Brecht: Die Lösung – Analyse

Nach dem Aufstand des 17. Juni…

Text

http://sven-jordan.de/shosta-kap1a.html

http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-loesung.html

Die Buckower Elegien sind im Sommer 1953 auf Brechts Landsitz Buckow entstanden; einige wurden unter dem Titel „Gedichte“ bereits 1953 in „Sinn und Form“ veröffentlicht. Der erste Druck der Elegien erfolgte 1954 in „Versuche“; in der zweiten Jahreshälfte 1954 überarbeitete Brecht die Elegien geringfügig und fügte das Motto hinzu. Brecht setzt sich in den „Elegien“ mit den Ereignissen des 17. Juni 1953, aber auch mit seiner privilegierten Stellung als weltbekannter Dichter auseinander. Bei der Analyse des Gedichtes „Der Rauch“ ist bereits Wichtiges zu den Elegien gesagt worden.

Wie ich mich schäme

Maurer – Maler – Zimmerleute. Sonnengebräunte Gesichter und weißleinene Mützen, muskulöse Arme, Nacken – gut durchwachsen, nicht schlecht habt ihr euch in eurer Republik ernährt, man konnte es sehen. Vierschrötig kamt ihr daher… Als wenn man mit der flachen Hand ein wenig Staub vom Jackett putzt, fegte die Sowjetarmee die Stadt rein. Zum Kämpfen hat man nur Lust, wenn man die Ursache dazu hat, und solche Ursache hattet ihr nicht. Eure schlechten Freunde, das Gesindel von drüben, strich auf seinen silbernen Fahrrädern durch die Stadt wie Schwälbchen vor dem Regen. Dann wurden sie weggefangen. Ihr aber dürft wie gute Kinder um neun Uhr abends schlafen gehen. Für euch und den Frieden der Welt wachen die Sowjetarmee und die Kameraden der Deutschen Volkspolizei.

Schämt ihr euch so, wie ich mich schäme?

Da werdet ihr sehr viel und sehr gut mauern und künftig sehr klug handeln müssen, ehe euch diese Schmach vergessen wird.

Kuba (Kurt Barthel), Nationalpreisträger, Sekretär des Schriftstellerverbandes der DDR, in „Neues Deutschland“ vom 20. Juni 1953

Auf diesen Beitrag Kubas antwortet Brecht mit seinem Gedicht, das im Sommer 1953 entstanden ist, aber erst nach Brechts Tod veröffentlicht wurde (erstmals 1959 in Die Welt). Von den Bauarbeitern der Stalinallee mit ihrer Forderung (am 16. Juni), die Erhöhung der Arbeitsnormen zurückzunehmen, gingen die Ereignisse des 17. Juni 1953 aus.

Ein neutraler Sprecher berichtet zunächst in Anlehnung an die realen Ereignisse, jedoch abgewandelt (Flugblätter verteilen lassen, V. 3), was geschehen ist; das Datum „17. Juni“ (V. 1) verortet das Geschehen historisch. Der Inhalt der Flugblätter ist auf die Pointe hin abgewandelt („das Vertrauen der Regierung verscherzt“, V. 5): Zu Beginn steht die Anklage (V. 4 f.), darauf folgt eine Forderung bzw. ein Angebot zur Sühne (V. 6 f.). In der Forderung nach verdoppelter Arbeit steckt Zynismus, weil die Arbeiter gerade gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen protestiert hatten.

In den letzten dreieinhalb Versen kommentiert der Sprecher durch eine rhetorische Frage den Aufruf des Sekretärs des Schriftstellerverbandes. Sein Vorschlag, die Regierung solle das Volk auflösen und ein anderes wählen, ist paradox und deshalb als Kritik an der Regierung bzw. an Kubas Politikverständnis interpretierbar: Das Volk wählt eine Regierung, eine demokratisch gewählte  Regierung lebt vom Vertrauen des Volkes. Der ironische Vorschlag stellt das übliche demokratische Verfahren auf den Kopf, weil die undemokratisch operierende Regierung das Vertrauen des Volkes verloren hat. Die Sprache des Sprechers ist die Sprache des Alltags, zehn Verse reimloser Lyrik. Der Zeilenschnitt hinter V. 4 sowie ab V. 7 bietet Überraschungen; die anderen Einschnitte entsprechen syntaktischen Einheiten. Die politische Pointe macht eher als seine poetische Qualität den Wert des Gedichtes aus.

Im Westen ist das Gedicht in Zeiten des Kalten Krieges genüsslich zitiert worden – Brechts Kritik ist jedoch nicht grundsätzlich, sondern vielleicht als sozialistische Kritik am real existierenden Sozialismus, wie er später hieß, zu verstehen. Die Pointe hatte Brecht bereits früher (Entwürfe zum Turandot-Drama, 30er Jahre) verwendet, sie wird hier recycelt.

http://www.burkhard-leuschner.de/lit/brecht.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_L%C3%B6sung

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-loesung.html = http://www.youtube.com/watch?v=CPj05qh-ljo

http://www.rezitator.de/gdt/368/

http://www.youtube.com/watch?v=wpUDeiozHwk

Rezeption

„Massiv deutlich wurde die Brisanz des Materials bei der Publikation der Buckower Elegien. Das Gedicht Die Lösung, das in bitterem Sarkasmus nach dem Aufstand des 17. Juni eine Szene schildert, in der der „Sekretär des Schriftstellerverbandes“ Flugblätter mit der Anklage verteilt, dass das Volk „das Vertrauen der Regierung verscherzt habe“ und es „nur durch verdoppelte Arbeit“ zurückgewinnen könne. Das Gedicht schließt mit den Versen: „Wäre es da
 / Nicht doch einfacher, die Regierung
 / Löste das Volk auf und
 / Wählte ein anderes?“ – Bertolt Brecht: Die Lösung. Buckower Elegien, GBA Bd. 12, S. 310 Laut Sabine Kebir trat Elisabeth Hauptmann dafür ein, das Gedicht in den Gesammelten Werken wegzulassen, um die DDR-Ausgabe nicht zu gefährden, während Helene Weigel die Glaubwürdigkeit der Westedition durch einen solchen Schritt gefährdet gesehen habe und für die Publikation eingetreten sei. Der betreffende Band der Gesammelten Werke erschien 1964 mit der „Lösung“ und fünf Jahre später auch in der DDR. De facto waren die Gesammelten Werke Brechts im Buchhandel der DDR nicht zu erhalten, was Sabine Kebir darauf zurückführt, dass der Aufbau-Verlag zwecks Devisenbeschaffung seine Ausgabe in großem Umfang im Westen verkauft hätte.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Hauptmann )

http://mrzine.monthlyreview.org/2006/brecht140806.html

http://meinews.niuz.biz/bertolt-t555376.html = http://de.alt.folklore.ddr.narkive.com/diqvfFEj/bertolt-brecht-die-losung

http://en.wikipedia.org/wiki/Die_L%C3%B6sung

http://www.dhm.de/ausstellungen/4november1989/htmvolk.html

http://membres.multimania.fr/crcrosnier/mur/palp/brecht.htm

http://www.cicero.de/blog/timo-stein/2012-06-15/17-juni-1953-erinnert-euch

http://bryantmcgill.com/wiki/poetry/bertolt_brecht/the_solution (Rückübersetzung, lustig)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/17._Juni_1953

http://www.17juni53.de/chronik/530620.html

http://www.goethe.de/ins/fr/pro/Berlin/Kapitel5_DerVolksaufstandDes17Juni1953.pdf

http://www.17juni1953.com/index.html

Brecht: Böser Morgen – Analyse

Die Silberpappel, eine ortsbekannte Schönheit…

Text

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht40_53.html

https://www.mtholyoke.edu/courses/ahildebr/spring2007/deutsch222/BrechtBuckowerElegien.pdf (Buckower Elegien)

Die Buckower Elegien sind im Sommer 1953 auf Brechts Landsitz Buckow entstanden; einige wurden unter dem Titel „Gedichte“ bereits 1953 in „Sinn und Form“ veröffentlicht. Der erste Druck der Elegien erfolgte 1954 in „Versuche“; in der zweiten Jahreshälfte 1954 überarbeitete Brecht die Elegien geringfügig und fügte das Motto hinzu. Brecht setzt sich in den „Elegien“ mit den Ereignissen des 17. Juni 1953, aber auch mit seiner privilegierten Stellung als weltbekannter Dichter auseinander. Bei der Analyse des Gedichtes „Der Rauch“ ist bereits Wichtiges zu den Elegien gesagt worden.

Es spricht ein lyrisches Ich, das zunächst hinter der Beschreibung der Natur zurückritt: Silberpappel, See, Fuchsien. Diese Naturgegebenheiten erscheinen dem Ich „heut“ (V. 2) anders als sonst: als alt, verkommen, „billig und eitel“ (V. 4). Darauf fragt das Ich sich: „Warum?“ Man könnte meinen, die genannten Gegebenheiten hätten sich verändert. Aber dafür gibt es keinen Anhaltspunkt, im Gegenteil: Die Silberpappel wird als „eine ortsbekannte Schönheit“ (V. 1) vorgestellt; nur eben „heut“ (V. 2) erscheint sie als (oder wie) eine alte Vettel: So erscheint sie dem Ich – andernfalls wäre auch die Frage „Warum?“ (V. 5) sinnlos, sie wäre eben einfach gealtert, was normal ist und keiner Erklärung bedarf. Die Frage „Warum?“ heißt also: Warum erscheint mir „heut“ alles Schöne so verkommen, so plötzlich verfallen?

Es folgt als Erklärung der Bericht von einem nächtlichen Traum: Finger haben auf ihn „wie auf einen Aussätzigen“ (V. 7), also anklagend gezeigt. Entscheidend ist nun, was für Finger das waren: „Sie waren zerarbeitet und / Sie waren gebrochen.“ (V. 7 f.) Das erste Prädikativ „zerarbeitet“ weist sie als Finger von Arbeitern aus, das zweite „gebrochen“ als Finger von Leuten, die unterdrückt oder zusammengeschlagen sind. (Biografisch-zeitgeschichtlich eingeordnet: Es sind also die Finger derer, die am 17. Juni den Aufstand gemacht haben.) Wessen sie das Ich anklagen, wird nicht gesagt. Es muss eine Anklage der Art sein, dass das Ich nicht bei ihnen war oder ist; denn von seinen Fingern wird nichts gesagt, sie sind weder zerarbeitet noch gebrochen. (Biografisch gelesen: Brecht erfreut sich einer Sonderstellung in der DDR.) In der zweiten Strophe berichtet das Ich, wie es im Traum auf diese Anklage reagiert hat: „Unwissende! schrie ich“ (V. 9) Das Ich weist also die Vorwürfe als unbegründet zurück. Nach dem Zeilenschnitt folgt das Adverbial „Schuldbewußt“ (V. 10). Es weiß also doch, dass seine Verteidigung nicht berechtigt ist, wohl aber die von ihm zurückgewiesenen Vorwürfe.

Um dieses Gedicht zu verstehen, muss man Brechts Reaktion auf die Ereignisse des 17. Juni 1953 kennen: Einerseits hat er sich auf die Seite der Regierung gestellt und begrüßt, dass viele sozialistische Errungenschaften auch mit Gewalt, durch das Eingreifen sowjetischer Panzer verteidigt wurden, weil westdeutsche Jugendliche und alte Faschisten beim Aufstand dabei waren; anderseits hat er gesehen, dass gerade Arbeiter, „die Klasse (…) in ihrem depraviertesten Zustand, aber die Klasse“ den Aufstand gemacht haben. Er selber hat Ulbricht am 17. Juni auf eine „große Aussprache mit den Massen“ gedrängt, zugleich aber die von der Regierung ergriffenen Maßnahmen gebilligt.

Das Gedicht „Böser Morgen“, einige Wochen später entstanden, zeigt Brechts Zerrissenheit gegenüber den unausgesprochenen Vorwürfen der Arbeiter: Er verteidigt sich zunächst und ist doch schuldbewusst, wie der nächtliche Traum zeigt. Es hat sich schon am Tag gezeigt, da ihm die Landschaft so verfallen vorkam. Im Landschaftserleben genießt das Ich also nicht sich selber oder seine Einheit mit der Natur, sondern erlebt und erleidet seine Entfremdung von den arbeitenden Massen: „Schuldbewußt.“ (V. 10) Durch einen Traum wird die politische Realität mit dem Erleben der Landschaft vermittelt; im Traum kommt das unverstellte Wissen zur Sprache, während das Erleben am hellen Tag nur die Symptome des schlechten Gewissens zeigt.

Die Form des Gedichts: Alltagssprache, reimlose Lyrik in zwei ungleich langen Strophen; die zweite Strophe bietet durch Aufdeckung des inneren Widerspruchs die zuvor gesuchte Erklärung für den Verfall der Natur. Der Zeilenschnitt macht es möglich, frühere und heutige Erscheinung vom Pappel und See zu trennen. Die entscheidende Frage „Warum“ bekommt eine Zeile für sich. In V. 6 und V. 7 werden entscheidende Angaben erst in der nächsten Zeile gemacht. Auch das entlarvende Adverbial „schuldbewußt“ wird von der Verteidigungsrede (V. 9/10) getrennt. Hier ist also mehrfach zu sehen, was ein guter Zeilenschnitt leistet.

http://www.welt.de/print-welt/article575010/Unter-Baeumen-ein-altes-Haus.html

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/384/

Brecht: Der Rauch – Analyse

Das kleine Haus unter Bäumen am See….

Text

http://www.worte-projekt.de/brecht.html

http://home.foni.net/~g-erx/htdocs/bb1.html

https://www.mtholyoke.edu/courses/ahildebr/spring2007/deutsch222/BrechtBuckowerElegien.pdf   (Die Buckower Elegien)

http://homepage.univie.ac.at/m.neubauer/Gedichtzyklen/11-Brecht,%20Buckower%20Elegien.pdf  (mit Material)

Analyse im Rahmen der „Buckower Elegien“ 1953
Gemäß der methodischen Einsicht, dass etwas nur in einem Rahmen verstanden werden kann, sollte man die Buckower Elegien als Kontext des Gedichtes „Der Rauch“ heranziehen. Ich stütze mich vor allem auf die Ausführungen Jan Knopfs in seinem Brecht-Handbuch 1984 (Lyrik, Prosa, Schriften; S. 191 ff.) und auf das letzte Kapitel von Franz N. Mennemeiers Buch „Bertolt Brechts Lyrik“, 1982, S. 201 ff.
Mennemeier weist darauf hin, welche Bedeutung Elegien nicht nur im Spätwerk Brechts besitzen; auch „An die Nachgeborenen“ sei eine Elegie. Bereits in der Antike ist Elegie ein doppeldeutiger Begriff: ein Gedicht beliebigen Inhalts in der Form des Distichons (Hexameter und Pentameter), nach dem Inhalt ein Klagegedicht im Ton wehmütiger Resignation (Schülerduden Literatur). Das Distichon ist auch die Form des Epigramms, womit ursprünglich eine Inschrift auf Denkmälern bezeichnet wurde, welche die Bedeutung des Gebäudes erläuterte; allgemeiner bezeichnet „Epigramm“ die Gattung in Form des Distichons, in welchem einem Sachverhalt eine geistreiche oder überraschende Sinndeutung gegeben wird. Inwiefern die Buckower Elegien elegisch sind, wird zu prüfen sein; epigrammatisch knapp sind sie jedenfalls.
1952 hatte Brecht in Buckow ein Anwesen an einem See gekauft und neben dem Gästehaus ein kleines Haus als Arbeitsraum ausbauen lassen (Bild des Hauses: http://www.literaturlandschaften.de/pages/orte/buckow.htmhttp://www.brechtweigelhaus.de/content/elegien.htmhttp://www.brandenburg-reise.com/kurztrips/ein-literarischer-ausflug-nach-buckow/).

Die Buckower Elegien hängen mit der Lage Brechts und der DDR nach dem Aufstand am 17. Juni 1953 zusammen; Brecht sah die Lage so, dass die Unruhen als Aufstand unzufriedener Arbeiter angefangen hatten, jedoch faschistisch unterwandert bzw. vom Westen ausgenutzt wurden, wobei auch die alten Nazis aus der DDR sich wieder erhoben hätten. Er billigte also den Einsatz der sowjetischen Panzer, sah jedoch auch die Entfernung der Regierung von der eigenen Arbeiterbevölkerung. Die Klage Brechts in den in Buckow entstandenen Elegien gelte also einmal der Tatsache, dass die Vergangenheit in der Gegenwart noch weiterwirkt, dass der Fortschritt nicht radikal erfolgt ist; subjektiv beklage der Dichter seine Distanz von der Aufbauarbeit am Sozialismus. Seine Arbeit sei nicht produktiv, sondern bloß reflexiv, meint Jan Knopf (a.a.O., S. 202). Die Bukower Elegien stellten also eine Bestandsaufnahme dar – den wahrgenommenen Zustand wollte der Dichter so schnell wie möglich vergangen wissen.
Zum gleichen Ergebnis kommt Franz Mennemeier aus der Untersuchung des Aufbaus der Gedichte. Er stellt eine dreiteilige „rational-durchhellte Aussagestruktur der Gedichte, die dem Syllogismus verwandt ist“ (S. 208), fest; es gehe also nicht um Resignation und Weltschmerz, sondern um Konzentration des Denkens. Beide Aussagen, die zur Elegie und die zum Aufbau, werden zu prüfen sein, und zwar an der Gesamtheit der Elegien (wobei man aus praktischen Gründen sich auf einige beschränken wird).
Man beginnt am besten mit dem Motto (dazu Jan Knopf, a.a.O., S. 203), welches von Brecht selbst an seine Stelle gerückt worden ist:
Ginge da ein Wind
Könnte ich ein Segel stellen.
Wäre da kein Segel
Machte ich eines aus Stecken und Plane.
Der Ich-Sprecher macht zwei Aussagen im Modus der Irrealität (Konjunktiv II), was er tun könnte und würde (V. 2 und 4); beide bindet er an eine Bedingung, ebenfalls im Konjunktiv II. Die beiden Sätze sind also streng parallel aufgebaut, wozu auch die Zweitstellung des unbestimmt verweisenden „da“ in V. 1 und 3 beiträgt.
Unbestimmt ist auch, zu wem das Ich spricht, ob es also zu einem oder mehreren anderen oder für sich selbst spricht. Aus V. 1 f. kann man die Situation erschließen, dass (unausgesprochen) der Wunsch besteht, mit einem Boot voranzukommen; dieser Wunsch bleibt unerfüllt, während das Ich erklärt, wieso der Wunsch unerfüllt bleibt. In dieser Nichterfüllung sind eine Nichtaktion des Ichs und die Nichtgegebenheit der elementaren Bedingung des Vorankommens miteinander verbunden: Es geht kein Wind, also stellt das Ich kein Segel auf; denn das zu tun wäre bei Windstille sinnlos.
Im zweiten Satz wird deutlich, dass die Windstille der entscheidende Grund des Stillstands ist; denn das Ich bekräftigt seine Bereitschaft, bei frischem Wind selber für Bewegung zu sorgen, indem es ankündigt, dass es notfalls ein Behelfssegel basteln würde (V. 4) – wenn denn da ein Wind ginge; der zweite Satz steht also logisch „unter“ dem ersten bzw. unter der in V. 1 genannten Irrealität der Bedingung – als Konjunktion könnte „und“ die beiden Hauptsatzprädikate „könnte“ und „machte“ verbinden (bzw. der konditionale Anschluss könnte heißen: „und wenn dann…“).
Wer das Ich ist, wird nicht gesagt; das Motto ist eine Klage darüber, dass kein (frischer) Wind weht, dass man also nicht vorankommt, und eine Entschuldigung für die scheinbare Untätigkeit des Ichs: Es kann nichts Adäquates tun, damit es vorangeht.
In dieser geläufigen metaphorischen Verwendung von „vorangehen“ ist der Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung gegeben. Da die Gedichte „Buckower Elegien“ heißen, wird man im Ich den Mann aus Buckow, also Brecht selbst, sehen dürfen. Ob man mit Jan Knopf im Anschluss an Horaz „Segel setzen“ als Metapher fürs Dichten lesen darf? Jedenfalls scheint mir Knopfs Auswertung (S. 203), Brecht rechtfertige seine (Buckower) Lyrik im traditionell betrachtenden Stil durch das Motto, fragwürdig zu sein; das Ich im Motto tut überhaupt nichts; es setzt auch keine Hilfssegel, sondern rechtfertigt nur seine Untätigkeit bzw. Hilfslosigkeit angesichts der objektiv gegebenen Umstände. – Das wäre als Klage nach den am 17. Juni deutlich gewordenen Problemen verständlich und braucht nicht zusätzlich auf die Art des Dichtens bezogen zu werden.
Den elegischen Charakter der Buckower Elegien beleuchtet am deutlichsten das Gedicht „Böser Morgen“ (F. Mennemeier); es enthält ebenfalls (anders als zum Beispiel „Der Rauch“ oder „Rudern, Gespräche“) explizit eine Ich-Position. [Das ist die gekürzte Fassung dessen, was ich vor einigen Jahren selbst geschrieben habe: https://norberto42.wordpress.com/2012/01/30/brecht-der-radwechsel-analyse/ ] 

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Das Gedicht „Der Rauch“ ist im Sommer 1953 entstanden und in „Sinn und Form“ 1953 veröffentlicht worden. Ein unbekannter Sprecher betrachtet ein Haus; im Konditionalsatz (V. 3: Was wäre, wenn…) und in seiner Wertung (V. 4 f.) meldet er sich als Subjekt zu Wort. – Das Gedicht bezieht sich ursprünglich auf ein Haus an einem kleinen See in der Nähe des Schermützelsees, welches Brecht für Käthe Reichel besorgt hatte.

Ich übernehme die stichwortartige Analyse von Würzburger Studentinnen (Stefanie Zeller, Sarah Jann, Franziska Gabel):

Der Rauch

– Haus in Buckow ( für Käthe Reichel )

– Umgebung erzeugt ein idyllisches Bild

– Umbruch: Wenn-dann-Beziehung

– Konjunktiv gibt Denkanstoß

Symbol: Rauch

– in der Antike : Vergänglichkeit

– bei Nietzsche : Nihilismus

– „junger“ Brecht : Trostlosigkeit und Sinnlosigkeit

– „alter“ Brecht : Beweglichkeit und Leben

Eine methodische Frage zu dieser Interpretation: Ist es wichtig, die ganze Geschichte der Rauch-Symbolik zu referieren? Ist der Rauch nicht einfach Zeichen dafür, dass das Haus bewohnt ist (simpel gesagt: dass Käthe Reichel da ist, eventuell für ihn kocht)? So ähnlich liest Hans-Otto Dill das Gedicht – ich korrigiere sein Versehen in der Verszählung:

„Hier unterliegt dem Text eine autobiographische Situation: Brecht sieht bei der Ankunft in Buckow aus dem Haus Rauch aufsteigen, ein Zeichen dafür, dass Helene Weigel oder Käthe Reichel für ihn ein Festmahl bereitet. Diesen Sachverhalt evoziert er aber nicht, sondern verfremdet ihn zu einer Verallgemeinerung ins Philosophische, der Rauch als Symbol von Liebe, der Fürsorge für Andere, und für menschliche Anwesenheit überhaupt. Dieser zweite, symbolische Sinn führt über den wörtlichen Sinn, eine Landschaftsidylle zu malen, hinaus. Dies Gedicht verliert durch diese Verallgemeinerungspotenzen die Eindeutigkeit und Eindimensionalität, also die Einfachheit, und gewinnt Mehr- oder Vieldeutigkeit. Von der syntaktischen Einfachheit der Parataxe der ersten zwei Zeilen geht es in den letzen drei zur Hypotaxe über, die per negationem  eine verallgemeinernde Symbolik realisiert.“

http://www.litde.com/gedichte-aus-unserer-zeit-interpretationen/der-rauch-bertolt-brecht.php (gut, mit fragwürdiger Interpretation von V. 2)

http://leibnizsozietaet.de/wp-content/uploads/2012/11/08_dill.pdf (Dill: Beispiel für „realistische Kunst“, die 2. Stufe in seiner Typologie „einfache vs. komplexe Literatur“, S. 109 f. – s.o.!)

http://w3.ufsm.br/grpesqla/revista/num13/art_06.php (Deutung v.a. zur Illustration einer sozialistischen Rezeptionstheorie von Literatur)

http://rote-predigt.over-blog.com/article-36756478.html (kurz und knapp)

Buckower Elegien

https://de.wikipedia.org/wiki/Buckower_Elegien

http://brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/1/08buckow.doc (Interpretation verschiedener Gedichte der Buckower Elegien, ohne „Der Rauch“)

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz96_09/text05.htm (Jan Knopf über die B.E.)

Käthe Reichel

www.anjaroehl.de/gedenken-an-kathe-reichel/

http://www.hmklemt.de/0000009b6f0c93306/0000009b7214b7015/0000009c3e14e1237/

https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%A4the_Reichel

http://www.welt.de/kultur/buehne-konzert/article110055387/Kaethe-Reichel-liebte-Brecht-und-mochte-Milosevic.html

http://www.defa.de/cms/DesktopDefault.aspx?TabID=1607

http://www.joachim-dietze.de/pdf/brecht_ab.pdf (Brecht und seine Frauen)

Sonstiges

http://www.uni-bielefeld.de/lili/personen/bogdal/veranstaltungen/3.%20VORLESUNG.ppt (Literatur in der DDR)

http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/DDR-Literatur

 

Brecht: Der Radwechsel – Interpretation

Interpretation im Rahmen der „Buckower Elegien“ 1953
Gemäß der methodischen Einsicht, dass etwas nur in einem Rahmen verstanden werden kann, sollte man die Buckower Elegien als Kontext des Gedichtes „Der Radwechsel“ heranziehen. Ich stütze mich vor allem auf die Ausführungen Jan Knopfs in seinem Brecht-Handbuch 1984 (Lyrik, Prosa, Schriften; S. 191 ff.) und auf das letzte Kapitel von Franz N. Mennemeiers Buch „Bertolt Brechts Lyrik“, 1982, S. 201 ff.
Mennemeier weist darauf hin, welche Bedeutung Elegien nicht nur im Spätwerk Brechts besitzen; auch „An die Nachgeborenen“ sei eine Elegie. Bereits in der Antike ist Elegie ein doppeldeutiger Begriff: ein Gedicht beliebigen Inhalts in der Form des Distichons (Hexameter und Pentameter), nach dem Inhalt ein Klagegedicht im Ton wehmütiger Resignation (Schülerduden Literatur). Das Distichon ist auch die Form des Epigramms, womit ursprünglich eine Inschrift auf Denkmälern bezeichnet wurde, welche die Bedeutung des Gebäudes erläuterte; allgemeiner bezeichnet „Epigramm“ die Gattung in Form des Distichons, in welchem einem Sachverhalt eine geistreiche oder überraschende Sinndeutung gegeben wird. Inwiefern die Buckower Elegien elegisch sind, wird zu prüfen sein; epigrammatisch knapp sind sie jedenfalls.
Nach seinem erzwungenen Exil, in der neuen Heimat DDR, hatte Brecht 1950 schon ganz anders als in den Buckower Elegien gedichtet, etwa „Neue Zeiten“ in den „Kinderliedern“:
Es stand ein Werk am Havelstrand
Da war der Herr der Fabrikant.
Die Havel fließet immer noch
So manches am Strand ist anders jedoch.
Das Werk ist volkeseigen.
Der Fabrikant muß schweigen. (…)
Ähnlich liest sich „Die Erziehung der Hirse“ aus dem gleichen Jahr; das ist Politlyrik, in der der Sozialismus gesiegt hat und die Welt im sozialistischen Teil in Ordnung ist. In den Buckower Elegien ist die Welt nicht mehr ganz in Ordnung.
1952 hatte Brecht in Buckow ein Anwesen an einem See gekauft und neben dem Gästehaus ein kleines Haus als Arbeitsraum ausbauen lassen
(Bild des Hauses: http://www.literaturlandschaften.de/pages/orte/buckow.htm
Zur Biografie: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/BrechtBertolt/
http://www.educat.hu-berlin.de/schulen/avh/langlebenslauf.html
Lebenslauf mit vielen Links: http://www.tomshardware.de/lexikon/Bertolt_Brecht).

Die Buckower Elegien hängen mit der Lage Brechts und der DDR nach dem Aufstand am 17. Juni 1953 zusammen; Brecht sah die Lage so, dass die Unruhen als Aufstand unzufriedener Arbeiter angefangen hatten, jedoch faschistisch unterwandert bzw. vom Westen ausgenutzt wurden, wobei auch die alten Nazis aus der DDR sich wieder erhoben hätten. Er billigte also den Einsatz der sowjetischen Panzer, sah jedoch auch die Entfernung der Regierung von der eigenen Arbeiterbevölkerung. Die Klage Brechts in den in Buckow entstandenen Elegien gelte also einmal der Tatsache, dass die Vergangenheit in der Gegenwart noch weiterwirkt, dass der Fortschritt nicht radikal erfolgt ist; subjektiv beklage der Dichter seine Distanz von der Aufbauarbeit am Sozialismus. Seine Arbeit sei nicht produktiv, sondern bloß reflexiv, meint Jan Knopf (a.a.O., S. 202). Sie stellten also eine Bestandsaufnahme dar – den wahrgenommenen Zustand wollte der Dichter so schnell wie möglich vergangen wissen.
Zum gleichen Ergebnis kommt Franz Mennemeier aus der Untersuchung des Aufbaus der Gedichte. Er stellt eine dreiteilige „rational-durchhellte Aussagestruktur der Gedichte, die dem Syllogismus verwandt ist“ (S. 208), fest; es gehe also nicht um Resignation und Weltschmerz, sondern um Konzentration des Denkens. Beide Aussagen, die zur Elegie und die zum Aufbau, werden zu prüfen sein, und zwar an der Gesamtheit der Elegien (wobei man aus praktischen Gründen sich auf einige beschränken wird).
Text der Buckower Elegien:
http://www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/WS_0708/ws0708_ps_02_buckower_elegien.pdf

Man beginnt am besten mit dem Motto, welches von Brecht selbst an seine Stelle gerückt worden ist:
Ginge da ein Wind
Könnte ich ein Segel stellen.
Wäre da kein Segel
Machte ich eines aus Stecken und Plane.
(dazu Jan Knopf, a.a.O., S. 203)
Der Ich-Sprecher macht zwei Aussagen im Modus der Irrealität (Konjunktiv II), was er tun könnte und würde (V. 2 und 4); beide bindet er an eine Bedingung, ebenfalls im Konjunktiv II. Die beiden Sätze sind also streng parallel aufgebaut, wozu auch die Zweitstellung des unbestimmt verweisenden „da“ in V. 1 und 3 beiträgt.
Unbestimmt ist auch, zu wem das Ich spricht, ob es also zu einem oder mehreren anderen oder für sich selbst spricht. Aus V. 1 f. kann man die Situation erschließen, dass (unausgesprochen) der Wunsch besteht, mit einem Boot voranzukommen; dieser Wunsch bleibt unerfüllt, während das Ich erklärt, wieso der Wunsch unerfüllt bleibt. In dieser Nichterfüllung sind eine Nichtaktion des Ichs und die Nichtgegebenheit der elementaren Bedingung des Vorankommens miteinander verbunden: Es geht kein Wind, also stellt das Ich kein Segel auf; denn das zu tun wäre bei Windstille sinnlos.
Im zweiten Satz wird deutlich, dass die Windstille der entscheidende Grund des Stillstands ist; denn das Ich bekräftigt seine Bereitschaft, bei frischem Wind selber für Bewegung zu sorgen, indem es ankündigt, dass es notfalls ein Behelfssegel basteln würde (V. 4) – wenn denn da ein Wind ginge; der zweite Satz steht also logisch „unter“ dem ersten bzw. unter der in V. 1 genannten Irrealität der Bedingung – als Konjunktion könnte „und“ die beiden Hauptsatzprädikate „könnte“ und „machte“ verbinden (bzw. der konditionale Anschluss könnte heißen: „und wenn dann…“).
Wer das Ich ist, wird nicht gesagt; das Motto ist ein Klage darüber, dass kein (frischer) Wind weht, dass man also nicht vorankommt, und Entschuldigung für die scheinbare Untätigkeit des Ichs: Es kann nichts Adäquates tun, damit es vorangeht.
In dieser geläufigen metaphorischen Verwendung von „vorangehen“ ist der Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung gegeben. Da die Gedichte „Buckower Elegien“ heißen, wird man im Ich den Mann aus Buckow, also Brecht selbst, sehen dürfen. Ob man mit Jan Knopf im Anschluss an Horaz „Segel setzen“ als Metapher fürs Dichten lesen darf? Jedenfalls scheint mir Knopfs Auswertung (S. 203), Brecht rechtfertige seine (Buckower) Lyrik im traditionell betrachtenden Stil durch das Motto, fragwürdig zu sein; das Ich im Motto tut überhaupt nichts; es setzt auch keine Hilfssegel, sondern rechtfertigt nur seine Untätigkeit bzw. Hilfslosigkeit angesichts der objektiv gegebenen Umstände. – Das wäre als Klage nach den am 17. Juni deutlich gewordenen Problemen verständlich und braucht nicht zusätzlich auf die Art des Dichtens bezogen zu werden.
Den elegischen Charakter der Buckower Elegien beleuchtet am deutlichsten das Gedicht „Böser Morgen“ (F. Mennemeier); es enthält ebenfalls (anders als zum Beispiel „Der Rauch“ oder „Rudern, Gespräche“) explizit eine Ich-Position. Welche Gedichte man mit „Der Radwechsel“ zusammenstellt, entscheidet auch darüber, wie man das Gedicht liest. Ich lese es von der Form her, also von der Position des Ichs gegenüber einem Anderen, und sehe darin verstärkt die Selbstreflexion Brechts, die aber nur ein Aspekt der Buckower Elegien ist.

„Der Radwechsel“
Dieses klassisch gewordene Gedicht weist die von Mennemeier genannte Dreiteilung auf: Das Ich beschreibt eine Situation (V. 1 f.); es stellt sich eine Frage zu seiner Verfassung, eben dem ungeduldigen Zusehen (V. 5 f. – ausgespart ist hier die Wahrnehmung der eigenen Ungeduld); es erklärt durch zwei Sätze, wieso ihm diese eigene Verfassung unverständlich ist (V. 3 f.).
Wenn man Jan Knopfs Hinweis, dass es richtig „Straßenhang“ statt „Straßenrand“ heißen muss (a.a.O., S. 197), beachtet, erkennt man in den parallel gebauten ersten beiden Sätzen eine Situation, in der zwischen Ich und Fahrer eine Differenz besteht: Der eine arbeitet, der andere tut nichts (schaut zu, wie man in V. 5 liest); der Fahrer wechselt ein Rad („das Rad“ – welches, wird nicht gesagt; es muss wohl ein defektes, also das defekte sein). Die Fahrt mit dem Auto ist unterbrochen, das ist die Situation, welche die Ungeduld des Ichs „erklärt“; die Reparatur, welche ein anderer vornimmt (über die Beziehung des Ichs zum Fahrer wird nichts gesagt), geschieht dem Ich nicht schnell genug. Warum es bei der Reparatur nicht mit anpackt, wird auch nicht gesagt.
Dass eine Fahrtunterbrechung Reisende ungeduldig macht, ist normal; denn sie wollen ja ein Ziel erreichen und verspäten sich durch die Unterbrechung. In der Selbstwahrnehmung erstaunt das Ich über seine Ungeduld, was gegenüber dem Normalfall erstaunlich ist, weil ungeduldig zu werden normal ist (s.o.). Das Ich liefert jedoch eine Erklärung für seine erstaunte Frage (V. 5 f.) nach der eigenen Ungeduld: „Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.“ Es hat also kein Ziel, das es erreichen möchte, obwohl es darauf hin unterwegs ist; es will also nicht dahin, wohin es kommen wird. Die vorhergehende Aussage, streng parallel gebaut, aber gemäß der Sachlogik der zweiten folgend, muss eigens bedacht werden: „Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.“ (V. 3) Das ist als Erklärung einer Ungeduld nur zu verstehen, wenn man für den negierten Zustand (gern da sein, wo ich herkomme) einen Zusatz macht: Ich war gern da und hätte die Zeit, die ich jetzt verliere, also noch da sein können, wo ich herkomme. Dann wäre die Fahrt nur ein Mittel, um von dem einen Ort zum anderen zu kommen, wobei beide Orte als solche geschätzt wären; dem ist aber für das Ich nicht so. Also kann es sich seine Ungeduld beim wartenden Zusehen nicht erklären.
Aufgrund dieser Lektüre kann man in zwei Richtungen weiterdenken: Man kann über die beiden Orte nachdenken, wo das Ich herkommt und hinfährt, und fragen, warum es dort nicht gern ist; dann wird man den Orten bestimmte politische Konstellationen zuordnen (Exil oder Faschismus / real bestehender Sozialismus in der DDR in den nächsten Jahrzehnten). Man könnte aber auch fragen, ob das Ich mit seiner erstaunten Frage, auf die es hier keine Antwort gibt, nicht die geläufige Bedeutung des Fahrens umwertet: Fahren wäre dann vom Ich nicht als pures Mittel (Instrument) verstanden, sondern bekäme einen Eigenwert als Prozess des Vorankommens, der Fortbewegung (des Fortschritts); dann wäre Fahrtunterbrechung immer etwas, was negativ zu bewerten ist, also mit Ungeduld erfüllen muss. Das würde dem Ich in der Reflexion darüber klar, welche Bedeutung Herkunfts- und Zielort haben: Sie hätten keinen Wert in sich, sondern wären nur Stationen auf dem Weg; sie wären Orte, in die man beim Vorankommen kommt, ohne doch in ihnen bleiben zu wollen – weil es letztlich nur darum geht voranzukommen, nicht aber realiter irgendwo anzukommen.

Dieses Verständnis passt meines Erachtens gut zu dem des Mottos; was dort in der Windstille erlebt wird, wird hier beim Radwechsel erfahren: Stillstand im gesellschaftlichen Prozess des Voranschreitens (in der DDR), des Fortschritts. Und das Ich sieht es und tut nichts, weil es vermutlich nichts tun kann – das ist ein Grund zu klagen.
Methodisch möchte ich betonen, dass man möglichst wenig deuten soll – und schon gar nicht so, wie Harald Weinrich (in: Gedichte und Interpretationen. Bd. 6: Gegenwart I, hrsg. von Walter Hinck, Reclam 1982, S. 30 ff.) es macht: Er erklärt zu dem in den (isolierten!) Versen 3 und 4 bezeugten „nicht gern sein“: „Ich kann mir wenige Lösungen dieses Rätsels denken, die überzeugender wären als die Antwort: das Exil.“ Das ist methodisch fragwürdig, weil Weinrich nicht mehr fragt, in welchem Kontext V. 3 f. hier steht: Erklärung zur erstaunten Frage von V. 5 f. (s. oben!). Nur als Erklärung der Ungeduld (in der Sicht des Ichs) kann man die beiden Verse verstehen, alles andere ist Spekulation, was hier ein besseres Wort für Spinnen ist.

J. Knopf noch einmal (1996): http://www.luise-berlin.de/Lesezei/Blz96_09/text05.htm
Über die Buckower Elegien: http://72.14.221.104/search?q=cache:2Vfu3F9ladsJ:brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/1/08buckow.doc+Brecht+%22Die+Ballade+vom+Wasserrad%22&hl=de&gl=de&ct=clnk&cd=26
die Linksammlung der FU Berlin: http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/multi_ab/brecht.html
Das ergiebige Suchwort (Internet) ist „Buckower Elegien“, nicht „Der Radwechsel“!