F. Douglass: Sklaverei und Freiheit, 1860 – gelesen

Von einem eindrucksvollen Buch ist zu sprechen, von

Frederick Douglass: Sklaverei und Freiheit. Autobiographie, 1855, deutsch 1860. Der Autor wurde 1817 als Sklave geboren, lebte als Kind bei seiner Oma, wurde dann als Aufpasser für einen weißen Jungen beschäftigt und schließlich von mehreren Sklavenaufsehern und Herren als Sklave schikaniert, ausgebeutet und misshandelt, bis ein erster Fluchtplan verraten wurde. Er hatte lesen und schreiben gelernt (großenteils heimlich) und einmal sich gegen den Übergriff eines Aufsehers körperlich gewehrt, was ihm großes Selbstvertrauen, eine größere innere Freiheit und damit auch die Fähigkeit nachzudenken bescherte. Wie seine Flucht nach New York 1838 gelang, verschweigt Douglass, um nicht anderen Leidensgenossen diesen Fluchtweg zu verbauen.

Der Autor erzählt nicht nur anschaulich von seinen Erlebnissen als Sklave, sondern reflektiert auch die Bedingungen der Sklaverei. Eindrucksvoll sind seine Überlegungen, ob Sklavenhalter schlechtere Menschen als andere sind: Es sei das System, das sie zu Unmenschlichkeit und Schinderei ermächtige; unter zivilen Umständen wären sie vermutlich ganz biedere Bürger – ein Gedanke, den man als Deutscher leicht mit den Untaten der Nazis in Verbindung bringt.

Nach seiner Flucht arbeitete er einige Jahre in New York und heiratete; er engagierte sich als Redner im Kampf gegen die Sklaverei und fuhr, um der Verfolgung durch Sklavenjäger zu entgehen, für einige Jahre nach England, wo er gleichfalls für das Ende der Sklaverei eintrat. Dort sammelten Freunde dann Geld, um ihn regelrecht loszukaufen, damit sein Status als freier Mann gesichert sei. Nach seiner Rückkehr in die USA gründete er gegen den Rat seiner Freunde eine eigene Zeitung, in der er seine Ideen verbreiten konnte.

Douglass hat ein kluges Buch geschrieben, das auch zum Nachdenken über die Situation und die Erfahrungen derer anregt, die vor unmenschlichen „Lebensbedingungen“ im 21. Jahrhundert fliehen. Man muss leider nur Frakturschrift lesen können, um in den Genuss des Buches zu kommen: Wäre es kein Lebensbericht, wäre es ein Bildungsroman.

Werbeanzeigen

Friedrich Christian Laukhard (1792 ff.) – ein Leseerlebnis

Friedrich Christian Laukhards Beschreibung seines Lebens zu lesen ist ein großes Erlebnis. Sie ist ab 1792 in sechs Bänden erschienen; sie wurde 1908 leicht gekürzt neu herausgegeben. Laukhard war der Sohn eines evangelischen Pfarrers, der seinem leichtlebigen Sohn immer wieder unter die Arme griff. Beeindruckend sind seine Schilderungen des Studentenlebens, seiner kurzen Laufbahn an der Uni und der akademischen Intrigen, seiner Geschicke als preußischer Soldat, als Beobachter des revolutionären Frankreichs, als Erzähler vieler Begegnungen mit freundlichen Menschen:

Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale. Von ihm selbst beschrieben. Bearbeitet von Dr. Viktor Petersen (1908)

https://archive.org/details/magisterfchlauk00petegoog/page/n11

https://archive.org/details/lebenundschicksa02laukuoft/page/n5 (Bd. 2)

Über F. C. Laukhard:

https://www.deutsche-biographie.de/artikelNDB_pnd118726692.html

https://www.deutsche-biographie.de/artikelNDB_pnd118726692.html#adbcontent

https://www.laukhard.de/Laukhards-Lebensdaten.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Christian_Laukhard

https://de.wikisource.org/wiki/Friedrich_Christian_Laukhard

Laukhard hat auch „Beyträge und Berichtigungen zu Herrn D. Karl Friedrich Bahrdts Lebensbeschreibung in Briefen eines Pfälzers“ (1791, https://archive.org/details/bub_gb_z985AAAAcAAJ/page/n5) geschrieben. Damit sei auf Carl Friedrich Bahrdts Selbstbiografie verwiesen, welche ebenfalls lesenswert ist, auch wenn viel geflunkert oder beschönigt wird.

https://www.deutsche-biographie.de/gnd11850598X.html#ndbcontent (alte und neue Biografie)

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Friedrich_Bahrdt

https://de.wikisource.org/wiki/Carl_Friedrich_Bahrdt

G. Gysi: Ein Leben ist zu wenig (2017) – Besprechung

Ich habe die 570 Seiten tatsächlich zu Ende gelesen, obwohl das Buch gegen Ende immer schwächer wird – es verliert sich im Anekdotischen. Am besten sind die Familiengeschichte, also die Vorgeschichte, und die Jugend des Autors erzählt. Interessant ist der Bericht von seiner Arbeit als Anwalt in der DDR, von der man als Wessi wenig weiß und an der der Vorwurf, IM gewesen zu sein, nach wie vor klebt. Der Bericht von der Arbeit in der Partei und Fraktion SED-PDS-Die Linke ist weithin eine Selbtbeweihräucherung; da fand ich vor allem interessant,was Gysi zu Lafontaine und zur Zusammenarbeit bzw. zum Streit mit mit ihm erzählt.

Wo das Buch gut ist, kommt Gysi aus dem Bericht einzelner Ereignisse zu allgemeinen Überlegungen. So merkt er zur Verteidigung eines Sexualtäters in der DDR an: „Ein gerechtes Urteil über einen Menschen erwächst auch aus der Kraft, die sich anderen Urteilen entgegenstellt. Nicht aus Prinzip, sondern aus dem Willen zur Ursachenforschung. Niemals darf ein Verteidiger zum zweiten Ankläger werden.“ Je weiter man liest, desto simpler werden allerdings diese Sentenzen: „Manchmal kann auch ein ganz schlichtes Argument überzeugend sein. Allerdings kann es manchmal lange dauern, bis man aufs Naheliegende kommt.“ Das ist bloß noch eine Plattitüde.

Von seinen Eltern spricht er immer wieder mit Respekt und Zuneigung, auch von seinen Frauen und seinen Kindern. Sich selbst stellt er als einen schlagfertigen Menschen dar, der tolerant ist: „Das Wissen um die Relativität eigener Wahrheiten bedeutet mir viel.“ (S. 204) Politisch folgt er jedoch seiner eignen Maxime nicht. Was seine Arbeit in der Wendezeit betrifft, müsste jemand beurteilen, der sich in den Einzelheiten der Zeitgeschichte besser auskennt als ich; interessant sind diese Teile des Buches allemal. Die Verhältnisse in der DDR hat Gysi beschönigt, finde ich. Zu den Ereignissen in Rostock 1992 bietet er keine Erklärung, über die rechtsradikalen Tendenzen in der ehemaligen DDR schweigt er beharrlich.

Von vielen Persönlichkeiten, die er als PDS-Vorsitzender getroffen hat, weiß Gysi nichts Substanzielles zu berichten, etwa von seiner Begegnung mit Nelson Mandela; dass dieser Toleranz und Güte ausstrahlte, war mir nicht neu – und ist als Ergebnis eines Besuchs bei ihm dürftig. In solchen Erzählungen höre ich nur den Unterton: Seht her, wen ich alles getroffen habe! Der Bericht über einen Besuch bei Assad ist ausgesprochen oberflächlich (Einrichtung des Palastes). Anlässlich einer Begegnung mit Milosevic spricht er über das Ende Jugoslawiens und die Kriege: „Das System kollabierte nicht, aber es durfte in Europa keinen sozialistischen Staat mehr geben.“ Das ist schlicht Unfug, es genügt ein Blick in der Artikel „Jugoslawienkriege“ in der Wikipedia, um besser belehrt zu werden.

Ein Leben ist zu wenig“, heißt das Buch; man hat den Eindruck, dass Gysi als Politiker hyperaktiv war, woran nach seinem Eingeständnis auch seine zweite Ehe zerbrochen ist. Er hatte immer zu wenig Zeit – und auch zum Schreiben des Buches hat er sich nicht genug Zeit genommen; er hat sich die Mitarbeit von Hans-Dieter Schütt gesichert (man weiß nicht, wie viel auf dessen Konto geht), und er bleibt eben weithin oberflächlich: „Aber die Unterschiede West-Ost blieben dennoch deutlich.“ Ja, welche denn?

Wenn man schon meint, sein Leben erzählen zu sollen, sollte man sich aber wirklich Zeit auch zum Nachdenken nehmen, nicht nur zum Sammeln der Einzelheiten und der Belege.

https://www.zeit.de/2017/51/gregor-gysi-autobiographie-ein-leben-ist-zu-wenig/komplettansicht

https://www.perlentaucher.de/buch/gregor-gysi/ein-leben-ist-zu-wenig.html

http://dasfilter.com/kultur/gysi-blickt-zurueck-rezension-ein-leben-ist-zu-wenig-hoerbuch

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/tv-kritik-maischberger-das-traurige-leben-von-gregor-gysi-13855619.html

„Damals wurde entdeckt, dass Gregor Gysi, den beispielsweise Bärbel Bohley und Robert Havemann als Rechtsbeistand gewählt hatten, Informationen über sie an die Stasi weitergeleitet hatte.“ (Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst. Erinnerungen, München 2009, S. 272)

Karl Korn: Lange Lehrzeit (1975) – Besprechung

Was lange währt, wird manchmal gut: Karl Korns Erinnerungen „Lange Lehrzeit“ sind 1975 erschienen; ich habe sie damals gekauft, weil sie in der FAZ glänzend besprochen waren – dieser Tage habe ich das Buch gelesen. Je länger ich gelesen habe, desto stärker hat Korn mich fasziniert; Korn gehört der Generation meiner Eltern an – von ihm erfahre ich etwas über deren mögliche, nicht wirkliche (wirklich gewordene) Lebensräume. Der 1908 Geborene erzählt sein Leben bis 1941, welches er unter dem Begriff der Lehrzeit zusammenfasst. Das letzte Kapitel unter der Überschrift „Kann brauchen, was er gelernt hat – 1936-1941“ relativiert den Aspekt der Lehrzeit und begrenzt diese auf das Ende seiner zweijährigen Tätigkeit beim „Berliner Tageblatt“.

Mich persönlich hätte auch Korns Tätigkeit in der frühen FAZ interessiert. Deren Anfänge werden im Netz kurz dargestellt:

http://www.wipog.de/%C3%BCber-uns/gr%C3%BCndung-der-faz/

http://www.tagesspiegel.de/medien/dahinter-steckte-otto-klepper-ein-kluger-kopf/1621834.html

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44438969.html

Über den für die FAZ wichtigen Mitbegründer Erich Welter gibt es nicht viel Material im Netz: http://ketupa.net/faz.htmhttp://www.lagis-hessen.de/en/subjects/idrec/sn/bio/id/6046

Was mich an dem Buch interessiert hat, ist einmal die persönliche Entwicklung Karl Korns: seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen im Rheingau; sein Studium mitsamt seiner Emanzipation aus den Verhältnissen der Kindheit, die ihn doch dauerhaft geprägt haben; sein Aufstieg durch Leistung und zufällige Bekanntschaften. Einige Hinweise auf gescheiterte Möglichkeiten diverser Karrieren sind denkbar knapp und nicht immer deutlich. Der ganze Bereich seiner erotischen Erfahrungen ist dezent übergangen, wenn man von wenigen anekdotischen Kindheitserinnerungen absieht. Der zweite für mich interessante Aspekt ist die Arbeit eines Nazigegners als Journalist im Dritten Reich. Das ist das erste Thema, zu dem ich jetzt ausführlicher Stellung nehme.

Im Wikipedia-Artikel „Karl Korn“ kann man am 28. April 2011 lesen: „1934 bis 1937 arbeitete er als Redakteur beim Berliner Tageblatt, danach bei der Literaturzeitschrift Neuen Rundschau. Im Mai 1940 wurde er Feuilletonredakteur der Goebbels-Wochenzeitung Das Reich. Hier schrieb er eine positive Filmrezension des Nazi-Propagandafilms Jud Süß.

Korn schrieb 1940 in seiner Zeitung:

Dawider spricht nicht die Tatsache, daß Paris die Hochburg des sogenannten Antifaschismus war und als solche gelten wollte. Was in Paris bewußte Ablehnung war, ist in der französischen Provinz glattes Unvermögen des Verstehens. Das konservative Frankreich hat nicht bloß die Revolutionen der jüngsten Zeit nicht verstanden, sondern auch das ganze Jahrhundert noch nicht erlebt. Französische Provinz ist im weitesten Maße neunzehntes Jahrhundert. Die Provinz insgesamt ist alt und greisenhaft wie ihre starre Weisheit. Sie hemmt das Neue und Junge. War es nicht einer der ungeheuerlichsten Widersprüche, daß das zu asiatischer Starre und Unbeweglichkeit erstarrte Frankreich Europa unter das Strukturgesetz seiner erstarrten Provinz zwingen wollte?

Frankreich würde sich der gegenwärtigen, zukunftsweisenden Entwicklung, also dem Nationalsozialismus, somit aus Trotteligkeit verweigern.

Aufgrund einer Gemäldebesprechung wurde Korn im Oktober 1940 entlassen und mit zwei Jahren Berufsverbot belegt.

1941 wurde er zur Wehrmacht eingezogen.

In diesem Wikipedia-Beitrag wird der Eindruck erweckt, Korn sei der nazistischen Ideologie verfallen gewesen. Es empfiehlt sich, im Vergleich dazu Korns Ausführungen S. 296 ff. zu lesen: wie die Wochenzeitung „Das Reich“ gegründet wurde und wie man jonglieren musste, um in einem der Sprachregelung angepassten Text ein paar kritische Töne unterzubringen. Das flotte Urteil des Wikipedia-Autors zeugt von historischer Unkenntnis und mangelndem Fingerspitzengefühl. Das folgende Beispiel soll zeigen, wofür man 1940 als Journalist Berufsverbot bekam: In einer vorsichtig distanzierten Besprechung der Münchener Kunstausstellung 1940 hatte Korn folgenden Satz über das Bild einer nackten Frau eingebaut: „Kunstkenner, die auf das Technische achten und einen unserer Zeit angemessenen Stil fordern, mögen sich an der verbrauchten malerischen Technik dieses Bildes vielleicht stoßen und den vom Maler gewollten Effekt als fragwürdig empfinden.“ (S. 311) Dieses Bild ließ sich jedoch der Gauleiter Münchens vom Führer zu seiner (zweiten) Hochzeit schenken; der kritisierte Maler des edelpornografischen Bildes setzte es beim Führer durch, dass Korn seinen Job verlor, weil er die deutsche Kunst verunglimpft habe. – So viel zum Thema Töne und Untertöne in der Presse von 1940. Korns Bericht über seine Tätigkeit als Journalist (S. 240 ff.) kann einem zu einem differenzierteren Urteil über damalige Artikel (und über die Wochenzeitung „Das Reich“) verhelfen.

Das Zweite, worüber ich bei der Lektüre des Buches nachgedacht habe, sind Parallelen zwischen Korns und meiner Entwicklung: Warum hat Karl Korn an der Uni so viel mehr gelernt als ich? Warum konnte er leichten Herzens zwei Jahre nach Frankreich gehen, was ihm persönlich und sachlich gut getan hat (es waren „die glücklichsten Jahre meines Lebens“)? Tilmann Mosers Buch „Gottesvergiftung“ (1976) liefert den Schlüssel zum Verständnis eines ganzen Komplexes von Behinderungen junger Männer: Ich spielte als Jugendlicher und junger Mann mit dem Gedanken, ich sei von Gott vielleicht, gar vermutlich zum Priester „berufen“ – und wenn man diese Berufung verfehlte, also berufen war und dem Ruf nicht folgte, verging man sich gegen GOTT selbst und die eigenste Bestimmung. Dieses Gedankenspiel war nun alles andere als ein Spiel, und nicht ich spielte damit, sondern man spielte mit mir: die Mutter, der Pastor, der Religionslehrer. So verspielte ich die Einsicht, dass ich durch Ausbildung und eigene Leistungen statt durch „Berufung“ (quasi eine Seinsqualität) vorankommen könnte – als Berufener war man schon a priori ein Erhöhter, der die Leiter nach oben nicht durch exaktes Arbeiten zu ersteigen brauchte – solche Aussichten schmeicheln auch der egozentrischen Arroganz begabter Jungs. Durch himmlische „Berufung“ wird der Mensch seines Eigenen beraubt und fremder Bestimmung unterstellt: der Bestimmung durch GOTT, und da dieser nichts sagt, der Bestimmung durch dessen Sprachrohre und „Diener“, die aufgrund „göttlicher“ Legitimation selbst in ihrer Beschränktheit oder Eitelkeit unangreifbar werden. Der ganze Komplex ist von Moser brillant analysiert worden, ich verzichte deshalb hier auf weitere Erklärungen. Ohne Hilfe von außen wird man kaum von diesem Komplex geheilt – wie das im Einzelnen geht oder gegangen ist, braucht hier nicht erzählt zu werden. / Bei Ludwig Marcuse lese ich (über die Jugend des 1. Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts auf dem Gymnasium: „Schiller wurde unser Führer ins Gebiet des Wackeren, soweit wir uns verführen ließen; und wir ließen. […] Wir waren noch mit zwanzig – Kinder.“) Auch diese Beobachtung verdient, beachtet und bedacht zu werden.

Der Berufung durch GOTT kann man im säkularen Staat nach außen entgehen; der Berufung durch den FÜHRER konnte man im totalitären Staat nach innen ausweichen, wenn man nicht emigrierte oder aktiv Widerstand leistete. Der „Berufung“ zu entgehen ist notwendig, wenn man sich nicht unterwerfen will. Karl Korn hat sich, soweit ich das beurteilen kann, im Dritten Reich nicht dem Führer unterworfen und es trotz prominenter dringender „Einladung“ abgelehnt, in die Partei einzutreten (S. 314). Diese Entscheidung verdient unseren Respekt.