Gedichte mit BLAU + Farbsymbolik

Gedichte zur Farbe BLAU

1. Farbsymbolik „blau“

Blau ist die flüchtigste aller Farben, sie weicht optisch vom Betrachter zurück und wirkt ebenso kühl wie bodenlos. Blau wird mit dem Himmel und dem Meer assoziiert – obwohl Luft und Wasser an sich durchsichtig sind. Damit wird Blau zu der Farbe des Unwirklichen, des Unsichtbaren und Nichtgreifbaren. Dies verdeutlich auch die Entwicklung von Sprachen: Die alten Römer beispielsweise kannten kein Wort für Blau, die Isländer bezeichnen alle Farben zwischen Schwarz und Blau mit demselben Wort und sowohl die alten Ägypter als auch einige Naturvölker unterscheiden sprachlich nicht zwischen Blau und Grün.

Im Christentum stand Blau als Farbe des Himmels schon immer mit dem Göttlichen, dem Überirdischen in Verbindung. Einst galt die Farbe als weiblich und wurde der Jungfrau Maria zugeschrieben. Im Gegensatz zum irdischen, präsenten Rot symbolisiert Blau das Flüchtige und das Immaterielle. Es steht gleichermaßen für den Traum nach Freiheit, unendlichen Weiten aber auch für Introvertiertheit und den Rückzug in sich selbst. Blau symbolisiert Ruhe – aber im Gegensatz zum präsenten, gelassenen Grün, ist Blau ruhig durch Distanz. Gleichzeitig repräsentiert Blau auch eine klare Besonnenheit, Objektivität, Neutralität und Klarheit – das flößt Vertrauen ein und vermittelt ein Gefühl von Sicherheit. Aus diesem Grunde bedienen sich Banken und Versicherungen gern der Farbe Blau für ihre Firmenlogos. (https://alpina-farben.de/artikel/farbsymbolik-bedeutung-blau/)

Blau, die Farbenempfindung, die der zwischen den Fraunhoferschen Linien F und G liegende Teil des Spektrums in einem normalen Auge hervorruft. Zu jedem einfachen B. läßt sich im gelben Teile des Spektrums ein einfaches Gelb finden, das damit gemischt Weiß gibt. Spektrales B. und spektrales Gelb sind also zueinander komplementär. Ein blauer Farbstoff, mit einem gelben gemischt, gibt nicht Weiß, sondern Grün, weil der blaue Farbstoff die roten und gelben, der gelbe die blauen und violetten Strahlen absorbiert, so daß im zurückgeworfenen Licht das Grün vorherrscht. Vgl. Farbensymbolik. (Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1905)

Farbensymbolik, die Deutung der Farben auf bestimmte Lebensverhältnisse, Begriffe und Gemütsstimmungen sowie ihre Benutzung, um in Kleider- und Schmucktracht (Jett als Trauerschmuck), durch Tragen der Lieblingsfarben einer Dame beim Turnier, in der Blumensprache etc. diese Stimmung auszudrücken. Die den Farben beigelegte Bedeutung wechselt nach Völkern und Zeiten, z. B. hinsichtlich der Trauer (s.d.), ohne daß sich psychologische Gründe für die Wahl bestimmter Farben für bestimmte Beziehungen überall anführen ließen. (…) Im allgemeinen hat sich bei den Kulturvölkern folgende F. Herausgebildet: (…) Blau war seit ältester Zeit die verehrteste Farbe, der Lapislazuli im Altertum der geschätzteste Edelstein, und der Indigo, mit dem man bei Pelusium die (nach Brugsch) danach benannten Arbeiterkleider oder Blusen färbte, hieß Dar-neken, der vor »Schaden bewahrende« Farbstoff. Den Alten galt Blau, wie Eusebios sagt, als Götterfarbe (in der Kleidung), besonders der Himmelsgöttin (Juno), nach dem blauen Himmel. Schon im germanischen Altertum erscheint Blau als Symbol der Treue und Beständigkeit, daher blaue Blumen (Männertreu, Vergißmeinnicht, Gedenke mein, Pensee) als Beständigkeitssymbole. (http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Farbensymbolik)

 

2. Gedichte zu BLAU

Joseph von Eichendorff
Frische Fahrt (1815)

Laue Luft kommt blau geflossen,

Frühling, Frühling soll es sein!

Waldwärts Hörnerklang geschossen,

Mut’ger Augen lichter Schein;

Und das Wirren bunt und bunter

Wird ein magisch wilder Fluß,

In die schöne Welt hinunter

Lockt dich dieses Stromes Gruß.

 

Und ich mag mich nicht bewahren!

Weit von euch treibt mich der Wind,

Auf dem Strome will ich fahren,

Von dem Glanze selig blind!

Tausend Stimmen lockend schlagen,

Hoch Aurora flammend weht,

Fahre zu! ich mag nicht fragen,

Wo die Fahrt zu Ende geht!

 

Joseph von Eichendorff:

Jugendandacht (1841)


1

Daß des verlornen Himmels es gedächte,

Schlagen ans Herz des Frühlings linde Wellen,

Wie ew’ger Wonnen schüchternes Vermuten.

Geheimer Glanz der lauen Sommernächte,

Du grüner Wald, verführend Lied der Quellen,

Des Morgens Pracht, stillblühnde Abendgluten,

Ihr fragt: wo Schmerz und Lust so lange ruhten,

Die süß das Herz verdunkeln und es hellen?

Wie tut ihr zaubrisch auf die alten Wunden,

Daß losgebunden in das Licht sie bluten!

O sel’ge Zeit entfloßner Himmelbläue,

Der ersten Andacht solch inbrünst’ger Liebe,

Die ewig wollte knien vor der Einen!

Demütig in der Glorie des Maien

Hob sie den Schleier oft, laß offen bliebe

Der Augen Himmel, in das Land zu scheinen.

Und stand ich still, und mußt ich herzlich weinen;

In ihrem Blick gereinigt alle Triebe:

Da war nur Wonne, was ich mußte klagen,

Im Angesicht der Stillen, Ewigreinen

Kein Schmerz, als solcher Liebe Lieb ertragen!

2

Wie in einer Blume himmelblauen

Grund, wo schlummernd träumen stille Regenbogen,

Ist mein Leben ein unendlich Schauen,

Klar durchs ganze Herz ein süßes Bild gezogen.

 

Stille saß ich, sah die Jahre fliegen,

Bin im Innersten dein treues Kind geblieben;

Aus dem duft’gen Kelche aufgestiegen,

Ach! wann lohnst du endlich auch mein treues Liebe

3

Was wollen mir vertraun die blauen Weiten,

Des Landes Glanz, die Wirrung süßer Lieder,

Mir ist so wohl, so bang! Seid ihr es wieder

Der frommen Kindheit stille Blumenzeiten?

 

Wohl weiß ich’s – dieser Farben heimlich Spreiten

Deckt einer Jungfrau strahlend reine Glieder;

Es wogt der große Schleier auf und nieder,

Sie schlummert drunten fort seit Ewigkeiten.

 

Mir ist in solchen linden, blauen Tagen,

Als müßten alle Farben auferstehen,

Aus blauer Fern sie endlich zu mir gehen.

 

So wart ich still, schau in den Frühling milde,

Das ganze Herz weint nach dem süßen Bilde,

Vor Freud, vor Schmerz? – ich weiß es nicht zu sagen.

(Es folgen weitere Gedichte.)

 

 

Heinrich Heine

Lyrisches Intermezzo

XXX

Die blauen Veilchen der Äugelein,
Die roten Rosen der Wängelein,
Die weißen Liljen der Händchen klein,
Die blühen und blühen noch immerfort,
Und nur das Herzchen ist verdorrt.

 

Eduard Mörike

Er ist‘s

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte

Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab‘ ich vernommen!

 

 

Hermann Allmers

Feldeinsamkeit (1852)

Ich ruhe still im hohen grünen Gras
sende lange meinen Blick nach oben,
Grillen ringsumschwirrt ohn‘ Unterlass,
Himmelbläu wundersam umwoben.

Und schöne weiße Wolken ziehn dahin
durch’s tiefe Blau, wie schöne stille Träume; –
mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
und ziehe selig mit durch ew’ge Räume.

 

Oskar Loerke

Blauer Abend in Berlin (1911)

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Regt sie des Wassers Wille und Verstand

Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.

 

 

Georg Heym

Träumerei in Hellblau

Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.

Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht.

Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.

Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern, und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.

 

Else Lasker-Schüler

Mein blaues Klavier (1937)

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier

Und kenne doch keine Note.

 

Es steht im Dunkel der Kellertür,

Seitdem die Welt verrohte.
Es spielten Sternenhände vier –

Die Mondfrau sang im Boote.

Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

 

Zerbrochen ist die Klaviatur.

Ich beweine die blaue Tote.

 

Ach liebe Engel öffnet mir

Ich aß vom bitteren Brote –

Mir lebend schon die Himmelstür,

Auch wider dem Verbote.

 

Else Lasker-Schüler

In deine Augen

Blau wird es in deinen Augen –
Aber warum zittert all mein Herz
Vor deinen Himmeln?

Nebel liegt auf meiner Wange
Und mein Herz beugt sich zum Untergange.

 

Christian Morgenstern

Dämmrig blaun im Mondenschimmer

Dämmrig blaun im Mondenschimmer
Berge … gleich Erinnerungen
ihrer selbst; selbst Berge nimmer.

Träume bloss noch, hinterlassen
von vergangnen Felsenmassen:
So wie Glocken, die verklungen,
noch die Luft als Zittern fassen.

 

Rainer Maria Rilke

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

 


S
iehe auch http://gedichte.xbib.de/die+farbe+blau_gedichte_recherche.htm

3. Eine Gedichtsammlung:

Gabriele Sander (Hrsg.): Blaue Gedichte, Reclam 2012:

Inhaltsverzeichnis:

Prolog
Konrad Bayer – topologie der sprache

I Das blaue Gedicht
Yvan Goll – Das blaue Gedicht
Annette von Droste-Hülshoff – Poesie
Rudolf Hartung – Heimweg
Rose Ausländer – Verwandelt
Hilde Domin – Angsttraum I
Rolf Dieter Brinkmann – Von der Gegenständlichkeit eines Gedichtes
Otto Erich – Blaue Lyrik


II O Blau der Welt
Barthold Heinrich Brockes – Fabel
Gottfried Keller – Ich liege beschaulich
Paul Celan – O Blau der Welt
Niklas Stiller – Barke Blau
Hans Magnus Enzensberger – Die Visite
Marcel Beyer – Das kommende Blau

III Schau auf das Blau des Himmels
Kurt Marti – blauer himmel
Ericht Kästner – Prima Wetter
Alfred Lichtenstein – Sommerfrische
Ernst Meister – Das Blau
Tuvia Rübner – Immer wieder
Karl Krolow – Draußen


IV Blaue Tage
Robert Walser – Helle
Joseph von Eichendorff – Was wollen mir vertraun die blauen Weiten
Eduard Mörike – Er ist’s
Wilhelm Lehmann – Ein Lachen
Karl Wolfskehl – Herbst
Rose Ausländer – Blaßblaue Tage I
Rose Ausländer – Blaßblaue Tage II
Hilde Domin – Ein blauer Tag

V Blaue Stunde
Stefan George – Blaue Stunde
Gertrud Kolmar – Glockenspiel
Gottfried Benn – Blaue Stunde I-III
Ingeborg Bachmann – Die blaue Stunde
Peter Rühmkorf – Wintergewitter
Michael Zeller – Blaue Minute

VI Dämmerkantaten und Notturnos
Georg Heym – Träumerei in Hellblau
Ernst Stadler – Dämmerung in der Stadt
Oskar Loerke – Blauer Abend in Berlin
Gottfried Benn – Fragmente
Paul Boldt – Abendwald
Heiner Müller – Blaupause
Carl Zuckmayer – Dämmerkantate

VII Ins Fernblau schwebend
Johann Wolfgang Goethe – Schwebender Genius über der Erdkugel
Oskar Loerke – Ins Fernblau schwebend
Georg Heym – Sehnsucht
Ludwig Tieck – Flöte
Joachim Ringelnatz – Melancholie

VIII Auf blauen Wellen
Theodor Däubler – Auf blauen Wellen ängstigt sich das Leben
Günter Kunert – Golf von Neapel
Peter Huchel – Die Insel Alohe
Hugo von Hofmannsthal – Die Stunden! wo wir auf das helle Blauen
Georg Kaiser – Vita naufragium longum
Peter Hacks – Der Bluewater-Valley-Song

IX Blaue Träume, Sehnsüchte und Erinnerungen
Clemens Brentano – Hörst du wie die Brunnen rauschen
Georg Trakl – Kindheit
Ernst Jandl – in jugendblau
Else Lasker-Schüler – Mein blaues Klavier
Ulla Hahn – Frau in Blau
Friedrich Christian Delius – Lieder eines fahrenden Gesellen

X Blau war das Kleid …
Günter Eich – Der Mann in der blauen Jacke
Jürgen Becker – Blaues Kleid
Jakob van Hoddis – Tanz
H.C. Artman – mylady mit dem blauen hut
Richard Dehmel – Die blauen Schuhe
Rolf Dieter Brinkmann – Meine blauen Wildlederschuhe

XI Der blaue Vogel deines Auges
Martin Opitz – Sonnet über die augen der Astree
Heinrich Heine – Mit deinen blauen Augen
Paul Celan – Die Jahre von dir zu mir
Yvan Goll – Der blaue Vogel deines Auges
Peter Maiwald – Fotoalbum

XII Blaue Tiere
Gottfried Keller – Wie schlafend unterm Flügel ein Pfau den Schnabel hält
Wilhelm Lehmann – Pfauenauge
Hermann Hesse – Blauer Schmetterling
Elisabeth Borchers – Der blaue Fisch
Paul Zech – Die Ballade von den blauen Pferden
Ursula Krechel – Das Flußpferd

XIII Vom Krokusblau zum Blau der Herbstzeitlose
Paul Zech – Krokus
Barthold Heinrich Brockes – Die Trauben-Hyazinthe
Johann Wilhelm Ludwig Gleim – Das Blümchen
Alfred Mombert – Mittagstunde
Rainer Maria Rilke – Blaue Hortensie
Michael Zeller – Für S. / die mir im Straßengraben eine Herbstzeitlose zeigte

XIV Die Blaue Blume
Georg Trakl – An Novalis
Joseph von Eichendorff – An Isidorus Orientalis
Achim von Arnim – Sie sah die blaue Blume
Georg Trakl – Verklärung
Wolfgang Borchert – Gedicht
Arno Holz – In den Grunewald

XV Dieses Blau – aus alten Meistern hervordestilliert
Hans Dieter Schwarze – Prolog
Ernst Jandl – lassen – lässt…
Albert Ehrenstein – Georg Trakl+
Elisabeth Borchers – Nerudas Blau
Max Dauthendey – Vision

XVI Blauer Rauch
Arno Holz – Horche nicht hinter die Dinge
Georg von der Vring – Kleiner Faden Blau
Paul Zech – Der Kohlenbaron

XVII Blau ist das Meer und der Suff
Bertolt Brecht – Matrosen-Song
Rainer Brambach – Heiterkeit im Garten
Robert Gernhardt – Ein Frühjahr

XVIII Blaues im Blauen Saal
Peter Roos – AZULITOblues
Erich Kästner – Vornehme Leute, 1200 Meter hoch
Joachim Ringelnatz – Blues
Ernst Meister – Augustinischer Blues

Epilog
Konrad Ferdinand Meyer – Epilog

 

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