Broch: Pasenow oder die Romantik – Inhalt

Das Geschehen spielt im Jahr 1888 in Berlin und in Westpreußen – im Dreikaiserjahr 1888 wurde Wilhelm II. deutscher Kaiser. Er regierte bis 1918, wo der dritte Roman der Trilogie „Die Schlafwandler“ spielt. In der Mitte, 1903, ist das Geschehen von „Esch oder die Anarchie“ datiert. Leutnant Joachim von Pasenow ist die Hauptfigur des ersten Romans. Er sieht in der Uniform den Garant der Ordnung angesichts der vom Verfall bedrohten Kultur; er sucht Zuflucht in militärischen und christlichen Symbolen der Vergangenheit, was durch seinen Freund v. Bertrand als Romantik entlarvt wird – v. Bertrand ist ihm überlegen und geistert häufig durch seine Gedanken.

(I) Zu Beginn besucht Joachim mit seinem Vater das Jägerkasino in Berlin, wo er die böhmische Animierdame Ruzena kennenlernt, die später seine Geliebte wird, mit der er höchste körperliche Lust erlebt. Parallel dazu besucht Joachim das Haus der v. Baddensen im Berliner Westend, auf deren Tochter als mögliche Braut sein Vater ihn bald hinweist.

Im Folgenden duelliert sich Joachims Bruder und fällt dabei („Er fiel für die Ehre“, sagt Joachims Vater). Dieser hätte die elterliche Landwirtschaft in Stolpin übernehmen sollen, was nun auf Joachim zukommt.

(II) Joachim will Ruzena aus dem Amüsierbetrieb befreien. Eduard von Bertrand, ein Geschäftsmann, entlassener Offizier und Freund Joachims, verschafft Ruzena ein kleines Engagement beim Theater.

Familie v. Baddensen bewirtschaftet das Gut Lestow; ihre Tochter Elisabeth ist als Braut Joachims im Gespräch. Herr von Pasenow beginnt aufgrund seines Alters und des Todes seines Sohnes Helmuth verwirrt zu werden; er entwickelt einen Argwohn gegenüber Joachim, der nicht seinen Wünschen entspricht und keine Anstalten macht zu heiraten.

Bei einem Ausritt Joachims mit Bertrand und Elisabeth, seiner Jugendbekanntschaft, die für Joachim unberührbares Sinnbild der Reinheit ist, lahmt Joachims Pferd nach einem Sprung. Elisabeth und Bertrand reiten allein nach Hause, wobei Bertrand ihr seine „Liebe“ gesteht..

(III) Herr von Pasenow, der erkrankt war, gesundet wieder. Joachim reist kurzfristig nach Berlin, wo er weder mit Ruzena noch mit der Uniform klarkommt. Er kehrt mit einem Neurologen, der den Vater behandeln soll, nach Stolpin zurück; dort kommt es zu einem Eklat mit dem verwirrten Vater.

In Berlin will Ruzena ihre Wohnung räumen, da sie sich von Joachim verlassen fühlt. Bertrand, der auf sie einredet, wird von ihr am Arm angeschossen und muss ins Krankenhaus. Sie verschwindet; Joachim findet sie heruntergekommen in einer Toilette, doch sie fährt mit einem anderen Mann fort – Joachim will sterben.

Er arrangiert ein finanzielles Auskommen für seine ehemalige Geliebte und hält mit Erfolg bei Baron v. Baddensen um Elisabeths Hand an. Elisabeth hält im Krankenhaus Rücksprache mit v. Bertrand; die beiden sind voneinander fasziniert. Nach diesem Gespräch nimmt Elisabeth Joachims Antrag an. Die Hochzeit wird im kleinen Kreis gefeiert. Joachim kann sich seiner Frau nicht zärtlich nähern; das Paar beschließt in der Hochzeitsnacht, einander Zeit zu geben, um die Fremdheit zu überwinden.

(IV) Nach 18 Monaten wird ihr erstes Kind geboren.

Joachim von Pasenow ist die einzige Person, an deren Überlegungen und Empfindungen der Leser direkt teilnimmt; alle anderen sieht er nur von außen. In Joachims Sicht ist die Welt von den Gegensätzen zwischen dem Zivilen und der Uniform, zwischen Stadt und Land, zwischen den nüchtern-zynischen Gedanken v. Bertrands und seinen eigenen unsicheren christlich-konservativen Überzeugungen bestimmt; in die körperliche Liebe des böhmischen Animiermädchens Ruzena versinkt er voller Wonne, die madonnenhafte Elisabeth von Baddensen verehrt und heiratet er. Bis zum Schluss lösen sich die Spannungen in Joachims Seele nicht auf. – Zum Begriff der Romantik siehe diesen Aufsatz!

Broch: Huguenau oder die Sachlichkeit – Inhalt

„Huguenau oder die Sachlichkeit“ ist in 88 meist kleine Kapitel eingeteilt, deren Nummer hier in Klammern angegeben wird.

Das erzählte Geschehen spielt i.W. vom Vorfrühling bis Spätherbst 1918 in einem Städtchen in einem Nebental der Mosel. Wilhelm Huguenau, ein etwa 30jähriger Kaufmann aus dem Elsass, wird 1917 zum Kriegsdienst eingezogen; 1918 kommt er an die Front, desertiert und gelangt in das genannte Städtchen. Dort trifft er auf Esch als Chef einer Druckerei, in der die Lokalzeitung gedruckt wird. Huguenau bindet den Stadtkommandanten v. Pasenow in seine Pläne ein und kann mit Hilfe der Honoratioren des Ortes ohne eigenes Geld die Druckerei und den Posten des Schriftleiters der Zeitung übernehmen, indem er auf seine angeblichen Beziehungen zur Großindustrie verweist. Er vereinbart auch, dass er bei Esch zu Mittag essen kann; zwischen dem gewissenlosen Huguenau und dem sozial eingestellten Esch kommt es zu Spannungen.

Zur gleichen Zeit nähern sich Esch und v. Pasenow einander an, weil sie beide ein schwärmerisches Christentum vertreten. Esch konvertiert sogar zum Protestantismus. Huguenau versucht Esch beim Stadtkommandanten zu denunzieren, was ihm aber nicht gelingt; dass er Deserteur ist, wird bekannt, aber dann doch nicht verfolgt.

Neben dieser Haupthandlung gibt es weitere Erzählstränge, in denen der tagelang verschüttete und dann gerettete Ludwig Gödicke, der verwundete Leutnant Jaretzki und die schöne Hanna Wendling stehen, deren Mann an der Front ist. Gödicke, der sich das Prädikat „Auferstanden von den Toten“ zulegt, kommt nur schrittweise in den Besitz seiner Kräfte. Jaretzki wird der Arm amputiert, schließlich bekommt er eine Prothese und wird entlassen; durch Gödicke und Jaretzki wird auch das Krankenhaus mitsamt dem Personal ein Schauplatz des Geschehens. Hanna Wendling, die in einer teuren Villa lebt, ist völlig desorientiert; auch der Heimaturlaub ihres Mannes kann sie nicht aufrichten.

Die bisher genannten Figuren repräsentieren die Menschen, die unter dem Ersten Weltkrieg bzw. dem Geist der Zeit leiden; sie äußern sich entsprechend sarkastisch, auch über den Giftgaseinsatz, durch den Jaretzki seinen Arm verliert. Gödicke scheint aufgrund seines Unglücks aus vielen Teilen zu bestehen, die er mühsam zusammenbringen muss.

Aus zwei Anlässen kommen ganz unterschiedliche Menschen zusammen: Einmal wird eine sogenannte „Siegesfeier“ des Vereins „Moseldank“, von Huguenau initiiert, veranstaltet. Dort trifft man sich beim Tanz und zum Trinken (60). Der zweite Anlass ist die Revolution Anfang November 1918 (85); bei den Unruhen werden das Rathaus angezündet und das Gefängnis gestürmt. Von Pasenow wird von Esch gerettet, Esch wird von Huguenau mit dem Bajonett ermordet, v. Pasenow von seinem angeblichen Retter Huguenau nach Köln gebracht – so entkommt dieser der näher rückenden Front. – Einige Jahre später ist Huguenau verheiratet; er verkauft der Witwe Esch seine Anteile an der Druckerei und lebt als ein ganz „normaler“ Kaufmann und französischer Staatsbürger wieder im Elsass.

Daneben gibt es einen Erzählstrang, in dem der Ich-Erzähler Dr. Bertrand Müller die Geschichte des Heilsarmeemädchens in 15 Kapiteln erzählt; er berichtet von seinem Leben in Berlin, wo er neben emigrierten Juden wohnt, vom Heilsarmeemädchen Marie und dessen Freundschaft mit dem Juden Nuchem sowie von den Besuchen des Arztes Dr. Litwak. Manche dieser 15 Kapitel sind Gedichte. (In der Sekundärliteratur wird Dr. Bertrand Müller als der Erzähler des ganzen Romans identifiziert.)

Das erzählte Geschehen wird von einer Reflexion des auktorialen Erzählers über den Rebellen (32) und dem philosophischen Essay eines Ich-Sprechers in zehn Teilen eingerahmt (12, 20, 24, 31, 34, 44, 62, 65, 73, 88), in welchen er sich um eine geschichtsphilosophische Klärung der Frage bemüht, in was für einer Zeit er und die Figuren leben. Der Leitbegriff ist zunächst „der Stil der Epoche“ (31; 20, 24 und 34), den man am  ehesten an der bildenden Kunst ablesen könne, der aber auch das Denken bestimme. Die Renaissance wird als die Zeit des großen Umbruchs erkannt (55), in der der persönliche Gott durch einen fernen abstrakten Gott abgelöst wurde (34, 44). Die radikale und ornamentlose Religiosität des Protestantismus mache den Stil der neuen Epoche aus: „ist in dieser Alleszermalmung des Inhaltlich-Irdischen die Wurzel der Wertzersplitterung zu sehen? Ja.“ (62) In der Logik dieser Zersplitterung liegt es, dass es in der Wirtschaft nur um das Geld, im Krieg nur um den Krieg geht – damit ist der Krieg als Hintergrund des Geschehens gedeutet, ist der skrupellose Kaufmann Huguenau verortet. Wert und Zerfall der Werte sind das letzte wichtige Stichwort des Essays (73, 88).

Der Begriff des Schlafwandelns, der in „Esch oder die Anarchie“ eingeführt worden ist, taucht hier zweimal kurz auf. Einmal spricht der Ich-Erzähler von seinem Körpergefühl, das ihm die Gewissheit schenke, „in einer Art Wirklichkeit zweiter Stufe zu leben, daß eine Art unwirklicher Wirklichkeit, wirklicher Unwirklichkeit angehoben hatte, und sie durchrieselte mich mit sonderbarer Freudigkeit. Es war eine Art Schwebezustand zwischen Noch-nicht-Wissen und Schon-Wissen, es war Sinnbild, das sich nochmals versinnbildlichte, ein Schlafwandeln, das ins Helle führte, Angst, die sich aufhob und doch wieder aus sich selbst erneuerte (…)“ (77). Beim zweiten Mal spricht der auktoriale Erzähler des Romans davon, dass „das Schlafwandeln der Unendlichkeit“ über das kleine Mädchen Marguerite gekommen ist und sie nie mehr freigeben wird (82), ohne dass dies im Kontext weiter erklärt würde.

Beachtung verdienen noch die beiden Hinweise auf den „Führer“. In Kap. 12, wo der Irrsinn des Krieges reflektiert wird, heißt es zum Schluss: „Ach, wir wissen von unserer eigenen Zerspaltung und wir vermögen doch nicht, sie zu deuten (…). Gäbe es einen Menschen, in dem alles Geschehen dieser Zeit sinnfällig sich darstellte, dessen eigenes logisches Tun das Geschehen dieser Zeit ist, dann, ja dann wäre auch diese Zeit nicht mehr wahnsinnig. Deshalb wohl sehnen wir uns nach dem ‚Führer’, damit er uns die Motivation zu einem Geschehen liefere, das wir ohne ihn bloß wahnsinnig nennen können.“

In Kap. 88, am Ende des Buches, wird diese Sehnsucht nach dem Führer noch einmal reflektiert: „(…) er, der das Haus neu erbauen wird, damit  aus Totem wieder das Lebendige werde, er selber auferstanden aus der Masse der Toten, der Heilsbringer, der in seinem eigenen Tun das unbegreifbare Geschehen dieser Zeit sinnvoll machen wird, auf daß die Zeit neu gezählt werde. Dies ist die Sehnsucht. Doch selbst wenn der Führer käme, das erhoffte Wunder bliebe aus: sein Leben wäre Alltag im Irdischen (…).“ Auf der folgenden Seite fällt noch einmal das Stichwort und der Hinweis, dass „unzerstörbar die Messiashoffnung der Annäherung“ bleibt.

Vgl. dazu auch http://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BChrer und http://delete129a.blogsport.de/images/CS_DerFuehrerschuetztdasRecht.pdf (Aufsatz Carl Schmitts, 1934)

Die Entstehungsgeschichte des Romans hat Paul Michael Lützeler in der kommentierten Werkausgabe, Bd. 1, 1978, skizziert (S. 742 ff.): In einer Novellenfassung gab es den „Huguenau“ bereits 1928; die Romanfassung ist in mehreren Schritten 1929/32 entstanden. Die Geschichte der Figuren Gödicke, Jaretzki und Hanna Wendling tauchen erst in der 2. Fassung auf; in Kap. 60 werden sie mit den anderen Figuren verbunden, in Kap. 65 reflektiert. In der 3. Fassung des Romans kommen die „Geschichte des Heilsarmeemädchens in Berlin“ und die zehn Kapitel vom „Zerfall der Werte“ hinzu. Die Reflexion des Erzählers über den Rebellen (32) gab es bereits in der Novellen- und der 1. Romanfassung.

Zur Deutung der Trilogie s. „Die Entropie des Menschen: Studien zum Werk Hermann Brochs“, von Paul Michael Lützeler. Würzburg 2000, S. 36 ff.:

Die Essayfolge macht das Ornament des dritten Romans aus (S. 40). Im Roman sollen die Konturen einer neuen Religion und Wertordnung gezeichnet werden (S. 40). Dr. phil Bertrand Müller sei der Autor der Essayfolge und damit auch der des Romans (S. 40). Den kulturellen Neuaufbau signalisiere „der Maurer Gödicke. Als Soldat ist Gödicke im Krieg so schwer verletzt worden, daß seine Kameraden ihn für tot halten. Er erweist sich aber nur als scheintot, und Broch zeigt, wie der Maurer Gödicke  – Claudia Brodsky wies bereits daruaf hin – im Koma seine Seele allmählich wieder wie ein neues Haus aufbaut. Zunächst legt er das Fundament, dann baut er Stein für Stein das Gebäude seiner Seele wieder auf. Als es fertig ist, erwacht er wieder zum Leben. So wie der Maurer Gödicke seine Seele neu aufbaut, so müßte auch die europäische ‚Kulturseele’ neu konstruiert werden.“ (S. 43)

Vgl. auch Theodore Ziolkowski: Strukturen des modernen Romans. München 1972, S. 127 ff., S. 185 f. und S. 212 ff.

Hartmut Steinecke: Hermann Broch. Zeitkritik zwischen Epochenanalyse und Utopie, in: Zeitkritische Romane des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Hans Wagener. Reclam: Stuttgart 1975, S. 76 ff.

Hildegard Emmel: Geschichte des deutschen Romans, Bd. II. Bern/München 1975, S. 268 ff.

Friedrich Vollhardt: Hermann Brochs geschichtliche Stellung. Tübingen 1986

Walter Hinck: Roman-Chronik des 20. Jahrhunderts. Eine bewegte Zeit im Spiegel der Literatur. Köln 2006, S. 74 ff.

http://www.christian-eschweiler.com/downloads/schlafwandler.pdf (Erzähltheorie, zu Flake, Musil und Broch)

http://germanistik.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/inst_germanistik/sicks.rtf („Die Schlafwandler“, erzähltheoretisch gesehen, v.a. S. 80 ff. = http://othes.univie.ac.at/155/1/sicks.pdf)

http://www.ruendal.de/aim/pdfs02/tholen.pdf (Männlicher Eros in „Die Schlafwandler“)

https://scholarsbank.uoregon.edu/xmlui/bitstream/handle/1794/11480/Ackermann_Clemens_ma2011sp.pdf?sequence=1 (Intertextualität als kulturelles Gedächtnis, zu den zehn Kapiteln „Zerfall der Werte“)

https://norberto42.wordpress.com/2013/09/18/broch-pasenow-oder-die-romantik-begriff-der-romantik/ (zum Begriff der Romantik in Pasenow oder die Romantik)

Broch: Esch oder die Anarchie – Inhalt

(I) Der zweite Teil der Trilogie „Die Schlafwandler“ spielt im Jahr 1903 im Rheinland, genau in der Mitte zwischen 1888 und 1918. August Esch, 30 Jahre alt, ist ein entlassener Buchhalter in Köln; er sucht Orientierung angesichts „des anarchistischen Zustandes der Welt, in der keiner weiß, ob er rechts oder links, ob er hüben oder drüben steht“. Die Anarchie ist die Anarchie der Werte, eine elementare Orientierungslosigkeit. – Das Geschehen wird weithin, aber nicht nur aus der Perspektive Eschs erzählt, der gegen die kleinen und großen Ungerechtigkeiten der Welt kämpft.

Esch verkehrt in der Wirtschaft der Mutter Hentjens, einer resoluten Wirtin, die Männern gegenüber Abstand bewahrt. Hier trifft er Geyring. Martin Geyring, Sekretär der Gewerkschaft, informiert ihn über eine offene Stelle in Mannheim bei der Mittelrheinischen Reederei, deren Vorstandsvorsitzender von Bertrand (Figur aus: Pasenow oder die Romatik) ist.

In Mannheim wohnt er bei Balthasar Korn und seiner unverheirateten Schwester Erna. Er lernt Direktor Gernerth, Chef eines Varietètheaters, kennen und besucht mit Korn und Erna eine Veranstaltung in dessen Theater. Eine Messerwerferszene mit dem Künstler Teltscher und der schönen Gehilfin Ilona hinterlässt einen bleibenden Eindruck auf Esch, der von da an überzeugt ist, die unschuldige Ilona vor den Messern retten zu müssen. In dieser Zeit freundet er sich mit Fritz Lohberg, dem Besitzer eines kleinen Zigarettenladens, an. Ilona wird die Geliebte Korns. Erna sucht mit Macht einen Mann, aber Esch lehnt ihre Angebote ab.

Martin wird bei einer auch von Esch besuchten Gewerkschaftsversammlung wegen angeblicher Aufwiegelei verhaftet, obwohl er mit der Direktion des Werks zusammenarbeitet, was Esch als ungerecht empfindet. Es kommt zu einem Streik, weil v. Bertrand hinter der Verhaftungsaktion steht.

Direktor Gernerth hat die Idee, Damenringkämpfe zu veranstalten; Esch schlägt Köln als Ort vor, um vielleicht so Ilona aus den Fängen Korns zu befreien, die mittlerweile diesen allerdings liebt. Lohberg und Erna beteiligen sich auf Anfrage Eschs finanziell am Theatergeschäft, wobei Erna sich zugleich an den spinnerten Lohberg heranmacht. Esch kündigt seine Anstellung und will nach Köln ziehen.

(II) In Köln nimmt Esch wieder sein altes Leben auf, verkehrt oft im Gasthaus von Mutter Hentjen und organisiert mit Agent Oppenheimer die Schaukämpfe der Ringerinnen. Mutter Hentjen wird nach einer Fahrt nach St. Goar, bei der Esch preisgünstig Wein ersteigern wollte, die Geliebte Eschs. In der Liebe sucht er die „Erlösung“ und Unendlichkeit, die er in der Welt nicht findet (er spricht teilweise wie v. Bertrand in „Pasenow oder die Romantik“). Er möchte etwas für die Freilassung Martin Geyrings unternehmen, aber die sozialdemokratische Zeitung „Volkswacht“ interessiert sich nicht für seine Artikel. Amerika scheint ihm das Land der Freiheit und des Rechts zu sein – dahin möchte er auswandern.

Die Ringkämpfe gehen zunächst gut und Esch träumt sogar von einem amerikanischen Theaterprojekt, das sich in seinen Gedanken mit der Bestrafung v. Bertrands und einer klaren „Ordnung“ verbindet. Um sie zu verwirklichen, müsste man „alle Schweine abstechen“.

(III) Esch setzt sich in den Kopf, nach Badenweiler zu fahren, um v. Bertrand dafür zu gewinnen, den immer noch inhaftierten Martin freizulassen. Auf dem Weg dorthin kommt er nach Mannheim und logiert einige Tage bei den Korns. Erna ist inzwischen mit Lohberg liiert, und Esch zahlt einen Teil der Theatereinlagen zurück.

Er besucht Martin im Gefängnis, mit dem er sich aber nicht verständigen kann. Anlässlich der Fahrt Eschs nach Badenweiler zu v. Bertrand wird vom Erzähler in einer Art philosophischer Essay der Begriff des Schlafwandelns eingeführt: „Zwischen geträumtem Wunsch [nach Erlösung] und ahnendem Traum schwebt alles Wissen, schwebt das Wissen vom Opfer und vom Reich der Erlösung.“ Esch und v. Bertrand verstehen sich. Esch fährt nach Mannheim zurück, wo Erna und Lohberg sich verloben.

In Köln beschließen er und Mutter Hentjen zu heiraten; er macht eine Anzeige bei der Polizei wegen v. Bertrands Homosexualität, doch der hat sich bereits erschossen. Direktor Gernerth ist währenddessen mit dem Geld des Theaters durchgebrannt. Teltscher will im Herbst mit Ilona ein Theater in Duisburg starten; dafür wird eine Hypothek auf Frau Hentjens‘ Gasthaus aufgenommen; aber auch dieses Unterfangen scheitert. Esch sieht ein, „daß im Realen niemals Erfüllung sein könnte“. Die Wirtschaft wird nach der Heirat verkauft.

(IV) Auch der Rest des Vermögens geht verloren; aber die Eheleute Esch lieben sich, und Esch nimmt eine Stelle als Oberbuchhalter in Luxemburg an.

Broch: Pasenow oder die Romantik – Begriff der Romantik

Der Begriff „Romantik“ wird im Roman von Eduard v. Bertrand eingeführt; dessen Verhältnis zu Joachim von Pasenow muss deshalb zunächst kurz bestimmt werden. – Ich beziehe mich auf die Textausgabe in der Bibliothek Suhrkamp, Bd. 92  (6.-10. Tausend 1969).

Joachim denkt abschätzig über Eduard: dass ihm selber die Zivilkleider nicht so selbstverständlich sitzen wie jenem, dass man diesen vermutlich in den Lokalen der Lebewelt trifft (S. 15 f.). Er stellt sich zwanghaft Eduard vor, „sei es als Liebhaber dieses Mädchens, sei es als dessen Zuhälter“ (S. 16). Er möchte nicht mit seinem Vater „oder gar noch dazu mit Bertrand allein sein“ (S. 17). Er traut ihm zu, in diesem anrüchigen Lokal unter falschem Namen zu verkehren (S. 19), will ihn aber nicht einen Schlingel nennen lassen (S. 20). Eine größere Charakteristik Eduard folgt S. 23 ff. – wieder im Zusammenhang mit der Zivilkleidung, die jener der Uniform vorgezogen hatte – „das Unbegreifliche“, Eduard hatte als Secondeleutnant den Dienst quittiert und war deshalb in Joachims Augen so etwas wie ein Verräter (S. 23 f.).

Joachim denkt nun, was Bertrand etwa zur Uniform sagen könnte: dass nach dem Verlust des christlichen Glaubens die irdische Amtstracht an die Stelle der himmlischen gesetzt wurde, „und die Gesellschaft mußte sich in irdische Hierarchien und Uniformen scheiden und diese an der Stelle des Glaubens ins Absolute erheben. Und weil es immer Romantik ist, wenn Irdisches zu Absolutem erhoben wird, so ist die strenge und eigentliche Romantik dieses Zeitalters [d.i. die Zeit um 1888, N.T.] die der Uniform, gleichsam als gäbe es eine überweltliche und überzeitliche Idee der Uniform“. Diese Idee ergreife den Menschen stärker als jede andere Idee, und der Uniformträger sei vom Bewusstsein besessen, „die eigentliche Lebensform seiner Zeit und damit auch die Sicherheit seines eigenen Lebens zu erfüllen“. (S. 21 f.)

Im Gespräch über deutsche Kolonialpolitik sagt Eduard zu Joachim: „Nun ja, was soll dabei heraussehen? Ein bißchen privater Kriegsspaß und Kriegsruhm für die unmittelbar Beteiligten. Natürlich alle Achtung für Dr. Peters, und wäre er früher gekommen, ich hätte wahrhaftig mitgemacht, aber was soll sonst wirklich dabei heraussehen, außer Romantik?“ Denn einen tatsächlichen Zweck verfolgten in den Kolonien nur die Kirchen mit ihrer Mission (S. 32 – zu Dr. Peters s. http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Peters).

In einem anderen Gespräch meint Eduard, Helmuths Duell der „Ehre“ wegen sei wegen der Konvention des Gefühls, der Trägheit des (längst überlebten) Gefühls ausgetragen worden (S. 64); er begründet diese Einschätzung damit, dass „Ehre“ zwar ein lebendiges Gefühl sei, aber „daß überlebte Formen stets voller Trägheit sind und daß viel Müdigkeit dazu gehört, sich einer toten und romantischen Gefühlskonvention hinzugeben“ (S. 65).

Joachim denkt von sich selber, er tue in der Trägheit seiner romantischen Phantasie zu wenig für Ruzena (S. 79). Eduard nennt Ruzena und Joachim Romantiker, weil sie den kleinen Theaterjob Ruzenas für gut befinden, und mit Romantik könne man für niemanden sorgen (S. 97). Eduard denkt auch ironisch über seine eigene Romantik (vor Ruzenas Haus warten, S. 100); in dem dramatischen Gespräch mit Elisabeth erwägt er die unrealistische Möglichkeit, sie könnte mit ihm fortgehen, „vielleicht aus Romantik…“ (S. 174).

„Romantik“ ist also in Eduards Sicht eine Motivation, die auf überholten Wertungen oder Ideen beruht, und damit unrealistisch, wenn auch subjektiv erhebend und oft genug wirkmächtig. Eduard distanziert sich von dem, was er als Romantik abtut; Joachim dagegen, misstrauisch und Eduard in allem unterlegen, lebt aus seinen romantisch-traditionellen Ideen, die ihn an einer vernünftigen Lebensführung hindern und ihn zerstörten, wenn nicht Eduards Umsicht und Elisabeths Geduld und Schicksalsergebenheit dies verhinderten. Den höchsten Ausdruck findet die Romantik in Joachims Verehrung der Uniform, die ihn davor schützt, in der Hochzeitsnacht mit seiner Frau schlafen zu müssen (S. 196 ff.).

Paul Michael Lützeler (Hermann Broch – Ethik und Politik, München 1973, S. 106 ff.) erklärt, wieso auch Eduard von Bertrand ein Romantiker ist. Dieser Materialist und Geschäftemacher, ein typisches Kind des Wilhelminismus, sei „infiziert von verschwommen-romantischen Ideen, die sich bei ihm in Reisewut und Liebessehnsüchte umsetzen“ (S. 108). Gute Laune und geschäftlicher Erfolg stabilisierten sich bei ihm gegenseitig, ohne dass sich daraus ein Lebensziel ergäbe. Er sei zugleich ein Ästhet, der in eingebildeten Absolutheitserfahrungen auf reale Liebe verzichtet. In den beiden großen Liebesgesprächen mit Elisabeth (S. 119 ff. und S. 169 ff. im Roman) bemerke man, wie er hohle Phrasen drischt, auch wenn Elisabeth ihm nicht gewachsen ist und in gewisser Weise ihm verfällt. Zur Erklärung seiner Reisewut berufe er sich auf seinen „Dämon“ (Goethe), was bei ihm nur ein anderes Wort für Lust ist. Die einzige Realität des Lebens sei für ihn das bloße Spiel; er habe oft einen ironischen Zug um den Mund und setze sich mit leichten oder verächtlichen Handbewegungen über Widersprüche hinweg.

Beim ersten Lesen achtet man mehr auf Joachim, da man nur aus seiner Perspektive die Welt sieht, sofern der Erzähler nicht neutral oder selten auktorial spricht. Lützeler behauptet jedoch, v. Bertrand sei nicht bloß Joachims Gegenspieler, sondern „die zentrale Figur im Pasenow“ (S. 107). „Eduards Pathos ist dem Pathos, von dem er sich absetzt, durchaus gleich, und seine Romantik ist die seiner Zeitgenossen, lediglich mit einem anderen Vorzeichen versehen“ (a.a.O., S. 110). Und das Pathos sei schließlich das Kennzeichen des Romantikers, mit dem er seine Wirklichkeit „zum Absoluten emporschrauben“ will.

Vgl. auch diesen Vortrag über den Zerfall der Werte in Die Schlafwandler sowie die Inhaltsangabe https://norberto42.wordpress.com/2013/09/24/broch-pasenow-oder-die-romantik-inhalt/.