Brecht: Die Lösung – Analyse

Nach dem Aufstand des 17. Juni…

Text

http://sven-jordan.de/shosta-kap1a.html

http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-loesung.html

Die Buckower Elegien sind im Sommer 1953 auf Brechts Landsitz Buckow entstanden; einige wurden unter dem Titel „Gedichte“ bereits 1953 in „Sinn und Form“ veröffentlicht. Der erste Druck der Elegien erfolgte 1954 in „Versuche“; in der zweiten Jahreshälfte 1954 überarbeitete Brecht die Elegien geringfügig und fügte das Motto hinzu. Brecht setzt sich in den „Elegien“ mit den Ereignissen des 17. Juni 1953, aber auch mit seiner privilegierten Stellung als weltbekannter Dichter auseinander. Bei der Analyse des Gedichtes „Der Rauch“ ist bereits Wichtiges zu den Elegien gesagt worden.

Wie ich mich schäme

Maurer – Maler – Zimmerleute. Sonnengebräunte Gesichter und weißleinene Mützen, muskulöse Arme, Nacken – gut durchwachsen, nicht schlecht habt ihr euch in eurer Republik ernährt, man konnte es sehen. Vierschrötig kamt ihr daher… Als wenn man mit der flachen Hand ein wenig Staub vom Jackett putzt, fegte die Sowjetarmee die Stadt rein. Zum Kämpfen hat man nur Lust, wenn man die Ursache dazu hat, und solche Ursache hattet ihr nicht. Eure schlechten Freunde, das Gesindel von drüben, strich auf seinen silbernen Fahrrädern durch die Stadt wie Schwälbchen vor dem Regen. Dann wurden sie weggefangen. Ihr aber dürft wie gute Kinder um neun Uhr abends schlafen gehen. Für euch und den Frieden der Welt wachen die Sowjetarmee und die Kameraden der Deutschen Volkspolizei.

Schämt ihr euch so, wie ich mich schäme?

Da werdet ihr sehr viel und sehr gut mauern und künftig sehr klug handeln müssen, ehe euch diese Schmach vergessen wird.

Kuba (Kurt Barthel), Nationalpreisträger, Sekretär des Schriftstellerverbandes der DDR, in „Neues Deutschland“ vom 20. Juni 1953

Auf diesen Beitrag Kubas antwortet Brecht mit seinem Gedicht, das im Sommer 1953 entstanden ist, aber erst nach Brechts Tod veröffentlicht wurde (erstmals 1959 in Die Welt). Von den Bauarbeitern der Stalinallee mit ihrer Forderung (am 16. Juni), die Erhöhung der Arbeitsnormen zurückzunehmen, gingen die Ereignisse des 17. Juni 1953 aus.

Ein neutraler Sprecher berichtet zunächst in Anlehnung an die realen Ereignisse, jedoch abgewandelt (Flugblätter verteilen lassen, V. 3), was geschehen ist; das Datum „17. Juni“ (V. 1) verortet das Geschehen historisch. Der Inhalt der Flugblätter ist auf die Pointe hin abgewandelt („das Vertrauen der Regierung verscherzt“, V. 5): Zu Beginn steht die Anklage (V. 4 f.), darauf folgt eine Forderung bzw. ein Angebot zur Sühne (V. 6 f.). In der Forderung nach verdoppelter Arbeit steckt Zynismus, weil die Arbeiter gerade gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen protestiert hatten.

In den letzten dreieinhalb Versen kommentiert der Sprecher durch eine rhetorische Frage den Aufruf des Sekretärs des Schriftstellerverbandes. Sein Vorschlag, die Regierung solle das Volk auflösen und ein anderes wählen, ist paradox und deshalb als Kritik an der Regierung bzw. an Kubas Politikverständnis interpretierbar: Das Volk wählt eine Regierung, eine demokratisch gewählte  Regierung lebt vom Vertrauen des Volkes. Der ironische Vorschlag stellt das übliche demokratische Verfahren auf den Kopf, weil die undemokratisch operierende Regierung das Vertrauen des Volkes verloren hat. Die Sprache des Sprechers ist die Sprache des Alltags, zehn Verse reimloser Lyrik. Der Zeilenschnitt hinter V. 4 sowie ab V. 7 bietet Überraschungen; die anderen Einschnitte entsprechen syntaktischen Einheiten. Die politische Pointe macht eher als seine poetische Qualität den Wert des Gedichtes aus.

Im Westen ist das Gedicht in Zeiten des Kalten Krieges genüsslich zitiert worden – Brechts Kritik ist jedoch nicht grundsätzlich, sondern vielleicht als sozialistische Kritik am real existierenden Sozialismus, wie er später hieß, zu verstehen. Die Pointe hatte Brecht bereits früher (Entwürfe zum Turandot-Drama, 30er Jahre) verwendet, sie wird hier recycelt.

http://www.burkhard-leuschner.de/lit/brecht.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_L%C3%B6sung

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-loesung.html = http://www.youtube.com/watch?v=CPj05qh-ljo

http://www.rezitator.de/gdt/368/

http://www.youtube.com/watch?v=wpUDeiozHwk

Rezeption

„Massiv deutlich wurde die Brisanz des Materials bei der Publikation der Buckower Elegien. Das Gedicht Die Lösung, das in bitterem Sarkasmus nach dem Aufstand des 17. Juni eine Szene schildert, in der der „Sekretär des Schriftstellerverbandes“ Flugblätter mit der Anklage verteilt, dass das Volk „das Vertrauen der Regierung verscherzt habe“ und es „nur durch verdoppelte Arbeit“ zurückgewinnen könne. Das Gedicht schließt mit den Versen: „Wäre es da
 / Nicht doch einfacher, die Regierung
 / Löste das Volk auf und
 / Wählte ein anderes?“ – Bertolt Brecht: Die Lösung. Buckower Elegien, GBA Bd. 12, S. 310 Laut Sabine Kebir trat Elisabeth Hauptmann dafür ein, das Gedicht in den Gesammelten Werken wegzulassen, um die DDR-Ausgabe nicht zu gefährden, während Helene Weigel die Glaubwürdigkeit der Westedition durch einen solchen Schritt gefährdet gesehen habe und für die Publikation eingetreten sei. Der betreffende Band der Gesammelten Werke erschien 1964 mit der „Lösung“ und fünf Jahre später auch in der DDR. De facto waren die Gesammelten Werke Brechts im Buchhandel der DDR nicht zu erhalten, was Sabine Kebir darauf zurückführt, dass der Aufbau-Verlag zwecks Devisenbeschaffung seine Ausgabe in großem Umfang im Westen verkauft hätte.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Hauptmann )

http://mrzine.monthlyreview.org/2006/brecht140806.html

http://meinews.niuz.biz/bertolt-t555376.html = http://de.alt.folklore.ddr.narkive.com/diqvfFEj/bertolt-brecht-die-losung

http://en.wikipedia.org/wiki/Die_L%C3%B6sung

http://www.dhm.de/ausstellungen/4november1989/htmvolk.html

http://membres.multimania.fr/crcrosnier/mur/palp/brecht.htm

http://www.cicero.de/blog/timo-stein/2012-06-15/17-juni-1953-erinnert-euch

http://bryantmcgill.com/wiki/poetry/bertolt_brecht/the_solution (Rückübersetzung, lustig)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/17._Juni_1953

http://www.17juni53.de/chronik/530620.html

http://www.goethe.de/ins/fr/pro/Berlin/Kapitel5_DerVolksaufstandDes17Juni1953.pdf

http://www.17juni1953.com/index.html

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Brecht: Böser Morgen – Analyse

Die Silberpappel, eine ortsbekannte Schönheit…

Text

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht40_53.html

https://www.mtholyoke.edu/courses/ahildebr/spring2007/deutsch222/BrechtBuckowerElegien.pdf (Buckower Elegien)

Die Buckower Elegien sind im Sommer 1953 auf Brechts Landsitz Buckow entstanden; einige wurden unter dem Titel „Gedichte“ bereits 1953 in „Sinn und Form“ veröffentlicht. Der erste Druck der Elegien erfolgte 1954 in „Versuche“; in der zweiten Jahreshälfte 1954 überarbeitete Brecht die Elegien geringfügig und fügte das Motto hinzu. Brecht setzt sich in den „Elegien“ mit den Ereignissen des 17. Juni 1953, aber auch mit seiner privilegierten Stellung als weltbekannter Dichter auseinander. Bei der Analyse des Gedichtes „Der Rauch“ ist bereits Wichtiges zu den Elegien gesagt worden.

Es spricht ein lyrisches Ich, das zunächst hinter der Beschreibung der Natur zurückritt: Silberpappel, See, Fuchsien. Diese Naturgegebenheiten erscheinen dem Ich „heut“ (V. 2) anders als sonst: als alt, verkommen, „billig und eitel“ (V. 4). Darauf fragt das Ich sich: „Warum?“ Man könnte meinen, die genannten Gegebenheiten hätten sich verändert. Aber dafür gibt es keinen Anhaltspunkt, im Gegenteil: Die Silberpappel wird als „eine ortsbekannte Schönheit“ (V. 1) vorgestellt; nur eben „heut“ (V. 2) erscheint sie als (oder wie) eine alte Vettel: So erscheint sie dem Ich – andernfalls wäre auch die Frage „Warum?“ (V. 5) sinnlos, sie wäre eben einfach gealtert, was normal ist und keiner Erklärung bedarf. Die Frage „Warum?“ heißt also: Warum erscheint mir „heut“ alles Schöne so verkommen, so plötzlich verfallen?

Es folgt als Erklärung der Bericht von einem nächtlichen Traum: Finger haben auf ihn „wie auf einen Aussätzigen“ (V. 7), also anklagend gezeigt. Entscheidend ist nun, was für Finger das waren: „Sie waren zerarbeitet und / Sie waren gebrochen.“ (V. 7 f.) Das erste Prädikativ „zerarbeitet“ weist sie als Finger von Arbeitern aus, das zweite „gebrochen“ als Finger von Leuten, die unterdrückt oder zusammengeschlagen sind. (Biografisch-zeitgeschichtlich eingeordnet: Es sind also die Finger derer, die am 17. Juni den Aufstand gemacht haben.) Wessen sie das Ich anklagen, wird nicht gesagt. Es muss eine Anklage der Art sein, dass das Ich nicht bei ihnen war oder ist; denn von seinen Fingern wird nichts gesagt, sie sind weder zerarbeitet noch gebrochen. (Biografisch gelesen: Brecht erfreut sich einer Sonderstellung in der DDR.) In der zweiten Strophe berichtet das Ich, wie es im Traum auf diese Anklage reagiert hat: „Unwissende! schrie ich“ (V. 9) Das Ich weist also die Vorwürfe als unbegründet zurück. Nach dem Zeilenschnitt folgt das Adverbial „Schuldbewußt“ (V. 10). Es weiß also doch, dass seine Verteidigung nicht berechtigt ist, wohl aber die von ihm zurückgewiesenen Vorwürfe.

Um dieses Gedicht zu verstehen, muss man Brechts Reaktion auf die Ereignisse des 17. Juni 1953 kennen: Einerseits hat er sich auf die Seite der Regierung gestellt und begrüßt, dass viele sozialistische Errungenschaften auch mit Gewalt, durch das Eingreifen sowjetischer Panzer verteidigt wurden, weil westdeutsche Jugendliche und alte Faschisten beim Aufstand dabei waren; anderseits hat er gesehen, dass gerade Arbeiter, „die Klasse (…) in ihrem depraviertesten Zustand, aber die Klasse“ den Aufstand gemacht haben. Er selber hat Ulbricht am 17. Juni auf eine „große Aussprache mit den Massen“ gedrängt, zugleich aber die von der Regierung ergriffenen Maßnahmen gebilligt.

Das Gedicht „Böser Morgen“, einige Wochen später entstanden, zeigt Brechts Zerrissenheit gegenüber den unausgesprochenen Vorwürfen der Arbeiter: Er verteidigt sich zunächst und ist doch schuldbewusst, wie der nächtliche Traum zeigt. Es hat sich schon am Tag gezeigt, da ihm die Landschaft so verfallen vorkam. Im Landschaftserleben genießt das Ich also nicht sich selber oder seine Einheit mit der Natur, sondern erlebt und erleidet seine Entfremdung von den arbeitenden Massen: „Schuldbewußt.“ (V. 10) Durch einen Traum wird die politische Realität mit dem Erleben der Landschaft vermittelt; im Traum kommt das unverstellte Wissen zur Sprache, während das Erleben am hellen Tag nur die Symptome des schlechten Gewissens zeigt.

Die Form des Gedichts: Alltagssprache, reimlose Lyrik in zwei ungleich langen Strophen; die zweite Strophe bietet durch Aufdeckung des inneren Widerspruchs die zuvor gesuchte Erklärung für den Verfall der Natur. Der Zeilenschnitt macht es möglich, frühere und heutige Erscheinung vom Pappel und See zu trennen. Die entscheidende Frage „Warum“ bekommt eine Zeile für sich. In V. 6 und V. 7 werden entscheidende Angaben erst in der nächsten Zeile gemacht. Auch das entlarvende Adverbial „schuldbewußt“ wird von der Verteidigungsrede (V. 9/10) getrennt. Hier ist also mehrfach zu sehen, was ein guter Zeilenschnitt leistet.

http://www.welt.de/print-welt/article575010/Unter-Baeumen-ein-altes-Haus.html

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/384/