Das Motiv „Apfelschuss“

In dem Buch „Märchen aus Schottland“ (hrsg. von Frederik Hetmann, Fischer Taschenbuch Verlag 1996) steht die Geschichte „Adam Bel, Clym of the Clough und William von Cloudesley“ (S. 132-141, eher eine Sage). Nach mancherlei Verwicklungen stehen die drei Outlaws vor dem König und erweisen sich als herausragende Schützen. Nachdem Cloudesley auf 200 Schritt zwei Haselruten mit einem Pfeil gespalten hat, bietet er dem König an, mit einem Pfeil seinem eigenen siebenjährigen Sohn auf 120 Schritt einen Apfel auf dem Kopf in zwei Teile zu spalten. Er bindet seinen Sohn, mit dem Rücken ihm zugewandt, an einen Pfosten, legt an „und im nächsten Augenblick fiel der Apfel in zwei Hälften geteilt zu Boden, ohne daß dem Kind ein Haar gekrümmt worden wäre“ (S. 140). Der König ist davon überwältigt und nimmt die ganze Familie Cloudesley in seinen Dienst.

Trotz einiger Unterschiede in der Situation ist das Motiv des Apfelschusses das gleiche wie in der Tell-Sage. (Hetmann nennt als Quelle W. Carew Hazlitt: National Tales and Legends, o.J.)

Zum Motiv „Apfelschuss“ vergleiche http://de.wikipedia.org/wiki/Apfelschuss; in Waagen und Gewichte – Wielandlied von Heinrich Beck, Verlag Walter de Gruyter, S. 219, ist zu lesen, dass das Motiv bereits in der Antike auftaucht (Bellerophon und seine Söhne), im Mittelalter wurde es auf verschiedene Helden übertragen, u.a. auf den Meisterschützen Egill (ebenfalls drei Pfeile, wie später Tell, um notfalls den König zu erschießen); Egils Apfelschuss http://de.wikipedia.org/wiki/Egilhttp://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/salis_tellmythos/salis_tellmythos.html; zum Begriff des Motivs http://www.pangloss.de/cms/uploads/Dokumente/Germanistik/Stoffe.PDF; zum Apfelschuss in Schillers Drama http://www.iusfull.ch/fileadmin/letzte_hefte_content/2008-03u04_in_medias_res.pdf.

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Schiller: Wilhelm Tell – Inhalt, Aufbau, Analysen

Situation im Tell-Drama:

I 1 spielt am 28. Oktober 1307. Der König von Österreich will die freien Kantone der Schweiz unterwerfen. Der König von Österreich bekleidet gleichzeitig das Amt des Kaisers des deutschen Reiches; als Kaiser müsste er den Kantonen gegen das Königreich Österreich beistehen. Die Situation ist rechtlich verfahren; dadurch ergibt sich das Problem, ob ein Volk sich in Notwehr selber helfen darf, politisch gesprochen: einen Aufstand machen darf.

Im 1. Aufzug (Akt) werden von Baumgarten, Stauffacher und Melchtal aus allen Kantonen Übergriffe der kaiserlichen Vögte vermeldet

Wilhelm Tell – Überblick über das Drama

1. Aufzug (Akt)

Moral und Politik in „Wilhelm Tell“ I

2. Aufzug

3. Aufzug

Als was für ein Mensch erscheint  Wilhelm Tell in III 1?

4. Aufzug

Charakterisierung Geßlers – Gliederung (zu „Wilhelm Tell“ IV 3)

5. Aufzug

Zum Aufbau des Dramas:

P.S. Literarische Tradition

P.S. Das Motiv „Apfelschuss“

Die Analyse dieser Themen finden Sie jetzt auf dem Lehrermarktplatz unter meinem Namen (Norbert Tholen).


Johann Jakob Bodmer hatte 1775 drei „Schweizerische Schauspiele“ veröffentlicht: Wilhelm Tell, Geßlers Tod, Der alte Heinrich von Melchthal; Joseph Ignaz Zimmermann: Wilhelm Tell. Ein Trauerspiel, 1777; Johann Ludwig Ambühl: Der Schweizerbund, 1779. Parallel erschienen auch Zeichnungen, Radierungen und Gemälde in der Öffentlichkeit:

http://www.artnet.fr/artistes/bernhard-christian-bernhard-rode/wilhelm-tell-soll-seinem-sohn-einen-apfel-den-ihm-kwsPu3xK5oaqSXV4r2QyOQ2 (Bernhard Rode: Wilhelm Tell, 1774, Radierung)

https://www.kunstkopie.de/a/chodowiecki-daniel-nikola/wilhelmtell-1.html (Dan. Chodowiecki: Wilhelm Tell, 1781)

https://www.graphikportal.org/document/gpo00087750 (Bernhard Rode: Drey Helvetier legen den Grund zum Schweizerbunde; dazu eine Radierung von Johann Conrad Krüger)

https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCtlischwur#/media/File:Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_018.jpg (Johann Heinrich Füssli: Die drei Eidgenossen beim Schwur auf dem Rütli, 1780)

http://www.e-manuscripta.ch/zuzneb/content/pageview/1382310 (Johann Heinrich Füssli: Tell erschießt Geßler, 1750)

http://www.zeno.org/Kunstwerke/B/Chodowiecki,+Daniel+Nikolaus%3A+Wilhelm+Tell (Chodowiecki: Wilhelm Tell, 1781)

Literarische Motive – kurze Übersicht

Der Begriff des literarischen Motivs hat einen sehr breiten Rand und ist entsprechend unscharf. Wenn man das Geschehen eines ganzes Werkes als ein bestimmtes Motiv erfasst, kann man es als das allgemeine Handlungsmuster begreifen (Rivalität zwischen Brüdern; was ein verliebter und deshalb verrückter Alter alles anstellt …). Aber auch kleinere Einheiten können als Motive gesehen werden (etwa die Situation des Sonnenuntergangs; Konflikte oder Verbrechen während eines Gewitters …). Motiv ist also ein das konkrete Geschehen strukturierendes Allgemeines, etwas Wiederkehrendes, ein Muster. Insofern besteht ein Zusammenhang mit dem, was in der Antike tópos oder tópoi (Plural) hieß: Aus den antiken Topoi entstand „ein lit. Grundbestand fester Bilder, stehender Wendungen und traditioneller Motive“ (MLL, Art. „Topos“). – Unter den Suchwörtern „Motive (in) Literatur“ habe ich heute im Netz gefunden: http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Motiv http://de.wikipedia.org/wiki/Portal:Stoffe_und_Motive (http://wiki.zum.de/Kategorie:Motive_in_der_Literatur) http://zs.gbv.de/motive/ bzw. http://rzblx10.uni-regensburg.de/dbinfo/detail.php?titel_id=6444&bib_id=fhf http://www.zeno.org/Kategorien/T/Literarische+Stoffe+und+Motive http://www.bsz-bw.de/depot/media/7400000/7426000/7426829/bies.htm (Stand 1999) http://www.stauff.de/grundkursdeutsch/dateien/motive/motive.htm http://limotee.blogspot.ch/ (Themen und Motive in Literatur und Film – links oben ist ein Suchfenster, sehr praktisch!) http://www.maerchenlexikon.de/suchemotiv.htm (Motive in den KHM, Verzeichnis der Nummern: http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/20620) http://www.heinrich-tischner.de/50-ku/marchen/0reg.htm#Motive (Motive in Märchen) Als eine Sammlung von Motiven kann man auch das Lexikon der Symbole betrachten, die dort psychologisch interpretiert werden: http://www.symbolonline.de/index.php?title=Hauptseite; vgl. auch http://www.kunstdirekt.net/Symbole/index.htm und http://www.symbols.com/ Daneben werden viele einzelne Motive und Motive einer Epoche (der Romantik usw.) behandelt. – Ein Kollege, der Motive untersucht, und dessen Ergebnisse: http://limotee.ch/autor-dieses-blogs/

Auf dem Büchermarkt sind die wichtigsten Titel: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch, von Horst und Ingrid Daemmrich. 1995, 2., überarb. u. erw. Aufl., XXV, 410 Seiten (36,90) Elisabeth Frenzel: Motive der Weltliteratur (6. Auflage; Verlag Kröner, 27,90) Themen, Stoffe und Motive in der Literatur für Kinder und Jugendliche, von Ernst Seibert. UTB 2008 (18,90) Metzler Lexikon literarischer Symbole, 2008 (39,95 – Besprechung: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=13199)

Als Beispiel eines literarischen Motivs soll uns die Geschichte vom „Doktor Allwissend“ dienen – den Text findet man leicht im Internet: http://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/doktor_allwissend http://de.wikisource.org/wiki/Doktor_Allwissend (alle Versionen der Brüder Grimm) http://www.maerchen.com/grimm2/doctor-allwissend.php http://www.textlog.de/40123.html (Doktor Allwissend – Brüder Grimm)

Dieser Schwank ist folgendermaßen aufgebaut: 1. Wie kommt der arme Bauer Krebs in den Ruf, allwissend zu sein? 2. Wie praktiziert er seine angebliche Allwissenheit? – Seine Worte (Zahl-Wörter) werden von den Schuldigen als Wissen interpretiert, was sie zum Geständnis bewegt (dreimal); – dann „errät“ er etwas durch zufällige Wortgleichheit (Krebs: Tier und Familienname), – schließlich erweist sich eine anders gemeinte Wendung (Suche nach dem Göckelhahn) als „Wissen“ um ein Versteck. 3. Am Ende ist er ein reicher und berühmter Mann.

* Man vergleiche damit eine Geschichte aus Kasachstan: Der Hellseher (http://www.hekaya.de/txt.hx/der-hellseher–maerchen–asien_60) 1. Wie kommt er in den Ruf, Hellseher zu sein? 2. Wie funktioniert die Hellseherei? – Zweimal kommt der Dieb selbst zu ihm, während er sich gerade davonmachen will, – beim dritten Mal sagt er ein „dunkles“ Wort, das als „richtig“ erkannt wird. 3. Am Ende ist er reich, während seine bösen Brüder tot sind.

* Man vergleiche damit das türkische Märchen „Der Hellseher“ (Türkische Märchen. Herausgegeben und übersetzt von Adelheid Uznoglu-Ocherbauer. Fischer Taschenbuch Verlag 1982, S. 116 ff.) 1. Wie kommt er in den Ruf, Hellseher zu sein? (durch die Wahrheit eines dunklen Wortes) 2. Wie arbeitet er als Hellseher? – Zweimal erweist sich ein dunkles Wort als richtig, – beim dritten Mal überführt er durch anders gemeinte Zahl-Wörter Räuber, – beim vierten Mal glaubt sich der Dieb durch ein dunkles Wort erkannt. 3. Am Ende heiratet er die Tochter des Zaren.

* Auswertung zum Begriff des Motivs: Erzählt wird, wie ein einfacher Mensch als vermeintlicher Hellseher mehr oder weniger zufällig etwas Unbekanntes (meist ein Verbrechen) „richtig“ erhellt und Diebe überführt; dadurch hat er eine Aufgabe gelöst und sich vor einem Überlegenen bewährt, sodass ihm am Ende eine Belohnung zuteil wird. Dieser „Kern“ ist in den drei Schwänken identisch, auch wenn die erzählten Ereignisse bzw. die jeweils hilfreichen dunklen Worte voneinander abweichen. – Da es sich um eine Schwankerzählung handelt, klärt der Erzähler die Zuhörer beizeiten auf, wie die Hellseherei tatsächlich funktioniert; auch dass die Diebe am Ende glimpflich davonkommen, gehört zum Schwank – sie haben schließlich zum Erfolg des Hellsehers beigetragen [im Märchen aus Kasachstan waren die Brüder dagegen böse, mit entsprechender Konsequenz]. Im Brockhaus lesen wir zu „Doktor Allwissend“: Das Schwankmärchen stammt wohl aus Indien (zuerst aufgezeichnet im ersten Jahrh. n. Chr. durch den ind. Dichter GUNADHJA). In Europa begegnen einzelne oder mehrere seiner Motive seit dem 14. Jahrh. (bei Sercambi, Poggio, Bebel u. a.). Die erste vollständige Fassung findet sich in den „Contes du Sieur D’Ouville“ (1643).“ (Brockhaus Enzyklopädie 1968 – http://www.sprache-werner.info/Geschichte-Brockhaus-1968.1905.html) Sollte es tatsächlich aus Indien stammen, würde sich die weltweite Verbreitung des Motivs leicht erklären lassen; wir hätten dann in den einzelnen Fassungen zerfaserte Erzählungen der Urfassung vor uns. Das legte es nahe, vom gleichen Stoff statt vom gleichen Motiv zu sprechen!

Zweites Beispiel: Der Meisterdieb (https://norberto42.wordpress.com/2013/04/14/der-meisterdieb-ein-literarisches-motiv/)

Drittes Beispiel: Hilfe der Tiere (https://norberto42.wordpress.com/2014/10/08/bechstein-die-verzauberte-prinzessin-analyse/)

Viertes Beispiel: Die Wortproblematik in Faust I (https://norberto42.wordpress.com/2016/11/08/die-wortproblematik-ein-motiv-in-faust-i/)

Fünftes Beispiel: Der verwünschte Esel (https://norberto42.wordpress.com/2018/11/06/der-schwank-vom-verwuenschten-esel-tradition-und-abwandlung-eines-motivs/)

Motivgleichheit bei Märchen: https://www.youtube.com/watch?v=5186wGYgt6A (Goldbaum und Silberbaum: das gleiche Motiv wie „Schneewittchen“); https://books.google.de/books?id=EGmQBAAAQBAJ&pg=PT194&lpg=PT194&dq=“der+brunnen+am+Ende+der+Welt“&source=bl&ots=0NMC6CFnrg&sig=KB1ixp_P-rzaX8U0mW3oQqMYIHA&hl=de& (Der Brunnen am Ende der Welt: das gleiche Motiv wie „Frau Holle“ – zu unterscheiden von einem gleichnamigen Märchen, welches das Froschkönig-Motiv variiert: http://www.hekaya.de/maerchen/der-brunnen-am-ende-der-welt–europa_117.html); „Tom Tit Tot“ (http://www.hekaya.de/maerchen/tom-tit-tot–europa_617.html), das gleiche Motiv wie „Rumpelstilzchen“, vgl. auch http://en.wikipedia.org/wiki/Rumpelstiltskin und http://de.wikipedia.org/wiki/Rumpelstilzchen. – Gleich drei Varianten des gleichen Motivs: http://www.zeno.org/M%C3%A4rchen/M/Frankreich/Ernst+Tegethoff%3A+Franz%C3%B6sische+Volksm%C3%A4rchen+2/Aus+Nordfrankreich/8.+Der+Biedermann+Elend+und+die+Bohnenranke „Der Biedermann Elend und die Bohnenranke“ (französisch); „Vom Fischer und seiner Frau“ (Brüder Grimm) http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-schonsten-kinder-und-hausmarchen-6248/49; „Mann und Frau im Essigkrug“ (L. Bechstein) http://www.maerchen.com/bechstein/mann-und-frau-im.php; das Motiv der drei Wünsche: http://gutenberg.spiegel.de/buch/johann-peter-hebel-schatzk-329/155; https://de.wikisource.org/wiki/Der_Arme_und_der_Reiche_(Meier); http://khm.li/Der-Arme-und-der-Reiche (7. Fassung, 1857); vgl. dazu https://archive.org/stream/anmerkungenzuden02grim#page/210/mode/2up

Weitere Beispiele: zum Begriff des Motivs und zum Motiv „Apfelschuss“ s. https://norberto42.wordpress.com/2012/09/30/das-motiv-apfelschuss/; vgl. auch das, was links in der Suchmaske unter „Motiv“ zu finden ist. Beispiel: Drachenmotive http://de.wikipedia.org/wiki/Drache_(Mythologie); weiteres Beispiel: das Wandern bzw. der Wanderer.

Eine große Übersicht, wenn auch schon alt, bietet

https://archive.org/stream/etymologischsymb01norkuoft#page/n17/mode/2up Etymologisch-symbolisch-mythologisches Real-Wörterbuch zum Handgebrauche für Bibelforscher, Archäologen und bildende Künstler…, von F. Nork, A-E, 1843

https://archive.org/stream/etymologischsymb02norkuoft#page/n7/mode/2up dito, F-K, 1844

https://archive.org/stream/etymologischsymb03norkuoft#page/n5/mode/2up dito: L-O, 1845

https://archive.org/stream/etymologischsymb04norkuoft#page/n5/mode/2up dito, P-Z, 1845