Hier spricht Nietzsche (2)

Zweites Gespräch mit F. Nietzsche über seine frühen Einsichten [Sentenzen von 1877 – Kritische Studienausgabe, Bd. 8]

Herr Nietzsche, mir ist aufgefallen, dass Sie selber von Sentenzen sprechen, während heute in der Literatur normalerweise von Aphorismen gesprochen wird; ich übernehme, nachdem ich Ihre unveröffentlichten Äußerungen von 1877 kennengelernt habe, gern Ihren Sprachgebrauch. Was ist eine Sentenz?

„Eine Sentenz ist ein Glied aus einer Gedankenkette; sie verlangt, dass der Leser diese Kette aus eigenen Mitteln wiederherstelle: dies heisst sehr viel verlangen.“

Sie haben in diesem Jahr gelegentlich über die Leistungen von Sentenzen nachgedacht. Warum schreiben Sie selber Sentenzen?

„Eine Sentenz muss, um geniessbar zu sein, erst aufgerührt und mit anderem Stoff (Beispiel, Erfahrungen, Geschichten) versetzt werden. Das verstehen die Meisten nicht und desshalb darf man Bedenkliches unbedenklich in Sentenzen aussprechen.“

Nicht so bescheiden, Herr Nietzsche! Sie schreiben im Konzept einer Vorrede für „Menschliches, Allzumenschliches“, dass Sie ein „Reisebuch unterwegs zu lesen“ machen wollten; aber weil wir heute insgesamt nicht wirklich reisen, wenn wir verreisen, will ich das Bild „Reisebuch“ ruhen lassen. – Sprechen wir lieber von Ihnen: Sie gehen mit Ihren jetzigen Gedanken unmittelbar bis an Ihr nächstes Buch „Menschliches, Allzumenschliches“ heran. Sie können mit manchen früheren Gedanken nicht mehr zufrieden sein – es erklingen neue Töne.

„Wer sich erlaubt öffentlich zu sprechen ist verpflichtet sich auch öffentlich zu widersprechen, sobald er seine Meinungen ändert.“

Ich habe den Eindruck, dass Sie in den letzten Jahren eine Lebensschwelle überschritten haben, vielleicht die magische Altersgrenze 30 – Sie sind vom Jahrgang 1844.

„Geist der Jugendlichkeit, der Vorrechte, selbst zu einigen Unarten hat, – diess fehlt mir jetzt.“

Anderseits ist die Jugend auch die Zeit der Irrtümer, des Suchens: Ist es nicht gut für jeden, wenn sie vorüber ist?

„Wenn der Mensch  s o f o r t  mit  E i n s i c h t  in die Wahrheit begabt wäre, die Schule des Irrthums nicht durchgemacht hätte?“

Das wäre allerdings auch ein Verlust – aber man muss schon über 30 oder 40 Jahre sein, um die Zeit des Suchens nicht als vertan zu betrachten. Worin besteht der Gewinn Ihrer jugendlichen Irrtümer?

„Man  m u ß  Religion und Kunst verstehen – sonst kann man nicht weise werden. Aber man muß über sie hinaus sehen können; bleibt man darin, so  v e r s t e h t  man sie nicht. Ebenso ist die Metaphysik eine Stufe, auf der man gestanden haben muß.“

Und was gewinnt man, wenn man sie überwindet?

„Man muss eine Zeitlang im metaphysischen Dunstkreis gelebt haben, nur um zu erfahren, wie wohl es thut in nüchterner Morgenfrische alle Dinge zu sehen und tiefen Athem in reiner Luft zu schöpfen.“

Wie schätzen Sie Ihren derzeitigen Stand der Erkenntnis ein? Sind Sie der Wahrheit näher gekommen? Haben Sie sie gefunden?

„Nachdem ich von Jahr zu Jahr mehr gelernt habe, wie schwierig das Finden der Wahrheit ist, bin ich gegen den Glauben, die Wahrheit gefunden zu haben mißtrauisch geworden: er ist ein Haupthinderniß der Wahrheit.“

Vielleicht sollen wir noch einmal am Beispiel die Eigenart der alten Denkweise darstellen.

„Ist für etwas z.B. Eigenthum Königthum die Empfindung erst erregt, so wächst sie fort, je mehr man den Ursprung vergißt. Zuletzt redet man bei solchen Dingen von ‚Mysterien‘, weil man sich einer überschwänglichen Stärke der Empfindung bewußt ist, aber genau genommen keinen rechten Grund dafür angeben kann. Ernüchterung ist auch hier von Nöthen, aber eine ungeheure Quelle der Macht versiegt freilich.“

Wie meinen Sie das? Welche Quelle versiegt?

„Wenn die Menschen nicht für Götter Häuser gebaut hätten, so läge die Architektur noch in der Wiege. Die Aufgaben, welche sich der Mensch auf Grund falscher Annahmen stellte (z.B. Seele loslösbar vom Leibe), haben zu den höchsten Culturformen Anlaß gegeben. Die ‚Wahrheiten‘ vermögen solche Motive nicht zu geben.“

Und was macht Ihre neue Denkweise aus?

„Aristoteles meint, der Weise sojo  [Lies „sophós“, N.T.] sei der, welcher sich nur mit dem Wichtigen Wunderbaren Göttlichen beschäftige. Da steckt der Fehler in der ganzen Richtung des Denkens. Gerade das Kleine Schwache Menschliche Unlogische Fehlerhafte wird übersehn und doch kann man nur durch sorgfältigstes Studium desselben  w e i s e  werden.“

Wodurch ist auf Seiten der Philosophen das falsche Denken zustande gekommen? Es müssen doch methodische Fehler vorliegenen, wenn man so selbstgewiss in die falsche Richtung marschiert.

„Der Fehler fast jeder Philosophie ist ein Mangel an Menschen-Kenntniss, eine ungenaue psychologische Analyse. Die Moralisten fördern insofern die Erkenntniss mehr als sie sich bei den vorhandenen Analysen der menschlichen Handlungen nicht beruhigen.

Um die falschen psychologischen Facta breitet der Philosoph sein Naturwissen und hüllt alles in metaphysisches Bedürfniss.“

Die Grenze zwischen Philosophie, die ihren Namen verdient, und allen tiefsinnigen Spekulationen muss also ganz streng gezogen werden.

„Eine Philosophie mit religiösen Bedürfnissen erfassen heisst sie völlig missverstehen. Man sucht einen neuen Glauben, eine neue Autorität – wer aber Glaube und Autorität will, der hat es an den hergebrachten Religionen bequemer und sicherer.“

Sie sprechen auch davon, dass die Popularität des Philosophierens zu Ihrer Zeit darauf beruhte, dass es „ein vergnügliches, unter Umständen geistreiches Herumwerfen der philosophischen Ideen-Fangbälle“ war (23/126). Was macht eine lockere „Philosophie“ attraktiv – abgesehen davon, dass sie wenig Mühe bereitet?

„Philosophie ist die Fata Morgana welche die Lösung den ermüdeten Jüngern der Wissenschaften vorspiegelt.“

Eine Ihrer methodischen Entdeckungen ist es, die Geschichte der moralischen Empfindungen zu erforschen oder zu rekonstruieren. Welche persönlichen Motive stecken hinter dieser Methode?

„Es ist kein Zweifel, dass zur Vermehrung der geistigen Freiheit in der Welt die Gewissenbisse wesentlich beigetragen haben. Sie reizten häufig zu einer Kritik der Vorstellungen, welche, auf Grund früherer Handlungen, so schmerzhaft wirkten; und man entdeckte, dass nicht viel daran war, ausser der Gewöhnung und der allgemeinen Meinung innerhalb der Gesellschaft, in welcher man lebte. Konnte man sich von diesen beiden losmachen, so wichen auch die Gewissensbisse.“

Gibt es andere bedeutende Entdeckungen in Fragen der Moral, welche sich der historischen Methode verdanken?

„Das  M i t g e f ü h l  mit dem Nächsten ist ein  s p ä t e s  Resultat der Cultur: wie weit muß die Phantasie entwickelt sein, um anderen wie uns selber nachzufühlen (erst wenn wir gelernt unsere eigenen  n i c h t  gegenwärtigen Schmerzen und Freuden durch die Erinnerung nachzufühlen und wie gegenwärtige zu empfinden). Vielen Antheil hat gewiß die Kunst, wenn sie uns lehrt, Mitleiden selbst mit vorgestellten Empfindungen unwirklicher Personen zu haben.“

Mitgefühl mit dem Nächsten, mit den Mitmenschen scheint Ihre Sache nicht zu sein. Sie gehen auch viel allein spazieren, weichen den volkstümlichen Lustbarkeiten aus.

„Man muss sehr flach sein, um aus den gewöhnlichen Gesellschaften nicht mit Gewissensbissen heimzukehren.“

Sie scheinen von der Intelligenz Ihrer Mitmenschen nicht überzeugt zu sein?

„Mancher trifft den Nagel, aber nicht auf den Kopf, er macht das Problem heillos schief. Es wäre besser, er hätte die Sache ganz verfehlt.“

Wie kann man denn mit solchen Mitmenschen zu Rande kommen?

„Die Klugheit gebietet, sich für das,  w a s   m a n   g i l t , auch zu  g e b e n  oder vielleicht für etwas Geringeres.“

Zu Ihnen: Sie fühlen sich in der Nähe einer Frau bedroht. Auch schöne Frauen könnten Sie nicht mit dem Gedanken an eine Ehe spielen lassen?

„Ich finde den Mangel an Gerechtigkeitssinn bei Frauen  e m p ö r e n d. Wie sie mit ihrem dolchspitzen Verstand verdächtigen usw.“

Soll das heißen, dass nur wenige Frauen in Ihren Augen etwas wert sind – sozusagen die „männlichen“, besonders gebildeten Frauen?

„Unterschätzen wir auch die flacheren lustigen lachsüchtigen Weiber nicht, sie sind da zu erheitern, es ist viel zu viel Ernst in der Welt. Auch die Täuschungen auf diesem Gebiete haben ihren Honigseim.“

Ich möchte noch auf die Politik zu sprechen kommen. Eine der großen Ideen des 19. und 20. Jahrhunderts ist der Sozialismus. Worin liegt seine Kraft?

„Der Socialismus beruht auf dem  E n t s c h l u s s  die Menschen g l e i c h  zu setzen und gerecht gegen jeden zu sein: es ist die höchste Moralität.“

Am Sozialismus werden Sie noch mehr Kritik üben, etwa in „Menschliches, Allzumenschliches“. Vielleicht sollten wir auch einen Blick auf unsere rührigen Politiker werfen.

„Die munteren hüpfenden Bewegungen des Wallfisches machen Freude als ob sie Spiel und Lust bedeuteten: inzwischen ist es die Qual die die Natur im Innern ihm macht. So bewundert man die Munterkeit großer Staatsmänner.“

Deutschland war nach 1871 vom militärischen Erfolg über Frankreich geblendet; heute fehlt es an Ideen, vor allem aber an Geld.

„Die deutsche Zukunft ist nicht die der deutschen Geldbeutel.“

Eine letzte Frage, Herr Nietzsche. Ihre Begeisterung für Richard Wagner und seine Musik scheint nicht mehr ungetrübt zu sein. Was soll man tun, wenn eine so große Liebe zerbricht?

„Erfahrene Menschen kehren ungern zu Gegenden, zu Personen zurück, die sie einst sehr geliebt haben. Glück und Trennung sollen an ihren Enden zusammengeknüpft werden: da trägt man den Schatz mit fort.“

Vielen Dank, Herr Nietzsche, für dieses Gespräch.

(Das Gespräch fand am Abend des 28.12. 1997 in Jüchen statt.)

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