M. Birthler: Halbes Land, ganzes Land, ganzes Leben. Erinnerungen (2014) – Rezension

Marianne Birthlers Erinnerungen haben mich gefesselt und begeistert wie schon lange kein anderes Buch; sie sind wesentlich besser als Joachim Gaucks Erinnerungen „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ (2009), die ich unmittelbar vorher gelesen habe: Bei Birthler erfährt man wirklich, welche Menschen auf welche Weise die Revolution 1989 in der DDR gemacht haben. In ihrem Buch steckt viel mehr Arbeit als in Gaucks Buch; auch tritt der Mensch Birthler deutlicher als der Mensch Gauck ins Gesichtsfeld. Sie erzählt ihr Leben von ihrer Kindheit bis zum Abschied von der Leitung der Stasi-Unterlagen-Behörde, einer darauf folgenden Amerikareise und dem Entschluss, ihre Erinnerungen aufzuschreiben.

Ich möchte auf einige Punkte hinweisen, die mich beeindruckt haben. Einer davon sind die Überlegungen, die man in der DDR anstellen konnte, ob auszureisen nicht einen Verrat an denen darstellte, die zurückblieben. Der nächste ist die Beobachtung, dass auch so kritische Geister wie sie selbst eine innere Befreiung nach dem Ende der SED-Diktatur nötig hatten: „Selbst ich … trug die Diktatur noch in mir.“ Selbstkritische Bemerkungen stellen ohnehin eine der Stärken des Buches dar.

Politik ist die Kunst des Kompromisses, und wer einen mühsam ausgehandelten Kompromiss unter Berufung auf das Gewissen unterläuft, ist nicht automatisch der bessere Mensch.“ (S. 250)

Interessant waren für mich Birthlers Überlegungen, die zur Einführung des Fachs LER in Brandenburg geführt haben – ein Fach, das ich nur aus der westdeutsch-kirchlichen Polemik dagegen kannte und das ich jetzt ganz anders sehe. Aus Birthlers Zeit bei den Grünen sind ihre Beobachtungen über den Unterschied zwischen Ost und West spannend (S. 286 f.), über die Fremdheit zwischen politisch ähnlich Denkenden: „Warum haben sie damals Geld für den Befreiungskampf in Nicaragua gesammelt, aber die Menschenrechtsverletzungen im Ostblock ignoriert?“

Sie gedenkt auch der Weggefährten aus der DDR, die es nach 1989 nicht geschafft haben, beruflich von der Wende zu profitieren – ein sympathischer Zug, finde ich (S. 297). Für Gregor Gysi und verwandte DDR-Verteidiger: „Die SED-Diktatur war mehr als die Tätigkeit der Stasi, sie durchdrang den Alltag und beeinträchtigte und beschädigte das Leben aller Menschen in der DDR – auch wenn viele das bis heute nicht wahrhaben wollen.“ (S. 316) Bemerkenswert ist auch, wie sie das Urteil begründet, die DDR sei ein Unrechtsstaat gewesen, womit sie selbst einer couragierten Frau wie Gesine Schwan widerspricht: In einem Rechtsstaat gelten die Prinzipien des Rechtsstaates, und staatliche Macht wird rechtmäßig begründet – und das war in der DDR eben nicht der Fall, auch wenn es dort „Recht und Gesetz“ gab.

Marianne Birthler ist eine Frau, die viel erlebt hat: die Geburt dreier Kinder, die Trennung von ihrem Mann, die Arbeit in der kirchlichen Basisarbeit, den Zusammenschluss Oppositioneller im Bündnis 90, die Revolution 1989, die Übergangszeit zum 3. Oktober 1990, die Arbeit als Ministerin in Brandenburg und im Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen, eine Umschulung zur Beraterin von Organisationen, die Leitung der Stasi-Unterlagen-Behörde, deren Arbeit und Bestand sie vehement verteidigen musste und verteidigt (wie übrigens auch Gauck)…

Ich möchte Frau Birthler für ein großes Buch danken.

https://de.wikipedia.org/wiki/Marianne_Birthler

https://www.planet-wissen.de/geschichte/ddr/das_leben_in_der_ddr/pwiemariannebirthlereinlebenfuerdiefreiheit100.html

https://www.mdr.de/zeitreise/ddr/marianne-birthler-tapetenwechsel102.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/thema/marianne-birthler

https://www.ddr89.de/vk/inhalt_vk.html (Reden in der Volkskammer)

Advertisements