Enzensberger: M. A. B. / Gedichte

M. A. B. (1814 – 1876)

Ich wünschte nur eines, rief er, das Gefühl der Empörung

das mir heilig ist, bis an mein Ende ganz und voll zu bewahren! –

Marktschreier, Dickkopf, verdammter Kosak! – Das ist die Liebe

zum Phantastischen, ein Hauptfehler meiner Natur. – Mohammed

ohne Koran! – Die Ruhe bringt mich zur Verzweiflung. – Ein Gaukler,

ein Papst, ein Ignoramus! – Sein Herz und sein Kopf sind aus Feuer.

*

Ja, Bakunin, so muß es gewesen sein. Ein ewiges Nomadisieren,

närrisch und selbstvergessen. Unerträglich, unvernünftig, unmöglich

warst du! Meinetwegen, Bakunin, kehr wieder, oder bleib wo du bist.

*

Eine lange Gestalt in blauem Frack auf den Dresdener Barrikaden,

mit einem Gesicht, darin sich die roheste Wuth ausdrückte. Feuer

ans Opernhaus! Und als alles verloren war, verlangte er, in der Hand

die Pistole, von der Provisorischen Revolutions-Regierung,

sie möge sich (und ihn) in die Luft sprengen. (Merkwürdige Kaltblüthigkeit.)

Mit großer Mehrheit lehnten die Herren den Antrag ab.

*

Erinnerst du dich, Bakunin? Immer dasselbe. Natürlich hast du gestört.

Kein Wunder! Und du störst heute noch. Verstehst du? Du störst

ganz einfach. Und darum bitte ich dich, Bakunin: kehr wieder!

*

Verhört, an die Wand geschmiedet in den Olmützer Kasematten,

zum Tod verurteilt, nach Rußland verschleppt, begnadigt zu ewigem Kerker:

ein höchst gefährlicher Mensch! In seine Zelle läßt ihm ein Gönner

einen Flügel von Lichtenthal bringen. Die Zähne fallen ihm aus.

Für seine Oper Prometheus erfindet er eine süße, klagende Melodie,

zu deren Takt er in kindlicher Weise sein Löwenhaupt wiegte.

*

Ach, Bakunin, das sieht dir ähnlich. (Sein Löwenhaupt wiegte:

noch zwanzig Jahre danach, in Locarno.) Und weil es dir ähnlich sieht,

und weil du uns doch nicht helfen kannst, Bakunin, bleib wo du bist.

*

Verbannt nach Sibirien, und den eisblauen Amur entlang geflohen

über das Stille Meer, auf Dampfseglern, Schlitten, Pferden,

Expreßzügen, quer durch das wüste Amerika, sechs Monate lang

ohne Aufenthalt, endlich, in Paddington, kurz vor Neujahr,

aus dem Hansom gestürzt, die Treppe hinauf, in Herzens Arme

warf er sich und rief aus: Wo gibt es hier frische Austern?

*

Weil du, mit einem Wort, unfähig bist, Bakunin, weil du nicht taugst

zum Abziehbild zum Erlöser zum Bürokraten zum Kirchenvater

zum rechten oder zum linken Bullen, Bakunin: kehr wieder, kehr wieder!

*

Zurück im Exil. Nicht nur das Grollen des Aufruhrs, der Lärm der Clubs,

der Tumult auf den Plätzen; auch die Bewegtheit des Vorabends,

auch die Absprachen, Chiffren, Losungen machten ihn glücklich.

Großer Obdachloser, verfolgt von Gerüchten, Legenden, Verleumdungen!

Magnetisches Herz, naiv und verschwenderisch! Er schimpfte und schrie,

ermunterte und entschied, den ganzen Tag und die ganze Nacht.

*

Nicht wahr? Und weil deine Tätigkeit, dein Müßiggang, dein Appetit,

dein ewiges Schwitzen sowenig von menschlichem Ausmaß sind

wie du selber, darum rate ich dir, Bakunin, bleib wo du bist.

*

Sein Biograph, der Allwissende, sagt: Er war impotent. Aber Tatjana,

die kleine verbotene Schwester, Harfe spielend im weißen Herrenhaus,

machte ihn rasend. Zwar seine drei Kinder sind nicht von ihm.

doch Necaev, dem Mythomanen, dem Mörder, dem Jesuiten, Erpresser

und Märtyrer der Revolution, schrieb er: Mein kleiner Tiger, mein Boy,

mein wilder Liebling! (Der Despotismus der Erleuchteten ist der ärgste.)

*

Ach, schweigen wir von der Liebe, Bakunin. Sterben wolltest du nicht.

Du warst kein politökonomischer Todesengel. Du warst verworren

wie wir, und arglos. Kehr wieder, Bakunin! Bakunin, kehr wieder.

*

Endlich die Nacht in Bologna. Es war im August. Er stand am Fenster.

Er lauschte. Nichts regte sich in der Stadt. Die Turmuhren schlugen.

Die Insurrektion war gescheitert. Es wurde hell. In einem Heuwagen

versteckte er sich. Den Bart abrasiert, im Habit eines Pfarrers,

ein Körbchen Eier im Arm, mit grüner Brille, am Stock zum Bahnhof

ist er gehumpelt, um in der Schweiz zu sterben, im Bett.

*

Das ist jetzt schon lange her. Es war damals wohl zu früh, wie immer,

oder zu spät. Nichts hat dich wiederlegt, nichts hat dich bewiesen,

und darum bleib, bleib wo du bist, oder, meinetwegen, kehr wieder.

*

Enorme Fleisch- und Fettmassen, Wassersucht, Blasenleiden.

Polternd lacht er, raucht unablässig, keucht, vom Asthma gehetzt,

verschlüsselte Telegramme liest er und schreibt mit sympathetischer Tinte:

Ausbeuten und Regieren: ein- und dasselbe. Er ist aufgedunsen und zahnlos.

Alles bedeckt sich mit Tabaksasche, Teelöffeln, Zeitungen. Vor dem Haus

tänzeln die Spitzel. Überall Wirrwarr und Schmutz. Die Zeit verrinnt.

Nach Polizei riecht Europa immer noch. Darum, und weil es nie und nirgends,

Bakunin, ein Bakunin-Denkmal gegeben hat, gibt oder geben wird,

Bakunin, bitte ich dich: kehr wieder, kehr wieder, kehr wieder.

(Text nach „Literatur und Studentenbewegung. Eine Zwischenbilanz“, hrsg. von W. Martin, Wiesbaden 1977, S. 112 f. – ein google-Buch; die Sternchen markieren die verschiedenen Strophen – sie gehören nicht zum Text, sondern sind von mir gesetzt, weil wordpress keine Leerzeilen erlaubt.)

Eine größere Sammlung von Enzensbergers Gedichten gibt es hier; www.literaturundkunst.net/hans-magnus-enzensberger-„der-tausendsassa-gedichte-1950-2010/ (vier Gedichte); http://www.liberley.it/e/enzensberger.htm (Stand 2009, viele Links veraltet)

Eine wdr-Sendung 2015 von Manon Jungmann stellte folgende Gedichte zusammen:

Utopia (http://www.zyrano.de/freetext/enzensberger.htm)

Die Macht der Gewohnheit (http://wortgarage.myblog.de/wortgarage/art/8359397/Die-Macht-der-Gewohnheit)

Episode: –

Weiterung (http://www.planetlyrik.de/hans-magnus-enzensberger-beschreibung-eines-dickichts/2011/11/)

Gedankenflucht (http://cms.bistum-trier.de/bistum-trier/Integrale?MODULE=Frontend.Media&ACTION=ViewMediaObject&Media.PK=41316&Media.Object.ObjectType=full – unvollständig?)

An einen Ratsuchenden (http://missmarplespoesiealbum.blog.de/2008/01/22/an_einen_ratsuchenden_hans_magnus_enzens~3614921/)

Die Zerknirschung (http://www.dphv.de/fileadmin/user_upload/wettbewerbe/lyrix/2010/06Jun/lyrix_Unterrichtsmaterialien_Enzensberger_Juni_DPhV.pdf)

Friedensgespräche: –

Unterlassungssünden (http://anschnallenoderloslassen.blogspot.de/2014/04/unterlassungssunden.html)

Der fliegende Robert (http://www.chbeck.de/fachbuch/zusatzinfos/leseprobe_ulrich-greiners-leseverf%C3%BChrer_978-3-406-53644-1.pdf, dort S. 15)

Die Visite (http://www.mblue.de/gedichte/enzensberger_visite.htm)

Eventuell: –

Verlustanzeige (http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/jprellwitz/titanic2.jprellwitz.htm)

Gegebenenfalls: –

Identitätsnachweis: –

Middle Class Blues (http://www.muenstergass.ch/blog/?p=641)

Litanei vom Es (http://www.elmshorn.de/INTERNET/Kultur-Freizeit/Tourismus/Sehenswertes/Ausflugsziele-in-Elmshorn/Litanei-vom-ES)

———- Weitere Gedichte u.a.:

http://deutschsprachigedichtung.blogspot.de/2013/09/hans-magnus-enzensberger.html (Kopfkissengedicht) http://ethikpost.blogspot.de/2012/07/dafur-wie-du-die-knie-biegst-hans.html Kopfkissengedicht

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/gedicht-interpretation-lesung-nuernberg-1935-von-hans-magnus-enzensberger-12559526.html (Nürnberg 1935)

https://mfx.dasburo.com/poe/enz.html Die Scheiße = http://www.scheisse-museum.de/ins-museum/literatur/

http://www.bamberger-onlinezeitung.de/2013/02/08/return-to-sender-gestatten-hans-magnus-enzensberger-homme-de-lettres/ gestatten…

http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/leichteralsluft-r.htm Arme Kassandra

http://www.goethe.de/ins/es/bar/prj/lit/aag/enz/les/deindex.htm Leichter als Luft

http://www.heim2.tu-clausthal.de/~kermit/gedichte/hme/oberstufe.shtml Ins lesebuch, vgl. http://www.keinverlag.de/texte.php?text=350669

https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/enzensberger-gedichte.pdf (Die Scheiße; Der Unverwundbare; Zur Frage der Reinkarnation; Haustier; Zur Frage der Bedürfnisse; Der Krieg, wie)

http://www.gesamtschule-wanne-eickel.de/allerlei/gedichte-der-monate-liste/386-gedicht-des-monats-06-2010.html call it love

http://ullakaradeniz.com/hme-ag.html Privilegierte Tatbestände

http://www.mblue.de/gedichte/enzensberger_visite.htm Die Visite vgl. http://www.lyrik-projekt.de/gedichtbeispiele/die_visite.htm

http://www.predigten.de/predigt.php3?predigt=5884 Empfänger unbekannt

http://www.litde.com/gedichte-aus-unserer-zeit-interpretationen/an-alle-fernsprechteilnehmer-hans-magnus-enzensberger.php An alle fernsprechteilnehmer

http://www.mathehotline.de/deutsch4u/hausaufgaben/messages/65/7127.html Konjunktur

http://www.abipur.de/referate/stat/639998635.html Bildzeitung

http://aclassen.faculty.arizona.edu/sites/aclassen.faculty.arizona.edu/files/Enzensberger.Auswahl.pdf (Trigonometrischer Punkt; Windgriff; Schattenreich; Schattenbild; Das Blumenfest; Das leere Haus; Himmelsmaschine; Schwarz-Weiß-Zeichnung; An Niccolo Macchiavelli…; Über die Schwierigkeiten der Umerziehung)

http://cmo.jmf-gym.org/index.php?option=com_content&view=article&id=7&Itemid=148&jsmallfib=1&dir=JSROOT/Gedichte&download_file=JSROOT/Gedichte/Enzensberger%2C+Landessprache.pdf Landessprache

http://oldschool.pableo.de/gedi.htm Über die Schwierigkeiten der Umerziehung

http://www.dphv.de/fileadmin/user_upload/wettbewerbe/lyrix/2010/06Jun/lyrix_Unterrichtsmaterialien_Enzensberger_Juni_DPhV.pdf Die Zerknirschung

http://www.sezession.de/1578/das-maerz-gedicht.html Leuchtfeuer

http://horslesmurs.ning.com/profiles/blogs/1302569:BlogPost:42894 Gedicht für die Gedichte nicht lesen = http://zeittotschlaeger.blogspot.de/2010/12/gedicht-fur-die-gedichte-nicht-lesen.html = http://www.stiftikus.de/pollyrik/HMEgedic.doc (mit kurzer Analyse)

http://www.uni-goettingen.de/de/mythen-brauchtum-und-dichtung/305466.html Aesculus hippocastanum

http://www.poetry.de/showthread.php?t=30918 Autobahndreieck Feucht

http://www.petergoergen.de/app/download/5779386725/enzensberger.rtf (Gnade; Die Visite; Fischmesser und Ideen; Kleine Theodizee; Tiefe Töne in Liepaja)

http://files.schulbuchzentrum-online.de/onlineanhaenge/files/171473_probeseiten.pdf Trennung

http://www.colegioaleman.edu.co/Sprachdiplom/dsd2oral/altesmedium.htm Altes Medium

http://www.impurismus.de/zb-enzensberger.pdf April

http://houseboathouse.blogspot.fr/2014/02/hans-magnus-enzensberger-homage-to.html (Die Verschwundenen; Freizeit; Zungenwerk; Für Karajan und andere; Eine Beobachtung beim Austausch von Funktionseliten; Der Untergang der Titanic – Erster und Zwölfter Gesang)

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autore/enzens.html

http://jacketmagazine.com/17/enz-robot.html#xlist Einladung zu einem Poesie-Automaten

http://www.deutschboard.de/topic,3318,-gedicht-poetik-vorlesung.html Poetik-Vorlesung

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-32092775.html SPIEGEL-Gespräch 1957

http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000005206/DissKoschnick.pdf (Enzensbergers Literaturbegriff, eine Diss.)

http://www.pausenhof.de/forum/enzensberger/27067 (Links zu HME)

Vgl. auch die Links in den Artikeln

https://norberto42.wordpress.com/2015/07/05/enzensberger-verteidung-der-wolfe-gegen-die-lammer-analyse/ und

https://norberto42.wordpress.com/2015/06/08/enzensberger-der-untergang-der-titanic-text-inhalt-ubersicht/

Enzensberger: Schwacher Trost – Analyse, Aufbau

Der Kampf aller gegen alle soll…

Den Text des Gedichtes (aus „Der Untergang der Titanic“, 1981, zwischen dem 17. und 18. Gesang) gibt es nur auf der Seite www.literaturundkunst.net/hans-magnus-enzensberger-„der-tausendsassa-gedichte-1950-2010/, allerdings ohne Stropheneinteilung (à 6 Verse).

Dieses Gedicht ist um die Bücher „Leviathan“ (1651, von Thomas Hobbes) und „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (1902, von Peter Kropotkin) und um die damit verbundenen Erfahrungen herum gebaut. Zuerst sollen deshalb kurz die beiden Bücher vorgestellt werden:

„Im Naturzustand wird der Mensch als frei von Einschränkungen der historischen Moral, der Tradition, des Staates oder etwa der Kirche vorgestellt. Aus Hobbes’ Menschenbild ergibt sich, dass in einem solchen Naturzustand Gewalt, Anarchie und Gesetzlosigkeit herrschen; die Menschen führen – in Hobbes negativem Weltbild – einen „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes), in dem „der Mensch (…) dem Menschen ein Wolf [ist]“. […] Rein vernünftige Gesetze reichen nicht aus, um den Naturzustand zu beenden und den allgemeinen Frieden einzuleiten. Da sie aus Worten bestehen, seien sie nicht genügend furchteinflößend und wirkungsvoll, so Hobbes. Stattdessen erwächst diesem Zustand daher vielmehr die Notwendigkeit einer übergeordneten, allmächtigen Instanz, die die Einhaltung allgemeiner Gesetze gebietet und ihre Verletzung mit Strafen belegt. Indem die Gesetze allgemein gelten, besteht zwischen den Bürgern des Staates kein allgemeiner Anlass zur Furcht mehr – sie können erwarten, dass jeder vor ihnen die Strafen des Leviathans fürchtet. Dadurch bietet dieser Sicherheit und Schutz und ermöglicht eine Verfolgung der eigenen Leidenschaften innerhalb des durch die Gesetze gegebenen Rahmens.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Leviathan_%28Thomas_Hobbes%29, 13.07.2015)

Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt (englischer Originaltitel Mutual Aid: A Factor of Evolution) ist ein 1902 erschienenes Buch von Peter Kropotkin. Die Thesen herkömmlicher sozialdarwinistischer Auffassungen kritisierend, stellt er dem Kampf ums Dasein das Konzept der Gegenseitigen Hilfe gegenüber und sieht beide zusammen als Faktoren der Evolution. (https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenseitige_Hilfe_in_der_Tier-_und_Menschenwelt, 13.07.2015)

Das Gedicht beginnt im Stil einer Nachricht (V. 2 f.) mit einer paradoxen Meldung, dass nämlich der „Kampf aller gegen alle“ demnächst verstaatlicht werde (V. 1-5), mit ausdrücklichem (ironischem) Bezug auf Hobbes (V. 6). Paradox ist diese Meldung deshalb, weil nach Hobbes der Kampf aller gegen alle durch die Institution des Staates und seine Gesetze (s.o.) gerade beendet werden sollte. Es folgt eine Art Kommentar (V. 7-12 bzw. 7-19): Hier wird erklärt, wieso im Staat der Kampf aller gegen alle fortgesetzt wird, „mit ungleichen Waffen“ (V. 7) wie Steuerklärung und Fahrradkette. Dass eine Fahrradkette eine Waffe sein kann, leuchtet ein; aber das dies auch für die Steuererklärung gelten soll, überrascht ein wenig – ein wenig nur, weil es indirekt eine Erklärung Brechts aufgreift: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?“ – Die Dreigroschenoper (Druckfassung 1931), III, 9 (Mac) Mit einer falschen Steuererklärung kann ein Reicher entsprechend Steuern sparen und so den Armen, der darauf angewiesen ist, bekämpfen (V. 8 f.). Dass die Gründung von Gewerkschaften für Verbrecher erwogen wird (V. 10-12), spitzt die Unrechtmäßigkeit des Rechtsstaats paradox zu.

Der Kommentar wird satirisch fortgesetzt (V. 13-18): Dass man Kropotkins Buch im Knast lesen kann, was als „aufgeschlossen bis dort hinaus“ (V. 13) bewertet wird, ist ein Widerspruch in sich: Kropotkin zu lesen hilft einem Häftling nämlich überhaupt nichts (vgl. V. 18 – dieser Vers gibt die Überschrift ab).

V. 19-30 hat den Charakter eines Statements oder einer Verlautbarung („Wir haben mit Bedauern vernommen…“): dass es Gerechtigkeit weder gibt noch je geben wird, wo doch Gerechtigkeit herzustellen eine Haupträson des Staates ist. Die Spekulation über die möglichen Ursachen dieses Defizits (V.25 ff.) ist massiv satirisch: Hier werden Dinge zusammengestellt, die nichts miteinander zu tun haben. Der satirische Ton beherrscht auch die Fortsetzung im Stil eines Kommentars (V. 31-36 – hier bezeichnet das Pronomen „wir“ alle Menschen), einmal einer makabren Zuspitzung (V. 33 f.), sodann in der Bewertung, dass eine Erklärung unserer Wildheit zu finden (statt sie abzustellen, also die Verhältnisse zu ändern!) schön wäre, „Balsam für die Vernunft“ (V. 36) – nein, Balsam und Zeichen von Vernunft wäre es, die scheußlichen Unmenschlichkeiten zu verhindern.

Es folgt ein großes Finale voller Zynismus, darin dem letzten Kommentar (V. 31 ff.) verwandt: dass die tägliche Scheußlichkeit uns wenig (w-Alliteration) wundert (wenn auch ein bisschen stört), dass aber alle Akte von gegenseitiger Hilfe (s. Kropotkin!) „rätselhaft“ anmuten (V. 39 bzw. 39-42). Es folgen einige Beispiele, die als lobenswert bezeichnet werden (V. 43 ff.) – und dann ein harter Schnitt: „und wir legen die Zeitung weg“ (V. 55). Dass wir solche Taten der Zeitung entnehmen, zeigt, dass sie uns bloß zur Unterhaltung dienen, aber nicht als Vorbilder; dass sie nicht unserer realen Erfahrung entstammen wie „die tägliche Scheußlichkeit“ (V. 37). Wir „freuen uns, achselzuckend“ (V. 56), darüber, sie gehen uns nichts an. Das wird durch den abschließenden Vergleich vollends deutlich: Solche Nachrichten konsumieren wir wie einen Schmachtfetzen im Kino (V. 57 ff.), danach gehen wir zurück in die reale Welt, können endlich eine Zigarette rauchen – und uns wieder dem Kampf gegen alle anderen widmen.

Enzensberger: Der Ablaß – zum Verständnis

Ihr wißt nicht, wovon ich rede. Klar…

Text: http://walterswunderbarewelt.com/2010/07/12/ablass/ (Schriftbild: „Ablass“ in Zeile 15 gehört noch in V. 14!)

„Ihr wißt nicht, wovon ich rede. Klar.“ (V. 1) Deshalb beginne ich mit der Klärung des Begriffs: „Ablass (lat. indulgentia) ist der Nachlass zeitlicher Strafe vor Gott für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist; ihn erlangt der entsprechend disponierte Gläubige unter bestimmten festgelegten Voraussetzungen durch die Hilfe der Kirche, die im Dienst an der Erlösung den Schatz der Sühneleistungen Christi und der Heiligen autoritativ verwaltet und zuwendet. (CIC can. 992)“ (Kathpedia) Hier wird also bei Sünden zwischen Schuld und Strafe unterschieden, bei den Strafen zwischen zeitlichen und ewigen (= Hölle). Die Vorstellung von zeitlichen Sündenstrafen geht auf die öffentliche Kirchenbuße im Mittelalter zurück (https://de.wikipedia.org/wiki/Kirchenbu%C3%9Fe; http://universal_lexikon.deacademic.com/340031/Kirchenbu%C3%9Fe; http://www.kathweb.de/front_content.php?client=5&lang=6&idcat=2065&idart=11441). Volkstümlich – wie auch immer entstanden – war die Auffassung, man könne sich von seinen Sünden ohne wirkliche Bekehrung quasi loskaufen; theologisch richtig ist die Auffassung, dass es einen Erlass (= Ablass) zeitlicher Sündenstrafen geben könne.

Enzensbergers Gedicht aus dem Band „Die Furie des Verschwindens“ (1980) ist folgendermaßen aufgebaut:

  • Ihr [Modernen] wisst nicht, wovon ich rede. (V. 1-5)
  • Er ist auch nur ein schäbiger Trick, eine veraltete Redensart. (V. 6-12)
  • Dennoch möchte ich euch die Idee überliefern (abwertend als „Zauberformel“ bezeichnet, inhaltlich – vermutlich bewusst – falsch dargestellt: Erlass aller zeitlichen und ewigen Strafen, V. 14 f.).
  • Wenn ich könnte, würde ich euch solchen Ablass gewähren.

Enzensberger kramt hier eine alte katholische Vorstellung heraus, die den geschlagenen Menschen ein wenig Hoffnung gab: Erlass der Strafen, Amnestie, Begnadigung. Der Ich-Sprecher spricht hier eine Gruppe „Ihr“ an, die er „ihr armen Schweine“ (V. 17) nennt: Wieso sie arme Schweine sind, wird nicht erklärt; greift man auf andere Gedichte Enzensbergers zurück, könnte man vermuten, dass sie arme Schweine sind, weil sie „Angestellte“ sind, weil sie nur von der Bewusstseinsindustrie und der „Bildzeitung“ noch einen Funken falscher Hoffnung bekommen. Diesen armen Schweinen, die genug gestraft sind, erließe er gern ihre Strafe – wenn er könnte, sagt er; er kann es aber nicht, er kann sie höchstens vor den Kopf stoßen, auf dass sie aus der Lethargie erwachen.

Enzensberger: Der Angestellte – analytische Bemerkungen

Nie hat er jemanden umgebracht. Nein…

Text:

Der Angestellte

Nie hat er jemanden umgebracht. Nein,
er wirft aus Versehen Flaschen um.
Er möchte gern, schwitzt, verliert
seinen liebsten Schlüssel. Immerzu
erkältet er sich. Er weiß, dass er muß.     5
Er mutet sich Mut zu, er gähnt,
er tupft seinen Gram auf den Putz.
Er denkt, lieber nicht. Eingezwängt
……in zwei Schuhe, beteuert er bleich
das Gegenteil. Ja, er meldet sich an     10
und ab. Das Gegenteil sagt er von dem,
was er sagen wollte. Eigentlich, sagt er,
eigentlich nicht. Der Anzug ist ihm zu eng,
zu weit. Seine Stelle schmerzt. Nein,
seine eigene Handschrift kann er schon längst     15
nicht mehr lesen. Er hat sich scheiden lassen,
vergebens. Kein Mensch ruft ihm an. Überall
juckt es ihn. Sein Kugelschreiber läuft aus,
beim besten Willen. Er ist öfters vorhanden,
in jedem Zimmer einmal, immer allein.     20
Er schneidet sich beim Rasieren. Ja,
er passt nämlich immer auf, sonst
kann er nicht schlafen. Er schläft.
Alles meckert, alles was recht ist,
alles lacht über ihn. Er merkt nicht,     25
was los ist. Das merkt er. Sein Kopfweh
ist unpolitisch. Er stellt sich an,
er stottert schon wieder, verschluckt sich.
Was er vorhin hat sagen wollen, das hat er
vorhin vergessen. Er hat vergessen,     30
sich umzubringen. Beim besten Willen.
Heimlich lebt er. Nein, er darf nicht,
aber er müsste. Er hat keinen Krebs,
aber das weiß er nicht. Sein Hut schwitzt.
Es ist ihm noch nie so gut gegangen     35
wie jetzt. Eigentlich möchte er nicht,
aber er muß. Er weint beim Friseur. Ja,
er ist anstellig, er entschuldigt sich.
Ja, er schreibt, ja, er kratzt sich,
ja, er müsste, aber er darf nicht,     40
nein, seinen Jammer hat niemand bemerkt.
Das Gedicht stand im Band Die Furie des Verschwindens (1980), in dem es eine Reihe deprimierender Gedichte gibt; dieses ist eines davon. Es hat einen Vorgänger u.a. in Tucholskys Gedicht „Angestellte“ (1926) und in Kracauers Studie „Die Angestellten“ (1930), bei Enzensberger eine Parallele im Gedicht „Middle Class Blues“, vgl. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Angestellter.

Charakteristisch für dieses Gedicht sind die Sätze mit den Modalverben, in denen der zugehörige Infinitiv fehlt: „Er möchte gern, schwitzt…“ (V. 3) Was er gern möchte, wird nicht (im Infinitiv) gesagt – dadurch bekommt man den Eindruck dass er alles, was er gern tun möchte, nicht tun kann. Ähnlich ist es in V. 5 („daß er muß“). Explizit wird das in den beiden Gegensätzen „er darf nicht, aber er müßte“ (V. 32 f.; vgl. V. 8) und „Eigentlich möchte er nicht, aber er muß.“ (V. 36 f.) Hier wird deutlich, wie es den Angestellten zerreißt – wer oder was zerreißt ihn? Die Spannung zwischen den beruflichen Zwängen und den Wünschen als Mensch!

Diese Spannung auch sonst noch öfter spürbar: in seinem Denken (V. 8); im Eingezwängtsein (V. 9 f.; V. 13); im Lügen (V. 11 f., vgl. V. 9 f. und V. 12 f.); in weiteren Widersprüchen (V. 10 f.; 13 f.; 22 f.; 36 f., V. 35 f. / V. 41; ja / nein, V. 39-41). Sie zeigt sich ebenso in körperlichen Beschwerden (V. 3-5, 14, 21, 26 f., 29 f., 37, 39).

Als Mensch ist er völlig erledigt: „Er hat sich scheiden lassen, vergebens.“ (V. 16 f.) „Er ist öfters vorhanden…“ (V. 19) Er hat vergessen, sich umzubringen.“ (V. 30 f.) Er ist nicht mehr Mensch, sondern bloß „anstellig“ (V. 38, ein Wortspiel) und entschuldigt sich für nichts und wieder nichts (V. 38) – er hat sich völlig aufgegeben.

Die beschreibenden Aussagen sind weithin zusammenhanglos aufgereiht: Von allen Seiten prasselt „es“, greift „es“ nach seinem Leben. „Er mutet sich Mut zu“ (Wortspiel, V. 6), doch ist er „immer allein“ (V. 20), „seinen Jammer hat niemand bemerkt“ (V. 41).

Das Gedicht ist eine deprimierende Situationsbeschreibung des Menschen, der in seiner Existenz von anderen abhängig und auf bloße wirtschaftliche Nützlichkeit als einzige Rechtfertigung seines Lebens reduziert ist. Die Melodie dieses Lebens ist der Middle Class Blues.

Wie es den leitenden Angestellten ergeht, wird in „Die kurze Geschichte der Bourgeoisie“ erzählt; dort ist der Aspekt jedoch der, dass diese ganze Herrlichkeit nur „fünf Minuten lang“ dauert – gemessen am Alter der Menschheit, am Alter der Erde. Sie sind nur „Wolken, die Ich sagten“, fünf Minuten lang.

Enzensberger: Rondeau – Analyse

Reden ist leicht…

Text: http://flugkapitaene.de/lyrik-d-f.htm (dort das 6. Gedicht)

http://www.babelmatrix.org/works/de/Enzensberger,_Hans_Magnus-1929/Rondeau (die beiden letzten Verse sind eine neue Strophe)

http://dimieter.blogspot.de/2012/05/rondo-hans-magnus-enzensberger.html (unter dem spanischen Text des Gedichts – neue Strophen fangen mit „aber“ an; dazu sind die beiden letzten Verse die 6. Strophe, vgl. die Textgestalt des span. Textes!)

„Ein Rondeau (französisch rond „rund“) ist ein Rundgesang im Spätmittelalter und in der Renaissance.“ (Wikipedia, 10.07.21015) „Das Rondo (seltener frz. Rondeau) ist eine seit dem 17. Jahrhundert bekannte musikalische Form, bei der sich ein wiederkehrender Formteil (genannt Ritornell, Kehrreim oder Refrain) mit anderen Teilen (meistens Couplet genannt) abwechselt.“ (Wikipedia, 10.07.2015) Das Gedicht steht in „Gedichte 1955-1970“ (1971), es ist eine Art Rondo, in dem es um das Reden geht: Es beginnt mit dem Satz „Reden ist leicht.“ (V. 1) und führt dann über eine Reihe von Abwandlungen zum Satz „Reden ist schwer.“

Die Abwandlungen folgen diesem Schema: Aussage / Einwand (Aber …) / Aufforderung (als Konsequenz des Gedankengangs): „Also werde …“. Die Abwandlungen bilden vier Stufen: Also werde Bäcker. (V. 5) – Also werde Maurer. (V. 9) – Also werde Prophet. (V. 13) – Also werde was du bist.

In dieser Reihe fällt „Prophet“ aus der Abfolge der praktischen Berufe von Bäcker und Maurer heraus; die Überleitung erfolgt über das Sprichwort „Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg gehen.“ (Belege) Der Ausreißer hat den Zweck, zum Gegen-Satz vom schweren Reden zu führen. Von den beiden Gegensätzen (V. 1 / 16) und den zugehörigen Auffoderungen muss man ausgehen, um das Gedicht zu verstehen.

Der erste (Gegen)Satz könnte die These eines A sein, dem ein B den Rest antwortet; er könnte auch ein Vorwurf des B an A sein, welcher bloß daherredet und von B belehrt wird. Ein dritte Möglichkeit ergibt sich während der zweiten oder dritten Lektüre des Gedichts: Die vier Aber-Sätze sind Einwände eines A, dem B als Aufforderung den ersten Satz gesagt hat: „Reden ist leicht.“ (V. 1); dann sollte man auch den jeweils dritten Vers einer Strophe als Einwand des A verstehen – es tun sich also von der Gesprächssituation her zunächst also verschiedene Möglichkeiten auf, das Gedicht zu verstehen; zum Schluss werde ich meine Lesart skizzieren.

Dem bloßen Reden werden zunächst zwei Möglichkeiten (jeweils in Form einer Aufforderung) entgegengestellt, etwas Sinnvolles zu tun, wovon man leben (vgl. essen, V. 2; wohnen, V. 6) kann: Brot backen, Häuser bauen; aber solche Dinge sind schwer (V. 4, 8). Darauf folgt als dritte die paradoxe Aufforderung „Also versetze den Berg.“ (V. 11, nach dem gesuchten Einwand V. 10 – beides dient dazu, über die Gedanken, V. 14, wieder zum Reden zurückzuführen.)

Die Pointe des Rundgangs, des Rondos sind zweifellos die letzten drei Verse, die auf die Einsicht „Reden ist schwer.“ (V. 16) folgen: „Also werde was du bist“ (V. 17) – das kann analog zu V. 5, 9, 13 nur heißen: „(Lerne das Schwere,) Werde ein Redner!“ V. 17 ist eine Variation des alten rätselhaften Zitats Pindars: „Lerne zu werden, der du bist, und sei danach.“ Pindar weist die Menschen auf sich selbst statt auf irgendwelche Luftschlösser zurück; sie sollen ihre wahren Möglichkeiten erkennen und ergreifen, das ist der Sinn seines Satzes. So ähnlich klingt er auch in der Abwandlung des Sprechers (V. 17) – aber er wird fortgesetzt und damit im Sinn umgedreht: „und murmle weiter vor dich hin, / unnützes Geschöpf.“ (V. 18 f.) Dass der Redner ein unnützes Geschöpf ist, hat sich im Rondeau ergeben: Wörter kann man nicht essen, man kann nicht darin wohnen, man kann nicht darauf bauen (V. 2, 5, 9); wenn der Redende also vollends bloß zum Redner wird, tut er nichts Nützliches – er murmelt bloß vor sich hin, er ist ein unnützes Geschöpf.

Dieses Gedicht stellt das bloße Reden als unnützes Schwätzen bloß, indem das Reden dem nützlichen Tun gegenübergestellt wird: In den späten 60er Jahren waren die „revolutionären“ Schwadroneure zahlreich wie der Sand am Meer – auf sie und alle Maulhelden (auch die religiösen, manche Berufspolitiker, heute die ganzen Esoteriker und Berater und Sterndeuter…), die nichts Nützliches tun, bezieht sich dieses Gedicht kritisch – das klingt bei HME erstaunlich, aber ich kann es nicht ändern.

Wenden wir uns noch einmal der Gesprächssituation zu, so scheint es mir am sinnvollsten zu sein, einen Dialog zwischen dem „Redner“ B und seinem Widerpart A anzunehmen. In der Reihenfolge A / B liefe das Gespräch so ab:

1 – 3 / 4

5 / 6

7 / 8

9 / 10

11 / 12

13 / 14

15 / 16

17 – 19. Diese Lösung ergibt sich erst, wenn man den Gedankengang des Gedichtes als Dialog verstanden hat: Die Konstruktion der Gesprächssituation ist die Bedingung dafür, den Sinn zu erfassen.

Zum Zitat Pindars:

http://www.aphorismen.de/zitat/25630; https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_griechischer_Phrasen/Gamma (dort das 7. Zitat); http://www.rhm.uni-koeln.de/115/Thummer.pdf (zur philologischen Problematik des Zitats); http://www.jungeforschung.de/moderne/Mailhammer.pdf; https://de.wikipedia.org/wiki/Ecce_homo_%28Nietzsche%29

Enzensberger: Lied von den Leuten auf die alles zutrifft und die alles schon wissen – Analyse

Daß etwas getan werden muß und zwar sofort…

Text: http://mcn.privat.t-online.de/enz_und.htm (ohne Stropheneinteilung)

http://www.babilonhu.net/works/de/Enzensberger,_Hans_Magnus-1929/Lied_von_denen,_auf_die_alles_zutrifft_und_die_alles_schon_wissen

Das Gedicht stammt aus dem Jahr 1967, es stand zuerst in „Gedichte 1955-1970“ (Rezension der FAZ hier). Es stellt eine Sammlung von Redensarten dar, die nur in bestimmten Situationen sinnvoll sind (z.B. „Es muss etwas getan werden, und zwar sofort!“); Enzensberger resp. der Sprecher des Gedichts hat diese Redenarten jedoch ohne jeden Situationsbezug miteinander kombiniert – wodurch sie eo ipso sinnlos sind – und ans Strophenende dann stereotyp die Formel „das wissen wir schon“ gesetzt (in der Regel einmal, einmal zwei- und einmal dreimal). Das ergibt dann ein „Lied von denen auf die alles zutrifft und die alles schon wissen“. Streng genommen trifft „alles“ nicht auf Leute, sondern auf Situationen zu; aber diese Feinheit können wir übergehen.

Das Gedicht hat satirische Züge, wie sich aus der Verbindung der Redewendungen ergibt: Da sind einmal Wendungen kombiniert, die einander direkt widersprechen (dass es zu früh und gleichzeitig zu spät ist, etwas zu tun, V. 3 f., wo doch sofort etwas getan werden muss, V. 1; oder die 9. / 10. Str.); zweitens sind Wendungen miteinander kombiniert, die von der Kategorie her nicht zueinander passen (dieses Problem gründlich analysieren müssen / zwei Stück Zucker in den Tee tun, 6. Str.; auch die 7. Str.); drittens ergeben sich aus der zufälligen Kombination der Floskeln gelegentlich scheinbar sinnvolle Abfolgen, ebenfalls in der 6. Strophe: „und daß wir die Wahl haben zwischen nichts und wieder nichts / und daß wir dieses Problem gründlich analysieren müssen“. Oder auch sehr schön: „und daß wir jedesmal recht behalten werden / und daß daraus nichts folgt“ (8. Str.). Einmal gibt es eine Abfolge zweier Sätze über drei Strophen (11. – 13. Str.), die in Kombination und Negation die spielerische Art dieses „Dichtens“ offenbart.

Einen besonderen Hinweis verdient die sachlich sinnlose Umformung der Redensart „Wir haben jedesmal recht behalten“ ins Futur: „und daß wir jedesmal recht behalten werden“ (8. Str.): Erst nachträglich kann man sagen, dass man recht behalten hat; wenn man das schon vorab „weiß“, wird die Sinnlosigkeit der Floskel offenbar. Vielleicht ist das überhaupt der Sinn dieses Gedichts: Floskeln des täglichen Lebens zu entlarven – obwohl sie ja nicht sinnlos sein müssen, wenn sie in bestimmten Situationen gebraucht werden; vielleicht wird hier aber auch einfach nur mit der Sprache gespielt, und Spielen soll Spaß machen, aber nicht unbedingt einen (anderen) Sinn haben. Dafür spricht auch die letzte Strophe, wo sich in einer Art Selbstbezug das Spiel überschlägt: „und daß wir das schon wissen / das wissen wir schon“.

Das Gedicht ist in mehrere Sprachen übersetzt, wie man leicht herausbekommt, wenn man die Überschrift in die Suchmaske eingibt. – Wenn man die Technik der Kombination der Redewendungen versteht, kann man leicht ähnliche Texte fabrizieren; leider werden sie kaum gedruckt, wenn man nicht Enzensberger heißt.

Enzensberger: Über die Schwierigkeiten der Umerziehung – Analyse

Einfach vortrefflich…

Text: http://cmo.jmf-gym.org/index.php?option=com_content&view=article&id=7&Itemid=148&jsmallfib=1&dir=JSROOT/Gedichte&download_file=JSROOT/Gedichte/Enzensberger%2C+Umerziehung.pdf

http://www.zeit.de/1982/22/verteidugung-der-normalitaet/seite-4 (dort S. 4 ff.)

http://www.redemptoristen.com/index.php?id=180&programm=173

Vorab sind einige Dinge zu klären, damit man dieses Gedicht aus dem Band „Gedichte 1955-1970“ (1971) richtig versteht. Zuerst muss die Bedeutung des Wortes „Umerziehung“ untersucht werden: Dahinter steht die Vorstellung, dass jemand falsch erzogen worden ist und jetzt von jemandem, der es besser weiß, richtig oder gut erzogen werden soll (und dahinter steht die „progressive“ Vorstellung von der grundsätzlichen Erziehbarkeit des Menschen, auch des Erwachsenen – gegenüber einer Anschauung, die eher an „Charakter“ oder „Natur“ denkt). In der politischen Wirklichkeit gab es (und gibt es heute noch) in kommunistischen Staaten Umerziehungslager, in denen „Asoziale“ oder Dissidenten durch Arbeit, „Schulung“ (Indoktrination) und Terror auf Linie gebracht werden sollen; wie weit es solche Lager (statt bloßer Vernichtungslager) im Dritten Reich gab, braucht hier nicht diskutiert zu werden.

https://de.wikipedia.org/wiki/Umerziehung

http://de.wikimannia.org/Umerziehung

http://universal_lexikon.deacademic.com/23905/Umerziehung

http://www.mydict.com/Wort/Umerziehungslager/ („Umerziehungslager“)

https://de.wikipedia.org/wiki/Umerziehungslager_Kae%E2%80%99ch%C5%8Fn (Nordkorea heute)

http://www.pi-news.net/2011/04/umerziehungslager-fur-homosexuelle-in-malaysia/ (Malaysia)

http://www.taz.de/!5051897/ (China)

http://www.igfm.de/news-presse/aktuelle-meldungen/detailansicht/?tx_ttnews[tt_news]=2456&cHash=e5c5db43f4bff8832418afe7890e65b3 (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Jugendwerkhof (DDR)

http://www.zdf.de/zdfinfo/trauma-umerziehung-heimkinder-in-der-ddr-35164344.html (DDR)

http://unterlinken.de/tag/kommunismus/

http://www.nordbayern.de/region/neumarkt/nazi-lager-in-kastl-das-schicksal-der-gestohlenen-kinder-1.3887036?rssPage=TmV1bWFya3Q= (Nazis)

http://www.zdruzenje-zrtev.si/slike/ausstellungs_panos/pano_13.pdf (dito)

http://antifaworms.blogsport.de/nazis-hier/kz-osthofen/ (dito: Beschönigung)

Danach ist der Begriff der Perspektive zu klären. Im Gedicht „Über die Schwierigkeiten der Umerziehung“ denken oder sprechen u.a. revolutionäre linke (kommunistische) Kader, welche sich über die mangelnde Begeisterung der normalen Leute aufregen (V. 23-25) – ein „Defizit“, dem man als ordentlicher Revolutionär mittels Umerziehung abhelfen möchte: Man kämpft ja vermeintlich für die gerechte Sache und für die Befreiung der Unterdrückten, da muss man den allzu Langsamen auf die Sprünge helfen.

Drittens ist schließlich die Position eines Autors von der Perspektive und Position seiner Figuren zu unterscheiden, was vielen Leuten schwerfällt, wenn in einem Text eine Ich-Perspektive angeboten wird – da meinen sie gleich die Stimme des Autors zu hören. Ich möchte das am Beispiel von „Huckleberry Finns Abenteuer“ verdeutlichen: Dort spricht der sympathische Außenseiter Huck als „ich“ – aber niemand wird annehmen dürfen, er vertrete die Auffassungen Mark Twains; im Gegenteil, die Differenz zwischen den beiden Perspektiven oder zwischen der Perspektive Huckleberrys und der der Leser macht den Reiz des Buches aus. Was man an diesem Beispiel versteht, muss man konsequent auch auf Gedichte und andere fiktionale Texte anwenden (und grundsätzlich sogar auf Sachtexte – für die Reden von Politikern versteht sich das von selbst; aber das soll hier nicht diskutiert werden).

Damit kommen wir zum Gedicht „Über die Schwierigkeiten der Umerziehung“ (1969, so die ZEIT). Hier spricht oder denkt zunächst jemand, der die revolutionären Ideale, „all diese großen Pläne“ (V 2), kennt und sie „vortrefflich“ und sogar „einleuchtend“ findet (V. 1, 6 – „ich“, wie sich aus V. 34 ergibt). Am besten nimmt man in der 2. Strophe einen anderen Sprecher an: einen der Kämpfer für „das Goldene Zeitalter“ (V. 3), der angesichts des Lobes (1. Str.) seinem Ärger darüber Luft macht, dass es mit der Verwirklichung der „großen Pläne“ (V. 2) nicht klappt: Die Leute sind daran schuld, sagt er vorwurfsvoll (2. Str.). – Das ist aus höherer (Leser- und Autor)Perspektive ein Witz, weil die Revolution ja angeblich zugunsten der Leute gemacht werden soll.

In den beiden folgenden Strophen werden die vorwurfsvollen Klagen der revolutionär Begeisterten konkretisiert: Dabei ergibt sich eine merkwürdige Verschiebung zwischen den erhabenen Idealen (Befreiung, gerechte Sache) und den konkreten Interessen der Leute (zum Friseur gehen, ein Bier trinken usw.) – das ist ein untrügliches Zeichen für eine Satire: Der Autor macht sich über diese Klagen zusammen mit seinen vernünftigen Lesern lustig. Das zeigt sich auch in V. 12, wo den Leuten die Aufgabe zugewiesen wird, „begeistert hinter der Vorhut herzutrippeln“, also weiterhin unmündig sich lenken und „führen“ zu lassen (statt die Sache selber in die Hand zu nehmen) – das Problem einer jeden Befreiung der Unterdrückten durch eine revolutionäre Elite. In der 4. Strophe wird das Fazit gezogen, wobei V. 21 doppeldeutig ist, also wörtlich und metaphorisch zu lesen ist – eine alltägliche banale Redewendung, welche die hohen Theorien der Revolutionäre ad absurdum führt, ebenso wie V. 22. Der Unmut der so enttäuschten Revolutionäre macht sich danach (in der 5. Str.) Luft: Hier werden „revolutionäre“ Tiraden losgelassen, hier werden die Menschen beschimpft – umerziehen müsste man sie alle, wenn es mit der Revolution noch etwas geben soll!

Dagegen wendet sich der Ich-Sprecher: „Man kann sie doch nicht alle umbringen! Man kann doch nicht den ganzen Tag auf sie einreden!“ (V. 26 f.) Er lehnt die Umerziehung ab. In der letzten Strophe antwortet die andere Seite darauf und zieht ihren ideologischen Gewinn aus dem Einwand: Wir haben natürlich recht, aber die Leute mit ihren kleinlichen Alltagsproblemen hindern uns daran, unsere richtigen Pläne zu verwirklichen: „Ja, wenn die Leute nicht wären / dann sähe die Sache schon anders aus.“ (V. 28 f.) Aus höherer Perspektive (Leser, Autor) offenbart sich hier die bornierte Rechthaberei der Revolutionäre, die Haltlosigkeit ihres politischen Geschwätzes. Das wird auch im letzten Satz deutlich, wo erstmals der eine Sprecher als „ich“ auftritt: Er gehört zu den Leuten mit ihren Alltagssorgen, er möchte deshalb „hier nicht weiter stören“ (V. 34), er lässt die Revolutionäre weiter schwadronieren.

Das Gedicht ist untypisch für Enzensberger, der selber oft genug über die dem Konsum verfallenen Kleinbürger herzieht („Middle Class Blues“ u.a.); es ist ein sympathisches Gedicht, das sich 1969 kritisch auf die revolutionäre Begeisterung der Studenten bezieht und das auch die spätere Brutalität der RAF und die heutige des IS als verbohrte Rechthaberei entlarvt.

http://www.sezession.de/2423/ueber-die-schwierigkeiten-der-umerziehung-normalismus-1.html (Bemerkungen zum Gedicht)

https://60erprojekt.wordpress.com/2015/01/29/h-m-enzensberger-uber-die-schwierigkeiten-der-umerziehung-1960/ (grandioses Missverständnis des Gedichts)

http://friedrich-schorlemmer.de/docs/WWW.Wittenberg.Wolfenb%C3%BCttel.Weimar.pdf (von Schorlemmer im Rahmen eines Vortrags zitiert)

Enzensberger: Middle Class Blues – Analyse

Wir können nicht klagen…

Text: http://www.hulda-pankok-gesamtschule.de/uploads/media/B_03_middle_class_blues.pdf

http://drum.lib.umd.edu/bitstream/1903/10823/1/Hildebrandt_umd_0117N_11472.pdf (dort S. 107)

http://jhelbach.de/Lit/August10/Texte.pdf (dort das 2. Gedicht; Strophe 2 ist nicht abgesetzt)

Das Gedicht ist an vielen Stellen zitiert (teilweise falsch) und abgedruckt, es hat seinen Marktwert als repräsentatives Poem der sechziger Jahre Deutschlands bzw. der BRD: Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Erschienen ist es 1964 im Band „Blindenschrift“.

Es spricht eine Wir-Gruppe, die Mittelschicht laut Überschrift. „Unter der Sammelbezeichnung Mittelschicht, auch Mittelstand, werden diejenigen Bevölkerungsgruppen verstanden, die innerhalb eines soziale Schichtungs-Modells in der Sozialstruktur zwischen einer Oberschicht und einer Unterschicht angesiedelt sind. Es gibt vielfältige Konzepte der Schichtungen und keine abschließende Definition der Schicht im soziologischen Sinne an sich, daher gibt es auch zahlreiche Vorstellungen von Mittelschicht. Im angloamerikanischen Sprachraum wird sie als middle class bezeichnet.“ (wikipedia, 8.7.2015) Zur Mittelschicht zu gehören war der Traum vieler kleiner Leute in den sechziger Jahren: Wohlstand, Sicherheit, Ansehen gab es dort, nach der Not des Krieges und der Nachkriegszeit.

In der 1. Strophe beginnen sie mit der selbstzufriedenen Aussage „Wir können nicht klagen“, womit dezent umschrieben ist: „Es geht uns gut.“ Nicht arbeitslos sein wie viele nach 1945, nicht wie die armen Schlucker Hunger haben, das sind dabei die Kriterien. V. 4 steht in einer Spannung zu V. 3: Sie essen, obwohl sie satt sind, weiter – einfach weil sie es sich leisten können; von der damaligen Fresswelle spricht man heute: Kompensation des Elends der Nachkriegszeit. – Alle Verse beginnen mit dem Pronomen „Wir“; die Mittelschicht stellt sich vor.

In der 2. Strophe wird in einer sinnlosen Zusammenstellung benannt, was alles „wächst“ in dieser glorreichen Zeit des Wirtschaftswunders: das Gras, das Sozialprodukt usw. Damit wird die volkswirtschaftliche Zielvorstellung (der Mittelschicht) „Wachstum“ als absurd kritisiert [was jemand, der zur Mittelschicht gehört, leicht sagen kann: Enzensberger hatte 1963 den Georg-Büchner-Preis erhalten und war bei Suhrkamp etabliert; ich kenne viele, die nicht etabliert waren].

In der 3. Strophe wird der Zustand des Landes beschrieben: Worauf die leeren Straßen verweisen, ist offen – vielleicht heißt dies, dass niemand demonstriert oder protestiert („Ruhe und Ordnung“ als Wertvorstellung); dazu passen die perfekten Geschäftsabschlüsse – aber nicht mehr das Schweigen der Sirenen. Hierbei denke ich im Vorgriff auf V. 15 an Sirenen, die vor einem feindlichen Angriff warnen: Die Kriegsgefahr war im Kalten Krieg, gerade in den 60er Jahren nach Mauerbau (1961) und Kubakrise (1962) immer gegenwärtig. Den Schluss bildet ein banaler Satz: „Das geht vorüber.“ (V. 12) Diese Redensart, parallel V. 16, strahlt hier eine Drohung aus: dass die Sirenen nicht immer schweigen werden.

Explizit wird das in V. 15 gesagt: Wenn der Krieg noch nicht erklärt ist, kann er bald erklärt werden – der Zusatz V. 16 ist von zynischer Gelassenheit, wenn man ihn wörtlich liest. Die beiden Verse 13 f. sind im Perfekt abgefasst und beschreiben so einen erreichten Zustand, wieder in einer sinnlosen (also satirischen) Kombination zweier Sachverhalte – aus denen sich nur ergibt, dass etwas keine Eile hat, weil ja „alles“ geregelt ist.

In der 5. Strophe liegt eine Montage vor: Die Aussage „Wir essen“ (V. 4) bekommt als Objekte die in der 2. Strophe genannten Subjekte des Wachtstums: eine satirische Kritik der steten Steigerung des Konsums um seiner selbst willen – man bedenke, dass „wir“ bereits satt sind (V. 3) und dass manches nicht zum Verzehr geeignet ist. Die Vergangenheit essen (V. 20) ist vielleicht eine Metapher für die Verdrängung oder das Vergessen der unrühmlichen Untaten des Dritten Reiches, bei denen so viele mitgemacht hatten; nach 1945 wollte niemand dabeigewesen sein, die Verbrechen wurden nur zögerlich juristisch aufgearbeitet (vgl. auch http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/39814/geschichte-der-erinnerungskultur oder http://www.geschichte-lernen.net/aera-adenauer-umgang-ns-vergangenheit/).

In der 6. Strophe wird umschrieben, wiederum in Redewendungen, wer wir sind: unbescholtene Bürger (V. 21), die „es geschafft“ haben (V. 22, vgl. V. 16) – und dann die offene Kritik: „Wir haben nichts zu sagen.“ Dieser Satz ist doppeldeutig und in beiden Fällen verräterisch: a) Wir fressen bloß, aber sind als sprechende Subjekte leer. b) Laut GG geht alle Macht vom Volk aus (von den Bürgern, vgl. V. 1-21), aber wir sind keine mündigen Bürger, wir lassen uns von wem auch immer (dem Idol des Konsums, den alten Herrschaftseliten) bevormunden, knechten. Der letzte Satz sagt es offen: „Wir haben.“ Hier fehlt ein Objekt – wir haben bloß etwas oder alles, aber wir sind eben nicht Subjekte, freie Bürger (V. 22). Dass in der 5. und 6. Strophe alle Sätze mit „Wir“ beginnen, ist bloß ein grammatisches, aber kein politisches Phänomen.

In der 7. Strophe werden die ordentlichen Verhältnisse, in denen „wir“ leben, umschrieben: Die Uhr ist aufgezogen, obwohl es keine Eile hat; die Verhältnisse passen semantisch nicht zu den Tellern – Satire, Kritik. Dass der letzte Autobus vorbeifährt (V. 28), steht in keinem Sinnzusammenhang zu V. 25-27; vielleicht sollte man den Satz als Indiz dafür lesen, dass auch im Straßenverkehr alles in Ordnung ist; wenn man V. 28 auf V. 27 bezieht, besagt er, dass am Abend rechtzeitig gespült ist – aber das alles ist unbestimmt, erst der Leser stellt solche Verbindungen zwischen den isolierten Sätzen her.

Die letzten drei Strophen bestehen jeweils aus einem Satz: „Er ist leer.“ (V. 29) Das bezieht sich auf den Bus, aber was besagt das? Vielleicht, dass die Leute alle „brav“ zu Hause sitzen? Dass sie sich in ihrem Eigenheim einigeln? Dass sie anderen nichts zu sagen haben?

„Wir können nicht klagen.“ (V. 30) Damit wird V. 1 wiederholt; in Verbindung mit der unterschwelligen Kritik (des Autors!) in den Äußerungen der Leute wäre das eine Selbstentlarvung: „Wir“ merken nicht, was uns fehlt. Wir sagen das, was man in der Umgangssprache (das ganze Gedicht!) so zu sagen pflegt, aber wir haben nichts zu sagen.

„Worauf warten wir noch?“ (V. 31) Diese offene Frage der Wir-Leute aus der Middle Class ist bezeichnend: Sie warten auf nichts mehr; sie haben keine Ziele, keine Utopien (wie HME, wie bald drauf die 68er). Und so ist diese Selbstdarstellung der Middle Class eben ein Blues (Überschrift): „Das Wort Blues leitet sich von der bildhaften englischen Beschreibung I’ve got the blues bzw. I feel blue („ich bin traurig“) ab.“ (Wikipedia, 8.7.2015) Ihre Lage ist bestens, „wir können nicht klagen“ – es ist zum Heulen.

https://www.uni-due.de/literaturwissenschaft-aktiv/nullpunkt/inhalt.htm#Wiederaufbau%20und%20Wirtschaftswunder (das Gedicht im Kontext anderer Texte zum Thema „Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“)

Enzensberger: Das Ende der Eulen – Analyse

Ich spreche von euerm nicht…

http://www.veritas.at/sbo/ebook/px/20604/files/assets/basic-html/page233.html (Text, Verszählung, drei Strophen)

http://www.veritas.at/sbo/ebook/px/30386/files/assets/basic-html/page143.html (Text, Verszählung, vier Strophen)

Die Textgestalt schwankt: Abgesehen von der Großschreibung haben spätere Drucke auch vier Strophen (die nach V. 12, 22, 30 und 34 enden); ich stelle das nur fest, ohne es zu bewerten. Das Gedicht steht im Band „Landessprache“ (1960), kann sich also nicht konkret auf die Kubakrise des Jahres 1962 beziehen, wie von manchen Schülern behauptet wird [auch wenn man dann wieder etwas mehr zu schreiben hätte].

Es spricht ein Ich zu einer Gruppe „ihr“, von diesen als den „Planern der spurlosen Tat“ (V. 29) – was das heißt, wird sich zeigen; das Ich ist jedenfalls nicht identifiziert. Außerdem werden „Wir“ genannt (V. 23), was man vermutlich als „wir Menschen“ zu lesen hat, wie sich aus V. 30 ergibt (Indefinitpronomen „keinem“, alle Menschen umfassend).

Das Ich spricht von einem allumfassenden Ende (Str. 1); wodurch dieses Ende eintreten kann, wird in der 2. Strophe deutlich: Radarschirme, Meldetische, Antennen, Manöver weisen eine militärische Aktion als Ursache des All-Endes aus; aus den „schwebenden Feuerglocken“, die man als Atompilze identifizieren muss, ergibt sich ein Atomkrieg zwischen den USA und der UdSSR (V. 16 Floridas Sümpfe, V. 17 das sibirische Eis) als die konkrete tödliche Aktion. Man muss nur an die Konzeption des Zweitschlags und des Overkills aus dem Kalten Krieg denken, um die vom Sprecher bedachte Situation zu verstehen.

Von dem dadurch möglichen „Ende“ soll also gesprochen werden; das geschieht in einer durch Wortwahl und Satzbau gehobenen Sprache (zumindest in der 1. Str.): Umstellung der Negation „nicht“ (V. 1), Ellipse des Nomens „Ende“ in V. 1; „dunkles Haus“ für das Meer (V. 4), „siebenfältig“ (V. 5) usw. Ansonsten wird die 1. Strophe von Wiederholungen („ich spreche“, V. 1-3) und Aufzählungen (Eulen, Butt, Wal bis zum Moor „und den leeren Gebirgen“, V. 2-12) bestimmt. Es geht um das Ende von allem, um das Weltende; zwei Alliterationen (E in V. 2; L in V. 9) stellen den Zusammenhang von allem Untergehenden dar. Mit einem Doppelpunkt endet die 1. Strophe; dadurch wird zu einer Erklärung in der 2. Strophe übergeleitet.

In den Partizipien der 2. Strophe, in der jedes finite Verb fehlt, wird der Zustand der Welt beschrieben, wobei Floridas Sümpfe und das sibirische Eis für die Territorien der USA und der UdSSR stehen. Sie werden als Objekte militärischer Beobachtung dargestellt: „auf Radarschirmen leuchtend“ und von Antennen befingert (V. 13-16). Dem Wort „befingert“ haftet der Ruch des Schmuddeligen, Ungehörigen an. Die Tödlichkeit der Gefahr kommt in den Adverbialen „zum letzten Mal“ (V. 14) und „tödlich“ (V. 16) zu Bewusstsein. In den Partizipien II (befingert, erwürgt, umzingelt), auch wenn sie nur metaphorisch gebraucht werden, scheint die Todesnähe in die Gegenwart der Natur herein. Es fallen wieder Alliteration auf (L, V. 13 f.; Sch, V. 18; ähnlich F, V. 16, und W, V. 18 f.). Am Ende der Strophe wird – ohne Bezug auf eine Verbform – der Anschein erweckt, der Ernstfall sei bereits eingetreten (unter…, im… V. 21 f.), wobei das kontrastierende „arglos“ den Schrecken des Endes hervorhebt.

In den beiden letzten Strophen werden die ersten Verse des Gedichts paraphrasiert: Wovon der Sprecher spricht und nicht spricht – und wovon er damit entgegen seiner Ankündigung doch spricht: von den Menschen; er begründet sein „Nicht-sprechen“: „Wir sind schon vergessen.“ (V. 23) Das ist ein performativer Widerspruch: Indem er das sagt, ruft er die Erinnerung, das Wissen bei den Angesprochenen gerade hervor. Und wenn alle Menschen ausgetilgt sind, gibt es auch kein Subjekt mehr, das sie vergessen könnte – vom Weltende kann man nicht logisch konsistent sprechen. Neben den benannten Menschen (die Waisen, die Planer, ich und alle) werden als Thema des Nicht-Sprechens ironisch „die mündelsichern Gefühle, der Ruhm, die rostfreien Psalmen“ genannt; dabei passen die beiden Attribute, welche jeweils Formen von Bestand und Sicherheit (irrtümlich!) versprechen, nicht zu den Nomina. Wie bisher kennzeichnen eine Alliteration (R, V. 27) und Aufzählungen die Sprechweise des Ichs.

In der 4. Strophe, die manchmal mit der 3. zusammen als eine einzige gezählt wird, werden die Wesen benannt, von denen gedenkend gesprochen werden soll: diejenigen, welche selber nicht sprechen (V. 31 – der Stamm „sprech-“ in den drei Formen „sprech-, sprich-, sprach-“), die nur sprachlose Zeugen des Untergang sind (V. 32) und für welche der Sprecher stellvertretend einsteht: Ottern und Robben und Eulen (pars pro toto); mit einer großen Alliteration der Vokale A-Eu-E endet das Gedicht; dabei rundet sich mit dem Bezug auf die bereits zu Beginn genannten Eulen (V. 2 und Überschrift) das Thema ab.

http://www.simforum.de/showthread.php?t=110165 (Text, (falsche?) Stropheneinteilung mit Schüleranalyse)

http://www.studienseminar-koblenz.de/medien/wahlmodule_unterlagen/2004/201/1%20Textanalyse%20%28PPT%29.pdf (dort S. 14 ff.: Vorarbeiten zur Analyse)

http://www.stiftikus.de/pollyrik/HMEeule.doc (mit stichwortartiger Analyse)

http://www.schulzeux.de/deutsch/das-ende-der-eulen-gedichtinterpretation-h.-m.-enzensberger.html (schülerhaft)

Enzensberger: Verteidung der Wölfe gegen die Lämmer – Analyse

soll der geier vergißmeinnicht fressen?…

http://www.hubertus-wilczek.de/index.php?id=63 (Text, Kleinschreibung)

http://schneegarten.blog.de/tags/verteidigung-der-wolfe/fullposts/ (Text, Großschreibung – später; vgl. http://www.beck-shop.de/fachbuch/leseprobe/9783518465547_Excerpt_001.pdf, S. 10 f.)

HME über sein Gedicht:

„[…] Frühe 50er-Jahre wahrscheinlich. Na ja gut, das handelt von einem Thema, das nicht verschwindet. Es handelt von den Guten und den Bösen und hier werden sozusagen die Bösen gegen die Guten verteidigt, denn ohne die Mitwirkung der Guten könnten die Bösen ja gar nicht so böse sein und könnten gar nicht so viel anrichten. Der Kontext ist natürlich politisch und nicht nur moralisch und es geht da um die Politruks, um die Geier, um die Generäle […] La Boétie hat im 17. Jahrhundert ein Traktat geschrieben über „Die freiwillige Knechtschaft“. Damit hat es etwas zu tun. Das war natürlich sehr auffällig nicht nur während der Herrschaft der Nationalsozialisten, also das so genannte Mitläufertum, sondern auch die rapide Umwendung, also dieses Heliotrop, wie Pflanzen sich zum Licht wenden, wo die alle plötzlich Demokraten waren. […] und eine Konsequenz aus dieser Lage für jemand, der schreibt, war dann vielleicht auch, was mir heute an solchen Texten auffällt: ein gewisses Pathos, eine bestimmte Rhetorik, die manchmal sogar schrille Töne annimmt. Das hat einfach mit dem Erregungszustand zu tun, mit dieser Wut, die man damals hatte. Wenn Sie 1950 oder ’53 zum Arzt gegangen sind, dann musste Sie sich ja überlegen… die haben ja alle ihre Karrieren fortgesetzt, diese Leute, das kann ein KZ-Arzt gewesen sein. Oder wenn Sie das Pech hatten, vor Gericht zu kommen, dann war mit 80%iger Wahrscheinlichkeit hatten Sie es mit einem alten Nazi-Richter zu tun. Also daher diese irgendwie auch ohnmächtige Erregung und Wut, also man konnte das einfach nicht ertragen. So war subjektiv meine Situation damals in diesen Zeiten. Es hatte vielleicht auch etwas Neurotisches. Um meine deutsche Neurose loszuwerden, bin ich dann eben auch mal acht oder neun Jahre ins Ausland gegangen.“ (Enzensberger im Gespräch mit Alexander Kluge)

Der Dichter spielt mit dem seit der Fabel Äsops geläufigen Gegensatz von Lamm und Wolf (http://gutenberg.spiegel.de/buch/aesop-fabeln-1928/40), in welcher der Wolf als Räuber, der um keine beschönigende Ausrede seines Mordens verlegen ist, entlarvt wird. In Enzensbergers Gedicht, das seiner ersten Gedichtsammlung 1957 den Titel gab und dort im dritten Teil unter den „Böse[n] Gedichte[n]“ steht, wird der Spieß umgedreht: Jetzt werden die Lämmer als Deppen entlarvt.

Im Gedicht werden von einem anonymen Sprecher Leute angesprochen, die er als „Lämmer“ (V. 28) direkt anspricht; er setzt sich mit ihren Erwartungen auseinander und beschimpft sie als verlogen und dumm.

Die beiden ersten Strophen leben von einer Spannung zwischen dem, was diese Leute erwarten (1. Str.), und dem, was sie tun (2. Str.) und womit sie ihre Erwartungen Lügen strafen. Was die Leute erwarten, wird in den Tiervergleichen angedeutet (V. 1-4) und parallel dazu zu den Machthabern gefragt (V. 5-6): Die Leute erwarten etwas „Unnatürliches“, Widersinniges: dass die Raubtiere keine Raubtiere seien, dass die Machthaber keine Macht ausüben. Das alles wird in rhetorischen Fragen zuerst bildhaft, dann allgemein vorgetragen. In den beiden letzten Versen der 1. Strophe wird in einer vorwurfsvollen Frage die Quelle der falschen Erwartungen entlarvt: der verlogene Bildschirm, der Repräsentant der Bewusstseinsindustrie, wie HME sonst gelegentlich sagt. Wenn man darauf bloß blöd guckt (verbunden mit der Wendung „blöd aus der Wäsche gucken“), darf man sich nicht wundern, dass man Blödsinn erwartet.

Diese Erwartungen der Leute vertragen sich nicht mit dem, was sie selber tun: beim Spiel der Machthaber (General und Wucherer als Repräsentanten) mitmachen, ihnen Beifall klatschen, sich von ihnen bestechen lassen (2. Str.). Das alles wird in rhetorischen Wer-Fragen vorgetragen, auf welche die Antwort „ihr selber!“ lauten muss. In der letzten Frage „wer lechzt nach der Lüge?“ wird die Verbindung zur 1. Strophe hergestellt: lechzen = gierig nach etwas verlangen: nach der Lüge, welche das Treiben der Machthaber beschönigt und damit das eigene Tun rechtfertigt. In dem Kontrast „viel Bestohlene – wenig Diebe“ (V. 16) wird die Möglichkeit angedeutet, dass man die Verhältnisse ändern könnte, wenn man (= viele) es nur wirklich wollte.

Neben den Konkreta in der 2. Strophe (Blutstreif, Kapaun, Blechkreuz [militär. Orden], Trinkgeld, Schweigepfennig, Silberling: der biblische Judaslohn, vgl. Mt 26,15) fallen in beiden Strophen die Häufungen der Fragen auf. Gelegentlich spricht der Sprecher in Alliterationen (z, V. 4; P, V. 6, l, V. 19). Den Zeilenschnitt müsste man gesondert untersuchen; dass das Fragewort „Wer“ nicht in der Zeile der Frage steht (Enjambement), beschleunigt das Sprechen und zeigt die Wut des Sprechers an: Wütend schleudert er seine Vorwürfe den Leuten an den Kopf.

Mit der Aufforderung „Seht in den Spiegel“ (V. 20) setzt er erneut an: Er charakterisiert die Leute, indem er beschreibt, was sie im Spiegel von sich selbst sehen könnten; sie scheuen die Mühen der Aufklärung, lassen sich gern belügen. Der Nasenring ist das Instrument, an dem man den gezähmten Stier, den dressierten Bären herumführt und den Leute sogar als „Schmuck“ tragen (V. 24 – damals dachte noch keiner ans modische Piercen). So werden die Leute beschimpft und verspottet: „jede Erpressung / ist für euch noch zu milde“ (V. 26 f.), sie haben es nicht besser verdient.

Indem der Sprecher die Wölfe (V. 23) statt der tatsächlichen Machthaber als diejenigen benennt, die das Denken und Regieren übernehmen, also in der Bildebene bleibt, bereitet er die Anrede „Ihr Lämmer“ (V. 28) in der 4. Strophe vor. Lämmer, das sind einmal die Opfer aus der Fabel Äsops, das sind aber auch die Kinder von Schafen und damit selber „Schafe“ (Schimpfwort!). Ihnen werden die Krähen und die Wölfe gegenübergestellt. Für die Krähe muss man nicht auf eine symbolische Bedeutung schielen (http://www.symbolonline.de/index.php?title=Rabe), sondern an das Sprichwort denken, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt – ihr dagegen blendet euch gegenseitig, sagt der Sprecher (V. 30); und die Wölfe jagen solidarisch in Rudeln (V. 31-33), während bei euch – so ist sinngemäß zu ergänzen – jeder nur seinen eigenen Vorteil im Auge hat. Die Tiere also sind wie Schwestern und Brüder zueinander, die Menschen aber wie Tiere: homo homini lupus.

In der letzten Strophe wird diese vorwurfsvolle Beschimpfung abgeschlossen, wiederum im Kontrast zwischen den Räubern und den Leuten: Jene werden gepriesen, diese werden entlarvt: Gehorsam der Unmündigkeit, Lügen statt Aufklärung, das zeigt: „Zerrissen / wollt ihr werden.“ (V. 38 f.) Damit ist klar, dass die Erwartungen der Leute (1. Str.) widersinnig, dass ihre Vorwürfe gegen Wölfe und Machthaber nicht begründet sind: begründet in einem Tun, im Kampf um Freiheit.

Im letzten Satz wird das endgültige Urteil über die „Lämmer“ gesprochen, die zweimal durch das Pronomen „ihr“ am Versende pointiert gegen die gepriesenen Räuber abgesetzt werden. „Ihr / ändert die Welt nicht.“ (V. 39 f., vgl. V. 34 f.) Hier wird die Erwartung des Sprechers implizit vorgetragen, dass es nämlich – wie Marx in der 11. These über Feuerbach gesagt hat – darauf ankommt, die Welt zu verändern; diese Behauptung macht der Sprecher sich zu eigen. Zugleich schließt er sie mit seiner Beobachtung kurz, dass die Lämmer-Leute bloß irgendwelche „schönen“ Erwartungen an die Welt herantragen, dass diese besser werde, frei von Ausbeutung und Räuberei: Indem sie solches bloß wünschen und heimlich oder offen bei den Räubern mitmachen, ist ihre Hoffnung als illusorisch demaskiert. „Zerrissen / wollt ihr werden.“ (V. 38 f.); denn ihr tut nichts gegen das von euch Beklagte, nichts für das von euch Erhoffte.

http://www.laurentianum.de/lref1100.htm (Text mit Interpretation eines Schülers, Lk 13 – einige Fehler im/am Text)

http://www.stiftikus.de/texte/woelfe3.doc (Auszüge? aus Interpretationen)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/3528.htm (schwache Interpretation)

http://mariella-deutscharbeiten.blogspot.de/2009/03/verteidigung-der-wolfe-gegen-die-lammer.html (dito)

http://oe1.orf.at/artikel/260548 (kurze Interpret.)

http://www.deutschlandfunk.de/die-dichter-des-zorns.1184.de.html?dram:article_id=228706 (das Gedicht im Kontext zorniger Gedichte)

http://www.deutschlandradiokultur.de/manuskript-kleinburgerdammerung.media.f974f09b4d9d7cedd61a9805aa7b31c0.pdf (über deutschsprachige Literatur 1957 – Rückschau 2007)

http://drum.lib.umd.edu/bitstream/1903/10823/1/Hildebrandt_umd_0117N_11472.pdf (Masterarbeit über HME als romantischen Marxisten, 2010)

http://issuu.com/z.uvanovic/docs/mihaela_spajic_h_m_enzensbergers_lyrisches_schaffe (M. Spajic: Enzensbergers lyrisches Schaffen)

http://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/hans-magnus-enzensberger/laudatio (Laudatio H. W. Eppelsheimers zur Verleihung des Büchnerpreises 1963 an HME)

http://www.gbv.de/dms/faz-rez/571228_FAZ_0039_BuZ5_0001.pdf (Rezension des Gedichtbandes durch J. Kaiser in der FAZ, 1957)

Wolf als Symbol:

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Wolf

http://www.symbole-wiki.de/index.php/Wolf

http://uhanek.twoday.net/stories/6177162/

Andere „böse Gedichte“ im Netz:

Geburtsanzeige http://www.redemptoristen.com/index.php?id=180&programm=108, dort das 4. Gedicht

Anweisung an Sisyphos http://www.psychohelp.at/2003/03/08/von-h-m-enzensberger.html

La forza del destino – (fehlt im Netz)

Ratschlag auf höchster Ebene http://de.etc.schreiben.lyrik.narkive.com/3BbNb6zh/enzensberger-watt-will-der-autor-uns-sagen

Security risk –

Lehrgedicht über den Mord https://dict.leo.org/forum/viewUnsolvedquery.php?idThread=219685&idForum=1&lang=de&lp=ende (nur die 1. Str.)

Auf der Flucht erschossen –

An einen Mann in der Trambahn http://www.ipq.kit.edu/downloads/lyrtexte.pdf, dort S. 70

Bildzeitung http://jhelbach.de/Lit/August10/Texte.pdf

Goldener Schnittmusterbogen zur poetischen Wiederaufrüstung –

Sozialpartner in der Rüstungsindustrie –

Ins Lesebuch für die Oberstufe http://www.stiftikus.de/material/lesebuch.doc

Konjunktur –

Aussicht auf Amortisation –

Enzensberger: Der Untergang der Titanic – Text, Inhalt, Übersicht

Übersicht über das Versepos „Der Untergang der Titanic. Eine Komödie“, 1978

Was man zum Verständnis der verschiedenen Zeitebenen wissen muss: Die Titanic wurde am 2. April 1912 als das größte Schiff der Welt in Dienst gestellt, kollidierte am 14. April 1912 gegen 23.40 h mit einem Eisberg und sank innerhalb von 2.40 Stunden. Der Schriftsteller H. M. Enzensberger schrieb 1969 in Havanna (La Habana) darüber einen Gedichtzyklus, der jedoch verloren ging, als er per Post nach Europa geschickt wurde. Bis 1977 schrieb er über das Thema „Titanic“ ein neues Versepos in Berlin, welches als „Der Untergang der Titanic“ (1978) gedruckt vorliegt.

Die Mitte der 1970er Jahre steht in der Lemo-Chronik unter dem Stichwort „Krisenmanagement“; schaut man dort das Kapitel „Bundesrepublik im Umbruch“, findet man Stichworte, welche die krisenhafte Situation dieser Jahre in Erinnerung rufen: Wirtschaftskrise, Kanzlerwechsel 1974, Antik-Atomkraft-Bewegung, Friedensbewegung, Die Grünen, Linksterrorismus… Vor diesem Hintergrund hat der Untergang der Titanic für Enzensberger symbolische Bedeutung gewonnen. In 33 Gesängen (parallel zu Dantes Göttlicher Komödie) und 16 eingeschobenen Gedichten wird diese Bedeutung entfaltet.

ERSTER GESANG

Einer horcht. Er wartet. Er hält… (Text: http://www.lyrikline.org/de/gedichte/der-untergang-der-titanic-erster-gesang-348#.VXVETOcx2Hk u.ö.)

In einen neutralen Bericht wird die Ich-Rede eines Beobachters eingeschoben, der registriert, wie etwas knirscht und reißt. Es ist nicht markiert, wo die Ich-Rede endet und der Bericht erneut einsetzt – vermutlich mit diesem Kommentar in der 16.Strophe (eventuell bereits in der 15. Str.): „Das war der Anfang. / Der Anfang vom Ende / ist immer diskret.“

Der Berichterstatter weiß, dass die Bordwand auf einer Länge von 200 Metern aufgeschlitzt ist und Wasser ins Schiff einströmt. Der Leser weiß, was bereits im Kommentar gesagt worden ist: Die Titanic wird untergehen.

ZWEITER GESANG

Der Aufprall war federleicht. Der erste Funkspruch:… (Text: http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/avanepps/zweiter.htm u.ö.)

Es wird berichtet, wie der normale Betrieb an Bord weiterläuft, als ob nichts geschehen wäre, „während in den Laderaum vorn / armdick das Wasser einströmt“ (V. 22 f.). Davon ist der Schluss (V. 29 ff.) abgesetzt: „Nur ganz unten“ kapiert man „wie immer“ zuerst, was los ist – schließlich weiß man dort: „daß die Erste Klasse [bei der Rettung, N.T.] zuerst drankommt, / daß es nie genug Milch und nie genug Schuhe / und nie genug Rettungsboote für alle gibt.“

Hier wird das Wissen derer auf dem Zwischendeck, der kleinen Leute also, genutzt, um das aufzuzeigen, was immer in der Welt begrenzter Güter gilt: Es gibt „nie genug (…) für alle“. Der Millionär John Jacob Astor kann es sich dagegen erlauben, einen (in diesem Moment kostbaren!) Rettungsring mit einer Nagelfeile aufzuschlitzen, nur um seiner Frau den Inhalt zu zeigen (V. 19 ff.). An ihm wird die ungleiche Verteilung und die Verschwendung der lebensnotwendigen Güter demonstriert.

Apokalypse. Umbrisch, etwa 1490

Er ist nicht mehr der Jüngste. Er seufzt… (Text: http://urania-josegalisifilho.blogspot.de/2012/06/painting-end-of-world-apokalypse.html)

Vier der eingeschobenen Gedichte befassen sich mit Gemälden, die das Thema berühren; dieses Gedicht ist das erste der vier. Es wird berichtet, wie ein Maler im Auftrag eines Paters ein Bild er Apokalypse malen soll und malt. Dabei wird der Unterschied zwischen einem realen Untergang und seiner künstlerischen Darstellung betont: „Die ganze Welt zu zerstören macht viel Arbeit.“ (V. 21) „Alles / soll nämlich zerreißen, zerrissen werden, / nur nicht die Leinwand.“ (V. 23 ff.) Schließlich ist nach Monaten „der Weltuntergang glücklich vollendet“ (V. 42 f.), was mit einem großen Festessen gefeiert wird. Die Paradoxie des Umgangs mit dem Weltuntergang wird dadurch betont, dass der Erzähler durchgängig nicht von der Darstellung des Weltuntergangs, sondern verkürzt vom Weltuntergang spricht. Den Maler geht der von ihm gemalte Weltuntergang nichts an, sein Werk ist für ihn nur Kunst und Brotarbeit: indirekt eine Warnung oder eine Kritik am bloß ästhetischen Verhalten gegenüber der drohenden Katastrophe.

Mamon Delisle bezweifelt, ob es das erwähnte Gemälde tatsächlich gibt (Weltuntergang ohne Ende, 2001, S. 192, Anm. 38).

DRITTER GESANG

Damals in Habana blätterte der Putz ab… (Text: http://www.zeit.de/1994/35/die-furie-hoffnung, nur die 1. Strophe)

Es spricht das Dichter-Ich, das sich beim Schreiben in Berlin an das vergangene Schreiben „damals in Habana“ erinnert: an seine später enttäuschte Hoffnung auf die große revolutionäre Veränderung: „Damals dachte kaum einer an den Untergang“ (3. Str.), an der Untergang der Hoffnung nämlich. „Wir wußten nicht, daß das Fest längst zu Ende“ war. Das Ich erinnert sich an verschiedene Genossen damals und daran, dass ihm in der Karibischen See der Eisberg wie ein Vision erschien.

Diese Verbindung von eigener Enttäuschung im roten Kuba und dem Untergang der Titanic will nicht recht gelingen. Die Rezension in der FAZ hält diese Schwäche sogar für das Kennzeichen des ganzen Buches.

Verlustanzeige

Die Haare verlieren, die Nerven… (Text: http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/jprellwitz/titanic2.jprellwitz.htm oder http://www.physiologus.de/verlieren.htm – die Textgestalt ist jeweils ein bisschen problematisch)

Dieses Gedicht ist eine bloße Ansammlung von „Dingen“ bzw. Akkusativobjekten, die regelmäßig mit dem Verb „verlieren“ verbunden werden. Was das alles mit dem Untergang der Titanic zu tun hat, bleibt rätselhaft. Möglicherweise schließt das Gedicht an ein paar Wendungen aus dem Dritten Gesang an (etwas verloren haben auf dieser tropischen Insel, dort etwas zu suchen haben, 4. Str.), ohne dass sich dadurch ein Sinn ergäbe.

VIERTER GESANG

Seinerzeit glaubte ich jedes Wort… (Text: nur die 1. Strophe in verschiedenen google-books)

Hier wird der Dritte Gesang fortgesetzt: „Seinerzeit glaubte ich jedes Wort, / das ich schrieb“ (V. 1 f.): Der Untergang der revolutionären Hoffnung wird in Beziehung zum Untergang der Titanic gesetzt: „Damals hatte ich recht./ Untergegangen ist damals / weiter nichts als mein Gedicht“ (4. Str.). Und: „Ich such den Faden, / den ich verloren habe, und manchmal / ist mir, zum Beispiel jetzt, / als hätte ich ihn gefunden.“ (5. Str.) – Hier wird an die Sammlung der verlorenen Dinge aus „Verlustanzeige“ angeknüpft, ohne dass der gefundene Faden benannt würde. Im Gegenteil, das Ich sitzt in Berlin, „und [ich] amüsiere mich mit dem Untergang, / mit dem Untergang der Titanic.“ (7. Str.) Das Gedichteschreiben wird als belangloser Zeitvertreib gegen „das tropische Fest“ (2. Str.) des revolutionären Kuba abgegrenzt, wobei letztlich unklar bleibt, wie berechtigt die große Hoffnung ist.

FÜNFTER GESANG

Raubt, was man euch geraubt hat… (Text: http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?id=49193&lang=it; die Textgestalt ist nicht korrekt, der Text teilweise falsch abgeschrieben)

Hier wird der Zweite Gesang fortgesetzt, und zwar mit dem Bericht von einer Rede zum Aufruhr, die ein Ungenannter auf dem untergehenden Schiff an die Leute auf dem Zwischendeck hält (1. und 3. Str.); zweimal wird darauf adversativ fortgesetzt: „Aber die Leute vom Zwischendeck“ reagierten nicht darauf (2. und 4. Str.), „sie verstanden ihn nicht“ (5. Str.); „sie hörten ihm zu, respektvoll, / und warteten, bis sie versunken waren“. Hier zeigt sich die Schwäche der Ausgebeuteten; selbst im Untergang wehren sie sich nicht. Indirekt wird auch der Dritte und Vierte Gesang aufgegriffen: Damals schien es ja, als ob es in Kuba anders sein oder werden könnte.

SECHSTER GESANG

Unbewegt betrachte ich dieses kahle Zimmer in Deutschland… (Text: nicht greifbar)

Das Dichter-Ich reflektiert sein eigenes Schreiben jetzt (als unsichere Rekonstruktion des alten verlorenen Textes), die unsichere Erinnerung sein eigenes Leben damals in Havanna, und die Minuten, „die sich dehnen, / je näher irgendein Ende rückt, um so endloser“ (V. 19 f.).

Rätselhaft sind die beiden Schlussverse: „Es überkommt mich, ich weiß nicht warum, eine große Ruhe. / Ich schaue hinaus, wie ein Gott. Es ist kein Eisberg in Sicht.“ Mit dem Stichwort „Eisberg“ wird der Dritte Gesang aufgenommen und das folgende Gedicht vorbereitet – aber weshalb das Ich wie ein Gott schaut, bleibt ein Rätsel.

Der Eisberg

Der Eisberg kommt auf uns zu… (Text: http://www.physiologus.de/eisberg.htm)

Dieses Gedicht knüpft mit dem Thema „Eisberg“ an den Sechsten Gesang an: „Der Eisberg kommt auf uns zu / unwiderruflich.“ (V. 1 f.) Wer der Sprecher und „wir“ ist, bleibt ungewiss; der Tonfall ist zunächst erhaben: „Siehe, er löst sich ab / von der Gletscherstirn…“ (V. 3 ff.). Der Lobpreis des Eisbergs wird mit angeblichen oder wirklichen Zitaten fortgesetzt (3. – 5. Str.). Darauf folgt ein paradoxer Wechsel der Aussagen: „Der Eisberg hat keine Zukunft. […] Er ist vergänglich. […] Er geht uns nichts an…“ (6. – 8. Str.) Den Abschluss bildet eine Rückwendung aufs eigene Sprechen: „Ja, so muß es heißen: / Vollkommen.“

Es werden also zwei Sehweisen oder Einstellungen gegenüber dem Eisberg darrgeboten, die einander widersprechen, niemandem zugeordnet und nicht miteinander vermittelt sind.

SIEBENTER GESANG

Wir setzen unsere Führung fort und gelangen jetzt… (Text: nicht greifbar)

Es spricht ein Unbekannter, der Gäste durch die Titanic führt und sie zum Schluss zum Dinner bittet; Einzelheiten des Menüs sind in den Text montiert. Dieser Gesang kann als Parallelszene zum Fünften Gesang gelesen werden, auch wenn eine Führung kurz vor Mitternacht seltsam wäre – vermutlich wird man die Führung also nicht synchronisiertes Geschehen auf der Titanic begreifen müssen. – Angesichts des drohenden Untergangs wirkt das Geschehen grotesk.

Abendmahl. Venezianisch, 16. Jahrhundert

Als ich mein Letztes Abendmahl beendet hatte… (Text: http://www.redemptoristen.com/index.php?id=180&programm=233, dort das dritte Gedicht, oder https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/enzensberger-veronese-abendmahl-venezianisch.pdf)

Dies ist das zweite Gedicht zu einem Bild, und zwar zum Bild „Das Gastmahl im Hause des Levi“ von Paolo Veronese, 1573. Es ist ein Selbstgespräch des Malers, in dem es um die Differenz zwischen dem, was die Leute an Bedeutung sehen wollen, und der Tatsache, dass ihm das gut gemalte Bild einfach gefällt, geht. Es geht also um den „Sinn“ von Kunst, die der Maler „zu meinem Vergnügen“ (V. 18, vgl. Anfang 3. Str.) (und gegen gute Bezahlung) produziert hat; das Bild gefällt aber den Inquisitoren nicht. Wegen solcher Widerwärtigkeiten hat der Maler dann einen anderen Titel gewählt, „Ein Diner bei Herrn Levi“ (Verfremdung des richtigen Titels).

In den beiden letzten Strophen berichtet der Maler von einem Streich, den er seinen Kritikern und Interpreten gespielt hat: Ins Bild „Heilige Anna selbdritt“ hat er „eine Suppenschildkröte mit rollenden Augen“ (4. Str.) gemalt und sie dann überpinselt, „bevor die Schmarotzer anfangen konnten, / mir zu erklären, was es bedeute“ (5. Str.). Dieses Bild sei vielleicht sein bestes. „Keiner außer mir weiß, warum.“ (5. Str.) – wegen der übermalten Schildkröte (die es natürlich nie gegeben hat – ein Gag Enzensbergers).

Mit diesem Gedicht, das nur schwach, wenn überhaupt mit dem Zyklus verbunden ist (es sei denn, man erblickte in dem im Siebenten Gesang erwähnten Dinner einen Anknüpfungspunkt), setzt Enzensberger als Künstler sich mit Interpreten und Kritikern auseinander und macht ihnen eine lange Nase.

ACHTER GESANG

Salzwasser in der Tennishalle! Ja, das ist ärgerlich… (Text: Auszüge in http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/sally/titanic.htm)

Dieser Gesang, der an den Zweiten anknüpft, ist ein Selbstgespräch eines Ingenieurs, dessen beschränktes Denken indirekt verspottet wird, weil er den drohenden Untergang des Schiffs nicht erkennt und ihn – gesetzt den Fall, er träte ein – auch für unwesentlich erachtet: „Im übrigen geht jede Innovation auf eine Katastrophe zurück“ (3. Str.). „Hieraus schließe ich, daß es zwecklos ist, jeden Zwischenfall, / der einen zufällig selbst betrifft, wie z.B. den eigenen Tod, / aus einem allzuengen Gesichtswinkel zu betrachten.“ ( 4. Str.) So geht er eben unter, und das weiß er auch „als Portweintrinker und Ingenieur“: überzogen gelassen und desinteressiert.

Der Text ist, obwohl in Versform gesetzt, reine Prosa; ihn ein Gedicht zu nennen wäre übertrieben.

NEUNTER GESANG

Diese Ausländer, die sich photographieren ließen… (Text: nicht greifbar, zeilenweise zitiert in Artikeln über Kuba, z.B. http://www.tagesspiegel.de/kultur/kuba-ein-linker-mythos-auf-eine-zigarre-mit-fidel/11148250.html oder http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=do&dig=2008/12/27/a0008&cHash=09c89fb8bb)

Das Dichter-Ich, obwohl nicht genannt, erinnert sich offenbar an seine Zeit in Kuba und erzählt davon (relativ belanglos), u.a. dass es „nach altem Urin / und nach alter Knechtschaft roch“ (V. 6 f.). Eine Speisekarte (2. Str.) stellt formal eine Verbindung zum Siebenten Gesang her.

Unvermittelt wechseln in der 4. Strophe Sprecher und Perspektive: Ein Ich berichtet vom Lärm und von der Stille, die es erlebt, als auf der Titanic die Kessel gelöscht werden.

Innere Sicherheit

Ich versuche den Deckel zu heben… (Text: http://literaturnetz.bboard.de/board/ftopic-34591213nx23182-129.html, dort das fünfte Gedicht)

Dieses Gedicht steht isoliert, berührt allenfalls weitem leicht die Erinnerung an die nicht erfüllten kubanischen Hoffnungen: Es ist ein Monolog eines Menschen, der in einer Kiste eingesperrt ist und sich befreien möchte, was ihm aber nicht gelingt. Es kann ihm nicht gelingen, weil das „nur mit vereinter Kraft gelingen“ kann (5. Str.), was jedoch voraussetzt, „logischerweise“ (6. Str.), dass alle bereits aus ihren Kisten befreit sein müssten.

Mit dieser Paradoxie verbindet der Sprecher das innenpolitische Reizwort von der inneren Sicherheit, zu deren Schutz (oder „Schutz“) oft Rechte eingeschränkt werden: Aus Sicherheitsgründen eingesperrt sei er eingesperrt.

Die Metapher von der Befreiung aus der Kiste wird hier arg strapaziert, bildlich und politisch, ohne in einem Zusammenhang mit dem Untergang der Titanic zu stehen.

ZEHNTER GESANG

Das also ist der Tisch, an dem sie saßen… (Text: http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/lprevite/zehnter.htm, aber ohne Einteilung in Strophen; http://www1.unisg.ch/www/edis.nsf/wwwDisplayIdentifier/2643/$file/dis2643.pdf, dort S. 122)

Diesen Gesang sollte man als Parallele zum Fünften lesen: Berichtet wird in der du-ich Form von einem unhörbaren Streitgespräch zwischen einem Revolutionär und einem Fabrikanten auf der Titanic; der Sprecher gibt dem Revolutionär recht, auch wenn er kein Wort verstehen kann. Das Fazit steht in einem Kommentar zu Beginn der 3. Strophe: „Am liebsten möchten alle gerettet werden, / auch du. Aber ist das nicht allzuviel / verlangt von einer Idee?“ Rettung hat hier den Doppelsinn der Rettung aus der diskutierten politisch-sozialen Situation und aus der Not auf der Titanic. Mit einem Rückblick auf diese vergangene Situation endet das Gedicht: Beide saßen nicht in einem Rettungsboot, der leere Tisch der Diskussion „treibt immer noch auf dem Atlantik“ (3. Str.)

Das Gedicht ist ein resignierter Blick auf das Scheitern aller Hoffnungen.

Der Aufschub

Bei dem berühmten Ausbruch des Helgafell, eines Vulkans… (Text: http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/ellie/aufschub.htm oder https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/ducc88rrenmatt-der-sohn-text.pdf, dort S. 2)

Abgesehen davon, dass der Helgafell in den letzten Jahrtausenden nicht ausgebrochen ist, wird hier von einem spektakulären Ereignis berichtet: wie man der Katastrophe begegnen kann. Die Leute haben also mit Wasserschläuchen die vorrückende Lava abgekühlt und gestoppt und so „einstweilen, / den Untergang des Abendlandes aufgeschoben“ (V. 14 f.) – hier ist die symbolische Bedeutung des Ereignisses mit Händen zu greifen. Danach führten sie ihr Leben weiter, „vorläufig nur, natürlich, doch ohne Panik“ (V. 21).

Im Kontext der Gesänge sichert dieses Gedicht die symbolisch-metaphorische Bedeutung der Gedichte vom Untergang der Titanic. Die Überschrift besagt, dass nur ein Aufschub der Katastrophe gewährt ist.

ELFTER GESANG

Laßt uns raus… (Text: in einem google-book von Alan J. Clayton)

Hier spricht eine Wir-Gruppe, die offensichtlich unter Deck eingeschlossen ist und fordert, zur Rettung herausgelassen zu werden (vgl. den Ruf des Ichs in „Innere Sicherheit“!). Man könnte an die denken, die (im Fünften Gesang) zu apathisch waren, um gegen ihr Schicksal aufzubegehren, auch wenn das dem Ende des Fünften Gesangs widerspricht.

Das Motiv des „zu viele Seins“ kommt auch in Coetzee: Schande, vor. Formal fällt auf, dass sich mehrere Stabreime finden (Schrank – schwankt, Mörder – Messer, zertreten – Zertretenen, panischer – Pudding, sackig – sanft)

ZWÖLFTER GESANG

Von diesem Augenblick an verläuft alles planmäßig… (Text: http://www.lyrikline.org/de/gedichte/der-untergang-der-titanic-zwoelfter-gesang-349#.VXbArucx2Hk)

Es wird berichtet, wie sich die Katastrophe anbahnt. Während zu Beginn angeblich „alles planmäßig“ verläuft (V. 1), gibt zum Schluss der Kapitän den verzweifelten Befehl: „Rette sich wer kann!“ (V. 27) – dazwischen wird von einzelnen Rettungsmaßnahmen berichtet, die aber eben nicht zur Rettung ausreichen: „Sechzehnhundert bleiben zurück.“ (V.25)

Scheinbar schließt sich dieser Gesang an einen vorhergehenden Bericht an („Von diesem Augenblick an“, V. 1); aber das ist nur eine formale Floskel, die nicht wirklich auf ein vorhergehendes Ereignis verweist. Der Berichterstatter spricht scheinbar zu einem Zuhörer („Ah! schau!…“, V. 17) und kommentiert distanziert reale und gedachte Äußerungen (V. 23, 25).

DREIZEHNTER GESANG

Es weht der Wind mit Stärke zehn… (Text: nicht greifbar)

Hier liegt eine Collage aus fünf verschiedenen Texten vor (Quellen sind genannt), die vom Untergang bzw. vom Tod und von der eigenen Todesverachtung handeln. Dabei werden die frommen Texte des 19. Und frühen 20. Jahrhunderts durch die beiden Schlager von Bruno Balz konterkariert: „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ und „Davon geht die Welt nicht unter“.

VIERZEHNTER GESANG

Es ist nicht wie ein Gemetzel, wie eine Bombe… (Text: http://www.physiologus.de/wasser.htm)

Hier wird nüchtern und sachlich beschrieben, wie man es erlebt, wenn das Wasser langsam steigt und man ertrinkt: „wie es alles ausfüllen, / wie es verschluckt werden, und verschlucken will“ (3. Str.). Das Wasser wird dabei nicht genannt, es heißt nur „es“ – aber im Kontext ist klar, was „es“ ist.

Dieser Gesang schließt sich an den Zwölften an, der Dreizehnte ist vom Stil her ein Fremdkörper zwischen ihnen, und steht parallel zum Achten: Während dort der Ingenieur eine professionelle Todesverachtung demonstriert, liegt im Dreizehnten Gesang ein komischer Mischmasch aus religiöser Ergebung und „rheinischer“ Wurstigkeit vor.

FÜNFZEHNTER GESANG

Beim Nachtisch fragten wir ihn, ob ihn das nicht störe… (Text: nicht greifbar)

Dieser Gesang stellt wie „Abendmahl. Venezianisch“ eine Reflexion über die Kunst dar: Aus der Perspektive einer Wir-Gruppe wird berichtet, wie man mit dem Dichter Enzensberger (der Name wird jedoch nicht genannt) über den Sinn seines Werkes vom Untergang der Titanic streitet. Man bestreitet, dass er ein Gedicht geschrieben hat (4. Str.). Man wirft ihm metaphorischen Tiefsinn vor, was er abstreitet: „ich verwickle mich, / ich stottre, ich radebreche, ich mische, ich kontaminiere“, aber das Schiff sei ein wirkliches Schiff (2. Str.). Er selber gleiche der zerreißenden Leinwand (2. Str.), und „es gibt keine Metaphern“ (3. Str.).

In diesem Gedicht bezieht Enzensberger sich auf sich selbst und sein Buch „Der Untergang der Titanic“: Selbstbezüglichkeit, ein Merkmal nicht nur moderner Literatur. – Die Gordon Pym genannte Figur ist Held eines Romans Edgar Allan Poes.

Zum Begriff der Selbstbezüglichkeit vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Mise_en_abyme

http://de.wikipedia.org/wiki/Metafiktion

http://www.schmidt.uni-halle.de/konzepte/texte/noeth1.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Autoreflexivit%C3%A4t

Vgl. auch unten „Erkenntnistheoretisches Modell“ und den Zweiundzwanzigsten Gesang!

SECHZEHNTER GESANG

Der Untergang der Titanic ist aktenkundig… (Text: zitiert in Karsunkes Besprechung https://konkretzdxpqygow.torstorm.org/html/197814/7814_045_Karsunke.html)

Dieser Gesang gleicht formal der „Verlustanzeige“ und den letzten Strophen von „Der Eisberg“: eine Sammlung von Redewendungen, diesmal um beliebige Subjekte gruppierbar, dabei alle auf das Subjekt des ersten Satzes bezogen: „Der Untergang der Titanic“. Was man halt so redet, eine Demonstration gegen den Vorwurf der Metaphernlastigkeit (vgl. Fünfzehnter Gesang).

SIEBZEHNTER GESANG

Wir sinken lautlos. Still steht, wie in der Badewanne… (Text: http://www.physiologus.de/geraeusch.htm, dort unter „Geräusch“)

Hier wird in gehobener Sprache (phosphoreszierende Tropfen, glasige Ruhe) vom Untergang des Schiffs berichtet; das Gedicht kann als Fortsetzung des Vierzehnten Gesangs gelesen werden. Zum Schluss wird ein „Augenzeuge“ zitiert, der das unerhörte Geräusch des Untergangs beschreibt. „Was dann kam, waren die Schreie.“

Schwacher Trost

Der Kampf aller gegen alle soll… (Text: http://www.literaturundkunst.net/hans-magnus-enzensberger-%E2%80%9Eder-tausendsassa-gedichte-1950-2010/, dort ohne Stropheneinteilung à 6 Verse)

In den ersten sieben Strophen werden die Untaten, Scheußlichkeiten, Verbrechen der Menschen gegeneinander halb ironisch reflektiert. Wie aus der letzten Strophe sich ergibt, werden in der 8. und 9. Strophe Zeitungsmeldungen von teilweise banalen Vorfällen, die gut ausgehen, lobend zur Kenntnis genommen (Also höchste Zeit … zu loben). In der 10. Strophe wird berichtet, dass „wir“ (auch vorher schon zweimal genannt) die Zeitung weglegen „und freuen uns, achselzuckend“, also letztlich desinteressiert, „wie wenn der Schmachtfetzen aus ist“ – alles war nur Unterhaltung, wie bei den Bürgern auf Fausts Osterspaziergang – „und dann blüht uns / endlich der erste Zug aus der Zigarette“, die halt wichtiger als die medial genossenen Nachrichten ist.

Der Titel „Ein schwacher Trost“ ist der resignierte Kommentar zur Nachricht, dass man im Knast Kropotkins „System der gegenseitigen Hilfe in der Natur“ (Titel verändert!) lesen darf.

Vielleicht steht das kritische Gedicht hier, weil der zu Beginn zitierte Kampf aller gegen alle sich auf den Kampf um die knappen Plätze in den Rettungsbooten beziehen lässt, obwohl es sicher allgemein gilt; vgl. auch die Aufforderung „Rette sich wer kann!“ aus dem Zwölften Gesang.

ACHTZEHNTER GESANG

Daraufhin ruderten sie, sagte die weiße Stimme,… (Text: https://www.augustana.de/downloads/titanic.pdf, dort S. 2 f., oder http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/kallen/gesang18.htm)

Es wird berichtet, was „die weiße Stimme“ davon berichtet, wie es nach dem Untergang des Schiffs (Siebzehnter Gesang) in einem Rettungsboot zuging: Wie man die unterschiedlichsten Schreie hörte und wie im Bott gestritten wurde, ob man Schiffbrüchige ins Boot aufnehmen sollte oder nicht – ein weiteres Beispiel für den Kampf aller gegen alle (vgl. „Schwacher Trost“), weil man eben doch keinen der Schreienden rettet.

Weitere Gründe, daß die Dichter lügen

Weil der Augenblick… (Text: http://www.literaturundkunst.net/hans-magnus-enzensberger-%E2%80%9Eder-tausendsassa-gedichte-1950-2010/ oder http://antoniocicero.blogspot.de/2008/06/hans-magnus-enzensberger-weitere-grnden.html, dort zwei Wörter nicht kursiv gesetzt)

Ein poetologisches Gedicht, das nicht (direkt) mit dem Untergang der Titanic zu tun hat und an „Abendmahl. Venetianisch“ bzw. auch „Apokalypse. Umbrisch“ anschließt. Es nimmt Platons Wort, dass die Dichter lügen (http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/einfuehrungsvorlesungen/2009/Protokoll%20IV.pdf oder http://www.idsteiner-mittwochsgesellschaft.de/dokumente/2008/20080220.pdf), auf und führt dafür „weitere Gründe“ an, unterscheidet dabei zwischen dem Geschehen und der Darstellung des Geschehens: „Weil die Wörter zu spät kommen, oder zu früh. […] und weil der, von dem da die Rede ist, schweigt.“

Was Enzensberger hier von den Dichtern sagen, gilt im Grunde von jedem, der spricht – mit dem Unterschied, dass man mit dem Sprecher sprechen kann. Es geht um das unter dem Titel „Sprachnot, Sprachkrise, Chandos-Brief“ behandelte, den Abiturienten in NRW in diesen Jahren vorgelegte Problem.

NEUNZEHNTER GESANG

Ein Mann lag im Wasser auf einem Brett… (Text: nicht greifbar)

Dies ist die Fortsetzung des Achtzehnten Gesangs: Es wird von einem Mann berichtet, der wie gekreuzigt auf einer Tür im Wasser treibt; der Streit, ob man ihm helfen soll, geht zu seinen Gunsten aus. Er erholt sich bald und rudert mit, ein Japaner. „Er war weder tot, noch der Messias, / und niemand verstand, was er sagte.“ (V. 29 f.)

Drahtnachrichten vom 15. April 1912

Der Krieg von Tripolis. Die Streitigkeiten in der Sozialdemokrati-… (Text: nicht greifbar)

Hier sind Nachrichten vom Tag des Untergangs wahllos zusammengestellt. Nur die letzte Nachricht, eine Meldung von Reuter, betrifft die Titanic, und sie falsch: „daß alle Passagiere der Titanic bei ruhiger See die Rettungsboote aufgesucht haben“. – Formal ist dieser Gesang mit „Verlustanzeige“ sowie dem Dreizehnten und Sechzehnten Gesang verwandt.

ZWANZIGSTER GESANG

„Am achten Mai, war das ein Ding,… (Text: nicht greifbar)

In der Art eines Bänkelliedes wird erzählt, wie der Heizer Shine auf der untergehenden Titanic den Dienst verweigert und sich rettet; das Datum 8. Mai ist falsch. – In einer Anmerkung gibt Enzensberger als inspirierende Vorlage die Sammlung „Deep down in the Jungle“ (Negerfolklore) an.

EINUNDZWANGZIGSTER GESANG

Hinterher natürlich hatten alle es kommen sehen,… (Text: http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/LPrevite/oberdeck.htm)

Dieser Gesang ist ein Einwurf der Toten gegenüber den Gerüchten von ruchlosem treiben und von den angeblichen Vorzeichen, die auf ein unseliges Ende der Titanic hingewiesen hätten und die allesamt ins Reich der Phantasie gehören. „Nur: Was konnten wir dafür? […] Wir sind tot. Wir wußten von nichts.“

Nur die Ruhe

Zuweilen, wenn auch nicht oft, sieht man im Schnee… (Text: habe ich nicht gefunden)

Dies ist ein Spottlied (in Prosa) auf alle, die den Weltuntergang als unmittelbar bevorstehend erwarten, und auf die Propheten, die ihn verkünden. Ihr Gesang „Näher, mein Gott, zu Dir“ soll auf der Titanic gespielt worden sein; vgl. auch den Dreizehnten Gesang.

ZWEIUNDZWANZIGSTER GESANG

Weit draußen im Golf, in der samtigen Dunkelheit… (Text: nicht greifbar)

In der Ich-Form blickt der Dichter darauf zurück, wie er in Havanna an seinem Opus zu schreiben anfing (Selbstbezüglichkeit, s. Fünfzehnter Gesang!); er nennt auch einige Einzelheiten seiner Gedichte. Er macht sich den ironischen Vorwurf, mit dem Thema Titanic habe er sich als schlechter Genosse erwiesen. „Mit dem Rücken zur Zukunft las ich / Grundrisse und Statistiken, und überall / las ich dasselbe: Wir sitzen alle in einem Boot, / doch: Wer arm ist, geht schneller unter.“ (V. 25 ff.) Es folgt eine Statistik, aus der hervorgeht, dass von insgesamt 2201 Menschen auf der Titanic 711 gerettet wurden (ca. 30%), wobei auf die 325 Passagiere der 1. Klasse 203 Gerettete entfielen (rund 60%). Die Armen gehen tatsächlich schneller unter, entgegen der sprichwörtlichen Wendung von dem einen Boot. – Mit dieser Erkenntnis leistet er seinen kleinen Beitrag zum sozialistischen Experiment.

Erkenntnistheoretisches Modell

Hier hast du… (Text: in einem google-book A. Schreibers, S. 84 f., unter dem Aspekt der Selbstbezüglichkeit)

Hier wird beschrieben, wie man in einer Schachtel mit der Aufschrift „Schachtel“ eine Schachtel mit der Aufschrift „Schachtel“ findet usw., bis zum Schluss eine unendlich kleine Schachtel zu finden ist, „die nur in deiner Einbildung existiert. Eine vollkommen leere Schachtel.“ – Hier wird ein „Modell“ für die von Enzensberger praktizierte Selbstbezüglichkeit des Schreibens vorgeführt, welches zeigt, wie diese ins Leere führt: Reflexion des theoretisch unausweichlichen eigenen Scheiterns.

DREIUNDZWANGZIGSTER GESANG

Widersprüche! schrie er, Versionen! Zweifel!… (Text: nicht greifbar)

Ein ungenannter Sprecher berichtet von einem Streit der Dichter über den Untergang der Titanic und kommentiert ihn auch. Dazwischen sind einige Gerüchte über dieses ausphantasierte Ereignis eingefügt. Die Legende vom letzten Lied „Näher, mein Gott, zu Dir“ wird ausdrücklich als falsch zurückgewiesen.

Dieser Gesang knüpft an den Dreizehnten und an „Weitere Gründe, daß die Dichter lügen“ an – ein poetologischer Text über das Dichten. Aber Vorsicht, auch dies ist nur ein Gedicht!

Erkennungsdienstliche Behandlung

Das ist nicht Dante… (Text: Motto eines Buches von Eva Höller, S. 5)

Im Zweiundzwanzigsten Gesang werden verschiedene fiktive Passagiere genannt, von Gordon Pym (ein Figur Poes) bis Dante. Nachdem im Dreiundzwanzigsten Gesang die Aussagen der Dichter dekonstruiert worden sind, wird hier an einem (fiktiven) Passagier Dante die erkennungsdienstliche Behandlung vorgenommen, mit widersprüchlichen Ergebnissen: „Das ist nicht Dante. […] Das ist Dante.“ (erster und letzter Vers)

VIERUNDZWANZIGSTER GESANG

Am zweiten Tag der Reise fand die Wache frühmorgens… (Text: http://www.physiologus.de/bild.htm, dort unter „Bild“)

Hier wird berichtet, wie ein Gruppe Nomaden sich auf dem Deck der Titanic breit macht und bekämpft wird. Der Salonmaler P. erklärt dann, das seien Figuren seines Gemäldes im Palmensaal, „die Bilder sind übergelaufen“ (2. Str.). Die Figuren riefen ihm: „Mein Bild, das bin ich!“ (2. Str.) Es wird dann berichtet, dass am Morgen des 14. April alle Figuren wieder verschwunden waren. „Sie hinterließen nur / einen wüstenhaften Geruch und den Mist der Tiere.“

Das poetologische Thema von den Dichtern, die lügen, wird wieder aufgenommen und durchgespielt im wörtlichen Sinn – der Schluss mit dem verbliebenen Geruch und Mist ist wie bei einer Legende das Zeugnis der Wahrheit des Erzählten.

Der Raub der Suleika. Niederländisch, Ende des 19. Jahrhundert

Klein, grau und krumm steht er, das Glas in der Hand… (Text: nicht greifbar)

Hier haben wir als drittes Bildgedicht ein Selbstgespräch des aus dem Vierundzwanzigsten Gesang bekannten Salonmalers Salomon Pollock, der in Amsterdam erläutert, wie er malt; er bekennt, dass es keine alten Meister gibt, sondern nur seine Fälschungen. Er ist sich seiner Sache, der gemalten „Geschichte“, nicht sicher: „Sie erfindet mich, ich erfinde sie. […] Die Wahrheit, das dunkle Fenster dort in der Ecke, die Wahrheit ist stumm.“ Das poetologische Problem wird als weiter ausgesponnen.

Eine Deutung des Gedichts im Rahmen vier Bildergedichte gibt es hier: http://www.abstract.lib-ebook.com/a1-other/621699-4-ich-vergleiche-also-bin-ich-zur-funktion-der-metapher-hans.php

Deutung dieses und der anderen drei Bilder-Gedichte durch Manon Delisle: Weltuntergang ohne Ende, 2001, S. 201 ff. bzw. 192 ff.

FÜNFUNDZWANZIGSTER GESANG

Das letzte Boot, Nummer C, Typ Engelhardt,… (Text: http://enzensberger.germlit.rwth-aachen.de/Kommentar_Untergang%20der%20Titanic/titanickommentar_g25_msw.html, mit Kommentar)

Hier wird berichtet, was die Passagiere des letzten Rettungsboots am Morgen erlebten (mit einem bereits in „Der Eisberg“ verwendeten Zitat). Den vielen Legenden von Untergang und Rettung wird eine weitere hinzugefügt: Im Boot seien fünf Chinesen als versteckte Passagiere gewesen; doch wisse niemand, „was aus ihnen geworden ist“.

Forschungsgemeinschaft

O Propheten mit dem Rücken zum Meer,… (Text: http://edoc.bbaw.de/volltexte/2010/1365/pdf/10_enzensberger.pdf)

In diesem Gedicht werden die Propheten der Zukunft direkt angesprochen und verspottet: „Diese schwefelgelben Erleuchtungen / sind besser als nichts, sie unterhalten uns / an dunstigen Sommerabenden“ (3. Str.); „ihr dauert mich […] Nur weiter so! Ich segne euch.“ (6. Str.)

Hier werden die Reden der Toten von den angeblichen Vorzeichen des Untergangs (Einundzwanzigster Gesang) gespiegelt.

SECHSUNDZWANZIGSTER GESANG

  1. Außen. Offenes Meer… (Text: http://www.cantarena.altervista.org/cantarena-26.pdf, dort S. 20)

Hier wird die 178. Szene bzw. Einstellung eines Films über den Untergang der Titanic beschrieben bzw. das Drehbuch der letzten Filmszene dargeboten – ein weiterer Beitrag zum poetologischen Thema: Wie stellt man den Untergang dar, wie kann man ihn überhaupt darstellen? Da Enzensberger hier nicht argumentiert, ist der Gesang „bloß“ ein Stein auf dem Haufen poetologischer Gedichte.

Als angeblich „Szenische Nachbildung des berühmten Gemäldes von Scott aus der Londoner Akademie“ (V. 2 f.) wird durch den Filmausschnitt die poetologische Schraube noch eine Drehung weiter vorangetrieben. Es gibt zwei Maler namens Scott, Eric und William; das genannte Bild ist vermutlich von Enzensberger erfunden.

SIEBENUNDZWANZIGSTER GESANG

„In Wirklichkeit ist nichts geschehen.“… (Text: nicht greifbar)

Diesmal wird die poetologische Schraube erneut eine Windung weiter gedreht: Ein Berichterstatter zeigt, wie es das Leben weitergeht. „Der Untergang der Titanic hat nicht stattgefunden: es war nur ein Film [vgl. 26. Gesang, N.T.], ein Omen, eine Halluzination.“ (V. 2 f.) Der Bericht ist voller Ironie (Titanic-Aschenbecher, Diskussionen über den Sozialismus auf einem Dampfer), die kleine Hure denkt über den Weltuntergang nach, die Dichter „gedenken, wie sich’s gehört,“ der Ausgebeuteten; es gibt falsche Dichter, Zwischendichter und wirkliche Dichter. Sie alle gehen in ihre Kabinen und schreiben, „als wäre nichts geschehen,“ aufs Blatt: „In Wirklichkeit ist nichts geschehen.“

Diese Idee Enzensbergers ist ganz witzig, was man nicht von allen Gesängen behaupten kann.

Fachschaft Philosophie

Daß wir gescheit sind, ist wahr. Aber weit entfernt… (Text: http://www.physiologus.de/fachsch_phil.htm oder http://archiv.herr-der-ringe-film.de/showflat.php/Number/3654874, dort Beitrag vom 05.06.2007)

Die Fachschaft Philosophie ist eine Abteilung der Uni – sie wird hier gnadenlos verspottet, die Philosophen sprechen selber: Wir „packen unsere Kristallkugeln und Horoskope aus und machen uns an die Arbeit“ (V. 13 f.) – eine Parallele zum Gedicht „Forschungsgemeinschaft“; sie verändern die Welt nicht (vgl. Marx über Feuerbach), sie lassen sich vom Sicherheitsdienst bewachen, machen Kunststücke in ihren Seminaren und verteidigen ihre Planstellen. In „Erkenntnistheoretisches Modell“ ist ihre Arbeit bereits in Nichts aufgelöst worden – sie schwatzen wie die Dichter, nur eben nicht über die Titanic.

ACHTUNDZWANGZIGSTER GESANG

Durch das Bullauge sehe, wie im sechsten Stock des Hotels… (Text: nicht greifbar)

Ein Ich-Sprecher äußert ziemlich wirre Phantasien, die sind „in meinem Sechsundvierzigtausend-Bruttoregister-Tonnen-Kopf“. – Die Titanic war mit 46.329 BRT vermessen; aber das hilft mir auch nicht zum Verständnis dieser Phantasien.

NEUNUNDZWANZIGSTER GESANG

Um aber auf das Ende zurückzukommen:… (Text: sollte in Rainer Barbey: Unheimliche Fortschritte: Natur, Technik und Mechanisierung im Werk von HME, S. 194 greifbar sein; ich kann aber bei google nicht auf diese Seite zugreifen)

Der Dichter knüpft an das Dinner vom 7. und 27. Gesang an: „Das Dinner geht weiter.“ (V. 13) Das ist hier Metapher dafür, dass es keinen Untergang des Kapitalismus oder der Herrschaft über Menschen gegeben hat, wie „wir“ damals glaubten – wir in Kuba, muss man ergänzen.

Dieses Weitergehen spielt er dann für die untergegangene Titanic durch: „Flaschenposten und kein Ende des Endes!“ (5. Str.) Dazu gehören auch amtliche Untersuchungen (6. Str.), die Vermarktung des Titanic-Gedenkens, ebenfalls seine Gedichte: „Aber das Dinner geht weiter, der Text / geht weiter […] Hören wir endlich auf, / mit dem Ende zu rechnen!“ (10. Str.)

„Es ist das Treibholz, was da zurückbleibt, / ein Strudel von Wörtern. / Gesänge, Lügen, Relikte: Bruch ist das, / was da tanzt…“ (11. Str.) Neben dieser selbstbezüglichen Bemerkung fällt auf, dass in der 9. Strophe noch einmal auf die Differenz zwischen Wörtern und „Dingen“ hingewiesen wird – die thematischen Fäden verflechten sich.

Die Ruhe auf der Flucht. Flämisch, 1521

Ich sehe das spielende Kind im Korn… (Text: nicht wirklich greifbar)

Das vierte Bild-Gedicht befasst sich mit einem Bild, das nicht eindeutig zu identifizieren ist; auch Joachim Patinirs Bild passt nicht wirklich zu dem, was das sprechende Ich beschreibt. Es spielt mit der Doppelung von Sehen/Nichtsehen, welche sowohl Figuren des Bildes wie das betrachtende Ich betreffen: Was der Bär sieht und nicht sieht, was die Heere nicht sehen, worauf die Schwäne nicht achten (auf mich!), was das Ich alles sieht, „doch worauf es ankommt, das weiß ich nicht.“ (5. Str.) Nichtsahnend „lebe ich weiter. Ich gehe fort.“ (6. Str.) Dann folgt die Pointe, die sich aus einer Parallele zur 1. Strophe ergibt: Dort wird erwähnt, dass der Bär das Messer nicht sieht, das in seinem Rücken steckt; die 6. Strophe und damit das Gedicht endet so: „Ich habe dies alles gesehen, nur / das Messer, das mir im Rücken steckt, nicht.“

Das Gedicht ist auch im Kontext rätselhaft: Stellt die Betrachtung des Bildes durch das Ich die Ruhe auf seiner Flucht dar? Das Messer im Rücken kann man eo ipso nicht sehen – man kann allenfalls einen Schmerz im Rücken so deuten: aber wozu die Parallele zum Bären?

DREISSIGSTER GESANG

Wir leben noch, sagte einer von uns… (Text: nicht greifbar)

Dieses Gedicht ist ein Bericht von einem Treffen der Überlebenden, zu denen der Sprecher gehört, in Mitteleuropa, wobei durchscheint, dass es auch um das Überleben unserer eigenen kommenden Katastrophen geht. „Am Ende hätten wir besser daran getan, / uns zu wehren. Wann denn? / Wie denn? Leicht gesagt, früher! / Früher, das war doch kein Leben. Wir hatten keine Wahl.“ (15. Str.) Als einer rief „Fangen wir endlich an.“, rührte sich niemand – das erinnert an den Schluss von „Warten auf Godot“.

EINUNDDREISSIGSTER GESANG

Das Berliner Zimmer füllt sich… (Text: nicht greifbar)

Dieser Bericht gilt einem weiteren Treffen von Überlebenden in den Tropen, in einem Zimmer auf einem Schiff. Die Gruppe befreit sich von einem, der jetzt tot ist und der anscheinend die anderen unterdrückt hatte. Einer spielt sich als Dichter auf, als „der wahre Jacob“. Zum Schluss fragt man sich, was man tun soll – man ist ratlos, will weder fortgehen noch weitermachen. „Wir waren übrig, wir atmeten. / Ein Zufall, irgendein Zufall / hatte uns hierher verschlagen. / Wir saßen alle in einem Boot.“ Mit dem letzten Satz wird die Redensart aufgenommen, die bereits im 22. Gesang kritisch kommentiert worden ist.

Die Überlebenden sind hilflos, leben planlos vor sich hin, nur dass Freund und Feind, Feindin und Freundin zusammen sind.

ZWEIUNDDREISSIGSTER GESANG

Später, als sich das unabsehbare Zimmer… (Text: http://www.tanz-theater.de/DE/DErepertoire/plays/DEtitanic/DEtittxt.html)

Dieses Gedicht beschreibt eine surreale Szene als Fortsetzung des Berichtes aus dem 31. Gesang, vielleicht eine Utopie: Nur der tote Mann und eine Frau, in der Freundin und Feindin verschmolzen sind, sind noch anwesend: Der Tote atmet, die Frau küsst ihn „und nahm ihn mit, mit ihrem einzigen Mund“ (3. Str.).

DREIUNDDREISSIGSTER GESANG

Ich mache, bis auf die Haut naß, Personen mit nassen Koffern aus… (Text: http://www.deutscher-buchmarkt.de/PETERS_2014-01.htm, nur die beiden ersten Strophen)

Wieder eine surreale Szene, die vom Ich beschrieben wird: Personen mit nassen Koffern stehen am Abgrund, darunter verschiedene aus den Gesängen bekannte Figuren. Das Ich warnt sie vergeblich. Sie singen voll Todesverachtung und Unwissenheit: „Am 13. Mai ist der Weltuntergang…“ [Hier zitiert Enzensberger falsch, richtig ist: Am 30. Mai ist der Weltuntergang – ein Karnevalsschlager aus der Zeit um 1960] Das Ich bedauert ihren Untergang, beginnt zu heulen, äußert ein paar Floskeln („schade, macht nichts, zum Heulen, auch gut“ – letzte Strophe), heult und schwimmt weiter.

Der letzte Gesang endet in einer Aporie.

Vielleicht tragen diese Links zum Verständnis bei:

http://enzensberger.germlit.rwth-aachen.de/untergangdertitanic.html

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40606219.html Besprechung N. Born

http://www.zeit.de/1978/43/gesaenge-der-eiszeit Besprechung B. Henrichs

http://www.gbv.de/dms/faz-rez/781014_FAZ_0151_BuZ5_0001.pdf Besprechung FAZ, sehr kritisch

https://konkretzdxpqygow.torstorm.org/html/197814/7814_045_Karsunke.html Besprechung Karsunkes

http://www.a-e-m-gmbh.com/andremuller/interview%20mit%20hans%20magnus%20enzensberger.html Interview HME

https://kluge.library.cornell.edu/de/conversations/enzensberger/film/1950/transcript Gespräch HMEs mit A. Kluge

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz00_08/text61.htm Biografie HME von Jörg Lau

http://m.schuelerlexikon.de/deu_abi2011/Hans_Magnus_Enzensberger.htm HME im Lexikon

http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.kultur-weltgeist-aus-schwabing.7abd8535-956b-46be-91b9-91bdc541aae1.html Würdigung HMEs zum 80. Geburtstag

http://www.augustana.de/downloads/titanic.pdf R. Riess: Pastoralpsycholog. Apekte…

http://elpub.bib.uni-wuppertal.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-283/d040201.pdf Diss: Poesie als Kritik und Selbstkritik. HMEs negative Poetik

http://drum.lib.umd.edu/bitstream/1903/10823/1/Hildebrandt_umd_0117N_11472.pdf (Masterarbeit über HME als romantischen Marxisten, 2010)

http://issuu.com/z.uvanovic/docs/mihaela_spajic_h_m_enzensbergers_lyrisches_schaffe M Spajic: Hans Magnus Enzensbergers lyrisches Schaffen

(http://www.hpo.cidsnet.de/projekte/titanic.htm) Die T. und ihr Untergang

http://www.hagestedt.de/rezensionen/b39Titanic.html Literatur zum Untergang der T.

https://www.verlag-koenigshausen-neumann.de/product_info.php/info/p7959_Melancholie-und-Ironie–Hans-Magnus-Enzensberger–Der-Untergang-der-Titanic–Epistemata-Literaturwissenschaft–Bd–812—39-80.html (A. Diedrich: Melancholie und Ironie, 2014)

http://www.die-dschungel.de/ANH/txt/pdf/Preusser_Pluralitaet_Untergaenge.pdf Untergänge bei HME – Grass – Strauß, von H.-P. Preußer

http://www.convivium.pl/archiv/2007/2007_pdf/2007_11_haase.pdf M. Haase: Funktion der Metapher in UdT

http://www.ray-magazin.at/magazin/2012/04/titanic-den-untergang-vor-augen die Verarbeitung des Themas

http://www.ksta.de/panorama/was-ueberlebende-berichten-der-untergang-der-titanic,15189504,11976200.html dito

http://www.nzz.ch/in-nacht-und-eis-1.16426209 dito

http://classes.colgate.edu/dhoffmann/Germ479f98/private/lprevite/lisasweb.htm Titanic, u.a. von Enzensberger

http://d-nb.info/993476260/34 G. Rüthi: Die Elemente und der Tod (Diss)

Ute Rösler: Die Titanic und die Deutschen, Bielefeld 2013 (darin S. 201 ff.: Enzensbergers Poem als Reflexion und Überwindung des Mythos)

Enzensberger: Mausoleum – die Repräsentanten und der Begriff des Fortschritts

Hans Magnus Enzensberger: MAUSOLEUM. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 1975

Da ich von den 37 bedichteten Personen (übrigens nur Männer) etwa 15 nicht kannte, stelle ich sie alle kurz mit einem Beitrag aus dem Internet vor – dabei versuche ich vor allem ihr Werk zu würdigen, weniger ihr Leben zu erzählen. Zu jeder Person gibt es jedoch Links, mit deren Hilfe man seine Kenntnisse erweitern und vertiefen kann. Anschließend werde ich etwas zur Auswahl und zu Enzensbergers Begriff des Fortschritts sagen.

Giovanni de’ Dondi (1318-1389)

Dondi war durch seinen Vater zur Astronomie und zur Uhrmacherei gekommen. Dieser hatte mit Förderung des Prinzen Ubertino de Carrara in Padua eine öffentliche Schlagwerkuhr für dessen Palazzo del Capitanio gebaut, die schon 1344 in den Palastturm eingebaut wurde. […]

Giovanni wurde einer der bedeutendsten Astronomen seiner Zeit. Gleich nach seiner Ankunft in Padua im Jahr 1348 begann er mit dem Entwurf und dem Bau seiner eigenen astronomischen Uhr, des sogenannten „Astrariums“ oder „Planetariums“, einer mechanischen Räderuhr mit Gewichtantrieb und Schlagwerk. Er schloss diese Arbeit erst 1364 ab, also 16 Jahre später, und ließ seine Erfindung auf dem großen Marktplatz von Padua aufstellen. Diese Uhr zeigte u. a. den Lauf der Sonne, des Mondes und der damals bekannten fünf Planeten Venus, Mars, Saturn, Merkur und Jupiter um die Erde als Zentrum – gemäß dem damals vorherrschenden ptolemäischen Weltbild (siehe auch: Almagest). Außerdem wurde erstmals die Länge eines jeden Tages in Stunden und Minuten, das genaue Datum und der Name des zu ehrenden Heiligen angezeigt.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_de_Dondi; vgl. die Skizzen https://www.youtube.com/watch?v=9Crc3lNLvNo)

Das Gedicht „Himmelsmaschine“ steht bereits im Gedichtband „Blindenschrift“, 1964.

Johann Gensfleisch zum Gutenberg (1395-1468)

gilt als Erfinder des modernen Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern (Mobilletterndruck) und der Druckerpresse.

Die Verwendung von beweglichen Lettern ab 1450 revolutionierte die herkömmlichen Methoden der Buchproduktion und löste in Europa eine Medienrevolution aus. Gutenbergs Buchdruck breitete sich schnell in Europa und später in der ganzen Welt aus (siehe Ausbreitung des Buchdrucks) und wird als ein Schlüsselelement der Renaissance betrachtet. Insbesondere sein Hauptwerk, die Gutenberg-Bibel, zwischen 1452 und 1454 entstanden, wird allgemein für ihre hohe ästhetische und technische Qualität gerühmt.

Zu Gutenbergs zahlreichen Beiträgen zur Buchdruckerkunst gehören neben der Verwendung von beweglichen Lettern auch die Entwicklung einer besonders praktikablen Legierung aus Zinn, Blei und Antimon[1], einer ölhaltigen Tinte und eines Handgießinstruments. Zudem erfand er die Druckerpresse. Das besondere Verdienst Gutenbergs liegt darin, alle Komponenten zu einem effizienten Produktionsprozess zusammengeführt zu haben, der erstmals die maschinelle Massenproduktion von Büchern ermöglichte.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Gutenberg; vgl. http://www.gutenberg.de/erfindun.htm oder die Filme https://www.youtube.com/watch?v=CQ15b61A1UA und https://www.youtube.com/watch?v=kGkuZTgO7Sw)

Niccolò Macchiavelli (1469-1527)

Vor allem aufgrund seines Werkes Il Principe (dt. Der Fürst) gilt er als einer der bedeutendsten Staatsphilosophen der Neuzeit. Machiavelli ging es hier – im Ansatz neutral – darum, Macht analytisch zu untersuchen, anstatt normativ vorzugehen und die Differenz zwischen dem, was sein soll, und dem, was ist, festzustellen. Er orientierte sich in seiner Analyse an dem, was er für empirisch feststellbar hielt. […]

Nach Volker Reinhardt formuliert Machiavelli in diesem Werk als erster überhaupt die Grundsätze der Staatsräson, dass nämlich ein Herrscher, um die elementaren Notwendigkeiten des Staates zu erfüllen, „die Gesetze der traditionellen Moral verletzen“ müsse, sonst gehe er mit dem Staat zusammen unter. Für einen Herrscher sei es demnach gleichgültig, ob er als gut oder als böse gilt, wichtig sei nur der Erfolg, der voraussetzt, vom Volk nicht gehasst zu werden und folgende drei Gebote zu beachten: „Du sollst dich nicht an den Gütern deiner Untertanen gütlich tun; du sollst dich nicht an ihren Frauen vergreifen; du sollst nicht einfach aus Spaß töten.“ […]

Volker Reinhardt sieht in dem Werk einen „Bruch mit der politischen, philosophischen und theologischen Tradition.“ Die Macht wurde von der traditionellen Moral freigesprochen. Nach Reinhardt löste das Werk zwei „Schockwellen“ aus, die eine dadurch, „dass der Politik die Maske der Wohlanständigkeit heruntergerissen und Herrschaft als Inszenierung der Propaganda entlarvt wurde“, die zweite, indem „diese bestürzenden Fakten beschrieben, analysiert und ohne jeden Aufruhr zur ethischen Besinnung akzeptiert wurden.“

(http://de.wikipedia.org/wiki/Niccol%C3%B2_Machiavelli; vgl. http://universal_lexikon.deacademic.com/268827/Machiavelli,_Hobbes_und_Locke%3A_Politik_und_Menschenbild

http://www.jenspeterkutz.de/000265.pdf

http://www.geocities.ws/machiaveli_1469/material06.htm)

Das Gedicht „An Niccolo Macchiavelli geboren am 3.Mai 1469“ steht bereits im Gedichtband „Blindenschrift“ (1964).

Bernardino de Sahagún (1499-1590)

war ein spanischer Missionar und Ethnologe. Er ist der Autor des bedeutendsten zeitgenössischen Werkes über das Leben und die Kultur der Azteken. […]

Sahagún beschreibt im Prolog zu Buch 2, wie er bei seinen Feldforschungen vorging. Zunächst versammelte er die Ältesten und den Dorfherrn, der meist über gute Kenntnisse des zivilen, militärischen, politischen und religiösen Umfeldes verfügte. Diesem Personenkreis erläuterte er seinen Plan und ließ sich von ihnen erfahrene Informanten benennen, die ihm seine Fragen beantworten konnten. Am nächsten Tag traf er sich mit den zehn bis zwölf genannten Personen, meist älteren Leuten, die er zusammen mit einigen seiner Lateinschüler befragte, die er zuvor in Tlatelolco unterrichtet hatte. Mit diesen Dolmetschern und Informanten, die jeweils zur führenden Schicht des Landes zählten, brachte er tageweise zwei Jahre lang mit Unterhaltungen und systematischen Befragungen zu, die die fremde Welt von oben (Götter, Schöpfung, Mythen) bis unten (Tiere, Pflanzen) abhandelten. Scholastische Akribie, Sprachkenntnisse und Unvoreingenommenheit gegenüber der fremden Kultur vereinigten sich so zu einem Ganzen. […]

Nach seinem Umzug nach Tepepulco (1565) überarbeitete Sahagún das Material, korrigierte und erweiterte es; auch die etwa 1.700 Illustrationen (Codex Florentinus) entstanden hier. Wenngleich er das Weltverständnis seiner Informanten in keiner Weise teilte und das Material nur zum Zweck der Missionierung sammelte, so ließ sich Sahagún doch so weit auf die verschwundene und zerstörte Welt der Azteken ein, dass die fremde Kultur in ihrer eigenen Sprache voll zur Geltung kam.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Bernardino_de_Sahag%C3%BAn; vgl. http://www.motecuhzoma.de/sahagun.htm und http://www.manuscript-cultures.uni-hamburg.de/mom/2014_11_mom.html)

Tyge Brahe (1546-1601)

Im Alter von 20 Jahren verlor Brahe bei einem Duell, dessen Grund der Streit um eine mathematische Formel mit einem Kommilitonen war, einen Teil seiner Nase. Er trug der Überlieferung nach eine Nasenprothese aus einer GoldSilber-Legierung, die er mit einer Salbe anklebte. Als man jedoch 1901 sein Grab öffnete und den Schädel untersuchte, um Hinweise auf die besagte Prothese zu finden, fand man Reste von Kupfersalzen an der entsprechenden Stelle, die eher auf eine dünne Kupferfolie hindeuteten als auf eine schwerer zu tragende Prothese aus einer Goldlegierung.

Brahe beobachtete 1572 eine Supernova, „ein Wunder, wie es seit Anbeginn der Welt nicht gesehen wurde“. Seine Schrift über den „neuen, nie zuvor gesehenen Stern“ machte ihn unter den Astronomen in ganz Europa berühmt.

1573 heiratete er eine Bürgerliche: Kirstine Barbara Jörgensdatter, den Quellen nach eine Tochter des Pastors von Kågeröd. Sie bekamen acht Kinder, andere Schriften nennen neun.

König Friedrich II. von Dänemark und Norwegen finanzierte die Sternwarten Uraniborg und Stjerneborg auf der damals noch dänischen Öresundinsel Ven vor Landskrona, an denen Brahe 21 Jahre lang forschte. […] Tycho baute in Uraniborg ein gutes Dutzend Instrumente. Eines der bekanntesten und präzisesten war der Mauerquadrant, auch tychonischer Quadrant genannt, mit einem Radius von zwei Metern. Er war fest an einer Mauer installiert und genau nach Süden ausgerichtet. […] Durch Beobachtung der Sonne und einfache Peilung nach dem Visierprinzip über Kimme und Korn gelang ihm eine wesentlich verbesserte Bestimmung der Länge des Jahres, die er auf 365 Tage 5 Stunden 48 Minuten und 45 Sekunden ermittelte. Die Differenz zum heutigen Wert des tropischen Jahres beträgt weniger als eine Sekunde. Zu Recht gilt er deshalb als einer der bedeutendsten Astronomen.

Tycho Brahe hatte entscheidenden Einfluss auf das Wissenschaftsideal späterer Generationen und begründete mit seiner Arbeitsmethodik des immer exakteren Messens und immer wieder Nachprüfens den Arbeitsstil und die Methodik moderner Wissenschaft.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Tycho_Brahe; vgl. http://wiki.astro.com/astrowiki/de/Tycho_Brahe oder http://galileo.rice.edu/sci/brahe.html oder http://m.schuelerlexikon.de/mobile_geschichte/Tycho_Brahe.htm)

Tommaso Campanella (1568-1639)

Dominikanermönch, wurde nach einem unsteten Leben 1598 verhaftet und 27 Jahre gefangen gehalten, lebte dann in Rom und später in Paris, wo er 1639 starb.

C. bekämpft den Aristoteles und verlangt ein selbständiges Studium der Natur, in Anlehnung besonders an Telesius. In der Erkenntnislehrebetont C., daß alle (weltliche) Erkenntnis auf Wahrnehmung und Erfahrung beruht, daß alles, was im Verstande ist, aus den Sinnen kommt, um dann aber beurteilt zu werden, da die Sinne allein täuschen können. Nur aus der Betrachtung der Natur selbst ist für die Metaphysik Erkenntnis möglich. Denn die Welt ist »das zweite Buch, darinnen ewiger Verstand selbst eigene Gedanken schrieb«, »der lebendige Spiegel, welcher uns das Antlitz Gottes im Reflexe zeigt«. Die innere Erfahrung zeigt uns unser Ich als etwas absolut Gewisses. Ich kann mich nicht über mich täuschen, wenn ich nicht bin (Univ. philos. I, 3, 3). Der Anfang aller äußeren Erkenntnis ist die Empfindung. […]

Daß Gott existiert, wissen wir absolut gewiß, denn die Vorstellung des Unendlichen kann nur von diesem selbst stammen, nicht von einem endlichen Wesen. Gott ist das unendliche, über alles Endliche erhabene Sein, das Überseiende. Die allen Dingen eigenen Prinzipien (»Primalitäten«) des Seienden: Macht (Können), Weisheit (Wissen) und Liebe (Wille) sind in ihm unendlich. […] Das Streben nach Selbstvervollkommnung ist die Quelle der Sittlichkeit. – Im »Sonnenstaat« gibt C. (von Plato beeinflußt) das Bild eines vollkommenen Staates, in welchem Priester-Philosophen herrschen, ein Kommunismus in allen Dingen besteht, Ehe und Erziehung vom Staate geleitet sind.

(http://www.zeno.org/Eisler-1912/A/Campanella,+Tommaso?hl=campanella; vgl. auch http://www.anderegg-web.ch/phil/campanella.htm oder http://de.wikipedia.org/wiki/Tommaso_Campanella;

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lafargue/1895/campanella/

http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/89_Saage.pdf

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Campanella,+Tommaso/Der+Sonnenstaat)

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716)

Philosoph und Mathematiker, Diplomat, Politiker und Ökonom, Ingenieur, Jurist und Wissenschaftsorganisator, wird 1646 in Leipzig geboren. Er studiert Jura und Philosophie in Leipzig und Jena und promoviert 1667 an der Nürnberger Universität in Altdorf. 1670 wird er kurfürstlicher Rat beim Revisionsgericht in Mainz. In diplomatischer Mission reist er 1672 und 73 nach Paris und London. Dort trifft er Huygens, Arnauld, Malebranche, Boyle und Newton. 1676 wird er Hofrat und Bibliothekar des Welfenhauses in Hannover, dessen Geschichte er schreibt. Mit einer Vielzahl von Plänen und Projekten ist er befaßt: die Entwicklung der Differentialrechnung und der Dualzahlen, die Entwässerung von Gruben mit Hilfe von Windkraft, die Konstruktion einer Rechenmaschine, der Entwurf einer Idealsprache, die Errichtung einer deutschen Akademie der Wissenschaften, deren Präsident er 1700 wird. Zu seinen Lebzeiten erscheinen neben der Theodicee und den Nouveaux Essais nur kleinere Werke. Er stirbt 1716 in Hannover. Wichtige Werke – lateinisch, deutsch und französisch geschrieben – werden erst nach seinem Tode publiziert.

(https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/17Jh/Leibniz/lei_intr.html; vgl. auch

http://www.gwlb.de/Leibniz/Leibnizarchiv/Leben_und_Werk/

http://www.f07.fh-koeln.de/imperia/md/content/personen/bold_christoph/leibniz.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Leibniz

http://www.technikatlas.de/~th2/biografie.html

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118571249.html

http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Leibniz,_Gottfried_Wilhelm

http://www-groups.dcs.st-and.ac.uk/~history/Mathematicians/Leibniz.html Links)

Carl von Linné (1707-1778)

studierte zunächst Medizin in Lund, wandte sich aber bald der Botanik zu; bereiste 1732 Lappland, lehrte in Falun Mineralogie, unternahm weitere Reisen nach Holland (1735, dort Promotion in Medizin), England (1736) und Paris (1738); praktizierte anschließend in Stockholm als Arzt, war Mitbegründer und ab 1739 erster Präsident der schwedischen Akademie der Wissenschaften; ab 1741 Professor der Medizin, 1742 auch Professor der Botanik in Uppsala und Direktor des Botanischen Gartens, den er ausbauen, nach seiner Systematik umgestalten ließ und dem er ein naturhistorisches Museum angliederte. Linné war der bedeutendste Systematiker seiner Zeit, der die biologische Systematik grundlegend reformierte. Seine wichtigsten Leistungen sind der Entwurf einer hierarchischen Gliederung des Organismenreiches in Form eines enkaptischen (einschließenden) Systems (Klassifikation) und die Einführung der übersichtlichen binären Nomenklatur oder binominalen Nomenklatur, die jede biologische Art mit einem zweiteiligen lateinischen Namen benennt, der aus dem Gattungsnamen (Substantiv; Gattung) und einem artspezifischen Zusatz (meist ein Adjektiv; Epitheton) besteht. Beim Entwurf der neuen Systematik, die er in dem erstmals 1735 erschienenen Werk „Systema naturae“ veröffentlichte, wurde er von Arbeiten von J. Ray (der bereits Doppelbezeichnungen für Gattungen und Arten eingeführt hatte) und von J.P. de Tournefort beeinflußt: er zog zur Identifikation der Pflanzen 4 Merkmale heran: Zahl, Gestalt, Proportion und Lage von Staubblättern und Fruchtblättern (von ihm als „Sexualsystem“ bezeichnet) und verwendete in seinem System nur 4 Taxa: Art, Gattung, Ordnung und Klasse – jeweils für das Pflanzen- und das Tierreich (in der modernen Taxonomie werden weitere Taxa, z.B. Familie, Unterklasse, unterschieden; die vollständige taxonomische Reihe wird auch als Linnaeische Hierarchie bezeichnet). […] In der 12. Auflage der „Systema naturae“ (1766) ordnete Linné erstmals den Menschen in das Tierreich ein; er benannte ihn als Homo sapiens und stellte ihn mit dem Schimpansen und dem Orang-Utan in die von ihm benannte Ordnung Herrentiere (Primates; Primaten). Für Mineralien schuf er ebenfalls ein übersichtliches System. – Auf Linné geht auch die Idee der Blumenuhr zurück (Zusammenstellung von Pflanzen, die ihre Blüten zu verschiedenen Tageszeiten öffnen und schließen; Blütenbewegungen).

(http://www.spektrum.de/lexikon/biologie/linn%C3%A9-carl-von/39482; vgl. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_von_Linn%C3%A9 oder http://www.deutsches-museum.de/bibliothek/unsere-schaetze/biologie/linne/)

Jacques de Vaucanson (1709-1782)

wuchs in ärmlichen Verhältnissen als Sohn eines Handschuhmachers auf und wollte in seiner Jugend Uhrmacher werden. Er besuchte ein Jesuitenkolleg und trug sich mit dem Gedanken, dem Minimi-Orden in Lyon beizutreten, entschied sich dann aber doch für eine Laufbahn als Ingenieur.

1741 wurde er von Kardinal Fleury, dem ersten Minister König Ludwigs XV., zum Chefinspekteur der französischen Seidenmanufakturen ernannt. In dieser Funktion trieb er die maschinelle Produktion voran und baute 1745 den ersten vollautomatischen Webstuhl. […]

Vaucanson wurde berühmt als Konstrukteur von Automaten. 1737 baute er einen mechanischen Flötenspieler, der ein Repertoire von zwölf Liedern hatte und auf einer mechanischen Stiftwalze mit zwei Bewegungsrichtungen basierte. Dabei bewegte sie sich in der üblichen Drehung und konnte zusätzliche Bewegungen zur Seite vollführen, die durch ein Schneckengetriebe bewirkt wurden. Über der Walze lagen mehrere Stiftreihen. 1738 stellte er ihn der französischen Akademie der Wissenschaften vor. Vaucansons Traum war es, einen möglichst akkurat funktionierenden künstlichen Menschen zu erschaffen.

Als sein Meisterwerk gilt jedoch seine mechanische Ente. Sie bestand aus mehr als 400 beweglichen Einzelteilen, konnte mit den Flügeln flattern, schnattern und Wasser trinken. Sie hatte sogar einen künstlichen Verdauungsapparat: Körner, die von ihr aufgepickt wurden, „verdaute“ sie in einer chemischen Reaktion in einem künstlichen Darm und schied sie daraufhin in naturgetreuer Konsistenz aus. Vaucanson schuf mit dem Darm seiner Ente zudem den wohl ersten biegsamen Gummischlauch.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Jacques_de_Vaucanson; vgl. auch http://www.punktmagazin.ch/wirtschaftliches/die-mechanische-ente/

http://www.deutschlandfunk.de/keine-spielereien.871.de.html?dram:article_id=126066)

Raimondo di Sangro (1710-1771)

war ein italienischer Aristokrat, Erfinder, Soldat, Schriftsteller und Wissenschaftler, der für die Restaurierung der Cappella Sansevero in Neapel zuständig war.

Der Vater des Fürsten war Antonio di Sangro, Herzog von Torremaggiore, und seine Mutter war Cecilia Gaetani dell’Aquila d’Aragona. Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt. Er wurde mit zehn Jahren ins Jesuitenkolleg nach Rom geschickt, wo er die bestmögliche Ausbildung erhielt.

Nach seiner Ausbildung wurde er Soldat König Karls III. von Bourbon. Für den König ließ Raimondo mehrere wasserdichte Mäntel herstellen. Andere Erfindungen des Prinzen waren: künstliche Edelsteine, künstliches Wachs, eine Art ewiges Licht, Kunstseide, eine Eisenlegierung für leichtere Kanonen und Mehrfarbendruck bei nur einem Druckvorgang.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Raimondo_di_Sangro; vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Raimondo_di_Sangro)

Giovanni Battista Piranesi (1720-1778)

Seine Ausbildung als Architekt begann er am Magistrato delle Acque bei einem Bruder seiner Mutter, Matteo Lucchesi, einem venezianischen Tiefbauingenieur, der für die Regulierung der Lagune zuständig war. […]

1740 reiste er als Zeichner im Gefolge von Marco Foscarini, dem venezianischen Gesandten beim Heiligen Stuhl, nach Rom. […] Ein Jahr nach seiner Ankunft in Rom begann er mit einer Ausbildung bei dem Vedutenzeichner Giuseppe Vasi, der ihm die Grundlagen der Radierung und des Kupferstichs vermittelte. […]

Berühmtheit bis heute erlangte Piranesi vor allem mit den sechzehn Platten der Carceri (Kerker) von 1745 bis 1750, durch Bühnenbilder angeregte Architekturphantasien, die das auch in den Veduten spürbare Gefühl von Einsamkeit, verbunden mit Monumentalität, auf die Spitze treiben. Sie beeinflussten den Gefängnisneubau in Newgate 1770, wurden in Kopien zur Darstellung der Schrecken der Bastille verwendet und haben schließlich noch in der Filmarchitektur des 20. Jahrhunderts ihre Spuren hinterlassen. Die ursprünglich eher hell angelegten Platten der Carceri wurden 1761 auf Veranlassung von Piranesis Verleger Bouchard nachbearbeitet, um sie dunkler und konstrastreicher zu machen und damit eine theatralischere Wirkung zu erzielen. Die meisten Reproduktionen der Carceri geben diesen späteren Zustand wieder. – Bereits in seinem Gedichtband „Blindenschrift“ gibt es ein Gedicht Enzensbergers mit dem Titel „Carceri d’invenzione“.

Sehr viel umfangreicher waren aber seine Dokumentationen antiker Bauwerke und Gebrauchsgegenstände in Rom und Umgebung, Cora und Paestum, die Künstlern in ganz Europa als Vorlagen für eigene Werke dienten.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Battista_Piranesi; vgl. http://www.art-directory.de/malerei/giovanni-battista-piranesi-1720/ und

http://www.ub.uni-siegen.de/expo/jonak03/Piranesi.pdf oder

http://www.let.leidenuniv.nl/Dutch/Renaissance/Facsimiles/PiranesiCarceri1750/ und

http://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/giovanni-battista-piranesi/)

Lazzaro Spallanzani (1729-1799)

war ein italienischer Priester, Philosoph und Universalwissenschaftler. […]

Seine wichtigsten Entdeckungen liegen auf dem Gebiet der Physiologie: Er schrieb zum Beispiel wertvolle Abhandlungen über die Atmung und über die Sinnesorgane von Fledermäusen, während er Experimente machte (1768), um das Vorkommen von Urzeugung zu widerlegen, indem er im Gegensatz zu John Turberville Needham (1713-1781) nachwies, dass Mikroben nicht in organischen Flüssigkeiten entstehen können, wenn diese abgekocht und in luftdicht verschlossenen Gefäßen aufbewahrt werden. Sein berühmtestes Werk ist Dissertazioni di fisica animale e vegetale (2 Bände, 1780). Darin deutet er erstmals den Verdauungsvorgang; er zeigt, dass dieser kein rein mechanischer Prozess zur Zerkleinerung, sondern ein chemischer ist und hauptsächlich durch das Wirken des Magensafts vorangeht. Er führte auch wichtige Forschungen über die Befruchtung von Tieren durch (1780). 1768 entdeckte er die Regenerationsfähigkeit des Salamanders in Hinsicht auf abgerissene Gliedmaßen.

E.T. A. Hoffmann war von diesen Forschungen fasziniert. Er lässt die Figur Spallanzanis mehrmals (in der weniger üblichen Schreibweise Spalanzani) auftreten.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Lazzaro_Spallanzani; vgl. auch

http://www.merke.ch/biografien/biologen/spallanzani.php

http://m.schuelerlexikon.de/bio_abi2011/Lazzaro_Spallanzani.htm)

Charles Messier (1730-1817)

war ein französischer Astronom. Er wirkte unter anderem als Astronom der französischen Marine und später im Bureau des Longitudes, und gilt als Entdecker von 20 Kometen. […]

Seit 1757 suchte er im Auftrag von Delisle den bereits erwarteten Halleyschen Kometen, fand ihn aufgrund eines Rechenfehlers von Delisle aber erst im Januar 1759 und damit vier Wochen nach der Wiederentdeckung durch Johann Georg Palitzsch. 1761 beobachtete er den Venusdurchgang, drei Jahre später gelang ihm die erste Neuentdeckung eines Kometen. Insgesamt gelangen ihm bis zum Jahr 1801 20 Entdeckungen, darunter 14 eigenständige sowie sechs Co-Entdeckungen. Auf seiner Suche nach neuen Kometen stieß er auf eine Vielzahl anderer Objekte wie Galaxien, Sternenhaufen oder Nebel. Das erste dieser Gebilde – später Messier 1 oder M 1 genannt – hatte er bereits 1758 beobachtet. Um seine Arbeit zu vereinfachen, suchte er gezielt nach weiteren Exemplaren. Dabei benutzte er auch die Kataloge von Edmond Halley, Nicolas Louis de Lacaille, Jacopo Filippo Maraldi und Jean-Baptiste Le Gentil.

Schließlich listete er diese zunächst 45 Objekte im nach ihm benannten Messier-Katalog auf, dessen erste Fassung 1771 veröffentlicht wurde.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Messier; vgl. http://astrokramkiste.de/messier und http://www.maa.clell.de/Messier/D/)

Joseph Ignace Guillotin (1738-1814)

war französischer Arzt und Politiker. […] Am 15. Mai 1789 wurde er gemeinsam mit Emmanuel Joseph Sieyès und Jean-Sylvain Bailly zum Mitglied der Assemblée Constituante gewählt, deren Sekretär er von Juni 1789 bis Oktober 1791 war. […]

Das Problem der Todesstrafe war damals äußerst aktuell. Guillotin berief sich auf die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und forderte, dass für bestimmte Vergehen ohne Ansehen des Standes die Delinquenten gleich bestraft werden sollten, und zwar durch Enthauptung mittels der Installation eines einfachen Mechanismus. Sein erklärtes Ziel war es, die Hinrichtungen zu „humanisieren“ und das Leiden der Hingerichteten zu verkürzen. […]

Nach der Anleitung von Guillotin und unter Aufsicht von Sanson [Henker von Paris] wurde ein Prototyp von dem deutschen Handwerker und Cembalobauer Tobias Schmidt entwickelt, dessen Werkstatt in Paris sich in unmittelbarer Nähe des Wohnsitzes von Georges Danton und Camille Desmoulins befand.

Graf Pierre-Louis Roederer erhielt sodann den Auftrag, die Maschine erbauen zu lassen. Die ersten Versuche wurden an lebenden Schafen vollzogen. Am 15. April 1792 wurden erstmals drei menschliche Leichname vor Mitgliedern der Assemblée Constituante und den Ärzten Pierre-Jean-Georges Cabanis, Philippe Pinel, Cullerier, Antoine Louis und Guillotin geköpft. Das halbmondförmige Fallbeil wurde von Louis als mangelhaft empfunden und anschließend durch eine abgeschrägte Schneide ersetzt. […] Das halbmondförmige Fallbeil wurde von Louis [Leibarzt des Königs] als mangelhaft empfunden und anschließend durch eine abgeschrägte Schneide ersetzt. Am 25. April 1792 fand die erste öffentliche Hinrichtung statt, bei der die Guillotine zum Einsatz kam. […]

1795 kam Guillotin für einen Monat ins Gefängnis. Als er wieder entlassen wurde, setzte Guillotin seine medizinischen Forschungen fort und wurde 1799 gemeinsam mit Pinel ein leidenschaftlicher Befürworter der Impfungen gegen Kuhpocken, die von dem Engländer Edward Jenner propagiert wurden. […] Guillotin wurde ferner zum Begründer einer medizinischen Akademie in Paris, deren Aufgabe es war, sich mit allen Aspekten öffentlicher Hygiene zu beschäftigen.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph-Ignace_Guillotin; vgl.

http://www.wissen.de/joseph-ignace-guillotin

http://www.deutschlandradiokultur.de/joseph-ignace-guillotin-hinrichtung-mit-dem-fallbeil.932.de.html?dram:article_id=281120

http://www.dummy-magazin.de/issues/41-schmerz/articles/809)

Antoine Caritat Marquis de Condorcet (1743-1794)

kann sein mathematisches Talent erst entfalten, als sich sein Onkel gegen die allein erziehende, streng religiöse Mutter durchsetzt, die den jungen Marquis einer alteingesessenen französischen Adelsfamilie von weltlichem Unterricht fernhalten will. Bereits mit 22 Jahren verfasst er zum Thema der Integralrechnung seine erste wichtige Arbeit, und nur vier Jahre später verhilft ihm seine mathematische Begabung zu einer Mitgliedschaft in der Académie Royale des Sciences.
Neben seiner Tätigkeit als Generalinspekteur der Königlichen Münze, die er – wenn auch ungern – von 1774 bis 1791 ausübt, verfasst er weitere mathematische Abhandlungen, aber auch Schriften zu sozialen und politischen Themen wie zur Gleichberechtigung von Frauen oder zur Abschaffung der Sklaverei.
Besonders bemerkenswert ist Condorcets wahrscheinlichkeitstheoretische Behandlung des Problems eines gerechten, demokratischen Wahlsystems. Es führt zu einem Paradoxon, das heute seinen Namen trägt. Condorcet geht aber auch der Frage nach, unter welchen Voraussetzungen und mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Jury insgesamt eine gerechtere Entscheidung treffen würde als ein einzelnes Mitglied.
Während der französischen Revolution greift Condorcet in das politische Geschehen ein und wird sogar Präsident der Gesetzgebenden Nationalversammlung. Doch gerät er bald in heftige Konfrontation mit den radikalen Jakobinern unter Robespierre. Seine Kritik an deren Verfassungsentwurf führt schließlich dazu, dass er sich bei Freunden verstecken muss, um einer Verhaftung zu entgehen.

(http://www.spektrum.de/alias/der-mathematische-monatskalender/november-2011/1127430; vgl. auch

http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Jean_Antoine_Nicolas_Caritat,_Marquis_de_Condorcet

http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_3990/

http://www.spektrum.de/sixcms/media.php/924/November_2011_Condorcet.pdf

http://plato.stanford.edu/entries/histfem-condorcet/)

Oliver Evans (1755-1819)

war ein US-amerikanischer Erfinder und Unternehmer.

Er konstruierte verschiedene Maschinen wie die erste automatische Getreidemühle, eine Förderanlage, den „Hopper Boy“, eine Maschine, die der Mehlkühlung diente und bis heute in ähnlicher Bauweise in Kaffeeröstereien verwendet wird, sowie zwei dampfbetriebene Bagger deren zweiter, der Hafenbagger Orukter Amphibolos, sowohl das erste Fahrzeug in den USA war, das sich aus eigener Kraft fortbewegen konnte, wie auch das erste Amphibienfahrzeug. Von Bedeutung sind auch seine Verbesserungen an der Hochdruckdampfmaschine und seine Beschreibung eines mit Dampf funktionierenden Kühlschranks. […] Orukter Amphibolos wurde Ende 1804 fertiggestellt und in der zweiten Juliwoche des Jahres 1805 der Öffentlichkeit vorgestellt.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Oliver_Evans; vgl.

http://www.mosafilm.de/CF/heftbesprechung/genialkurios/evans/evans.html – besser als der Wikipedia-Artikel, aber wegen der Formatierung nicht reproduzierbar;

http://www.stationspage.de/lokomobile/dampfmaschine.htm

http://en.wikipedia.org/wiki/Oliver_Evans

http://www.britannica.com/EBchecked/topic/196952/Oliver-Evans)

Thomas Robert Malthus (1766-1834)

Im Jahr 1798 erschien in London ein Buch von fast 400 Seiten, dessen Titel in Deutsch folgendermaßen lauten würde: «Eine Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz, wie es die zukünftige Verbesserung der Gesellschaft beeinflußt, mit Bemerkungen über die Spekulationen von Herrn Godwin, Herrn Condorcet und anderen Autoren.» Der Verfasser hüllte sich in Anonymität. Innerhalb kurzer Zeit «war die Auflage vergriffen. Schon in den folgenden fünf Jahren gab es dazu aber mehr als 20 Gegenschriften. […]

Die Ausführungen zum «Bevölkerungsgesetz» beginnt Malthus mit der folgenden Grundlegung: «Ich glaube, zwei Annahmen machen zu können: Erstens, daß Nahrungsmittel für die menschliche Existenz unerläßlich sind, und zweitens, daß die Anziehung zwischen den Geschlechtern notwendig ist und in ihrem jetzigen Umfang fortdauern wird. Wenn das stimmt, so folgt daraus, daß die Fortpflanzungsfähigkeit der menschlichen Bevölkerung viel größer ist als die Möglichkeit des Bodens, genügend Unterhaltsmittel für die Menschen hervorzubringen.» Die Bevölkerung hat also die Tendenz, sich rascher zu vermehren, als die Produktion von Nahrungsmitteln gesteigert werden kann. Daraus folgt wiederum die Tendenz zu einem ständigen Druck gegen die Grenzen des Nahrungsspielraums. Es gibt aber eine Anzahl von Hemmnissen (checks), die verhindern, daß diese Grenze überschritten wird. Unter Umständen wird sie nicht einmal erreicht:
– Ein Faktor ist das Elend, also Seuchen, Hungersnöte und hohe Kindersterblichkeit, wobei in der Regel die «unteren Klassen» besonders betroffen sind.
– Ein zweiter Faktor umfaßt, was Malthus «Laster» nannte, das heißt vornehmlich «sexuelle Ausschweifungen», aber auch den Krieg.
– Neben diesen repressiven Faktoren nennt er aber auch eine präventive Möglichkeit, nämlich «sittliche Enthaltsamkeit»: Die Eheschließung soll so lange hinausgeschoben werden, bis der Unterhalt einer Familie gesichert werden kann – bei gleichzeitigem Verzicht auf anderweitige Befriedigungen des Geschlechtstriebes, die Malthus im Einklang mit den damals herrschenden Wertvorstellungen als lasterhaft und unerwünscht betrachtete.

(http://www.hs-augsburg.de/~harsch/anglica/Chronology/19thC/Malthus/mal_gfaz.html; vgl.

http://www.vorlesungen.info/node/1218

http://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/a-557119.html

http://www.zeit.de/1982/43/bevoelkerungsgesetz

http://www.ipw.rwth-aachen.de/pub/paper/paper_26.pdf)

Alexander von Humboldt (1769-1859)

Als 21-Jähriger unternimmt er mit Georg Forster, der an einer Weltumsegelung von James Cook teilgenommen hat, eine wissenschaftliche Reise nach England. Der Anblick des Meeres weckt sein Fernweh. Auf der Heimreise über Paris erleben Humboldt und Forster hautnah die Nachwirkungen der Französischen Revolution. Beide unterstützen die Ideale von bürgerlicher Freiheit und Gleichheit und sind beeindruckt von der Stimmung im Land. […]

Von 1799 bis 1804 reisen Humboldt und Bonpland durch Süd- und Mittelamerika: über die Kanarischen Inseln nach Venezuela und Kuba, durch die Anden an die peruanische Küste, nach Mexiko und mit Zwischenstopp in den USA zurück nach Europa. Genauso imposant wie die Reiseroute sind die Mengen an Messdaten und botanischen und geologischen Proben, die sie sammeln. Der Universalist Humboldt beschäftigt sich mit einer Vielzahl von Forschungsgebieten: von Vulkanologie über Kartographie, Erdmagnetismus, Botanik, Zoologie, Ethnologie, Wirtschaft, Landwirtschaft und Bergbau bis hin zu Meteorologie und Meereskunde. Er will das Zusammenwirken aller Naturkräfte verstehen. Zwischen 1805 und 1839 publiziert Humboldt sein 34-bändiges Reisewerk, größtenteils auf Französisch. Es bleibt unvollendet und ruiniert ihn finanziell.

Seinen 60. Geburtstag verbringt Humboldt in Russland. Es ist seine zweite große Expedition und die Umstände sind gänzlich anders als bei der Amerika-Reise. Dieses Mal ist er auf Einladung und Kosten der russischen Regierung unterwegs. Diese erhofft sich davon Informationen über gewinnbringende Minenvorkommen. Obwohl die Route (von St. Petersburg zum Ural) vorgegeben ist, kann Humboldt einige Änderungen durchsetzen und dadurch bis zur chinesischen Grenze vordringen. Seine Hauptinteressen gelten dem Erdmagnetismus, dem Klima und der Geologie.

Dank seiner offenen Art fällt es Humboldt leicht, in aller Welt freundschaftliche Kontakte zu anderen Wissenschaftlern zu knüpfen. Der eng vernetzte Datenaustausch mit Kollegen ist für ihn sehr wichtig. Ohne diese Kontakte wären seine umfangreichen Veröffentlichungen gar nicht möglich gewesen.

(http://www.planet-wissen.de/politik_geschichte/persoenlichkeiten/alexander_von_humboldt/; vgl.

http://www.nationalgeographic.de/reportagen/entdecker/alexander-von-humboldt

http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Humboldt

http://www.deutsche-biographie.de/sfz35959.html)

Charles Fourier (1772-1837)

wollte eine Idealwelt konstruieren, die auf den Gesetzen der leidenschaftlichen Anziehung beruht. Er folgte damit seinem „Vorbild“ Isaac Newton, der die Gesetze der Schwerkraft entdeckte und damit die mechanische Anziehung der Gestirne aufeinander berechnen konnte. Diese leidenschaftlichen Anziehungen sollten, analog zur Anziehung der Massen, die Anziehung der Menschen bestimmen und die Gesellschaft organisieren. Fourier schuf 12 „primäre menschliche Leidenschaften“, fünf sensitive: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen – vier affektive: Freundschaft, Liebe, Ehrgeiz, Familiensinn – und drei distributive: Intrigentrieb, Abwechslungstrieb und Einungstrieb. Es existierten des weiteren sekundäre und tertiäre Leidenschaften. Insgesamt 810 verschiedene Leidenschaften verzeichnete Fourier. Die Gesellschaft durchläuft 8 Perioden: 1. Naturzustand : Eden , 2. Wildheit , 3. Patriarchat , 4. Barbarei , 5. Zivilisation , 6. Garantismus , 7. Soziantismus , 8. Harmonie

Das Hier und Jetzt ( Industrialismus ) befindet sich in der 5. Periode, der Zivilisation. Fourier wollte eine Gemeinschaft kreieren – die Phalanx – in der 1620 Menschen leben. Diese Zahl setzt sich aus den unterschiedlichen menschlichen Leidenschaften zusammen, von denen jeweils ein Mann und eine Frau eine dieser Leidenschaften ausprägt und das in der Summe ergibt: 810 Leidenschaften x 2 ( Mann und Frau) = 1620 Personen. Von diesen Phalanxen sollte es mehrere verteilt auf der Erde geben, die aber von einander unabhängig seien sollen, da sie nach außen autonom sich darstellen. Jede Phalanx stellt eine Gesellschaft für sich dar.

Diese Phalanx hat als Basisgedanken die Freiheit des Individuums. Das bedeutet, dass die Menscheit von der Teleologie ihrer Leidenschaften geleitet werden soll. […]

Trotz des Gruppengedankens gibt es keine soziale Gleichheit, aber auch keine ungerechte Ungleichheit. Die Mitglieder der Phalanx haben das Recht auf Eigentum. Dieses Eigentum erhalten sie durch „Phalangen“, Anteilscheine an der Phalanx. Hier greift die Vorstellung des freien Individuums. Es deckt sich aber trotzdem mit dem Gruppen- bzw. Kommunengedanken, da sich die Individualität mit dem Gemeinwohl deckt, weil jeder die Möglichkeit hat Eigentum zu erwerben und somit alle glücklich werden können.

(http://www.theoriewiki.org/index.php?title=Charles_Fourier; vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Fourier

http://edoc.hu-berlin.de/ilinx/2/johach-eva-149/PDF/johach.pdf

http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/105_Saage.pdf)

und vor allem seit ’68: die freie Liebe http://swiki.hfbk-hamburg.de/Lebensreform/152

Charles Babbage (1792-1871)

war ein englischer Mathematiker, Philosoph, Erfinder und Politischer Ökonom.

Babbage entwickelt mit der difference engine und der analytical engine zwei mechanische Rechenmaschinen, die er zu seinen Lebzeiten zwar nie vollenden kann, aber von denen letztere als Vorläufer des moderen Computers gilt.
Babbages Interessen und Aktivitäten gehen aber weit über die Pionierleistung auf diesem Gebiet hinaus. Seine Analyse Economy of machinery and manufactures des Fabrikkapitalismus wird eine wichtige Quelle für Karl Marx, der dieses Buch umfassend rezipiert.
Er stellt das Lebensversicherungsgeschäft auf eine mathematische Grundlage, beschäftigt sich theoretisch mit Unterwasserfahrzeugen und deren Navigation und stellt eine Theorie zur Gletscherbildung auf.
Der Anlass zur Entwicklung von Rechenautomaten ist für den Mathematiker Babbage die mangelnde Zuverlässigkeit numerischer Tabellen mathematischer Funktionen, die damals z.B. für die Schiffsnavigation erstellt werden und bei deren Berechnung häufig Fehler auftreten.
Babbage geht dieses Problem mit den Methoden der Industrialisierung an: Teilung der Arbeit in Einzelschritte (Algorithmisierung) und deren Übertragung auf Maschinen (Automatisierung). Er weiß durch die Verfahren des Franzosen Gaspard de Prony, der nach der Französischen Revolution beauftragt worden war, mathematische Tafeln im neuen Dezimalsystem zu berechnen, dass auch solche geistig-intellektuellen Aufgaben wie manuelle Tätigkeiten durch Arbeitsteilung effektiv organisiert werden können.
Babbage setzt sich zum Ziel, auch den zweiten Schritt zu vollziehen und Maschinen zu konstruieren, die die Arbeitsschritte automatisch ausführen.

(http://www.at-mix.de/charles_babbage.htm; vgl.

http://www.nfg24.de/schueler/gdc/babbage.htm

http://www.ingenieur-id.de/epoche/beruhmte-ingenieure/id51/Charles-Babbage

http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Babbage)

Louis Auguste Blanqui (1805-1881)

Er studierte Rechtswissenschaften und Medizin, fand aber schon bald im politischen Engagement seine Berufung. […] Im Oktober 1839 wird Blanqui verhaftet und wegen der Beteiligung an dem fehlgeschlagenen Aufstand gegen den „Bürgerkönig“ Louis Philippe zu lebenslanger Haft verurteilt. […]

Nach neun Jahren wurde er begnadigt und trat noch im selben Jahr als Wortführer der Linken im Pariser Juniaufstand von 1848 in Erscheinung. Daraufhin wurde er erneut verhaftet und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Dort entwarf er eine eigene sozialistische Theorie, in deren Zentrum die Idee einer Diktatur des Proletariats stand: „Dass Frankreich vor bewaffneten Arbeitern strotzt, ist der Beginn des Sozialismus“. Nach seiner Freilassung und erneuten Verurteilung und Inhaftierung in den Jahren 1861–1865 begab er sich ins Exil nach Belgien, um von dort seinen Kampf weiterzuführen.

Nach der Generalamnestie des Jahres 1869 kehrte er wieder nach Frankreich zurück. Schon 1870 beteiligte er sich dann an der Organisation der Aufstände, die zur Gründung der Pariser Kommune führten. Im Oktober 1870 stand er dann für kurze Zeit an der Spitze der Übergangsregierung. Nach der blutigen Niederschlagung der Kommune kam Blanqui erneut ins Gefängnis. Dort schreibt er, beeinflusst von Laplace und Lalande, das kosmologische Werk L’Eternité par les astres. Die Grundthesen sind u.a. eine unendliche Verknüpfung aller belebten und unbelebten Erscheinungen miteinander und die Existenz von „Doppelgänger-Universen“, in denen alle möglichen Entwicklungen ihren realen Widerpart haben (siehe auch Mögliche Welt). Er wurde 1879 begnadigt. Blanqui starb 1881.

Kurz vor seinem Tod schrieb er sein Hauptwerk, die Critique sociale, die aber erst im Jahr 1885 postum veröffentlicht wurde.

Blanqui hatte großen Einfluss auf spätere kommunistische und sozialistische Bewegungen. Seine Anhänger, die Blanquisten, schlossen sich schließlich der Sozialistischen Partei Frankreichs an.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Louis-Auguste_Blanqui; vgl.

http://fr.wikipedia.org/wiki/Auguste_Blanqui

http://www.ohio.edu/chastain/ac/blanqui.htm

http://fr.wikipedia.org/wiki/Auguste_Blanqui)

Jean Eugène Robert-Houdin (1805-1871)

gilt als einer der größten Zauberkünstler des 19. Jahrhunderts. Geboren wurde er am 7. Dezember 1805 als Sohn eines Uhrmachers in Blois. Und eigentlich hieß er nur Jean Eugéne Robert. Den Namen Houdin legte er sich erst viel später zu. Als junger Mann begann er eine Uhrmacherlehre bei seinem Vater. Eines Tages fiel ihm ein Buch über Zauberkunststücke in die Hände. Von diesem Moment an beschloss er, Zauberer zu werden. […]

Hauptgrund für Houdins Berufswechsel war das Theater. Zu der damaligen Zeit schwelgte es in der Romantik. Was die Schauspieler auf der Bühne zeigten, waren abenteuerliche und wilde Geschichten mit Geheimtüren, Spiegeln und Geistererscheinungen. Um diese Spezial-Effekte vorführen zu können, bedienten sich die Bühnenarchitekten aus der Trickkiste der Zauberkünstler.

Jean Eugéne beschloss, das alles umzukehren. Bisher benützte das Theater Tricks, um Geschichten zu inszenieren. Ihm schwebte jedoch eine abendfüllende Zaubershow vor. Am 3. Juli 1845 hatte Robert-Houdin seine denkwürdige Premiere in der Galerie de Valois im Palais Royal in Paris vor zweihundert Zuschauern. Neu waren Houdins Tricks natürlich nicht, aber gegenüber seinen Berufskollegen hatte er den Vorteil, auf eine ganze Reihe mechanischer Hilfsmittel zurückgreifen zu können.

Eines seiner Kunststücke war ein blühender Orangenbaum. Houdin lieh sich von einer Dame aus dem Publikum ein Taschentuch, rollte es zusammen, legte es in ein Ei, das Ei in eine Zitrone und diese zuletzt in eine Orange. Mit bloßen Händen drückte er die Orange zu einem Pulver zusammen, das er in einem Weinglas mit Flüssigkeit vermischte. Die Flüssigkeit wurde entzündet, und der aufsteigende Dampf sorgte dafür, dass sich die Blüten des Orangenbaums vor den Augen des Publikums in leuchtende Früchte verwandelten. Houdin pflückte die Orangen und verteilte sie an die Damen im Saal. Die letzte behielt er jedoch in der Hand, um sie in zwei Teile zu zerteilen. Dann flatterten zwei Schmetterlinge herbei und trugen das Taschentuch, dass sich in der Orange befand an den Platz der Zuschauerin zurück. […]

Um 1854 zog sich Robert-Houdin aus dem Showgeschäft zurück. Das Zaubern gab er jedoch nicht auf. In seinem Anwesen „La Prieuré“ am linken Ufer der Loire öffneten sich alle Türen automatisch. Auch die Uhren gehorchten seinem Befehl oder spielten verrückt, wenn er es wollte. Der Magier der technischen Tricks starb am 13. Juni 1871.

(http://suite101.de/article/robert-houdin—zauberer-mit-technischen-tricks-a129935#.VWM22ucx2Hk; vgl. http://watch-wiki.org/index.php?title=Robert-Houdin,_Jean_Eug%C3%A8ne/de)

Isambard Kingdom Brunel (1806-1859)

war der Sohn des französischen Architekten und Ingenieurs Marc Isambard Brunel. Er wuchs in seiner Geburtsstadt Portsmouth, in London und in Frankreich auf, wo er das Lycee Henri IV in Paris besuchte und anschließend eine Lehre bei dem berühmten Uhrmacher Abraham Louis Breguet in Paris durchlief. Zurück in England übernahm er von seinem Vater den Bau des Londoner Tunnels über den Thames (Themse).

Ab 1831 erbaute er die Docks in Plymouth, Cardiff, Brentford und Milford Haven. Ab 1833 arbeitete er für die ‚Great Western Railway‘ und erbaute Eisenbahnstrecken mit kunstvollen Viadukten, Bahnhöfen und Untertunnelungen.

Später wandte er sich der Schiffahrt zu und erbaute u.a. das damals weltgrößte Dampfschiff (‚Great Western‘).

Daneben baute er auch Brücken wie die Hängebrücke Clifton Suspension Bridge (Wahrzeichen von Bristol) und die ‚Royal Albert Bridge‘ in Saltash (Cornwall).

Brunel ist einer der wichtigsten Pioniere der Industriellen Revolution und des viktorianischen Zeitalters. Für die Briten ist er – nach Winston Churchill – der zweitgrößte Brite aller Zeiten.

(http://www.hamleyhall.de/england/isambard_kingdom_brunel_und_die_great_western_railway.html; vgl.

http://www.bernd-nebel.de/bruecken/index.html?/bruecken/2_pioniere/brunel/brunel.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Isambard_Kingdom_Brunel

http://dausel.com/download/brunel.pdf)

Charles Robert Darwin (1809-1882)

studierte 1825–27 Medizin in Edinburgh und 1827–31 Theologie in Cambridge, doch sein Interesse galt der Biologie. 1831–36 unternahm er als naturwissenschaftlicher Begleiter auf dem Vermessungsschiff „Beagle“ eine Weltreise, auf der ihm vor allem seine Beobachtungen der Vogelwelt auf den Galápagosinseln zu seinen Einsichten über den Ursprung der Arten verhalfen. Nach England zurückgekehrt, lebte Darwin ab 1837 in London und ab 1842 auf seinem Landsitz in Down.

Wissenschaftliche Gründlichkeit, aber auch die Furcht vor Anfeindung ließen Darwin mehr als zwanzig Jahre zögern, seine Evolutionstheorie zu veröffentlichen. Erst 1859 erschien sein bahnbrechendes Werk „On the Origin of Species by Means of Natural Selection“, deutsch „Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“. Hierin ging er von der grundlegenden Beobachtung aus, dass Arten stets einen Überschuss an Nachkommen produzieren, ihre Zahl aber innerhalb einer gewissen Schwankungsbreite konstant bleibt, da u. a. die natürlichen Ressourcen begrenzt sind. Dieses Phänomen erklärte er damit, dass zwischen den Individuen einer Art, die sich in ihren Merkmalen mehr oder weniger unterscheiden, ein Konkurrenzkampf stattfindet, in dessen Folge ein Teil der Nachkommen das Fortpflanzungsalter nicht erreicht. Diejenigen Mitglieder der Population, deren Merkmalsvarianten der Konkurrenz standhalten, sind besser angepasst und geben ihre Gene an die nächste Generation weiter. Diese „natürliche Auslese“ führt zum Wandel der Arten.

Von E. Haeckel angeregt, übertrug er seine Anschauung auch auf den Menschen und dessen Abstammung. Darwins Theorie, heute Grundlage der Evolutionsbiologie, war lange Zeit vor allem deshalb sehr umstritten, weil sie den biblischen Schöpfungsmythos ebenso negiert wie eine Sonderstellung des Menschen.

(http://www.wissen.de/lexikon/darwin-charles-robert; vgl.

http://www.planet-wissen.de/natur_technik/forschungszweige/evolutionsforschung/charles_darwin.jsp

http://www.spektrum.de/lexikon/biologie/darwin-charles-robert/16849

http://m.schuelerlexikon.de/bio_abi2011/Charles_Robert_Darwin.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Darwin)

Georges Eugène Baron Haussmann (1809-1891)

Städtebau: Unter Haussmann wurden zahlreiche Straßen verbreitert, Boulevards sollten Sicht-Achsen zwischen Monumenten bilden und betonten zugleich die Grenzen zwischen einzelnen Regionen Paris‘. Nicht nur auf der Île de la Cité (Notre Dame) wurden dabei tausende kleine Häuser weggerissen.

Architektur: Für Größe und Aussehen der Häuser galten Regeln: Eine Mindesthöhe der Räume von ca. 2,60 Meter; die Fassaden sollten die Perspektive der Straßen – durch einheitliche Linien – optisch verstärken. Die Architektur wird am ehesten als eklektizistisch beschrieben – als (möglicherweise wahlloses) Stil-Gemisch mit überwiegend neo-klassizistischen und barocken Elementen. Typische Haussmann-Gebäude werden in drei Klassen geteilt:

  • Klasse 1 – für die Wohlhabenden mit hohen Repräsentationsräumen im 1./2. Stock und Extra-Eingängen für die Bediensteten, die in den Mansarden wohnten.
  • Klasse 2 – deren belle Etage i.d.R. von den Besitzer genutzt wurde, einzelne Wohnung konnten auch vermietet werden, für Bedienstete gab es weiter eigene Aufgänge.
  • Klasse 3 – als normales Mietshaus mit nahezu gleichwertigen Etagen und mit Geschäften im Erdgeschoss.

Der „Umbau” Paris’ unter Napoleon III. und Haussmann bewirkte Öffnung und Zurückgezogenheit bzw. Einengung zugleich:

  • Öffnung: Einerseits wurde die Stadt durch Eingemeindungen und Stadtrand-Parks vergrößert. Breitere Straßen und Kanalsysteme verbesserten die Verkehrs- und hygienische Situation der Stadt. Zugleich bewirkten die baulichen Vorgaben und die Typisierung von Gebäuden eine Veränderung der gewohnheitsmäßen Nutzung und Aufteilung von Stadthäusern und Wohnungen hinsichtlich privater/intimer und öffentlicher Räume: Aus dem „Hôtel” wurde die Mietwohnung; aus dem Salon der „Belle Etage” das Wohn- und Esszimmer, das sowohl als Privatraum wie auch zum Empfang und zur Repräsentation diente.
  • Einengung: Andererseits trat mit dem Stadt-„Umbau” die Trennung der Gesellschaftsschichten offensichtlicher zutage, wo breite Straßen als (optische) Grenzen zwischen Vierteln unterschiedlicher Lebensqualität verliefen (insb. im Osten der Stadt); insofern wandelte sich hier das städtebauliche Konzept von der Idee der integrierten Stadt zur Unterteilung in Zonen. Im Zuge der teilweisen Restrukturierung besetzte das Zweite Kaiserreich Erinnerungsorte der jüngeren französischen Geschichte oder beseitigte sie. Zugleich bewirkten die Vorgaben und Typisierung von Gebäuden nach anfänglichen Experimenten einen weitgehenden Stillstand in der Entwicklung der Pariser Architektur.

(http://www.wissen.wortschlag.net/dokuwiki/doku.php?id=recherche-wiki:kuge:haussmann; vgl.

http://nmueller.org/paris/?page_id=30

http://de.wikipedia.org/wiki/Georges-Eug%C3%A8ne_Haussmann

http://home.arcor.de/sschulte84/industrialisierung.htm)

Frédéric Chopin (1810-1849)

Chopin erlernte und komponierte bereits mit sieben Jahren erfolgreich seine ersten Klavierstücke unter der Supervision des polnischen Pianisten Wojciech Adalbert Zywny, die bereits kurze Zeit später als Meisterstücke gefeiert wurden. […]

In den darauf folgenden Jahren begann Frédéric Chopin sein Studium der Musik und Komposition an der Warschauer Musikschule […].

Am 2. November 1830 verließ Frédéric Chopin zum ersten Mal für einen längeren Zeitraum Polen und reiste mit seinem Freund Tytus Woyciechowski nach Wien. Wenige Tage nach der Ankunft in Wien brachen in Polen schwere Aufstände aus, die es Chopin nicht möglich machten, nach Warschau zurückzukehren.

Mitte des Jahres 1931 entschied sich Chopin, nach Paris auszuwandern, wo er bereits eine hervorragende Reputation genoss und stets mehr Anerkennung aus dem Publikum gewann. In dieser Zeit schloss Frédéric Chopin wichtige Freundschaften mit den bedeutenden Musikern und Komponisten Mendelssohn, Liszt, Franchomme und Berlioz.

Im Jahre 1837, zu einer Zeit, in der Chopin in Paris bereits als einer der größten Pianisten seiner Zeit gehandelt wurde, lernte er die französische Schriftstellerin George Sand kennen – eine Beziehung, die über zehn Jahre anhielt.

Die französische Schriftstellerin Sand, geschieden, mit zwei Kindern und sechs Jahre älter als Chopin, begleitete ihn auch nach Mallorca, wo beide den Winter 1938 verbrachten, in der Hoffnung, dass sich Chopins Gesundheitszustand besserte.

Am 16. November 1848 gab Frédéric Chopin sein letztes Konzert in London, bevor er am 17 Oktober 1849 an seiner Tuberkulose in Paris erlag. Auf eigenen Wunsch Chopins wurde er auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise beerdigt, sein Herz wurde jedoch in die Heiligkreuzkirche in Warschau gebracht.

(http://www.info-polen.com/beruehmt/frederic-chopin.php; vgl.

http://www.br-online.de/kinder/fragen-verstehen/musiklexikon/2009/02546/

http://www.chopin-musik.com/

http://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%A9d%C3%A9ric_Chopin

http://www.chopingesellschaft.de/chopin/biografie.html)

Michail Aleksandrovic Bakunin (1814-1876)

war ein russischer Revolutionär, Anarchist und Panslawist. Er gilt als einer der einflussreichsten Denker, Aktivisten und Organisatoren der anarchistischen Bewegung. Bakunin entstammte einer alten russischen Adelsfamilie. Er war Artillerieoffizier und Mathematiklehrer. Durch seinen Aufenthalt in Westeuropa mit vielen revolutionären Persönlichkeiten bekannt, nahm er 1848 an den Erhebungen in Paris und Prag sowie 1849 an führender Stelle in Dresden teil. Nach der Niederschlagung des Dresdner Maiaufstands wurde Bakunin festgenommen und interniert. Er verbrachte acht Jahre in Gefängnissen und weitere vier Jahre in sibirischer Verbannung, bis ihm die Flucht gelang. Seine darauf folgenden revolutionären Aktivitäten konzentrierte er im Wesentlichen auf das zu seiner Zeit dreigeteilte Polen und das neugegründete Italien. Bakunin entwickelte die Idee des kollektivistischen Anarchismus. In der Internationalen Arbeiterassoziation war Bakunin die Hauptfigur der Antiautoritären und mit Generalratsmitglied Karl Marx im Konflikt, was zur Spaltung der Internationale führte und gleichzeitig zur Trennung der anarchistischen Bewegung von der kommunistischen Bewegung und der Sozialdemokratie.

(http://de.dbpedia.org/page/Michail_Alexandrowitsch_Bakunin; vgl..

http://deu.anarchopedia.org/Michail_Bakunin http://www.dadaweb.de/wiki/Michail_Aleksandrovi%C4%8D_Bakunin

http://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Alexandrowitsch_Bakunin)

Vgl. auch Enzensbergers Buch „Freisprüche. Revolutionäre vor Gericht, 1970: http://enzensberger.germlit.rwth-aachen.de/freisprueche.html, mit Beitrag über Bakunin (und Blanqui)

Ignaz Philipp Semmelweis (1818-1865)

hatte in Pest (heute: Budapest) und Wien Medizin studiert und dort im Jahr 1844 promoviert. 1846 wurde er zum Assistenten der Geburtshilflichen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses in Wien ernannt. Diese bestand aus zwei Abteilungen, eine, die den Ärzten und Medizinstudenten zugeordnet war und eine zweite, für die die Hebammen verantwortlich waren. Die schweren „Epidemien“ mit auffallend mehr Todesopfern in der ersten Abteilung führten Semmelweis zu der Annahme, dass die Ursache in der ärztlichen Untersuchung liegen musste. Durch den Tod des befreundeten Gerichtsmediziners Jakob K. Kolletschka (1803–1847), der an einer Blutvergiftung (Sepsis) starb, die er sich durch eine Wunde beim Sezieren zuzog, konnte Semmelweis im Mai 1847 zeigen, dass das Krankheitsbild der Sepsis bei diesem Kollegen identisch war mit dem Krankheitsbild des Kindbettfiebers der Mütter. Die gemeinsame Ursache waren, wie er schrieb, „die Leichenteilchen, die in das Blutgefäßsystem gelangten“. Dies war nicht verwunderlich, denn Ärzte und Studenten kamen direkt vom Seziersaal zur Untersuchung und infizierten so ihre Patientinnen. Durch Einführung der Desinfektion, durch Waschungen der Hände mit einer Lösung aus Chlorkalk als hygienische Maßnahme konnte Semmelweis in seiner Abteilung die hohe Sterblichkeit der Frauen um die Hälfte senken. Man ernannte ihn zwar zum Privatdozenten, doch wurde er in Kollegenkreisen diskreditiert.

Im Jahr 1855 erhielt Semmelweis an der Pester Universität eine Professur für Geburtshilfe. Hier verfasste er eine umfassende Darstellung seiner Entdeckungen, Untersuchungen und Ergebnisse, die er in „Offenen Briefen“ verbreitete und die 1861 als „Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers“ erschienen. Nur wenige Kollegen, unter ihnen die Mediziner Ferdinand von Hebra (1816–1880) und Joseph Skoda (1805–1881), setzten sich für ihn ein und verbreiteten seine Ideen.

(http://www.onmeda.de/persoenlichkeiten/semmelweis.html; vgl.

http://www.pflegewiki.de/wiki/Ignaz_Semmelweis

http://www.deutsche-biographie.de/pnd118613138.html

https://gesellschaft-medizinische-ausbildung.org/files/ZMA-Archiv/1998/1/Warnecke_H-x.pdf)

Étienne Jules Marey (1830-1904)

Mit seiner Erfindung des Kardiographen im Jahre 1861 hatte Étienne-Jules Marey den Ärzten erstmals ein Diagnosegerät an die Hand gegeben, mit dem sie wichtige Aufschlüsse über die Herzfunktionen im normalen und im pathologischen Zustand erkennen konnten. Grundlage von Mareys Gerät ist die 1842 von Emil du Bois-Reymond (1818-1896) entdeckte Bioelektrizität in den Nerven und der Muskulatur. Daher können die vom Herzen erzeugten elektrischen Ströme an geeigneten Stellen der Körperoberfläche abgenommen und mit ausreichend empfindlichen Messgeräten und daran gekoppelten Schreibvorrichtungen aufgezeichnet werden. Mit von Galvanometern gesteuerten Schreibern hat Marey die typische Herzstromkurve ermittelt, die auch heute Bestandteil kardiographischer Untersuchungen ist.

Étienne-Jules Marey studierte in Paris Medizin, spezialisierte sich ab 1855 auf das Fach Physiologie und war daneben auch in der Tierphysiologie aktiv. 1867 wurde er Professor der Humanphysiologie. Aus Beobachtungen seiner Arzttätigkeit und dem wachsenden Interesse der Öffentlichkeit an der Körperbewegung bei Menschen und Tieren entwickelte Marey spezielle fotographische Apparate und lieferte mit seinen experimentellen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen grundlegende Beiträge zur Bewegungsanalyse, die er 1868 unter anderem in dem Buch „Du mouvement dans les fonctions de la vie“ veröffentlichte. Für seine Bewegungsstudien konstruierte er 1874 einen fotographischen Apparat zur automatischen Aufzeichnung schneller Bewegungen, mit denen er als einer der ersten die Gangart von Tieren analysierte.

[…] Dabei gelang es ihm erstmals, Serienaufnahmen von fliegenden Vögeln zu machen, die er mit einem selbst entwickelten Filmprojektor in Zeitlupe wiedergab. 1893 erhielt er für seine Apparatur das Patent. Aus diesem Grund wird Marey – neben den Gebrüdern Lumiére – als Begründer der Filmtechnik angesehen. 1890 baute Marey die erste funktionsfähige Filmkamera für den von dem US-Amerikaner George Eastman (1854-1932) im Jahre 1889 entwickelten Zelluloid-Rollfilm, mit der er 1894 bis 700 Bilder pro Sekunde wiedergeben konnte.

[http://www.onmeda.de/persoenlichkeiten/marey.html; vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89tienne-Jules_Marey

http://www.zeno.org/Fotografien/A/Marey,+%C3%89tienne-Jules (Fotografien)

Sir Henry Morton Stanley (1841-1904)

Henry Morton Stanley hieß eigentlich John Rowlands. Er wurde am 28. Januar 1841 in Wales geboren. […] Mit 15 heuerte er auf einem Schiff an, mit dem er in die Vereinigten Staaten nach New Orleans segelte. Er fand dort Arbeit bei einem Baumwollhändler namens Henry Hope Stanley und übernahm dessen Namen und hieß nun Henry Morton Stanley. 1861 trat er der Konföderierten Armee bei, um im amerikanischen Bürgerkrieg zu kämpfen.

Nach Kriegsgefangenschaft und einer Zeit bei der Kriegsmarine floh Stanley aus der Armee nach St. Louis und schrieb dort bei einer Lokalzeitung Artikel. Während der Indianerkriege erfand er dramatische Schlachten, die gar nicht stattfanden, um mehr Leser zu bekommen. Dadurch wurde James Gordon Bennett Jr. auf ihn aufmerksam.

Dieser war Herausgeber des New York Herald, einer großen Zeitung. 1867 verpflichtete er Stanley und schickte ihn als Kriegsberichterstatter nach Abessinien und Spanien, um von den dortigen Kämpfen und Unruhen zu berichten. Am 16. Oktober 1869 erteilte ihm sein Verleger den Auftrag: Finden Sie Livingstone!

David Livingstone war ein englischer Arzt, der im Kongo während seiner Missionsarbeit verschollen war. Mit einem Tross von 190 Männer zog Stanley in den afrikanischen Urwald, um schließlich im November 1871 auf Livingstone zu treffen. Der Erfolg macht ihn bekannt und so unternahm er noch einige weitere Expeditionen, obwohl er Afrika eigentlich zutiefst hasste, wie er selbst schrieb.

Der belgische König Leopold II. traf 1878 auf Henry Morton Stanley und gewann ihn für die Erforschung des Kongos. Der König wollte schon länger Kolonien für sein Land. In einer weiteren großen Expedition erschloss Stanley den Regenwald und erwarb das Land für den belgischen König. Die Häuptlinge der Stämme unterschrieben die Verträge, ohne den Inhalt zu verstehen.
Bei der Expedition zur Suche nach dem deutschen Emin Pascha, der im Sudan festgehalten wurde, erforschte Stanley den Rest des Kongos. Schließlich fand er Pascha, der sich aber weigerte, für Leopold II. zu arbeiten. Die Reise brachte Stanley großen Ruhm ein und schließlich wurde er 1899 zum Ritter geschlagen. Seit Mitte der 1890er Jahre machte er nur noch Reisen in zivilisierte Gegenden und mied den Dschungel.

Viele der von Stanley veröffentlichten Berichte und Bücher enthalten erwiesenermaßen nicht nur wahre Erzählungen. Vielmehr versuchte der Journalist und Entdecker mit den Berichten eine besonders schillernde und spannende Geschichte von sich zu erzählen und erfand Vieles.
Oft starben seine europäischen Begleiter während der Expeditionen, weshalb niemand seine Behauptungen widerlegen konnte. Was von Stanleys Legende wahr ist, ist aus heutiger Sicht kaum noch zu beurteilen. Sir Henry Morton Stanley starb im Mai 1904 in London im Alter von 63 Jahren.

(http://www.wasistwas.de/archiv-geschichte-details/henry-morton-stanley-expeditionen-durch-den-kongo.html; vgl.

http://www.planet-wissen.de/natur_technik/fluesse_und_seen/kongo/kongo_stanley.jsp

http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Morton_Stanley

http://www.zeit.de/2004/19/ZL-Stanley)

Frederick Winslow Taylor (1856-1915)

stellte sich die Aufgabe, die Leistungen der menschlichen Arbeitskraft zu steigern. Er ging von der Annahme aus, dass von den monetären Anreizen die stärkste Wirkung zu erwarten sei. Merkmale seiner sogenannten „Wissenschaftlichen Betriebsführung“:

  • Systematische Arbeits- und Zeitstudien
  • Hohe innerbetriebliche Arbeitsteilung, kleinste, leicht erlernbare Teilaufgaben.
  • Führungsprinzip: Anleitung und Kontrolle
  • Menschen haben sich den Maschinen anzupassen
  • Materielle Anreizsysteme. Motivation: Entlohnung
  • Möglichst enger Zusammenhang zwischen Entlohnung und individueller Leistung
  • Optimierung der Arbeitsumgebung

Problem: Widerstand der Arbeitnehmer gegen Arbeitsintensivierung, Arbeitszurückhaltung und -verweigerung, Krankmeldungen

Kritik:

  • Entwürdigung des Menschen durch das mechanistische Menschenbild
  • Die Leistungsfähigkeit der Menschen kommt bei der hohen Spezialisierung nicht zur Entfaltung
  • Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit

Auf Taylor und sein Funktionsmeisterprinzip geht die Idee des Mehrliniensystems zurück. Heute orientieren sich immer noch Unternehmen am Taylorismus.

(http://www.ibim.de/pl+orga/1-4.htm; vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Frederick_Winslow_Taylor http://www.matkuch1.de/tayt3.htm

https://campus.tum.de/tumonline/LV_TX.wbDisplayTerminDoc?pTerminDocNr=701)

Georges Méliès (1861-1938)

wurde am 8. Dezember 1861 in Paris geboren und starb auch dort am 21. Januar 1938. So fing alles an: Der Zauberkünstler Georges Méliès erwirbt bei dem Londoner Optiker Robert W. Paul eine Filmkamera und beginnt damit, Zauberkunststücke zu filmen und mit einfachen filmischen Tricks zu mixen; diese „Filme“, beispielsweise „Das Verschwinden einer Dame“, werden vom Publikum mit Enthusiasmus aufgenommen.
In den folgenden Jahren entdeckt er allmählich die Möglichkeiten der filmischen Erzählung und kann sich so vom reinen Abfilmen des Geschehens lösen; er wird der erste sein, der das Geschehen gezielt für den Film inszeniert und dabei erste dramaturgische Gestaltungsmittel anzuwenden weiß: Er produzierte von 1896-1914 rund 1200 Filme, darunter den Meilenstein „Die Reise zum Mond“ im Jahre 1902. Der Legende nach soll er auf dem Pariser Opernplatz eine Straßenszene gefilmt haben. Dann ist ihm die Filmrolle ausgegangen. Melies läßt Stativ und Kamera stehend, legt eine neue Filmrolle ein und dreht weiter. Im später fertig geschnittenen Film verschwinden Passanten wie von magischer Hand, wiederum andere tauchen plötzlich auf.

Als Sohn eines reichen Schuhfabrikanten wurde er in Paris geboren. Dort besuchte er die Schule, bis diese im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zerstört wird. Schon früh begann er zu zeichnen und sich für die Magie zu interessieren. Sein Vater will ihn lieber in der eigenen Fabrik sehen, er aber will sich an der Ecole des Beaux-Arts einschreiben. Nach der seiner Militärzeit, 1884, wurde Melies von seinen Eltern nach London geschickt, um Englisch zu lernen. Daß er sich lieber bei den Royal Illusionists aufhielt, war eine andere Sache. Zurück in Paris übernimmt er die Geschäfte seiner Vaters, was ihn in den finanziellen Stand versetzt, 1888 das bekannte Théâtre Robert Houdin im Palais Royal für 40.000 Francs zu kaufen. Zu Beginn des 20.ten Jahrhunderts waren Méliès’ Produktionen weltweit Erfolge, und 1903 entstand sogar eine Filiale in New York. Doch um 1907 begann der Niedergang der Star-Produktionsgesellschaft, und 1911 musste er mit Pathé fusionieren. Mit geliehenem Geld entstanden seine letzten Filme wie La conquete du pole (1912; Die Eroberung des Pols) und Le Voyage des Bourrichons (1913; Die Reise der Familie Bourrichon). Der 1.Weltkrieg führte zu Méliès’ endgültigen Ruin, sein Besitz wurde zerstört und verkauft.

Neben Auguste und Louis Lumière und den Brüdern Skladanowski gilt er als einer der großen Filmpioniere. Er, der zuletzt seinen Lebensunterhalt als Spielzeughändler verdienen musste, war einer der Wegbereiter des modernen Films, und ohne ihn wäre die Filmhistorie wesentlich armseliger verlaufen.

(http://www.digitalvd.de/biografien/Georges-Melies.html; vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Georges_M%E9li%E8s)

Ugo Cerletti (1877-1963)

Der ungarische Arzt Ladislas J. Meduna (1896–1964) hatte aufgrund klinischer Beobachtungen an Patienten und neuropathologischer Befunde in den 1920er Jahren einen Antagonismus zwischen der Schizophrenie und Epilepsie angenommen. Ausgehend von dieser Theorie führte Meduna ab November 1933 Tierversuche mit Kampfer durch. Von Kampfer, einem Stoff aus der Naturheilkunde, war schon seit längerem bekannt, dass seine Verabreichung zu epileptischen Anfällen führen konnte. Am 23. Januar 1934 führte Meduna erstmals eine Kampferinjektion bei einem schizophrenen Patienten durch, dessen Zustand sich nach dem medikamentös ausgelösten epileptischen Anfall schlagartig besserte. […]

Der italienische Psychiater Ugo Cerletti, der seit Beginn der 1930er Jahre tierexperimentell die Folgen elektrisch ausgelöster epileptischer Anfälle auf das Gehirn untersuchte, widmete sich unter dem Eindruck der Erfolge Medunas der Frage, ob auch beim Menschen epileptische Anfälle gefahrlos elektrisch eingeleitet werden konnten. Cerletti und seine Assistenzärzte Lucio Bini, Ferdinando Accornero und Lamberto Longhi führten zunächst systematische tierexperimentelle Untersuchungen an Hunden und Schweinen durch. Diese sollten klären, an welchen Stellen die Elektroden am besten anzubringen wären und wie groß die zu verabreichenden Stromstärken und Spannungen sein sollten, um epileptische Anfälle auszulösen, ohne die Patienten zu gefährden. Im April 1938 wendeten sie die neue Methode erstmals bei einem schizophrenen Patienten an. Nach elf Therapiesitzungen konnte der Patient in gebessertem Zustand entlassen werden. Nach weiterer Anwendung der Elektrokrampftherapie wurde deutlich, dass mit ihrer Hilfe keine Heilung schizophrener Symptome möglich war. Da dennoch der Zustand vieler Patienten gebessert werden konnte, verbreitete sich die Elektrokrampftherapie in den folgenden Jahren rasch in den psychiatrischen Kliniken.

(https://de.wikipedia.org/wiki/Elektrokrampftherapie; vgl.

http://en.wikipedia.org/wiki/Ugo_Cerletti

http://flexikon.doccheck.com/de/Elektrokrampftherapie

http://kulturkritik.net/begriffe/begr_txt.php?lex=elektroschock

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/depressionen/article/460670/elektrokrampftherapie-ultima-ratio-schweren-depressionen-wissenschaftlich-abgesichert.html)

Vgl. Enzensberger: Die Elixiere der Wissenschaft. Seitenblicke in Poesie und Prosa, 2002 http://enzensberger.germlit.rwth-aachen.de/elixiereinhalt.html

Vjaceslav Michailovic Molotow (1890-19  ) [-1986]

schloß sich 1906 den Bolschewiki an, wurde 1912 in die Redaktion des Parteiorgans Prawda aufgenommen und 1916 in das russische Büro des Zentralkomitees der Bolschewiki. Von 1908 bis 1911 und von 1914 bis 1916 wurde er nach Sibirien verbannt. Nach der Oktoberrevolution von 1917 hatte er verschiedene Parteiämter in der Provinz inne und wurde 1921 auf Betreiben Lenins Sekretär des Zentralkomitees der Partei. Seit 1912 war er einer der engsten Mitarbeiter Stalins, dessen Aufstieg zur Macht in Partei und Staat er förderte, wobei er selbst in die oberste Führungsspitze der KPdSU aufrückte; obwohl Jagoda, Jeschow und Berija die Ausführenden der von Stalin veranlaßten Großen Säuberungen in den 1930er Jahren waren, war Molotow darin involviert. Exekutionslisten tragen u.a. seine Unterschrift. Und er war einer der Unterzeichner der Resolution, die die Ermordung polnischer Offiziere in Katyn ermöglichte. Von 1926 bis 1952 war Molotow Vollmitglied des Politbüros, von 1931 bis 1941 Vorsitzender des Rates der Volkskommissare und von 1939 bis 1949 Volkskommissar des Äußeren. In dieser Position war er 1939 an der Ausarbeitung des Hitler-Stalin-Paktes beteiligt.

Während des Zweiten Weltkrieges gehörte Molotow von 1941 bis 1945 dem Verteidigungskomitee an und leitete die sowjetische Delegation bei Konferenzen der Anti-Hitler-Koalition. Anfang 1949 fiel er bei Stalin in Ungnade und wurde am 5.3.1949 als Volkskommissar des Äußeren entlassen, blieb aber weiterhin Mitglied des Politbüros sowie einer der Stellvertretenden Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare, dann aber ab August 1952 nicht mehr zu den Sitzungen des Politbüros eingeladen. Nach dem Tod Stalins wurde Molotow 1953 wiederum Außenminister, mußte jedoch bereits 1956 wegen seiner Kritik an der Politik Chruschtschows zurücktreten. 1956/57 war er kurzzeitig Minister für Staatskontrolle. 1957 mußte er alle Partei- und Staatsämter niederlegen und wurde als Botschafter in die Mongolei abgeschoben – westliche Länder wollten ihn als Botschafter nicht akzeptieren. 1960/61 vertrat er die Sowjetunion bei der Internationalen Atomenergiekommission. 1962 wurde er aus der KPdSU ausgeschlossen, 1984 jedoch wieder in die Partei aufgenommen.

(http://www.knerger.de/html/politiker_7.html; vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wjatscheslaw_Michailowitsch_Molotow

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13521606.html)

Wilhelm Reich (1897-1957)

war ein österreichisch-amerikanischer Psychologe und Gesellschaftstheoretiker jüdischer Abstammung. Ursprünglich ein Schüler Freuds, versuchte er später eine Verbindung  psychoanalytischer und marxistischer Gedanken. […]

Für Wilhelm Reich ist die Unterdrückung der frühkindlichen Sexualität ein sehr wichtiger Faktor bei der Entstehung der Verhaltensweisen. Das Bewusstsein sei nur ein kleiner Teil des Seelischen und werde von unbewussten Seelenvorgängen dirigiert. Die Sexualenergie sei der zentrale Motor des Seelenlebens, sobald die sexuellen Bedürfnisse in Widerspruch geraten würden zu den gesellschaftlichen Bedingungen. Im Seelischen würden natürliche Voraussetzungen und gesellschaftliche Bedingungen aufeinander treffen. Die moralischen Instanzen im Menschen seien ein Produkt der Erziehung und wendeten sich besonders gegen die Sexualität. Es entstehe ein innerer Widerspruch von Trieb und  Moral. Die verdrängte Sexualität werde zur Ursache für Komplexe, Neurosen usw.

Reich fragte nun, warum die Sexualität von der Gesellschaft unterdrückt wird. Die augenblicklichen patriarchalischen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse machten die Sexualunterdrückung notwendig. Die Sexualunterdrückung stehe nicht am Anfang des Kulturprozesses, (wie  Freud annahm), sondern am Beginn der Klassenspaltung. Durch die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit (und die daraus entstehenden psychischen Störungen) würden die Menschen ängstlich, scheu, autoritätshörig, gehorsam und erziehbar gemacht. Sie schaffe einen Menschen, der sich widerspruchslos beherrschen und ausbeuten lasse.

Die Unterdrückung grob materieller Bedürfnisse führe zur Rebellion. Die Unterdrückung sexueller Bedürfnissen führe zu deren Verdrängung und verhindere die Rebellion gegen beide Arten der Unterdrückung. Die Sexualunterdrückung schaffe darüber hinaus eine sekundäre Kraft, die die patriarchalische Gesellschaft stütze. Die unterdrückte Sexualität suche nach Ersatzbefriedigung. So werde die natürliche Aggressivität gesteigert zu brutalen Sadismus und dieser zur Ursache von Folter, Krieg, KZ u. ä. Der Militarismus baue auf den exibitionistischen Charakter der Uniform oder auf den erotisch aufreizenden, da rhythmischen Parademärschen auf.

[…] Ab ca. 1937 driftet Reich in obskure Arbeitsmethoden ab, aus denen er ebenso obskure »naturwissenschaftliche« Theorien ableitet.

(http://www.philolex.de/reich.htm; vgl.

https://www.psiram.com/ge/index.php/Wilhelm_Reich

http://www.lsr-projekt.de/wrsex.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Reich

http://www.dadaweb.de/wiki/Wilhelm_Reich)

Alan Mathison Turing (1912-1954)

Von 1931 bis 1934 studierte er am King’s College in Cambridge Mathematik. Nach seinem Abschluss begann er 1936 mit der Arbeit »On Computable Numbers« (erschienen 1937), in der er die »Turing Maschine« beschrieb, die als theoretischer Prototyp eines elektronischen Digitalrechners gilt. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er an der Entwicklung der Colossus-Maschine, die Codes der deutschen ENIGMA-Chiffriermaschine entschlüsselte. Nach dem Krieg wandte sich Turing der Computerentwicklung zu. Er entwickelte den Turing-Test für eine universelle Turing-Maschine, den er 1950 in der Zeitschrift »Mind«, Oxford University Press, mit dem Titel »Computing Machinery and Intelligence« veröffentlichte. Dabei ging er davon aus, dass es eine Methode für die Überprüfung der Intelligenz einer Maschine gäbe. Damit gab er der Entwicklung der neuen Disziplin der Künstlichen Intelligenz einen entscheidenden Impuls. 1952 wurde Turing bei einer Demonstration gegen die Homosexuellengesetze verhaftet und wegen seiner Homosexualität zu einer einjährigen Hormonbehandlung mit Östrogen verurteilt. Ein Jahr nach Ende der Behandlung, 1954, beging er mit einem zyankalivergifteten Apfel Selbstmord.

(http://www.medienkunstnetz.de/kuenstler/turing/biografie/; vgl.

http://www.spektrum.de/sixcms/media.php/924/Juni_2011_Turing.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Alan_Turing

http://www.millo.de/virtosphere/schillo/teaching/WS2001/Vortraege/Turing.sxi)

Ernesto Guevara de la Serna (1928-1967)

Sein Medizinstudium (1947-1953) an der Universität von Buenos Aires schloss er 1953 mit der Promotion zum Facharzt für Hautkrankheiten ab (Verleihung des Doktortitels am 12. Juni 1953).

Ab Juli 1953 besuchte er mit seinem Freund Carlos Ferrer (*1929, „Calica“) Bolivien, Peru und Ecuador. Ende 1953 landete Guevara in Guatemala, wo der reformfreudige Präsident Jacobo Arbenz (Jacobo Arbenz Guzmán, 1913-1971) eine neue Gesellschaft zu schaffen versuchte. 1954 wurde Arbenz durch einen von dem US-Geheimdienst CIA unterstützten Staatsstreich gestürzt.

In Mexiko arbeitete Guevara ab Herbst 1954 im Krankenhaus von Mexiko-Stadt. 1955 schloss er sich der „Bewegung des 26. Juli“ um die beiden Exil-Kubaner Raul und Fidel Castro an, die den Sturz der Regierung des Diktators Fulgencio Batista y Zaldivar (1901-1973) auf Kuba plante – die Kubanische Revolution. Im gleichen Jahr heiratete Ché die Peruanerin Hilda Gadea Acosta (1925-1974), mit der er eine gemeinsame Tochter hatte. Die Ehe wurde 1959 geschieden.

Guevara wurde für seine Verdienste im Kampf um Kuba zum geborenen kubanischen Staatsbürger erklärt. Im Juni 1959 heiratete er seine zweite Frau Aleida March de la Fore (*1937), die ihm vier Kinder schenkte. Von 1959 bis 1961 war er Präsident der Nationalbank Kubas, von 1961 bis 1964 war Guevara Industrieminister. So war er maßgeblich beteiligt an der Nationalisierung besonders der nordamerikanischen Unternehmen, der Enteignung des privaten Großgrundbesitzes sowie an den ländlichen Siedlungsprogrammen (Agrarreformgesetz). Im Februar 1960 folgte das erste Kubanisch-Sowjetische Handels- und Kapitalhilfeabkommen. Die USA kürzten darauf den Zuckerimport aus Kuba drastisch und verhängten ein Handelsembargo gegen Kuba. Die UdSSR wurde dadurch zum Haupthandelspartner Kubas.

1964 kritisierte der radikale Kommunist Guevara die Pläne der UdSSR auf Kuba. 1965 trat „Che“ von seinen Ämtern zurück und gab die kubanische Staatsangehörigkeit auf. In Afrika engagierte er sich erfolglos im Bürgerkrieg des Kongo.

1966 wollte er durch den Aufbau einer neuen Guerillaorganisation in Bolivien die Massen zum revolutionären Aufstand zu bewegen. Der bolivianische Präsident René Barrientos (1919-1969) setzte ein Kopfgeld auf Guevara aus. Am 8. Oktober 1967 geriet Ché Guevara bei einem Gefecht seiner Rebellen mit bolivianischen Regierungstruppen in einen Hinterhalt, wurde verletzt und gefangen genommen. Auf Befehl von Präsident Barrientos wurde Ché am 9. Oktober 1967 von Feldwebelleutnant Mario Terán erschossen.

(http://www.oppisworld.de/zeit/biograf/che-guevara.html; vgl.

http://www.taz.de/!5193800/

http://de.wikipedia.org/wiki/Che_Guevara

http://deu.anarchopedia.org/Ernesto_Che_Guevara

http://www.cubafreundschaft.de/Che/Che%20-%20Biographie.pdf

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/guevara/)

Zum Titel und Untertitel des Buchs

Mausoleum: monumentales Grabmal in Form eines Bauwerks (Dudenonline), synonym Grabmonument, Grabstätte; ein Bauwerk, das über einem Grab (meist einer berühmten Person) steht (thefreedictionary).

Fortschritt: abstrakter Begriff der Weiterentwicklung seit Mitte 18. Jh. als Lehnübertragung von frz. progrès; seit dem späten 18. Jh zunehmend geschichtsphilosophisch verstanden; etwa nach 1820 politisches Schlagwort, bald marxistisch vereinnahmt. Seit etwa 1900 wird „Fortschritt“ der Begriffskritik unterzogen und im Sinne des Kulturpessimismus neu bewertet: „Der Fortschritt droht das Ziel zunichte zu machen, das er verwirklichen soll – die Idee des Menschen.“ (Horkheimer: Kritik der instrumentellen Vernunft, 1967) (Paul: Deutsches Wörterbuch, 10. Aufl. 2002)

Wie man sieht, ist der Begriff des Fortschritts zwiespältig – wie ja auch der Fortschritt selber zwiespältig ist und zwiespältig bewertet wird, wie sich (nicht nur) am Werk Thomas Malthus’ schön zeigen lässt:

„Thomas Malthus hat sich 1798 mittelfristig geirrt, langfristig hat er prinzipiell recht behalten.“ (http://www.scientific.at/1998/roe_9805.htm)

„Wenn man sich die Entwicklung in der vergangenen Zeit seit Malthus ansieht, so kann man nur zu dem Schluss kommen, dass er sich grandios geirrt hat.“ (http://soziobloge.de/das-bevolkerungsgesetz-von-thomas-robert-malthus/)

„Ein wesentlicher Verdienst von Malthus liegt darin, dass er ein sich selbst regulierendes System zur Erklärung von Bevölkerungsveränderungen entwickelt hat.“ (http://www.spektrum.de/lexikon/geographie/malthus-thomas-robert/4908)

Die Unschärfe des Begriffs Fortschritt wird dadurch vergrößert, dass bei Enzensberger ein Attribut zum Nomen „Fortschritt“ fehlt: Fortschritt wessen? Als wenn es einen Fortschritt an sich gäbe – den gibt es aber nicht.

So müssen wir uns Enzensbergers Begriff des Fortschritts zuwenden – und gleich mit einer Kritik seiner Auswahl beginnen: Wie kann man in der Geschichte des Fortschritts von 1350-1975 unter 37 Personen etwa Descartes, Newton, Kant, Mozart odder Beethoven, Karl Marx, Sigmund Freud und Albert Einstein nicht erwähnen? Und wozu muss man stattdessen z.B. Guillotin, Robert-Houdin, Wilhelm Reich, Ugo Cerletti, Georges Méliès und Molotow bedichten? Wenn auch jede Auswahl bedeutender Personen nach persönlichen Maßstäben erfolgt, vertritt Enzensbergers Auswahl einem Fortschrittsbegriff, der von den revolutionären Idealen der 68er-Bewegung bestimmt ist. Ich werde versuchen, Enzensbergers Fortschrittsbegriff und -bewertung in seinen Balladen näher zu bestimmen.

Wenn man die Gattungsbezeichnung „Balladen“ ernst nimmt, ändern sich das Bild und die Bewertung von Enzensbergers Auswahl. Ballade: „strophisch gegliedertes Erzähllied, in dessen Mittelpunkt eine ungewöhnliche, konflikthafte fiktive Begebenheit steht“ (MLL); „ein Gedicht, das eine Handlung, also etwas Dramatisches, in epischer Erzählweise vorstellt“ (Schülerduden Literatur). In den 37 Balladen müssen also nicht die 37 wichtigsten Persönlichkeiten aus der Geschichte des Fortschritts vorgestellt, sondern es sollen 37 ungewöhnliche Begebenheiten erzählt werden, vielleicht auch 37 ungewöhnliche Menschen präsentiert werden. Mit dieser Einsicht kann man die Kritik an Enzensbergers Auswahl relativieren.

Enzensbergers Gedicht über G. de’ D. findet man im Netz, wenn man den Anfang eingibt („Giovanni de’ Dondi aus Padua verbrachte sein Leben“), etwa in Rainer Barbeys Buch „Unheimliche Fortschritte: Natur, Technik und Mechanisierung im Werk von Hans Magnus Enzensberger“, Göttingen 2007, als google-Buch). De’ Dondi hat eine Uhr gebaut, die zugleich „zwecklos und sinnreich“ (V. 21 und noch einmal in der 8. Str.) ist; sinnreich ist sie, weil sie in ihrer ausgetüftelten Mechanik die Bewegung der Planeten, die Dauer des Tages und die beweglichen Feste anzeigt, nebenher auch noch das Datum und die Uhrzeit – zwecklos ist sie, weil sie das Leben der Menschen in Padua nicht ändert (7. Str.). Sinnreich und zwecklos – damit ist die Uhr auf eine Stufe mit des Zeitgenossen Petrarca Gedichte „Trionfi“ zu stellen, wie zweimal im Vergleich gesagt wird (3. und 8. Str.). In den beiden letzten Strophen wird die Kritik durch Bezug auf die Gegenwart fortgeführt, die genauso wie das Mittelalter von „Raubtieren“ beherrscht wird (die Unternehmer Guggenheim und das Pentagon als Beispiele, 9. und 10. Strophe): „In diesem Mittelalter / leben wir immer noch.“ Zur Begründung wird die wunderbare Himmelsmechanik der Uhr als Metapher der „mittelalterlichen“ Zustände in Padua und bei uns genommen: „Aber / derselbe Himmel.“ (10. Str.) Ein Fortschritt in der Mechanik der Uhren begründet noch keine Verbesserung des Lebens.

Gutenbergs Erfindung wird in den Gedicht über J. G. G. gewürdigt, es ist „Die Kunst des künstlichen Schreibens“ (1. und 11. Str.) – etwas, „das mächtig ist wie die Kombinatorik: // aus fünfundzwanzig mal zwei metallischen Zeichen / (die Ziffern und Ligaturen nicht gerechnet) / all das, was der Fall war, ist oder sein könnte / beliebig zusammenzusetzen und zu vermehren, // […] durch der Formen Zusammenhalt, / geschnitten in Stahl, in Kupfer geschlagen, / gegossen in Blei, Zinn, Wismut und Antimon.“ (5. – 7. Str.) Diese Kunst ist also „etwas Metallisches“ (V. 4); das Quattrocento wird abgetan (3. Str.), die „Fortschritte“ gibt es „im Berg- und im Mühlenbau, in der Metallurgie / und in der Waffentechnik. Nicht die Madonna / im Rosenhag, sondern der Kran und das Schneckenrad.“ (4. Str.) Gutenbergs Erfindung braucht als Basis viele Geräte, viele Werkzeuge, viele Menschen, „ein Heer von Arbeitern, Ausbeutern und Komplicen / von Krakau bis Salamanca: Drahtzieher, / Lumpensammler, Bankiers“ (9. Str.), und dann erst Gutenberg – der ist verschwunden, geblieben ist „Die Kunst des künstlichen Schreibens, / ein bleierner Nachgeschmack aus dem Quattrocento.“ (11. Str.) Der zitierte letzte Vers des Gedichtes wertet die Kunst ab, indem sie gegen das viel gerühmte Quattrocento abgesetzt und ihr dabei der bleierne Nachgeschmack beigelegt wird – eine Metapher des Charakters der Kunst, die ja „etwas Metallisches“ darstellt und die dunkle Seite des Quattrocento in sich trägt: Gutenberg roch „nach Firnis und Ruß“, nicht nach Weihrauch (10. Str.; vgl. das Wortspiel „verfolgt“ in der 5. Str.). Der Fortschritt fand in den finsteren Werkstätten statt – wozu die Kunst des künstlichen Schreibens missbraucht wurde und wird, wird nicht bedacht.

Das Gedicht über N. M. findet man in der Datei http://aclassen.faculty.arizona.edu/sites/aclassen.faculty.arizona.edu/files/Enzensberger.Auswahl.pdf (dort S. 125-127). Das Gedicht stellt eine Ansprache (man muss den Balladenbegriff also sehr weit fassen!) an Macchiavelli dar. Er wird uneingeschränkt bewundert als der miese Typ, der er ist: „Niccolò Meister des kriechenden Ganges / ewig gekränkter Staatsdiener einer schäbigen Republik“ (3. Str.); er ist „ein Rattenkönig / von Plünderungen, Meineiden und irren Intrigen“ (18. Str.). Auch Spott mischt sich in das ambivalente Lob: „was ein rechter Renaissancemensch ist, das krümmt sich beizeiten“ (20. Str., eine Abwandlung des Sprichworts vom Häkchen). In den beiden letzten Strophen wird klar, wofür dieser miese Kerl gelobt wird: „Niccolò, Schuft, Dichter, Opportunist, Klassiker, Henker: / du bist der Alte Mensch wie er im Buche steht, und dafür lob ich dein Buch // Bruder Niccolò, das vergeß ich dir nicht, und daß deine Lügen / so oft die Wahrheit sagen, dafür verfluche ich deine krumme Hand.“ Die Metaphern vom alten und neuen Menschen stammen aus dem Neuen Testament (Röm 6,6; Eph 4,22-24; Kol 3,9 f.) und bezeichnen den Zustand vor und nach der Erlösung durch Christus; Enzensbergers Erzähler spricht nur vom Alten Menschen, über den Macchiavelli die ganze Wahrheit in seiner politischen Theorie vom Vorrang der Staatsräson offenbart hat – eine Episode des Fortschritts – dafür gebührt ihm Dank, dafür sei er verflucht! Enzensberger hat als Ziel des Fortschritts den neuen Menschen im Blick, ohne ihn explizit zu nennen und ohne zu sagen, wie er zustande kommen soll. Freilich war ein neuer Mensch zu werden und anderen dazu zu verhelfen nach 1968 das revolutionäre Ziel, das brauchte 1975 nicht ausdrücklich gesagt zu werden. Doch bewegte man sich dabei auf dünnem Eis: „Der Neue Mensch ist die Forderung verschiedener Totalitarismen nach einem besseren Menschen, der sich vom traditionellen Menschen unterscheiden soll.“ (http://de.wikimannia.org/Neue_Mensch; vgl. http://www.bpb.de/apuz/197977/zur-truegerischen-vision-menschlicher-vollkommenheit?p=all)

Bernardino de Sahagún kannte ich bisher nicht; vielleicht müssen sich auch andere erst über diesen Mönch informieren, damit sie das Gedicht über B. de S. verstehen. Bernardino ist der erste, der uneingeschränkt von Enzensbergers Erzähler für seinen Umgang mit der indianischen Kultur und Bevölkerung gelobt wird: „Das Vernichtete / bewundert er.“ (4. Str.) „Er erfindet die Feldforschung.“ (5. Str.) Und dann taucht das entscheidende Stichwort „eine andere Welt“ in der 7. Str. auf – die andere Welt, das ist die Welt der unterworfenen und dezimierten Indianer. Das Massaker an ihnen findet der Erzähler verständlich, weil ableitbar „durch Klassenlage und Ökonomie“ (11. Str.); eine andere Welt ist dagegen „etwas, das wir nicht ableiten können“ (11. Str.). Dem Fremden hat Bernardino in Angst und Bewunderung standgehalten; das macht seine Größe aus: „Dieses Unverständliche ist es, / was Angst macht und was die einzige Hoffnung ist.“ (8. Str.) – Vielleicht will der Erzähler mit diesem zitierten Satz Bernardinos Sicht umschreiben, vielleicht urteilt er selber so; beides leuchtet mir nicht ein. Ich kann nur denken, dass das Unverständliche auszuhalten Angst und Hoffnung macht – Angst dem, der es erlebt, Hoffnung denen, die seine Tat in Ruhe bedenken. Dem Fremden standzuhalten, statt die Fremden auszugrenzen (oder zu beseitigen), das ist ein Fortschritt in der Humanität.

Den Anfang des Gedichtes über T. B. kann man unter Capriccio (3) auf der Seite http://www.physiologus.de/capriccio.htm nachlesen. Tycho Brahe, von Enzensberger geziert Tyge Brahe genannt, wird in dem Gedicht heruntergemacht: „Keine Zeit für die Liebe. Stattdessen abstrakte Beute: Wissen / um jeden Preis.“ (3. Str.) Nichts interessiert ihn, nur seine Messungen; selbst Kepler stört ihn, er „verdunkelt das Licht des Toten für immer. Zwei Mutanten. / Wissen, chimärenhaft, ohne zu wissen wozu. Im grauen Gewebe / tickt die Evolution. Launen im Eiweiß. Einhörner. Siehe / z.B. den Narwal und seinen Zahn.“ (10. Str.) Wenn der Mensch als Mensch um des wissenschaftlichen Fortschritts willen verkrüppelt ist, ist das kein Fortschritt, mag das Gehirn noch so groß sein – sagt Enzensberger.

Diese fünf Beispiele vermitteln einen ersten Eindruck davon, dass Enzensberger den Fortschritt kritisch sieht. Noch deutlicher wird das, wenn man weitere Gedichte heranzieht – ich begnüge mich mit kleinen Splittern ohne große Analysen: Jacques de Vaucanson (J. de V.) baute nicht nur die mechanische Ente, sondern machte die Arbeiter zu Gefangenen in ihren Fabriken. Piranesi (G. B. P.) zeichnete u.a. die Carceri: „Das Labyrinth, das er abbildet, ist dein Bewußtsein. […] Bald ähnelst du selbst dem Insekt, das über die endlosen Treppen taumelt, auf den Brüstungen balanciert. Was du auf diesen Stichen siehst, ist eine andere Welt, und was sie bedeutet, wissen wir nicht.“ Wieder das Stichwort der anderen Welt! Spallanzani hat keine Hemmung, in die Prozesse des Lebens einzugreifen: „Zweckmäßig verfolgt der Mensch sein Geschäft, / eine Tierart, die frohlockend voranschreitet. Heureka!“ Hier findet wir den ironisch-kritisch gebrauchten Begriff des Fortschritts. Condorcet entwarf ein „Gemählde vom Fortschritt des menschlichen Geistes“, starb aber in seiner Zelle durch Gift: „Ein naives Fluidum steigt uns in die Nase, / und wir fragen uns, was es mit dieser Philosophie für eine Bewandtnis hat: / ist sie Beschwörung, wohlriechender Hohn, Stoßgebet, idée fixe, oder Bluff?“ Der Zauberkünstler Robert-Houdin (J. E. R.-H.) lebte von Kunst der Täuschung: „Die Vernunft wird geblendet / durch die strikte Anwendung der Vernunft. Ununtersscheidbar / der Fortschritt des Schwindels vom Schwindel des Fortschritts.“ Stanley (H. M. S.), der große Entdecker Afrikas, bekommt sein Denkmal gesetzt: „Der Gestank der Leichen, / die er hinterließ, / ist kaum mehr zu spüren.“ Taylor (F. W. T.) setzte das Werk Vaucansons fort: „Daß sie ihn nicht erschlagen haben, / diesen Fakir, der sie anbrüllte: Ihr habt nicht zu denken! – // eigentlich deprimierend.“ Cerletti (U. C.), der Erfinder des Elektroschocks, wird moralisch geschlachtet: „… und dann gibt der Chef Saft (und an einer wissenschaftlichen Begründung hierfür fehlte es leider noch) und dann sind sie weg und dann wachen sie wieder auf und dann sind sie gelöscht.“ Molotow (V. M. M.) ist als abgehalfterter Revolutionär selber erledigt. „Überlebt, überlebend.“ Das Gleiche gilt für den gealterten Beglücker der Menschen Wilhelm Reich (W. R.): „O hilfloser Helfer der Menschheit! O mystischer Technokrat! / O Kabbalist aus dem Horrorfilm! O kaputter Befreier!“ Auch Che Guevara (E. G. de la S.), die Ikone der 68er, ist an sich selbst gescheitert. Er musste erst seinen Feind finden, „der ihm treu bis ans Ende blieb // und den Feind des Feindes. Wenige Siege später erschien ihm / der Neue Mensch, eine alte Idee, sehr neu. Doch die Ökonomie / hörte seinen Reden nicht zu. Es fehlten immer Spaghetti.“ Man hätte noch ganz anderes von diesem „Menschenfreund“ erzählen können… Aber vielleicht kann man die Idee des Fortschritts insgesamt auch ein wenig positiver bewerten; dafür muss man allerdings mehr Leute vom Schlag des Ignaz Philipp Semmelweis (I. P. S.) berücksichtigen. – Bakunin ist übrigens der einzige, dem Enzensberger „kehr wieder!“ nachruft.

Ich habe noch folgende Gedichte aus dem „Mausoleum“ im Internet gefunden:

G. W. L. teilweise zitiert (und sachlich kritisiert) in http://www.stamer-reflex.com/files/20080701leibniz.pdf,

J. de V. ganz in http://www.gymnasium-wildeshausen.de/tl_files/gymnasiumwildeshausen/alte_homepage/faecher/de/robert_riener/index_riener.htm (dort H.M.E.: Jacques de Vaucanson)

G. B. P. ganz in http://www.zeit.de/1975/35/drei-balladen-aus-der-geschichte-des-fortschritts/seite-4

L. S. teilweise in http://www.physiologus.de/fragest_neu.htm (7 von 15 bzw. 16 Strophen), teilweise in https://kluge.library.cornell.edu/de/conversations/enzensberger/film/1952/transcript

C. M. teilweise in https://kluge.library.cornell.edu/de/conversations/enzensberger/film/1952/transcript

O.E. ganz in Rainer Barbbey (als google-book): Unheimliche Fortschritte… (zur Suche eingeben: „Mühlen nennt man diejenigen Maschinen, bei welchen“)

T. R. M. ganz in http://www.zeit.de/1975/35/drei-balladen-aus-der-geschichte-des-fortschritts

C. B. etwa zwei Drittel in Rainer Barbey (google-book): Unheimliche Fortschritte… (suchen unter „Von etwas abwegigem Charakter. Massig, jähzornig, hilflos“)

C. R. D. ganz in http://www.frankjankowski.de/anthol/antho9.htm (unter „Charles Darwin“)

F. C. ganz in http://www.koelnklavier.de/kuriosa/enzensberger-chopin.html

M. A. B. ganz unter „Literatur und Studentenbewegung“ (google-book), suchen unter „Ja, Bakunin, so muß es gewesen sein“

H. M. S. teilweise in http://www.physiologus.de/forschungsrei.htm

G. M. ganz zu Beginn der Magisterarbeit http://othes.univie.ac.at/2052/1/2008-10-28_9909687.pdf (bis S. 7)

E. G. de la S. ganz in http://www.zeit.de/1975/35/drei-balladen-aus-der-geschichte-des-fortschritts/seite-2

Gedichte, von denen nur drei oder fünf Zeilen zitiert sind, habe ich nicht berücksichtigt. Weitere Hilfsmittel zum Verständnis der Gedichtsammlung:

Besprechungen „Mausoleum“: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41443454.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/der-geschichtsphilologe-pantheon-des-technischen-fortschritts-1881879.html

http://elpub.bib.uni-wuppertal.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-283/d040201.pdf (Dissertation, S. 87 ff.)

https://www.uni-due.de/imperia/md/content/germanistik/mauerschau/mauerschau5_reichmann.pdf (dort S. 129 ff.)

https://kluge.library.cornell.edu/de/conversations/enzensberger/film/1950/transcript (Gespräch Enzensbergers mit A. Kluge über „Mausoleum“)

https://www.uni-due.de/imperia/md/content/germanistik/mauerschau/mauerschau5_reichmann.pdf (über Enzensberger und Kluge)

https://books.google.de/books?id=9q32Mme-L88C&pg=PA151&lpg=PA151&dq=enzensberger+mausoleum&source=bl&ots=RF-ce8mw_4&sig=8HY3ceY0O1JzDSxqTEFilHq7yXM&hl=de&sa=X&ei=x6RgVedTiZKyAZGggMgK&ved=0CCsQ6AEwAjgU#v=onepage&q=enzensberger%20mausoleum&f=false (Gunter E. Grimm, in: Die deutsche Ballade im 20. Jahrhundert, S. 151 ff.)

http://www.dctp.tv/filme/saboteur-depression/ (Enzensberger selbst, Interview, in http://magazin.dctp.tv/2014/11/09/erlost-die-nachrichten-von-der-menschlichen-gleichgultigkeit-hans-magnus-enzensberger-zum-85-geburtstag/)

http://germanica.revues.org/1480?lang=de (Lyrische Historiographie…)