Wellershoff: Der Liebeswunsch (2000) – Besprechung

Ein Konflikt wird befriedet und erscheint in neuer Gestalt: Marlene, eine der vier Hauptfiguren in Dieter Wellershoffs Roman, hat einst ihren Freund Leonhard verlassen, um mit dessen bestem Freund Paul, einem Chirurgen an ihrer Klinik, zusammenzuleben; sie hat dabei Paul aus seiner Ehe herausgerissen oder -gelockt. Nicht ohne Mühe ist es ihnen gelungen, die Verletzungen in einer Art Freundschaftsbund mit Leonhard vergessen zu machen. Die Balance zwischen ihnen wird scheinbar vollends hergestellt, als Leonhard, ein angesehener Richter, eine viel jüngere Studentin im Hause seiner Freunde kennenlernt und bald darauf heiratet. Aber die Freundschaftsrituale bleiben oberflächlich, und vor allem gelingt die neue Ehe nicht. Der Liebeswunsch der jungen Frau, die ihrem bedrückenden, als falsch empfundenen Leben entkommen möchte und sich an Paul heranmacht, sprengt alles auseinander, und sie zahlt dafür den äußersten Preis: Sie wird von ihrem Mann verstoßen und von Paul verlassen, flieht in den Rotwein und begeht Selbstmord. Marlene trennt sich von Paul, Leonhard macht als Richter Karriere. Etwas hat sich ereignet, was keiner abgesehen oder so so geplant hat.

Wellershoff beschreibt das Geschehen aus den wechselnden Perspektiven seiner Figuren, beginnt mit dem Ende (Rückblick auf Anjas Selbstmord) und erzählt weithin, aber nicht streng chronologisch. Für mich ist Anjas Schwäche nicht hinreichend erklärt – überhaupt fehlt allen Personen die Vorgeschichte, die Jugend, ihr Lebenshintergrund (von Kindheit nicht zu sprechen – da ist allein Anja schematisch das vaterlos aufgewachsene Kind einer lieblosen Mutter); sie sind Typen. Marlene, die starke Ärztin, trifft ihre Entscheidung zwangsläufig, nachdem sie sich in einem privaten Gespräch gegenüber Leonhard festgelegt hat, sich von Paul zu trennen; Leonhard ist als konservativer Ordnungsfanatiker fast eine Karikatur seiner selbst, Paul und Anja sind die für mich am wenigsten verständlichen Figuren. Bis Seite 150 plätschert das Geschehen dahin, bis S. 300 ist es dann einigermaßen spannend; danach wartet man 100 Seiten darauf, dass Anja aus dem 14. Stock springt – denn dass sie gesprungen ist, weiß man von Anfang an.

Dieser Roman ist vielleicht das erfolgreichste, sicher nicht das beste Buch Dieter Wellershoffs. Ich meine, man verpasste nicht viel, wenn man es nicht liest.

http://www.gbv.de/dms/faz-rez/F1820001017608933.pdf (positiv)

https://www.perlentaucher.de/buch/dieter-wellershoff/der-liebeswunsch.html (Übersicht über die wichtigsten Rezensionen)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=1739 (vorsichtig kritisch, insgesamt positiv)

http://www.die-leselust.de/buch/wellershoff_dieter_liebeswunsch.htm (begeistert, dezent kritisch)

http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/derliebeswunsch-r.htm (zwei kritische Rezensionen)

http://www.buchkritik.at/kritik.asp?IDX=934 (begeistert)

http://www.fbi.fh-koeln.de/institut/papers/rezensionsseiten/Rezensionen_WS00/Wellershoff_Liebeswunsch.htm (vorsichtig kritisch)

http://rezensionen.literaturwelt.de/content/buch/w/t_wellershoff_dieter_der_liebeswunsch_mtz_15274.html (ziemlich kritisch)

https://www.researchgate.net/publication/29758592_Liebeswunsche_als_Lebensangste_zu_Dieter_Wellershoffs_Roman_Der_Liebeswunsch (Dissertation über den Roman)

https://www.freidok.uni-freiburg.de/data/1667 (dito)

Wellershoff: Blick auf einen fernen Berg (1991) – Besprechung

Der „Blick auf einen fernen Berg“ richtet sich auf den Monte St. Victoire, den Cézanne oft gemalt hat – hier ist das Bild von 1898 gemeint, der Berg von Bibemus aus gesehen:

http://poulwebb.blogspot.de/2014/02/paul-cezanne-part-12.html oder

https://www.ibiblio.org/wm/paint/auth/cezanne/st-victoire/vue-bibemus/vue-bibemus.jpg

Über dieses Bild hat Dieter Wellershoff 1989 im ZEIT-Magazin eine Deutung geschrieben, und zwar unter dem Eindruck, dass sein Bruder im Sterben lag. So hat sich ihm das Bild in einer neuen Tiefe erschlossen: „Der Berg in seiner unbestimmten Entfernung und unabweisbaren Mächtigkeit war das Bild des vorausschwebenden, manchmal nahegerückten und sich wieder entziehenden Lebenstraums, dessen noch verhülltes Geheimnis der Tod ist.“ (S. 183) Der Berg selbst sei „ein unerschlossenes Geheimnis, das letzte unerreichte Erreichbare, das zu uns herüber droht und ruft. Man müßte sich auf den Weg machen durch die steinige Schlucht und zwischen den hochgetürmten Felsen hindurch […]. Aber der schmale Durchschlupf zwischen den Felsen des Mittelgrundes erscheint wie der verbotene Eingang in eine unzugängliche andere Welt.“ (S. 181 f.)

Von Dezember 1988 bis Mai 1989 hat Wellershoff die Leukämiebehandlung und das Sterben seines Bruders miterlebt, hat über dessen Leben und ihr schwieriges Verhältnis zueinander nachgedacht, hat seine eigene Ambivalenz (Mitleiden und Freude, nicht der Sterbende zu sein) angesichts des Sterbens des anderen reflektiert – ein eindrucksvolles Buch.

Wellershoff beginnt mit der Todesnachricht und dem Bericht von der Beerdigung in Wien, erzählt dann mehr oder weniger streng chronologisch die Geschichte der Behandlung des Todkranken und schließt mit einer kurzen Betrachtung über „Die Zeit danach“. Diese Ordnung bringt es mit sich sich, dass gelegentlich Einzelheiten wiederholt werden. Öfter gesteht er, dass er einige Einzelheiten nicht mehr so genau weiß – ein Jahr nach dem Tod ist das kein Wunder; deshalb frage ich mich, ob er sich so genau an die Gedanken erinnert, die er sich zu den Ereignissen damals gemacht hat. Aber vielleicht ist das auch nicht wesentlich – selbst in der Rückschau kann man zu derart intensiv Erlebtem Vernünftiges denken.

Sein Bruder Walter ist also schwer gestorben, er war ein Kämpfertyp. Als entscheidende Veränderung bezeichnet Wellershoff das Desinteresse, das sein Bruder einige Tage vor dem Tod allen Vorgängen gegenüber zeigte: Er „begann die Außenpositionen zu räumen und zog sich in sich selbst zurück. Das war der Beginn des Sterbens – ein unaufhaltsames Schwinden und Schrumpfen. Die Welt, die von unseren Interessen, Wünschen und Hoffnungen beleuchtet wird, erlosch.“ (S. 193) Wellershoff kommentiert dies gegenüber seiner Frau: „Er läßt los.“ Er zitiert dazu aus einem Aufsatz Herbert Plügges, den man auch im Netz finden kann: „Diese Kranken verlassen ganz allmählich gleitend ihre alte Welt, so daß es für sie sinnlos wird, nach ihr zu fragen.“ (S. 194) Aus dieser Verwandlung ihrer Welt, nach der sie nicht mehr fragen und für die sie nicht mehr sorgen müssen, ergibt sich auch eine Verwandlung ihres Körpers: Er wird still, er sucht keinen Kontakt mehr (so H. Plügge).

Was hier als „Loslassen“ umschrieben wird (vgl. S. 138 und S. 153), war bei seinem Bruder Walter nicht ein einfach erreichtes Ziel oder gar eine bewusste Handlung, sondern ein Prozess des Niedergangs und wurde immer wieder, und zwar bis zum Schluss, von Phasen des Aufbäumens und der Selbstbehauptung unterbrochen – dies nur als Randbemerkung zu allen Theorien von der schönen Stufenfolge der Phasen des Sterbens.

http://www.zeit.de/1991/42/abschied-vom-bruder

http://forum.die-leselust.de/viewtopic.php?p=29980

http://www.lettern.de/rewell.htm

http://www.deutschlandfunk.de/schriftsteller-dieter-wellershoff-das-leben-bekommt-sogar.700.de.html?dram:article_id=335771 (Interview mit H. Steinert)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article148371182/Jeder-von-uns-braucht-Erfahrungen-des-Scheiterns.html (Interview DIE WELT)

http://www.nrw-literatur-im-netz.de/datenbank/autoren/139-wellershoff-dieter.html (Porträt D. W.)

http://www.literaturport.de/Dieter.Wellershoff/ (dito)

http://www.pflegewiki.de/wiki/Die_f%C3%BCnf_Sterbephasen_nach_K%C3%BCbler-Ross (fünf Sterbephasen, nach Kübler-Ross)

Wellershoff: Der Himmel ist kein Ort (2009) – Besprechung

Ralf Henrichsen, ein junger evangelischer Dorfpfarrer, ist die Hauptfigur des Romans. Er wird als Notfallseelsorger mit einem Unfall konfrontiert: Ein Lehrer, Herr Karbe, hat sein Auto in einen See gefahren; dabei ist seine Frau umgekommen, sein Sohn überlebt hirngeschädigt, Karbe hat sich gerettet. In der Gemeinde gilt er als Mörder, weil sein Ehe sehr schwierig war: Er hat seine Frau unterdrückt, sie ist fremdgegangen. Pastor Henrichsen kämpft für die Unschuldsvermutung bis zum Erweis des Gegenteils und mahnt als Pfarrer mit Mt 7,1: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Damit erreicht er seine Gemeinde aber nicht – eine seine Schwierigkeiten. Eine andere besteht darin, dass seine Freundin Claudia ihn verlassen hat und er das Pfarrhaus nicht in Ordnung bekommt. Auch die von ihm angedachte „Jugendarbeit“ in der Gemeinde kommt nicht voran – und sein christlicher Glaube scheint ihm abhanden gekommen zu sein, beten kann er jedenfalls nicht mehr. „Er war ein Angestellter einer der größten menschlichen Phantasieleistungen: der Vorstellung einer Auferstehung von den Toten.“ (S. 80) Er führt eine Fassadenexistenz: Sein Amt ist die Fassade seiner persönlichen Schwäche und seines Nicht-glauben-Könnens, die Amtshandlungen sind die Fassade vor der Nicht-Existenz einer gläubigen Gemeinde.

Sein Studienkollege Patrick bewältigt solche Probleme, indem er moderne theologische Traktate schreibt und eine Tagung organisiert; der Besuch bei seinem offensichtlich glücklich verheirateten Freund Rainer Wittek zeigt ihm, was ihm zu fehlen scheint. Jedenfalls hat er bei einer Hochzeitsfeier eine ältere Frau gesehen und mit ihr Blicke getauscht – Luzia Suarez, eine Argentinierin, hat ihn als einen Leidensgefährten erkannt, hat ihm danach geschrieben und von ihm die Erfüllung ihrer Leere erhofft.

Superintendent Dr. Pauly besucht ihn, spricht verständnisvoll über den Verlust des Glaubens und seine problematische Gemeindesituation und verordnet ihm eine Auszeit von einigen Wochen. Die nutzt er, um zu der von Pauly und Patrick organisierten Tagung zu fahren, wo ihn geistreiche Analysen der religiösen Situation erwarten, aber keine Antworten auf seine Fragen. Er bricht vorzeitig nach Hamburg auf, um Frau Suarez zu treffen.

Er überrascht sie, da er nicht angemeldet war, und die Begegnung verläuft zwischen Nähe und Distanz – ein Liebesversuch, der scheitert, weil zwei Schwankende einander nicht halten können und sich gegenseitig überfordern. „Es kam ihm so vor, als wäre er in eine Falle geraten, eine aus fremden und eigenen Sehnsüchten zusammengesetzte Falle.“ (S. 288) Er bricht heimlich auf und hinterlässt nur eine Notiz auf einem Zettel. Zu Hause begräbt er Karbe, der sich getötet hat, und taucht wieder in die Routine der Amtsgeschäfte ein. Patrick und Pauly machen Karriere, sie profitieren von der Tagung über ungelöste kirchliche Probleme; Frau Suarez ist nach Argentinien zurückgefahren. Christoph, den er bei der Tagung kennengelernt hat, besucht ihn und bittet ihn darum, ihn mit seiner neuen Freundin Helga zu trauen – er hat sie auf der Tagung kennengelernt; nach einigem Zögern sagt Henrichsen zu.

„Der Himmel ist kein Ort“, das war eine Zeile aus einem Lied, das eine Band auf der Tagung vorgetragen hatte: Heaven ist not a place. It’s a feeling (S. 238 ff.). Für Christoph ist das in seiner neuen Liebe wahrgeworden, für Ralf bleibt der Himmel an einem schönen Herbsttag „strahlend blau“ (S. 300).

„Selbstvertrauen fördert Vertrauen und Vertrauen fördert Selbstvertrauen.“ (S. 40) – das war der Gedanke von Ralfs Predigt zu einer Hochzeit: „Theologen sind noch größere Formulierungskünstler als Juristen“, hat ein Jurist diesen Satz kommentiert. Der Kommentar trifft den Kern von Ralfs Problemen: Er ist in einer Krise, weder sein ehemaliger Glaube noch der Liebesversuch können ihm Selbstvertrauen vermitteln; die Theologen, die schöne Worte drechseln, machen Karriere, während Henrichsen einmal im Gottesdienst beim Glaubensbekenntnis die Stimme versagt „wie jemand, der sich bei einem falschen Geständnis ertappt glaubt“ (S. 190).

Der Roman führt konsequent von der Krise des Pfarrers zur Tagung und zur Begegnung mit der sehnsüchtigen, werbenden Frau – beide Veranstaltungen enden mit einer Enttäuschung; es geht zurück in den Alltag. Ich habe das Buch mit großer Anteilnahme an Pastor Henrichsens Problemen gelesen; Wellershoff kennt sich gut in Pfarrerseelen und –nöten aus. Er zeigt, wie hohl die theologischen Phrasen und Turnübungen sind; er zeigt aber auch, wie problematisch die Ehen sind, deren Teilnehmer man im Roman kennenlernt. Nur für Christoph steht der Himmel der Liebe offen – vor seiner Ehe. Das Ende ist offen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/dieter-wellershoff-der-himmel-ist-kein-ort-der-pfarrer-und-das-liebe-vieh-1873705.html (voller Lob)

http://www.nachdenkseiten.de/?p=5047 (sehr positiv, betont die theologischen Aspekte)

http://www.handelsblatt.com/panorama/kultur-kunstmarkt/kurzrezension-d-wellershoff-der-himmel-ist-kein-ort/3286202.html (knapp, treffend)

http://www.deutschlandfunk.de/wenn-der-glauben-weicht.700.de.html?dram:article_id=84300 (sehr positiv)

http://www.abendblatt.de/kultur-live/article107606054/Die-Lebenskrise-eines-Landpfarrers.html (dito)

http://www.derwesten.de/kultur/dieter-wellershoff-ueber-religion-als-ein-konsumangebot-id22881.html (Gespräch mit Wellershoff über den Roman)

http://www.literaturcafe.de/tag/der-himmel-ist-kein-ort/ (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=6NXcSofbYZY (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=7X9kn551pBA (Interview mit D. W.)

http://www.literaturport.de/Dieter.Wellershoff/ (Biografie D. W.)

https://www.youtube.com/watch?v=SuPk66sHDws (1. Frankfurter Poetikvorlesung)

https://www.youtube.com/watch?v=ceUN-cfOoQw (2. Vorlesung)

https://www.youtube.com/watch?v=usGuDaOl32A (3. Vorlesung)

https://www.youtube.com/watch?v=kNTsivBows8 (4. Vorlesung)

https://www.youtube.com/watch?v=BQ-2i068c6c (5. Vorlesung)

Wellershoff: Der Ernstfall (1995) – Besprechung

„Innenansichten des Krieges“ ist der Untertitel dieses Buchs von Dieter Wellershoff – er hat als 17jähriger Freiwilliger den Krieg mitgemacht, weitgehend fern der Front, aber auch im Sturmangriff auf eine russische Stellung, im Lazarett im Winter 1944/45 und auf der Flucht vor der Roten Armee: „Aber die grundsätzlichen und grundstürzenden Erfahrungen, die die Menschen mit sich und ihrer Geschichte machen, müssen festgehalten und erzählt werden.“ (S. 23)

Warum hat Wellershoff sich freiwillig gemeldet, obwohl sich 1943 bereits abzeichnete, dass der Krieg verloren war? Für mich war seine Analyse dieser jugendlichen (Fehl)Entscheidung interessant: „Kriegsbegeisterung, wie ich sie noch in den ersten Kriegsjahren als Schüler empfunden hatte, war das nicht, auch keine fanatische Opferbereitschaft, sondern eher eine noch fortbestehende patriotische Konvention, gegen die man, da das zu gefährlich war, auch im Gespräch unter Freunden keine Argumente entwickelt hatte. Man tat es, weil es üblich war, konnte aber die heimlichen Befürchtungen und fatalistischen Perspektiven vor sich selbst nicht mehr dauerhaft verdecken. Ich zog in diesen Krieg mangels einer Alternative und ohne Illusionen, aber mit einem vagen Pflichtgefühlt, das im Grunde eine Solidarität gegenüber all jenen war, die es auch getan hatten, und gegenüber den vielen, die gefallen waren. Dieses Zugehörigkeitsgefühl war brüchig. Aber es war noch nicht ganz aufgelöst. Beigemischt war dieser Haltung auch ein jugendliches Bedürfnis nach Bewährung und ein wachsender Überdruß an der Schule, die uns vor dem Hintergrund des Krieges als ein unauthentischer Ort erschien, an dem man nicht erwachsen werden konnte. Die Reifeprüfung, so dachten viele, konnte man jetzt nur da bestehen, wo der Ernstfall herrschte. Dazu mußte man Soldat werden.“ (S. 23 f.) – In der nachträglichen Reflexion sagt Wellershoff u.a., dass im modernen Krieg das Überleben keine Bewährung, sondern Zufall wie beim Lotteriespiel ist. „Und beim Lotteriespiel kann man sich nicht bewähren.“ (S. 24)

Ich habe das Buch mit zunehmendem Interesse gelesen; Wellershoff berichtet weniger von den Schrecken des Krieges als von seinen persönlichen Erfahrungen, bezieht sich auf Sekundärliteratur und reflektiert das alles in einem weiten Horizont. Den Rahmen bildet der Bericht von zwei Aufenthalten in Bad Reichenhall, wo er 1944/45 im Lazarett und 1994 zur Kur war. Am Ende zieht er ein Fazit: „Ich denke, daß ich dem Krieg, den ich ohne bleibenden Schaden überlebt habe, zwei für mich wesentliche Erfahrungen verdanke. Die eine ist der Zusammenbruch einer kollektiven Identität, die als mörderisches Wahngebilde kenntlich wurde, und das Glück, das darin lag, die weltanschauliche Obdachlosigkeit als geschenkte Freiheit zu erleben. Die zweite ist die Einsicht in die Zufälligkeit meiner Existenz. Ich weiß, daß ich nur zufällig am Leben geblieben bin und daran weder durch Geschick noch Tugend noch irgendein sonstiges Verdienst einen Anteil hatte. Das ist ein Glück, das in seinem Ursprung in unlösbarer Nachbarschaft mit dem millionenfachen gewaltsamen Sterben steht.“ (S. 316 – die Frommen sagen hier, Gott habe sie beschützt, während sie zu den Millionen Opfern nichts zu sagen haben.) Als Drittes fügt er die Fassungslosigkeit über das sechsjährige Massenschlachten und die Todesfabriken der deutschen KZs hinzu; davor steht er fassungslos, er begnügt sich damit, die geschätzten Opferzahlen zu präsentieren.

http://rezensionen.literaturwelt.de/content/buch/w/t_wellershoff_dieter_der_ernstfall_innenansichten_des_krieges_jusc_14237.html (Rezension, informativ)

http://www.gbv.de/dms/faz-rez/F19950418WELL—100.pdf (Rezension, sehr kritisch)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9184299.html (Gespräch mit D.W. anlässlich des Buchs, 1995)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/unsere-muetter-unsere-vaeter/dieter-wellershoff-sieht-fern-ich-war-der-richtige-soldat-12117635.html (Wellershoff über den Weltkrieg II)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article148371182/Jeder-von-uns-braucht-Erfahrungen-des-Scheiterns.html (Gespräch mit dem 90jährigen W.)

http://www.wdr3.de/programm/sendungen/wdr3zeichenundwunder/zeichen-und-wunder-dieter-wellershoff-106.html (dito)

http://www.whoswho.de/bio/dieter-wellershoff.html (Biografie)

http://www.wdr3.de/literatur/dieter-wellershoff-114.html (über D. W.)

http://www.spiegel.de/thema/dieter_wellershoff/ (D. Wellershoff im SPIEGEL)

http://www.zeit.de/thema/dieter-wellershoff (dito in der ZEIT)

Wellershoff: Der verstörte Eros – Besprechung

Untertitel: Zur Literatur des Begehrens (Köln 2001, als Taschenbuch 2004)

Ich habe das Buch in diesem Herbst gelesen, mit Gewinn und Spannung. Aus methodischen Gründen bin ich aber gegen das Verfahren skeptisch, Literatur aus dem Leben der Autoren zu „erklären“, wie Wellershoff es hier weithin praktiziert. Bange Frage: Was bleibt nach Houellebecq und Konsorten vom Eros übrig?

Da es eine Reihe von Rezensionen gibt, brauche ich keine neue zu schreiben, zumal da ich beim Lesen keine Notizen gemacht habe. Ich trage zusammen, was ich bei kurzem Suchen im Netz gefunden habe:

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=4454 gute Besprechung, auch kritisch

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-die-krankheit-heisst-emma-bovary-oder-lolita-11281500.html unkritisch

http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/derverstoerteeros-r.htm weniger kritisch

http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wzliteratur/buecher_2011/335638_Wellershoff-Der-verstoerte-Eros.html kritisch zur Methode

http://www.perlentaucher.de/buch/8204.html zwei kurze Überblicke über Rezensionen

http://www.single-generation.de/kohorten/dieter_wellershoff.htm mini

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/618025/ Bild des Menschen Wellershoff

http://www.neues-deutschland.de/artikel/183277.gefaehrliche-literatur.html Würdigung Wellershoffs; ausführlicher (plus Gespräch mit Wellershoff):

http://www.aisthesis.de/leseprobe/9783895288227.pdf (Anfang der Wellershoff-Festschrift)