Kutschera: Die Zukunft des Christentums – Besprechung

Der „Inhalt“ des Buches wird im Wesentlichen bereits unter http://www.roterdorn.de/inhalt.php?xz=rezi&id=11001 vorgestellt.

Die von Kutschera diskutierte Problematik (von Bonhoeffer bis Bibelkritik) ist seit langem bekannt; Kutschera will das Christentum von seinen mythischen Elementen befreien und so dessen wahren Kern, einen Glauben mündiger Menschen für die Zukunft bewahren. Dabei zieht er die Grenze zwischen „mythischer“ Erzählung und „wirklicher“ Erfahrung willkürlich: GOTT, Auferstehung und ewiges Leben, die Kutschera bewahren will, sind ja nicht weniger mythisch als Jungfrauengeburt, Sühnetod des Gottessohnes und Transsubstantiation. Wenn man ehrlich ist, kann man das Apostolische Glaubensbekenntnis nicht in eine mythische und eine wahre Hälfte aufteilen.

Kutschera betreibt wie viele andere ein Rückzugsgefecht gegenüber den Ansprüchen autonomer Vernunft; dabei lässt sich immer weniger Terrain verteidigen, wie die Erfahrung zeigt. Für das Verständnis solcher Rückzugsgefechte ist ein Diktum Nietzsches (Die fröhliche Wissenschaft, Nr. 108) elementar: Neue Kämpfe. – Nachdem Buddha todt war, zeigte man noch Jahrhunderte lang seinen Schatten in einer Höhle, – einen ungeheuren schauerlichen Schatten. Gott ist todt: aber so wie die Art der Menschen ist, wird es vielleicht noch Jahrtausende lang Höhlen geben, in denen man seinen Schatten zeigt. – Und wir – wir müssen auch noch seinen Schatten besiegen! Kutschera hat den Schatten noch nicht besiegt; er will die aus der Vergangenheit mythischen Glaubens verbliebene Hohlform des Verlangens nach Sinn und Ewigkeit mit stark verdünnter Glaubenssuppe füllen.

Nietzsches „Morgenröte“ eines unerschrockenen, ehrlichen Unglaubens sieht so aus: 501. 
Sterbliche Seelen! – In Betreff der Erkenntniss ist vielleicht die nützlichste Errungenschaft: dass der Glaube an die unsterbliche Seele aufgegeben ist. Jetzt darf die Menschheit warten, jetzt hat sie nicht mehr nöthig, sich zu überstürzen und halbgeprüfte Gedanken hinunterzuwürgen, wie sie ehedem musste. Denn damals hieng das Heil der armen „ewigen Seele“ von ihren Erkenntnissen während des kurzen Lebens ab, sie musste sich von heut zu morgen entscheiden, – die „Erkenntnis“ hatte eine entsetzliche Wichtigkeit! Wir haben den guten Muth zum Irren, Versuchen, Vorläufig-nehmen wieder erobert – es ist Alles nicht so wichtig! – und gerade desshalb können Individuen und Geschlechter jetzt Aufgaben von einer Grossartigkeit in’s Auge fassen, welche früheren Zeiten als Wahnsinn und Spiel mit Himmel und Hölle erschienen sein würden. Wir dürfen mit uns selber experimentiren! Ja die Menschheit darf es mit sich! Die grössten Opfer sind der Erkenntniss noch nicht gebracht worden, – ja, es wäre früher Gotteslästerung und Preisgeben des ewigen Heils gewesen, solche Gedanken auch nur zu ahnen, wie sie unserem Thun jetzt voranlaufen.

Kutscheras Religionsphilosophie ist 1990 unter dem Titel „Vernunft und Glaube“ erschienen und als pdf-Datei greifbar (http://epub.uni-regensburg.de/12583/1/ubr05420_ocr.pdf), entsprechend auch in einer html-Fassung. Er fasst im Vorwort das Ergebnis so zusammen: In ihren Grundzügen entspricht die Antwort, die im folgenden auf die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Vernunft gegeben wird, jener von Kant. Mit ihm bin ich der Ansicht, daß sich Annahmen über eine transzendente Wirklichkeit theoretisch weder begründen noch widerlegen lassen (vgl. insbesondere die Abschnitte 1.2 und 1.4). Mit ihrer Unwiderlegbarkeit kann sich der Glaubende nicht zufriedengeben, denn zur Rechtfertigung seiner Haltung braucht er positive Gründe. Kants entscheidender Beitrag liegt im Hinweis auf die Möglichkeit einer praktischen Legitimierung des Glaubens. Dem entspricht im folgenden der Übergang von der Frage nach einer theoretisch-rationalen zu einer praktisch-rationalen Begründung religiösen Glaubens (vgl. 2.4 und 4.1). Vom Ansatz Kants unterscheidet sich der hier entwickelte vor allem in folgenden Punkten: Während sein praktisches Argument vom Faktum unserer Verpflichtung durch ein objektives Sittengesetz ausgeht, dessen Geltung nach seiner Meinung jedermann kraft seiner Vernunft evident ist, sehe ich in der Anerkennung objektiver Pflichten und Werte eine Entscheidung, die nicht nur Sache der Vernunft, sondern des ganzen Menschen ist (vgl. 2.4). Dadurch erhält die Begründung religiöser Annahmen gegenüber Kant ein deutlich subjektiveres Moment (vgl. 4.1). Für Kant besteht Glaube ferner in einem Fürwahrhalten von Sätzen; ich verstehe ihn als Haltung, die neben doxastischen wesentlich auch emotionale und voluntative Komponenten umfaßt (vgl. 2.4 und 3.4). Für Kant sind religiöse Aussagen endlich theoretische (metaphysische) Aussagen, hier wird ihre Signifikanz hingegen vor allem in ihrem Gehalt gesehen: in der Art und Weise, wie sie die Wirklichkeit, von der sie reden, dem Erleben nahebringen (vgl. 1.4). Daraus ergibt sich, deutlicher als bei Kant, daß sie unsere theoretische Erkenntnis nicht erweitern. (S. VIII f.)

Dieses Buch ist von Otto Muck SJ besprochen worden: http://www.uibk.ac.at/philtheol/muck/publ/religioeser_glaube.pdf

Im Jahr 2000 ist sein Buch „Die großen Fragen. Philosophisch-theologische Gedanken“ bei de Gruyter erschienen.

Eine Würdigung von Kutscheras Philosophie gibt es unter http://www.philosophie.uni-osnabrueck.de/Publikationen%20Lenzen/Franz%20von%20Kutschera.pdf;

einen kurzen Überblick über Religionsphilosophie bietet http://de.wikipedia.org/wiki/Religionsphilosophie;

das Skript einer Vorlesung ist http://www.vaticarsten.de/theologie/relphil_funda/Religionsphilosophie%20Script%20anke.pdf,

Folien https://www.uni-bielefeld.de/philosophie/personen/beckermann/Veranstaltungen/GKTheoPhil/02-Religionsphilosophie.pdf

Dem Philosophen Franz von Kutschera verlieh die Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München am 19. Nov. 2010 die Ehrendoktorwürde.

P.S.

Über die Zukunft des Christentums zu spekulieren ist ohnehin müßig – keiner weiß, was auf uns zukommt. Wenn es jedoch darum geht zu klären, was vermutlich vom Christentum bleibt, sollte man nicht dogmatische Fragen diskutieren, sondern lieber mentalitätsgeschichtlich-historisch forschen: Im Christentum wurden mentale Muster individuellen Identitätsbewusstseins ausgebildet, die sich im 18. Jahrhundert verändert haben und heute weiter verändern (Wolfgang Reinhard: Lebensformen Europas, 2004, S. 282 f.).

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