Eichendorff: Der Unbekannte – Analyse

In Eichendorffs Gedicht „Der Unbekannte“ (1837) wird erzählt, wie ein Unbekannter in einem Dorf am Abend zu einer glücklichen Familie kommt; er wird zum Essen eingeladen. Sowohl sein Auftreten wie seine Erzählungen weisen ihn als geheimnisvollen Mann aus. Der Vater lädt ihn ein, im Dorf zu bleiben und zu leben wie die anderen; da verabschiedet sich der unbekannte Gast und verweist auf seine ferne Heimat. Himmlisches Klingen und Lichtglanz umgeben seinen Abschied.

Das Gedicht ist am Ende der Romantik entstanden und Eichendorff ist als konsequent romantischer Dichter bekannt; doch sind die romantischen Attribute (Abendstunde, V. 1; rauschender Wald, V. 4) eher Beiwerk, um die Eichendorff’sche Spannung zwischen dem heimeligen Hier (die Familie, 2. Str.; die Einladung, 5. Str.) und der wahren Heimat in der Ferne (die Erzählungen, 4. Str.; der ausdrückliche Hinweis, 6. Str.) zu gestalten. Diese Eichendorff’sche Spannung wird in dem Gedicht in einem Geschehen expliziert, welches sich aus zwei Motiven der Tradition zusammensetzt: Da ist erstens das Motiv „Gott auf Erden“, aus Legenden bekannt, die auf eine Belehrung der Figuren und damit der Zuhörer hinauslaufen. Das zweite Motiv ist die biblische Erzählung von den Emmausjüngern, die am Abend den Unbekannten einladen: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich schon geneigt.“ Dann erkennen sie ihn beim Brotbrechen; er entzieht sich ihnen, doch sie sind gewiss, dass der Herr Jesus auferstanden ist. Vielleicht kann am Ende der Analyse geklärt werden, welches der beiden Motive dominiert.

Das Geschehen wird von einem Erzähler vorgetragen, der das Innenleben der Figuren kennt („schien“, V. 6: vermutlich Perspektive des Mannes; „Ihr dünkt“, V. 13; es war, wie in den Himmelsgrund zu schauen, V. 18: Perspektive der Frau), sich ansonsten aber zurückhält und nichts kommentiert. Das Geschehen spielt an einem Abend (V. 1: Abendglocken) und dauert ein paar Stunden (Sterne, Nacht, 6. Str.) in einem Dorf oder am Rand eines Bauerndorfes (V. 1; Ährenwogen, V. 5). Der rauschende Wald und die wogenden Ähren signalisieren bei Eichendorff Geborgenheit; zuerst sind noch die Töne des Abends zu hören (V. 3 f.), am Ende ist es ganz still geworden (V. 32).

Die Hauptfiguren sind der unbekannte Wanderer und der Mann, der Familienvater; sie sind die beiden einzigen, die sprechen und handeln; die Frau ist in einer dienenden Rolle dabei (das Essen holen, 2. Str.; Eindrücke vom Fremden gewinnen, 3. Str. – hier dient sie dem Leser als Reflektor). Das Kind, ein lockiges Knäblein (V. 12), rundet die Familienidylle ab. Der Unbekannte dagegen wirkt fremd und doch bekannt (V.13 f.); er hat einen feurigen Blick (V. 15), der in zwei Vergleichen ein mächtiges Geheimnis (V. 16, Perspektive des Erzählers) als eine himmlische Offenbarung (V. 18, Perspektive der Frau) offenbart; auch dass „ihr fast grauen“ will (V. 17), macht das Unheimlich-Fremdartige des Unbekannten dem Leser klar. Jener weiß von der Ferne zu erzählen (4. Str.), nicht nur von Italien (V. 20 f.), sondern auch von überirdischen Orten (kristallene Inseln, Glocken auf dem Meeresgrund, V. 22 f.). Das ist das Wunderbare, von dem er wunderbar spricht („wunderbar“, V. 24, in doppelter Bedeutung). Sein Attribut „schön“ (V. 24) passt zu diesen wunderbaren Orten.

Wie ist das erzählte Geschehen aufgebaut? Nachdem die Situation beschrieben und die Figur des Wanderers eingeführt worden ist (1. Str.), setzt das Geschehen ein: Der Mann oder die Familie lädt ihn zum Abendessen ein (2. Str.). Dabei offenbart sich der Fremde sowohl in seinem Aussehen wie in seinen Erzählungen als jemand, der eine ganz andere Welt kennt: eine wunderbare Welt (3. und 4. Str.). Bis dahin erinnert das Geschehen mich an die Geschichte der Emmausjünger; die vergleichbaren Elemente sind die Abendsituation, die Einladung zum Essen, die Offenbarung – anders ist, dass die Gastgeber eine sesshafte Familie sind und keine Vorgeschichte aufweisen, wenn es auch der Frau so scheint, „er wär schon einst im Dorf gewesen“ (V. 13). Das Geschehen wird dann vom Gastgeber vorangetrieben (5. Str.): Er lädt den Fremden ein, dauerhaft „hier“ zu bleiben und das Leben froh zu „genießen wie die andern“ (V. 27); dabei stellt er dem ewigen Wandern des Fremden (V. 25) das Ausruhen gegenüber (V. 30) und vergisst auch nicht den Hinweis auf die attraktiven Töchter des Nachbarn (V. 30). Damit macht er sich zum Sprecher Eichendorff’scher Motive, dessen „Taugenichts“ ähnliche verlockend-verführerische Angebote bekommen hat; im Sinn Eichendorffs ist das Angebot also eine Verführung, sich als Philister niederzulassen, statt dem Ruf der Ferne zu folgen. Der Unbekannte lehnt dieses Angebot konsequent ab (6. Str.), er steht sogleich auf (V. 31) und erklärt sich: „mein Heimatland liegt ferne.“ (V. 32) Damit beendet er nicht nur das Geschehen als der, welcher das letzte Wort hat, sondern erweist sich als jemand, der nicht der Philisterwelt angehört. Das himmlische Klingen (V. 35) und die übergroße Klarheit (V. 36) der blühenden Sterne (V. 31) zeichnen ihn als göttlichen Boten, seine Worte als göttliche Botschaft aus.

Nimmt man seine Erscheinung (3. Str.) und seine Erzählungen (4. Str.) hinzu, nimmt man die Überschrift „Der Unbekannte“ ernst, dann kann man in ihm Gott selber erkennen, der auf Erden wandert; denn „der unbekannte Gott“ war in der Antike eine feste Größe, ihm war in Athen ein Altar geweiht, und auch im Christentum bleibt GOTT trotz seiner Offenbarung wesentlich ein Unbekannter. Dieses Motiv beherrscht das erzählte Geschehen; die Anklänge an die Emmausgeschichte runden das dominierende Motiv ab – die Offenbarung erfolgt ja nicht beim Brotbrechen, sondern im Auftreten und Sprechen des Unbekannten; es ist ferner eine Offenbarung mehr für den Leser als für die Figuren, über deren Erkenntnis der Erzähler schweigt. Nur die Frau hat einen richtigen Eindruck vom Unbekannten; dem Mann mit seinem törichten Angebot bleibt der Fremde verschlossen – die Beiden repräsentieren zwei Möglichkeiten des Verstehens; der kluge Leser weiß, für welches Verständnis er sich zu entscheiden hat. Seine Belehrung erfolgt indirekt, weshalb man auch nicht sagen kann, Eichendorff habe eine Legende geschrieben, obwohl er ein Legendenmotiv verwendet (ähnlich wie Goethe in „Der Gott und die Bajadere“ u.a.).

Die Form des Gedichtes: In sechs Strophen zu sechs Versen herrscht der fünfhebige Jambus; in den ersten vier Versen wechseln weibliche und männliche Kadenzen, da liegt der Kreuzreim vor. In den Versen 5 und 6 liegt jeweils ein Paarreim vor, dabei gibt es zwei weibliche Kadenzen. Die beiden letzten Verse jeder Strophe sind also von den anderen abgegrenzt, was aber nur in der 1. Strophe inhaltlich bedeutsam ist (Auftreten des Wanderers); in den anderen Strophen setzen die beiden letzten Verse nur die vorhergehenden fort (z.B. 2. Str.: Der Satz umspannt vier Verse, V. 9-12). Macht der Jambus ein zügiges Erzählen möglich, so bremsen die weiblichen Kadenzen das Sprechen ein wenig. Vom Satzbau her geht ein Satz oft über mehrere Verse (V. 5 f.; V. 7 f.; V. 9-12 u.a.); doch bilden die einzelnen Verse sehr oft Sinneinheiten, auch wenn der Satz noch nicht durch Punkt oder Semikolon abgeschlossen ist (V. 1-4; V. 13-16 u.a.), sodass die Erzählung insgesamt ruhig vorzutragen ist. Durch solche Syntax ergibt sich auch, dass die im Kreuzreim verbundenen Verse semantisch meistens nichts miteinander zu tun haben. Gelegentlich weicht der Takt vom Metrum ab, indem erste Silben betont werden; dies ist in den Versen 5, 27, 30, 32 und 36 bedeutsam: „Da“ (V. 5) tritt die erste Figur auf; „Hier“ (V. 27) ist der Gegenort des Angebots, „Ruh“ (V. 30) ist der Vorschlag des Wirtes, „Da“ (V. 31) erfolgt die Reaktion des Unbekannten, „So“ (V. 36) wird seine himmlische Abkunft angezeigt.

Wir haben mit „Der Unbekannte“ ein Gedicht vor uns, in dem Eichendorff traditionelle religiöse Motive aufgreift, um den ihm wichtigen Unterschied zwischen dem Ausruhen der Philister „hier“ und der wahren Heimat in der Ferne bzw. dem Wandern dahin zu gestalten; diese Proklamation der wahren Heimat ist selbst religiös bestimmt: „Wir sind nur Gast auf Erden“, wird in den christlichen Kirchen gesungen. Die „romantischen“ Motive des Abends, des rauschenden Waldes, der blitzenden Sterne dienen dazu, das erzählte Geschehen zu situieren und zu erhellen.

Didaktischer Kommentar: Arbeitszeit inklusive Schreiben und Korrektur zwei Stunden – ganz so viel kann man also von einem Schüler in einer dreistündigen Klausur nicht erwarten. Ich habe keine Hilfsmittel benutzt (nur im Duden „lose“ nachgeschlagen, um zu prüfen, was dort steht); die Emmausgeschichte steht in Luk 24,13-35. Den unbekannten Gott (vgl. Apg 17,23) können Schüler nicht kennen – im Religionsunterricht wird heute über PID und Euthanasie diskutiert, aber nicht die Bibel gelesen; die Kenntnis der Emmausgeschichte kann man heute selbst bei christlich erzogenen Schülern und auch bei jungen Deutschlehrern kaum voraussetzen (ich erinnere mich, dass vor zehn, zwanzig Jahren in NRW, genauer: am FMG, selbst Judas als Verräter Christi den Schülern nicht bekannt war – das mag man bedauern, aber man muss damit rechnen). Dass „grauen“ den Schülern in seiner ganzen Bedeutung bekannt ist, bezweifle ich.

Ich habe diese Analyse so angefertigt, weil ich darum gebeten worden bin, dieses bayerische Abiturthema aufzuarbeiten; ich hoffe, der Bitte gerecht geworden zu sein.

P.S. nach dreieinhalb Stunden: In der Mittelbayerischen lese ich in einem Bericht vom 10. Mai über das diesjährige Deutsch-Abitur: „Aufgabe 1 Interpretation des Gedichtes „Der Unbekannte“ von Joseph von Eichendorff; Zweiter Teil der Aufgabe: „Legen Sie ausgehend vom Verhalten der Frau im Gedicht und mit Blick auf eigene Erfahrungen dar, weshalb von der Begegnung mit Unbekanntem Faszination ausgehen kann.““ – Der zweite Teil der Aufgabenstellung war mir nicht bekannt; dieser Teil der Aufgabenstellung zielt auf die 3. Strophe und wird von ihr relativiert – es ist nicht das Unbekannte schlechthin, sondern dieser Unbekannte mit seiner Tracht und seinem Blick, der die Frau fasziniert. Ich läse jetzt gar zu gern einmal die bayerische Lösungserwartung. Ach, da fällt mir auch noch der alte Schlager „Schöner fremder Mann“ ein; „der schöne Gast“ (V. 24) enthält eine Wertung des Erzählers, es gibt keinen Anhaltspunkt für personales Erzählen (aus Sicht der Frau).

Zweites P.S.: Ich hatte beim Unbekannten auch kurz an Ahasver gedacht, habe diese Beziehung aber verworfen, weil der faszinierende Unbekannte eine Heimat hat, Wunderbares aus der Ferne zu berichten weiß und Eichendorffs Botschaft vermittelt – all das kann man von Ahasver nicht sagen. Meine Arbeit sollte zeigen, was man ohne weitere Hilfsmittel (außer dem Text und dem Duden) in Abitur-Arbeitszeit schaffen kann, wobei ich die Dauer der Arbeitszeit in Bayern nicht kenne (bin von 3 NRW-Stunden Gk ausgegangen) und den 2. Teil der Aufgabenstellung nicht kannte; ich habe mich also auf das beschränkt, was für mich in kurzer Zeit zu sehen bzw. mit dem geistigen Ohr zu hören war.

Drittes P.S. nach vier Tagen: Inzwischen liegen mir die bayerischen Lösungserwartungen vor. Die drei eingeforderten Kernleistungen sind:

Die Schülerinnen und Schüler erfassen den gedanklichen Aufbau des Gedichts und erkennen, dass sich durch die Begegnung zweier Lebensentwürfe neue Erfahrungsfelder öffnen. (Für wen öffnen sich neue Erfahrungsfelder? Es begegnen sich nicht Lebensentwürfe, sondern Menschen – die Lebensentwürfe werden in deren Interaktion konfrontiert. Den gedanklichen Aufbau herauszuarbeiten ist eine sinnvolle Forderung – in der Lösungserwartung ist sie m.E. nicht gelungen; da werden unscharf bestimmte Sprachhandlungen und Inhalte zu einer besseren Paraphrase des Textes Strophe für Strophe vermengt; vgl. noch den Exkurs am Ende dieses Aufsatzes!)

Die Schülerinnen und Schüler arbeiten ausgehend von ihrem Textverständnis auffällige formale und sprachlich-stilistische Gestaltungsmittel heraus und erläutern deren Funktion bzw. Wirkung. (Das ist eine normale Forderung, ich werde zu ausgewählten Beispielen etwas sagen. „Wirkung“ kann nur heißen: Wirkung auf Leser – die kennt ein Schüler aber nicht; ob er selbst unter Prüfungsbedingungen als Testperson in Frage kommt? Eher nicht – bei dieser Aufgabenstellung werden Schüler also zum Spinnen angeregt, weil man in der Prüfungssituation kaum schreiben darf, das Gedicht komme einem ziemlich albern vor [Wirkung!], selbst wenn das die Wahrheit wäre. Als ich das Gedicht analysierte, hat es keinerlei Wirkung auf mich ausgeübt – ich hatte ja den analytischen Blick und musste mich mit dem Schreiben beeilen.)

Die Schülerinnen und Schüler gelangen zu einer Deutung, welche die unterschiedlichen Lebensentwürfe und die Suche nach Erfüllung auch mit Blick auf das Konzept der Romantik herausarbeitet. (Das hört sich zunächst größer an, als es ist; im Wesentlichen wird nur noch zusammengefasst, was längst gesagt worden ist. Offenbar wird mit dem Wort „Interpretation“ Wert auf diesen Teil gelegt, aber auch dieser Begriff ist unklar – in NRW sind Interpretieren und Analysieren gleichbedeutend, was aber auch problematisch ist.)

Kritische Anmerkungen im Einzelnen

Zu 1.

Die Frau zeigt kein offenes Interesse für den Fremden („halb scheu, halb lose“, V. 11).

Vermutlich sind Schildern…, Darstellen…, Veranschaulichen…, Zusammenfassen… als sprachliche Leistungen des Erzählers gemeint; Durchbrechen… ist dann die Wirkung der Rede des Hausherrn, Aufbruch des Fremden… ist „Inhalt“ des Geschehens – dies alles wird gleichberechtigt nebeneinander gestellt (wobei die Sprachhandlungen schildern/darstellen/veranschaulichen kaum exakt zu bestimmen und zu unterscheiden sind): So erfasst man nicht den Aufbau des Gedichts!

In der letzten Strophe: Darstellen einer gesteigerten Naturwahrnehmung? Wer nimmt denn die Natur wahr? Es gibt eine bedeutsame Veränderung der Natur, die der Erzähler beschreibt und wodurch der Fremde objektiv-naturhaft beglaubigt wird. 

Zu 2.

Hier ist vieles als geschraubt und hochgestochenes Gerede zu kritisieren: „Banalisierung [wessen?] durch direkte Rede“ – sachlich unhaltbar! Ob man überhaupt von Banalisierung sprechen kann, darüber könnte man streiten (der Hausherr erkennt den Fremden an und stellt seinen eigenen Lebensentwurf als Einladung gegen den des Fremden, während dieser nur von der Natur gesprochen hat: »Hast viel erfahren, willst du ewig wandern?«) – sicher erfolgt jedoch keine Banalisierung durch direkte Rede. „Wortfamilie ‚ruhen’“ – die gibt es nicht, es gibt nur eine Wiederholung des Verbs „ruhen“! „Inszenieren der jungen Frau und ihrer Beziehung zu dem Fremden als ambivalent durch komplexen, z.T. elliptisch wirkenden Satzbau…“ – einfach falsch; der Satzbau sagt etwas über den jeweiligen Sprecher aus, es spricht aber der Erzähler, nicht die Frau.

„parallele Motivwahl bei Ankunft und Weiterreise“ – welche Motive wären das außer der Wiese und Ruhe/Stille? Und diese beiden Motive (ein Kollege erkennt hier noch das Motiv der Ferne, was mir nicht gelingt – wenn man im Adverbial „Aus fernen Landen“ das Motiv der Ferne finden will, dann kommt man in der 1. Strophe auf rund 15 Motive, dann ist jedes Substantiv, Verb oder Adjektiv ein Motiv: eine Inflation!) sind nicht geeignet, die Komplementarität der (Lebens)Entwürfe zu zeigen; sie gehören einfach zur Szene des Geschehens.

„Spiegelbildliche Wiederkehr von Motiven der Eingangsszenerie in den Erzählungen des Wanderers“ – welche wären das denn?

Anspielungen auf religiöse Motive – richtig, aber auf welche? Scheut man, sich in dieser Frage festzulegen, oder will man den Schülern die freie Auswahl lassen?

Zu 3.

Dass das ambivalent wirkende Verhalten der Frau die Gegensätzlichkeit der Positionen verdeutlicht, sehe ich nicht.

Muss man als Schüler/Leser das Glückspotenzial beider Lebensentwürfe aufzeigen? Das gehört doch zumindest zur Hälfte, wenn nicht ganz in die Teilaufgabe b)! Wozu also das Gleiche zweimal schreiben?

Wie in der Antwort an Esther (Kommentar) bereits gesagt: Ich sähe gar zu gern, was die Lösungserwarter in 120 Minuten aufs Papier brächten, wenn ihnen „Der Unbekannte“ als unbekannter Text vorgelegt würde. Kollegen, die die Lösungserwartung kennen, könnten einmal in 90-100 min ihre Lösung aufschreiben, wiederum zur Prüfung dessen, was man in dieser Zeit schaffen kann.

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Exkurs zur Aufgabe: den Aufbau des Gedichtes beschreiben

Es handelt sich um eine für das Verständnis des Textes zentrale Aufgabe, die leider weithin unklar ist. Ich habe mich vor einiger Zeit in drei Aufsätzen mit dieser Aufgabenstellung auseinandergesetzt und bitte darum, diese Aufsätze vorab zur Kenntnis zu nehmen:

https://norberto68.wordpress.com/2011/02/13/zuerst-den-aufbau-von-gedichten-untersuchen-gedichtanalyse1-schritt/ und

https://norberto68.wordpress.com/2012/03/06/was-heist-den-aufbau-des-gedichts-beschreiben/

http://norberto68.wordpress.com/2011/01/12/text-koharenz-thema/

Vor diesem Hintergrund kann man zur Aufgabe „den Aufbau des Gedichtes ‚Der Unbekannte’ beschreiben“ Folgendes sagen:

1. Jemand könnte meinen, die Form des Gedichtes sei zu beschreiben: sechs Strophen zu jeweils sechs Versen usw.; aber das ist nicht der Aufbau, erst recht nicht der gedankliche Aufbau, wie ausdrücklich gesagt wird.

2. „Der Unbekannte“ ist ein Erzählgedicht oder eine Erzählung. Den Aufbau beschreiben könnte also heißen:

a) die verschiedenen Formen des Erzählerberichts zu beschreiben (vgl. dazu etwa http://www.schueller-viersen.de/darbietungsformen.htm oder http://www.kripahle-online.de/unterricht/wp-content/uploads/2010/12/sprache_erzaehlerbericht_personenrede.pdf oder http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_epik/strukt/darb/darb_erzb_0.htm oder ähnliche Übersichten); mir scheint, dass die bayerische Lösungserwartung mit den unscharfen Begriffen „schildern, darstellen, veranschaulichen“ teilweise diesem Verständnis folgt – aber so wird der gedankliche Aufbau des Gedichtes noch nicht erfasst;

b) den Aufbau der Erzählung so beschreiben, wie ich das oben versucht habe und wie es in der Aufgabenstellung eingefordert wird, wenn auch das Attribut „gedanklich“ bei einer Erzählung nicht optimal ist (vgl. diese Übersicht! Die Übersicht zeigt, dass es kein einheitliches Schema gibt, nach dem Erzählungen aufgebaut wären; vgl. zum Stichwort Erzähltheorie diese Darstellung u.a.) und wie es vermutlich in der Lösungserwartung versucht wird, wenn auch mit unzureichenden Mitteln. Bei dieser Beschreibung des Aufbaus wird man je nachdem auch auf die Formen des Erzählerberichts zurückgreifen müssen.

Es wäre erfreulich, wenn diese Abituraufgabe mit ihrer Unklarheit der Anlass dafür würde, dass die Aufgabe „den Aufbau des Gedichtes beschreiben“ wirklich geklärt würde, und wenn vor allem diese Klärung den Deutschlehrern, den Schulbuchautoren und Richtlinienverfassern vermittelt werden könnte – vermutlich muss die jetzige Generation der Lehrenden aber aussterben, ehe das möglich wird.

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4. P.S. nach einem Jahr:

Ich sehe, dass eine französische Kollegin, die Deutsch unterrichtet (nehme ich an – oder eine Deutsche, die in Frankreich unterrichtet), ebenfalls eine Interpetation geschrieben hat: http://lewebpedagogique.com/gbaer/2013/05/28/der-unbekannte-von-joseph-von-eichendorff-1837-erschliesung/ – hier sieht man ebenfalls, was Phantasie aus dem Satzbau herausholt.

Eichendorff: Gedichte – Hilfsmittel zur Analyse

Allgemeine Hilfsmittel zur Analyse von Eichendorff-Gedichten

http://www.hs-augsburg.de/~%20harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Eichendorff/eic_gc10.html (Gedichte in zeitlicher Folge)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte (Gedichte, Ausgabe 1841)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=autoren&sub=list&add=autoren&id=7&sort=autor (Gedichte, Auswahl, aber mit bibliografischen Angaben)

http://www.klassikerwortschatz.uni-freiburg.de/projekt_klassikerwortschatz.html,41 Nennungen in Anthologien, Anzahl

http://www.sternenfall.de/wb–Eichendorff.html (Wörterbuch zu 20 Gedichten von Eichendorff)

http://lexika.digitale-sammlungen.de/adelung/online/angebot (Adelung: Wörterbuch, 2. Aufl. 1811)

http://woerterbuchnetz.de/DWB/?lemid=GA00001 (Deutsches Wörterbuch: Grimm)

http://www.hannelore-scholz-luebbering.de/eiche08.pdf (Eichendorff: Heimat als Konstrukt. Das Ich in Bewegung)

http://kgg.german.or.kr/kr/kzg/kzgtxt/kzgtxt106/106-14.pdf (Die Ikonizität der Naturbilder Joseph von Eichendorffs)

http://edoc.hu-berlin.de/hostings/athenaeum/documents/athenaeum/1995-5/mayer-paola-169/PDF/mayer.pdf (Die unheimliche Landschaft: ein Aspekt von Eichendorffs lyrischer Dichtung)

http://www.goethezeitportal.de/digitale-bibliothek/forschungsbeitraege/autoren-kuenstler-denker/eichendorff-joseph-freiherr-von.html (Eichendorff im Goethezeitportal)

http://www.otto-friedrich-bollnow.de/doc/Eichendorff.pdf (Das romantische Weltbild bei J. von Eichendorff)

http://www.deutsche-biographie.de/sfz12746.html (Biografie Eichendorffs, vgl. auch oben links den Reiter ADB!)

http://m.schuelerlexikon.de/deu_abi2011/Joseph_von_Eichendorff.htm (Biografie und Werke)

http://www.dom-halle.de/lilac_cms/de/,,dok,display,81/index.htm (ähnlich)

http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_von_Eichendorff (dito)

http://klassikthemen.de/datakat1.php?site=5&var1=wert1&var2=wert2&one=Eichendorff,%20Joseph%20von (Eichendorff, vertont)

http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za192/begab/themen/verton/eichlied.htm (dito)

http://www.uni-bonn.de/~hschneid/romantik1.ppt (Vorlesung über Romantik)

http://www.lindenhahn.de/referate/romantik/romant01.htm (Lindenhahn: Vortrag über Romantik)

http://www.pohlw.de/literatur/epochen/romantik.htm (Epoche Romantik)

http://www.deutschlehrerzentrum.uni-goettingen.de/materialien/Vom_Umgang_mit_Zauberworten.pdf (Hinweise zur Interpretation romantischer Lyrik)

http://www.youtube.com/watch?v=IrLcuyLuMHE (Philosophie der Romantik, gut)

https://norberto42.wordpress.com/2013/02/08/eichendorff-der-jager-abschied-analyse/ (Links zum Stichwort „Wald“)

https://norberto42.wordpress.com/2013/02/08/eichendorff-kanon-seiner-gedichte/ (mein Kanon der Eichendorff-Gedichte)

http://www.youtube.com/watch?v=cikOYLABqG8 (Gedichte Eichendorffs, vorgetragen von Lutz Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=JBFEjbTnYio (Fortsetzung)

Eichendorff: Abschied – Analyse

O Täler weit, o Höhen …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=89

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/1.+Wanderlieder/Abschied

http://de.wikisource.org/wiki/Abschied_(Eichendorff) (schlechte Quellenangabe)

Das Gedicht ist 1810 entstanden und 1815 in „Ahnung und Gegenwart“ ohne Titel veröffentlicht worden. In der Ausgabe der Gedichte von 1841 heißt es „Abschied“; weitere Titel sind „Im Walde bei L.“ (1826) und „Im Walde der Heimat“ (1826), 1836 „Im Walde“ und erst ab 1837 „Abschied“.

Aufbau des Gedichts (Überblick, erster Eindruck) als hermeneutischer Rahmen: Zuerst spricht das lyrische Ich (V. 3: meiner) den Wald an und preist ihn; es bittet ihn um eine letzte Behütung vor seinem Abschied(?). Darauf beschreibt es (2. und 3. Strophe), was im Wald geschieht, „Wenn es beginnt zu tagen“ (V. 9); da fühlt das Ich sich erhoben, da findet es Weisung für sein Leben; da hat es innere Klarheit gewonnen. Zum Schluss (4. Str.) blickt das Ich in die Zukunft: Auch wenn es bald vom Wald getrennt ist, wird dieser mit seines „Ernsts Gewalt“ das Ich vor der Entfremdung bewahren.

Zunächst wird der Wald inmitten der ganzen Landschaft (V. 1) persönlich angesprochen (dreimal „O“, V. 1 f.). In doppelter Metonymie (meine Lust; andächtiger Aufenthalt) wird der Wald als der Ort gepriesen, wo das Ich mit Freud und Leid Zuflucht gefunden hat (Wehen: Plural von „das Weh“ = Schmerz, unglücklicher Zustand). „Andächtiger Aufenthalt“: Andacht ist hier „[e]ine besondere Übung der Religion, besonders das Gebeth, gleichfalls ohne Plural. Seine Andacht haben, oder verrichten, bethen.“ (Adelung) Das Ich hat in seinem Wald Lust und Leid als „Andacht“ erlebt. Seine Bitte um Geborgenheit (V. 7 f.) leitet es ein, indem es die Gegenwelt des Waldes nennt und herabsetzt: „die geschäftge Welt“ (V. 6); die ist „draußen“ (V. 5), ist die Fremde (V. 26), ist der Ort der Untreue („stets betrogen“, V. 5). Die Bitte (Imperativ: Schlag, V. 7) darum, „noch einmal“ (V. 7) im Wald geborgen zu sein, wird in einer zweifachen Metapher ausgesprochen. Der Wald wird als „grünes Zelt“ angesprochen; Zelt ist „eine spitz zugehende Wohnung von Leinwand oder Fellen, welche mit Stangen und Stricken befestigt wird, und jetzt nur noch bey den Armeen im Felde gebraucht wird. Die Zelte aufschlagen, abschlagen u. s. f. Zelt ist im gemeinen Leben am gangbarsten, und wird um der Kürze Willen auch noch zuweilen von Dichtern gebraucht“ (Adelung). Ob die Stämme des Waldes die Vorstellung „Zelt“ begünstigen, kann offen bleiben; schwieriger ist das Bild „die Bogen um mich schlagen“ – ich denke hier an die Zeltbahn, die über die Zeltstangen gespannt wird und eine Art Bogen bildet. Der Wald soll also als Zelt selbst aktiv werden und seine „Bogen“ schützend über das Ich ausspannen.

Die poetische Form ist die der Volksliedstrophe (siehe dazu die Links in diesem Aufsatz): Jambus, dreihebig, abwechselnd weibliche und männliche Kadenz, Kreuzreim; mehrfach ist die erste Silbe gegen den Takt betont (Du, An-, Saust, Schlag, evtl. auch „Um“), was einen lebhaften Rhythmus ergibt. Die semantisch sinnvollen Reime sind die jeweils zweiten Verse: grüner Wald / Aufenthalt (V. 2/4); die geschäftge Welt / du grünes Zelt (V. 6/8, Gegensatz). Jeweils zwei Verse bilden eine Sinneinheit, was auch die Semantik der Reime erklärt. Es fällt auch auf, dass jeweils vier Verse innerhalb dieser und der folgenden Strophen eine größere Sinneinheit bilden, wie sich in der Analyse jeweils zeigt.

In der folgenden Strophe spricht das Ich aus seiner Erinnerung davon, was es erlebt oder erfährt, „Wenn es beginnt zu tagen“ (V. 9) – die Erwähnung der dampfenden Erde (V. 10) lässt darauf schließen, dass es sich um einen Morgen im Feld, nicht im Wald handelt; dieser Konditionalsatz reicht bis V. 12. In ihm wird beschrieben, wie die Natur so erwacht („dampft und blinkt“, V. 10, erinnert an Goethes „Mailied“), „Daß dir das Herz erklingt“ (V. 12). Da Personalpronomen „dir“ ist hier als „einem“ (= jedem) oder „mir“ zu lesen, keinesfalls als ein angesprochenes Du und schon gar nicht als „der Leser“, wie Schüler stereotyp die Personalpronomina der 2. Person Singular zu paraphrasieren pflegen. Angesichts des morgendlichen Erwachens kann einer oder das Ich selber neues Leben gewinnen (V. 13-16). Diese Erfahrung ist in zwei Sätzen, die von einem Modalverb beherrscht sind (mag, V. 13; sollst, V. 15), die ihrerseits das Gleiche besagen, wenn sie auch den Kontrast „Erdenleid / Herrlichkeit“ (V. 14/16) einschließen: Erdenleid vergeht, „du“ sollst auferstehen „in junger Herrlichkeit“ (V. 16). „Herrlichkeit“ ist ebenso wie „auferstehen“ dem religiösen Bereich entnommen, beide Worte werden hier metaphorisch für den neuen Aufbruch oder den Aufbruch in ein neues Leben (jung, V. 16) gebraucht.

Die poetische Form ist die gleiche wie in der 1. Strophe; die beiden „Da“ (V. 13 f.) weichen vom Taktschema ab. Die 3. Strophe schließt anaphorisch mit „Da“ (V. 17) an die 2. Strophe an: Da, in dieser segensreichen Morgenfrühe, findet das Ich seine Tageslosung oder Lebensanweisung („Wort / Vom rechten Tun und Lieben“, V. 19 f.) im Wald, „Und was des Menschen Hort“ (V. 20). „Hort“ kann (nach Adelung) zweierlei bedeuten, 1. „ein im Hochdeutschen veraltetes Wort, einen Fels, und figürlich einen sichern, festen Ort, zu bezeichnen; in welchen Bedeutungen es in der Deutschen Bibel mehrmahls vorkommt, wo Gott sehr oft ein starker Hort, der Hort des Heils, der Hort Israel u. s. f. genannt wird“; 2. „ein Schatz, eine kostbare Sache, welche man sorgfältig verwahret; ein im Hochdeutschen gleichfalls veraltetes Wort, welches nur noch zuweilen von den Dichtern im Andenken erhalten wird.“ Als Parallele zur Lebensweisung scheint mir die erstgenannte Bedeutung hier die passende zu sein, da auch sie dem religiösen Bereich nahe steht. Nun berichtet (Perfekt – passend zu unserer Deutung des konditionalen „Wenn“, V. 9) das Ich, wie es selbst dieses Waldwort aufgenommen hat: „treu gelesen“, sodass es in seinem Wesen „unaussprechlich klar“ wurde (V. 21-24); denn die Waldworte sind „schlicht und wahr“ (V. 22), also ganz anders als die betrügerische Welt (V. 6). Der Wechsel vom Singular zum Plural (ein Wort, V. 18; die Worte, V. 22) hat nichts zu bedeuten; wie das Waldwort lautet, wird nicht gesagt – Unbestimmtheit als Bedingung vielfältigster Rezeption. Das Waldwort hat religiöse Qualität („unaussprechlich“: negative Theologie), ist ein Gotteswort; vielleicht ist es sogar das Gotteswort.

Nach diesem Glaubensbekenntnis wird der Wald zum „Abschied“ (Überschrift) angesprochen (V. 25); das Ich blickt in sein künftiges Leben, um auszudrücken, wie der Wald auch noch nach dem Abschied in ihm gegenwärtig sein wird. Es wird sein Leben in der „Fremde“ führen, dort „Des Lebens Schauspiel sehn“; die Fremde ist bei Eichendorff der Ort der Entfremdung von der Heimat, wo man leicht zugrunde geht. Die Theater-Metapher war seit dem 16. Jahrhundert weit in ganz Europa verbreitet: „Theatrum mundi (lat. „Welttheater“) ist eine Metapher für die Eitelkeit und Nichtigkeit der Welt, die in Renaissance und Barock häufig gebraucht wird. Mit dem Vorwand der Warnung (siehe Vanitas) wurden solche Welttheater mit den verschiedensten Mitteln inszeniert“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Theatrum_mundi). „Es ist besonders hervorzuheben, dass die Theatrum-Metapher von nahezu sämtlichen Wissenschaften und Künsten gebraucht wird. Die Metapher von der Welt als Theater entstammt dem literarischen Bereich, wird aber als Theater der Welt auf andere Künste und Wissenschaften ausgeweitet.“ (Christian Weber: Theatrum Mundi) Die letzten vier Verse bilden die letzte Sinneinheit: Das Ich bekräftigt seine Zuversicht, dass mitten in diesem Leben in der Fremde (V. 29 greift auf V. 27 f. zurück: des Lebens Schauspiel) der Wald hilfreich da sein wird: Der Ernst des Waldwortes steht gegen das Schauspiel des Lebens und kann so den in der Fremde „Einsamen“ erheben (V. 31, vgl. auferstehen in Herrlichkeit, V. 15 f.), „So wird mein Herz nicht alt.“ (V. 32) Mit dem Schlussvers wird einmal auf die erwähnte Klärung des Wesens (vgl. Herz) durch das Wort (V. 23 f.), sodann auch auf das Auferstehen in junger (!) Herrlichkeit (V. 15 f. – hier: „nicht alt“) zurückgegriffen. Der Wald wird das Ich auch dann behüten können, wenn das Ich ihn verlassen hat, weil sein Wort vom Ich treu gelesen und aufgenommen worden ist (V. 21 f.). – In der 4. Strophe sind „Bald, Fremd, So“ und evtl. auch „Mich“ gegen den Takt betont. Bei den Reimen ist festzuhalten, dass V. 30/32 keine semantische Entsprechung bilden, weil der Satz diesmal drei Verse umfasst (V. 29-31, zwei Enjambements), also von der oben festgestellten Zweizeiligkeit abweicht. – Eichendorff hat „den Wald zum Sinnbild einer organischen, auf das Mittelalter zurückweisenden Gesellschaftsform erhoben: sein natürliches Wachstum sollte das Muster für eine neue organische Verbundenheit der Individuen und sozialen Korporationen abgeben“ (Gert Sautermeister).

Die Rezeption des Gedichtes sowohl als Gedicht wie als Lied, das eine religiöse Grundmelodie fernab der Offenbarungsreligionen anschlägt, dauert bis in unsere Zeit, wozu sicher auch der hohe Grad der Unbestimmtheit beigetragen hat.

P.S. Es gibt eine frühe Fassung des Gedichts unter dem Titel „An den Hasengarten“. Ich referiere diesen Text, ohne herauszuarbeiten, wie Eichendorff ihn überarbeitet hat – vielleicht  reizvolle Aufgabe für einen Leistungskurs Deutsch:

„Die erste Fassung dieses Liedes nimmt mit dem Titel unmittelbar Bezug auf sein Kinderreich, den Hasengarten, einen Teil des kleinen Schloßparks, der in Wald übergeht und zugleich den Blick ins Odertal öffnet:

An den Hasengarten

 

O schöner Grund, o Höhen,

O schöner, grüner Wald,

Du meiner Lust und Wehen

Andächt’ger Aufenthalt!

Da draußen, stets betrogen,

Saust die geschäft’ge Welt,

O schlag’ die kühlen Wogen

Um mich, du grünes Zelt!

 

Wenn es beginnt zu tagen,

Die Erde dampft und blinkt,

Die Vögel lustig schlagen,

Daß dir das Herze klingt:

Da mag vergehn, verwehen

Das trübe Erdenleid,

Da sollst du auferstehen

In junger Herrlichkeit.

 

Da steht im Wald geschrieben,

Ein stilles, ernstes Wort

Von treuem Tun und Lieben

Und was des Menschen Hort:

Ich habe fromm gelesen

Die Worte schlicht und wahr,

Und durch mein ganzes Wesen

Ward’s unaussprechlich klar.

 

Bald werd’ ich Dich verlassen,

Fremd in der Fremde gehn,

Auf buntbewegten Gassen

Des Lebens Schauspiel sehn,

Und mitten in dem Leben

Wird Deines Ernsts Gewalt

Mich Einsamen erheben,

So wird mein Herz nicht alt.

 

Dir gibt nicht Ruhm, noch Namen,

Was ich hier dacht’ und litt;

Die Lieder, wie sie kamen,

Schwimmen im Strome mit.

So rausche unverderblich

Und stark viel’ hundert Jahr!

Der Ort bleibt doch unsterblich,

Wo Einer glücklich war.“

(Hartwig Schultz: Joseph von Eichendorff. Eine Biographie. Insel Verlag, S. 18 f.)

Reinhard Deichgräber: Zuflucht (2002, S. 40 f.), nennt wie Paul Stöcklein (rm 84, 1963, S. 94 f., mit Autograf S. 96) die ursprüngliche Fassung eine dreistrophige, wobei die zweite Strophe so beginnt: „Bald werd ich dich verlassen ….“ Es fehlen bei beiden also die 2. und 3. Strophe der von H. Schultz wiedergegebenen Fassung.

http://www.lesekost.de/HHL217.htm (knapp)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-abschied,textbearbeitung,9.html (viele Einzelheiten: Es fehlt das geistige Band.)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-abschied,textbearbeitung,232.html (hilflos gegenüber dem Text)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-abschied,textbearbeitung,274.html (genau so hilflos)

http://www.vormbaum.net/index.php/component/docman/doc_download/97-aufsatzbeispiel-fuer-einen-gedichtvergleich?Itemid=186 (Gedichtvergleich mit Lichtenstein: Der Winter)

http://www.dr-peter-wieners.de/autoren-a—l/eichendorff/gedichte/abschied-vergleich-mit-brecht-schlechte-zeit.html (Gedichtvergleich mit Brecht: Schlechte Zeit für Lyrik)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=rkZwtWlxqNg (Fritz Stavenhagen)

http://gedichte.xbib.de/mp3-audio_Eichendorff_Abschied.htm (Maria Kindermann)

http://www.youtube.com/watch?v=x8Z4btOzJuQ (The King’s Singers)

http://www.youtube.com/watch?v=oCN2NQnVflI (Kammerchor Berlin)

http://www.youtube.com/watch?v=J9R2QqhpVgc (Philharmonischer Chor)

http://www.youtube.com/watch?v=yuEk4LpcR84 (Singkreis Kulmbach)

http://www.youtube.com/watch?v=M-SBEVp49uk (Chor aus Fürstenberg)

und weitere Chöre, s. youtube-Suchfenster!

http://www.youtube.com/watch?v=v8cTlUscuqE (Parodie)

Sonstiges

http://deutschstundeonline.blogspot.de/2011/11/analyse-und-interpretation-von.html (Vorschlag grafischer Textanalyse, 2. Beispiel; Lehrerin)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Romane/Ahnung+und+Gegenwart/Erstes+Buch/Zehntes+Kapitel (Kontext im Roman „Ahnung und Gegenwart“)

http://deutschstundeonline.blogspot.de/2011/11/analyse-und-interpretation-von.html (Noten: Mendelssohn-Bartholdy)

http://gedichte.xbib.de/_Abschied_gedicht01.htm (Abschiedsgedichte)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/3.+Zeitlieder/Abschied (weiteres Gedicht Eichendorffs mit dem Titel „Abschied“)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/6.+Geistliche+Gedichte/Abschied (dito)

http://www.metaphorik.de/14/Laube.pdf (Theatermetapher im Pietismus)

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_gro%C3%9Fe_Welttheater (Calderons Stück)

http://fisch.gozmoz.net/fisch.php?ID=16 („Abschied“ mit Übersetzungsprogramm ins Englische und zurück ins Deutsche übersetzt)

Eichendorff: Wünschelrute – Analyse, Interpretation

Schläft ein Lied in allen Dingen …

Text

http://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1838_eichendorff.html (mit Sekundärliteratur)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=126

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,%20Joseph%20von/Gedichte/Gedichte%20(Ausgabe%201841)/2.%20S%E4ngerleben/W%FCnschelrute

http://de.wikisource.org/wiki/W%C3%BCnschelrute

http://www.textlog.de/22558.html

Das Gedicht ist 1835 entstanden und 1838 in „Deutscher Muselalmanach“ veröffentlicht worden. In der Ausgabe der Gedichte von 1841 steht es unter „2. Sängerleben“ als letztes.

Die Überschrift heißt „Wünschelrute“; in V. 4 wird die Kenntnis oder das Finden eines Zauberworts erwähnt; statt „Zauberwort“ sind „Zauberformel“ oder „Beschwörungsformel“ geläufig. Beide Größen gehören in den Bereich des Magischen oder des Märchenhaften; auch wenn sie von Eichendorff metaphorisch gebraucht werden, sollte die ursprüngliche Eigenart beider Größen bekannt sein. Daher fangen wir hier mit deren Klärung an:

Wünschelrute, s. v. w. Zauberrute, nach dem altdeutschen Wort wünschen, welches s. v. w. zaubern bedeutet, auch kurz der »Wunsch« genannt (z. B. im Nibelungenlied, wo es heißt: »Es lag der Wunsch darunter, von Gold ein Rütelein«), ein Baumzweig, mit dessen Hilfe man vergrabene Schätze, Metalladern, Quellen und andre verborgene Dinge aufzufinden hoffte.“ (Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1892)

Wünschelrute, ein zauberhafter heilbringender Stab, war in Deutschland von alters her bekannt und wurde besonders im spätern Mittelalter zum Gegenstande eines bis in die neuere Zeit fortdauernden Aberglaubens. Man glaubte mittels der W. verborgene Schätze, Erzadern, Wasserquellen, ja selbst Verbrecher entdecken zu können und brach sie unter gewissen Bedingungen und Formeln von dem gezwieselten (gabeligen) Aste eines Haselstrauchs oder Kreuzdorns, oder machte sie nach aus Metalldraht […]. Bei dem Gebrauche kam es darauf an, sie unter Hersagung der nötigen Formeln richtig in der Hand zu halten; dann zeigte sie durch ihre Bewegung, ob und wo die gewünschten Gegenstände verborgen seien.“ (Brockhaus’ Konversationslexikon, 1896)

Beschwörungsformel (v. mhd. beswern = bitten, mit Zaubersprüchen bewältigen; mlat. incantatio, incantamentum). Bei magischen Handlungen zur Schadensabwehr und zur Heilszuwendung kam – neben zeremoniellen Gebärden und Zeichen sowie der Beachtung bestimmter Zeiten und Orte – dem Wort in gebundener Rede besondere Zauberkraft zu. Zur Verhütung mannigfaltiger Schadensfälle bei Mensch und Tier gab es Abwehr-, Heil- und Lösesprüche, etwa gegen Ungeziefer, Raubgetier, Unwetter, Feuer, Diebe, Dämonen, Geister und Hexen sowie gegen eine Vielzahl von Krankheiten. Nicht selten haben sich Beschwörungsformeln aus Gebetsformeln entwickelt, wenn anstatt eines christlichen Idols ein Dämon angerufen wurde.“ (Mittelalter Lexikon)

Zaubersprüche aus Grimms Märchen

http://www.paranormal.de/hexen/forum/19052-zaubersprueche-aus-grimms-maerchen

http://bruggernet.de/edeltraud/maerchen/zaubersprueche.htm

Ein ungenannter allwissender Sprecher erklärt, wie man die Welt zum Singen bringen kann. Er beschreibt zu Beginn, dass in allen Dingen ein Lied „schläft“ – dadurch, dass mit diesem Wort das Gedicht eröffnet wird (das grammatisch korrekte „Es“ ist fortgelassen), wird dieses Schlafen als der Elementarzustand eingeführt; das ist eine so durch und durch metaphorische Aussage, dass wir keinen Anhalt für eine sichere Deutung haben. Das gilt erst recht für den folgenden Relativsatz, der an „Dingen“ anschließt: „Die da träumen fort und fort.“ Wenn man die Vorstellung von der Wünschelrute hinzunimmt, kann man den Sinn der beiden ersten Verse so verstehen, dass da von einem verborgenen Wesen der Dinge die Rede ist, welches durch die Wünschelrute gefunden werden soll.

Mit der Konjunktion „Und“ (V. 3) schließt dann die entscheidende Aussage an:

„Und die Welt hebt an [fängt an] zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.“

„Und“ drückt aus, was aus sich der ersten Aussage ergibt: Wenn man über die Wünschelrute verfügt, wenn man das Zauberwort „trifft“, erlöst man die Welt aus ihrem Traum-Bann und bringt sie zum Singen: Man befreit das in allen Dingen schlafende Lied.

Zwei Fragen stellen sich an diese metaphorisch gesättigten Aussagen: 1. Was tun die Dinge, wenn sie nicht singen? 2. Wie kann man das Zauberwort treffen? Die zweite Frage beruht auf der Voraussetzung, dass „du“ jedermann ist, also kein einzelner Adressat – die Aussagen des Gedichts sind ja ganz allgemein gehalten, ohne eine Markierung der Ich-hier-jetzt-Position.

Was tun die Dinge, wenn sie nicht singen? Sie sind stumm. In Schillers Gedicht „Die Götter Griechenlands“ (1788, hier in der 2. Fassung 1800) wird diese durch die neuzeitliche Rationalität heraufgeführte Stummheit beklagt:

„Da ihr [die Götter Griechenlands, N.T.] noch die schöne Welt regieret,

An der Freude leichtem Gängelband

Selige Geschlechter noch geführet,

Schöne Wesen aus dem Fabelland!

Ach! da euer Wonnedienst noch glänzte,

Wie ganz anders, anders war es da!

Da man deine Tempel noch bekränzte,

Venus Amathusia!

 

Da der Dichtung zauberische Hülle

Sich noch lieblich um die Wahrheit wand, –

Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle,

Und, was nie empfinden wird, empfand.

An der Liebe Busen sie zu drücken,

Gab man höhern Adel der Natur,

Alles wies den eingeweihten Blicken,

Alles eines Gottes Spur.“

Und die letzte Strophe der zweiten Fassung (1800) lautet:

„Ja, sie kehrten heim, und alles Schöne,

Alles Hohe nahmen sie mit fort,

Alle Farben, alle Lebenstöne,

Und uns blieb nur das entseelte Wort.

Aus der Zeitflut weggerissen, schweben

Sie gerettet auf des Pindus Höhn,

Was unsterblich im Gesang soll leben,

Muß im Leben untergehn.“

Wenn man Schillers Gedicht zur Erklärung heranzieht, ergibt sich für Eichendorff: Die Dinge schlafen, weil sie nur noch mit entseelten Worten benannt werden. (Schiller machte dafür das Christentum verantwortlich, bei Eichendorff ist kein Schuldiger benannt; romantisch ist primär die Abkehr von der mathematisch-technisch bestimmten Naturwissenschaft und Industrie). Wenn man jedoch die Lebenstöne trifft, selber den Gesang anstimmen kann, dann hebt auch die Welt an zu singen, sagt Eichendorff. Das kann jedoch allein ein Dichter – wobei „Dichter“ nicht den professionellen Schriftsteller meint, sondern den, der aus seinem Herzen heraus lebt und spricht und singt. Das ist auch „das Volk“, dessen Märchen und Lieder seit Herder, also etwa seit 1770 als die wahre Poesie gelten. (Über die Verbindung des Sturm und Drang zur Romantik brauchen wir jetzt nicht zu sprechen.)

In Eichendorffs Gedicht „An die Dichter“, dem vorletzten der Abteilung „Sängerleben“ von 1841, heißt es:

„Der Dichter kann nicht mit verarmen;

Wenn alles um ihn her zerfällt,

Hebt ihn ein göttliches Erbarmen –

Der Dichter ist das Herz der Welt.

 

Den blöden Willen aller Wesen,

Im Irdischen des Herren Spur,

Soll er durch Liebeskraft erlösen,

Der schöne Liebling der Natur.

 

Drum hat ihm Gott das Wort gegeben,

Das kühn das Dunkelste benennt,

Den frommen Ernst im reichen Leben,

Die Freudigkeit, die keiner kennt.

 

Da soll er singen frei auf Erden,

In Lust und Not auf Gott vertraun,

Daß aller Herzen freier werden,

Eratmend in die Klänge schaun.“

Als einen solchen  Dichter hat Eichendorff sich sicher selbst gesehen; er stellt mit der „Wünschelrute“ wie auch mit dem voraufgehenden „An die Dichter“ sein poetisches Programm vor, beide sind poetologische Gedichte.

Wir haben ein Gedicht vor uns, das aus zwei Hauptsätzen (V. 1, 3) und zwei Nebensätzen besteht, einem Relativsatz (V. 2) und einem Konditionalsatz (V. 4). Es ist im Trochäus verfasst, vierhebig, wobei die Hauptsätze eine weiche Kadenz aufweisen, also vier volle Takte, während die Nebensätze um eine Silbe verkürzt sind (männliche Kadenz), was „Pause“ signalisiert – abgesehen davon, dass jeweils auch ein Satzgefüge vollendet ist. Betont sind die Wörter „Schläft, Lied, träumen, [fort, fort,] singen, Zauberwort“. Dem Wortfeld des Schlafens (schlafen, träumen) steht das der Musik (Lied, singen) gegenüber; sie werden miteinander durch die Wörter des Zauberischen (Wünschelrute, Zauberwort) verbunden. Wenn die Verbindung gelingt, beginnt („hebt an“) etwas Neues, der Klang oder Gesang der  Welt.  – Sowohl durch die Liedform (Volksliedstrophe) als auch durch die benannten Wortfelder ist dem Gedicht etwas Zauberhaftes eigen, das seine bis heute ungebrochene Wertschätzung begründet.

Nachtrag zur Wortgeschichte „Wünschelrute“

Im DWB (Grimm) finden wir zu „Wünschelrute“: „2) im nhd. die von bestimmten sträuchern geschnittene meist gabelförmige rute zum aufspüren von erzen, wasseradern und überhaupt verborgenen dingen.“ Und dann gibt es Zeugnisse für einen metaphorischen Sprachgebrauch: „c) übertragen auf kräfte, fähigkeiten u. dgl., die nichtdingliches, besonders nicht unmittelbar einsichtige geistige oder seelische gegebenheiten aufzudecken vermögen: (einige musiktheoretiker) machen die music zu einer solchen mathematischen wissenschafft, dabey alle zahlen, linien, maassen, gewichte … ins gewehr und spiel kommen müssen. überdies thun sie mit ihrer wünschel-ruthe der ton-lehre noch den schimpf an, und machen sie dem einmahleins gar unterwürffig Mattheson d. vollk. capellmeister (1739) 5; und wie heilig wäre mir die scene mit dem baum, wenn die wünschelruthe des dichters historische wahrheit entblöszt haben sollte Lenz in: aus Herders nachlasz 1, 226 Düntzer-H.; Lichtenbergs schriften können wir uns als der wunderbarsten wünschelruthe bedienen; wo er einen spasz macht, liegt ein problem verborgen Göthe II 11, 119 W.;“ bereits bei Herder und Goethe finden wir also „Wünschelrute“ im gleichen Sinn wie bei Eichendorff gebraucht, während Mattheson (1739) gerade das streng regulierte Komponieren als Arbeit mit einer mathematischen Wünschelrute verspottet. – Das sind lexikalische Befunde: Die Frage ist, ob Eichendorff und erst recht seine Leser sie gekannt haben; sie zeigen jedoch, dass die Wünschelrute-Metapher um 1800 nicht ganz abwegig war.

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=W%C3%BCnschelrute_(Eichendorff)&stable=0&shownotice=1&fromsection=Inhalt

http://books.google.de/books?id=fEWg3iU6Y-sC&pg=PA657&lpg=PA657&dq=eichendorff+w%C3%BCnschelrute&source=bl&ots=Cv7XhYxjGx&sig=z7yTSkLJu0c-OkbYXmcp7egLdpI&hl=de&sa=X&ei=pD4rUa2GLuzQ4QTuyIGICQ&ved=0CDsQ6AEwAzgy#v=onepage&q=eichendorff%20w%C3%BCnschelrute&f=false (Otto Eberhardt, „Wünschelrute“ sachlich bei Eichendorff, S. 657 f.)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-wuenschelrute,textbearbeitung,244.html (langatmig bis geschwätzig, nicht alles richtig)

http://www.stiftikus.de/umbruh19/wuenschel.doc (abgeschrieben von Alewyn)

http://de.scribd.com/doc/28156676/K12-Deutsch-Mitschrift-Einfuhrung-in-die-Romantik (Stichworte aus dem Unterricht)

http://www.abiunity.de/print.php?threadid=2040&page=1&sid= (Interpretation in einem Forum)

http://www.marie-herberger.de/mediawiki/index.php/Joseph_Freiherr_von_Eichendorff_-_W%C3%BCnschelrute (knapp)

http://suite101.de/article/gedichtinterpretation-eichendorff-a51381 (Anregungen zur eigenen Analyse)

http://www.uni-regensburg.de/sprache-literatur-kultur/germanistik-ndl-1/medien/pdf/ditsche.pdf (Neuro-Erklärung der sprachlichen Wünschelrute)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=PQk9Z67A2Bk (Konrad Beikircher)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/schlaeft-ein-lied-in-allen-dingen.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=YAKNJbKyX5s (Lutz Görner)

http://www.lyrik-audio.de/index.php?cat=DichterD-F (mir unbekannt)

http://www.youtube.com/watch?v=FuigwpfFT4o (vertont: T. Baumann)

http://www.youtube.com/watch?v=se2BoivJXqY (vertont)

http://www.youtube.com/watch?v=eAbCqAYQMuY („Die Zaunreiter“)

http://www.youtube.com/watch?v=z-YI_QUbLzM ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=ecf0LJpdIAg ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=sXnWJDpXxAo ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=saM_wu9uBrM (Kinderchor)

http://www.youtube.com/watch?v=zTh5U6XNSF0 (Schüler spielen „Lindenberg singt Eichendorff“)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%BCnschelrute (Erklärung: Wünschelrute)

http://www.lehrer-online.de/427686.php (Unterrichtsanregungen)

http://www.e-hausaufgaben.de/Thema-156093-Die-Wuenschelrute-Gedicht-in-Prosa-umwandeln.php (Unterricht de facto: „Ich soll es zu einer Prosa umwandeln … aber wie?“)

http://www.gedichte.com/threads/145804-Glossengedicht-zu-Eichendorffs-W%C3%BCnschelrute-als-Themagedicht (Unterricht de facto: ein Glossengedicht dazu schreiben)

http://romantischeschule.wordpress.com/2009/01/27/novalis-wenn-nicht-mehr-zahlen-und-figuren/ (vergleichen mit Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren)

http://www.studienseminar-lueneburg.de/asu/fach/deutsch_holmes/musterentwurf_d2.pdf (Stundenentwurf: Anregung zum Gedichtvergleich mit Rilke: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort)

http://www.weberberg.de/triffst-du-nur-das-zauberwort.html (Parodie des Gedichts)

Eichendorff: Mondnacht – Analyse

Es war, als hätt’ der Himmel …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=113

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/6.+Geistliche+Gedichte/Mondnacht

http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/eic_jf05.html

http://www.lyrik123.de/joseph-von-eichendorff-mondnacht-2-10378/

Das Gedicht, 1835 entstanden, wurde erstmals 1837 veröffentlicht. Das Thema „Himmel küsst Erde“ finden wir bereits bei Friedrich von Logau, rund zweihundert Jahre vor Eichendorff. Ich zitiere den Vierzeiler, damit man vergleichen kann, was der Romantiker Eichendorff aus dem Motiv macht:

Der Mai

Dieser Monat ist ein Kuß,


den der Himmel gibt der Erde,


Daß sie jetzund [jetzt] seine Braut,


künftig eine Mutter werde.

Es gibt sehr viele Interpretationen des Gedichts, das derzeit das am meisten bei google aufgerufene Gedicht Eichendorffs ist. Ich zimmere nur einen Rahmen, in den man einordnen kann, was man über google alles findet – dabei sollte man das allzu heftig Phantasierte (Beziehungen zur Gottesmutter Maria, Wind als Heiliger Geist, drei Strophen -> Dreifaltigkeit, Sonnenuntergang, Geschehen im Mai usw.) kritisch herausfiltern.

Kommunikationssituation: Ein lyrisches Ich (s. V. 9) beschreibt ein vergangenes „Erleben“ (Präteritum: „Es war“, V. 1); dieses Erleben muss man sich wie üblich bei Eichendorff nicht als „real“ vorstellen, sondern als dichterisch-fiktive Komposition naturhafter Elemente zu einem Gesamtbild.

Zunächst beschreibt das Ich, ehe es einzelne „Eindrücke“ wiedergibt, in einem Vergleich, wie es insgesamt war: „als hätt’ der Himmel / die Erde still geküßt“ (V. 1 f.). Das ist ein irrealer Vergleich (Konjunktiv II); so war es also nicht – es war so, als wäre es so gewesen. Es war da so, als wäre die große Einheit der Welt wieder hergestellt worden; als wäre die Trennung von Himmel und Erde rückgängig gemacht worden, als hätte Erlösung stattgefunden. [Im Christentum wird dies im Mythos von der Menschwerdung Gottes ausgedrückt. Manche hören in diesem Kuss einen Anklang an den griechischen Mythos; aber dieser Bezug ist nicht zwingend erwiesen und auch nicht zum Verständnis erforderlich.] Was dieser fiktiv-irreale Kuss bedeutet, wird im folgenden Konsekutivsatz gesagt: so geküsst, „Daß sie im Blüten-Schimmer / Von ihm nun träumen müßt.“ (V. 3 f.) Der irreale Blütenschimmer (Es ist also nicht Mai, es sind auch keine Blüten zu sehen: Der Sprecher bewegt sich in einem irrealen Vergleich!) ist/wäre die Antwort der Erde auf den stillen Kuss, ihr bräutliches Leuchten, mit dem sie andeutet, dass sie von ihrem Himmelsbräutigam träumt.

Die vier Verse sind in dreihebigen Jamben abgefasst, abwechselnd mit weiblicher und männlicher Kadenz, wobei sich die Verse mit weiblicher Kadenz unrein, die mit männlicher Kadenz rein reimen und auch in semantischer Entsprechung stehen: still geküsst / träumen müsst (V. 2/4). Die Strophe besteht aus zwei Sätzen, Hauptsatz (V. 1 f. – genauer: Hauptsatz mit Nebensatz zum Vergleich, also Modalsatz) und Konsekutivsatz; jeder Satz wird durch die weibliche Kadenz im Sprechen in der Mitte (Ende V. 1, 3) ganz leicht angehalten, während der reine Reim und das Satzende hinter V. 2/4 eine große Pause erzeugen. Zusammen mit dem jambischen Takt ergibt das ein ruhig-fließendes Sprechen.

In der mittleren Strophe beschreibt der Sprecher seine konkreten Natureindrücke in vier Hauptsätzen, die durch Komma (ohne Konjunktion) voneinander getrennt sind. Dass die Luft ging, spürte er; dass demgemäß die Ähren sacht wogten, sah er; dass die Wälder leis rauschten, hörte er. Schwierig ist der Anschluss des vierten Satzes, da man das einleitende „So“ nicht als Ausdruck eines kausalen Verhältnisses lesen kann; die Partikel „so“ ist „bei adjectiven und adverbien den grad, das masz bezeichnend“ (DBW Grimm), das passt genau in den V. 8 (d.h. dann auch, dass „So“ nicht betont wird). Die beiden Hauptaussagen stehen in V. 5 und v. 8; V. 6 und V. 7 erläutern den in V. 5 genannten Luftzug oder –gang.

Insgesamt fällt bisher auf, dass alle gedachten, gesehenen oder gehörten „Ereignisse“ die Qualität des Leisen und Sachten aufweisen (still, V. 1, mit „träumen“, V. 4; sacht, V. 6; leis, V. 7). Die Versöhnung von Himmel und Erde geschieht nicht beim Lärm einer Kreuzigung, sondern in der Ruhe einer „Mondnacht“ (Überschrift). Diese Überschrift ist erstaunlich, weil im Text des Gedichts nirgends vom Mond die Rede ist, auch nicht vom Mondschein. Man müsste also auf andere Gedichte Eichendorffs zurückgreifen, um die Bedeutung des Mondes und Mondscheins zu verstehen („Paläste im Mondenschein“, in „Sehnsucht“; Bäche „im Mondenschein“, in „Lockung“).

Von diesem Erleben wird das lyrische Ich ergriffen; wie es ergriffen wird, beschreibt es metaphorisch (durch „Und“ angeschlossen, V. 9): Meine Seele spannte ihre Flügel aus (V. 9 f.). Das ist ein Bild, wofür wir keine Anschauung besitzen. a) Wenn man sich an den Wortsinn hält, kann eine Seele mit Flügeln davonfliegen, sich über den täglichen Kleinkram und Ärger erheben – das passt gut in den Zusammenhang des Gedichts: Sie spannte die Flügel aus, als wollte sie zum Flug abheben, sich erheben. b) Es gibt ein Gedicht Herders aus dem Jahr 1786:

Die Flügel der Seele.



Unglückseliges Leben, das ohne Liebe gelebt wird;


     Wort und That; es gelingt ohne die Liebe mir nichts.


Träge bin ich und schleiche dahin; bei Zenophila’s Anblick


     flieg’ ich, glücklich und leicht wie der geflügelte Blitz.

Also rath’ ich es allen, der süssen Liebe zu folgen,

     nicht zu entfliehn. Sie giebt Fittig’ und Flügel dem Geist.

Dieses Gedicht, ob Eichendorff es nun gekannt hat oder nicht, zeigt die Seelen- oder Geistesflügel im Vergleich als Mittel, durch Liebe dem unglückseligen Leben und dem schleichenden Gang des Daseins zu entkommen; so haben wir sie oben bereits gedeutet.

Im nächsten Satz berichtet das Ich dann vom Flug der Seele oder des Herzens, wie ich „Seele“ lesen möchte [Es geht also nicht um „die Seele“ eines Toten, sondern wie bei Herder um das Herz als den Kern des Menschen.]: Sie „Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus.“ (V. 11 f.) Der Flug folgt folgerichtig auf das Ausspannen der Flügel; Ort des Fliegens sind die stillen Lande, die in der zweiten Strophe beschrieben werden. In einem irrealen Vergleich [Die dritte Strophe wird also nicht vom Konjunktiv beherrscht, sondern am Schluss der 3. Strophe wird in einem irrealen Vergleich beschrieben, wie die Seele fliegt!] wird zum Schluss beschrieben, wie die Seele durch die stillen Land fliegt: als flöge sie nach Haus. Der Flug ist also ein glücklicher Flug, ein Seelenflug aus der Fremde in die Heimat; er wird durch die Versöhnung von Himmel und Erde möglich. Dieser Seelenflug hier und jetzt mag einem frommen Leser als Abbild oder Vor-Bild eines künftigen Seelenflugs in die himmlische Heimat erscheinen („Wir sind nur Gast auf Erden“, christlich-platonisch gesprochen), aber davon ist nicht die Rede; er ist in Wahrheit jetzt schon ein heimatlicher Flug, da Himmel und Erde ja versöhnt sind: So war es in dieser Mondnacht.

Gerade bei diesem Gedicht wird außerordentlich viel „gedeutet“ und pseudomystischer Tiefsinn „gefunden“ = fabriziert; das hat nur nötig, wer den bei ruhigem Zuhören und (Vor)Lesen leicht greifbaren Sinn nicht erfasst.

http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/intermedialitaet/autoren/eichendorff/wahrnehmung-als-konstrukt-in-eichendorffs-mondnacht.html (von der Sekundärliteratur abhängig)

http://herrlarbig.de/2010/09/30/gedichtinterpretation-joseph-von-eichendorff-mondnacht/ (lineare Interpretation, mit deren Stärken und Schwächen)

http://www.lesekost.de/gedicht/HHL219.htm (solide Deutung)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/17/84.pdf (deutungssüchtig, etwas unbeholfen: eine gute Schülerarbeit)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/587/586.pdf (die gleiche Arbeit)

http://www.michaelseeger.de/see/literat/mondnacht1.ppt (einige analytische Fragen, mit Antworten)

http://de.scribd.com/doc/29742149/K12-Deutsch-Mitschrift-Gedichtanalyse-Eichendorff-Mondnacht (Tafelbild einer Stunde, Stichworte, deutungssüchtig)

http://www.frustfrei-lernen.de/deutsch/mondnacht-joseph-von-eichendorff.html (hilflos, Schülerarbeit)

http://www.rhetoriksturm.de/mondnacht-eichendorff.php (hilflos, Schülerarbeit)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-mondnacht,textbearbeitung,13.html (sehr mythisch-phantasievoll)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-mondnacht,textbearbeitung,14.html (ebenfalls phantasievoll: Sonnenuntergang??)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-mondnacht,textbearbeitung,101.html (relativ solide)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-mondnacht,textbearbeitung,161.html (mit Gliederung – das „Deuten“ hat kein Ende)

http://de.wikibooks.org/wiki/A_Poem_a_Day/_25._Oktober:_Mondnacht_(Joseph_von_Eichendorff) (eine persönliche Rezeption)

Gerhard Kaiser: Mutter Natur als Himmelsbraut. Joseph von Eichendorff: „Mondnacht“. In: Augenblicke deutscher Lyrik, it 978, 1987, S. 178 ff.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=V-A4GDXxpng (Fritz Stavenhagen) = http://www.deutschelyrik.de/index.php/mondnacht.html

http://www.rezitator.de/gdt/345/ (Lutz Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=6IaQ2F4BFyo (Karsten Eckert)

http://www.lyrik-audio.de/index.php?cat=DichterD-F (mir unbekannt)

http://www.youtube.com/watch?v=ihzZGy17LpQ (Frauenstimme)

http://www.youtube.com/watch?v=wCLcylYgG1c (Schumann: Peter  Schreier)

http://www.youtube.com/watch?v=ff1RRhVHnIg (Schumann: Fischer-Dieskau)

http://www.youtube.com/watch?v=kBGyJvHe0kc (dito)

http://morgenlaenders-notizbuch.blogspot.de/2012/04/musik-am-abend-mondnacht.html (Schumann: Regine Crespin)

http://www.youtube.com/watch?v=ZDaz46NE9yU (Schumann: Paloma P. Inigo)

http://www.youtube.com/watch?v=l2QhFc_dsbM (Oliver Kels: Manh Dung)

http://www.youtube.com/watch?v=5w3U-pzSRZc (als Kinderlied)

http://www.youtube.com/watch?v=_FODADv6l4k (gerappt)

http://www.youtube.com/watch?v=oM89kJMHUTo (dito)

Sonstiges

http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/intermedialitaet/autoren/eichendorff/schumanns-vertonung-von-eichendorffs-mondnacht.html (Noten von Schumanns Vertonung)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=forum&sub=discussion&add=518 (Vertonungen)

Eichendorff: Der Einsiedler – Analyse

Komm, Trost der Welt, du stille Nacht …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=93

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/6.+Geistliche+Gedichte/Der+Einsiedler

http://www.textlog.de/22739.html

Das Gedicht stand in der erst nach Eichendorffs Tod veröffentlichten Novelle „Eine Meerfahrt“ (vermutlich 1835/36 entstanden) und wurde von einem Einsiedler gesungen. Veröffentlicht wurde es 1837 unter seinem heutigen Titel. Es ist ein Rollengedicht, die Äußerung eines Einsiedlers. Der Einsiedler ist eine in der Romantik beliebte Figur, in der sich die Abkehr von der lauten Welt manifestiert.

Der Einsiedler wendet sich (als lyrisches Ich) mit einer Bitte an die „stille Nacht“: „Komm“ (V. 1); sie ist ja „Trost der Welt“, welche offensichtlich leidet oder leidvoll ist. Ein weiteres Attribut der Nacht ist ihre behutsame („sacht“, V. 2) Ankunft. Das Einzige, was der Einsiedler hört, ist das Abendlied eines Schiffers „im Hafen“ (V. 4-6). Damit ist kein „realer“ Hafen in der Nähe bezeichnet, sondern der rettende Hafen Gottes, den man nach seiner Lebensfahrt (Seefahrt: alte Metapher des Lebenslaufs) erreicht – Ende der Seefahrt und Ende des Tages fallen zusammen, das Abendlied kann nur ein Lied „Zu Gottes Lob“ (V. 6) sein; der Einsiedler sehnt also das Ende seines beschwerlichen Lebens herbei.

In der zweiten Strophe reflektiert der Einsiedler seine Existenz über die Jahre hin: Er ist einsam, von der stillen Nacht immer wieder getröstet (Konditionalsatz V. 11 f.), vom trostvollen „Waldesrauschen“ (V. 11 – das passt ohnehin nicht zu einem realen Hafen) umgeben. Diese Strophe ist ein dankbares Bekenntnis, ein Loblied auf die stille Nacht als einige Gefährtin des einsamen, von der Welt vergessenen Einsiedlers.

In der dritten Strophe wird noch deutlicher, dass der Tag (und das Licht auf dem Meer) eine Metapher des ganzen Lebens ist, die stille Nacht also dessen Ende: „Laß ausruhn mich von Lust und Not, / Bis daß das ewge Morgenrot / den stillen Wald durchfunkelt.“ Diese Bitte umschließt die ewige Ruhe, die bis zu einem neuen ewigen Morgenrot (christlich: Auferstehung der Toten) reicht. Auch das ewige Morgenrot funkelt in einem stillen Wald – ein klares Indiz dafür, dass auch der Wald kein Ort in der Nachbarschaft ist. In der Anrede „O Trost der Welt“ (V. 13) wird die Eingangsanrede (V. 1) wiederholt, diesmal deutlicher in ihrer metaphorischen Bedeutung als göttlicher Friede erkennbar. Dieser Friede kommt am „Abend“ des Lebenstages (V. 14 f.) als erwünschte und verheißene Ruhe für den müden Wanderer (ein anderes Bild des Lebenslaufs, hier vom Schiffer gebraucht).

Die drei Strophen bestehen jeweils aus sechs Versen im Schweifreim; Takt ist der Jambus, je zweimal vier Hebungen und einmal drei Hebungen mit weiblicher Kadenz (der 3./6. Vers sind also jeweils um eine Silbe verkürzt, was sich als Pause im Spreche bemerkbar macht). Gelegentlich ist die erste Silbe eines Verses betont (Komm, V. 1; Singt, V. 5; Da, V. 10; O, V. 13; Laß, V. 16). Die reimenden Verse sind auch semantisch sinnvoll aneinander gebunden: stille Nacht / von den Bergen sacht (V. 1 f.); wandermüd / sein Abendlied (V. 4 f.); das Meer dunkelt / das Morgenrot funkelt (V. 15/18). Bei den 3./6. Versen einer Strophe muss man gelegentlich weiter ausholen, um einen Sinnzusammenhang zu finden: die Lüfte schlafen / Abendlied im Hafen (V. 3/5 f.).

Im Gedicht wird die religiöse Dimension der bei Eichendorff breit entfalteten Abend-Nacht-Thematik deutlich. Das Gedicht geht auf das Lied „Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall“ zurück, das der Einsiedler im „Simplicissimus“ I,7 singt, was den gleichen Rhythmus aufweist, allerdings einen Refrain besitzt. Als Lied ist das Gedicht breit rezipiert, in der Schule wird es wenig gelesen – die Thematik ist den Schüler ja auch fremd.

http://www.dr-peter-wieners.de/autoren-a—l/gryphius/gedichte/abend-vergleich-mit-eichendorff-der-einsiedler.html (Gedichtvergleich mit Gryphius: Abend)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Grimmelshausen,+Hans+Jakob+Christoffel+von/Romane/Der+abenteuerliche+Simplicissimus+Teutsch/Erster+Teil/Erstes+Buch/Das+7.+Kapitel (Der abenteuerliche Simplicissmus Teutsch I,7)

http://books.google.de/books?id=aP8uMMkseuIC&pg=PA281&lpg=PA281&dq=eichendorff+der+einsiedler&source=bl&ots=qCqxdZo719&sig=INl76VNpPCgTqytBNjbY8Eit68I&hl=de&sa=X&ei=q54nUYrUM8Wk4ASZmoHYCA&ved=0CEUQ6AEwBDgU#v=onepage&q=eichendorff%20der%20einsiedler&f=false Jakob Koemann, Grimmelshausenrezeption (S. 280 ff., 288 ff.)

Vortrag:

http://www.youtube.com/watch?v=DWjiaPcZCWE (Martijn Hooning)

http://www.youtube.com/watch?v=KuIC9kYZqy8 (Max Reger, Ausschnitt)

http://www.youtube.com/watch?v=aFPOPtN0hAI (Max Reger, Chor)

http://www.youtube.com/watch?v=WlZzURk969s (Schumann)

http://www.youtube.com/watch?v=04_oR2JsA_4 (Schumann: Fischer-Dieskau)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Scheuren_Eichendorff_Einsiedler.jpg (Bild)

Eichendorff: Schöne Fremde – Analyse

Es rauschen die Wipfel und schauern …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=118

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&print=1&spalten=&id=118

http://www.think-art.com.ar/lieder/index.php/conciertos-cursos-etc/102-robert-schumann-eichendorff-schoene-fremde (mit span. Übersetzung)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+%28Ausgabe+1841%29/1.+Wanderlieder/Sch%C3%B6ne+Fremde

http://www.textlog.de/22497.html

Im Roman „Dichter und ihre Gesellen“ (1834) wird das Gedicht von Fortunat in der Nacht vorgetragen, als er in Rom eingezogen und in einer Villa eingekehrt ist, wo er sich verloren vorkommt; diese Situierung passt nicht schlecht zum Gedicht, das dann 1837 unter dem Titel „Sehnsucht“ gesondert veröffentlicht wurde. Vor allem wird sie dem Charakter des Gedichtes als Lied gerecht, welches nicht ein eigenes „Erlebnis“ besingt, sondern mit einer gewissen Distanz (zweimal der unpersönliche Satzanfang „Es …“) romantische Vorstellungen bündelt.

Die Überschrift „Schöne Fremde“ ist ambivalent; denn die Fremde ist bei Eichendorff die Nicht-Heimat, in die man gerät, wenn man nach dem Aufbruch in die Ferne sein Ziel verfehlt. Wenn hier die Fremde als schön bezeichnet wird, so kann das deshalb eine verführerische „falsche“ Schönheit sein oder der augenblickliche Eindruck auf einen jungen Menschen, der noch nicht die Falschheit erkannt hat (vgl. den Anfang des 7. Kapitels im „Taugenichts“). Die Myrtenbäume (V. 5) weisen auf Italien als Ort des Geschehens; es ist unklar, ob die im irrealen Vergleich genannten halbversunkenen Mauern (V. 3) tatsächlich in der Nähe des lyrischen Ich zu finden sind (und damit ebenfalls auf Italien hinweisen) oder bloß innerhalb des irrealen Vergleichs vorkommen, was man aufgrund des Satzbaus annehmen sollte.

Das lyrische Ich beschreibt, was es „hier“ (V. 5) und jetzt (Präsens) wahrnimmt: Es hört die Wipfel rauschen und schauern (V. 1), es hört die Nacht wirr sprechen, und zwar „zu mir“ (V. 8). „Schauern“ (V. 1) bedeutet „Schauer verursachen“ (Adelung); das verlangt eine Erklärung. Unter dem dritten Wort „Schauer“ führt Adelungs Wörterbuch (1811) zwei Bedeutungen an: „2) Eine schnell vorüber gehende Erschütterung der Haut, dergleichen man bey einem plötzlichen Anfalle der Kälte, bey einem hohen Grade des Schreckens, des Abscheues, der Angst u. s. f. empfindet. Es läuft mir ein Schauer über die Haut. […] 3) Eine jede schnell vorüber gehende mit einer Art eines Rauschens verbundene Veränderung. Ein Fieberschauer, ein Fieber-Paroxismus.“ Das Wort hat hier die gleiche Bedeutung wie „Schauder“: Man erlebt etwas Überwältigendes, wie ja auch im irrealen Vergleich ausgeführt wird: als machten „Die alten Götter die Rund“ (V. 4). Das göttliche Fascinosum ist auch ein Tremendum, es zieht den Menschen an und lässt ihn zugleich erschaudern, wie Rudolf Otto beschrieben hat; das ist so wie im Gedicht „Der Abend“. Nun vermeint das lyrische Ich, eine wirre Botschaft der Nacht oder der Ferne zu vernehmen (2. und 3. Strophe).

Den schauernden Wipfeln entspricht eine heimlich dämmernde Pracht (V. 6) – dabei ist völlig unbestimmt geblieben, woran sich die Pracht zeigt. Das Dämmernde ist selbst etwas Zwielichtiges (und passt gar nicht zu den funkelnden Sternen, V. 9); dass sie „heimlich“ (V. 6) dämmert, heißt hier wohl, dass sie vertraut-heimatlich erscheint, was ihren zwielichtigen Charakter noch einmal offenbart – die Myrtenbäume sind ja Bäume der Fremde! So fragt das lyrische Ich diese zwielichtige Nacht, was sie ihm „wirr wie in Träumen“ sagt (V. 7 f.). Die Nacht wird als eine „phantastische“ bezeichnet; dieses Wort gilt es nun genauer zu betrachten. In Adelungs Wörterbuch kommt es nicht vor; im DWB hat es nur wenige Belege. Im Damen Conversations Lexikon wird als Bedeutung „überspannt, schwärmerisch“ angegeben (1837). Im Meyers von 1908 finden wir: „Phantastisch im weitern Sinn ist alles das, was als Produkt einer ungezügelten Phantasie den logischen Normen widerspricht, maßlos, ungeheuerlich, unwahrscheinlich erscheint, im Gegensatz zum Phantasievollen, das, weil geregelter Phantasietätigkeit entsprungen, schön und (formal) wahr ist.“ Das ist deutlich vom heutigen Sprachgebrauch unterschieden, wo „phantastisch“ ja meistens ein Lob für das Außerordentliche ist. Auch in Pierer’s Universal-Lexikon von 1861 finden wir im Wesentlichen eine negative Konnotation: „Phantastisch, von irre leitender Einbildungskraft ausgehend, auf Phantasien, im Gegensatz von Realitäten, sich beziehend.“ Die phantastische Nacht kann nur wirr, also „wie in Träumen“ sprechen. Gleichwohl hört das Ich auf sie, ist an ihrer Botschaft interessiert, weil es die Fremde schön findet. Wenn man den Schluss der folgenden Strophe berücksichtigt, könnte „phantastisch“ aber auch das positiv Fabelhafte bezeichnen.

Formal haben wir Volksliedstrophen zu vier Versen mit jeweils drei Hebungen vor uns; die Kadenzen sind abwechselnd weiblich und männlich, im Kreuzreim verbunden. Die Verse beginnen in der Regel mit einem Auftakt; nur „Hier“ (V. 5) ist betont, in V. 3 gibt es zu Beginn zwei unbetonte Silben. Das Ganze ergibt ein flüssiges und schwingendes Sprechen, zumal da mehrere Enjambements den Satz über Versenden hinaus führen (V. 2, 3, 5, 7).

In der zweiten Strophe des Gedichts „Nachts“ finden wir ein ähnliches Erfahrungsmuster wie in den beiden ersten Strophen von „Schöne Fremde“ beschrieben:

„O wunderbarer Nachtgesang:

Von fern im Land der Ströme Gang,

Leis Schauern in den dunklen Bäumen –

Wirrst die Gedanken mir,

Mein irres Singen hier

Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.“

Dort ist das Irritierende in die 1. Strophe verlegt worden, und es ist das lyrische Ich, welches mit seinem irren Singen auf den Nachtgesang antwortet. In „Schöne Fremde“ ist das Wirre-Dämmernde-Phantastische jedoch in der Nacht selbst zu finden.

In der 3. Strophe wendet sich das Ich dem zu, was es sieht. Die funkelnden Sterne (V. 9) gehören zum romantischen Repertoire; ihr glühender Liebesblick (V. 10) überrascht zweifach, einmal mit dem Bezug von „glühend“ auf die Sterne, sodann als „Liebesblick“ (vgl. Goethes „Mahomets-Gesang“) selbst – wieso sollten die Sterne das Ich lieben? Vielleicht lässt dich diese Wahrnehmung damit erklären, dass das Ich vermeint, die Sterne funkelten speziell „auf mich“ (V. 9), wie es ja auch die Nacht zu sich hat sprechen hören (V. 7 f.). Wie die Nacht spricht auch die Ferne, der Sehnsuchtsort schlechthin, jetzt „trunken“ (V. 11, statt „wirr“, V. 9). Was das Ich davon hört, deutet es (mit der Partikel „wie“, V. 12) als Andeutung seines künftigen großen Glücks – gemäß dem Sternblick wird man es als Liebesglück verstehen müssen.

Eichendorffs Gedicht arbeitet mit bekannten Elementen romantischer Dichtung, wie ich zu zeigen versucht habe, gibt ihnen jedoch mit der Bewertung „Schöne Fremde“ einen neuen Akzent. Es lebt als gesungenes Lied, wie die Liste unten zeigt, kommt aber im Unterricht offensichtlich nicht oder kaum vor (inzwischen hat sich das geändert, 10/2016).

Vortrag

http://morgenlaenders-notizbuch.blogspot.de/2012/05/musik-am-abend-schone-fremde_14.html (Schumann: Fischer-Dieskau)

http://www.youtube.com/watch?v=akAT2TvH5TI (Peter Anders)

http://www.youtube.com/watch?v=JEMaXmFFJUM (Martina Vormann-Sauer)

http://shelf3d.com/82_zTyEVfYc#R%C3%A9gine%20Crespin%20:%20%22Sch%C3%B6ne%20Fremde%22%20%28Liederkreis%29%20by%20Robert%20%20Schumann (Régine Crespin) = http://www.youtube.com/watch?v=82_zTyEVfYc

http://www.youtube.com/watch?v=MoziQhshQa4 (Crespin, op. 39/1-6)

http://www.juzp.net/hkaM_H7gF48mS = http://www.youtube.com/watch?v=YA-zPWeiHHc

http://www.youtube.com/watch?v=84dMjRcIjJY (Heike Hallschka)

http://www.myspace.com/video/rupert-stamm/sch-ne-fremde/50003016 (Cordula Stepp – Rupert Stamm) = http://www.youtube.com/watch?v=eSHaD7gcz1U

http://www.youtube.com/watch?v=YA-zPWeiHHc

Sonstiges

http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/goethe-italien/italienlyrik/joseph-von-eichendorff.html (Italienlyrik der Goethezeit)

http://literaturnetz.org/9786 (Kontext des Gedichts im Roman „Dichter und ihre Gesellen“)

http://www.matrei.ruso.at/dokumente/06_fremd_hierdeis.pdf (Das Fremde, psychoanalytisch)

http://wwwalt.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ/germ2/neuhaus-koch/einf/strophen.html (Formen der Volksliedstrophe)

Eichendorff: Sehnsucht – Analyse

Es schienen so golden die Sterne …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=119

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/1.+Wanderlieder/Sehnsucht

http://de.wikipedia.org/wiki/Es_schienen_so_golden_die_Sterne

http://de.wikisource.org/wiki/Sehnsucht_(Eichendorff_II)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/5698/24 (Kontext in „Dichter und ihre Gesellen“)

Es gibt im Netz eine umfassende, kluge und vollständige Analyse (aus dem Max-Planck-Gymnasium Trier?), sodass es unsinnig wäre, selber eine weitere Analyse zu schreiben: http://mpg-trier.de/d7/read/eichendorff_sehnsucht.pdf; man findet dort den Text (S. 1); den Aufbau des Gedichts (nach Orten, Bildern, Perspektiven, Tempus und Strophen, S. 1-14); die Motive (S. 14); die Sprache (S. 14 f.); die Metaphern (S. 15 f.); den Satzbau (S. 16-20); den Rhythmus (S. 20 ff. und S. 30 f.); die Laute (S. 25 ff.). Das Einzige, was ich ergänzen kann, ist ein Hinweis auf den Artikel „wann“ in Adelungs Wörterbuch: http://lexika.digitale-sammlungen.de/adelung/lemma/bsb00009134_6_0_619 (zum Satzbau, V. 22). – Ferner:

http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/romantik/eichend_3.htm (Klaus Dautel)

http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literatur/eichendorff/eichendorff_sehnsucht.html (D. Schrey)

http://books.google.de/books?id=-2OGeI9kNP4C&pg=PA252&lpg=PA252&dq=eichendorff+sehnsucht&source=bl&ots=SUr-MYRxQC&sig=v3Zz65pJ4sng5RKqd_x7uBDuEak&hl=de&sa=X&ei=0SslUdueFuWk4ASD2IGwBw&ved=0CC4Q6AEwADgo#v=onepage&q=eichendorff% (Katja Löhr, S. 252 ff. – intensiv, aber mit vielen Lücken, unvollständig)

http://www.autorenweb.de/abfrage_texte.php3?id=10272#.USUqq0W-qa0 (sehr knapp)

http://de.wikipedia.org/wiki/Es_schienen_so_golden_die_Sterne (mehr als knapp, mit Text)

http://xn--kunstdurchblttern-1qb.de/images/20070208202343_frau_am_fenster_1822_1024.jpg (C. D. Friedrich: Frau am Fenster – Fenstermotiv in der Romantik)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=VhRgICC5k7g = http://www.deutschelyrik.de/index.php/sehnsucht.html (Fritz Stavenhagen)

http://gedichte.xbib.de/mp3-audio_Eichendorff_Sehnsucht.htm (Maria Kindermann)

http://www.youtube.com/watch?v=IUJmpBP-hWQ (gesungen)

http://www.youtube.com/watch?v=2sATGWsd53c (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=wHWp1nIp-0Q (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=pk0hdK9MZjM (Versuch einer filmischen Umsetzung)

Es handelt sich bei diesem Gedicht um eines der am meisten analysierten und vorgetragenen Gedichte Eichendorffs.

Eichendorff: Lockung – Analyse

Hörst du nicht die Bäume rauschen …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=110

http://www.textlog.de/22542.html

Wann das Gedicht entstanden ist, ist unbekannt; es steht in „Dichter und ihre Gesellen“ (1834, 9. Kapitel), wo sich Erinnerung, Traum und Wirklichkeit überschneiden, als Otto und Fortunat vom Schloss aus das Lied „tief im Garten“ hören, vielleicht von Kordelchen gesungen; es wurde dann 1837 unter der Überschrift „Lockung“ gedruckt.

Mit dieser Situierung ist eine zum Lied passende Situation umschrieben: Die Requisiten der Eichendorff’schen Landschaft werden im Gedicht genutzt, um jemanden zu locken, in einen Garten hinabzusteigen: „Komm herab, hier ist’s so kühl.“ (V. 16) Die gängigen Requisiten sind die rauschenden Bäume, die vielen Bäche, der Mondenschein, die irren Lieder aus der schönen alten Zeit, die Waldeseinsamkeit; neu sind der schwül duftende Flieder, die Nixen im Fluss und der Blick auf die  Schlösser als Elemente der Verlockung. In den Fragen an das ungenannte „du“ (V. 1 ff.) und der Aufforderung herabzukommen spricht ein nicht identifiziertes lyrisches Ich.

Das Gedicht stellt mir einige Fragen: Ist das eine gefährliche Lockung auf einen falschen Weg? Dafür spricht m.E. der schwül (!) duftende Flieder sowie der Erwähnung der Nixen. Ist das eine Situation wie die des zweiten Gesellen der „Frühlingsfahrt“ (4. Strophe):

„Dem zweiten sangen und logen

Die tausend Stimmen im Grund,

Verlockend‘ Sirenen, und zogen

Ihn in der buhlenden Wogen

Farbig klingenden Schlund.“?

Dann wäre alles, was die Stimme von den rauschenden Bäumen usw. sagt, gelogen. Innerhalb des Gedichts haben wir keine Möglichkeit, die beiden Fragen zu beantworten (allenfalls könnte die Berufung auf die Schlösser, die ja in der Höhe bleiben, als lügnerisch gelten); dafür könnte man höchstens auf die Figurenkonstellation des Romans „Dichter und ihre Gesellen“ zurückgreifen – diese Möglichkeit schneidet jedoch die Veröffentlichung des Gedichts unter dem Titel „Lockung“ ab.

Versuchen wir, auf einem anderen Weg weiterzukommen. In einem Gedicht Brentanos (entstanden um 1811, erschienen 1827, also ziemlich sicher Eichendorff bekannt) finden wir einen ähnlichen Anfang:

„Hörst du wie die Brunnen rauschen,
Hörst du wie die Grille zirpt?
Stille, stille, laß uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt.“

Es fällt sofort der gleiche Rhythmus auf: Vierhebige Trochäen, abwechselnd weibliche und männliche Kadenz, Kreuzreim, also Volksliedstrophe. Aber die Situation ist eine andere – die erinnert bei Eichendorff mehr an Goethes Gedicht „Der Fischer“, erschienen 1789; dort lockt und zieht die Nixe selber den Fischer ins Wasser hinab, sie beruft sich auf die Sonne selbst, die sich im Wasser labt, ähnlich wie die Schlösser vom hohen Stein herabsehen. Einen wichtigen Unterschied sollten wir aber festhalten: In Goethes Gedicht geht es um den Gegensatz von Wasser- und Lichtwelt, in Eichendorffs Gedicht um den allerdings verwandten Gegensatz von Tiefe und Höhe, von „unten / oben“, von „Söller“ (Dachboden, im Schloss) [bzw. „vom hohen Stein“] und „Grund“. Das ist ein elementarer Gegensatz, den man vielleicht so umschreiben kann:

Oben: Gott / Himmel / sonnenhaft / beschützend (Überbewusstes)

[Mitte: Mensch / Oberfläche / taghell / umgebend (Bewusstes)]

Unten: Dämon / Erdinneres / finster / bedrohend (Unterbewusstes),

nur dass wir in Eichendorffs Gedicht nicht das Erdinnere als das Unten haben, sondern nur ein Unten, wo eher wie bei Goethe eine Wasserwelt ist (vgl. auch „Frühlingsfahrt“), und als Dämon die rauschenden Nixen. Man kann auch noch an die Metaphorik von Abstieg/Aufstieg erinnern, um den Gegensatz „unten / oben“ umfassender zu verstehen. – Eine ähnliche Symbolik von „unten / oben“ finden wir übrigens auch in Eichendorffs Gedicht „Der Jäger Abschied“.

Beim Gedicht ist noch auf die gefälligen au-Laute hinzuweisen (V. 1-3), die W-Alliteration (V. 4 f.), die Sch-Alliteration (V. 7); die F-Alliteration (V. 14 f.); die drei sch in V. 13-15; die Reimwörter rauschen/lauschen (V. 1/3) kehren in V. 13/15 wieder – alles dies sind auch lockende Ausdrücke der Stimme des Ich.

Wir haben ein schwieriges Gedicht vor uns, das in einer dichtungsgeschichtlichen Verwandtschaft zu Goethe und Brentano steht und wo sonst positiv besetzte Landschaftselemente Eichendorffs in eine „Lockung“ eingebunden sind. Das Gedicht ist sowohl als Lied wie auch in Textform gut rezipiert, allerdings in der Schule kaum besprochen.

http://books.google.de/books?id=3yaGG0-ygNIC&pg=PA163&lpg=PA163&dq=eichendorff+lockung&source=bl&ots=A5cKLt3jow&sig=a5DYLgWXqRQK4r_uX1W_O-x9EU0&hl=de&sa=X&ei=jK8jUYSRJaKt4ATgz4EY&ved=0CEIQ6AEwBDgK#v=onepage&q=eichendorff%20lockung&f=false (Linguistisches Feld und poetischer Fall — Eichendorffs „Lockung“. In: Ehlich, Konrad (Hg.) (1998): Eichendorffs Inkognito. Wiesbaden: Harrassowitz, S. 163-194 – leider unvollständig)

http://pastebin.com/MKiV7BAw

http://deutsch.agonia.net/index.php/essay/144480/Interpretation

http://www.fachdidaktik-einecke.de/9_Diagnose_Bewertung/klausuren_lyrik_romantik_s2.htm (Gedichtvergleich: nur das Thema)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/lockung.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.srf.ch/player/radio/wortschatz/audio/lockung?id=6922190f-2e39-4b48-9169-dc193722a0f7

http://www.youtube.com/watch?v=xVbSCmhRcas (Fanny Hensel)

http://www.youtube.com/watch?v=GhcUlgqsknM (Martijn Hooning)

http://www.youtube.com/watch?v=O-2KiHnXnWc (balmung)

Raumsymbolik

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Oben

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Unten

http://books.google.de/books?id=XBuyFBvmY94C&pg=PA20&lpg=PA20&dq=(H%C3%B6he+Tiefe)+symbolik&source=bl&ots=lZrlWCZoWZ&sig=swLZQJqvM3N6TgSrIxDsEKRJAw0&hl=de&sa=X&ei=S5wkUbmvGsf_4QT7koCwBQ&sqi=2&ved=0CDsQ6AEwAg#v=onepage&q=(H%C3%B6he%20Tiefe)%20symbolik&f=false (Symbolik des Raumes und der Landschaft bei Eichendorff, S. 20 ff.)

http://edoc.ub.uni-muenchen.de/1794/1/Intelmann_Claudia.pdf (Der Raum in der Psychoanalyse, Diss)

Metapher: Abstieg

http://web.hszg.de/~schmitt/aufsatz/report.htm (Met. sozialen Helfens)

http://www.fk14.tu-dortmund.de/medien/philo/archiv/sb.metapher.pdf (in Erkenntnistheorie und Naturphilosophie)

http://www.tuebingen-psychotherapie.de/Downloads/Metaphern_im_psychotherapeutischen_Gespraech-Teilnehmerunterlagen.pdf (Metaphern im psychotherapeutischen Gespräch)

Eichendorff: Die Nacht – Analyse

Wie schön hier zu verträumen …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=115

http://www.textlog.de/22482.html

Wann das Gedicht entstanden ist, ist unklar. Es steht in „Dichter und ihre Gesellen“ (1833), 2. Kapitel: Fortunat erwacht in der Nacht „im Mondschein, alles war ihm so neu und wunderbar; er ging unter den Bäumen auf und nieder und sang halb für sich: ‚Wie schön, hier zu verträumen …’“

Aufbau des Gedichtes: Ein lyrisches Ich, das sich erst zum Schluss persönlich zu Wort meldet (V. 23), beginnt mit einer Gefühläußerung: „Wie schön hier zu verträumen / Die Nacht im stillen Wald“ (V. 1 f.). Im Folgenden beschreibt es diese nächtliche Situation und erklärt damit, wieso das Verträumen dort so schön ist (bis Str. 4). In der 5. Str. fragt es den Morgenwind, wann er kommt; danach bemerkt es, dass es „bald“ Morgen wird (V. 22). Zum Schluss äußert es seinen Vorsatz, „Die Nacht im stillen Wald“ treu zu verträumen. Diese beiden letzten Verse greifen V. 1 f. fast wörtlich auf und bilden so den Rahmen der ganzen Äußerung.

Einzelbeobachtungen:

  • Dreihebiger Jambus mit abwechselnd weiblicher und männlicher Kadenz, Kreuzreim; meistens umfasst ein Satz zwei Verse, sodass nur in den Versen 2/4 jeder Strophe mit einer echten semantischen Entsprechung zu rechnen ist (z.B.: verträumen im stillen Wald / das alte Märchen hallt, V. 2/4 – „verträumen / in den dunklen Bäumen“, V. 1/3, passt nicht zusammen). Gelegentlich ist das erste Wort eines Verses außerhalb des Taktes betont (Wie, V. 6; Das, V. 13; Schon, V. 21; S, V. 23; evtl. Wann, V. 18).
  • Es fällt auf, dass im stillen Wald „Das alte Märchen hallt“ (V. 4); daran ist „das alte Märchen“ der bestimmte Ausdruck für etwas sehr Unbestimmtes. Das Hallen passt nicht recht zum „stillen Wald“, es ist zu laut (und nur als Reimwort zu „Wald“ gerechtfertigt).
  • In Str. 2 sind die Berge im Vergleich personifiziert („Wie in Gedanken stehn“), ebenso die Quellen. Die verworrenen Trümmer sind Ruinen, die in der Romantik besonders geschätzt wurden: „Mit der Aufklärung und der Romantik gewann auch die mittelalterliche Ruine an Wertschätzung, denn sie wurde als sichtbares Zeugnis vergangener Zeiten mit historischer Bedeutung entdeckt. Ihr Anblick bot zudem ein emotionales Festhalten an einer idealisierten Vergangenheit angesichts der als bedrohlich empfundenen fortschreitenden industriellen Revolution.“ (wikipedia). Das Klagen entspricht dem Zustand der Ruinen: ihrer Vergänglichkeit, Vergangenheit.
  • In Str. 3 werden die Schönheit (des Waldes) und die Nacht personifiziert; dabei erscheint die Schönheit als das Liebchen der Nacht, die kühlen Schatten werden metaphorisch wie eine Decke beschrieben.
  • In der 4. Strophe hat mich zuerst „irre“ irritiert, was auch sonst als Attribut des Singens gelegentlich auftaucht. Wenn man ins Deutsche Wörterbuch schaut (Grimm), findet man für „irre“: 1) umherschweifend; 2) gewöhnlicher wird mit irre die vorstellung: abgewichen vom rechten wege, verirrt, verbunden; 3) im rechten schwankend, unschlüssig, ratlos; 4) erzürnt, hochdeutsch selten, während es im ältern niederdeutsch die einzige bedeutung des wortes ist; 5) geistig gestört, milderer ausdruck für wahnsinnig.“ Hier liegt wohl die Bedeutung 3) vor. Das irre Klagen muss sich auf die klagenden Quellen (2. Str.) beziehen. Offensichtlich beeinträchtigen weder die klagenden Quellen noch die schlagenden Nachtigallen die Stille der Waldespracht (V. 14). Die Klagen haben als altes Märchen (V. 4) ihren traurigen Klang verloren.
  • Dass die Sterne auf und nieder gehen (V. 17), kann man als „auf und unter“ lesen, eventuell auch als Bezeichnung der Drehung des Himmels um den Polarstern. Der Morgenwird wird persönlich angesprochen – Ausdruck einer Erwartung des lyrischen Ich (5. Str.). Die Schönheit wird nun als verträumtes Kind bezeichnet, die Schatten sind wiederum die Schlafdecke.
  • „Schon“ (V. 21) ist das Signalwort, dass sich „bald“ (V. 22) etwas ändert. Das Ich nimmt genau wahr, was sich im Wald tut; es weiß, dass „die Lerche“ (= die Lerchen) bald die Schönheit wecken [wobei anzumerken ist, dass die Lerchen im Feld leben, nicht im Wald].
  • Auch empfinde ich eine Spannung zwischen dem Verträumen (V. 1, 23) und der genauen Beobachtung der Anzeichen, dass es bald Tag wird. Allenfalls die Bedeutung 2) im DWB (Grimm) kann einen Sinn ergeben: „auf angenehme art über unangenehmes hinwegkommen, es vergessen und verschmerzen“. Das Unangenehme wäre das gewöhnliche laute Leben draußen, während das Leben im stillen Wald eben dessen Verträumen darstellt – eine gute Lösung des Problems.

http://www.dinkela.de/zineedit/data/romklassik/Klausur%2001%20-%20Erwartungshorizont%20-%20A.pdf (Stichworte: Lösungserwartung einer Klausur)

Sonstiges

http://www.otto-friedrich-bollnow.de/doc/Eichendorff.pdf (dort S. 4 ff.: die Nacht bei Eichendorff)

http://www.reiprich.com/peregrina/Nacht_in_Dichtung.pdf (Die Nacht in der Dichtung – als 3. Dichter wird Eichendorff behandelt)

http://www.gedichte-fuer-alle-faelle.de/jahreszeitengedichte/index.php?fnr=305 (Mond- und Nachtgedichte)