Memoiren einer Idealistin (1869), kurz vorgestellt

Malwida von Meysenbug, 1816 als Amelie Malwida Tamina Rivalier in einer vornehmen Familie geboren (https://de.wikipedia.org/wiki/Malwida_von_Meysenbug), ist als Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau bekannt geworden. 1869 erschienen ihre Erinnerungen „Memoiren einer Idealistin“, der später zwei weitere Bände folgten. Ich habe den ersten Band gelesen und bin davon begeistert. Sie erzählt darin von ihrer Kindheit, der Jugend und ihrer eigenen Emanzipation: von der Religion, von der Familie, von ihrem Stand. Sie findet ein Lebensziel, „die Teilnahme, durch den Gedanken und die Tat, am Fortschritt der Menschheit“. Den Weg zu dieser Einsicht und die ersten Schritte, die sie dann tut (Mitarbeit an der Hochschule für Frauen in Hamburg, Sorge um Arme, konfessionslose Gemeindeschule, Förderung von Kindergärten), aber auch ihre letztlich nicht erwiderte Liebe zu Theodor Althaus bis zu dessen Tod und die Behinderung ihrer Arbeit durch die politische Reaktion erzählt sie lebendig und knüpft daran vielfältige Reflexionen an, so dass man voller Sympathie und Verständnis an ihrem Leben, ihrem Reifungsprozess teilnimmt.

Ein Beispiel für eine Reflexion, in der Goethes „Daimon“ im Hintergrund zu stehen scheint: Sie hat von der Hochschule für das weibliche Geschlecht in Hamburg gehört und beschlossen, dorthin und von dort aus nach Amerika zu gehen. „Alles schien zusammenzutreffen, um mir diesen Weg zu zeigen. (…) Ich bewunderte innerlich die Verkettung von Ursache und Wirkung, und die Notwendigkeit, mit welcher die Entwicklung unseres Charakters unser Schicksal wird. In dieser Logik der Dinge selbst erkannte ich die wirkliche Gottheit, die unser Leben regiert, und ich neigte mich demütig vor diesem Mysterium, das mir viel erschütternder erschien, als mir je die Mysterien des Christentums erschienen waren.“ (S. 291)

Als sie in Berlin verhört, ihre Wohnung durchsucht wird und ihre Papiere beschlagnahmt werden, bricht sie 1852 nach England ins Exil auf. Damit endet der erste Teil ihrer Memoiren – lesenswert für alle, die sich interessieren

  • für das Leben der Malwida von Meysenbug,
  • für die Geschichte einer persönlichen Emanzipation,
  • für die Anfänge der Frauenemanzipation
  • und ihre Verbindung mit dem demokratischen Aufbruch 1848
  • sowie die Auswirkungen der Reaktion nach 1848.

Ich habe aus dem Buch vieles gelernt, was ich noch nicht wusste, und mich in manchem bestätigt gesehen, was ich aus eigener Erfahrung kenne.

https://archive.org/details/memoireneineride00meysuoft/page/n5 (Band 1-3 der Memoiren)

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Historische Augenblicke (1988), hrsg. von J. Moeller – Besprechung

In rund 70 Briefen werden „Historische Augenblicke“ des 20. Jahrhunderts vorgestellt; „Deutsche Briefe des Zwanzigsten Jahrhunderts“ ist der Untertitel des 1988 von Jürgen Moeller bei C. H. Beck herausgegebenen Buches. Naturgemäß kommt ein wichtiges Ereignis des 20. Jahrhunderts darin nicht mehr vor: der Aufstand in der DDR 1989 und die deutsche Wiedervereinigung 1990 – so ist es, wenn man 12 Jahre vor dem Ende des Jahrhunderts bereits das Jahrhundert würdigt (wie bei den Jahresrückblicken, die bereits am 1. Dezember beginnen, damit man vor den anderen dran ist).

Eine große Schwäche hat das Buch Moellers: Es kommen zu viele Schriftsteller (und Künstler) zu Wort, zu wenige Wissenschaftler, Bürger und Politiker; wir hören also zu oft die Sprache des Herzens und zu selten die Worte der kühlen Vernunft. Der überflüssigste Brief ist der Erika Manns an einen Beamten, in dem sie ihren Antrag auf die amerikanische Staatsbürgerschaft zurückzieht – das besagt nun wirklich kaum etwas über Deutschland!

Wichtig und gut fand ich den Brief Karl Barths über die religiöse Verbrämung und Rechtfertigung des Krieges 1914; den Stefan Zweigs über die von Hass und Lüge bestimmte Lage nach dem Versailler Vertrag von 1921; den Carl Jakob Burckhardts über den Aufstand der mythischen Mächte gegen die Zivilisation von 1925; den Alfred Döblins über die vielen Wahrheiten und den Unterschied zwischen Sozialismus und Klassenkampf 1930 (dieser Brief ist schon die Antwort auf die Naivitäten Rudi Dutschkes und die Anmaßungen der RAF!). Mutig war Ricarda Huchs Austritt aus der Preußischen Akademie 1933, verräterisch die Antwort Gottfried Benns auf Klaus Manns Offerte 1933 (ebenso die Stellungnahme Brechts zum 17. Juni 1953). Glänzend ironisch ist Feuchtwangers Brief von 1935 an den Bewohner seines Hauses, aus dem man ihn vertrieben hatte (aber nicht wichtig für Deutschland, nicht repräsentativ für die Enteigneten). Die letzten Briefe zweier unbekannter Soldaten aus Stalingrad können sich sehen lassen , ebenso von Kluges Brief an Hitler 1944. Helmuth James Graf von Moltkes Brief an seine Frau, in dem er Freislers Verhandlungsführung bloßstellt, kannte ich bereits. Zu erwähnen sind Hesses Brief von 1950 gegen die hysterische Angst vor einem neuen Krieg und vor den Bolschewiken; menschlich bewegend (für Deutschland jedoch nicht so wichtig) ist John T. Bechers Brief an seinen Vater Johannes R. Becher von 1951, in dem er ihm klar macht, dass dieser als Minister in der DDR bloß als Aushängeschild benutzt wird. Günther Anders analysiert die Lage des Hiroshima-Piloten (und indirekt unser aller Lage) 1959 exzellent; die Brüder des ermordeten Gero von Braunmühl entlarven die Sprüche der RAF völlig – das waren meines Erachtens die besten Briefe, einige gute bleiben hier ungenannt. Viel besser als Adenauers Brief über die Schuld der Deutschen und der katholischen Bischöfe (aufgrund ihrer Gleichgültigkeit, 1946) wäre als Dokument des Versagens der Brief Kardinal Bertrams an die deutschen Erzbischöfe über die Frage, ob sie sich zum Aufruf zum Judenboykott (zum 1. April 1933) äußern sollten; dort wird das ganze schmierige Denken eines Kardinals sichtbar.

Zu kurz kommen bzw. (beinahe) ganz fehlen der ökologische Aufbruch des 20. Jahrhunderts, die Entspannungspolitik Willy Brandts, die Friedensbewegung (bis auf einen Appell Günter Grass‘, also wieder die Aufregung des Schriftstellers) und, wie gesagt, die Vorgänge ab 1989; das Dritte Reich und die unmittelbare Nachkriegszeit ist mit gut 30 Briefen überrepräsentiert. Es fällt auf, wie viele offene Briefe in die Sammlung aufgenommen wurden. Was fehlt, sind Leserbriefe – in den großen Zeitungen stellen sie heute beachtliche Stimmen zu den großen Ereignissen der Zeit dar.

Den Brief Stefan Zweigs an Romain Rolland kann man hier lesen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/briefe-an-schriftsteller-7450/2 (8. Februar 1921)

Benns Brief „Antwort an die literarischen Emigranten“ (https://books.google.de/books?id=P4vZAwAAQBAJ&pg=PT149&lpg=PT149&dq=%22im+Ausland,+wenn+Sie+das+Vorstehende+lesen%22&source=bl&ots=tkqWVnkQqN&sig=ACfU3U3E4uMF-nzQ2_vN0NZLiFc6_5aNTg&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwjq5erPrYTgAhUSblAKHTveCA0Q6AEwAHoECAAQAQ#v=onepage&q=%22im%20Ausland%2C%20wenn%20Sie%20das%20Vorstehende%20lesen%22&f=false)

Der offene Brief der Brüder G. von Braunmühls (https://www.taz.de/fileadmin/verlagsdateien/pdfs/titelseiten/An_die_Moerder_unseres_Bruders_7_11_86.pdf)

die anderen wichtigen Briefe habe ich leider im Internet nicht finden können.

J. Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste (2018) – Besprechung

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/verzeichnis-einiger-verluste-von-judith-schalansky-rezension-a-1234131.html (begeistert)

https://www.zeit.de/2018/53/verzeichnis-einiger-verluste-judith-schalansky (voll des Lobes)

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/erzaehlsammlung-verzeichnis-einiger-verluste-von-schalansky-15852860.html (voll des Lobes, verweist auf Bezüge zu anderen Werken der Autorin)

https://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2018/10/Judith-Schalansky-Verzeichnis-einiger-Verluste.html

Der Ton der Rezensionen ist einhellig: hell klingende Begeisterung.

In ihrer Hinwendung zum Vergangenen, zum Verlorenen, zum Vergessenen und allgemein zur Vergänglichkeit geht Judith Schalansky an einigen Stellen im Vorwort sehr weit, vielleicht zu weit: „Im Grunde ist jedes Ding immer schon Müll, jedes Gebäude immer schon Ruine und alles Schaffen nichts als Zerstörung, so auch das Werk all jener Disziplinen und Institutionen, die sich rühmen, das Erbe der Menschheit zu bewahren.“ (S. 16) Ist es wirklich so? Ist das Maß „nichts als…“ gültig? Nein, das ist es nicht.

Die Erde selbst ist bekanntlich ein Trümmerhaufen vergangener Zukunft, und die Menschheit die bunt zusammengewürfelte, sich streitende Erbengemeinschaft einer numinosen Vorzeit, die fortwährend angeeignet und umgestaltet, verworfen und zerstört, ignoriert und verdrängt werden muss, so dass entgegen landläufiger Annahme nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit den wahren Möglichkeitsraum darstellt.“ (S. 19) Ist es tatsächlich so? Nein, die Vergangenheit ist der Möglichkeitsraum von Deutungen, aber der Möglichkeitsraum des Tatsächlichen ist und bleibt die Zukunft.

Warum überzieht Schalansky die richtigen Einsichten, die sie gewonnen hat, ins Grundsätzliche und damit Falsche? Will sie originell sein und schreiben?

In 16 Kapiteln zu je 16 Seiten, die durch einen schwarzen Karton mit einem schwach angedeuteten Bild getrennt sind, befasst Schalansky sich mit verschiedenen „Verlusten“, der Insel Tuanaki, dem Kaspischen Tiger, Sapphos Liebesliedern, dem Palast der Republik… Was diese 16 Verluste verbindet, wird nicht deutlich. Und es ist schwer, über verlorene „Dinge“ jeweils 16 Seiten zu schreiben. Zwangsläufig überlässt sich Schalansky dabei ihren Assoziationen; aber wenn ein Kampf zwischen Tiger und Löwe in einem römischen Theater den Hauptteil des Kapitels über den Kaspischen Tiger ausmacht, erschließt sich mir damit nicht der Verlust des Kaspischen Tigers. Und bei Sapphos Liebesliedern hätte ich mir mehr Sappho-Text und Mutmaßungen über verlorene Texte als über Sapphos Vater und Ergüsse über die lesbische Liebe gewünscht. Der letzte Satz dieses Kapitels lautet: „In deutschen Wörterbüchern steht ‚lesbisch‘ gleich nach ‚lesbar‘.“ Schön – aber was soll diese Bemerkung besagen? Außerdem stimmt sie nicht. In Dudens Deutschem Universalwörterbuch (7. Auflage) lautet die Reihenfolge der Stichwörter: lesbar – Lesbarkeit – Lesbe – Lesbier – Lesbierin – lesbisch – Lesbos.

Ich war von Schalanskys Buch enttäuscht. Aber wer Tiefsinn liebt, bitte sehr: „Die wüste Leere eines Vorbeginns scheint reicher als das öde Gesetz des Gegensatzes, das seither wie ein Fluch auf der Menschheit lastet, die sich fortan entscheiden muss, zwischen Sammeln und Jagen, dem Pflügen des Ackers und dem Hüten der Herde, dem Schüren des Feuers und dem Gang zum Brunnen. Was dort, in der Tiefe, auf dem Grund des Seins, auf Erkenntnis wartet, vermag niemand zu sagen.“ (S. 158, über die sieben verlorenen Bücher des Mani). Aber worüber man nichts zu sagen weiß, davon sollte man besser schweigen, war nicht nur Wittgensteins Rat.

Carl Schurz: Lebenserinnerungen, Bd. 1 (1906) – Besprechung

An seine Freunde“ hat Carl Schurz am 24. Juli 1849 einen Brief (https://archive.org/details/lebenserinnerung03schuuoft/page/48, dort S. 49-52) geschrieben, der mich stark beeindruckt hat: Am Tag der Übergabe der von den Aufständischen gehaltenen Festung Rastatt: „Tod oder endlose Gefangenschaft“ stehen ihm offenbar bevor, als er sich Rechenschaft über sein Leben und Tun gibt.

Aufgrund dieses Briefes habe ich mich entschlossen, Carl Schurz‘ Lebenserinnerungen zu lesen, die er kurz vor seinem Tod veröffentlicht hat. Im ersten Band (1906, https://archive.org/details/lebenserinnerung11schu/page/n7) erzählt er von seiner Kindheit in Lieblar bei Köln, seiner Schulzeit, dem Beginn des Studiums in Bonn und seinen Aktivitäten in der deutschen Revolution 1848/49. Dabei spart er nicht mit nüchternen Beurteilungen der revolutionären Hoffnungen und Illusionen seiner Jugend und seiner damaligen Freunde. Einen großen Teil seiner Erinnerungen nimmt die Befreiung seines Freundes, des Professors Kinkel, aus der Festung Spandau ein; es folgen die Aufenthalte in Paris und London im Exil, bis er 1852 mit seiner frisch angetrauten Frau nach Amerika fährt.

Schurz erzählt anschaulich und interessant; er zeigt sich als ein energischer und engagierter Kämpfer und als großherziger Freund. Er weiß, dass das eigene Gedächtnis einen trügen kann, und hat sich deshalb auch der Erinnerungen anderer und neutraler Quellen bedient, um die alte Zeit noch einmal lebendig werden zu lassen. Man weiß von der deutschen Revolution 1848/49 normalerweise nicht viel: Schurz‘ Erinnerungen führen einen aus einer natürlich begrenzten Perspektive in diese Zeit ein, und da Schurz später amerikanischer Botschafter und sogar Innenminister wurde, darf man ihm ein kompetentes Urteil darüber zutrauen, was er als junger Mann erlebt hat. Ich habe den ersten Band seiner Erinnerungen mit großer Freude gelesen.

Zur Charakterisierung Schurz‘ siehe auch „Memoiren einer Idealistin“, Bd. 2, S. 70-82 (https://archive.org/details/memoireneineride00meysuoft/page/n527) sowie https://archive.org/details/lebenserinnerung03schuuoft/page/n3 (Lebensabriss und Briefe von Carl Schurz).

O. Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele – Besprechung

Maxim Biller hat in der SZ Olivier Guez‘ Roman „DasVerschwinden des Josef Mengele“ (2018, französisch 2017) zu seinem eindrucksvollsten Buch des Jahres 2018 erklärt; dafür darf man ihn ein wenig bedauern – dass er nichts Besseres gelesen hat.

Wenn man die drei unten zitierten Besprechungen liest, weiß man genug über den Roman und seinen Wert. Für mich war neu, welche Altnazis sich in Südamerika nach 1945 getummelt haben, und dass Simon Wiesenthal weithin ein Spinner war, wusste ich auch nicht. Ansonsten habe ich das Buch einfach so heruntergelesen und immer gehofft, man möge den Josef Mengele fangen; aber das ist nicht gelungen, er ist nach großen geschäftlichen Erfolgen (bis 1961) und der darauf folgenden Flucht von einem Ort und Land zum nächsten 1979 als alter kranker Mann im Meer verunglückt.

An einigen Stellen hakt vermutlich die Übersetzung: „Trotz der Gartenlaube erstickt Mengele an diesem heißen Sonntag…“ (S. 185 f.) – nein, er erstickt natürlich nicht, er wäre beinahe erstickt resp. er hatte das Gefühl, er müsse ersticken… Auch ist die Personenzuordnung gelegentlich problematisch. Wenn man sieht, welche Garne in der Presse über Josef Mengele gesponnen wurden, könnte man tatsächlich an deren Qualität zweifeln; aber das waren i.W. die Presseorgane, die ohnehin von den Sensationen leben.

In der Stadtbibliothek Mönchengladbach zählt das Buch zu den Bestsellern, man muss zwei Euro fürs Ausleihen bezahlen; das ist aber immer noch billiger, als es selber zu kaufen, und mehr als einmal liest man es wirklich nicht.

Sachliche Ergänzung: Der Fetzen des Gebets, den Mengele von seinem Vater gelernt hat (Procul recedant somnia et noctium phantasmata), stammt aus dem Hymnus der Komplet „Te lucis ante terminum…“ (http://www.hymnarium.de/hymni-breviarii/hymnen/psalterium/83-te-lucis-ante-terminum); wie die Fortsetzung zeigt, sind die im Hymnus gemeinten phantasmata andere als die, welche Mengele bedrängen. Die alte deutsche Übersetzung des Hymnus lautet: „Bevor des Tages Licht vergeht…“ (https://orare.de/?p=452).

 

https://www.zeit.de/2018/52/das-verschwinden-des-josef-mengele-olivier-guez-roman (sehr kritisch über den Wert des Romans)

https://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Roman-Olivier-Guez-Das-Verschwinden-des-Josef-Mengele,mengele100.html (angeblich ein sprödes Buch – miserable Besprechung)

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/roman-das-verschwinden-des-josef-mengele-von-olivier-guez-15739560-p2.html (gute Übersicht über den Aufbau des Romans – kritsch gegen die literarische „Leistung“ des Autors).

 

Über Josef Mengele:

https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Mengele (umfangreich, v.a. seine Taten im Dritten Reich)

https://www.dhm.de/lemo/biografie/josef-mengele (knapp)

Das 19. Jahrhundert in Briefen – Besprechung

Ich hoffe, der Himmel wird Deutschland erhalten“- Das 19. Jahrhundert in Briefen, hrsg. von Jürgen Moeller. Beck: München 1990

Mit gehöriger Verspätung habe ich die 74 Briefe gelesen, in denen Menschen des 19. Jahrhunderts zu Wort kommen. Die großen Krisen des Jahrhundert tauchen aus dem Erleben der Menschen auf: der Freiheitskampf gegen Napoleon, die Streitigkeiten um Republik und nationale Einheit, die Reichsgründung, die soziale Frage und die Frauenfrage. Das alles sind Themen, die – bis auf den Kampf gegen Napoleon – auch heute, wenn auch in anderer Akzentuierung, noch wichtig sind; viele Briefe sind rein persönlich formuliert. Der Titel ist übrigens ein Zitat aus einem Brief Jacob Grimms an Friedrich Carl von Savigny.

Für mich ragen die Briefe der Luise von Preußen an ihren Vater (1808), des Freiherrn vom Stein an seine Frau (1814, über Napolen), Dahlmanns und seiner Kollegen an das Göttinger Universitätskuratorium (1837), Carl Schurz‘ an seine Freunde (1849), Ludwig Feuerbachs an Wilhelm Bolin über die Emanzipation der Frauen (1870), Philipp zu Eulenburgs an Wilhelm von Preußen über die Probleme mit einem verrückten bayrischen König (1886), Peter Roseggers an Friedrich von Hausegger (1889, über den gängigen Antisemitismus), August Bebels an Engels (1893) und Theodor Fontanes an Georg Friedlaender (1897, über die verfehlte kaiserliche Politik) heraus. Der beeindruckendste Brief war der von Carl Schurz, der sich im Alter von 20 Jahren den Aufständischen in Baden angeschlossen hatte und nun erlebt, wie er sich zum letzten, aussichtslosen Gefecht gegen preußische Truppen rüstet und dabei vor Augen hat, dass er danach erschossen oder zu langer Haft verurteilt werden wird. Seine ruhige Reflexion, die Gefasstheit und seine moralische Überlegenheit beeindrucken mich (Text des Briefes hier: https://archive.org/details/lebenserinnerung03schuuoft/page/48, S. 49-52). Ich habe beschlossen, demnächst seine Lebenserinnerungen zu lesen, die man auf archive.org findet.

Einen Reiz des Buches machen die kurzen Einführungen in jeden Brief durch Jürgen Moeller aus, die einen veranlassen können, unbekannten Namen nachzuforschen und so mit ihren Schicksalen zumindest vordergründig bekannt zu werden. Jürgen Moeller hat auch Briefe aus dem 20. Jahrhundert herausgegeben („Historische Augenblicke“), die gleichfalls auf meinem Leseplan stehen.

G. Saunders: Lincoln im Bardo (2018) – angelesen

Es scheint nur begeisterte Rezension von George Saunders‘ Roman „Lincoln im Bardo“ zu geben; in den vier Exemplaren, die ich nenne, kann man sich über das Buch informieren:

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/lincoln-im-bardo-von-george-saunders-einblick-in-die-vorhoelle-a-1207578.html

https://www.swr.de/swr2/literatur/buch-der-woche/saunders-george-lincoln-im-bardo/-/id=8316184/did=22053228/nid=8316184/dn6tl6/index.html

https://www.zeit.de/2018/25/lincoln-im-bardo-george-saunders-roman

https://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2018/05/George-Saunders-Lincoln-im-Bardo.html

Gleichwohl habe ich nach 30 Kapiteln von 108 mit dem Lesen aufgehört. Für die Person Lincoln interessiere ich mich nicht, und dass die Untoten die Lebenden spiegeln und kommentieren, ist so weit hergeholt, dass es mich nicht davon abbringt, im vormaligen Geschick der richtig Toten und bei den richtig Lebenden (und sogar bei Tieren – ich denke etwa an Weckherlins wunderbare Parabel „Monolog einer Milbe im siebenten Stock eines Edamerkäses“) die Spiegelungen menschlichen Seins zu suchen. Die Toten sind tot; man soll sie tot „sein“ lassen, ihnen die „ewige Ruhe“ gönnen – die Sprache versagt, da wir von ihnen sprechen, als gäbe es sie irgendwo/-wie. Nach allem, was wir wissen, ist dem nicht so. Belassen wir es dabei.

J. Schalansky: Der Hals der Giraffe. Bildungsroman (2011) – Besprechung

Die Lehrerin Inge Lohmark ist die „Heldin“ des Romans; sie unterrichtet in einer Stadt in Meck-Pomm Biologie in einer 9. Klasse, und die Prinzipien der Evolutionstheorie bestimmen auch ihr Denken und Handeln: Sie unterrichtet 12 Pubertierende und lässt dich dabei von den Regeln leiten, die einen harten Lehrer in der Schule überleben lassen: immer unnahbar sein, keine Schwäche zeigen, konsequent handeln, kein Mitleid kennen. Bildhafter Ausdruck dessen: Frau Lohmarks Frontalunterricht.

Sie hat eigentlich keine Kontakte zu anderen Menschen: Ihr Mann lebt neben ihr her und züchtet Strauße, ihre Tochter wohnt seit Jahren fern von ihr in Amerika, die Kollegen schätzt sie nicht, der Schulleiter ist ein Schwadroneur. Nur für eine Schülerin zeigt sie zum Schluss Zuneigung.

Zuerst wird neutral, dann immer stärker personal erzählt, wie sie Unterricht macht und ihre Mitmenschen einschätzt, also abwertet. Das Geschehen dauert etwa ein halbes Jahr, vom Herbst bis zum Frühling, ohne dass deutlich würde, wie die Zeit fortschreitet. Inge Lohmark meint, sie habe sich den Gegebenheiten ihres Lebens angepasst; aber zum Schluss wird deutlich, dass sie gescheitert ist: Sie wird vom Schulleiter aus der Klasse geholt und gerüffelt, weil sie nicht bemerkt habe, wie ein Mädchen wochenlang schikaniert worden ist; ihr droht die Entlassung. Noch wichtiger ist eine Erinnerung daran, wie sie vor Jahren ihre eigene Tochter in ihrem Unterricht nicht beachtet hat, als diese schreiend zusammengebrochen war und auf dem Boden lag. „Natürlich war sie ihre Mutter. Aber zuallererst ihre Lehrerin. (…) Sie waren in der Schule. Es war Unterricht. Sie war Frau Lohmark.“

Der Verlag stellt das Buch so vor, dass Inge Lohmark am Ende von Gott Darwin abfalle. Darüber kann man streiten. Die letzten Sätze lauten: „Der Geruch von Erde. Die Strauße tanzten über die Weide. Inge Lohmark stand am Zaun und schaute.“ Das erinnert mich an das Ende von Max Frischs „Homo faber“, aber ich lese die Sätze nicht als Zeugnis der Bekehrung von Frau Lohmark, sondern einfach als offenes Ende.

Der Untertitel „Bildungsroman“ führt in die Irre – gezeigt wird eher, wie in der Schule Bildung nicht gelingt, und auch die Heldin Lohmark ändert sich nicht. Sie kann sich nach 30 Jahren als Lehrerin erst in der DDR, dann in einem Bundesland, dem die Menschen weglaufen, nicht mehr ändern. Sie hat auch nicht Unrecht mit ihren Prinzipien – so wenig wie die butterweiche Kollegin, die sich bei den Schülern anbiedert und allerlei Gruppenspielchen mit denen veranstaltet. Frau Lohmark hat darin Unrecht, dass sie die Schüler nicht als Menschen sieht und dass sie nicht als Mensch oder Frau Lehrerin ist. Die Prinzipien der biologischen Entwicklung sind immer mit zu bedenken; aber sie machen noch kein menschliches Leben aus, auch wenn sie in ihrer Klarheit und Härte eine Versuchung des Denkens darstellen.

Judith Schalanskys Buch ist schön ausgestattet, mit einem Leinenumschlag und vielen Zeichnungen der biologischen Gestalten, die Frau Lohmark im Unterricht behandelt. Es lohnt sich, das Buch nachdenklich zu lesen.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/judith-schalansky-der-hals-der-giraffe-im-tierreich-trifft-man-sich-nicht-zum-kaffeetrinken-11135465.html

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/s/judith_schalansky.htm (kritisch)

https://www.bonaventura.blog/2011/judith-schalansky-der-hals-der-giraffe/

https://www.sueddeutsche.de/kultur/der-hals-der-giraffe-von-judith-schalansky-bakterie-muesste-man-sein-1.1150542

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Hals_der_Giraffe_(Roman)

G. R. Weckherlin: Drunkenheit – Text, Erläuterungen, kurze Analyse

Georg Rodolf Weckherlin:

Drunkenheit

Kont ihr mich dan sunst gar nichts fragen,

ihr herren, meine gute freind,

dan was ich euch könd neues sagen,

wie stark und wa jetzund der feind?

ich bit, doch wollet mir verzeihen,

mit fragen nicht zu fahren fort,

dan sunsten will ich euch verleihen

kein einig wort.

 

Ich red nicht gern von schmähen, träuen,

10 von krieg, bronst, raub, unglück und not,

sondern allein, uns zu erfreuen,

von gutem wildbret, wein und brot.

den man der wein mit lieb entzündet

und das brot stärket ihm den leib,

daß er das wildbret besser findet

bei seinem weib.

 

So lang zu reden, lesen, hören,

und mit dem haupt, hut, knü, fuß, hand

gesandten, herren, könig ehren,

20 so lang zu sprachen an der wand,

so lang zu schreiben und zu reden

von Gabor, Tilly, Wallenstein,

von Frankreich, Welschland, Denmark, Schweden

ist eine pein.

 

Darum fort, fort mit solchem trauren,

daß man alsbald bedeck den tisch,

und keiner laß die müh sich dauren,

wan wein, brot, fleisch und alles frisch;

der erst bei tisch soll der erst drinken,

30 so, herren, wie behend? wolan!

schenk voll! die frau thut dir nicht winken.

nu fang ich an.

 

Ho! Toman, Lamy, Sering, Rumler,

es gilt euch! dieser muß herum!

ich weiß, ihr seid all gute tumler

und liebet nicht was quad und krum,

dan nur das, so man kaum kan manglen,

die weiber wissen auch wol was,

gedenkend alsbald an das anglen.

40 aus ist mein glas.

 

Nim weg von meinem ohr die feder,

gib mir dafür ein messer her;

ho, Schweizer, kotz kreuz, zeuch von leder

und Schweizer gleich streb nu nach ehr!

wolan, ihr dapfere soldaten

mit unverzagtem frischen mut

waget zu neu und freien thaten

nu fleisch und blut.

 

Feind haben wir gnug zu bestreiten

50 in dem vortrab und dem nachtrab;

nu greifet an auf allen seiten

und schneidet köpf und schenkel ab,

indem sich streich, schnit, biß vermischen,

und der nachtrab mag hitzig sein,

so ruf ich stets, euch zu erfrischen:

ho! schenk uns ein!

 

Sih, wie mit brechen, schneiden, beißen

dem lieben feind wir machen graus!

laß mich das spanfärlin zerreißen,

60 stich dem kalbskopf die augen aus.

so, so, wirf damit an die frauen,

die, wan sie schon so süß und mild,

doch könden hauen und auch klauen.

es gilt! es gilt!

 

Wan die soldaten vor Roschellen,

wan die soldaten vor Stralsund

die mauren könten so wol fällen,

als herzhaft wir zu dieser stund

nu stürmen wollen die pasteien,

70 ich sag: die stark wildbret pastet,

so würden sie nicht lang mehr freien

die beede stät.

 

Frisch auf, wer ist der beste treffer?

ha ha! frisch her! ho, ich bin wund!

das pulver ist von salz und pfeffer!

ho! die brunst ist in meinem mund!

doch sih, es hat euch auch getroffen;

zu löschen, muß es nicht mehr sein

gedrunken, sondern stark gesoffen.

80 so schenk nur ein!

 

Durch diesen becher seind wir siger!

so sauf herum knap, munder, doll!

drink aus! es gilt der alten schwiger!

ich bin schon mehr dan halb, gar, voll.

darum so laß den käs herbringen.

kom küß! so küß mich artlich! so!

laß uns ein lied zusamen singen!

hem hoscha ho!

Die Schwäblein, die so gar gern schwätzen,

90 in Thüringen, dem dollen land,

fräßen ein rad für eine bretzen

mit einem käs aus Schweizerland.

in unsrer hübschen frauen namen

Schwab, Schweizer, Thüringer, Franzos,

so singet frölich nu zusamen:

kom küß mich, ros!

 

O daß die Schweizer mit den lätzen,

die Schwaben mit dem leberlein,

die Welschen mit den frischen metzen,

100 die Thüringer mit bier und wein

in ihrer hübschen frauen namen

ein jeder frölich, frisch herum

sing, spring und drink, und allzusamen.

küß mich widrum!

 

Nu schenk uns ein den großen becher,

schenk voll! so! so! ihr liebe freind,

ein jeder guter zecher, stecher

so oft, als vil buchstaben seind

in seines lieben stechblats namen,

110 hie disen ganz abdrinken soll;

ich neunmal, rechnet ihr zusamen.

es gilt ganz voll.

 

Wol! hat ein jeder abgedrunken?

drei, fünf, sechs, siben, zehenmal?

ist dises käs, fisch oder schunken?

ist dises pferd grau oder fahl?

darauf ich schwitz? gib her die flaschen!

es gilt herr Grey, herr Gro, Gro, Groll!

so dise wäsch wird wol gewaschen!

120 seid ihr all doll?

 

Ho! seind das reuter oder mucken?

buff, buff! es ist ein hafenkäs

zu zucken, schmucken, schlucken, drucken.

warum ist doch der A. das gsäß?

pfui dich! küß mich! thust du da schmecken?

wer zornig ist, der ist ein lump!

hei ho! das ding die zähn thut blecken.

bump bidi bump.

 

Ha! duck den kopf! scheiß, beiß, meerwunder.

130 nu brauset, sauset laut das meer.

ein regen, hagel, blitz und dunder.

hei, von heuschrecken ein kriegsheer!

ho! schlag den elefanten nider.

es ist ein stork! ha, nein, ein laus.

glück zu! gut nacht! kom, küß mich wider.

das liecht ist aus.

 

Alsdan vergessend mehr zu drinken

sah man die vier, wie fromme schaf,

zu grund und auf die bänk hinsinken,

140 beschließend ihre freud mit schlaf.

und indem sie die zeit vertriben,

hat diesen seiner freinden chor

alsbald auf dise weis beschriben

ihr Filodor.

Georg Rodolf Weckherlin: Gedichte, Leipzig 1873, S. 166-170.

Andere Schreibweisen des Textes: https://lyrikgeschichte.files.wordpress.com/2013/05/weckherlin.pdf

https://www.reinhard-doehl.de/poetscorner/weckherlin3.htm

http://www.helmut-arntzen.de/lage-der-nation-19.htm

Erläuterungen:

Überschrift: Es gibt auch die Überschrift „Ode. Drunckenheit“.

verleihen (V. 7): umsonst bewillen, zukommen lassen

kein einig (V. 8) : kein einziges

träuen (V. 9): dräuen, drohen

bronst (V. 10): Zustand, da ein Körper von der Flamme verzehrt wird

knü (V.18): Knie

sprachen an der wand (V. 20): sich unterreden, ratschlagen.

Gabor (V. 22): Gabor Bethlen, Fürst von Siebenbürgen, im 30-jährigen Krieg Heerführer auf Seiten der Protestanten.

Tilly (V. 22): Johann Tserclaes Graf von Tilly (gest. 1632), Oberbefehlshaber des Heeres der katholischen Liga und Bayerns

Wallenstein (V. 22): Albrecht Wenzel Eusebius von Wallenstein (1583-1634), kaiserlicher Feldherr und Staatsmann

Welschland (V. 23): hier Spanien (?)

dauern (V. 27): Unlust empfinden, gereuen

der erst drinken (V. 29) als erster trinken

Toman, Lamy, Sering, Rumler (V. 33): vier Freunde Weckherlins in London

tumler (V. 35): ?

quad (V. 36): böse, verkehrt

V. 41: Die Schreibfeder klemmte man hinters Ohr; sie wegnehmen: den Beruf vergessen

Schweizer (V. 43): Toman (wohl auch Anspielung auf die Schweizergarde)

kotz kreuz (V. 43): ein Kraftausdruck

zeuch (V. 43): zieh!

vom Leder ziehen (V. 43): mach Ernst (das Schwert aus der Lederscheide ziehen)

Vortrab, Nachtrab (V. 50): Vorhut, Nachhut

spanfährlin (V. 59): Spanferkel

wirf damit an die frrauen (V. 61): jemanden „mit Augen anwerfen“ heißt ‚mit ihm liebäugeln‘

klauen (V. 63): kratzen.

Roschellen (V. 65): La Rochelle (Frankreich); 1628 von Kardinal Richelieu erobert

Stralsund (V. 65): 1628 von Wallenstein erfolglos belagert

pasteien (V. 69): Basteien (Befestigungen)

sie freien (V. 71): sich freuen

knap (V. 82): stattlich ?

schwige (V. 83):: Schwiegermutter

rad für eine bretzen (V. 91): eine Brezel so groß wie ein Rad

küß mich ros (V. 96): Rose, Rosa; Frauenname

V. 95: Rumler, Toman, Sering, Lamy (in dieser Reihenfolge, vgl. V. 33)

lätzen (V. 97): Hosenlätze.

metzen (V. 99): Mädchen, Huren; die Welchen müssten hier die Franzosen sein

stechblat (V. 109): Schutzvorrichtung am Degen, oft mit einer Inschrift (eigener Name) versehen

schuncken (V. 115): Schinken

mucken (V. 121): Mücken

hafenkäs (V. 122): Topfkäse

meerwunder (V. 129): Ungetüm

dunder (V. 131): Donner

stork (V. 134): Storch

Filodor (V. 144): Weckherlins Spitzname im Freundeskreis (?)

1. Ein Ich-Sprecher wendet sich an „Herren“ (V. 2), die seine guten Freunde sind; sie haben sich anscheinend bei ihm getroffen und schicken sich an, gut zu essen und zu trinken. Dazu fordert er sie, die er auch namentlich anspricht (V. 33) mehrfach auf.

2. Nach mehrfachen Aufrufen scheint mit der 6. Strophe das Essen zu beginnen. Der Sprecher lässt seine Schreibfeder gegen ein Messer austauschen und spricht im Anschluss daran vom bevorstehenden Essen als einem Krieg gegen die Speisen (V. 43 ff.). Er ruft auch zum gemeinsamen Singen (V. 87), zum Küssen (V. 96 ff.) und zum tatkräftigen Trinken (V. 105 ff. und öfter), sogar zum Saufen (V. 79) auf. Zum Schluss scheint die Stimmung völlig ausgelassen zu sein (V. 120 ff.), die Reden werden teilweise wirr (V. 121 ff.)., das Licht geht aus (V. 136). In der letzten Strophe erzählt der Sprecher, wie die Freunde anscheinend total betrunken eingeschlafen sind, während er das Gedicht geschrieben hat (V. 137 ff.). Der innere Aufbau des Gedichts ist an der Chronologie der Ereignisse des Abend orientiert.

Das Thema ist das gute Essen und Trinken im Kreis der Freunde, die sich ihres Lebens erfreuen und nicht mehr an den Krieg denken sollen. Die Erwähnung der Städte (V. 65) lässt darauf schließen, dass das Treffen 1628 oder kurz danach in England, also außerhalb des Kriegsgebietes stattgefunden hat.

3. Das Gedicht besteht aus 18 Strophen zu acht Versen, die im Kreuzreim miteinander verbunden sind. Der einzelne Vers besteht aus Jamben mit vier Füßen; die Verse mit ungerader Zählung weisen eine weitere Silbe auf (weibliche Kadenz), der letzte Vers jeder Strophe besteht aus zwei Jamben. Vor allem die Reime in den Versen mit gerader Nummer sind semantisch sinnvoll, zum Beispiel „freind / feind „(V. 2/4); mit Fragen fortfahren / kein Wort sagen (V. 6/8); „unglück und not / wein und brot“ (V. 10/12) usw.

Neben dem großen Bild vom Festessen als einem Krieg gegen die Speisen (ab V. 43) fällt noch ein kleines Wortspiel mit „wildbret, wein und brot“(V. 12 ff.) auf, wo die Frau als „wildbret“ des Mannes bezeichnet wird (V. 15. f.).

4. Die Barockgedichte sind oft vom Thema der Vergänglichkeit und dem sogenannten vanitas-Motiv bestimmt. Aber es gibt auch Zeichen der Lebensfreude, wie dieses Gedicht zeigt. Neben Weinliedern gab es in der Barockdichtung viele Trinklieder, zum Beispiel von Johann Christoph Haiden (1572-1617) „Salvete, lieben Fratres“, von Johann Hermann Schein (1586-1630) „Frisch auf, ihr Kloster-Brüder mein“, von Johann Wilhelm Moscherosch (1601-1669) „Alle Welt schreit: Zu den Waffen! Ich schrei: Juch zum Wein!“ u.a.

Weckherlins Leben:

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Weckherlin,_Georg_Rudolph

https://www.deutsche-biographie.de/sfz75070.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Rodolf_Weckherlin

Werke:

https://de.wikisource.org/wiki/Georg_Rodolf_Weckherlin (Übersicht)

https://archive.org/details/bub_gb_6WAZAAAAYAAJ/page/n5 (Gedichte, hrsg. von Karl Goedecke)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Weckherlin,+Georg+Rodolf/Gedichte/Gedichte (Gedichte)

https://archive.org/details/bub_gb_AyZLAAAAcAAJ/page/n15 (Geistliche und weltliche Gedichte, 1648)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/26/BLV_199_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_1.pdf?uselang=de (Gedichte, Bd. 1)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/45/BLV_200_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_2.pdf?uselang=de (Gedichte, Bd. 2)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ae/BLV_245_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_3.pdf (Gedichte, Bd. 3)

Weckherlin: An das Teutschland – Text und Analyse

Georg Rodolf Weckherlin:

Sonnet. An das Teutschland

Zerbrich das schwere joch, darunder du gebunden,

o Teutschland, wach doch auf, faß wider einen mut,

gebrauch dein altes herz und widersteh der wut

die dich und die freiheit durch dich selbs überwunden.

Straf nu die tyrannei, die dich schier gar geschunden,

und lösch doch endlich aus die (dich verzehrend) glut

nicht mit dein eignem schweiß, sondern dem bösen blut,

fließend aus deiner feind und falschen brüdern wunden.

Verlassend dich auf got, folg denen fürsten nach,

die sein gerechte hand will, so du wilt, bewahren

zu der getreuen trost, zu der treulosen rach:

So laß nu alle forcht, und nicht die zeit, hinfahren,

und got wird aller welt, daß nichts dan schand und schmach

des feinds meineid und stolz gezeuget, offenbaren.

Erläuterung:

Das Gedicht ist 1641 in Amsterdam veröffentlicht worden, Weckherlin lebte in England.

denen (V. 9): den

wilt (V. 10): willst

nichts dan (V. 13): nichts als

Ein ungenannter Sprecher wendet sich „An das Teutschland“, wobei es eo ipso keine konkrete Situation geben kann, da Deutschland nicht hören kann, was der Sprecher sagt – es sei denn, man sähe durch den Aufruf eine deutsche Öffentlichkeit konstituiert.

Der Sprecher ruft in neun aneinander gereihten Imperativen (von „Zerbrich“, V. 1, bis „laß … hinfahren“, V. 12) das unter dem Krieg, der seit 1618 in Deutschland geführt wird, das gequälte Land auf, sich gegen die Peiniger zu erheben; diese werden jedoch nicht politisch identifiziert, sondern nur metaphorisch benannt:

  • das joch (V. 1)
  • die wut (V. 3)
  • die tyrannei (V. 5)
  • die dich verzehrend glut (V. 6)
  • falsche brüder (V. 8)
  • die treulosen (V. 11).

Die beiden letzten Imperative, die in den Terzetten stehen, stehen unter der Zusage, dass Gott dem gequälten Land beistehen wird, wenn (Partizipialkonstruktion: Verlassend dich, V. 9) das Land „auf got“ vertraut: Das Land soll den Fürsten nachfolgen, die Gottes Hand bewahren wird (V. 9-11, wieder sehr unbestimmt – die Fürsten standen ja auf Seiten verschiedener Parteien); Deutschland (und der Leser) muss von sich aus wissen, welche das sind, genau wie beim Feind (V. 14); und es soll seine Furcht fahren lassen (V. 12). Klar ist jedoch, dass Deutschland gemäß dem Sprecher nicht dem Kaiser folgen soll; der Sprecher steht also auf Seiten der protestantischen Partei, soweit man den Krieg als Religionskrieg begreifen kann. Zum Schluss steht eine Heilszusage, wie bei einem Propheten: Gott wird offenbaren , dass die Feinde Deutschlands nichts als „schand und schmach“ (V. 13) angerichtet haben – das sieht bereits jetzt jeder, der die Lage im Land kennt. In den Terzetten rekurriert der Sprecher auf Gottes Beistand,während er in den Quartetten gemahnt hat, sich zu ermannen.

Man kann eigentlich nicht von einem Thema sprechen, welches das Gedicht bestimmt (etwa: die Schrecken des Krieges, oder die Bosheit der Feinde), sondern muss die Eigenart des Gedichts im sprachlichen Handeln des Sprechers bestimmen: Er ruft Deutschland dazu auf, sich gegen seine Feinde endlich zur Wehr zu setzen.

Das Gedicht ist ein Sonett; diese Form wurde im Barock intensiv gepflegt. Die Quartette bestehen aus sechshebigen Jamben, die im umarmenden Reim miteinander verbunden sind; dabei weisen die Verse 1 und 4 jeder Strophe jeweils eine Silbe mehr auf (weibliche Kadenz), was nach dem vierten Vers zu einem ruhigen Ausklang und einer Pause führt. Die Terzette sind von Kreuzreimen bestimmt, wobei die Verse 10, 12, 14 eine weibliche Kadenz besitzen.

Unter einem Joch (V. 1) gehen Zugtiere, die für den Menschen arbeiten müssen; im Alten Orient wurden auch die Kriegsgefangenen mit Hals und Händen in ein Joch gespannt, damit sie wehrlos waren. Das Joch zerbrechen kann nur, wer den Aufstand wagt. Das Bild von Schlafen und Erwachen ist uralt; der Ruf zu erwachen wird sowohl in religiösen wie in politischen Zusammenhängen immer wieder gebraucht (V. 2). Die Imperative „fasse wieder Mut“ und „gebrauch dein altes Herz“ (V. 2 f.) bedeuten das Gleiche; sie unterstellen, 1. dass Deutschland wie ein Mensch agieren kann, 2. dass eine frühere gute Verfassung (Mut haben, beherzt sein) verloren wurde, aber durch einen Entschluss wieder gewonnen werden kann; die neue Verfassung soll wie die gute alte sein. Auch Vers 4 ist jambisch konstruiert, was aber nicht zu den normalen Wortakzenten passt (Freyhéit, normal: Fréyheit; auch „selbs“ gegen den Sinn ohne Betonung). Die Glut (V. 6) ist die Glut des Feuers, das sowohl wörtlich wie metaphorisch im Krieg erlebt wurde; dass nicht der eigene Schweiß, sondern das feindliche Blut das Löschwasser sein soll, ist ein originelles Bild (V. 7 f.). Mit dem Attribut „falschen“ (V. 8) werden angebliche Brüder entlarvt, ohne dass gesagt würde, welche der Kriegsparteien dazu zählt. Hier liegt wieder eine starke Wertung vor, genau wie bei „Joch“ und „gebunden“ (V. 1), beim unterstellten Schlafen (V. 2), beim verlust der Freiheit (V. 4), bei „Tyranney“ und „geschunden“ (V. 5), bei der verzehrenden Glut (V. 6), beim Attribut „bösen“ (V. 7), auch bei „feind“ (V. 8).

Im Kontrast dazu fallen die positiven Wertungen auf, die mit Gottes Hand (V. 10) und den Getreuen als Nutznießern (V. 11, im Kontrast zu den Treulosen) verbunden sind.

Mit „So“ (V. 12) zieht der Sprecher das Fazit aus seinen Aufrufen; Furcht und nicht die Zeit hinfahren lassen: ein Zeugma. Zum Schluss wird angekündigt, was Gott offenbaren wird: das Böse, in Form von Schande und Schmach beim Opfer, Deutschland, in Form von Meineid und Stolz bei den Feinden (V. 13 f.); Stolz ist schon in den Psalmen die Haltung der Feinde Gottes (Ps. 10,4; 17,10 usw.). Die Zusage in V. 13 f. ist für ein verwüstetes Land ein bisschen dürftig: Ruhe und Frieden wären mehr als nur die Offenbarung, dass die Bösen böse sind.

Verwandte Gedichte:

Heinrich Hudemann: Teutschland

Andreas Gryphius: Tränen des Vaterlandes (https://de.wikipedia.org/wiki/Tr%C3%A4nen_des_Vaterlandes)

Sigmund von Birken: Kriegstränen

Johann Klaj: Teutschland

Dreißigjähriger Krieg:

https://www.xn--dreissigjhriger-krieg-e2b.de/

https://de.wikipedia.org/wiki/Drei%C3%9Figj%C3%A4hriger_Krieg

Weckherlins Leben:

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Weckherlin,_Georg_Rudolph

https://www.deutsche-biographie.de/sfz75070.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Rodolf_Weckherlin

Werke:

https://de.wikisource.org/wiki/Georg_Rodolf_Weckherlin (Übersicht)

https://archive.org/details/bub_gb_6WAZAAAAYAAJ/page/n5 (Gedichte, hrsg. von Karl Goedecke)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Weckherlin,+Georg+Rodolf/Gedichte/Gedichte (Gedichte)

https://archive.org/details/bub_gb_AyZLAAAAcAAJ/page/n15 (Geistliche und weltliche Gedichte, 1648)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/26/BLV_199_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_1.pdf?uselang=de (Gedichte, Bd. 1)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/45/BLV_200_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_2.pdf?uselang=de (Gedichte, Bd. 2)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ae/BLV_245_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_3.pdf (Gedichte, Bd. 3)

Weckherlin: erklärung an etliche canzleiherren – Text und Analyse

Georg Rodolf Weckherlin:

Erklärung an etliche canzleiherren

1615.

 

Ihr herren, damit ich ja euch

nenn eben gleich

wie günstig ihr euch selbs intitulieret,

ihr, deren grob verderbtes blut

sich, gleichsam ab des fiebers wut,

ab meiner schrift erhitzet und gefrieret.

 

Ihr mischet teutsch, welsch und latein,

doch keines rein,

weil eure kunst ihr nicht gern wolt verhehlen,

10 und sprechet mit zu weiser schmach,

daß ich verderb die teutsche sprach,

weil fremde wort ich nicht, wie ihr, mag quälen.

 

Zwar wan man ja welsch reden soll,

so müst ihr wol,

daß besser ich, dan ihr, es red, gestehen;

kan also auch ein blinder tropf

nicht so vil witz in euerm kopf

als neid und haß in euern herzen sehen.

 

Demnach dan euers hirns gefahr

20 so offenbar,

warum solt ich in versen euch bedenken?

wär ich nicht kränker selbs, dan ihr,

und auch ein vernunftloses thier,

wan ich euch wolt mit schriften mehr bekränken?

 

Nein. Euer argwohn ist umsunst

und nur ein dunst,

der euch das hirn, so vorhin schwach, verletzet.

ich wär wie ihr, wan ich die hand,

für oder wider eure schand

30 zu schreiben, nur auf das papier gesetzet.

 

Dan würden alle weisen nicht

bald das gedicht,

das euch fuchsschwänzen wolt, verlachen?

wie dan euch schelten, wär auch kaum

ein weisers werk, dan einen baum,

der dürr und faul, noch fruchtbar wollen machen.

 

Wan ich die zeit schadlos vertreib

und frölich schreib,

so schreib ich doch nicht an, für, noch von allen,

40 und meine vers, kunstreich und wert,

die sollen denen, die gelehrt,

und nur, hoff ich, verständigen gefallen.

 

Zu köstlich und zu rein und frisch

für euern tisch

und magen seind die trachten meiner schriften;

den bauren taugt ein hafenkäs,

die pomeranzen seind zu räß,

damit sie sich wol förchten zu vergiften.

Ich will nicht die torechte müh,

50 so ich alhie,

jemals von euch zu schreiben ferners haben;

darum so gebt euch nu zu ruh,

ich sag euch bei den Musen zu:

von euch schreib ich kein einigen buchstaben.

 

Auch mir gebührt es freilich nicht

durch ein gedicht

euch, herren, euch und euer lob zu singen,

sondern dem der in hungersnot

mit starker stim ein stücklein brot

60 für euerm haus verhoft davon zu bringen.

Quelle: Georg Rodolf Weckherlin: Gedichte, Leipzig 1873, S. 134-136.

Sprachliche Erläuterungen:

canzleiherr (Überschrift): Die Kanzlei war die Behörde des Regenten, die den Schriftverkehr führte. Kaiser Maximilian führte eine eigene (oberdeutsche) Kanzleisprache ein, während Luther sich auf die Sächsische Kanzleisprache stützte.

ab (V. 5): vor, aus

welsch (V. 7): ausländisch (italienisch, auch französisch)

verhehlen (V. 9): verbergen

schmach (V. 10): herabsetzende Beleidigung

tropf (V. 16): einfältiger Mensch

witz (V. 17): Verstand

euers hirns (V. 19): für euer Hirn

bedenken (V. 21): über etwas nachdenken, beachten

dan (V. 22, beim Komparativ): als (noch selten noch „denn“)

bekränken (V. 24): kränken

vorhin (V. 27): vorher

wan (V. 28) wenn

fuchsschwänzen (V. 34): schmeideln, nach dem Mund reden

schadlos (V. 37): ohne Schaden zu bringen

tracht (V. 45): was als Frucht getragen wird

hafenkäs (V. 46): alter fauler Käse

pomeranzen (V. 47): Goldäpfel

räß (V. 47): scharf, herb

damit (V. 48): womit (oder Objekt zu „sich vergiften“)

torecht (V. 49): töricht

einig (V. 54): einzig

für (V. 60): vor

verhoft (V. 60): von „verhofen (?): Bedeutung unklar; die Vorsilbe „ver-“ bedeutet oft das Falsche, Schlechte, Unzweckmäßige; „des Hofs verwiesen“ (bezogen auf „dem…“) oder „weggeworfen“ (bezogen auf „brot“)?; oder „erhofft“?

1. Durch die Überschrift werden die Gegner ungenau identifiziert, gegen die sich der Ich-Sprecher wendet. Dieser kann hier mit dem Autor Weckherlin gleichgesetzt werden.

2. Es geht um die angemessene Sprache des Autors Weckherlin, in in den Ohren mancher Kanzleiherren unangemessen klingt: Sie verwenden eine gängige Bildungssprache (V. 7-9) und werfen Weckherlin vor, die „teutsche sprach“ zu verderben (V. 11), weil er deutsche Wörter gebrauche.

Dagegen wehrt Weckherlin sich sehr polemisch:

  • Ich beherrsche die Fremdsprache besser als ihr (V. 13-18).
  • Mit euch setze ich mich nicht einmal auseinander (V. 19-36 und V. 49-54).
  • Ich schreibe nur für vernünftige Menschen (V. 37-48).
  • Ich schreibe für den, dem eure Sprachprodukte nicht genügen (V. 55 ff.).

Das Thema ist der Streit um die Frage, wie weit Schriftsteller sich von der mit Fremdwörtern durchsetzten Bildungssprache zugunsten der deutschen Sprache lösen dürfen oder sollen.

3. Die Strophen stehen in einer kunstvollen Spannung zwischen Reimform, Verslänge und Satzbau. Die Verse bestehen aus Jamben zu 5, 2, 6, 4, 4, 5 Hebungen; dabei bilden die Verse 1 und 2 jeder Strophe einen Paareim, die Verse 3-6 einen umarmenden Reim. Die jeweils ersten drei Verse und die letzten drei sind ein Satz, der mit einer weiblichen Kadenz ausklingt – sonst haben wir immer männliche Kadenzen. Zusammen ergibt das ein lebhaftes Sprechen, das dem Zorn des Sprechers den nötigen Schwung verleiht.

Der Form nach argumentiert der Sprecher, aber im Wesentlichen beschimpft er seine Gegner und setzt sie als Idioten herab. Den Titel „Herren“ erkennt er ihnen nicht zu (V. 1-3); im Bild von Blut und Fieber wertet er sie als „verderbt“ ab (V. 4-6). Er wirft ihnen vor, sich mit ihren Kenntnissen brüsten zu wollen (V. 7-9), und benennt ihren Vorwurf (V. 10-12). Er prahlt damit, die fremdsprachen besser als sie zu beherrschen (V. 13-15), woraus sich ergibt, dass ihr vorwurf gegen ihn auf Neid und Hass beruhe (V. 16-18). Daraus folgert er, dass er sich mit ihnen nicht abzugeben brauche (V. 19 ff.), sie seien Schwachköpfe (V. 27); das ist ein innerer Widerspruch, da er sich ja die ganze Zeit mit ihnen befasst und bei seinem Gedicht die Hand aufs Papier gesetzt hat (V. 28-30). Mit dem Vergleich der Gegner mit einem dürren Baum (bzw. Vergleich des Scheltens der Gegner mit dem Versuch, einen verdorrten Baum fruchtbar zu machen, V. 34-36) schließt er diese Passage ab. Daraus ergibt sich logisch, dass er für Verständige schreibt, wie er anschließend kundtut (V. 37 ff.). Den Vergleich mit dem verdorrten Baum führt er in V. 43-45 fort: „Zu köstlich und zu rein und frisch / für euern tisch / und magen seind die trachten meiner schriften;“ er beschimpft sie indirekt als dumme Bauern (V. 46-48), für die seine Früchte (V. 45) zu schade sind. Im Zorn des Streitens wiederholt er den bereits geäußerten (V. 19 ff.) Schimpf, er setze sich mit ihnen nicht einmal auseinander (V. 49-54 und V. 55-57, vgl. V. 31-33). Er schreibe vielmehr für Leser, die solide Kost brauchten (V. 58-60).

Das Bild vom Gedicht als geistiger Nahrung beherrscht sachlich die Argumentation (V. 43 ff.), während vorher noch „gefallen (V. 42) als Kriterium des guten Gedichtes genannt wird.

4. Die Heftigkeit des Streits zeigt an, dass eine neue Zeit angebrochen ist, in der die deutsche Sprache in die Dichtung einzieht. Über diesen Hintergrund informiert der Artikel „Sprachgesellschaften im Barock“ im Lernhelfer Deutsch (https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/sprachgesellschaften-im-barock), allgemein die Übersicht „Literatur des Barock“ (https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/kapitel/46-literatur-des-barock oder https://de.wikipedia.org/wiki/Barockliteratur). Im Barock wird die deutsche Literatur neu begründet.

Leben:

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Weckherlin,_Georg_Rudolph

https://www.deutsche-biographie.de/sfz75070.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Rodolf_Weckherlin

Werke:

https://de.wikisource.org/wiki/Georg_Rodolf_Weckherlin (Übersicht)

https://archive.org/details/bub_gb_6WAZAAAAYAAJ/page/n5 (Gedichte, hrsg. von Karl Goedecke)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Weckherlin,+Georg+Rodolf/Gedichte/Gedichte (Gedichte)

https://archive.org/details/bub_gb_AyZLAAAAcAAJ/page/n15 (Geistliche und weltliche Gedichte, 1648)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/26/BLV_199_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_1.pdf?uselang=de (Gedichte, Bd. 1)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/45/BLV_200_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_2.pdf?uselang=de (Gedichte, Bd. 2)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ae/BLV_245_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_3.pdf (Gedichte, Bd. 3)

K. Grahame: Der Wind in den Weiden – eine Leseempfehlung

Der Wind in den Weiden“ (1908) wird normalerweise als Kinderbuch verkauft – in Wahrheit ist es ein zauberhaftes Buch vom Geheimnis des Lebens und von der Freundschaft: Zuerst freunden sich der Maulwurf und die Wasserratte an; dann besuchen sie im wilden Wald den Dachs, der sich ihrer in der Kälte des Winters annimmt; schließlich machen sie sich auf, um den Kröterich zu einer vernünftigen Lebensweise zu bewegen. Kröterich ist nämlich ein leichtsinniger, flotter Angeber, ein Lebemann, der sich seit neuestem ins Autofahren verliebt hat…

Die Tiere sind sehr menschlich gezeichnet, tragen auch Kleider und rauchen nach dem Essen eine Zigarre. Anderseits sind sie der Natur ganz nah und offenbaren deren Zauber. Und vor allem halten sie in unverbrüchlicher Freundschaft zum Kröterich, der immer wieder zur Einsicht gebracht und immer wieder rückfällig wird. Die vier Freunde erobern schließlich die Villa Kröterichs zurück, die sich die Wiesel und Hermeline während des Gefängnisaufenthalts ihres Besitzers unter den Nagel gerissen hatten.

Aus aller Beschränktheit der einzelnen Figuren spricht die Weisheit des Autors Kenneth Grahame, alle Dummheiten des Kröterichs werden von der wahren Freundschaft der anderen Tiere egalisiert. Ein Buch, das auch Erwachsene erfreut und im Herzen berührt: wie der Maulwurf die Welt der Wasserratte entdeckt, welche Abenteuer Kröterich mit den Menschen erlebt, wie Tiere menschlich sein können. Wer es nicht kennt, sollte es unbedingt lesen; und wer es kennt, kann es getrost zweimal lesen, wie ich es zuerst 2004 und gestern und heute wieder getan habe.

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Wind_in_den_Weiden

http://lebendom.com/article/der-wind-in-den-weiden

http://pockettorch.net/book/der-wind-in-den-weiden/

http://bibleandbookcenter.com/read/der-wind-in-den-weiden/