Brüder Grimm: Hans mein Igel

Hans mein Igel

Es war einmal ein reicher Bauer, der hatte keine Kinder. Da ward er traurig und sprach: „Ich will ein Kind haben, und sollt’s ein Igel sein.“ Da kriegte seine Frau ein Kind, das war oben ein Igel und unten ein Junge, und als sie das Kind sah, erschrak sie und sprach: „Siehst du, du hast uns verwünscht!“ Da sprach der Mann: „Was kann das alles helfen, getauft muss der Junge werden; wir nennen ihn Hans mein Igel.“ Dann wurde hinter dem Ofen ein wenig Stroh zurecht gemacht und Hans mein Igel darauf gelegt. So lebte er acht Jahre lang. Nun trug es sich zu, dass in der Stadt ein Markt war und der Bauer wollte dahin gehen, da fragte er alle, was er ihnen mitbringen sollte. Die Bäuerin wollte Fleisch und Brot bekommen. Hans aber sprach: „Väterchen, bringt mir doch einen Dudelsack mit.“ Der Bauer tat alles, was man ihm aufgetragen hatte.

Wie nun Hans mein Igel den Dudelsack hatte, sprach er: „Väterchen, geht doch zur Schmiede und lasst mir meinen Göckelhahn beschlagen, dann will ich fortreiten.“ Da war der Vater froh, dass er den missratenen Sohn loswerden sollte, und ließ ihm den Hahn beschlagen, und als er fertig war, setzte sich Hans mein Igel darauf und ritt fort; er nahm auch Schweine und Esel mit, die wollte er draußen im Walde hüten. Im Wald aber musste der Hahn mit ihm auf einen hohen Baum fliegen, da saß er und hütete die Esel und Schweine, bis die Herde ganz groß war. Wenn er aber auf dem Baum saß, blies er seinen Dudelsack und machte Musik, die war sehr schön.

Einmal kam ein König vorbeigefahren, der hatte sich verirrt und hörte die Musik; da wunderte er sich darüber und schickte seinen Diener hin, er sollte sich einmal umgucken, wo die Musik herkäme. Der guckte sich um, sah aber nichts als ein kleines Tier auf dem Baum oben sitzen, das sah aus wie ein Göckelhahn, auf dem ein Igel saß, und machte die Musik. Der Diener fragte ihn nach dem Weg zurück ins Königreich; Hans sprach, er wollte ihnen den Weg zeigen, wenn der König versprechen wollte, was ihm zuerst begegnete am königlichen Hofe, wenn er nach Haus käme. Da dachte der König, das kannst du leicht tun, Hans mein Igel versteht’s doch nicht und du kannst schreiben, was du willst. Da schrieb der König etwas auf und Hans mein Igel zeigte ihm den Weg und er kam glücklich nach Hause. Seine Tochter lief ihm entgegen und küsste ihn. Er dachte an Hans mein Igel und erzählte ihr, wie es ihm gegangen wäre und dass er einem wunderlichen Tier, das auf einem Hahn geritten und schöne Musik gemacht, hätte verschreiben müssen, was ihm daheim zuerst begegnen würde; er hätte aber geschrieben, es sollt’s nicht haben, denn Hans mein Igel könnt es doch nicht lesen. Darüber war die Prinzessin froh und sagte, das wäre gut, denn sie wäre doch nimmermehr hingegangen.

Hans mein Igel aber hütete die Esel und Schweine, war immer lustig, saß auf dem Baum und blies auf seinem Dudelsack. Nun geschah es, dass ein anderer König gefahren kam mit seinen Dienern und hatte sich verirrt und wusste nicht wieder nach Haus zu kommen, weil der Wald so groß war. Der hörte gleichfalls die schöne Musik von weitem und sprach zu einem Diener, er sollt’ einmal zusehen, woher es kommt. Da ging der Diener unter den Baum und sah den Göckelhahn sitzen und Hans mein Igel oben drauf. Der Diener sagte, sie hätten sich verirrt und könnten nicht wieder ins Königreich, ob er ihnen den Weg nicht zeigen wollte. Da stieg Hans mein Igel mit dem Hahn vom Baum herunter und sagte zu dem alten König, er wollt’ ihm den Weg zeigen, wenn er ihm zu eigen geben wollte, was ihm zu Haus vor seinem königlichen Schloss als erstes begegnen würde. Der König sagte ja und unterschrieb die Abmachung. Als das geschehen war, ritt Hans auf dem Göckelhahn ein Stück voraus und zeigte ihm den Weg und er gelangte er glücklich wieder in sein Königreich. Wie er auf den Hof kam, fiel ihm seine einzige Tochter um den Hals und freute sich, dass ihr alter Vater wieder da war. Da erzählte er ihr, er wär’ beinahe gar nicht wieder gekommen, aber einer halb wie ein Igel, halb wie ein Mensch, habe auf einem Hahn in einem hohen Baum gesessen und, schöne Musik gemacht, der hätte ihm fortgeholfen und den Weg gezeigt; dafür habe er ihm das versprochen, was ihm am königlichen Hofe zuerst begegnete, und das wäre sie. Da versprach sie ihm aber, sie wollte gern mit Hans gehen, wenn er käme, ihrem Vater zu Liebe.

Hans mein Igel aber hütete seine Schweine, und die Schweine bekamen wieder Schweine und diese wieder und wurden so viele, dass der ganze Wald voll war. Da ging Hans mein Igel mit seinen Herden ins Dorf uns schenkte den Bauern die Schweine. Zu seinem Vater aber sagt er: „Väterchen, lasst mir meinen Göckelhahn noch einmal in der Schmiede beschlagen, dann reit’ ich fort und komm’ mein Lebtag nicht wieder.“ Da ließ der Vater den Göckelhahn beschlagen und war froh, daß Hans mein Igel nicht wiederkommen wollte.

Hans mein Igel ritt fort in das erste Königreich; da hatte der König befohlen, wenn einer käme auf einem Hahn geritten und hätte einen Dudelsack bei sich, dann sollten alle auf ihn schießen, damit er nicht ins Schloß käme. Aber Hans flog auf dem Hahn an des Königs Fenster, setzte sich da und rief ihm zu, er wollte ihn töten, wenn er nicht die Tochter bekäme. Da gab der König der Prinzessin gute Worte, schenkte ihr eine Kutsche und sie fuhr mit Hans fort. Aber als sie ein Stück Wegs von der Stadt entfernt waren, da zog Hans mein Igel seine Braut aus und stach sie mit seiner Igelhaut, bis sie ganz blutig war; er sagte: „Das ist der Lohn für eure Falschheit, geh’ weg, ich will dich nicht,“ und jagte sie damit nach Hause.

Hans mein Igel aber ritt weiter zu dem anderen Königreich. Der König dort aber hatte befohlen, wenn einer käm’ wie Hans mein Igel, sollten sie das Gewehr vor ihm präsentieren und ihn ins königliche Schloss bringen. Da wurde Hans mein Igel von der Prinzessin begrüßt, musste mit an die königliche Tafel gehen und sie setzte sich zu seiner Seite. Als sie am Abend schlafen gehen wollte, da fürchtete sie sich jedoch vor seinen Stacheln; er aber sprach, es geschäh’ ihr kein Leid. Zum König sagte er, man sollte eine Wache vors Zimmer stellen; wenn er seine Igelhaut ausgezogen habe, sollte man sie ins Feuer werfen. Wie die Glocke nun elfe schlug, da ging er in die Kammer und streifte die Igelhaut ab, und ließ sie vor dem Bett liegen, da kamen die Männer und holten sie geschwind und warfen sie ins Feuer, da war er erlöst und lag da im Bett ganz als ein schöner junger Herr. Wie das die Prinzessin sah, war sie froh; am anderen Morgen standen sie auf und es ward die Hochzeit gehalten; Hans mein Igel bekam den Thron und das Königreich von dem alten König.

Als etliche Jahre herum waren, fuhr er mit seiner Gemahlin zu seinem Vater und sagte, er wäre sein Sohn; der Vater aber sprach, er hätte einmal einen gehabt, der wär’ wie ein Igel mit Stacheln geboren worden und weggegangen. Da gab er sich zu erkennen, und der alte Vater freute sich und ging mit ihm fort in sein Königreich.

(Nach der ersten Fassung der KHM, gekürzt und sprachlich leicht überarbeitet)

Die Füchsin und ihre Freier

Als der alte Herr Fuchs gestorben war, kam der Wolf als Freier; er wollte die Füchsin zur Frau nehmen. Er klopfte an die Türe, und die Katze, die als Magd bei der Frau Füchsin diente, machte auf.
Der Wolf grüßte sie und sprach:
„Guten Tag, Frau Katz von Kehrewitz,
wie kommt’s, dass sie alleine sitzt?
was macht sie Gutes da?“
Die Katze antwortete:
„Brock mir Brot und Milch ein:
will der Herr mein Gast sein?“
„Dank schön, Frau Katze“, antwortete der Wolf, „ist die Frau Füchsin nicht zu Haus?“
Die Katze sprach:
„Sie sitzt droben in der Kammer,
beweint ihren Jammer,
beweint ihre große Not,
dass der alte Herr Fuchs ist tot.“
Der Wolf antwortete.
„Will sie haben einen andern Mann,
so soll sie nur herunter gan.“
Die Katz, die lief die Trepp hinan
sie hielt ihr Schwänzchen himmelan,
bis sie kam vor den langen Saal:
klopfte an mit ihren fünf goldenen Ringen.
„Frau Füchsin, ist sie drinnen?
Will sie haben einen andern Mann,
so soll sie nur herunter gan.“

Die Frau Füchsin fragte:
„Hat der Herr rote Höslein an, und hat er ein spitz Mäulchen?“
„Nein“, antwortete die Katze, „er trägt einen grauen Anzug.“ „So kann er mir nicht dienen“, antwortete die Füchsin.

Als der Wolf abgewiesen war, kamen ein Hund, ein Hirsch, ein Hase, ein Bär, ein Löwe und nacheinander alle Waldtiere. Aber es fehlte immer eine von den guten Eigenschaften, die der alte Herr Fuchs gehabt hatte; der Hund hatte ein schwarzes Fell, der Hirsch konnte keine Mäuse fangen, der Löwe war so groß, dass er nicht in den Fuchsbau hineinkam – und die Katze musste den Freier jedes Mal wegschicken.

Endlich kam ein junger Fuchs. Da fragte die Frau Füchsin ihre Katze:
„Hat der Herr rote Höslein an, und hat er ein spitz Mäulchen?“
„Ja“, sagte die Katze, „das hat er.“
„So soll er heraufkommen“, sprach die Frau Füchsin und hieß die Magd das Hochzeitsfest vorbereiten:
„Katze, kehr die Stube aus,
schmeiß den alten Fuchs zum Fenster raus –
brachte manche fette Maus,
fraß sie immer alleine,
gab mir aber keine.“

Da wurde die Hochzeit gehalten mit dem jungen Herrn Fuchs, und es wurde gegessen und getrunken, gesungen und getanzt, und wenn sie nicht aufgehört haben, so tanzen sie heute noch.

(Ich habe das Märchen aus den KHM sprachlich leicht verändert und modernisiert.)

Brüder Grimm: Die Bienenkönigin – überarbeitet

Die Bienenkönigin

Zwei Königssöhne gingen einmal auf Abenteuer aus und führten ein wildes Leben, so dass sie gar nicht wieder nach Haus kamen. Der jüngste, welcher der Dummling hieß, machte sich auf und suchte seine Brüder; aber wie er sie endlich fand, verspotteten sie ihn, dass er mit seiner Einfalt sich in der Welt behaupten wollte – dabei könnten sie beide das nicht, und sie wären doch viel klüger.

Sie zogen nun alle drei miteinander fort und kamen an einen Ameisenhaufen. Die zwei ältesten wollten ihn aufwühlen und sehen, wie die kleinen Ameisen in der Angst herumkröchen und ihre Eier forttrügen, aber der Dummling sagte: „Lasst die Tiere in Frieden, ich mag’s nicht, dass ihr sie stört.“ Da gingen sie weiter und kamen an einen See, auf dem schwammen viele, viele Enten. Die zwei Brüder wollten ein paar fangen und braten, aber der Dummling ließ es nicht zu und sprach: „Lasst die Tiere in Frieden, ich mag’s nicht, dass ihr sie tötet.“ Endlich kamen sie an einen Baum mit einem Bienennest, darin war so viel Honig, dass er am Stamm herunterlief. Die zwei wollten Feuer unter den Baum legen und die Bienen ersticken, damit sie den Honig wegnehmen könnten. Der Dummling hielt sie aber wieder ab und sprach: „Lasst die Tiere in Frieden, ich mag’s nicht, dass ihr sie verbrennt.“

Endlich kamen die drei Brüder in ein Schloss, wo in den Ställen lauter steinerne Pferde standen, auch war kein Mensch zu sehen; sie gingen durch alle Säle, bis sie vor eine Tür ganz am Ende kamen, davor hingen drei Schlösser; es war aber mitten in der Türe ein Löchlein, dadurch konnte man in die Stube sehen. Da sahen sie ein graues Männchen, das an einem Tisch saß. Sie riefen es an, einmal, zweimal, aber es hörte nicht; endlich riefen sie zum dritten Mal, da stand es auf, öffnete die Schlösser und kam heraus. Es sprach aber kein Wort, sondern führte sie zu einem gedeckten Tisch; und als sie gegessen und getrunken hatten, brachte es einen jeden in sein eigenes Schlafgemach.

Am andern Morgen kam das graue Männchen zu dem ältesten, winkte und führte ihn zu einer steinernen Tafel; darauf standen drei Aufgaben geschrieben, wodurch das Schloss erlöst werden könnte. Die erste war: In dem Wald unter dem Moos lagen die Perlen der Königstochter, tausend an der Zahl, die mussten gesucht und aufgehoben werden, und wenn vor Sonnenuntergang nur eine einzige fehlte, so wurde der, welcher gesucht hatte, zu Stein. Der älteste ging hin und suchte den ganzen Tag; als aber der Tag zu Ende war, hatte er erst hundert gefunden; und es geschah wie auf der Tafel stand, er wurde in einen Stein verwandelt. Am folgenden Tag unternahm der zweite Bruder das Abenteuer; es ging ihm aber nicht viel besser als dem ältesten, er fand nicht mehr als zweihundert Perlen und wurde zu Stein.

Endlich kam auch der Dummling an die Reihe, der suchte im Moos; es war aber so schwer, die Perlen zu finden, und ging so langsam. Da setzte er sich auf einen Stein und weinte. Und wie er so saß, kam der Ameisenkönig, dem er einmal das Leben gerettet hatte, mit fünftausend Ameisen, und es währte gar nicht lange, so hatten die kleinen Tiere die Perlen gefunden und auf einen Haufen getragen. Die zweite Aufgabe aber war, den Schlüssel zum Schlafzimmer der Königstochter aus dem See zu holen. Wie der Dummling zum See kam, schwammen die Enten, die er einmal gerettet hatte, heran, tauchten unter und holten den Schlüssel aus der Tiefe. Die dritte Aufgabe aber war die schwerste: Aus den drei schlafenden Töchtern des Königs sollte die jüngste und die liebste herausgesucht werden. Sie glichen sich aber vollkommen und waren in nichts verschieden, außer dass sie, bevor sie eingeschlafen waren, verschiedene Süßigkeiten gegessen hatten, die älteste ein Stück Zucker, die zweite ein wenig Sirup, die jüngste einen Löffel voll Honig. Da kam die Königin der Bienen, die der Dummling vor dem Feuer geschützt hatte, und flog um den Mund von allen dreien; zuletzt blieb sie auf dem Mund sitzen, der Honig gegessen hatte, und daran erkannte der Königssohn die richtige Prinzessin.

Da war der Zauber vorbei, alles war aus dem Schlaf erlöst, und wer ein Stein gewesen war, erhielt seine menschliche Gestalt wieder. Und der Dummling vermählte sich mit der jüngsten und liebsten und wurde König nach ihres Vaters Tod; seine zwei Brüder aber erhielten die beiden andern Schwestern.

(KHM 62 ab 2. Aufl., sprachlich minimal für heutige Kinder überarbeitet: https://de.wikisource.org/wiki/Die_Bienenk%C3%B6nigin_%281857%29)

Brüder Grimm: Der Bauer und der Teufel – überarbeitet

Der Bauer und der Teufel

Es war einmal ein kluger Bauer. Der hatte eines Tages seinen Acker gepflügt und machte sich auf den Heimweg, als die Dämmerung schon eingetreten war. Da erblickte er mitten auf seinem Acker einen Haufen feuriger Kohlen, und als er voll Verwunderung dahin ging, so saß oben auf der Glut ein kleiner schwarzer Teufel.

„Du sitzest wohl auf einem Schatz“, sprach der Bauer. „Jawohl“, antwortete der Teufel“, „auf einem Schatz, der mehr Gold und Silber enthält, als du dein Lebtag gesehen hast.“ „Der Schatz liegt auf meinem Feld und gehört deshalb mir“, sprach das Bäuerlein. „Er ist dein“, antwortete der Teufel, „wenn du mir zwei Jahre lang die Hälfte von dem gibst, was auf deinem Acker wächst: Geld habe ich genug, aber ich möchte einmal die Früchte der Erde genießen.“ Der Bauer ging auf den Handel ein. „Damit aber kein Streit bei der Teilung entsteht“, sprach er, „so soll dir gehören, was über der Erde wächst, und mir, was unter der Erde ist.“ Dem Teufel gefiel das wohl, aber das listige Bäuerlein hatte Rüben gesät.

Als nun die Zeit der Ernte kam, so erschien der Teufel und wollte seine Früchte holen; er fand aber nichts als die gelben welken Blätter, und der Bauer, ganz vergnügt, grub seine Rüben aus. „Einmal hast du den Vorteil gehabt“, sprach der Teufel, „aber für das nächste Mal soll das nicht gelten. Dein ist nächstes Jahr, was über der Erde wächst, und mein, was darunter ist.“ „Mir auch recht“, antwortete das Bäuerlein.

Als aber die Zeit zur Aussaat kam, säte der Bauer nicht wieder Rüben, sondern Weizen. Die Frucht wurde reif, der Bauer ging auf den Acker und schnitt die vollen Halme bis zur Erde ab. Als der Teufel kam, fand er nichts als die Stoppeln und die Wurzeln in der Erde und fuhr wütend in eine Felsenschlucht hinab.

„So muss man mit den Dummköpfen umgehen“, sprach das Bäuerlein, ging hin und holte sich den Schatz ab.

KHM, leicht überarbeitet

Brüder Grimm: Die Wassernixe – überarbeitet

Die Wassernixe

 

Ein Brüderchen und ein Schwesterchen spielten an einem Brunnen. Wie sie so spielten, plumpsten sie plötzlich beide hinein. Unten war eine Wassernixe, die sprach: „Jetzt hab ich euch! Jetzt bleibt ihr bei mir und werdet brav arbeiten“, und führte sie mit sich fort.

Dem Mädchen gab sie Flachs zu spinnen und es musste Wasser in ein hohles Fass umfüllen. Der Junge aber sollte einen Baum mit einer stumpfen Axt fällen. Sie bekamen nichts zu essen außer trockenen steinharten Klößen. Da wurden die Kinder so unzufrieden, dass sie warteten, bis die Nixe eines Sonntags in der Kirche war, und flohen.

Als sie aus der Kirche kam, sah die Nixe, dass ihre Vögelchen ausgeflogen waren, und setzte ihnen mit großen Sprüngen nach. Die Kinder erblickten sie schon von weitem, und das Mädchen warf eine Bürste hinter sich. Diese wurde zu einem großen Bürstenberg, mit vielen tausend Stacheln, über welche die Nixe mit großer Mühe klettern musste.

Endlich aber kam sie doch hinüber. Wie das die Kinder sahen, warf der Knabe einen Kamm hinter sich, der zu einem großen Kammberg mit tausendmal tausend Zinken wurde. Aber die Nixe konnte sich daran festhalten und kam zuletzt doch hinüber.

Da warf das Mädchen einen Spiegel hinter sich, welches einen Spiegelberg gab, der war so glatt, so glatt, dass die Nixe unmöglich drüber konnte. Da dachte sie: „Ich will geschwind nach Haus’ gehen und meine Axt holen. Dann haue ich den Spiegelberg entzwei.“

Bis sie aber wiederkam und das Glas zerschlagen hatte, waren die Kinder längst weit entflohen, und die Wassernixe musste wieder in ihren Brunnen kriechen.

KHM, leicht überarbeitet

Brüder Grimm: Der süße Brei – überarbeitet

Der süße Brei

Es war einmal ein armes, braves Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da ging das Kind hinaus in den Wald; dort begegnete ihm eine alte Frau, die wusste schon von seiner Not und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollte es sagen: „Töpfchen, koche“, so kochte es guten süßen Hirsebrei, und wenn es sagte: „Töpfchen, steh“, so hörte es wieder auf zu kochen. Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie von ihrer Armut und ihrem Hunger befreit und aßen süßen Brei, sooft sie wollten.
Nach einiger Zeit war das Mädchen einmal ausgegangen, da sprach die Mutter: „Töpfchen, koche“, da kocht es, und sie isst sich satt; nun will sie, dass das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand hinaus und kocht immerzu, die Küche und das ganze Haus voll und das zweite Haus und dann die Straße, als wollt’s die ganze Welt satt machen. Da herrschte große Not, und kein Mensch wusste sich mehr zu helfen. Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig war, da kam das Kind heim und sprach nur: „Töpfchen, steh“, da stand es und hörte auf zu kochen; aber der Brei war noch da, und wer in die Stadt wollte, der musste sich durch einen großen Berg Brei hindurch essen.

KHM, leicht überarbeitet

Brüder Grimm: Der Fuchs und die Gänse – überarbeitet

Der Fuchs und die Gänse.

Der Fuchs kam einmal auf eine Wiese, wo eine Herde schöner fetter Gänse saß; da lachte er und sprach: „Ei, ich komme ja wie gerufen, ihr sitzt hübsch beisammen, da kann ich eine nach der andern auffressen.“ Die Gänse quiekten vor Schrecken, sprangen auf und fingen an, gar kläglich um ihr Leben zu bitten, der Fuchs aber sprach: „Da gibt es keine Gnade, ihr müsst sterben.“

Endlich nahm sich eine das Herz und sagte: „Sollen wir schon unser junges Leben lassen, so gewähre uns die einzige Gnade und erlaub’ uns noch ein Gebet, damit wir nicht mit unsern Sünden sterben; danach wollen wir uns auch in eine Reihe stellen, damit du dir immer die fetteste aussuchen kannst.“ „Ja, sagte der Fuchs, das ist billig und eine fromme Bitte; betet, ich will so lange warten.“

Also fing die erste ein recht langes Gebet an: ga! ga! ga! und weil sie gar nicht aufhören wollte, wartete die zweite nicht, bis die Reihe an sie kam, sondern fing auch an: ga! ga! ga! Und dann fing die dritte an: ga! ga! ga! (Und wenn sie alle ausgebetet haben, soll das Märchen weiter erzählt werden, sie beten aber noch immer.)

KHM 86, leicht verändert

Brüder Grimm: Die Bremer Stadtmusikanten – überarbeitet

Die Bremer Stadtmusikanten.

Einst hatte ein Mann einen Esel, der ihm schon lange Jahre treu gedient, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so dass er nicht mehr arbeiten konnte. Da wollte ihm der Herr nicht länger Futter geben; aber der Esel merkte, was sein Herr vorhatte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen; dort, dachte er, kannst du Stadtmusikant werden – das kann jeder. Als er ein Weilchen gegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der japste wie einer, der viel gelaufen ist. „Nun, was japst du so?“, sprach der Esel. „Ach“, sagte der Hund, „weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde und nicht mehr laufen kann, hat mich mein Herr totschlagen wollen, da habe ich Reißaus genommen; aber woher soll ich nun zu fressen kriegen?“ „Weißt du was“, sprach der Esel, „ich gehe nach Bremen, um dort Stadtmusikant zu werden; geh’ mit und lass’ dich auch bei der Musik anwerben. Der Hund war’s zufrieden und sie gingen weiter. Es dauerte nicht lange, so saß da eine Katze und machte ein trübseliges Gesicht. „Nun, was ist dir denn in die Quere gekommen?“, sprach der Esel. „Ach“, antwortete die Katze, „wer kann lustig sein, wenn’s ihm an den Kragen geht? Weil ich alt geworden bin, meine Zähne stumpf werden und ich lieber hinter dem Ofen sitze, als Mäuse zu jagen, hat mich meine Frau ertränken wollen; ich hab mich zwar noch fortgemacht, aber nun ist guter Rat teuer; wo soll ich hin?“ „Geh’ mit uns nach Bremen, du verstehst doch was von Nachtmusik, da kannst du Stadtmusikant werden.“ Die Katze war’s zufrieden und ging mit. Darauf kamen die drei Flüchtlinge an einem Hof vorbei, da saß auf dem Tor der Hahn und schrie aus Leibeskräften. „Du schreist einem durch Mark und Bein“, sprach der Esel, „was hast du vor?“ „Da hab ich immer fröhlich gekräht“, sprach der Hahn, „ aber weil morgen Gäste kommen, hat die Hausfrau der Köchin gesagt, sie wollten aus mir eine Suppe machen – und da soll mir heute Abend der Kopf abgeschnitten werden. Deshalb schrei’ ich aus vollem Hals, so lang’ ich noch kann.“ „Ei was“, sagte der Esel, „zieh lieber mit uns fort, nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, muss es ganz toll klingen.“ Dem Hahn gefiel dieser Vorschlag, und sie gingen alle vier zusammen fort.

Sie konnten aber die Stadt Bremen nicht in einem Tag erreichen und kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum; die Katze kletterte den Stamm empor und der Hahn flog bis in die Spitze, wo’s am sichersten für ihn war, und sah sich noch einmal um. Da schien es ihm, als säh’ er in der Ferne ein Fünkchen Licht, und er rief seinen Kameraden zu, es müsste nicht gar weit ein Haus sein, denn da scheine noch Licht. Sprach der Esel: „So wollen wir uns aufmachen und hingehen, in einem Haus schläft man besser.“ Und der Hund sagte: „Ja, ein paar Knochen mit etwas Fleisch daran täten mir auch gut!“ Nun machten sie sich auf den Weg dahin, wo das Licht war, und sahen es bald stärker schimmern, bis sie vor ein hell erleuchtetes Räuberhaus kamen. Der Esel, als der größte, ging ans Fenster und schaute hinein. „Was siehst du?“ fragte der Hahn. „Was ich sehe?“, antwortete der Esel, „einen gedeckten Tisch mit tollem Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und lassen es sich gut gehen.“ „Das wär’ was für uns“, sprach der Hahn. Da hielten die Tiere Rat, wie sie es anfangen könnten, die Räuber zu vertreiben; endlich fanden sie die Lösung. Der Esel musste sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster stellen, der Hund auf des Esels Rücken, die Katze auf den Hund klettern und der Hahn setzte sich der Katze auf den Kopf. Wie das geschehen war, fingen sie insgesamt auf ein Zeichen an, ihre Musik zu machen; der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte – damit stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, so dass die Scheiben klirrten. Die Räuber, die schon über das entsetzliche Geschrei erschrocken waren, meinten, ein Gespenst käme herein, und flohen in größter Furcht in den Wald. Nun setzten sich die vier Kameraden an den Tisch und aßen alles auf, was noch in den Schüsseln war.

Wie die vier Musikanten fertig waren, löschten sie das Licht aus und suchten sich eine Schlafstelle: Der Esel legte sich draußen auf den Mist, der Hund hinter die Türe, die Katze auf den warmen Herd und der Hahn setzte sich auf einen Balken; und weil sie müde waren, schliefen sie auch bald ein. Als Mitternacht vorbei war und die Räuber von weitem sahen, dass kein Licht mehr im Haus brannte, sprach der Hauptmann: „Wir hätten uns nicht so einfach vertreiben lassen sollen.“ Er befahl einem Räuber, hinzugehen und das Haus zu untersuchen. Der fand im Haus alles still, ging in die Küche, wollte ein Licht anzünden und nahm ein Streichholz, und weil er die glühenden Augen der Katze für glimmende Kohlen ansah, hielt er es daran, dass es Feuer fangen sollte. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, spuckte und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertüre hinaus, aber der Hund, der da lag, sprang auf und biss ihm ins Bein, und als er über den Hof am Mist vorbei rannte, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß; der Hahn aber, der vom Lärm munter geworden war, rief vom Balken herab: „Kikeriki!“ Da lief der Räuber, was er konnte, zu seinem Hauptmann zurück und sprach: „O weh, in dem Haus sitzt eine gräuliche Hexe, die hat mich angefaucht und mit ihren langen Fingern mir das Gesicht zerkratzt, und vor der Türe steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen, und auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungeheuer, das hat mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen, und oben auf dem Dache sitzt der Richter, der rief: ‚Bringt mir den Kerl her!’ Da machte ich, dass ich fortkam.“ Von nun an trauten sich die Räuber nie mehr in das Haus; den Musikanten gefiel’s aber so gut darin, dass sie nicht wieder heraus wollten – und der das zuletzt erzählt hat, der wäre gern auch ein Stadtmusikant geworden.

 

[nach der ältesten Fassung, 1819, sprachlich leicht für heutige Kinder überarbeitet]

Brüder Grimm: Die drei Federn – überarbeitet

Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne, davon waren zwei klug und gescheit, aber der dritte sprach nicht viel; er wurde der Dummling genannt. Als der König nun alt wurde, dass er an sein Ende dachte, wusste er nicht, welcher von seinen Söhnen nach ihm das Reich erben sollte. Da sprach er zu ihnen: „Ziehet hinaus, und wer mir den feinsten Teppich bringt, der soll nach meinem Tod König sein.“ Und damit es keinen Streit unter ihnen gab, führte er sie vor sein Schloss, blies drei Federn in die Luft und sprach: „Wie die fliegen, so sollt ihr ziehen.“ Die eine Feder flog nach Osten, die andere nach Westen, die dritte flog aber geradeaus, und flog nicht so weit wie die andern, sondern fiel zur Erde. Nun ging der eine Bruder rechts, der andere ging links, und sie lachten den Dummling aus, da er bei der dritten Feder auf der Erde sitzen bleiben müsse.

Der Dummling setzte sich hin und war traurig. Da bemerkte er auf einmal neben der Feder eine Türe in der Erde. Er öffnete sie, fand eine Treppe und stieg hinab. Da kam er vor eine andere Türe, wo er anklopfte, und hörte, wie es innen rief:

„Jungfer grün und klein,
Hutzelbein,
Hutzelbeins Hündchen,
Hutzel hin und her,lass’ geschwind sehen, wer draußen wär.“

Nun ging die Türe auf, und er sah eine große, dicke Itsche (Kröte) sitzen und rings um sie eine Menge kleiner Itschen. Die dicke Itsche fragte, was er wolle. Er antwortete: „Ich hätte gerne den schönsten und feinsten Teppich.“ Da rief sie eine junge Kröte und sprach:

„Jungfer grün und klein,
Hutzelbein,
Hutzelbeins Hündchen,
Hutzel hin und her,
bring mir die große Schachtel her.“

Die junge Itsche holte die Schachtel, die dicke Itsche machte sie auf und gab dem Dummling einen Teppich daraus, so schön und so fein, wie oben auf der Erde überhaupt keiner gewebt werden konnte. Da dankte er ihr und ging wieder fort. Die beiden andern aber hatten ihren jüngsten Bruder für so dämlich gehalten, dass sie glaubten, er würde nicht das Mindeste gegen sie aufbringen können. „Was sollen wir uns mit Suchen groß Mühe geben“, sprachen sie, kauften der ersten besten Schäfersfrau, die ihnen begegnete, ein paar grobe Tücher ab und trugen sie zum König hin. Da kam der Dummling auch und brachte seinen schönen Teppich, und als der König den sah, erstaunte er, und sprach: „Das Reich gehört dem Jüngsten.“

Aber die zwei andern ließen dem König keine Ruhe und sprachen, es wäre nicht möglich, dass der Dummling König würde; und sie baten ihn, er möchte noch eine Bedingung stellen. Da sagte der Vater: „Der soll das Reich erben, der mir den schönsten Ring bringt“, und führte die drei Brüder hinaus und blies drei Federn in die Luft, denen sie nachgehen sollten. Die zwei ältesten zogen wieder nach Osten und Westen, und für den Dummling flog die Feder geradeaus und fiel neben der Erdtüre nieder. Da stieg er wieder hinab zu der dicken Itsche und sagte ihr, dass er den schönsten Ring brauchte. Sie ließ sich ihre große Schachtel holen und gab ihm daraus einen Ring, so schön wie ihn kein Goldschmied auf der Erde machen konnte. Die zwei ältesten hatten über den Dummling gelacht, dass er einen goldenen Ring suchen wollte, gaben sich gar keine Mühe, sondern schlugen den ersten besten Wagenringen die Nägel aus und brachten die Wagenringe dem König. Als dieser dagegen den schönen Ring des Dummlings sah, sprach er: „Ihm gehört das Reich.“

Aber die zwei ältesten quälten den König so lang, bis er noch eine dritte Bedingung machte und den Ausspruch tat, der solle das Reich haben, der die schönste Frau heimbrächte. Die drei Federn blies er auch wieder in die Luft, und sie flogen wie die vorigen Male. Da ging der Dummling zum drittenmal hinab zu der dicken Itsche und sprach: „Ich soll die schönste Frau heimbringen.“ „Ei“, antwortete die Itsche, „die schönste Frau! Nun, die sollst du haben.“ Und sie gab ihm eine gelbe Rübe mit sechs Mäuschen bespannt. Da sprach der Dummling ganz traurig: „Was soll ich damit anfangen?“ Die Itsche antwortete: „Nun setz’ eine von meinen kleinen Itschen hinein.“ Da griff er auf Geratewohl eine aus dem Kreis und setzte sie auf die gelbe Rübe, aber kaum berührte sie die Rübe, so wurde sie zu einem wunderschönen Fräulein, die Rübe zur Kutsche und die sechs Mäuschen zu Pferden. Da stiegen sie beide in die Kutsche, und er küsste sie und brachte sie zum König. Seine Brüder kamen auch, die hatten den Dummling so verachtet, dass sie die ersten besten Bauernweiber genommen und heimgeführt hatten. Da sprach der König: „Dem Jüngsten gehört das Reich nach meinem Tod.“

Aber die zwei älteren Söhne lärmten von neuem, sprachen: „Wir können’s nicht zugeben“, und verlangten, der sollte den Vorzug haben, dessen Frau durch einen Ring springen könnte, der mitten in dem Saal hing; sie dachten: „Die Bauernweiber können das wohl, die sind stark genug, aber das zarte Fräulein springt sich tot.“ Endlich willigte der König ein. Da sprangen die zwei Bauernweiber, sprangen auch hindurch, waren aber so plump, dass sie fielen und ihre Arme und Beine brachen. Darauf sprang das schöne Fräulein, das der Dummling mitgebracht hatte, und sprang ganz leicht durch den Ring und gewann ihm das Reich. Und als der König starb, erhielt er die Krone und hat lange in Weisheit geherrscht.

[nach der ersten Fassung, 1837, sprachlich leicht für Kinder von heute überarbeitet]

Bilder von Wagenrädern

http://de.wikisource.org/wiki/Die_drei_Federn_%281837%29

http://www.roie-event.de/images/deko01_500.jpg

Brüder Grimm: Der Froschkönig – überarbeitet

Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich.

Es war einmal eine Königstochter, die ging hinaus in den Wald und setzte sich an einen kühlen Brunnen. Sie hatte eine goldene Kugel, die war ihr liebstes Spielzeug; die warf sie in die Höhe und fing sie wieder in der Luft auf und hatte ihre Freunde daran. Einmal war die Kugel ganz hoch geflogen, sie hatte die Hand schon ausgestreckt und die Finger gekrümmt, um sie wieder zu fangen, da schlug sie neben ihr auf die Erde, rollte und rollte und geradezu in das Wasser hinein.

Die Königstochter blickte ihr erschrocken nach; der Brunnen war aber so tief, dass kein Grund zu sehen war. Da fing sie an, jämmerlich zu weinen und zu klagen: „Ach! wenn ich meine Kugel wieder hätte, da wollt’ ich alles darum geben, meine Kleider, meine Edelsteine, meine Perlen und was es auf der Welt nur wär’.“ Wie sie so klagte, steckte ein Frosch seinen Kopf aus dem Wasser und sprach: „Königstochter, was jammerst du so laut?“ – „Ach“, sagte sie, „du garstiger Frosch, was kannst du mir helfen! Meine goldene Kugel ist mir in den Brunnen gefallen.“ – Der Frosch sprach: „Deine Perlen, deine Edelsteine und deine Kleider, die verlang’ ich nicht, aber wenn du mich zum Freund nehmen willst, und ich soll neben dir sitzen und von deinem gold’nen Tellerchen essen und in deinem Bettchen schlafen und du willst mich lieb haben, so will ich dir deine Kugel wiederbringen.“ Die Königstochter dachte: ‚Was schwätzt der dumme Frosch da, der muss doch in seinem Wasser bleiben; vielleicht aber kann er mir meine Kugel holen, da will ich nur ja sagen;’ und sagte: „Ja meinetwegen, schaff mir nur erst die gold’ne Kugel wieder, es soll dir alles versprochen sein.“ Der Frosch steckte seinen Kopf unter Wasser und tauchte hinab; es dauerte auch nicht lange, so kam er wieder in die Höhe, hatte die Kugel im Maul und warf sie ans Land. Wie die Königstochter ihre Kugel wieder erblickte, lief sie geschwind darauf zu, hob sie auf und war so froh, sie wieder in ihrer Hand zu halten, dass sie an nichts weiter dachte, sondern damit nach Haus eilte. Der Frosch rief ihr nach: „Warte, Königstochter, und nimm mich mit, wie du versprochen hast.“ Aber sie hörte nicht darauf. Am nächsten Tage saß die Königstochter am Tisch, da hörte sie etwas die Marmortreppe heraufkommen, plitsch, platsch! plitsch, platsch! Bald darauf klopfte es auch an der Türe und rief: „Königstochter, jüngste, mach mir auf!“ Sie lief hin und machte die Türe auf, da war es der Frosch, an den sie nicht mehr gedacht hatte; ganz erschrocken warf sie die Türe hastig zu und setzte sich wieder an den Tisch. Der König aber sah, dass ihr das Herz klopfte, und sagte: „Warum fürchtest du dich?“ – „Da draußen ist ein garstiger Frosch“, sagte sie, „der hat mir meine gold’ne Kugel aus dem Wasser geholt; ich versprach ihm dafür, er sollte mein Freund werden; ich glaubte aber nicht, dass er aus seinem Wasser heraus könnte, nun ist er draußen vor der Tür und will herein.“ Indessen klopfte es zum zweitenmal und rief:

„Königstochter, jüngste,
mach’ mir auf,
weiß du nicht, was gestern
du zu mir gesagt
bei dem kühlen Brunnenwasser?
Königstochter, jüngste,
mach mir auf.“

Der König sagte: „Was du versprochen hast, musst du halten, geh’ und mach’ dem Frosch die Türe auf.“ Sie gehorchte und der Frosch hüpfte herein, und ihr auf dem Fuße immer nach, bis zu ihrem Stuhl, und als sie sich wieder gesetzt hatte, da rief er: „Heb’ mich herauf auf einen Stuhl neben dich.“ Die Königstochter wollte nicht, aber der König befahl es ihr. Wie der Frosch oben war, sprach er: „Nun schieb’ dein goldenes Tellerchen näher, ich will mit dir davon essen.“ Das musste sie auch tun. Wie er sich satt gegessen hatte, sagte er: „Nun bin ich müd’ und will schlafen, bring mich hinauf in dein Zimmer, mach dein Bettchen zurecht, da wollen wir uns hineinlegen.“ Die Königstochter erschrak, wie sie das hörte; sie fürchtete sich vor dem kalten Frosch. Sie traute sich nicht einmal, ihn anzurühren, und nun sollte er sogar bei ihr in ihrem Bett liegen! Sie fing an zu weinen und wollte durchaus nicht. Da wurde der König zornig und befahl ihr, zu tun, was sie versprochen hatte, sonst würde er zornig. Es half nichts, sie musste so tun, wie ihr Vater wollte, aber sie war bitterböse in ihrem Herzen. Sie packte den Frosch mit zwei Fingern und trug ihn hinauf in ihre Kammer, legte sich ins Bett, und statt ihn neben sich zu legen, warf sie ihn bratsch! an die Wand; „da nun wirst du mich in Ruh lassen, du garstiger Frosch!“

Aber der Frosch fiel nicht tot herunter, sondern wie er auf das Bett gefallen war, da war’s ein schöner junger Prinz. Der war nun ihr lieber Freund, und sie hatte ihn gern, wie sie versprochen hatte, und sie schliefen vergnügt zusammen ein. Am anderen Morgen aber kam ein prächtiger Wagen mit acht Pferden bespannt, mit Federn geschmückt und goldschimmernd; dabei war der treue Heinrich, der Diener des Prinzen; der war so betrübt über dessen Verwandlung, dass er drei eiserne Bänder um sein Herz gelegt hatte, damit es vor Traurigkeit nicht zerspränge. Der Prinz setzte sich mit der Königstochter in den Wagen, der treue Diener aber stand hinten auf dem Tritt, so wollten sie in sein Reich fahren. Und wie sie ein Stück Weges gefahren waren, hörte der Prinz hinter sich ein lautes Krachen, da drehte er sich um und rief:

„Heinrich, der Wagen bricht!“ –
„Nein, Herr, der Wagen nicht,
es ist ein Band von meinem Herzen,
das da lag in großen Schmerzen,
als ihr in dem Brunnen saßt,
als ihr eine Fretsche (Frosch) was’t.“ (wart)

Noch einmal und noch einmal hörte es der Prinz krachen, und meinte, der Wagen bräche; aber es waren nur die Bänder, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war.

 

[Nach der 1. Fassung der Brüder Grimm, 1812, sprachlich leicht überarbeitet]

Bilder einer Kutsche: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/05/Berlin_%28PSF%29.svg/2000px-Berlin_%28PSF%29.svg.png

http://zh.wiktionary.org/zh/Kutsche#mediaviewer/File:The_Great_Coach.jpg

http://www.handgemalt24.de/media/images/product/popup/Kutsche-der-Royal-Mail-zwischen-Derby-und-London-auf-offener-Strasse-im-Winter-von-Henry-Alken-11390.jpg