Schiller: Don Karlos – Inhaltsangabe

(Die Vorstufe dieser Inhaltsangabe stammt von der Kollegin Bettina Seifert.)

1. Akt: Der königliche Garten in Aranjuez – Exposition

1. Szene
Im Palast in Aranjuez wird klar, dass Don Carlos (Kronprinz, 1545 – 1568, Sohn der ersten Frau Philipps) die Zeit auf dem Land unglücklich war. Domingo versucht, der Schwermut von Carlos auf den Grund zu gehen, und rät ihm, den Kummer seinem Vater anzuvertrauen. Carlos beklagt sein Schicksal als Sohn; er hält Domingo für einen Spion seines Vaters (Philipp II. 1527 – 1598, seit 1556 König von Spanien) und erteilt ihm ironisch eine Abfuhr; er deutet ein schreckliches Geheimnis an.
2. Szene
Der Marquis von Posa trifft unerwartet ein. Der Marquis (Roderich, ein ehemaliger Spielgefährte Carlos‘) kommt als „Abgeordneter der ganzen Menschheit“, also der Menschlichkeit, für die Freiheit der flandrischen Provinzen. Er möchte, dass Karlos sich um die Provinzen kümmert, damit sie nicht dem fanatischen Herzog von Alba anheimfallen. Karlos sagt ab, hat alte politische Träume aufgegeben; er gesteht im Gespräch, dass er seine Stiefmutter gegen sämtliche Regeln liebt – sie war seine Verlobte, bis König Philipp sie aus politischen Gründen (Friede mit Frankreich) selbst geheiratet hat. Da Elisabeth als spanische Königin gut bewacht wird, kann er sich ihr nie heimlich nähern. Seinen Vater liebt Carlos nicht, da er ihn nur sah, wenn er bestraft wurde, und keine normale Beziehung zu ihm hatte.
Der Marquis, an eine Schuld aus Kindertagen erinnert, deutet Carlos „nach einigem Stillschweigen“ eine Gelegenheit an, dass er Elisabeth hier auf dem Land ungestört sprechen könne. Der Marquis geht ab, um das Treffen vorzubereiten (will die Königin als Helferin für Rettung Flanderns gewinnen).
3. Szene (Die Hofhaltung der Königin in Aranjuez)
Im Landhaus der Königin (Elisabeth von Valois, Tochter Heinrichs II. und Katharinas von Medici) erweist sich die Königin als dem Landleben, der Natur verbunden; sie unterhält sich mit Prinzessin Eboli und Marquise von Mondekar über einen Freier der Eboli. Die Königin sichert der Eboli zu, dass diese den vom König begünstigten Mann nicht heiraten muss, wenn sie ihn nicht liebt.
Elisabeth, auch hierin eher natürlich, will als Mutter ihre Tochter sehen; Marquis von Posa wird gemeldet wird – die Etikette verbietet seinen Besuch nicht.
4. Szene
Die Königin empfängt den Marquis und fragt ihn nach Nachrichten über ihre Mutter; Posa und Elisabeth kennen und schätzen sich. Sie kann ihn unbemerkt nach Karlos fragen. Statt einer Antwort erzählt der Marquis die verfremdete Geschichte einer unglücklichen Liebe (Guelfen und Ghibellinen), bei der Pietro, der Onkel der Braut Mathilde, diese dem Bräutigam Fernando wegschnappt und dieser verzweifelt – eine Anspielung auf die Verhältnisse im königlichen Hause, wie die Königin bemerkt, da der Marquis mit diesem Fernando noch befreundet ist.
Elisabeth möchte, dass die Geschichte damit zu Ende ist, fragt dann aber indirekt nach Karlos‘ Situation. Posa nutzt die Gelegenheit, um die sich erschreckende Königin auf das Treffen mit Karlos vorzubereiten.
5. Szene
Karlos trifft Elisabeth, die als Königin nach der Hofetikette wie eine Gefangene gehalten wird, und bekennt seine Liebe. Beiden ist klar, dass Carlos sein Leben riskiert, wenn er allein bei ihr entdeckt wird. Elisabeth erklärt ihm, dass sie den König respektiert, aber nicht liebt; sie will an ihrer Ehe festhalten. Sie liebt niemanden mehr und erklärt sarkastisch, dass der Sohn als König neues Recht setzen und dem toten Vater als Mann nachfolgen „kann“, dass dies aber ein Frevel wäre. Sie ermahnt Karlos, ein Mann zu werden und zu entsagen; er solle seine große Liebe seinen Untertanen zu schenken (als seiner zweiten Liebe). Karlos verspricht ihr, es zu versuchen. Als der König kommt, muss Karlos fliehen; Elisabeth gewährt ihm ihre Freundschaft und gibt ihm als ihren Auftrag die ihr von Posa überreichten Briefe aus den flandrischen Provinzen.
6. Szene
Der König trifft seine Frau allein an, er ist erzürnt darüber. Als Philipp nachfragt, erklärt Elisabeth, sie habe die eine Hofdame, Prinzessin Eboli, für eine Besorgung fortgeschickt; die zweite, die Marquise de Mondekar, wird vom König mit zehn Jahren Verbannung aus Madrid bestraft. Die Königin tröstet sie mit einem Geschenk, sie wünscht sich nach Frankreich zurück.
Der König fragt nach dem Knaben Karlos und kündigt an, die Ketzerei in den Niederlanden (Ausbreitung des Protestantismus, was auch politische Freiheitsbestrebungen signalisiert) blutig ausrotten und nach Madrid zu reisen, um dort einem Autodafé zuzusehen.
7. Szene
Der Marquis von Posa berichtet Don Karlos, dass Herzog Alba gerade zum Gouverneur ernannt sei. Karlos hat sich wegen Elisabeths Wink entschlossen, seinem Vater als Vater gegenüberzutreten und von ihm Albas Amt für sich selber zu fordern, um die Provinzen zu retten.
8. Szene
Graf Lerma gibt Carlos den Auftrag, seinem Vater nach Madrid zu folgen.
9. Szene
Karlos und der Marquis von Posa sind allein; Karlos möchte gegen die Etikette mit Posa in Brüderlichkeit und Gleichheit verbunden sein. Der Marquis macht Karlos darauf aufmerksam, später als Erbe seines Vaters ein großes Reich führen zu müssen. Ihre Freundschaft aus Kindertagen könne nicht mehr fortbestehen, da Karlos absolut regieren müsse und der Marquis (Roderich) als Bürger dies nicht akzeptieren könnte. Karlos entgegnet ihm, er sei mit seinen 23 Jahren noch nicht dem Laster der Könige verfallen und könne deshalb Mensch bleiben; er bittet den Marquis um den Fortbestand ihrer Freundschaft, bietet ihm das „Du“ an und macht ihn zum Gleichen, der zu ihm, auch wenn er selbst König ist, offen sprechen soll.
Mit diesem Freund und Bruder traut er sich, sein Recht beim König einzufordern: „Arm in Arm mit dir, So fordr’ ich mein Jahrhundert in die Schranken.“

2. Akt: Im königlichen Palast zu Madrid – Steigen der Handlung / Entwicklung der Intrigen

1. Szene
Karlos hat die Möglichkeit mit seinem Vater zu sprechen; Karlos setzt es mit einer Beleidigung Albas durch, den König als seinen Vater allein zu sprechen.
2. Szene
Karlos ist entschlossen, alles zu tun, um den Befehl über die niederländischen Provinzen zu bekommen. Zunächst bittet er seinen Vater um Versöhnung; er schafft es, den misstrauischen König in seiner Einsamkeit menschlich zu rühren. Er will ferner, weil er nun dreiundzwanzig Jahre alt ist, staatliche Aufgaben übernehmen und an Stelle Herzog Albas nach Brabant geschickt werden, um dort die Ruhe wieder herzustellen. Dies lehnt der Vater jedoch misstrauisch wiederholt ab – Alba sei hart und gefürchtet, er werde den Aufstand der Ketzer niederschlagen; Philipp entscheidet als König, Karlos hält seine Mission für gescheitert.
3. Szene
Philipp und der Herzog von Alba besprechen letzte Details der Mission in Flandern. Am Ende des Gesprächs deutet Philipp an, dass Karlos dem Thron nun näher steht als bisher, was dieser aber nicht weiß.
4. Szene (Ein Vorsaal vor dem Zimmer der Königin)
Karlos empfängt durch einen Pagen der Königin einen Brief mit einem Schlüssel; zögernd erklärt der Page, dass der Brief von einer Dame stammt, die lieber erraten als genannt sein wolle. Karlos missversteht die Situation und glaubt, dass die Königin ihn liebt und ihn treffen will. Er beschwört den Pagen, keinem Menschen etwas davon zu erzählen.
5. Szene
Herzog Alba verabschiedet sich von Karlos und versucht als Realist zu erklären, dass in Brabant und überhaupt zur Stabilisierung der Macht Gewalt nötiger ist als Menschlichkeit; Karlos deutet an, dass Alba schon Todesurteile im Voraus mitnehme, weshalb er selber froh sei, mit dem Auftrag nichts zu tun zu haben. Alba provoziert Karlos – beide beleidigen sich, ohne lange zu zögern (in Fortsetzung der Konfrontation von II 1). Der Dialog endet in einem Duell beider Kontrahenten, das Karlos gefordert hat.
6. Szene
Die Königin tritt ins Zimmer und unterbricht das Duell – Karlos gehorcht auf der Stelle. Danach bittet sie Alba zum Gespräch.
7. Szene (Ein Kabinett der Prinzessin von Eboli)
Im Kabinett der Prinzessin Eboli berichtet der Page ihr über die Abgabe des Briefs sowie das Gespräch zwischen ihm und Karlos. Die Prinzessin wundert sich, dass Karlos offensichtlich Angst davor hat, der König könne Kenntnis vom geheimen Treffen erlangen; sie kann sich das vermeintliche Wissen des Prinzen (um eine ihrer Geschichten) nur mit seiner Liebe erklären. Ungeduldig erwartet sie sein Kommen.
8. Szene
Die Szene der Missverständnisse: Karlos denkt, der Brief sei von der Königin, Eboli denkt, Karlos liebe sie und versuche es nur zu verbergen. Das Gespräch zeigt ihr, wie verschlossen Karlos in Liebesdingen ist, so dass sie ratlos bleibt. Sie nennt alle vermeintlichen Liebesbezeugungen, die sie von Karlos erhalten hat, aber er versteht sie nicht. Schließlich verstehen sie beide nichts mehr.
Eboli setzt alles auf eine Karte, damit Karlos ihr hilft: Sie erzählt ihm, dass man sie mit einem Grafen verheiraten will, den sie nicht liebt, und dass ihre Unschuld bedroht ist – als Beleg zeigt sie ihm einen Brief. Als sie Karlos von ihrem Vorsatz erzählt, ihre Liebe nur an einen, den sie auch liebt, zu verschenken, bewundert er dies sehr. Sie beklagt, dass sie nicht geliebt wird – er versichert ihr, sie werde geliebt. Ein Missverständnis folgt auf das andere. Sie bietet ihm ein heimliches Liebesverhältnis an; er begreift endlich das Missverständnis. Beide sind verwirrt, Karlos redet sich heraus, Eboli ist beleidigt. Karlos behält den belastenden Brief des um die Eboli werbenden Königs und glaubt, Elisabeth sei jetzt frei.
9. Szene
Prinzessin Eboli denkt über das Gespräch nach (Monolog). Sie begreift, dass Karlos die Königin liebt und sich von ihr eingeladen wähnte, und schließt daraus, dass die Königin ebenfalls untreu ist. Von beiden tief enttäuscht, will sie sich rächen und dem König davon berichten.
10. Szene (Ein Zimmer im königlichen Palaste)
Herzog Alba berichtet Pater Domingo, es habe eine heftige Diskussion und einen Schwertkampf mit Prinz Karlos gegeben; dabei habe sich die Königin verdächtig gemacht, weil nur auf einen Wink von ihr Karlos sich mit ihm versöhnen wollte. Sie möchten den König misstrauisch machen, dass es ein Verhältnis zwischen Elisabeth und Karlos gebe. Beide fürchten Gefahr durch Karlos – Alba für den autoritären Staat, Domingo für die ebenso autoritäre Kirche der Inquisition: Karlos werde Regent sein, aber er denke und wolle Individualität und Menschlichkeit. Auch die Königin scheint mit Karlos verbündet – sie hängt ebenfalls den gefährlichen neuen Ideen an.
Domingo offenbart seine Intrige: Sie wollen als Informantin des Königs die Prinzessin Eboli verwenden, an der der König interessiert ist. Domingo ist als Kuppler schon länger tätig; Eboli soll den Wünschen des Königs (und damit Domingos Plänen) entgegenkommen, die Französin (Lilien von Valois) zerstören und dann selbst Königin – im Sinne von Alba und Domingo – werden. Eboli hat ihn gerade zum Gespräch geladen.
11. Szene
Pater Domingo trifft Prinzessin Eboli, die ihm erklärt, sie habe nun gute Gründe, den König doch zu erhören; dies habe aber nichts mit dem Wunsch der Kirche (und damit Domingos) zu tun. Bisher habe sie gedacht, Elisabeth sei eine treue Gattin, aber sie wisse, dass dies nicht stimmt. Sie will sich rächen und Elisabeth als Scheinheilige entlarven. Domingo ruft Herzog Alba hinzu.
12. Szene
Domingo und Alba beratschlagen mit Eboli, wie das Gespräch mit Philipp vorbereitet werden müsse. Eboli könnte in der Königin Schatulle Briefe von Karlos suchen, die die Untreue der Königin belegten. Eboli wird Philipp erhören; sie werde einfach für ein paar Tage „krank“ [dass Gräfin Fuentes diese „Krankheit“ durchschaut hat, sieht man in IV 1]; dann bleibe sie allein in ihrem Zimmer, dann könne der König zu ihr kommen.
13. Szene
Alba und Domingo sind sich ihres Sieges sicher.
14. Szene (In einem Kartäuserkloser)
Karlos wartet in einem Kloster auf Posa.
15. Szene
Karlos und der Marquis von Posa treffen sich. Karlos berichtet seinem Freund, dass nicht er nach Flandern gehen wird, sondern Herzog Alba vom König dorthin geschickt werden soll. Der Marquis ist entsetzt. Karlos zeigt ihm den Brief des Königs an die Prinzessin Eboli und beschreibt seine neu erwachten Hoffnungen auf die Königin. Auch berichtet er von dem Liebesmissverständnis zwischen sich und Eboli.
Posa warnt Karlos vor der verschmähten Prinzessin und erklärt den Unterschied zwischen der angeborenen Tugend und Charakterschönheit Elisabeths und der nur aus strategischen Gründen demonstrierten Tugend der Eboli. Karlos verteidigt die Eboli und will Elisabeth unbedingt sprechen.
Posa zerreißt den verräterischen Brief des Königs; er macht Karlos Vorwürfe, sich nicht mehr um das Wohl der ausgebeuteten Provinzen zu kümmern, sondern alles seinem Egoismus unterzuordnen. Als Karlos zerknirscht ist, entschuldigt Posa ihn und verspricht ihm, dass er die Königin sprechen darf: „Erinnre dich an Flandern!“ Die Königin soll seinen neuen Plan Karlos übermitteln; der will Posa in allem gehorchen. – Karlos warnt Posa noch vor der Kontrolle der Post nach Brabant.


3. Akt: Das Schlafzimmer des Königs – Wende 

(Je länger ich über das Drama nachdenke, desto skeptischer bin ich gegen das Etikett „Höhepunkt / Wende“. Es liegt keine Wende zum tragischen Ausgang vor, im Gegenteil – Posa scheint durch seine Karriere seine Ziele verwirklichen zu können. Es gibt auch keinen Höhepunkt des dramatischen Geschehens, eher einen Neubeginn nach II 15! Ein Höhepunkt ist III 10 insofern, als Posa dort seine politische Vision von der Gedankenfreiheit der Bürger vorträgt. N.T.)

1. Szene
Der König ist spät in der Nacht allein wach und vermutet aufgrund dessen, was er  in Papieren (offenbar Briefe Elisabeths) gelesen hat, diese betrüge ihn.
2. Szene
Der König ist aufgewühlt. Graf Lerma kommt zu ihm und erhält den Auftrag, die Wachen im Flügel der Königin zu verdoppeln; danach deutet der König an, dass er glaubt, seine Frau betrüge ihn. Lerma beteuert seinen Glauben an ihre Unschuld.
3. Szene
Der König zeigt Herzog Alba die Liebesbriefe aus der Schatulle der Königin; dieser bestätigt, dass er den Schreiber kennt. Er nennt als Beweis dafür, dass der Infant (Karlos) und die Königin sich lieben (schließlich hat der König Karlos die Verlobte weggeschnappt), die Beobachtung, dass die beiden sich heimlich im Garten in Aranjuez getroffen haben. Der König bleibt letztlich gegen Albas Verdacht misstrauisch.
4. Szene
In einem Gespräch informiert Domingo den König geschickt über das Gerücht, dass das Kind, welches die Königin bekommen hat (die Infantin), wegen einer schweren Verwundung des Königs damals nicht von ihm stammen könne; rhetorisch streut er aber immer wieder Zweifel am Gerücht ein. Da jedoch nach der Geburt der Tochter dies von Domingo als Wunder gepriesen wurde, bezweifelt Philipp dessen Ehrlichkeit. Der König wittert ein Komplott der beiden und fragt, ob sie auch den Mut hätten, ihre Vorwürfe öffentlich vorzutragen (Alba ja!).
5. Szene
Der König überlegt, wer von seinen Untergebenen unabhängig genug ist, ihm die Wahrheit zu sagen, und kommt auf den Marquis von Posa, weil dieser als einziger aus seinen Verdiensten nicht habe Profit ziehen wollen.
6. Szene (Der Audienzsaal)
Don Karlos, der Prinz von Parma, die Herzöge von Alba, Feria und Medina Sidonia warten im Audienzsaal auf den Beginn der Unterredung. Medina Sidonia befürchtet eine Bestrafung, weil er die Armada vor England (und damit die Seeherrschaft Spaniens) verloren hat. Karlos spricht ihm Mut zu.
7. Szene
Als der König eintritt, erledigt er Regierungsgeschäfte; er verzeiht Sidonia den Untergang der Armada und fragt nach dem Marquis von Posa. Aus den Antworten, die er erhält, kann er schließen, dass der Marquis ein außergewöhnlicher Mensch sein muss und offenbar keine Neider hat; er will ihn sprechen.
8. Szene (Das Kabinett des Königs)
Herzog Alba berichtet dem Marquis im Kabinett, dass der König ihn sehen will, und mahnt ihn, seine Chance zu nutzen.
9. Szene
Der Marquis überlegt, warum der König ihn sehen will; er führt es auf Zufall (als Wink der Vorsehung) zurück und will diesen in seinem Sinne (Flandern!) nutzen.
10. Szene
Der Marquis von Posa erklärt dem König auf dessen Nachfrage, warum er sich vom Hof fernhalte, dass er „nicht Fürstendiener sein“ kann, weil er die Menschheit liebt; als Diener des Königs dürfte er jedoch nur sich selbst lieben. Er lehnt einen Posten ab, weil er so nur als Diener die Macht der Krone verbreiten kann. Das will er jedoch nicht; er nimmt für sich das Recht in Anspruch, selbstständig zu wirken („Künstler“) – diese Idee von Glück und eigenständigem Denken liefen jedoch dem absoluten Herrschaftsanspruch Philipps zuwider. Er beruhigt den König, dass dieses Jahrhundert noch nicht reif ist für seine Ideen (Neuerungen, selber denken), sie stürben mit ihm. (Er verschweigt, dass er Karlos schon seine Ideen eingepflanzt hat und diesen überzeugt hat, sich der unterdrückten Provinzen annehmen zu müssen.)
Der König ist zunächst skeptisch und vermutet einen Trick Posas. Der gibt zu, dass der König in jeder Rede nur Schmeichelei sehen kann, weil die Menschen in seiner Umgebung sich selbst auf diese unfreie Stufe gestellt hätten. Deshalb müsse Philipp auch so eine niedrige Meinung von der Menschenwürde haben. Als König von Gottes Gnaden verwandele er die Menschen in seine Kreaturen, über die er sich als „Gott“ erhebe – und sei in Wahrheit selbst nur ein Mensch mit allen menschlichen Bedürfnissen. Einen Gott aber fürchten die Menschen, deswegen blieben die Bedürfnisse des Königs als Mensch auf der Strecke; diesen Preis – die Einsamkeit – müsse er dafür zahlen.
Dann (ermutigt durch den König) kommt er auf sein dringendstes Anliegen zu sprechen: die unterdrückten flandrischen Provinzen. Er verstehe, dass Philipp so brutal sein muss (Machterhaltung), aber dass die späteren Jahrhunderte mehr von Menschlichkeit geprägt sein würden. Philipp verteidgt sich, Spanien sei wegen der Ordnung aufgeblüht, diese Ordnung soll auch in Flandern sein. Posa spricht dagegen von Friedhofsruhe. Philipp könne sich nicht der allgemeinen Erneuerung entgegenstemmen, die Folgen seien jetzt schon zu sehen – viele der besten Bürger flöhen nach England und stärkten die dortige Wirtschaft. Die Menschheit werde in Zukunft ihr geheiligtes Recht einfordern. Der Marquis fordert von seinem König darum etwas Revolutionäres: „Geben Sie Gedankenfreiheit!“ Dabei wirft er sich Philipp zu Füßen (im Widerspruch zu seiner Argumentation). Posa argumentiert weiter: Die Natur, Gottes Schöpfung, sei durch Freiheit so reichhaltig und vielfältig geworden. Er fordert Philipp auf, diese Freiheit den Bürgern zurückzugeben, der Herrscher eines glücklichen Volkes zu werden.
Philipp hält sein eigenes Handeln für richtig auf Grund seiner Lebenserfahrung (Greis) – er selbst warnt Posa vor der Inquisition. Doch dann erlaubt er ihm allein, frei zu denken. Er nimmt Posa in seinen Dienst.
Das Gespräch kommt auf des Königs eigentliches Anliegen: die Wahrheit über Frau und Sohn. Philipp weist auf die Beweise der Untreue hin, aber nennt auch seine Zweifel an den Überbringern dieser Beweise (Eboli, Domingo, Alba) wegen deren Hass auf Carlos. Er hält Posa für einen unbestechlichen und klugen Menschen und macht ihn zum Spion bei Carlos und bei der Königin, um wirkliche Beweise zu finden oder die vorhandenen zu entkräften. Posa ist begeistert, dass er freien Zugang zur Königin erhält, und möchte noch ein Anliegen vortragen – Philipp beendet das Gespräch und gewährt ihm auch uneingeschränkten Zugang zum König.

4. Akt: Saal bei der Königin – retardierendes Moment
(Hier erfolgt in Wahrheit der Umschwung, also die Wende, nachdem Posa in IV 12 den Höhepunkt seiner Macht erreicht hat!)

1. Szene

Die Königin spricht mit ihren Hofdamen, der Schlüssel ihrer Schatulle ist weg; Eboli ist wieder da, nur die Königin weiß nicht, was los war. Posa wird gemeldet.
2. Szene
Posa tritt ein.
3. Szene
Die Königin wundert sich, dass Posa im Dienst des Königs ist. Er überbringt den Auftrag vom König, den Botschafter von Frankreich nicht zu empfangen.
Elisabeth fragt nach den Vollmachten Posas und bezweifelt, ob gute Zwecke böse Mittel heiligen. Er übergibt ihr einen Brief des Prinzen; er möchte, dass die Königin diesen darin bestärkt, den unterdrückten Flamen zu helfen. Sie soll Karlos den (zweiten) Plan Posas enthüllen: Karlos soll ungehorsam gegen den König werden, indem er heimlich nach Brüssel geht und eine Rebellion anführt. Egmont und Wilhelm von Oranien (Statthalter niederländischer Provinzen, Führer der Adligen und des Aufstandes der Niederlande) stehen auf seiner Seite; zu handeln sei auch für Karlos erforderlich. Die Königin ist begeistert, sie will ebenfalls die Freiheit für Brabant. Sie sichert auch noch Frankreich und Savoyen als Verbündete und steht als stille Helferin bereit.
4. Szene (auf der Galerie)
Graf Lerma, Oberst der Leibwache, berichtet Karlos, dass sein Freund Posa der neue Günstling des Königs ist und freien Zugang zur Königin hat (was noch nie da war); er warnt ihn vor Posa, doch Karlos weist die Warnung zurück.
5. Szene
Auf die Fragen von Karlos nach dem Gespräch mit dem König weicht Posa (mit Lügen) aus; er übergibt Carlos die Zeilen der Königin, in denen sie ihn um seine Bereitschaft zu einer Tat bittet. Karlos ist zerstreut, unsicher, liest zunächst nicht einmal die Zeilen der Königin.
Posa erbittet von Carlos seine gesamte Brieftasche nebst Inhalt, die dieser ihm auch sehr zögerlich überreicht. Argument Posas: Sie darf nicht in falsche Hände fallen. Angst Karlos’, ob sein Vater ihn durch Posa bespitzelt.
6. Szene
Monolog Posas über Karlos‘ Zögern: Er rechtfertigt seine Unaufrichtigkeit, er wolle Karlos vor Verstrickungen bewahren.
7. Szene
Philipp prüft im Kabinett an seiner kleinen Tochter und dem Medaillon, ob er oder Karlos der Vater ist.
8. Szene
Die Königin wird angekündigt, ist Philipp aber in diesem Moment nicht willkommen.
9. Szene
Die Königin berichtet Philipp aufgebracht vom Diebstahl ihrer Briefe aus ihrer Schatulle. Ohne sich vom König Vorwürfe machen zu lassen, erklärt sie ihm, dass es sich um die von beiden Königshöfen gestatteten Briefe von Carlos aus ihrer Verlobungszeit, also vor der Hochzeit mit Philipp, und um ein mitgeschicktes Medaillon handelt. Als sie die Kleine damit spielen sieht, ist ihr klar, wer der Auftraggeber des Diebstahls ist. Während der folgenden Auseinandersetzung macht sie dem König klar, dass sie völlig unschuldig ist und dass sie es in Aranjuez nicht nötig hat, wegen Karlos‘ Besuch wie eine Delinquentin vor dem gesamten Hofstaat verhört zu werden. Als der König immer eifersüchtiger wird, ihr droht und die Tochter zurückstößt, nimmt sie diese auf den Arm, hofft auf Hilfe aus Frankreich, geht weg und bricht an der Tür zusammen; sie blutet. Der König bef&¨rchtet den Skandal mehr als die Verletzung der Königin.
10. Szene / 11. Szene
Philipp macht Alba und Domingo heftige Vorwürfe wegen ihrer falschen Anschuldigungen. / Er empfängt Posa unter Zurücksetzung Albas.
12. Szene
Dieser zeigt dem König einige Briefe von Karlos und auch den Liebesbrief der Eboli, die er aus dessen Brieftasche entnommen hat. Wie Posa es geplant hat, erkennt der König das Komplott der Eboli, die Königin bei ihm anzuschwärzen; Posa beteuert, dass diese und Karlos kein Verhältnis miteinander haben, aber dass die Königin politische Ziele bzgl. Flandern habe, für die sie Karlos einspannen wolle. Er erhält das Recht, dies zu untersuchen, sowie einen geheimen Haftbefehl für Karlos.
13. Szene (Galerie)
Lerma berichtet Karlos von dem Zusammenbruch der Königin und davon, dass Posa der neue mächtige Günstling des Königs ist, der diesem sogar die Brieftasche von Karlos übergeben habe. Karlos ist verzweifelt über den vermeintlichen Verrat des Freundes – er denkt, Posa habe ihn wegen seiner höheren Ziele, dem Glück der Menschheit, geopfert – und will die Königin wegen der kompromittierenden Briefe warnen.
14. Szene (Zimmer der Königin)
Alba und Domingo versuchen vergeblich, Posa bei der Königin als Dieb der Briefe anzuschwärzen und sich als ihre treuen Helfer darzustellen – sie fertigt sie ironisch ab.
15. Szene / 16. Szene / 17. Szene (Zimmer der Eboli)
Karlos bittet die Prinzessin Eboli bei ihrer Liebe, ihn zu seiner Mutter zu lassen. Posa stürzt hinzu, will irgendwelche unklugen Äußerungen von Carlos verhindern und lässt ihn verhaften.
Er bedroht Eboli mit dem Tod, nichts zu erzählen, aber schließlich verabscheut er einen Mord; er hat offenbar noch einen anderen Plan.
18. Szene  (Zimmer der Königin)
Elisabeth fragt nach der Unruhe im Palast.
19. Szene / 20. Szene
Eboli teilt der Königin die Verhaftung von Karlos durch Posa mit; sie gesteht, dass sie schuldig ist, weil sie die Briefe aus der Königin Schatulle gestohlen habe; dass sie Elisabeth angeklagt hat, weil sie selber Karlos vergeblich liebte; dass sie selber mit dem König geschlafen hat. / Deswegen wird sie im Auftrag der Königin in ein Kloster verbannt.
21. Szene
Gespräch der Königin mit Posa – Posa gesteht der K&¨nigin, dass alle seine Pläne gescheitert sind, weil er so vermessen war, den Zufall nicht einzukalkulieren. Karlos sei für den Moment gerettet, aber er müsse sofort fliehen. Posa will sich für ihn opfern, aber er erlegt der Königin auf, Karlos an den gemeinsamen Eid mit ihm zu erinnern; er solle Posas und seinen Traum von einem neuen Staat wahr machen. Einer von beiden sei verloren, und er will sich opfern; die Königin solle Karlos mit ihrer Liebe bei der Umsetzung der politischen Pläne weiter unterstützen.
Er selber habe Karlos‘ Liebe zur Königin geschürt und ihm das wahre Ziel seiner Liebe erklären wollen; Elisabeth wirft ihm vor, sie als Frau übersehen zu haben. Er habe selber nur bewundert werden wollen.
22. Szene / 23. Szene / 24. Szene (Vorzimmer des Königs)
Niemand darf zum König. Der Oberpostmeister von Taxis überbringt dem König einen abgefangenen Brief Posas, den dieser nach Brüssel geschickt hat (um den Verdacht von Karlos abzuwenden). Die Höflinge sind verstört über die Verhaftung des Prinzen und über die Reaktion des Königs auf Posas Hochverrat. Alba wird zum König gerufen, Posa hat zum König nicht mehr direkten Zugang. – Der König hat geweint.
Eboli wird von Domingo an der Aufklärung ihrer Intrige gehindert; Alba stürzt aus des Königs Zimmer und verkündet: Der Sieg ist unser. Dann geht er mit den alten Granden zum König.


5. Akt: Zimmer im Palast – „die Katastrophe“

(Es ist problematisch, ohne Erklärungen von einer Katastrophe zu sprechen; zwar sterben die Helden des Stücks, aber Karlos ist reif geworden und hat sich selbst gefunden, während er in II sein Ziel nicht erreicht hat und ab II 15 von Posa an die Seite geschoben worden war. Posa büßt seine Fehler mit dem Opfertod und vollendet so seine Freundschaft. – Fazit: Das Schema der 5 Akte nach G. Freytag passt nicht problemlos auf dieses Drama.)

1. Szene
Karlos ist allein, eingeschlossen und von Offizieren bewacht.
Posa tritt ein und schickt die Offiziere weg. Im Gespräch zeigt sich, dass Karlos meint, Posa wolle Karriere machen, um seine politischen Pläne umzusetzen und Spanien die Freiheit zu bringen. Er hat akzeptiert, dass der Freund ihn und auch die Königin geopfert hat. – Posa ist über das Missverst&¨ndnis erschüttert und zeigt ihm die kompromittierenden Briefe, die er dem König gar nicht gegeben hat. Er erklärt dem Freund, dass er Karlos nur zu seinem Schutz verhaftet hat, damit dieser nicht wieder falschen Menschen vertraut (Eboli). – Da erwacht Karlos „wie aus einem Traume“.
2. Szene
Alba kommt, um Karlos freizulassen, die Verhaftung sei nur ein Versehen des Königs gewesen. Karlos verlangt stolz, dass der König selbst bzw. das hohe Gericht der Cortes ihn freispricht.
3. Szene
Posa enthüllt Karlos jetzt alle seine Überlegungen und beklagt auch seinen eigenen Fehler, allein gehandelt zu haben; als er sah, wie falsch die Eboli war, habe er mit den nicht kompromittierenden Briefen die Eifersucht des Königss besänftigen können. Doch er habe nicht mit dem Zufall gerechnet – dass Lerma Karlos vor seinem angeblichen Verrat warnen würde. Auch sah er Karlos schon wieder der Eboli etwas anvertrauen – deshalb die Verhaftung. Schließlich habe er den verräterischen Brief nach Brüssel geschrieben, der gezielt abgefangen werden sollte, damit Karlos außer Gefahr sei und ihr gemeinsames Werk, die Rettung Flanderns, fortsetzen könne.
Karlos ist gerührt und möchte für beide beim Vater fürsprechen, da wird Posa aus dem Hinterhalt erschossen.
4. Szene
Karlos ist fassungslos, da kommt der König selbst mit allen Großen, will ihn als Sohn umarmen und ihn freilassen. Karlos stößt ihn zurück und enthüllt Posas wahre Motive: „Für mich ist er gestorben.“ Er macht seinem Vater den Mord an Posa zum Vorwurf und erklärt, dass er sich von ihm lossagt.
5. Szene
Man meldet Philipp einen Aufstand in Madrid wegen Karlos’ Gefangennahme. Der König ist fassungslos von den Enthüllungen und handlungsunfähig; er gibt sich auf. Alba macht sich auf, den Aufstand niederzuschlagen.
6. Szene
Der Leibarzt der Königin bittet Karlos zu ihr wegen eines von Posa hinterlassenen Auftrags; Karlos soll sich als Geist Kaiser Karls verkleiden, damit ließen ihn die abergläubischen Wachen vorbei. Erst als dieser Besuch als Auftrag Posas deklariert wird, ist Karlos dazu bereit.
7. Szene
Graf Lerma warnt Karlos vor der Rache des Königs und bittet ihn, schnell nach Brüssel zu fliehen; er gibt ihm auch Waffen und schickt ihn zum Kartäuserkloster. Die Königin habe den Aufruhr veranlasst, damit Karlos’ unbehelligt fliehen kann. Lerma bittet, er solle seinem Volk den  Frieden bringen, aber nicht Gewalt gegen seinen Vater anwenden. Er huldigt ihm als neuem König.
8. Szene
(Vorzimmer des Königs)
Alba hat Briefe Posas abgefangen, die dessen Freiheitspläne enthüllen: Karlos sollte von Cadiz mit einem Schiff nach Vlissingen fliehen und dort die Revolte gegen Spanien anführen; die Mittelmeerländer wollen Spanien unter der Führung der Türken angreifen. Posa habe wegen des Freiheitskampfes für die Niederlande wohl das Mittelmeer als Malteserritter bereist und Verbündete gefunden. Auch ist in diesen Briefen von einer Unterredung des Prinzen mit seiner Mutter am selben Abend zwecks Fluchthilfe die Rede.
9. Szene
Philipp trauert darum, dass Posa wegen Karlos und wegen seiner hohen Ideale in den Tod gegangen ist, dass er aber Philipps Freundschaft, sein Vertrauen und die Macht zurückgewiesen hat. Er will sich an der Menschheit rächen, weil Posa diese ihm vorgezogen hat, und Posa als lächerlichen Spinner dastehen lassen; er will sich selbst behaupten. Alba informiert ihn kurz über den Inhalt der Briefe; ein Offizier meldet, dass die Wachen bei der Königin den Geist Karls (V.) gesehen haben, der in den Zimmern der Königin verschwunden sei. Der König bittet den Großinquisitor des Königreiches zu sich und will danach den „Geist“ sprechen.
10. Szene
Der Großinquisitor, ein 90jähriger blinder Greis, und der König
Der Großinquisitor eröffnet Philipp, dass er dank des kirchlichen Überwachungssystems schon von allen Plänen Posas wusste und diesen ‚an der langen Leine’ geführt habe. Da der König sich aber nicht sofort mit der Inquisition verbündet hat, habe die Kirche geschwiegen. Er macht dem König den Meuchelmord an Posa ebenfalls zum Vorwurf, weil dieser dadurch der Rache der Inquisition entzogen worden ist und man nun dessen Ideen nicht mehr der Lächerlichkeit preisgeben kann. Er macht Philipp auch zum Vorwurf, dass er mit Posa überhaupt über seine Ideen diskutiert hat, statt ihn sofort der Inquisition zu übergeben; Philipp setzt sich gegen den anmaßenden Ton zur Wehr.
Philipp habe sich auch dadurch an den Lehren der Kirche vergangen, dass er als Monarch auf einen Menschen hoffte; der Tod Posas sei also ebenfalls eine Strafe für Philipp. Philipp bekennt seine Schwäche als Mensch – der Großinquisitor legt ihn auf seine Position „der Erde Gott“ fest. Der Großinquisitor sieht sein Werk – totale Macht und Kontrolle in Gottes Namen – in Gefahr. Philipps Frage, ob es mit dem Glauben zu vereinbaren sei, wenn er gegen die starke Stimme der Natur seinen Sohn sterben lässt, beantwortet der Großinquisitor mit dem Beispiel Gottes, der seinen Sohn auch ans Kreuz habe schlagen lassen. Er verlangt, dass Philipp Karlos der Inquisition übergibt.
11. Szene
(Zimmer der Königin)
Karlos ist im Mönchsgewand bei der Königin. Sie erinnert ihn an Posas Vermächtnis, Helfer der Niederlande bei ihrem Freiheitskampf zu sein, das er begeistert erfüllen möchte. Die Königin will jetzt auch mutig zu ihrer Liebe stehen, doch Carlos entsagt; er ist reif und erwachsen geworden und will Posas Auftrag erfüllen. Er erinnert die Königin an ihre Pflichten Philipp gegenüber, der einen Sohn verloren hat. Elisabeth bewundert Karlos in seiner neuen Größe. Da taucht der König mit dem Inquisitor auf und Karlos’ Schicksal ist besiegelt.

Weitere Inhaltsangaben zum Stück:
http://www.martinschlu.de/kulturgeschichte/klassik/schiller/doncarlos/1/inhalt.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Don_Carlos_%28Schiller%29

Das Lehrerheft zu „Don Karlos” ist im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen.

Schiller: Don Karlos – Analyse wichtiger Szenen

Analyse I 1
Schon bald erfährt man von Domingo, dass Carlos seit acht Monaten von einem „feierlichen“ Kummer befallen ist (V. 21 ff.). Dieser rätselhafte Kummer ist Anlass des Geprächs zwischen dem Mönch Domingo und Prinz Carlos, die sich hier gegenüberstehen: Domingo will in Carlos‘ Geheimnis eindringen, doch dieser lehnt es ab, Domingo ins Vertrauen zu ziehen.
Domingo drängt Carlos also, „dies rätselhafte Schweigen“ zu brechen und sich dem Vater, König Philipp II., anzuvertrauen (V. 4 ff.). Carlos wendet sich von Domingo ab, dessen dramaturgische Funktion in dieser Szene weithin darin besteht, die Vorgeschichte der gegenwärtigen unerfreulichen Situation aufzuhellen: Der Aufenthalt in Aranjuez hat anscheinend auch dazu gedient, Carlos aufzuheitern (V. 3 f.) – am Hof mache man sich Sorge um ihn (V. 24 ff.).
Carlos hat sich von Domingo abgewandt, fährt jedoch beim Stichwort „Mutter“ empor. Im Wechselgespräch der beiden wird dann die Vorgeschichte der jetzigen Situation berichtet: Philipp, seit Carlos Geburt verwitwet, hat Elisabeth, ehemals Braut seines Sohnes Carlos, „die schönste Frau auf dieser Welt“ (V. 45), geheiratet und hat von ihr eine Tochter (V. 31 ff., könnte somit einen weiteren Sohn bekommen). Carlos ist deswegen gekränkt und auf den Vater erzürnt, wie er andeutet (V. 28 f.).
Domingo scheint aus Carlos Worten herauszuhören, dass Carlos seiner früheren Braut böse ist, und erzählt eine Episode, um deren Interesse am Wohlergehen des Prinzen zu belegen (Unfall beim Turnier, Elisabeth sorgte sich mehr um Carlos als um ihren Mann, V. 53 ff.). Carlos hat sich die Geschichte „in Gedanken“ angehört, tut sie jedoch als „witzige Geschichte“ ab – möglicherweise misstraut er dem Boten Domingo – und weist „ernsthaft und bitter“ (Regie, V. 68) dessen Werben um Vertrauen zurück (V. 69 ff.). Dieser stellt sich jedoch als Carlos „Freund“ dar. Dagegen deutet Carlos voller Spott an, dass sein Verhältnis zum Vater äußerst gespannt ist (V. 77 ff.). Zugleich enthüllt er, dass Domingos als des Vaters Vertrauter auf dem Weg zum Kardinalsamt, also an seiner Karriere interssiert ist.
Domingo lässt sich nicht beirren und verweist auf das Beichtgeheimnis (V. 89 ff.), um Carlos eine Offenabrung seines Kummers zu erleichtern; auch dieses Angebot lehnt Carlos mit dem dunklen Hinweis ab, er wolle Domingo als Beichtvater („Siegelführer“, V. 97) nicht in Versuchung bringen, das Siegel des Beichtgeheimnisses zu brechen. Dies kann besagen, dass Carlos Vergehen schlimm ist, kann aber auch andeuten, dass auf Domingos Verschwiegenheit wegen dessen Nähe zum König kein Verlass ist. Er begründet sein Misstrauen doppelt, einmal mit den Karriereplänen Domingos (Papstamt, V. 104), sodann mit der Tatsache, dass er Domingo als Gesandten des Königs ansieht (V. 105 f.). Domingo tut erstaunt; da holt Carlos noch weiter aus und gesteht, dass er sich von einem Ring von Spitzeln des Königs umstellt sieht.
Domingo hört auf, in Carlos‘ Geheimnis zu dringen, und fragt, ob Carlos zum Empfang kommt; Carlos meldet sich eher resigniert dazu an, Domingo geht ab. In einem kleinen Schlussmonolog bedauert Carlos seinen Vater und deutet an, dass dieser „die fürchterlichste der Entdeckungen“ machen könnte, ohne zu sagen, worin diese bestünde. Nach dem Gespräch kann sie nur mit dem Dreieck Philipp – Elisabeth – Carlos zu tun haben.
   Zuerst hat Domingo das Gespräch bestimmt: Er spricht beinahe allein (bis V. 66); Carlos schweigt und wendet sich ab); Carlos setzt „ernsthaft und finster“ (Regie, hinter V. 68) zur Abwehr von Domingos an Versuchen an und erreicht, dass dieser „stutzt“ (V. 80). Er fasst Domingo bei der Hand (V. 99), als er ihm offen (V. 101) einen Korb gibt. Zum Schluss hat Carlos die größeren Anteile am Gespräch (ab V. 99).
Domingos Versuch, dieses Geheimnis zu ergründen, was Carlos offensichtlich belastet, ist gescheitert; doch ist Carlos‘ Situation deutlich geworden: Er sieht niemanden, dem er vertrauen könnte, und ist damit für seinen alten Freund offen, dem er in der nächsten Szene begegnet. Ansonsten ist bisher nur der Konflikt zwischen Vater und Sohn deutlich geworden (Elis. Frenzel: Motive der Weltliteratur, unter „Vater-Sohn-Konflikt“), ohne dass dessen Ursache zu erkennen wäre: Carlos sieht sich wenig geliebt (V. 37 f.), ist seinerseits zornig auf den Vater, der ihm seine Braut weggenommen hat (V. 28 f.). Die Spannung zwischen Vater und Sohn, zwischen König und Kronprinz wird das Geschehen bestimmen, wobei eine schöne Frau zwischen ihnen steht. Möglicherweise wird auch der Mönch Domingo mit anderen zwischen den Parteien vermittelnden oder sie beeinflussenden Figuren eine Rolle spielen.

Analyse I 2
In dieser Szene tritt Posa erstmals auf; die Szene kann im weiteren Sinn noch als zu I 1 gehörig angesehen werde, doch erhält das Geschehen bereits einen deutlichen Antrieb, weil Posa des Prinzen Herzenswunsch planend und handelnd vertreten will.
Im ersten Teil des Gesprächs (bis V. 180) treffen die beiden Jugendfreunde für Carlos überraschend aufeinander. Seine Fragen und sein Jubel zeigen seine Überraschung, lassen ihn in Posa einen von Gott (V. 142) geschickten Engel (V. 144) sehen und Hoffnung für sein krankes Herz (V. 134) schöpfen. Posa ist darüber bestürzt, versteht nichts (V. 135 ff.) und ist auch enttäuscht: Er hat einen starken statt eines zitternden Carlos erwartet und trägt sein Anliegen vor: Er kommt als „Abgeordneter der ganzen Menschheit“ (V. 157), also der Menschlichkeit, und sucht einen Retter Flanderns (V. 153 ff.). Carlos enttäuscht diese Hoffnung und tut alte Freiheitsgedanken als „Träume“ ab (V. 179), was Posa so nicht glauben will (V. 179 f.)
Bis zu dieser Stelle, dem Anfang ihrer Begegnung, waren die Gesprächsanteile etwa gleich; von jetzt an bestimmt Carlos das Gespräch mit seinen Klagen und seiner Bitte um Freundschaft: „Laß mich weinen, an deinem Herzen (…), du einz‘ger Freund“ (V. 180 ff.), worauf Posa mit „sprachloser Rührung“ (V. 190, Regie) antwortet. Posa verlässt also die Bühne der politischen Aktion und geht auf Carlos als Mensch zu; dieser klagt, dass er keinen Vater hat (V. 193 f.), und erinnert Posa an eine alte Dankesschuld (bis V. 260), womit er zugleich einen Teil ihrer Vorgeschichte darlegt. Posa reicht ihm die Hand (hinter V. 260) und stellt sich seiner alten Verpflichtung.
Damit ist der Weg für Carlos frei („jetzt“, V. 263), das vor Domingo gehütete Geheimnis (V. 267) zu lüften: dass er seine „Mutter“, also Elisabeth liebt (V. 270). Posa analysiert nach einem Schreckensruf (V. 270) die Lage nüchtern durch seine Fragen (V. 284 ff.); damit gibt er Carlos Gelegenheit, die Situation darzustellen und auch zu bewerten: In dieser Konfrontation mit dem Vater führt sein Weg „zu Wahnsinn oder Blutgerüste“ (V. 281). Carlos öffnet sich ganz auf Posas Bitte (V. 321) und zeichnet die dramatische Situation des Konflikts mit seinem Un-Vater (V. 305 ff. und V. 330 ff.); er sieht wie Posa (V. 345 f.), dass dieser Konflikt zum politischen Aufstand führen kann (V. 352 ff.). Damit ist der Handlungsrahmen des Dramas gespannt.
Nach einigem Stillschweigen (V. 357) schaltet Posa sich in diesen Konflikt ein und übernimmt mit seinem Denken die Führung: Carlos solle nichts ohne ihn unternehmen, was dieser überglücklich verspricht (V. 362 f.); dann überlegt Posa, wie er ein Treffen der Königin mit Carlos arrangieren kann (V. 363 ff.) – und das bedeutet, dass er Carlos Herzenswünsche mit seinem eigenen politischen Ziel verbinden zu können glaubt: eine Utopie – wenn sie denn gelingt.

Zur Analyse von I 5
Die Szene I 5 ist die Schlüsselszene des 1. Aktes, weil die Liebe des Prinzen Carlos zu Elisabeth von dieser in politische Bahnen geleitet wird: „Elisabeth
War Ihre erste Liebe. Ihre zwote
Sei Spanien!“ (V.791/93) Sie gibt Carlos das, was sie ihm geben kann: „Die Freundschaft Ihrer Mutter. / Und diese Tränen aus den Niederlanden.“ (V. 805 f.)
   Wer hat das Gespräch herbeigeführt? Carlos hat es sich gewünscht (V. 369 f.), um Elisabeth seine Liebe zu gestehen; Posa hat es eingefädelt, um Carlos von seinem Liebeswahn zu heilen und in sein eigenes politisches Programm einzubinden (I 2 und I 4). Elisabeth hat Posa heimlich nach Carlos gefragt (V. 528 ff. und V. 610 f.) und die allegorische Erzählung Posas verstanden (V. 599 ff.) – sie hat so indirekt dem Gespräch zugestimmt (V. 610 f., vgl. V. 619 ff.), auch wenn sie über die Möglichkeit, Carlos zu sprechen, erschrickt (Regie, nach V. 620 und V. 622: „mit wachsender Verwirrung“).
Zu Beginn stammelt Carlos mehr oder weniger klare Liebesgeständnisse; Elisabeth wehrt ihn ab und bittet ihn zu gehen (bis V. 655). Auch wenn Elisabeth an der Hofetikette leidet (I 3), ist ihr die Situation mehr als peinlich – sie weiß, dass sie den König „von diesem Überfalle“ informieren muss (V. 636 f.); so wirkt sie zunächst hilflos. Als Carlos sich weigert zu gehen, fragt Sie offen: „Was wollen Sie von mir?“ (V. 665). Damit leitet sie eine zweite Phase des Gesprächs ein, indem zunächst Carlos ihre Ehe mit Philipp in Frage stellt und sich an dessen Stelle träumt (bis V. 703), was sie nicht hinnimmt. Sie gesteht: „Ich liebe [dich, N.T.] nicht mehr.“ (V. 714) Als Carlos ihre Aussagen „hinterfragt“, beruft sie sich auf ihre Pflicht und das unabwendbare Schicksal (bis V. 721).
Als Carlos auch dies in Frage stellt und in Gedanken mit dem „Umsturz der Gesetze“ (V. 728) spielt, übernimmt Elisabeth die Gesprächsführung; sie greift seine Worte auf, um Carlos zurechtzuweisen, indem sie ironisch die Vision einer künftiger Leichen- und Mutterschändung entwirft (V. 734 ff.); so macht sie deutlich, dass Carlos die äußerste Grenze überschritten hat: Er verflucht sich darauf selbst (V.745) und schreit, dass er in seinem Konflikt wahnsinnig werde (V. 750 ff.). Sie hatte Carlos zuvor „lange und durchdringend“ (Regie, hinter V. 733) angeschaut; mit dem langen Blick hat Elisabeth Zeit gewonnen und ihre Gedanken geordnet.
In der vierten Phase des Gesprächs äußert sie kurz Verständnis für des verzweifelten Carlos‘ „namenlose Pein“ (V. 755); doch dann fordert sie („Erringen Sie…, Ermannen Sie sich…, Verdienen Sie… und opfern Sie…, Bringen Sie…, [die zweite Liebe] sei Spanien“) ihn auf, sich seiner politischen Aufgabe zu stellen und dort seine Erfüllung zu finden. Carlos ist überwältigt und wirft sich vor ihr nieder (Regie, hinter 794): „Ja, alles, was Sie verlangen, will ich tun!“ Damit hat Elisabeth ihr Ziel und indirekt Posa das seine erreicht; nach einigen kurzen Worten, in denen sie Carlos „die Freundschaft Ihrer Mutter“ (V. 805) versichert, gibt sie ihm die Bittbriefe aus den Niederlanden. Kurz darauf erscheint der König.
   Der Schluss wirkt so, als beruhte er auf einem Zufall: Carlos geht bereits und kehrt noch einmal mit einer Frage um; da erst gibt sie ihm die Briefe, als sei ihr diese Aufgabe für ihn gerade eingefallen – hat sie doch auch erst kurz vorher die Briefe gelesen (V. 609). Carlos ist nun entschlossen (I 7), Flandern zu retten: „Sie will es – das ist mir genug.“ (V. 901 f.) Für eine politische Entscheidung ist das eine schwache Begründung, genau wie schon der Freundschaftsbund mit Posa Carlos reicht, sein Jahrhundert herauszufordern  (V. 1013 f.)
Carlos hat in seiner Liebe den Spruch des Himmels und der Natur vernommen (V. 763); er hat sich auffallend häufig auf das Herz als die bestimmende Größe berufen (V. 679, 696, 701, 715, 718); Elisabeth hat die Tugend als M&¨glichkeit dagegen gesetzt (V. 761, 767); sie identifiziert ihn als den Enkel des großen Karls (V. 763 f.), auf den sein Amt wartet (V.787). Das ist ihm als (sublimierte?) wahre (Ersatz)Liebe angepriesen worden (V. 797 ff.); ob das einen Mann überzeugen kann, der sich beinahe so oft wie sein Geistesbruder Ferdinand von Walter auf die Stimme des Herzens beruft?
Auch Elisabeth wirkt in ihrer Königsamt-Rhetorik nicht ganz überzeugend: Carlos solle fühlen „die Wollust, [als König, N.T.] Gott zu sein“ (V. 790 f.); das klingt aus dem Mund einer Frau, welche sich so deutlich als Mensch gezeigt (I 3) und Posas Entschluss, „sich selbst zu leben“ (V. 516), bewundert hat, etwas seltsam. Carlos‘ Verzicht und sein Entschluss, für Flandern einzutreten, entsprechend zwar Posas Plan, kommen aber doch recht schnell zustande, sodass man sie als Leser oder Zuschauer mit Skepsis betrachten kann.

Aufbau von II 2
Es kommt zu dem von Carlos gewünschten Gepräch mit König Philipp. Dieser will den Infanten empfangen (V. 1018), doch Carlos möchte als Kind den Vater sprechen (V. 1022 ff.) und setzt es durch, dass Alba sich auf Geheiß des Königs entfernt (II 1).
Carlos beklagt, er sei verstoßen, und bittet mit großem Pathos (fällt nieder, 1040) um Versöhnung mit dem Vater (dreimal „jetzt oder nie“, V. 1056, 1060, 1070); der König weist seine dramatischen Gesten, erst recht seine Tränen (V. 1068) als Verstellung zurück. Da beklagt Carlos seinen Vater als einen „Fremdling“ (V. 1078), der nicht zu den Menschen zählt; doch gibt er den Kampf um das Vaterherz (V.1090) noch nicht auf; er beschuldigt die Höflinge, ihn aus des Königs Gunst vertrieben zu haben, und zeigt Philipp auf, wie dieser in ihrer Mitte allein ist (ab V. 1092 ff.). Dieses Stichwort nimmt Philipp „ergriffen“ auf (V.1111); Carlos hat einen ersten Teilerfolg errungen.
Nun ergreift Carlos die Gesprächsführung und zeichnet das Bild vom „Erdenparadies“ (V. 1130), wenn sie beide Hand in Hand zusammenwirkten. Nach einem kurzen Wortwechsel darüber, wer denn wohl dieses Paradies bisher verhindert habe (V. 1131 ff.), zeigt Carlos, was ihn antreibt: „Ich bin erwacht, ich fühle mich.“ (V. 1151) Die Weltgeschichte rufe ihn zu Taten (1158 ff.).
Mit seiner zweiten Bitte (V. 1161 ff.) leitet er eine neue Phase des Gesprächs ein: Er bittet um den Oberbefehl über das Heer, das nach Flandern gehen soll (V. 1164 ff.). Dreimal wiederholt diese Bitte (V. 1190 ff.), die der König entschieden ablehnt: Das Amt erfordere einen Mann; Alba werde gefürchtet; der „Herrschbegierde“ (1192) Carlos‘ könne er nicht sein bestes Heer anvertrauen. Als letzte Begründung seiner Bitte führt Carlos an, er selber brauche eine Luftveränderung, um sich als Mensch zu erholen (V. 1223 ff.). Diese unpolitische Begründung kontert der König mit dem Hinweis, solche Kranke bedürften guter Pflege unter der Obhut des Arztes (V.1229 ff.); er bleibt hart.
Carlos ist außer sich; er fragt noch einmal den „Vater“ (V. 1234); der „König“ steht jedoch zu seiner Entscheidung (V. 1236). Philipp behält so die Unterscheidung von Vater und König bei, mit der Carlos das vertrauliche Gespräch erzwungen und auch einen Teilerfolg erzielt hat; bei politischen Entscheidungen will Philipp König, nicht Vater sein.
   In der folgenden kurzen Szene (II 3) deckt Philipp auf, dass Alba ihn als erster vor einem Anschlag seines Sohnes gewarnt hat (V. 1253 f.) und dass Carlos künftig seinem Thron näher steht, was jener aber nicht weiß (vgl. V. 2276 f. – einer der fatalen Irrtümer Carlos‘ in diesem 2. Akt). Alba, der von Carlos beleidigt worden war (V. 1033 f., vgl. V. 1389 f.), ist über dessen Verachtung (V. 1250) empört und legt Philipps Auftrag, sich mit Carlos zu versöhnen (V. 1251 f.), recht eigenwillig aus (II 5). Er ist „erklärter Feind des Prinzen“ (V. 2167 f.) und schmiedet mit Domingo ein Komplott gegen Carlos (II 10).
Der Prinz hat den Weg zum Vaterherzen gesucht, wenn auch anders, als Domingo sich das vorgestellt hat (V. 5 f.). Für den Leser ist unklar geblieben, was zur Verstimmung zwischen Carlos und dem König geführt hat, ob das primär Albas Warnung (II 2) oder des Prinzen Liebe zu Elisabeth (I 1, I 2) gewesen ist; ob Philipp seinen Sohn ausgeschlossen (V. 1134 ff.) oder dieser des Vaters Gegenwart gemieden (V. 874 f.) hat.

Analyse II 15
Carlos und Posa haben sich zu einem Treffen im Kartäuserkloster verabredet, zwei Tage (V. 2266 f.) nach ihrem letzten Gespräch (in I 9); jeder wartet ungeduldig auf den anderen (II 14). Wie sich im Gespräch ergibt, will Posa wissen, wie Carlos‘ Gespräch mit dem König verlaufen ist, während Carlos Posa dafür einspannen will, ein Rendezvous mit Elisabeth zu arrangieren – die Situation gleicht der zu Beginn ihres ersten Gesprächs (I 5).
Der Marquis fragt zuerst; Carlos antwortet „nebenbei“ (V. 2279), dass Philipp seine Bitte abgelehnt hat, worüber Posa maßlos enttäuscht ist (bis V. 2278). Dann trägt er sofort seine Bitte vor: „Ich muss sie sprechen -“ (V. 2281 f.), weil er neue Hoffnung habe. Er begründet diese damit, Elisabeth sei jetzt „frei“ (V. 2290), und erzählt die Geschichte seiner Begegnung mit Fürstin Eboli. Posa hat des Freundes Hoffnung als neuen Fiebertraum abgelehnt (V. 2287) und analysiert die Situation Carlos‘ gegen dessen schöne Hoffnungen negativ (V. 2323 ff.).
Nach Carlos‘ Einwand, die Eboli sei „tugendhaft“ (V. 2328), bestimmt Posa das Gespräch: Er analysiert die Tugendhaftigkeit der Eboli als erzwungen, was sich zeige, wenn man sie mit der Elisabeths vergleiche (bis V. 2367). Als der Prinz seine Überlegungen heftig ablehnt (zweimal, V. 2367 und V. 2383) und erneut seinen Wunsch äußert, Elisabeth zu sprechen, was Posa ermöglichen soll, geht dieser energisch vor: Zuerst zerreißt er den Brief des K&¨nigs an die Eboli, also den Beweis von des Königs Untreue oder zumindest dem Versuch dazu. Dann blickt er Carlos lange durchdringend an (V. 2403; vgl. auch V. 733 und V. 1191) und holt zu einer moralischen Entlarvung von des Prinzen Egoismus aus (bis V. 2423): Carlos liebe, anders als früher, nur noch sich selbst. Der ist erschüttert, wirft sich in einen Sessel und beginnt zu weinen; Posa hat ihn moralisch besiegt.
Der Marquis macht sich nun daran, seinen Freund wieder aufzurichten: Es liege nur eine „Verirrung lobenswürdiger Gefühle“ (V. 2426, ähnlich V. 2437 und V. 2445) vor: „Du hattest diesmal selbst dich missverstanden.“ (V. 2440) Das genügt, um Carlos so zu erheben, dass er Posa um den Hals fällt und alles tun will, „was du und hohe Tugend mir gebieten“ (V. 2462 – unklar ist, ob mit „hohe Tugend“ die Tugend selbst oder die tugendhafte Königin gemeint ist). Posa hat ihm nämlich angedeutet, ihm sei gerade ein kühner Plan eingefallen, „ein Anschlag, den höhere Vernunft gebar“ (V: 2457 f., vgl. V.2452 f.); aus Elisabeths Mund solle Carlos ihn hören und zu diesem Zweck sie wiedersehen. Sie umarmen sich zum Abschied; Posa wird noch informiert, dass die Post nach Flandern kontrolliert wird, dann gehen sie auseinander.
Posa hat sich mit seinen politischen Zielen gegen die Herzenswünsche seines Freundes durchgesetzt, wenn auch nicht mittels seiner Psycho-Analyse (V. 2324 ff.), so doch mit moralischem Druck und etwas Gewalt (Brief zerrissen). Man gewinnt den Eindruck, dass Posa die Königin und ihre Ausstrahlung instrumentalisiert, um Carlos für seine wenn auch früher von Carlos geteilten politischen Ziele (vgl. 2413 ff.; V. 2010 ff.; V. 152 ff.) einzuspannen. Ihm fallen schnell Pläne ein, wenn es schwierig wird; er ist sich der Mitwirkung Elisabeths sicher. Carlos scheint ihm blind zu folgen, ohne selber mitplanen zu dürfen; er beugt sich den moralischen Appellen Posas.

Analyse III 10
Der König, von der Eboli über das (angebliche) Verhältnis seiner Frau mit Carlos informiert (II 10), ist voller Zweifel (III 1) an ihrer Treue und wendet sich nacheinander an Lerma (III 2), Alba (III 3), der ihn über das Treffen der beiden in Aranjuez informiert, und Domingo (III 4), der ihn mit dem Gerücht von der Illegitimität seiner Tochter konfrontiert, um schließlich zu bemerken, dass er von ihnen keine „Wahrheit“ (V. 2820) erhält; er sucht „einen Menschen“ (V. 2809), also jemand, der ihm wirklich offen und uneigennützig die Wahrheit bietet (V. 2820 ff.), und stößt dabei auf den Namen des Marquis Posa (2839), der unter allen seinen Beratern keinen Gegner hat (V. 2889 ff.) und den er zu sich bestellt (2930 f.).
Posa hat sich bei Carlos, seinem Jugendfreund, als Abgesandter der Niederlande eingefunden (V. 153 ff.), hat der Königin entsprechende Briefe überreicht (Regieanweisung nach 505, V. 808); als Carlos‘ Bitte, das Heer nach den Niederlanden zu führen, vom König abgelehnt worden ist (II 2), hat Posa einen neuen Plan gefasst, den er aber Carlos nicht darlegt (V. 2452 ff.). Zum König gerufen, reflektiert er seine Situation und beschließt, in diesem Gespräch unabhängig von des Königs Absichten seinem eigenen Auftrag getreu zu handeln: „Ich weiß, / Was ich – ich mit dem König soll“ (V. 967 f.) und ihm „eine Feuerflocke Wahrheit“ (V. 2969) zu vermitteln.

Das Gespräch in der langen Audienz entwickelt sich in mehreren Schritten. Zuerst dominiert der König, der sich von Posa ein erstes Bild machen will (bis 3004); Posa hält dabei an einer Stelle inne (3005) und zeigt, dass es außer dem Untertan auch noch den (der Vernunft gehorchenden) Weltbürger (3007) gibt, als der er sich dann vorstellt (bis 3084). Als der König sich erhebt und ihm gegenübersteht (Regie), muss er sich gegen den Vorwurf der Schauspielerei verteidigen (bis 3134). Das Auftreten Lermas unterbricht das Gespräch und Posa trägt dann seine Bitte vor: Angesichts der chaotischen Verhältnisse in Flandern fordert er vom König Gedankenfreiheit für die Untertanen (3215 f.), worauf er sich niederwirft und damit gleichsam der rebellischen Forderung die Spitze nimmt. Er begründet dann seine Forderung (bis 3252), worauf der König zunächst mit einem großen Schweigen reagiert (Regie); darauf antwortet dieser, Posa dürfe ein freier Mensch sein, mehr sei nicht drin (bis 3294). Der König beendet mit einem Machtwort dieses Thema und bindet dann Posa an sich, indem er ihm höchst vertrauliche Aufträge gibt: das Vertrauen der Königin und des Prinzen zu „gewinnen“, das Posa ohne des Königs Wissen längst besitzt – eine Übereinstimmung, die zu unübersehbaren Konsequenzen führen kann.
(Damit sind der Rahmen und der Aufbau des Gesprächs in sieben Schritten musterhaft beschrieben. Da die Gesamtanalyse zu umfangreich würde, begnüge ich mich mit der Analyse des zweiten Schrittes:)

Posa hält in seiner Ausführung inne und scheint einen Einwand zu bedenken („Doch -“, 3005). Der König bemerkt es und fragt ihn danach (3005); Posa lenkt den Blick auf das Problem der Freiheit des Wortes (3007 f.), worunter auch die Gründe fallen, die ihn bewogen haben, aus dem Dienst des Königs zu scheiden (vgl. 2991 ff.). Vom König etwas provokativ befragt (3013 f.), stellt er die Chance, diesem die Wahrheit zu sagen, im Wert höher als sein dadurch vielleicht gefährdetes Leben. Der König blickt ihn darauf „mit erwartender Miene“ an. Posa hat nun das Wort und nutzt es zur großen Selbstdarstellung mit dem erstaunlich offenen Bekenntnis: „Ich kann nicht Fürstendiener sein.“ (V. 3022 und 3065) als Rahmen.
Was das heißt, erklärt Posa in zwei Aspekten:
1. Als Diener müsste er auf Anerkennung („Beifall“, 3028) seines Herrn aus sein, statt auf den Wert seiner Taten an sich zu achten. Er will aber nicht in diesem Sinn bloß Meißel in der Hand eines anderen, sondern selber „Künstler“ sein (3036 f.): „Mir hat die Tugend eignen Wert.“ (3030).
2. Die entsprechende Möglichkeit, die ganze Menschheit zu lieben, sei ihm in Monarchien deshalb genommen, weil er als Diener nach der Logik des Dienens nur sich selbst lieben könne (bis 3039). Hier spricht Posa im Sinn einer Sentenz des an Kant geschulten Autors Schiller:
   „Der eine fragt: Was kommt danach?
Der andre fragt nur: Ist es recht?
Und also unterscheidet sich
der Freie von dem Knecht.“
(auswendig, im Moment nicht nachweisbar)
Der König sieht unter dem Stichwort „Gutes stiften“ die Differenz zwischen dem frei Denkenden und dem loyalen Bürger aufgehoben und bietet Posa an, sich selbst eine passende Aufgabe („Posten“, 3043) zu suchen. Posa lehnt dieses Angebot ab, weil es diesen Posten nicht gebe, und kommt in seiner Begründung auf die aufklärerische Frage nach der Wahrheit zu sprechen. Er bindet den Zugang zum Glück (bis 3054) und die Möglichkeit zur Bruderliebe (3059/64) an das Recht, die Wahrheit unverkürzt zu suchen und zu sagen (3055 ff., 3061), wogegen ein König nur eine frisierte Wahrheit dulden könne. Die Freiheit, die hier in der Trinität von Glück, Liebe, Wahrheit gefordert wird, führt auf den Weg der Aufklärung (vgl. Kants Antwort auf die Frage: Was ist Aufklärung?).
Den Einwand oder Vorwurf des Königs: „Ihr seid ein Protestant.“ (3065 f.), der diese Aufklärung in die Sprache des 16. Jh. „übersetzt“, weist Posa zurück (3066 f.), indem er dem König „religiös“ widerspricht, politisch aber Recht gibt: Das Geheimnis königlicher Macht werde durch Denken entzaubert (3068/70). Weil er selbst gedacht habe, sei er „gefährlich“ (3073). Posa versucht die voraussehbare Angst oder Sorge des Königs zu zerstreuen: Er wolle seine Wünsche nicht in die Öffentlichkeit tragen (3074 f.); was das bedeutet, wissen wir seit Kants genanntem Aufsatz von 1784. Posa stellt sich als bloß denkenden Mitbürger „derer, welche kommen werden“ (3080), seine Vorstellungen als bloßes „Gemälde“ (3081), nicht als politischen Plan dar, um des Königs Angst zu zerstreuen; er stellt dem König anheim, mit einem Befehl („Ihr Atem“) ihm Stillschweigen aufzuerlegen. Abschließend fragt der König, ob er als erster von solchen Gedanken Posas erfahre; Posa lügt, als er „Ja“ sagt (3084).
     Posa hat diesen Teil des Gesprächs wesentlich bestimmt. Er hat einen kühnen Vorstoß unternommen und gleichzeitig mit dem Hinweis, er sei kein Revolutionär (3075/78) und wolle sein Vision jetzt noch nicht verwirklicht sehen (3079 f.), sondern im Namen der Weltgeschichte sprechen (vgl. 3188/92), aus höherer Vernunft sozusagen, dem König die Möglichkeit gegeben, moderat zu reagieren. Beide gewinnen im Hinblick auf den ausstehenden Ausgang der Weltgeschichte Zeit.
Durch Guthke („Schillers Dramen“, 1994) angeregt möchte ich kurz ausdrücklich auf das Stichwort „Künstler sein“ als Ziel Posas hinweisen (3037); in diesem Künstlersein spielen Pflicht und eigenes Wollen im Sinn Schillers bzw. Kants zusammen. Das utopische Gesamtbild seiner Vorstellungen nennt Marquis Posa entsprechend ein „Gemälde“ (3081).
(So stelle ich mir eine ausführliche Analyse vor, ohne zu erwarten, dass ihr das als Hausaufgabe geleistet hättet oder in genau der gleichen Intensität in der Klausur leisten könntet – aber doch fast beinahe?)

Neues Schema: Aufbau III 10

1. Einleitendes Gespräch: warum Posa nicht im Dienst des Königs ist;
Posa unterscheidet, wie er als Weltbürger – als Untertan spricht.
Er bekennt: Ich kann nicht Fürstendiener sein (V. 3023).
2. Er erklärt, warum er nicht Fürstendiener sein kann: Der König verbreitet kein Menschenglück; Posa möchte den Bruder lieben und denken dürfen. „Ich kann nicht Fürstendiener sein.“ (V. 3065, Wdhg. von 3022) Er beruhigt den König: Diese Vision betrifft erst die Zukunft (V. 3079 f.); der König höre sie als erster aus seinem Mund (V. V. 3083 f.)
3. Der König äußert den Verdacht, Posas Rede sei ein Trick, um Karriere zu machen.
Posa entschuldigt diese kleinliche Denkweise des Königs
und zeigt, dass der König zum „Gott“ gemacht worden und doch sterblich geblieben ist; der König ist betroffen.
4. Am Beispiel von Flandern und Brabant zeigt er, dass der König nur den Tod sät; er fordert ihn auf, das Menschglück zu fördern und Gedankenfreiheit zu geben.
Er verbindet diese Forderungen mit einer politischen Analyse des europäischen Geschehens (V. 3162 ff.) und seiner politischen Philosophie (V. 3217 ff.).
5. Der erstaunte König (V. 3216) denkt über Posas Reden nach (V. 3252/53). Er warnt ihn vor der Inquisition, will ihm persönlich aber alle Freiheit lassen und erlauben „Mensch zu sein“ (V. 3278). Als Posa noch einmal auf Flandern zu sprechen kommt, winkt der König ab (V. 3285 ff.).
6. Philipp stellt Posa ab sofort in seinen Dienst, nachdem dieser sich noch geziert hat.
7. Er erinnert sich seines Anliegens („Wahrheit“, V. 3302, vgl. 2820) und erteilt Posa den Sonderauftrag, Elisabeth und Carlos auszuforschen (bis 3350).

Analyse III 10 Dies ist die Schlüsselszene des 4. Aktes, weil Posa hier seinen Plan enthüllt und Elisabeth ihre Rolle zuweist. Elisabeth scheint Posa gut zu kennen (V. 3417), ohne dass jemals klar würde, woher sie ihn kennt; dass er im Turnier für sie gekämpft hat (V. 485) und ihr Briefe überbringt (I 2), kann die Bekanntschaft nur bestätigen, nicht erklären.
Elisabeth hat bemerkt, dass der Schlüssel ihrer Schatulle fehlt (IV 1); der Zuschauer weiß aus dem Auftreten der Eboli nach ihrer „Krankheit“, dass sie mit dem König geschlafen und die Schatulle erbrochen hat. Was Elisabeth vom Geschehen seit I 5 weiß, wissen wir nicht; sie hat das Duell Carlos‘ mit Alba beendet und mit diesem danach gesprochen – mehr weiß man nicht. Der Akteur ist hier Posa.
Dieser möchte die Königin allein sprechen und beruft sich dabei auf seinen Auftrag; im Wortgeplänkel darüber, wie es möglich ist, dass er in des Königs Auftrag kommt (V. 3379 ff.), bezeichnet Elisabeth den Marquis als einen Menschen, der nichts „unternähme, was nicht geendigt werden kann“ (V. 3400 f.), was der (vielleicht nur rhetorisch?) bezweifelt – ein hellsichtiger Hinweis auf das Ende des 4. Aktes, wo er gescheitert ist; das Gespräch IV 21 sollte man als Gegenstück zu IV 3 lesen.
Elisabeth wirft ihm dann, um sich seine neue Position zu erklären, in Posas Worten „Zweideutelei“ vor (V. 3405, ohne das Wort selber auszusprechen); sie spricht von „Unredlichkeit“ (V. 3405 f.) und fragt, ob der gute Zweck solche schlimmen Mittel heiligen kann (V. 3408 f.). Posa rechtfertigt sich damit, dass er den König nicht betrügen, sondern ihm „redlicher“ dienen wolle, „als er mir aufgetragen“ hat (V. 3415 f.) – eine Erklärung, die Elisabeth als zu Posas Charakter passend gelten lässt; sie unterschätzt offensichtlich Posas Intrige, die sie noch nicht kennt, und glaubt den Worten vom redlichen Dienst.
Sie fragt dann: „Was macht er?“ (V. 3417) Vermutlich meint sie den König; Posa überbringt ihr dessen Auftrag oder Befehl (V. 3418 ff.). Als sie weiter fragt und dabei ihm zugesteht, ihr etwas als geheim vorzuenthalten (V. 3430 ff.), rechtfertigt Posa sein Schweigen mit der engelgleichen (V. 3441) Tugend Elisabeths, welche Warnungen an sie überflüssig machten – zu Recht, wie sich in IV 9 und IV 14 zeigt.
Als Posa des Prinzen Bitte erwähnt, Elisabeth zu sprechen, lehnt sie das indirekt ab mit dem Bekenntnis, sie sei unglücklich; wenn das Carlos sähe, würde er auch nicht glücklicher. Posa kontert: Das würde Carlos tätiger machen (ein Vorgriff auf sein Bekenntnis in IV 21). Er entwickelt dann seinen Gedanken, Carlos müsse etwas tun und Flandern müsse gerettet werden. Auf Elisabeths Frage erklärt er, das Mittel dazu sei „fast so schlimm als die Gefahr“ (V. 3461). Elisabeth spricht es aus: „Rebellion“ (V. 3468). Posa weist ihr den Part zu, dies Carlos zu sagen. Er erklärt ihr, wieso der in Flandern erfolgreiche Carlos vom König dann akzeptiert würde (V. 3468 ff.).
Die Königin zögert, bei diesem Plan mitzumachen; schrittweise begeistert sie sich dafür, als Posa ihr erklärt, wieso erfahrene Heerführer des alten Kaisers Karl Carlos dann berieten; sie überlegt schon, welche Mittel sie zum Gelingen beisteuern kann (V. 3494 ff.). Sie erkennt jedenfalls bedrückt, dass Carlos‘ Rolle in Madrid diesen nicht ausfüllen kann. Als sie sich noch einmal überlegen will, ob sie wirklich mitspielt, setzt Posa sie unter Druck (V. 3500 ff), er müsse Carlos eine Antwort übermitteln. Die Königin willigt unter diesen Umständen in das Gespräch mit dem Prinzen ein.
Im Schlussgeplänkel geht es um die Frage, wie der Marquis zu seiner Vollmacht („Freiheit“, V. 3506) kommt, die Königin jederzeit zu besuchen; Posa erklärt ihr aber nichts. Sie ist jedoch davon begeistert, dass nun in Flandern die Freiheit in Europa einen Platz  finden kann; das veranlasse sie dazu, „meinen stillen Anteil“ (V. 3513) zu leisten. Als Herzogin Olivarez erscheint (V. 3514), hört das vertrauliche Gespräch sofort auf und der Ton der Etikette kehrt zurück.
   Ein Teil von Posas Plan ist offenbar geworden; die Königin ist bereit, bei Posas Spiel mitzumachen, obwohl sie seine Unredlichkeit gegenüber dem König und die vermeintlich gute „Rebellion“ erkennt. Es scheint so, als könnte Posas Plan zur Rettung Flanderns und zur Aktivierung des Freundes Carlos gelingen.


IV 9 – Analyse: Gesprächsabschnitte

Situation:
Elisabeth vermisste die Schlüssel ihrer Schatulle und wollte diese deshalb aufbrechen lassen (IV 1); dies ist inzwischen geschehen – sie hat entdeckt, dass sie bestohlen worden ist, und will beim König Hilfe holen.
Philipp hat ohne Wissen Elisabeths aus dieser Schatulle Briefe und ein Medaillon Carlos‘ in seinen Besitz gebracht und ist von Eifersucht aufgewühlt (seit III 1); er hat gerade erst wieder in dieser Eifersucht seine Tochter von sich gestoßen (IV 7) und will Elisabeth in dieser Stimmung nicht sprechen (IV 8). Doch sie betritt das Zimmer ohne Erlaubnis.
Gesprächsabschnitte
1. Elisabeth bittet kniefällig um Hilfe und teilt dem König mit, was ihr fehlt; dieser wiederholt beinahe sarkastisch einzelne Phrasen, sodass (ab 3691) seine Vorwürfe deutlich werden, welche Elisabeth zu entkräften weiß. Der König ist bewegt, ohne dass dies deutlich erklärt würde.
2. Als die Infantin das vermisste Medaillon auf dem Boden entdeckt, was den König als Täter zeigt, klagt Elisabeth ihren Mann ironisch und auch ihn beklagend wegen seines Vorgehens an. Der König geht zum Gegenangriff über, indem er an ihre Lüge in Aranjuez erinnert (3720). Es kommt zu einem Streit um die verletzte „Ehre“ (3729 ff.). Gegen des Königs Frage nach dem „Warum?“ behauptet Elisabeth sich: Sie wollte Carlos sprechen (und setzt ihre Einsicht über „den Gebrauch“, also die höfische Sitte); und sie will jenen in Zukunft nicht gering schätzen müssen, nur weil er ihr Verlobter war.
3. Gegen diese Selbstbehauptung setzt der König seine Drohungen (ab 3772): Er wolle keine Verfehlung mehr hinnehmen; Elisabeth verteidigt sich mit der Frage: „Was hab ich denn begangen?“ Der König geht so weit, dass er droht, sich über jede Schranke hinwegzusetzen: „Dann meinetwegen fließe Blut -“ (3777). Sie kann ihn nur noch bedauern – der König stößt in der Wut seine Tochter fort und wirft seiner Frau Ehebruch vor.
4. Damit hat er eine Grenze überschritten – Elisabeth nimmt die Infantin und kündigt an, sie werde in Frankreich  Helfer und Rechtsbeistand suchen. Sie geht und bricht zusammen (ab 3794). Philipp lenkt ein, entschuldigt sich auch unbeholfen („fürchterlicher Zufall! Blut“); er fürchtet einen Skandal und bittet Elisabeth aufzustehen.
Ergebnis des Gesprächs
In der Härte der Konfrontation ist einiges klar geworden: Der König traut der Treue seiner Frau nicht; diese setzt der Etikette ihren Willen und ihre Selbständigkeit entgegen. Der König greift zwar schon unbewusst auf das Ende des Geschehens vor („Dann meinetwegen fließe Blut -“), scheut hier aber noch vor dieser letzten Konsequenz zurück, weil Elisabeth ihre Unschuld glaubhaft dargestellt hat, vgl. IV 10: ein retardierendes Moment vor dem Untergang.

Ich möchte ausdrücklich auf diese Kurzform der Analyse als Möglichkeit hinweisen, die mit der Zeitknappheit bei Klausuren rechnet:
* Situation der Gesprächspartner, wie sie sich aus der Vorgeschichte ergibt;
* Abschnitte oder Phasen des Geschehens (nicht des „Inhalts“!);
* Ergebnis des Gesprächs.
Eine solche Kurzanalyse stellt eine große Hilfe für das Verstehen dar, weil sie es verhindert, dass der Blick sich in den Einzelheiten verliert.
Ein Kurzanalyse kann auch dazu dienen, mit der Zeitknappheit in Klausuren pragmatisch umzugehen: Entweder verzichtet man auf die Detailanalyse und begnügt sich mit einer Analyse auf der Ebene der Gesprächsabschnitte bzw. -phasen; oder man setzt diese Übersichts-Analyse in Einzelanalysen fort, soweit die Zeit reicht.

Analyse V 1 und V 3
Vielleicht darf man V 3 als die Schlüsselszene des 5. Aktes bezeichnen; zu ihr gehört unmittelbar V 1 (eine Art Doppelszene bzw. große Szene mit Unterbrechung durch V 2): Posa erklärt seinem Freund das undurchschaubere Geschehen und stirbt für ihn, was aus Carlos einen anderen Menschen macht.
Carlos glaubt sich dank Lermas Information von Posa hintergangen (IV 4 und IV 13), hat sich dann in seiner Verzweiflung an die Eboli gewandt (IV 15) und ist verhaftet worden. Posa kommt vermutlich zu Carlos, um ihm sein eigenes Handeln und des Freundes Situation zu erhellen bzw. ihm Beistand zu leisten (V. 4489f.). Er hat jedoch dessen Gefühle bzw. dessen Unverständnis, wie sich bald im Gespräch ergibt, verkannt.

Die erste Regieanweisung („steht auf…“) zeigt dies; Carlos „fährt erschrocken zusammen“, als Posa erscheint. Er „freut“ sich, dass dieser ihn nicht vergessen hat (V. 4492) und ihm doch irgendwie „gut geblieben“ (V. 4493) sei. Posa versteht Carlos‘ traurigen Tonfall erst, als dieser von Posas „Milde“ und harter Tugend spricht und sich selbst als „Opfer“ bezeichnet (V. 4495 ff.); da fragt Posa: „Wie meinst du das?“ (V. 4506) Carlos stellt nun seine Sicht dar: Seine Liebe zu Elisabeth habe ihn zerrüttet, Posa könne als Günstling des Königs der Retter Spaniens werden; er billigt Posas vermeintliche Planung, weil er selbst offenbar Spanien zu retten  „gesollt und nicht gekonnt“ habe (V. 4507 ff.). Posa ist erschüttert, dass ihm diese vermeintliche Untreue von Carlos vergeben wird (V. 4522 ff.), und bekennt, dass er sich verrechnet hat: „Mein Gebäude stürzt zusammen – ich vergaß dein Herz.“ (V. 4526 f. – so hatte ihm bereits Elisabeth vorgeworfen, er habe sie und ihr Herz vergessen, V. 4343 ff.). Carlos versteht Posas Reaktion nicht und wirft ihm nun vor, dass auch Elisabeth geopfert werde, nimmt aber den Vorwurf sogleich zurück (V. 4528 ff.).
Diesen Vorwurf weist Posa als ungerecht ab (V. 4536) und  gibt Carlos dann einige Briefe (vgl. IV 5) zurück; im Gespräch über diese Briefe zeigt sich, dass Carlos weiß, dass der König einige seiner Briefe kennt, was aber Posa nicht wusste: Lerma hatte jenen informiert (V. 4540 ff.). Posa erklärt ihm dann, dass er Carlos aus gutem Grund verhaftet habe, um ihn vor Gräfin Eboli zu schützen. Da geht Carlos ein Licht auf, er ist „wie aus einem Traum erwacht“ (V. 4558): „Ha! Nun endlich! Jetzt seh ich – jetzt wird alles Licht -“
(V. 4558 f.). [Darüber kommt Alba und unterbricht das Gespräch, um ihm mitzuteilen, dass er frei ist (V 2). Carlos beharrt jedoch darauf, dass der König selber kommt, ihm dies mitzuteilen.]

Analyse V 3
Carlos fragt verwundert, wieso wohl Alba trotz Posas Aufstieg gekommen sei; Posa versteht, dass dessen Kommen seinen eigenen Untergang bedeutet, den er durch den Brief nach Flandern (IV 22) selbst eingeleitet hat. Er preist das Gelingen seines neuen Plans (bis V. 4604) und schickt sich an, von Carlos Abschied zu nehmen; Carlos ist erschüttert. Posa erklärt dann in einer langen Rede, die nur gelegentlich kurz von Carlos unterbrochen wird, wie und warum er so gehandelt hat: um Carlos in vermeintlicher Feindschaft „kräftiger zu dienen“ (V. 4634). Dann bekennt er, dass er im Vertrauen auf Carlos‘ Freundschaft („auf deiner Freundschaft Ewigkeit gegründet“, V. 4647) diesem nicht seinen Plan mitgeteilt hat, was Carlos zu seinem unbedachten Gang zur Eboli veranlasst habe (V. 4640 ff.); das wiederum habe ihn gezwungen, Carlos zu verhaften und den verräterischen Brief nach Brabant zuschreiben (V. 4670 ff.).
Während der Rede ist Carlos aus seiner Versteinerung erwacht und aufgestanden (V. 4648 ff.); als er dann begreift, dass Posa den Brief absichtlich hat entdecken lassen, begreift er diese Opfertat und erstarrt (V. 4709). Er will sofort zum König, um diesen über den Betrug aufzuklären; Posa verhindert das. Im heftigen Wechselgespräch erinnert Posa ihn daran, dass Carlos selbst für den Freund einst eine Strafe übernommen hat – dabei sieht er ihn „bedeutend“ an (V. 4715 ff.) – hier schließt sich der in I 2 eröffnete Kreis im Dank für die alte Freundestat. Posa ist also das Opfer, nicht Carlos (V. 4504 f.). Carlos ist gerührt, voller Bewunderung (Regie, hinter V. 4718 – solche wird ihm selber dann von Elisabeth zuteil, V 11).
Posa kann nun sein Testament eröffnen: „Rette dich für Flandern!
Das Königreich ist dein Beruf. Für dich
Zu sterben war der meinige.“ (V. 4718/20) Carlos widerspricht: Nein!
Er will zum König gehen, um ihn durch solche Freundestat menschlich zu rühren und selber Verzeihung zu erlangen (V. 4720 ff.). Da wird Posa durch die Gittertür erschossen; er sagt zu Carlos noch, dass Elisabeth alles weiß. Er stirbt. Der König erscheint mit den Granden.
   Von Posas Freundschaftstat ist Carlos überwältigt, von seinem Tod erschüttert; er sagt sich vom König als Vater los (V 4 – im Gegenzug zu I 1 f. und vor allem II 2), um Posas Testament zu erfüllen, und beschuldigt ihn des Mordes an Posa. Der König ist dadurch seelisch zerstört. Was aus dem verzweifelten König in der allgemeinen Bestürzung wird, ist unklar.

Analyse V 11
Diese Szene ist der Höhepunkt des Dramas, weil sie Carlos‘ Vollendung im Untergang zeigt: Er wird verhaftet (und hingerichtet), aber er ist als Mann und Königssohn infolge der Freundschaftstat Posas reif geworden.
Gegen Lermas guten Rat (V 7) ist Carlos nicht geflohen, sondern hat auf das nächtliche Treffen mit der Königin gewartet, weil Posa den Auftrag dazu gegeben hat (V. 4887 ff.). Die Königin soll Carlos in seiner Mission nach Flandern bestärken (IV 21), was sachlich gar nicht mehr nötig wäre, da Carlos, von des Freundes Opfertod überwältigt, bereits entschlossen ist, dessen Testament zu erfüllen (V 3) und die Aussöhnung mit dem Vater ausgeschlossen hat (V 4).

Elisabeth eröffnet das Gespräch mit dem als Kaisergespenst verkleideten Carlos; sie weiß nicht, in welcher Verfassung Carlos zu ihr kommt, und schließt mit Berufung auf den großen Toten jede menschliche Annäherung aus (V. 5283 ff.); dann bittet sie Carlos um ihrer Zusage willen, Posas Auftrag zu erfüllen (V. 5291 ff.). Als der Prinz begeistert verspricht, ein „Paradies“ (in Flandern, in Spanien?) zu erschaffen, ist Elisabeth ihrerseits begeistert (V. 5297 ff.); sie spricht dann von Posas zweitem Auftrag und will die Stimme ihres Herzens sprechen lassen, dass sie nämlich Carlos immer lieben werde (V. 5302 ff., vgl. V. 4368 ff.).
Carlos ahnt, was kommt, und lässt die „Königin“ (statt Elisabeth) nicht aussprechen: „Vollenden Sie nicht…“ (V. 5310). Von nun an redet eigentlich nur er noch. Er erklärt ihr, er sei aus einem Traum erwacht (V. 5310/12, vgl. V. 1151). Er sei frei von Leidenschaft; es gebe höhere Güter, als Elisabeth zu besitzen; er sei „zum Mann gereift“ (V. 5324) und müsse nur noch „die Erinnerung an ihn“ pflegen (V. 5325 f. – vgl. den Wechsel des Pronomens: „sie selbst“, V. 1266). Elisabeth bewundert diesen großen Carlos (V. 5330 und V. 5351) in einer in ihrem Pathos nur noch schwer erträglichen Weise (V. 5349/51, „Männergröße“). Carlos gesteht ihr nicht einmal mehr die „Freundschaft“ zu, die sie ihm doch zugesagt hatte (V. 732 ff.), sondern nur den Titel „unsers Bundes einzige Vertraute“ (V. 5331 f.). Er will sich beeilen, „mein bedrängtes Volk zu retten von Tyrannenhand“ (V. 5345 f.); deshalb kann er auch Elisabeth einmal küssen und sie in den Armen halten, ohne zu wanken; „er verlässt sie“ (Regie, hinter V. 5355):
„Das ist vorbei. Jetzt trotz ich jedem Schicksal
Der Sterblichkeit.“ (V. 5356 f.). Er kündigt an, mit seinem Vater „einen öffentlichen Gang zu tun“ (V. 5364), also einen Krieg zu führen; er verspricht, diesem letzten Masken-Betrug keinen weiteren folgen zu lassen (V. 5367 f.). Da tritt der König hinzu und übergibt seinen Sohn dem Großinquisitor zur Hinrichtung, während Elisabeth in Ohnmacht fällt.
   Die Szene dient dazu, die durch Posas Opfertod verursachte menschliche Reifung Carlos‘ zu zeigen und so das Loblied auf die Freundschaft abzuschließen. Politisch wäre mehr gewonnen worden, wenn er sich mit dem König ausgesöhnt (V 4) oder zumindest auf Lermas Rat hin die Flucht ergriffen hätte (V 7); doch die Idee der Freundschaft und der hohen Freiheitsideale gilt in diesem Drama mehr als deren politische Verwirklichung. Im Vordergrund steht das Individuum, das im Entsagen reift und in der Hingabe an die Idee vollendet wird.

Neue Analyse:

Nachdem ich den „Don Karlos“ im Schuljahr 2001/02 in einem Leistungskurs Deutsch behandelt hatte, habe ich im vergangenen Frühjahr das Drama noch einmal intensiv gelesen und bei lehrer-online eine Unterrichtseinheit dazu präsentiert (http://www.lehrer-online.de/don-carlos.php). In diesem Frühjahr habe ich dann das Drama erneut gelesen (Vorbereitung für ein Lehrerheft bei Krapp & Gutknecht) und einige Stellen gefunden, die mein Verständnis des Stücks verändert haben:

* Es war mir schon aufgefallen, dass die Szenen I 5 und V 11: die Begegnungen des Prinzen Karlos mit Elisabeth, das Geschehen rahmen und dass die entscheidende Veränderung darin besteht, dass Karlos am Ende „zum Mann gereift“ (5324) ist, also Elisabeths Forderung gerecht wird: „Ermannen Sie sich, edler Prinz.“ (763) Auch Posa fordert, Karlos solle ein Mann sein (V 3), während der Infant für Philipp ein „Knabe“ ist (I 6 und V9). Die neue Einsicht besteht in einer Verknüpfung dieser Beobachtung mit Karlos’ Aussage,
„Dass Karlos nicht gesonnen ist, zu müssen,
Wo er zu wollen hat;“ (724 f.)
dass Karlos also bei der ersten Begegnung um seine Selbstverwirklichung kämpft. Freiheit besteht im Verständnis des Idealismus darin, das von sich aus zu wollen, was man tun soll (vgl. Posas Wort über Wahl und Pflicht, 3032 f.!); diese Freiheit hat Karlos am Ende gewonnen, insofern ist er ein Mann geworden.

* Der Reifung gegenüber Elisabeth entspricht Karlos‘ Reifung als Sohn: In II 2 bettelt er um die Liebe des Vaters, in V 4 sagt er sich von ihm los (um in V 11 als Infant zum Aufstand bereit zu sein).

* Dass Freundschaft zwischen Karlos und dem Marquis Posa mehr als persönliche Verbundenheit ist (und deshalb auch nicht aus Schillers Leben erklärt werden kann), war mir klar; neu ist die Einsicht, dass der „heutige“ Freundschaftsbund (I 9) für die Freundschaft „auch dermaleinst“ (995) gilt, also die Gleichheit zwischen dem König Karlos und dem Bürger Posa (965 ff. und 994 f.) antizipiert und heute schon herstellt. Damit bekommt dann die schwärmerische Aussage Posas, das Traumbild des neuen Staates sei „der Freundschaft göttliche Geburt“ (4280 f.), ihre Bedeutung.

* Von dieser neuen Einsicht aus wird auch eine beinahe „defätistische“ Äußerung des politischen Taktikers Posa verständlich; der sagt nämlich über Karlos: „Er lege
Die erste Hand an diesen rohen Stein.
Ob er vollende oder unterliege –
Ihm einerlei!“ (4281/84)
Von dieser Vision aus kann man verstehen, wieso Karlos nicht flieht (V 7), sondern am Schluss vollendet ist (V 11), auch wenn der Inquisitor ihn hinrichten wird. „Katastrophe“ kann man diese Vollendung nicht nennen.

* Die letzte neue Einsicht besteht darin, in Posas Selbstopfer eine Säkularisierung des christlichen Glaubens an den Opfertod Jesu zu sehen. Das ergibt sich aus aus Karlos’ Bekenntnis: „Für mich ist er gestorben.“ (4787 und 4837) Da geschieht insofern eine Erlösung, als nun die Bindungen der Natur nicht mehr gelten (4767) und die neue Bruderschaft „ein edler Band, als die Natur es schmiedet“ (4794), darstellt.

Diese Einsichten machen es nötig, erneut zu untersuchen, wie das Drama aufgebaut ist und was eigentlich im Drama geschieht.

P.S. Schillers Brief an Körner vom 3. Juli 1785 bezeugt, dass im Zusammenhang des Themas „Freundschaft“ die Säkularisisierung zentraler christlicher Motive Schiller nicht fremd war: „Bester Freund – der gestrige Tag, der zweite des Julius, wird mir unvergesslich bleiben, so lange ich lebe. Gäbe es Geister, die uns dienstbar sind und unsere Gefühle und Stimmungen durch eine sympathetische Magie fortpflanzen und übertragen, Du hättest die Stunde zwischen halb acht und halb neun Vormittags in der süßesten Ahnung empfinden müssen. Ich weiß nicht mehr, wie wir eigentlich darauf kamen, von Entwürfen für die Zukunft zu reden. Mein Herz wurde warm. Es war nicht Schwärmerei, – philosophisch-feste Gewißheit war’s, was ich in der herrlichen Perspective der Zeit vor mir liegen sah. Mit weicher Beschämung, die nicht niederdrückt, sondern männlich emporrafft, sah ich rückwärts in die Vergangenheit, die ich durch die unglücklichste Verschwendung missbrauchte. Ich fühlte die kühne Anlage meiner Kräfte, das misslungene (vielleicht große) Vorhaben der Natur mit mir. Eine Hälfte wurde durch die wahnsinnige Methode meiner Erziehung und die Misslaune meines Schicksales, die zweite und größere aber durch mich selber zernichtet. Tief, bester Freund, habe ich das empfunden, und in der allgemeinen feurigen Gährung meiner Gefühle haben sich Kopf und Herz zu dem herkulischen Gelübde vereinigt – die Vergangenheit nachzuholen, und den edlen Wettlauf zum höchsten Ziele von vorn anzufangen. Mein Gefühl war beredt und theilte sich den anderen elektrisch mit. O, wie schön und wie göttlich ist die Berührung zweier Seelen, die sich auf ihrem Wege zur Gottheit begegnen. Du warst bis jetzt noch mit keiner Sylbe genannt worden, und doch las ich in Huber’s Augen Deinen Namen – und unwillkürlich trat er auf meinen Mund. Unsere Augen begegneten sich, und unser heiliger Vorsatz zerschmolz in unsre heilige Freundschaft. Es war ein stummer Handschlag, getreu zu bleiben dem Entschlusse dieses Augenblicks – sich wechselweise fortzureißen zum Ziele – sich zu mahnen und aufzuraffen einer den andern – und nicht stille zu halten bis an die Grenze, wo die menschlichen Größen enden. O, mein Freund! Nur unserer innigen Verkettung, ich muß sie noch einmal so nennen, unserer heiligen Freundschaft allein war es vorbehalten, uns groß und gut und glücklich zu machen. Die gütige Vorsehung, die meine leisesten Wünsche hörte, hat mich Dir in die Arme geführt, und ich hoffe, auch Dich mir. Ohne mich sollst du ebenso wenig Deine Glückseligkeit vollendet sehen können, als ich die meinige ohne dich. Unsere künftig erreichte Vollkommenheit soll und darf auf keinem anderen Pfeiler als unserer Freundschaft ruhen. – Unsere Unterredung hatte diese Wendung genommen, als wir ausstiegen, um unterweges ein Frühstück zu nehmen. Wir fanden Wein in der Schenke. Deine Gesundheit wurde getrunken. Stillschweigend sahen wir uns an, unsere Stimmung war feierlich Andacht, und jeder von uns hatte Thränen in den Augen, die er sich zu ersticken zwang. Göschen bekannte, daß er dieses Glas Wein noch in jedem Gliede brennen fühlte, Huber’s Gesicht war feuerroth, als er uns gestand, er habe noch keinen Wein so gut gefunden, und ich dachte mir die Einsetzung des Abendmahls – „Dieses thut, so oft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtniß.“ Ich hörte die Orgel gehen und stand vor dem Altare. Jetzt erst fiel’s uns auf die Seele, daß heute Dein Geburtstag war. Ohne es zu wissen haben wir ihn heilig gefeiert. – Theuerster Freund, hättest du deine Verherrlichung in unseren Gesichtern gesehen – in der vom Weinen erstickten Stimme gehört: in dem Augenblicke hättest Du sogar Deine Braut vergessen, keinen Glücklichen unter die Sonne hättest Du beneidet. – – – Der Himmel hat uns seltsam einander zugeführt, aber in unserer Freundschaft soll er ein Wunder gethan haben. Eine dunkle Ahnung ließ mich so viel, so viel von Euch erwarten, als ich meine Reise nach Leipzig beschloß, aber die Vorsehung hat mir mehr erfüllt, als sie mir zusagte, hat mir in Euren Armen eine Glückseligkeit bereitet, von der ich mir damals auch nicht einmal ein Bild machen konnte. Kann dieses Bewußtsein Dir Freude geben, mein Theuerster, so ist Deine Glückseligkeit vollkommen.“

Schiller: Don Karlos – Inhalt, Aufbau

Garten des Königs in Aranjuez
I 1  Carlos – Domingo: D. wirbt um Carlos´ Vertrauen, dieser fühlt sich umstellt; er offenbart als Problem, dass er seine Braut an den Vater verloren hat.
I 2  Carlos – Marquis von Posa: Geschichte ihrer Jugend erzählt; Marquis Posa kommt als Gesandter der Niederlande um Hilfe; Carlos´ Bekenntnis: Ich habe „keinen Vater“ (193 f.) und liebe meine „Mutter“ (271); er vertraut sich ganz dem Marquis an.
Hof der Königin
I 3  Königin und Hofdamen im Gespräch; die Eboli muss den um sie werbenden Grafen nicht heiraten.
I 4  dieselben (ohne Olivarez) – Marquis Posa: Posa deutet die Verhältnisse im Königshaus in einer Geschichte an; die Königin schickt die Damen weg.
I 5  Königin – Carlos: Carlos wirbt um sie; Königin rät, sich dem Schicksal zu fügen und Spanien zu lieben.
I 6  Königin – König – Granden: König straft die Mondecar, Elisabeth belohnt sie; König klagt über Carlos, Alba empfiehlt sich ihm als getreu; Strafe für Aufständische wird angekündigt.
(in der Nähe)
I 7  Carlos – Marquis: Carlos kündigt an, er werde an Albas Stelle das Amt des Statthalters der Niederlande fordern.
I 8  dieselben – Graf Lerma: Lerma bittet Carlos zum König.
I 9  Carlos – Marquis: schließen einen Bruderbund.

Palast zu Madrid
II 1 Philipp – Carlos – Alba: Carlos setzt durch, dass Alba sich während seines Gesprächs vom König entfernt.
II 2 Philipp – Don Carlos: Carlos wendet sich an den Vater, Philipp reagiert im Wesentlichen als König und verweigert ihm das Amt des Gouverneurs in Flandern.
II 3 Philipp – Alba: Alba erhält das Amt.
Vorzimmer der Königin
II 4 Carlos – Page: Carlos erhält einen Brief und den Schlüssel für ein Geheimzimmer vom Pagen der Königin.
II 5 Alba – Carlos: Alba will (muss) sich mit Carlos versöhnen, der hat keine Zeit für Alba; Beleidigungen, Streit, Duell.
II 6 dieselben – Königin: Die Königin beendet das Duell.
Kabinett der Eboli
II 7 Eboli – Page: Der Page berichtet von seinem Auftrag und kündigt Carlos an; Überlegungen der Eboli, was dieser weiß.
II 8 Eboli – Carlos: Eboli wirbt um Carlos, der sich zurückhält, was diese als Schüchternheit deutet; er bewundert ihre edle Seele, erfährt vom Liebesbrief des Königs. Beide erkennen, dass sie die Liebeszeichen missverstanden haben; Carlos nimmt den Brief mit, Eboli ist verzweifelt.
II 9 Eboli: Sie erkennt, dass Carlos sich von der Königin eingeladen glaubte, vermutet Liebe und will dies dem König sagen.
Zimmer im königlichen Palast
II 10 Alba – Domingo: Sie schmieden einen Plan, mittels der Eboli die im Palast fortschrittliche Königin und den gleichgesinnten Carlos zu entmachten.
II 11 Domingo – Eboli: Die Eboli lässt dem König ausrichten, sie sei seinen Wünschen nicht mehr abgeneigt, und teilt Domingo mit, dass die Königin Philipp betrügt.
II 12 dieselben – Alba: Absprache der drei.
II 13 Alba – Domingo: Sie frohlocken siegesgewiss.
In einem Kartäuserkloster
II 14 Carlos – Prior: Prior verspricht dem Carlos Gelegenheit für ein absolut vertrauliches Gespräch.
II 15 Carlos – Marquis Posa: Carlos bittet Posa, für ihn ein Gespräch mit Elisabeth zu arrangieren, und zeigt ihm des Königs Brief an die Eboli; Posa durchschaut die Situation, zerreißt den Brief, wirft Carlos Egoismus vor, lobt die Tugend der Königin und deutet einen wilden, kühnen Plan an (mit Königin). – Info, dass die Post nach Flandern kontrolliert wird.

Schlafzimmer des Königs
III 1 König: glaubt sich von seiner Frau betrogen (Medaillon und Papiere liegen ihm vor).
III 2 König – Graf Lerma: Lerma bestätigt die Tugend der Königin, der König bleibt mißtrauisch.
III 3 König – Herzog Alba: Alba bekennt, mehr gewußt zu haben, und erzählt die Episode von Aranjuez; König später reserviert.
III 4 König – Domingo: Domingo erzählt das Gerücht, der König sei nicht der Vater seiner Tochter; König bleibt skeptisch und droht ihm und Alba mit öffentlichem Gerichtsverfahren.
III 5 König: sucht jemand, der ihm die Wahrheit sagt, und verfällt auf Marquis Posa.
Audienzsaal  
III 6 die Granden: Info, dass der König schlecht gelaunt ist und Medina Sidonia eine Flotte verloren hat.
III 7 König – die Granden: König ist gnädig gegen Medina Sidonia und lässt sich über Marquis Posas Verdienste informieren.
Kabinett des Königs
III 8 Posa – Alba: Überleitung zu
III 9 Marquis Posa: besinnt sich vor dem Gespräch mit dem König.
III 10 König – Posa: Posa erklärt, warum er den Dienst aufgekündigt hat (“kann nicht Fürstendiener sein”); er zerstreut des Königs Bedenken, dies sei bloß ein Trick, entwirft das Bild einer freien Welt, klagt über die Lage in Flandern. Der König warnt ihn vor der Inquisition und gibt ihm den Auftrag, das Vertrauen der Königin und Carlos´ zu erwerben.

Saal bei der Königin  
IV 1 Königin – Damen: Eboli ist wieder da, Anspielungen der anderen der Königin Damen; Überleitung zu IV 2 und 3:
IV 2 dieselben – Posa: Posa will Königin allein sprechen.
IV 3 Königin – Posa: Posa deutet ein Doppelspiel an und entwirft den Plan, Carlos solle zu den Aufständischen gehen und von der Königin dazu verleitet werden; diese spielt nach anfänglichem Zögern mit.
Galerie
IV 4 Carlos – Lerma: Lerma warnt Carlos vor Posa.
IV 5 Carlos – Posa: Carlos ist zerstreut, wird durch Posa zu Königin bestellt; Posa bittet ihn um seine Brieftasche, er fürchtet einen Hinterhalt des Königs.
IV 6 Posa: Er reflektiert sein Verhältnis zu Carlos.
Kabinett des Königs
IV 7 König – Tochter: Er isteruhigt und dann beunruhigt über seine Ähnlichkeit mit seiner Tochter.
IV 8 König – Lerma: Lerma kündigt Elisabeth an.
IV 9 König – Elisabeth – Infantin: Elisabeth zeigt ihm den Diebstahl an und erblickt das Medaillon; Gespräch über ihr Verhältnis zu Carlos; König rast, Königin fällt um.
IV 10 dieselben – Alba, Domingo u.a.: König wünscht Alba und Domingo zum Teufel.
IV 11 dieselben – Posa: Alba wird entlassen.
IV 12 König – Posa: Posa gibt Carlos´ Brieftasche dem König, der findet den Brief der Eboli; Posas Intrige: Königin habe den Prinzen veranlasst, nach Flandern zu gehen; er erhält einen Haftbefehl gegen Carlos (für alle Fälle).
Galerie
IV 13 Carlos – Lerma: Lerma informiert den Prinzen, dass der König den Inhalt seiner Brieftasche kennt; Carlos glaubt sich verraten und will Elisabeth warnen.
Ein Zimmer der Königin
IV 14 Königin – Alba – Domingo: Königin weist die beiden zurück, die ihr ihre Dienste anbieten wollen.
Zimmer der Eboli  
IV 15 Eboli – Carlos: Carlos bittet Eboli um eine Gelegenheit, Elisabeth sprechen zu können.
IV 16 dieselben – Posa, Wache: Posa lässt Carlos verhaften.
IV 17 Eboli – Posa: Posa will wissen, was die Eboli weiß, tötet sie dann aber nicht.
Ein Zimmer der Königin
IV 18 Königin: bemerkt Unruhe im Palast, Überleitung zu
IV 19 Königin – Eboli: Eboli gesteht den Diebstahl und einen Ehebruch mit dem König.
IV 20 Eboli – Olivarez: Eboli wird ins Kloster geschickt.
IV 21 Königin – Posa: Posa gesteht seine Niederlage ein; er spricht über sein Verhältnis zu Carlos und bekennt, sich für ihn geopfert zu haben, aber seine Liebe zu Elisabeth aus politischen Gründen nicht gedämpft zu haben. Königin verachtet ihn.
Vorzimmer des Königs
IV 22 Alba u.a.: Don Raimond von Taxis will zum König, weil er einen Brief Posas nach Flandern abgefangen hat.
IV 23  dieselben – weitere Granden: große Unruhe, Posa soll zum König, der König hat geweint.
IV 24 Granden – Eboli: Eboli will dem König die Wahrheit sagen, wird nicht vorgelassen, Alba hat gesiegt.

Zimmer im  Palast, vergittert
V 1 Carlos – Posa: Posa klärt Missverständnisse des Prinzen auf, dessen Geist sich wieder aufhellt.
V 2 dieselben – Alba: Alba will den Prinzen freilassen; der besteht darauf, dass der König selber kommt.
V 3 Carlos – Posa: Posa erkennt, dass er sich verrechnet hat, und will den Prinzen nach Brabant schicken; dieser will mit seinem Freund zum König gehen. Posa wird erschossen.
V 4 König – Carlos – viele Granden: Carlos weigert sich, den Vater zu umarmen; er preist die Freundschaft des Toten und sagt sich vom Vater als dessen Mörder los.
V 5 dieselben – Offizier: Offizier meldet den Aufstand in Madrid; König ist verzweifelt, gibt sich auf.
V 6 Mercado – Carlos: Der Leibarzt der Königin bestellt Carlos für die nächste Mitternacht zur Königin.
V 7 Carlos – Lerma: Lerma informiert Carlos, dass die Königin den Aufstand veranlasst hat; er informiert ihn über einen Fluchtplan, gibt ihm Waffen und verehrt ihn als den künftigen besseren König Spaniens.
Vorzimmer des Königs
V 8 Alba – Feria: Alba will zum König gehen, um ihn über Posas Pläne zu informieren (Aufstand in Flandern, Eingreifen der Türken), die ein Kartäusermönch verraten hat.
V 9 dieselben – König: Der König trauert um Posa, an dessen Achtung ihm gelegen wäre; er ermannt sich wieder, läßt den Inquisitor Kardinal rufen und gibt Auftrag, den im Palast wandelnden „Geist“ des Kaisers zu stellen.
V 10 König – Großinquisitor: König möchte den Rat des Inquisitors einholen; der weiß bereits alles über Posa und wirft dem König vor, nicht loyal gehandelt zu haben. Philipp bekennt, menschliche Schwäche gezeigt zu haben, und übergibt schließlich seinen Sohn der Inquisition.
Zimmer der Königin
V 11 Königin – Carlos: Die Königin deutet an, dass sie jetzt alle der Königin Rücksicht auf Menschen fallen und ihr Herz sprechen lassen wolle; Carlos hat sich von seiner Liebe zu ihr frei gemacht und bekennt sich zu seinem königlichen Beruf. Elisabeth bewundert ihn. Der König erscheint; Elisabeth fällt in Ohnmacht, Carlos wird der Inquisition übergeben.

Dramatische Situation am Ende von I
Als Herr und Lenker des Geschehens hat sich Posa gezeigt:
– Er hat sein politisches Ziel zunächst zurückgestellt und Carlos menschlich aufgefangen (I 2);
– er hat der Königin auch Briefe aus den Niederlanden übergeben und so seine Befugnisse überschritten (I 4);
– er hat das Treffen Elisabeths mit Carlos arrangiert und darauf vertraut, dass die Königin seinen Ball „Briefe aus den Niederlanden“ weiterspielt (I 4);
– er schließt den Freundschafts- und Bruderbund mit Carlos, dem künftigen König Spaniens (I 9, vgl. I 2).
Carlos, der an der „unmöglichen“ Liebe zu Elisabeth, der Frau seines Vater Philipp, leidet, hat zunächst kein Ohr für Posas politisches Anliegen. Die Annäherungen Carlos‘ werden von Elisabeth energisch abgewiesen; sie verweist ihn auf Spanien als seine zweite Liebe – als Mensch bleibt ihm die Freundschaft seiner Mutter (I 5). Sie übergibt ihm die Briefe aus den Niederlanden. Dadurch und durch den Freundschaftsbund mit Posa gestärkt ist Carlos entschlossen, sich beim König für die Niederlande einzusetzen (I 7; I 9).
Elisabeth hat Posas allegorische Erzählung von den unglücklich Liebenden verstanden, sich über die Etikette hinweggesetzt und so indirekt das Treffen mit Carlos ermöglicht (I 4). Sie spielt Posas Spiel mit, hält Carlos jedoch auf freundschaftliche Distanz. Mit der Übergabe der Briefe greift sie in das politische Spiel ein (I 5).
Der König hat sich als eifersüchtiger Gatte, als argwöhnischer Vater und als unerbittlicher König eingeführt (I 6); Elisabeth leistet ihm Widerstand, was seine Kritik an ihr und der Mondecar betrifft – sie hat gegenüber Carlos nur Grenzen der Etikette, nicht der Moral überschritten.
Die erste Frage am Ende von I ist die, ob Carlos‘ (noch unklarer Wunsch) beim König Erfolg haben wird. Die latente Frage ist die, wie Posa sich als Gegenspieler des Königs und als Lenker der (potenziell instrumentalisierten) Figuren bewähren wird. Die dritte Frage ist die, ob Carlos sich mit der „Freundschaft“ Elisbeths begnügen wird. Der König ist noch nicht als handelnd in Erscheinung getreten.

Dramatische Situation am Ende von II
Carlos hat seinen Vater gesprochen, aber nicht den König erweichen können, ihm das Heer nach Flandern anzuvertrauen; seinen Teilerfolg beim König erkennt er nicht (II 3). Er hat auch nicht der Liebe zu Elisabeth entsagt und missversteht das Angebot der verliebten Prinzessin Eboli als Angebot Elisabeths. Dadurch kränkt er die verschmähte Eboli, die sich jetzt entschließt, aus Rache mit Domingo zusammenzuarbeiten, sich dem König hinzugeben und das vermeintliche Verhältnis Elisbeth-Carlos aufzudecken.
Carlos wendet sich im Kartäuser-Kloster an seinen Freund Posa, um diesen dazu zu bewegen, ein Treffen mit Elisabeth zu arrangieren, weil er diese jetzt von ihrer Ehe frei glaubt. Posa stimmt ihn jedoch um, dass er wieder Flanderns Rettung als sein Hauptziel ansieht. Posa deutet an, einen großen Plan gefunden zu haben (V. 2452 f., V. 2457 f.), den die Königin Carlos darlegen soll.
Damit ist Carlos wieder in der Situation von I 5: Er will tun, was man ihm gebietet; die Situation hat sich aber durch Philipps Entscheidung für Alba und durch das Komplott der Eboli mit Domingo für die Gruppe Posa – Elisabeth – Carlos verschlechtert. Posas Plan kann auch bloß der Entscheidung Philipps entgegenwirken, weil Posa das Komplott ja nicht kennt.
Die Fragen lauten in dieser Situation: Was wird sich aus dem Komplott Domingos ergeben? Was plant Posa? Wie wird er mit Carlos dem Komplott begegnen? (Und ist Carlos wirklich von seinem Liebeswahn geheilt?)

Dramatische Situation am Ende von III
Der 3. Akt wird von der Figur des Königs bestimmt: Er zeigt sich als hilfloser Mensch (bis III 5), als kluger König (bis III 7) und als Gesprächspartner Posas, den er in seinen Dienst nimmt.
Der Ehebruch des Königs ist geschehen, die Schatulle Elisabeths ist erbrochen (vgl. IV 1 und IV 9) – der König ist vom Zweifel an Elisabeths Treue erschüttert und sucht Gewissheit; Lermas Bekenntnis
zu Elisabeths Tugend überzeugt ihn so wenig wie die Vorwürfe Albas und Domingos. Auf der Suche nach einem Menschen und Freund, der ihm die Wahrheit sagt, ist er auf den Marquis Posa gestoßen (III 5), dessen Auftritt ihn fasziniert und den er als Ratgeber einstellt.
Damit scheint das Komplott der Eboli und Domingos abgeschmettert zu sein. Die Fragen lauten jetzt: Hat Philipp seine Zweifel wirklich überwunden? Was wird aus Flandern? Was wird aus Posas Plan von II 15? Eine Wende des Geschehens zum Guten (im Sinn der Menschlichkeit) scheint möglich zu sein; Don Carlos ist in den Hintergrund getreten.

Dramatische Situation am Ende von IV
Die Situation ist verworren; viele Handlungsstränge laufen nebeneinander: Zunächst wird Posas Plan offenbart: Er möchte Carlos an die Spitze einer Revolte stellen (IV 3); er spielt aber auch gegen Carlos nicht mit offenen Karten (IV 5) und erhält vom König alle Vollmachten (IV 12). Elisabeth kann die Vorwürfe des Königs abwehren (IV 9); die Intrige der Eboli wird entdeckt (IV 9; IV 12; IV 19). Da aber Lerma Carlos über Posas Agieren informiert (IV 4 und 13), wird Carlos unsicher und hängt sich erneut an die Eboli (IV 15), was unklare Folgen hat (IV 16 f. und IV 24).
Der Königin gesteht Posa schließlich, dass sein Plan gescheitert ist, weil er zu hoch und unaufrichtig gespielt hat, dass er sich jetzt aber für Carlos opfert (IV 21); sein Brief in die Niederlande wird abgefangen (IV 22), Alba verkündet Domingo den Sieg (IV 25).
Der Verlierer des 4. Aktes ist Marquis Posa. Die Fragen nach diesem Akt lauten: Warum ist Posas Plan gescheitert? Was steht in dessen Brief? Was wird aus dem von Posa verhafteten Carlos? Was wird aus Elisabeth und ihrer Ehe? Worin besteht der von Alba und Domingo gefeierte Sieg?

Dramatische Situation am Ende von V
Am Ende des Geschehens steht, dass die Freundschaft gesiegt hat, dass Carlos reif geworden ist, dass aber die Freunde von den Realpolitikern besiegt werden.
Posa hat sich in einem letzten Täuschungsmanöver für den Freund geopfert und wird erschossen. Carlos ist hierdurch umgewandelt und stellt sich dem von Posa ihm zugedachten Auftrag, die Niederlande zu befreien; er entsagt Elisabeth gänzlich. Der König ist von Posa ebenso beeindruckt wie gekränkt; er ermannt sich zum Widerstand und bittet den Inquisitor, seinen Sohn hinzurichten. Ehe er fliehen kann, wird Carlos verhaftet; die Vision der großen Freiheit bleibt bloße Vision.

Hinweis auf zwei Lexika:
Elis. Frenzel: Motive der Weltliteratur. Kröner (versch. Auflagen), Artikel „Vater-Sohn-Konflikt“.
Elis. Frenzel: Stoffe der Weltliteratur. Kröner (versch. Auflagen), Artikel  „Philipp II“.

Eine Art Inhaltsangabe des Dramas findet man hier.

Schiller: Don Karlos – Entstehung, Hintergründe, Untersuchungen

Zeittafel im Kontext des „Don Carlos” 
10.11. 1759 Geburt (zweites Kind eines Arztes und Offiziers)
1773 – 1780 Schüler auf der Militärschule des Herzogs, Studium der Medizin; erste Dissertation gescheitert;
1781 – 1782 in Stuttgart: Militärarzt und Dichter
13.01. 1782 „Die Räuber” in Mannheim mit Erfolg aufgeführt;
07/08  1782 Arrest; literarische Arbeit vom Herzog verboten;
22.09. 1782 Flucht mit A. Streicher, zunächst nach Oggersheim;
12/82-07/83 in Bauerbach/Thüringen: Arbeit u.a. an „Don Carlos”: Auf der Grundlage einer Erzählung des Abbé de Saint-Réal tritt ein glänzender Carlos gegen einen miesen Philipp und dessen Berater an (1. Akt)
1783 – 1784 in Mannheim Theaterdichter; Bekanntschaft mit Charlotte von Kalb; „Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet”;
4/85 – 7/87 als Gast seines Freundes C.G. Körner in Leipzig und Dresden; „Don Carlos” zunächst bis III 9 veröffentlicht; bei der endgültigen Fassung (1787) ist der König wesentlich differenzierter dargestellt, Posa als neuer Held installiert; das übermäßig lange Stück wird von Schiller gekürzt und auch in Prosa gesetzt; vor seinem Tod kürzt Schiller das Stück noch einmal auf die heutige Länge;
1787 – 1788 in Weimar: Begegnung mit Ch. von Kalb, Wieland, Herder und Goethe sowie seiner späteren Frau; Abschluss der Arbeit “Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung”; Professor in Jena;
1789     Übersiedlung nach Jena, Freundschaft mit W. von Humboldt;
1790     Heirat;
1794     Freundschaft mit Goethe;
09.05.1805  Tod Schillers.
(Vgl. die Rowohlt-Monographie von F. Burschell, rm 14)
Friedrich Burschell: Schiller. Rowohlt: Reinbek 1968, S. 206, sieht
in Schillers Freundschaft zu Körner und seiner glücklich-unglücklichen Liebe zu Frau von Kalb den biographischen Hintergrund des Dramas; in Posa stelle Schiller sich als Figur der Aufklärung dar.

Geschichte im „Don Carlos“
1. Historischer Hintergrund des „Don Carlos“
1527 Philipp wird als Sohn Kaiser Karls V. geboren.
1543 Philipp heiratet Isabelle von Portugal.
1545 Sein Sohn Don Carlos wird geboren, die Mutter stirbt 4 Tage später.
1554 Philipp heiratet Maria von England. – Der Prinz wird von verschiedenen Personen erzogen; bis zum 14. Lebensjahr lernt er den Vater kaum kennen.
1555 Karl V. dankt ab und übergibt die Niederlande an Philipp; am 16. Januar 1556 übergibt er ihm auch Spanien. Aus politischen Gründen wird eine Heirat Carlos‘ mit Elisabeth von Valois erwogen. Ab 1557 Krieg Spanien mit Frankreich.
1559 Frieden von Cateau-Cambrésis; knapp drei Monate später heiratet Philipp Elisabeth von Valois; Philipp wird dabei durch Herzog Alba vertreten (die Hochzeit in Spanien erfolgt am 31. Januar 1560).
Margareta von Parma (1522-1586), eine Halbschwester Philipps, wird seine Statthalterin in den Niederlanden; sie legt ihr Amt 1567 nieder, als Alba mit ausgedehnten Vollmachten erscheint.
1561 Carlos, der sicher nie ein Verhältnis mit Elisabeth hatte, soll auf Betreiben seines Onkels (Kaiser Maximilian) seine Cousine Anna von Österreich heiraten; er ist von ihrem Bild begeistert.
1562 Carlos, der immer schon ein schwieriges Kind war, fällt auf dem Weg zu einem Stelldichein eine Treppe hinunter und erleidet schwere Kopfverletzungen.
1563 Carlos wird immer schwieriger; seine Tante Johanna möchte ihn heiraten, er aber möchte Anna von Österreich heiraten (vielleicht um Statthalter der Niederlande zu werden). Ohilipp lässt eine Neffen Rudolf und Ernst vonÖsterreich kommen, damit sie gegebenenfalls die Thronfolge antreten können.
1564 Carlos erhält Zutritt zum Hofrat, ist aber als Mensch außerordentlich schwierig.
1565 Der französische Gesandte soll eine Heirat zwischen Carlos und Margareta von Valois fördern.
1566 Petition der Niederlande am Margareta von Parma: Sie bitten um Religionsfreiheit und Einberufung der Stände.
1567 Carlos weigert sich zu beichten; er schließt sich im Pferdestall ein und misshandelt die Tiere mit einem Dolch. Alba wird Statthalter der Niederlande; Carlos geht mit einem Dolch auf ihn los. Carlos möchte von seinem Onkel, dem Oberbefehlshaber der Flotte, nach Italien gebracht werden, um von dort in die Niederlande zu reisen; Philipp wird darüber unterrichtet.
1568 Der Prinz muss seine private Waffensammlung abgeben; es gibt Gerüchte, dass der Prinz mit den Niederländern unter einer Decke stecke. Carlos wird in Gewahrsam genommen, er erkrankt schwer; sein Vater weigert sich, ihn nochmals zu sehen.
1569 Carlos stirbt am 24. Januar; Philipp ordnet ein Staatsbegräbnis an. Am 3. Oktober stirbt Elisabeth von Valois.
1571 Sieg der Spanier über die Türken in der Seeschlacht von Lepanto.
1588 Untergang der spanischen Flotte (Armada).
1598 Philipp II. stirbt.

2. Schillers Quelle des Stoffes
war die Darstellung des Abbé de St.Réal: Histoire de Dom Carlos (1672).

3. Schillers Arbeit am Drama
1782 Schiller kündigt in einem Brief an von Dalberg (Juli 1782) an, dass er sich vielleicht mit dem Spanier Dom Carlos befassen werde.
1783 erster Entwurf des Dramas „Dom Karlos“ in Bauerbach; historische Studien Schillers zum Stoff. – Er will in diesem Drama die Inquisition angreifen und „die prostituirte Menschheit“ rächen (Brief an Reinwald, 14. April).
1784 Schiller wendet sich der Ausarbeitung des „Dom Karlos“; das Ganze soll „ein Familiengemählde in einem fürstlichen Hauße“ werden (Brief an Dalberg, 7. Juni); diese „häusliche Tragödie“ (im Sinne Diderots) wird im Lauf der Arbeit um Aspekte der Liebes- und Freundschaftstragödie bereichert. – Schiller schreibt wie Shakespeare (und Lessing) in fünfhebigen Jamben, dem Blankvers.
Da Schiller seit dem 1. September 1784 nicht mehr Theaterdichter in Mannheim ist, braucht er sich nicht an die Begrenzung eines Bühnendramas (maximal 3000 Verse) zu halten.
1785 – 1787 Schiller arbeitet das Drama aus, wobei er vor der großen Szene III 10 lange Zeit sich nicht eindeutig für einen Fortgang des Geschehens entscheiden konnte.
Im Januar erscheint ein Vorabdruck (in der Buchfassung bis III 7); Mitte des Jahres erscheint das Drama in einem Umfang von 6282 Versen im Verlag Göschen.
Seit 1786 hat Schiller an einer Bühnenfassung gearbeitet (3943 Verse), die er am 13 Juni 1787 nach Hamburg schickt, wo sie am 29. August in gekürzter Form aufgeführt wird. Es folgen Aufführungen in Leipzig, Riga und Mannheim. Goethe nimmt das Drama 1791 in den Spielplan des Weimarer Hoftheaters auf.
1788 Schiller schreibt „Briefe über Don Carlos“ (Brief 1-4 erscheinen im Juli, Brief 5-12 im Dezember in Wielands „Teutschen Merkur“), in denen er sich mit den Einwänden gegen die Gestalt Posa auseinandersetzt.
1801 Es erscheint eine von Schiller gekürzte Fassung (5370 Verse), die aber wegen ihres Umfangs ein Lesedrama bleibt.

Irritationen beim Lesen
1. Manchmal ist die „Konstruktion“ der Gedanken oder des Geschehens problematisch, z.B. bei Carlos‘ Liebesgeständnis (V. 1807/09), bei seiner „Reinheitserkenntnis“ (V. 1844 ff., nach V. 1830 ff.) oder bei Carlos‘ (V. 1855 f.) und der Eboli (V. 1857) plötzlichem Verständnis der Situation.
Irrt Posa/Schiller 2981/83 (wegen Abmachung und Beichte der Eboli, 2210 ff. und 2686 ff.) in der Datierung „zwei Tage“?
Seltsamer Imperialismus Posas 3250/52: wieso soll Philipp als König der Freien die Welt unterwerfen?
2. Die Intrigen Posas: I liest sich nach IV 21 ganz anders; Posa hätte alles wissen müssen, was Carlos bedrängt (wie kann er ihm „Eigennutz“ vorwerfen, V. 2418, wenn er selbst diese Liebe geschürt hat, V. 4327 ff.?) – als „Wissender“ kann er leicht auf sein eigenes Anliegen vorerst verzichten.
Posas Verbindung mit den Türken ist sehr kühn vom Autor Schiller fantasiert!
3. Bedenklich: die Zustimmung Elisabeths zu Rebellion; nach dem Geständnis, dass sie unglücklich ist (V. 3451 f.), tut sie etwas rätselhaft kund, ihr Herz (!) solle allein der Richter ihrer Liebe sein (V. 4374/76) – ganz neue Töne gegenüber I 5!
[Wie sich aus V ergibt, dient das evtl. nur dazu, die Reifung Carlos‘ zu zeigen!]
** Eventuell ergeben sich manche Unstimmigkeiten daraus, dass Schiller so lange und mit wechselnden Zielvorstellungen an dem Drama gearbeitet hat.

Elisabeth als Mensch (Charakter) in I 3 und I 4

– Elisabeth ist der Natur verbunden:

Ihr Haus liegt in einfacher ländlicher Gegend (Ortsangabe I 3),

sie liebt die ländliche Natur (398); diese erinnert sie an ihre Kindheit und an die Heimat Frankreich (396 ff.);

– „Natur“ bestimmt auch ihr Ideal vom Zusammenleben:

Nur Liebe ist ein Grund zum Heiraten (440 ff.);

Sie möchte nicht nur nach der Etikette Mutter sein dürfen (462 ff.);

– Sie ist ein aufgeklärter Mensch:

Sie lehnt Ketzerverbrennungen ab (418 ff.);

sie schätzt Posa als einen freien, sich selbst genügenden Mann (515 ff.),

„Madrid“ ist hier wie auch 396 ff. der Gegen-Ort.

– Elisabeth entscheidet sich dafür, Posa zu empfangen, was weder erlaubt noch verboten war (478 ff.; Mut, Spontaneität);

– sie schafft Gelegenheit zu einem vertraulichen Gespräch (426 ff.)

– und zeigt sich ebenso als klug, als sie die Andeutungen Posas versteht (575 ff., mit  445 ff., 601 f.).

– Sie zeigt Interesse an Karlos’ Geschick (528 ff., 610 f.);

– sie respektiert die Grenze des rechtmäßig Erlaubten (600 f.).

– Sie ist persönlich auf unbestimmte Weise enttäuscht (431 ff.)

– und deutet möglicherweise an, aufgeopfert zu sein (452 f.).

– Dass sie in einem Konflikt steht, erkennt man an den Widersprüchen,

dass sie weiter nach Karlos’ Leiden fragt, obwohl sie vorher „Schluss!“ signalisiert hat (610 mit 600 f.);

dass sie erschrocken (620) und verwirrt (622) ist, als Karlos’ wirklich erscheinen soll, obwohl sie vorher Interesse an seinem Leiden bekundet hat (610 f.).

Fazit:

Elisabeth erscheint als eine empfindsame, aufgeklärte, der Natur verbundene Frau des 18. Jahrhunderts, die aber aufgrund ihrer Stellung als Königin in die Etikette des 16. Jahrhunderts eingezwängt ist. Diese Spannung zeigt sich in persönlicher Enttäuschtheit ebenso wie in der Unsicherheit gegenüber ihrer Position zu Karlos.

Don Carlos II: Täuschung und Selbsttäuschung
Der 2. Akt steht auffallend unter dem Thema der Täuschung.
Die Täuschung als Intrige, als „Kabale“ gehört bei Schiller zur Welt des Hofes, vgl. „Kabale und Liebe“. Als deren Meister erweist sich Domingo (II 10-13), der mit Alba und der Eboli zusammen gegen Carlos und die Königin konspiriert. Dieses Zusammenspiel läuft für die Männer auf die Sicherung der konservativen Monarchie, für die Eboli auf Rache an der angeblich verlogenen Königin und dem sie demütigenden, weil verschmähenden Carlos hinaus.
Fürstin Eboli hat zuvor Carlos in ein heimliches Liebesspiel hineinziehen wollen, was um der Etikette willen nur hinter verschlossenen Türen stattfinden kann (II 4.6-8); sie ist bereit, um der Liebe willen des künftigen Königs heimliche Geliebte zu sein (1830 ff.). Die enttäuschte Eboli traut der Königin das gleiche ränkevolle Liebesspiel zu; in ihrer Enttäuschung will sie den „Betrug“ (V. 1946) der „Gauklerin“ (V. 1943) entlarven (vgl. V. 2133 ff.)
Carlos ist zu seinem Vater gegangen, um diesen als Vater zu gewinnen und den Auftrag zu erhalten, das Heer nach Flandern zu führen. Er verquickt also zwei Motive, wie er bereits seinen diesbezüglichen Entschluss an Elisabeths Wunsch festgemacht hatte
(V. 902). Der König weist seine vom Herzen bestimmte Annäherung als „Künste“ und „Gaukelspiel“ zurück (V. 1046, 1067). Das Spiel der Eboli wie das Verhalten des Königs werden von der Etikette bestimmt, deren Bedeutung bereits im 1. Akt deutlich geworden ist.
Im Gespräch mit dem König bekennt Carlos zweimal, dass er sich selbst gefunden hat (V. 1104, 1151 ff.), dass er sich dem Ruf der Weltgeschichte stellen will – Selbstfindung und Selbstverwirklichung aus I wirken nach; seiner Vision vom „Erdenparadiese“ (V. 1130) ant-wortet der König aber mit dem Einwand, Carlos sei ein Träumender (V. 1176), also gerade nicht „erwacht“ (V. 1151).
Ein zweites Mal glaubt Carlos sich gefunden zu haben, als er den Brief der Eboli als den der Königin liest (V. 1298 und 1344, vgl. 1309); er sieht selbst, dass er sich getäuscht hat (und die Eboli enttäuscht hat) und glaubt, mit dem Geständnis der Wahrheit bei der  vermeintlich reinen Eboli durchzukommen (V. 1844 ff.). Dass er sich irrt, weiß der Leser alsbald (II 9 ff.), und Posa biegt ihm bei, dass er da nur einem neuen Fiebertraum erlegen ist (V. 2287): „Du hattest diesmal selbst dich missverstanden.“ (V. 2440)
Posa glaubt nun, mit einem kühnen Plan, den angeblich „höhere Vernunft gebar“ (V. 2458, vgl. 2450 ff.), sowohl Flandern wie Carlos retten zu können, nachdem er die Unschuld der Eboli im Vergleich mit Elisabeth als eigennützig und unecht erwiesen hat (V. 2329 ff.). Es ist aber noch offen, ob sein Plan wirklich aus der Vernunft stammt,  da Posa an dessen Anfang bereits seinem Freund Carlos den Brief des Königs durch einen Betrug entwendet (V. 2399 f.).

Posa als Künstler
Angeregt durch Guthkes Ausführungen zu III 10 kann man das Motiv des Künstlers, der die Welt gestaltet und sich selbst damit verwirklicht, weiter verfolgen (in IV 3, 5, 12, 13; letzte Begegnungen in IV 21 und V 1, 3; nachträgliche Würdigung in V 4, 8, 9).
Man kann dabei einmal darauf achten, an welchen Stellen das Motiv des Künstlers anklingt, etwa in Posas Äußerung:
„Zur höchsten Schönheit wollt ich ihn erheben“ (V. 4328),
und die Königin brauche sich nicht zu schämen,
„Der Heldentugend Schöpferin zu sein“ (V. 4354). Carlos solle die erste Hand an den rohen Stein des neuen Staates legen (V. 4281 f.; vgl. 4356 f.: Carlos als „Maler“) Dementsprechend wird der König von Carlos als „der große Künstler“ (V. 4762), also als Anti-Künstler verspottet; Posa sei dagegen ein „feine(s) Saitenspiel“ gewesen, das folgerichtig „in Ihrer metallnen Hand“ zerbrochen ist (V. 4821 f.).
Man kann aber auch untersuchen,
a) welche Sachfragen bei Posas Künstlertum zur Debatte stehen und
b) wie Posa von den Figuren unterschiedlich beurteilt wird –
c) womit sich unser eigenes Urteil über Posas Handeln bilden mag.
Da ist zunächst der politische Plan Posas, den angeblich „höhere Vernunft“ gebar (V. 2458; 3479 f.; 4801; 4977 ff.), welcher zum einen den Aufstand der Niederlande unter Carlos‘ Führung vorsieht (V. 3460 ff.), zum anderen den gleichzeitigen Angriff der türkischen Flotte (V. 4966 ff.) zur Entlastung der Aufständischen. Dabei ist es Posa selbst bewusst, dass hier das Mittel fast so schlimm wie die Gefahr ist (V. 3460 f.); er gesteht der Königin, dass er Carlos‘ Liebe zu ihr bewusst politisch instrumentalisiert hat (V. 4327 ff.), und er bekennt Carlos, sein Plan sei daran gescheitert, dass er des Freundes „Herz“ vergessen habe (V. 4526 f.). Carlos rühmt in der harten Auseinandersetzung mit seinem Vater Posas Fähigkeit, solcher-maßen mit Menschen zu spielen (V. 4801). Vorher hat er jedoch wie die Königin solch zynisches Spiel beklagt (V. 3969 f.; 4513 f.; 4385 ff.). In V 1 wird deutlich, dass Posas Unaufrichtigkeit oder halbe Ehrlichkeit zum Scheitern seines Plans beigetragen hat, dass aber deren Aufklärung und sein Opfertod ihm die ergebene Bewunderung Carlos‘ sichern. (Zum Stichwort „unaufrichtig“ vgl. V. 3405; IV 5; V. 3577 f.; IV 12; „weltkluge Sorgfalt“ V. 4526).
Posa reflektiert seine Schuld im Gespräch mit Elisabeth (V. 4220 ff.) und mit Carlos (V. 4619 ff.), wobei er gesteht: „Raserei
War meine Zuversicht. Verzeih – sie war
Auf deiner Freundschaft Ewigkeit gegründet.“ (V. 4645/47)
Mit dem Lob der Freundestreue, die bis in den Tod reicht und Carlos zur großen Entsagung führt (V. 5310 ff.), endet das Stück (V 4, 9).
Auch die menschliche Vollendung führt in den Untergang; politisch hat das Freiheitspathos des Marquis sich nur der gleichen Mittel wie der König zu bedienen gewusst und nichts erreicht.

Posa: Pläne und Gegenkräfte
Posa tritt in I 2 handelnd ins Geschehen ein – nein, es kommt erst durch ihn zustande, weil er seinen Studienfreund Carlos veranlassen will, etwas zur Rettung der Niederlande vor spanischer Unterdrückung zu unternehmen (V. 154 ff.); weil Carlos jedoch vor lauter Herzeleid handlungsunfähig ist, ändert er „nach einigem Stillschweigen“ (V. 357) seinen Plan ab: Er gibt Elisabeth Briefe, darunter einen aus den Niederlanden ( V. 505) und vertraut darauf, dass Elisabeth diesen Ball aufgreift sund weiterspielt – er muss Elisabeth also gut kennen, eine Tatsache, die im ganzen Drama nicht aufgeklärt wird. Diese gibt die Briefe dann auch an Carlos weiter (V. 808), worauf dieser entschlossen ist, Flandern zu retten, weil Elisabeth dies von ihm wolle (I 7).
Dieser Plan scheitert jedoch, weil Philipp seinem Sohn das Heer nach Flandern nicht anvertrauen will (II 2); später erfahren wir, dass Alba ihn vor seines Sohnes Ehrzeiz gewarnt hat (V. 2556).
Nach diesem Misserfolg und den Turbulenzen um Ebolis Angebot (dazu später mehr) analysiert Posa die Situation, soweit er sie überblickt, und fasst einen neuen zweiten Plan (II 15), in den er Carlos nicht einweiht (V. 2451 ff.). Elisabeth bekommt diesen Plan erklärt (IV 3: Rebellion in Flandern unter Carlos‘ Führung), damit sie als die den Prinzen beherrschende Frau diesem den Plan übermittelt; sie sagt Posa schließlich widerstrebend ihren stillen Anteil zu (V. 3512 f.), weil es sie reizt, der Freiheit einen Platz zu verschaffen.
Dieser Plan ist gescheitert, erklärt Posa der Königin (V. 4216 f.), ehe Elisabeth mit Carlos gesprochen hat; die von ihm genannten Gründe (V. 4619 ff.: Briefe) können mich nach IV 12 und IV 9 aber nicht überzeugen.
Deshalb hat er, wie er Elisabeth mitteilt, einen Notplan gemacht, der für ihn das Selbstopfer bedeutet (V. 4234 ff.). Er legt sein Testament in das Herz der Königin (V. 4265 ff.); Carlos erklärt er, wie der Notplan entstanden ist (V. 4675 ff.), und verweist ihn vorsorglich unmittelabr vor seinem Tod an die Königin (V. 4734 f.). Elisabeth braucht Carlos den Notplan nicht mehr mitzuteilen, weil der aufgrund des Opfertodes bereits so erschüttert ist, dass er ganz im Bann der Ideen Posas steht (V 10) und so auch verhaftet wird (V 11).
Es wird dann auch noch von einem Kriegsplan Posas berichtet, aus dem sich seine Reisen erklären ließen (V. 4994 ff.); aber der steht im gleichen Zwielicht der Täuschungen im Notplan wie die genannten Briefe (V. 4977, 4984) – dieser Plan lässt sich ebenso gut aus den Reisen „erklären“ wie die Reisen aus dem Kriegsplan.
Feindliche Gegenkräfte:
Domingo und Alba haben bereits lange gegen den Prinzen intrigiert (III 3 und 4); sich ihnen eine Gelegenheit bietet, mit der enttäuschten Eboli ein Komlott gegen die Königin und Carlos zu schmieden (beides gefährliche Neuerer in Domingos Augen,  V. 2010 ff.), arrangieren sie den Ehebruch des Königs und den Einbruch bei der Königin (II 11 ff.) – eine Intrige, die Posas Karriere einleitet (III 5 ff.), deren Folgen aber die Königin ausbaden muss (IV 7) und über die Posa informiert wird (IV 12). Dass Carlos den General Alba beleidigt (V. 1032 ff.), verschlimmert die Sache nicht wesentlich; Alba informiert den König jedoch über das heimliche Treffen in Aranzuez (III 3).
In den Turbulenzen in Madrid verkündet Alba den Sieg der eigenen Kräfte und steht bis zum Schluss zum König (V 4 f., V 8 f.).
Von Posa selbst entfesselte Gegenkräfte:
Der größte Gegner seiner Planung ist Posa in seiner Vermessenheit selbst. So ist der Prinz handlungsunfähig, weil Posa dessen Leidschaft für Elisabeth aus strategischen gründen geschürt hat (IV 21); deswegen muss Posa seinen ersten Plan abwandeln (I 2).
Wegen seiner nicht überwundenen Liebe zu Elisabeth fällt Carlos dann auf die anonyme Einladung der Fürstin Eboli herein (II 4) und gibt zu erkennen, dass er mit einer anderen Dame gerechnet habe (II 8), woraus die Eboli ihre Schlüsse zieht und sich für ein Komplott hergibt (II 9 und II 11 ff.). Diesen Komplott gefährdet Ehe und Leben Elisabeths und vermutlich auch des Prinzen Carlos (III 1 ff.).
Die zweite Krise beschwört Posa herauf, indem er gegenüber Carlos nicht mit offenen Karten spielt (II 15) und diesen darauf festlegt, ihm zu vertrauen (V. 2451). Er zerreißt auch den Brief des Königs an die Eboli, der er mit einem Trick an sich gebracht hat (nach V. 2400); als Carlos‘ Freund Lerma den Prinzen über bestimmte „trickreiche“ Aktionen Posas informiert (IV 4) und Carlos dem Freund auch noch seine Brieftasche geben muss (IV 5), wird dieser misstrauisch gegen Posa ( IV 6, wo Posa sein Schweigen vor sich selbst rechtfertigt). Nach einer weiteren Information Lermas (IV 13) glaubt der Prinz, Posa als Freund verloren zu haben, und erneut zur Eboli (IV 15), um ihr sein Herz auszuschütten, wobei er von Carlos verhaftet wird (IV 16). Dementsprechend klagt er auch bei Posa und macht ihm indirekt Vorwürfe, was dieser nicht versteht (V 1), weil er von Lermas Eingreifen nichts weiß.
Auch Posas Idee, Carlos durch die Königin in seine Flandern-Aufgabe einweisen zu lassen (IV 21; V 3), führt letztlich dazu, dass Carlos nicht wegkommt, sondern gefangen genommen wird; er nimmt Elisabeths Einladung zum nächtlichen Treffen an, weil dies Posas Wille sei (V 6), und schlägt die letzte Möglichkeit zur Flucht aus (V 7). Vorher hat er das Angebot des Königs, sich mit ihm auszusöhnen, ebenfalls wegen des Opfertodes Posas ausgeschlagen m Sinn einer Realpolitik zweifellos ein Fehler: Realpolitik ist nach einem Märtyrertod, wie Posa ihn inszeniert hat, nicht mehr möglich („Für mich ist er gestorben.“, V. 4838).
   Überblickt man die Kräfte, die gegen Posas Pläne arbeiten, so muss man sagen, dass Posa mit seinem eigenwilligen und auch vermessenen Planen die Verwirklichung seiner Pläne am stärksten verhindert hat.

Über Posas Pläne, seine Lügen, seine Heimlichkeiten und die Instrumentalisierung der Menschen (der Herzen) zu urteilen ist eine eigene Aufgabe. Posa übt einmal Selbstkritik (V. 4220 ff.) und wird von Elisabeth kritisiert (V. 4342 ff.); indirekt wird er von Carlos kritisiert (V 1); der König würdigt seine politischen Schachzüge (V. 5057 ff.), wehrt sich aus persönlichen Gründen aber dagegen und bezweifelt auch, dass Posa für Carlos allein gestorben sei.
Seine Lügen rechtfertigt Posa gegenüber Elisabeth (V. 3414 ff.), seine Heimlichkeit vor Carlos rechtfertigt er nach dem gleichen Muster (V 6, speziell V. 3648 ff.).

Schiller: Don Karlos – neue Analyse

Nachdem ich den „Don Karlos“ im Schuljahr 2001/02 in einem Leistungskurs Deutsch behandelt hatte, habe ich im vergangenen Frühjahr das Drama noch einmal intensiv gelesen und bei lehrer-online eine Unterrichtseinheit dazu präsentiert (http://www.lehrer-online.de/don-carlos.php). In diesem Frühjahr habe ich dann das Drama erneut gelesen (Vorbereitung für ein Lehrerheft bei Krapp & Gutknecht) und einige Stellen gefunden, die mein Verständnis des Stücks verändert haben:

* Es war mir schon aufgefallen, dass die Szenen I 5 und V 11: die Begegnungen des Prinzen Karlos mit Elisabeth, das Geschehen rahmen und dass die entscheidende Veränderung darin besteht, dass Karlos am Ende „zum Mann gereift“ (5324) ist, also Elisabeths Forderung gerecht wird: „Ermannen Sie sich, edler Prinz.“ (763) Auch Posa fordert, Karlos solle ein Mann sein (V 3), während der Infant für Philipp ein „Knabe“ ist (I 6 und V9). Die neue Einsicht besteht in einer Verknüpfung dieser Beobachtung mit Karlos’ Aussage,
„Dass Karlos nicht gesonnen ist, zu müssen,
Wo er zu wollen hat;“ (724 f.)
dass Karlos also bei der ersten Begegnung um seine Selbstverwirklichung kämpft. Freiheit besteht im Verständnis des Idealismus darin, das von sich aus zu wollen, was man tun soll (vgl. Posas Wort über Wahl und Pflicht, 3032 f.!); diese Freiheit hat Karlos am Ende gewonnen, insofern ist er ein Mann geworden.

* Der Reifung gegenüber Elisabeth entspricht Karlos‘ Reifung als Sohn: In II 2 bettelt er um die Liebe des Vaters, in V 4 sagt er sich von ihm los (um in V 11 als Infant zum Aufstand bereit zu sein).

* Dass Freundschaft zwischen Karlos und dem Marquis Posa mehr als persönliche Verbundenheit ist (und deshalb auch nicht aus Schillers Leben erklärt werden kann), war mir klar; neu ist die Einsicht, dass der „heutige“ Freundschaftsbund (I 9) für die Freundschaft „auch dermaleinst“ (995) gilt, also die Gleichheit zwischen dem König Karlos und dem Bürger Posa (965 ff. und 994 f.) antizipiert und heute schon herstellt. Damit bekommt dann die schwärmerische Aussage Posas, das Traumbild des neuen Staates sei „der Freundschaft göttliche Geburt“ (4280 f.), ihre Bedeutung.

* Von dieser neuen Einsicht aus wird auch eine beinahe „defätistische“ Äußerung des politischen Taktikers Posa verständlich; der sagt nämlich über Karlos: „Er lege
Die erste Hand an diesen rohen Stein.
Ob er vollende oder unterliege –
Ihm einerlei!“ (4281/84)
Von dieser Vision aus kann man verstehen, wieso Karlos nicht flieht (V 7), sondern am Schluss vollendet ist (V 11), auch wenn der Inquisitor ihn hinrichten wird. „Katastrophe“ kann man diese Vollendung nicht nennen.

* Die letzte neue Einsicht besteht darin, in Posas Selbstopfer eine Säkularisierung des christlichen Glaubens an den Opfertod Jesu zu sehen. Das ergibt sich aus aus Karlos’ Bekenntnis: „Für mich ist er gestorben.“ (4787 und 4837) Da geschieht insofern eine Erlösung, als nun die Bindungen der Natur nicht mehr gelten (4767) und die neue Bruderschaft „ein edler Band, als die Natur es schmiedet“ (4794), darstellt.

Diese Einsichten machen es nötig, erneut zu untersuchen, wie das Drama aufgebaut ist und was eigentlich im Drama geschieht.

P.S. Schillers Brief an Körner vom 3. Juli 1785 bezeugt, dass im Zusammenhang des Themas „Freundschaft“ die Säkularisisierung zentraler christlicher Motive Schiller nicht fremd war:
„O, mein Freund! Nur unserer innigen Verkettung, ich muß sie noch einmal so nennen, unserer heiligen Freundschaft allein war es vorbehalten, uns groß und gut und glücklich zu machen. Die gütige Vorsehung, die meine leisesten Wünsche hörte, hat mich Dir in die Arme geführt, und ich hoffe, auch Dich mir. Ohne mich sollst du ebenso wenig Deine Glückseligkeit vollendet sehen können, als ich die meinige ohne dich. Unsere künftig erreichte Vollkommenheit soll und darf auf keinem anderen Pfeiler als unserer Freundschaft ruhen. – Unsere Unterredung hatte diese Wendung genommen, als wir ausstiegen, um unterweges ein Frühstück zu nehmen. Wir fanden Wein in der Schenke. Deine Gesundheit wurde getrunken. Stillschweigend sahen wir uns an, unsere Stimmung war feierlich Andacht, und jeder von uns hatte Thränen in den Augen, die er sich zu ersticken zwang. Göschen bekannte, daß er dieses Glas Wein noch in jedem Gliede brennen fühlte, Huber’s Gesicht war feuerroth, als er uns gestand, er habe noch keinen Wein so gut gefunden, und ich dachte mir die Einsetzung des Abendmahls – „Dieses thut, so oft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtniß.“ Ich hörte die Orgel gehen und stand vor dem Altare. Jetzt erst fiel’s uns auf die Seele, daß heute Dein Geburtstag war. Ohne es zu wissen haben wir ihn heilig gefeiert. – Theuerster Freund, hättest Du Deine Verherrlichung in unseren Gesichtern gesehen – in der vom Weinen erstikten Stimme gehört: in dem Augenblike hättest Du sogar Deine Braut vergessen, keinen Glüklichen unter die Sonne hättest Du beneidet. – – –“

„Don Karlos“ und die Aufklärung
Ein Blick in das „Lexikon der Aufklärung“, hrsg. von Werner Schneiders, 1995, kann ganz hilfreich sein; ich denke etwa an die Stichwörter „Enthusisasmus; Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit; Freundschaft; Glück; Philosoph; Schwärmerei; Tugend“.  Für die Trias „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ zeigt Gerd van Heuvel, dass die Brüderlichkeit nicht zum eisernen Bestand gehörte und dass es auch andere Parolen als den später (!) klassisch gewordenen Dreiklang F – G – B gab.

Das angekündigte (http://www.krapp-gutknecht.de/Produkte/Theater_auf_DVD/Don_Carlos/Don_Karlos.htm) Lehrerheft zu „Don Karlos” ist im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen.

Schiller: Don Karlos – Personenkonstellation

Das Problem der Figurenkonstellation (Personenkonstellation)

in Schillers „Don Karlos“ ist unlösbar. Man kann in Schillers „Don Karlos“ keine feste Figurenkonstellation erkennen. Dafür gibt es zwei Gründe:

1. Die Figuren verändern sich, auch in ihrem Verhältnis zueinander.

2. Diese Veränderungen erfahren sie nicht als „Figur“ oder Person „an sich“, sondern in einer bestimmten Hinsicht.

Ich möchte beide Gründe am Beispiel Elisabeths erklären. Man könnte vereinfacht sagen, dass Elisabeth zwischen Karlos und Philipp steht; aber damit erfasst man nicht, was wirklich geschieht:

* Als Frau weist sie Karlos zunächst (I 5) zurück und steht treu zu ihrem Mann Philipp, obwohl sie sich um Karlos sorgt bzw. an seinem Leiden teilnimmt (I 4). Nachdem sie von Philipps Einbruch erfahren hat (IV 9), will sie ihrer Zuneigung zu Karlos Raum geben (IV 9) und ihm ihre Liebe gestehen (5306/09), wird dort aber von Karlos als Frau zurückgewiesen. [Elisabeth: Herz > Etikette]

* Diese „Bewegung“ Elisabeths wird von einer Bewegung der Königin begleitet: Zuerst stachelt sie, von Posa durch die Briefe eingespannt, Karlos an, sich für die Rettung der Niederländer einzusetzen (I 5). Posa plant dann eine Revolution bzw. Hochverrat (IV 3), wobei die Königin zumindest wohlwollend zuhört; sie findet die Idee groß, belässt es aber bei ihrem „stillen Anteil“ (3513). Schließlich zettelt sie sogar in Madrid einen Aufruhr an (V 7), damit Karlos ungestört fliehen kann. Am Ende bewundert sie den Freiheitshelden und gereiften Mann Karlos grenzenlos („Männergröße“, 5350) und bejaht auch seinen Aufstand, wendet sich also offen gegen den König Philipp und den spanischen Staat.

Zu den beiden genannten Gründen kommt als 3. Grund Schillers Schwächen in der Konstruktion eines plausiblen Ablaufs der Ereignisse: Dass die so stark von der Etikette eingeschnürte Elisabeth (I 3; I 6) an einem Hof, wo jeder bespitzelt wird (I 1; II 10), einen Aufstand in Madrid anzetteln kann, ist völlig unwahrscheinlich: Der „Aufstand“ dient dramaturgisch nur dazu, die Entscheidung Karlos‘, nicht zu fliehen, sondern Posas Auftrag gemäß zu handeln, hervorzuheben. Auch dass Philipp einen Mönch als Beichtvater hält, der offen das Beichtgeheimnis bricht (2685 ff.), oder dass er innerhalb eines Tages einen politisch bedenklichen jungen Mann an die Spitze seines Machtapparates stellt, ist bereits bei geringem Nachdenken nicht plausibel. Sogar Posas Scheitern in IV ist konstruiert und sachlich unbegründet. Posa besucht schließlich (V 1) den gefangenen Karlos, um ihm die Situation zu erklären und ihn zu Elisabeth zu schicken; viel einfacher wäre es, er schickte ihn gleich in die Niederlande los – aber nein, Karlos muss in V 11 noch zeigen, dass er reif geworden ist!

Vielleicht kann man das Auftreten des Großinquisitors in V 10 auch diesem 3. Grund zuordnen: Philipp ist entschlossen, mit seinem Sohn abzurechnen und den angekündigten „Geist“ im Trakt der Königin selber in Augenschein zu nehmen (V 9). Er braucht den Großinquisitor nicht, um Karlos zu verhaften und den Prozess zu machen – ja, der Großinquisitor ist für Karlos nicht einmal zuständig, da Karlos, anders als Posa, kein „Ketzer“ ist. Die Szene V 10 ist also dramaturgisch überflüssig und dient nur dazu, Schillers alte Idee, die Inquisition bloßzustellen, zu verwirklichen. Im Briefwechsel mit Schröder hat er für die Hamburger Aufführung deshalb auch erwogen, die Szene zu streichen. – Und nun die Preisfrage: Was macht man mit dem Großinquisitor in einer „Figurenkonstellation“ oder Personenkonstellation?

Was Karlos betrifft, ist sein Verhältnis zu Elisabeth bereits hinreichend beschrieben. Zu Posa fühlt er sich hingezogen und schließt mit ihm den Freundschaftsbund (I 9), ordnet sich ihm aber völlig unter (I 2; II 15); er zweifelt an dessen Treue (IV 5 und 13) und wird sogar verhaftet. Als die Zweifel an der Treue durch Einsicht vertrieben werden (V 1 und 3) und Posa sein Leben für ihn bzw. die Befreiung der Niederlande und die Rettung der Utopie hingibt (IV 21; V 3), wird diese Freundschaft der absolute Bezugspunkt seines Lebens und Handelns (V 4, 6, 7, 11). Erst durch Posas Tod wird er vom Übervater Posa frei, aber in den Dienst seiner Idee genommen.

An seinen Vater hat er sich angenähert (II 2), ein wenig auch an den König (II 3), was er aber nicht weiß bzw. ausschlägt (Ende II 2). Als Philipp Posa ermorden lässt, sagt er sich vom Vater los (V 4) und bekennt sich zum Aufstand in den Niederlanden (V 11). – Er bewegt sich also zunächst auf Philipp zu, bricht dann aber zuerst mit dem Vater und dann mit dem König, wobei er auf die zuerst begehrte Gattin Philipps (I und II) am Ende verzichtet.

Zu Philipp ist fast alles gesagt, nur sein Verhältnis zu Posa ist noch nicht untersucht. Er ist von Posa als Mensch beeindruckt (III 10), wenn er auch dessen politische Ideen für falsch hält, und befördert ihn in ein Vertrauensverhältnis (III 10) mit beinahe unbeschränkten Vollmachten (IV 12); im Rückblick sagt er, dass er ihn als Sohn angenommen und geliebt habe (IV 9). Nach Posas Verrat ist er deprimiert (IV 23); als Karlos ihm offenbart, dass Posa mit Philipp nur gespielt habe (V 4), ist er in seiner Selbstachtung so stark getroffen, dass er sich rächen und alles zerstören will, was Posa heilig war: die Menschheit und Karlos (V 9). – Philipp hat sich also auf Posa als Menschen zubewegt, um ihn später als politischen Denker völlig abzulehnen.

Es bleibt Posa als Hauptfigur übrig. Er geht auf Elisabeth zu und gewinnt sie für seine Ideen, bis er ihr gesteht, er habe mit Karlos‘ Liebe diesen erziehen wollen (IV 21); da wendet Elisabeth sich von ihm als Mensch ab, ohne später ihre erneute Zuwendung (V 11) zu erklären. Er geht auch auf Karlos und den König als Mensch zu, um sie je verschieden für seine politischen Ziele einzuspannen; er führt dadurch beide (angeblich wegen einer unglücklichen Verkettung der Ereignisse) in eine Krise, aus der Karlos sich für und Philipp gegen Posas Ideen entscheidet. Er hat an seiner Idee bis zum Tod festgehalten, um so Karlos auf diese Idee der Freiheit festzulegen. – Man könnte sagen, Posa verkörpere die Idee der Freiheit und bezeuge ihre Wahrheit mit seinem Leben (Märtyrer), scheitere deshalb notwendig in der Sphäre des Machthandelns.

Die übrigen Figuren sind Nebenfiguren, die vor allem Funktionen im Geschehen haben oder Ideen ausdrücken:

Lerma steht in der Loyalität zwischen dem König und dem Infanten, hat aber für diesen eine größere Bewunderung und Zuneigung; er dient dazu, als guter Mensch die Ereignisse zuzuspitzen (IV) und Karlos als besseren König zu beglaubigen (V). Als Gegenfigur zu Alba und Domingo ist er ohne Einfluss (III); er dient dazu, die Zweifel des Königs in III zu vertiefen.

Eboli bewegt sich auf Karlos als Mann zu, wird aber von diesem zurückgewiesen und hilft deshalb, die Intrige gegen Elisabeth und Karlos zu spinnen, wobei sie sogar zum Ehebruch bereit ist. Sie bereut ihren Fehltritt und bewegt sich wieder auf Elisabeth zu (Reue, IV 19), wird aber von dieser fortgeschickt (IV 20). Sie steht also nirgendwo – sie bewegt sich!

Alba und Domingo verkörpern die beiden finsteren Seiten der spanischen Macht: das Militär und die Kirche. Sie repräsentieren (und spinnen) die höfischen Intrigen und sind Gegner der drei Aufklärer Elisabeth, Karlos, Posa. Zu Philipp als König haben sie ein Verhältnis begrenzter Loyalität; sie spielen mit dem Mann Philipp, um den König in ihrem Sinn zu lenken, was ihnen nur begrenzt gelingt.

Der Großinquisitor verkörpert die Kirche als Inquisition und unangreifbare Macht, die Tod und Verderben bringt. Er hat zu keinem ein Verhältnis und spielt sich als Herr des Königs auf, um jede Menschlichkeit aus der Machtausübung zu tilgen (V 10). Ob Philipp sich ihm „in Demut beugt“ (5262), wird letztlich nicht geklärt (Pause in 5262 gegen 5248/50).

In dem von Berthold Heizmann erstellten Lektüreschlüssel (Reclam 2004, RUB 15352, S. 34) findet man eine „Personenkonstellation“, die sehr klar die Mängel dieser Kategorie offenbart: Nicht nur dass Philipp die zentrale Figur ist, um die sich der private Bereich, der öffentliche Bereich und Posa als Sonderfigur gruppieren (darüber könnte man ja streiten) – die Figuren stehen da ein für allemal an ihrem Platz, keiner rührt sich, aber ein Drama ist Geschehen! Auch die Konstruktion von Hansjürgen Popp (Lektürehilfen bei Klett, 2007, S. 60; ähnlich Mario Leis in „Texte Medien“ bei Schrödel, 2007) befriedigt nicht: Sie ist um das Dreieck der Prinzipien „Freiheitsidee / Unfreiheit als Prinzip / Eigeninteresse“ konstruiert und weist den Figuren einen Platz auf den Seiten des Dreiecks zu; Elisabeth „ist“ die Freiheitsidee am reinsten – sehr problematisch! Allerdings wird Karlos und Philipp eine Bewegung weg von und hin zu ihrer dominierenden Idee zugestanden; aber die Vielzahl der Ebenen, auf denen das Geschehen abläuft, wird nicht durch die drei Prinzipien erfasst.

Ich weise auch auf die im Internet greifbaren Schaubilder (Figurenkonstellation) hin:

http://media.buehnenkoeln.de/materialien/dig_proghefte/Schiller_DON_CARLOS/konflikte.htm (mit der Unterscheidung von privaten und politischen Konflikten!)

www.muenchner-volkstheater.de/Presse/Material/DonKarlos/Pressemappe_Don_Karlos.pdf (dort S. 3)

http://www.stiftikus.de/jgst12.htm (dort die Präsentation „D. C. als Familiendrama“)

Allgemein zur Figurenkonstellation:

http://norberto42.kulando.de/post/2008/03/05/figurenkonstellation_und_dramatisches_geschehen

Es gibt eine Figurenkonstellation in einer Szene, und es gibt einen Stand des dramatischen Geschehens am Ende eines Aktes – aber zumindest im „Don Karlos“ gibt es keine in einem Schema festzuhaltende Figurenkonstellation.

Dramatische Situation am Ende von I
Als Herr und Lenker des Geschehens hat sich Posa gezeigt:
– Er hat sein politisches Ziel scheinbar zurückgestellt und Karlos menschlich aufgefangen (I 2);
– er hat der Königin neben familiären auch Briefe aus den Niederlanden übergeben (I 4);
– er hat das Treffen Elisabeths mit Karlos arrangiert und darauf vertraut, dass die Königin den Ball „Briefe aus den Niederlanden“ weiterspielt (I 4);
– er schließt den Freundschafts- und Bruderbund mit Karlos, dem künftigen König Spaniens (I 9, vgl. I 2).
Karlos leidet an der „unmöglichen“ Liebe zu Elisabeth, der Frau seines Vaters Philipp. Die Annäherungen Karlos‘ werden von Elisabeth energisch abgewiesen; sie verweist den Kronprinzen auf Spanien als seine zweite Liebe – als Mensch bleibe ihm die Freundschaft seiner Mutter (I 5). Sie übergibt ihm die Briefe aus den Niederlanden. Dadurch und durch den Freundschaftsbund mit Posa gestärkt ist der anfangs deprimierte Karlos schließlich entschlossen, sich beim König für die Niederlande einzusetzen (I 7; I 9). Er drängt auf einen Bruderbund, der auch den künftigen König binden soll (I 9), mit Posa, dem Freund und Bürger.
Elisabeth, eine der Natur verbundene Frau, hat Posas allegorische Erzählung von den unglücklich Liebenden verstanden, sich über die Etikette hinweggesetzt und so indirekt das Treffen mit Carlos ermöglicht (I 4). Sie spielt Posas Spiel mit, hält Karlos jedoch auf freundschaftliche Distanz. Mit der Übergabe der Briefe greift sie von sich aus in das politische Spiel ein (I 5) und setzt auf die Karte der Freiheit.
Philipp hat sich als eifersüchtiger Gatte, als argwöhnischer Vater und als unerbittlicher König eingeführt (I 6); Elisabeth leistet ihm Widerstand, was seine Kritik an ihr und der Mondecar betrifft – sie habe gegenüber Karlos nur Grenzen der Etikette, nicht der Moral überschritten.

Dramatische Situation am Ende von II
Karlos hat seinen Vater gesprochen, aber nicht den König erweichen können, ihm das Heer nach Flandern anzuvertrauen; seinen Teilerfolg beim König erkennt er nicht (II 3). Er hat auch nicht der Liebe zu Elisabeth entsagt und hat das Angebot der verliebten Prinzessin Eboli als Angebot Elisabeths missverstanden. Dadurch hat er die verschmähte Eboli gekränkt, die sich deswegen entschlossen hat, aus Rache mit Domingo zusammenzuarbeiten, sich dem König hinzugeben und das vermeintliche Verhältnis Elisbeth-Karlos aufzudecken.
Karlos wendet sich im Kartäuser-Kloster an seinen Freund Posa, um diesen dazu zu bewegen, ein Treffen mit Elisabeth zu arrangieren, weil er diese jetzt von ihrer Ehe frei glaubt. Posa stimmt ihn jedoch um, dass er wieder Flanderns Rettung als sein Hauptziel ansieht. Posa deutet an, einen großen Plan gefunden zu haben (V. 2452 f., V. 2457 f.), den die Königin Karlos darlegen soll.
Damit ist Karlos wieder in der Situation von I 5: Er will tun, was man ihm gebietet, muss jedoch Posa machen lassen; die Situation hat sich aber durch Philipps Entscheidung für Alba und durch das Komplott der Eboli mit Domingo für die Gruppe Posa – Elisabeth – Karlos verschlechtert. Posas Plan kann auch bloß der Entscheidung Philipps entgegenwirken, weil Posa das Komplott nicht kennt.

Dramatische Situation am Ende von III
Der 3. Akt wird von der Figur des Königs und dem Aufstieg Posas bestimmt: Philipp zeigt sich als hilfloser Mensch (bis III 5), als kluger König (bis III 7) und als Gesprächspartner Posas, den er in seinen Dienst nimmt (III 10).
Der Ehebruch des Königs ist geschehen, die Schatulle Elisabeths ist erbrochen (vgl. IV 1 und IV 9) – der König ist vom Zweifel an Elisabeths Treue erschüttert und sucht Gewissheit; Lermas Bekenntnis zu Elisabeths Tugend überzeugt ihn so wenig wie die Vorwürfe Albas und Domingos. Auf der Suche nach einem Menschen und Freund, der ihm die Wahrheit sagt, ist er auf den Marquis Posa gestoßen (III 5), dessen Auftritt als Prophet eines freiheitlichen Staates ihn fasziniert und den er als Ratgeber und zur Untersuchung von Elisabeths Treue einstellt, ohne dessen Verbindungen zu Elisabeth und Karlos zu kennen. – Damit scheint das Komplott der Eboli und Domingos abgeschmettert zu sein.

Dramatische Situation am Ende von IV
Die Situation ist verworren, viele Handlungsstränge laufen nebeneinander: Zunächst ist Posas Plan offenbart worden: Er möchte Karlos an die Spitze einer Revolte stellen (IV 3); er spielt aber auch gegen Karlos nicht mit offenen Karten (IV 5) und hat vom König alle Vollmachten erhalten (IV 12). Elisabeth hat die Vorwürfe des Königs abwehren können (IV 9); die Intrige der Eboli ist entdeckt (IV 9; IV 12; IV 19) worden. Da aber Lerma Karlos über Posas Agieren informiert hat (IV 4 und 13), ist Karlos unsicher (IV 6 und 13) und hat sich an die Eboli gehängt (IV 15), was unklare Folgen hat (IV 16 f.).
Der Königin gesteht Posa schließlich, dass sein Plan gescheitert ist, weil er zu hoch und unaufrichtig gespielt hat, dass er sich jetzt aber für Karlos opfert (IV 21) und dieser so der Utopie verpflichtet sei; sein Brief in die Niederlande wird abgefangen (IV 22), Alba verkündet Domingo den Sieg (IV 25). – Der Verlierer des 4. Aktes ist Marquis Posa.

Dramatische Situation am Ende von V
Am Ende des Geschehens steht, dass die Freundschaft gesiegt hat, dass Karlos der Mann geworden ist, der er werden sollte, die Freunde aber von den Realpolitikern besiegt werden.
Posa hat sich in einem letzten Täuschungsmanöver für den Freund geopfert und ist  erschossen worden. Karlos ist hierdurch umgewandelt (erwacht), hat sich vom Vater losgesagt und sich dem von Posa ihm zugedachten Auftrag gestellt, die Niederlande zu befreien; er entsagt Elisabeth, die sich in den Dienst von Posas Vermächtnis stellt. Philipp ist von Posa ebenso beeindruckt wie gekränkt; er hat sich zum Widerstand ermannt und den Inquisitor gebeten, seinen Sohn hinzurichten. Ehe er fliehen kann, wird Karlos verhaftet; die Vision der großen Freiheit bleibt Vision.

Das angekündigte (http://www.krapp-gutknecht.de/Produkte/Theater_auf_DVD/Don_Carlos/Don_Karlos.htm) Lehrerheft zu „Don Karlos” ist gerade im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen, mit 96 statt der angekündigten 80 Seiten.