzliche Tod eines Freundes berührt den Kämpfer tief.

K: Unter allen erregenden Momentes des Krieges… (235): Dieser Kommentar verherrlicht die Härte der Kämpfer; die Stoßtruppführer werden als „die Fürsten des Grabens mit den harten, entschlossenen Gesichtern“ bezeichnet. – In die gleiche Kerbe schlagen die Berichte vom „Streit“ darüber, wer werfen darf (S. 233), vom Polen, der sich freiwillig meldet (S. 229 f.), und vom tollkühnen Einsatz des Offizierstellvertreters (S. 231 f.), dessen Beispiel andere mitreißt.

E: Mit Recht durfte ich stolz auf meine Leute sein (236 f.). Der ganze Schluss des Kapitels handelt vom Stolz erfolgreicher Kämpfer und von der Ehre und Anerkennung, die sie dadurch erwerben.

Auswertung

Die Erklärungen und Kommentare bringen dem Leser einmal soldatische Erfahrungen nahe. Sie zeigen Ernst Jünger als einen erfahrenen Offizier, der an seine Leute denkt und sie vor unnötiger Gefährdung bewahrt; sie zeigen ihn aber auch als unerbittlichen Kämpfer, der die Entscheidung auf Leben und Tod sucht und dabei über die Besiegten hinwegsieht. Er schätzt Tollkühnheit und Selbstlosigkeit seiner Leute, aber auch den Gegner als Mann; der plötzliche Tod eines Freundes berührt ihn jedoch. Am Ende winken dem Sieger Ehre und Anerkennung, welche Jünger genießt.

Man kann das Buch „In Stahlgewittern“ im Hinblick auf dieses Kapitel vielleicht nicht als Verherrlichung, aber doch als Lobpreis des Krieges ansehen, in dem wahre Männlichkeit gefordert und ausgebildet wird. – Das Vorwort der 1. Auflage (s.u.) macht deutlich, in welchem Geist und in welcher Absicht das Buch geschrieben worden ist.

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Da ich selber wenig Ahnung vom Aufbau der Wehrmacht hatte, habe ich die Gliederung der Armee und die Abfolge der Ränge nachgeschlagen:

Generale (Reichswehr)

Generalfeldmarschall

Generaloberst

General

Generalleutnant

Generalmajor

Offiziere

Oberst

Oberstleutnant

Major

Hauptmann

Oberleutnant

Leutnant

Unteroffiziere

Stabsfeldwebel

Oberfeldwebel

Feldwebel (bzw. Wachtmeister)

Offiziersanwärter

Oberfähnrich

Fähnrich

Fahnenjunker (1. WK: Sergeant und Unteroffizier)

Mannschaften

Stabsgefreiter

Obergefreiter

Gefreiter

Obersoldat

Soldat

———-

Großverbände (Bundeswehr)

Heeresgruppe (mehrere Armeen)

Armee (mehrere Korps, 200.000 Soldaten)

Korps (2 – 3 Divisionen, meist von Generalleutnant geführt)

Division (10.000 – 20.000 Soldaten)

Brigade (mehrere Bataillone)

Verbände

Regiment (2000 – 3000 Soldaten)

Bataillon (mehrere Einheiten einer Waffengattung)

Einheiten

Kompanie (2 – 6 Züge, von Hauptmann oder Major geführt)

Teileinheiten

Staffel (mehrere Züge oder Gruppen)

Zug (25 – 60 Soldaten)

Gruppe (2 – 4 Trupps)

Trupp (2 – 7 Soldaten)

Vgl. dazu

http://www.kriegstagebuch.gottfriedrinker.bplaced.net/regimenter.html (Armee-Aufbau 1. WK)

https://de.wikipedia.org/wiki/Dienstgrade_des_Deutschen_Heeres_%28Deutsches_Kaiserreich%29

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Heer_%28Deutsches_Kaiserreich%29 (dort 10.2)

http://weltkrieg2.de/sonstiges/Erster-Weltkrieg/Deutsche-Soldaten.htm

Über die Siegfriedlinie im 1. WK:

http://www.lexikon-erster-weltkrieg.de/Siegfried-Linie

http://en.wikipedia.org/wiki/Hindenburg_Line

Weitere Links zu „In Stahlgewittern“

1. der Text

http://www.gutenberg.org/files/34099/34099-h/34099-h.htm (3. Auflage, mit dem Vorwort zur 1. und 2. Auflage)

https://archive.org/stream/instahlgewittern34099gut/pg34099.txt (dito)

http://www.calameo.com/books/0001271727eeb57886111, dort „lesen“ anklicken, S. 229 – 246

2. Verlauf des 1. WK

http://www.dhm.de/lemo/html/wk1/kriegsverlauf/

http://www.fsgeschichte.uni-freiburg.de/studium/prufungshilfen/uebersichten/wk1 (tabellarisch)

http://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Weltkrieg (ausführlich)

http://weltkrieg.husfeld-online.de/ (knapp, mit Frontverlauf)

https://www.kas.de/wf/doc/kas_37322-544-1-30.pdf?140407093642 (tabellarisch)

http://www.dhm.de/lemo/objekte/karten/1914/ Frontverlauf

http://de.wikipedia.org/wiki/Westfront_(Erster_Weltkrieg)

http://www.chemindesdames.fr/pages/contenu.asp?contenu_id=1&rubrique_id=1 (Chemin des Dames, 1917 – ging der Schlacht von Cambrai vorauf)

http://www.wegedererinnerung-nordfrankreich.com/die-geschichte/schlachten/die-grossen-phasen-des-kriegs-an-der-westfront.html

http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/ersterweltkrieg/ (verschiedene Aspekte des Krieges)

https://norberto42.wordpress.com/2014/11/09/deutsche-maler-der-1-weltkrieg-bilder/ (Deutsche Maler: Der 1. Weltkrieg)

E. Köppen: Heeresbericht (1930) – II 7, Inhalt und Aufbau

Edlef Köppen: Heeresbericht, 1930

Zweiter Teil, Siebentes Kapitel (http://gutenberg.spiegel.de/buch/6321/16)

1 (Zitat aus dem amtlichen Heeresbericht vom 20. 8. 1918, abends) Bericht von einem französischen Durchbruchsversuch zwischen Oise und Aisne

2 (Zitat einer Gefechtsvorschrift für die Artillerie zur Bekämpfung feindlicher Tanks von 1917)

3 Abwandlung von Schillers Ballade „Der Handschuh“, hier zur Verspottung der alliierten Tanks durch die Deutschen, vom 28. 4. 1918

4 (Zitat aus dem amtlichen Heeresbericht vom 22. 8. 1918) Bericht vom Geländegewinn der Alliierten bei Blerancourt

5 In die in 1-4 skizzierte Situation wird die Realität des Krieges eingeblendet: Bericht von der Situation der Gruppe Reisiger/Schmidt bei Blerancourt mit ihren Tankabwehrgeschützen: ihre Unterkunft, ihre Kriegsmüdigkeit

6 Bericht und Text, wie von französischen Fliegern abgeworfene Zettel zum Desertieren aufrufen

7 Szenischer Bericht: Der Reisiger vorgesetzte Major ist mit der Ruhe an seinem Frontabschnitt unzufrieden.

8 Szenisch: Beim Abendessen liest Reisiger in einer alten Zeitung (6. Juni 1915) eine Rede König Ludwigs, der sich freut, mit den Feinden Abrechnung zu halten – Kontrast zur Stimmung der Soldaten

Die Schlafenden kommen Reisiger später wie Tote vor – Vorgriff auf 9 und 10. Er geht in der Nacht nach draußen und sieht die Sternbilder, das große W kommt ihm als „W – arum“ vor; 2.00 h

9 Szenisch: Gegen 5 greifen die Alliierten mit Tanks an, die Unterkunft wird getroffen, die deutsche Infanterie ist geflohen. Die Soldaten rennen teilweise zu den Geschützen, kommen aber nicht durch, mehrere fallen. Die Tanks werden metaphorisch als große Tiere beschrieben. Amerikanische Infanterie greift an. Die restlichen Soldaten wollen sich ergeben, nur Reisiger und Winkel wollen raus.

10 Szenisch: Die beiden gehen unter dem MG-Feuer beider Seiten vor, erleben den amerikanischen Angriff. Die deutschen Truppen fliehen, Flugzeuge beschießen sie mit MGs und werfen Kettenbomben ab.

11 „7057000 Mann gegen 2500000 Mann.“

12 (Zitat: Walter Rathenau fordert die Einrichtung eines Verteidigungsamtes und ein letztes Aufbäumen der Truppe, damit man einen besseren Waffenstillstand bekommen kann; Voss. Zeitung vom 7. 10. 1918)

13 (Zitat aus der Pressekonferenz vom 16. 10. 1918: Es wird betont, dass nicht die Heeresleitung, sondern die Regierung sich „zum Friedensschritt entschloß“.)

14 (Zitat Herrn von Lerners, der Ludendorffs Bitte an den Regierungschef oder den Kaiser übermittelt, sofort ein Friedensangebot zu unterbreiten, da die Truppe zusammenzubrechen droht, vom 1. 10. 1918) – Widerspruch zu 13

15 „Da Reisiger, wie man ihn findet und zum Generalkommando führt, erklärt, daß er den Krieg für das größte aller Verbrechen hält, verhaftet man ihn und sperrt ihn ins Irrenhaus.“ – Kontrast zu seiner Kampfbereitschaft in 9

16 Bericht: Reisiger liegt in einer Isolierzelle. Erinnerung Reisigers in der Ich-Form: wie er dem General und dem Arzt erkärt hat, warum er nicht mehr mitspielt, sondern lieber erschossen wird, weil auch er am Krieg schuld ist und weil es ein Verbrechen ist, auch nur 1 Sekunde noch dabei mitzumachen.

17 Wochenbericht des Krankenwärters Neuhagen vom 13. 9. 1918: Reisiger schläft und isst nicht. Er äußert ständig: »Es ist ja immer noch Krieg. Leckt mich am Arsch!«

 

Aufbau von II 7: Wie der Krieg endet

Einleitend wird die Situation vom 20./22. August 1918 am Frontabschnitt von Blerancourt skizziert und damit auf den in 9 und 10 beschriebenen Angriff vorbereitet; darin eingeschoben ist die völlig realitätsferne und überhebliche Einstellung der Deutschen gegenüber den ihnen noch unbekannten Panzerangriffen. Diese beiden Unterkapitel 2 und 3 kontrastieren mit der Erfahrung der Soldaten in 9 und 10.

In den Unterkapiteln 5 – 10 wird das Kriegserleben der Gruppe Reisiger/Schmidt berichtet; darin eingeschoben ist der Aufruf zum Desertieren, der sowohl die Stimmung der Truppe ungefähr entspricht als auch auf die Ereignisse in 9 und 10 vorbereitet. Kontrastprogramm ist die Kriegslust des Majors (7), der sich aber mit der Infanterie davonmacht (9). – Szenisch werden die Schrecken des Krieges ausgemalt.

11 Lakonische Angabe zur Unterlegenheit der Deutschen, die deren Niederlage erklärt

12 – 14: Berichte vom deutschen Bemühen um einen Waffenstillstand im Oktober

15 – 17: Bericht davon, wie der ehemalige Kriegsfreiwilligem Reisiger (im September 1918, anders als noch Ende August) sich zu kämpfen weigerte und ins Irrenhaus gesperrt wurde – die individuelle Methode, den Waffenstillstand zu erreichen, wenn auch unter Lebensgefahr

An der Form fällt auf, dass in die Berichte von der Front 1918 Dokumente hineinmontiert sind, und zwar sowohl ältere (2, 3, 8) als auch jeweils aktuelle.

http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000001060/06_HaeretikerI.pdf?hosts= (Auszug aus einer Diss: Kriegskritische Texte)

http://www.qucosa.de/fileadmin/data/qucosa/documents/9733/Geisler_Korr.pdf (Oliver Geisler: Areale der Tat. Das Ereignis der Gewalt und seine Erzählbarkeit, Diss 2012)

http://othes.univie.ac.at/27291/1/2013-01-30_0603800.pdf (Martina Stadler: Desillusionierung und Kriegsernüchterung… – zu Köppen, Remarque und Ludwig Renn; Magisterarbeit 2013)

http://www.swr.de/-/id=13128716/property=download/nid=8986864/agzq68/swr2-tandem-20140507-1005.pdf (Daniela Remus: Feldpostkarten. Ein Schauspieler entdeckt seinen Urgroßvater und den ersten Weltkrieg – Rundfunksendung)

http://www.rainerleschke.de/downloads/pdf/leschke_kriegohneOpfer.pdf (Rainer Leschke: Krieg ohne Opfer. Von der Verlusten der Kriegserzählung – eine Auseinandersetzung mit W.G. Sebald: Luftkrieg und Literatur, 1999)

http://www.textlog.de/tucholsky-stueck-dichtung.html (Besprechung Tucholskys, 1931)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7335 (Besprechung)

http://www.noz.de/deutschland-welt/kultur/artikel/466498/im-schnellfeuer-expressiver-satzfetzen (kurze Besprechung)

http://content.stuttgarter-nachrichten.de/stn/page/831381_0_9223_-edlef-koeppen-heeresbericht.html (dito)

http://cbuecherkiste.de/2014/06/heeresbericht.html (d

dito)

http://de.wikipedia.org/wiki/Heeresbericht (sehr knapp, wenig hilfreich)

http://michaelansel.userweb.mwn.de/dateien/vlkatastrophen-02.pdf (dort ab 9. Stunde: zum Hintergrund des Romans)

https://freeditorial.com/de/books/1726/downloadbook?format=.pdf (Text des Romans)

https://norberto42.wordpress.com/2014/11/09/deutsche-maler-der-1-weltkrieg-bilder/ (Deutsche Maler: Der 1. Weltkrieg)

Frisch: Homo faber – Inhalt, Interpretation: die wichtigsten Links

http://de.wikipedia.org/wiki/Homo_faber_%28Roman%29 (großer Artikel!)

http://www.vormbaum.net/index.php/component/docman/doc_view/2554-homo-faber-chronologie-des-romans?Itemid=186 (Chronologie des Geschehens)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/17/98.pdf (S. Raabe: Interpretation in Stichworten)

http://www.bsti.be/bs/03_studienangebot/gym/deutsch6/internes/InterpretationHomoFaber.doc (Inhalt, Interpretation)

http://www.matarka.hu/koz/ISSN_1219-543X/tomus_11_fas_3_2006_eng_ger_fra/ISSN_1219-543X_tomus_11_fas_3_2006_eng_ger_fra_051-067.pdf (Interpretation)

http://www.fernabitur.com/docs/Homofaber-Skript.pdf (Interpretation: Fernabitur)

http://antimausii.files.wordpress.com/2010/01/homofaber-kulturportfolio.docx (Interpretation einer Schülerin)

https://is.muni.cz/th/217339/ff_b/bakalarska_prace.doc

http://www.fosszg.musin.de/_content/1_daten_fos13/Seminararbeit_D.doc (zur Möglichkeit einer psychoanalyt. Deutung Sabeths)

http://www.zis-online.com/dat/artikel/2010_1_399.pdf (über Gerechtigkeit und Schuld usw.: Prof. K. Günther, Jurist – für Lehrer)

http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2003/840/pdf/schuld.pdf (dort S. 23 ff.: über die Schuld des Homo faber)

http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/10945/1/Awad_Poppendiek_Nele_Die_Problematik_der_Identitaetsfindung_im_Werk_Max_Frischs.pdf (Dissertation: Die Problematik der Identitätsfindung bei M. Frisch – nur für Lehrer!)

http://uir.unisa.ac.za/bitstream/handle/10500/843/dissertation.pdf?sequence=1 (dort S. 59 ff.: Identitätsproblematik des Homo faber)

https://jyx.jyu.fi/dspace/bitstream/handle/123456789/25652/URN:NBN:fi:jyu-201012023136.pdf?sequence=1 (dort S. 37 ff.: der Naturbegriff in „Homo faber“)

http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/files/5322/NoegerSilvia.pdf (dort S. 141 ff.: die Verselbständigung der Technik im Roman)

http://www.untot.info/files/mueller_homofaber.pdf (Homo faber als Selbst-Designer)

http://eskidergi.cumhuriyet.edu.tr/makale/65.pdf (die Rolle des Zufalls im Roman)

http://www.arnd-hoffmann.com/upload/contents/Zufall_-_Schatten_der_Notwendigkeit_Votragsmanuskript_2003.pdf (über den Begriff des Zufalls)

http://www.dgphil2008.de/fileadmin/download/Sektionsbeitraege/09-3_Beier.pdf (über Selbsttäuschung, u.a. in „Homo faber“)

http://nfp.snf.ch/SiteCollectionDocuments/horizonte/91/Horizonte_91_gesellschaft_kultur_1_d.pdf (Kritik am Bild der Männlichkeit bei M. Frisch)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41760214.html (Spiegel 1957, Besprechung)

http://www.zeit.de/1958/02/max-frisch-und-der-homo-faber (Walter Jens, Besprechung 1958)

http://www.schule-bw.de/unterricht/faecher/deutsch/deutschlinks/schwerp/frisch/ (Linkliste BW)

http://lernarchiv.bildung.hessen.de/sek/deutsch/literatur/autoren/frisch/homo_faber/index.html (Links: Bildungsserver Hessen)

http://www.thgaier.de/deutsch.htm#homo (Links von Th. Gaier)

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autorf/frisch.html (Linkliste FU Berlin: Max Frisch)

http://ethesis.unifr.ch/theses/EggenschwilerA.pdf?file=EggenschwilerA.pdf (dort S. 158 ff.: zur Rezeption von „Homo faber“)

http://www.durov.com/study/Frisch_Max_-_Homo_Faber-601.pdf (der Text)

http://gabrieleweis.de/2-bldungsbits/literaturgeschichtsbits/werk-matrialien/frisch-homo-faber/frisch-homo-der-text.htm (der Text)

https://www.youtube.com/watch?v=MsHRqspGcuc (vorgelesen, 2011)

https://www.youtube.com/watch?v=w2-uvO2bNJU [Part 2]

https://www.youtube.com/watch?v=h-BFjj040vY [Part 3] usw. bis [19]

https://www.youtube.com/watch?v=MsHRqspGcuc&list=PLUumm5V2OT1wdj7Me7BbUlA6ZFGU39VZK (das ganze Hörbuch)

http://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/deutsch/gym/fb2/04_faber/ (Unterricht: Lehrerfortbildung BW)

http://www.lehrer-online.de/homo-faber.php (Unterrichtsreihe lo)

https://www.youtube.com/watch?v=8YXWOKMW8Vg (1. Teil von 4: Unterricht eines Wirtschaftsgymnasiums: FT-17 Max Frisch: „Homo faber“)

http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/frisch/ (U-vorschlag Klaus Dautels)

http://cdn.pf.webseiten.cc/fileadmin/user_upload/theater/junge_buehne/Materialmappen_Programmhefte/Homo_Faber_Mappe.pdf (Materialmappe: Theater Pforzheim)

http://www.dieblb.de/_data/BM_Homo_Faber.pdf (weiteres theaterpäd. Begleitmaterial)

http://www.stupidedia.org/stupi/Homo_Faber (Parodie)

http://www.formularservice-online.de/sixcms/media.php/358/pdf_frisch.pdf (über Max Frisch)

http://www.mfa.ethz.ch/de/index.html (Biografie u.a.)

http://www.youtube.com/watch?v=9HCan0YDubQ (Porträt M. Frisch, 1967)

http://www.planet-schule.de/wissenspool/autoren-erzaehlen/inhalt/sendungen/autoren-erzaehlen-max-frisch.html (Dokumentation über M. Frisch, 1961)

http://www.arvelle.de/magazin/2014/03/max-frisch-ein-moderner-klassiker-von-ungebrochener-aktualitaet/ (Interview mit M. Frisch)

http://repository.kulib.kyoto-u.ac.jp/dspace/bitstream/2433/184960/1/dbk02300_027.pdf (Würdigung des Gesamtwerks)

http://www.srf.ch/player/radio/reflexe/audio/wiederbegegnung-mit-max-frisch?id=790977a5-4679-4465-bbe8-2a8802a10675 (Wiederbegegnung mit M. Frisch)

Stand: 13.05.2014

Remarque: Im Westen nichts Neues – über das Rettende (Analyse)

Remarque: Im Westen nichts Neues (Ausgabe KiWi 916, 2005)

Ich setze hier voraus, dass Sie zur Kenntnis genommen haben, was ich über die verlorene Generation und die Auswirkungen des Krieges auf die Soldaten geschrieben habe. – Wenn man das letzte Kapitel des Romans in Ruhe liest, fällt die Ambivalenz auf, in der Paul Bäumer noch am Ende seines Lebens steht: Einmal denkt er erneut, dass seine Generation verloren ist, „und schließlich werden wir zugrunde gehen“ (198); dagegen stellt er die Möglichkeit, dass diese Gedanken „nur Schwermut und Bestürzung“ (198) sind, die wieder verfliegen werden: „Es kann nicht sein, daß es fort ist, das Weiche, das unser Blut unruhig machte, das Ungewisse, Bestürzende, Kommende, die tausend Gesichter der Zukunft, die Melodie aus Träumen und Büchern, das Rauschen und die Ahnung der Frauen…“ (199). Er hält also bis zum Schluss an der Idee eines Rettenden fest, welches dem Leben Ziel und Richtung gibt. Im Folgenden soll untersucht werden, was zu diesem Rettenden gehört; denn es zeigt sich in mancherlei Gestalten.

1. Im Krieg hat es zwei Gestalten, die Kameradschaft und die Erde:

** Zur Kameradschaft sind die relevanten Stellen schon in der Untersuchung über die Auswirkungen des Krieges zusammengetragen worden. Für alle anderen zitiere ich Pauls Gedanken auf seiner einsamen Patrouille: „Eine ungemeine Wärme durchflutet mich mit einemmal. Diese Stimmen, diese wenigen, leisen Worte, diese Schritte im Graben hinter mir reißen mich mit einem Ruck aus der fürchterlichen Vereinsamung der Todesangst, der ich beinahe verfallen wäre. Sie sind mehr als mein Leben, diese Stimmen, sie sind mehr als Mütterlichkeit und Angst, die sind das Stärkste und Schützendste, was es überhaupt gibt: es sind die Stimmen meiner Kameraden.“ (147)

** Dem entspricht der Lobpreis der Erde (47 f.): „Wenn er sich an sie preßt, lange, heftig, wenn er sich tief mit dem Gesicht und den Gliedern in sie hineinwühlt in der Todesangst des Feuers, dann ist sie sein einziger Freund, sein Bruder, seine Mutter. (…) Erde – Erde – Erde – !“

Dies sind die Gestalten des Rettenden im Krieg – aber Pauls Gedanken gehen auch über den Krieg hinaus.

2. Die Soldaten suchen im Gespräch das, was im Frieden ihr Lebensziel sein könnte (62 ff.); Paul möchte „etwas Unausdenkbares tun. (…) Etwas, weißt du, was wert ist, daß man hier im Schlamassel gelegen hat. Ich kann mir bloß nichts vorstellen.“ (68) Bei der Begegnung mit den gefangenen Russen erinnert er sich an diese Äußerung – er hält es für möglich, dass die Feindschaft zwischen den Menschen aufhört, dass auch die Russen brüderliche Mitmenschen sein könnten (135 f.). „Mein Herz klopft: ist hier das Ziel, das Große, das Einmalige, an das ich im Graben gedacht habe (…), ist es eine Aufgabe für das Leben nachher, würdig der Jahre des Grauens?“ (136) Er scheut sich, den Gedanken zu Ende zu denken, teilt aber seine Zigaretten brüderlich mit den Russen (136).

Im Gespräch über den Grund des Krieges (140 ff.) erkennen die Soldaten, dass die Professoren und Pastöre mit ihren Parolen nicht recht haben und dass es eine Beleidigung eines Volkes durch ein anderes nicht gibt; dass vielmehr wenige den Krieg wollen und wenige davon profitieren. Aber der Denker Albert beendet diese abstrakte Analyse, in der es keine Namen und keine Zahlen und keine bestimmten Interessen gibt: „Besser ist, über den ganzen Kram nicht zu reden.“ (144) Kat bestätigt, dass dadurch ja auch nichts besser werde.

Diese beiden Episoden zeigen, wie die Soldaten zwar die Idee eines Rettenden haben, aber sie nicht zu fassen bekommen – ihre Analyse bleibt ans Gefühl gebunden (Paul, vgl. 138, den letzten Absatz von Kap. 8 – auch in der Begegnung mit dem ermordeten Duval kommt Paul nicht über das Gefühl hinaus: „Kamerad, ich will kämpfen gegen dieses, das uns beide zerschlug…“, 156; schon Sekunden später weiß er, dass er es nicht tun wird) oder sie bleibt abstrakt. Sie bleibt auch für Paul abstrakt, weil sie nur ans Gefühl gebunden ist.

Deswegen erscheint das Rettende Paul in zwei anderen Gestalten:

  • „Das Leben“ wehrt sich gegen den Tod (186). Zum Leben gehört „das Weiche, das unser Blut unruhig machte, (…) die Melodie aus Träumen und Büchern, das Rauschen und die Ahnung der Frauen“ (199; vgl. auch die tiefe Übereinstimmung der beiden Freunde nach dem Gänseessen, 74). Hierzu zählt auch die Erfahrung der Liebe (109 oben), die allerdings bereits bald darauf widerrufen wird: „Man glaubt an Wunder, und nachher sind es Kommißbrote.“ (111)
  • Die Landschaft der Jugend (90 f.) und das Kindsein (130) sind die andere Gestalt; das Kindsein trägt aber nicht den Erwachsenen, den nächsten Heimaturlaub handelt Paul mit drei Zeilen ab (183). An der Landschaft der Jugend hat ihn „das Gemeinsame, dieses Gleichfühlen einer Brüderschaft mit den Dingen und Vorfällen unseres Seins, die uns abgrenzte“ (91) angezogen – aber sie hat nur in der Jugend getragen, sie ist ihm nicht mehr zugänglich, meint er zumindest, als er sich als verloren betrachtet (92). Vielleicht widerlegt das letzte Kapitel diese Einschätzung? Denn die Landschaft der Jugend ist letztlich nichts anderes als das, was Paul auch „das Leben“ nennt. – Es scheint, dass „das Leben“ ihn auch den Tod akzeptieren lässt; der Tote lag so, „als wäre er beinahe zufrieden damit, daß es so gekommen war“ (199).

Fazit: Paul und seine Kameraden können das Rettende nicht begreifen, weil es ihnen nur im Gefühl gegeben ist, weil es in ihrem Denken abstrakt bleibt. Es fehlt ihnen die konkrete politische Analyse, welche zu Erkenntnissen führte, für deren Verwirklichung man sich organisieren kann. Solange das Rettende nur im Gefühl erscheint, bleibt es Trost für den Moment, kann sich aber nicht in der Geschichte der Menschen auswirken. Es ähnelt (gleicht?) dem Idyll der Natur (95, oben) oder dem selbst geschaffenen Idyll des Fressens und Schlafens (159). – Erzähltechnisch macht die Ambivalenz es möglich, den Roman endlos weiterzuschreiben, aber auch jederzeit abzubrechen; beendet wird er dadurch, dass einer nach dem anderen aus der Gruppe stirbt, Paul als letzter.

Vielleicht ist das Defizit in der Konzeption des Rettenden ein Grund für den großen literarischen Erfolg des Romans – und für seine politische Wirkungslosigkeit.

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Zu Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ finden Sie in diesem Blog mehrere Beiträge, die in dieser Reihenfolge entstanden sind (ich hoffe, dass sich darin auch ein Erkenntnisfortschritt spiegelt):

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/09/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-des-1-kapitels/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-die-verlorene-generation/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-wie-sich-der-krieg-auf-die-soldaten-auswirkt-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-inhalt-interpretation-hilfen-links/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-zeitstruktur-mit-ubersicht-inhalt/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-uber-das-rettende-analyse/

Im Jahr 2014 gibt es eine Reihe von Ausstellungen über den 1. Weltkrieg: Übersicht

Remarque: Im Westen nichts Neues – Zeitstruktur, mit Übersicht: Inhalt

Remarque: Im Westen nichts Neues (Ausgabe KiWi 916, 2005). Der Verlag KiWi greift in neuen Ausgaben auf die erste Ausgabe 1929 zurück; dort beginnt Teil I mit Kap. 1 und Teil II mit Kap. 11. – Der Roman erschien vom 10. November bis 9. Dezember 1928 in der „Vossischen Zeitung“ in Fortsetzungen und am 31. Januar 1929 im Propyläen-Verlag (Ullstein).

Vorwort eines anonymen Sprechers über den Zweck des Buchs (12)

Kapitel 1

Jetzt (13): 9 km hinter der Front

<— gestern (13): zurückgekommen, geschlafen; Szene Essensausgabe (vorhin)

<— vor 14 Tagen (13): an die Front gekommen

Heute (16): Zufriedenheit; Szene Latrinensitzung

<— wie Kantorek die Klasse für den Militärdienst warb (19 f.), danach die ersten Kriegserfahrung und Behms Tod (Kontrast)

Szene Besuch Kemmerichs im Feldlazarett (21 ff.)

<— damals, wie wir abfuhren (22)

—> wie nach Kemmerichs Tod Haare und Fingernägel wachsen (22)

—> wie Paul nach Kemmerichs Tod der Mutter schreiben muss (24)

Es gibt auch mehrere Stellen, in denen das Soldatenleben mit dem Leben früher beiläufig verglichen wird, z.B. was die neuen Rekruten noch nicht gelernt haben (17), was wir inzwischen gelernt haben (17), wie wir gegenüber der Schulzeit „jetzt“ sehen gelernt haben (21).

Fazit: Um das Heute eines Tages wird ein Zeitraum eröffnet, der zunächst die letzten 14 Tage, vor allem den vergangenen Tag umfasst, dann auch die Schulzeit, die Meldung zum Militär und die Abfahrt sowie erste Kriegserfahrungen; zwei kleine Ausblicke gehen über den bevorstehenden Tod Kemmerichs hinaus. Der ganze Zeitraum ist also vom Militärdienst bestimmt.

Aus der Differenz 18jährige Schüler / 19jährige Soldaten (20/14) ergibt sich, dass sie seit ungefähr einem Jahr eingezogen sind, wovon 10 Wochen Ausbildungszeit waren (26, 2. Kap.).

Kapitel 2

Großer Vergleich: hier, jetzt <— zu Hause, früher (25 f.)

<— früher (26 ff.): als wir zum Bezirkskommando gingen, als wir ausgebildet und geschunden wurden (viele Einzelheiten)

[ohne Datum] Szene Besuch Pauls bei Franz K. im Feldlazarett (30 ff.)

<— Franz K. als Schüler (31)

(eine Stunde vergeht) Franz K. stirbt.

In der Baracke übergibt Paul an Müller Franz’ Stiefel (34).

Fazit: Nach den Vergleichen und der Erinnerung an die Ausbildung folgt eine undatierte Szene im Feldlazarett; vermutlich spielt das Geschehen am nächsten Tag nach dem „Heute“ von Kap. 1.

Kapitel 3

[ohne Datum] Es kommt Ersatz für die Gefallenen (35); Ort: Baracken

Szene: Katczinsky verteilt Bohnen mit Fleisch (35 f.).

<— Wie Kat nachts in einem fremden Ort Essen organisierte (36 ff., Szene, verbunden mit Kommentaren zur Person Kat)

[ohne Datum] Wir haben uns hingehauen. Szene: Gespräch über das Militär, Krieg, Macht (38 ff.); Himmelstoß’ Ankunft wird angekündigt.

<— Ausbildung durch Himmelstoß (41 f.)

<— dessen Züchtigung durch einige Rekruten (42 ff.)

Fazit: Das Kapitel wird von Gesprächen und Erinnerungen bestimmt; vermutlich spielt das Geschehen in den 14 Tagen der Erholung nach der Rückkehr von der Front (s. Kap. 1).

Kapitel 4

[ohne Datum] Bericht von einem Einsatz zum Schanzen an der Front: Abend (45), 21 h (46), Nacht, 3 h (53), Morgen (59). Berichtet wird die Hinfahrt im Lkw, der Marsch zur Front, das Schanzen (45 – 50); dieser Bericht wird von einem Bericht über ein Artilleriegefecht sowie Gedanken und Kommentare Pauls unterbrochen.

Die Kompanie gerät unter Feuer (51 ff.); szenisch wird vom Leiden der verwundeten Pferde erzählt (52 f.); bei der Rückkehr gerät die Kompanie auf dem Jägerfriedhof in einen Feuerüberfall (54 ff., Szene) und einen Gasangriff (Szene, 56 f.); Verwundete werden versorgt, Tote geborgen. Rückmarsch und Heimfahrt (59 f.)

Fazit: Das ist der erste Bericht von direkter Fronterfahrung der Kompanie; vielleicht spielt das Geschehen dieser Nacht in den 14 Tagen der Erholung nach der Rückkehr von der Front (s. Kap. 1).

Kapitel 5

[ohne Datum] Im Wesentlichen wird zunächst szenisch ein Gespräch berichtet, was die einzelnen Soldaten tun wollten, wenn jetzt Frieden wäre (61 – 69). Eingeschoben ist ein Bericht von der Ankunft Himmelstoß`, dem sich Tjaden widersetzt (64 ff.); ein Kommentar Pauls (69).

Episodisch wird berichtet, wie auch Kropp sich jenem widersetzt und wie Tjaden und Kropp milde bestraft werden (69 ff.) [abends; bis in die Nacht wird Skat gespielt, 71 f.]

Szene: Kat und Paul gehen Gänse klauen, braten und essen (72 ff.), Rückkehr in der Dämmerung (75).

Fazit: Das sind undatierte Episoden oder Schwänke vom Militär.

Kapitel 6

[zwei Tage früher als sonst] Bericht von (zwei Wochen) Fronteinsatz (76 ff.)

Episoden (Ratten) und Kommentar (77 f.); ein Tag nach dem andern (79)

Bericht vom ersten Trommelfeuer (81 ff.), anderthalb Tage

Sturmangriff der Franzosen und Gegenangriff (84 ff.), ein Tag

<— Erinnerungen an Kreuzgang des Doms und heimatliche Landschaft, mit Kommentar (89 – 92)

Vergebliche Suche nach einem Verwundeten (92 ff.), die Tage gehen hin

Unerfahrene Rekruten füllen die Lücken (96 f.)

Himmelstoß versucht sich zu drücken (Szene, 97 f.)

Summarischer Bericht von den ganzen Schrecken des Krieges (98 f.), die Tage vergehen

Die Kompanie wird abgelöst und fährt zurück (99 f.), von 150 sind noch 32 Soldaten übrig; Metapher: Sommer / Herbst (100)

Fazit: Möglicherweise ist das der Fronteinsatz, der auf die 14 Tage Erholung (s. 1. Kap.) folgt. Es gibt eine Reihe von Episoden, die häufig an allgemeine Angaben der Tageszeit gebunden sind (Morgen, Mittag, Abend, Nacht) und von einzelnen Kommentaren abgerundet werden; öfter wird erwähnt, dass die Tage vergehen.

Kapitel 7

[anschließend] Kompanie ins Feldrekrutendepot verlegt (101)

Reflexion des Soldatenlebens („vergessen“, 101 f.)

—> Ausblick auf die Zeit danach (102 f.)

Wirkung eines Mädchenbildes auf die Soldaten (103 f.)

Begegnung mit drei jungen Frauen am Kanal, in der Nacht Besuch bei ihnen (105 ff.)

[Schnitt] Urlaub für Paul (110): 14 Tage + 3 Tage fürs Fahren

[mehrere Tage] Heimfahrt, Ankunft am Sonnabend, Begegnung mit Mutter und Schwester (111 ff.)

[nach einer Stunde] zum Bezirkskommando (117)

Begegnung mit dem Major; mit dem Vater und dem Direktor (szenisch, 118 ff.)

Reflexion der eigenen Situation, der Kriegserfahrung (120 f.), Gefühl der Fremde im eigenen Zimmer (122 ff.)

Zu Mittelstaedt in die Kaserne, Kantorek wird geschliffen (szenisch, 124 ff.) – Stunden und Tage vergehen – noch 4 Tage Urlaub (128)

Besuch bei Kemmerichs Mutter (szenisch, 128 f.)

Der letzte Abend und die Nacht zu Hause, Paul wird weich (129 ff.)

Fazit: Teils episodisch, teils kurz szenisch erzählt, mehrere Schnitte im Erzählen. Das Kapitel dient dazu, Pauls Veränderung zu zeigen: Mädchen, zu Hause, Kantorek. – Für die relative Chronologie gibt es einige Daten: Vor 1 Jahr war der Urlaub noch anders, da hatte Paul noch keine Fronterfahrung (120 f.); vor zwei Jahren hat Kantorek sie „zum Bezirkskommando gepredigt“ (125); dass man vor Kantorek Angst hatte, ist „noch kaum zwei Jahre her“ (126, vgl.: zwei Jahre Schießen und Handgranaten, 69). – Dass die Soldaten „seit Jahren“ (103) kein so hübsches Mädchen wie auf dem Bild gesehen haben, muss also relativiert werden. Wenn man knapp rechnet, könnten seit der ersten Rückkehr von der Front (1. Kap.) etwa sieben Wochen vergangen sein: zwei Wochen Erholung / zwei Wochen Front / Tage der Erholung plus Urlaub.

Kapitel 8

[anschließend] Paul im Heidelager (132 ff.) – Herbst (Laub färbt sich, 132)

daneben ist das Russenlager (133 ff.) – Situation der Russen beschrieben

Reflexion des Krieges (136), Umgang mit den Russen berichtet

Vater und Schwester kommen am Sonntag zu Besuch (137 f.)

Paul gibt den Russen zwei von Mutters Kartoffelpuffern (138, teils szenisch).

Fazit: Von dem (mehrwöchigen?) Kurs wird episodisch erzählt; neu ist die Begegnung mit gefangenen Russen.

Kapitel 9

[anschließend] Fahrt zurück zur Kompanie (139) – einige Tage

Episode: Truppenbesuch des Kaisers (140)

Gespräch über den Grund des Krieges (141 ff.)

An die Front zurück (144), Paul auf Patrouille (145 ff.), Szene: Angst

Angriff der Franzosen geht los und wird abgeschlagen (148 f.).

Szene: Paul ersticht einen Franzosen, hilft dem Sterbenden, bereut, denkt an die Frau des Toten (149 ff.): Nacht – Tag – Nacht

Die Kameraden finden ihn (157); am nächsten Morgen erschießt Oellrich genüsslich Gegner (157 f., Kontrast zu Paul).

Fazit: Sowohl die Angst Pauls und die Reue angesichts des toten Franzosen Gérard Duval zeigen eine Veränderung Pauls an. Die Begegnung mit Duval bestimmt Kapitel 9. – Zur Chronologie: In Russland ist kein Krieg mehr (140); der Waffenstillstand trat am 15. 12. 1917 in Kraft, der Friede von Brest-Litowsk wurde am 3. 3. 1918 geschlossen.

Kapitel 10

[ohne Datum] Wir müssen ein Dorf bewachen (159 ff.).

Sie organisieren Essen, kochen, fressen und bekommen Durchfall (Szene, 1 Tag).

So geht es 3 Wochen, dann rücken sie ab (163 f.).

Sie müssen eine Ortschaft aufräumen – ein paar Tage später (164).

Szene: Paul und Albert werden verwundet und operiert (164 ff.), Fahrt mit dem Lazarettzug nach Köln (teils szenisch, 167 ff.); Erlebnisse im katholischen Krankenhaus (mehrere Tage, 171 ff.).

Paul wird operiert, Alberts Bein amputiert (177 f.); „allmählich…“ (178)

Reflexion des sinnlosen Leidens (179 f.) – „ich bin 20 Jahre alt“ (179)

Episode: Lewandowskis Frau kommt zu Besuch (180 ff.)

Paul bekommt nach mehreren Wochen einen Erholungsurlaub (183), er wird wieder vom Regiment angefordert und fährt ab.

Fazit: Das Kapitel wird vom Kontrast zwischen der Völlerei am Anfang und der Verwundung der beiden Freunde samt Operationen und Krankenhaus bestimmt; die Verwundungen verweisen auf den künftigen Tod. Einzelne Szenen und Episoden werden erzählt; das gesamte Geschehen dauert vielleicht zehn Wochen. Der Erzähler ist ein Jahr älter als zu Beginn des erzählten Geschehens, also seit zwei Jahren Soldat.

Kapitel 11

„Wir zählen die Wochen nicht mehr. Es war Winter, als ich [wo, an der Front, nach dem letzten Heimaturlaub? – vgl. Kap. 8: Herbst, Kap. 9 Russland, Kap. 10 Abfahrt zum Regiment] ankam (…). Jetzt sind die Bäume wieder grün. Unser Leben wechselt zwischen Front und Baracken.“ (185)

Große Reflexion, wie sich der Krieg auf die Soldaten auswirkt: Leben an der Grenze des Todes (185 – 187)

Die Soldaten verlieren wegen der Verluste den letzten Halt, auch Paul:

<— wie Deterings Flucht scheiterte (teilweise szenisch, 187 f.)

<— wie Berger den Koller bekam (teilweise szenisch, 188 ff.)

Beschreibung der schlechten Lage der Deutschen (190 f.), des Einsatzes von Tanks (192); Bertrinks Tod (teils szenisch, 192 f.).

„Die Monate rücken weiter. Dieser Sommer 1918 ist der blutigste und schwerste.“ (193) Mehrfach wird der Sommer 1918 genannt und in seiner Bedeutung umschrieben (193 f.).

Szene: Kat wird verwundet, von Paul gerettet, erneut getroffen und stirbt (194 ff.); Paul wird ohnmächtig. Im Gespräch hat Paul ihn daran erinnert, dass Kat ihn vor fast drei Jahren gerettet hat (195).

Fazit: Die Zeitangaben zu Beginn sind unklar; sie können ein halbes Jahr umschreiben – die Datierung hakt aber, weil Kap. 9 mindestens auf den Winter 19178/18 angesetzt werden muss. Die wenigen Szenen von Kap. 11 müssen einen großen unbestimmten Zeitraum abdecken. Das Kapitel bereitet mit der Reflexion Pauls, mit der Beschwörung des Sommers 1918 und den Berichten vom Tod der Tüchtigsten auf das Ende vor.

Kap. 12

[Schnitt] „Es ist Herbst. (…) Ich bin der letzte von den sieben Mann aus unserer Klasse hier.“ (198)

Paul beschreibt die Lage kurz; wegen einer Gasvergiftung hat er eine Art Urlaub. (198)

–> Er denkt ambivalent über die Zeit nach dem Krieg nach. (198 f.)

Es folgt der kurze Bericht eines anonymen Sprechers über den Tod Pauls im Oktober 1918 – an einem Tag, in dem es im Heeresbericht hieß, „im Westen sei nichts Neues zu melden“ (199). Er war anscheinend friedlich gestorben.

Fazit: Mit Pauls Tod endet das Buch; der Ausblick auf die Zeit nach dem Krieg wird durch seinen Tod (einen Monat vor dem Waffenstillstand vom 11.11.1918) widerlegt. Die Datierung „Herbst“ gewinnt metaphorische Bedeutung (vgl. die Metapher auf S. 100), Winter ist dann der Tod.

Die Heeresmeldung widerspricht der Meldung seines Todes, da der Tod des Erzählers etwas Neues ist; und er widerspricht ihr nicht, da das Sterben an der Westfront wirklich nichts Neues war. So ist der daraus gewonnene Titel des Buches höchst zweideutig.

Auswertung

Es wird von zwei Jahren Krieg, die Paul und seine Kameraden erleben, aber nicht überleben, erzählt; das zweite Jahr wird ziemlich kurz behandelt (Kap. 11 f.). Die einzelnen Ereignisse und Berichte sind kaum datiert, oft nicht chronologisch miteinander verbunden; aus wenigen Bemerkungen des Ich-Erzählers kann man eine relative Chronologie erstellen. Es hakt aber bei der Chronologie (s. Kap. 8 – 11).

Es wird sowohl szenisch wie auch episodisch und summarisch erzählt; allgemeine Zeitangaben wie „morgens, am Abend, in der Nacht“, gelegentlich auch Angaben der Uhrzeit ordnen die Abläufe der einzelnen Episoden.

Es gibt mehrfach Rückgriffe auf die Zeit vor dem Krieg – vor allem Erinnerungen an die Werbung durch Kantorek und an die Ausbildung durch Himmelstoß. Ausblicke in die Zukunft gibt es kaum; die Soldaten leben im Hier und Heute. Es fällt auf, dass der Ich-Erzähler häufig Ereignisse reflektiert; das passt nicht zur Abstumpfung beim Militär, die er beklagt.

Eine wirkliche Entwicklung macht Paul Bäumer nicht durch. Zwar stumpft er als Soldat ab, gewöhnt sich an das harte Leben an der Grenze des Todes, das Leben der Zivilisten ist ihm fremd geworden; doch zeigen seine weichen Gefühle (Mutter, Duval, Russen, die Mädchen), dass noch ein anderer Kern da ist. Das wird durch die letzte Reflexion in Kap. 12 bestätigt, wo er seinen eigenen Pessimismus relativiert, „vielleicht ist auch alles dieses, was ich denke, nur Schwermut und Bestürzung, die fortstäubt, wenn ich wieder unter den Pappeln stehe…“ (198 f.).

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Zu Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ finden Sie in diesem Blog mehrere Beiträge, die in dieser Reihenfolge entstanden sind (ich hoffe, dass sich darin auch ein Erkenntnisfortschritt spiegelt):

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/09/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-des-1-kapitels/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-die-verlorene-generation/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-wie-sich-der-krieg-auf-die-soldaten-auswirkt-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-inhalt-interpretation-hilfen-links/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-zeitstruktur-mit-ubersicht-inhalt/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-uber-das-rettende-analyse/

Remarque: Im Westen nichts Neues – Inhalt, Interpretation, Hilfen: Links

http://de.wikipedia.org/wiki/Im_Westen_nichts_Neues (mit Einordnung, Inhalt nach Kapiteln und Rezeption – Inhalt etwas zu knapp)

http://www.remarque.uni-osnabrueck.de/iwnn.htm (v.a. Literatur zum Roman)

http://www.dieterwunderlich.de/Remarque_westen.htm (i.W. Inhalt, mit manchen willkürlich ausgewählten Einzelheiten)

http://deutschsprachige-literatur.blogspot.de/2010/11/inhaltsangabe-im-westen-nichts-neues.html (Inhalt, knapp)

http://www.inhaltsangabe24.de/im-westen-nichts-neues-remarque.php dito

https://is.muni.cz/th/38903/pedf_m/Diplomova_prace_Skvarilova_Leona.pdf (dort S. 22 ff.: Interpretation – für eine Diplomarbeit nicht besonders tiefschürfend; u.a. zum Begriff der verlorenen Generation, S. 32 ff.)

http://othes.univie.ac.at/19783/1/2012-03-28_0600028.pdf (Magisterarbeit Manuela Bernauers; dort S. 11 ff.: Interpretation – die beste Gesamtinterpretation im Netz, ich habe allerdings einige Einwände; Topos „Lost Generation“ auf S. 14 ff.; dort S. 40 ff: E. Jünger: In Stahlgewittern)

http://tmp.eniu.ch/Deutsch%20Facharbeit.pdf (Facharbeit, relativ simpel, mit Personenkonstellation und Vertiefung: Die verlorene Generation)

http://www.harrythuerk.de/EE-ThuerkRemarque.pdf Vergleichende Charakteranalyse (Vergleich zweier Romane)

http://literaturen.net/remarque-im-westen-nichts-neues-interpretation-erlaeuterung-528 (Interpretation vermutlich eines Lehrers, mit einigen gehobenen Begriffen)

http://deutschebuecher.files.wordpress.com/2012/03/db_2010_rezension_schneider_remarque_im_westen_nichts_neues_delabar.pdf Edition und Distribution

http://www.journal21.ch/erich-maria-remarque-im-westen-nichts-neues-1929 Besprechung

http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/westen/ Kindler (neu), Besprechung

http://radiergummi.wordpress.com/2011/08/25/erich-maria-remarque-im-westen-nichts-neues/ Besprechung

http://www.salvani.de/pdf_documents/rezensionen/remarque_im_westen_nichts_neues.pdf Besprechung

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21058617.html Besprechung im „Spiegel“, 1952

http://home.arcor.de/robert.vater/Schule/deutsch4.htm Schüler: größere Arbeit (mit umfangreicher Nacherzählung, abgeschrieben vom folgenden Link:)

http://members.aon.at/livingbox/Im_Westen_nichts_Neues.html dito: größere analytische Arbeit, vermutlich eines Lehrers

http://www.zum.de/psm/pdf/kupracz.pdf Schülerreferat (?) „Bemerkungen zum historischen Roman…“, v.a. die Rezeption nimmt breiten Raum ein

http://www.schreiben10.com/referate/Literatur/3/Erich-Maria-Remarque—Im-Westen-nichts-neues-reon.php Schülerreferat (mit Beschreibung der Personen)

http://www.schultreff.de/referate/deutsch/r0392t00.htm dito (Inhalt nach Kapiteln; wichtige Personen und Orte)

http://www.schulzeux.de/deutsch/erich-maria-remarque-im-westen-nichts-neues-zusammenfassung-inhaltsangabe.html dito (Nacherzählung)

www.hackerplanet.at/datenbank/downloads/4bheli/referate/westen.doc dito (firefox warnt vor dieser Datei!)

http://www.buechereule.de/wbb2/print.php?threadid=24381&page=1 Rezeption Schüler, zu Kap. 10-12

http://www.schinka.de/deutschunterricht-klasse-11-reden-westen-neues.php3 Analyse der Lehrerrede

http://www.gymoedeme.de/anhaenge/4381/Krieg-Expressionismus.pdf (Krieg: Gedichte und Bilder)

http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000001060/06_HaeretikerI.pdf?hosts= Kriegskritische Texte (Diss)

http://www.qucosa.de/fileadmin/data/qucosa/documents/9733/Geisler_Korr.pdf (Oliver Geisler: Areale der Tat. Das Ereignis der Gewalt und seine Erzählbarkeit, Diss 2012)

http://othes.univie.ac.at/27291/1/2013-01-30_0603800.pdf (Martina Stadler: Desillusionierung und Kriegsernüchterung… – zu Köppen, Remarque und Ludwig Renn; Magisterarbeit 2013)

http://www.rainerleschke.de/downloads/pdf/leschke_kriegohneOpfer.pdf (Rainer Leschke: Krieg ohne Opfer. Von der Verlusten der Kriegserzählung – eine Auseinandersetzung mit W.G. Sebald: Luftkrieg und Literatur, 1999)

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http://www1.wdr.de/mediathek/av/videoerichmariaremarqueimwestennichtsneuesgelesenvonmaxsimonischek100_size-L.html?autostart=true (Texte vom 1. WK)

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http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/7132/pdf/Korte_Paletschek_Hochbruck_Der_erste_Weltkrieg.pdf Der 1. WK in der pop. Erinnerungskultur

http://cs6232.vk.me/u1249421/docs/b8bd79610405/Erich_Maria_Remarque_-_Im_Westen_nichts_Neues.pdf?extra=iLfZh38aVhEaZNA0EQkwU6vAnGWzq-HXFefZUJV9qGou614gaSywCrkpOW0_YDeqZiVeyUU0pwVPusP3Gnj0yFfRzIKmpw  (Text des Romans, Kiepenheuer & Witsch 1971 – der Link scheint instabil zu sein, man muss notfalls den Titel plus „ullstein 1928, kiepenheuer & witsch 1971“ eingeben)

https://www.uni-erfurt.de/fileadmin/public-docs/Literaturwissenschaft/ndl/Material_Schmidt/Remarque__Im_Westen_nichts_Neues.pdf (Text, 1986)

http://ebookstorm.com/ebook/943205/im-westen-nichts-neues Text (Man muss sich für Spiele anmelden, z.T. bezahlen.)

http://www.bm.shuttle.de/bm/abtei-gym/doerp2.htm Goebbels gegen Remarque

https://www.google.de/search?q=im+westen+nichts+neues&ie=utf-8&oe=utf-8&rls=org.mozilla:de:official&client=firefox-a&gws_rd=cr&ei=9TPVUujvNobItAa0hYHQBw#q=im+westen+nichts+neues+trailer&rls=org.mozilla:de:official&tbm=vid trailer

http://www.digitalvd.de/dvds/46387,Im-Westen-nichts-Neues-1979.html Film 1979

http://www.geschichte-projekte-hannover.de/filmundgeschichte/deutschland_vor_1933/im_westen_nichts_neues/inhalt_und_entstehung.html Film

http://www.mgfa.de/pdf/ZMG_Heft%204_2008.pdf (S. 4 ff.: zum Film)

http://lesekreis.org/2010/06/24/literaturverfilmung-im-westen-nichts-neues-mit-daniel-radcliffe/ Verfilmung

http://weltkrieg1.wordpress.com/arte-doku-1/im-westen-nichts-neues/ Verfilmungen

http://www.lmz-bw.de/fileadmin/user_upload/Medienbildung_MCO/fileadmin/bibliothek/beller_gegendenkrieg/beller_gegendenkrieg.pdf Filmanalyse

http://www.geschichte-projekte-hannover.de/filmundgeschichte/deutschland_vor_1933/im_westen_nichts_neues/inhalt_und_entstehung/literarische_vorlage.html Roman – Film

http://www.filmrezension.de/dossier/horn_essays/EssayChristianHornImWestennichtsNeues.pdf Rezeption von Buch und Film

https://www.youtube.com/watch?v=IADCveTSJog (u.a.: Hörbuch)

http://www.noz.de/lokales/melle/artikel/421595/im-westen-nichts-neues-remarque-als-graphic-novel graphic novel

https://norberto42.wordpress.com/2014/11/09/deutsche-maler-der-1-weltkrieg-bilder/ (Deutsche Maler: Der 1. Weltkrieg)

http://www.schoeningh-schulbuch.de/artikel/EinFach-Deutsch-Unterrichtsmodelle-Erich-Maria-Remarque-Im-Westen-nichts-Neues/978-3-14-022395-9 Schöningh: Unterrichtsmodelle für Lehrer

http://www.exil-club.de/dyn/9.asp?Aid=262&Avalidate=683300196&cache=34122&url=49672.asp (Unterricht, 2003)

http://www.exil-club.de/dyn/bin/49672-49703-1-ue_im_westen_kpl.pdf Anregungen Unterricht

http://www.lehrer-online.de/exil-club-im-westen-nichts-neues.php Unterrichtsreihe lo, 2014

http://www.stephan-diedrich.de/unterricht/deutsch/remarque-im-westen-nichts-neues/ (Links eines Lehrers)

http://www.dr-peter-wieners.de/h–m/remarque/im-westen-nicht-neues/feindbild—vergleich-mit-lerschs-brueder.html Gedichtanalyse im Vergleich zu Remarque

http://www.kgs-tornesch.de/dokumente/upload/d0bfc_im_westen_nichts_neues.pdf Beispiele: produktionsorientiert zu Rem.

http://www.mittelschulvorbereitung.ch/contentLD/DE/T97nWestenNichts.pdf Lektürekontrolle

http://de.scribd.com/doc/44404192/%E2%80%9EIm-Westen-nichts-Neues%E2%80%9C-von-Erich-Maria-Remarque Erörterung zum Motto

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autorr/rema.html Links zu Remarque

http://www.oldenbourg.de/osv/artikel/88690-2 Peter Bekes, Oldenbourg: Interpretation und Unterrichtssequenz; (dazu der Inhalt: http://www.dandelon.com/servlet/download/attachments/dandelon/ids/AT00184F27888DC69894FC1257137004C09D2.pdf)

http://www.jpc.de/jpcng/books/detail/-/art/Wolfhard-Keiser-Im-Westen-nichts-Neues-von-Erich-Maria-Remarque-Textanalyse-und-Interpretation/hnum/1719882 Lektürehilfe Königs (Herr Keiser redet von Teil I und II, was für neue KiWi-Ausgaben stimmt – viele Ausgaben zählen dagegen einfach die Kap. 1-12; beim Inhalt von Kap. 1 unterlaufen ihm zwei Fehler. Siehe http://f3.tiera.ru/1/genesis/675-679/675000/e42b401dcbf57785792f9ea15aa90961!)

http://bibscout.bsz-bw.de/bibscout/E-K/G/GE3003-GT1500/GM/GM1402-GM7651/GM2100-GM7651/GM5070-GM5229/GM5110-GM5113/GM.5113 Liste: Sekundärliteratur

Stand: 8. Mai 2014; einige hilflose Schülerarbeiten und allzu knappe Besprechungen habe ich nicht berücksichtigt.

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Zu Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ finden Sie in diesem Blog mehrere Beiträge, die in dieser Reihenfolge entstanden sind (ich hoffe, dass sich darin auch ein Erkenntnisfortschritt spiegelt):

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/09/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-des-1-kapitels/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-die-verlorene-generation/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-wie-sich-der-krieg-auf-die-soldaten-auswirkt-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-inhalt-interpretation-hilfen-links/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-zeitstruktur-mit-ubersicht-inhalt/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-uber-das-rettende-analyse/

Remarque: Im Westen nichts Neues – wie sich der Krieg auf die Soldaten auswirkt (Analyse)

Remarque: Im Westen nichts Neues (Ausgabe KiWi 916, 2005)

Neben den Kampfszenen ist dieses Thema ein Zentrum des Romans; hierhin gehört auch das, was bereits über die verlorene Generation festgehalten worden ist. – Zunächst sind Überlegungen des Ich-Erzählers Paul Bäumer zu nennen:

Während Paul sich an seine Ausbildung erinnert, kommentiert er seine Erfahrungen (26 ff.): „Mit Begeisterung und gutem Willen waren wir Soldaten geworden; aber man tat alles, um uns das auszutreiben.“ (26) Die Ausbildung bestand weithin aus Schikanen: „wir hatten uns unsere Aufgabe anders gedacht und fanden, daß wir auf das Heldentum wie Zirkuspferde vorbereitet wurden. Aber wir gewöhnten uns bald daran.“ (27). Durch den Vergleich „wie Zirkuspferde“ wird die große Idee des Heldentums auf die niedere Stufe der Tierdressur herabgezogen. – Nach weiteren Berichten über die Ausbildungsmethoden des Unteroffiziers Himmelstoß (27 ff.), der öfter im Roman erwähnt wird, fasst Paul Bäumer das Ergebnis der Ausbildung so zusammen: „Wir wurden hart, mißtrauisch, mitleidlos, rachsüchtig, roh – und das war gut; denn diese Eigenschaften fehlten uns gerade. Hätte man uns ohne diese Ausbildungszeit in den Schützengraben geschickt, dann wären wohl die meisten von uns verrückt geworden.“ (29) Durch das Lob der wenig menschenfreundlichen Eigenschaften, die man in der Ausbildung erwirbt, wird die Inhumanität des Krieges entlarvt.

Im gleichen Zusammenhang wird jedoch auch das Zusammengehörigkeitsgefühl erwähnt, „das sich im Felde dann zum Besten steigerte, was der Krieg hervorbrachte: Zur Kameradschaft!“ (30) Gesteigert wird diese Kameradschaft im Verhältnis Pauls zu Katczinsky, mit dem er u.a. nächtens zwei geklaute Gänse brät; „wir sind voll zarteter Rücksicht miteinander, als ich mir denke, daß Liebende es sein können“ (74); „jetzt sitzen wir vor einer Gans und fühlen unser Dasein und sind uns so nahe, daß wir nicht darüber sprechen mögen“ (74). Auch zu Beginn des Kapitels 11, wo Paul die Auswirkung des Krieges reflektiert (s.u.), wird die große Brüderschaft unter den Soldaten erwähnt, „die ein[en] Schimmer von dem Kamaradentum der Volkslieder, dem Solidaritätsgefühl von Sträflingen und dem verzweifelten Einanderbeistehen von zum Tode Verurteilten seltsam vereinigt zu einer Stufe von Leben, das mitten in der Gefahr (…) sich abhebt und zu einem flüchtigen Mitnehmen der gewonnenen Stunden wird, auf gänzlich unpathetische Weise. Es ist heroisch und banal, wenn man es werten wollte – doch wer will das?“ (185) – Es gibt eine weitere Belegstelle dafür: „Eine ungemeine Wärme durchflutet mich mit einemmal. Diese Stimmen, diese wenigen, leisen Worte, diese Schritte im Graben hinter mir reißen mich mit einem Ruck aus der fürchterlichen Vereinsamung der Todesangst, der ich beinahe verfallen wäre. Sie sind mehr als mein Leben, diese Stimmen, sie sind mehr als Mütterlichkeit und Angst, die sind das Stärkste und Schützendste, was es überhaupt gibt: es sind die Stimmen meiner Kameraden.“ (147)

Paul reflektiert, als sie in ein Feld-Rekrutendepot zurückgezogen sind (zu Beginn des 7. Kapitels), die Bedeutung der Gewohnheit für den Soldaten (101 ff.). Scheinbar macht die Gewohnheit, dass die Soldaten alle Schrecken vergessen. „Das Grauen läßt sich ertragen, solange man sich einfach duckt; aber es tötet, wenn man darüber nachdenkt.“ Aber die Blödeleien und der „Humor“ der Soldaten sind nur Fassade. „Und ich weiß: all das, was jetzt, solange wir im Kriege sind, versackt in uns wie ein Stein, wird nach dem Kriege wieder aufwachen, und dann beginnt erst die Auseinandersetzung auf Leben und Tod. (…) unsere Köpfe werden klar sein, wir werden ein Ziel haben, und so werden wir marschieren, unsere toten Kameraden neben uns, die Jahre der Front hinter uns: – gegen wen, gegen wen?“ (103) Hier wird, wie man heute sagt, gegen die Gewohnheit die künftige Erinnerungsarbeit propagiert; damit wird das Recht der Gewohnheit nicht negiert, sondern auf eine höhere Stufe gehoben, wo auch sie menschlich aufgearbeitet werden muss.

Während eines Heimaturlaubs (7. Kap.) bemerkt Paul, dass er sich im letzten Jahr durch seine Teilnahme am Krieg verändert hat: „Ich finde mich hier nicht mehr zurecht, es ist eine fremde Welt. (…) Am liebsten bin ich allein, da stört mich keiner. (…) Es sind andere Menschen hier, Menschen, die ich nicht richtig begreife, die ich beneide und verachte.“ (121) Paul denkt an seine Kameraden, die bald wieder „nach vorn“ müssen; das gibt den Dingen ein anderes Gewicht. – Diese Fremdheit ist bereits in der Analyse der verlorenen Generation besprochen worden.

Oben ist schon auf die große Reflexion des Ich-Erzählers zu Beginn des 11. Kapitels hingewiesen worden. Man muss die zweieinhalb Seiten (185 – 187) sorgfältig lesen; ich beschränke mich auf einige Stichworte:

  • „Unsere Gedanken sind Lehm, sie werden geknetet vom Wechsel der Tage…“ (185)
  • Die Unterschiede zwischen den Menschen zählen nicht mehr (185).
  • Es ist eine große Brüderschaft unter den Soldaten (185, s.o.).
  • „Das Leben hier an der Grenze des Todes hat eine ungeheuer einfache Linie, es beschränkt sich auf das Notwendigste, alles andere liegt in dumpfem Schlaf; – das ist unsere Primitivität und unsere Rettung.“ (186) Mit Stumpfheit und der Gleichgültigkeit von Wilden verbindet sich der Kameradschaftssinn, „damit wir nicht zerbrechen vor dem Grauen, das uns bei klarem, bewußtem Denken überfallen würde“ (186). – Solche Analysen sind ein Widerspruch in sich: Ein derart klar reflektierender Soldat ist weit von Dumpfheit und Wildheit entfernt!
  • Mit Schrecken empfindet man nachts angesichts seiner Träume, „wie dünn der Halt und die Grenze ist, die uns von der Dunkelheit trennt“ (187); dann tröstet der „Schlafatem der Kameraden, und so warten wir auf den Morgen“ (187).

Es sind noch zwei persönliche Erfahrungen Paul Bäumers und zwei Gespräche nachzutragen. In den Gesprächen zeigt sich, wie die Soldaten ihre Kriegserfahrungen theoretisch verarbeiten.

a) Da ist einmal die Theorie der Macht, die Katczinsky entwickelt, als die Kameraden darüber nachdenken, wieso der Briefträger Himmelstoß als Unteroffizier eine so große Macht über sie besitzt. Diese Passage sollte man ganz lesen (3. Kapitel, 40 f.).

b) Nach einem Besuch des Kaisers an der Front (140, zu Beginn des 9. Kapitels) fragt Albert, „ob es Krieg gegeben hätte, wenn der Kaiser nein gesagt hätte“ (141). Daraus ergeben sich Überlegungen, dass die Entscheidung für den Krieg nur von 20, 30 Leuten getroffen wurde (141); dass die Professoren und Pastöre beider Seiten behaupten, ihre Seite sei im Recht (141 f.), was ja nicht stimmen kann; dass nicht die Leute den Krieg wollen und machen, sondern der Staat (142); dass es Leute gibt, die vom Krieg profitieren (142). Die Soldaten brechen ihre Überlegungen ohne Ergebnis ab, der Leser kann selber weiterdenken.

Zwei Erlebnisse Paul Bäumers verdienen noch besondere Beachtung:

a) Im Heidelager (132, 8. Kapitel) grenzt das Lager der russischen Kriegsgefangenen an das deutsche Lager. Paul ist öfter auf Wache bei den Russen (135). „Ein Befehl hat diese stillen Gestalten zu unseren Feinden gemacht; ein Befehl könnte sie in unsere Freunde verwandeln. (…) Jeder Unteroffizier ist dem Rekruten, jeder Oberlehrer dem Schüler ein schlimmerer Feind als sie uns. Und dennoch würden wir wieder auf sie schießen und sie auf uns, wenn sie frei wären. / Ich erschrecke; hier darf ich nicht weiterdenken.“ (136) Paul erkennt, dass er vor einer zentralen Einsicht steht. „Mein Herz klopft: ist hier das Ziel, das Große, das Einmalige, an das ich im Graben gedacht habe, das ich suchte als Daseinsmöglichkeit nach dieser Katastrophe aller Menschlichkeit, ist es eine Aufgabe für das Leben nachher, würdig der Jahre des Grauens?“ (136) Im Grunde bejaht er seine Frage – und teilt seine Zigaretten mit den Russen.

b) Als Paul allein als Patrouille geschickt wird, gerät er in einen schrecklichen Angriff (145 ff., 9. Kapitel). Ein Franzose fliegt in seinen Trichter, und er ersticht ihn, ohne lange nachzudenken (149). In der Begegnung mit diesem sterbenden und dann toten Franzosen erwacht in ihm die Menschlichkeit. Der Tote hat Frau und Tochter, er bekommt seinen Namen (Gérard Duval), Paul steht in seiner Schuld. Nachmittags beruhigt er sich. „Heute du, morgen ich. Aber wenn ich davonkomme, Kamerad, will ich kämpfen gegen dieses, das uns beide zerschlug: dir das Leben – und mir –? Auch das Leben. Ich verspreche es dir, Kamerad. Es darf nie wieder geschehen.“ (156) – Es dürfte klar sein, dass allein diese Gedanken eines Frontsoldaten genügt hätten, damit die Nazis den Roman Remarques 1933 verbrennen mussten.

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Zu Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ finden Sie in diesem Blog mehrere Beiträge, die in dieser Reihenfolge entstanden sind (ich hoffe, dass sich darin auch ein Erkenntnisfortschritt spiegelt):

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/09/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-des-1-kapitels/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-die-verlorene-generation/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-wie-sich-der-krieg-auf-die-soldaten-auswirkt-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-inhalt-interpretation-hilfen-links/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-zeitstruktur-mit-ubersicht-inhalt/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-uber-das-rettende-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2014/11/09/deutsche-maler-der-1-weltkrieg-bilder/ (Deutsche Maler: Der 1. Weltkrieg)