K. Tucholsky: Die Gefangenen – Text und Analyse

Die Gefangenen

 

Hörst du sie schlucken, Herrgott?

Sie sitzen muffig riechend und essen ein muffiges Essen,

holen es mit dem Blechlöffel aus den amtlichen Gefäßen

und führen es in ihren privaten Mund.

Der Körper verdaut es,

und es ist ganz sinnlos, was sie da tun.

Hörst du sie schlucken, Herrgott?

 

Siehst du sie im Hof trotten, Herrgott?

Man bewegt sie wie die Pferde, damit sie nicht frühzeitig sterben –

sie sollen leidensfähig erhalten werden,

und im Schubkasten des Gefängnispastors liegt eine Bibel.

Daraus liest er ihnen von Zeit zu Zeit etwas vor und glaubt wirklich,

er sei besser als sie.

Siehst du sie in ihrer Kirche sitzen, Herrgott?

Fühlst du sie leiden?

Nachts bedrängen sie wüste Träume;

ihre innere Sekretion ist nicht in Ordnung,

sie sehen riesige Geschlechtsteile auf Beinen

und zupfen an sich herum …

Fühlst du sie leiden?

 

Ja, sie haben gefehlt – das ist wahr.

Doch kann kein Mensch den andern bestrafen, er kann ihn nur quälen.

Denn Schuld und Strafe kommen niemals zusammen.

Ja, sie haben gefehlt, das ist wahr.

Da sitzen sie und leiden:

   Weil sie gestohlen haben;

      weil ihre Eltern nur einen verwüsteten Körper zeugen konnten;

      weil sie in Spanien eine Republik haben wollten;

weil sie Stalins Politik nicht billigen;

   weil sie den Duce nicht lieben;

      weil sie in Amerika Gewerkschaften gründen wollten …

Sie sind Späne des irdischen Sägewerks.

Die Gerechten können nicht sein, wenn die Ungerechten nicht wären.

Ja, sie haben gefehlt – das ist wahr.

 

Und so ist es eingeteilt:

Sie haben gesündigt.

Andre haben sie verurteilt.

Wieder andre vollstrecken das Urteil.

Was haben diese drei Dinge miteinander zu tun?

 

Gott, du siehst es –!

Erbarme, erbarme dich der Gefangenen!

Der Mensch, der da richtet, erbarmt sich nicht.

Man müsste ihn quälen, wiederum,

und wiederum wäre nichts damit getan.

Hörst du sie, siehst du sie, fühlst du sie,

die Gefangenen –?

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 14. 4. 1931, Nr. 15, S. 534

Erläuterung:

in Spanien eine Republik (V. 28): In Spanien gab es 1923-1930 die Diktatur des Miguel Primo de Rivera; Stalin war seit 1922 Generalsekretär der KPdSU, Mussolini ab 1924 in Italien Diktator.

Es spricht eine namenlose Stimme, die sich an den Herrgott wendet (V. 1 ff.), also ein betendes Ich. Ort und Datum des Sprechens sind nicht bekannt, einen konkreten Anlass dafür gibt es nicht – außer der Tatsache, dass es Gefangene gibt. Da Stalins Politik und die Herrschaft des Duce (Mussolini) als Anlass der Gefangenschaft genannt werden, muss 1924 als frühester Zeitpunkt des Betens gelten.

In den beiden ersten Strophen wendet die Stimme sich an Gott und fragt ihn, ob er die Gefangenen leiden hört, sieht und fühlt. Darauf reflektiert die Stimme die Verfehlungen und die Bestrafung von Gefangenen (dritte und vierte Strophe). In der letzten Strophe appelliert der Sprecher an Gott, der möge sich der leidenden Gefangenen erbarmen. Thema ist das Leiden der Gefangenen und das Recht, sie so zu quälen

Die fünf Strophen sind unterschiedlich lang. Das Gedicht kommt ohne Metrum und Reime aus, es ist in freien Rhythmen verfasst. Die Sätze können über mehrere Verse gehen (V. 2-4), doch ist der einzelne Vers eine geschlossene Sinneinheit. Die Stimme spricht die Standardsprache.

In der ersten Strophe wird gefragt, ob Gott die Gefangenen hört, und zwar schlucken hört (zweimal, V. 1 und V. 7, identisch, der Rahmen der Strophe). Es geht nämlich um ihr Essen, und das ist „muffig“ (dumpfriechend: abwertend gebraucht) wie sie selbst (V. 2). Der Kontrast zwischen dem amtlichen Gefäßen und dem privaten Mund (V. 3 f.) markiert zwei Sphären, die getrennt sein müssten, aber durch das Essen verbunden und vermengt werden; dieser Kontrast setzt sich in der Unterscheidung Körper / sie (V. 5 f.) fort: Der Körper verdaut das muffige Essen, aber für sie als Menschen ist das Ganze sinnlos.

Die zweite Strophe wird in zwei Teilen durch die wiederholten Fragen, ob Gott sie sieht und ob der sie leiden fühlt, bestimmt (V. 8/14; V. 15/20); beide Fragen rahmen wieder weitere Beschreibungen der Leiden derer, die mal im Hof trotten, mal in der Kirche sitzen; „trotten“ statt „gehen“ (V. 8) wertet das Gehen ab, ebenso der Tiervergleich „Man bewegt sie wie die Pferde“ (V. 9); der folgende Finalsatz (V. 9 f.) zeigt den Zynismus des Systems. Auch der Pastor ist Teil des Systems (V. 11 ff.); er wertet die Gefangenen ab, indem er auf die herabschaut. Die Frage, ob Gott sie leiden fühlt, wechselt von den äußeren Sinnen (sehen, hören) zum inneren Sinn (fühlen, mitfühlen) und damit zu jener Solidarität, die in der christlichen Lehre von der Menschwerdung Gottes gemeint war. Hier geht es um „wüste Träume“ (V. 16) und die sexuelle Not der kasernierten Männer, deren „innere Sekretion“ zwangsläufig gestört ist (V. 17). Die Frage klingt, an einen körperlosen Gott gerichtet, seltsam – aber wie soll es Erlösung geben, wenn ein Gott nicht in allem mitfühlen kann? Allzu früh hat man den Erlöser Christus auf die Erlösung der Seelen festgelegt – eine komplizierte Geschichte in der Auseinandersetzung mit dem leibfeindlichen Mönchtum und dem Platonismus in der Kirche. Das hat Goethe gewusst, als er „Der Gott und die Bajadere“ dichtete:

Mahadöh, der Herr der Erde,
Kommt herab zum sechsten Mal,
Dass er unseresgleichen werde,
Mit zu fühlen Freud’ und Qual.
Er bequemt sich, hier zu wohnen,
Lässt sich alles selbst geschehn.
Soll er strafen oder schonen,
Muss er Menschen menschlich sehn.

Dass die Männer an sich „zupfen“ (V. 19), ist ein Euphemismus – Sex im Knast ist vermutlich eine härtere Nummer. Nach mehr als Mitgefühl kann die Stimme nicht fragen.

Sie scheint die direkte Anrede Gottes zu unterbrechen (V. 21), aber das muss nicht sein, wie man beim zweiten Nachdenken bemerkt; die Stimme kann ihre Überlegungen über die Schuld der Gefangenen (3. und 4. Strophe) auch Gott vortragen, und zwar im Sinn der rhetorischen Strategie „Zwar – Aber“, an die sich dann die Bitte um Gottes Erbarmen begründet anschließen kann (5. Strophe). Mit der Konzession „Ja“ (V. 21) bzw. „Ja, sie haben gefehlt“ (V.21, in V. 24 wiederholt) kommt die Stimme einem möglichen Einwand Gottes entgegen; darauf folgt der Widerspruch: „Doch kann kein Mensch den andern bestrafen (V. 22). Da das dem Augenschein widerspricht, kommt die Stimme mit einer Unterscheidung weiter, dass der eine Mensch den anderen „nur quälen“ kann (V. 22), was er mit einem allgemeinen Satz (V. 23) begründet. Dieser Satz, dass Schuld und Strafe „niemals“ zusammenkommen, ist recht kühn – wir wissen, dass sie oft nicht zusammenkommen; das Adverbial „niemals“ enthält eine gewagte These, die durch die Konzession „Ja, sie haben gefehlt“ (V. 24 und noch einmal V. 34) abgemildert wird: „fehlen“ („ungerecht handeln, sündigen“, DWDS) muss als „verfehlen“ gelesen werden, „einen Fehler begehen“ – was möglicherweise impliziert: aber sie haben nicht Schuld auf sich geladen. „Da sitzen sie und leiden“, leitet die Stimme die lange Liste seiner Entschuldigungen ein (V. 25), womit er an seine letzte Frage an Gott anknüpft (V. 20). In dieser Liste ist nur das Stehlen als echte Verfehlung zu erkennen, die folgenden fünf Gründe machen die Gefangenen wirklich von eigener Schuld frei und bereiten die Erklärung vor, dass jene „Späne des irdischen Sägewerks“ sind (V. 32, eine Metapher für unpersönliche Abläufe), in das man ohne eigenes Zutun hineingeraten kann, dessen Kräfte den Menschen einfach ergreifen und zermalmen. Auch die folgende Unterscheidung entschuldigt sie: Die von Gott geliebten Gerechten könnte es ohne deren Gegenteil nicht geben (V. 33); ob Gott sich auf eine solche Rechnung wohl einlässt? Mit der erneut wiederholten Konzession (V. 34) könnte die Stimme Gottes Bedenken zerstreuen wollen.

Die Argumentation in der vierten Strophe ist riskant. Sie knüpft an die Arbeitsteilung in den modernen Gesellschaften an („so ist es eingeteilt“, V. 35), welche auch für den Bereich der Justiz gilt: Dass andere das Urteil vorstrecken als die, die das Urteil aussprechen (. 37 f.), kann einen nicht wundern, wird jedoch in der letzten Strophe problematisiert, ebenso wie der Zusammenhang zwischen Unrecht (Sünde, V. 36) und Verurteilung (V. 36 f.); hier wird der institutionalisierte Zusammenhang von Urteilen und Ausführen in Frage gestellt (V. 39).

Die entscheidende Argumentation folgt in der letzten Strophe: „Gott, du siehst es –!“ (V. 40) Es, das ist das Leiden, das ist der fragwürdige Zusammenhang von Schuld und Strafe. Der Ausruf begründet die Bitte um Erbarmen (V. 41). Es folgt die schon angekündigte Begründung dafür, dass die drei Dinge Sünde – Urteil – Vollstreckung nicht wirklich miteinander verbunden sind:

  • Der Richter erbarmt sich nicht (V. 42).
  • Damit er Erbarmen spürte, müsste er das Leiden fühlen (unausgesprochen).
  • Damit er das Leiden fühlte, müsste man ihn quälen (wie die Gefangenen, V. 43).
  • Damit wäre aber nichts getan, weil dann neue Schuld entstände (V. 44).

Also bleibt der Zusammenhang von Schuld und Strafe gestört (unausgesprochen).

Deshalb bleibt nur der Appell an das Erbarmen Gottes: „Hörst du sie, siehst du sie, fühlst du sie, die Gefangenen –?“ (V. 45 f.) Der wichtigste Appell ist der an das Mitfühlen – die Frage ist als solche ein Appell, Mitleid zu zeigen. Ob es eine Frage ist, die auch die Skepsis zuließe, wie Goethes Prometheus sie zornig ausspricht: „als wenn drüber wär / Ein Ohr, zu hören meine Klage, / Ein Herz wie meins, / Sich des Bedrängten zu erbarmen“?

Tucholsky war ein studierter Jurist, hat aber nie als solcher gearbeitet. Er stellt mit diesem Gedicht die ganze Strafverfolgung – hier insbesondere auch die politische (V. 28-31) – in Frage. Vom Gottvertrauen des Samuel Gottlieb Bürde (1753-1831) ist nichts mehr zu spüren:

Wenn der Herr einst die Gefangenen
ihrer Bande ledig macht,
o dann schwinden die vergangenen
Leiden wie ein Traum der Nacht…“

Tucholskys Stimme lässt sich nicht mehr auf das religiöse Einst vertrösten; sie will, dass die Leiden jetzt enden.

Mit so naiven „Dichtern“ wie Andreas Kley: Richter sehen alles (https://gedichte.xbib.de/Kley%2C+Andreas_gedicht_Richter+sehen+alles.htm) braucht man sich erst gar nicht abzugeben. Vgl. auch die Liste der Gedichte über Gefangene in https://gedichte.xbib.de/_Gefangenen_gedicht.htm! Interessant wäre eine Konfrontation von Tucholskys Gedicht mit Goethe: Das Göttliche (http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1111). Aber das führte hier zu weit.

Vortrag des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=9levlFvbYkE (Jürgen Goslar, 1-2)

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Wassermann: Der Fall Maurizius – Besprechung

Der Fall Mauritius. Roman (1928). Mit einem Nachwort von Peter de Mendelssohn, Langen Müller 1981

In diesem Roman wird von einem Kampf um die Gerechtigkeit erzählt: Kampf um die Revision des Urteils über Leonhart Maurizius, der (zu Unrecht) wegen Mordes zum Tode verurteilt und zu lebenslänglichem Zuchthaus „begnadigt“ wurde. Da es um die Revision eines Urteils geht, ist es auch ein Kampf um die Wahrheit: Was ist vor 18 Jahren wirklich geschehen? Warum hat der Hauptbelastungszeuge Waremme einen Meineid geschworen, warum hat Leonhart Maurizius nicht alles gesagt, was er wusste, und nur seine Unschuld beteuert?

Dieser Kampf wird zwischen drei Zweiergruppen ausgetragen: Wolf Freiherr von Andergast ist der Oberstaatsanwalt, der vor gut 18 Jahren durch seine Anklage und sein Plädoyer die Verurteilung des Maurizius durchgesetzt hat; sein Gegenspieler ist sein 16jähriger Sohn Etzel, ein Gymnasiast, der sich von der drückenden Vorherrschaft seines Vaters befreien will. Dies erreicht er, indem er sich des Falles Maurizius annimmt und den Hauptbelastungszeugen Waremme in Berlin aufsucht: Er haut von zu Hause ab; seine Oma hat ihm 300 Mark gegeben, von denen er in Berlin ein paar Wochen leben kann. Das Verhältnis Vater-Sohn ist dadurch getrübt, dass Etzels Mutter von ihrem Mann geschieden ist und dass vor Etzel die Existenz der Mutter konsequent verheimlicht wird; als gute Fee im Haus wirkt Frau Rie.

Die beiden anderen Zweigruppen bestehen aus dem Oberstaatsanwalt vom Andergast, der sich erneut mit dem Fall Maurizius befasst und mit dem Strafgefangenen im Zuchthaus spricht, sowie Etzel, der sich in Berlin an Waremme alias Warschauer heranmacht und aus diesem die Wahrheit über die damaligen Verhältnisse und Ereignisse herausholt.

Angestoßen wird dieses Geschehen durch den alten Peter Paul Maurizius, den Vater des Verurteilten, der alle Zeitungsberichte über den Prozess und über spätere Vorstöße zur Revision des Prozesses oder zur Begnadigung seines Sohnes gesammelt hat und im Umkreis der Andergasts auftaucht, woraufhin Etzel ihn aufsucht und über den Fall Maurizius und die Rolle seines Vaters darin informiert wird. Der alte Maurizius hat – was nun nicht mehr plausibel klingt – die Spur Waremmes verfolgt, seinen neuen Namen Warschauer und seine Berliner Adresse identifiziert und ist somit in der Lage, Etzel die entscheidenden Hinweise zu geben.

Das Geschehen endet so, dass der Häftling Maurizius den Oberstaatsanwalt von seiner Unschuld überzeugt, woraufhin dieser die Begnadigung des Häftlings durchsetzt und Maurizius entlassen wird; eine Revision des Urteils lehnt Andergast aus verschiedenen Gründen ab, unter anderem zum Schutz der Justiz. Peter Paul Maurizius stirbt am Abend der Heimkehr seines Sohnes und hinterlässt ihm noch ein kleines Vermögen; Leonhart Maurizius wird seiner Freiheit nicht froh, fährt unstet umher und begeht Selbstmord.

Etzel von Andergast hat von Waremme/Warschauer das Geständnis erhalten, dass dieser damals einen Meineid geschworen hat; er kann nach seiner Heimkehr den Vater nicht überzeugen und sagt sich von ihm los. Der Vater dreht durch, auch nach einer Begegnung mit seiner Frau, die ihr Recht auf ihren Sohn geltend macht, und kommt in eine Anstalt – sein Leben als kalter §§-Jurist und herzloser Vater ist zerbrochen, seine totale Überlegenheit ist dahin.

Das Geschehen, das mit dem Mord an Elli Maurizius, der Frau des Dr. Leonhart Maurizius, endete, wird in den Gesprächen und Erinnerungen rekonstruiert: Es ist die Geschichte verwickelter Beziehungen zwischen dem leichtlebigen Dr. Maurizius und seiner wesentlich älteren Ehefrau Elli, deren viel jüngerer bildhübscher Schwester Anna und dem genialisch-dämonischen Waremme, der als Privatgelehrter seinerzeit alle Welt in seinen Bann schlug und inzwischen ein kalter Zyniker geworden ist. Dieses Geschehen muss man selber nachlesen; dabei erscheint mir die Figur des Juden Warschauer, der sich Waremme nannte und nach langen Wanderjahren wieder Warschauer nennt, als die am wenigsten gelungene Figur. Weder ist seine damalige dämonische Macht plausibel noch leuchtet mir ein, wieso er sich von dem 16jährigen Etzel dazu bewegen lässt, die alten Ereignisse ans Licht zu holen. Auch kontrastiert der Edelmut und der unbestechlich gerade Sinn des Jungen auffällig mit der Herzlosigkeit des Vaters, so dass man sich fragt, wie Etzel unter dessen Regime und ohne Hilfe einer Mutter so ein prächtiger Charakter werden konnte.

Wie weit die Zuchthaus-Schilderungen des Leonhart Maurizius die Realität deutscher Zuchthäuser vor 90, 100 Jahren spiegeln, kann ich nicht beurteilen; sie sind jedenfalls eindrucksvoll.

Auf einige Stellen möchte ich besonders hinweisen:

10. Kapitel, Unterkapitel 4: die Lage der Juden in Deutschland um 1900;

daselbst, Unterkapitel 5: die Bedeutung des Schauspielers damals;

11. Kapitel, Unterkapitel 7: die europäische geistige Krise;

13. Kapitel, Unterkapitel 9: über das Recht, über andere Menschen zu urteilen;

14. Kapitel, Unterkapitel 4: über die Gerechtigkeit;

Letztes Kapitel, Unterkapitel 3: über die Gerechtigkeit.

Eine dieser Stellen sei hier zitiert, die nämlich, wo Warschauer dem Etzel Andergast eine verquere Suche der Gerechtigkeit vorwirft: „Jeder Bissen Brot, den ich verzehre, jede Mark, die ich verdiene, jedes Paar Schuhe, das ich trage, ist das Resultat eines verwickelten Systems von Rechtlosigkeit und Ungerechtigkeit. (…) Sie und Ihresgleichen aber setzen voraus, daß ein Wille zur Gerechtigkeit vorhanden ist, sozusagen die immanente Idee davon. Das ist falsch. Ein Trugschluß. Dem Menschheitsganzen ist die Gerechtigkeit vollständig schnuppe. Sie hat gar kein Organ dafür, die Menschheit. Bisweilen berauscht sie sich an dem Gedanken, namentlich in Zeiten, wo sie viel Butter auf dem Brot hat, aber wenn nur im geringsten die Dividenden dadurch bedroht sind oder die Börsenkurse fallen, ist’s Essig mit der Begeisterung, und selbst die lärmendsten Frösche steigen von ihrer Prophetenleiter herunter und hören auf zu quaken. [… Es wird eine Reihe von Fällen aufgezählt, N.T.] Wenn Sie mir beweisen, daß in einem einzigen dieser Fälle ein Hahn danach gekräht hat, ein symbolischer Hahn natürlich, ob der Gerechtigkeit Genügen geschehen ist, wie der Fachausdruck lautet, so zahl’ ich einen Taler.“ (S. 487 f.)

http://www.lyrikwelt.de/gedichte/wassermannjakobg2.htm (Anfang des Romans)

http://www.youtube.com/watch?v=mWjGKRvpc1Q (ähnlich, vorgelesen)

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Fall_Maurizius (der Roman)

http://www.fundus.org/pdf.asp?ID=8538 (dito)

http://zjs-online.com/dat/artikel/2013_2_693.pdf (dito)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7155 (Besprechung)

http://gabrieleweis.de/2-bldungsbits/literaturgeschichtsbits/thema%20jugend/reader-thema-jugend/12-wassermann-fall-maurizius.htm (dito)

http://www.literatur-weimar.de/autoren/jakobwassermann.htm (dito)

http://www.artikel32.com/deutsch/1/handlungsablauf-jakob-wassermann-der-fall-maurizius.php (Inhalt, nach Kapiteln)

http://www.schreiben10.com/referate/Literatur/26/Jakob-Wassermannbs—Der-Fall-Maurizius-reon.php (die Schwestern Elli/Anna sind verwechselt!)

http://www.jakob-wassermann.de/ueberjw.htm (Jakob-Wassermann-Seite)

Es gibt auch einen Film „Der Fall Maurizius“. Anscheinend ist es auch möglich, den Text kostenlos im Internet herunterzuladen.

Norbert Bischof: Moral – Besprechung

Norbert Bischof hat im Anschluss an seine beiden großen Bücher über das Inzestverbot (Das Rätsel Ödipus, 1985) und über die Mytheninterpretation (1996) ein drittes Werk geschrieben, mit dem er den Kreis abrunden will: „Moral. Ihre Natur, ihre Dynamik und ihr Schatten“ (2012). Darin geht er drei Fragen nach: Was sind moralische Werte? Wo kommen sie her? Wie setzt man sie durch? „Die Analyse der ihnen zugrundeliegenden Psychodynamik ist Gegenstand dieses Buches.“ (S. 26) Eine vierte Frage hält er für einfach unbeantwortbar: „Wie beweist man ihre Verbindlichkeit?“

Im ersten Teil, „Philosophie der Moral“, behandelt er die Frage, was Wahrheit ist, und stellt die bisherigen Versuche einer philosophischen Ethik kurz dar, um sie allesamt als unzureichend abzutun. Da er sich dafür nur 30 Seiten reserviert, fällt die Prüfung entsprechend flott aus. So referiert er etwa die beiden Formeln des Kategorischen Imperativs – in Wirklichkeit gibt es deren vier, und kritisiert dann Kant auf einer Seite in Anlehnung an Schillers Gedicht „Gerne dient’ ich den Freunden“, wobei ich bezweifle, dass Schiller den Kategorischen Imperativ verstanden hat: Aber auf drei Seiten kann man den Kategorischen Imperativ nicht sorgfältig abhandeln, die reichen nur für das Niveau des gesunden Menschenverstandes. Es folgen 15 Seiten für postmoderne Ethik (u.a. Habermas), ehe der Autor die wichtige intentionale (neben der mechanisch-kausalen) Betrachtungsweise menschlichen Handelns einführt.

Mit dem 6. Kapitel beginnt der 2. Teil des Buches, „Genealogie der Moral“. Dort bejaht Bischof die Vermutung, „die Funktion der Moral [sei] letzten Endes auf den Fortpflanzungsvorteil zurückzuführen“ (S. 121 f.), wobei er die Zweckmäßigkeit moralischen Handelns von den Zielen des einzelnen Menschen unterscheidet: Zweck ist ein Anpassungsoptimum, Ziele sind Sollwerte von Antriebserlebnissen (S. 139). Die wesentlichen Inhalte dieses 2. Teils sind eine evolutionäre Anthroplogie, die Entwicklung des Identitätskonzepts, der Begriff des moralanalogen Verhaltens und die Idee der Moral: Sie diene dazu, dem Menschen beim Management seiner überreichen Wünsche, Handlungsimpulse und Emotionen zu helfen – in den Moralvorschriften schlage sich die Erfahrung derer nieder, die zuvor mit den gleichen Problemen wie wir zu ringen hatten. Der 2. Teil war für mich sehr interessant.

Der 3. Teil, „Synergie der Moral“, ist der thematisch relevante Teil. In einem systemtheoretischen Exkurs werden moralische Normen als Ordnungsparameter der sozialen Selbstorganisation bestimmt (S. 271). Danach geht es um die Ontogenese des moralischen Urteilens (wobei er sich auf Arbeiten seiner Frau stützen kann); als entscheidendes Stadium bestimmt Bischof den Übergang zur Selbständigkeit in der Pubertät, mit ihrem Oszillieren zwischen Abhängigkeit und Autonomieanspruch. Die Frage ist dann, ob man „Moral“ mit prosozialem Verhalten gleichsetzen kann und ob Aggression per se etwas Böses ist. Prosozialität basiere auf den beiden Mechanismen der Solidarität und der Reziprozität (die Bischof unnötigerweise mit dem Anglizismus „Reziprokation“ belegt, während er sich sonst gelegentlich über Anglizismen mokiert); neben der derart umschriebenen Gerechtigkeit sei jedoch die Reinheit der zweite moralische Grundwert – diese eigenwillige Zweiteilung verdankt sich vielleicht dem Bemühen, die beiden politischen Extreme rechts/links als Fehlformen eines ausgeglichenen Standards zu begreifen, wie es im 4. Teil des Buches erfolgt; die politisch dem rechten Denken zugeordnete Reinheit als zweiter Grundwert ist für mich nicht überzeugend eingeführt. Wichtig als Grundmodell der Triebregulierung ist das Zürcher Modell. Im letzten Kapitel des 3. Teils geht es um die Unterscheidung von Schuld und Scham, wobei die Argumentation zwischen biologischen Beispielen und Wilhelm Busch hin und her springt. „Schuldgefühle beziehen sich primär auf das Wertefeld der Gerechtigkeit, Scham auf die der Reinheit.“ (S. 390) – stimmt das wirklich? Oder wird Bischof hier wie auch sonst öfter das Opfer seines Bestrebens, Dualitäten einander zuzuordnen?

Im 4. Teil des Buches, „Paradoxie der Moral“, geht es im Wesentlichen um die politischen Konsequenzen der entfalteten Konzeption. Sie laufen darauf hinaus, dass die Deutschen an einem gestörten Selbstwertgefühl leiden und dass sie sich nicht von den Untaten des Nazismus her definieren sollen – zumindest im zweiten Aspekt stimme ich Bischof zu, einschließlich seiner Ablehnung der Unvergleichbarkeit des Holocaust und der Hypermoral politisch „korrekten“ linken Geredes.

Insgesamt hat Bischof ein Buch vorgelegt, das von der Verbindung biologisch-entwicklungspsychologischen Fachwissens mit einer flotten Kritik philosophischer Positionen (mit Respekt vor Klages und Nicolai Hartmann) und dem politischen Urteil des gesunden Menschenverstandes lebt. Bischof ist nicht zimperlich, wenn er hochtrabendes Geschwätz postmodernen Denkens entlarvt – da haut er erbarmungslos um sich; er stützt sich bei Gelegenheit auf Goethe, speziell den „Faust“, aber auch auf Wilhelm Busch und Schiller; dessen Gedicht „Das Eleusische Fest“ wird kommentiert und geschlachtet – schade darum ist es nicht.

Das Polemisieren hat mich manchmal gestört, obwohl ich persönlich großes Verständnis dafür habe und selber dazu neige. Noch mehr stört es mich, wie oft man auf Erklärungen und Definitionen zurückgreifen muss, die Bischof 50 oder 180 Seiten zuvor gegeben hat: Vielleicht könnte man das Ganze etwas strenger oder systematischer fassen? Die Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels, eigentlich hilfreich, zeigen eben auch, dass nicht alles wesentlich war, was im Kapitel abgehandelt wurde. Wenn man jedoch bedenkt, was Bischof leisten wollte (s. oben 1. Absatz), soll sein Buch bei mancher Kritik im Einzelnen als insgesamt gelungen gelten.

Ein Gespräch mit Norbert Bischof über sein neues Buch gab es im wdr 3 (nach 8.05). Zentrale Theorien Bischofs, die er seit langem vertritt (auch in seiner „Psychologie“, 2008/09) stellt Ruedi Rüegsegger neben ähnliche Modelle, um „Die Lebensaufgabe von Kindern und Rahmenbedingungen für die Schule“ (2005) zu diskutieren.