Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre – das Geschehen

ERSTES BUCH

I 1 Die Schauspielerin Mariane (M) erhält ein Paket ihres Verehrers Norberg, dem ihre Dienerin Barbara zugetan ist. Sie bekommt Besuch von ihrem neuen Geliebten Wilhelm (W).

I 2 W spricht mit seiner Mutter über die vom Vater getadelte Leidenschaft fürs Theater und das Puppenspiel („David und Goliath“), das seine Mutter ihm vor 12 Jahren geschenkt hat; er nimmt die Puppen in seine Stube.

I 3 W geht in der Nacht mit den Puppen zu M; man isst, W muss von dem Ballett der Puppen erzählen, wie es früher aufgeführt wurde.

I 4 W erzählt von einer zweiten Aufführung des Stücks und davon, wie er einen Blick hinter den Vorhang getan hat

I 5 und wie er einmal unbemerkt in die Speisekammer kam und dort neben Obst auch die Kisten mit den Puppen fand, wobei er das Textbuch mitnahm und dann auswendig lernte; von der Vorbereitung einer neuen Aufführung.

I 6 W durfte bei einer Aufführung mitspielen, mit großem Erfolg trotz einer kleinen Panne. Er spielte dann Opernstücke mit den Figuren und bastelte ihnen neue Kleider. W fragt M nach ihrer Kindheit, wird aber von Barbara wieder an seine Lebensgeschichte zurückverwiesen.

I 7 W bastelte Ritterfiguren und bereitete eine Aufführung von „Das befreite Jerusalem“ (Tasso) vor, was aber schiefging, so dass man erneut auf „David und Goliath“ verfiel.

I 8 Während M einschläft, erzählt W von seiner frühen Theaterbegeisterung und begleitenden Aktivitäten sowie einem Gedicht, das er mit 14 verfasste.

I 9 W ist von der Liebe erfüllt, während M sich unsicher an den Geliebten klammert. W findet in ihr die Bestätigung seines geplanten Ausbruchs aus dem bürgerlichen Leben als Schauspieler.

I 10 W bereitet seinen Aufbruch vor; Werner hält ihm die Stümperei seiner theatralischen Bemühungen vor und wirbt für die solide Arbeit als Kaufmann.

I 11 Charakterisierung der Väter: der alte Wilhelm – der alte Werner; sie beschließen, W auf eine Handelsreise zu schicken, damit er lernt und sich bewährt; sie besorgen ihm ein Pferd. W geht in der Nacht zu M und teilt ihr den Plan mit, mit ihr aufzubrechen – sie bleibt verhalten.

I 12 Barbara muss unglückliche M trösten, die zwischen zwei Liebhabern steht und wohl schwanger ist; sie bevorzugt W, der aber kein Geld hat und abreisen will,wogegen Norberg bald kommt. Sie überlässt sich der Führung Barbaras.

I 13 W trifft auf der ersten Station einen Geschäftspartner, dessen Tochter mit einem Schauspieler durchgebrannt ist; beide werden wieder eingefangen. W ist beim Verhör anwesend; sie bekennt sich zu ihrer Liebe. W sieht die Parallele zu seinem Fall und setzt sich für die Liebenden ein.

I 14 W spricht mit Melina, dem Schauspieler, und will sich für ihn bei den Schwiegereltern verwenden; Melina will gegen W‘ Rat einen bürgerlichen Beruf ergreifen und schildert W das Elend des Schauspielerlebens. Bei den Eltern erreicht W nicht viel, die Liebenden wollen heiraten und müssen sich eine neue Truppe suchen.

I 15 W reitet heim und denkt über seine Liebesseligkeit, die Einrichtung von M‘ Zimmer (unordentlich) und die Reden der Schauspieler nach, denen sein Enthusiasmus fehlt. – W‘ Verhältnis zu seinem Freund Werner. Der hält ihm das schräge Verhältnis zu M vor, ohne Erfolg. M bezirzt ihn erneut, teils durch Lügen über die Anfänge ihrer Liebe, und bestärkt ihn so in seinen Plänen.

I 16 Brief W‘ an M: Er wirbt um sie, möchte zur Truppe Serlo gehen und sie nachholen. Er will heiraten und mit ihr als Schauspieler die Menschen beglücken.

I 17 W bei M, die ihn beinahe abweist; er gibt ihr nicht den Brief. Er trifft einen Fremden, der die Kunstsammlung des Großvaters kannte und für einen anderen gekauft hat. Sie sprechen über W‘ Lieblingsbild und über das vermeintliche Schicksal der Menschen. – W streicht um M‘ Wagen, sieht später eine Gestalt herauskommen und findet in einem Tuch M‘ einen Zettel Norbergs an sie, der bezeugt, dass beide ein Verhältnis haben.

ZWEITES BUCH

II 1 [Zeitsprung: mehrere Jahre] Nach einerKrankheit leidet er an der verlorenen Liebe.

II 2 W kritisiert seine Gedichte und sein schauspielerisches Können. Er widmet sich den Handelsgeschäften, er vernichtet alle Zeugnisse seiner jugendlichen Schwärmerei (Liebe, Kunst). Er streitet mit Werner, ob mittelmäßige Produkte aufbewahrt zu werden verdienen. W‘ Lobpreis des Dichters. W‘ Liebe zu M ist immer noch lebendig.

II 3 In der Arbeit findet w Ruhe. Er unternimmt eine neue Reise; er kassiert Schulden und erlebt in einem Bergdorf ein von Arbeitern inszeniertes Schauspiel. Einige Schuldner müssen verklagt werden. Er kommt zurück in die Ebene, in ein Städtchen.

II 4 Er trifft eine Gesellschaft Gaukler und lernt Philine und Laertes kennen, man fährt zum Essen raus und erlebt eine Aufführung von Bergleuten. Am Abend beobachtet man die Aufführung der Gaukler, W lernt Mignon (Mi) kennen. Am nächsten Tag versetzt Philine sie, W geht mit Laertes zu einem Restaurant, sie treffen Philine wieder; diese ist unstet und freizügig. Zurück zu den Gauklern, W rettet Mi vor einem Schläger; er kauft sie für 30 Taler los, sie ist verschwunden. Neue Aufführung der Gaukler. – W äußert sich mehrmals lobend über die Möglichkeiten des Theaters.

II 5 Gaukler fort, Mi taucht auf und will dienen; W übt sich im Tanzen und Fechten. Herr und Frau Melina kommen, finden keinen Geschmack an Laertes und Philine.

II 6 W wird von Melina um Geld für Theaterausrüstung angegangen, schafft die Abreise nicht und lebt auch im Zauber Mi‘.

II 7 Es kommen einige Schauspieler; Mi bedient. W erfährt, dass M schwanger war und entlassen wurde, ihr Helfer ist von ihr enttäuscht.

II 8 W denkt an M, Mi führt den Eitertanz für W auf.

II 9 Man fährt per Schiff essen und extemporiert Rollen; ein fremder „Geistlicher“ kommt hinzu; W spricht mit ihm über Schauspieler und Erziehung. Man verlebt gemeinsam den Tag.
II 10 Der Geistliche ist weg – fröhliche Heimfahrt; zu Hause wird ein deutsches Ritterstück vorgelesen, mit viel Punsch, es gibt Radau und Scherben.

II 11 W kommt für den Schaden auf und kauft Philine Geschenke; ein alter Harfner kommt und muss singen, u.a. „Was hör‘ ich draußen vor dem Tor“. Man spricht über seine Kunst – W ist über Melinas Vorwürfe verärgert.

II 12 W ist durch Philines Knutschen benommen und sagt Melina das Geld für die Ausrüstung zu. Es kommen verschiedene Männer, W ist unruhig.

II 13 W geht zum Harfner und hört „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“; W ist gerührt. Dann wird „Wer sich der Einsamkeit ergibt“ vorgetragen; der Sänger erbaut W.

II 14 W zahlt 300 Taler an den Notar für Melina; er erlebt die Eifersucht von Philines Diener Friedrich gegen den Stallmeister, ihre neue Eroberung. Die beiden fechten miteinander. W denkt über seine Situation nach und will fort. Mi erleidet einen Anfall wegen seiner geplanten Abreise; W verspricht ihr, sie zu behalten als sein Kind.

DRITTES BUCH

III 1 Mi‘ Lied; Melina als Theaterdirektor: Graf und Gräfin kommen und begutachten die Schauspieler, W wird der Gräfin vorgestellt. Chance, auf dem Schloss zu spielen.

III 2 Baron als Theaterexperte des Grafen bei den Schauspielern und W; W überlegt, ob er bleiben soll; er preist die Adeligen glücklich. Verteilung der Rollen, Aufführungen in der Stadt.

III 3 Umzug zum Schloss, unfreundlicher Empfang. Philine geht mit dem Stallmeister ins Schloss und schickt W Konfekt.

III 4 Der Graf kommt, um nach dem Rechten zu sehen, dazu Jarno (J); Vorbereitungen für eine Aufführung.

III 5 W wird zum Vortrag zur Gräfin gebeten, doch vor lauter Betrieb kommt es nicht dazu; er wird durch kleine Geschenke entschädigt.

III 6 Zu Ehren des Fürsten soll einVorspiel aufgeführt werden. W wird heimlich am Abend zur Gräfin eingeladen und plant mit den Damen Text und Aufführung, muss aber Kompromisse machen.

III 7 Vorbereitungen für das Vorspiel und das Stück; Mi will den Eiertanz nicht vorführen. Wie man Bedenken des Grafen auszuräumen gedenkt.

III 8 Der Fürst kommt an, Aufführung von Vorspiel und Stück; Interesse an den Aufführungen nimmt bald ab, W und die Gräfin mögen sich. Verschiedene Gunstbezeugungen an mehrere. W spricht mit dem Fürsten und J über französisches und englisches Theater; J macht ihn mit Shakespeare bekannt. W‘ neuer Blick auf das Leben der Großen.

III 9 Spannungen zwischen dem Baron und einigen Schauspielern, Spottgedicht auf den Baron; Überfall auf den Pedanten, den Günstling des Grafen, als vermeintlichen Verfasser des Gedichts. W lebt zurückgezogen, ist in die Welt Shakespeares eingetaucht. W setzt sich für Friedrich ein, der gestäupt werden sollte und begnadigt wird, so in W‘ „Familie“ aufgenommen wird (neben dem Alten und Mi).

III 10 Philine und die Baronesse fördern die Neigung der Gräfin zu W; der wird am Abend zu ihr gebeten. Er wird als Graf verkleidet und soll sich dann vor der Gräfin offenbaren – da kommt der echte Graf und sieht ihn kurz. W wird schnell entfernt und muss später dem Grafen etwas vorlesen.

III 11 W ist von Shakespeare beeindruckt, spricht mit J darüber. J deutet ihm einen Auftrag an, setzt aber den Alten und Mi herab, was ihn diskreditiert. W erfährt von den Machenschaften eines Hauptmanns und hält sich von J und dem Militär fern.

III 12 Der Graf ist verändert, weil er sich selbst gesehen zu haben glaubt. Machenschaften der Baronesse und J‘. W muss für die Gräfin seine Werke abschreiben und sie vor den herausgeputzten Damen – ganz im Banne der Gräfin – vorlesen. Sie schenkt ihm einen Ring mit einer Locke, beim Abschied küssen sie sich. Sie schickt ihn abrupt fort.

VIERTES BUCH

IV 1 Philine und Laertes – die verrinnende Zeit. Graf und Gräfin gehen fort, er gibt W einen Beutel Gold. W schreibt einen Brief nach Hause. Die Schauspieler bereiten den Aufbruch vor; der Alte will sich von W trennen, aber der behält ihn.

IV 2 W legt sich andere Kleidung (im Geist Shakespeares) zu, die Truppe ist ausgelassen. Über den Unterschied zwischen Bürgerlichen und Adeligen (W). Die Truppe führt freiwillig ein Stück auf, um sich zu erproben. W spricht über die Disziplin der Musiker als Vorbild für die Schauspieler und den Wert echter Kunst. Man beschließt, sich republikanisch zu organisieren.

IV 3 W erklärt, dass Kunstkritik auf Gründen beruhen müsse und dass man in den Geist des Autors eingedrungen sein müsse; er belegt das an seinen Problemen und Versuchen, die Figur Hamlet zu verstehen.

IV 4 Philine erzählt die Geschichte von Laertes‘ Liebesunglück. Gerüchte von einem Freicorps verunsichern die Truppe. W setzt sich für die vorgesehene Reiseroute ein, man bricht auf und rastet auf einer Waldwiese.

IV 5 Man fühlt sich wohl, W und Laertes spielen einen Fechtkampf. Überfall durch Räuber, Kampf. Philine mit dem verwundeten W und Mi bleiben als einzige zurück, der Rest flieht.

IV 6 Eine kleine Reisegruppe um eine schöne Frau kümmert sich um die Drei und versorgt W‘ Wunden.

IV 7 Man holt die Drei ins Dorf, die Truppe nimmt sie feindselig auf.

IV 8 W verteidigt sich gegen Vorwürfe, er sei schuld am Überfall; Frau Melina hat eine Totgeburt. W verzichtet auf seine Forderungen und will seine Habe allen zugute kommen lassen sowie Verluste ersetzen.

IV 9 Ein Jäger der Schönen bringt die Vier ins Pfarrhaus; W will Philine wegschicken, sie bleibt , „und wenn ich dich liebe, was geht’s dich an?“ W immer noch unter dem Eindruck seiner Retterin.

IV 10 Die Truppe bekommt von W Empfehlungsschreiben für Serlo und Reisegeld, obwohl sie schon welches hatte; Philine verlässt W auf seine Bitte, Mi umsorgt ihn.

IV 11 W‘ Pläne; ihn plagt die Sehnsucht nach seiner Retterin, der schönen Amazone. „Nur wer die Sehnsucht kennt…“

IV 12 W kann Namen und Aufenthalt der Amazone nicht ausmachen; er ist krisenhaft unruhig und bricht zu Serlo auf.

IV 13 Serlo kritisiert die Melina-Truppe als unfähig; seine Schwester Aurelia (A) kommt hinzu. W charakterisiert Hamlet und wirbt für das Stück.

IV 14 W spricht mit A über Ophelia, A ist betroffen und lehnt sich an W als Freund an. Philine ist bei Serlo untergekommen, bekennt W ihre Liebe und klärt ihn über die Verhältnisse Serlos und A‘ auf.

IV 15 Gegen seine Einsicht bricht W nicht zur Geschäftsreise auf. Theateraufführung ist gut. A zieht ihn ins Vertrauen, beklagt ihr Geschick und ihre Kindheit. Gespräch mit Serlo über Hamlet.

IV 16 W spricht mit A über Ophelias Lieder. A kämpft mit Serlo um ihren Dolch; A klärt W über sich selbst auf (Naivität gegenüber Menschen bei tiefer Kenntnis des Menschen) und erzählt ihre Theater- und Ehegeschichte. Mi will einen kleinen Atlas haben, ihre leidenschaftliche Liebe zu W. A‘ Freundschaft mit einem neuen Mann, auch nach dem Tod ihres Mannes. – A schickt W weg.

IV 17 W bricht zu Geschäftsbesuchen auf, es geht ordentlich voran. Er kann das vom Vater erwartete Reisejournal nicht schreiben, mangels Kenntnis. Laertes will ihm helfen, ein fiktives Journal zu schreiben.

IV 18 Serlos Lebensgeschichte als Theatergeschichte

IV 19 W findet Geschmack am Leben als Kaufmann, bekommt aber von Serlo das Angebot, selber bei ihm aufzutreten und die ganze Melina-Truppe mit zu engagieren. W denkt über Schicksal und sein Leben nach und schwankt zwischen den beiden Möglichkeiten Künstler/Kaufmann.

IV 20 A klagt W ihr theatralisches und menschlich-weibliches Leiden. W schwört ihr, nie sich leichtfertig einer Frau zu nahen, sie fährt mit dem Dolch über W‘ Hand, als Zeichen seines Versprechens.

FÜNFTES BUCH

V 1 Mia und Felix, A‘ Sohn; Serlo und die Kunst. Nachricht Werners vom Tod des Vaters. W‘ unkluge Art, seine mangelnde Lebenserfahrung zu kompensieren.

V 2 Werners Brief (Auszug): Er will W‘ Schwester heiraten, das Elternhaus verkaufen und einen Bauernhof erwerben, den W neu organisieren soll – seine Begeisterung über das fiktive Reisejournal. W sträubt sich gegen die Vorschläge.

V 3 W‘ Antwort an Werner: W gesteht die Fälschung des Journals und nennt als Ziel, sich selbst auszubilden: Vergleich der Möglichkeiten des Edelmanns und des Bürgers dazu. Er möchte eine öffentliche Person sein, was nur auf dem Theater möglich sei. Er will seinen Namen ändern und überlässt Werner die Verwaltung des Vermögens. – W unterzeichnet den Vertrag mit Serlo, das Bild der schönen Amazone vor Augen.

V 4 Zusage Serlos, den „Hamlet“ aufzuführen, soweit möglich. Streit mit W, ob man das Stück kürzen darf. Nach ein paar Tagen entwirft W einen Plan, wie man „Hamlet“ von Ballast befreien könnte. Serlo stimmt ihm begeistert zu.

V 5 W macht sich an die Arbeit, Philine soll auch mitspielen; ihre kleine Rangelei mit Serlo wegen der Pantoffeln.

V 6 Überlegungen, wie die Rollen zu besetzen sind und wie man auch den Souffleur einspannen könnte. W zweifelt, ob er selber für den Hamlet die richtige Besetzung ist.

V 7 Gespräch über den Unterschied von Roman und Drama; man veranstaltet eine Leseprobe des „Hamlet“. Serlo spricht über die Begabung des guten Schauspielers; vor dem Geist des Stücks müsse der Buchstabe richtig erfasst sein.

V 8 Zwei Theaterfreunde sind bei den Proben anwesend und greifen korrigierend ein: Bedingungen eines guten Spiels.

V 9 Proben zum „Hamlet“

V 10 Nach der Generalprobe – Kritik Philines an den Disputen der Männer. A kritisiert Philine vor W, der verteidigt sie. Philine spielt ihm einen Streich (Pantoffeln vor dem Bett).

V 11 Die Aufführung wird ein großer Erfolg; Rolle des Geistes wird herausgestellt.

V 12 Feier nach der Aufführung, ausgelassen, Mi rast. In seinem Bett findet W eine Gestalt, die sich an ihn drängt.

V 13 Zettel am Schleier des Geistes auf W‘ Bett: „Flieh! Jüngling, flieh!“ – Mi ist erwachsener geworden; Philine scheint die nächtliche Besucherin gewesen zu sein.

V 14 Nach dem Brand wohnt W mit Felix und Mi in einem neuen Haus, er ist unruhig; der Harfenspieler kommt: „An die Türen will ich schleichen…“

V 15 W gibt den verwirrten Harfner in Behandlung zu einem Geistlichen; Stimmen des Publikums zum Stück. Serlo und W gehen zu Philine, bei der eine Freundin namens M ist; W möchte sie vergeblich sehen. Die beiden Frauen reisen heimlich ab, man schickt einen Kundschafter hinterher.

V 16 Veränderungen in der Truppe; A‘ Abneigung gegen französische Stücke und Sprache. Schwierigkeiten, weil die vermittelnde Philine fehlt; W ist praktisch Regisseur, er ist unzufrieden. Der Harfner erholt sich beim Pfarrer; dessen Theorien über Krankheit. W hört durch einen Arzt vom Grafen und seiner Frau, denen es infolge des alten Scherzes W‘ nicht gut geht – er fühlt sich schuldig. W geht mit dem Arzt zu A; dieser verspricht ihm ein Manuskript „Bekenntnisse einer schönen Seele“, dessen Lektüre heilsam sei.

Melina schlägt Serno vor, eine Oper aufzuführen; W und A stehen ihnen dabei im Weg. „Emilia Galotti“ wird vorbereitet, mit W als Prinz (Adel!) und A als Orsina. Streit zwischen Serlo und A, sie wird krank. Die Lektüre des Manuskripts verändert sie, sie verzeiht ihrem untreuen Freund und stirbt. W soll den Abschiedsbrief an den Ex-Freund überbringen; Mi bleibt mit Felix zurück. Gedicht Mi‘: „Heiß mich nicht reden…“

SECHSTES BUCH

Bekenntnisse einer schönen Seele

Beginn des eigentlichen Lebens mit einem Blutsturz des 7jährigen Kindes, bei dem sich eine Neigung zum Unsichtbaren und zu Gott einstellt. Große Liebe zu Büchern, mit 12 Unterricht in Französisch und Tanzen; Freundschaft mit einem Tanzpartner, als dieser erkrankt.

In der Jugend starke Verweltlichung, doch ist sie gegen Männer reserviert. „Narziss“ (N), ein junger Mann aus dem diplomatischen Dienst, freundet sich mit ihr an; er findet Anschluss an die Familie; Eklat bei einem Fest, N wird verwundet und bleibt zwei Monate krank; er möchte sie heiraten – die Mutter agiert vorsichtig. Er nimmt die Besuche wieder auf; Heiratsantrag, die Eltern stimmen bedingungsweise zu. Vorteile, wenn aus dem Liebhaber ein Bräutigam wird – die Verlobten sind über die Grenzen des Erlaubten uneinig.

Neue Annäherung an Gott; die Beförderung N‘ scheitert. Ihre Einsicht in das, was die Zuwendung zu Gott verhindert: die gängigen Zerstreuungen. Sie erkennt, dass das Band zu N nicht so stark ist wie ihr seelisches Bedürfnis nach dem Guten. Eltern machen ihr Vorhaltungen, doch sie pocht auf das Recht ihrer Überzeugung. Sie kann davon ihren Vater überzeugen; N zieht sich zurück, sie liebt ihn gleichwohl. Ein Briefwechsel mit N führt zu nichts. Nach N‘ Beförderung will er sie als fügsame Gattin heiraten – Ende der Beziehung. Neue Zuwendung zur Welt, auch im Haus eines Grafen.

Stiefbruder des Vaters taucht auf, der sie zur Stiftsdame macht und die Schwester zur Hofdame. Pflichten des neuen Lebens; sie erleidet (mit 22?) erneut einen Blutsturz.

Krankheit der Eltern – die Nähe Gottes hilft ihr; sie vertraut auf ihre Erfahrung statt auf Theorien (etwa: das Hallesche Bekehrungssystem). Nach sieben Jahren freundet sich mit „Philo“ (P) an; durch dessen vergangene Verfehlungen erkennt sie auch in sich Ansätze des Ungeheuerlichen. Sie findet Hilfe beim Menschgewordenen und Gekreuzigten = Glaube; daraus ergibt sich eine neue Heiterkeit, die Prediger enttäuschen sie jetzt. P versorgt sie mit Schriften der Herrnhuter, sie vertraut sich ihm an, doch er ist noch nicht so weit wie sie. Sie besucht Herrnhuter Versammlungen. Der Oberhofprediger streitet mit ihnen über den wahren Glauben; er stirbt.

Heirat der Schwester, durch den Onkel vermittelt; Hochzeit in dessen wunderbar eingerichteten Schloss, Feier dauert mehrere Tage. Gespräche mit dem Onkel über die richtige Lebensführung: gemäß seinem Zweck leben! Bedeutung der Kunst für den sittlichen Menschen; beeindruckend die Bibliothek und die geistliche Vokalmusik. Sie kann sich aber nicht den Kunstwerken als solchen zuwenden.

Krankheit und Tod der ledigen Schwester, bedrückende Folgen davon; sie wendet sich nun auch praktischen Dingen zu. Geburt eines Neffen, Tod des Vaters → größte Freiheit für sie. Über das Glück der Freiheit (HA 414/10 ff.): das tun, was man für recht und schicklich hält. Dissens mit den Herrnhutern; es werden noch zwei Nichten geboren. Ihre Seele weiß: ‚Alles vergeht, Ich bin.‘ Kritik eines befreundeten Arztes an solchen Gefühlen: Der Mensch müsse tätig sein!

Geburt eines Neffen, Tod des Schwagers und der Schwester, der Onkel kümmert sich um die Kinder; Entwicklung der Kinder, in ihnen leben Eigenheiten der Familienmitglieder fort. Der Onkel hält die Kinder von ihr fern, sie ist ihm zu mystisch – sie hält am Glauben an die göttliche Nähe fest.

SIEBENTES BUCH

VII 1 W reitet zu Lothario (L), spricht mit einem Geistlichen, kommt in ein verbautes Schloss, gibt A‘ Brief ab. W wird einquartiert; sein Traum.

VII 2 Am nächsten Morgen kommt L nach einem Duell verwundet zurück; J ist da; die Vorgeschichte des Duells.

VII 3 L und J sprechen über das richtige Wirtschaften (Hofordnung verändern); die Gräfin ist L‘ Schwester, J kennt die Geschichte. J hat sich verändert. W kritisiert die Theatertruppe, J sagt: So ist die ganze Welt. W fragt J nach der Amazone, wird vertröstet.

VII 4 Der Arzt berichtet über den Zustand des Harfners und vermutet einen Fehltritt des früheren Geistlichen; dessen hoffnungslose Verschlossenheit. W soll Lydie, die Freundin L‘, durch einen Trick aus dem Haus schaffen; unter einem Vorwand fahren sie ab, Therese suchen. Am Haus Thereses wird Lydie ohnmächtig.

VII 5 Therese ist Lydies Vorgängerin bei L. W versteht sich mit Therese; Spaziergang, sie kennt sich in der Bewirtschaftung von Gütern aus. W neidet L ein bisschen seine Frauenbekanntschaften.

VII 6 Therese erzählt W ihre Geschichte: guter Vater, schwierige untreue Mutter, deren Vertraute Lydie war. Mutter reiste fort, Vater erlitt nach guten Jahren Schlaganfall und starb. Das Testament war für sie ungünstig, sie zog aus zu einer Bekannten. L sprach einmal über Männer – Frauen, sie entsprach seinem Ideal; bei einer Jagd lernte sie ihn näher kennen und wurde in Wirtschaftsfragen seine Vertraute. Lydie warb um L, aber dieser um Therese; sie sagte zu. Als es offiziell wurde, verschwand Lydie. Zufällig entdeckte L, dass er seine Schwiegermutter unter anderem Namen kannte, und verschwand.

Therese kümmert sich mit der Gräfin um fremde Kinder. Lydie verlangt geistliche Bücher zum Trost, was Therese verurteilt. L hatte ein Verhältnis mit ihrer Mutter und sich später auf Lydie eingelassen. Therese bekam Geld von einer Gönnerin und verzichtete auf ein größeres Gut, das L ihr geben wollte. – Lydie mag L‘ Freunde nicht, die ihn angeblich ihr abspenstig machen. W freut sich, Therese zu kennen; er reitet zu L zurück.

VII 7 L erzählt eine Begebenheit von einem Ritt, der ihn die Nähe des Elternhauses einer früheren Geliebten führte, und einer Verwechslung von zwei Frauen; im Gespräch über A, bei dem W seine früher geplante Kritik L‘ erwähnt, wird klar, dass A keinen Sohn hatte. W soll die Kinder holen, Therese sich um Mi, er sich um Felix kümmern und dem Theater entsagen. – L ist noch einmal zu dem Haus geritten und hat seine frühere Geliebte im Kreis ihrer Kinder getroffen, beide waren bewegt.

VII 8 W trifft die Kinder und die Alte = Barbara, M‘ Dienerin; die gibt ihm M‘ Abschiedsbrief: M ist tot, Felix sein Sohn, sie war ihm treu. W trifft die Truppe und hört Neuigkeiten. Barbara erzählt ihm in der Nacht die ganze Geschichte M‘, die sich gegen Norberg gewehrt und ihn vergeblich erwartet hat. W ist voll Reue und Liebe. Er bekommt M‘ Briefsammlung und liest sie am nächsten Tag. Begegnung mit einigen vom Theater. Gespräch mit Barbara über M‘ Geschick. – Mi wehrt sich gegen eine Trennung von W und Felix und wird mit Felix und Barbara zu Therese geschickt. W nimmt endgültig Abschied vom Theater, Frau Melina hängt an ihm. W schreibt an Werner.

VII 9 L hat geerbt, man muss sich um ein neues Gut kümmern (mit Therese). J verspricht ihm die Einführung in eine neue Welt. Am nächsten Tag wird W in unbekannte Räume geführt und trifft Menschen, die seinen Lebensweg gekreuzt haben; alles geschieht geheimnisvoll, sein Leben zwischen Schicksal und Erziehung changierend. Der Abbé gibt ihm den Lehrbrief, in dem dem Menschen auch Fehler zugestanden werden. Es wird bestätigt, dass Felix sein Sohn ist; der kommt auf ihn zu, und W‘ Lehrjahre sind vorbei.

ACHTES BUCH

VIII 1 Durch die Fragen Felix‘ erkennt W seine Unwissenheit, seine Bildung scheint erst anzufangen. Werner kommt wegen des geerbten Gutes, er ist verkümmert im Vergleich mit W. Die Sorge um Felix lässt W langfristig denken und planen – unsicher, ob er Felix richtig erziehen kann. W liest die im Turm aufbewahrte Rolle seiner Lehrjahre, um Therese seine Lebensgeschichte erzählen zu können. Heiratsantrag an Therese.

VIII 2 L und Werner sprechen über die Besteuerung von Gütern und das Verhältnis zum Staat. W soll mit den Kindern die Schwester L‘ aufsuchen (er meint: die Gräfin). Er ist von Zweifeln geplagt, erkennt aber in der Einladung die Handschrift der Amazone (Natalie, N) und fährt los. Ankunft, die Amazone empfängt ihn, W sieht bekannte Kunstwerke. N berichtet von Mi‘ Situation (Krämpfe, trägt jetzt Frauenkleider): Mi war vor Kindern als „Engel“ aufgetreten, Lied „So laß mich scheinen, bis ich werde…“

VIII 3 W im Zwiespalt zwischen Therese und N. Ein Bild zeigt N‘ Tante, die Autorin der „Bekenntnisse…“. Man befindet sich im Haus von N‘ Onkel, der des Großvaters Kunstsammlung gekauft hatte. Der Abbé als Erzieher N‘ und ihrer Geschwister. Der Arzt informiert W über Mi‘ Geschichte: Sie ist als Kind von Gauklern entführt worden – sie hatte zu W gewollt, als Philine nachts in seinem Bett lag → Eifersucht, Krämpfe. W ist ratlos, der Arzt rät zu Freundlichkeit. Mi ist mit Felix da, sie ist ganz ruhig.

N erklärt ihre Eigenart, die Bedürfnisse der Menschen zu sehen und zu lindern. Sie stimmt dem Prinzip des irren Lassens bei Kindern nicht zu. Ankunft der Gräfin angekündigt.

VIII 4 N gibt W einen Brief ihrer Freundin Therese, diese stimmt der Heirat zu; W ist unsicher wegen seiner Neigung zu N; Auszüge aus Briefen Thereses an N. Man will L informieren, als J eröffnet, dass Therese nicht die Tochter ihrer Mutter und damit frei für L sei. Bestürzung, W verzichtet auf Therese. Brief Thereses: W soll sofort zu ihr kommen. Brief L‘: W soll unbedingt bei N bleiben, bis Therese sich entschieden hat. Brief Thereses: Sie will notfalls selber kommen, sie fühlt sich von den Männern verplant.

VIII 5 Man geht zum Sarkophag des Onkels, dort der Spruch „Gedenke zu leben“. Wunderbare Einrichtung des Raumes. – Therese kommt, Küsse, Mi bricht zusammen, tot. Man will sie einbalsamieren. L kommt mit J und Abbé, W ist verdrossen. J klärt ihn über den Turm auf und über das Eingreifen des Abbés in sein Leben. Er charakterisiert den Abbé und andere Personen.

VIII 6 N‘ verschollener Bruder kommt, es ist Friedrich; er ist mit der schwangeren Philine zusammen. Der Abbé erzählt die Geschichte von Thereses Eltern und ihrer Geburt; W erneuert gegen J seinen Verzicht auf Therese.

VIII 7 J will nach Amerika gehen, der Turm soll sich in der ganzen Welt verteilen; er lädt W ein, ihn zu begleiten. J hat sich schon mit Lydie verabredet. Der Abbé bietet W an, als Begleiter des Marchese (Freund des Onkels von N) zu reisen. W wird sich bewusst, dass er N liebt. Er will mit Felix in die Welt und bittet Werner um Geld. Mit dem Marchese gibt es Gespräche über Kunst und oft fehlenden Kunstsinn.

VIII 8 Exequien Mi‘, kleine Feier; sie ist einbalsamiert. An einem Kreuz-Tatoo erkennt der Marchese sie als seine verschollene Nichte.

VIII 9 Marchese lädt alle nach Italien und W zur Mitreise ein. Die Gräfin kommt. Der Abbé liest die von ihm ausgearbeitete Geschichte des Marchese und seiner Familie, in der Mi als illegitimes Kind seines Bruders (Ex-Pater) und einer von Fremden erzogenen Schwester hervorgegangen ist. Der Mutter wurde etwas vorgespielt, das Kind ihr weggenommen – die kirchliche Vertuschung eines Fehltritts. Mi war ein wildes Kind, voll Musik, mit beschränktem Verstand. Nach dem Tod galt ihre Mutter als Heilige. Der Vater entfloh erneut dem Kloster.

VIII 10 Er ist der Harfner, heißt Augustin. W soll das Erbe Mi‘ antreten. Der Harfner kommt, er ist verwandelt (durch die Möglichkeit, sich zu töten). Der Graf kommt und macht sich nützlich. Felix scheint von Augustins Gift getrunken zu haben, N und W kümmern sich um ihn, er erholt sich aber schnell. Augustin will sich töten, was er schließlich schafft.

Verlegenheit vor W‘ Abreise. L offenbart W, dass Therese der Heirat mit L nur unter der Bedingung zugestimmt habe, dass W N bekommt, für die sein Herz sich entschieden habe. L bietet W an, gemeinsam zu heiraten und zu wirken. Friedrich verkündet, dass N W gewählt habe: „du kommst mir vor wie Saul, der Son Kis, der ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein Königreich fand.“ W ist glücklich.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Meisters_Lehrjahre (unvollständig)

http://cornelia.siteware.ch/literatur/litzusammenfassungen/Wilhelm_Meisters_Lehrjahre.html

https://www.xlibris.de/Autoren/Goethe/Werke/Wilhelm%20Meisters%20Lehrjahre

https://deliteratur.wordpress.com/2010/06/16/bildungsroman/ (Bildungsroman)

https://epub.ub.uni-muenchen.de/5349/1/5349.pdf (Selbmann: Der deutsche Bildungsroman)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/wp-content/uploads/2015/09/bildungsroman.pdf (Bildungsroman)

http://www.jltonline.de/index.php/conferences/article/view/582/1407 (Besprechung Böhm / Dennerlein)

http://www.literaturtipps.de/topthema/thema/wie-sich-der-bildungsroman-weiterbildete.html (Wie sich der Bildungsroman weiterbildete)

https://www.academia.edu/6102330/Dennis_Benneballe_Grade_Bildung_und_die_Turmgesellschaft_in_Goethes_Wilhelm_Meisters_Lehrjahre (Bildung und Turmgesellschaft)

https://vu.fernuni-hagen.de/lvuweb/lvu/file/FeU/KSW/2017SS/04528/oeffentlich/04528-4-01-S1+Vorschau.pdf (Aspekte des Bildungsromans in „Wilhelm Meister“)

http://geraldmackenthun.de/app/download/5784325403/Goethes_Wilhelm_Meister_%281995%29.pdf (dito)

http://sammelpunkt.philo.at/2614/1/Kammertoens_W_Meister_Kant.pdf (Kammertöns: Wieviel Kant steckt in Wilhelm Meisters Lehrjahren?)

https://www.pedocs.de/volltexte/2014/1650/pdf/Roesler_1990_Die_Grenze_erzieherischer_Moeglichkeiten.pdf (Die Grenze erzieherischer Möglichkeiten)

http://vicoweb.de/vn/refserv/source/kittler/wilhelm_meister_1978.htm (Über die Sozialisation Wilhelm Meisters)

http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/goethe/meisterslehrjahre_fischer.pdf (Die Turmgesellschaft)

https://www.christianix.de/doc/Lehrjahre.pdf (Bildungsidee, Arbeit eines Studenten)

https://bildungsserver.hamburg.de/wilhelm-meister/ (Links zu Arbeiten)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Romane/Wilhelm+Meisters+Lehrjahre (Text)

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Carola Sterns Biografie der Johanna Schopenhauer (2003) – erneut gelesen

Irgendwie kamen mir die Figuren bekannt vor, als ich gestern Carola Sterns Biografie der Joahnna Schopenhauer, „Alles, was ich in der Welt verlange“ (2003), zu lesen begann; ich dachte, es sei die Erinnerung an Thomas Manns „Lotte in Weimar“ – aber als ich heute zu der Stelle kam, wo erzählt wird, wie Adele und Ottilie für einen preußischen Leutnant schwärmten, wurde mir klar, dass ich das Buch bereits gelesen hatte: 2015, wie eine kurze Besprechung zeigt. Deshalb möchte ich jetzt nur noch einige Einzelheiten nachtragen.

Das Leben der Johanna Schopenhauer wird nicht streng chronologisch, sondern nach Themen geordnet partiell chronologisch erzählt, wodurch sich gelegentlich Passagen überschneiden. Vielleicht verdankt sich das der Methode der Autorin, umfangreich Literatur zu studieren und teilweise zu zitieren (was einfacher ist, wenn man Themen gesondert bearbeitet); so werden die geselligen Abende bei Johanna S. mit einer Beschreibung Garlieb Merkels in seinen „Briefen über Hamburg und Lübeck“ veranschaulicht. Eine zweite Methode besteht darin, Fragen zu stellen und Vermutungen zu äußern – und diese dabei als solche zu kennzeichnen. Und drittens wahrt Carola Stern die historische Distanz, indem sie immer wieder darauf verweist, dass Johanna Schopenhauer in einer anderen Welt als wir heute lebte. Während Johanna sich in Weimar in den besseren Kreisen zu bewegen suchte, verzichtet Carola Stern nicht darauf, auch das Weimar der kleinen Leute zu skizzieren. Den zwei Seiten einer Sache wird sie dadurch gerecht, dass sie einmal die eine und später die andere Seite darstellt: die Freuden und die Beschwernisse des Reisens (S. 93-97), Goethes Liebenswürdigkeit und Goethes Tyrannei (S. 124 f. / S. 137 ff.).

Was mich gestört hat, sind einige unzulässige Verallgemeinerungen: „Schwerhörigkeit macht den, der sie erleidet, und den, der sie ständig miterleben muss, ungeduldig und auch ungerecht, erzeugt in der Ehe Spannungen und Nervosität.“ (S. 89; das braucht man nicht zu diskutieren!) Oder wenn Stern von den Widersprüchen in Johannas Charakter spricht: „dem starken Bedürfnis, zu gefallen und sich also anzupassen, und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben – ein Widerspruch, mit dem bis heute viele Frauen leben“ (S. 129; der Wunsch nach Anerkennung muss durchaus nicht dazu führen, dass man sich ans Milieu anpasst!). Mit solch kurzbeinigen Weisheiten kommt man nicht zur Einsicht in die Probleme eines Lebens.

Carola Stern, deren eigene Biografie einige Überraschungen bietet (siehe den Wikipedia-Artikel!), schreibt flüssig und flott. Allerdings unterlaufen ihr gelegentlich grammatische Schnitzer: „Später, berichteten die Klatschbasen, sei sie die Geliebte des Zaren Paul geworden und wurde nach dessen Ermordung aus Russland ausgewiesen.“ (S. 77; auch S. 161: „die Miete sei allein für sie zu hoch“, richtig „für sie allein“).

Wenn man den Artikel „Schopenhauer, Johanna“ in der Allgemeinen Deutschen Biographie liest, ist man über Johanna Schopenhauer hinreichend informiert; sie war eine Frau mit großen Ambitionen im Banne Goethes. Carola Sterns Buch zeichnet darüber hinaus vor allem das Bild ihrer Zeit und Zeitgenossen.

Die Wortproblematik, ein Motiv in „Faust I“

Eines des beherrschenden Motive des Dramas ist Fausts Misstrauen gegenüber dem Wort bzw. der Wahrheit der Worte; dieses Misstrauen kann man aus dem „Sturm und Drang“ (Rebellion des Gefühls gegen die „Aufklärung“ und die geordnete Welt der Väter) verstehen, es hat aber auch in der mittelalterlichen Philosophie seine Vorgeschichte („Nominalismus“, s.u.).

  • Das erste Mal taucht das Motiv in der Szene „Nacht“ (bereits im Urfaust!) auf. Der Gelehrte Faust beklagt, „daß wir nichts wissen können“ (V. 385), er will nicht mehr bloß „in Worten kramen“ (V. 385), sondern unmittelbaren Zugang zur lebendigen Natur finden („Ich fühle Mut…“, V. 464). Vgl. auch das „Meer des Irrtums“ (V. 1065), in dem Faust und sein Vater sich bewegt hätten.
  • Im Gespräch mit Wagner, dem Stubengelehrten und Bücherfanatiker, vertritt Faust den Primat des Verstands und des rechten Sinnes gegenüber bloß angelernten Wörtern (V. 550-565).
  • Ebenso grundsätzlich wie in der Nacht-Szene sind seine Bedenken gegen den Anfang des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort.“ (Joh 1,1) Dem kann Faust in seiner Bibelübersetzung nicht zustimmen, lieber verfälscht er den Text (V. 1224-1237).
  • Mephisto kennt Faust und spielt mit dessen Misstrauen gegenüber der Wahrheit des Wortes, als Faust sich nach dem Namen seines Gastes erkundigt (V. 1327 ff.): Geplänkel am Rande.
  • Faust verteidigt gegen sein sonstiges Misstrauen das „Manneswort“ als wahr und glaubwürdig, als Mephisto eine schriftliche Abmachung einfordert (V. 1716 ff.).
  • Damit zu vergleichen ist Fausts Widerstand, als Mephisto ihm rät, vor Marthe ein falsches Zeugnis über den Tod ihres Mannes abzulegen (V. 3033 ff., „Straße“). Faust verwahrt sich heftig dagegen (V. 3039), worauf Mephisto spöttisch daran erinnert, dass Faust als Gelehrter doch auch von Gott und der Welt (beliebige, also nicht richtige) Definitionen „mit großer Kraft gegeben“ (V. 3045) habe.
  • Mephisto greift in einem auf den nächsten Tag vor: Faust werde Gretchen mit seinen Liebesschwüren betören und belügen (V. 3051 ff.); Faust verteidigt das Recht zu solchen Schwüren und Beteuerungen, indem er auf die Tiefe und Glut des Gefühls verweist, das man zu Recht „ewig, ewig nenne“ (V. 3065 – vgl. auch den Gesang der drei Erzengel, die von Gott bekennen, dass „keiner dich ergründen mag“, V. 268, dort allerdings eher im Zusammenhang der Theodizeefrage).
  • Glänzend drückt Mephisto in der Schüler-Szene im „Studierzimmer“ die Problematik der Worte aus, als er satirisch ihren unkritischen und auch sinnlosen Gebrauch einfordert (ab V. 1910, speziell V. 1948 ff. und 1988 ff. – vgl. auch Wagner, die Karikatur eines Gelehrten).
  • Das Motiv taucht auch in der Polemik Mephistos gegen den christlichen Glauben an Gottes „Dreifaltigkeit“ auf (V. 2560 ff.): „Gewöhnlich glaubt der Mensch … wenn er nur Worte hört.“
  • Im „Garten“ turteln Gretchen und Faust; Gretchen befragt das Blumenorakel, mit dem Ergebnis „Er liebt mich!“ (V. 3183). Faust wertet dieses „Blumenwort“ als wahren, gültigen „Götterausspruch“ (V. 3184 f.), und sein (fühlbarer) Händedruck soll sagen, was in Wahrheit „unaussprechlich“ ist (V. 3189 f.).
  • In „Marthens Garten“ wird Fausts Rechtgläubigkeit überprüft. Faust lehnt es ab, sich auf ein Glaubensbekenntnis festlegen zu lassen (V. 3426 ff.), und verteidigt seine Position wortreich (speziell V. 3451 ff. – in Parallele zur Unaussprechlichkeit der Liebe), ohne Margarete allerdings überzeugen zu können (V. 3466/68).

 

Ich habe nur ein Papier zur Wortproblematik bei Goethe gefunden:

https://www.researchgate.net/publication/229866483_Goethes_Dialog_mit_der_christlichen_Wortauffassung

Vgl. auch die Fortsetzung der Wortproblematik im fin de siècle, etwa im Motto des Romans „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (https://norberto42.wordpress.com/2012/01/30/musil-die-verwirrungen-des-zoglings-torles-analysen/) oder in Hofmannsthals Chandos-Brief.

Sturm und Drang:

http://www.pohlw.de/literatur/epochen/stdrang.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Sturm_und_Drang

Nominalismus:

http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=617&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=073ea9086cff66cac677d578d45a93e2

http://www.philo.uni-saarland.de/people/analytic/strobach/alteseite/veranst/mittelalter/univers.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Universalienproblem

Analysen zu „Faust I“:

https://norberto42.wordpress.com/2012/03/10/goethe-faust-i-erste-analysen/

Faust: Zeichen des Makrokosmos

Das Zeichen des Makrokosmus im Buch des Nostradamus (Goethe: Faust I, Regieanweisung vor V. 430) gibt es nicht zu sehen; aber wir können verstehen, was die Idee des Makrokosmos ausmacht und was Faust dementsprechend sehen müsste:

Makrokosmos („große Welt“, von griechisch makrós „groß“ und kósmos „Welt“ […]) ist der Gegenbegriff zu Mikrokosmos („kleine Welt“). Man versteht darunter die Welt als Ganzes, insoweit sie unter einem philosophischen oder religiösen Gesichtspunkt als geordnete, in sich geschlossene Einheit – als Kosmos – aufgefasst wird. Der „Mikrokosmos“ ist dann ein abgegrenzter Teil des Makrokosmos, der zum Ganzen in einem bestimmten Verhältnis steht, etwa in einer Ähnlichkeits- oder Analogiebeziehung.

[…] Besonders häufig gilt der Mensch oder sein Körper in diesem Sinn als Mikrokosmos, daher ist der Makrokosmos/Mikrokosmos-Gedanke ein wichtiger Bestandteil vieler anthropologischer Konzepte. Oft wird auch geltend gemacht, dass der Mikrokosmos aus denselben Elementen aufgebaut sei wie der Makrokosmos.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Makrokosmos) Es geht also um Beziehungen zwischen den Himmelskörpern (Planeten, Sternen = Sternzeichen), den Elementen der Erde und den Körperteilen bzw. Organen des Menschen, um harmonische Entsprechungen in der ganzen Welt.

Diese Entsprechungen sind in verschiedenen Bildern dargestellt – so ähnlich hat man sich auch das Zeichen des Makrokosmos im „Faust“ vorzustellen:

Spagyrik – Das Weltbild der Alchemia medica

Der Begriff „Spagyrik“ setzt sich aus den beiden griechischen Wörtern „spáein“ (trennen) und „ágeirein“ (verbinden) zusammen. Dadurch dass in einem fortlaufenden Rhythmus das „Gute“ vom „Schlechten“ getrennt und weiter ausschließlich das „Gute“ wieder miteinander verbunden wird, erhöht sich die Qualität. Der Begriff „Spagyrik“ drückt die universelle Verbesserungsmethode der kosmischen Ordnung aus – Spagyrik ist Lernprozeß.

Die alchemistische Erfahrung führt zu der Einsicht, dass alle sieben Planetenprinzipien des Universums auch im Menschen veranlagt sind. Das bedeutet, der Mensch (Mikrokosmos) hat Entsprechung zum Universum (Makrokosmos): „Wie das Universum, so der Mensch“ (alchemistischer Grundsatz, s. auch Ayurveda)

Dementsprechend versteht die Alchemia medica verschiedene Organe als „innere Planeten oder Metalle“ des Menschen:

  • Im Gehirn wirkt das Mond-Prinzip,
  • in der Lunge wirkt das Merkur-Prinzip,
  • in den Nieren wirkt das Venus-Prinzip,
  • im Herz wirkt das Sonnen-Prinzip,
  • in der Galle wirkt das Mars-Prinzip,
  • in der Leber wirkt das Jupiter-Prinzip und
  • in der Milz wirkt das Saturn-Prinzip.

Dieselben Formbildungskräfte, die die Planeten und Metalle geformt haben, haben auch die menschlichen Organe ausgebildet. So sind beispielsweise das Goldmetall und das Herz Träger derselben Formbildungskraft. Die Wirkkraft einer spagyrisch zubereiteten Goldtinktur ist somit für das Herz Heilmittel. Dieses Prinzip hat Paracelsus (1493–1541) auf die einfache Formel der Alchemia medica gebracht: „Das Gestirn wird durch das Gestirn geheilt“. Aus dieser Formel hat später Hahnemann (1755–1843) das Simileprinzip der Homöopathie – „Gleiches wird geheilt durch Gleiches“– abgeleitet. Die Bernus-Spagyrik und die Homöopathie haben somit den selben metaphysischen Hintergrund. (http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.heilpraxisamelbufer.de%2Finhalt%2Fbilder%2Fnhk7.gif&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.heilpraxisamelbufer.de%2Finhalt%2Fnaturheilkunde4.htm&h=300&w=297&tbnid=O1SmQImp8O_lUM%3A&docid=m-grgQ57rDETIM&hl=de&ei=zI0XWKiYMYrwarOqn-AI&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=727&page=0&start=0&ndsp=30&ved=0ahUKEwiorsm71oXQAhUKuBoKHTPVB4wQMwhRKBgwGA&bih=960&biw=1628)

Ein anderes Bild: Die Tierkreiszeichen des Himmels in Beziehung zu den Organen resp. Körperteilen des Menschen; es fehlen die Beziehungen zu den Stoffen (Metalle etc.) der Erde: http://www.astromedik.de/assets/images/3Scan2.JPG

Eine Abhandlung mit Darstellungen findet man unter http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fpaulijungunusmundus.eu%2Fhknw%2Fanimamundi_jung_gw12_p66.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fpaulijungunusmundus.eu%2Fhknw%2Fconiunctio_alchem_mod_t2b1.htm&h=406&w=332&tbnid=eflftypB5wbqCM%3A&docid=j-e2B42MBKixxM&hl=de&ei=zI0XWKiYMYrwarOqn-AI&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=1556&page=1&start=30&ndsp=49&ved=0ahUKEwiorsm71oXQAhUKuBoKHTPVB4wQMwhpKDAwMA&bih=960&biw=1628

Eine sehr schöne schematische Darstellung findet man bei Gottwein in der Erläuterung der Prinzipien des Arztes Hippokrates (fehlt hier):

Das Selbstverständnis der Hippokratische Heilkunst:

  1. Die Analogie zwischen Makro- und Mikrokosmos
    • Das (Natur-)Gesetz beherrscht alles. (Hippokr.genit.1)
    • Alles im Körper ist eine Nachbildung des Weltganzen. (Hippokr.vict.1,10)
    • Der Ausgangspunkt der ärztlichen Kunst ist für mich die Zusammensetzung der ewigen Dinge (d.h. des Makrokosmos); denn es ist unmöglich, die Natur der Krankheiten zu erkennen – das ist es ja gerade, was zu finden Sache der ärztlichen Kunst ist – , wenn man nicht die Natur in ihrer Unteilbarkeit von Anfan an kennt, aus der heraus sie sich entwickelt haben. (Hippokr.virg.)
    • Ich werde nun zeigen, dass sowohl die Gesamtwelt als auch alle ihre (einzelnen) Körper bei einer Störung (bzw. Krankheit) das Gleiche erleiden. (Hippokr.hebd.12)
    • Das Warme ging, als alles erschüttert wurde, zum größten Teil an den obersten Umlauf; die Alten scheinen mir es Aither genannt zu haben. Der zweite Teil unten wird Erde genannt, sie ist kalt, trocken und vielbewegt. In ihr ist viel von dem Warmen enthalten. Der dritte Teil ist der der Luft, sie nimmt den Zwischenraum ein, sie ist etwas warm und feucht. Der vierte Teil, der Erde am nächsten stehend, ist das ganz Feuchte (Wasser) und Dichte. (Hippokr.anat.2)
    • Alle Lebewesen […] haben das Warme von der Sonne, alle Feuchtigkeit vom Wasser, das Kalte vom Hauch der (kalten) Luft, das in den Knochen und Fleisch vorhandene Trockene von der Erde. (Hippokr.hebd.18)
    • Vom Darm her leiten Adern die Grundstoffe aus der Nahrung selektiv in vier Zentralorgane (Herz, Milz, Gallenblase, Gehirn) und diese geben sie mit den Säften an den Körper ab. Die Flüssigkeit ist das Fahrzeug der Nahrung. (Hippokr.alim.55)
  1. Gesundheit und Krankheit
  1. Wohlbefinden und Gesundheit besteht im harmonischen Ausgleich (εὐκρασίη) aller vier natürlichen Körperelemente (συμπαθέα πάντα), Krankheit in einer quantitativen oder funktionellen Störung ((παρὰ φύσιν oder ὑπὲρ φύσιν)). Die Voraussetzungen der Gesundheit liegen in der 1.) Zeugung, 2.) richtigen Ernährung, 3. körperlichen Betätigung und 4.) Anpassungsfähigkeit an makrokosmische Veränderungen.
      • Der Körper des Menschen enthält in sich Blut, Schleim, gelbe und dunkle Galle, und diese (Säfte) machen die Natur des Menschen aus und wegen dieser ist er krank bzw. gesund. Gesund ist er besonders dann, wenn diese (Säfte) nach Mischung, Wirkungskraft und Menge in richtigem Verhältnis zueinander stehen und vollständig miteinander vermischt sind. (Hippokr.nat.hom.4)
      • Weder Überfüllung noch Hunger noch sonst irgendetwas, was über die Natur (μᾶλλον τῆς φύσιος) geht, ist gut. (Hippokr.aph.2,4)
      • Das Wohlbefinden des Menschen besteht in einer gewissen (normalen) Natur, die sich von Natur aus eine keineswegs abweichende, sondern ganz harmonische (εὐαρμοστεῦσα) Bewegung verschafft hat. (Hippokr.praec.9)
      • Ein Zusammenfließten, ein Zusammenatmen, alles in Zusammenstimmung (συμπαθέα πάντα). (Hippokr.alim.23)

Bei den meisten Menschen weicht die individuelle Natur (φύσις – Konstitution) von dem Ideal der εὐκρασίη ab. Es ergeben sich je nach Überschuss eines Körpersaftes vier Temperamente: Sanguiniker (Blut), Phlegmatiger (Schleim), Choleriker (gelbe Galle), Melancholiker (schwarze Galle). Sie erkranken in bestimmten Jahreszeiten leichter an den für sie spezifischen Krankheiten.

http://www.gottwein.de/graeca/graeca01.php, dort unter „Hippokrates (Lex)“, am Ende der Darstellung


Man findet bei google-Bilder unter dem Stichwort „Makrokosmos“ diese und andere Darstellungen. In „Faust I“ ist das Zeichen des Makrosmos dem erscheinenden realen, wirkenden Erdgeist entgegengesetzt: Das Zeichen des Ganzen ist schwach, bringt Faust keine Erleichterung oder Erlösung; der reale Geist unserer Erde ist zu stark, ihm ist Faust nicht gewachsen, als er Befreiung aus seiner engen Studierstube sucht. So betritt er den Weg, der ihn abwechselnd ins Enge und ins Weite, ins Enge und ins Weite… führt (vgl. dazu http://www.nicolas-bellm.de/schule/deutsch/faust.htm).

Analysen zu „Faust I“:

https://norberto42.wordpress.com/2012/03/10/goethe-faust-i-erste-analysen/

Klausur zu Faust I, V. 1530-1785

von Dr. Peter Brinkemper:

Deutsch Sek. II, Q-Phase

Text: Goethe: Faust. Der Tragödie Erster Teil, Zeilen 1530-1785

Aufgabenstellung:

  1. Analysieren und interpretieren Sie die angeführte Textstelle aus dem „Studierzimmer“ als typische Situation in einem Drama. Greifen Sie dabei auf wichtige Aussagen im „Prolog im Himmel“ in „Faust“ sowie Angaben zum Pakt aus dem „Volksbuch“ zu Faust zurück.
  2. Vertiefen Sie durch die formale und inhaltliche Analyse rhetorischer Figuren die Deutung des Textes. (Gezielte eigene Schwerpunktsetzung)
  3. Achten Sie dabei auf die sprachliche und logische Präzision der Zitate, der sinngemäßen Wiedergabe und der eigenen Aussagen sowie der Verwendung von rhetorischen und dramatischen Fachbegriffen.

60 Punkte insgesamt für Analyse und Interpretation.

20 Punkte: Inhalt, Thema, Bezug zu „Prolog im Himmel“ und epischem Volksbuch (AFB I-II)

20 Punkte: Inhalt, Form, Rhetorik, Vertiefung der Deutung (AFB II-III)

20 Punkte: Sprache, Logik, Zitat, Wiedergabe, eigene Aussage, Textbezug etc.

Erwartungshorizont

  1. Analysieren und interpretieren Sie die angeführte Textstelle aus dem „Studierzimmer“ als typische Situation in einem Drama. Greifen Sie dabei auf wichtige Aussagen im „Prolog im Himmel“ in „Faust“ sowie Angaben zum Pakt aus dem „Volksbuch“ zu Faust zurück.

-Einleitung in die Klausur. Goethes „Faust I“ als Hauptwerk, Lebenswerk, Drama: Aufklärung/Sturm u. Drang/Klassik. Thema: Leben /Denken. Zweifel/Glauben. „Diesseits/Jenseits“ von Gut/Böse. Geduld/Ungeduld. Freiheit/Zwang. Teufelspakt als Hochmut/Gier im Denken u. Leben, als Rückzug in Theorie u. aus Praxis. Wahrheit u. Lüge, Überheblichkeit u. Maßlosigkeit (7 Todsü.); Liter., Relig., Mythos.

– In Goethe, „Faust“, „Prolog im Himmel“ (Fassung 1827), beschließen der Herr („christlicher“? Gott) u. Mephisto Test/Wette-1 über d. Verführbarkeit d. Menschen, resp. Faust u. seine Seele. Der Herr ist nachsichtig, er glaubt an Fausts höheres, gutes Streben; Mephisto zielt ab auf die Verführbarkeit F.s zum Niederen/Bösen. Der Herr ist sich des Gewinns d. Wette-1 sicher, Faust sei für das Gute u. Wahre zu retten. Mephisto will F. in die Hölle führen u. vorher durch d. Niederungen des Daseins („Staub“) verderben (Erlebnisse als Köder).

– Im protestantischen „Volksbuch“ (1587) schließt Faustus (Gelehrter, schwarzer Magier) einen Pakt mit d. Teufel; mit d. Ziel, von ihm als Diener in 24 Jahren Lebenszeit alles zu bekommen, was er auf „normalem“ Wege nicht erreichte, wenn Faustus ihm seine Seele für die Hölle überschreibt u. ab jetzt schon von d. Gottes-Glauben u. d. christl. Liebe (zu sich u. Mitmenschen) abschwört (aus Christentum austritt u. nur mit Teufel kommuniziert). Eine existentielle Entscheidung: in der Wahrheit oder der Lüge leben, in Gott od. mit Teufel.

Textstelle Goethes „Faust I“: StudZimmer II. Teufel besucht Faust erneut. – Er will d. frustrierten Wissenschaftler u. Magier zum Genuss ins normale Leben u. in d. Welt locken; so will er die Seele ködern, sein Alter-Ego werden, mit dem Pakt die Wette-1 gegen Gott gewinnen. – Z.1530ff.

Faust ist negativ, stark; voller Sturm u. Drang, Zweifel/Wut; zu alt für trivialen Genuss/zu jung, um wunschlos zu sein. – Z.1544ff.

– Rückblick auf verhinderten Selbstmord zwischen Denken/Leben. – Z.1572ff. Weiter Hunger nach Wissen/Macht u. Leben. – Z.1675ff.).

– Fluch auf Glaube, Liebe, Hoffnung u. Geduld (entspricht „Absage“ im „Volksbuch“, ist aber spontaner). – Z.1583ff.

– Mephisto bahnt Teufelspakt an, über d. einseitige Angebot, das Leben mit M.s Hilfe wirklich zu erleben. Einladung als Köder. – Z.1627ff.

– Verhandlung, ausweichend; dann in zweiseitiger Formel, sinngemäß: „Ich diene dir hier, du dienst mir im Jenseits.“ – so: Z.1656ff.

– F.s Gleichgültigkeit, Misstrauen gegenüber Jenseits u. qualitativen Möglichkeiten im Diesseits. F. bezweifelt Angebot.- Z.1660ff.

– Faust setzt sein rastloses, unzufriedenes Wesen in den Vorschlag ein: Teufel könne Vertragsziel früher einlösen, wenn er Wette2 (vgl. Wette-1, „Prolog“) eingeht: In dem Augenblick, in dem Faust, durch M.s Hilfe, zufrieden wäre, hätte F. verloren, endete sein Leben. – Z.1692ff.

Faust sieht in Unzufriedenheit u. Entwertung gerade Macht, Stärke, Schutz, auch vor teufl. Hinterhalt. Vgl. „Prolog i. H.“: F.s kritisches Streben verfolgt niedere und höhere Ziele, in Konkurrenz zu Meph. u. Gott. Fausts Zufriedenheit hat eigene sinnl./geistige Qualität. Mephisto übersieht das. Er verlangt formal (den alten) schriftl. Vertrag, Faust reagiert verächtlich u. wild, erst mit Ablehnung, dann mit positivem Übereifer. Er solle mit seinem Blut unterschreiben (siehe „Volksbuch“, Vertrag ca. nach alter Vorlage). – Z.1712ff.

– Erklärung von F.: plötzliche Treue zum „Bündnis“. Ihm geht es um Rausch, als paradoxe Manipulation v. Leben, Welt, Zeit. – Z.1741ff.

– Mephisto ahnt F.’s Trick, äußert Zweifel an Sinn von Leben/Welt, nur ein ferner Gott finde eine höhere Genügsamkeit daran. – Z.1776-85.

  1. Vertiefen Sie durch formale u. inhaltliche Analyse rhetorischer Figuren die Text-Deutung (eigener Schwerpunkt).

Die Ausführungen werden durch entsprechende, selbst ausgewählte Schlüsselstellen erläutert. Drama/Spiel auf mehreren Ebenen.

-Dramatische Mischung aus Monolog u. Dialog. Faust als subjektiv-lyrischer Redner über sich selbst, mit instabilem, wildem, dynamisch überlegenem Selbstverständnis, an allem kritisch zweifelnd, einen negativen Gott in sich, der nicht nach außen wirkt, unzufrieden mit Leben/Geist/Seele, dann sprunghaft für Verführungsangebot, für Pakt in Form von Wette-2. Mephisto als dialogischer Unterbrecher. F. als ‚ernsthafter Dichter’ gegen M., den ‚Komödianten’, der verführen will u. sich als Kumpel ausgibt.

-Mephistos doppeltes äußerliches Rollenspiel: Seelenhändler vor Gott. Selbstbeschreibung als edler ital. Junker vor F., der die Lebenslust verkörpert. Drängt sich als Alter-Ego auf. Faust glaubt sich stark genug, dieses Alter-Ego innerlich zu verkraften u. im Ernstfall loszuwerden.

-Fausts innerlicher Monolog-Ansatz: Figur mit vielfältiger Spaltung, Polarität, negativ-kritisch-theoretischer Lebens-/-Geist, inneres Drama. Dazu Bilder, Metaphern., Personifikationen. Epischer Rückblick: F.s Selbstmordversuch; Spionage; Leben: Ende/Neustart.

-Eindringliche Wiederholung der Unzufriedenheit u. Verachtung, mit sich, als Geist u. Lebewesen, u. der Welt, Anapher der Flüche.

-Geister-Chor (antikes Dramen-Element; ähnlich wie der Oster-Chor, doch Mephistos u. nicht Gottes Stimmen)

-M.s Appell gegen lebensfeindlichen Gram u. Sorge (Vergleich: „Geier“, Prometheus), Angebot des scheinbar lebensbejahenden Dieners.

-Vertragsverhandlungen, Erwartungen Fausts, Voraussetzungen, Hinterhalte, Missverstehen, Stimmungsumschwung, Paradoxa, Hyperbeln, Widersprüche, Vertauschen v. Ursache u. Wirkung, zeitl. Vorher u. Nachher, Mittel u. Ziel, Hohem u. Niederem.

-Verwandlung d. Vertrags in Wette-2 – hier Abweichung vom „klaren“ „Volksbuch“ – durch Fausts Stürmen u. Drängen, sein(e) Kraft, Tatendrang, Springen in der Zeit u. im Leben; sein Zersprengen u. Manipulieren der Zeit (magische Welt-u.-Zeit-Reisen). Die Wette-2 soll Faust bei Zufriedenheit schon früher dem Teufel ausliefern od. bei Unzufriedenheit auch weiter vor ihm schützen. Dynamisierung des Vertrags. Wille zur Überwindung d. Zeit. Wille zur Überlegenheit über den Teufel (scheinbar od. wirklich, von Gott gewollt?). Fausts positive Kraft od. negativer Größenwahn? Macht u. Ohnmacht d. Teufels, Hang zu Lüge, Illusion. List u. Hinterlist, auch bei Gott u. Faust.

  1. Achten Sie dabei auf die sprach. und logische Präzision der Zitate, der sinngemäßen Wiedergabe und der eigenen Aussagen sowie der Verwendung rhetorischer u. dramatischer Fachbegriffe.

– Sprache, Gliederung und Logik (der eigenen Arbeit) werden hinreichend oder in hohem Maße präzise ausformuliert.

– Das Niveau der Schriftsprache und Fachspr. wird erreicht, unter Vermeidung mündlicher Umgangsspr. (Fehler: A, W, Satz, Logik, Z, RS, Gr).

– Zitate (Sätze, Satzteile, Wörter) u. Textbezug gekennzeichnet („“, Seite, Zeile, Vers) u. nachvollziehbar sowie sinnvoll eingesetzt.

Wörtliche und indirekte/sinngemäße Wiedergabe sind angemessen auf Originaltext sowie auf die eigene Darstellung abgestimmt.

– Die eigene Darstellung wird den Möglichkeiten der Bezugstexte gerecht (Goethes „Faust I; „Volksbuch“). Sie umfasst selbstständige Gedanken, Ideen, Thesen, Ausführungen (reproduktiv, differenziert, anspruchsvoll, originell), die am Text belegt werden können und seinen „tieferen Sinn“ weiter „ausschöpfen“. Der Text wird als konkrete, anschauliche Partitur mit Zeichen und Hinweisen genutzt.

– Nacherzählung (Präteritum statt Präsens; am Text entlang Paraphrasieren oder wörtliches Abschreiben) vermeiden!

– Die eigene Darstellung wird methodisch durch plausible/fruchtbare Hypothese /Perspektive geleitet. Diese berücksichtigt und entwickelt (wenige / viele) Aspekte, Leerstellen, Andeutungen des konkreten Textes (Werk, Kontext, Intertext). Die Interpretationshypothese nutzt Hinweise d. Aufgabenstellung u. Unterricht. Erforderliches Abstraktionsniveau wird erreicht.

– Die Klausurzeit wird ausreichend genutzt durch mehrmaliges Lesen u. Bearbeiten des Textes. Sorgfältige Vorarbeit auf Notizzettel und sowie Erstellung der Klausur unter Beachtung der o.a. Aspekte. „Denken-Lesen-Schreiben“ (DLS).

Notenskala, Punkte: 1 (51-60), 2 (41-50), 3 (30-40), 4 (20-29), 5 (10-19), 6 (1-9).

Vgl. https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-pakt-und-wette-verlauf-und-funktion/ (Übersicht zu Pakt und Wette)

Eichendorff: Mittagsruh – Analyse

Über Bergen, Fluß und Talen …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=112

http://www.textlog.de/22484.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/1.+Wanderlieder/Mittagsruh

http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/dfg/content/pageview/1748643 (Text in Fraktur, mit Abbildung) = http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/gedichte-der-romantiker-in-randzeichnungen.html

Das Gedicht „Mittagsruh“ ist vermutlich etwa 1812 entstanden, aber erst 1837 veröffentlicht worden. Wenn man sich zunächst die grammatische Struktur klarzumachen versucht, ergibt sich folgendes Bild:

„Über Bergen, Fluß und Talen,

[über] Stiller Lust und tiefen Qualen

Webet [es] heimlich, schillert [es], [leuchten] Strahlen!

[Wenn man] Sinnend [liegt,] ruht des Tags Gewühle

In der dunkelblauen Schwüle,

Und die ewigen Gefühle,

Was dir selber unbewußt [ist],

Treten heimlich, groß und leise

Aus der Wirrung fester Gleise,

[d.h.] Aus der unbewachten Brust,

In die stillen, weiten Kreise.“

Das ist ein ungewöhnliches Gedicht, welches andeutungsweise eine „fremde“ Erfahrung umschreibt: dass da etwas „webet“ (V. 3) Was heißt „weben“? Im Wörterbuch von Adelung finden wir als erste Bedeutung: „Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben, sich bewegen, besonders sich langsam bewegen; eine längst veraltete Bedeutung, welche noch in der Deutschen Bibel vorkommt. In ihm leben, weben und sind wir. Man gebraucht es nur noch zuweilen im gemeinen Leben, aber immer in Verbindung mit dem Verbo leben: alles lebt und webt an ihm, ist an ihm in Bewegung. Einige neuere Schriftsteller haben dieses veraltete Wort wieder in die witzige Schreibart einzuführen gesucht.

Es webet, wallt und spielet Das Laub um jeden Strauch, Hagedorn

Der junge Baum webt und schauert, und fühlet die Glieder im Morgenodem der erweckten Schöpfung, Herder“. Da bewegt sich etwas, da schillert etwas, da leuchtet etwas („Strahlen“, V. 3) Wo bewegt sich etwas? Über Berg und Tal bewegt sich etwas (V. 1), also in der Natur, aber auch über den Menschen mit ihren tiefen Gefühlen (V. 2). Die Aufzählung in V. 2 muss auch von „über“ abhängen, da sie im Dativ steht; Lust und Qualen werden als „Ortsangaben“ neben Berg und Tal gestellt (Zeugma). Dieses fremde Geschehen hat ein wenig den Schein des Göttlich-Erhabenen, ist ein Schein dieses Erhabenen (V. 3).

Was sich da zeigt, wird in den folgenden Versen umschrieben; zunächst wird die Bedingung angegeben, dass des Tages Gewühle wie sonst am Abend zur Ruhe kommt. Die Schwüle finden wir auch, als der Taugenichts vom Reisewagen mit nach W. genommen wird und es gegen Mittag „so leer und schwül und still“ wird, dass er einschläft (RUB 2354, S. 7, Z. 14 ff.). Das Attribut „dunkelblau“ verbindet die Mittags- mit der Abendstunde („Blaue Stunde ist heute vor allem ein poetischer Begriff für die Zeit der Dämmerung zwischen Sonnenuntergang und nächtlicher Dunkelheit sowie für die Zeit kurz vor Sonnenaufgang.“ Wikipedia) Zu dieser Stunde treten die ewigen Gefühle unmerklich aus der nunmehr in der Ruhezeit unbewachten Brust „in die stillen, weiten Kreise“ (V. 11), also ins Freie, sodass sie wahrgenommen werden können. Zuvor waren sie eingekerkert, in „der Wirrung fester Gleise“ des Lebens mit seinem Gewühle (V. 9). Was die ewigen Gefühle sind, wird nicht erläutert – es sind die Liebe, die unendliche Sehnsucht.

Wir finden bei Goethe zwei Parallelen, die Eichendorffs Gedicht erhellen können. Die erste finden wir im Gedicht „Nachtgesang“ (1804 entstanden, 1815 veröffentlicht, also erst nach der Entstehung von Eichendorffs Gedicht, die dritte Strophe):

„Die ewigen Gefühle

Heben mich, hoch und hehr,

Aus irdischem Gewühle;

Schlafe! was willst du mehr?“

Eine sachliche Parallele hat Eichendorff vermutlich selber in der 1789 veröffentlichten (zweiten) Fassung von „An den Mond“ gefunden, dort die beiden letzten Strophen:

Selig, wer sich vor der Welt


Ohne Haß verschließt,


Einen Freund am Busen hält


Und mit dem genießt,

 

Was, von Menschen nicht gewußt


Oder nicht bedacht,


Durch das Labyrinth der Brust


Wandelt in der Nacht.“

Bei Goethe bleiben die tief unbewussten Gefühle in der Brust eingeschlossen und werden still mit dem Freund genossen; bei Eichendorff zeigen sie sich, wenn die „Wirrung“ des normalen Lebens in der Ruhe aufhört und sich die Brust des Menschen weitet oder öffnet. In Eichendorffs Gedicht „[Der] Abend“ (1826 veröffentlicht) heißt es ähnlich von der Erde, dass sie in der Ruhe des Abends dem Menschen kaum Bewusstes „rauscht“, nämlich

„alte Zeiten, linde Trauer,

und es schweifen leise Schauer

wetterleuchtend durch die Brust.“

Was bei Goethe Erlebnis der tiefen Freundschaft ist, zeigt sich bei Eichendorff dem Einzelnen, wenn er zur Ruhe kommt, in Form einer Ahnung.

Die Form des Gedichtes ist recht ungewöhnlich. Ein wissender Sprecher beschreibt eine eher unbewusste, andeutungsweise gegebene Erfahrung in 11 Versen (Takt: Trochäus). Dabei sind jeweils drei Verse mit dem gleichen Reim miteinander verbunden, was ein gleichmäßiges, ruhiges (und dem Thema angemessenes) Sprechen bedingt. Als Vers 7 und 10 sind darin zwei Verse eingeschoben, die sich reimen (unbewußt/Brust) und um eine Silbe verkürzt sind (männliche Kadenz), was eine kleine Pause hervorruft. Die sich reimenden 3er-Verse sind semantische Einheiten (die Strahlen, die Gefühle, die weiten Kreise). Die Verse 7 und 10 wirken wie kommentierende Einschübe an ihrer Stelle und gehören nicht zusammen.

Das Gedicht ist äußerst melodiös, vermutlich wegen seiner (grammatischen und semantischen) Schwierigkeit jedoch kaum rezipiert, wenn man den Antworten der Suchmaschine glauben darf.

http://www.otto-friedrich-bollnow.de/getmedia.php/_media/ofbg/201504/615v0-orig.pdf (Bollnow: Der Mittag, dort S. 2 ff.)

Reimschemata: http://www.pathos.name/referenzen/kurs10/Reimschemata.pdf

Vgl. auch Fontane: Mittag

Storm: Abseits

Motiv „weben“ in Faust I

Weben,

1. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte „haben“, sich bewegen, besonders, sich langsam bewegen; eine längst veraltete Bedeutung, welche noch in der Deutschen Bibel vorkommt. In ihm leben, weben und sind wir. […] Einige neuere Schriftsteller haben dieses veraltete Wort wieder in die witzige Schreibart einzuführen gesucht.

Es webet, wallt und spielet / Das Laub um jeden Strauch, Hagedorn […]

2. Als ein Activum. (1) * Langsam hin und her bewegen, schwingen; eine gleichfalls veraltete Bedeutung […]. (2) Durch Einschießung eines Fadens in einen ausgespannten Aufzug hervor bringen; die einzige noch gangbare Bedeutung. Leinwand, Tuch, Taffet, Spitzen, Teppicht weben. Auch als ein Neutrum, weben lernen, weben können, sich vom weben nähren. […]

Anm. […] Man siehet leicht, dass der Begriff der Bewegung der Stammbegriff ist, und dass weben, texere, nur eine Anwendung dieses allgemeinen Begriffes auf einen besondern Fall ist. Verwandte dieses Wortes sind Webel, schweben, schweifen, Weife, Wiebel, vielleicht auch Wipfel, besonders aber das Lat. vivere und Griech. βιειν, zumahl da auch leben ursprünglich sich bewegen bedeutet. […]

Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 1418 f.

 

Bis auf V. 1119 standen alle Stellen, an denen von „weben“ die Rede ist, im Urfaust:

Auf Wiesen in deinem Dämmer weben – das ist Fausts Sehnsucht. Aufgaben:

1. Lesen Sie V. 392-397 (dazu die Regieanweisung von V. 354 und V. 410-417) und beschreiben Sie, was Faust möchte.

2. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 395).

Wie alles sich zum Ganzen webt – das Zeichen des Makrokosmos.

3. Lesen Sie V. 430-453 und beschreiben Sie, was Faust erlebt.

4. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 447).

Ein wechselnd Weben, ein glühendes Leben – das ist der Erdgeist.

5. Lesen Sie V. 501-509 und erklären Sie, was der Erdgeist ist.

6. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 503, 506).

7. Umschreiben Sie die Bedeutung der Metapher „Webstuhl der Zeit“ (V. 508).

Von der Gedankenfabrik und dem Weber-Meisterstück – die Logik.

8. Lesen Sie V. 1922-1935 (im Kontext von V. 1908-1941) und umschreiben Sie, was ein Weber-Meisterstück ist.

9. Umschreiben Sie die Bedeutung von „Weber“ (V. 1923, 1935).

10. Beschreiben Sie, In welchem Verhältnis das Weber-Meisterstück der Logiker vom Weben des Erdgeists steht.

Mit heilig reinem Weben entwirkte sich das Götterbild – Fausts Bild von Margarete.

11. Lesen Sie V. 2709-2716 und erklären Sie, als was für eine Figur Faust hier Margarete „sieht“.

12. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 2715).

Alles von mir webt unsichtbar sichtbar neben dir – Fausts Liebe.

13. Lesen Sie V. 3446-3450 (im Kontext von V. 3437-3458) und umschreiben Sie, was Faust mit „alles“ meint.

14. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 3449).

 

Ich weise auf den differenzierten Artikel „weben“ im Grimm’schen Wörterbuch hin:

vom historischen standpunkt aus müssen drei worte unterschieden werden, von denen die beiden ersten vielleicht dieselbe etymologische grundlage haben, das dritte ist ursprünglich ein ganz anderes wort, ist aber später mit dem zweiten zusammengeworfen worden.

1) weben ‚texere‚ (mit idg. Wurzel)

2) weben ‚sich hin und her bewegen‚ ist seinem ursprung nach schwer zu beurtheilen, da es im mhd. nur selten und nur im präsens vorkommt und im ahd. überhaupt nicht belegt ist

3) weben ‚wehen‚ ist von Luther in die schriftsprache eingeführt worden, später aber nur der dichtersprache verblieben, wo es von dem zweiten weben nicht mehr geschieden werden kann. (B. 27, Sp. 2620 f. (bzw. ff.)

B. weben ‚sich hin und her bewegen, wehen, lebendig sein, sich zeigen und wirksam sein‚. der gebrauch dieses wortes beruht hauptsächlich auf Luthers bibelsprache. schon vor Luther kommt es in der md. dichtung des 14. jahrh. vor und schon um 1300 in zwei alemannischen quellen; auch jetzt noch lebt es auszer in der Schweiz (s. 1 a cim elsäss. als ‚mit händen und füszen zappeln, schaukeln, unruhig sitzen‚ Martin-Lienhart 2, 779, ebenso lothr. Follmann 539, sonst wird es — von wewen ‚wehenabgesehen — nur in leben und weben aus der volkssprache angegeben. Luther hat das wort mit vorliebe gebraucht und auch für sein dialektisches wêwen (s. 2) eintreten lassen, auszerdem erweitert er seine verwendung, indem er es auch als transitivum setzt und auf eine art des alttestamentlichen opfers (1 f)bezieht. im 16. jahrh. wird das wort sonst von Mitteldeutschen, auch H. Sachs (bei dem es mit beben zusammenfällt), und Alemannen (besonders S. Franck) gebraucht, aber nicht gerade häufig. einige, wie die Hessen Waldis und Wicel, kennen es nur als ‚wehen‚. später setzen sich neben den resten der ursprünglichen bedeutung, besonders in weben und schweben, die wendungen der bibelsprache mit leben und weben durch; im zusammenhang damit findet sich weben auch selbstständig gebraucht als ‚in lebendiger bewegung sein, lebendig sein‚. in dieser bedeutung verzeichnet Stieler das sonst meist gar nicht aufgeführte wort. weben ‚wehen‚ tritt seit ende des 17.jahrh. auch auszerhalb seines ursprünglichen gebietes in der dichtung auf und ist besonders durch Herder in aufnahme gekommen, der das wort häufig verwendet und dabei auch sonst an Luthers bibelsprache anknüpft, ohne überall erfolg zu haben. den weitest gehenden gebrauch hat aber (besonders in den jahren 1772—75) Göthe von dem wort gemacht, vielleicht durch sein rheinfr. webern (s. d.beeinfluszt; er kennt es auszer für bewegungsvorgänge sowohl für vorgänge im menschlichen innern, wie für das walten der naturkräfte und hat in beiden verwendungen viel nachfolge gefunden. auch Klopstock, Wieland, Bürger, Schiller u. a. haben gern zu dem wort gegriffen, so dasz es in der gehobenen sprache bürgerrecht errang. hatte noch Adelung, der die bedeutung ‚sich langsam bewegenlängst veraltet nennt, die einführung des wortes in die ‚witzige schreibart‚ getadelt, so konnte Campe bemerken, dasz es als ein ‚altes und ausdrucksvolles wort‚ der edlen schreibart sehr wohl anstehe. hervorgehoben sei noch die vorliebe der romantiker für das wort, das mehr gefühlsmäszigen charakter hat, als begrifflich klar ausgeprägt ist. in der neueren dichtung ist es dann namentlich noch für naturerscheinungen sehr beliebt geworden. auch die wissenschaftliche prosa bedient sich seiner, besonders für ein unbewusztes walten von kräften. dabei ist der allgemeinen sprache nach wie vor nur leben und weben, landschaftlich vielleicht noch die eine oder andere wendung (s. 1 c Busch), eigen.

WEBERN, verb. eine bewegung machen, bes. mit einem körpertheil, schweben, hin und hergehen, geschäftig sein. ein auf das hochd. beschränktes wort, das erst im 14. jahrh. auftritt; doch spricht für eine alte bildung (ahd. *webarôn) das daneben stehende gemeingerm. wabern, sowie die ins mhd. zurückreichenden webeln und wabeln, auch die nebenform wäfern (sp. 249 s. auch wefern) beweist (aus wer- neben wear-) das alter der bildung.

 

Vgl. meinen alten Aufsatz über Weben als Metapher: https://also42.wordpress.com/2015/07/30/weben-als-metapher/

Goethe: Faust I – erste Analysen

Ich pflegte „Faust“ mit den Schülern so zu besprechen, dass wir den Etappen in der Arbeit Goethes folgen: „Urfaust“, dann das „Fragment“ (1790) und schließlich die Endfassung (1808). Ich folgte dabei der Tabelle von Th. Friedrich – L. J. Scheithauer: Kommentar zu Goethes Faust, RUB 7177, S. 83 f.; die Schüler bekamen diese Tabelle. Wenn man den „Faust“ so liest, versteht man, wie Goethe bestimmte Probleme des Dramas gelöst hat (und welche neuen Probleme sich dadurch manchmal ergeben); schwächere Schüler verlieren aber leicht den Überblick – sie lernen am liebsten einfach „Ergebnisse“ auswendig, je unverstandener, desto besser.

Die Entstehungsgeschichte des Textes habe ich in einer Tabelle dargestellt: https://norberto42.wordpress.com/2011/05/25/goethe-faust-i-entstehung-geschichte-des-textes/

Faust – Fragment (1790)
Im „Urfaust“ ereignet sich Dramatisches am Anfang und am Ende, dazwischen stehen einige unzusammenhängende Szenen. Faust, ein gut 30 Jahre altes Genie, das auch zaubern kann („Auerbachs Keller“), lädt Schuld auf sich. Mephisto vermittelt in gewisser Weise zwischen der Welt Faust und Gretchens; das Mädchen ersetzt die in der Tradition des Faust-Stoffs vorhandene Kaiserin Helena. Text des Urfaust: http://www.fh-augsburg.de/~harsch/germanica/
Im Fragment schließt die Begegnung Fausts mit Mephisto an die vergebliche Beschwörung des Erdgeistes und das Gespräch mit Wagner an: Faust strebt nach der Fülle der menschlich möglichen Erfahrungen (V. 1770/75). Stattdessen bietet Mephisto ihm eine Weltreise und flache Vergnügungen (V. 1861 vs. 1772) an; dem Schüler wird dementsprechend (V. 1839 ff.) erklärt, wie sinnlos das Studieren ist. In V. 1866 wird ein Pakt der beiden angedeutet.
In der im Frühjahr 1788 in Rom geschriebenen Szene „Hexenküche“ wird das Böse einerseits in Tieren und magischen Riten überspitzt vorgestellt (vgl. V. 2507 ff.) und die christliche Theologie verspottet (V. 2560 ff.); der Verjüngungstrunk besiegelt eine Art Bündnis zwischen den beiden (V. 2583/86). Durch den Blick in den Spiegel und durch den Trank erhält Fausts Begegnung mit Gretchen eine neue Bedeutung: Sie wird entwertet, eine Station auf dem Weg Fausts zu vielen möglichen Abenteuern…
Der Eingangsmonolog von „Wald und Höhle“ (V. 3217/39) ist gleichfalls 1788, unabhängig vom Rest der Szene, entstanden. Diese Szene steht unter der Frage, wie man mit dem erfüllten Augenblick des Glücks leben kann und wie es danach weitergeht. So erfolgt bald der Umschwung zur Unzufriedenheit, welche durch die Anwesenheit und die entlarvenden Reden Mephistos erklärt wird. Die Szene stand ursprünglich hinter der Szene „Brunnen“; Faust ist also mit Gretchen zusammen gewesen und verzweifelt, da er jetzt seines unsteten Wesens inne wird, wodurch er bloß Gretchen zerstört hat (Übernahme eines Teils aus der alten Szene „Nacht“ des Urfaust!).
Wichtig ist auch, dass das Fragment mit der Ohnmacht Gretchens im Dom endet, was die fragmentarische Offenheit unterstreicht.
Das Problem ist, wie im Fragment das Verhältnis Fausts zu Mephisto bestimmt ist und was in dem Sinn die einzelnen Episoden für Faust bedeuten.
(Nicholas Boyle: Goethe. Der Dichter in seiner Zeit. Band I. 1749 – 1790. Verlag C.H. Beck: München 1995)

Mephisto als Figur (1790)
Mephistopheles entstammt als Gestalt der alten Faustsage. Wenn Goethe die Faustsage aufgreift, muss er mit der Existenz dieser mythischen Figur Mephisto klarkommen.
Im Urfaust agiert diese Figur, ohne dass sie eigens eingeführt würde. Im Fragment (1790) gibt es zwei neue Szenen, in denen Mephisto agiert: die Hexenküche sowie „Wald und Höhle“, diese aber hinter „Am Brunnen“. In der Hexenküche weiß Mephisto nicht nur, dass die Hexe „als Arzt ein Hokuspokus machen“ muss (V. 2538), sondern reflektiert im Gespräch mit der Hexe auch sein eigenes Auftreten (V. 2492 ff.) als Gestalt aus dem Fabelbuch (V. 2507). Man wird deshalb im Verständnis der Figur Mephisto nur weiterkommen, wenn man das Agieren der Figur untersucht, statt sich an die fabelhaften Züge ihres Auftretens zu halten, die Goethe 1808 im „Prolog im Himmel“ sowie in den Studierzimmer-Szenen präsentiert (vgl. bereits V. 1866 [1790], dass Faust sich „dem Teufel übergeben“ hat).
Faust erkennt in Mephisto den Gefährten, welchen der Erdgeist ihm zusätzlich zur Wonne gegeben hat, welche ihn den Göttern näher bringt (V. 3240 ff.). Drei Dinge sagt er von ihm: Er könne ihn nicht entbehren; jener erniedrige ihn und vernichte die Gaben des Erdgeistes; ferner entfache er in ihm das Feuer der Begierde. Wie er die Gaben des Erdgeistes „zu Nichts“ wandelt, sieht man im folgenden Gespräch: Er verspottet das von Faust gepriesene Erleben der Natur (V. 3272 ff.) und entlarvt dessen Naturgenuss als ideologische Überhöhung der puren Sexualität (V. 3282 ff. in Verbindung mit V. 3295 f.), also als Selbstbetrug (V. 3298); er behauptet auch, Faust mit seinen Diensten vom Kribskrabs der Imagination kuriert zu haben (V. 3268), indem er diesen öfter „zu was Neuem“ geführt habe (V. 3254).
In dem Teil der Studierzimmer-Szene, der 1790 fertig ist (V. 1770 ff.), tritt Mephisto gegenüber dem auf Selbsterweiterung erpichten Faust nüchtern auf: Das gehe nicht (V. 1776 ff.); er verspottet den Wunsch als spinnert (V. 1785 ff.), in sich widersprüchlich wie ein „sich Verlieben nach Plan“ (V. 1799 f. – obwohl er das dann mit Gretchen quasi ermöglicht). Er schlägt ihm zum Ersatz einen Aufbruch in die Welt, ins Genießen vor (V. 1816 ff.). – Im Monolog bezeichnet er sich dann als „Lügengeist“, der Faust von Vernunft und Wissenschaft, „des Menschen allerhöchste Kraft“ (V. 1852), abziehen und in dessen unersättlichem Erlebnisstreben zugrundegehen lassen wolle (V. 1851 ff.). – Das ist allerdings nur seine mephistophelische Perspektive.
Auf der Straße (V. 3025 ff.) freut Mephisto sich über Fausts Begehren, will ihm zur Erfüllung verhelfen; er schlägt ihm vor, mittels einer Lüge sich Zugang zu den Frauen zu verschaffen, und entlarvt Fausts Prinzipienreiterei (V. 3039) als von ihm selbst widerlegt (vgl. V. 354 ff.!); ebenso haben die künftigen Liebesschwüre in seinen Augen keinen Bestand: „Ja, wenn man‘s nicht ein bißchen tiefer wüßte.“ (V. 3051).
Fazit: Mephisto ist der Gefährte Fausts; ein Mann des praktischen Handelns, des nüchternen Denkens; er verschafft Abwechslung und Genuss, entlarvt die großen Worte und die hohen Prinzipien; er spottet gern, wenn er im Argumentieren nicht weiterkommt; er widerspricht dem klugen Herrn Professor und ist so gewissermaßen seine andere Seite, sein zweites Ich. Er ist also „psychologisch“ zu verstehen.

Annäherung Fausts an Mephisto (1808)
Mephisto ist als Figur von Faust unterschieden, gehört ihm aber wesentlich als seine andere Seite zu, ist sozusagen ein „Teil“ (V. 342 f.!) oder Aspekt Fausts. Hier soll untersucht werden, wie oder in welchen Schritten die Figuren zueinander finden.
Mephisto tritt als geheimnisvoller Pudel in Fausts Lebensbereich ein. In der Szene „Vor dem Tor“ sieht Faust das Leben und Treiben der normalen Leute. In seinem Monolog „Vom Eise befreit…“ (V. 903 ff.) preist er ihren frühlinghaften Aufbruch als allgemeine Auferstehung und bekennt: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!“ (V. 940). Von den Leuten verehrt, gesteht er Wagner, dass er mit seinem Vater eher hilflos die Pest bekämpft hat (V. 1022 ff.). Im Gefühl, dass alles Wissen unzulänglich ist (1064/67), setzt er in seiner Betrachtung der Landschaft am Abend zu einer Flucht oder Erhebung ins Unendliche an [wogegen Wagner die Freuden der Gelehrtenarbeit preist, V. 1100 ff.], wobei er die „Geister in der Luft“ (1118 ff.) beschwört; darauf stellt sich der Pudel mit dem Feuerstrudel hinter sich ein (1147 ff.).
Im „Studierzimmer“ (V. 1178 ff.) kommt Faust zur Ruhe, sehnt sich „nach des Lebens Bächen“ und „Quelle“ hin (V. 1200 f.), wird dabei aber vom Pudel gestört; bald endet diese Befriedigung jedoch (1210 ff.). So macht er sich daran, das NT ins Deutsche zu übersetzen, entfernt sich dabei eigenmächtig vom Text und sieht auf einmal den Pudel seine Gestalt wandeln. Er beschwört das Tier (1271 ff.) und holt aus ihm Mephisto in Gestalt eines Studenten heraus (1321). Mephisto stellt sich vor
* als Geist, der stets verneint (1338 ff.),
* als Teil der Finsternis, die aus sich das Licht hervorgebracht habe (1349 ff.),
* als gegenüber dem Werden und Leben hilflos (1363 ff.).
Da es Gesetze der Teufel und Gespenster gibt, denkt Faust an die Möglichkeit eines Paktes (1410 ff.); er wird durch schöne Bilder erstmals betrogen (1436 ff.).
Im „Studierzimmer II“ reflektiert Faust die Pein des engen Erdenlebens (1544 f.), wünscht sich erneut den Tod (1570 f.), verflucht (bedingt?) die Tröstungen irdischen Lebens (1583 ff.), worauf Mephisto ihm einen Pakt anbietet (1635 ff. und 1656/59); auf Fausts Frage nach der Möglichkeit unendlichen Genießens (so lese ich 1676 ff.) verweist Mephisto aufs ruhige Schmausen (1690 f.) und bringt damit Faust dazu, eine Wette anzubieten (1692 – 1711). Bei den folgenden Äußerungen ist nicht ganz klar, ob Faust nun einen Pakt unterschreibt (1738/40) oder nicht; jedenfalls spricht er von einem „Bündnis“ (1741), von dem er sagt: „Das Streben meiner ganzen Kraft / Ist grade das, was ich verspreche.“ (1742 f.) Das klingt nicht nach einem normalen Teufelspakt (wie 1656 ff.), sondern zeichnet ein Bild von Fausts Lebensführung oder -weg, die einzuhalten er verspricht (im Sinn einer Wette?).
Pakt oder Wette? Pakt und Wette? Das ist umstritten und braucht auch von uns nicht geklärt zu werden: Wir sehen das Problem und hören Fausts (enttäuschte) Wünsche nach wildem Erleben (V. 1744 ff. – dagegen 3217 ff.!), nach der Fülle des Erlebens (1765 ff.) und seine Einsicht ins Scheitern der Hoffnungen (1810 ff.), worauf er sich entschließt, mit Mephisto in die Welt zu fahren (1834 ff. und 2065 ff. – vgl. dazu 1122). – Man sollte m.E. die Szenen insgesamt nicht als Abfolge „sachlicher“ Ereignisse, sondern als Entfaltung eines (Selbst-)Verhältnisses Fausts lesen.

Karl Friedrich Bahrdt: Geschichte seines Lebens, seiner Meinungen und Schicksale (1. Band, 1790 = https://archive.org/details/geschichteseines01bahr/page/178), erzählt im 18. und 19. Kapitel vom Eindruck, den das Buch „Fausts Höllenzwang“ um 1757 auf ihn als Studenten machte, und von seinen Versuchen, anhand des Buches die Geister in seinen Dienst zu zwingen.

Goethe – „Liebe“ in seinen Jugenddramen
(Idee: die Gretchentragödie nicht nur von der Problematik der Kindsmörderin, wie sie im Sturm und Drang thematisch wurde, zu sehen, sondern auch von anderen Darstellungen des Autors Goethe)

Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand (1773, überarbeitete Fassung von Geschichte Gottfriedens von B…, 1771: Begeisterung für große Charaktere und für die ältere deutsche Geschichte)
Vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen dem freien Ritterstand und dem modernen höfischen Leben geht es um den Konflikt zwischen Götz und seinem Jugendfreund Adelbert von Weislingen; dieser war mit Götzens Schwester Maria verlobt, erliegt aber am Hof der Faszination Adelheids von Walldorf. Maria heiratet später Weislingen, einen Helfer ihres Bruders. Götz hatte einen Konflikt mit dem Erzbischof von Bamberg überstanden; er scheitert, als er sich an die Spitze der aufständischen Bauern stellt.

Clavigo (1774)
Clavigo wird von seinem Freund Carlos überredet, um seiner Karriere willen sich von seiner Verlobten Marie Beaumarchais zu trennen; er bricht mit ihr, kehrt (teilweise aus Mitleid und Schuldgefühl) zu ihr zurück, bricht erneut mit ihr und wird schließlich von Maries Bruder getötet.

Stella (1775, Dramatisierung eines Teils der Memoiren von Beumarchais)
Mme. Sommer, schon lange von ihrem Mann verlassen, trifft die Baronesse Stella, die von ihrem langjährigen Geliebten verlassen ist; die beiden Männer sind in Wirklichkeit nur einer, Fernando, der plötzlich auftaucht und zu Stella zurückkehrt, dann mit Cäcilie Sommer und ihrer Tochter Lucie fliehen will. Die Flucht scheitert, Fernando will sich erschießen, Cäcilie findet die Lösung: Sie schlägt vor, nach dem Vorbild des Grafen von Gleichen eine Doppelehe zu führen. – Dieser Schluß erregte viel Anstoß und wurde 1803 durch einen tragischen Schluß ersetzt.

Egmont (1788)
Das Drama ist ab 1775 in vier Etappen entstanden. Es ist ein Charakterdrama des Grafen Egmont, der nicht auf seinen Freund Wilhelm von Oranien hört, sondern das offene Gespräch mit dem heran-rückenden Alba sucht. Egmont lebt in glücklicher Verbundenheit mit seiner bürgerlichen Geliebten Klärchen, die vergeblich die Niederländer zum Aufstand aufruft, als Egmont von Alba eingesperrt wird; Klärchen vergiftet sich, Margarete von Parma hat sich abgesetzt. Im Gefängnis hat Egmont vor seinem Tod einen Traum von der Freiheit, die Klärchens Züge trägt.

Marthens Garten (V. 3414 ff.)

Marthens Garten ist ein neutraler Ort, wo man sich heimlich ohne Wissen der Mutter treffen kann; Faust und Margarete haben sich im Garten bereits geküsst (V. 3205 f.), Gretchen ist von Sehnsucht geplagt (V. 3374 ff.). – Auf „Wald und Höhle“ sollte man sich nur mit Vorsicht berufen, weil die Szene vorgezogen ist und die Bemerkungen, welche das Verhältnis der beiden betreffen, historisch-chronologisch nicht passen (V. 3310); anderseits stellt diese Szene durchaus eine Wende im Drama dar. – Eine zeitliche Zuordnung (Datierung) der einzelnen Szenen ist nicht möglich, weshalb außer den vorherrschenden Dispositionen nichts über konkrete Absichten der Figuren zu sagen ist – außer dem, was man im Gespräch der beiden erfährt.

Margarete beginnt mit einer Bitte (um Aufrichtigkeit?), V. 3414, Faust verspricht‘s;
M fragt, wie Faust es mit der Religion hält (V. 3415),
F weist die Frage ab und verweist auf seine Einstellung ihr gegenüber (V. 3418 ff.);
M setzt zweimal nach (dran glauben, die Sakramente ehren),
F bleibt verbindlich abweisend (vgl. V. 3420!);
M wiederholt ihre Frage, in der entscheidenden Formulierung: „Glaubst du an Gott?“;
F weist die Frage zurück (V. 3427 ff.),
M versteht dies irrtümlich als Nein, versteht ihn nicht;
F setzt zu einem großen Vortrag an:
– wirbt um M (V. 3431),
– weist das Recht jeder Form verbalen Bekennens oder Bestreitens zurück (V. 3432/36)
– und nennt dafür drei Argumente:
— der Allumfasser…
— der Himmel droben…
— ich und du…
– mit dem Fazit: Erfüll davon dein Herz (V. 3451 ff.),
– Gefühl: ja, Name: nein!
(Damit zeigt sich, dass er über die Wort-Problematik nicht hinausgekommen ist, vgl. V. 354 ff.; V. 1224 ff. u.ö.)
M stimmt teilweise zu, lehnt teilweise ab ((V. 3459/61);
F greift ihre Zustimmung zu seiner Rechtfertigung auf (V. 3462 ff.),
M lehnt zum Schluss das ganze Argumentieren ab (V. 43466/68), versteht ihn nicht;
F staunt und verzweifelt, appelliert hilflos: „Liebs Kind!“ (V. 3469a)

M setzt ihren Angriff auf Fausts Eigenart fort mit einer Klage, dass er sich in Mephistos Gesellschaft aufhält, und einer Anklage seines Gefährten als eines unheimlichen, das Leben und Lieben beeinträchtigenden Gesellen (V. 3469 ff.); sie spricht aus ihrem Gefühl heraus, wie sie ihn erlebt, und lehnt jenen total ab, lässt sich kaum bremsen.
F beschwichtigt sie nur, verteidigt Mephisto (V. 3483), gibt ihr indirekt Recht (V. 3494), verweigert aber letztlich die von ihr erbetene Zustimmung (V. 3501).

Darauf gibt sie auf, indem sie auf ihre Situation als Tochter zu sprechen kommt: „Ich muss nun fort.“ (V. 3502) – Ob sie enttäuscht ist, dass sie in beiden Fragen bei Faust sich nicht durchgesetzt hat, und deshalb gehen will, ist unklar.
F bittet um intensivere Zweisamkeit, beklagt sich ein bisschen (V. 3502b),
M gibt nach (oder hat den gleichen Wunsch), beklagt ihr häusliche Situation (Mutter),
F weiß Rat, hat ein Schlafmittel bei sich (offensichtlich vorbereitet) und zerstreut ihre Bedenken;
M reflektiert abschließend ihr Handeln: Sie ist sich ein Rätsel; deutet an, wie nahe sie vor der letzten Hingabe steht.

Ergebnis: Margarete ist nicht weitergekommen, es bleiben Dissonanzen zwischen beiden in den Kernfragen (Glaube, Mephisto); aber sie stimmt Fausts Begehren nach einer Liebesnacht zu. Damit ist das Scheitern der Liebe und der Untergang Margaretes vorgezeichnet, auch wenn das Schlafmittel nicht tödlich gewirkt hätte. Sie ist Faust nicht gewachsen, sie wird ihn nicht halten können, sie wird im Dorf wie Bärbelchen („Am Brunnen“, V. 3544 ff. – Spiegel ihres Schicksals!) scheitern.

Mephisto spottet anschließend über Fausts Verhalten („Herr Doktor… katechesiert“), entlarvt Gretchens Glaubensfragen als Frauen-Trick, den Mann zu unterwerfen (V. 3522 ff.), erniedrigt Faust  (V. 3534 f.), entlarvt seine Verteidigung Gretchens als Aktion eines (nur scheinbar übersinnlichen) sinnlichen Freiers (V. 3534), verspottet ihn erneut als von einem „Mägdelein“ hereingelegt (V. 3535), verlacht Gretchens wahres Gespür (V. 3537 ff.) und erweist sich damit als Lügner, ist jedoch am Sex der beiden interessiert, hat also an der „Sünde“ Freude (V. 3542 f.).
Das mag man nun teuflisch nennen oder die andere Seite des Herrn Faust, jedenfalls stimmt es mit dem überein, worüber sich Faust in „Wald und Höhle“ beklagt hat (lies V. 3243/46!).

Vergleiche zu „Faust I“ außerdem:

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-magie/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-faust-und-hiob/

https://norberto42.wordpress.com/2016/10/31/faust-zeichen-des-makrokosmos/

https://norberto42.wordpress.com/2016/11/08/die-wortproblematik-ein-motiv-in-faust-i/

https://norberto42.wordpress.com/2017/10/29/faust-i-osterspaziergang/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-pakt-und-wette-verlauf-und-funktion/

https://norberto42.wordpress.com/2016/11/17/faust-i-auerbachs-keller-hexenkueche/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-aufbau-der-gretchenhandlung/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-motiv-weben/

https://norberto42.wordpress.com/2011/10/30/lieder-und-chore-in-faust-i/

https://norberto42.wordpress.com/2011/05/25/goethe-faust-i-entstehung-geschichte-des-textes/

https://norberto42.wordpress.com/2015/11/13/klausur-zu-faust-i-v-1530-1785/ (Klausur zu V. 1530 ff.)

Goethe: Die Wahlverwandtschaften – Analyse

Vor ein paar Tagen habe ich den Roman „Die Wahlverwandtschaften“, den ich seit vielleicht 20 Jahren kenne, zum dritten Mal gelesen, angeregt durch meine Beschäftigung mit Goethes Gedichten. Ich habe dann in einigen kleinen Vorarbeiten einen Rahmen des Verständnisses gezimmert. In diesem Rahmen möchte ich nun meine Beobachtungen, die ich bei der vierten Lektüre mache, notieren; ob ich sie später vertiefe, weiß ich noch nicht – angesichts der ungeheuren Gelehrtheit der Goethe-Philologie sollte man bei einer Interpretation bescheiden bleiben.
Ich lese den Roman in jeweils sechs Kapiteln, aus praktischen Gründen, jedoch in der Annahme, dass dieses Vorgehen dem Verständnis nicht schadet. Ich halte mich an die Hamburger Ausgabe (Bd. 6), zitiere sie mit Seite/Zeile, zitiere die beiden Teile mit I und II und die Kapitel mit nachfolgenden arabischen Ziffern. Den Roman (Titel) nenne ich abkürzend Wv. – „Vorausdeutungen“ (etwa die Einbeziehung des Kirchhofs in den Park, Eduards Scheu vor dem Gang über diesen, die Ausstattung der Apotheke mit Mitteln für die Rettung Ertrunkener…) berücksichtige ich hier nicht.

I 1 Hier wird der Ausgangszustand beschrieben: Eduard und Charlotte arbeiten im April in ihrem Gartenpark; sie sind seit kurzem verheiratet (254/34). Ihr Lebenskonzept ist es, dass sie nur für „uns selbst leben“ (246/30), was Eduard ausdrücklich gewünscht hat (246/21 ff.); dieses Konzept ist Folge ihrer Lebensgeschichte (246/5 ff.): Nach ihrer Trennung durch jeweils eine Ehe sind sie frei geworden und haben sich wieder gefunden.
Die Handlung setzt ein, als Eduard seinen Freund, den Hauptmann, in ihr Haus holen will (243/16 ff; 243/37 ff.), wogegen Charlotte sich sperrt; denn das widerspräche ihrem Lebenskonzept (s.o.). Die Dazwischenkunft eines Dritten (eines Hindernden, Fremden 247/10) sei immer bedeutend und habe oft schon Verhältnisse verändert, eine Lage „völlig umgekehrt“ (248/12 ff.).
Dieses Thema, dass bei Ihnen Platz für ein Drittes oder Viertes wäre, ist von Eduard in der Laubhütte angeschnitten worden (243/15 bzw.20 ff. und 259/8-13).
Es zeigt sich ein bedeutsamer Widerspruch, dass Eduard für sie beide Bewusstsein reklamiert, weshalb das hinzukommende Dritte nicht schaden könne (228/19 ff.), dass er aber das Los (und nicht die Argumente) über die Aufnahme des Hauptmanns entscheiden lassen will (248/28 ff.).

I 2 Charakterisierung Eduards durch seine Lebensgeschichte (249/19 ff.); Charlottes Weigerung ist der erste Widerspruch, den er erlebt (249/33).
Sie treibt durch ihren Wunsch, Ottilie zu sich zu holen (250/33 ff.), ebenfalls die Handlung voran. Sie zeichnet ihre Tochter Luciane als Gegenspielerin Ottilies (251/1 ff.). In Ottilie sieht sie eine „Gefahr“ für den Hauptmann (252/32 ff.) als Mann in den besten Jahren (252/35 ff.; vgl. 242/5 f.; 246/19), während sie vor ihrer erneuten Annäherung an Eduard diesen als Bräutigam Ottilies ins Auge gefasst hatte (253/10 ff.).
Mittler kommt; seine Lebensgeschichte wird erzählt (255/3 ff.). Er weigert sich, ihnen einen Rat zu geben; „wer was Bessers will, als er hat, der ist ganz starblind“ (256/2 f.), sagt er. Er dient Charlotte als Beweis, dass ein Dritter zwischen zwei nah Verbundenen nichts fruchtet (246/13 ff.).
Eduard hatte vorgeschlagen, mit dem neuen Leben zu viert den Versuch zu machen (252/30 f.); Charlotte sieht das Wagnis, willigt aber darin ein: „Laß uns den Versuch machen!“ (256/36 f.). – Das steht im Gegensatz zu der umsichtigen Planung, mit der bald darauf die Umgestaltung des Gartenparks unternommen wird (260/38 ff., vgl. I 6 – gegenüber Charlottes Probieren, 261/25 ff.).
Im Musizieren macht Charlotte trotz Eduards Beschränktheit ein Harmonieren in etwa möglich (257/24 ff.).

I 3 Die Handlung schreitet voran: Der Hauptmann kommt am Otto-Tag (30. Juni) an. Die kartografische Aufnahme des Gutes ermöglicht neues Planen (260/38 ff.). Eduard lebt im Beisein des Freundes auf; Charlotte fühlt sich kritisiert und einsamer (262/33 ff.).
In zwei Briefen (263/24 ff.) wird Ottilie charakterisiert: ein Mensch, der hinter anderen zurücktritt; der nur mäßig Essen und Trinken genießt; der Kopfweh hat; der langsam voranschreitet, aber wie eine künftige Lehrerin lernt. – Charlotte billigt des Gehülfen Neigung zu Ottilie (265/37 ff.).

I 4 Der Hauptmann, „dieser tätige Mann“ (266/15), bringt Ordnung in viele Angelegenheiten des Hauses; Charlotte wird dadurch zufrieden mit seiner Gegenwart (268/27 ff.).
Beim Vorlesen Eduards kommt es zu einer Störung (Charlotte hat ins Buch geschaut, sie war durch das Wort „Verwandtschaft“ abgelenkt, 269/23 ff.). Hier ist das Thema des Romans explizit genannt, der Hauptmann erklärt die chemischen Verwandtschaften (271/17 ff.). Sie bewirken, dass Elemente zueinander finden; aber sie bewirken auch Scheidungen (273/30 f.). Mehrfach wird das Sprechen über sie als Gleichnisrede qualifiziert (270/14; 275/6;276/26); von Charlotte werden die chemischen Vorgänge mehrfach auf die Menschen übertragen (270/8 ff., 272/19 ff.; 273/13 ff.), dann von Eduard auf die Gruppe selbst (274/39 ff.; vgl. 281/7 ff.). Charlotte möchte wegen Wahl und Wahlverwandtschaft die Menschen über die Elemente stellen (275/4 ff.). In dem Zusammenhang bringt Charlotte erneut das hinzukommende Dritte (275/15), Eduard ein Viertes (275/18) ins Spiel.
Die Wahlverwandtschaft wird in der Zeichensprache (A – C) auf die Gruppe übertragen (276/15 ff.), Ottilie soll als D hinzukommen (276/32ff.). Charlotte meint, „dass diese Natur- und Wahlverwandtschaften unter uns eine vertrauliche Mitteilung beschleunigen“ (276/39 f.), und sie stimmt zu, dass Ottilie kommen soll.

I 5 Charakterisierung Ottilies und Lucianes in zwei Briefen (S. 277ff.); man bittet Charlotte darum, Ottilie vorübergehend aufzunehmen (280/7 f.).

I 6 Fortgang der Handlung: Ottilie kommt an, fügt sich in die Ordnung des Hauses ein, ist den Männern „ein wahrer Augentrost“, sagt der Erzähler (283/14 f.). Beide Männer werden durch ihre Gegenwart milder (283/22 ff.), Charlotte findet in ihr eine liebe Gesellschafterin und erhofft sich eine zuverlässige Freundin (282/25ff.).
Die Männer unternehmen täglich Neues (285/7) und planen, einen Englischen Garten anzulegen (287/21 und 287/35 ff., schon ab S. 285).
Auch Charlotte und der Hauptmann wirken gut zusammen, lernen einander kennen und sich voller Wohlwollen begegnen (288/37 ff.); dazu gibt es einen Kommentar des Erzählers (289/3 ff.). Charlottes Wohlwollen zeigt sich darin, dass sie es hinnimmt, dass durch seine Planung ein von ihr eingerichteter schöner Ruheplatz zerstört wird (289/8 ff.).
Hier wird indirekt ein Stichwort berührt, „etwas aufopfern“ oder „sich aufopfern“, welches schon mehrfach behandelt worden ist: 244/34 ff.; 252/16 ff.; 261/27 ff.; 2186/6 ff. (ähnlich 251/32 ff.). – Ich begnüge mich damit, auf die Bedeutung des Stichwortes hinzuweisen, ohne sie zu explizieren.

In I 7–12 beschleunigt sich die Annäherung der neuen Paare. Einen ersten Höhepunkt erreicht diese Handlung im „Ehebruch“ der Eheleute (I 11), einen zweiten im wechselseitigen Liebesgeständnis der neuen Paare (I 12).
Dabei ist die Annäherung Eduards an Ottilie heftiger und unkontrollierter; wie deren Zuneigung sich zeigt, wird direkt erzählt: die Episode an der Mühle (I 7), die Annäherung im Vorlesen Eduards und im gemeinsamen Musizieren (I 8), die Angleichung Ottilies an Eduard in der Handschrift (I 12) und die Veränderung der Welt Eduards nach dem ersten Kuss (324/5 ff.). – Das Paar Graf-Baronesse wirkt wie ein Katalysator der Prozesse der Wahlverwandtschaft.
Die Zuneigung Charlottes zum Hauptmann wird vom Erzähler nur erwähnt (298/1 ff.); zum gemeinsamen Musizieren müssen sie aufgefordert werden (298/25); ihre Liebesbegegnung wird nachträglich, in der Art einer Erinnerung Charlottes (324/30 ff.), erzählt; nach dem Kuss fangen sich beide, und Charlotte erneuert ihren Treueschwur gegen ihren Mann, als sie wieder allein ist (I 12).

I 7 Hier wird erzählt, dass Eduard seit langem für Ottilie „eine stille, freundliche Neigung in seinem Herzen“ hatte (289/18), dass sie sich „wie ein freundlicher Schutzgeist“ (289/31) um ihn kümmerte und ihn bereits früh verehrt hatte (290/1). Auf dem Gang zur Mühle erscheint sie ihm wie ein himmlisches Wesen (291/36); doch traut er sich nicht, sie zu umarmen (S. 292). Als sie auf seinen Wunsch das Bild des Vaters von ihrer Brust entfernt und ihm gibt, ist ihm, „als wenn sich eine Scheidewand zwischen ihm und Ottilie niedergelegt hätte“ (293/5 f.).
Es zeigt sich jedoch, dass sich die neuen Verhältnisse störend auswirken: Die Zusammenarbeit der Männer stockt; die Zeit wird ihnen gleichgültig (290/23 ff.); man macht weite Spaziergänge. – Als man die Errichtung eines bereits vorgesehenen (288/15 f.) neuen Hauses plant und kalkuliert (294/3 ff.) und sodann billigt (294/31 f.), wird der Plan wegen eines von Eduard unterstützten Vorschlags Ottilies alsbald umgestoßen (294/39 ff.) – für Eduard ein Triumph.

I 8 Die Männer beginnen neu zu planen, die neuen Paare nähern sich einander an (s. o.) – es scheint alles weiterzugehen wie früher, obwohl der Erzähler in einem Kommentar bereits gezeigt hat (290/32 ff.), wie die Leidenschaft verborgen wirkt, ehe sie offen ausbricht.

I 9 Der Grundstein des neuen Hauses wird an Charlottes Geburtstag gelegt, das wird auch mit Reden gefeiert (mit Anspielungen auf die Ehe). Es kündigt sich Neues an, als einmal die Ankunft des Grafen und der Baronesse (eines illegitimen Liebespaares) vermeldet wird (304/19 ff.), als zweitens Mittler sogleich nach seiner Ankunft wieder abreist, als er davon hört: Dieses Paar bringe nur Unheil, es wirke wie ansteckender Sauerteig (306/25ff.).
In einer Rede verteidigt er die Ehe (306/28 ff.) – ein Gegenstück zu dem, was der Graf in I 10 äußern wird.

I 10 Das neue Paar strahlt etwas von sich aus. Der Graf lässt sich breit über die Nachteile der Ehe aus und verteidigt eine Ehe auf Zeit, was Charlotte wegen Ottilies Anwesenheit beunruhigt; er spielt des öfteren (positiv) auf Eduard und Charlotte als Paar an.
Die Baronesse bemerkt Eduards Leidenschaft für Ottilie (314/30ff.) und will ihn von ihr trennen; der Graf möchte den Hauptmann auf eine diesem angemessene Stelle befördern (und würde ihn so von Charlotte trennen, wovon diese betroffen ist, 313/36 ff.).

I 11 Um Mitternacht führt Eduard den Grafen heimlich zum Zimmer der Baronesse; dadurch kommt Eduard in die Nähe von Charlottes Zimmer. In Sehnsucht nach Ottilie klopft er an (319/37 ff.). Ihre Begegnung (ab 320/28 ff.) ist von den wechselseitigen Sehnsüchten nach dem fremden Partner erfüllt, „und so verwebten, wundersam genug, sich Abwesendes und Gegenwärtiges reizend und wonnevoll durcheinander“ (321/27 ff.) – und auch wenn sie beieinander sind, nimmt ihr Herz keinen Anteil an ihren freien Scherzen (321/32 f.).
Bedeutsam ist noch die Charakterisierung Charlottes als Ehefrau (321/4 ff.) und Eduards Schuldgefühl am anderen Morgen nach dem „Ehebruch“ (321/35 f.).

I 12 Nach der verlogenen Annäherung im Bett Charlottes begegnen die Eheleute den anderen am nächsten Morgen „gleichsam beschämt und reuig“ (322/9 f.). Der Erzähler kommentiert: „Denn so ist die Liebe beschaffen, daß sie allein recht zu haben glaubt und alle anderen Rechte vor ihr verschwinden.“ (322/11 f.)
Jetzt werden die neuen Liebeskonstellationen offenbar – das ist in der Übersicht zu I 7-12 bereits dargestellt worden. Eduard ist der vorwärts stürmende Partner, der sich von den anderen am Teich trennt, um zu Ottilie zu gelangen (323/14 ff.); Charlotte stellt sich, als sie allein ist, ihrer Verantwortung – „immer gewohnt, sich ihrer selbst bewußt zu sein, sich selbst zu gebieten“ (326/27 ff.). Sie entsagt dem Hauptmann.
Eine Andeutung weist rätselhaft in die Zukunft: dass „eine seltsame Ahnung, ein freudig bängliches Erzittern“ Charlotte ergreift, als sie ihr Tun verarbeitet (326/33 f.). „Sie fühlte sich innerlich wiederhergestellt.“ (326/37).

In I 13-18 spitzt sich die Krise der Ehe Charlottes und Eduards zu: Charlotte entsagt völlig und rein dem Hauptmann (340/15-24), während Eduard immer stärker Ottilie bzw. der Liebe zu ihr verfällt.
Ein junger Architekt kommt hinzu (332/15 ff.) und ersetzt später den Hauptmann als gestaltende Kraft. An Ottilies Geburtstag wird das Richtfest des neuen Hauses gefeiert, wobei Eduard sich mit dem Feiern und Ehren hervortut. Der Hauptmann geht weg (340/15); Eduard setzt es mit einer Drohung durch, dass Ottilie im Schloss bleibt, während er sich entfernt (I 16). So ist der Versuch gescheitert, in den alten Zustand der Zweisamkeit zurückzukehren, wie Charlotte es wünscht (340/32 ff.; vgl. 329/14 ff. und 351/6 ff.) und in einem offenen Gespräch veranlassen will (340/25ff.). Rein äußerlich geht das Leben auf dem Schloss seinen gewohnten Gang, aber die Differenzen sind bloß übertüncht (351/6 ff.).
Der Erzähler beachtet Ottilie nur am Rande, macht aber doch sehr deutlich, dass sie sich verändert hat: Sie ist argwöhnisch geworden (348/10 f.), sieht in allem nur Eduard (S. 348 f.; 350/7 ff.), findet in Nanny eine neue Begleiterin (349/35 ff.), geht viel ins Freie (gegen 296/17ff.) und träumt sich in die Ferne (351/22 ff.). Am Ende wird ein Blick in ihr Tagebuch und damit ihr Inneres angekündigt – damit wird Teil II beginnen.
Mit der Schwangerschaft Charlottes und der Entscheidung Eduards, in den Krieg zu ziehen (I 18), wird eine kommende Entscheidung vorbereitet – jetzt weicht Eduard ihr noch aus. – Es hat inzwischen der Sommer des nächsten Jahres begonnen (350/8 f.).
Mir sind mehrere Stichworte aufgefallen: die Zeichen, die Aufopferung (341/20-24; 344/24 ff. als Taktik Eduards), die Rückkehr in einen alten Zustand; die Zeichnung der Männer zielt darauf, den Hauptmann als einen Rettenden (nach dem Unglück 336/34 ff., wo sich auch seine Vorsorge von 268/2 ff. auszahlt) zu sehen, während Eduard in seinem Liebeswahn (Feuerwerk für Ottilie) dieses Unglück herbeigeführt hat und von ihm nicht betroffen ist (338/8 ff.).
Wichtig erscheint mir, dass Charlottes sympathische Vernünftigkeit bei den Verwirrungen des Herzens nichts ausrichten kann (340/25 f.; der Erzähler spricht sogar von einem „Wahn“, 329/15). Auch Mittler scheitert.
Ich möchte noch die „Zeichen“ näher beleuchten. Als Eduard sowohl seinen heimlichen Liebesbrief an Ottilie wie deren Antwort kurz verloren (und dann zurückerhalten) hat, kommentiert der Erzähler: „Er war gewarnt, doppelt gewarnt; aber diese sonderbaren, zufälligen Zeichen, durch die ein höheres Wesen mit uns zu sprechen scheint, waren seiner Leidenschaft unverständlich (…).“ (331/4 ff.)
Charlotte hat gesehen, wie der Hauptmann die Gefährdeten gerettet hat und selber gerettet wurde. „Diese wunderbaren Ereignisse schienen ihr eine bedeutende Zukunft, aber keine unglückliche zu weissagen.“ (339/29-31) Die Entwicklung gibt ihr jedoch nicht Recht.
Sie irrt sich erneut, als sie in der nächtlich-abenteuerlichen Begegnung mit Eduard, bei der sie schwanger geworden ist, ein Zeichen des Himmels sieht: „Laß uns in dieser seltsamen Zufälligkeit eine Fügung des Himmels verehren, die für ein neues Band unserer Verhältnisse gesorgt hat in dem Augenblick, da das Glück unseres Lebens auseinanderzufallen und zu verschwinden droht.“ (358/38 ff. – vgl. dagegen I 11 und den Anfang von I 12!) Das Kind Otto wird kein neues Band der Ehe werden (auch Mittler irrt sich hier, 357/36 ff.).
Auch Eduard irrt sich, als er die auf dem bei der Grundsteinlegung geretteten Glas sichtbaren Buchstaben E und O die Initialen von Eduard und Ottilie erkennt und nun täglich daraus trinkt, „um mich täglich zu überzeugen, daß alle Verhältnisse unzerstörlich sind, die das Schicksal beschlossen hat“ (356/37-39). Der Erzähler weist darauf hin, dass dieses Glas ohne Wunder gerettet worden war (303/2, vgl. noch 303/11f.) und dass die Initialen die des jugendlichen Eduard sind (303/14ff.), der ja eigentlich auch Otto hieß (258/37 ff.).

In II 1-6 scheint die Handlung, der Prozess der „Wahlverwandtschaft“ stillzustehen: Eduard wird nur kurz als im Krieg gefährdet erwähnt. So kann im Bereich des Wirkens der junge Architekt sich entfalten, während das Interesse des Erzählers (vgl. Ende von I 18!) eigentlich Ottilie gilt: Sie erscheint in ihrer Wirkung auf den Architekten in einem neuen Licht, als sie selbst (statt als Rivalin Charlottes); dem Zweck, Ottilie ins rechte Licht zu rücken, dient auch das Auftreten Lucianes, die als Kontrastfigur zu Ottilie gebraucht wird.
Das Thema „Tod“ tritt deutlich in den Vordergrund, aber auch das Thema des Bildes von Menschen, Lebenden wie Toten. In II 1 wird von dem Streit berichtet, den die Verlegung der Grabsteine durch Charlotte ausgelöst hat und in dem es zu einer Diskussion des Sinnes von Gräbern kommt.
Der Architekt soll die Kirche renovieren; dabei wird eine Seitenkapelle entdeckt (366/21 ff.), die er ebenfalls herstellen soll und selber auszumalen gedenkt. – Unter den Schätzen seiner Sammlungen befinden sich eine Reihe von ihm gezeichneter Figuren: „Aus allen Gestalten blickte nur das reinste Dasein hervor (…) Heitere Sammlung, willige Anerkennung eines Ehrwürdigen über uns, stille Hingebung in Liebe und Erwartung war auf allen Gesichtern, in allen Gebärden ausgedrückt.“ (367/28 ff.) Das Leben selbst erscheint in den Bildern als eine Art Gottesdienst. – Darauf folgt ein wichtiger Kommentar, dass den meisten solche Figuren wie das Bild eines verschwundenen goldenen Zeitalters erscheinen: „Nur vielleicht Ottilie war in dem Fall, sich unter ihresgleichen fühlen zu können.“ – Es folgt dann der erste Einblick in Ottilies Tagebuch (S. 369 f.), das ihre Neigung und Anhänglichkeit zeige (368/28 f.), in dem es um die Gemeinschaft mit den Toten, um das Bild der Menschen, um das Bild vom Leben nach dem Tod (im Grabstein) und das Verlöschen endlich auch dieser Bilder geht. Der erste Satz weist, hier noch nicht kenntlich, auf das Ende des Romans voraus: „Neben denen dereinst zu ruhen, die man liebt, ist die angenehmste Vorstellung, welche der Mensch haben kann, wenn er einmal über das Leben hinausdenkt.“ (369/2-4)
In II 3 wird erzählt, wie der Architekt mit Ottilie die Bilder in der Kapelle malt und wie die Gesichter der himmlischen Figuren immer stärker das Gesicht Ottilies bekommen (372/14 ff.), „als wenn Ottilie selbst aus den himmlischen Räumen heruntersähe“ (372/24 f.) Ottilie betrachtet dann das fertige Werk allein und bekommt dabei Gefühle des Seins und Nichtseins, des Verschwindens überhaupt. Diese Empfindungen hat sie am Tag vor Eduards Geburtstag, im Herbst (Astern 374/16); wenn diese so geschmückte Kapelle einmal zu etwas genutzt werden sollte, so erschien sie ihr „nur zu einer gemeinsamen Grabstätte geeignet“ (374/21) – der zweite Vorgriff auf das Ende (S. 490 – auch das Datum stimmt!). In ihrem Tagebuch sieht sie sich im Sinn antiker Vorstellungen wie eine Tote, welche die neu ankommenden Toten begrüßt (375/20 ff.).
In II 4 wird berichtet, wie Luciane mit ihrem Hofstaat ankommt und alle für sich einnimmt, wenn sie auch manche abstößt – den Architekten kann sie aber nicht für sich gewinnen. In II 5 wird ausdrücklich ihr schlechtes Verhältnis zu Ottilie dargestellt („Bitternis“, 388/10 ff.). Bedeutsam an ihren vielfältigen Unternehmungen ist die vom Grafen angeregt Unternehmung, bekannte Gemälde nachzustellen, wobei Luciane glänzen kann; weitere Aktionen sollen hier nicht beachtet werden, sie reist mit ihrem Anhang zu fröhlichem Winter-Treiben weiter.
Die Standbilder alter Gemälde mit Luciane in der Hauptrolle sind das Gegenstück der vom Architekten vor Weihnachten angeregten Krippendarstellung, bei der Ottilie als Madonna einen überwältigenden Eindruck (auf den Architekten) macht – die Zeit scheint stillzustehen, während Charlotte an ihr Kind denkt, das bald geboren werden soll (403/20 ff.; 404/11ff.). In der Rolle der Madonna bedenkt Ottilie ihr Leben – und kehrt in die Normalität zurück, als der Gehülfe hinzukommt: Mit dem Auftauchen der neuen Figur kann dann wieder Bewegung in die Handlung kommen.
Fazit: Ottilie wird dem Bereich der Figuren reinen Seins, der Heiligen, der Madonna zugeordnet – mit Bezug auf den Tod, mit Bezug auch auf Eduard.

In II 7-12 zeigen sich Alternativen: Ottilie geht in die Pension zurück und wird später als Frau des Gehülfen die Pension mit ihm leiten (II 7) – Ottilie wird Eduards Frau, wofür Charlotte den Major bekommt (II 12): Die Entscheidung wird vertagt.
Die Ereignisse zeigen, dass nichts unverändert bleibt: Otto wird geboren (II 8); das neue Haus wird fertiggestellt und bezogen (II 10); Eduard und der Major kehren zurück (II 12), was eine endgültige Entscheidung nötig macht.
Gegenüber II 1-6 wird das Bild Ottilies korrigiert oder ergänzt: Hatte sie zuvor die Züge der Madonna, einer himmlischen Figur bekommen, so wird jetzt ihre Erdnähe hervorgehoben:
– Dem Kind Otto wird sie eine andere Mutter (445/29 ff.); sie hat dieSorge für ihn übernommen (425/6 ff.), sie macht mit ihm weite Spaziergänge und gibt dafür Nanny auf (II 11).
– Da es wieder Frühjahr geworden ist (423/13 ff.), erlebt Ottilie ihr einjähriges Dasein auf dem Schloss [ein Versehen Goethes – sie war nach dem Hauptmann gekommen, der seit dem Otto-Tag da war, also seit dem 30. Juni!] als Bindung an den Garten Eduards und den Kreislauf der Natur, erlebt damit, wie Gewinn und Verlust miteinander verbunden sind (424/29-39), was sie in ihrem Tagebuch so ausdrückt: „So wiederholt sich denn abermals das Jahresmärchen von vorn.“ (426/12 f., vgl. insgesamt S. 426 f. und den Vorgriff auf den Herbst in 425/34 ff.].
– Der Begleiter des Engländers hat entdeckt, dass Ottilie auf die Strahlung der Natur reagiert (Kopfschmerz am Kohlenlager, S. 443; Pendelversuch, S. 444 f.).
Die Frage nach der Möglichkeit, in einen vorigen Zustand zurückzukehren, wird zweimal diskutiert: einmal von Charlotte mit dem Gehülfen im Zusammenhang mit der Beobachtung, dass sich alles verändert (418/24ff.); einmal von Eduard im Zusammenhang mit der Einsicht, dass wir nicht mehr die Herren der von uns ausgelösten Ereignisse sind (451/13ff.).
Die vom Begleiter des Engländers erzählte Novelle (S. 434 ff.) scheint die Möglichkeit nahezulegen, dass sich eine ursprüngliche Liebe über alle Hindernisse hinweg durchsetzt – was man hier wohl auf Ottilie und Eduard beziehen müsste, auch wenn die Geschichte angeblich dem Hauptmann so ähnlich passiert ist (442/15ff.). Anderseits ist der Engländer selbst mit seinem Lebensentwurf, ein Reisender zu sein (432/23 ff.), ein Widerspruch bzw. ein Gegenmodell gegen eine dauerhafte Lösung. Auch die vom Engländer vorgenommene bzw. vorgeschlagene Verbesserung des Englischen Gartens zeigt einmal die Freiheit des Veränderns, anderseits die Notwendigkeit langfristiger Vorsorge (429/18 ff.).
Ottilies intensive Bindung an Eduard, welche ihr sogar nächtliche Erscheinungen beschert (422/26 ff.), hindert sie nicht, einen Toten zu beneiden (422/22 ff.) und selbst zurücktreten zu wollen, damit Eduard wieder mit Charlotte vereint sein kann (433/18 ff.).
So ist die am Ende von II 12 beschriebene Situation erreicht: Was geschehen wird, ist unklar, muss (bedacht und vor allem) entschieden werden – aber da nun das Wunderkind (445/22) Otto da ist, ist deutlich, dass wir nicht die von uns selbst ausgelösten Ereignisse beherrschen, sondern die Folgen meistern müssen (451/1 ff.).

In II 13-18 kommt der durch „Wahlverwandtschaft“ ausgelöste verworrene Prozess an sein Ende: Die Lösung der Probleme heißt „Herbst“, die Auflösung am Ende stellt auch Erlösung dar.
Diese Wendung wird nicht durch das Planen (Eduards oder Charlottes) erreicht, sondern durch ein Ereignis und die Besinnung der beiden Frauen. Die beiden Reden (Charlotte: 460/10 ff.; Ottilie: 462/8 ff.) erklären den Fortgang des Geschehens, dazu kommt schließlich der Brief der verstummten Ottilie (476/32 ff.). Es geht um Schicksal und Schuld, die in Entsagung gebüßt wird – damit erfolgt die zu Beginn mehrfach bedachte Aufopferung.
Auch die in II 3 begonnene Erhebung Ottilies in den Stand einer „Heiligen“ wird fortgesetzt und schließlich vollendet: Bei ihrem Rettungsversuch gleicht sie der Madonna (457/14 ff.), dem Gehülfen möchte sie wie eine geweihte Person erscheinen (467/35 ff.), in Nannys Vision (486/7 ff.) wirkt sie „überirdisch“, dem Architekten schwebt sie als in einer höheren Region lebend vor (488/12 f.); die tote Ottilie schließlich ist in einem mehr schlaf- als todesähnlichen Zustand (488/29 f., es werden sogar Wallfahrten zu ihr veranstaltet); und da Eduard „in Gedanken an die Heilige eingeschlafen war, so konnte man ihn wohl selig nennen“ (490/28-30), sagt der Erzähler.

Nach dieser Übersicht über das letzte Sechstel der Wv. – der Roman ist von Goethe wirklich in 6 Kapitel-Schritten konzipiert worden, scheint mir – möchte ich noch einige Einzelheiten ausführen, ohne damit Vollständigkeit zu beanspruchen: Der Schluss des Romans ist ein so dicht gewebter Knoten, dass man kaum alle Fäden wirklich verfolgen kann.
1. Der Tod des Kindes Otto ist in gewisser Hinsicht von dem ungestüm vorwärts drängenden Eduard verschuldet; er wurde jedoch „von unüberwindlicher Ungeduld getrieben“(454/7 f.) und ist damit „entschuldigt“. Ottilie schickt ihn weg, weil sie für das Kind zu sorgen hat, doch „die Hoffnung fuhr wie ein Stern vom Himmel“ (456/22 f.) und sie „wähnten“, sagt der Erzähler, einander zu gehören (456/24 f.). Da Ottilie verwirrt und bewegt ist (456/28 f.), versagt die sonst so vorsichtige Frau (429/1 ff.) und geübte Ruderin (443/10), das Kind fällt ins Wasser und ertrinkt (457/1 ff.; wichtig ist die Rückkehr ihrer Besonnenheit, 457/14). Der Himmel bzw. die Sterne versagen Ottilie ihre Hilfe nicht (458/1-6).
2. Der Major bedauert nicht das tote Kind: „Ein solches Opfer schien ihm nötig zu ihrem allseitigen Glück.“ (461/23 f.) Damit erweist er sich als unbelehrt. Der Erzähler dagegen erwähnt, dass Otto in der Kapelle „als das erste Opfer eines ahnungsvollen Verhängnisses“ ruht (464/9 f.).
Belehrt ist auch nicht Eduard, der immerzu vorangetrieben wird (S. 452 f. vom Erzähler deutlich herausgearbeitet) und den Tod seines Kindes bloß als Fügung sieht, „wodurch jedes Hindernis an seinem Glück auf einmal beseitigt wäre“ (461/36 f.). – Die Männer opfern das Kind, die Frauen opfern sich selbst auf.
3. Belehrt und zu sich gekommen sind allein die beiden Frauen:
* Charlotte bekennt ihre Schuld, sich gegen das Schicksal gestellt zu haben, will sich jetzt in alles fügen und verzichtet gegen ihre sonstige Art auf jedes Planen und Beraten (460/10 ff. – eine bedeutsame Rede).
* Ottilie regeneriert sich in einem „halben Totenschlaf“ (460/37 und 463/3); sie bekennt, aus ihrer Bahn geschritten zu sein, sich jedoch eine neue Bahn gezeichnet zu haben (also als neuer Mensch erwacht zu sein); sie entsagt Eduard und will ihr Vergehen büßen (462/8 ff. – ebenfalls eine bedeutsame Rede). – Der Erzähler kommentiert ihre Wandlung (464/26 ff.) und macht aus seiner Verehrung Ottilies keinen Hehl (das herrliche Kind, 462/8; das bleiche himmlische Kind, 484/7 f.).
4. Ihr Plan, in der Pension beim Gehülfen erziehend tätig zu sein (466/18 ff. bzw. 29 ff.), wird durch Eduards ungestümes Andrängen umgestoßen (473/18 ff. – aber 433/21-23 rückt dieses Ereignisses in ein anderes Licht!). Sie lehnt seine Annäherung mit bedeutsamer Geste ab (473/31 ff.; dazu 280/17 ff.) und verfällt ins Schweigen, wenn sie auch der Rückkehr zustimmt (474/22 ff.); in ihrem Brief erklärt sie ihr Tun (476/32 ff.). – Ihr Stichwort vom feindseligen Dämon (476/35 f.) wird indirekt vom Erzähler aufgegriffen und im Sinn des Goethe’schen Daimons gedeutet (478/29-39).
5. Der damit erreichte Zustand einerseits einer Ausgrenzung Ottilies aus dem Kreis, anderseits ihres reinen Zusammenseins mit Eduard (478/4-24), wird vom Erzähler als „Scheinbild des vorigen Lebens“ bewertet (479/5-7), während ich ihn „Herbst“ nennen würde (479/7 ff.): eine Harmonie ohne Bitterkeit (479/18 ff.), aber doch nicht Frühling, wenn auch im Frühling angelegt (vgl. II 9). Oder anders gesagt, Ottilie hat sich über Eduard erhoben, aber sie bleiben magisch aneinander gebunden (477/37 – 478/24).
Der Zustand Herbst, durch den Tod Ottos herbeigeführt, kündigt zwangsläufig den Winter an, der Tag vor Eduards Geburtstag wird Ottilies Todestag (481/25), wobei unklar ist, ob Mittlers moralische Reden über das sechste Gebot die hinzukommende Ottilie (482/35) umwerfen. Der Herbst muss im Sinn von II 9 gelesen werden, wo im Frühling bereits die Astern gesät werden (425/34 ff.) und wo, wie Ottilie im Tagebuch anmerkt, im Jahresmärchen Vergängliches und Dauerndes verbunden sind (S. 426 f.) – ich möchte hier an „Stirb und werde!“ erinnern, Ottilie wird mit einem Asternkranz geschmückt (485/23f.).
6. Das Datum des Todestages verdient besondere Beachtung: Am Tag vor Eduards Geburtstag jährt sich das Ereignis, dass Ottilie zum ersten Mal die ausgemalte Kapelle gesehen hat (S. 373 f.); dass sie dort die Gefühle des Seins und Nichtseins hat (374/5); dass der Ort ihr nur zu einer gemeinsamen (!) Grabstätte geeignet erscheint. Mit dieser Entsprechung der Daten bekommt der Tod und letztlich auch der Friede der Liebenden, die im Tod endgültig „vereint“ sind, eine schicksalhafte Bedeutung: Wahlverwandtschaft.
7. In dem Sinn verstehe ich auch den Schluss der Wv. Von Ironie, die manche zu sehen meinen, kann dort keine Rede sein: Ab II 3 ist Ottilie in der Gestalt der Madonna oder der Heiligen gezeichnet worden, aber einerseits so, wie der Architekt die Figuren des reinsten Daseins skizziert hatte (367/28 ff.), anderseits in der Korrektur des Ottilienbildes, wie sie vor allem in II 9 vorgenommen worden ist, als durchaus erdhaft oder erdverbunden. Jeder weiß, dass die verwandten Engelsbilder (490/36) Ottilie darstellen – der Erzähler spricht metaphorisch von der Auferstehung der Toten (490/37-39), wie man in einer nachchristlichen Zeit eben von Vergebung (486/27 ff. und 464/32 f.: sich selbst vergeben!), von geweihten Personen, von Gelübden (477/11) oder von der Rettung der Toten sprechen kann, wenn man nicht die Vokabel vom Jahresmärchen gebraucht.
Der Schluss bezeugt also die Idee der „Wahlverwandtschaft“ (oder des Schicksals), die sich über alle ethischen Schranken hinweg als Anziehung und Bindung durchsetzt (460/19 ff.), eine tiefste Einheit zweier Menschen begründet (478/4 ff.) und sogar den Tod „überdauert“ – metaphorisch gesprochen, weil sie so „elementar“ ist.
In diesen Metaphern lebt nach der Säkularisierung die Erinnerung an das Heilige fort (wie man auch deutlich in Schillers Don Carlos sieht: erlösender Tod Posas): Man kann genauso gut von Figuren des reinsten Daseins (s.o.) wie von Heiligen sprechen; Ottilie hat in ihrem Tagebuch ohne Bedenken einen heidnischen Mythos vorahnend zitiert (370/20 ff.), obwohl sie madonnenhaft auftritt. Der Leser muss durch die Bilder hindurchsehen!

Im zweiten Band seiner Goethe-Biografie (Goethe. Leben und Werk, 1985, S. 345 ff.) widmet K. O. Conrady den Wv. 15 Seiten. Er betont den experimentellen Charakter des Geschehens: Goethe spiele durch, wie sich „Wahlverwandtschaft“ auswirken kann, ohne dass er damit für oder gegen die Ehe Partei ergriffe oder das Verhalten der Figuren billigte oder kritisierte. Am Ende verweist er auf Goethes Gedicht „Das Tagebuch“ [siehe etwa http://de.wikisource.org/wiki/Das_Tagebuch_(Gedicht_von_Goethe)], das in untergründiger Verbindung zu den Wv. stehe und die Sexualität offen benenne, während es in den Wv. bei der Analyse der seelischen Regungen und Konflikte bleibe. Conrady deutet auch mögliche biografische Spiegelungen der Minchen Herzlieb und Sylvie von Ziegesar in der Figur Ottilie an, ohne doch in solchen Beziehungen das Romangeschehen verstanden wissen zu wollen. In diesem biografischen Zusammenhang stehen auch die 15 Sonette, die Goethe 1815 herausgegeben hat, und die beiden, die er zuerst unterdrückt hat, weil sie zu persönlich sind (http://www.wissen-im-netz.info/literatur/goethe/werke/gedichte/09.htm).

Kleines P.S. zum Otto-Tag (Ankunft Ottos, Rückschau Ottilies):

1. „Anfänglich wurden zwei Feste des Heiligen, der 30. Juni als Sterbetag und der 30. September als Uebertragungstag begangen. Im Mart. Rom. steht sein Name auf den 2. Juli, während im Bisthum Würzburg der 2. Oct., in Pommern der 3. Julis einer Erinnerung geweiht ist.“ (Heiligenlexikon 1858, bei zeno.org)
2. An folgenden Tagen wird der Namenstag von Otto gefeiert:
16. Januar
23. Februar
23. März
30. Juni
3. September
7. September
22. September
18. November
28. Dezember (www.wissen-info.de/namenstag/otto.php)
Fazit: Man tut wohl gut, den 30. Juni als Otto-Tag des Erzählers anzunehmen, wenn das erzählte Geschehen im April beginnt.

Es könnte mich reizen, noch die Figur des Erzählers zu untersuchen.
15. August 2009

Goethe: Die Wahlverwandtschaften – zur Interpretation

Um „Die Wahlverwandtschaften“ richtig zu verstehen, sollen einige Vorarbeiten geleistet werden. Die erste gilt der Erkundung von Park und Garten – dem Bereich, an dessen Gestaltung im erzählten Geschehen intensiv gearbeitet wird:

Landschaft
bedeutet zunächst die Gegend, dann auch die künstlerische Darstellung einer solchen Gegend (erstmals 1518) – H. Paul: Deutsches Wörterbuch, mit Bezug auf Grimm.

Kurzreferat von Rainer Gruenter: Landschaft. Bemerkungen zur Wort- und Bedeutungsgeschichte (1953, in: Landschaft und Raum in der Erzählkunst, 1975, S. 192 ff.): Das Wort bedeutet Verschiedenes. Joachim von Sandrart auf Stockau schildert als erster einen Naturraum dichterisch als Landschaft in der „Academie“ (um 1670); es klingt der aufklärerische Gedanke an, man solle die Natur zur Erleuchtung des Geistes aufsuchen. Eine Untersuchung der Wörter in anderen europäischen Sprachen ergibt, dass „Landschaft“ im 16./17. Jh. sich als Fachbegriff der Malerei im allgemeinen Sprachgebrauch festsetzt.
Dies steht im Zusammenhang mit dem „Raumdurst“ (M. J. Friedländer) des 15. Jh., der zur Entdeckung der perspektivischen Gesetze führte: Man erfasst das flächenhafte Gegenstandsbeieinander von einem Standpunkt aus als Zusammenhang; so konnte ein Konglomerat von Naturgegenständen als Landschaft gesehen werden. Stadien dieses Vorgangs nach J. Böheim:
– die bloße Aufsicht,
– der „erzählende“ Aufbau einer Szenerie,
– die Eroberung des Naturraums durch das ruhende Auge.
Wenn Dichter im 17. Jh. von Landschaft sprechen, dann zitieren sie ein Stichwort, das auf die neue Bildgattung anspielt und Bildeindrücke zitiert; die Landschaftsvokabel lebt vom Landschaftsgemälde. „Über das Wort ist auch die Sache aus der Malerei in die Dichtung eingedrungen.“ (S. 204)
Man muss diese Landschaft vom mittelalterlichen locus amoenus und dem geschlossenen Garten unterscheiden. Ebenso ist das Wandern (vagari, ambulare) durch die Wildnis oder den wilden Wald (Romantik!) etwas anderes als der Spaziergang oder das Lustwandeln im Garten und Hain (Lustort); beim Spaziergang genießt man den geschlossenen Raum in seiner Beschränktheit, während das Wandern diesen Raum sprengt. – Die erste deutsche Landschaft, in eine ideale Umgebung eingeblendet, hat Paul Schnevogel beschrieben (Iudicium Iovis, ca. 1495: als Vision eines Eremiten im Böhmerwald).

Heinke Wunderlich: Artikel „Landschaft“, in: Lexikon der Aufklärung, hrsg. von Werner Schneiders, 1995:
Die Entdeckung der Landschaft als ästhetisches Objekt steht im Zusammenhang vom der wissenschaftlichen Objektivierung der Natur im 18. Jh., auch wenn Petrarcas Brief vom 24. April 1336 als erstes Zeugnis ästhetischer Landschaftserfahrung gilt. B. H. Brockes: Das irdische Vergnügen in Gott (ab 1721), schildert einmal die Natur genau, aber der Betrachter gewinnt aus der reflektierten Erfahrung auch die Erkenntnis der Gegenwart Gottes. A. von Haller: Die Alpen (1729), beschreibt eine bekannte Landschaft, gibt ihr aber zugleich die Bedeutung einer sozialen Utopie (Aufenthaltsort unverdorbener, anspruchsloser glücklicher Bewohner).
Die Distanz zwischen Mensch und Natur verringert sich; Erfahrung, Einbildung und Vernunft vereinen sich im Erleben schöner Natur (vgl. J. G. Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, 1773/75). Christian C. L. Hirschfelds fünf Bände über die „Theorie der Gartenkunst“ (1779/85) markiert den entscheidenden Schritt: die Hinwendung zu einem wirkungsästhetisch begründeten Landschaftsbegriff. – Die Erhebung der äußeren Landschaft zum Symbol einer Seelenlandschaft findet erst nach der Aufklärung statt.

Gunter E. Grimm: Art. „Garten“, in: Lexikon der Aufklärung, 1995
Die Gartenrevolution fand in Deutschland ein halbes Jahrhundert später als in England statt: die Ablösung des französischen geometrischen Gartens durch den Englischen Landschaftsgarten, der seine Bilder und Formen aus der Landschaftsmalerei bezog. Nach 1770 wurde die Gartenkunst zur Lieblingskunst der Deutschen. Mit dem Landschaftsgarten verbanden sich Vorstellungen von Freiheit und Aufgeklärtheit, wogegen der symmetrische französische Garten als Symbol des Absolutismus und er Einengung galt (vgl. L. Hirschfeld: Theorie der Gartenkunst, 1775).
In Deutschland entstand der erste und bedeutendste neue Garten in Dessau-Wörlitz: eine gestaltete und auch genutzte Landschaft, in der sich das Schöne mit dem Nützlichen und Bildenden verband.

http://de.wikipedia.org/wiki/Englischer_Landschaftsgarten
http://www.graf-gartenbau.ch/Gartenreise/englischer_garten.htm
http://www.graf-gartenbau.ch/Gartenreise/englischer_garten.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ludwig_Sckell (Begründer des klass. Engl. Gartens in D)
http://de.wikisource.org/wiki/Der_Garten_zu_Wörlitz (Gedicht 1798)
http://www.gartenreich.net/contenido44x/gartenreich/front_content.php?idcat=37
http://de.wikipedia.org/wiki/Dessau-Wörlitzer_Gartenreich
http://de.wikipedia.org/wiki/Hinüberscher_Garten
http://www.buergerliche-privatgaerten.de/Rezensionen.html (über bürgerliche Privatgärten um 1800)
http://de.wikipedia.org/wiki/Schlossgarten_Hanau (einer der ersten auf dem Festland)

Unter „Englischer Landschaftsgarten“ und „Dessau-Wörlitz“ findet man viele Bilder.

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Die zweite Vorarbeit gilt den Implikationen des Begriffs „Wahlverwandtschaft“:

„Chemische Verwandtschaft (Affinität), die Ursache der Bildung und des Bestehens chemischer Verbindungen.“ (Meyers Konversationslexikon, 1888)

„Der (wissenschaftliche) Begriff Wahlverwandtschaften entstammt der Chemie jener Zeit. Gibt man zu einer chemischen Verbindung AB einen dritten Stoff C hinzu und besitzt dieser eine stärkere Verwandtschaft (Affinität) zu A als A zu B, so verbinden sich A und C wahlverwandtschaftlich. Zwei konkrete Beispiele:
Gibt man die starke Base Natronlauge zum Salz Ammoniumchlorid, so bildet sich Natriumchlorid unter Freisetzung der schwächeren Base Ammoniak und von Wasser: NaOH + NH4Cl ––> NaCl + NH3 + H2O.
Gibt man die starke Säure Salzsäure zum Salz Natriumacetat, so bildet sich Natriumchlorid unter Freisetzung der schwächeren Säure Essigsäure: HCl + CH3-COONa ––> NaCl + CH3-COOH.
Die chemischen Wahlverwandtschaften kannte Goethe entweder aus seinen eigenen naturwissenschaftlichen Versuchen oder aus seiner Tätigkeit als Bergbauminister in Weimar.
Eduard ist von der Idee der Wahlverwandtschaften überzeugt und glaubt, sie auf zwischenmenschliche Beziehungen übertragen zu können.“ (wiki: „Die Wahlverwandtschaften“, 10. August 2009)

„Wahlverwandtschaft“ ist damit Abwandlung dessen, was als Konzeption der Liebe etwa in Schillers „Kabale und Liebe“ vorgestellt wird:
„Romantische Liebe“ ist eine Vorstellung, ein Ideal. Sie ist nicht auf die Epoche der Romantik (etwa ab 1790) beschränkt, dort aber intensiv gepflegt worden. Sie zu beschreiben ist nicht ganz einfach – je nachdem, ob man sie psychologisch, biologisch  oder (mit Luhmann) soziologisch erklärt, ob man sie gegen andere Vorstellungen bzw. Praxis von Liebe (Mätresse des Herzogs) oder die Institution Ehe/Familie in einer bestimmten Epoche abgrenzt. Mit diesen Einschränkungen gilt etwa Folgendes:
* Liebe entspringt aus dem entfremdeten Leben.
* Sie ist eine primär seelische Beziehung.
* Die Seele erschließt sich in Träne, Blick und Gespräch.
* Liebe schließt Freundschaft und Sexualität ein.
* Sie richtet sich rein auf das Individuum.
* Sie gewinnt den einzig wahren Partner.
* Sie findet in ihm „alles“.
* Beide haben den gleichen „Wert“.
* Sie entspringt spontan-naturhaft.
* Sie überspringt alles Grenzen und Verbote.
* Liebe dauert „ewig“.

Wahlverwandtschaft und Liebe stehen gegen eine Verbindung der Menschen, die auf Vereinbarung und Vertrag beruht: gegen die Ehe. Sie proklamieren ein höheres oder älteres als das von Menschen gesetzte Recht einer Verbindung. Sie stehen damit unter der griechischen Unterscheidung: was von Natur aus gilt – was aufgrund von Absprache gilt.
Anderseits bringen sie mit „Natur“ und Naturgesetz (Wahlverwandtschaft) einen Aspekt des Schicksalhaften zur Geltung, der einmal menschliche Freiheit und Wahl negiert, der jedoch die neue Frage nach den Zeichen aufwirft, an denen man die schicksalhafte Bindung erkennen (und von Willkür unterscheiden) kann.
In der abendländischen Tradition wurde die Ehe als Sakrament verstanden, das heißt die menschliche Wahl wurde in Gottes Namen bis zum Tod gültig: „Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen.“ Aber Liebe und Treue binden nur, „bis der Tod euch scheidet“.
Mit dieser Thematik wird die Frage diskutiert, wie weit der Mensch in seinen Beziehungen ein Naturwesen ist oder als Naturwesen gilt.

http://www.neonlitho.ch/wphchall/chemie_alles/3_teil_12-17/kapitel_16/chem_affinitaet.htm
http://www.peter-hug.ch/lexikon/chemischeverwandtschaft?q=Affinit%C3%A4t
http://www.wissenschaft-online.de/abo/lexikon/bio/1324

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Referat einiger Deutungskonzepte als Rahmen des Verstehens – die dritte Vorarbeit

1. KLL, 2. Auflage (Heide Eilert, überarbeitet von der Redaktion):
* Ausgang vom Begriff der „Wahlverwandtschaft“ für Kräfte der Anziehung und Abstoßung der Elemente, übertragen auf die Geschlechterbeziehung;
* Gegenüberstellung zweier Liebeskonzepte: leidenschaftlich, auf Naturtrieben beruhend / eheliche Bindung, durch kulturelle Normen gesichert;
* allgemeiner: Bemühen um kulturelle Ordnung der Natur (Gartenkunst, Architektur, Medizin, Erziehung) scheitert zuletzt, durch Triebkräfte zerstört.
* Die Handlung beginnt durch Aufnahme zweier neuer Personen (Hauptmann, Ottilie), was zu neuen Neigungen führt;
* durch die geplante Beförderung des Hauptmanns und Entfernung Ottilies bricht die Leidenschaft ganz aus, geistiger „Ehebruch“ in der Liebesnacht der Gatten;
* Liebesgeständnisse der Paare, Charlotte entsagt, Eduard flieht in der Krieg;
* der zweite Teil des Romans steht im Zeichen des Todes: beginnend mit der Restaurierung des Friedhofs;
* Konfrontation des sinnlosen Treibens Lucianes (und der Adelsgesellschaft) mit Ottilies Innerlichkeit;
* Geburt des Kindes, Eduards Geständnis des „Ehebruchs“, Heiratspläne Eduards, Ottilie verschuldet den Tod des Kindes, sie entsagt;
* durch Eduard bedrängt, wird ihr der Rückweg ins Leben versperrt, sie tötet sich durch Askese ab;
* Eduard stirbt ebenfalls und wird neben ihr begraben, mit leicht ironischem „versöhnlichem“ Schluss des Romans.

* Ottilie kann ihre sittliche Verpflichtung mit ihrer unaufhaltsamen Liebe zu Eduard nicht in Einklang bringen;
* Charlottes Entsagung wirkt sich genauso verhängnisvoll wie die Leidenschaft Eduards aus – Leidenschaft kann mit der Sittlichkeit nicht ausgeglichen werden;
* die Aporien ergeben sich aus dem Wirken das Dämonischen, das sich nach Goethe auch in der Französischen Revolution und im Wüten Napoleons zeigte.
* Die Gesellschaftskritik des Romans zeigt sich im sinnlosen Treiben der Adeligen (Luciane) und im ziel-lose Arbeiten Eduards (im Vergleich mit dem Arbeiten des Hauptmanns und Ottilies); der Ex-Pfarrer Mittler leistet auch nichts Vernünftiges und bringt nur Tod.
* Der Roman schildert eine im Übergang begriffene Zeit, hält ein untergehendes Zeitalter im Bild fest.

2. Irmgard Wagner: Goethe. Zugänge zu seinem Werk (1999), S. 135 ff.:
Seit W. Benjamins Aufsatz von 1922 sind viele Aspekte in den Blick gekommen:
– der Sozialroman vom Untergang des Feudalismus,
– der psychologische Roman von der Komplexität des Individuums und den Masken des Begehrens,
– Kulturkritik: von der Problematik der Ehe,
– der Ideenroman von der Spannung zwischen Natur und Willensfreiheit sowie von Schicksal und Selbstbestimmung.
Wesentlich gegenüber den frühen Werken Goethes ist es, dass das Einssein von Mensch und Natur verschwunden ist. Durch die Arbeit an der „Farbenlehre“ (1790 – 1810) ist Goethe näher an die Naturwissenschaft herangekommen; in Wv („Die Wahlverwandtschaften“) zeigt sich, dass die Natur nicht im Wissen zu fassen ist. Die Figuren interpretieren Phänomene, Ereignisse, die Landschaft als Zeichen und Korrelationen – und was sie aufgrund dessen tun, führt zum Tod. Der Begriff natürlicher „Wahlverwandtschaft“ wird im menschlichen Leben durchgespielt, aber dort findet er keine glückliche Resonanz. – Repräsentantin dieser fremden Natur ist Ottilie.
Wunderbar und rätselhafte Ereignisse stehen neben den Versuchen, die Natur kultivierend zu verbessern, zu formen; sie stehen vor dem Hintergrund des Kultes der Toten und dem Nachleben religiöser Kunst und Bildlichkeit: „Der Roman ist ein pessimistisches Märchen“, ein Roman des magischen Realismus.
Charlotte verkörpert das Aufklärungsideal vernünftiger Partnerschaft, die von den anderen die gleiche Vernünftigkeit erwartet – aber sie erreicht keines ihrer Ziele. Der Hauptmann ist der homo faber, der aber in seiner Karriere gehemmt wird und auch die Braut verliert – er wird am Ende vergessen. Eduard verkörpert die willkürliche Freiheit, ist aber getrieben; durch Ottilies Tod wird er aus seiner Bahn geworfen und bleibt doch unwiderstehlich von ihr angezogen. Ottilie, die Vertreterin des Andersartigen, bringt durch ihre Gegenwart vielfältige Wirkungen hervor und erweckt Bedürfnisse nach Deutung ihrer verblüffenden Nähe zu Eduard; im Ehebruch Eduards erlangt sie die größte Macht über ihn. Durch die Trennung von ihm verwandelt sie sich in ihr Gegenteil (ins Freie gehen, träumen).
Otto, das Wunderkind mit den vier Eltern, übt mächtig-magischen Einfluss aus; es bindet alle, die aus der Situation zu fliehen suchen, und erweist „Tod“ als seine Bedeutung; von ihm geht die Todeskraft auf Ottilie über – „ihre Selbstmorddrohung macht dem Tod zum einzigen Ausweg aus dem magischen Quadrat“. Nach ihrem todesähnlichen Schlaf auf Charlottes Schoß enthüllt sie ihr Wesen als Trägerin lebensbestimmender dämonischer Macht. Das Wunder von Nannys Heilung bleibt zweideutig, im Schluss des Romans wird ein Gleichgewicht zwischen den zwei Seiten der Natur hergestellt – der Glaube, der zum Leben führt, gehört zu den natürlichen menschlichen Fähigkeiten.

3. Julian Kücklich: Konzepte der Dreiwertigkeit in Goethes Wahlverwandtschaften (Materialien, Institut von Nina Ort, LMU München)
Kücklich stellt folgende Leitfragen:
Personenkonstellation: Im Mittelpunkt des Romans stehen die Beziehungen der Personen Eduard, Charlotte, Otto (Hauptmann) und Ottilie. Inwiefern ist die Identität dieser Personen relational konzipiert? Stellt dies einen Bruch mit traditionellen Konzepten der Identität dar? Die Beziehungen der Personen untereinander sind grundsätzlich un-eindeutig. Fungiert die Ehe in diesem Zusammenhang als Paradigma eines überkommenen Welt- und Selbstbildes?
Handlung: Die Analogie zwischen dem naturwissenschaftlichen Konzept der „Wahlverwandtschaften“ und der Personenkonstellation legt nahe, dass mit den Personen im Roman verschiedene Experimente durchgeführt werden. Dabei zeigt sich jedoch, dass die Wiederholung einer Operation nicht notwendig zum selben Ergebnis führt. Auch die Negation einer Operation führt nicht unbedingt zurück zur Ausgangssituation. Lässt sich mit den Romanfiguren „rechnen“? Welche Konsequenz hat dies für den „Satz der Identität“?
Wahrnehmung: Medial vermittelte Wahrnehmung spielt eine wichtige Rolle innerhalb des Romans. Dabei fungieren jedoch nicht nur Briefe, Ferngläser, Landkarten etc. als Medien, sondern auch Personen (Mittler!), insbesondere was die Selbstbeobachtung der Personen angeht. Inwiefern wird der Beobachterstandpunkt explizit problematisiert? Welchen Stellenwert hat das Problem der Beobachtung von Beziehungen, an denen der Beobachter selbst Anteil hat? Welche Konsequenzen hat dies für die Selbst- und Fremdbeobachtung?
Zeichen: Die Interpretation von Zeichen wird im Roman immer wieder thematisiert, insbesondere die Möglichkeit der Fehlinterpretation. Ließe sich der gesamte Roman als Prozess der Semiose lesen, vorausgesetzt man legt ein dreiwertiges Zeichenmodell zu Grunde? Inwiefern spielt der Roman mit den nicht realisierten Anschlussmöglichkeiten? (http://www.lrz-muenchen.de/~nina.ort/goetheguenther.html)
Im Anschluss an die Leitfragen stellt Kücklich Schlüsselstellen des ersten Teils des Romans zusammen, man kann sie nachlesen.

Maximilian Rankls Ausführungen zu „Die Wahlverwandtschaften“ gehen nicht über das bisher Referierte hinaus. (http://wave.prohosting.com/kostinek/autoren_xlibris/Goewahl1.htm)

Goethe: Dauer im Wechsel – Analyse

Der Aufbau des Gedichtes ist vor allem am Wechsel der Sprechweisen und der Gegenstände der Betrachtung festzumachen. Ein Ich-Sprecher tut eigene Erfahrungen kund und gibt zum Schluss sich selbst („du“) einen Rat…

Die Analyse finden Sie in meinem Buch „Johann Wolfgang Goethe. Seine bedeutenden Gedichte“, das 2018 in 2. Auflage bei Krapp & Gutknecht erschienen ist.

P.S. Als einen Kommentar zur letzten Strophe von Goethes Gedicht „Dauer im Wechsel“ („Danke, dass die Gunst der Musen…“) lese ich eine Bemerkung der Malwida von Meysenbug in ihren „Memoiren einer Idealistin“, Bd. 2, S. 145 (https://archive.org/details/memoireneineride00meysuoft/page/n601): „Wir sprachen über die Kunst des Lebens überhaupt und wie wenige, selbst unter den Guten, es verstehen, das Leben vor Zersplitterung, vor Aufgehen in dem ‚Verfänglichen des irdischen Geschwätzes‘ zu hüten und die flüchtige Zeit zu retten für das, was ‚allein Not tut‘ im höchsten ethischen Sinn.“ Sie kam mit dem Arzt Löwe, den man als Lebenskünstler gerühmt hatte, „überein, dass die höchste Aufgabe der Erziehung sein sollte, diese Kunst des Lebens auszubilden, damit das ganze Dasein nur ein fortwährendes Enthüllen und Ausarbeiten einer erhabenen Idee in uns würde, mit der wir uns selbst zum höchsten Kunstwerk umgestalten und das Leben von den Fesseln des ‚Nichts in ewiger Bewegung‘ erlösen könnten“.

Zur Thematik des Gedichts vgl. auch Werthers Brief vom 18. August 1771: „Kannst du sagen: Das ist! da alles vorüber geht? da alles mit Wetterschnelle vorüberrollt…“ Vgl. Anton Reisers Bemerkungen zu seiner Werther-Lektüre in Bd. 3 von K. Ph. Moritz: Anton Reiser (hier S. 257 ff.).