Clemens Brentano: Am Ufer bin ich gangen – Analyse

Am Ufer bin ich gangen…(http://gedichte.xbib.de/Brentano_gedicht_Am+Ufer+bin+ich+gangen….htm)

Wir haben ein Gedicht Brentanos aus dem Jahr 1835 (https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Brentano/bre_1835.html) vor uns, das einige Rätsel aufgibt: Es spricht als lyrisches Ich eine Frau, die mit sich nicht im reinen ist (Ich irres, wirres Kind, Str. 4; Ich armes Waiselein, Str. 8): Einerseits leidet sie an ihrer Einsamkeit, anderseits verschmäht sie ihren Liebhaber: „Mein ist er, ich nicht sein“ (Str. 7). In ihrer Not wendet sie sich schließlich an den Gekreuzigten; sie hört eine Stimme und bekommt als Rat die Goldene Regel gesagt (Str. 13). Da entschließt sie sich, sich mit einem lieben Wanderer zu verbinden (Str. 15). – Die letzte Strophe steht formal außerhalb dieser Ich-Rede und kann als Dichterwort über sein Gedicht, könnte aber auch als Fazit des lyrischen Ichs gelesen werden.

Die Form der ersten 15 Strophen ist sehr streng und trägt dadurch einiges dazu bei, dem Leser Rätsel aufzugeben: Eine Strophe besteht aus 6 Versen (Ausnahme Str. 14); jeder Vers besteht aus einem dreitaktigen Jambus. Die ersten vier Verse sind im Kreuzreim verbunden, wobei sich weibliche und männliche Kadenzen abwechseln, wodurch nach V. 2 und erst recht nach V. 4 eine Pause entsteht. Die Verse 5 und 6 sind im Paarreim aneinander geknüpft, wobei der sechste Vers immer „So ganz allein, allein, allein“ ist; das ist, gemessen an der Dreizahl der Takte, ein Takt bzw. ein „allein“ zu viel – offenbar war dem Dichter die Dreizahl von „allein“ (als Klage) wichtiger als das Maß des dreitaktigen Verses. – Die Sätze sind kurz, was semantisch einige Unklarheiten bedingt.

Ich gebe einen Überblick über den Aufbau und orientiere mich dabei an den sprachlichen Handlungen des lyrischen Ichs (grammatisch an der Verwendung der Tempora bzw. der Verbformen, der Satzform und der Personalpronomina):

In Str. 1-3 berichtet das Ich von einem Spaziergang am See, bei dem es an seiner Einsamkeit leidet, während sein Liebhaber betrübt zu Hause sitzt; offenbar hat es seiner jedoch kurz gedacht (Str. 2 und 3).

Bereits in Str. 2 ist durch das Perfekt/Präsens signalisiert, dass das Ich beim Spazieren denkt; dieses Denken wird nun in Str. 4-6 intensiv, als eine Jetzt-Situation wahrnehmbar: eine dreifache Absage an den Liebhaber, „Dem ich am Herz geruht“, auch wenn er darüber zugrunde gehen sollte (Str. 6). Der kurze Rückblick in Str. 7, in dem von der diesen belebenden Begegnung mit dem Liebhaber erzählt wird (V. 1-4), begründet die Aussage „Mein ist er“; diese steht in Spannung zur Fortsetzung „ich nicht sein“ – in diesem Vers ist die komplizierte Situation des lyrischen Ichs umschrieben: Es ist einsam, aber von einer unglücklichen, von ihm selber nicht erwiderten Liebe betroffen. Der Schlussvers „So ganz allein…“ bezieht sich meistens auf das Ich, aber auch auf den Liebhaber (Str. 4, 6); einmal ist unklar, worauf er sich bezieht (V. 5) – eigentlich ist er da fehl am Platz.

In seiner Not fragt das Ich: „Wohin, wohin mich wenden?“ (Str. 8) Damit zitiert es, leicht abgewandelt, das Kirchenlied „Wohin soll ich mich wenden, / wenn Gram und Schmerz mich drücket?“ (Trostlied des Johann Philipp Neumann, 1774-1849) Mit dem Zitat ist schon klar, wohin es sich wenden soll: zu Gott, „Zu dir, zu dir, o Vater / komm ich in Freud und Leiden…“ Damit wird die Hinwendung zum Gekreuzigten (Str. 12), die scheinbar (!) auf dem zufälligen Anblick eines Kreuzes beruht, sachlogisch vorbereitet und eingefordert (eine Schwäche des Gedichts).

Verzögert wird diese Hinwendung zum Gekreuzigten durch die Reflexion der eigenen Situation (Str. 8, 9): Das einsame Ich hört sein klagendes Echo, es sieht in der Natur alles paarweise und ist selber so allein.

In der Logik der Frage „Wohin, wohin mich wenden?“ und der Hinwendung zum Gekreuzigten finde ich die Strophen 10 und 11 störend: Sie stellen einen Rückblick aufs eigene Leben dar, aus dem sich ergeben soll, dass die jetzige Einsamkeit unverdient ist; zur Not könnte man sie als kontrastierende Fortführung von Str. 9 lesen, aber erforderlich sind sie nicht. Die ganze Str. 11 verstehe ich ohnehin nicht wirklich: Wieso ist der Trinker gleich schwer berauscht? Wieso ist da ein Zauberbecher? Wieso wird er vertauscht? Und wer ist hier so allein? (Wieder zeigt sich die Schwäche, dass der identische sechste Vers immer wiederholt wird!)

Die Perspektive des lyrischen Ichs wechselt wieder (Str. 12): Es erblickt ein Kreuz und wendet sich mit zwei Bitten an den Gekreuzigten: Blick (als guter Hirt, Joh 10) dein Schäflein = mich an, treib mich (als verlorenes Schaf, Luk 15,1 ff.) wieder ein = zur Herde zurück = rette mich; der sechste Vers ist leicht abgewandelt („Bald“ statt „So“), wobei die Abwandlung keinen rechten Sinn ergibt – im Gegenteil, das Schäflein ist längst allein bzw. in der Gegenwart des Hirten eben nicht mehr allein.

Man muss sich die berichtete Jetzt-Situation vom Anblick des Kreuzes als Fortsetzung des Berichtes (Str. 1-4, V. 1 in Str. 4 und 8) denken; anderseits bleibt die Gesprächssituation mit dem Bericht vom stundenlangen Spaziergang (Str. 1-3) und dem aktuellen Geschehen (ab Str. 4) unklar: 1. Wem soll das Ich dies alles erzählen? 2. Warum bleibt nicht die Tempusform Perfekt/Präteritum erhalten? Man kann natürlich ans aktualisierende historische Präsens denken (ab Str. 4); aber die Sequenz als durchgehende Erzählung überzeugt mich nicht: Sie endet nicht als Erzählung (Str. 16). Der Bericht vom vergangenen Spaziergang steht eher unverbunden vor der Beschreibung gegenwärtigen Erlebens.

Vor dem Kreuz, also wohl vom Kreuz hört das Ich eine mahnende Stimme, wie es im Präsens berichtet (Str. 13), die ihm die Goldene Regel (vgl. Mt 7,12 bzw. Luk 6,31) als Heilmittel empfiehlt und gleich auf seine Einsamkeit anwendet: „Willst du nicht einsam wandern, / So laß nicht einsam stehn.“ Konkret heißt das, das Ich müsste zu dem von ihm (aus unbekannten Gründen) verschmähten Geliebten zurückkehren.

Diesen Schluss zieht das Ich aber nicht, sondern fragt: „Will keiner mir begegnen…?“ (Str. 14) Diese eher unverständliche Frage bereitet die Wahrnehmung vor, dass es einen Schritt hört. Es fragt sich: „Wer ist‘s?“ Und dann fragt es „bist du‘s“ – eine unverständliche Frage, wenn man sie nicht auf das verschmähte Du (Str. 1 ff.) bezieht – wobei das Auftauchen dieses Verschmähten am See natürlich ein kleines Wunder ist, da er doch mit gebrochenem Herzen und mit Schmerzen (Str. 6) zu Hause saß. Nach christlicher Begrüßung stimmt die Ich-Sprecherin dann dem göttlichen Wink zu: „Ach ja, wenn es soll sein…“ – zu ergänzen ist: Dann akzeptiere ich dich als meinen Mann. Ohne diese Ergänzung fehlt die Pointe des Geschehens vor dem Kreuz.

Nach längerem Nachdenken schreibe ich die letzte Strophe als Äußerung dem lyrischen Ich zu: Es hat seinen Gang „In Reue vollendet / Zum Kreuz gewendet“; der Gekreuzigte hat ihm gezeigt, was zu tun ist: sich des verstoßenen Liebhabers zu erbarmen. Str. 16 passt zwar nicht zum sprachlichen Duktus einer Erzählung (ab Str. 1), aber zum erzählten Geschehen von Leiden, Belehrung und Umkehr.

Wie soll man das Gedicht verstehen, wozu hat Brentano ein solches Gedicht von einer verstockten Geliebten, die sich auf des Herrn Jesus Rat dem Verschmähten zuwendet, geschrieben? Ich weiß es nicht, ich kann es nicht in die Geschichte der Liebeslyrik oder des Dichtens Brentanos einordnen, dazu fehlt mir die Kompetenz. Recht simpel verstehe ich es als eine kompensierende Phantasie des verschmähten Dichters Brentano: „1833 lernte Brentano in München die Schweizer Malerin Emilie Linder kennen. Wie bei früheren Frauenbekanntschaften wiederholten sich Liebeswerbung und Bekehrungsbemühungen; wie früher entzog sich die Freundin diesen Forderungen, ohne aber von ihnen ganz unbeeindruckt zu bleiben.“ (Wikipedia, Art. „Clemens Brentano“) Ich will mich biografisch nicht auf Frau Linder festlegen – aber dem oftmals zurückgewiesenen Brentano mag es ein Trost gewesen sein, sich vorzustellen, wie eine ihn Zurückweisende selber an ihrer Einsamkeit leidet und dann vom Herrn Jesus mit der Goldenen Regel belehrt wird, solches zu unterzulassen und sich des armen Liebhabers gefälligst zu erbarmen, auf dass sie aus ihrer eigenen Einsamkeit befreit werde. Das klingt zwar simpel, leuchtet mir aber ein.

Ein großes Gedicht ist es nicht, es hakt an einigen Stellen und könnte auch um zwei Strophen (10 und 11) gekürzt werden; aber es ist interessant, sich mit der Auflösung seiner Rätsel zu beschäftigen.

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Deutsche Märchen

Märchensammler

Johann Karl August Musäus: Volksmährchen der Deutschen, 1782/86

http://www.zeno.org/Literatur/M/Mus%C3%A4us,+Johann+Karl+August/M%C3%A4rchen/Volksm%C3%A4rchen+der+Deutschen

http://de.wikisource.org/wiki/Johann_Karl_August_Mus%C3%A4us (dort verlinkt)

 

Benedikte Naubert: Neue Volksmärchen der Deutschen, 1789

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9c/Naubert_Neue_Volksmaehrchen_der_Deutschen_1.pdf

 

Ludwig Tieck: Volksmärchen, hrsg. von Peter Lebrecht, 1797

http://books.google.de/books?id=3ss6AAAAcAAJ&redir_esc=y

http://books.google.de/books?id=8ss6AAAAcAAJ&redir_esc=y

Die Märchen aus dem „Phantasus“ (1812/15):

http://www.zeno.org/Literatur/M/Tieck,+Ludwig/Erz%C3%A4hlungen+und+M%C3%A4rchen/Die+M%C3%A4rchen+aus+dem+Phantasus

 

Albert Ludewig Grimm: Kindermährchen (1809)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Grimm,+Albert+Ludewig/M%C3%A4rchen/Kinderm%C3%A4rchen

Lina’s Mährchenbuch (1816) http://www.zeno.org/Literatur/M/Grimm,+Albert+Ludewig/M%C3%A4rchen/Lina%27s+M%C3%A4hrchenbuch

 

Clemens Brentano: Rheinmärchen (ab 1810)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/M%C3%A4rchen-Sammlung/Rheinm%C3%A4rchen

 

Johann Gustav Büsching: Volks-Sagen, Märchen und Legenden (1812)

http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCsching,+Johann+Gustav/M%C3%A4rchen+und+Sagen/Volkssagen,+M%C3%A4rchen+und+Legenden

 

Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen (ab 1812)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Grimm,+Jacob+und+Wilhelm/M%C3%A4rchen/Kinder-+und+Hausm%C3%A4rchen+%281812-15%29 (1. Fassung, 1812/15); vgl. Jacob Grimm, Friedrich Panzer: Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, 1913

http://de.wikisource.org/wiki/Kategorie:M%C3%A4rchen_Grimm_%281812%E2%80%931815%29 (1. Fassung)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Grimm,+Jacob+und+Wilhelm/M%C3%A4rchen/Kinder-+und+Hausm%C3%A4rchen (späte Fassung)

http://khm.li/ (in der Ordnung der KHM, per Link aufrufbar)

http://www.sagen.at/texte/maerchen/maerchen_deutschland/brueder_grimm/maerchen_brueder_grimm.htm

http://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/index

http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Kategorie:M%C3%A4rchen_Grimm_%281857%29&pageuntil=Simeliberg+%281857%29#mw-pages (1857)

http://de.wikisource.org/wiki/Kinder-_und_Hausm%C3%A4rchen (Übersicht_ alle Auflagen) mit http://de.wikisource.org/wiki/Kategorie:Kinder-_und_Hausm%C3%A4rchen

http://www.maerchenlexikon.de/Grimm/konkordanzkhmat.htm (mit Typ)

http://de.wikisource.org/wiki/Kinder-_und_Haus-M%C3%A4rchen_Band_3_%281856%29/Anmerkungen (Anmerkungen der Brüder Grimm zu den KHM)

https://archive.org/stream/dieliterarischen00hamauoft#page/n5/mode/2up (Hermann Hamann: Die literarischen Vorlagen der Kinder- und Hausmärchen und ihre Bearbeitung durch die Brüder Grimm, 1906)

Bolte – Polívka: Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (3 Bände, 1913 ff. – es gibt neuere Auflagen in 5 Bd.):

https://archive.org/stream/anmerkungenzuden01grim#page/n5/mode/2up (Nr. 1 – 60)

https://archive.org/stream/anmerkungenzuden02grim#page/n5/mode/2up (Nr. 61 – 120)

https://archive.org/stream/anmerkungenzuden03grim#page/n5/mode/2up (Nr. 121 ff.)

 

Ernst Moritz Arndt: Mährchen und Jugenderinnerungen / 1. Teil (1813)

http://de.wikisource.org/wiki/M%C3%A4hrchen_und_Jugenderinnerungen/Erster_Theil

http://books.google.de/books?id=_XoHAAAAQAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

2. Teil (1843) http://de.wikisource.org/wiki/Kategorie:M%C3%A4rchen_und_Jugenderinnerungen_%28Arndt%29_2

http://books.google.de/books?id=lGg6AAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

 

Friedrich Gottschalck: Die Sagen und Volksmährchen der Deutschen (1814)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Gottschalck,+Friedrich/M%C3%A4rchen+und+Sagen/Die+Sagen+und+Volksm%C3%A4hrchen+der+Deutschen

 

Karoline Stahl: Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder (1818)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Stahl,+Karoline/M%C3%A4rchen/Fabeln,+M%C3%A4hrchen+und+Erz%C3%A4hlungen+f%C3%BCr+Kinder

 

Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, anmuthig und lehrhaftig [1–]2 (ca. 1819/20)

http://www.zeno.org/Literatur/M/L%C3%B6hr,+Johann+Andreas+Christian/M%C3%A4rchen/Das+Buch+der+M%C3%A4hrchen

 

Johann Heinrich Lehnert: Mährchenkranz für Kinder, der erheiternden Unterhaltung besonders im Familienkreise geweiht (1829)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Lehnert,+Johann+Heinrich/M%C3%A4rchen/M%C3%A4hrchenkranz+f%C3%BCr+Kinder

 

Heinrich Kletke: Almanach deutscher Volksmärchen (1839) – im Internet nicht greifbar

 

Johann Jakob Nathanael Mussäus: Meklenburgische Volksmährchen (1840)

http://mvdok.lbmv.de/mjbrenderer?id=mvdok_document_00000212

 

(Georg Hippolyt) Hermann Harrys: Volkssagen, Märchen und Legenden Niedersachsens (1840, 2 Teile)

https://archive.org/stream/volkssagenmrche00harrgoog#page/n5/mode/2up

http://books.google.de/books?id=0GoAAAAAcAAJ&pg=PP5&lpg=PP5&dq=harrys:+Sagen,+M%C3%A4rchen+und+Legenden+niedersachsens&source=bl&ots=GFQnQH-23f&sig=047qccRSWg7MpFFgcB8lGsfrTtE&hl=de&sa=X&ei=a1oxVNKoOsuwPLiKgbgI&ved=0CDYQ6AEwBQ#v=onepage&q=harrys%3A%20Sagen%2C%20M%C3%A4rchen%20und%20Legenden%20niedersachsens&f=false

 

Sagen und Märchen aus der Oberlausitz. Nacherzählt von Ernst Willkomm (1843)

http://books.google.de/books?id=kqTYAAAAMAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

 

Adalbert Kuhn: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben (1843)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Kuhn,+Adalbert/Märchen+und+Sagen/Märkische+Sagen+und+Märchen = https://archive.org/stream/mrkischesagenun02kuhngoog#page/n6/mode/2up

Norddeutsche Sachen, Märchen und Gebräuche… (1848, mit Wilhelm Schwartz) http://www.zeno.org/Literatur/M/Kuhn,+Adalbert/Märchen+und+Sagen/Norddeutsche+Sagen,+Märchen+und+Gebräuche

Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen… (1859) http://www.zeno.org/Literatur/M/Kuhn,+Adalbert/Märchen+und+Sagen/Sagen,+Gebräuche+und+Märchen+aus+Westfalen

 

Karl Müllenhoff: Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig-Holstein und Lauenburg (1845)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Müllenhoff,+Karl/Märchen+und+Sagen/Sagen,+Märchen+und+Lieder

 

Karl Simrock: Die deutschen Volksbücher (1845)

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_deutschen_Volksb%C3%BCcher (dort verlinkt)

 

Germaniens Völkerstimmen. Sammlung der deutschen Mundarten in Dichtungen, Sagen, Märchen, Volksliedern. Hrsg. von Joh. Matthias Firmenich. 1. Band (1845)

https://archive.org/stream/germaniensvlke01firmuoft#page/n3/mode/2up

2. Band (1846) https://archive.org/stream/germaniensvlke02firmuoft#page/n3/mode/2up

 

Johann Wilhelm Wolf: Deutsche Märchen und Sagen, 1845:

http://books.google.de/books?id=pSYPAAAAQAAJ&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false

https://archive.org/details/deutschemrchenu00wolfgoog ->

https://archive.org/stream/deutschemrchenu00wolfgoog#page/n16/mode/2up

http://www.zeno.org/M%C3%A4rchen/M/Flandern/Johann+Wilhelm+Wolf%3A+Deutsche+M%C3%A4rchen+und+Sagen

Deutsche Hausmärchen 1851 (zusammen mit Wilhelm von Ploennies)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Wolf,+Johann+Wilhelm/M%C3%A4rchen/Deutsche+Hausm%C3%A4rchen

http://de.wikisource.org/wiki/Deutsche_Hausm%C3%A4rchen

http://books.google.de/books?id=i2A7AAAAcAAJ&printsec=frontcove

http://literaturnetz.org/3107

 

Ludwig Bechstein: Deutsches Märchenbuch 1845

http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Deutsches+M%C3%A4rchenbuch

http://literaturnetz.org/2524 (Märchen)

http://www.maerchen.com/ludwig-bechstein.htm (dito)

http://www.1000-maerchen.de/cAContent,3,1,2,0-ludwig-bechstein.htm (dito)

Neues deutsches Märchenbuch, 1856

http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Neues+deutsches+M%C3%A4rchenbuch

 

Emil Sommer: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Sachsen und Thüringen 1 (1846)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Sommer,+Emil/M%C3%A4rchen+und+Sagen/Sagen,+M%C3%A4rchen+und+Gebr%C3%A4uche+aus+Sachsen+und+Th%C3%BCringen

 

Kuhn, Adalbert: Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg, Pommern, der Mark, Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Westfalen (1848)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Kuhn,+Adalbert/M%C3%A4rchen+und+Sagen/Norddeutsche+Sagen,+M%C3%A4rchen+und+Gebr%C3%A4uche/B.+M%C3%A4rchen

 

Friedrich Heinrich von der Hagen: Gesammtabenteuer. Hundert altdeutsche Erählungen: Ritter- und Pfaffen-Mären usw., drei Bände, Tübingen 1850,

Band 1: Stadt- und Dorfgeschichten. Schwänke, Wundersagen und Legenden Google, Google, Google;

Band 2: Ritter- und Pfaffen-Mären Google, Google, Google, Google;

Band 3: Ritter- und Pfaffen-Mären Google, Google, Google, Google

 

Ernst Heinrich Meier: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben (1852)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Meier,+Ernst/M%C3%A4rchen/Deutsche+Volksm%C3%A4rchen+aus+Schwaben

 

Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Zingerle (1852)

http://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=hvd.32044089079958;view=1up;seq=21 bzw.

http://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=hvd.32044089079958;view=2up;seq=20

http://books.google.de/books/about/Kinder_und_Hausm%C3%A4rchen.html?id=SHcAAAAAMAAJ&redir_esc=y

 

Ignaz und Joseph Zingerle: Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland (1854)

http://www.zeno.org/M%C3%A4rchen/M/%C3%96sterreich/Ignaz+und+Joseph+Zingerle%3A+Kinder+und+Hausm%C3%A4rchen+aus+S%C3%BCddeutschland

https://archive.org/stream/kinderundhausmr00zinggoog#page/n8/mode/2up

 

Heinrich Pröhle: Kinder- und Volksmärchen (1853)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Pr%C3%B6hle,+Heinrich/M%C3%A4rchen/Kinder-+und+Volksm%C3%A4rchen

Märchen für die Jugend (1854) http://www.zeno.org/Literatur/M/Pr%C3%B6hle,+Heinrich/M%C3%A4rchen/M%C3%A4rchen+f%C3%BCr+die+Jugend

 

Carl Colshorn, Theodor Colshorn: Märchen und Sagen aus Hannover (1854)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Colshorn,+Carl+und+Theodor/Märchen+und+Sagen/Märchen+und+Sagen+aus+Hannover

 

Karl Seifart: Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Sachsen und Thüringen (1854)

(im Internet nicht greifbar)

Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildesheim (1854)

https://archive.org/stream/bub_gb_ATA7AAAAcAAJ#page/n3/mode/2up (enthält nur zwei Märchen)

 

Georg Schambach und Wilhelm Müller: Niedersächsische Sagen und Märchen (1855)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Schambach,+Georg/M%C3%A4rchen+und+Sagen

 

Josef Haltrich: Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen (1856)

http://www.digibib.tu-bs.de/start.php?suffix=jpg&maxpage=176&derivate_id=351

 

Anton Birlinger, M. R. Buck: Sagen, Märchen, Volksberglauben. Volksthümliches aus Schwaben 1 (1861)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Birlinger,+Anton/M%C3%A4rchen+und+Sagen/Sagen,+M%C3%A4rchen,+Volksaberglauben

 

Karl Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg 1 (1879)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Bartsch,+Karl/M%C3%A4rchen+und+Sagen/Sagen,+M%C3%A4rchen+und+Gebr%C3%A4uche+aus+Meklenburg/Erster+Band%3A+Sagen+und+M%C3%A4rchen

 

Alfred Haas: Rügensche Sagen und Märchen (3. Aufl., 1903; 2. Aufl. 1896)

https://archive.org/stream/rgenschesagenu00haas#page/n5/mode/2up

 

Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l (1891)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Jahn,+Ulrich/M%C3%A4rchen+und+Sagen/Volksm%C3%A4rchen+aus+Pommern+und+R%C3%BCgen

 

Kinder- und Hausmärchen, dem Volke treu nacherzählt von Theodor Vernaleken (4. Auflage 1900)

https://archive.org/stream/bub_gb_SHsWAAAAYAAJ#page/n3/mode/2up

http://www.zeno.org/M%C3%A4rchen/M/Allgemein/Theodor+Vernaleken%3A+Kinder-+und+Hausm%C3%A4rchen+dem+Volke+treu+nacherz%C3%A4hlt (3. Aufl. 1896)

 

Oskar Dähnhardt: Deutsches Märchenbuch, Bd. 1 (1903)

Deutsches Märchenbuch, Bd. 2 (1912) – beide im Internet nicht greifbar

 

Karl Spiegel: Märchen aus Bayern (1914)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Spiegel,+Karl/M%C3%A4rchen/M%C3%A4rchen+aus+Bayern

 

Deutsche Märchen seit Grimm. Hrsg. von Paul Zaunert (1917)

https://archive.org/stream/deutschemrchen00zaun#page/n9/mode/2up (Inhaltsverzeichnis: S. 413 ff.)

 

Deutsche Volksmärchen (es gibt vermutlich noch mehr Sammlungen)

http://www.hexenhort.de/buecher/maerchen/maerchen.htm

http://de.wikisource.org/wiki/M%C3%A4rchen_aus_Bayern (Bayern)

http://www.sagen.at/texte/sagen/deutschland/niedersachsen/hannover/sagen_hannover.htm (Hannover)

http://www.sachsen-lese.de/index.php?article_id=91 (Sachsen)

http://literaturnetz.org/2992 (Märchen und Sagen aus Vorpommern)

http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCsching,+Johann+Gustav/M%C3%A4rchen+und+Sagen/Volkssagen,+M%C3%A4rchen+und+Legenden/1.+Schlesische+Sagen+und+M%C3%A4hrchen (Schlesien)

http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCsching,+Johann+Gustav/M%C3%A4rchen+und+Sagen/Volkssagen,+M%C3%A4rchen+und+Legenden (verschiedene Gegenden)

http://literaturnetz.org/2525 (Sächsische Volksmärchen aus Siebenbürgen)

 

Als Märchendichter sind zu nennen:

Wilhelm Hauff: Märchen-Almanache (1825/27)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Hauff,+Wilhelm

http://www.1000-maerchen.de/cAContent,5,1,2,0-Wilhelm-Hauff.htm

 

ETA Hoffmann, ca.1820

http://www.zeno.org/Literatur/M/Hoffmann,+E.+T.+A./Erz%C3%A4hlungen,+M%C3%A4rchen+und+Schriften

 

Theodor Storm: Märchen und Spukgeschichten (1850/65)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor/M%C3%A4rchen+und+Spukgeschichten

 

Richard von Volkmann-Leander (Leander): Träumereien an französischen Kaminen (nach 1870)

http://www.1000-maerchen.de/cAContent,4,1,2,0-Richard-von-Volkmann-Leander.htm

http://www.sagen.at/texte/maerchen/maerchen_deutschland/volkmann/maerchen_deutschland_volkmann.htm

http://www.hekaya.de/maerchen/autoren–volkmann_leander.html

https://archive.org/stream/trumereienanfra04volkgoog#page/n9/mode/2up

 

Heinrich Seidel: Dreißig Märchen (1905)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/dreissig-marchen-5946/1

 

Friedrich Panzer, zur Theorie des Märchens (1926): http://www.maerchenlexikon.de/texte/archiv/panzer01.htm

 

Neben den deutschen Sammlern von Märchen sind zu nennen:

Afanasjew (russ.)

Asbjörnsen (norw.)

Caballero (span.)

Croker (ir.)

Grundtvig (dän.)

Ispirescu (rumän.)

Jacobs (div.)

Kretschmer (griech.)

Nemcová (tschech.)

Moe (norweg.)

Puschkin (russ.)

Sutermeister (schweiz.)

——————————————————————————–

Vor den deutschen Märchensammlungen sind bereits anderswo Märchen gesammelt worden. Die bedeutendsten Sammlungen sind:

Straparola (italien.): Die ergötzlichen Nächte (1550/53)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/ergotzliche-nachte-3762/1

 

Basile (italien.): Das Pentameron (1634/36 unter einem Pseodonym, heutiger Titel ab 1674)

http://www.maerchenatlas.de/aus-aller-welt/marchensammler/giambattista-basile/das-pentameron/ (Übersicht)

http://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=uc1.$b291912;view=1up;seq=5 1. Band

http://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=uc1.$b291913;view=1up;seq=5 2. Band

http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-pentameron-4884/1 (Text)

 

Perrault (franz.): Histoires ou contes du temps passé… (1697)

http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Perrault (Übersicht)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/charles-perrault-m-5446/1

urn:nbn:de:bvb:355-ubr07455-2

(Manche dieser Stoffe finden sich auch bei den Brüdern Grimm!)

 

Galland (franz.): Märchen aus 1001 Nacht, ab 1704

http://gutenberg.spiegel.de/buch/tausend-und-eine-nacht-erster-band-3445/1

http://www.maerchen.org/tausendundeine-nacht.htm

http://literaturnetz.org/tausendundeinenacht

http://www.kuehnle-online.de/literatur/habicht/1001/index.htm

http://forum.tunesien.org/ubbthreads.php?ubb=showflat&Number=96414 (Liste der Märchen)

 

Brentano: Wenn der lahme Weber träumt, er webe – Analyse

Wenn der lahme Weber träumt, er webe…

Text

http://gedichte.xbib.de/Brentano_gedicht_Wenn+der+lahme+Weber+tr%E4umt,+er+webe….htm

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=980

Das Gedicht steht in einem Beziehungsgeflecht vieler Texte und ist deshalb nicht leicht angemessen zu verstehen: Erstens steht es in Brentanos Märchen „Gockel, Hinkel und Gackeleia“, im 36. Kapitel. Dort singt es die verrückte Klareta; die Ich-Erzählerin hört ihr nicht richtig zu. Klareta weigert sich darauf, süße Früchte zu essen; dazu zitiert sie die beiden letzten Verse des Gedichts. Schließlich ist sie doch bereit, „mir zum Opfer“ ein paar Früchte zu essen. Die Frage ergibt sich, ob das Gedicht nur aus dem Kontext des Märchens verstanden werden kann oder nicht.

Das Motiv vom lahmen Weber, der träumt, beherrscht in seinen Variationen das Gedicht. Es greift die Antwort Jesu auf die Frage des Täufers auf, ob jener der erwartete Messias sei. Jesus antwortet mit einer Abwandlung der Heilsverheißung aus Jes 35,1 ff.: „Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet.“ (Mt. 11,5)

In der Reihe der Motive folgt als drittes das von der stummen Nachtigall, die träumt, „sie singe, / Daß das Herz des Widerhalls zerspringe“ (V. 3 f.). Damit wird ein Gedicht Friedrich Spees berührt, das 1649 veröffentlicht wurde: Das 4. Gedicht seiner Sammlung „Trutznachtigall“, „Die gesponß Jesu seufftzet nach jhrem Bräutigam…“, ab der 6. Strophe. Dass hier auch noch andere romantische Texte berührt werden, zeigt Gerhart von Graevenitz. Graevenitz, Jaeger und Gerhard Kaiser (Augenblicke deutscher Lyrik. Insel 1987, S. 235 ff.) gehen u.a. den zahlreichen Textverflechtungen nach; das können wir hier nicht im gleichen Umfang leisten, wir müssen uns aufs Elementare beschränken.

Elementar ist also die poetische Fiktion eines Zeitalters der umfassenden Erlösung, das im ersten Wenn-Satz beschworen wird: „Wenn der lahme Weber träumt, er webe“ (V. 1). Wenn man verstehen will, warum ein Lahmer offenbar nicht weben kann, muss man ein Bild vom Weben und vom Webstuhl haben: Die beiden Teile der Kette werden abwechselnd gehoben bzw. gesenkt, was der Weber mit seinen Beinen besorgte (http://www.zeno.org/Meyers-1905/B/Weben). Kann er das nicht mehr, dann ist er eben kein Weber, sondern ein Krüppel – ihm bleibt nur der Traum davon, wieder weben zu können und so ganz zu sein. Vom Träumen singt die Sprecherin im Wenn-Modus und eröffnet so „das Bild einer zu ihrem Heil verkehrten Welt, des Paradieses“ (G. Kaiser, S. 256).

An diesen einleitenden Vers schließen sich 9 Verse an – wer spricht, wird nicht gesagt – bei denen nicht klar ist, ob es sich um Fortsetzungen des Wenn-Satzes oder um korrespondierende [Dann-]Sätze handelt. Wegen des Aufbaus des Gedichts halte ich es für ziemlich sicher, dass ab V. 2 die Hauptsätze auf den Wenn-Satz folgen.

Aufbau: Das Gedicht „unterteilt sich in drei Teile: erstens in einen Traum (1-10), bestehend aus der Darstellung von acht Impossibilia, zweitens in die den Traum zerstörende Wahrheit (11-16) und drittens in eine Schlussfolgerung bzw. Warnung (17/18)“. Die acht Träume sind von einem in der Wirklichkeit nicht heilbaren Mangel bzw. nicht zu erfüllenden Wunsch des Traumsubjekts geprägt. (…) Ab dem vierten Traum wird der Bezug zwischen Traumsubjekt und Mangel unbestimmter. (…) Mögliche Identitäten, Träume und Realitäten sind in einem dichten Netz von Reimen und Klängen versponnen, so daß sie nicht mehr identifiziert werden können.“ (S. Jaeger, S. 120 f.) Ich möchte noch auf die schüttelreimartigen Wortspiele am Ende der Verse 5 f., 7 f. und 9 f. hinweisen, ohne dass ich damit behaupten will, hier werde nur ein Jux getrieben.

Kaiser sieht es als bedeutsam an, dass die utopischen Wenn-Träume alle vom Traum des Webers abhängig sind. Er verweist auf ein Klagelied des Königs Hiskija, in dem dieser ausruft: „Wie ein Weber hast du mein Leben zu Ende gewoben, / du schneidest mich ab wie ein fertig gewobenes Tuch.“ (Jes 38,12 – Einheitsübersetzung). Dort erscheint GOTT in der Rolle des Webers (vgl. den Erdgeist in „Faust“), wodurch über Gewebe/Textil/Text ein poetologischer Sinn des Gedichts erschlossen wird: Das Traumgedicht sei ein „Gedicht vom Dichter, der von einem Text träumt, der alle seine Figuren den Traum vom vollkommenen Leben träumen läßt“ (S. 258); der Dichter ist jedoch lahm, wie alle nach Adam Geborenen. „Beginnt der Dichtertraum, dann hört de Dichter auf, eindeutig Subjekt des Traums zu sein. Er geht in den Traum des Textes mit ein.“ (S. 258 f.)

In V. 11 bricht das Gedicht dann um, und zwar so heftig, dass sogar das Reimschema gestört wird (Paarreim -> umfassender Reim, V. 11-14): Die Wahrheit rennt den Traum über den Haufen; „Wahrheit“ steht hier für Aufklärung und Licht, „Traum“ für Dunkel und Nacht (Romantik/Religion). „Hier zerbricht die Möglichkeit einer eindeutigen, linearen Taum-Wahrheit-Zuordnung endgültig.“ (Jaeger, S. 121) Die Wahrheit erzeugt ein Klangspektakel, „einen Rausch der Töne, Synästhesien und Reime, gipfeln im Binnen-Endreim:

Horch! Die Fackel lacht, horch! Schmerz-Schalmeien

Der erwachten Nacht ins Herz all schreien. (V. 15 f.)“ (S. 121 f.)

Jaeger sieht hier nach V. 3 f. einen zweiten Bezug auf Spees Nachtigall, „Nacht – all“ (V. 16, mit fehlendem g), V. 15 f. sei der Echoreim  zu V. 3 f. (S. 122 f.).

Die Wahrheit ist tödlich für die armen Herzen, die von Heilung und süßen Wundern träumen. So bleibt zum Schluss der Wehruf: „Weh, ohn Opfer…“ (V. 17 f.) – nur der Opfertod Jesu mit seinen Heils-Aussichten könne die armen Herzen retten. „Die Stimme, die da spricht, (…) läßt das Gedicht samt Wahrheitseinbruch und Heilszeugnis in den Heilstraum des lahmen Webers zurückmünden…“ (Kaiser, S. 263) So behaupte das Gedicht sich in der Selbstaufhebung (G. Kaiser).

Fazit: Ich habe mich an drei Interpretationen angelehnt – vielleicht muss man jedoch eine eigene Interpretation anfertigen, damit alles zueinander passt. Jedenfalls kommt eine Interpretation nicht ohne viel Fantasie aus; vielleicht muss man auch der Sängerin, der verrückten Klareta, einiges zugute halten… und dem Ort „Märchen“ als Heimatgrund des Gedichts? Ich bin sehr unsicher, das Gedicht führt mich heftig an meine Grenzen.

Analysen

http://edoc.hu-berlin.de/hostings/athenaeum/documents/athenaeum/2000-10/jaeger-stephan-109/PDF/jaeger.pdf (Stephan Jaeger, dort v.a. S. 119 ff.)

https://kops.ub.uni-konstanz.de/xmlui/bitstream/handle/urn:nbn:de:bsz:352-opus-47609/Contextio_und_conjointure.pdf?sequence=1 (Gerhart von Graevenitz, dort v.a. S. 249 ff.)

Textgeflecht

http://gutenberg.spiegel.de/buch/359/1 (Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia, 1838)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/M%C3%A4rchen-Sammlung/Italienische+M%C3%A4rchen/Das+M%C3%A4rchen+von+Gockel+und+Hinkel (dito)

http://www.hs-augsburg.de/~%20harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Brentano/bre_go00.html (dito)

http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/mt11.html (Matthäus 11,2-6: Die Frage des Täufers, Bezugstext Jesaja 35,1 ff: http://www.bibleserver.com/text/EU/Jesaja35,1)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Spee,+Friedrich/Gedichte/Trutznachtigall (Friedrich Spee, 1591-1635: Trutznachtigall, v.a. das 4., aber auch das 5. Gedicht)

Sonstiges

http://www.deutsche-biographie.de/sfz60807.html (Biografie und Werk)

http://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Biografie)

http://fxneumann.de/thalion/brentano/ (Biografie)

http://www.in-output.de/AKE/akebrentano.html (Biografie)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens (Biografie und Werk Brentanos)

http://www.schreiben10.com/referate/Biographien/11/Clemens-Brentano—Leben-und-Werk-reon.php (Biografie und Werk)

http://gutenberg.spiegel.de/autor/75 (Werke Brentanos)

https://www.youtube.com/watch?v=6sTiem_tzJk (Lutz Görner: Brentano)

https://www.youtube.com/watch?v=hpIXaAOzbYI (Görner: Fortsetzung)

https://www.youtube.com/watch?v=hBQhc5tD9Lc (Görner: Schluss)

https://openlibrary.org/books/OL23336096M/Untersuchung_des_M%C3%A4rchens_Gockel_Hinkel_und_Gackeleia_und_des_Tagebuchs_der_Ahnfrau_von_Clemens_Bren (Wilhelm Schellberg: Untersuchung des Märchens, Diss. 1903)

https://also42.wordpress.com/2015/07/30/weben-als-metapher/ (Metapher „weben“)

Heidi Gidion: Phantastische Nächte. Traumerfahrungen in Poesie und Prosa, 2006, S. 59 f. Gidion trägt wenig zum Verständnis des Gedichtes bei, stellt es jedoch in einen großen thematischen Zusammenhang. – Im Anschluss an Jes 38,12 werde spekuliert, referiert sie, „dass der Mensch es ja wohl allenfalls zum lahmen Weber bringen könne – zu einem, der Träume erzählt, einem Dichter. Dieser Spekulation gemäß ginge es im Gedicht um einen Dichter, der von einem Text träumt, der alle seine Figuren den Traum von einem unbeschädigten Leben träumen ließe“ (S. 59).

Brentano: Sprich aus der Ferne – Analyse

Sprich aus der Ferne…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=983

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem.eb&&ds=745&id=811&add=&start=0

http://herrlarbig.de/2010/09/24/gedichtinterpretation-clemens-brentano-sprich-aus-der-ferne/ (mit Interpretation)

https://robert-koch-gymnasium.de/_yac_data/2006-02/files/Brentano,_Sprich_aus_Musterloesung.pdf (dito)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/Roman/Godwi+oder+Das+steinerne+Bild+der+Mutter/Erster+Band/Fortsetzung+des+Tagebuchs (mit Kontext im Roman „Godwi“)

Im Roman „Godwi“ (1801) steht die Passage in einem Tagebuch, in dem Godwi von einer Entfremdung Otilies erzählt, die er durch seine rationalistische Erklärung dessen hervorgerufen hat, was für Otilie „stille Lichter“ sind. Sie geht neben ihm und singt das Lied „Sprich aus der Ferne…“ (dort vier Strophen). „So sang Tilie durch die Büsche, als bete sie. Der ganze Tempel der Nacht feierte über ihr, und ihre Töne, die in die dunkeln Büsche klangen, schienen sie mit goldnen, singenden Blüten zu überziehen. / Ich selbst war wunderbar gerührt und weinte fast, daß ich an der Seite dieses hellen freundlichen Bildes so trüb und verschoben dastehe.“

Alle Versuche, diesem Gedicht ein oder zwei feste Versmaße zuzuordnen, scheitern; es empfiehlt sich, den Link http://www.metricalizer.de/ heranzuziehen, dessen Diktum  lautet: „metrisch ungebunden“. Gleichwohl ist das Gedicht, genauer die vier großen Strophen in einem schwungvollen Rhythmus zu sprechen, wozu viele dreisilbige Takte (Daktylus, besser: Walzer) beitragen. Mit den großen Strophen kontrastieren die Refrains, die alle nur zwei Hebungen aufweisen (bei vier bis fünf Silben, gegen 9-11 Silben der langen Strophenverse, bei drei oder vier Hebungen – da kann man wunderbar streiten). In den Refrains kehrt im Sprechen die Ruhe ein, von der die heimliche Welt aus der Ferne „spricht“.

Das Gedicht beginnt mit einer Bitte bzw. der Anrufung der heimlichen Welt, die dem Ich sehr vertraut sei (V. 3 f.), und endet mit der gleichen Strophe. Wenn die 1. Strophe das Eingangsgebet darstellt, kann die letzte Strophe als Bitte um Fortsetzung der heiligen Kommunikation verstanden werden. Die Atmosphäre des Heiligen wird nicht nur im Kontext des Romans überdeutlich, sondern auch im Gedicht selber deutlich bezeugt: Heiliger Sinn (V. 10), Friede (V. 15), heiliges Grauen (V. 21), Allverbundenheit (V. 29 ff.). Das Gedicht gehört in den Kult der Natur, der literarisch seit dem Sturm und Drang betrieben wurde (u.a. Goethe; Ferdinand in Kabale und Liebe usw).

Der Aufbau der so umschlossenen sieben Strophen ist folgender: In den Wenn-Sätzen werden drei verschiedene Stufen bzw. Phasen der Nacht beschrieben: Die Sterne erscheinen im Dunkel (V. 5 ff.), der Mond geht auf (V. 13 f.), die Mitternacht ist mit ihrer Finsternis da (V. 21 ff.). Diesen (konditional wie auch temporal gemeinten) Wenn-Sätzen entsprechen drei (Dann)Hauptsätze: Dann kommt der heilige Sinn der Sterne (V. 9 ff.), dann kommt der himmlische Frieden (V. 15 f. – hier wird dann noch die Strophe V. 17-20 eingeschoben, wo der Austausch von Himmel und Erde mittels klingender Lieder beschrieben wird, also mittels Gedichten der Art Brentanos: das Zentrum des Gedichts), dann findet ein freundliches Spiel von Dunkel und Licht statt (V. 25 ff.). In der abschließenden siebten Strophe wird die Stunde und das Fest der Erlösung gefeiert, das bereits in den (Dann)Hauptsätzen umschrieben war: Alles ist miteinander verbunden und „ewig im Innern verwandt“ (V. 32).

Ich möchte noch einige schwierige Stellen klären: Die Nacht flicht die Kränze der Funken (die Sterne) um ihre eigene schattige Stirn (V. 7 f. – wie man hier wie Meyer-Sickendiek ans lyrische Ich denken kann, ist mir ein Rätsel). Die Tränen des Mondes lösen verborgenes Weh (V. 14): Das muss das Weh aller sein, sonst käme nicht die Allverbundenheit zustande (V. 29 ff.). Die Mitternacht mit ihrem Dunkel ist der notwendige Gegenpol der Sterne: Ohne das Zusammenspiel von Dunkel und Licht kein freundliches Spiel (V. 25 f.). Den schwierigen Satzbau V. 27 f. möchte ich so auflösen: Die Lichter (Subjekt) funkeln das Ziel (Objekt), sie bilden das Ziel der Sehnsucht. Auf die Sonderstellung der Strophe V. 17-20 hatte ich bereits hingewiesen: Dies ist auch die einzige Stelle, wo in der Stille der Nacht Laute erklingen (Lieder: gesungene Gedichte); denn der heilige Sinn der Sterne kommt tonlos angeweht (V. 9 ff.), ebenso der nächtliche Friede, und auch das Spiel von Dunkel und Licht ist still (V. 25 ff.).

Das Ich spricht in einer gehobenen Tonlage (Sprachebene); es gebraucht Personifikationen (sprechende Welt und Farbe, die Nacht flicht Kränze, Tränen des Mondes usw.), es beschreibt die Welt synästhetisch (freudige Farbe spricht, glänzende Lieder u.a.). Diese sprachliche Seite des Gedichts ist überaus wichtig. Die Alliterationen nenne ich nur (s-, V. 3; f-, V. 6; sch-, V. 8; t-, V. 30), Assonanzen übergehe ich. Ich spreche exemplarisch noch von der Semantik der Reime, die die Allverbundenheit symbolisch repräsentiert: aus der Ferne / zu mir gerne (V. 1/3); heimliche Welt / zu mir gesellt (V. 2/4); Abendrot niedergesunken / Kränze aus Funken (V. 5/7: Folge, Kontrast); keine Farbe spricht  /Kranz aus Licht flicht (V. 6/8, wie V. 5/7); usw.

Wenn man das Gedicht verstanden hat und um es noch besser zu verstehen, sollte man es ganz oft sprechen – im Sprechen den Rhythmus finden und sich dem Spiel der Worte und Bilder hingeben. Danach kann man sagen: Aha, so funktioniert die romantische Mystik der Nacht. „Auch das Motiv der Nacht war in der Romantik beliebt, verkörperte es doch die von den Romantikern propagierte Verschmelzung von Sinneseindrücken besonders gut, siehe z.B. das berühmte Gedicht Mondnacht von Eichendorff oder das Gedicht Ritt im Mondschein von Achim von Arnim, wo sich das Motiv der Nacht außerdem passenderweise mit dem der Liebe verbindet. In diesen Motivkreis gehören auch die Motive der Verbundenheit mit der Natur (allerdings in idealisierter Form), vgl. das Gedicht Nacht und Winter von Adelbert von Chamisso, in dem das Ich seine Stimmungen in der Natur gespiegelt sieht.“ (Wikipedia: Romantik) Brentano geht hier noch einen Schritt weiter als seine genannten Kollegen, denke ich; falls man diesen Schritt nicht nur ästhetisch tut, landet man im Sumpf der Esoteriker.

http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/files/554/Fruehromantik_STUB.pdf (zum Godwi-Roman)

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=NBgHjbxiFUY (Will Quadflieg)

https://www.youtube.com/watch?v=zgI5f1IjKyM (moderne Version: rap)

https://www.youtube.com/watch?v=yrcRAD5ztP0 (nur Musik)

Sonstiges

http://www.deutsche-biographie.de/sfz60807.html (Biografie und Werk)

http://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Biografie)

http://fxneumann.de/thalion/brentano/ (Biografie)

http://www.in-output.de/AKE/akebrentano.html (Biografie)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens (Biografie und Werk Brentanos)

http://www.schreiben10.com/referate/Biographien/11/Clemens-Brentano—Leben-und-Werk-reon.php (Biografie und Werk)

http://gutenberg.spiegel.de/autor/75 (Werke Brentanos)

https://www.youtube.com/watch?v=6sTiem_tzJk (Lutz Görner: Brentano)

https://www.youtube.com/watch?v=hpIXaAOzbYI (Görner: Fortsetzung)

https://www.youtube.com/watch?v=hBQhc5tD9Lc (Görner: Schluss)

Brentano: Einsam will ich untergehn – Analyse

Einsam will ich untergehn…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=1035

(http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=1044 späte Fassung)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/Gedichte/Ausgew%C3%A4hlte+Gedichte/25.+August+1817

http://www.lutzgoerner.de/get/shows/129.pdf (mit biograf. Kontext, allerdings nicht richtig, vgl. http://www.in-output.de/AKE/akebrkon)

Entgegen Lutz Görners Darstellung legte Brentano im Februar 1817 die Generalbeichte ab; was geschah also am 25. August 1817? Ich habe es nicht herausfinden können – es ist anscheinend ein Datum aus Brentanos Kampf um den rechten Glauben und Luise Hensel, die fromme evangelische Pfarrerstochter.

„Luise Hensel weist Brentanos leidenschaftliche Liebe in die  Schranken seelischer Neigung zurück. Mitten in der Unruhe  der gottentfremdeten Welt will sie ganz bei ihrem himmlischen Vater aushalten, wie eine Tochter, die aus Liebe zu ihrem einsamen Vater jeder Heirat abgeschworen hat. Gütig, aber entschieden erklärt sie auf seinen Antrag, daß jeder Gedanke an eine Heirat vergeblich sei. Ein letzter Flammensturm durchbebt Brentanos Seele: ‚Du hast mir das Dach abgedeckt und  Türe und Fenster ausgehoben; Du hast mir den Mantel genommen, ja die Brust eingestoßen. . . . Weißt Du, was Du getan hast, als Du mein Herz von Gott annahmst? Du hast  eine Pflicht genommen, es zu heilen und zu heiligen. . . . Du  selbst hast es gefühlt und ausgesprochen, daß dieses Herz Dein  ist; Du weißt es, ich weiß es, Gott weiß es! Aber vergeblich muß ich nun schreien, das entsetzliche Wort . . . vergeblich  Fahr hin in Deiner Heiligkeit, Du Törin, Du Wahnsinnige,aber ich sage Dir hier in die Seele: Wenn Du vor den Herrn  kommst, wird er Dich fragen: ‚Wo hast Du das Herz dessen,  den ich Dir übergeben habe?’ und ich werde Dir nachschreien mein Vergeblich bis jenseits der Ewigkeit.’In diesen Stürmen und Kämpfen entstehen viele, und zwar die ergreifendsten von Brentanos Gedichten. In ihrem Schmerz und Zwiespalt haben sie die ursprüngliche einfache Melodik und Naturverbundenheit des Volksliedes gesprengt. Sie sind nicht mehr liedartig, sie sind thematisch aufgebaut. Das Allgemeine, Musikalische in ihnen ist bewußter, schmerzlicher, ringender. Aber wieder ist es eine Grundstimmung, ein schwerer, dunkler Strom nunmehr, aus dem die einzelnen Strophen und Bilder nur als Wellen aufrauschen. Wieder kann sich Brentano nicht im ideellen Nacheinander entwickeln, sondern im  musikalischen Nebeneinander. Wieder fließt ihm dabei die  Form ins Ungemessene. Wieder bedient er sich des Refrains  als Bindemittel, aber in selbständiger, mannigfaltiger Ausbildung. Im ‚Wiegenlied eines jammernden Herzens’ setzt jede Strophe ein mit dem schmerzlich beschwichtigenden Ausruf: ‚O schweig nur Herz!’ […]

Weit über den Refrain hinaus aber, musikalisch am tiefsten  durchgebildet in ihrem Bau sind die Gedichte ‚Einsam will  ich untergehn’, ‚Das Elend soll ich einsam bauen’ und ‚Nun  soll ich in die Fremde ziehen’, in denen die hilflose Verlassenheit des Liebenden aufklagt. […]

Die äußere Linienführung erinnert an die Form des Trioletts, aber dessen mozartischer Rokoko-Zierlichkeit tritt hier eine Beethovensche Schwere und Dunkelheit gegenüber.“ (Philipp Witkop: Die deutschen Lyriker von Luther bis Nietzsche, Bd. 2, 2. Aufl. 1921, S. 44 f.)

Unser Gedicht ist damit biografisch verortet. In Brentanos Gedicht geht es um das Licht des Sterns, den das lyrische Ich gesehen hat und den es nicht zu verlieren wünscht. Welches Licht, welcher Stern ihm aufgegangen ist, wird nicht gesagt – biografisch kann es nur das Licht des Glaubens in Form des katholischen Christentums sein, verbunden mit Maria Hensel als (Glaubens)Gefährtin. Wir müssen uns hier daran halten, was das Symbol allgemein bedeutet und wie das Ich von ihm spricht.

„Die Sterne sind Zeichen und Bringer des Lichts, Trostspender in dunkler Nacht, durchdringen sie doch die Dunkelheit und nehmen an dem beständigen Kampf zwischen Mächten des Lichts und der Finsternis teil. Sie bedeuten Hoffnung, denn sie leuchten im Dunkeln, sind die Augen der Nacht.“ (http://www.symbolonline.de/index.php?title=Stern) Der „Stern, den ich gesehn“ (V. 3 und jeder 3. Vers in allen Strophen) könnte ihm entrissen werden (1. Str.), könnte zum letzten Mal grüßen (2. Str.), könnte ihm das Geleit verweigern (3. Str.), könnte nicht mehr „auf mich niederschauen“ (4. Str.), usw. – es könnte ihn schuldhaft verlieren (8. Str.). Das wäre dann der Grund zu vollendeter Verzweiflung – das ist der Inhalt des Gedichts. Es spricht ein lyrisches Ich zu einem Du, wie sich erst ganz am Ende zeigt (V. 48). Dass das Ich so vielfach abgewandelt vom möglichen Verlust des Sterns spricht, verrät eine Unsicherheit, die schlecht zum Glück des Findens eines solchen Sterns passt.

Die Strophen des Gedichts ist sind nach einem Kettenschema gebaut, welches man am einfachsten an der 2. Strophe erklärt, weil dort die Verkettung beginnt : „Einsam will ich untergehn / Wie ein Pilger in der Wüste“ (V. 7 f.), sagt das Ich, womit es die beiden letzten Verse von Str. 1 aufgreift, wobei es nur drei Wörter umstellt. Die klagend-drohende Formel „Einsam will ich untergehn / Wie…“ findet sich in allen Str. 2-8, wobei nur der Vergleich wechselt. In V. 9 f. folgt ein Konditionalsatz vom möglichen Verlust des Sterns; dabei wechselt die Wortwahl von Strophe zu Strophe, aber nicht der Sinn des Konditionalsatzes. Dieser Nebensatz (der auch zum vorhergehenden Hauptsatz passte – die Sätze V. 7 f. und V. 11 f. unterscheiden sich ja auch kaum in ihrer Bedeutung) leitet den folgenden Hauptsatz ein, der wieder dem Hauptsatz von V. 5 f. gleicht, wobei allerdings der Vergleich nach dem „Wie“ wechselt – andernfalls könnte es ja keine neue Strophe geben, weil die neue Formulierung (V. 11 f.) wieder den Anfang der nächsten Strophe bildet (V. 13 f.). So wird das Prinzip der Verkettung gewahrt.

Es bleibt jetzt noch zu klären, wie dieses Prinzip am Anfang und am Ende aufgebrochen wird, ehe wir uns kurz den einzelnen Vergleichen zuwenden. In der 1. Strophe entfällt der erste Vergleich (V. 2), mit dem an eine vorgehende Strophe angeknüpft werden müsste – es gibt sie ja nicht. Stattdessen wird durch den neuen Satz „Keiner soll mein Leiden wissen“ (V. 2) das Satzadjektiv „Einsam“ (V. 1), vielleicht auch der ganze Satz (V. 1) paraphrasiert. Im Sprechen selber widerspricht sich das Ich, falls es sich an ein Du richtet (V. 48) – es sei denn, man fasse auch V. 48 monologisch auf und denke sich das Du nicht als Adressaten. In der letzten Strophe wird der Schlussvergleich so formuliert, dass eine Fortsetzung entfällt: „[untergehn] Wie mein Herz in deinem Herzen“ (V. 48). Damit bekommt der V. 48 eine Sonderstellung im Gedicht, das darin enthaltene Liebesbekenntnis wird aufs Äußerste überhöht. Auch dieses Bekenntnis (Stichwort „untergehn“) zeigt die gleiche Ambivalenz wie die Sorge, dass der überaus helle Stern verlorengehen könnte (V. 3 f. in jeder Strophe): Auch in der Liebe ist ein Untergang nicht gut, wenn das Ich-Herz dabei einsam bleibt, wird es auch nicht besser (V. 47 f.).

Die Bilder der Untergehenden (V. 2 der Strophen) sind nicht originell: ein Pilger in der Wüste, ein Bettler auf der Heide, der Tag im Abendgrauen, der Sklave an der Kette… Der Pilger und der Bettler stellen sich dumm an: Als Pilger soll man nicht allein durch die Wüste ziehen und als Bettler nicht in die Heide gehen – wer könnte einem dort etwas geben? Auch dass der Trost in stummen  Schmerzen untergeht (V. 44), leuchtet mir nicht ein; ich denke, hier hat das Schema oder die Notwendigkeit, passende Reimwörter zu finden (stumme Schmerzen / verscherzen), gesiegt.

Die Form der einzelnen Strophe ist recht einfach und auf das Kettenprinzip angelegt: vierhebige Trochäen mit abwechselnd männlicher und weiblicher Kadenz; dabei bilden die ersten vier Verse einen Kreuzreim. Die Wörter „untergehn, gesehn, untergehn“ stehen am Schluss jedes 1., 3. und 5. Verses; das Schlusswort von V. 6 bildet das Reimwort in V. 2 und 4 der nächsten Strophe. Nur in der letzten Strophe ist mit „Herzen“ (V. 48) ein Reimwort zu V. 44 und 46 gefunden worden, wobei ich den dadurch möglichen Vergleich V. 47 f. allerdings nicht für gut halte. Wegen der Starre des Strophenbaus und der Eigenart der Satzbildung (V. 7: Enjambement; V. 8/10: Vergleich/Verlust des Sterns) kann man nicht erwarten, dass die reimenden Verse in semantische Beziehungen gestellt würden.

Die beinahe gleiche Technik des Gedichtaufbaus finden wir auch in „Der Spinnerin Nachtlied“; sie wirkt hier auf mich allerdings schematisch – ich kann dem Gedicht nicht die gleiche Bedeutung wie Philipp Witkop (s.o.) zuerkennen, auch wenn es seinen Platz in Anthologien bis heute behauptet.

Sonstiges

http://www.deutsche-biographie.de/sfz60807.html (Biografie und Werk)

http://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Biografie)

http://fxneumann.de/thalion/brentano/ (Biografie)

http://www.in-output.de/AKE/akebrentano.html (Biografie)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens (Biografie und Werk Brentanos)

http://www.schreiben10.com/referate/Biographien/11/Clemens-Brentano—Leben-und-Werk-reon.php (Biografie und Werk)

http://gutenberg.spiegel.de/autor/75 (Werke Brentanos)

https://www.youtube.com/watch?v=6sTiem_tzJk (Lutz Görner: Brentano)

https://www.youtube.com/watch?v=hpIXaAOzbYI (Görner: Fortsetzung)

https://www.youtube.com/watch?v=hBQhc5tD9Lc (Görner: Schluss)

Stern/Licht

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Stern (Stern, auch ein wenig spinnert)

http://www.elfenbeinturm.net/archiv/2003/09.html (christlich-jüdische Lichtmetaphorik)

http://www.lichtkreis.at/html/Wissenswelten/Symbolik_Talismane/bedeutung-symbol-stern.htm (esoterisch: Lichtkreis usw.)

http://www.architektur-und-freikirche.de/PDF-dateien/Licht%20und%20Finsternis%20in%20den%20Religionen%20der%20Welt.pdf (Licht)

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Finsternis (Finsternis)

http://www.bistummainz.de/pfarreien/dekanat-bergstrasse-west/pg-vhm-aposteln-marien/Glaube/liturgieserie/licht.html (Licht)

Brentano: Hörst du, wie die Brunnen rauschen – Analyse

Hörst du, wie die Brunnen rauschen…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1012

http://gutenberg.spiegel.de/buch/360/92 

http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/350450_0213_Brentano_Brunnen.pdf (mit grausamer Textbeschreibung: 1. Es gibt im Gedicht keine Naturbeschreibungen, 2. es geht nicht um die positiven Gefühle des Ich.)

Das Gedicht ist wohl 1811 entstanden, und zwar für Brentanos Märchen. „Mit den ‚Italienischen Märchen’, wozu ‚La Mortella’, das ‚Myrtenfräulein’ gehört, hat Clemens Brentano, der Sohn eines italienischen Kaufmanns, einige der Geschichten aus dem ‚Pentamerone’, der berühmten Märchensammlung des Giambattista Basile aus dem siebzehnten Jahrhundert, adaptiert und durch Rollengedichte wie dieses bereichert.“ (H.-J. Simm)

Das Märchen von dem Myrtenfräulein: Inhalt und Text. Der Prinz singt das Lied für sein unsichtbares, aber sprechendes und fühlbares Myrtenfräulein, als Schlaflied. „Und dies Lied wirkte so durch die sanfte Weise, in welcher er es sang, daß das Myrtenfräulein zu den Füßen des Prinzen entschlummerte…“

Sprecher bzw. Sänger ist ein verliebter Prinz, das angesprochene Du das wundersame Myrtenfräulein. Der Sprecher beginnt mit der doppelten (rhetorischen) Frage „Hörst du…“, womit er jedoch nur auf die leisen Geräusche der Nacht hinweist; „stille“ (V. 3), ebenfalls wiederholt, ist ein verkürzter Imperativ: „sei stille“, worauf die Aufforderung „laß uns lauschen“ (V. 3) folgt. Das heißt: Lass uns uns gemeinsam dem Nächtlichen zuwenden – die elementare Bedeutung dieser Aufforderung wird in den folgenden Seligpreisungen ausgeführt: Wer sein bewusstes Ich hinter sich lässt, also „wer in Träumen stirbt“ (V. 4), ist selig, verkündet der Sprecher.

Es folgen sechs Verse entsprechender Seligpreisungen, die den Bereich des Traumlebens umschreiben: „wen die Wolken wiegen“ (weiche w-Alliteration, V. 5), dazu passend das vom Mond gesungene Schlaflied (V. 6); dazu passend die Möglichkeit, im Traum zu fliegen – hier im kühnen personifizierten Bild „der Traum schwingt den Flügel“. Im folgenden konsekutiven Nebensatz (V. 9 f.) wird das Bild des Himmelsfluges (V. 7 f.) ausgeweitet: Sterne wie Blumen pflücken.

Abschließend folgen die dreifache Bitte an das geliebte Du, sich dem Traum-Flug hinzugeben (V. 11), und die Versicherung, es bald wieder zu wecken. Der Schluss wirkt ein bisschen sperrig: 1. Warum soll das so selig träumende Du bald geweckt werden? 2. Der Hinweis „ich … bin beglückt“ (V. 12) mit dem Fokus auf „ich“ lässt das Du außer Betracht. Beide Aspekte verlieren das Sperrige, wenn man das Wecken so versteht, dass Du und Ich dann in einer gemeinsamen Welt leben, so dass das Ich auch beglückt sein kann. Im Kontext des Märchens könnte der Prinz bei seiner letzten Äußerung daran denken, dass er dann ja das Myrtenfräulein leibhaftig sehen kann – das wäre eine plausible Begründung dafür, sie aus dem Traumflug zu wecken. Ohne den Märchenkontext behalten die beiden letzten Verse einen Impuls, der dem großen Flug-Traum-Wunsch entgegen steht.

Der Text wird ganz nächtlich-ruhig gesprochen, auch langsam und meditativ. Die vierhebigen Trochäen werden dadurch gebremst, dass sie im Kreuzreim verbunden sind, dass jeweils der erste Vers eine weibliche Kadenz aufweist, der zweite zwar eine männliche, aber ein Satzende markiert.

Die Reime passen vor allem im ersten Teil des Gedichts zueinander, weil dort ein Vers eine semantische Einheit ist (ab V. 9 nicht mehr): Brunnen rauschen / lass uns lauschen (V. 1/3); die Grille zirpt/wer in Träumen stirbt (V. 2/4 – wer auf das Zirpen lauscht, kann in Träumen sterben: Folge); die Wolken wiegen/fliegen (V. 5/7); der Mond singt/der Traum schwingt (V. 6/8: Erlebnisse in der Traum-Nacht). Die Wiederholungen (Hörst du, V. 1 f.; Stille, V. 3; Selig, V. 4 f. und V. 7) tragen ebenso wie das ausgebaute Bild vom Traumerleben (V. 5-10) zum Eindruck der friedlichen Ruhe bei, den das Gedicht verbreitet. Die Personifikationen von Wolken, Mond und Traum passen in die Traumwelt und ihr Erleben.

Wenn man das Gedicht ohne den Märchenkontext liest, verblassen Sprecher und Du zum lyrischen Ich und zur angesprochenen Person (bitte nicht: der Rezipient bzw. Leser!); Nacht und Traumwelt müssen dann aus sich so viel Zauber entlassen, dass die Seligpreisungen glaubhaft bleiben – das Aufwecken kann auf das morgendliche Wecken bezogen, das Gedicht also als „normales“ Schlaflied verstanden werden, welches den Charakter des Liebeslieds verloren hat.

Wenn man sieht, wie hilflos und dumm die Textbeschreibung im Klett-Link ist, wundert man sich über gar nichts mehr und fragt sich, warum Brentano überhaupt gedichtet hat – er hätte schließlich sagen bzw. den Prinzen sagen lassen können: ‚Ich habe positive Gefühle.’

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/frankfurter-anthologie/gedicht-interpretation-lesung-hoerst-du-wie-die-brunnen-rauschen-von-clemens-brentano-12081761.html

http://www.gedichteforen.de/index.php?page=Thread&postID=154712&highlight=brentano#post154712 (mit Diskussion)

http://www.hinzz.de/uni/Docs/Romantische%20Lyrik/Hoerst%20du%20wie%20die%20Brunnen%20rauschen%20Interpretation%20und%20Analyse.pdf (Stichworte)

http://www.lyrikschadchen.de/Interpretation_1_Horst_du__Brentano_.pdf (Gedichtvergleich mit Eichendorff: Zauberei der Nacht)

Vortrag

http://www.lutzgoerner.de/gdt/792/ (Lutz Görner)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/hoerst-du-wie-die-brunnen-rauschen.html (Fritz Stavenhagen)

https://www.youtube.com/watch?v=DwKA-Yvq39I (Vortrag gut – Bilder sinnlos)

http://www.youtube.com/watch?v=DmYLt4ngpTA (aus einer Serie mit dem flötenden Onkel)

http://www.youtube.com/watch?v=NG1lugtVBao (Chor – vertont von M. Aschauer)

Sonstiges

http://anthrowiki.at/Clemens_Brentano (Biografie)

http://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Biografie)

http://fxneumann.de/thalion/brentano/ (Biografie)

http://www.in-output.de/AKE/akebrentano.html (Biografie)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/Biographie (Biografie und Gedichte Brentanos)

http://gutenberg.spiegel.de/autor/75 (Werke Brentanos)

https://www.youtube.com/watch?v=6sTiem_tzJk (Lutz Görner: Brentano)

https://www.youtube.com/watch?v=hpIXaAOzbYI (Görner: Fortsetzung)

https://www.youtube.com/watch?v=hBQhc5tD9Lc (Görner: Schluss)

Brentano: Der Spinnerin Nachtlied – Analyse

Es sang vor langen Jahren…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=963

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem.eb&&ds=747&id=757&add=&start=0

http://www.literaturwelt.com/werke/brentano/spinnerin-nachtlied.html

In diesem einfachen Gedicht Brentanos, 1818 (jedoch bereits 1806 als Lied) veröffentlicht und vermutlich 1802 entstanden, spricht oder singt eine Spinnerin. Als Überschrift finden wir sowohl „Der Spinnerin Nachtlied“ als auch „Der Spinnerin Lied“. „Spinnen“: „Es bedeutet: 1. Aus einem weichen und faserigen Körper einige Fasern ausziehen und solche zu Fäden zusammendrehen; daher sagt man: An der Spindel, an einem Rade spinnen. Sich mit Spinnen nähren. Grob, klar, fein spinnen. (…) Ohne nun noch weiter dieser Erfindung nachspüren zu wollen, deren Natur in der Spinne liegt, sei es genug, hier nur noch anzuführen, daß das Spinnen zu allen Zeiten bei unseren Vorfahren sehr hoch gehalten worden ist, und daß selbst Standespersonen sich desselben nicht geschämt haben. Königinnen und deren Töchter spannen, wie solches auch noch die Königin Sophia Dorothea, Gemahlin König Friedrich Wilhelms des Ersten von Preußen, mit ihren Töchtern gethan hat. Die Edelfrau saß mit ihrer Zofe und spann, und dieses erstreckte sich durch alle Stände, bis auf den einfachen Landmann herab.“ (Krünitz) Aus dem Spinnen kann man also nicht auf die Person der Spinnerin schließen, wohl aber aus dem, was und wie sie spricht.

Das lyrische Ich spricht ganz einfach, in kurzen Sätzen, von der vergangenen Liebe und von seiner Erinnerung daran; allerdings verwendet es auch Hypotaxen. Hinter dem einfachen Sprechen steht aber eine raffinierte Technik, die man einer einfachen Spinnerin nicht zutraut: Die beiden ersten Strophen leben von dem Gegensatz zwischen der erfüllten Liebe „vor langen Jahren“ (V. 1), „Da wir zusammen waren“ (V. 4), und dem gegenwärtigen Zustand: „Ich „spinne so allein“ (V. 6). Die Erinnerung an die vergangene Zeit wird durch den Gesang der Nachtigall ausgelöst (Es sang „auch die Nachtigall“, V. 2 – „Nun mahnet mich ihr Schall“, V. 11). Gegen die schöne Erinnerung, von der das Ich erzählt, steht die gegenwärtige traurige Wirklichkeit, die es beschreibt und beklagt (1./2. Str.).

Diese 8 Verse werden raffiniert aufgegriffen und fortgeführt: Der letzte Vers von Str. 1 wird zum 1. Vers von Str. 3, V.  8 -> V. 13 (minimal variiert), usw.; viermal wird das Schema durchgespielt. Ferner werden die beiden ersten Verse der 1. Str. (genauer: der 2. Vers als Satzkern bzw. Hauptsatz) in der 3. und 5. Str. wiederholt; „klar und rein“, das sind die letzten Worte in V. 7, 15 und 23; der letzte Vers der 1. Str. wird in der 3. Str. kontrastiert und in der 5. Str. wiederholt; die ganze letzte Strophe ist aus Versatzstücken vorheriger Strophen (v.a. der 2.) zusammengestellt: V. 16 – > 21; V. 6 -> V. 22; V. 7 und 8 –> V. 23, V. 5 -> 24. So wird das Gedicht zu einer formal geschlossenen Einheit voller Wiederholungen von eigenartiger Musikalität. Das wäre im Einzelnen genau zu untersuchen, ich nenne hier nur zwei Beispiele: Der zuerst gehörte Gesang der Nachtigall „war wohl süßer Schall“ (V. 3), „Da wir zusammen waren“ (V. 4). Der Nebensatz in V. 4 kann sowohl kausal wie einfach temporal gemeint sein. „Wohl“ ist hier „ein Umstandswort, da es denn den Begriff eines Verbi, oder andern Adverbii nur modificiret, und dabey oft so feine Nebenbedeutungen ausdruckt, daß sie sich nur dunkel empfinden, aber nicht leicht durch Worte klar machen lassen. Ich kann daher nur die vornehmsten und hervorstechendsten anführen. Es sind selbige: (1) Der Nebenbegriff des Zweifels, der Vermuthung, der Frage; wie vielleicht. Das kann wohl nicht seyn. Das ist wohl nicht erlaubt.“ (Adelung 1811) Mit „wohl“ (V. 2, 3) werden die Aussagen also ganz leicht modifiziert. V. 2 wird ohne „wohl“ in V. 10 wiederholt (in der Erklärung, warum nun ihr Gesang daran erinnert, dass „du von mir gefahren“ bist, V. 12). In V. 18 bekennt das lyrische Ich, dass seit der Trennung stets die Nachtigall  singt und, wie in V. 11 f. erklärt, die Erinnerung an die schöne Gemeinsamkeit wachruft. Die Variation V. 3 -> 11 -> 19 könnte man entsprechend durchspielen. Ich weise jetzt nur noch auf die „Objekte“ hin, die mit „klar und rein“ verbunden sind: Zuerst ist es der Faden der Spinnerin (V. 7), dann „mein Herz“ (V. 15), schließlich der Mond (V. 23); „klar“ gehört in die Bezeichnungen des Fadens beim Spinnen (s.o.), „rein“ dürfte aus der Gewissenserforschung und damit dem Bereich der Herzens stammen.

Diese zahlreichen Querverbindungen dürfen aber nicht den Blick dafür trüben, wie das lyrische Ich seine Äußerung entwickelt: Es erinnert sich der Zeit, da „wir“ (das Ich bleibt im Bereich der Pronomina, das geliebte Du hat nicht einmal einen Namen; „ich“ und „du“ werden so offen für alle Namen ähnlich Leidender) zusammen waren, und beklagt im Gegenzug dazu seine derzeitige Einsamkeit (1.-2. Str.). Es beschreibt dann Situationen, in denen es des geliebten Du gedenkt: nun beim Gesang der Nachtigall, und immer, wenn der Mond scheint (3.-4. Str.). In der 5. Str. wird das Adverbial „so oft“ (V. 13) in „stets“ (V. 18) aufgenommen, wird auch der Nachtigall das Amt des Dauermahners zuerkannt. Zum Schluss äußert das Ich gebetsartig zuerst seine Hoffnung auf erneute Vereinigung mit dem Du (V. 21, wie V. 16), wogegen sich seine derzeitige Verlassenheit abhebt (V. 22 ff., vgl. V. 6 und V. 5): Klage einer Frau, die in ihrem Liebesleid nicht einmal weinen kann. Nachtigall und Mond werden in den sechs Strophen abwechselnd erwähnt.

Was aus dem geliebten Du geworden ist, geht aus dem Text („von mir gefahren“, V. 12) nicht hervor: Das Du könnte als Handwerker abgereist sein, könnte das Ich treulos verlassen haben oder auch gestorben sein (dafür spricht vielleicht V. 16, V. 21) – wir wissen es nicht.

Das Gedicht besteht aus dreihebigen Jamben, die in einem umfassenden Reim aneinander gebunden sind; die äußeren Verse besitzen eine weibliche Kadenz (zusätzliche Silbe), die inneren eine männliche. Für die Innenreime wechseln sich stets „Nachtigall/Schall“ und „allein/klar und rein“ ab, was den Eindruck eintöniger Einfachheit der Sprecherin hervorruft.

Brentano gehört zwar in die Romantik; doch sind die Nachtigall und der Mond nicht ausschließlich romantische Attribute; die Nachtigall singt zwar öfter in Eichendorffs Gedichten, aber auch schon im 17. Jahrhundert und etwa bei Theodor Storm. Der Mond scheint in den Gedichten vieler Epochen, im Expressionismus sogar außerordentlich bedrohlich. Ich sehe das Gedicht vor allem als ein Formexperiment, welches das Kreisartige etwa der Terzinendichtung aufnimmt oder variiert und zum Ausdruck der Trauer und Hoffnung nutzt.

Eine gelehrte Analyse legt Wolfgang Frühwald vor (Die artistische  Konstruktion des Volkstons, in: Gedichte und Interpretationen, Bd. 3, RUB 7892, S. 269 ff.); sie geht weit über das hinaus, was man in der Schule vermitteln kann. Zwei Erkenntnisse sollen festgehalten werden, 1. dass die artistische Konstruktion eines scheinbar naiven Volkstons eine Leistung der deutschen Romantik war; 2. dass im Gedicht im a-Vers „das Glück der Einheit in der Vergangenheit, im invarianten ei-Vers aller Fassungen (‚Gott wolle uns vereinen’) Sehnsucht und Hoffnung auf eine Vereinigung in der Zukunft ausgedrückt ist, die dem Schmerz der [gegenwärtigen] Trennung nicht mehr unterliegt“ (S. 273). „Das Thema vom verlorenen Paradies, die Klage um seinen Verlust, die Sehnsucht nach seiner Regeneration ist für Brentano die Grundmelodie des Lebens.“ (S. 275)

http://www.dr-bettina-wehner.de/download/Doktorarbeit%20S.%20161%20bis%20210.pdf (Interpretation in einer alten Diss., weist auf das Volksliedartige hin: „Das monotone, stetige Kreisen oder vielmehr Schweifen der Worte symbolisiert die ausweglose Versunkenheit des Menschen in eine düstere, schmerzliche Grundstimmung.“)

http://www.zeit.de/1960/26/der-spinnerin-lied (R. Alewyn geht 1960 intensiv auf die sprachliche Form ein: „Wechsel und Wiederkehr, Stillstand und Verrinnen der Zeit – nichts anderes ist das Thema des Gedichts. Sie sind gebannt in die Situation des verlassenen Mädchens am Spinnrad. In dem Gegensatz der a-Strophen und der ei-Strophen schwingt der Wechsel der Zeit.“)

http://www.schreiben10.com/referate/Literatur/26/Interpretieren-Sie-ein-selbst-ausgewahltes-romantisches-Gedicht—Clemens-Brentano—Der-Spinneri.php (sprachlich etwas hochgestochen, geschwätzig, oft dumm; macht aus der femininen Person später durchweg ein „er“ und landet beim männlichen „Wesen“) = http://www.referatschleuder.de/deutsch.php?Anfangsposition=180&begrenzer=6 (dort Nr. 5)

http://lyrik.antikoerperchen.de/clemens-brentano-der-spinnerin-nachtlied,textbearbeitung,141.html (teilweise gesponnen, hilflos)

http://deutschlk.xobor.de/t57f29-Gedichtanalyse-Clemens-Brentano-Der-Spinnerin-Nachtlied.html (dito, viele „phantasievolle“ Deutungen)

http://www.deutschboard.de/topic,1881,-gedichtinterpretation-zu-undquot%3Bder-spinnerin-liedundquot%3B.html (dito, schwach, mit Korrekturvorschlägen)

http://www.lyrikschadchen.de/Interpretation_Spinnerin__Brentano_.pdf (schülerhaft, hilfloser Gedichtvergleich mit Günderode: Die eine Klage)

http://www.grin.com/de/e-book/105135/brentano-clemens-von-der-spinnerin-nachtlied-analyse-und-interpretation (Teil einer Analyse, hilflos)

http://www.inhaltsangabe.info/deutsch/die-spinnerin-nachtlied-goethe-analyse (Stichwörter, wie üblich vieldeutig – verschiedene Autoren; Überbewertung des Spinnrads: vermutlich fixe Idee des Lehres)

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Spinnerin_Nachtlied

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/der-spinnerin-lied.369.html (F. Stavenhagen)

https://www.youtube.com/watch?v=hpIXaAOzbYI (Lutz Görner, ab 7:58)

https://www.youtube.com/watch?v=i8-kcTBSWIs (Sprecherin, gut)

http://www.schule-bw.de/unterricht/faecher/deutsch/unterrichtseinheiten/lyrik/lyrikgespr/spinnerin.mp3 (Schülerin, hilflos)

https://www.youtube.com/watch?v=wjQ3u7qunuc (Schüler, schreit unmotiviert herum)

https://www.youtube.com/watch?v=koPGLJMhHXk (Schülerin, mit unpassenden Bildern verbunden – meine Güte, was alles als Klausurarbeit beim produktiven Arbeiten durchgeht!)

https://www.youtube.com/watch?v=3dx6TF0dK0Q (ähnlich, etwas besser)

https://www.youtube.com/watch?v=IrREhyCNmLM (zwei Sprecherinnen, sonst ähnlich)

https://www.youtube.com/watch?v=dIzm6dwX3Zo (Kunstlied A. Diepenbrocks)

Sonstiges

http://anthrowiki.at/Clemens_Brentano (Biografie)

http://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Biografie)

http://fxneumann.de/thalion/brentano/ (Biografie)

http://www.in-output.de/AKE/akebrentano.html (Biografie)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/Biographie (Biografie und Gedichte Brentanos)

http://gutenberg.spiegel.de/autor/75 (Werke Brentanos)

https://www.youtube.com/watch?v=6sTiem_tzJk (Lutz Görner: Brentano)

https://www.youtube.com/watch?v=hpIXaAOzbYI (Görner: Fortsetzung)

https://www.youtube.com/watch?v=hBQhc5tD9Lc (Görner: Schluss)

http://www.recmusic.org/lieder/get_text.html?TextId=3132 (Vertonungen von „Der Spinnerin Nachtlied“)

http://www.gym-nw.org/pages/fachbereiche/aufgabenfeld-a/deutsch/aktuelles/82-brentanos-spinnerin.php (Bilder einer Kl. 8 zum Text)

http://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/deutsch/bs/lyrik/lit/literaturgeschichte.pdf (Liebeslyrik im Unterricht)

http://www.deutschlehrerzentrum.uni-goettingen.de/materialien/Vom_Umgang_mit_Zauberworten.pdf (Hinweise zur Interpretation romantischer Lyrik, vgl. http://wikis.zum.de/zum/Liebeslyrik_der_Romantik)

Brentano: Lureley / Zu Bacharach am Rheine – Analyse

Zu Bacharach am Rheine…

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&print=1&spalten=1&id=1028

http://gedichte.xbib.de/Brentano_gedicht_Zu+Bacharach+am+Rheine….htm

http://homepage.univie.ac.at/m.neubauer/Ballade/12-K%E4stner,%20Handstand%20auf%20der%20Lorelei.pdf (Loreley-Texte, inklusive Parodien)

Entstehung des Gedichts: „Die erste Lore Lay Ballade „Zu Bacharach am Rheine“ erschien in seinem Roman „Godwi oder das steinerne Bild der Mutter, ein verwilderter Roman von Maria“ 1. Der erste von zwei Teilen dieses Romans wurde von Brentano vermutlich im Juni 1798 begonnen und 1799 fertiggestellt. Der zweite Teil folgte frühestens im September 1800 2. Herausgegeben wurden beide Teile im folgenden Jahr 1801.

Neben der Fassung im „Godwi“ existiert noch eine handschriftliche Variante des Textes. Sie wurde erstmals 1933 von René Guignard veröffentlicht 3. Man geht davon aus, dass diese zweite Fassung der Ballade erst nach dem Druck des Romans „Godwi“ 1801 entstanden ist 4.

Die Lore Lay ist demnach kein altes Märchen oder eine alte Legende, sondern wurde von Brentano, inspiriert von dem ihm bekannten Felsen „Loreley“ am Rhein, gedichtet. Er teilte den Namen in einen scheinbaren Vor- und Nachnamen und benannte so seine Kunstfigur 5.

Clemens Brentano folgt mit seiner Ballade dem Schlegelschen Anspruch der romantischen Universalpoesie 6. Er verbindet den Roman „Godwi“ mit der Ballade von der Lore Lay und spiegelt thematisch das Thema des Romans in der Ballade. Zudem wird durch die Rezeption des Lore Lay – Motivs durch andere Dichter der Romantik und durch den „Volksliedton“ der Ballade ein Text erschaffen, der die ältere Literatur zu dem Ergebnis brachte, die Lore Lay sei einer Sage entsprungen 7.“

1Clemens Brentano: Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 16, Prosa I, Historisch-Kritische Ausgabe. Veranstaltet vom Freien Deutschen Hochstift, hrsg. v. Jürgen Behrens, Wolfgang Frühwald und Detlev Lüders, Stuttgart/ Berlin/ Köln/ Mainz 1978.
2Sämtliche Werke Bd. 16 , S. 774.
3Vgl. Peter Lentwojt: Die Loreley in ihrer Landschaft. Romantische Dichtungsallegorie und Klischee Ein literarisches Sujet bei Brentano, Eichendorff, Heine und anderen, Frankfurt am Main 1998, S. 46.
4Vgl. Klaus-Dieter Krabiel: Die beiden Fassungen von Brentanos „Lureley“, in: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch. Neue Folge Bd. 6 (1965), 121-132, hrsg. von Hermann Kunisch, S. 131f.
5Zur Entstehung und Bedeutung des Namens Loreley vgl. Lentwojt: Loreley, S. 37-42.
6Vgl. Friedrich Schlegel: Athenäums-Fragmente Nr. 116, 1. Bd., 2. Stück, 1798.
7Dies ist die Auffassung der älteren Loreley-Forschung vor 1950, die nicht zu dieser Arbeit herangezogen wurde. Zur Diskussion der älteren Forschung siehe: Lentwojt: Loreley, S. 16 f. (http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/187790.html)

Aufbau des Gedichts (frühe Fassung): Strophe

(1) – (2): Vorgeschichte; die Zauberin wird vorgestellt.

(3) – (14): Lore Lay vor dem Gericht des Bischofs; Dialog der beiden im Verhör;

(15) – (16): Urteil des Bischofs: Drei Ritter sollen sie ins Kloster bringen.

(17) – (21): Auf dem Ritt zum Kloster erbittet die Frau, einen Felsen ersteigen zu dürfen; sie klettert hinauf, die Ritter folgen ihr.

(22) – (24): Sie verabschiedet sich vom Leben und stürzt sich in den Rhein; die Ritter kommen um.

(25) – (26): Der Erzähler nennt die angebliche Quelle seines Liedes (ein Schiffer) und bindet die „Sage“ ätiologisch an den Dreiritterstein, einen Teil des Loreley-Felsens (vgl. http://www.volksliederarchiv.de/lexikon-176.html).

Form: Je vier Verse im dreihebigen Jambus bilden eine Strophe, wobei V. 1, 3 eine weibliche Kadenz aufweisen, V. 2, 4 eine männliche. Dadurch sowie durch den Satzbau und den Kreuzreim wird nach jedem zweiten Vers eine Pause eingelegt. Folglich sollte man für die Semantik der Reime jeweils einen Doppelvers untersuchen: eine Zauberin / riss viel Herzen hin (V. 2/4); Männer zuschanden rings umher / keine Rettung mehr (V. 6/8); usw. Nicht immer passen die reimenden Verse so gut zusammen wie in den ersten beiden Strophen – das ist bei der einfachen, volksliedartigen Erzählweise der Ballade aber auch nicht nötig.

In einer außerordentlich gelehrten Analyse geht Bernhard Gajek (Gedichte und Interpretationen. Deutsche Balladen, RUB 8457, S. 137 ff.) von der späten Fassung des Gedichts aus; er verfolgt, wie darin das romantische poetische Programm verwirklicht und antike Mythen ins Deutsche übertragen werden. Der Bischof ist der untreue Geliebte der Lureley, der die Spannung zwischen eros und religio nicht lösen konnte und deshalb die Frau verlassen hatte. Damit ist nach Gajek der Mythos von Narkissos und Echo aufgenommen und mit dem seit langem bekannten Echo am Loreleyfelsen verknüpft worden.

http://www.goethe.de/lrn/prj/mlg/mad/mdr/de8892785.htm (Geschichte des Stoffs)

http://referaty.aktuality.sk/kontrastiver-vergleich-der-gedichten/referat-4517 (Gedichtvergleich mit Heine: Die Lorelei)

http://www.jhelbach.de/lorelei/loredeu.htm (Loreley – romantisches Motiv)

https://norberto42.wordpress.com/2013/05/09/heine-die-loreley-analyse/ (Analyse des Heine-Gedichts; der Loreley-Stoff)

http://www.goethezeitportal.de/wissen/topographische-ansichten/orte-kultureller-erinnerung-die-loreley.html („Die Loreley“)

Vortrag

http://ia600505.us.archive.org/13/items/sammlung_gedichte_010_1007_librivox/sammlung_gedichte_010_14_bacharach_cm_64kb.mp3 = https://www.youtube.com/watch?v=tN0qzpvtQIA

https://www.youtube.com/watch?v=UlAs8V6bA7g (vertont)

https://www.youtube.com/watch?v=KQ1eAtxUybM (moderne Version)

Sonstiges

http://anthrowiki.at/Clemens_Brentano (Biografie)

http://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Biografie)

http://fxneumann.de/thalion/brentano/ (Biografie)

http://www.in-output.de/AKE/akebrentano.html (Biografie)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/Biographie (Biografie und Gedichte Brentanos)

http://gutenberg.spiegel.de/autor/75 (Werke Brentanos)

http://www.loreley.de/loreley/loreley.htm (Loreley: Geschichten und Bilder)

https://www.youtube.com/watch?v=6sTiem_tzJk (Lutz Görner: Brentano)

https://www.youtube.com/watch?v=hpIXaAOzbYI (Görner: Fortsetzung)

https://www.youtube.com/watch?v=hBQhc5tD9Lc (Görner: Schluss)

Poetische Wahrheit

 

In Clemens Brentanos Erzählung „Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter“ gibt es die Binnenerzählung eines kroatischen Edelmanns, „Das Pickenick des Katers Mores“. Dieser Kater war in Wahrheit ein türkischer Wilderer und Zauberer, der schließlich zu Tode kam.

   Über die Erzählung vom Kater Mores sagt Lindpeindler, „es möge an der Geschichte wahr sein, was da wolle, so habe sie doch eine höhere poetische Wahrheit; sie sei in jedem Falle wahr, insofern sie den Charakter der Einsamkeit, Wildnis, und der türkischen Barbarei ausdrücke, sie sei durchaus für den Ort, auf welchem sie spiele, scharf bezeichnend und mythisch und darum dort wahrer, als irgendeine Lafontainesche Familiengeschichte. Aber es verstand keiner der Anwesenden, was Lindpeindler sagen wollte…“

(Meistererzählungen der deutschen Romantik. Hrsg. und kommentiert von Albert Meier u.a. München: dtv 1985 [dtv 2147], S. 230)

 Es folgt dann Devilliers Erzählung von den Hexen auf dem Austerfelsen, die genau so katzenhaft-dämonisch ist, aber eine natürliche Erklärung findet; dadurch wird „die Erzählung des Kroaten in ihrer Schauerlichkeit sehr gemildert“ (S. 234). Die letzte Geschichte ist Baciochis Erzählung vom wilden Jäger; diese wird zum Schluss hin mehrfach unterbrochen und endet so, dass Gestalten der Erzählrunde die wichtigsten Figuren der Geschichte sind.

   Wir haben also drei Variationen der poetischen Wahrheit: die mythische, die rationale und die auf die Hörer bezogene. Das alles wäre noch genauer zu untersuchen; das wahrhaft romantische Erzählen kann nur die dritte Art sein, wie man vorgreifend schon sagen darf. In der zweiten Erzählung wird gegenüber der ersten das Schauerliche rational geklärt; ähnlich wird in der dritten der wilde Jäger entmythologisiert – dann aber werden Schluss und Wahrheit der Erzählung in den Figuren der Zuhörer und in ihrer Versöhnung gefunden. 

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Wenn man die Geschichtenerzähler verstehen will, muss man sehen, dass sie zwischen den malenden Wehmüllern und dem musizierenden Zigeuner stehen. Von den Malern gibt es zwei, Herrn Wehmüller und Herrn Froschhauer. Wehmüller hat 39 ungarische „Nationalgesichter“ gemalt, mit denen es folgende Bewandtnis hat: Es sind 39 Portraits von Ungarn, „welche Herr Wehmüller gemalt hatte, ehe er sie gesehen“ (S. 214). Das ist eine sehr deutliche Kritik an der „Kunst“ des Malers. Die Leute können sich das Portrait aussuchen, das ihnen gefällt; „er fügte sodann noch, durch wenige Meisterstriche, einige persönliche Züge und Ehrennarben, oder die Individualität des Schnurrbarts des Käufers unentgeltlich bei, für die Uniformen aber, welche er immer ausgelassen hatte, musste nach Maßgabe ihres Reichtums nachgezahlt werden“ (S. 215). Dieses Verfahren ist für den Maler befriedigend; denn er malt im Winter die Leute „nach Belieben“ bequem zu Hause und verkauft die Bilder in der schönen Jahreszeit. Das Geschäft bestimmt das Produktionsverfahren, von Kunst ist nicht die Rede; diese Dominanz des Geschäftes kommt in dem Vergleich zum Ausdruck, dass die Leute sich ihr Portrait „wie einen Weck auf dem Laden“ aussuchen können (S. 215). Deshalb ist die Bezeichnung „Kunstreise“ objektiv ironisch zu lesen.

Auch die Beschreibung des Konkurrenten Froschhauer, der sich ohne weiteres als Wehmüller verkleiden kann, unterstreicht die ironische Zeichnung der Maler durch den Erzähler; der malt im Gegensatz zu Wehmüller die Uniformen vor und lässt sich die Gesichter bezahlen, wofür der Erzähler ihn zur „entgegengesetzten“ Malerschule zählt (S. 215); von Malerschule kann aber keine Rede sein, nur von einer Produktionstechnik.

Von Wehmüllers „Meisterhand“ werden demgemäß Soldaten gemalt (S. 214), um sich „in dem Andenken mannichfaltiger schöner Freundinnen zu erhalten“. Die Uniform hat die Soldaten vor anderen Männern ausgezeichnet, und so kommt es auf ihr Portrait als Individuen auch nicht an. Ihre Individualität ist die des Schnurrbarts (S. 215).

Der Erzähler lässt seine Kritik durch den Grafen aussprechen: Der falsche Wehmüller „sei wohl nur eine Strafe Gottes für den echten Wehmüller, weil dieser alle Ungarn über einen Leisten male, so gebe es jetzt auch mehrere Wehmüller über einen Leisten“ (S. 218). Wie Recht der Graf hat, sieht man daran, dass Wehmüller die von seinem Konkurrenten gemalten Bilder nicht von seinen eigenen unterscheiden kann (S. 219 f.: „grade, wie er sie selbst zu malen pflegte““).

Hinter dem Namen „Wehmüller“ verbirgt sich der Dichter W(ilhelm) Müller (1794 – 1827), der sogenannte Griechenmüller, den Brentano hier als einen in der Art Wehmüllers dichtenden Verseschmied verspottet.

Das Gegenbild solchen Kunstbetriebs ist der musizierende Zigeuner Michaly, der so spielt, dass niemand widerstehen kann und alle still werden oder alle tanzen. Lindpeindler lobt ihn als „ursprünglich“ spielend und hat damit Recht; denn der Zigeuner weigert sich, ihm das Lied in die Feder zu diktieren; „ich wüßte es auch jetzt nicht mehr und wenn Sie mir den Hals abschnitten; aber wenn ich einmal wieder eine schöne Jungfer betrübt habe, wird es mir auch wieder einfallen.“ (S. 231) Hier zeigt sich, dass der Ursprung wahrer Kunst im Leben, nicht im Geschäft liegt.

Zwischen den doppelten Malern und dem einzigen Musiker stehen die drei Geschichtenerzähler, die als Ich-Erzähler schon deutlich über dem schematisch malenden Wehmüller stehen. Dabei geht die Geschichte Baciochis in die Wirklichkeit der zuhörenden Gesellschaft über; bei der dritten Unterbrechung Baciochis bekennt Devillier: „Ja, Herr Baciochi, ich war der wilde Jäger…“ (S. 248). Die in der Geschichte erzählte Liebesbegegnung Mitidikas mit ihrem Jäger vollendet sich dann in der Wirklichkeit: „Unterwegs gab es viele Aufklärungen und Herzensergießungen [ironische Distanz, N.T.]. Devillier und Mitidika hatten ihre Neigung bald zärtlich erneuert…“ (S. 254 f.). – Auch der scheinbar auktoriale Erzähler Brentanos erweist sich am Ende als Ich-Erzähler, der weitere Geschichten wiedergeben will, „wenn ich Lust dazu habe“ (S. 257).

„Das poetologisch-ästhetische Programm romantischen Erzählens“ hat Ernst Weber ausreichend beschrieben (a.a.O., S. 404 ff.). Ich möchte nur noch nachtragen, was ein Gespan ist und was die hier entmythologisierte Gestalt des wilden Jägers bedeutet:

Ein Gespan oder auch Gauleiter (slawisch „župan“) ist (nach wikipedia) ursprünglich ein mittelalterlicher Stammesführer im west- und südslawischen Raum. Später wurden die Gespane zu lokalen Obrigkeiten mit bestimmten Befugnissen in Verwaltung, Militärangelegenheiten und Rechtsprechung (manchmal als „Fürsten“ übersetzt, eigentlich: Richter); in Kroatien gab es das Amt bis 1918.

http://www.sungaya.de/schwarz/allmende/wildjagd.htm (der wilde Jäger)