Andersen: Des Kaisers neue Kleider

Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel von neuen Kleidern hielt, dass er all sein Geld dafür ausgab. Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, kümmerte sich nicht ums Theater und liebte es nicht, in den Wald zu fahren, außer um seine neuen Kleider zu zeigen. Er hatte einen Rock für jede Stunde des Tages, und ebenso wie man von einem König sagte, er sei im Rat, so sagte man dort immer: „Der Kaiser ist in der Garderobe!”

In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr munter her. An jedem Tag kamen viele Fremde an, und eines Tages kamen auch zwei Betrüger, die gaben sich für Weber aus und sagten, dass sie den schönsten Stoff, den man sich denken könne, zu weben verstünden. Die Farben und das Muster seien nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Stoff genäht würden, sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, dass sie für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.

,Das wären ja prächtige Kleider’, dachte der Kaiser; ,wenn ich solche hätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reich zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, das Zeug muss sogleich für mich gewebt werden!’ Er gab den beiden Betrügern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen sollten.

Sie stellten auch zwei Webstühle auf und taten, als ob sie arbeiteten, aber sie hatten nicht das Geringste auf dem Stuhl. Trotzdem verlangten sie die feinste Seide und das prächtigste Gold, das steckten sie aber in ihre eigene Tasche und arbeiteten an den leeren Stühlen bis spät in die Nacht hinein.

,Nun möchte ich doch wissen, wie weit sie mit dem Stoff sind!’ dachte der Kaiser, aber es war ihm beklommen zumute, wenn er daran dachte, dass keiner, der dumm sei oder schlecht zu seinem Amte tauge, es sehen könne. Er glaubte zwar, dass er für sich selbst nichts zu fürchten brauche, aber er wollte doch erst einen andern senden, um zu sehen, wie es damit stehe. Alle Menschen in der ganzen Stadt wussten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei. ,Ich will meinen alten, ehrlichen Minister zu den Webern senden’, dachte der Kaiser, ,er kann am besten beurteilen, wie der Stoff sich ausnimmt, denn er hat Verstand, und keiner übt sein Amt besser aus als er!’

Nun ging der alte, gute Minister in den Saal hinein, wo die zwei Betrüger saßen und an den leeren Webstühlen arbeiteten. ,Gott behüte uns!’ dachte der alte Minister und riss die Augen auf. ,Ich kann ja nichts erblicken!’ Aber das sagte er nicht.

Beide Betrüger baten ihn, näher zu treten, und fragten, ob es nicht ein hübsches Muster und schöne Farben seien. Dann zeigten sie auf den leeren Stuhl, und der arme alte Minister fuhr fort, die Augen aufzureißen, aber er konnte nichts sehen, denn es war nichts da. ,Herr Gott’, dachte er, ‚sollte ich dumm sein? Das habe ich nie geglaubt, und das darf kein Mensch wissen! Sollte ich nicht für mein Amt taugen? Nein, es geht nicht an, dass ich erzähle, ich könne das Zeug nicht sehen!’

„Nun, Sie sagen nichts dazu?” fragte der eine von den Webern. „Oh, es ist niedlich, ganz allerliebst!” antwortete der alte Minister und sah durch seine Brille. „Dieses Muster und diese Farben! – Ja, ich werde dem Kaiser sagen, dass es mir sehr gefällt!” „Nun, das freut uns!” sagten beide Weber, und darauf nannten sie die Farben mit Namen und erklärten das seltsame Muster. Der alte Minister passte gut auf, damit er dasselbe sagen könne, wenn er zum Kaiser zurück komme, und das tat er auch.

Nun verlangten die Betrüger mehr Geld, mehr Seide und mehr Gold zum Weben. Sie steckten alles in ihre eigenen Taschen, auf den Webstuhl kam kein Faden, und sie fuhren fort, wie bisher an den leeren Stühlen zu arbeiten.
Der Kaiser sandte bald wieder einen anderen tüchtigen Staatsmann hin, um zu sehen, wie es mit dem Weben stehe und ob das Zeug bald fertig sei; es ging ihm aber gerade wie dem ersten, er guckte und guckte – weil aber außer dem Webstuhl nichts da war, so konnte er nichts sehen. „Ist das nicht ein ganz besonders prächtiges und hübsches Stück Stoff?” fragten die beiden Betrüger und zeigten und erklärten das prächtige Muster, das gar nicht da war.

,Dumm bin ich nicht’, dachte der Mann; ‚es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre seltsam genug, aber das muss man sich nicht anmerken lassen!’ Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster. „Ja, es ist ganz allerliebst!” sagte er zum Kaiser. Alle Menschen in der Stadt sprachen von dem prächtigen Stoff.

Nun wollte der Kaiser selbst ihn sehen, während er noch auf dem Webstuhl sei. Mit einer ganzen Schar auserwählter Männer, unter denen auch die beiden ehrlichen Staatsmänner waren, die schon früher dagewesen waren, ging er zu den beiden listigen Betrügern hin, die nun aus allen Kräften webten, aber ohne Faser oder Faden.

„Ja, ist das nicht prächtig?” sagten die beiden ehrlichen Staatsmänner. „Wollen Eure Majestät sehen, welches Muster, welche Farben?” und dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, denn sie glaubten, dass die andern das Zeug wohl sehen könnten.

,Was!’ dachte der Kaiser; ‚ich sehe gar nichts! Das ist ja erschrecklich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir begegnen könnte.’ „Oh, es ist sehr hübsch”, sagte er, „es hat meinen allerhöchsten Beifall!” und er nickte zufrieden und betrachtete den leeren Webstuhl; er wollte nicht sagen, dass er nichts sehen könne. Das ganze Gefolge, was er mit sich hatte, schaute und schaute, aber es bekam nicht mehr heraus als alle andern; doch sie sagten gleich wie der Kaiser: „Oh, das ist hübsch!” und sie rieten ihm, diese neuen prächtigen Kleider das erste Mal bei dem großen Feste, das bevorstand, zu tragen.

„Es ist herrlich, niedlich, ausgezeichnet!” ging es von Mund zu Mund, und man schien allerseits innig erfreut darüber. Der Kaiser verlieh jedem der Betrüger ein Ritterkreuz, um es in das Knopfloch zu hängen, und den Titel Hofweber.
Die ganze Nacht vor dem Morgen, an dem das Fest stattfinden sollte, waren die Betrüger auf und hatten sechzehn Lichter angezündet, damit man sie auch recht gut bei ihrer Arbeit beobachten konnte. Die Leute konnten sehen, dass sie stark beschäftigt waren, des Kaisers neue Kleider fertigzumachen. Sie taten, als ob sie das Zeug aus dem Webstuhl nähmen, sie schnitten in die Luft mit großen Scheren, sie nähten mit Nähnadeln ohne Faden und sagten zuletzt: „Seht, nun sind die Kleider fertig!”

Der Kaiser kam mit seinen vornehmsten Beamten selbst, und beide Betrüger hoben den einen Arm in die Höhe, gerade, als ob sie etwas hielten, und sagten: „Seht, hier sind die Beinkleider, hier ist der Rock, hier ist der Mantel!” und so weiter. „Es ist so leicht wie Spinnwebe; man sollte glauben, man habe nichts auf dem Körper, aber das ist gerade die Schönheit dabei!” „Ja!” sagten alle Beamten, aber sie konnten nichts sehen, denn es war nichts da.

„Belieben Eure Kaiserliche Majestät, Ihre Kleider abzulegen”, sagten die Betrüger, „so wollen wir Ihnen die neuen hier vor dem großen Spiegel anziehen!”

Der Kaiser legte seine Kleider ab, und die Betrüger taten so, als ob sie ihm ein jedes Stück der neuen Kleider anzögen, die fertig genäht sein sollten, und der Kaiser wendete und drehte sich vor dem Spiegel.

„Ei, wie gut sie kleiden, wie herrlich sie sitzen!” sagten alle. „Welches Muster, welche Farben! Das ist ein kostbarer Anzug!” ­

„Draußen stehen sie mit dem Thronhimmel, der über Eurer Majestät getragen werden soll!” meldete der Oberzeremonienmeister.

„Seht, ich bin fertig!” sagte der Kaiser. „Sitzt nicht alles gut?” und dann wendete er sich nochmals zu dem Spiegel; denn es sollte so aussehen, als ob er seine Kleider recht betrachte.

Die Kammerherren, die das Recht hatten, die Schleppe zu tragen, griffen mit den Händen gegen den Fußboden, als ob sie die Schleppe aufhöben, sie gingen und taten, als hielten sie etwas in der Luft; sie wagten nicht, es sich anmerken zu lassen, dass sie nichts sehen konnten.

So ging der Kaiser unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: „Wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich! Welche Schleppe er am Kleid hat! Wie schön sie sitzt!” Keiner wollte es sich anmerken lassen, dass er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amt getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Noch nie hatten Kleider des Kaisers solche Anerkennung gefunden wie diese.

„Aber er hat ja gar nichts an!” sagte endlich ein kleines Kind. „Hört die Stimme der Unschuld!” sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte.

„Aber er hat ja gar nichts an!” rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: ,Nun muss ich durchhalten.’ Und die Kammerherren gingen und trugen eine Schleppe, die gar nicht da war.

(Text nach http://gutenberg.spiegel.de/buch/hans-christian-andersen-m-1227/114, sprachlich von mir überarbeitet)

Die erste Pointe steht hier:

,Das wären ja prächtige Kleider’, dachte der Kaiser; ,wenn ich solche hätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reich zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden!

Der Kaiser ist also nicht imstande, Dumme von Klugen zu unterscheiden, und sucht ein „einfaches“ bzw. sicheres Mittel dafür – was ein Zeichen von Dummheit ist.

Es folgt als zweite Pointe:

Alle Menschen in der ganzen Stadt wussten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.

Die Leute sind allesamt dumm – sie rechnen nämlich nur mit der Möglichkeit, dass andere dumm sein könnten, nicht aber sie selbst; so viel Egozentrik ist dumm.

Die dritte nebst folgenden Pointen findet man hier:

,Dumm bin ich nicht’, dachte der Mann; ‚es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre seltsam genug, aber das muss man sich nicht anmerken lassen!’ Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster.

Aus Angst, gegen das „schlaue“ Geschwätz der vermeintlichen Fachleute allein zu stehen und für dumm zu gelten, verlässt er sich nicht auf den Augenschein und den gesunden Menschenverstand, sondern spielt deren Spiel gegen eigene Einsicht mit und redet ihnen ihr Geschwätz nach.

Erst das Kind, das diese Angst nicht kennt, hat die Courage, einfach laut die Wahrheit zu sagen. Hier gilt wirklich das Wort Jesu: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich [des Erkennens, der Wahrheit] eingehen.

Vgl. die kurze Analyse https://norberto42.wordpress.com/2010/10/30/andersen-des-kaisers-neue-kleider-kurze-analyse/.

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Die schönsten Märchen Andersens – Übersicht und Kriterien

in den letzten drei, vier Wochen habe ich mich (hauptsächlich) mit den Märchen Hans Christian Andersens beschäftigt; das heißt, ich habe zuerst einmal alle gelesen und mir Notizen dazu gemacht. Und ich habe notiert, welche für eine zweite Lektüre in Frage kommen: Welche sind wirklich Weltliteratur, welche einigermaßen gut? Die so notierten habe ich dann zum zweiten Mal gelesen und kurz analysiert – mehr zu meiner Vergewisserung, was da steht, als zur Belehrung der staunenden Umwelt. Das Ergebnis davon sind die dreißig Analysen, die ich seit Ende Oktober hier in diesem Blog veröffentlicht habe, von „Des Kaisers neue Kleider“ bis „Es ist wirklich wahr“; man kann sie alle unter dem Schlagwort „Andersen“ aufrufen. Vielleicht sollte man auch noch den Schwank „Der kleine Klaus und der große Klaus“ und das Märchen „Der Schmetterling“ hinzunehmen?

Es gab drei Kriterien bei dieser Auswahl: Ist das Märchen poetisch so differenziert, dass ich es ein zweites Mal lesen würde? Ist es nicht auf dänische Besonderheiten abgestellt, die nur ein Däne schätzt und würdigt? Ist es nicht primär erbaulicher Kitsch, wovon es bei Andersen eine Menge gibt? Bei der zweiten Lektüre zeigte sich, dass ich den ersten Eindruck gelegentlich ein bisschen korrigieren musste – das ist eine normale Leseerfahrung. Ich habe elf Märchen gefunden, die sich für das Vorlesen in Klasse 5 und 6 hervorragend eignen; die habe ich im Blog norberto68.wordpress.com vorgestellt („Schülern in Klasse 5 und 6 vorlesen“).

Einige Mühen ergaben sich daraus, dass meine Ausgabe (Andersen: Märchen. Aus dem Dänischen von Eva-Maria Blühm, Bd. 1-3, it 133) nicht vollständig ist; sie enthält nur 124 der 156 Märchen Andersens. Sie beruht auf einer alten DDR-Ausgabe, wobei ich nicht weiß, ob die bereits gekürzt war oder ob Insel die DDR-Ausgabe gekürzt hat. Die zweibändige Ausgabe bei Manesse enthält weniger als 90 Märchen. Dann habe ich noch eine uralte Ausgabe (ohne Angabe von Übersetzer und Erscheinungsjahr) aus dem Verlag Otto Hendel in Halle; darin stehen mehr Märchen als in der insel-Ausgabe, aber auch nicht alle. Am einfachsten ist es also, wenn man auf die Ausgabe bei Artemis & Winkler zurückgreift, die von Thyra Dohrenburg übersetzt ist (vor 60 Jahren) und in der alle 156 Märchen mit kurzen Kommentaren stehen; davon gibt es seit 2005 eine Sonderausgabe bei Patmos.

Im Netz gibt es einige Sammlungen, wobei die von zeno.org auf einer Ausgabe von 1900 beruht, aber nicht vollständig ist. Die Sammlung im Projekt Gutenberg ist umfangreicher, beruht aber auf verschiedenen Ausgaben – offensichtlich haben da einzelne Sammler das hineingestellt, was sie irgendwo gefunden haben; manche Märchen sind doppelt vorhanden. Bei den anderen Sammlungen muss man sich vor allem bei hekaya.de in Acht nehmen; dort sind mehrere Märchen verstümmelt, ohne dass dies erkennbar wäre. – In der Regel sind die Texte einfach irgendwo gescannt oder kopiert worden, ohne dass auf Fehler geachtet würde; Beispiel dafür ist das Märchen vom Feuerzeug, wo der Soldat (in mehreren Internetquellen) auf einem „Gage“ steht. Wo war er? Natürlich auf einem Gange! – Hier ist das, was ich gefunden habe:

https://archive.org/stream/hcandersenssmmt00andegoog#page/n15/mode/2up (Texte)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/sammtliche-marchen-einzige-vollstandige-vom-verfasser-besorgte-ausgabe-6246/1 mit

http://gutenberg.spiegel.de/buch/andersens-marchen-erganzungsband-6251/1 (Texte)

http://de.wikisource.org/wiki/Hans_Christian_Andersen (Übersicht)

http://literaturnetz.org/2523 (Text der Märchen, Übersetzer Albrecht Leonhardt)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Andersen,+Hans+Christian/Märchensammlung/Märchen (Texte, alte Übersetzung – 1900 in 31. Aufl.)

http://www.andersenstories.com/de/andersen_maerchen/index (Texte, mit scan-Fehlern)

http://www.hekaya.de/maerchen/autoren/andersen.html (Texte gescant – z.T. unvollständig: Das Liebespaar, z.B.)

http://www.hanschristianandersen.de/Startseite/maerchen_a/index.html (item! – wiki)

http://freilesen.de/werk_Hans-Christian_Andersen,Maerchensammlung,3739,0.html (Text 93 Märchen – scan)

http://194.49.7.145/andersen/maerchen/frames.htm (Auswahl, alte Übersetzung)

http://www.1000-maerchen.de/cAContent,19,1,2,0-hans-christian-andersen.htm (Auswahl)

http://xn--mrchenkristall-5hb.net/Andersen/Geschichte_Mutter.htm (Übersetzer L. Tronier Funder)

http://www.internet-maerchen.de/ (Märchen u.a. von Andersen)

http://www.1000-maerchen.de/fairyTale/836.htm (noch einige)

http://librivox.org/marchen-by-hans-christian-andersen/ (vorgelesen!)

http://www.maerchenatlas.de/kunstmarchen/hans-christian-andersen/ (Kurzfassung, Auswahl)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Andersen,+Hans+Christian/Biographie (Biografie)

http://www.zeit.de/2005/14/L-Andersen (Artikel zum 200. Geburtstag)

http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Christian_Andersenhttp://toolserver.org/~apper/pd/person/Hans_Christian_Andersen

http://www.andersen.sdu.dk/index_e.html (Andersen-Center)

http://www.eduhi.at/index.php?url=themen&top_id=1584 (Übersicht über Andersen-Seiten)

http://www.schule.at/index.php?url=themen&top_id=1584 (ähnlich)

http://www.beltz.de/fileadmin/beltz/productdownload/999-9-44300.pdf (Werkstattheft)

http://www.dankultur.de/daenemark-info/hca_deutsch.htm HCA und Deutschland

http://www.getidan.de/literatur/georg_seesslen/1293/funischen Interpretation

http://www.schulemittelhaeusern.ch/images/1036/files/4020.pdf (Übersicht)

http://mauswiesel.bildung.hessen.de/deutsch/autor/andersen/index.html (Arbeitskarten für 3 .- 4. Schuljahr)

http://www.um.dk/Publikationer/UM/Deutsch/HansChristianAndersen/hca.pdf Bedeutung Andersens, Literatur u.a.

Öfter findet man unter Andersens Märchen Geschichten einer unerfüllten Liebe (neben der kleinen Seejungfrau u.a. noch: Unterm Weidenbaum; Ib und die kleine Christine; Des Hagestolzen Nachtmütze), aber dieses Thema will ich hier nicht verfolgen. Auf eine Besonderheit möchte ich jedoch aufmerksam machen: Häufig stößt man auf die Poetologie Andersens oder auf deutliche Hinweise, wozu Märchen gut sind. Ich verweise dafür auf folgende Märchen: Der fliegende Koffer; Vogel Phönix; Feder und Tintenfass; Der Marionettenspieler; Die Irrlichter sind in der Stadt, sagte die Morrfrau; Der Vogel des Volksliedes; Die kleinen Grünen; Die Kröte; Das Glück kann in einem Hölzchen liegen; Der Krüppel; Der alte Grabstein; Der Kobold und der Höker; dann auch noch: Die Glocke; Der Kobold und Madam; Was man erfinden kann; Tante Zahnweh.

Ein letzter Hinweis: Da wir die Märchen nur übersetzt lesen, stimmen die Übersetzungen auch der Titel nicht immer wörtlich überein. Es haben sich zwar alte Titel-Übersetzungen eingebürgert, aber manchmal findet man das, was man sucht, unter ähnlichen Wörtern. Das muss man bei seiner Suche beachten, d.h. man sollte einen Titel am besten ohne Anführungszeichen suchen.

Jedenfalls habe ich bei meiner Lektüre eine Reihe schöner Märchen gefunden, die ich noch nicht kannte.

Andersen: Es ist wahrhaftig wahr – kurze Analyse

Übersetzungsvariante des Titels: Das ist wirklich wahr

Eine nette Geschichte davon, wie beim Weitererzählen ein Gerücht aufgebauscht wird, in sieben Stationen und zwei Reaktionen:

  1. Ein Huhn putzt sich, verliert dabei eine Feder und sagt im Scherz: „je mehr ich mich putze, desto schöner werde ich wohl werden“ (HCA: Sämtliche Märchen in zwei Bänden. Aus dem Dänischen von Thyra Dohrenburg, 1. Band 2005, S. 538).
  2. Daraus wird: Eine Henne putzt sich, um gut auszusehen.
  3. Daraus wird: Eine Henne rupft sich alle Federn aus und lässt den Hahn dabei zusehen.
  4. Daraus wird: Es gibt eine Henne, die sich wegen eines Hahns alle Federn ausgerupft hat; sie wird erfrieren, wenn sie nicht schon erfroren ist.
  5. Daraus wird: Eine Henne hat sich wegen eines Hahns alle Federn ausgerupft, beide sind erfroren.
  6. Danach sind schon drei Hennen gestorben.
  7. „Da sind fünf Hühner, die sich sämtlich die Federn ausgerupft haben, um zu zeigen, welche von ihnen aus Liebeskummer, des Hahnes wegen, am magersten geworden war, und dann haben sie sich gegenseitig blutig gehackt und sind tot heruntergefallen, zur Schmach und Schande ihrer Familie und zum großen Nachteil für den Besitzer!“ (S. 540 f.)

Darauf gibt es zwei Reaktionen; die erste wird gleich zu Beginn erzählt – ein Verfahren des Vorgriffs, was bei Andersen ganz ungewöhnlich ist, die zweite Reaktion bildet den Schluss:

  • Ein Huhn erzählt die Geschichte, die sich am anderen Ende des Dorfes zugetragen hat, weswegen es sich nicht traut, noch allein zu schlafen. Den anderen Hühnern sträuben sich die Federn, dem Hahn klappt der Kamm herunter. „Das ist wahrhaftig wahr!“, sagt der Erzähler (S. 538).
  • Die erste Henne, der die Feder ausgefallen war, hört die Geschichte und erkennt sie natürlich nicht als ihre eigene. „Ich verachte diese Hühner! aber von der Sorte gibt es mehr! Dergleichen darf man nicht verschweigen“ (S. 541), weswegen sie die Geschichte in die Zeitung setzen lässt.

Das letzte Wort hat der Erzähler mit seinem Kommentar: „und das ist wahrhaftig wahr: aus einer kleinen Feder können leicht fünf Hühner werden!“ (S. 541)

Von diesem Kommentar abgesehen hat der Erzähler sich nur zweimal bemerkbar gemacht, mit der Formel „Das ist wahrhaftig wahr!“ am Ende seines Vorgriffs und danach mit der Wendung: „Aber wir wollen mit dem Anfang anfangen…“ (S. 538) Diese hübsche Parabel lebt vom Witz hinter den Steigerungen der „Wahrheit“ und davon, wie sich im Verhältnis von Huhn und Hahn das Verhältnis von Frau und Mann spiegelt bzw. wie die angebliche Selbstzurichtung der Hühner eine Parabel von der Selbstzurichtung der Frauen ist. Die Formel „Das ist wahrhaftig wahr“, die in sich wahrheitspleonastisch und damit verdächtig ist, zieht sich durch die ganze Erzählung. Auch diese Geschichte kann man zweimal lesen, vielleicht noch öfter, und man könnte sie auch in der Schule vorlesen – ja, noch schlimmer: man könnte sie wunderbar analysieren.

Andersen: Die Schnelläufer – kurze Analyse

Es war ein Preis ausgesetzt, ein kleiner und ein großer, „fürs Laufen das ganze Jahr hindurch“ (HCA: Sämtliche Märchen in zwei Bänden. Aus dem Dänischen von Thyra Dohrenburg, 2. Band, 2005, S. 55). Der Hase hat den ersten, die Schnecke den zweiten Preis bekommen. Diese Preisverteilung wird von verschiedenen Tieren und Gegenständen kommentiert, sonst geschieht nichts. Die Kommentare zeigen, wie schwierig eine Leistung (laufen das ganze Jahr hindurch) zu bewerten ist, wenn die Voraussetzung so ungleich wie bei Hase und Schnecke sind – das ist der ernste Hintergrund, auch wenn die Kommentare selber den Leser zum Lächeln bringen können.

Der Hase ist nicht damit einverstanden, dass der Schneck den zweiten Preis bekommen hat. Der Heckpfahl spricht für den Schneck: „Er hat einzig und allein für seinen Lauf gelebt, und er lief mitsamt dem Haus! All dies ist lobenswert.“ (S. 55) Die Schwalbe reklamiert den ersten Preis für sich; ihr wird aber vorgehalten, dass sie nicht das ganze Jahr über in der Heimat ist; sie müsste schon ein Attest der Moorfrau beibringen, dass sie den Winter im Sumpf verschlafen hat. Der Schneck meint, er selber habe den ersten Preis verdient, weil der Hase nur aus Feigheit gelaufen sei, „ich dagegen habe mir das Laufen zur Lebensaufgabe gemacht und bin im Dienst zum Krüppel geworden“ (S. 56). Das Vermessungszeichen erklärt als Preisrichter, warum Hase und Schneck gewonnen haben: H ist der achte Buchstabe im Alphabet, S der achte von hinten; im nächsten Jahr seien Tiere mit den Buchstaben I und R dran. Der Maulesel, ebenfalls ein Preisrichter, verweist darauf, dass der Hase lange Ohren hat, „was man das Schöne nennt“ (S. 57) und was ihn an sein eigenes Aussehen als Kind erinnere – der habe den Preis verdient. Die Fliege plädiert, sie habe den ersten Preis verdient, weil sie kürzlich als Beifahrer auf einer Lokomotive einen Hasen eingeholt und überfahren habe. „Aber ich habe den Preis nicht nötig!“ (S. 58) Die wilde Rose denkt, der Sonnenstrahl habe den ersten Preis verdient, aber sie sagt lieber nichts, „obwohl es ganz gut gewesen wäre, wenn sie es getan hätte“ (S. 58), kommentiert der Erzähler. Der Regenwurm kommt verspätet und bekommt vom Maulesel noch einmal den Vorgang erklärt; der Besuch des Kohlgartens sei im Hinblick auf den Hasen der erste Preis geworden, der Schneck dürfe sich sonnen und sei unter die Preisrichter aufgenommen worden. „Es ist so gut, wenn man in einem Komitee, wie die Menschen es nennen, einen vom Fach dabei hat! Ich muß sagen, ich erhoffe viel von der Zukunft, wir haben schon so gut angefangen!“ (S. 59) – Damit ist die Geschichte zu Ende.

Wenn man vom letzten Wort des Maulesels ausgeht, muss man die Erzählung als Spott über die Kriterien, nach denen Preise vergeben werden, und über die Kompetenz der Preisrichter ansehen: das Thema. Man kann aber auch von der Aufgabenstellung ausgehen: Laufen das ganze Jahr hindurch. Das ist eine Leistung, die man für Angehörige verschiedener Spezies überhaupt nicht beurteilen kann, weil die Voraussetzungen so ungleich sind; wenn man jedoch ein Urteil fällen muss, werden allerlei sachfremde Kritierien (lange Ohren = das Schöne) oder die nicht messbare vorgebliche oder tatsächliche innere Einstellung (aus Furcht laufen – Laufen als Lebensaufgabe) zur Grundlage der Entscheidung gemacht. Die Willkür der Entscheidung zeigt besonders die Äußerung des Vermessungszeichens: Dieses Jahr waren die Buchstaben H und S dran. – Nach dem ersten Schmunzeln über die humorvolle Erzählung denkt man als pensionierter Lehrer nach, wie es wohl mit der Leistungsbewertung in der Schule ist: ob da vergleichbare Leistungen beurteilt werden oder ob von Kindern mit völlig verschiedenen Voraussetzungen (dann zu Unrecht!) das Gleiche verlangt wird, wie das schon eine „linke“ Karikatur vor 30, 40 Jahren unterstellt hat: Affe, Pinguin und Elefant usw. bekommen die Aufgabe gestellt, auf einen Baum zu klettern. Man mag auch daran denken, nach welchen Kriterien die Personen ausgewählt werden, die in irgendeinem Betrieb oder Amt befördert werden, also den ersten Preis bekommen… Diese Erzählung lebt also nicht nur vom Humor des Autors, sondern auch von ihrem nicht klar zu bestimmenden Thema, zu dem übrigens die Überschrift nicht passt.

Andersen: Der Floh und der Professor – kurze Analyse

Diese Erzählung bietet rein inhaltlich wenig: Der Gehilfe eines abgestürzten Luftschiffers tritt notgedrungen als Unterhaltungs- und Zauberkünstler auf und lässt sich „Professor“ nennen, „weniger konnte es nicht sein“ (it 133, Bd. 3, S. 309). Ein Mädchen schließt sich voll Bewunderung ihm an, setzt sich dann jedoch ohne Vorwarnung ab. „Das war ihre Geschicklichkeitskunst.“ (S. 309) Ihm verbleibt nur ihr Floh, den er dressiert und mit dem er schließlich, weil alle Länder abgegrast sind und er sich nirgendwo zweimal sehen lassen kann, zum „Lande der Wilden“ (S. 310) reist, wo Christen gefressen werden – damit sind sowohl der Professor wie sein Floh sicher. Die wilde Prinzessin verliebt sich in den Floh und bindet ihn mit einem Haar fest. Der Professor will auf die Dauer nicht dort bleiben, baut sich einen neuen Ballon (angeblich eine Wunderkanone) und entkommt mit dem Floh. Im Schlusskommentar sagt der Erzähler, dass die beiden nun „daheim bei uns“ (S. 313) sind und ihr gutes Auskommen haben.

Das simple Geschehen ist humorvoll-ironisch erzählt und kommentiert, was den Reiz der Geschichte ausmacht. Man kann sie ein zweites Mal lesen, aber dann ist es auch gut. Sie zählt bei den hier ausgewählten Märchen Andersens zu den schwächeren. Als Thema könnte man das windige Geschäft der Unterhaltungskünstler ansehen, über das der Erzähler seinen feinen Spott ergießt. Eine zeitliche Strukturierung ist kaum vorhanden: Es war einmal / Eines Abends / Zuletzt (S. 309 ff.). Die Gegenwart des Erzählers wird durch das einfache Präsens erreicht („sie sind daheim bei uns“, S. 313): So geht es bei uns zu, das ist die Pointe.

Andersen: Der Kobold und die Madam – kurze Analyse

Übersetzungsvariante des Titels: Der Wichtel und die Madam (Thyra Dohrenburg)

Der Erzähler meldet sich zu Beginn und zum Schluss mit einer Höreranrede zu Wort, er kommentiert zum Schluss das Geschehen und zeichnet die dichterischen Versuche der Frau des Hauses indirekt spöttisch, weil sie offenkundig recht dilettantisch ausfallen und von dem geschieden sind, was man ernsthaft Poesie nennen kann. Die Erzählung besteht aus zwei Erzählfäden, die zusammengeführt werden: Im ersten Faden treten Madam, die Gärtnersfrau, und ihr Neffe Kisserup, ein Seminarist, also ein Theologiestudent, auf; im zweiten Erzählfaden agiert der Hauskobold.

Zuerst wird die Gärtnersfrau vorgestellt, eine Dame, die reden und schreiben kann; „sie hätte gut einen Pfarrer abgeben können, zumindest eine Pfarrersfrau“ (it 133, Bd. 3, S. 91), spottet der Erzähler. Sie und ihr Neffe versichern sich gegenseitig, dass sie Geist haben; dagegen meint der Gärtner, ehe er an seine Arbeit geht: „Eine Frau soll Körper sein, rechtschaffener Körper, und auf ihre Töpfe aufpassen, damit die Grütze nicht anbrennt.“ (S. 91) Der Seminarist spricht mit Madam jedoch über ihre schönen Worte – das ist die Ausgangssituation. In der Küche sitzt zur gleichen Zeit der Kobold, an den sie nicht glaubt, worüber er sich ärgert. Zur Strafe lässt er den Topf überkochen, erklärt er der Katze, einer Nebenfigur. Er erzählt ihr, er habe in der letzten Nacht den Seminaristen geärgert; der Katze will er helfen, dass diese an Madams Sahne schlecken kann, alles zur Strafe für die Ungläubige.

Der Erzähler springt zum ersten Handlungsstrang zurück: Madam will dem Seminaristen ihre Verse zeigen, die sie „Geklingel eines biederen Frauenzimmers“ genannt hat (das ist objektive Ironie); mit dem Seminaristen ist sie dafür, Fremdwörter zu vermeiden. Alle ihre Gedichte seien traurig, „Die Pflichten der Hausfrau“ (wiederum objektiv ironisch – sie kümmert sich ja nicht um ihre Pflichten) davon das beste. Scherzhaft seien nur ihre Gedanken über das Wesen einer Dichterin (objektiv ironisch – sie ist ja keine!); „das ist nur mir selbst, meinem Tischkasten und nun auch Ihnen bekannt, Herr Kisserup!“ (S. 95) Sie habe diese Gedanken unter dem Titel „Der kleine Kobold“ zusammengestellt, wobei das Haus für sie und die Dichtung für den kleinen Kobold stehe; aber das dürfe er niemandem, auch nicht ihrem Mann verraten. Er solle das Gedicht vorlesen.

Hier werden nun die beiden Erzählstränge zusammengeführt: Der kleine Kobold kommt hinzu , als der Seminarist das Gedicht vorliest. Er freut sich, als er von des Kobolds Macht über Madam sprechen hört, und bezieht das auf sich; von nun an will er die Katze von Madams Sahne fernhalten und die allein schlecken: „Einer trinkt weniger als zwei, das ist immerhin eine Ersparnis“ (S. 95), sagt er und bewundert den Geist und die hohe Bildung der Madam. Die Katze stellt dagegen fest, er sei wie ein Mensch. „Nur ein süßes Miau von Madam, ein Miau über ihn selbst, dann wechselt er gleich seinen Sinn. Sie ist launenhaft, die Madam!“ (S. 96) Der Erzähler kommentiert diese Meinung: „Aber sie war nicht launenhaft, es war der Kobold, der wie ein Mensch geworden war.“ (S. 96)

Das ist eine nette kleine Parabel von der Launenhaftigkeit (des Kobolds), verbunden mit einem kräftigen Seitenhieb gegen Hausfrauen, die ihre Pflichten vernachlässigen und dafür lieber Gedichte schreiben – diese Kritik macht eigentlich den Kern des Märchens aus, in einer Art objektiver Ironie vom Erzähler (mit einem einzigen Kommentar zu Beginn: Sie hätte Pfarrer werden können) vorgetragen. Und nur dieser Spott über die dichtende Hausfrau besitzt so viel Charme, dass man die Geschichte zweimal lesen kann.

Andersen: Die Irrlichter sind in der Stadt, sagte die Moorfrau – kurze Analyse

Klären wir zuerst, was Irrlichter sind: „Irrlichter sind kleine vom Boden aufsteigende Flämmchen, die vorzugsweise auf sumpfigen Wiesen und moorigem Gelände entstehen. Die Flämmchen leuchten nur einige Sekunden lang und sind 1-11cm hoch. Sie entstehen durch im Boden aufsteigendes Gas, welches sich an der Luft selbst entzündet. Bei dem Gas handelt es sich vermutlich um ein Gemisch aus PH3 und H2S, das an der Luft rauch- und geruchslos verbrennt. Eine verbreitete Ansicht ist, daß Irrlichter über die Moorflächen wandern. Dies stimmt aber wohl nicht. Vielmehr beruht der Eindruck darauf, daß an einer Stelle ein Irrlicht erlischt und etwas entfernt ein neues Irrlicht entsteht. Dies kann eine Bewegung vortäuschen. (…)

Der Name ‚Irrlicht‘ stammt wohl daher, daß die Lichter scheinbar hüpfen und umherwandern, also ziellos umherirren. Daneben kommt noch eine andere Erklärung in Betracht: Man kann durch die Lichter irregeführt werden. Heute ist jede Straße gut ausgebaut, ausgeschildert und beleuchtet, so daß keine Gefahr mehr besteht vom rechten Wege abzukommen. Vor 200 Jahren konnte der Weg zum Nachbardorf nachts bei mondlosem Himmel jedoch gefährlicher sein. Wer, im Glauben ein beleuchtetes Haus oder einen Menschen mit einer Laterne zu sehen, auf das Irrlicht zuging, geriet leicht vom rechten Wege ab und kam in das sumpfige Gebiet, auf dem vorzugsweise Irrlichter entstehen.

In der Mythologie werden Irrlichter für die Seelen ungetauft verstorbener Kinder gehalten. Dies mag damit zusammenhängen, daß Irrlichter häufig auf Friedhöfen beobachtet wurden. Andererseits werden Irrlichtern auch positive Eigenschaften zugesprochen. Ein Irrlicht zur Linken gilt als gutes Zeichen. Auch sollen sie auf Anruf heranfliegen und dem Menschen für ein geringes Entgelt leuchten. In einer Bauernregel heißt es: ‚Wenn im Moor viel Irrlichter stehn, bleibt das Wetter lange schön.'“ (http://www.meteoros.de/irrlicht/irrlicht.htm, Nov. 2010)

Nun können wir uns Andersens Märchen von den Irrlichtern, die in der Stadt sind, zuwenden. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass der Text des Märchens auf der Seite http://www.hekaya.de/ verstümmelt ist, wie es öfter auf dieser Seite der Fall ist – also Vorsicht beim Rückgriff auf diese Seite. Es handelt sich bei diesem Märchen um eine der größeren poetologischen Reflexionen, wie sie gelegentlich in Andersens Märchen auftauchen (vgl. zum Beispiel „Vogel Phönix; Der Vogel des Volkslieds; Die Muse des neuen Jahrhunderts“). Den Schluss bildet dann die von der Moorfrau erzählte Geschichte von den Irrlichtern, die durchaus in Menschengestalt wirken können – der Rat, das Wirken von Pfarren, Politikern und Künstlern kritisch zu betrachten!

Der Erzähler, der völlig auf Kommentare verzichten kann, weil er gleich Andersens Stimme ist, spricht von einem Mann, deutlich als Hans Christian Andersen zu erkennen, dem sich wegen eines Krieges (1864) das Märchen entzogen hat, obwohl er früher viele Märchen zu erzählen wusste. Er erinnert sich seiner früheren Besuche und sucht es, weil es sich ja versteckt haben könnte. Zuerst sucht er es in den neuesten wissenschaftlichen Büchern; aber die erklären die Märchenstoffe für reine Fiktionen, bloße Worte. Dann sucht er es draußen auf dem Land, wo ihm früher meist Märchen (Andersens) begegnet sind. Da findet er aber nur eine alte Frau, die Moorfrau, und einen alten Grabstein.

Spät am Abend kommt die Moorfrau zu ihm ins Haus, sozusagen die Vorbotin der Märchen. Sie lädt ihn ein, ins Moor zu kommen; er folgt dieser Einladung. Dort zeigt sie ihm, dass sie die Poesie auf Flaschen abgezogen hat, zum Beispiel den Maiduft; die Skandalflasche („es ist nur schmutziges Wasser, aber mit Brausepulver aus Stadtklatsch; drei Lot Lügen und zwei Gran Wahrheit, mit einem Birkenzweige umgerührt, nicht aus einer Spießrute, die in Salzlake gelegt und aus dem blutigen Körper des Sünders geschnitten ist, oder ein Stück von der Rute des Schulmeisters, nein, gerade aus dem besen genommen, der den Rinnstein fegt“, it 133, Bd. 3, S. 40 f.); fromme Poesie im Psalmenton; die Flasche aller Flaschen: die Flasche mit den Alltagsgeschichten; die Tragödie in einer Champagnerflasche. Dann weist die Moorfrau ihn darauf hin, dass die Irrlichter in der Stadt sind.

Sie erzählt: Gestern wurden 12 Irrlichter geboren, die wie Menschen aussehen. Da sie unter der Gunst einer besonderen Stunde geboren wurden, können sie ein Jahr lang wie Menschen auftreten und Macht ausüben. Wer von ihnen im Lauf dieses Jahres 365 Menschen auf Abwege bringt, kann Läufer vor des Teufels Staatskutsche werden, die höchste denkbare Beförderung. Wer jedoch bereut oder bei wem einem Menschen die Augen aufgehen, um den steht es schlecht. Dann begann der Minutentanz. Sie bekamen von verschiedenen Wesen Geschenke. Von den Nachtmahren lernten sie „die Kunst, durch ein Schlüsselloch zu schlüpfen, das ist dann so, als ob ihnen alle Türen offenständen“ (S. 44).

Nach dieser Geschichte kommt es zu einem kleinen Gespräch mit dem Mann; der meint, dass man aus dem Wirken der Irrlichter einen Roman oder eine ganze Volkskomödie machen könnte. Er fragt, was er tun solle. Die Moorfrau meint, er habe genug Tinte verbraucht und sei in das gesetzte Alter gekommen; er müsse nicht mehr nach Märchen suchen, „zumal hier jetzt weit wichtigere Dinge zu tun sind. Ihr habt doch wohl verstanden, was hier los ist?“ (S. 45) Der äußert die Befürchtung, er werde durchgeprügelt, wenn er das Handeln der angesehenen Menschen als Wirken von Irrlichtern entlarvte. Die Moorfrau tut ihm kund, dass auch Pfarrer, Politiker oder Künstler Irrlichter sein könnten; das müsse sie einem Poeten sagen, damit es in der ganzen Stadt bekannt werde. Die Antwort des Mannes bildet den Schluss des Märchens: „Die Stadt nimmt sich das nicht zu Herzen. Das wird keinen einzigen Menschen anfechten, denn sie glauben alle, daß ich ein Märchen erzähle, während ich ihnen mit dem tiefsten Ernst sage: ‚Die Irrlichter sind in der Stadt, sagte die Moorfrau, nehmt euch in acht!'“ (S. 46)

In diesem reizvollen Märchen, auf dessen Feinheiten ich mit den Zitaten hinweisen wollte, haben wir eine Erklärung Andersens, wie er verstanden sein will, wenn er Märchen erzählt: Er will das Wirken der Irrlichter aufdecken. Fairerweise muss man sagen, dass dies nicht immer der Fall ist; aber die Geschichten, in denen es der Fall ist, sind seine besten; etwa das Märchen von den Schnecken, von der Portugieserin, vom Mistkäfer oder von der Stopfnadel – lauter Märchen, die ich hier untersucht habe, weil ich möchte, dass die besten Märchen Andersens von den anderen unterschieden werden, dass die besten bekannt werden und bleiben. Dass das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern dazu gehört, versteht sich von selbst – es sind jedoch durchweg Märchen von den Schwächen eines jeden, nicht (nur) von denen der Pfarrer, Künstler und Politiker. Deren Fehler müssen in einer konkreten Analyse aufgezeigt werden; nur die allgemein verbreiteten Irrlichter kann man in parabolischen Märchen fassen.

Andersen: Was Vater tut, ist immer recht – kurze Analyse

Übersetzungsvarianten der Überschrift: Was Vadder tut, ist immer das Richtige (Thyra Dohrenburg); Wie’s der Alte macht, ist’s immer richtig.

Der Erzähler wendet sich an ein Kind (mit der Frage, ob ein richtiges altes Bauernhaus bekannt ist) und beginnt mit einer doppelten Höreranrede. Die Ausgangssituation ist die, dass ein altes Ehepaar einen solchen Bauernhof bewohnt und sein Pferd abgeben will. Der Mann bekommt den Auftrag, es zu verkaufen oder einzutauschen. Die Frau stellt ihm frei, was er dagegen eintauschen soll: „Was du tust, ist immer recht. Reite zum Markt!“

Die erste Ereignisreihe rollt auf dem Weg zum Markt ab; der Bauer tauscht unterwegs das Pferd gegen eine Kuh, diese gegen ein Schaf, dieses gegen eine Gans, diese gegen ein Huhn. Er erklärt sich jedesmal, wie vorteilhaft gerade dieser Tausch ist. „Es war eine ganze Menge, was er auf der Reise zur Stadt erreicht hatte“ (it 133, Bd. 2, S. 364), lautet der Kommentar des Erzählers [so eher als personal erzählt, wenn auch nahe der Sicht des Bauern – oder doch ironisch?]. Da er einen Schnaps trinken und etwas essen will, geht er zu einer Schenke, vor der er sein Huhn noch gegen einen Sack fauler Äpfel tauscht – das ist beinahe genauso viel wie im literarischen Vorbild vom „Hans im Glück“, dem der Schleifstein in den Brunnen fällt.

Aber Andersens Märchen ist noch nicht zu Ende, es rollt eine zweite Reihe von Ereignissen am gleichen Tag ab. In der Schenke erzählt der Bauer die Geschichte seiner Tauschgeschäft; darauf bemerken ein paar Engländer, dafür werde er zu Hause Ärger bekommen. Der Bauer versichert dagegen, sein Frau werde ihn küssen und sein Tun billigen, was die Engländer sich nicht vorstellen können. So wetten sie darum, wie seine Frau die Geschichte aufnehmen wird. Sie fahren zum Bauernhaus; dort erzählt der Bauer die Geschichte seiner Tauschgeschäfte, und auch die Frau findet an jedem Tausch etwas Gutes. Danach erzählt sie, wie sie bei der Nachbarin etwas Schnittlauch leihen wollte, wie jene ihr das abschlug und zur Begründung sagte, sie könne ihr nicht einmal einen faulen Apfel leihen. „Nun kann ich ihr zehn, ja einen ganzen Sack voll leihen. Das ist ein Spaß, Vater!“, und küsst ihn auf den Mund. Damit ist die Wette gewonnen, die Bauersleute erhalten den Einsatz, einen Scheffel Gold.

Der Erzähler schließt mit zwei Kommentaren: „Ja, es lohnt sich immer, wenn die Frau einsieht und erklärt, daß der Mann der Klügste ist und das, was er tut, stets das Rechte ist.“ (S. 367) Danach wendet der Erzähler sich an das (implizit) zuhörende Kind, das entsprechend wissen soll: „was Vater tut, ist immer recht.“ (S. 367) Bis auf wenige Erklärungen und die Höreranreden zu Beginn ist vom klugen Erzähler, der hinter der offenkundigen Dummheit der Bauersleute steckt, nichts zu sehen; er tritt hinter dem erzählten Schwank zurück.

Das Märchen stellt eine originelle Aufnahme und Weiterführung des Grimm’schen Märchens von Hans im Glück dar. Einmal bekommt der Bauer aufgrund der Wette einen Scheffel Gold und findet so auch ein materielles Glück. Zweitens und vor allem ist es jedoch eine Geschichte, mit der den Frauen schmunzelnd geraten wird, ihren Männern  keine Vorwürfe zu machen, sondern stets zu billigen, was jene tun – „wenn die Frau einsieht“ halte ich für eine ironische Formel; es genügt vollauf, wenn sie erklärt, so sei es. Die Idee, der Nachbarin zehn faule Äpfel zu leihen (sachlich ein völliger Unsinn), ist witzig und verkehrt die bildhafte Floskel, dass man nicht einmal einen faulen Apfel verleihen könne, ins vorgeblich Reale. Der zweite Kommentar des Erzählers stört mich; mit dieser „pädagogischen“ Wendung fällt Andersen unter das Niveau seiner Erzählung – ein Kind kann diesen Rat kaum so schmunzelnd aufnehmen, wie jede kluge Frau den ersten Kommentar anhören wird. Dass die umsichtige Frau ihren trägen Mann nach vorn bringt, ist ja auch im Märchen vom Haustürschlüssel erzählt; dass jedoch brave Kinder ihren Eltern Freude machen sollen, um so deren Liebe zu verdienen (!) und unerlösten Luftgeistern zu helfen, hat Andersen ans Märchen von der Seejungfrau angehängt. Auf solche Erziehungsratschläge kann man verzichten, sie mindern den Wert eines Märchens, finde ich.

Andersen: Die alte Straßenlaterne – kurze Analyse

„Die alte Straßenlaterne“ ist eines der mich berührenden Märchen Andersens – viele sind bloß erbaulich, manche sind zauberhaft. Das kommt daher, dass die alte Straßenlaterne so menschlich dargestellt wird; sie geht in den Ruhestand (it 133, Bd. 2, S. 95), was mit dem Ausscheiden einer alten Ballett-Tänzerin aus dem Beruf verglichen wird; sie macht sich Gedanken über ihre Zukunft und befürchtet, vom Wächter getrennt zu werden, wo doch der und seine Frau „sie wie zu ihrer Familie gehörig betrachteten“ (S. 95). Vor allem beim Gespräch mit dem Wind und im letzten Teil der Erzählung wird ihre Menschlichkeit deutlich – darauf kommen wir noch zu sprechen. Der Erzähler kennt alle ihre Gedanken und nähert sich ihr teilweise im personalen Erzählen an, was den Leser ebenso in die Nähe der Laterne zieht. Gelegentlich kommentiert der Erzähler etwas; er beginnt mit einer Höreranrede, wie das bei Andersen öfter der Fall ist: „Hast du schon die Geschichte von der alten Straßenlaterne gehört?“ (S. 95)

Die Ausgangssituation besteht darin, dass die Laterne weiß, dass es ihr letzter Abend als Straßenlaterne ist, dass sie über ihre Zukunft nachdenkt, dass sie an ihr Leben mit dem Wächter denkt und sich einzelner Erlebnisse als Laterne erinnert. Auch dass sie ihren Nachfolger nicht ins Amt einweisen kann, schmerzt sie.

Die erste Episode ist das Auftreten dreier unwürdiger Bewerber (Aalkopf, faules Holz, Johanniswürmchen), die ihre Nachfolger werden wollen. Die zweite Episode ist das Gespräch mit dem Wind, der ihr das Gedächtnis aufblasen will; das Geschenk des Tropfens lehnt sie ab, aber eine Sternschnuppe bringt sie nicht nur zum Leuchten, sondern verleiht ihr auch die Fähigkeit, dass alles, dessen sie sich entsinnt  oder was sie deutlich sieht, auch von denen gesehen werden kann, die sie gern hat. „Und das ist erst das wahre Vergnügen, denn wenn man es nicht mit anderen teilen kann, ist es nur die halbe Freude.“ (S. 98) Der Wind weist sie jedoch darauf hin, dass sie dafür ein Wachslicht braucht – eine Ernüchterung.

Es folgt nach einem Zeitsprung zum nächsten Abend eine neue Situation: Sie steht im Zimmer der Wächtersleute, der Wächter hat sich die Laterne vom Rat erbeten. Dann geht der Erzähler in das normale Leben der Wächtersleute über und berichtet, dass die beiden gern lasen. Da bedenkt die Laterne, dass es nur ein Wachslicht brauchte, damit sie ihre Vorstellungen vom Leben in Afrika mit den Wächtersleuten teilen könnte; sie muss resignieren, weil diese nur Öl und Talglichter haben.

Nach einem Zeitsprung tritt „eines Tages“ (S. 100) eine neue Möglichkeit auf: Es gelangt eine Menge Wachslichter in die Wohnung, aber die Wächter kommen nicht auf die Idee, eines in die Laterne zu stecken. Nach einem weiteren Zeitsprung kommt eines Tages die Frau auf die Idee, aus Anlass des Geburtstags ihres Mannes die Laterne leuchten zu lassen – aber nur mit Öl. Da weiß die Laterne, dass ihre beste Gabe, die die Sterne ihr geschenkt haben, „ein toter Schatz für dieses Leben bleiben“ wird (S. 101). Sie träumt auf einmal davon, dass sie umgeschmolzen würde und als Leuchter in das Zimmer eines Dichters käme – eine ganz unerwartete Karriere! Als sie wieder erwacht, trauert sie dieser Möglichkeit nur kurz „fast“ nach, entscheidet sich dann jedoch für das Leben mit den alten Leuten. „Sie lieben mich meiner Person wegen! Ich bin ja wie ihr eigenes Kind …“ (S. 101). Diese Entscheidung bezeugt die menschliche Größe der Straßenlaterne.

Als Schluss berichtet der Erzähler, dass sie seit dieser Zeit mehr innere Ruhe hat; er kommentiert: „und das hatte die alte brave Straßenlaterne verdient.“ (S. 101)

Formal ist die Erzählung wunderbar abgerundet, was man zum Beispiel auch daran merkt, wie die drei unwürdigen Bewerber aus dem erzählten Geschehen ausscheiden, als sie die Sternschnuppe sehen. Das Thema dieser Erzählung ist die Wahl der Straßenlaterne, ob sie dem nachtrauern soll, dass ihre beste Möglichkeit ungenutzt bleibt, weil niemand aus ihrer Umgebung sie kennt, oder ob sie sich der Gemeinschaft derer erfreuen soll, die sie lieben, auch wenn sie die große Begabung der Laterne nicht kennen und deshalb nicht zu nutzen wissen. Das ist eine recht menschliche Wahl, es ist eine schwere Wahl; die Laterne entscheidet sich für das Leben mit den ihr Vertrauten, die sie ihrer Person wegen lieben – und da sie selber keine andere Möglichkeit hat, entscheidet sie sich dafür, mit ihrem faktischen Leben zufrieden zu sein. – Diese Entscheidung muss aber nicht immer die richtige sein (wenn es denn in solchen Fällen überhaupt richtig / falsch gibt): Man kann sich auch dafür entscheiden, neue Wege zu gehen und neue Freunde zu suchen, wenn die eigenen besten Fähigkeiten andernfalls verkommen. Wer weiß schon genau, ob diejenigen, die einen zu lieben vorgeben, einen nur der eigenen Person wegen lieben?

Andersen: Die Springer – kurze Analyse

Übersetzungsvariante des Titels: Springinsfeld (Thyra Dohrenburg)

Ein reizendes kleines Märchen, dessen Thema jedoch schwer zu bestimmen ist; es scheint am ehesten noch von der Willkür zu handeln, mit der Prinzessinnen vergeben werden. Aber auch die kommentierenden Äußerungen der Verlierer verdienen, beachtet zu werden. Als erster sagt der Floh, er sei am höchsten gesprungen. „Aber es gehört in dieser Welt ein Körper dazu, damit man gesehen werden kann.“ (S. 80) Das wiederholt dann der Grashüpfer. In der Übersetzung Thyra Dohrenburgs beansprucht der Floh, er sei am höchsten gesprungen, „aber dazu braucht’s in dieser Welt Muskeln, damit sie einen sehen können“ (Andersen: Sämtliche Märchen in zwei Bänden, 1. Band, Ausgabe 2005, S. 395). Die ansehnliche Präsenz in der Welt mag mit der Frage, wer eine Prinzessin bekommt, zusammenhängen.

Es treten drei Springer zu einem Wettkampf an, wer am höchsten springen kann: der Floh, der Grashüpfer und der Hüpfauf (ein Spielzeug aus einem Gänsebrustknochen, wie ein hölzerner Springfrosch). Und da es zu armselig wäre, „wenn diese Personen umsonst springen sollten“ (it 133, Bd. 2, S. 78), setzt der König seine Tochter als Siegespreis aus. Zunächst stellen die drei Figuren sich vor. Dann beginnt das Wettspringen. Der Floh springt am höchsten, aber man kann ihn dabei nicht sehen; der Grashüpfer springt halb so hoch, aber dem König ins Gesicht. Der Hüpfauf muss erst vom Hund angestoßen werden, springt dann bloß der kleinen Prinzessin in den Schoß. Der König erkennt ihm den Sieg zu, obwohl er nach den Regeln verloren hätte: „Der höchste Sprung ist der, zu meiner Tochter hinaufzuspringen, denn darin liegt das Feine, aber es gehört Köpfchen dazu, darauf zu kommen.“ Und der Hüpfauf bekommt die Prinzessin, wenn er auch kein Köpfchen hat (man sagt von ihm nur, „daß er umso mehr dächte“, auch wenn er nichts sagt, S. 79). Den letzten Teil bilden die kommentierenden Worte von Floh und Grashüpfer.

Der Erzähler schließt mit der gleichen Technik wie im Märchen vom Tölpel-Hans: Er hat diese Geschichte, „die doch wohl erlogen sein könnte, wenn sie auch gedruckt ist“ (S. 80), dem trübseligen Lied des Grashüpfers entnommen – hier liegt ein „unmöglicher“ Selbstbezug des Erzählers auf den gedruckten Text vor, was nur über den Autor erfolgen kann, der sein Märchen gedruckt zu sehen erwarten darf. Außerdem gibt der Erzähler noch einige Kommentare (zur unsinnigen Äußerung des Ratsherren, man könne am Rücken des Hüpfaufs sehen, ob man einen strengen oder milden Winter bekommen wird, und zur Schmähung des Flohs, dass der gar nicht gesprungen sei, S. 79).

An den Charme der Geschichte von der Stopfnadel reicht die Erzählung nicht heran, finde ich.

Andersen: Die Stopfnadel – kurze Analyse

Das ist wieder eines der charmanten Märchen Andersens; erzählt wird von einer Stopfnadel, die schrecklich eingebildet ist und jedes Missgeschick so auslegt, als stelle es eine Beförderung dar. Sie straft durch ihr Handeln ihre Worte Lügen, ohne es zu merken, und ist so ein Abbild menschlicher Einbildung. Der Erzähler bewertet sie als eingebildet (it 133, Bd. 2, S. 51); er erklärt, wieso sie in sich hineinlacht; „denn man kann es niemals einer Stopfnadel von außen ansehen, wenn sie lacht“ (S. 52). Zum Schluss kommentiert er ihr Schicksal, als sie von einem Lastwagen überfahren worden ist und da liegt: „und so mag sie liegen bleiben“ (S. 55). Er wahrt also Distanz zu diesem eingebildeten Subjekt. Der Reiz besteht auch darin, dass die Finger zu Beginn als eigenständig handelnde Personen auftreten, während wir uns dessen bewusst sind, dass wir selber mit den Fingern arbeiten: Die Differenz der Perspektiven erzeugt oder bezeugt einen tiefgründigen Humor.

Viel ist nicht von der Nadel zu berichten: Sie soll den Pantoffel einer Köchin nähen und zerbricht dabei; ihre Partner sind die Finger, die als Vertreter des Realitätsprinzips die Einbildungen der Stopfnadel zurückweisen. Die Köchin flickt sie notdürftig und steckt sie vorn ins Tuch, worauf sie ihre Beförderung zur Busennadel proklamiert. Vor lauter Stolz richtet sie sich auf und fällt in die Gosse: „Ich bin zu fein für diese Welt!“ (S. 52)  Sie lästert über die Dinge, die über sie hinweg schwimmen, etwa einen Span, „der denkt an nichts in der Welt, als an einen Span, und das ist er selbst!“ (S. 52) Aber sie merkt nicht, dass sie genau das tut, was sie dem Span unterstellt. Einem Flaschenscherben, den sie für einen Diamanten hält, stellt sie sich als Busennadel vor und erklärt ihm, dass ihre Köchin an jeder Hand fünf Finger hatte, die höchst eingebildet waren – eine charmante Passage! Als der Scherben fortgeschwemmt wird, hat sie viele Gedanken und glaubt gar, sie sei von einem Sonnenstrahl geboren. Ein paar Jungen finden sie schließlich stecken sie als Segelmast in eine Eierschale, über die dann der Lastwagen fährt.

An dieser Stelle könnte man die Geschichte weitererzählen, weil sie bloß aus einer Reihe aufgereihter Episoden besteht, in denen die Nadel sich als eingebildete Person erweist; es wird also nicht von einer Entwicklung der Nadel berichtet – ihre Geschicke bleiben ihr äußerlich, treffen sie zufällig oder eben so, wie es (mit) Nadeln ergeht. So kann der Erzähler mit seinem Schlusskommentar die Erzählung nach einem passenden „Unglück“ beenden; er hätte dafür aber auch ein anderes Ereignis wählen können – unserem Bild von der Nadel, unserer Freude an der Entlarvung ihrer Selbsteinschätzung hätte das keinen Abbruch getan.

Andersen: Die kleine Seejungfrau – kurze Analyse

Übersetzungvarianten der Überschrift (kann fürs Suchen wichtig sein): Die kleine Meerfrau (Heinrich Detering); Die kleine Meerjungfrau (Thyra Dohrenburg)

Dieses Märchen ist Andersens berühmtestes, es ist am häufigsten fortgedichtet worden (bis hin zu Walt Disneys „Arielle, die Meerjungfrau“); ob es sein bestes ist, werde ich später diskutieren.

Der allwissende Erzähler beschreibt zunächst die Ausgangssituation: Es gibt das Meervolk, der König hat sechs Töchter; die jüngste liebt rosenrote Blumen, die der Sonne gleichen, sowie eine Knabenstatue und lässt sich gern von der Menschenwelt erzählen – ihre Nähe zur oberen Welt ist von Beginn an vorhanden. Sie sehnt sich danach, im Alter von 15 Jahren erstmals auftauchen zu dürfen.

Sieben Erzählschritte braucht es, um das Geschehen zu einem Abschluss zu bringen: 1. Die ersten fünf Schwestern tauchen mit 15 ans Tageslicht auf und berichten zu Hause von ihren Erlebnissen, finden es dort jedoch am schönsten. 2. Die jüngste taucht auf (it 133, Bd. 1, S. 120 ff.), sieht ein Schiff, auf dem ein Fest gefeiert wird, und einen schönen Prinzen. Als das Schiff untergeht, rettet sie ihn und küsst ihn, was er aber nicht bemerken kann. Sie zieht ihn an Land, er kommt später zu sich, sieht sie aber nicht; sie kehrt traurig heim. 3. Sie hat Sehnsucht nach ihm und findet sein Schloss, sucht seine Nähe. Ihre Oma klärt sie über die menschliche Seele auf, welche den Angehörigen des Meervolks fehlt: „Nur wenn ein Mensch dich so lieben würde, daß du ihm mehr als Vater und Mutter wärest, wenn er mit all seinem Denken und all seiner Liebe an dir hinge“ und sie heiratete, „dann flösse seine Seele in deinen Körper über, und auch du erhieltest Anteil an der Glückseligkeit der Menschen.“ (S. 126 f.) Aber das sei unmöglich; da wird sie noch trauriger. 4. Sie beschließt, zur Seehexe zu gehen, besteht den gefährlichen Weg zu ihr und erfährt, wie sie Beine an Stelle des Schwanzes bekommen kann (dreifacher Schmerz bis hin zum Untergang). Der Preis für die Hilfe ist ihre Stimme, die sie der Hexe abgeben muss. Ihr verbleiben ihre schöne Gestalt, der wiegende Gang und die sprechenden Augen; „damit kannst du schon ein Menschenherz betören“ (S. 131), sagt die Hexe. Sie nimmt vom Schloss Abschied und schwimmt entschlossen nach oben. 5. Sie trinkt am Prinzenschloss den Zaubertrank; er findet die sprachlose Schöne, sie tanzt, sie soll bei ihm bleiben und begleitet ihn stumm. Er liebt sie wie ein Kind, er küsst sie auf die Stirn (S. 133), sie erinnert ihn an seine Retterin. 6. Der Prinz soll heiraten, sperrt sich aber gegen die vorgesehene Prinzessin. Er verspricht der Seejungfrau, sie dereinst zu heiraten, und küsst sie einmal auf den Mund (S. 134). Aber er erkennt dann in der schönen Prinzessin seine Retterin, verlobt sich mit ihr und heiratet sie. Die Meerjungfrau feiert die Hochzeit mit und weiß, dass dies die letzte Nacht ihres Lebens ist. 7. Da tauchen ihre Schwestern mit einem Messer auf: Falls sie den Prinzen ersticht und das Blut sie bespritzt, kann sie wieder zur Meerjungfrau werden und am Leben bleiben. Sie blickt ihren Prinzen an und wirft das Messer weg, worauf sie sich in Schaum auflöst – die Heirat des Geliebten war ja die Bedingung, unter der sie ihre menschliche Gestalt behalten konnte.

Es folgt ein Nachtrag zur eigentlich abgeschlossenen Erzählung von der großen Liebe der Meerjungfrau, die in den Tod geht, um ihren Geliebten glücklich leben zu lassen: Sie verschwindet nicht, sondern kommt zu den Töchtern der Luft. Die können sich durch gute Taten nach 300 Jahren (das war auch die Lebenszeit der Meerleute) selbst eine Seele erschaffen und in den Himmel kommen. Mit den anderen Töchtern der Luft steigt sie empor… Den Schluss bildet die Erklärung einer der Lufttöchter: Wenn ein gutes Kind seinen Eltern eine Freude macht „und wenn wir vor Freude darüber lächeln“ (S. 139), wird die Prüfungszeit der 300 Jahre um eines verkürzt; ein böses Kind jedoch lässt die Lufttöchter leiden und fügt ihrer Prüfungszeit einen Tag hinzu. [Also, liebe Kinder, was nehmt ihr euch heute ganz fest vor?]

Das Märchen ist die Geschichte einer romantischen Liebe, die sich im Verzichten vollendet. Sie geht zu Herzen und ist deshalb sicher die am stärksten weiterwirkende Märchenerzählung Andersens. Ich finde sie aber nicht seine beste und möchte vor allem drei Aspekte dafür anführen: 1. Der Nachtrag ist von der Konstruktion der Erzählung her überflüssig; mit der Auflösung in Meerschaum ist der Weg der Meerjungfrau zu Ende. Wenn sie nun als Lufttochter gerettet wird, ist das ein Trostpflaster für die mitleidenden Leserinnen, ein nachgetragenes halbes happy end. Die Verbindung der Lufttöchter mit den Taten eines Kindes, „das seinen Eltern Freude macht und deren Liebe verdient“ (S. 139), ist eine „pädagogische“ Zumutung und ein großer Quark. 2. Das Bild der romantischen Liebe, der die Meerjungfrau verfallen ist und aus der sie nicht nur viele Schmerzen erduldet und sogar ihr Leben verliert, sondern auch noch dem Geliebten das fremde Glück gönnt, ist als Ideal menschlichen Liebens schrecklich und vernebelt die Gedanken und Gefühle. Außerdem ist es (mal wieder) die Frau, die derart dienend lieben darf. 3. Eine sprachlose Liebe ist ein Unding, erstens; außerdem wird die sprachlose Meerjungfrau auf ein sexy Püppchen reduziert. Ihr bleiben gutes Aussehen, der wiegende Gang und die sprechenden Augen – damit könnte sie in Hollywood arbeiten, aber keine gleichberechtigte Partnerin eines Mannes werden, mit dem sie sich ja auch auseinandersetzen muss, und dazu braucht es nun einmal eine Stimme; man kann nicht alles im Bett oder durch Schmusen regeln. Abschließend möchte ich noch anmerken, dass es höchst ungerecht ist, dass die Lufttöchter sich ihre Seele selbst basteln können, während die Meerleute quasi seelenlos bleiben müssen, obwohl sie gleichfalls 300 Jahre sprechen und fühlen können; und im Kontext christlichen Denkens ist eine selbstgebastelte Seele ein Unding, woran der liebe Gott partout keine Freude haben kann.

Mein Fazit: Die Erzählung weist mehrere Schwächen auf und reicht an die besten Märchen Andersens nicht heran.

Vgl. zum Motiv „Melusine und die kleine Seejungfrau“, einen Artikel über Wasserfrauen sowie meine Analyse von Fouqués „Undine“ (und Goethe: Der Fischer)! Vgl. außerdem (Nachtrag) noch

http://www.mythos-magazin.de/mythosforschung/mk_meerjungfrauen.pdf Meerjungfrauen in der Literatur

https://germanistik.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/inst_germanistik/falchetto.rtf M. Falchetto: Ankertau und Kirchtürme (beachtliche Interpretation, gegen meine Lesart!)