Auster oder Bohrer – zu zwei Büchern

Paul Austers Roman „4 3 2 1“ wurde mir kürzlich geschenkt, ganz ohne Anlass, ich habe mich sehr darüber gefreut und bald zu lesen begonnen; das Buch über die vier möglichen Leben Archie Fergusons liest sich leicht – aber auf die Dauer konnte ich es nicht ertragen: immer die gleichen pubertären und familiären Probleme, dazu unendlich breite Passagen über das Baseballspielen, ganz kurz angetippte Namen amerikanischer Filme, Musiken, Namen von Büchern und Organisationen (die ich teilweise nicht kenne). Ich bin bis S. 468 gekommen, dann war es wirklich gut; ich habe noch einmal auf S. 826 mit dem Lesen begonnen, aber nach 12 Seiten ging es nicht mehr: alles wie gehabt, nur hieß das Mädchen jetzt anders. Das alles berührt mich nicht, die Namen amerikanischer Politiker wie Kennedy und Ford berühren mich heute nicht (mehr).

Ganz anders Karl Heinz Bohrers Buch „Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie“, ebenfalls 2017: eine Autobiografie, ein faszinierendes Buch, dessen erstes Kapitel ich inzwischen gelesen habe. Da geht es um Fragen, die Bohrer in seinem ersten Buch („Die gefährdete Phantasie“) bedacht hat, dass nämlich in Literatur und Wirklichkeit die Phantasie ihr Recht hat, wobei allerdings die marxistische Utopie als doktrinärer Totalitarismus nicht gemeint sein kann… Es ist ein Buch, in dessen Themen ich mich bewegt habe, wenn auch anders als Bohrer – er ist knapp zehn Jahre älter als ich; aber er lebte in meinem Land und in meiner Sprache, und er schreibt in diesem Buch von seinem Leben und Denken als Erwachsener, nicht von den Nöten des Erwachsenwerdens im puritanischen Amerika.

P.S. Inzwischen habe ich Bohrers „Jetzt“, eine halbe Autobiografie, mit Freude zu Ende gelesen, bis S. 542. Es ist vermutlich ein Buch vor allem für ältere Menschen, die höchstens 20 Jahre jünger als Karl Heinz Bohrer sind; denn sie kennen noch die meisten Akteure des Buches, etwa Habermas, den Freund und kritischen Gesprächspartner Bohrers, oder haben wenigstens Interesse daran, unbekannte Namen nachzuschlagen. Wer aber wie meine Kinder erst mit der Jahrtausendwende begonnen hat, die Welt bewusst wahrzunehmen, für den ist zu vieles aus Bohrers Erinnerungen bloße Vergangenheit.

Was hat mich am Buch fasziniert? Es ist Bohrers Skepsis gegen den Primat der Begriffe, sein Plädoyer für Wahrnehmung des Gegebenen, der Reiz des Fremden, die Sympathie für die Unangepassten, die Ablehnung der gedankenlosen politischen Korrektheit, die Sympathie für ein nationales Selbstbewusstsein, das Deutschland nicht auf das Dritte Reich, dessen Vergehen und das dadurch begründete Schuldbewusstsein reduziert… Das alles wird immer wieder mit den Befunden der Bedeutung des Jetzt, des Augenblicks, des jederzeit möglichen Ereignisses, der Bedeutung des Fremden begründet. Von persönlichen Bindungen Bohrers werden die intellektuell bedeutsamen genannt, wozu seine zweite Frau Undine Gruenter und seine dritte Frau Angela (geb. von der Schulenburg) gehören.

Einige Längen gab es im 7. Kapitel (wegen der gelehrten historischen Einzelheiten) und auch im 8., weil Angelas englische Freunde mich wirklich nicht interessierten. Im kurzen Schlusskapitel wird der betagte Autor ein wenig nostalgisch, als er das Verschwinden der ihm bekannten Fremdheit von Paris und London beklagt. Ob man seine Aversion gegen den kulturell fremden Islam und dessen angeblich primitive Theologie und seine Einschätzung des Internets teilt, ist eine andere Frage – sie ist aber bedenkenswert im Hinblick auf Merkels unpolitische (und politisch nicht legitimierte) Entscheidung, über eine Million Fremde ins Land zu lassen. Zum Schluss werden auch der Brexit (ausführlicher – Bohrer lebt in London) und Trumps Auftreten (kurz) behandelt, aber das sind nur kleine Schlenker in einem großen Gedankengang.

Auster:

https://www.ndr.de/kultur/buch/Paul-Auster-4-3-2-1,paulauster102.html

http://www1.wdr.de/kultur/buecher/auster-vier-drei-zwei-eins-104.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/paul-auster-veroeffentlicht-seinen-neuen-roman-4-3-2-1-14817155.html

http://www.zeit.de/2017/06/paul-auster-4321-roman-biografie-archie-ferguson

http://www.sueddeutsche.de/kultur/belletristik-vier-fliegen-eine-klappe-1.3360737 (endlich eine kritische Stimme!)

Bohrer:

http://www.zeit.de/2017/10/karl-heinz-bohrer-autobiografie-denker

https://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2017/04/Karl-Heinz-Bohrer-Jetzt.html

http://www.deutschlandfunkkultur.de/karl-heinz-bohrer-jetzt-begegnungen-mit-dem-fremden.1270.de.html?dram:article_id=381375

https://www.socialnet.de/rezensionen/22496.php

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/38577/Ich-habe-einen-romantischen-Blick (Interview)

J. Bator: Dunkel, fast Nacht (2016) – Besprechung

Joanna Bator: Dunkel, fast Nacht. Roman. Aus dem Polnischen von Lisa Palmes. Suhrkamp 2016

Endlich wieder ein großer Roman, dessen 500 Seiten man mühelos bewältigt – nur beim ersten Kapitel habe ich mich schwer getan. Die Ich-Erzählerin Alicja Tabor, Reporterin einer großen polnischen Zeitung, fährt im Herbst in ihre Heimatstadt Walbrzych, wo drei Kinder verschwunden sind. Darüber will sie eine Reportage schreiben, doch sie wird in das dunkle Geschehen einbezogen, entdeckt schließlich eines der entführten Kinder und jagt als gute Läuferin den Mittäter Jerry Swan über 15 Kilometer, was dieser dann nicht überlebt.

Doch ehe es so weit ist, erfährt Alicja und mit ihr der Leser viele Geschichten, in denen die Vergangenheit Walbrzychs lebt – zunächst die Vergangenheit Ewas, der „großen“ Schwester Alicjas, und die der Familie Tabor: Ewa hat Alicja vor der schrecklichen Mutter beschützt und mit 16 Jahren Selbstmord begangen. In diesen Geschichten findet Alicja dann zu sich selbst, sie verändert sich im Lauf des Geschehens, wozu auch die Liebesbegegnung mit Marcin beiträgt. Man kann die teilweise verwirrend verflochtenen Erzählstränge nur schwer entwirren; ich begnüge mich damit, verschiedene Dimensionen des Romans zu benennen:

  • Alicja erfährt stückweise Ewas Geschichte und die ihrer bösen Mutter, die als Kind von Russen 1945 vergewaltigt wurde, und begegnet so sich selbst. Die Liebesbegegnung mit Marcin wird erst durch Alicjas Wandlung möglich.
  • Das erzählte Geschehen hat eine mythische Dimension, in der die Katzenfresser von den Katzenfrauen und ihren Verbündeten bekämpft und besiegt werden; diese Dimension ist einerseits geheimnisvoll, anderseits wird von ihr nicht ohne Ironie erzählt (die Aufzählungen der Namen aller Katzenfrauen z.B.). Eine getötete und enthäutete Katze stellt die Verbindung zur Detektivgeschichte her.
  • Die Suche nach den entführten Kindern bringt Elemente der Detektivgeschichte zur Geltung; dazu gehören dann auch geheimnisvolle Anrufe oder Nachrichten im Internet. Am Schluss erzählen die Protagonisten verschiedene Geschichten, wodurch die beiden Verbrechen aufgeklärt werden, wenn auch ein Kind nicht gerettet wird. Die Geheimnisse um Schloss Fürstenstein und den verlorenen Schatz gehören ebenfalls hierhin; die Geheimnisse der Beteiligten werden schrittweise gelüftet, was teilweise das Verstehen erschwert.
  • Es ist ein Roman, in dem die Verhängnisse der Familiengeschichten deutlich werden, aus denen sich jedoch einzelne befreien können, etwa Alicja und Marcin; später löst sich Marek von seiner dominanten Mutter, die hinter den Entführungen steht, und der vermeintlich entführte Junge hat eine deutsche Pflegefamilie gefunden, seine Entführung war nur von seiner kranken Oma vorgeschoben.
  • Es ist ein polnischer Roman, in dem es neben dem Katholizismus samt Reliquiengeschäft und volksverdummender Madonnenverehrung auch noch die deutsche Vergangenheit des Krieges und der Vertreibung aus Schlesien untergründig weiterwirkend gibt.
  • Stichwort Internet: In drei Protokollen über das, was die Leute anlässlich der Entführungen und des Plans, eine großen Marienstatue zu errichten, im Chat alles von sich geben, zeigt sich die (nicht nur) polnische Volksseele als wahrer Hexenkessel – die Protokolle weisen bereits satirische Züge auf, finde ich. Die polnische Volksseele unterscheidet sich jedoch nicht wesentlich von der deutschen, man sollte diesbezüglich kein Illusionen hegen.

Alles habe ich bei der ersten Lektüre nicht verstanden, z.B. wie Dawid, Ewas ehemalige große Liebe, entschwindet und schließlich zu Tode kommt, aber das trübt den Gesamteindruck nicht: Die Lektüre war ein großes Leseerlebnis. Vergleiche auch

http://literaturkritik.de/id/22144 (die umfassendste Rezension)

https://schiefgelesen.net/2016/05/10/3982/ (kritisch)

http://www.swr.de/swr2/literatur/buch-der-woche/joanna-bator-dunkel-fast-nacht/-/id=8316184/did=17051888/nid=8316184/14oa2tw/index.html

https://www.hkw.de/de/programm/projekte/2016/internationaler_literaturpreis_2016/shortlist_2016/joanna_bator_lisa_palmes_dunkel_fast_nacht.php

https://muromez.com/2016/04/20/joanna-bator-dunkel-fast-nacht/

https://www.rezensions-seite.de/rezensionen/belletristik/joanna-bator-dunkel-fast-nacht/

http://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Literatur_Romane%20+%20Belletristik.php?id=14191889

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article153688369/Ich-habe-immer-das-Unheimliche-gespuert.html (Interview mit J. B.)

G. Vermes: Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas (2016) – gelesen

Geza Vermes: Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas. Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, 2016.

Das Buch rekonstruiert in drei großen Schritten und elf Kapiteln die zweistufige Entstehung des Christentums – mit einem kurzen „jüdischen Auftakt“ und einer längeren Formung zur Heidenkirche. Erster Schritt: Leben und Lehre des historischen Jesus werden eingebettet in die Tradition und Richtung eines zeitgenössischen „charismatischen“, prophetischen, eschatologischen, das heißt das unmittelbare Bevorstehen der Endzeit erwartenden Judentums (Kapitel 1 und 2). Zweiter Schritt: Die „Urgemeinde“ oder „Jesusbruderschaft“ der Apostel und ihrer Gefährten, die nichts anderes als eine jüdische Sekte war, wird in zwei Stufen völlig transformiert: Zunächst deutet Paulus, der eigentliche Gründer des Christentums, die bereits etablierten Rituale von Taufe und Abendmahl allegorisch um, baut die Lehre „großartig“ erfinderisch zu einem „Kultdrama über den Mythos vom sterbenden und auferstehenden Gottessohn“ aus und verlagert die Mission nicht ohne Konflikte, aber schließlich erfolgreich von Juden auf Nichtjuden. Jahrzehnte später bietet, daran anschließend, der Verfasser des Johannesevangeliums das vom historischen Jesus völlig abgehobene, von griechischer Philosophie inspirierte, gänzlich unjüdische Bild eines göttlichen Christus als des „Logos“ und die Skizze eines mystisch personifizierten Heiligen Geistes (Kapitel 3 bis 5).

Der dritte Schritt ist am ausführlichsten dargestellt (Kapitel 6 bis 10): die Weiterentwicklung des Christentums, vor allem des Dogmas, von zwei mit den apostolischen noch gleichzeitigen Schriften (Didache, Barnabasbrief) über die verschiedenen Generationen von Kirchenvätern bis zu den dogmatischen Auseinandersetzungen, als deren Abschluss das Konzil von Nizäa im Jahre 325 gedacht war. Vergeblich – aber immerhin wurde auf ihm die bis dahin höchst umstrittene, danach jedoch für die größten Teile des weiteren Christentums bis heute verbindliche Lehre von einem „dreieinigen“ Gott festgeschrieben.“ Mit diesem Auszug aus der großartigen Besprechung Norbert Mecklenburgs (http://literaturkritik.de/vermes-vom-jesus-der-geschichte-zum-christus-des-dogmas-von-der-theozentrik-zur-christozentrik,22944.html), aufgrund deren ich das Werk gekauft und gelesen habe, möchte ich ein Buch des inzwischen verstorbenen jüdischen Gelehrten Geza Vermes vorstellen.

Vermes war mit seinen Eltern zum Katholizismus konvertiert, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum katholischen Priester geweiht, heiratete und wandte sich wieder vom Christentum ab. Er hat sich wiederholt mit der Gestalt Jesu beschäftigt; in diesem Alterswerk zeigt er auf, wie aus dem jüdischen charismatischen Wanderprediger Jesus, der die baldige Ankunft des Gottesreiches verkündete, im Denken der Heidenchristen der wesenhaft göttliche Christus wurde – und wie sich die Gemeinde seiner Anhänger zur Institution Kirche veränderte, einer Institution, die Jesus weder vorhergesehen noch gewollt habe.

Was Vermes schreibt, ist für Historiker nicht wesentlich neu; erfrischend ist jedoch seine Klarheit, seine Sympathie für den jüdischen Jesus, der uns in der Didache und bei den Synoptikern begegnet, und seine Distanz, aus der er die Sprünge des christologischen Denkens beschreibt. Wenn man wie ich die harmonisierenden Deutungen der christlichen (v.a. der katholischen) Theologen genossen hat, welche eine ehrliche historische Lektüre der alten Schriften verbauen, weiß man Vermes‘ Offenheit und seine kleinen Bosheiten zu schätzen: „Im Denken des Arius ist, was in der Theologie vielleicht nicht wirklich wünschenswert ist, nichts unklar, und nichts bleibt bei ihm ungesagt.“ (S. 313) Neu war für mich das erste Kapitel „Charismatisches Judentum von Moses bis Jesus“; wenn man dieses Judentum und seine Gestalten kennt, fällt es nicht schwer, Jesus als eine dieser Gestalten zu begreifen. Dass es jedoch zu einer Reformation der christlichen Kirchen als Hinwendung zur reinen religiösen Vision und dem Enthusiasmus Jesu, des jüdischen charismatischen Boten Gottes, kommen könnte, wie Vermes hofft (S. 333), halte ich für unwahrscheinlich; denn den eschatologischen Horizont unserer Zeit macht nicht das kommende Gottesreich aus, sondern die Klimakatastrophe, Kriege, weltweite Hungersnöte und ähnliche Szenarien. Gleichwohl hat Vermes ein gutes Buch geschrieben.

Vgl. auch http://www.swr.de/swr2/literatur/buch-der-woche/vermes-geza-vom-jesus-der-geschichte-zum-christus-des-dogmas/-/id=8316184/did=18677508/nid=8316184/161unie/index.html

https://orig.www.ndr.de/kultur/buch/Sachbuecher-des-Monats-April-2017,sachbuchapril130.html

http://david.juden.at/kulturzeitschrift/70-75/72-davidowicz.htm

https://www.jewiki.net/wiki/Geza_Vermes (Geza Vermes)

https://de.wikipedia.org/wiki/Geza_Vermes (dito)

https://en.wikipedia.org/wiki/G%C3%A9za_Vermes (dito, ausführlicher)

https://www.theguardian.com/books/2013/may/14/geza-vermes (Würdigung)

http://www.biblicalarchaeology.org/daily/archaeology-today/archaeologists-biblical-scholars-works/geza-vermes-1924%e2%80%932013/ (dito)

http://www.independent.co.uk/arts-entertainment/books/features/geza-vermes-a-child-of-his-time-8875881.html (dito)

und zum Schluss ein Witz: https://also42.wordpress.com/2015/03/30/ein-abgrundiger-witz/

Christian Hoppe startet eine ähnliche Interpretation des Christentums auf der Grundlage naturwissenschaftlichen Denkens, siehe den Beitrag http://scilogs.spektrum.de/wirklichkeit/ostergruss-ii/ (und evtl. http://scilogs.spektrum.de/wirklichkeit/ostergruss/).

R. Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen…

Ehe ich in die Rezensionen schaue, möchte ich meine eigenen Eindrücke von Schimmelpfennigs Roman „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ festhalten.

Das Buch liest sich zügig, was auch daran liegt, dass pro Seite nur 27 Zeilen gesetzt sind, aber ich frage mich am Ende: Was soll das alles? Es geht um einen Wolf sowie zwei Pärchen nebst einigen Leuten, die mit ihnen zu tun haben: Elisabeth und Micha, zwei Jugendliche, laufen von zu Hause weg, weil Elisabeths Mutter sie in ihrer Wut ins Gesicht geschlagen hat; sie laufen aufs Geratewohl, fahren auf einem Güterzug und schlagen sich nach Berlin durch. Sie werden von Elisabeths Vater, einem Künstler, und ihrer geschiedenen Mutter sowie von Michas Vater, einem Alkoholiker gesucht. Das zweite Pärchen bilden Agnieszka, eine Polin, die in Berlin putzt, und Tomasz, der als Bauarbeiter in Berlin arbeitet; Tomasz ist auf der Fahrt nach Berlin im Schneesturm stecken geblieben, hat einen Wolf gesehen und fotografiert – das Bild hat Agnieszka dann einer Journalistin verkauft, die es veröffentlicht hat, was eine große Suche nach dem Wolf auslöst. Außerdem ist Agnieszka von einem anderen Mann schwanger, was zu Problemen führt – die Vorgeschichte Agnieszkas wird nur kurz und kaum als solche kenntlich nachgetragen. Alle fünf, vom Wolf über Micha bis Tomasz, wohnen in Berlin oder streben nach Berlin und ziehen die Suchenden auch mit nach Berlin.

Dann tauchen noch eine Reihe weitere Figuren auf, die alle unwahrscheinlich hilfsbereit sind und die beiden Kinder Elisabeth und Micha einladen, bei ihnen zu übernachten; das muss wohl an Berlin liegen – ich käme nicht auf die Idee, wildfremde Jugendliche einzuladen, bei mir zu übernachten, aber das ist in Berlin kein Problem. Jedenfalls finden die beiden Pärchen zum Schluss irgendwie wieder zusammen; Micha hat zufällig (!) in Berlin auch seinen sturzbetrunkenen Vater gefunden, der gerade aus einer Kneipe geworfen wurde, aber das kann ihn nicht aufhalten. Ach ja, eine weitere wichtige Figur ist das Gewehr eines Jägers, der vermutlich einen Herzinfarkt bekommen hat und gestorben ist; das Gewehr wandert mit Micha ebenfalls nach Berlin, dann findet Tomasz es irgendwie, und im Kampf mit Agnieszka um das Gewehr löst sich ein Schuss, der Tomasz am Kopf streift, worauf man ins Krankenhaus fährt, und so geht das weiter, bis es zum Schluss aufhört.

Die Zeitstruktur des erzählten Geschehens – alle Szenen sind hart geschnitten – ist undeutlich; die Figuren bleiben oberflächlich, allesamt Pappkameraden ohne jede seelische oder charakterliche Tiefe und ohne Geschichte, auch wenn gelegentlich biografische Daten der Vergangenheit einfließen; manche Leute haben auch keinen Namen, sondern sind so etwas wie „der Vater des (geflohenen) Jungen“ und Ähnliches.

Das Buch ist Roland Schimmelpfennigs erster Roman, hoffentlich auch sein letzter. Man hat nichts verpasst, wenn man ihn nicht liest; höchstens freuen sich Berliner bei der Lektüre, weil so viele Straßen und Plätze Berlins genannt werden, die einem Fremden bloße Namen bleiben. Ich habe den Roman gestern gelesen – insgesamt ist er wie viel modernes Zeug nur zeilenfüllender Mist; man liest besser die Klassiker, die das Aussieben durch Jahrzehnte oder Jahrhunderte überstanden haben.

Dem http://derstandard.at/2000033040176/Offene-Buecher-und-Gesellschaft entnehme ich, dass der Roman es auf die shortlist (zu Deutsch: Liste der engeren Auswahl) der Leipziger Buchmesse 2016 geschafft hat. Die einzige Besprechung, die ich gefunden habe, steht in einem Blog: https://masuko13.wordpress.com/2016/03/02/roland-schimmelpfennig-an-einem-klaren-eiskalten-januarmorgen-zu-beginn-des-21-jahrhunderts/, und bei einer Buchhandlung gibt es eine Besprechung/Empfehlung des Lesers Felix Palent: http://www.wist-derliteraturladen.de/tag/felix-palent/, der aber offenbar ein anderes Buch als ich gelesen hat. Alle großen Zeitungen nehmen den Roman nicht zur Kenntnis.

Andersen: Des Kaisers neue Kleider

Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel von neuen Kleidern hielt, dass er all sein Geld dafür ausgab. Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, kümmerte sich nicht ums Theater und liebte es nicht, in den Wald zu fahren, außer um seine neuen Kleider zu zeigen. Er hatte einen Rock für jede Stunde des Tages, und ebenso wie man von einem König sagte, er sei im Rat, so sagte man dort immer: „Der Kaiser ist in der Garderobe!”

In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr munter her. An jedem Tag kamen viele Fremde an, und eines Tages kamen auch zwei Betrüger, die gaben sich für Weber aus und sagten, dass sie den schönsten Stoff, den man sich denken könne, zu weben verstünden. Die Farben und das Muster seien nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Stoff genäht würden, sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, dass sie für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.

,Das wären ja prächtige Kleider’, dachte der Kaiser; ,wenn ich solche hätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reich zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, das Zeug muss sogleich für mich gewebt werden!’ Er gab den beiden Betrügern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen sollten.

Sie stellten auch zwei Webstühle auf und taten, als ob sie arbeiteten, aber sie hatten nicht das Geringste auf dem Stuhl. Trotzdem verlangten sie die feinste Seide und das prächtigste Gold, das steckten sie aber in ihre eigene Tasche und arbeiteten an den leeren Stühlen bis spät in die Nacht hinein.

,Nun möchte ich doch wissen, wie weit sie mit dem Stoff sind!’ dachte der Kaiser, aber es war ihm beklommen zumute, wenn er daran dachte, dass keiner, der dumm sei oder schlecht zu seinem Amte tauge, es sehen könne. Er glaubte zwar, dass er für sich selbst nichts zu fürchten brauche, aber er wollte doch erst einen andern senden, um zu sehen, wie es damit stehe. Alle Menschen in der ganzen Stadt wussten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei. ,Ich will meinen alten, ehrlichen Minister zu den Webern senden’, dachte der Kaiser, ,er kann am besten beurteilen, wie der Stoff sich ausnimmt, denn er hat Verstand, und keiner übt sein Amt besser aus als er!’

Nun ging der alte, gute Minister in den Saal hinein, wo die zwei Betrüger saßen und an den leeren Webstühlen arbeiteten. ,Gott behüte uns!’ dachte der alte Minister und riss die Augen auf. ,Ich kann ja nichts erblicken!’ Aber das sagte er nicht.

Beide Betrüger baten ihn, näher zu treten, und fragten, ob es nicht ein hübsches Muster und schöne Farben seien. Dann zeigten sie auf den leeren Stuhl, und der arme alte Minister fuhr fort, die Augen aufzureißen, aber er konnte nichts sehen, denn es war nichts da. ,Herr Gott’, dachte er, ‚sollte ich dumm sein? Das habe ich nie geglaubt, und das darf kein Mensch wissen! Sollte ich nicht für mein Amt taugen? Nein, es geht nicht an, dass ich erzähle, ich könne das Zeug nicht sehen!’

„Nun, Sie sagen nichts dazu?” fragte der eine von den Webern. „Oh, es ist niedlich, ganz allerliebst!” antwortete der alte Minister und sah durch seine Brille. „Dieses Muster und diese Farben! – Ja, ich werde dem Kaiser sagen, dass es mir sehr gefällt!” „Nun, das freut uns!” sagten beide Weber, und darauf nannten sie die Farben mit Namen und erklärten das seltsame Muster. Der alte Minister passte gut auf, damit er dasselbe sagen könne, wenn er zum Kaiser zurück komme, und das tat er auch.

Nun verlangten die Betrüger mehr Geld, mehr Seide und mehr Gold zum Weben. Sie steckten alles in ihre eigenen Taschen, auf den Webstuhl kam kein Faden, und sie fuhren fort, wie bisher an den leeren Stühlen zu arbeiten.
Der Kaiser sandte bald wieder einen anderen tüchtigen Staatsmann hin, um zu sehen, wie es mit dem Weben stehe und ob das Zeug bald fertig sei; es ging ihm aber gerade wie dem ersten, er guckte und guckte – weil aber außer dem Webstuhl nichts da war, so konnte er nichts sehen. „Ist das nicht ein ganz besonders prächtiges und hübsches Stück Stoff?” fragten die beiden Betrüger und zeigten und erklärten das prächtige Muster, das gar nicht da war.

,Dumm bin ich nicht’, dachte der Mann; ‚es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre seltsam genug, aber das muss man sich nicht anmerken lassen!’ Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster. „Ja, es ist ganz allerliebst!” sagte er zum Kaiser. Alle Menschen in der Stadt sprachen von dem prächtigen Stoff.

Nun wollte der Kaiser selbst ihn sehen, während er noch auf dem Webstuhl sei. Mit einer ganzen Schar auserwählter Männer, unter denen auch die beiden ehrlichen Staatsmänner waren, die schon früher dagewesen waren, ging er zu den beiden listigen Betrügern hin, die nun aus allen Kräften webten, aber ohne Faser oder Faden.

„Ja, ist das nicht prächtig?” sagten die beiden ehrlichen Staatsmänner. „Wollen Eure Majestät sehen, welches Muster, welche Farben?” und dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, denn sie glaubten, dass die andern das Zeug wohl sehen könnten.

,Was!’ dachte der Kaiser; ‚ich sehe gar nichts! Das ist ja erschrecklich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir begegnen könnte.’ „Oh, es ist sehr hübsch”, sagte er, „es hat meinen allerhöchsten Beifall!” und er nickte zufrieden und betrachtete den leeren Webstuhl; er wollte nicht sagen, dass er nichts sehen könne. Das ganze Gefolge, was er mit sich hatte, schaute und schaute, aber es bekam nicht mehr heraus als alle andern; doch sie sagten gleich wie der Kaiser: „Oh, das ist hübsch!” und sie rieten ihm, diese neuen prächtigen Kleider das erste Mal bei dem großen Feste, das bevorstand, zu tragen.

„Es ist herrlich, niedlich, ausgezeichnet!” ging es von Mund zu Mund, und man schien allerseits innig erfreut darüber. Der Kaiser verlieh jedem der Betrüger ein Ritterkreuz, um es in das Knopfloch zu hängen, und den Titel Hofweber.
Die ganze Nacht vor dem Morgen, an dem das Fest stattfinden sollte, waren die Betrüger auf und hatten sechzehn Lichter angezündet, damit man sie auch recht gut bei ihrer Arbeit beobachten konnte. Die Leute konnten sehen, dass sie stark beschäftigt waren, des Kaisers neue Kleider fertigzumachen. Sie taten, als ob sie das Zeug aus dem Webstuhl nähmen, sie schnitten in die Luft mit großen Scheren, sie nähten mit Nähnadeln ohne Faden und sagten zuletzt: „Seht, nun sind die Kleider fertig!”

Der Kaiser kam mit seinen vornehmsten Beamten selbst, und beide Betrüger hoben den einen Arm in die Höhe, gerade, als ob sie etwas hielten, und sagten: „Seht, hier sind die Beinkleider, hier ist der Rock, hier ist der Mantel!” und so weiter. „Es ist so leicht wie Spinnwebe; man sollte glauben, man habe nichts auf dem Körper, aber das ist gerade die Schönheit dabei!” „Ja!” sagten alle Beamten, aber sie konnten nichts sehen, denn es war nichts da.

„Belieben Eure Kaiserliche Majestät, Ihre Kleider abzulegen”, sagten die Betrüger, „so wollen wir Ihnen die neuen hier vor dem großen Spiegel anziehen!”

Der Kaiser legte seine Kleider ab, und die Betrüger taten so, als ob sie ihm ein jedes Stück der neuen Kleider anzögen, die fertig genäht sein sollten, und der Kaiser wendete und drehte sich vor dem Spiegel.

„Ei, wie gut sie kleiden, wie herrlich sie sitzen!” sagten alle. „Welches Muster, welche Farben! Das ist ein kostbarer Anzug!” ­

„Draußen stehen sie mit dem Thronhimmel, der über Eurer Majestät getragen werden soll!” meldete der Oberzeremonienmeister.

„Seht, ich bin fertig!” sagte der Kaiser. „Sitzt nicht alles gut?” und dann wendete er sich nochmals zu dem Spiegel; denn es sollte so aussehen, als ob er seine Kleider recht betrachte.

Die Kammerherren, die das Recht hatten, die Schleppe zu tragen, griffen mit den Händen gegen den Fußboden, als ob sie die Schleppe aufhöben, sie gingen und taten, als hielten sie etwas in der Luft; sie wagten nicht, es sich anmerken zu lassen, dass sie nichts sehen konnten.

So ging der Kaiser unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: „Wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich! Welche Schleppe er am Kleid hat! Wie schön sie sitzt!” Keiner wollte es sich anmerken lassen, dass er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amt getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Noch nie hatten Kleider des Kaisers solche Anerkennung gefunden wie diese.

„Aber er hat ja gar nichts an!” sagte endlich ein kleines Kind. „Hört die Stimme der Unschuld!” sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte.

„Aber er hat ja gar nichts an!” rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: ,Nun muss ich durchhalten.’ Und die Kammerherren gingen und trugen eine Schleppe, die gar nicht da war.

(Text nach http://gutenberg.spiegel.de/buch/hans-christian-andersen-m-1227/114, sprachlich von mir überarbeitet)

Die erste Pointe steht hier:

,Das wären ja prächtige Kleider’, dachte der Kaiser; ,wenn ich solche hätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reich zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden!

Der Kaiser ist also nicht imstande, Dumme von Klugen zu unterscheiden, und sucht ein „einfaches“ bzw. sicheres Mittel dafür – was ein Zeichen von Dummheit ist.

Es folgt als zweite Pointe:

Alle Menschen in der ganzen Stadt wussten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.

Die Leute sind allesamt dumm – sie rechnen nämlich nur mit der Möglichkeit, dass andere dumm sein könnten, nicht aber sie selbst; so viel Egozentrik ist dumm.

Die dritte nebst folgenden Pointen findet man hier:

,Dumm bin ich nicht’, dachte der Mann; ‚es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre seltsam genug, aber das muss man sich nicht anmerken lassen!’ Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster.

Aus Angst, gegen das „schlaue“ Geschwätz der vermeintlichen Fachleute allein zu stehen und für dumm zu gelten, verlässt er sich nicht auf den Augenschein und den gesunden Menschenverstand, sondern spielt deren Spiel gegen eigene Einsicht mit und redet ihnen ihr Geschwätz nach.

Erst das Kind, das diese Angst nicht kennt, hat die Courage, einfach laut die Wahrheit zu sagen. Hier gilt wirklich das Wort Jesu: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich [des Erkennens, der Wahrheit] eingehen.

Vgl. die kurze Analyse https://norberto42.wordpress.com/2010/10/30/andersen-des-kaisers-neue-kleider-kurze-analyse/.

Hermann Ungar: Die Verstümmelten (1923), gelesen

Franz Polzer ist Beamter einer Bank, das ist in der Literatur kein gutes Omen. Er ist ein zerbrochener Mensch, zerbrochen von seinem alleinerziehenden harten Vater. Durch Vermittlung eines Bekannten hat er nach abgebrochenem Studium eine Stelle in einer Bank bekommen und sie 16 Jahre mit der Zuverlässigkeit eines Automaten ausgefüllt, wie auch sein freudloses Leben in immer der gleichen Routine abläuft. Neben ihm spielen sein Jugendfreund Karl Fanta, seine Vermieterin, die Witwe Klara Porges, einige Kollegen der Bank, ein Pfleger des später erkrankten Fanta und dessen Ehefrau sowie ein Arzt eine Rolle im Geschehen.

Seine Vermieterin macht sich also an Franz heran, was ihm äußerst unangenehm ist, und wird schwanger – vermutlich von ihm, vielleicht auch nicht; der Arzt protegiert ihn und stattet ihn neu aus, worauf er befördert wird – womit er aber nicht zurecht kommt. Der Pfleger, ein ehemaliger Metzger, ist ein religiöser Spinner, und als Frau Porges das Schutzheiligenbild des hl. Franz verbrennt, ist die Ordnung in Franz Polzers Leben endgültig zerbrochen. Die Frauen sind allesamt Weiber, die Männer Mistkerle – Verdächtigungen, Intrigen, Ängste verwirren das Leben der Menschen, zerstören ihre Beziehungen, und am Ende ist Frau Porges geköpft, vermutlich von Franz: eine schauerliche Parabel einer sinnlosen Welt.

Die Erzählung weist nicht nur viele Wiederholungen, sondern auch einige Brüche auf: So ist zum Beispiel der ehemalige Jugendfreund Fanta plötzlich todkrank, und wie die arme, sexuell übergriffige Wirtin Klara plötzlich von Geldgier getrieben, und zwar erfolgreich getrieben wird, bleibt unklar. Der Roman hätte also wohl noch einmal überarbeitet werden müssen – das Niveau Kafkas hat er trotz des verwandten Vater-Sohn-Konflikts nicht (ganz) erreicht. Katja Petrowskaja hat die Leser der SZ in einer kurzen Empfehlung auf diesen Roman hingewiesen. Man kann das Buch in zwei Stunden im Netz lesen:

http://freilesen.de/werk_Hermann_Ungar,Die-Verstuemmelten,2940,1.html

http://freilesen.de/Hermann_Ungar_Die-Verstuemmelten_1,2940,1.pdf (die letzte Ziffer fortlaufend bis Kap. 17 verändern)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-verstummelten-614/14

http://fictionbook.ru/author/hermann_ungar/die_verstummelten/read_online.html

(alle mit den gleichen Fehlern, also z.B. gelegentlich „Poker“ statt „Polzer“)

Leider ist der Roman im Netzwerk tredition (noch) nicht greifbar: https://tredition.de/autoren/autoren-uebersicht/

Über Hermann Ungar: http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/UngarHermann

Heißenbüttel: Fragmente – Gedanken zur Interpretation

[aus: http://logos.kulando.de | 12 August, 2009 08:26]

Links zu Heißenbüttel (etwa Juli 2006)
http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/multi_fgh/heissen.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Hei%C3%9Fenb%C3%BCttel
http://www.stuttgarter-schule.de/heissenbuettel.htm
http://doehl.netzliteratur.net/mirror/heissenbuettel1.htm
http://www.stuttgarter-schule.de/rotermund_hh2001.htm
http://www.stuttgarter-schule.de/heissenbuettel5.htm
http://www.uni-stuttgart.de/ndl1/hoflitage/hbg_rez2.htm
http://www.reinhard-doehl.de/hhh/h_h_h.htm

Gedanken zu H. Heißenbüttel: Topographien a – e
Es liegen Ortsbeschreibungen vor. Dazu ist vorab zweierlei zu sagen: Die Orte sind nicht als Lokalitäten zu verstehen; und die Beschreibungen sind nicht als konsistente Sätze zu lesen, sondern als Montagen von Satzfetzen.
Das möchte ich an einem Beispiel zeigen (Text und Verszählung nach der Ausgabe „Epochen der deutschen Lyrik“, hrsg. von Walter Killy, Bd. 9): „aufgegitterte Spiegelbilder im Wellblech der Kanäle“ (V. 35). Das ist die Montage einer Wendung „Spiegelbilder im Wasser der Kanäle“ mit dem Bild eines Bauwerks (Wellblech), wobei unklar ist, woher das Attribut „aufgegitterte“ stammt. Vielleicht ließe sich durch eine Fleißarbeit ausmachen, aus welchen Kästen die gemixten Bruchstücke ursprünglich stammen. Die Frage ist, ob das fürs Verstehen wichtig ist.
Als Methode ergibt sich für mich daraus, bestimmte Wendungen zu sammeln, die der Beschreibung eines „Ortes“ dienen. Ich finde folgende fünf Orte beschrieben: das Ich (a), die Zeit (b), die Wiederholung von Mustern (c), gedankenloses Funktionieren (d), Geplapper leerer Gesichter (e) – diese fünf Orte gehören zusammen und bezeichnen das Gelände, in dem man sich bewegt. Es gilt also, diese fünf Orte kurz zu umschreiben:

a) das Ich: ungedecktes Gelände, schutzlos Angriffen ausgesetzt,
irreparable Schäden, Verluste,
Biografie unter den Gesetzen eines Romans,
weiße Flecken, Unbekanntes weithin,
das Profil aufgelöst,
Gesichter abgefallen,
darüber eine stahlblaue Schutzschicht;

b) Zeit: zergehend,
der langsame Schritt der nichts Erwartenden;

c) Wiederholungen: Strukturen der Landschaft,
unaufhörlich dieselben Gesichter, ununterbrechbar,
immer noch meine Schwester,
immer gleiche Spiegelbilder,
die glitzernden Parallelen des vor mir liegenden Geländes;

d) funktionieren: das Fehlen der Gedanken in den abgefallenen Köpfen,
einzige Schlupfwinkel: Bilder von Francis Picabia, Texte von Benjamin Peret;

e) was hört man den ganzen Tag?
inhaltsleere Sätze,
Gesprächsfetzen (ich kenne eine Sammlung vom Begräbnis von Bubi Scholz),
das menschenleere Gesicht:
die milchbraune Kreisform.

Wer es denn wagte, er selber statt bloß Wellnesskonsument zu sein –
Wer es denn wagte, selber zu lernen, statt Abikonsument zu sein –
Wer es denn wagte, selber zu lehren, statt Versatzstücke einzuspielen –
Wer es denn wagte mitzufühlen, statt alte Sprüche zu reproduzieren –
Wer es denn wagte, sich auf sich selbst zu besinnen –

Möglichkeiten, sich das Gedicht zu erschließen:
* Lies Sabine Peters über H.H.: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/166029/
* Sammle Redensarten von Lehrern (Eltern, Schülern) in allen Variationen!
* Höre Musik von Big Sid Catlett, Art Tatum, Fats Navarro!
* Schau dir Bilder von Francis Picabia an!
* Lies Gottfried Benn: Fragmente!

Der vorletzte Link ist nicht mehr direkt im Netz greifbar, hier sein Inhalt:

Helmut Heißenbüttel: Punktuelle Gedichte
[Claus Henneberg: Texte und Notizen. Luchterhand Verlag. Neuwied und Berlin-Spandau 1962]

Oft ist kritisch von der Verarmung der modernen Kunst gesprochen worden. Die Formel Heideggers vom Dichter in dürftiger Zeit wurde von vornherein umgekehrt gelesen als Dürftigkeit des Dichters in dieser Zeit. Denn der Kritiker empfindet das, was fehlt, nicht an sich, sondern an dem, welches das Fehlende manifestiert und doch selber, da es authentisches Zeichen dieses Fehlenden darstellt, ganz vollständig und in sich beschlossen ist. Und das heißt, daß diejenigen, die von der Verarmung und der Dürftigkeit der modernen Kunst sprechen, gar nicht die Kunst zu sehen vermögen, weder ihr Thema noch ihre Prinzipien, sondern allein auf das Stoffliche dieser Kunst starren, das doch nur deren objektiver Gegenstand ist und, wenn überhaupt, dann auf den Zustand des Kritikers kritisch bezogen werden müßte.

Solche Überlegungen könnte man weiter verfolgen an einen wenig Seiten und nicht viel Druckbuchstaben umfassenden Buch, das im Frühjahr im Luchterhand Verlag erschien. Es trägt den Titel „Texte und Notizen“. Sein Autor heißt Claus Henneberg. Sein Inhalt? Kurze Prosastücke, punktuelle Gedichte, Gedichte aus einem Repertoire von wenigen Vokabeln und Vorstellungen, reduzierte Syntax.  Etwa [in den Punktuellen Gedichten] so

„reiter
reiter am flut

fahnen und fähnchen
burgen im wehnden

narden
im scheitel.
verweht

schiff.
blendendes schiff“

Das zu Sagende ist auf ein Geringes beschränkt. Nicht konzentriert. Denn es wäre falsch, solche Gebilde mit dem Vorwand der Konzentration zu verteidigen. Nicht die Essenz des Realen ist hier Sprache geworden, sondern ein Teil von ihm scheint sprachlich ausgeblendet. Nicht etwas Vollständiges oder scheinbar Vollständiges wird erfaßt; möglich allein ist die punktweise Umschau. die punktweise Anrufung. Hennebergs Gebilde gehören nicht zur konkreten Poesie. Sie enthalten sich der vorschnellen Voraussetzung, bereits eine einzige konkrete Vokabel könne, richtig aufgefaßt. eine ganze Welt (wenn nicht die einzige wahre Welt) enthalten. Hennebergs Gebilde haben auch nichts mit Sprachspielerei oder -experiment zu tun. Sie spiegeln Erfahrungen. Aber die Erfahrungen erscheinen nicht als etwas, das logisch oder tatsächlich oder psychologisch bis in alle Einzelheiten, Fakten und Folgerungen rekonstruiert werden kann, sondern (als) gleichsam ausgewaschen, (so) wie am Strand Steine und Muscheln auf Stengeln von Sand stehenbleiben, wenn der Wind dazwischen hindurchgefahren ist

Ein ganzer Entwicklungsroman wird auf 125 Anmerkungen beschränkt. Vielleicht ließe sich mehr erzählen. Aber dies Mehr, so habe ich den Eindruck, wäre nur Wiederholung und bloße Fabel, diese 125 Anmerkungen sind das Stehengebliebene. Das Stehengebliebene, das ein Vorstellungsrepetoire umstellt und, wenn überhaupt etwas von diesen Erfahrungen auf der anderen Ebene der Kunst reproduzierbar ist, stellvertretend steht wie kein tausendseitiger Wälzer.

Eine andere Methode findet sich in dem Dialog „Endlose Nacht für zwei Stimmen„. Hier haben sich die Vokabeln und Sätze zusammengedrängt, da sie die Endlosigkeit, von der sie reden wollen, nur im kurzen Atem sagen können. Denn die Endlosigkeit, wörtlich genommen, ist stumm und schweigt. Dies Drängende des kurzen Atems (das wiederum nicht Konzentration ist, denn dazu fehlt die Besinnung) mischt wichtige und unwichtige Wörter und Vorstellungen, und indem sie gemischt werden, werden sie nun, so neben- und durcheinander, gleich wichtig. Denn sie sagen, was mit der endlosen Nacht los ist.

Am breitesten lädt das Gedicht in den 17 Stücken des Zyklus „Hissarlik“ aus. Hier ist der größte Ehrgeiz spürbar. Der Blick übersteigt die personalen Erfahrungen und versucht, ein Universum abzugrenzen. Hier am ehesten erkenne ich die Grenze Hennebergs. Manches erstarrt in Formeln, die gewollt scheinen. Auf der anderen Seite ist, wo es gelingt, der Fluß stärker und leichter als in den übrigen Texten. Ein Fluß, der mit der Kontrasttechnik Pounds arbeitet.

Ich kenne einen großen Teil dieser Gedichte seit fünf oder sechs Jahren, und ich muß bekennen, daß sie ihren Reiz behalten haben in einer Zeitspanne, in der vieles blaß und unverständlich wurde. Nicht zuletzt scheint mir das an der Leichtigkeit zu liegen, mit der Henneberg sein Repertoire beherrscht. Dem Kritiker, der hier von der Armut reden wollte (die sich an der bloßen Zahl der Vokabeln ja zu bestätigen scheint), wäre gerade der Reichtum der Nuancen auf kleinstem Raurn entgegenzuhalten. Die Zurücknahme auf Weniges hat hier die Sprache nicht, wie es schon fast sprichwörtlich heißt, kahl gemacht, sondern schöner. Wenn eins, dann ist dies Hennebergs Verdienst, daß er die Schönheiten des reduzierten Vokabulars und der reduzierten Syntax ausfindig gemacht hat. Selbst dort, wo das Thema dem zu widersprechen scheint, wie im Schluß des Dialogs: „ertränk uns nicht Öl, tap, laßt uns langsamer atmen, tap, laßt uns den Herzschlag verlangsamen, tap, tap, Leinenschuh hört ich, hilf Horn, das Horn soll helfen, es hilft nicht, tap, alle die wir hier suchen sind verirrte Kinder, tap, alle die wir hier suchen sind unschuldige Kinder, ich sags doch, Erde begrab uns nicht, aber es war nichts, was die Finsternis zerriß, sondern ein gemetzeltes Stück Fleisch am Haken das blutete war die Finsternis. was da tropft ist nicht Öl, sondern Blut, das mir auf die Stirn tropft, und ich kanns nicht abmachen, weil seine blassen Füße auf meiner Stirn stehn und ich hier liege war das finster.“

[DEUTSCHE ZEITUNG, Köln, 28./29. Juli 1962]

Märchen in leichter Sprache

Es gibt inzwischen den Versuch, Märchen in leichte Sprache zu übertragen, damit Kinder und Menschen mit Leseschwierigkeiten sie verstehen können: https://www.ndr.de/fernsehen/service/leichte_sprache/Maerchen-in-Leichter-Sprache,maerchenleichtesprache100.html

Jeder, der vorliest oder Märchen erzählt, kennt das Problem und hat vermutlich auch selber versucht, die kanonischen Texte zu vereinfachen. So muss man zum Beispiel im Märchen von den drei kleinen Schweinchen den Kindern erklären, wie früher gekocht wurde und wie der offene Kamin über der Feuerstelle dafür sorgte, dass der Rauch nicht im Zimmer hängen blieb – andernfalls können sie nicht verstehen, wie der Wolf durch den Kamin kommen will. Ich habe dazu sogar aus dem Internet ein paar Bilder ausgedruckt, damit die Szene den Kindern im Kindergarten auch anschaulich vor Augen geführt wird. Und meine in der Kategorie „Märchen“ vorgestellten Texte sind alle sprachlich überarbeitet.

Bliebe zum Schluss nur noch auf das Konzept Leichte Sprache hinzuweisen: https://norberto68.wordpress.com/2016/11/17/leichte-sprache/

Faust I: Auerbachs Keller, Hexenküche

Die beiden Szenen stellen den Beginn der Weltfahrt dar, zu der Faust mit Mephisto aufbrechen soll (V. 2051 ff., vgl. V. 1850). Sie verbinden die Gelehrtentragödie (ab Szene „Nacht“, V. 354 ff.) mit der Gretchentragödie (ab Szene „Straße“, V. 2605 ff.). Sie enthalten viele satirische und „unterhaltende“ Elemente und entsprechen so der Forderung der Lustigen Person aus dem Vorspiel auf dem Theater:

„Laßt Phantasie mit allen ihren Chören,

Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft,

Doch, merkt euch wohl! Nicht ohne Narrheit hören!“ (V. 86-88, vgl. V. 170/73)

 

Auerbachs Keller

Das ist die erste Station der Weltfahrt, von der Faust völlig enttäuscht ist.

  • Die Studenten saufen, behandeln verschiedene Themen (V. 2073 ff.).
  • Sie singen das Rattenlied (V. 2126 ff.), eine Ständesatire auf den Klerus.

[Faust und Mephisto treten auf.]

  • Wechselseitige Einschätzung der beiden Parteien, Necken (V. 2158 ff.)
  • Mephistos Flohlied, eine Satire auf den Feudalstaat (V. 2207 ff.)
  • Satirischer Seitenhieb auf die Revolution (V. 2244, vgl. V. 2295)
  • Weinzauber Mephistos (V. 2245 ff.)
  • Fausts Unbehagen (V. 2296), Mephisto kündigt Größeres an (die Bestialität, V. 2297 f.).
  • Feuerzauber und Verwirrung der Studenten (V. 2299 ff.)

[Faust und Mephisto verschwinden.]

  • Die Studenten besprechen ihre Erfahrung mit Mephisto (V. 2322 ff.).

 

Hexenküche

Die Szene stellt eine bedenkliche Bedrohung der Vernunft dar (vgl. V. 1851 ff.). In der Regieanweisung wird die Hexenküche beschrieben.

  • Fausts Abneigung gegen das Zauberwesen (vs. Natur!, V. 2337 ff.) und das alte Weib (V. 2366 ff.)
  • Mephisto spricht mit den Tieren (V. 2380 ff.).
  • Faust ist vom Spiegel-Bild fasziniert (V. 2429 ff., vgl. V. 2456 und 2461 f.), ihm wird eine reale Frau versprochen (-> V. 2599 ff. -> „Straße“ etc).
  • Mephisto spielt „König“ (2450/2 Anspielung auf die Situation in Frankreich?)

[Die Hexe kommt.]

  • Begrüßung von Hexe und Teufel, ihrem Herrn – Entmythologisierung der Teufelsfigur (V. 2465 ff.)
  • Bitte um Verjüngungstrank, die Hexe warnt (V. 2518 ff.)

[ Hokuspokus der Hexe]

  • Das Hexeneinmaleins -> Polemik gegen den christlichen Glauben, das Wortmotiv taucht auf (V. 2532 ff.)
  • Fortsetzung des Zaubers, Faust trinkt (V. 2567 ff.).
  • Abschluss des Zaubers (V. 2585 ff.)
  • Überleitung durch Mephisto über „Cupido“ (Begierde) des verjüngten Faust –> Spiegelbild –> „leibhaftig“ zur folgenden Szene, der ersten Begegnung mit Margarete

Vgl. https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-pakt-und-wette-verlauf-und-funktion/ und https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-aufbau-der-gretchenhandlung/, um die beiden Szenen in den großen Zusammenhang zu stellen.

Zu Auerbachs Keller

http://www.abipur.de/referate/stat/656135734.html (interessant: Beobachtungen zu Versformen und zum Flohlied, Einordnung in die Abfolge der Szenen) =

http://www.e-hausaufgaben.de/Hausaufgaben/D1245-Goethe-Johann-Wolfgang-von-Faust-I-und-II-Textanalyse-und-Interpretation.php (wer hat wo abgeschrieben?)

http://www.goethe-psychoanalyse.de/Publikationen/auerbachs/auerbachs0_00.html (psychoanalyt., ab S. 28, deutet das Geschehen als Delirium, trägt nichts zum Verständnis der Szene bei)

Zu Hexenküche

http://www.abipur.de/referate/stat/677141602.html (i.W. knappe Inhaltsangabe, der letzte Absatz stellt die Szene in den Zusammenhang des Dramas)

http://herrlarbig.de/2013/10/28/faust-1-hexenkueche-vers-23372604/ (subjektive Eindrücke bei der Lektüre, die Ironie im Rat Mephistos zur Feldarbeit wird nicht erkannt; bemüht „moderne“ Lesart)

Die Wortproblematik, ein Motiv in „Faust I“

Eines des beherrschenden Motive des Dramas ist Fausts Misstrauen gegenüber dem Wort bzw. der Wahrheit der Worte; dieses Misstrauen kann man aus dem „Sturm und Drang“ (Rebellion des Gefühls gegen die „Aufklärung“ und die geordnete Welt der Väter) verstehen, es hat aber auch in der mittelalterlichen Philosophie seine Vorgeschichte („Nominalismus“, s.u.).

  • Das erste Mal taucht das Motiv in der Szene „Nacht“ (bereits im Urfaust!) auf. Der Gelehrte Faust beklagt, „daß wir nichts wissen können“ (V. 385), er will nicht mehr bloß „in Worten kramen“ (V. 385), sondern unmittelbaren Zugang zur lebendigen Natur finden („Ich fühle Mut…“, V. 464). Vgl. auch das „Meer des Irrtums“ (V. 1065), in dem Faust und sein Vater sich bewegt hätten.
  • Im Gespräch mit Wagner, dem Stubengelehrten und Bücherfanatiker, vertritt Faust den Primat des Verstands und des rechten Sinnes gegenüber bloß angelernten Wörtern (V. 550-565).
  • Ebenso grundsätzlich wie in der Nacht-Szene sind seine Bedenken gegen den Anfang des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort.“ (Joh 1,1) Dem kann Faust in seiner Bibelübersetzung nicht zustimmen, lieber verfälscht er den Text (V. 1224-1237).
  • Mephisto kennt Faust und spielt mit dessen Misstrauen gegenüber der Wahrheit des Wortes, als Faust sich nach dem Namen seines Gastes erkundigt (V. 1327 ff.): Geplänkel am Rande.
  • Faust verteidigt gegen sein sonstiges Misstrauen das „Manneswort“ als wahr und glaubwürdig, als Mephisto eine schriftliche Abmachung einfordert (V. 1716 ff.).
  • Damit zu vergleichen ist Fausts Widerstand, als Mephisto ihm rät, vor Marthe ein falsches Zeugnis über den Tod ihres Mannes abzulegen (V. 3033 ff., „Straße“). Faust verwahrt sich heftig dagegen (V. 3039), worauf Mephisto spöttisch daran erinnert, dass Faust als Gelehrter doch auch von Gott und der Welt (beliebige, also nicht richtige) Definitionen „mit großer Kraft gegeben“ (V. 3045) habe.
  • Mephisto greift in einem auf den nächsten Tag vor: Faust werde Gretchen mit seinen Liebesschwüren betören und belügen (V. 3051 ff.); Faust verteidigt das Recht zu solchen Schwüren und Beteuerungen, indem er auf die Tiefe und Glut des Gefühls verweist, das man zu Recht „ewig, ewig nenne“ (V. 3065 – vgl. auch den Gesang der drei Erzengel, die von Gott bekennen, dass „keiner dich ergründen mag“, V. 268, dort allerdings eher im Zusammenhang der Theodizeefrage).
  • Glänzend drückt Mephisto in der Schüler-Szene im „Studierzimmer“ die Problematik der Worte aus, als er satirisch ihren unkritischen und auch sinnlosen Gebrauch einfordert (ab V. 1910, speziell V. 1948 ff. und 1988 ff. – vgl. auch Wagner, die Karikatur eines Gelehrten).
  • Das Motiv taucht auch in der Polemik Mephistos gegen den christlichen Glauben an Gottes „Dreifaltigkeit“ auf (V. 2560 ff.): „Gewöhnlich glaubt der Mensch … wenn er nur Worte hört.“
  • Im „Garten“ turteln Gretchen und Faust; Gretchen befragt das Blumenorakel, mit dem Ergebnis „Er liebt mich!“ (V. 3183). Faust wertet dieses „Blumenwort“ als wahren, gültigen „Götterausspruch“ (V. 3184 f.), und sein (fühlbarer) Händedruck soll sagen, was in Wahrheit „unaussprechlich“ ist (V. 3189 f.).
  • In „Marthens Garten“ wird Fausts Rechtgläubigkeit überprüft. Faust lehnt es ab, sich auf ein Glaubensbekenntnis festlegen zu lassen (V. 3426 ff.), und verteidigt seine Position wortreich (speziell V. 3451 ff. – in Parallele zur Unaussprechlichkeit der Liebe), ohne Margarete allerdings überzeugen zu können (V. 3466/68).

 

Ich habe nur ein Papier zur Wortproblematik bei Goethe gefunden:

https://www.researchgate.net/publication/229866483_Goethes_Dialog_mit_der_christlichen_Wortauffassung

Vgl. auch die Fortsetzung der Wortproblematik im fin de siècle, etwa im Motto des Romans „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (https://norberto42.wordpress.com/2012/01/30/musil-die-verwirrungen-des-zoglings-torles-analysen/) oder in Hofmannsthals Chandos-Brief.

Sturm und Drang:

http://www.pohlw.de/literatur/epochen/stdrang.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Sturm_und_Drang

Nominalismus:

http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=617&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=073ea9086cff66cac677d578d45a93e2

http://www.philo.uni-saarland.de/people/analytic/strobach/alteseite/veranst/mittelalter/univers.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Universalienproblem

Analysen zu „Faust I“:

https://norberto42.wordpress.com/2012/03/10/goethe-faust-i-erste-analysen/

Aufgaben zu Wolfgang Borchert: Das Brot

Text: http://www.geschichte-projekte-hannover.de/filmundgeschichte/deutschland_nach_1945/ruckblickende-kurzfilme/die-filme-2/das-brot-2.html

Zum Verständnis der Erzählung musst du wissen, dass diese Erzählung 1946, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist und dass damals die meisten Deutschen nicht genug zu essen hatten. – Bearbeite die Aufgaben in vollständigen Sätzen:

  1. Erkläre am Beispiel „Ach so!“, was personales Erzählen ist.
  2. Beschreibe kurz die Situation, in der die Eheleute sich in der Küche treffen.
  3. Erkläre, woran die Frau erkennt,
  •        dass ihr Mann sich Brot abgeschnitten hat,
  •        dass er sie belügt,
  •        warum er sie (vermutlich) belügt.
  1. In den ersten Absätzen wird mehrfach erwähnt (vom Erzähler, von den Figuren), dass die beiden sich im Hemd gegenüberstehen. Was bedeutet das in dieser Situation?
  2. Auch dass die Kälte der Fliesen an der Frau hochkriecht, hat vielleicht eine tiefere Bedeutung. Welche Bedeutung kannst du darin erkennen?
  3. Erkläre an einem Beispiel, was ein allwissender (omniscient) Erzähler ist.
  4. Der Mann denkt, bei den Frauen läge es an den Haaren, dass sie nachts älter aussehen. Wie kann man auf diese Idee kommen?
  5. Es wird gesagt, dass die Frau ihrem Mann mit einer Bemerkung zu Hilfe kommt. Erkläre,
  •        inwiefern (how) sie das tut,
  •        warum (why) sie das tut.
  1. „als ob er schon halb im Schlaf wäre“ ist ein irrealer Vergleich. Durch welches sprachliche Mittel wird angezeigt, dass dies in Wirklichkeit nicht der Fall ist?
  2. Warum möchte die Frau nicht, dass ihr Mann merkt, dass sie noch wach ist?
  3. In der Erzählung ist ein Zeitsprung (leap in time):
  •      Durch welche Wörter wird er angezeigt?
  •      Warum wird noch von dem erzählt, was später geschah?
  1. Erkläre, warum der Mann beim Abendessen nicht aufsieht.
  2. Findest du es richtig, dass die Frau ihrem Mann abends eine Scheibe von ihrer Portion Brot abgibt? Begründe kurz deine Meinung!

Vgl. auch die exemplarische Analyse https://norberto68.wordpress.com/2016/11/10/eine-erzaehlung-verstehen-wie-geht-das/!

Willemsen: Das Hohe Haus (2014) – Besprechung

Roger Willemsen: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament. S. Fischer: Frankfurt 2014

Willemsen hat ein sehr kritisches Buch über die Arbeit des Bundestages geschrieben, soweit sie im Parlament sichtbar wird. Von der eigentlichen Arbeit in den Ausschüssen berichtet er nicht, weil er dazu keinen Zugang hat – dazu müsste man etwa Dieter Lattmann: Die lieblose Republik. Aufzeichnungen aus Bonn am Rhein, München 1981 lesen; Lattmann war selber acht Jahre lang Abgeordneter und konnte als solcher Dinge wissen, die andere nicht kennen.

Dass Politik nicht so funktioniert, wie man es im Sozialkundeunterricht lernt, kann man seit langem wissen; den Politikbetrieb kritisch beobachtet haben viele, dazu kann man die (richtigen) Tages- und Wochenzeitungen lesen. Willemsen beobachtet dagegen nur die Debatten im Parlament und ist davon maßlos enttäuscht: von den Worthülsen, der gegenseitigen Missachtung der Abgeordneten, den Scheingefechten; dem Versagen der Kontrolle durch die Fraktionen, welche die Regierung stellen und diese stützen; dem Zynismus der Regierenden. Mit seinen Eindrücken von den Debatten verbindet er Hinweise auf das Aussehen oder die Geschichte des Reichstagsgebäudes und seiner Umgebung, auf die Besucher und das Personal des Hauses. Und er beginnt den Bericht von jeder Sitzung mit einem kurzen Überblick über Nachrichten des Tages.

Öfter wird von ihm durch bloße Aufzählung entlarvt, was an leerem Stroh im Parlament gedroschen wird, z.B. am 10. Januar (2013): „Da ist es 22 Uhr 43, und mein Kopf schwirrt vom Tages-Ausstoß alles dessen, was ‚wir brauchen’: Was wir brauchen, ist eine politische Rahmensetzung. Was wir brauchen, sind gutes Essen, Vielfalt, ein hoher Bioanteil, regionale Produkte für alle Kinder. Wir brauchen einen soliden Haushalt. Wir brauchen eine aktive Wirtschaftspolitik. Wir brauchen eine vorausschauende Wirtschaftspolitik. Wir brauchen den Politikwechsel in der Wirtschafts- und in der Sozialpolitik. Wir brauchen Investitionen. Wir brauchen endlich eine Art Masterplan. Wir brauchen, meine Damen und Herren, einen klaren Blick auf den Kern dieser Krise. Wir brauchen eine europäische Abwicklungsbehörde.“ (S. 52) Und so geht es knapp eine Seite weiter – entlarvend; aber damit ist nicht erwiesen, dass wir das alles nicht brauchten.

Willemsen reflektiert das Benehmen und die Reden der Abgeordneten aus der Sicht des freischwebenden Geistes: beseelt von der ursprünglichen Idee des Parlamentarismus, ohne Rücksicht auf die Bindung der politischen Willensbildung an Parteien, nicht belastet von den Zwängen des Regierens, also der Kompromissfindung. Wie utopisch sein Blick ist, zeigen Bemerkungen zur Sitzung vom 28. Februar 2013: „Die Entscheidungen sind fatal, die Entscheidungsträger trotzdem banal. / Ich blicke auf die Glaswand (…) und denke ohne Ergebnis über einen Satz des chinesischen Weisen Laotse nach: ‚Der Mensch kann nur unter einer nicht aktiven Politik glücklich sein.’ Glücklich wäre er vielleicht unter einer Politik der Notwehr, die nicht vor allem den Kampf um die Herrschaft organisierte.“ (S. 114) Was braucht es dazu – vielleicht den Philosophenkönig Platons? Kann eine Kritik des Bestehenden aus solcher Sicht mehr als den gegenwärtigen Betrieb entlarven?

„Der Kern der Sache liegt anderswo (…). Die Kritik trifft das System und muss von einem exterritorialen Standpunkt aus formuliert werden. (…) Dabei formulieren alle Redebeiträge letztlich den Grundwiderspruch zwischen dem systemkonformen Standpunkt, der die Banken schützt wie etwas Eigenes, und einem systemkritischen Standpunkt, der die Banken als Dienstleister versteht, nicht als Spekulanten. Es muss auch im Parlament erlaubt sein, die Idee eines Landes aufrechtzuerhalten, in dem sich das Gemeinwohl nicht über das Wohl der Banken definiert. Die Debatte, die jetzt geführt werden müsste, wird aus vielen Gründen nicht geführt. Das System begründet sich selbst nicht mehr.“ (S. 151 f.)

Willemsen lässt seine Leser ratlos zurück; sein Herz schlägt links, er hat seine Kritik vorgebracht. Neues erfährt man danach nicht mehr; ich habe das Buch bis S. 208 gelesen, das genügte.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/das-hohe-haus-von-roger-willemsen-banalitaet-der-demokratie-1.1906405 (klug und kritisch)

http://www.zeit.de/2014/12/roger-willemsen-das-hohe-haus (dito)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/roger-willemsens-buch-ueber-den-bundestag-12847056.html (etwas schwächer)

https://alltagsfruechte.wordpress.com/2016/02/23/rezension-roger-willemsen-das-hohe-haus/ (informativ und doch schwach)

http://pw-portal.de/rezension/37043-das-hohe-haus-45508 (kurz, relativ freundlich)