Keller: Abendlied – Analyse

Augen, meine lieben Fensterlein…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&print=1&spalten=&id=183

Es gibt von Keller ein Gedicht „Abendlied. An die Natur“, das in „Gedichte“ 1846 erschienen ist. Davon zu unterscheiden ist „Abendlied“, das 1879 verfasst und veröffentlicht worden ist – eines der bekanntesten Gedichte der deutschen Literatur. Es gibt im Netz dazu eine eher philosophisch interessierte Interpretation Joachim Kahls (s.u.) und eine formal fundierte von B. Sunderhaus (s.u.), die leider einige Fehler aufweist.

Das Abendlied hat eine lange Tradition, am bekanntesten ist Matthias Claudius’ „Abendlied“ (vgl. meine Analyse oder http://mpg-trier.de/d7/read/claudius_abendlied.pdf); Abend ist nicht nur der Abend des Tages, sondern metaphorisch auch der des Lebens. Bei Keller spricht das lyrische Ich, das schon älter ist, seine Augen an („Augen, mein lieben Fensterlein“, V. 1) und spielt in dieser Ansprache das Thema „Abend“ durch:

·      Ihr gebt mir (jetzt) schon lange holden Schein,

·      Ihr werdet einmal verdunkelt sein,

·      Doch noch lebe ich „auf dem Abendfeld“:

·      Deshalb: Trinkt, o Augen, von dem Überfluss der Welt!

Die Augen werden metaphorisch als „Fensterlein“ des Leib-Hauses begrüßt, was in V. 2 und 3 erklärt wird: Sie lassen Licht ins Haus, lassen Bilder der Welt herein. Das Diminutiv „Fensterlein“ zeigt die Vertrautheit, das freundschaftliche Verhältnis des Ich zu seinen Augen und zur Welt (vgl. holder Schein, V. 2; freundlich, V. 3). Deshalb sind sie dem Ich lieb, zumal da sie schon „so lange“ (V. 2) ihren treuen Dienst tun.

Mit dem Adverbial „so lange“ kommt das Abend-Thema auf, das später noch ausdrücklich benannt wird: Ich wandle „auf dem Abendfeld“ (V. 13). Das schließt ein: „Einmal werdet ihr verdunkelt sein!“ Dann geht das Licht des Hauses aus. Was das heißt, wird in den beiden folgenden Strophen entfaltet.

Die vier Verse der 1. Strophe bestehen aus Trochäen, fünf Hebungen; der letzte Takt ist unvollständig (männliche Kadenz), dadurch entsteht nach jedem Vers eine kleine Pause, was auch syntaktisch bedingt ist: Anrede, drei einzelne Hauptsätze (V. 1, V. 2-4). Die vier Verse weisen alle den gleichen Reim auf (Haufenreim) und bezeugen so, dass sie alle von den Augen als den Fensterlein handeln: holder Schein, Bild herein, verdunkelt sein. Dieses formale Schema hält sich in allen Strophen durch. Die folgenden Leitwörter sind dann „Lider zu“ (V. 5), „glimmend steh’n“ (V. 9) und „Abendfeld““ (V. 13). Die Reime der 4. Strophe unterscheiden sich von denen der ersten drei Strophen: Dort stehen alle vier Verse im Sinnbereich des ersten Verses, z.B. Augen als Fensterlein – geben holden Schein – lassen Bild herein – werden verdunkelt sein (V. 1-4, Thema Augen); ähnlich: die Lider zu – Ruh – ab die Wanderschuh – in die Truh (V. 5-8) und die Reime zu „glimmend steh‘n“ (3. Strophe). Nur in der 4. Strophe haben wir zwei Paarreime, die aber in sich auch wieder sinnvoll sind: auf dem Abendfeld – zum Gestirn gesellt (V. 13 f., Ort des Ichs); was die Wimper hält – trinken vom Überfluss der Welt (V. 15 f., mit den Augen „trinken“).

In zwei Konditionalsätzen greift das Ich das Stichwort „verdunkelt sein“ (V. 4) auf und bedenkt, was „einst“ (V. 5) geschehen wird (die Zukunft, im Präsens vorgestellt): Die Augen fallen zu, sie löschen (bzw. der von ihnen vermittelte Schein) aus – „dann hat die Seele Ruh’“ (V. 6). Die ewige Ruhe ist das, was man den Toten wünscht, weil das Leben oft so unruhig ist. Christlich ist der Wunsch „lux aeterna luceat eis, Domine…“; davon ist hier nicht die Rede, im Gegenteil: Hier löschen alle Lichter aus. Wie das vor sich geht, wird in den folgenden Versen umschrieben.

Zunächst streift die Seele ihre Wanderschuhe ab (V. 7), sie beendet die Wanderschaft (alte Metapher des Lebens, vgl. „wandl’“, V. 13) und legt sich in „ihre finst’re Truh’“ (V. 8); dabei ist unklar, was eine Truhe der Seele (Metapher) ist, außer dass sie so etwas wie ein Sarg (für den Leichnam) ist. Das alles steht unter dem Stichwort „Lider zu“ (bzw. dem ganzen Satz V. 5). Die Lider werden als pars pro toto für die Augen angesprochen (V. 6), weshalb „ihr“ gegen den Takt auch einen leichten Akzent bekommt.

In der 3. Strophe wird das Erlöschen einer Kerze als Bild für einen allmählichen Übergang in den Tod genommen: Nach dem Erlöschen der Flamme glimmt noch ein Funke, dann erst erlischt der Docht ganz. Die Seele sieht zuerst „noch zwei Fünklein“, die Reste des Augen-Scheins, „glimmend steh’n“ (V. 9); auch diese werden dann ganz behutsam gelöscht, „Wie von eines Falters Flügelweh’n“ (V. 12). Hier hat der Tod nichts Gewaltsames an sich, nichts Schreckliches; es wird kein Todeskampf ausgetragen, der lebenssatte Mensch mit den müden Lidern (V. 5) legt sich zur Ruhe, wenn die Zeit da ist. Diese Strophe steht unter dem Doppelmotto „glimmend steh’n / auch vergeh’n“ (V. 9/11).

Mit dem adversativen „Doch“ setzt das Ich energisch gegen die Todesperspektive die gegenwärtige („noch“, V. 13, gegen den Takt betont) Realität des Lebens, wenn auch die eines Lebens auf dem „Abendfeld“; auf diesem Feld sinkt die Sonne (V. 14) – aber immerhin die Sonne mit ihrem Schein! Das drückt das Ich mit der Partikel „Nur“ (V. 14) aus: Nicht die Fünklein leuchten ihm jetzt, sondern noch die Sonne. Deshalb wendet es sich mit einer letzten Aufforderung an seine Augen: „Trinkt … Von dem goldnen Überfluß der Welt!“ (V. 15 f.). Das ist Lebensbejahung pur, auch im Alter. Die Mengenangabe „was die Wimper hält“ (V. 15, wieder pars pro toto) verdankt sich dem ungewöhnlichen Bild von den trinkenden Augen; mit dem Verb „trinken“ wird die Aufnahme der Welt als Wasser, das den eigenen Durst löscht, qualifiziert. Dieses Wasser ist reichlich da – die Aufforderung an die Augen ist zugleich Dank(gebet) an die Welt für ihren Überfluss. „Überfluss“ ist ein göttliches Prädikat, hier der Welt verliehen. Wenn es ans reale Verteilen geht, herrscht in der Welt ein großer Mangel an Gütern – das wird hier ausgeblendet, weil es nur ums Schauen geht: Da gibt es für alle mehr als genug zu sehen.

Anderseits kann man heute die Frage nicht unterdrücken, woher der Mangel kommt, wenn doch goldner Überfluss zu sehen ist. Oder sind das einfach zwei verschiedene Dinge, Gedichte schreiben und politisch denken?

Bei Gert Sautermeister, Die Lyrik Gottfried Kellers. Exemplarische Interpretationen, beginnt auf Seite 27 eine Interpretation des Gedichtes Abendlied.

http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/keller.pdf (dort S. 7-10)

http://www.aleato.de/publikdownload/lyrik/lyrik-hefter (dort S. 5 – mit Fehlern!)

http://www.litde.com/sonstige/gottfried-keller-abendlied.php

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=R3fr6tDUWEw (Wolfgang Ruttkowski)

Sonstiges

http://www.kettererkunst.de/kunst/kd/details.php?obnr=410702391&anummer=309 (das Manuskript)

http://de.wikipedia.org/wiki/Abendlied (Abendlied)

http://www.magic-point.net/fingerzeig/literaturgattungen/lyrik/lyrik-ergebn/lyrik-ergebn.html (dito)

http://user.phil-fak.uni-duesseldorf.de/~brall/gedichte.pdf (Liste der Abendlieder)

Advertisements

Matthias Claudius: Abendlied – Analyse

Der Mond ist aufgegangen …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=40

http://de.wikisource.org/wiki/Abendlied_(Matthias_Claudius)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias/Gedichte+und+Prosa/Asmus+omnia+sua+secum+portans/Vierter+Teil/Abendlied

Das Gedicht ist 1778 erschienen; die bekannteste Vertonung ist die von J. A. P. Schulz.

In der Überschrift „Abendlied“ wird die Tageszeit des Geschehens als Abend und damit als Zeit der Ruhe bestimmt; „Lied“ muss (im Mittelhochdeutschen und auch später) nicht auf etwas hinweisen, was von einer Melodie getragen wird – ein Gedicht kann durchaus als Lied bezeichnet werden.
Zunächst tritt der Sprecher ganz hinter dem, was er erlebt, zurück:
„Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar“ (V. 1-3).
In den Tempusformen Perfekt (ist aufgegangen, V. 1) und Präsens (prangen, V. 2) wird das beschrieben, was „jetzt“ im Zeitpunkt des Sprechens erlebt wird. Unter dem hellen Himmel ruht still die Erde: schwarz der Wald, weiß der Nebel, wie der Sprecher sie mit einfachen Worten zeichnet; das ganze Bild ist „wunderbar“ (V. 6) – hier zeigt sich erstmals, dass der Betrachter von diesem Bild berührt ist. Er vergleicht in der folgenden Strophe die schweigende Welt mit einer stillen „Kammer“, wo man in Ruhe schlafen kann. Dieser Vergleich steht in einem bewundernden Ausruf („Wie ist…!“); am Ende der Strophe wird bereits angedeutet, dass diese Kammer den Menschen von einem gütigen Schöpfer bereitet ist, nach dessen Gnade und Auftrag sie ihren Kummer „verschlafen und vergessen“ sollen (Modalverb, V. 12). Als Hörer ist eine Gruppe mit „ihr“ (V. 11) angesprochen, womit angesichts der Größe der Welt nur die ganze Menschheit gemeint sein kann; denn allen Menschen ist die Betrachtung der Nacht und ihrer idyllischen Ruhe möglich.
Danach setzt der Sprecher zu einer Belehrung der Menschen an, die sich am Mond entzündet: „Seht ihr den Mond dort stehen? – Er ist nur halb zu sehen“ (V. 13 f.), und doch wissen wir, dass er stets der ganze Mond ist – manchmal leuchtet die Corona sogar, auch wenn Halbmond ist. Dieses Wissen verallgemeinert der Sprecher ins Unbestimmte: dass es so manche ähnliche Sachen gibt (V. 16 ff.), die „wir“ lachend meinen ignorieren zu dürfen, bloß weil wir sie nicht sehen. Am Beispiel des Mondes kann man zeigen, wie solch spöttischer Unglaube leicht widerlegt werden kann; hier setzt der Sprecher sich also mit den spottenden Atheisten auseinander, denen nur die eigene Sinneswahrnehmung als Kriterium des Wirklichen gilt. Aus seiner Einsicht in die Beschränktheit der unmittelbaren Erkenntnis, welche in der 3. Strophe formuliert worden ist, zieht der Sprecher ein moralisches Fazit, das für alle Mensch gilt: Wir sind stolze, doch in Wahrheit arme Sünder, wissen nicht viel und kommen so mit unserem ganzen „eitlen“, also leeren oder nichtigen Trachten (V. 20) und Forschen („Luftgespinste“, V. 22; „viele Künste“, V. 23) letztlich nur von unserem Lebensziel ab (bis V. 24). Mit dem Bild vom Ziel ist indirekt wieder Gott als der mitgenannt, welcher unserem irrenden Suchen ein Ziel gesetzt hat; es ist der gleiche Anklang wie die vom Modalverb „sollen“ hervorgerufe Assoziation.
Wegen der in der 4. Str. umschriebenen Gefährdung ist es nicht verwunderlich, wenn der Sprecher nach dem Schuldbekenntnis (4. Str.) im Namen aller Menschen, aller Glaubenden zumindest sich an Gott selbst  mit einer großen Bitte wendet: „Gott, laß uns dein Heil schauen…“ (V. 25 ff.), wobei er sich ausdrücklich von der bereits beklagten „Eitelkeit“ (V. 27, vgl. V. 20) distanziert. Den Menschen mit ihrem beschränkten Wissen geziemt es, demütig und einfältig wie die Kinder (vgl. Mt 18,3!) zu leben. Der Sprecher erklärt dann noch, was das heißt: Gottes Heil schauen, indem er seine Bitte entfaltet: einen guten Tod finden und dann in den Himmel kommen. Damit wird dann als ewige Ruhe vollendet werden, was als Nachtruhe bereits jetzt erlebt werden kann (1. und 2. Str.). In den Wendungen „hier auf Erden“ (V. 29) und „diese Welt“ (V. 32) ist der Himmel als die korrespondierende Über-Welt mitgedacht. Die Bitte um eine gute Sterbestunde war über Jahrhunderte fest zumindest in der katholischen Frömmigkeit verankert, weil nur der in den Himmel kommen kann, der sich vor dem Tod mit Gott versöhnt hat oder hat versöhnen lassen.
In der letzten Strophe wendet der Sprecher sich an die anderen Gläubigen („ihr Brüder“, V. 37) und gibt ihnen den guten Rat, getrost („in Gottes Namen“, V. 38) einzuschlafen und so das Angebot der Weltruhe (vgl. 2. Str.) anzunehmen. Eine Ahnung, dass wir Menschen stets gefährdet sind, ist geblieben (V. 39), weshalb der Sprecher sich noch einmal mit zwei Bitten an Gott selbst wendet (V. 40 f.) und seine Mitmenschen, für die hier der kranke Nachbar stellvertretend genannt wird, in seine Bitte um eine gute Nachtruhe einschließt. Die Bitte „Verschon uns… mit Strafen“ zielt zunächst auf nächtliche Ruhestörung durch Feuer, Unglück oder Schmerzen, vielleicht auch auf die ewigen Höllenstrafen, welche den eitlen Sündern (V. 20) drohen. – Zum Schluss sind also noch einmal die beiden Gesprächspartner des nicht genannten Ichs angesprochen: ihr, die Brüder im Glauben (wie in der 3. und 4. Str.), und der gnädige Gott (wie in der 5. und 6. Str.).

Was ergibt sich, wenn wir darauf zurückblicken, wie wir den Aufbau des Gedichtes beschrieben haben?
1. Es genügt nicht, Strophen und Verse zu zählen; damit erfasst man nur die äußere Form, nicht den wirklichen Aufbau.
2. Wir haben uns am Sprecher und dem, a) worüber er spricht, b) zu wem er spricht und c) was er in diesem Sprechen „tut“, orientiert.
3. Wir haben einige Bilder (Vergleich mit der Kammer, Metapher von Weg und Ziel) berücksichtigt.
4. Wir haben Quer- oder Rückverweise (schlafen, Eitelkeit; „Grämen“ in V. 31 weist auf „des Tages Jammer“ [vgl. H. Heine: Jammertal] in V. 11 zurück und auf den kranken Nachbarn, V. 42, voraus) innerhalb des Textes beachtet.
Daraus ergibt sich (vielleicht), wie man eine Gesamtanalyse anlegen könnte:
* sich am inneren Aufbau orientieren,
* dabei vom Sprecher (wie gehabt) ausgehen,
* die Beobachtungen zu rhetorischen Figuren und sinnvollen Reimen (etwa: wissen
nicht viel / kommen weiter von dem Ziel, V. 21/24) einbeziehen
* und abschließend den Rhythmus und die Sprechweise untersuchen, wenn man das
nicht schon vorher, etwa in einem eigenen Absatz als Exkurs, mit Beobachtungen zu den Reimen verbunden hat.
Zum Stil: nicht mit „deshalb“ (weshalb?) die Analyse der 5. Str. einleiten, sondern mit der nominalen Phrase „Wegen der in der 4. Str. umschriebenen Gefährdung“.

Zum Rhythmus im „Abendlied“
Der christlich-belehrenden Intention des Sprechers, der sich an alle Gläubigen wendet, entspricht die einfache eingängige Rhythmik, sein getragener Tonfall, der von Ruhe („Abendlied“) und Gleichmaß bestimmt ist. Ich versuche einmal, das metrisch-rhythmische Schema der ersten Strophe zu skizzieren:
1. Reimform: a, a, b, c, c, b; die Paarreime (a, a; c, c) bringen eine gewisse Ruhe in die beiden Verse, das neue Reimwort (c) führt weiter zum Strophenende.
2. Kadenzen: Den Paarreimen weisen weibliche Kadenzen auf, die in das jambische Sprechen eine gewisse Ruhe bringen, weil sie eine überzählige 7. Silbe aufweisen, die nach einer betonten 8. Silbe „fragt“ und damit einen Moment der Stille erzeugt.
In den Versen 3 und 6 ist die Kadenz dagegen männlich, und war mit 6 Silben (Vers 3) bzw. 8 Silben (V. 6). Der relativ verkürzte Vers 3 hat also einmal einen kleinen Zeitüberschuss deswegen, weil er eine Silbe (resp. einen Takt) weniger als die anderen Verse aufweist; gleichzeitig endet in ihm der ganze erste Satz – mit Vers 4 beginnt der nächste Satz, der auch die Erde statt des Himmels zum Thema hat. Das bedeutet, dass nach Vers 3 ein starker Einschnitt, eine Pause gemacht wird.
3. Satzbau: In Vers 1 und Vers 4 ist jeweils ein kleiner Satz vollendet (Pause), Vers 2 wird unmittelbar (Enjambement) in Vers 3 fortgesetzt, trotz des Paarreims a/a; das Gleiche gilt für Vers 5 und 6 (Enjambement).
Alle diese Beobachtungen müssen zusammengenommen werden, damit man den Rhythmus des Sprechens erfasst. Sie müssen durch Untersuchung des Satzbaus und der Störungen des jambischen Metrums ergänzt werden. So sehe ich etwa die Wörter „Seht“ (V. 13), „Gott“ (V. 25), „Laß“ und „einfältig“ (V. 28) sowie „Laß“ (V. 35) außerhalb des Metrums betont und damit hervorgehoben – insgesamt also Wörter in den Bitten an Gott, einmal zu Beginn der Belehrung.
Satzbau: Die Sätze sind zwar insgesamt recht lang; sie gehen über drei, in der 2. Strophe sogar über sechs Verse. Doch ist öfter der erste Vers ein in sich geschlossener kleiner Satz (1., 2., 3., 5. Str.); die Sätze werden asyndetisch oder durch die Konjunktion „und“ gereiht (achtmal „und“ am Beginn des neuen Verses, dazu das „und“ in der Aufzählung V. 42). Der Text ist also recht einfach aufgebaut. Vielleicht ist das neben der frühzeitigen Vertonung durch Johann A. P. Schulz (1790) eine Bedingung dafür, dass das Abendlied in Deutschland beinahe ein Volkslied geworden, zumindest allgemein bekannt ist.
Bei den rhetorischen Figuren fallen mir einige Kontraste, die Personifikation (V. 4), die Paradoxie im Beispiel (V. 13-15), die biblischen Anspielungen (neben V. 28-30 auch die an die Weisheitliteratur erinnernden Verse 19 ff.) sowie die Alliteration in V. 30 auf. (Als störend oder nicht ganz gelungen empfinde ich die Verse 39 und, wenn auch schwächer, 42; da müsste man einmal die Entstehung des Gedichtes untersuchen, wenn das möglich ist.)
Nachträglich habe ich gefunden:
Pfeiffer, Johannes: Matthias Claudius, Abendlied. In: Die deutsche Lyrik, Bd. I, hrsg. von Benno von Wiese. Düsseldorf (1970), S. 185 ff.
Marx, Reiner: Unberührte Natur, christliche Hoffnung und menschliche Angst. In: Gedichte und Interpretation 2. K. Richter (Hrsg.), Stuttgart 1983 (= 1999), S. 341 ff.

P.S. Beim Blättern lese und sehe ich, dass Claudius mit diesem Gedicht (1779) sich offensichtlich an Paul Gerhardt: Abendlied (1667), angelehnt hat:
http://www.lyrikwelt.de/gedichte/gerhardtpaulg1.htm
http://www.liederlexikon.de/lieder/nun_ruhen_alle_waelder/
https://norberto42.wordpress.com/2012/01/29/paul-gerhardt-abendlied-analyse/

Zur Analyse – nachträglich gesucht und gefunden:

http://de.wikipedia.org/wiki/Abendlied_(Matthias_Claudius) (Interpretation, mit Text)

http://www.lyrikmond.de/gedicht-67.php (dito)

http://www.theologie.uzh.ch/faecher/praktisch/ralph-kunz/Unsichtbares_eine_Mondbetrachtung.pdf (theologisch interessierte Betrachtung)

http://solus-christus.portacaeli.de/Export/Jesus/LinkedDocuments/Abendlied.pdf (dito)

http://www.wisskirchen-online.de/downloads/schulzdermondistaufgegangen.pdf (v.a. zur Melodie von Schulz, aber auch zum Text)

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem.eb&&ds=134&id=176&add=&start=0 (mit Hinweisen zur Rezeptionsgeschichte)

http://de.wikipedia.org/wiki/Abendlied (Gedichttypus Abendlied)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/abendlied.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.rezitator.de/gdt/231/ (Lutz Görner)

http://www.rezitator.de/gdt/838/ (Lutz Görner)

http://www.lyrik-audio.de/index.php?cat=DichterA-C (mir unbekannt)

http://www.youtube.com/watch?v=JIl8lFS9DYQ (Claus Boysen)

http://www.youtube.com/watch?v=32OmebaauiU&list=PL213422D9989DDE5B

http://www.youtube.com/watch?v=h_iFWqHofw4 (J. A. P. Schulz: Chor)

http://www.youtube.com/watch?v=RP50wwz4eZw (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=tttZdVvIZpw (Schulz: Prinz Chaos II.)

Sonstiges

http://www.kurrentschrift.net/index.php?s=abendlied (Text in deutscher Kurrentschrift)

http://ingeb.org/Lieder/dermondi.mid (Melodie des Liedes: J. A. P. Schulz)

http://www.kaiser-ulrich.de/Files/Public/Kaiser_DerMond.pdf (Noten des Liedes)

http://gedichte.xbib.de/uebersetzung_schreiben_Claudius_Abendlied_1.htm (englische Übersetzung)

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem&ds=134&id=143 (Parodie von Rühmkorf)

http://www.recmusic.org/lieder/get_text.html?TextId=3843 (Liste: Vertonungen)