Die Wortproblematik, ein Motiv in „Faust I“

Eines des beherrschenden Motive des Dramas ist Fausts Misstrauen gegenüber dem Wort bzw. der Wahrheit der Worte; dieses Misstrauen kann man aus dem „Sturm und Drang“ (Rebellion des Gefühls gegen die „Aufklärung“ und die geordnete Welt der Väter) verstehen, es hat aber auch in der mittelalterlichen Philosophie seine Vorgeschichte („Nominalismus“, s.u.).

  • Das erste Mal taucht das Motiv in der Szene „Nacht“ (bereits im Urfaust!) auf. Der Gelehrte Faust beklagt, „daß wir nichts wissen können“ (V. 385), er will nicht mehr bloß „in Worten kramen“ (V. 385), sondern unmittelbaren Zugang zur lebendigen Natur finden („Ich fühle Mut…“, V. 464). Vgl. auch das „Meer des Irrtums“ (V. 1065), in dem Faust und sein Vater sich bewegt hätten.
  • Im Gespräch mit Wagner, dem Stubengelehrten und Bücherfanatiker, vertritt Faust den Primat des Verstands und des rechten Sinnes gegenüber bloß angelernten Wörtern (V. 550-565).
  • Ebenso grundsätzlich wie in der Nacht-Szene sind seine Bedenken gegen den Anfang des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort.“ (Joh 1,1) Dem kann Faust in seiner Bibelübersetzung nicht zustimmen, lieber verfälscht er den Text (V. 1224-1237).
  • Mephisto kennt Faust und spielt mit dessen Misstrauen gegenüber der Wahrheit des Wortes, als Faust sich nach dem Namen seines Gastes erkundigt (V. 1327 ff.): Geplänkel am Rande.
  • Faust verteidigt gegen sein sonstiges Misstrauen das „Manneswort“ als wahr und glaubwürdig, als Mephisto eine schriftliche Abmachung einfordert (V. 1716 ff.).
  • Damit zu vergleichen ist Fausts Widerstand, als Mephisto ihm rät, vor Marthe ein falsches Zeugnis über den Tod ihres Mannes abzulegen (V. 3033 ff., „Straße“). Faust verwahrt sich heftig dagegen (V. 3039), worauf Mephisto spöttisch daran erinnert, dass Faust als Gelehrter doch auch von Gott und der Welt (beliebige, also nicht richtige) Definitionen „mit großer Kraft gegeben“ (V. 3045) habe.
  • Mephisto greift in einem auf den nächsten Tag vor: Faust werde Gretchen mit seinen Liebesschwüren betören und belügen (V. 3051 ff.); Faust verteidigt das Recht zu solchen Schwüren und Beteuerungen, indem er auf die Tiefe und Glut des Gefühls verweist, das man zu Recht „ewig, ewig nenne“ (V. 3065 – vgl. auch den Gesang der drei Erzengel, die von Gott bekennen, dass „keiner dich ergründen mag“, V. 268, dort allerdings eher im Zusammenhang der Theodizeefrage).
  • Glänzend drückt Mephisto in der Schüler-Szene im „Studierzimmer“ die Problematik der Worte aus, als er satirisch ihren unkritischen und auch sinnlosen Gebrauch einfordert (ab V. 1910, speziell V. 1948 ff. und 1988 ff. – vgl. auch Wagner, die Karikatur eines Gelehrten).
  • Das Motiv taucht auch in der Polemik Mephistos gegen den christlichen Glauben an Gottes „Dreifaltigkeit“ auf (V. 2560 ff.): „Gewöhnlich glaubt der Mensch … wenn er nur Worte hört.“
  • Im „Garten“ turteln Gretchen und Faust; Gretchen befragt das Blumenorakel, mit dem Ergebnis „Er liebt mich!“ (V. 3183). Faust wertet dieses „Blumenwort“ als wahren, gültigen „Götterausspruch“ (V. 3184 f.), und sein (fühlbarer) Händedruck soll sagen, was in Wahrheit „unaussprechlich“ ist (V. 3189 f.).
  • In „Marthens Garten“ wird Fausts Rechtgläubigkeit überprüft. Faust lehnt es ab, sich auf ein Glaubensbekenntnis festlegen zu lassen (V. 3426 ff.), und verteidigt seine Position wortreich (speziell V. 3451 ff. – in Parallele zur Unaussprechlichkeit der Liebe), ohne Margarete allerdings überzeugen zu können (V. 3466/68).

 

Ich habe nur ein Papier zur Wortproblematik bei Goethe gefunden:

https://www.researchgate.net/publication/229866483_Goethes_Dialog_mit_der_christlichen_Wortauffassung

Vgl. auch die Fortsetzung der Wortproblematik im fin de siècle, etwa im Motto des Romans „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (https://norberto42.wordpress.com/2012/01/30/musil-die-verwirrungen-des-zoglings-torles-analysen/) oder in Hofmannsthals Chandos-Brief.

Sturm und Drang:

http://www.pohlw.de/literatur/epochen/stdrang.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Sturm_und_Drang

Nominalismus:

http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=617&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=073ea9086cff66cac677d578d45a93e2

http://www.philo.uni-saarland.de/people/analytic/strobach/alteseite/veranst/mittelalter/univers.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Universalienproblem

Analysen zu „Faust I“:

https://norberto42.wordpress.com/2012/03/10/goethe-faust-i-erste-analysen/

Faust: Zeichen des Makrokosmos

Das Zeichen des Makrokosmus im Buch des Nostradamus (Goethe: Faust I, Regieanweisung vor V. 430) gibt es nicht zu sehen; aber wir können verstehen, was die Idee des Makrokosmos ausmacht und was Faust dementsprechend sehen müsste:

Makrokosmos („große Welt“, von griechisch makrós „groß“ und kósmos „Welt“ […]) ist der Gegenbegriff zu Mikrokosmos („kleine Welt“). Man versteht darunter die Welt als Ganzes, insoweit sie unter einem philosophischen oder religiösen Gesichtspunkt als geordnete, in sich geschlossene Einheit – als Kosmos – aufgefasst wird. Der „Mikrokosmos“ ist dann ein abgegrenzter Teil des Makrokosmos, der zum Ganzen in einem bestimmten Verhältnis steht, etwa in einer Ähnlichkeits- oder Analogiebeziehung.

[…] Besonders häufig gilt der Mensch oder sein Körper in diesem Sinn als Mikrokosmos, daher ist der Makrokosmos/Mikrokosmos-Gedanke ein wichtiger Bestandteil vieler anthropologischer Konzepte. Oft wird auch geltend gemacht, dass der Mikrokosmos aus denselben Elementen aufgebaut sei wie der Makrokosmos.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Makrokosmos) Es geht also um Beziehungen zwischen den Himmelskörpern (Planeten, Sternen = Sternzeichen), den Elementen der Erde und den Körperteilen bzw. Organen des Menschen, um harmonische Entsprechungen in der ganzen Welt.

Diese Entsprechungen sind in verschiedenen Bildern dargestellt – so ähnlich hat man sich auch das Zeichen des Makrokosmos im „Faust“ vorzustellen:

Spagyrik – Das Weltbild der Alchemia medica

Der Begriff „Spagyrik“ setzt sich aus den beiden griechischen Wörtern „spáein“ (trennen) und „ágeirein“ (verbinden) zusammen. Dadurch dass in einem fortlaufenden Rhythmus das „Gute“ vom „Schlechten“ getrennt und weiter ausschließlich das „Gute“ wieder miteinander verbunden wird, erhöht sich die Qualität. Der Begriff „Spagyrik“ drückt die universelle Verbesserungsmethode der kosmischen Ordnung aus – Spagyrik ist Lernprozeß.

Die alchemistische Erfahrung führt zu der Einsicht, dass alle sieben Planetenprinzipien des Universums auch im Menschen veranlagt sind. Das bedeutet, der Mensch (Mikrokosmos) hat Entsprechung zum Universum (Makrokosmos): „Wie das Universum, so der Mensch“ (alchemistischer Grundsatz, s. auch Ayurveda)

Dementsprechend versteht die Alchemia medica verschiedene Organe als „innere Planeten oder Metalle“ des Menschen:

  • Im Gehirn wirkt das Mond-Prinzip,
  • in der Lunge wirkt das Merkur-Prinzip,
  • in den Nieren wirkt das Venus-Prinzip,
  • im Herz wirkt das Sonnen-Prinzip,
  • in der Galle wirkt das Mars-Prinzip,
  • in der Leber wirkt das Jupiter-Prinzip und
  • in der Milz wirkt das Saturn-Prinzip.

Dieselben Formbildungskräfte, die die Planeten und Metalle geformt haben, haben auch die menschlichen Organe ausgebildet. So sind beispielsweise das Goldmetall und das Herz Träger derselben Formbildungskraft. Die Wirkkraft einer spagyrisch zubereiteten Goldtinktur ist somit für das Herz Heilmittel. Dieses Prinzip hat Paracelsus (1493–1541) auf die einfache Formel der Alchemia medica gebracht: „Das Gestirn wird durch das Gestirn geheilt“. Aus dieser Formel hat später Hahnemann (1755–1843) das Simileprinzip der Homöopathie – „Gleiches wird geheilt durch Gleiches“– abgeleitet. Die Bernus-Spagyrik und die Homöopathie haben somit den selben metaphysischen Hintergrund. (http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.heilpraxisamelbufer.de%2Finhalt%2Fbilder%2Fnhk7.gif&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.heilpraxisamelbufer.de%2Finhalt%2Fnaturheilkunde4.htm&h=300&w=297&tbnid=O1SmQImp8O_lUM%3A&docid=m-grgQ57rDETIM&hl=de&ei=zI0XWKiYMYrwarOqn-AI&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=727&page=0&start=0&ndsp=30&ved=0ahUKEwiorsm71oXQAhUKuBoKHTPVB4wQMwhRKBgwGA&bih=960&biw=1628)

Ein anderes Bild: Die Tierkreiszeichen des Himmels in Beziehung zu den Organen resp. Körperteilen des Menschen; es fehlen die Beziehungen zu den Stoffen (Metalle etc.) der Erde: http://www.astromedik.de/assets/images/3Scan2.JPG

Eine Abhandlung mit Darstellungen findet man unter http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fpaulijungunusmundus.eu%2Fhknw%2Fanimamundi_jung_gw12_p66.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fpaulijungunusmundus.eu%2Fhknw%2Fconiunctio_alchem_mod_t2b1.htm&h=406&w=332&tbnid=eflftypB5wbqCM%3A&docid=j-e2B42MBKixxM&hl=de&ei=zI0XWKiYMYrwarOqn-AI&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=1556&page=1&start=30&ndsp=49&ved=0ahUKEwiorsm71oXQAhUKuBoKHTPVB4wQMwhpKDAwMA&bih=960&biw=1628

Eine sehr schöne schematische Darstellung findet man bei Gottwein in der Erläuterung der Prinzipien des Arztes Hippokrates (fehlt hier):

Das Selbstverständnis der Hippokratische Heilkunst:

  1. Die Analogie zwischen Makro- und Mikrokosmos
    • Das (Natur-)Gesetz beherrscht alles. (Hippokr.genit.1)
    • Alles im Körper ist eine Nachbildung des Weltganzen. (Hippokr.vict.1,10)
    • Der Ausgangspunkt der ärztlichen Kunst ist für mich die Zusammensetzung der ewigen Dinge (d.h. des Makrokosmos); denn es ist unmöglich, die Natur der Krankheiten zu erkennen – das ist es ja gerade, was zu finden Sache der ärztlichen Kunst ist – , wenn man nicht die Natur in ihrer Unteilbarkeit von Anfan an kennt, aus der heraus sie sich entwickelt haben. (Hippokr.virg.)
    • Ich werde nun zeigen, dass sowohl die Gesamtwelt als auch alle ihre (einzelnen) Körper bei einer Störung (bzw. Krankheit) das Gleiche erleiden. (Hippokr.hebd.12)
    • Das Warme ging, als alles erschüttert wurde, zum größten Teil an den obersten Umlauf; die Alten scheinen mir es Aither genannt zu haben. Der zweite Teil unten wird Erde genannt, sie ist kalt, trocken und vielbewegt. In ihr ist viel von dem Warmen enthalten. Der dritte Teil ist der der Luft, sie nimmt den Zwischenraum ein, sie ist etwas warm und feucht. Der vierte Teil, der Erde am nächsten stehend, ist das ganz Feuchte (Wasser) und Dichte. (Hippokr.anat.2)
    • Alle Lebewesen […] haben das Warme von der Sonne, alle Feuchtigkeit vom Wasser, das Kalte vom Hauch der (kalten) Luft, das in den Knochen und Fleisch vorhandene Trockene von der Erde. (Hippokr.hebd.18)
    • Vom Darm her leiten Adern die Grundstoffe aus der Nahrung selektiv in vier Zentralorgane (Herz, Milz, Gallenblase, Gehirn) und diese geben sie mit den Säften an den Körper ab. Die Flüssigkeit ist das Fahrzeug der Nahrung. (Hippokr.alim.55)
  1. Gesundheit und Krankheit
  1. Wohlbefinden und Gesundheit besteht im harmonischen Ausgleich (εὐκρασίη) aller vier natürlichen Körperelemente (συμπαθέα πάντα), Krankheit in einer quantitativen oder funktionellen Störung ((παρὰ φύσιν oder ὑπὲρ φύσιν)). Die Voraussetzungen der Gesundheit liegen in der 1.) Zeugung, 2.) richtigen Ernährung, 3. körperlichen Betätigung und 4.) Anpassungsfähigkeit an makrokosmische Veränderungen.
      • Der Körper des Menschen enthält in sich Blut, Schleim, gelbe und dunkle Galle, und diese (Säfte) machen die Natur des Menschen aus und wegen dieser ist er krank bzw. gesund. Gesund ist er besonders dann, wenn diese (Säfte) nach Mischung, Wirkungskraft und Menge in richtigem Verhältnis zueinander stehen und vollständig miteinander vermischt sind. (Hippokr.nat.hom.4)
      • Weder Überfüllung noch Hunger noch sonst irgendetwas, was über die Natur (μᾶλλον τῆς φύσιος) geht, ist gut. (Hippokr.aph.2,4)
      • Das Wohlbefinden des Menschen besteht in einer gewissen (normalen) Natur, die sich von Natur aus eine keineswegs abweichende, sondern ganz harmonische (εὐαρμοστεῦσα) Bewegung verschafft hat. (Hippokr.praec.9)
      • Ein Zusammenfließten, ein Zusammenatmen, alles in Zusammenstimmung (συμπαθέα πάντα). (Hippokr.alim.23)

Bei den meisten Menschen weicht die individuelle Natur (φύσις – Konstitution) von dem Ideal der εὐκρασίη ab. Es ergeben sich je nach Überschuss eines Körpersaftes vier Temperamente: Sanguiniker (Blut), Phlegmatiger (Schleim), Choleriker (gelbe Galle), Melancholiker (schwarze Galle). Sie erkranken in bestimmten Jahreszeiten leichter an den für sie spezifischen Krankheiten.

http://www.gottwein.de/graeca/graeca01.php, dort unter „Hippokrates (Lex)“, am Ende der Darstellung


Man findet bei google-Bilder unter dem Stichwort „Makrokosmos“ diese und andere Darstellungen. In „Faust I“ ist das Zeichen des Makrosmos dem erscheinenden realen, wirkenden Erdgeist entgegengesetzt: Das Zeichen des Ganzen ist schwach, bringt Faust keine Erleichterung oder Erlösung; der reale Geist unserer Erde ist zu stark, ihm ist Faust nicht gewachsen, als er Befreiung aus seiner engen Studierstube sucht. So betritt er den Weg, der ihn abwechselnd ins Enge und ins Weite, ins Enge und ins Weite… führt (vgl. dazu http://www.nicolas-bellm.de/schule/deutsch/faust.htm).

Analysen zu „Faust I“:

https://norberto42.wordpress.com/2012/03/10/goethe-faust-i-erste-analysen/

Klausur zu Faust I, V. 1530-1785

von Dr. Peter Brinkemper:

Deutsch Sek. II, Q-Phase

Text: Goethe: Faust. Der Tragödie Erster Teil, Zeilen 1530-1785

Aufgabenstellung:

  1. Analysieren und interpretieren Sie die angeführte Textstelle aus dem „Studierzimmer“ als typische Situation in einem Drama. Greifen Sie dabei auf wichtige Aussagen im „Prolog im Himmel“ in „Faust“ sowie Angaben zum Pakt aus dem „Volksbuch“ zu Faust zurück.
  2. Vertiefen Sie durch die formale und inhaltliche Analyse rhetorischer Figuren die Deutung des Textes. (Gezielte eigene Schwerpunktsetzung)
  3. Achten Sie dabei auf die sprachliche und logische Präzision der Zitate, der sinngemäßen Wiedergabe und der eigenen Aussagen sowie der Verwendung von rhetorischen und dramatischen Fachbegriffen.

60 Punkte insgesamt für Analyse und Interpretation.

20 Punkte: Inhalt, Thema, Bezug zu „Prolog im Himmel“ und epischem Volksbuch (AFB I-II)

20 Punkte: Inhalt, Form, Rhetorik, Vertiefung der Deutung (AFB II-III)

20 Punkte: Sprache, Logik, Zitat, Wiedergabe, eigene Aussage, Textbezug etc.

Erwartungshorizont

  1. Analysieren und interpretieren Sie die angeführte Textstelle aus dem „Studierzimmer“ als typische Situation in einem Drama. Greifen Sie dabei auf wichtige Aussagen im „Prolog im Himmel“ in „Faust“ sowie Angaben zum Pakt aus dem „Volksbuch“ zu Faust zurück.

-Einleitung in die Klausur. Goethes „Faust I“ als Hauptwerk, Lebenswerk, Drama: Aufklärung/Sturm u. Drang/Klassik. Thema: Leben /Denken. Zweifel/Glauben. „Diesseits/Jenseits“ von Gut/Böse. Geduld/Ungeduld. Freiheit/Zwang. Teufelspakt als Hochmut/Gier im Denken u. Leben, als Rückzug in Theorie u. aus Praxis. Wahrheit u. Lüge, Überheblichkeit u. Maßlosigkeit (7 Todsü.); Liter., Relig., Mythos.

– In Goethe, „Faust“, „Prolog im Himmel“ (Fassung 1827), beschließen der Herr („christlicher“? Gott) u. Mephisto Test/Wette-1 über d. Verführbarkeit d. Menschen, resp. Faust u. seine Seele. Der Herr ist nachsichtig, er glaubt an Fausts höheres, gutes Streben; Mephisto zielt ab auf die Verführbarkeit F.s zum Niederen/Bösen. Der Herr ist sich des Gewinns d. Wette-1 sicher, Faust sei für das Gute u. Wahre zu retten. Mephisto will F. in die Hölle führen u. vorher durch d. Niederungen des Daseins („Staub“) verderben (Erlebnisse als Köder).

– Im protestantischen „Volksbuch“ (1587) schließt Faustus (Gelehrter, schwarzer Magier) einen Pakt mit d. Teufel; mit d. Ziel, von ihm als Diener in 24 Jahren Lebenszeit alles zu bekommen, was er auf „normalem“ Wege nicht erreichte, wenn Faustus ihm seine Seele für die Hölle überschreibt u. ab jetzt schon von d. Gottes-Glauben u. d. christl. Liebe (zu sich u. Mitmenschen) abschwört (aus Christentum austritt u. nur mit Teufel kommuniziert). Eine existentielle Entscheidung: in der Wahrheit oder der Lüge leben, in Gott od. mit Teufel.

Textstelle Goethes „Faust I“: StudZimmer II. Teufel besucht Faust erneut. – Er will d. frustrierten Wissenschaftler u. Magier zum Genuss ins normale Leben u. in d. Welt locken; so will er die Seele ködern, sein Alter-Ego werden, mit dem Pakt die Wette-1 gegen Gott gewinnen. – Z.1530ff.

Faust ist negativ, stark; voller Sturm u. Drang, Zweifel/Wut; zu alt für trivialen Genuss/zu jung, um wunschlos zu sein. – Z.1544ff.

– Rückblick auf verhinderten Selbstmord zwischen Denken/Leben. – Z.1572ff. Weiter Hunger nach Wissen/Macht u. Leben. – Z.1675ff.).

– Fluch auf Glaube, Liebe, Hoffnung u. Geduld (entspricht „Absage“ im „Volksbuch“, ist aber spontaner). – Z.1583ff.

– Mephisto bahnt Teufelspakt an, über d. einseitige Angebot, das Leben mit M.s Hilfe wirklich zu erleben. Einladung als Köder. – Z.1627ff.

– Verhandlung, ausweichend; dann in zweiseitiger Formel, sinngemäß: „Ich diene dir hier, du dienst mir im Jenseits.“ – so: Z.1656ff.

– F.s Gleichgültigkeit, Misstrauen gegenüber Jenseits u. qualitativen Möglichkeiten im Diesseits. F. bezweifelt Angebot.- Z.1660ff.

– Faust setzt sein rastloses, unzufriedenes Wesen in den Vorschlag ein: Teufel könne Vertragsziel früher einlösen, wenn er Wette2 (vgl. Wette-1, „Prolog“) eingeht: In dem Augenblick, in dem Faust, durch M.s Hilfe, zufrieden wäre, hätte F. verloren, endete sein Leben. – Z.1692ff.

Faust sieht in Unzufriedenheit u. Entwertung gerade Macht, Stärke, Schutz, auch vor teufl. Hinterhalt. Vgl. „Prolog i. H.“: F.s kritisches Streben verfolgt niedere und höhere Ziele, in Konkurrenz zu Meph. u. Gott. Fausts Zufriedenheit hat eigene sinnl./geistige Qualität. Mephisto übersieht das. Er verlangt formal (den alten) schriftl. Vertrag, Faust reagiert verächtlich u. wild, erst mit Ablehnung, dann mit positivem Übereifer. Er solle mit seinem Blut unterschreiben (siehe „Volksbuch“, Vertrag ca. nach alter Vorlage). – Z.1712ff.

– Erklärung von F.: plötzliche Treue zum „Bündnis“. Ihm geht es um Rausch, als paradoxe Manipulation v. Leben, Welt, Zeit. – Z.1741ff.

– Mephisto ahnt F.’s Trick, äußert Zweifel an Sinn von Leben/Welt, nur ein ferner Gott finde eine höhere Genügsamkeit daran. – Z.1776-85.

  1. Vertiefen Sie durch formale u. inhaltliche Analyse rhetorischer Figuren die Text-Deutung (eigener Schwerpunkt).

Die Ausführungen werden durch entsprechende, selbst ausgewählte Schlüsselstellen erläutert. Drama/Spiel auf mehreren Ebenen.

-Dramatische Mischung aus Monolog u. Dialog. Faust als subjektiv-lyrischer Redner über sich selbst, mit instabilem, wildem, dynamisch überlegenem Selbstverständnis, an allem kritisch zweifelnd, einen negativen Gott in sich, der nicht nach außen wirkt, unzufrieden mit Leben/Geist/Seele, dann sprunghaft für Verführungsangebot, für Pakt in Form von Wette-2. Mephisto als dialogischer Unterbrecher. F. als ‚ernsthafter Dichter’ gegen M., den ‚Komödianten’, der verführen will u. sich als Kumpel ausgibt.

-Mephistos doppeltes äußerliches Rollenspiel: Seelenhändler vor Gott. Selbstbeschreibung als edler ital. Junker vor F., der die Lebenslust verkörpert. Drängt sich als Alter-Ego auf. Faust glaubt sich stark genug, dieses Alter-Ego innerlich zu verkraften u. im Ernstfall loszuwerden.

-Fausts innerlicher Monolog-Ansatz: Figur mit vielfältiger Spaltung, Polarität, negativ-kritisch-theoretischer Lebens-/-Geist, inneres Drama. Dazu Bilder, Metaphern., Personifikationen. Epischer Rückblick: F.s Selbstmordversuch; Spionage; Leben: Ende/Neustart.

-Eindringliche Wiederholung der Unzufriedenheit u. Verachtung, mit sich, als Geist u. Lebewesen, u. der Welt, Anapher der Flüche.

-Geister-Chor (antikes Dramen-Element; ähnlich wie der Oster-Chor, doch Mephistos u. nicht Gottes Stimmen)

-M.s Appell gegen lebensfeindlichen Gram u. Sorge (Vergleich: „Geier“, Prometheus), Angebot des scheinbar lebensbejahenden Dieners.

-Vertragsverhandlungen, Erwartungen Fausts, Voraussetzungen, Hinterhalte, Missverstehen, Stimmungsumschwung, Paradoxa, Hyperbeln, Widersprüche, Vertauschen v. Ursache u. Wirkung, zeitl. Vorher u. Nachher, Mittel u. Ziel, Hohem u. Niederem.

-Verwandlung d. Vertrags in Wette-2 – hier Abweichung vom „klaren“ „Volksbuch“ – durch Fausts Stürmen u. Drängen, sein(e) Kraft, Tatendrang, Springen in der Zeit u. im Leben; sein Zersprengen u. Manipulieren der Zeit (magische Welt-u.-Zeit-Reisen). Die Wette-2 soll Faust bei Zufriedenheit schon früher dem Teufel ausliefern od. bei Unzufriedenheit auch weiter vor ihm schützen. Dynamisierung des Vertrags. Wille zur Überwindung d. Zeit. Wille zur Überlegenheit über den Teufel (scheinbar od. wirklich, von Gott gewollt?). Fausts positive Kraft od. negativer Größenwahn? Macht u. Ohnmacht d. Teufels, Hang zu Lüge, Illusion. List u. Hinterlist, auch bei Gott u. Faust.

  1. Achten Sie dabei auf die sprach. und logische Präzision der Zitate, der sinngemäßen Wiedergabe und der eigenen Aussagen sowie der Verwendung rhetorischer u. dramatischer Fachbegriffe.

– Sprache, Gliederung und Logik (der eigenen Arbeit) werden hinreichend oder in hohem Maße präzise ausformuliert.

– Das Niveau der Schriftsprache und Fachspr. wird erreicht, unter Vermeidung mündlicher Umgangsspr. (Fehler: A, W, Satz, Logik, Z, RS, Gr).

– Zitate (Sätze, Satzteile, Wörter) u. Textbezug gekennzeichnet („“, Seite, Zeile, Vers) u. nachvollziehbar sowie sinnvoll eingesetzt.

Wörtliche und indirekte/sinngemäße Wiedergabe sind angemessen auf Originaltext sowie auf die eigene Darstellung abgestimmt.

– Die eigene Darstellung wird den Möglichkeiten der Bezugstexte gerecht (Goethes „Faust I; „Volksbuch“). Sie umfasst selbstständige Gedanken, Ideen, Thesen, Ausführungen (reproduktiv, differenziert, anspruchsvoll, originell), die am Text belegt werden können und seinen „tieferen Sinn“ weiter „ausschöpfen“. Der Text wird als konkrete, anschauliche Partitur mit Zeichen und Hinweisen genutzt.

– Nacherzählung (Präteritum statt Präsens; am Text entlang Paraphrasieren oder wörtliches Abschreiben) vermeiden!

– Die eigene Darstellung wird methodisch durch plausible/fruchtbare Hypothese /Perspektive geleitet. Diese berücksichtigt und entwickelt (wenige / viele) Aspekte, Leerstellen, Andeutungen des konkreten Textes (Werk, Kontext, Intertext). Die Interpretationshypothese nutzt Hinweise d. Aufgabenstellung u. Unterricht. Erforderliches Abstraktionsniveau wird erreicht.

– Die Klausurzeit wird ausreichend genutzt durch mehrmaliges Lesen u. Bearbeiten des Textes. Sorgfältige Vorarbeit auf Notizzettel und sowie Erstellung der Klausur unter Beachtung der o.a. Aspekte. „Denken-Lesen-Schreiben“ (DLS).

Notenskala, Punkte: 1 (51-60), 2 (41-50), 3 (30-40), 4 (20-29), 5 (10-19), 6 (1-9).

Vgl. https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-pakt-und-wette-verlauf-und-funktion/ (Übersicht zu Pakt und Wette)

Eichendorff: Mittagsruh – Analyse

Über Bergen, Fluß und Talen …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=112

http://www.textlog.de/22484.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/1.+Wanderlieder/Mittagsruh

http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/dfg/content/pageview/1748643 (Text in Fraktur, mit Abbildung) = http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/gedichte-der-romantiker-in-randzeichnungen.html

Das Gedicht „Mittagsruh“ ist vermutlich etwa 1812 entstanden, aber erst 1837 veröffentlicht worden. Wenn man sich zunächst die grammatische Struktur klarzumachen versucht, ergibt sich folgendes Bild:

„Über Bergen, Fluß und Talen,

[über] Stiller Lust und tiefen Qualen

Webet [es] heimlich, schillert [es], [leuchten] Strahlen!

[Wenn man] Sinnend [liegt,] ruht des Tags Gewühle

In der dunkelblauen Schwüle,

Und die ewigen Gefühle,

Was dir selber unbewußt [ist],

Treten heimlich, groß und leise

Aus der Wirrung fester Gleise,

[d.h.] Aus der unbewachten Brust,

In die stillen, weiten Kreise.“

Das ist ein ungewöhnliches Gedicht, welches andeutungsweise eine „fremde“ Erfahrung umschreibt: dass da etwas „webet“ (V. 3) Was heißt „weben“? Im Wörterbuch von Adelung finden wir als erste Bedeutung: „Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben, sich bewegen, besonders sich langsam bewegen; eine längst veraltete Bedeutung, welche noch in der Deutschen Bibel vorkommt. In ihm leben, weben und sind wir. Man gebraucht es nur noch zuweilen im gemeinen Leben, aber immer in Verbindung mit dem Verbo leben: alles lebt und webt an ihm, ist an ihm in Bewegung. Einige neuere Schriftsteller haben dieses veraltete Wort wieder in die witzige Schreibart einzuführen gesucht.

Es webet, wallt und spielet Das Laub um jeden Strauch, Hagedorn

Der junge Baum webt und schauert, und fühlet die Glieder im Morgenodem der erweckten Schöpfung, Herder“. Da bewegt sich etwas, da schillert etwas, da leuchtet etwas („Strahlen“, V. 3) Wo bewegt sich etwas? Über Berg und Tal bewegt sich etwas (V. 1), also in der Natur, aber auch über den Menschen mit ihren tiefen Gefühlen (V. 2). Die Aufzählung in V. 2 muss auch von „über“ abhängen, da sie im Dativ steht; Lust und Qualen werden als „Ortsangaben“ neben Berg und Tal gestellt (Zeugma). Dieses fremde Geschehen hat ein wenig den Schein des Göttlich-Erhabenen, ist ein Schein dieses Erhabenen (V. 3).

Was sich da zeigt, wird in den folgenden Versen umschrieben; zunächst wird die Bedingung angegeben, dass des Tages Gewühle wie sonst am Abend zur Ruhe kommt. Die Schwüle finden wir auch, als der Taugenichts vom Reisewagen mit nach W. genommen wird und es gegen Mittag „so leer und schwül und still“ wird, dass er einschläft (RUB 2354, S. 7, Z. 14 ff.). Das Attribut „dunkelblau“ verbindet die Mittags- mit der Abendstunde („Blaue Stunde ist heute vor allem ein poetischer Begriff für die Zeit der Dämmerung zwischen Sonnenuntergang und nächtlicher Dunkelheit sowie für die Zeit kurz vor Sonnenaufgang.“ Wikipedia) Zu dieser Stunde treten die ewigen Gefühle unmerklich aus der nunmehr in der Ruhezeit unbewachten Brust „in die stillen, weiten Kreise“ (V. 11), also ins Freie, sodass sie wahrgenommen werden können. Zuvor waren sie eingekerkert, in „der Wirrung fester Gleise“ des Lebens mit seinem Gewühle (V. 9). Was die ewigen Gefühle sind, wird nicht erläutert – es sind die Liebe, die unendliche Sehnsucht.

Wir finden bei Goethe zwei Parallelen, die Eichendorffs Gedicht erhellen können. Die erste finden wir im Gedicht „Nachtgesang“ (1804 entstanden, 1815 veröffentlicht, also erst nach der Entstehung von Eichendorffs Gedicht, die dritte Strophe):

„Die ewigen Gefühle

Heben mich, hoch und hehr,

Aus irdischem Gewühle;

Schlafe! was willst du mehr?“

Eine sachliche Parallele hat Eichendorff vermutlich selber in der 1789 veröffentlichten (zweiten) Fassung von „An den Mond“ gefunden, dort die beiden letzten Strophen:

Selig, wer sich vor der Welt


Ohne Haß verschließt,


Einen Freund am Busen hält


Und mit dem genießt,

 

Was, von Menschen nicht gewußt


Oder nicht bedacht,


Durch das Labyrinth der Brust


Wandelt in der Nacht.“

Bei Goethe bleiben die tief unbewussten Gefühle in der Brust eingeschlossen und werden still mit dem Freund genossen; bei Eichendorff zeigen sie sich, wenn die „Wirrung“ des normalen Lebens in der Ruhe aufhört und sich die Brust des Menschen weitet oder öffnet. In Eichendorffs Gedicht „[Der] Abend“ (1826 veröffentlicht) heißt es ähnlich von der Erde, dass sie in der Ruhe des Abends dem Menschen kaum Bewusstes „rauscht“, nämlich

„alte Zeiten, linde Trauer,

und es schweifen leise Schauer

wetterleuchtend durch die Brust.“

Was bei Goethe Erlebnis der tiefen Freundschaft ist, zeigt sich bei Eichendorff dem Einzelnen, wenn er zur Ruhe kommt, in Form einer Ahnung.

Die Form des Gedichtes ist recht ungewöhnlich. Ein wissender Sprecher beschreibt eine eher unbewusste, andeutungsweise gegebene Erfahrung in 11 Versen (Takt: Trochäus). Dabei sind jeweils drei Verse mit dem gleichen Reim miteinander verbunden, was ein gleichmäßiges, ruhiges (und dem Thema angemessenes) Sprechen bedingt. Als Vers 7 und 10 sind darin zwei Verse eingeschoben, die sich reimen (unbewußt/Brust) und um eine Silbe verkürzt sind (männliche Kadenz), was eine kleine Pause hervorruft. Die sich reimenden 3er-Verse sind semantische Einheiten (die Strahlen, die Gefühle, die weiten Kreise). Die Verse 7 und 10 wirken wie kommentierende Einschübe an ihrer Stelle und gehören nicht zusammen.

Das Gedicht ist äußerst melodiös, vermutlich wegen seiner (grammatischen und semantischen) Schwierigkeit jedoch kaum rezipiert, wenn man den Antworten der Suchmaschine glauben darf.

http://www.otto-friedrich-bollnow.de/doc/Mittag.pdf (Bollnow: Der Mittag, dort S. 3 ff.)

Reimschemata: http://www.pathos.name/referenzen/kurs10/Reimschemata.pdf

Vgl. auch Fontane: Mittag

Storm: Abseits

Motiv „weben“ in Faust I

Weben,

1. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte „haben“, sich bewegen, besonders, sich langsam bewegen; eine längst veraltete Bedeutung, welche noch in der Deutschen Bibel vorkommt. In ihm leben, weben und sind wir. […] Einige neuere Schriftsteller haben dieses veraltete Wort wieder in die witzige Schreibart einzuführen gesucht.

Es webet, wallt und spielet / Das Laub um jeden Strauch, Hagedorn […]

2. Als ein Activum. (1) * Langsam hin und her bewegen, schwingen; eine gleichfalls veraltete Bedeutung […]. (2) Durch Einschießung eines Fadens in einen ausgespannten Aufzug hervor bringen; die einzige noch gangbare Bedeutung. Leinwand, Tuch, Taffet, Spitzen, Teppicht weben. Auch als ein Neutrum, weben lernen, weben können, sich vom weben nähren. […]

Anm. […] Man siehet leicht, dass der Begriff der Bewegung der Stammbegriff ist, und dass weben, texere, nur eine Anwendung dieses allgemeinen Begriffes auf einen besondern Fall ist. Verwandte dieses Wortes sind Webel, schweben, schweifen, Weife, Wiebel, vielleicht auch Wipfel, besonders aber das Lat. vivere und Griech. βιειν, zumahl da auch leben ursprünglich sich bewegen bedeutet. […]

Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 1418 f.

 

Bis auf V. 1119 standen alle Stellen, an denen von „weben“ die Rede ist, im Urfaust:

Auf Wiesen in deinem Dämmer weben – das ist Fausts Sehnsucht. Aufgaben:

1. Lesen Sie V. 392-397 (dazu die Regieanweisung von V. 354 und V. 410-417) und beschreiben Sie, was Faust möchte.

2. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 395).

Wie alles sich zum Ganzen webt – das Zeichen des Makrokosmos.

3. Lesen Sie V. 430-453 und beschreiben Sie, was Faust erlebt.

4. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 447).

Ein wechselnd Weben, ein glühendes Leben – das ist der Erdgeist.

5. Lesen Sie V. 501-509 und erklären Sie, was der Erdgeist ist.

6. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 503, 506).

7. Umschreiben Sie die Bedeutung der Metapher „Webstuhl der Zeit“ (V. 508).

Von der Gedankenfabrik und dem Weber-Meisterstück – die Logik.

8. Lesen Sie V. 1922-1935 (im Kontext von V. 1908-1941) und umschreiben Sie, was ein Weber-Meisterstück ist.

9. Umschreiben Sie die Bedeutung von „Weber“ (V. 1923, 1935).

10. Beschreiben Sie, In welchem Verhältnis das Weber-Meisterstück der Logiker vom Weben des Erdgeists steht.

Mit heilig reinem Weben entwirkte sich das Götterbild – Fausts Bild von Margarete.

11. Lesen Sie V. 2709-2716 und erklären Sie, als was für eine Figur Faust hier Margarete „sieht“.

12. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 2715).

Alles von mir webt unsichtbar sichtbar neben dir – Fausts Liebe.

13. Lesen Sie V. 3446-3450 (im Kontext von V. 3437-3458) und umschreiben Sie, was Faust mit „alles“ meint.

14. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 3449).

 

Ich weise auf den differenzierten Artikel „weben“ im Grimm’schen Wörterbuch hin:

vom historischen standpunkt aus müssen drei worte unterschieden werden, von denen die beiden ersten vielleicht dieselbe etymologische grundlage haben, das dritte ist ursprünglich ein ganz anderes wort, ist aber später mit dem zweiten zusammengeworfen worden.

1) weben ‚texere‚ (mit idg. Wurzel)

2) weben ‚sich hin und her bewegen‚ ist seinem ursprung nach schwer zu beurtheilen, da es im mhd. nur selten und nur im präsens vorkommt und im ahd. überhaupt nicht belegt ist

3) weben ‚wehen‚ ist von Luther in die schriftsprache eingeführt worden, später aber nur der dichtersprache verblieben, wo es von dem zweiten weben nicht mehr geschieden werden kann. (B. 27, Sp. 2620 f. (bzw. ff.)

B. weben ‚sich hin und her bewegen, wehen, lebendig sein, sich zeigen und wirksam sein‚. der gebrauch dieses wortes beruht hauptsächlich auf Luthers bibelsprache. schon vor Luther kommt es in der md. dichtung des 14. jahrh. vor und schon um 1300 in zwei alemannischen quellen; auch jetzt noch lebt es auszer in der Schweiz (s. 1 a cim elsäss. als ‚mit händen und füszen zappeln, schaukeln, unruhig sitzen‚ Martin-Lienhart 2, 779, ebenso lothr. Follmann 539, sonst wird es — von wewen ‚wehenabgesehen — nur in leben und weben aus der volkssprache angegeben. Luther hat das wort mit vorliebe gebraucht und auch für sein dialektisches wêwen (s. 2) eintreten lassen, auszerdem erweitert er seine verwendung, indem er es auch als transitivum setzt und auf eine art des alttestamentlichen opfers (1 f)bezieht. im 16. jahrh. wird das wort sonst von Mitteldeutschen, auch H. Sachs (bei dem es mit beben zusammenfällt), und Alemannen (besonders S. Franck) gebraucht, aber nicht gerade häufig. einige, wie die Hessen Waldis und Wicel, kennen es nur als ‚wehen‚. später setzen sich neben den resten der ursprünglichen bedeutung, besonders in weben und schweben, die wendungen der bibelsprache mit leben und weben durch; im zusammenhang damit findet sich weben auch selbstständig gebraucht als ‚in lebendiger bewegung sein, lebendig sein‚. in dieser bedeutung verzeichnet Stieler das sonst meist gar nicht aufgeführte wort. weben ‚wehen‚ tritt seit ende des 17.jahrh. auch auszerhalb seines ursprünglichen gebietes in der dichtung auf und ist besonders durch Herder in aufnahme gekommen, der das wort häufig verwendet und dabei auch sonst an Luthers bibelsprache anknüpft, ohne überall erfolg zu haben. den weitest gehenden gebrauch hat aber (besonders in den jahren 1772—75) Göthe von dem wort gemacht, vielleicht durch sein rheinfr. webern (s. d.beeinfluszt; er kennt es auszer für bewegungsvorgänge sowohl für vorgänge im menschlichen innern, wie für das walten der naturkräfte und hat in beiden verwendungen viel nachfolge gefunden. auch Klopstock, Wieland, Bürger, Schiller u. a. haben gern zu dem wort gegriffen, so dasz es in der gehobenen sprache bürgerrecht errang. hatte noch Adelung, der die bedeutung ‚sich langsam bewegenlängst veraltet nennt, die einführung des wortes in die ‚witzige schreibart‚ getadelt, so konnte Campe bemerken, dasz es als ein ‚altes und ausdrucksvolles wort‚ der edlen schreibart sehr wohl anstehe. hervorgehoben sei noch die vorliebe der romantiker für das wort, das mehr gefühlsmäszigen charakter hat, als begrifflich klar ausgeprägt ist. in der neueren dichtung ist es dann namentlich noch für naturerscheinungen sehr beliebt geworden. auch die wissenschaftliche prosa bedient sich seiner, besonders für ein unbewusztes walten von kräften. dabei ist der allgemeinen sprache nach wie vor nur leben und weben, landschaftlich vielleicht noch die eine oder andere wendung (s. 1 c Busch), eigen.

WEBERN, verb. eine bewegung machen, bes. mit einem körpertheil, schweben, hin und hergehen, geschäftig sein. ein auf das hochd. beschränktes wort, das erst im 14. jahrh. auftritt; doch spricht für eine alte bildung (ahd. *webarôn) das daneben stehende gemeingerm. wabern, sowie die ins mhd. zurückreichenden webeln und wabeln, auch die nebenform wäfern (sp. 249 s. auch wefern) beweist (aus wer- neben wear-) das alter der bildung.

 

Vgl. meinen alten Aufsatz über Weben als Metapher: https://also42.wordpress.com/2015/07/30/weben-als-metapher/

Goethe: Faust I – erste Analysen

Ich pflegte „Faust“ mit den Schülern so zu besprechen, dass wir den Etappen in der Arbeit Goethes folgen: „Urfaust“, dann das „Fragment“ (1790) und schließlich die Endfassung (1808). Ich folgte dabei der Tabelle von Th. Friedrich – L. J. Scheithauer: Kommentar zu Goethes Faust, RUB 7177, S. 83 f.; die Schüler bekamen diese Tabelle. Wenn man den „Faust“ so liest, versteht man, wie Goethe bestimmte Probleme des Dramas gelöst hat (und welche neuen Probleme sich dadurch manchmal ergeben); schwächere Schüler verlieren aber leicht den Überblick – sie lernen am liebsten einfach „Ergebnisse“ auswendig, je unverstandener, desto besser.

Die Entstehungsgeschichte des Textes habe ich in einer Tabelle dargestellt: https://norberto42.wordpress.com/2011/05/25/goethe-faust-i-entstehung-geschichte-des-textes/

Faust – Fragment (1790)
Im „Urfaust“ ereignet sich Dramatisches am Anfang und am Ende, dazwischen stehen einige unzusammenhängende Szenen. Faust, ein gut 30 Jahre altes Genie, das auch zaubern kann („Auerbachs Keller“), lädt Schuld auf sich. Mephisto vermittelt in gewisser Weise zwischen der Welt Faust und Gretchens; das Mädchen ersetzt die in der Tradition des Faust-Stoffs vorhandene Kaiserin Helena. Text des Urfaust: http://www.fh-augsburg.de/~harsch/germanica/
Im Fragment schließt die Begegnung Fausts mit Mephisto an die vergebliche Beschwörung des Erdgeistes und das Gespräch mit Wagner an: Faust strebt nach der Fülle der menschlich möglichen Erfahrungen (V. 1770/75). Stattdessen bietet Mephisto ihm eine Weltreise und flache Vergnügungen (V. 1861 vs. 1772) an; dem Schüler wird dementsprechend (V. 1839 ff.) erklärt, wie sinnlos das Studieren ist. In V. 1866 wird ein Pakt der beiden angedeutet.
In der im Frühjahr 1788 in Rom geschriebenen Szene „Hexenküche“ wird das Böse einerseits in Tieren und magischen Riten überspitzt vorgestellt (vgl. V. 2507 ff.) und die christliche Theologie verspottet (V. 2560 ff.); der Verjüngungstrunk besiegelt eine Art Bündnis zwischen den beiden (V. 2583/86). Durch den Blick in den Spiegel und durch den Trank erhält Fausts Begegnung mit Gretchen eine neue Bedeutung: Sie wird entwertet, eine Station auf dem Weg Fausts zu vielen möglichen Abenteuern…
Der Eingangsmonolog von „Wald und Höhle“ (V. 3217/39) ist gleichfalls 1788, unabhängig vom Rest der Szene, entstanden. Diese Szene steht unter der Frage, wie man mit dem erfüllten Augenblick des Glücks leben kann und wie es danach weitergeht. So erfolgt bald der Umschwung zur Unzufriedenheit, welche durch die Anwesenheit und die entlarvenden Reden Mephistos erklärt wird. Die Szene stand ursprünglich hinter der Szene „Brunnen“; Faust ist also mit Gretchen zusammen gewesen und verzweifelt, da er jetzt seines unsteten Wesens inne wird, wodurch er bloß Gretchen zerstört hat (Übernahme eines Teils aus der alten Szene „Nacht“ des Urfaust!).
Wichtig ist auch, dass das Fragment mit der Ohnmacht Gretchens im Dom endet, was die fragmentarische Offenheit unterstreicht.
Das Problem ist, wie im Fragment das Verhältnis Fausts zu Mephisto bestimmt ist und was in dem Sinn die einzelnen Episoden für Faust bedeuten.
(Nicholas Boyle: Goethe. Der Dichter in seiner Zeit. Band I. 1749 – 1790. Verlag C.H. Beck: München 1995)

Mephisto als Figur (1790)
Mephistopheles entstammt als Gestalt der alten Faustsage. Wenn Goethe die Faustsage aufgreift, muss er mit der Existenz dieser mythischen Figur Mephisto klarkommen.
Im Urfaust agiert diese Figur, ohne dass sie eigens eingeführt würde. Im Fragment (1790) gibt es zwei neue Szenen, in denen Mephisto agiert: die Hexenküche sowie „Wald und Höhle“, diese aber hinter „Am Brunnen“. In der Hexenküche weiß Mephisto nicht nur, dass die Hexe „als Arzt ein Hokuspokus machen“ muss (V. 2538), sondern reflektiert im Gespräch mit der Hexe auch sein eigenes Auftreten (V. 2492 ff.) als Gestalt aus dem Fabelbuch (V. 2507). Man wird deshalb im Verständnis der Figur Mephisto nur weiterkommen, wenn man das Agieren der Figur untersucht, statt sich an die fabelhaften Züge ihres Auftretens zu halten, die Goethe 1808 im „Prolog im Himmel“ sowie in den Studierzimmer-Szenen präsentiert (vgl. bereits V. 1866 [1790], dass Faust sich „dem Teufel übergeben“ hat).
Faust erkennt in Mephisto den Gefährten, welchen der Erdgeist ihm zusätzlich zur Wonne gegeben hat, welche ihn den Göttern näher bringt (V. 3240 ff.). Drei Dinge sagt er von ihm: Er könne ihn nicht entbehren; jener erniedrige ihn und vernichte die Gaben des Erdgeistes; ferner entfache er in ihm das Feuer der Begierde. Wie er die Gaben des Erdgeistes „zu Nichts“ wandelt, sieht man im folgenden Gespräch: Er verspottet das von Faust gepriesene Erleben der Natur (V. 3272 ff.) und entlarvt dessen Naturgenuss als ideologische Überhöhung der puren Sexualität (V. 3282 ff. in Verbindung mit V. 3295 f.), also als Selbstbetrug (V. 3298); er behauptet auch, Faust mit seinen Diensten vom Kribskrabs der Imagination kuriert zu haben (V. 3268), indem er diesen öfter „zu was Neuem“ geführt habe (V. 3254).
In dem Teil der Studierzimmer-Szene, der 1790 fertig ist (V. 1770 ff.), tritt Mephisto gegenüber dem auf Selbsterweiterung erpichten Faust nüchtern auf: Das gehe nicht (V. 1776 ff.); er verspottet den Wunsch als spinnert (V. 1785 ff.), in sich widersprüchlich wie ein „sich Verlieben nach Plan“ (V. 1799 f. – obwohl er das dann mit Gretchen quasi ermöglicht). Er schlägt ihm zum Ersatz einen Aufbruch in die Welt, ins Genießen vor (V. 1816 ff.). – Im Monolog bezeichnet er sich dann als „Lügengeist“, der Faust von Vernunft und Wissenschaft, „des Menschen allerhöchste Kraft“ (V. 1852), abziehen und in dessen unersättlichem Erlebnisstreben zugrundegehen lassen wolle (V. 1851 ff.). – Das ist allerdings nur seine mephistophelische Perspektive.
Auf der Straße (V. 3025 ff.) freut Mephisto sich über Fausts Begehren, will ihm zur Erfüllung verhelfen; er schlägt ihm vor, mittels einer Lüge sich Zugang zu den Frauen zu verschaffen, und entlarvt Fausts Prinzipienreiterei (V. 3039) als von ihm selbst widerlegt (vgl. V. 354 ff.!); ebenso haben die künftigen Liebesschwüre in seinen Augen keinen Bestand: „Ja, wenn man‘s nicht ein bißchen tiefer wüßte.“ (V. 3051).
Fazit: Mephisto ist der Gefährte Fausts; ein Mann des praktischen Handelns, des nüchternen Denkens; er verschafft Abwechslung und Genuss, entlarvt die großen Worte und die hohen Prinzipien; er spottet gern, wenn er im Argumentieren nicht weiterkommt; er widerspricht dem klugen Herrn Professor und ist so gewissermaßen seine andere Seite, sein zweites Ich. Er ist also „psychologisch“ zu verstehen.

Annäherung Fausts an Mephisto (1808)
Mephisto ist als Figur von Faust unterschieden, gehört ihm aber wesentlich als seine andere Seite zu, ist sozusagen ein „Teil“ (V. 342 f.!) oder Aspekt Fausts. Hier soll untersucht werden, wie oder in welchen Schritten die Figuren zueinander finden.
Mephisto tritt als geheimnisvoller Pudel in Fausts Lebensbereich ein. In der Szene „Vor dem Tor“ sieht Faust das Leben und Treiben der normalen Leute. In seinem Monolog „Vom Eise befreit…“ (V. 903 ff.) preist er ihren frühlinghaften Aufbruch als allgemeine Auferstehung und bekennt: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!“ (V. 940). Von den Leuten verehrt, gesteht er Wagner, dass er mit seinem Vater eher hilflos die Pest bekämpft hat (V. 1022 ff.). Im Gefühl, dass alles Wissen unzulänglich ist (1064/67), setzt er in seiner Betrachtung der Landschaft am Abend zu einer Flucht oder Erhebung ins Unendliche an [wogegen Wagner die Freuden der Gelehrtenarbeit preist, V. 1100 ff.], wobei er die „Geister in der Luft“ (1118 ff.) beschwört; darauf stellt sich der Pudel mit dem Feuerstrudel hinter sich ein (1147 ff.).
Im „Studierzimmer“ (V. 1178 ff.) kommt Faust zur Ruhe, sehnt sich „nach des Lebens Bächen“ und „Quelle“ hin (V. 1200 f.), wird dabei aber vom Pudel gestört; bald endet diese Befriedigung jedoch (1210 ff.). So macht er sich daran, das NT ins Deutsche zu übersetzen, entfernt sich dabei eigenmächtig vom Text und sieht auf einmal den Pudel seine Gestalt wandeln. Er beschwört das Tier (1271 ff.) und holt aus ihm Mephisto in Gestalt eines Studenten heraus (1321). Mephisto stellt sich vor
* als Geist, der stets verneint (1338 ff.),
* als Teil der Finsternis, die aus sich das Licht hervorgebracht habe (1349 ff.),
* als gegenüber dem Werden und Leben hilflos (1363 ff.).
Da es Gesetze der Teufel und Gespenster gibt, denkt Faust an die Möglichkeit eines Paktes (1410 ff.); er wird durch schöne Bilder erstmals betrogen (1436 ff.).
Im „Studierzimmer II“ reflektiert Faust die Pein des engen Erdenlebens (1544 f.), wünscht sich erneut den Tod (1570 f.), verflucht (bedingt?) die Tröstungen irdischen Lebens (1583 ff.), worauf Mephisto ihm einen Pakt anbietet (1635 ff. und 1656/59); auf Fausts Frage nach der Möglichkeit unendlichen Genießens (so lese ich 1676 ff.) verweist Mephisto aufs ruhige Schmausen (1690 f.) und bringt damit Faust dazu, eine Wette anzubieten (1692 – 1711). Bei den folgenden Äußerungen ist nicht ganz klar, ob Faust nun einen Pakt unterschreibt (1738/40) oder nicht; jedenfalls spricht er von einem „Bündnis“ (1741), von dem er sagt: „Das Streben meiner ganzen Kraft / Ist grade das, was ich verspreche.“ (1742 f.) Das klingt nicht nach einem normalen Teufelspakt (wie 1656 ff.), sondern zeichnet ein Bild von Fausts Lebensführung oder -weg, die einzuhalten er verspricht (im Sinn einer Wette?).
Pakt oder Wette? Pakt und Wette? Das ist umstritten und braucht auch von uns nicht geklärt zu werden: Wir sehen das Problem und hören Fausts (enttäuschte) Wünsche nach wildem Erleben (V. 1744 ff. – dagegen 3217 ff.!), nach der Fülle des Erlebens (1765 ff.) und seine Einsicht ins Scheitern der Hoffnungen (1810 ff.), worauf er sich entschließt, mit Mephisto in die Welt zu fahren (1834 ff. und 2065 ff. – vgl. dazu 1122). – Man sollte m.E. die Szenen insgesamt nicht als Abfolge „sachlicher“ Ereignisse, sondern als Entfaltung eines (Selbst-)Verhältnisses Fausts lesen.

Goethe – „Liebe“ in seinen Jugenddramen
(Idee: die Gretchentragödie nicht nur von der Problematik der Kindsmörderin, wie sie im Sturm und Drang thematisch wurde, zu sehen, sondern auch von anderen Darstellungen des Autors Goethe)

Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand (1773, überarbeitete Fassung von Geschichte Gottfriedens von B…, 1771: Begeisterung für große Charaktere und für die ältere deutsche Geschichte)
Vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen dem freien Ritterstand und dem modernen höfischen Leben geht es um den Konflikt zwischen Götz und seinem Jugendfreund Adelbert von Weislingen; dieser war mit Götzens Schwester Maria verlobt, erliegt aber am Hof der Faszination Adelheids von Walldorf. Maria heiratet später Weislingen, einen Helfer ihres Bruders. Götz hatte einen Konflikt mit dem Erzbischof von Bamberg überstanden; er scheitert, als er sich an die Spitze der aufständischen Bauern stellt.

Clavigo (1774)
Clavigo wird von seinem Freund Carlos überredet, um seiner Karriere willen sich von seiner Verlobten Marie Beaumarchais zu trennen; er bricht mit ihr, kehrt (teilweise aus Mitleid und Schuldgefühl) zu ihr zurück, bricht erneut mit ihr und wird schließlich von Maries Bruder getötet.

Stella (1775, Dramatisierung eines Teils der Memoiren von Beumarchais)
Mme. Sommer, schon lange von ihrem Mann verlassen, trifft die Baronesse Stella, die von ihrem langjährigen Geliebten verlassen ist; die beiden Männer sind in Wirklichkeit nur einer, Fernando, der plötzlich auftaucht und zu Stella zurückkehrt, dann mit Cäcilie Sommer und ihrer Tochter Lucie fliehen will. Die Flucht scheitert, Fernando will sich erschießen, Cäcilie findet die Lösung: Sie schlägt vor, nach dem Vorbild des Grafen von Gleichen eine Doppelehe zu führen. – Dieser Schluß erregte viel Anstoß und wurde 1803 durch einen tragischen Schluß ersetzt.

Egmont (1788)
Das Drama ist ab 1775 in vier Etappen entstanden. Es ist ein Charakterdrama des Grafen Egmont, der nicht auf seinen Freund Wilhelm von Oranien hört, sondern das offene Gespräch mit dem heran-rückenden Alba sucht. Egmont lebt in glücklicher Verbundenheit mit seiner bürgerlichen Geliebten Klärchen, die vergeblich die Niederländer zum Aufstand aufruft, als Egmont von Alba eingesperrt wird; Klärchen vergiftet sich, Margarete von Parma hat sich abgesetzt. Im Gefängnis hat Egmont vor seinem Tod einen Traum von der Freiheit, die Klärchens Züge trägt.

Marthens Garten (V. 3414 ff.)

Marthens Garten ist ein neutraler Ort, wo man sich heimlich ohne Wissen der Mutter treffen kann; Faust und Margarete haben sich im Garten bereits geküsst (V. 3205 f.), Gretchen ist von Sehnsucht geplagt (V. 3374 ff.). – Auf „Wald und Höhle“ sollte man sich nur mit Vorsicht berufen, weil die Szene vorgezogen ist und die Bemerkungen, welche das Verhältnis der beiden betreffen, historisch-chronologisch nicht passen (V. 3310); anderseits stellt diese Szene durchaus eine Wende im Drama dar. – Eine zeitliche Zuordnung (Datierung) der einzelnen Szenen ist nicht möglich, weshalb außer den vorherrschenden Dispositionen nichts über konkrete Absichten der Figuren zu sagen ist – außer dem, was man im Gespräch der beiden erfährt.

Margarete beginnt mit einer Bitte (um Aufrichtigkeit?), V. 3414, Faust verspricht‘s;
M fragt, wie Faust es mit der Religion hält (V. 3415),
F weist die Frage ab und verweist auf seine Einstellung ihr gegenüber (V. 3418 ff.);
M setzt zweimal nach (dran glauben, die Sakramente ehren),
F bleibt verbindlich abweisend (vgl. V. 3420!);
M wiederholt ihre Frage, in der entscheidenden Formulierung: „Glaubst du an Gott?“;
F weist die Frage zurück (V. 3427 ff.),
M versteht dies irrtümlich als Nein, versteht ihn nicht;
F setzt zu einem großen Vortrag an:
– wirbt um M (V. 3431),
– weist das Recht jeder Form verbalen Bekennens oder Bestreitens zurück (V. 3432/36)
– und nennt dafür drei Argumente:
— der Allumfasser…
— der Himmel droben…
— ich und du…
– mit dem Fazit: Erfüll davon dein Herz (V. 3451 ff.),
– Gefühl: ja, Name: nein!
(Damit zeigt sich, dass er über die Wort-Problematik nicht hinausgekommen ist, vgl. V. 354 ff.; V. 1224 ff. u.ö.)
M stimmt teilweise zu, lehnt teilweise ab ((V. 3459/61);
F greift ihre Zustimmung zu seiner Rechtfertigung auf (V. 3462 ff.),
M lehnt zum Schluss das ganze Argumentieren ab (V. 43466/68), versteht ihn nicht;
F staunt und verzweifelt, appelliert hilflos: „Liebs Kind!“ (V. 3469a)

M setzt ihren Angriff auf Fausts Eigenart fort mit einer Klage, dass er sich in Mephistos Gesellschaft aufhält, und einer Anklage seines Gefährten als eines unheimlichen, das Leben und Lieben beeinträchtigenden Gesellen (V. 3469 ff.); sie spricht aus ihrem Gefühl heraus, wie sie ihn erlebt, und lehnt jenen total ab, lässt sich kaum bremsen.
F beschwichtigt sie nur, verteidigt Mephisto (V. 3483), gibt ihr indirekt Recht (V. 3494), verweigert aber letztlich die von ihr erbetene Zustimmung (V. 3501).

Darauf gibt sie auf, indem sie auf ihre Situation als Tochter zu sprechen kommt: „Ich muss nun fort.“ (V. 3502) – Ob sie enttäuscht ist, dass sie in beiden Fragen bei Faust sich nicht durchgesetzt hat, und deshalb gehen will, ist unklar.
F bittet um intensivere Zweisamkeit, beklagt sich ein bisschen (V. 3502b),
M gibt nach (oder hat den gleichen Wunsch), beklagt ihr häusliche Situation (Mutter),
F weiß Rat, hat ein Schlafmittel bei sich (offensichtlich vorbereitet) und zerstreut ihre Bedenken;
M reflektiert abschließend ihr Handeln: Sie ist sich ein Rätsel; deutet an, wie nahe sie vor der letzten Hingabe steht.

Ergebnis: Margarete ist nicht weitergekommen, es bleiben Dissonanzen zwischen beiden in den Kernfragen (Glaube, Mephisto); aber sie stimmt Fausts Begehren nach einer Liebesnacht zu. Damit ist das Scheitern der Liebe und der Untergang Margaretes vorgezeichnet, auch wenn das Schlafmittel nicht tödlich gewirkt hätte. Sie ist Faust nicht gewachsen, sie wird ihn nicht halten können, sie wird im Dorf wie Bärbelchen („Am Brunnen“, V. 3544 ff. – Spiegel ihres Schicksals!) scheitern.

Mephisto spottet anschließend über Fausts Verhalten („Herr Doktor… katechesiert“), entlarvt Gretchens Glaubensfragen als Frauen-Trick, den Mann zu unterwerfen (V. 3522 ff.), erniedrigt Faust  (V. 3534 f.), entlarvt seine Verteidigung Gretchens als Aktion eines (nur scheinbar übersinnlichen) sinnlichen Freiers (V. 3534), verspottet ihn erneut als von einem „Mägdelein“ hereingelegt (V. 3535), verlacht Gretchens wahres Gespür (V. 3537 ff.) und erweist sich damit als Lügner, ist jedoch am Sex der beiden interessiert, hat also an der „Sünde“ Freude (V. 3542 f.).
Das mag man nun teuflisch nennen oder die andere Seite des Herrn Faust, jedenfalls stimmt es mit dem überein, worüber sich Faust in „Wald und Höhle“ beklagt hat (lies V. 3243/46!).

Vergleiche zu „Faust I“ außerdem:

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-magie/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-faust-und-hiob/

https://norberto42.wordpress.com/2016/10/31/faust-zeichen-des-makrokosmos/

https://norberto42.wordpress.com/2016/11/08/die-wortproblematik-ein-motiv-in-faust-i/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-pakt-und-wette-verlauf-und-funktion/

https://norberto42.wordpress.com/2016/11/17/faust-i-auerbachs-keller-hexenkueche/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-aufbau-der-gretchenhandlung/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-motiv-weben/

https://norberto42.wordpress.com/2011/10/30/lieder-und-chore-in-faust-i/

https://norberto42.wordpress.com/2011/05/25/goethe-faust-i-entstehung-geschichte-des-textes/

https://norberto42.wordpress.com/2015/11/13/klausur-zu-faust-i-v-1530-1785/ (Klausur zu V. 1530 ff.)

Goethe: Die Wahlverwandtschaften – Analyse

Vor ein paar Tagen habe ich den Roman „Die Wahlverwandtschaften“, den ich seit vielleicht 20 Jahren kenne, zum dritten Mal gelesen, angeregt durch meine Beschäftigung mit Goethes Gedichten. Ich habe dann in einigen kleinen Vorarbeiten (siehe den vorigen Aufsatz!) einen Rahmen des Verständnisses gezimmert. In diesem Rahmen möchte ich nun meine Beobachtungen, die ich bei der vierten Lektüre mache, notieren; ob ich sie später vertiefe, weiß ich noch nicht – angesichts der ungeheuren Gelehrtheit der Goethe-Philologie sollte man bei einer Interpretation bescheiden bleiben.
Ich lese den Roman in jeweils sechs Kapiteln, aus praktischen Gründen, jedoch in der Annahme, dass dieses Vorgehen dem Verständnis nicht schadet. Ich halte mich an die Hamburger Ausgabe (Bd. 6), zitiere sie mit Seite/Zeile, zitiere die beiden Teile mit I und II und die Kapitel mit nachfolgenden arabischen Ziffern. Den Roman (Titel) nenne ich abkürzend Wv. – „Vorausdeutungen“ (etwa die Einbeziehung des Kirchhofs in den Park, Eduards Scheu vor dem Gang über diesen, die Ausstattung der Apotheke mit Mitteln für die Rettung Ertrunkener…) berücksichtige ich hier nicht.

I 1 Hier wird der Ausgangszustand beschrieben: Eduard und Charlotte arbeiten im April in ihrem Gartenpark; sie sind seit kurzem verheiratet (254/34). Ihr Lebenskonzept ist es, dass sie nur für „uns selbst leben“ (246/30), was Eduard ausdrücklich gewünscht hat (246/21 ff.); dieses Konzept ist Folge ihrer Lebensgeschichte (246/5 ff.): Nach ihrer Trennung durch jeweils eine Ehe sind sie frei geworden und haben sich wieder gefunden.
Die Handlung setzt ein, als Eduard seinen Freund, den Hauptmann, in ihr Haus holen will (243/16 ff; 243/37 ff.), wogegen Charlotte sich sperrt; denn das widerspräche ihrem Lebenskonzept (s.o.). Die Dazwischenkunft eines Dritten (eines Hindernden, Fremden 247/10) sei immer bedeutend und habe oft schon Verhältnisse verändert, eine Lage „völlig umgekehrt“ (248/12 ff.).
Dieses Thema, dass bei Ihnen Platz für ein Drittes oder Viertes wäre, ist von Eduard in der Laubhütte angeschnitten worden (243/15 bzw.20 ff. und 259/8-13).
Es zeigt sich ein bedeutsamer Widerspruch, dass Eduard für sie beide Bewusstsein reklamiert, weshalb das hinzukommende Dritte nicht schaden könne (228/19 ff.), dass er aber das Los (und nicht die Argumente) über die Aufnahme des Hauptmanns entscheiden lassen will (248/28 ff.).

I 2 Charakterisierung Eduards durch seine Lebensgeschichte (249/19 ff.); Charlottes Weigerung ist der erste Widerspruch, den er erlebt (249/33).
Sie treibt durch ihren Wunsch, Ottilie zu sich zu holen (250/33 ff.), ebenfalls die Handlung voran. Sie zeichnet ihre Tochter Luciane als Gegenspielerin Ottilies (251/1 ff.). In Ottilie sieht sie eine „Gefahr“ für den Hauptmann (252/32 ff.) als Mann in den besten Jahren (252/35 ff.; vgl. 242/5 f.; 246/19), während sie vor ihrer erneuten Annäherung an Eduard diesen als Bräutigam Ottilies ins Auge gefasst hatte (253/10 ff.).
Mittler kommt; seine Lebensgeschichte wird erzählt (255/3 ff.). Er weigert sich, ihnen einen Rat zu geben; „wer was Bessers will, als er hat, der ist ganz starblind“ (256/2 f.), sagt er. Er dient Charlotte als Beweis, dass ein Dritter zwischen zwei nah Verbundenen nichts fruchtet (246/13 ff.).
Eduard hatte vorgeschlagen, mit dem neuen Leben zu viert den Versuch zu machen (252/30 f.); Charlotte sieht das Wagnis, willigt aber darin ein: „Laß uns den Versuch machen!“ (256/36 f.). – Das steht im Gegensatz zu der umsichtigen Planung, mit der bald darauf die Umgestaltung des Gartenparks unternommen wird (260/38 ff., vgl. I 6 – gegenüber Charlottes Probieren, 261/25 ff.).
Im Musizieren macht Charlotte trotz Eduards Beschränktheit ein Harmonieren in etwa möglich (257/24 ff.).

I 3 Die Handlung schreitet voran: Der Hauptmann kommt am Otto-Tag (30. Juni) an. Die kartografische Aufnahme des Gutes ermöglicht neues Planen (260/38 ff.). Eduard lebt im Beisein des Freundes auf; Charlotte fühlt sich kritisiert und einsamer (262/33 ff.).
In zwei Briefen (263/24 ff.) wird Ottilie charakterisiert: ein Mensch, der hinter anderen zurücktritt; der nur mäßig Essen und Trinken genießt; der Kopfweh hat; der langsam voranschreitet, aber wie eine künftige Lehrerin lernt. – Charlotte billigt des Gehülfen Neigung zu Ottilie (265/37 ff.).

I 4 Der Hauptmann, „dieser tätige Mann“ (266/15), bringt Ordnung in viele Angelegenheiten des Hauses; Charlotte wird dadurch zufrieden mit seiner Gegenwart (268/27 ff.).
Beim Vorlesen Eduards kommt es zu einer Störung (Charlotte hat ins Buch geschaut, sie war durch das Wort „Verwandtschaft“ abgelenkt, 269/23 ff.). Hier ist das Thema des Romans explizit genannt, der Hauptmann erklärt die chemischen Verwandtschaften (271/17 ff.). Sie bewirken, dass Elemente zueinander finden; aber sie bewirken auch Scheidungen (273/30 f.). Mehrfach wird das Sprechen über sie als Gleichnisrede qualifiziert (270/14; 275/6;276/26); von Charlotte werden die chemischen Vorgänge mehrfach auf die Menschen übertragen (270/8 ff., 272/19 ff.; 273/13 ff.), dann von Eduard auf die Gruppe selbst (274/39 ff.; vgl. 281/7 ff.). Charlotte möchte wegen Wahl und Wahlverwandtschaft die Menschen über die Elemente stellen (275/4 ff.). In dem Zusammenhang bringt Charlotte erneut das hinzukommende Dritte (275/15), Eduard ein Viertes (275/18) ins Spiel.
Die Wahlverwandtschaft wird in der Zeichensprache (A – C) auf die Gruppe übertragen (276/15 ff.), Ottilie soll als D hinzukommen (276/32ff.). Charlotte meint, „dass diese Natur- und Wahlverwandtschaften unter uns eine vertrauliche Mitteilung beschleunigen“ (276/39 f.), und sie stimmt zu, dass Ottilie kommen soll.

I 5 Charakterisierung Ottilies und Lucianes in zwei Briefen (S. 277ff.); man bittet Charlotte darum, Ottilie vorübergehend aufzunehmen (280/7 f.).

I 6 Fortgang der Handlung: Ottilie kommt an, fügt sich in die Ordnung des Hauses ein, ist den Männern „ein wahrer Augentrost“, sagt der Erzähler (283/14 f.). Beide Männer werden durch ihre Gegenwart milder (283/22 ff.), Charlotte findet in ihr eine liebe Gesellschafterin und erhofft sich eine zuverlässige Freundin (282/25ff.).
Die Männer unternehmen täglich Neues (285/7) und planen, einen Englischen Garten anzulegen (287/21 und 287/35 ff., schon ab S. 285).
Auch Charlotte und der Hauptmann wirken gut zusammen, lernen einander kennen und sich voller Wohlwollen begegnen (288/37 ff.); dazu gibt es einen Kommentar des Erzählers (289/3 ff.). Charlottes Wohlwollen zeigt sich darin, dass sie es hinnimmt, dass durch seine Planung ein von ihr eingerichteter schöner Ruheplatz zerstört wird (289/8 ff.).
Hier wird indirekt ein Stichwort berührt, „etwas aufopfern“ oder „sich aufopfern“, welches schon mehrfach behandelt worden ist: 244/34 ff.; 252/16 ff.; 261/27 ff.; 2186/6 ff. (ähnlich 251/32 ff.). – Ich begnüge mich damit, auf die Bedeutung des Stichwortes hinzuweisen, ohne sie zu explizieren.

In I 7–12 beschleunigt sich die Annäherung der neuen Paare. Einen ersten Höhepunkt erreicht diese Handlung im „Ehebruch“ der Eheleute (I 11), einen zweiten im wechselseitigen Liebesgeständnis der neuen Paare (I 12).
Dabei ist die Annäherung Eduards an Ottilie heftiger und unkontrollierter; wie deren Zuneigung sich zeigt, wird direkt erzählt: die Episode an der Mühle (I 7), die Annäherung im Vorlesen Eduards und im gemeinsamen Musizieren (I 8), die Angleichung Ottilies an Eduard in der Handschrift (I 12) und die Veränderung der Welt Eduards nach dem ersten Kuss (324/5 ff.). – Das Paar Graf-Baronesse wirkt wie ein Katalysator der Prozesse der Wahlverwandtschaft.
Die Zuneigung Charlottes zum Hauptmann wird vom Erzähler nur erwähnt (298/1 ff.); zum gemeinsamen Musizieren müssen sie aufgefordert werden (298/25); ihre Liebesbegegnung wird nachträglich, in der Art einer Erinnerung Charlottes (324/30 ff.), erzählt; nach dem Kuss fangen sich beide, und Charlotte erneuert ihren Treueschwur gegen ihren Mann, als sie wieder allein ist (I 12).

I 7 Hier wird erzählt, dass Eduard seit langem für Ottilie „eine stille, freundliche Neigung in seinem Herzen“ hatte (289/18), dass sie sich „wie ein freundlicher Schutzgeist“ (289/31) um ihn kümmerte und ihn bereits früh verehrt hatte (290/1). Auf dem Gang zur Mühle erscheint sie ihm wie ein himmlisches Wesen (291/36); doch traut er sich nicht, sie zu umarmen (S. 292). Als sie auf seinen Wunsch das Bild des Vaters von ihrer Brust entfernt und ihm gibt, ist ihm, „als wenn sich eine Scheidewand zwischen ihm und Ottilie niedergelegt hätte“ (293/5 f.).
Es zeigt sich jedoch, dass sich die neuen Verhältnisse störend auswirken: Die Zusammenarbeit der Männer stockt; die Zeit wird ihnen gleichgültig (290/23 ff.); man macht weite Spaziergänge. – Als man die Errichtung eines bereits vorgesehenen (288/15 f.) neuen Hauses plant und kalkuliert (294/3 ff.) und sodann billigt (294/31 f.), wird der Plan wegen eines von Eduard unterstützten Vorschlags Ottilies alsbald umgestoßen (294/39 ff.) – für Eduard ein Triumph.

I 8 Die Männer beginnen neu zu planen, die neuen Paare nähern sich einander an (s. o.) – es scheint alles weiterzugehen wie früher, obwohl der Erzähler in einem Kommentar bereits gezeigt hat (290/32 ff.), wie die Leidenschaft verborgen wirkt, ehe sie offen ausbricht.

I 9 Der Grundstein des neuen Hauses wird an Charlottes Geburtstag gelegt, das wird auch mit Reden gefeiert (mit Anspielungen auf die Ehe). Es kündigt sich Neues an, als einmal die Ankunft des Grafen und der Baronesse (eines illegitimen Liebespaares) vermeldet wird (304/19 ff.), als zweitens Mittler sogleich nach seiner Ankunft wieder abreist, als er davon hört: Dieses Paar bringe nur Unheil, es wirke wie ansteckender Sauerteig (306/25ff.).
In einer Rede verteidigt er die Ehe (306/28 ff.) – ein Gegenstück zu dem, was der Graf in I 10 äußern wird.

I 10 Das neue Paar strahlt etwas von sich aus. Der Graf lässt sich breit über die Nachteile der Ehe aus und verteidigt eine Ehe auf Zeit, was Charlotte wegen Ottilies Anwesenheit beunruhigt; er spielt des öfteren (positiv) auf Eduard und Charlotte als Paar an.
Die Baronesse bemerkt Eduards Leidenschaft für Ottilie (314/30ff.) und will ihn von ihr trennen; der Graf möchte den Hauptmann auf eine diesem angemessene Stelle befördern (und würde ihn so von Charlotte trennen, wovon diese betroffen ist, 313/36 ff.).

I 11 Um Mitternacht führt Eduard den Grafen heimlich zum Zimmer der Baronesse; dadurch kommt Eduard in die Nähe von Charlottes Zimmer. In Sehnsucht nach Ottilie klopft er an (319/37 ff.). Ihre Begegnung (ab 320/28 ff.) ist von den wechselseitigen Sehnsüchten nach dem fremden Partner erfüllt, „und so verwebten, wundersam genug, sich Abwesendes und Gegenwärtiges reizend und wonnevoll durcheinander“ (321/27 ff.) – und auch wenn sie beieinander sind, nimmt ihr Herz keinen Anteil an ihren freien Scherzen (321/32 f.).
Bedeutsam ist noch die Charakterisierung Charlottes als Ehefrau (321/4 ff.) und Eduards Schuldgefühl am anderen Morgen nach dem „Ehebruch“ (321/35 f.).

I 12 Nach der verlogenen Annäherung im Bett Charlottes begegnen die Eheleute den anderen am nächsten Morgen „gleichsam beschämt und reuig“ (322/9 f.). Der Erzähler kommentiert: „Denn so ist die Liebe beschaffen, daß sie allein recht zu haben glaubt und alle anderen Rechte vor ihr verschwinden.“ (322/11 f.)
Jetzt werden die neuen Liebeskonstellationen offenbar – das ist in der Übersicht zu I 7-12 bereits dargestellt worden. Eduard ist der vorwärts stürmende Partner, der sich von den anderen am Teich trennt, um zu Ottilie zu gelangen (323/14 ff.); Charlotte stellt sich, als sie allein ist, ihrer Verantwortung – „immer gewohnt, sich ihrer selbst bewußt zu sein, sich selbst zu gebieten“ (326/27 ff.). Sie entsagt dem Hauptmann.
Eine Andeutung weist rätselhaft in die Zukunft: dass „eine seltsame Ahnung, ein freudig bängliches Erzittern“ Charlotte ergreift, als sie ihr Tun verarbeitet (326/33 f.). „Sie fühlte sich innerlich wiederhergestellt.“ (326/37).

In I 13-18 spitzt sich die Krise der Ehe Charlottes und Eduards zu: Charlotte entsagt völlig und rein dem Hauptmann (340/15-24), während Eduard immer stärker Ottilie bzw. der Liebe zu ihr verfällt.
Ein junger Architekt kommt hinzu (332/15 ff.) und ersetzt später den Hauptmann als gestaltende Kraft. An Ottilies Geburtstag wird das Richtfest des neuen Hauses gefeiert, wobei Eduard sich mit dem Feiern und Ehren hervortut. Der Hauptmann geht weg (340/15); Eduard setzt es mit einer Drohung durch, dass Ottilie im Schloss bleibt, während er sich entfernt (I 16). So ist der Versuch gescheitert, in den alten Zustand der Zweisamkeit zurückzukehren, wie Charlotte es wünscht (340/32 ff.; vgl. 329/14 ff. und 351/6 ff.) und in einem offenen Gespräch veranlassen will (340/25ff.). Rein äußerlich geht das Leben auf dem Schloss seinen gewohnten Gang, aber die Differenzen sind bloß übertüncht (351/6 ff.).
Der Erzähler beachtet Ottilie nur am Rande, macht aber doch sehr deutlich, dass sie sich verändert hat: Sie ist argwöhnisch geworden (348/10 f.), sieht in allem nur Eduard (S. 348 f.; 350/7 ff.), findet in Nanny eine neue Begleiterin (349/35 ff.), geht viel ins Freie (gegen 296/17ff.) und träumt sich in die Ferne (351/22 ff.). Am Ende wird ein Blick in ihr Tagebuch und damit ihr Inneres angekündigt – damit wird Teil II beginnen.
Mit der Schwangerschaft Charlottes und der Entscheidung Eduards, in den Krieg zu ziehen (I 18), wird eine kommende Entscheidung vorbereitet – jetzt weicht Eduard ihr noch aus. – Es hat inzwischen der Sommer des nächsten Jahres begonnen (350/8 f.).
Mir sind mehrere Stichworte aufgefallen: die Zeichen, die Aufopferung (341/20-24; 344/24 ff. als Taktik Eduards), die Rückkehr in einen alten Zustand; die Zeichnung der Männer zielt darauf, den Hauptmann als einen Rettenden (nach dem Unglück 336/34 ff., wo sich auch seine Vorsorge von 268/2 ff. auszahlt) zu sehen, während Eduard in seinem Liebeswahn (Feuerwerk für Ottilie) dieses Unglück herbeigeführt hat und von ihm nicht betroffen ist (338/8 ff.).
Wichtig erscheint mir, dass Charlottes sympathische Vernünftigkeit bei den Verwirrungen des Herzens nichts ausrichten kann (340/25 f.; der Erzähler spricht sogar von einem „Wahn“, 329/15). Auch Mittler scheitert.
Ich möchte noch die „Zeichen“ näher beleuchten. Als Eduard sowohl seinen heimlichen Liebesbrief an Ottilie wie deren Antwort kurz verloren (und dann zurückerhalten) hat, kommentiert der Erzähler: „Er war gewarnt, doppelt gewarnt; aber diese sonderbaren, zufälligen Zeichen, durch die ein höheres Wesen mit uns zu sprechen scheint, waren seiner Leidenschaft unverständlich (…).“ (331/4 ff.)
Charlotte hat gesehen, wie der Hauptmann die Gefährdeten gerettet hat und selber gerettet wurde. „Diese wunderbaren Ereignisse schienen ihr eine bedeutende Zukunft, aber keine unglückliche zu weissagen.“ (339/29-31) Die Entwicklung gibt ihr jedoch nicht Recht.
Sie irrt sich erneut, als sie in der nächtlich-abenteuerlichen Begegnung mit Eduard, bei der sie schwanger geworden ist, ein Zeichen des Himmels sieht: „Laß uns in dieser seltsamen Zufälligkeit eine Fügung des Himmels verehren, die für ein neues Band unserer Verhältnisse gesorgt hat in dem Augenblick, da das Glück unseres Lebens auseinanderzufallen und zu verschwinden droht.“ (358/38 ff. – vgl. dagegen I 11 und den Anfang von I 12!) Das Kind Otto wird kein neues Band der Ehe werden (auch Mittler irrt sich hier, 357/36 ff.).
Auch Eduard irrt sich, als er die auf dem bei der Grundsteinlegung geretteten Glas sichtbaren Buchstaben E und O die Initialen von Eduard und Ottilie erkennt und nun täglich daraus trinkt, „um mich täglich zu überzeugen, daß alle Verhältnisse unzerstörlich sind, die das Schicksal beschlossen hat“ (356/37-39). Der Erzähler weist darauf hin, dass dieses Glas ohne Wunder gerettet worden war (303/2, vgl. noch 303/11f.) und dass die Initialen die des jugendlichen Eduard sind (303/14ff.), der ja eigentlich auch Otto hieß (258/37 ff.).

In II 1-6 scheint die Handlung, der Prozess der „Wahlverwandtschaft“ stillzustehen: Eduard wird nur kurz als im Krieg gefährdet erwähnt. So kann im Bereich des Wirkens der junge Architekt sich entfalten, während das Interesse des Erzählers (vgl. Ende von I 18!) eigentlich Ottilie gilt: Sie erscheint in ihrer Wirkung auf den Architekten in einem neuen Licht, als sie selbst (statt als Rivalin Charlottes); dem Zweck, Ottilie ins rechte Licht zu rücken, dient auch das Auftreten Lucianes, die als Kontrastfigur zu Ottilie gebraucht wird.
Das Thema „Tod“ tritt deutlich in den Vordergrund, aber auch das Thema des Bildes von Menschen, Lebenden wie Toten. In II 1 wird von dem Streit berichtet, den die Verlegung der Grabsteine durch Charlotte ausgelöst hat und in dem es zu einer Diskussion des Sinnes von Gräbern kommt.
Der Architekt soll die Kirche renovieren; dabei wird eine Seitenkapelle entdeckt (366/21 ff.), die er ebenfalls herstellen soll und selber auszumalen gedenkt. – Unter den Schätzen seiner Sammlungen befinden sich eine Reihe von ihm gezeichneter Figuren: „Aus allen Gestalten blickte nur das reinste Dasein hervor (…) Heitere Sammlung, willige Anerkennung eines Ehrwürdigen über uns, stille Hingebung in Liebe und Erwartung war auf allen Gesichtern, in allen Gebärden ausgedrückt.“ (367/28 ff.) Das Leben selbst erscheint in den Bildern als eine Art Gottesdienst. – Darauf folgt ein wichtiger Kommentar, dass den meisten solche Figuren wie das Bild eines verschwundenen goldenen Zeitalters erscheinen: „Nur vielleicht Ottilie war in dem Fall, sich unter ihresgleichen fühlen zu können.“ – Es folgt dann der erste Einblick in Ottilies Tagebuch (S. 369 f.), das ihre Neigung und Anhänglichkeit zeige (368/28 f.), in dem es um die Gemeinschaft mit den Toten, um das Bild der Menschen, um das Bild vom Leben nach dem Tod (im Grabstein) und das Verlöschen endlich auch dieser Bilder geht. Der erste Satz weist, hier noch nicht kenntlich, auf das Ende des Romans voraus: „Neben denen dereinst zu ruhen, die man liebt, ist die angenehmste Vorstellung, welche der Mensch haben kann, wenn er einmal über das Leben hinausdenkt.“ (369/2-4)
In II 3 wird erzählt, wie der Architekt mit Ottilie die Bilder in der Kapelle malt und wie die Gesichter der himmlischen Figuren immer stärker das Gesicht Ottilies bekommen (372/14 ff.), „als wenn Ottilie selbst aus den himmlischen Räumen heruntersähe“ (372/24 f.) Ottilie betrachtet dann das fertige Werk allein und bekommt dabei Gefühle des Seins und Nichtseins, des Verschwindens überhaupt. Diese Empfindungen hat sie am Tag vor Eduards Geburtstag, im Herbst (Astern 374/16); wenn diese so geschmückte Kapelle einmal zu etwas genutzt werden sollte, so erschien sie ihr „nur zu einer gemeinsamen Grabstätte geeignet“ (374/21) – der zweite Vorgriff auf das Ende (S. 490 – auch das Datum stimmt!). In ihrem Tagebuch sieht sie sich im Sinn antiker Vorstellungen wie eine Tote, welche die neu ankommenden Toten begrüßt (375/20 ff.).
In II 4 wird berichtet, wie Luciane mit ihrem Hofstaat ankommt und alle für sich einnimmt, wenn sie auch manche abstößt – den Architekten kann sie aber nicht für sich gewinnen. In II 5 wird ausdrücklich ihr schlechtes Verhältnis zu Ottilie dargestellt („Bitternis“, 388/10 ff.). Bedeutsam an ihren vielfältigen Unternehmungen ist die vom Grafen angeregt Unternehmung, bekannte Gemälde nachzustellen, wobei Luciane glänzen kann; weitere Aktionen sollen hier nicht beachtet werden, sie reist mit ihrem Anhang zu fröhlichem Winter-Treiben weiter.
Die Standbilder alter Gemälde mit Luciane in der Hauptrolle sind das Gegenstück der vom Architekten vor Weihnachten angeregten Krippendarstellung, bei der Ottilie als Madonna einen überwältigenden Eindruck (auf den Architekten) macht – die Zeit scheint stillzustehen, während Charlotte an ihr Kind denkt, das bald geboren werden soll (403/20 ff.; 404/11ff.). In der Rolle der Madonna bedenkt Ottilie ihr Leben – und kehrt in die Normalität zurück, als der Gehülfe hinzukommt: Mit dem Auftauchen der neuen Figur kann dann wieder Bewegung in die Handlung kommen.
Fazit: Ottilie wird dem Bereich der Figuren reinen Seins, der Heiligen, der Madonna zugeordnet – mit Bezug auf den Tod, mit Bezug auch auf Eduard.

In II 7-12 zeigen sich Alternativen: Ottilie geht in die Pension zurück und wird später als Frau des Gehülfen die Pension mit ihm leiten (II 7) – Ottilie wird Eduards Frau, wofür Charlotte den Major bekommt (II 12): Die Entscheidung wird vertagt.
Die Ereignisse zeigen, dass nichts unverändert bleibt: Otto wird geboren (II 8); das neue Haus wird fertiggestellt und bezogen (II 10); Eduard und der Major kehren zurück (II 12), was eine endgültige Entscheidung nötig macht.
Gegenüber II 1-6 wird das Bild Ottilies korrigiert oder ergänzt: Hatte sie zuvor die Züge der Madonna, einer himmlischen Figur bekommen, so wird jetzt ihre Erdnähe hervorgehoben:
– Dem Kind Otto wird sie eine andere Mutter (445/29 ff.); sie hat dieSorge für ihn übernommen (425/6 ff.), sie macht mit ihm weite Spaziergänge und gibt dafür Nanny auf (II 11).
– Da es wieder Frühjahr geworden ist (423/13 ff.), erlebt Ottilie ihr einjähriges Dasein auf dem Schloss [ein Versehen Goethes – sie war nach dem Hauptmann gekommen, der seit dem Otto-Tag da war, also seit dem 30. Juni!] als Bindung an den Garten Eduards und den Kreislauf der Natur, erlebt damit, wie Gewinn und Verlust miteinander verbunden sind (424/29-39), was sie in ihrem Tagebuch so ausdrückt: „So wiederholt sich denn abermals das Jahresmärchen von vorn.“ (426/12 f., vgl. insgesamt S. 426 f. und den Vorgriff auf den Herbst in 425/34 ff.].
– Der Begleiter des Engländers hat entdeckt, dass Ottilie auf die Strahlung der Natur reagiert (Kopfschmerz am Kohlenlager, S. 443; Pendelversuch, S. 444 f.).
Die Frage nach der Möglichkeit, in einen vorigen Zustand zurückzukehren, wird zweimal diskutiert: einmal von Charlotte mit dem Gehülfen im Zusammenhang mit der Beobachtung, dass sich alles verändert (418/24ff.); einmal von Eduard im Zusammenhang mit der Einsicht, dass wir nicht mehr die Herren der von uns ausgelösten Ereignisse sind (451/13ff.).
Die vom Begleiter des Engländers erzählte Novelle (S. 434 ff.) scheint die Möglichkeit nahezulegen, dass sich eine ursprüngliche Liebe über alle Hindernisse hinweg durchsetzt – was man hier wohl auf Ottilie und Eduard beziehen müsste, auch wenn die Geschichte angeblich dem Hauptmann so ähnlich passiert ist (442/15ff.). Anderseits ist der Engländer selbst mit seinem Lebensentwurf, ein Reisender zu sein (432/23 ff.), ein Widerspruch bzw. ein Gegenmodell gegen eine dauerhafte Lösung. Auch die vom Engländer vorgenommene bzw. vorgeschlagene Verbesserung des Englischen Gartens zeigt einmal die Freiheit des Veränderns, anderseits die Notwendigkeit langfristiger Vorsorge (429/18 ff.).
Ottilies intensive Bindung an Eduard, welche ihr sogar nächtliche Erscheinungen beschert (422/26 ff.), hindert sie nicht, einen Toten zu beneiden (422/22 ff.) und selbst zurücktreten zu wollen, damit Eduard wieder mit Charlotte vereint sein kann (433/18 ff.).
So ist die am Ende von II 12 beschriebene Situation erreicht: Was geschehen wird, ist unklar, muss (bedacht und vor allem) entschieden werden – aber da nun das Wunderkind (445/22) Otto da ist, ist deutlich, dass wir nicht die von uns selbst ausgelösten Ereignisse beherrschen, sondern die Folgen meistern müssen (451/1 ff.).

In II 13-18 kommt der durch „Wahlverwandtschaft“ ausgelöste verworrene Prozess an sein Ende: Die Lösung der Probleme heißt „Herbst“, die Auflösung am Ende stellt auch Erlösung dar.
Diese Wendung wird nicht durch das Planen (Eduards oder Charlottes) erreicht, sondern durch ein Ereignis und die Besinnung der beiden Frauen. Die beiden Reden (Charlotte: 460/10 ff.; Ottilie: 462/8 ff.) erklären den Fortgang des Geschehens, dazu kommt schließlich der Brief der verstummten Ottilie (476/32 ff.). Es geht um Schicksal und Schuld, die in Entsagung gebüßt wird – damit erfolgt die zu Beginn mehrfach bedachte Aufopferung.
Auch die in II 3 begonnene Erhebung Ottilies in den Stand einer „Heiligen“ wird fortgesetzt und schließlich vollendet: Bei ihrem Rettungsversuch gleicht sie der Madonna (457/14 ff.), dem Gehülfen möchte sie wie eine geweihte Person erscheinen (467/35 ff.), in Nannys Vision (486/7 ff.) wirkt sie „überirdisch“, dem Architekten schwebt sie als in einer höheren Region lebend vor (488/12 f.); die tote Ottilie schließlich ist in einem mehr schlaf- als todesähnlichen Zustand (488/29 f., es werden sogar Wallfahrten zu ihr veranstaltet); und da Eduard „in Gedanken an die Heilige eingeschlafen war, so konnte man ihn wohl selig nennen“ (490/28-30), sagt der Erzähler.

Nach dieser Übersicht über das letzte Sechstel der Wv. – der Roman ist von Goethe wirklich in 6 Kapitel-Schritten konzipiert worden, scheint mir – möchte ich noch einige Einzelheiten ausführen, ohne damit Vollständigkeit zu beanspruchen: Der Schluss des Romans ist ein so dicht gewebter Knoten, dass man kaum alle Fäden wirklich verfolgen kann.
1. Der Tod des Kindes Otto ist in gewisser Hinsicht von dem ungestüm vorwärts drängenden Eduard verschuldet; er wurde jedoch „von unüberwindlicher Ungeduld getrieben“(454/7 f.) und ist damit „entschuldigt“. Ottilie schickt ihn weg, weil sie für das Kind zu sorgen hat, doch „die Hoffnung fuhr wie ein Stern vom Himmel“ (456/22 f.) und sie „wähnten“, sagt der Erzähler, einander zu gehören (456/24 f.). Da Ottilie verwirrt und bewegt ist (456/28 f.), versagt die sonst so vorsichtige Frau (429/1 ff.) und geübte Ruderin (443/10), das Kind fällt ins Wasser und ertrinkt (457/1 ff.; wichtig ist die Rückkehr ihrer Besonnenheit, 457/14). Der Himmel bzw. die Sterne versagen Ottilie ihre Hilfe nicht (458/1-6).
2. Der Major bedauert nicht das tote Kind: „Ein solches Opfer schien ihm nötig zu ihrem allseitigen Glück.“ (461/23 f.) Damit erweist er sich als unbelehrt. Der Erzähler dagegen erwähnt, dass Otto in der Kapelle „als das erste Opfer eines ahnungsvollen Verhängnisses“ ruht (464/9 f.).
Belehrt ist auch nicht Eduard, der immerzu vorangetrieben wird (S. 452 f. vom Erzähler deutlich herausgearbeitet) und den Tod seines Kindes bloß als Fügung sieht, „wodurch jedes Hindernis an seinem Glück auf einmal beseitigt wäre“ (461/36 f.). – Die Männer opfern das Kind, die Frauen opfern sich selbst auf.
3. Belehrt und zu sich gekommen sind allein die beiden Frauen:
* Charlotte bekennt ihre Schuld, sich gegen das Schicksal gestellt zu haben, will sich jetzt in alles fügen und verzichtet gegen ihre sonstige Art auf jedes Planen und Beraten (460/10 ff. – eine bedeutsame Rede).
* Ottilie regeneriert sich in einem „halben Totenschlaf“ (460/37 und 463/3); sie bekennt, aus ihrer Bahn geschritten zu sein, sich jedoch eine neue Bahn gezeichnet zu haben (also als neuer Mensch erwacht zu sein); sie entsagt Eduard und will ihr Vergehen büßen (462/8 ff. – ebenfalls eine bedeutsame Rede). – Der Erzähler kommentiert ihre Wandlung (464/26 ff.) und macht aus seiner Verehrung Ottilies keinen Hehl (das herrliche Kind, 462/8; das bleiche himmlische Kind, 484/7 f.).
4. Ihr Plan, in der Pension beim Gehülfen erziehend tätig zu sein (466/18 ff. bzw. 29 ff.), wird durch Eduards ungestümes Andrängen umgestoßen (473/18 ff. – aber 433/21-23 rückt dieses Ereignisses in ein anderes Licht!). Sie lehnt seine Annäherung mit bedeutsamer Geste ab (473/31 ff.; dazu 280/17 ff.) und verfällt ins Schweigen, wenn sie auch der Rückkehr zustimmt (474/22 ff.); in ihrem Brief erklärt sie ihr Tun (476/32 ff.). – Ihr Stichwort vom feindseligen Dämon (476/35 f.) wird indirekt vom Erzähler aufgegriffen und im Sinn des Goethe’schen Daimons gedeutet (478/29-39).
5. Der damit erreichte Zustand einerseits einer Ausgrenzung Ottilies aus dem Kreis, anderseits ihres reinen Zusammenseins mit Eduard (478/4-24), wird vom Erzähler als „Scheinbild des vorigen Lebens“ bewertet (479/5-7), während ich ihn „Herbst“ nennen würde (479/7 ff.): eine Harmonie ohne Bitterkeit (479/18 ff.), aber doch nicht Frühling, wenn auch im Frühling angelegt (vgl. II 9). Oder anders gesagt, Ottilie hat sich über Eduard erhoben, aber sie bleiben magisch aneinander gebunden (477/37 – 478/24).
Der Zustand Herbst, durch den Tod Ottos herbeigeführt, kündigt zwangsläufig den Winter an, der Tag vor Eduards Geburtstag wird Ottilies Todestag (481/25), wobei unklar ist, ob Mittlers moralische Reden über das sechste Gebot die hinzukommende Ottilie (482/35) umwerfen. Der Herbst muss im Sinn von II 9 gelesen werden, wo im Frühling bereits die Astern gesät werden (425/34 ff.) und wo, wie Ottilie im Tagebuch anmerkt, im Jahresmärchen Vergängliches und Dauerndes verbunden sind (S. 426 f.) – ich möchte hier an „Stirb und werde!“ erinnern, Ottilie wird mit einem Asternkranz geschmückt (485/23f.).
6. Das Datum des Todestages verdient besondere Beachtung: Am Tag vor Eduards Geburtstag jährt sich das Ereignis, dass Ottilie zum ersten Mal die ausgemalte Kapelle gesehen hat (S. 373 f.); dass sie dort die Gefühle des Seins und Nichtseins hat (374/5); dass der Ort ihr nur zu einer gemeinsamen (!) Grabstätte geeignet erscheint. Mit dieser Entsprechung der Daten bekommt der Tod und letztlich auch der Friede der Liebenden, die im Tod endgültig „vereint“ sind, eine schicksalhafte Bedeutung: Wahlverwandtschaft.
7. In dem Sinn verstehe ich auch den Schluss der Wv. Von Ironie, die manche zu sehen meinen, kann dort keine Rede sein: Ab II 3 ist Ottilie in der Gestalt der Madonna oder der Heiligen gezeichnet worden, aber einerseits so, wie der Architekt die Figuren des reinsten Daseins skizziert hatte (367/28 ff.), anderseits in der Korrektur des Ottilienbildes, wie sie vor allem in II 9 vorgenommen worden ist, als durchaus erdhaft oder erdverbunden. Jeder weiß, dass die verwandten Engelsbilder (490/36) Ottilie darstellen – der Erzähler spricht metaphorisch von der Auferstehung der Toten (490/37-39), wie man in einer nachchristlichen Zeit eben von Vergebung (486/27 ff. und 464/32 f.: sich selbst vergeben!), von geweihten Personen, von Gelübden (477/11) oder von der Rettung der Toten sprechen kann, wenn man nicht die Vokabel vom Jahresmärchen gebraucht.
Der Schluss bezeugt also die Idee der „Wahlverwandtschaft“ (oder des Schicksals), die sich über alle ethischen Schranken hinweg als Anziehung und Bindung durchsetzt (460/19 ff.), eine tiefste Einheit zweier Menschen begründet (478/4 ff.) und sogar den Tod „überdauert“ – metaphorisch gesprochen, weil sie so „elementar“ ist.
In diesen Metaphern lebt nach der Säkularisierung die Erinnerung an das Heilige fort (wie man auch deutlich in Schillers Don Carlos sieht: erlösender Tod Posas): Man kann genauso gut von Figuren des reinsten Daseins (s.o.) wie von Heiligen sprechen; Ottilie hat in ihrem Tagebuch ohne Bedenken einen heidnischen Mythos vorahnend zitiert (370/20 ff.), obwohl sie madonnenhaft auftritt. Der Leser muss durch die Bilder hindurchsehen!

Im zweiten Band seiner Goethe-Biografie (Goethe. Leben und Werk, 1985, S. 345 ff.) widmet K. O. Conrady den Wv. 15 Seiten. Er betont den experimentellen Charakter des Geschehens: Goethe spiele durch, wie sich „Wahlverwandtschaft“ auswirken kann, ohne dass er damit für oder gegen die Ehe Partei ergriffe oder das Verhalten der Figuren billigte oder kritisierte. Am Ende verweist er auf Goethes Gedicht „Das Tagebuch“ [siehe etwa http://de.wikisource.org/wiki/Das_Tagebuch_(Gedicht_von_Goethe)], das in untergründiger Verbindung zu den Wv. stehe und die Sexualität offen benenne, während es in den Wv. bei der Analyse der seelischen Regungen und Konflikte bleibe. Conrady deutet auch mögliche biografische Spiegelungen der Minchen Herzlieb und Sylvie von Ziegesar in der Figur Ottilie an, ohne doch in solchen Beziehungen das Romangeschehen verstanden wissen zu wollen. In diesem biografischen Zusammenhang stehen auch die 15 Sonette, die Goethe 1815 herausgegeben hat, und die beiden, die er zuerst unterdrückt hat, weil sie zu persönlich sind (http://www.wissen-im-netz.info/literatur/goethe/werke/gedichte/09.htm).

Kleines P.S. zum Otto-Tag (Ankunft Ottos, Rückschau Ottilies):

1. „Anfänglich wurden zwei Feste des Heiligen, der 30. Juni als Sterbetag und der 30. September als Uebertragungstag begangen. Im Mart. Rom. steht sein Name auf den 2. Juli, während im Bisthum Würzburg der 2. Oct., in Pommern der 3. Julis einer Erinnerung geweiht ist.“ (Heiligenlexikon 1858, bei zeno.org)
2. An folgenden Tagen wird der Namenstag von Otto gefeiert:
16. Januar
23. Februar
23. März
30. Juni
3. September
7. September
22. September
18. November
28. Dezember (www.wissen-info.de/namenstag/otto.php)
Fazit: Man tut wohl gut, den 30. Juni als Otto-Tag des Erzählers anzunehmen, wenn das erzählte Geschehen im April beginnt.

Es könnte mich reizen, noch die Figur des Erzählers zu untersuchen.
15. August 2009

Goethe: Die Wahlverwandtschaften – zur Interpretation

Um „Die Wahlverwandtschaften“ richtig zu verstehen, sollen einige Vorarbeiten geleistet werden. Die erste gilt der Erkundung von Park und Garten – dem Bereich, an dessen Gestaltung im erzählten Geschehen intensiv gearbeitet wird:

Landschaft
bedeutet zunächst die Gegend, dann auch die künstlerische Darstellung einer solchen Gegend (erstmals 1518) – H. Paul: Deutsches Wörterbuch, mit Bezug auf Grimm.

Kurzreferat von Rainer Gruenter: Landschaft. Bemerkungen zur Wort- und Bedeutungsgeschichte (1953, in: Landschaft und Raum in der Erzählkunst, 1975, S. 192 ff.): Das Wort bedeutet Verschiedenes. Joachim von Sandrart auf Stockau schildert als erster einen Naturraum dichterisch als Landschaft in der „Academie“ (um 1670); es klingt der aufklärerische Gedanke an, man solle die Natur zur Erleuchtung des Geistes aufsuchen. Eine Untersuchung der Wörter in anderen europäischen Sprachen ergibt, dass „Landschaft“ im 16./17. Jh. sich als Fachbegriff der Malerei im allgemeinen Sprachgebrauch festsetzt.
Dies steht im Zusammenhang mit dem „Raumdurst“ (M. J. Friedländer) des 15. Jh., der zur Entdeckung der perspektivischen Gesetze führte: Man erfasst das flächenhafte Gegenstandsbeieinander von einem Standpunkt aus als Zusammenhang; so konnte ein Konglomerat von Naturgegenständen als Landschaft gesehen werden. Stadien dieses Vorgangs nach J. Böheim:
– die bloße Aufsicht,
– der „erzählende“ Aufbau einer Szenerie,
– die Eroberung des Naturraums durch das ruhende Auge.
Wenn Dichter im 17. Jh. von Landschaft sprechen, dann zitieren sie ein Stichwort, das auf die neue Bildgattung anspielt und Bildeindrücke zitiert; die Landschaftsvokabel lebt vom Landschaftsgemälde. „Über das Wort ist auch die Sache aus der Malerei in die Dichtung eingedrungen.“ (S. 204)
Man muss diese Landschaft vom mittelalterlichen locus amoenus und dem geschlossenen Garten unterscheiden. Ebenso ist das Wandern (vagari, ambulare) durch die Wildnis oder den wilden Wald (Romantik!) etwas anderes als der Spaziergang oder das Lustwandeln im Garten und Hain (Lustort); beim Spaziergang genießt man den geschlossenen Raum in seiner Beschränktheit, während das Wandern diesen Raum sprengt. – Die erste deutsche Landschaft, in eine ideale Umgebung eingeblendet, hat Paul Schnevogel beschrieben (Iudicium Iovis, ca. 1495: als Vision eines Eremiten im Böhmerwald).

Heinke Wunderlich: Artikel „Landschaft“, in: Lexikon der Aufklärung, hrsg. von Werner Schneiders, 1995:
Die Entdeckung der Landschaft als ästhetisches Objekt steht im Zusammenhang vom der wissenschaftlichen Objektivierung der Natur im 18. Jh., auch wenn Petrarcas Brief vom 24. April 1336 als erstes Zeugnis ästhetischer Landschaftserfahrung gilt. B. H. Brockes: Das irdische Vergnügen in Gott (ab 1721), schildert einmal die Natur genau, aber der Betrachter gewinnt aus der reflektierten Erfahrung auch die Erkenntnis der Gegenwart Gottes. A. von Haller: Die Alpen (1729), beschreibt eine bekannte Landschaft, gibt ihr aber zugleich die Bedeutung einer sozialen Utopie (Aufenthaltsort unverdorbener, anspruchsloser glücklicher Bewohner).
Die Distanz zwischen Mensch und Natur verringert sich; Erfahrung, Einbildung und Vernunft vereinen sich im Erleben schöner Natur (vgl. J. G. Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, 1773/75). Christian C. L. Hirschfelds fünf Bände über die „Theorie der Gartenkunst“ (1779/85) markiert den entscheidenden Schritt: die Hinwendung zu einem wirkungsästhetisch begründeten Landschaftsbegriff. – Die Erhebung der äußeren Landschaft zum Symbol einer Seelenlandschaft findet erst nach der Aufklärung statt.

Gunter E. Grimm: Art. „Garten“, in: Lexikon der Aufklärung, 1995
Die Gartenrevolution fand in Deutschland ein halbes Jahrhundert später als in England statt: die Ablösung des französischen geometrischen Gartens durch den Englischen Landschaftsgarten, der seine Bilder und Formen aus der Landschaftsmalerei bezog. Nach 1770 wurde die Gartenkunst zur Lieblingskunst der Deutschen. Mit dem Landschaftsgarten verbanden sich Vorstellungen von Freiheit und Aufgeklärtheit, wogegen der symmetrische französische Garten als Symbol des Absolutismus und er Einengung galt (vgl. L. Hirschfeld: Theorie der Gartenkunst, 1775).
In Deutschland entstand der erste und bedeutendste neue Garten in Dessau-Wörlitz: eine gestaltete und auch genutzte Landschaft, in der sich das Schöne mit dem Nützlichen und Bildenden verband.

http://de.wikipedia.org/wiki/Englischer_Landschaftsgarten
http://www.graf-gartenbau.ch/Gartenreise/englischer_garten.htm
http://www.graf-gartenbau.ch/Gartenreise/englischer_garten.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ludwig_Sckell (Begründer des klass. Engl. Gartens in D)
http://de.wikisource.org/wiki/Der_Garten_zu_Wörlitz (Gedicht 1798)
http://www.gartenreich.net/contenido44x/gartenreich/front_content.php?idcat=37
http://de.wikipedia.org/wiki/Dessau-Wörlitzer_Gartenreich
http://de.wikipedia.org/wiki/Hinüberscher_Garten
http://www.buergerliche-privatgaerten.de/Rezensionen.html (über bürgerliche Privatgärten um 1800)
http://de.wikipedia.org/wiki/Schlossgarten_Hanau (einer der ersten auf dem Festland)

Unter „Englischer Landschaftsgarten“ und „Dessau-Wörlitz“ findet man viele Bilder.

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Die zweite Vorarbeit gilt den Implikationen des Begriffs „Wahlverwandtschaft“:

„Chemische Verwandtschaft (Affinität), die Ursache der Bildung und des Bestehens chemischer Verbindungen.“ (Meyers Konversationslexikon, 1888)

„Der (wissenschaftliche) Begriff Wahlverwandtschaften entstammt der Chemie jener Zeit. Gibt man zu einer chemischen Verbindung AB einen dritten Stoff C hinzu und besitzt dieser eine stärkere Verwandtschaft (Affinität) zu A als A zu B, so verbinden sich A und C wahlverwandtschaftlich. Zwei konkrete Beispiele:
Gibt man die starke Base Natronlauge zum Salz Ammoniumchlorid, so bildet sich Natriumchlorid unter Freisetzung der schwächeren Base Ammoniak und von Wasser: NaOH + NH4Cl ––> NaCl + NH3 + H2O.
Gibt man die starke Säure Salzsäure zum Salz Natriumacetat, so bildet sich Natriumchlorid unter Freisetzung der schwächeren Säure Essigsäure: HCl + CH3-COONa ––> NaCl + CH3-COOH.
Die chemischen Wahlverwandtschaften kannte Goethe entweder aus seinen eigenen naturwissenschaftlichen Versuchen oder aus seiner Tätigkeit als Bergbauminister in Weimar.
Eduard ist von der Idee der Wahlverwandtschaften überzeugt und glaubt, sie auf zwischenmenschliche Beziehungen übertragen zu können.“ (wiki: „Die Wahlverwandtschaften“, 10. August 2009)

„Wahlverwandtschaft“ ist damit Abwandlung dessen, was als Konzeption der Liebe etwa in Schillers „Kabale und Liebe“ vorgestellt wird:
„Romantische Liebe“ ist eine Vorstellung, ein Ideal. Sie ist nicht auf die Epoche der Romantik (etwa ab 1790) beschränkt, dort aber intensiv gepflegt worden. Sie zu beschreiben ist nicht ganz einfach – je nachdem, ob man sie psychologisch, biologisch  oder (mit Luhmann) soziologisch erklärt, ob man sie gegen andere Vorstellungen bzw. Praxis von Liebe (Mätresse des Herzogs) oder die Institution Ehe/Familie in einer bestimmten Epoche abgrenzt. Mit diesen Einschränkungen gilt etwa Folgendes:
* Liebe entspringt aus dem entfremdeten Leben.
* Sie ist eine primär seelische Beziehung.
* Die Seele erschließt sich in Träne, Blick und Gespräch.
* Liebe schließt Freundschaft und Sexualität ein.
* Sie richtet sich rein auf das Individuum.
* Sie gewinnt den einzig wahren Partner.
* Sie findet in ihm „alles“.
* Beide haben den gleichen „Wert“.
* Sie entspringt spontan-naturhaft.
* Sie überspringt alles Grenzen und Verbote.
* Liebe dauert „ewig“.

Wahlverwandtschaft und Liebe stehen gegen eine Verbindung der Menschen, die auf Vereinbarung und Vertrag beruht: gegen die Ehe. Sie proklamieren ein höheres oder älteres als das von Menschen gesetzte Recht einer Verbindung. Sie stehen damit unter der griechischen Unterscheidung: was von Natur aus gilt – was aufgrund von Absprache gilt.
Anderseits bringen sie mit „Natur“ und Naturgesetz (Wahlverwandtschaft) einen Aspekt des Schicksalhaften zur Geltung, der einmal menschliche Freiheit und Wahl negiert, der jedoch die neue Frage nach den Zeichen aufwirft, an denen man die schicksalhafte Bindung erkennen (und von Willkür unterscheiden) kann.
In der abendländischen Tradition wurde die Ehe als Sakrament verstanden, das heißt die menschliche Wahl wurde in Gottes Namen bis zum Tod gültig: „Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen.“ Aber Liebe und Treue binden nur, „bis der Tod euch scheidet“.
Mit dieser Thematik wird die Frage diskutiert, wie weit der Mensch in seinen Beziehungen ein Naturwesen ist oder als Naturwesen gilt.

http://www.neonlitho.ch/wphchall/chemie_alles/3_teil_12-17/kapitel_16/chem_affinitaet.htm
http://www.peter-hug.ch/lexikon/chemischeverwandtschaft?q=Affinit%C3%A4t
http://www.wissenschaft-online.de/abo/lexikon/bio/1324

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Referat einiger Deutungskonzepte als Rahmen des Verstehens – die dritte Vorarbeit

1. KLL, 2. Auflage (Heide Eilert, überarbeitet von der Redaktion):
* Ausgang vom Begriff der „Wahlverwandtschaft“ für Kräfte der Anziehung und Abstoßung der Elemente, übertragen auf die Geschlechterbeziehung;
* Gegenüberstellung zweier Liebeskonzepte: leidenschaftlich, auf Naturtrieben beruhend / eheliche Bindung, durch kulturelle Normen gesichert;
* allgemeiner: Bemühen um kulturelle Ordnung der Natur (Gartenkunst, Architektur, Medizin, Erziehung) scheitert zuletzt, durch Triebkräfte zerstört.
* Die Handlung beginnt durch Aufnahme zweier neuer Personen (Hauptmann, Ottilie), was zu neuen Neigungen führt;
* durch die geplante Beförderung des Hauptmanns und Entfernung Ottilies bricht die Leidenschaft ganz aus, geistiger „Ehebruch“ in der Liebesnacht der Gatten;
* Liebesgeständnisse der Paare, Charlotte entsagt, Eduard flieht in der Krieg;
* der zweite Teil des Romans steht im Zeichen des Todes: beginnend mit der Restaurierung des Friedhofs;
* Konfrontation des sinnlosen Treibens Lucianes (und der Adelsgesellschaft) mit Ottilies Innerlichkeit;
* Geburt des Kindes, Eduards Geständnis des „Ehebruchs“, Heiratspläne Eduards, Ottilie verschuldet den Tod des Kindes, sie entsagt;
* durch Eduard bedrängt, wird ihr der Rückweg ins Leben versperrt, sie tötet sich durch Askese ab;
* Eduard stirbt ebenfalls und wird neben ihr begraben, mit leicht ironischem „versöhnlichem“ Schluss des Romans.

* Ottilie kann ihre sittliche Verpflichtung mit ihrer unaufhaltsamen Liebe zu Eduard nicht in Einklang bringen;
* Charlottes Entsagung wirkt sich genauso verhängnisvoll wie die Leidenschaft Eduards aus – Leidenschaft kann mit der Sittlichkeit nicht ausgeglichen werden;
* die Aporien ergeben sich aus dem Wirken das Dämonischen, das sich nach Goethe auch in der Französischen Revolution und im Wüten Napoleons zeigte.
* Die Gesellschaftskritik des Romans zeigt sich im sinnlosen Treiben der Adeligen (Luciane) und im ziel-lose Arbeiten Eduards (im Vergleich mit dem Arbeiten des Hauptmanns und Ottilies); der Ex-Pfarrer Mittler leistet auch nichts Vernünftiges und bringt nur Tod.
* Der Roman schildert eine im Übergang begriffene Zeit, hält ein untergehendes Zeitalter im Bild fest.

2. Irmgard Wagner: Goethe. Zugänge zu seinem Werk (1999), S. 135 ff.:
Seit W. Benjamins Aufsatz von 1922 sind viele Aspekte in den Blick gekommen:
– der Sozialroman vom Untergang des Feudalismus,
– der psychologische Roman von der Komplexität des Individuums und den Masken des Begehrens,
– Kulturkritik: von der Problematik der Ehe,
– der Ideenroman von der Spannung zwischen Natur und Willensfreiheit sowie von Schicksal und Selbstbestimmung.
Wesentlich gegenüber den frühen Werken Goethes ist es, dass das Einssein von Mensch und Natur verschwunden ist. Durch die Arbeit an der „Farbenlehre“ (1790 – 1810) ist Goethe näher an die Naturwissenschaft herangekommen; in Wv („Die Wahlverwandtschaften“) zeigt sich, dass die Natur nicht im Wissen zu fassen ist. Die Figuren interpretieren Phänomene, Ereignisse, die Landschaft als Zeichen und Korrelationen – und was sie aufgrund dessen tun, führt zum Tod. Der Begriff natürlicher „Wahlverwandtschaft“ wird im menschlichen Leben durchgespielt, aber dort findet er keine glückliche Resonanz. – Repräsentantin dieser fremden Natur ist Ottilie.
Wunderbar und rätselhafte Ereignisse stehen neben den Versuchen, die Natur kultivierend zu verbessern, zu formen; sie stehen vor dem Hintergrund des Kultes der Toten und dem Nachleben religiöser Kunst und Bildlichkeit: „Der Roman ist ein pessimistisches Märchen“, ein Roman des magischen Realismus.
Charlotte verkörpert das Aufklärungsideal vernünftiger Partnerschaft, die von den anderen die gleiche Vernünftigkeit erwartet – aber sie erreicht keines ihrer Ziele. Der Hauptmann ist der homo faber, der aber in seiner Karriere gehemmt wird und auch die Braut verliert – er wird am Ende vergessen. Eduard verkörpert die willkürliche Freiheit, ist aber getrieben; durch Ottilies Tod wird er aus seiner Bahn geworfen und bleibt doch unwiderstehlich von ihr angezogen. Ottilie, die Vertreterin des Andersartigen, bringt durch ihre Gegenwart vielfältige Wirkungen hervor und erweckt Bedürfnisse nach Deutung ihrer verblüffenden Nähe zu Eduard; im Ehebruch Eduards erlangt sie die größte Macht über ihn. Durch die Trennung von ihm verwandelt sie sich in ihr Gegenteil (ins Freie gehen, träumen).
Otto, das Wunderkind mit den vier Eltern, übt mächtig-magischen Einfluss aus; es bindet alle, die aus der Situation zu fliehen suchen, und erweist „Tod“ als seine Bedeutung; von ihm geht die Todeskraft auf Ottilie über – „ihre Selbstmorddrohung macht dem Tod zum einzigen Ausweg aus dem magischen Quadrat“. Nach ihrem todesähnlichen Schlaf auf Charlottes Schoß enthüllt sie ihr Wesen als Trägerin lebensbestimmender dämonischer Macht. Das Wunder von Nannys Heilung bleibt zweideutig, im Schluss des Romans wird ein Gleichgewicht zwischen den zwei Seiten der Natur hergestellt – der Glaube, der zum Leben führt, gehört zu den natürlichen menschlichen Fähigkeiten.

3. Julian Kücklich: Konzepte der Dreiwertigkeit in Goethes Wahlverwandtschaften (Materialien, Institut von Nina Ort, LMU München)
Kücklich stellt folgende Leitfragen:
Personenkonstellation: Im Mittelpunkt des Romans stehen die Beziehungen der Personen Eduard, Charlotte, Otto (Hauptmann) und Ottilie. Inwiefern ist die Identität dieser Personen relational konzipiert? Stellt dies einen Bruch mit traditionellen Konzepten der Identität dar? Die Beziehungen der Personen untereinander sind grundsätzlich un-eindeutig. Fungiert die Ehe in diesem Zusammenhang als Paradigma eines überkommenen Welt- und Selbstbildes?
Handlung: Die Analogie zwischen dem naturwissenschaftlichen Konzept der „Wahlverwandtschaften“ und der Personenkonstellation legt nahe, dass mit den Personen im Roman verschiedene Experimente durchgeführt werden. Dabei zeigt sich jedoch, dass die Wiederholung einer Operation nicht notwendig zum selben Ergebnis führt. Auch die Negation einer Operation führt nicht unbedingt zurück zur Ausgangssituation. Lässt sich mit den Romanfiguren „rechnen“? Welche Konsequenz hat dies für den „Satz der Identität“?
Wahrnehmung: Medial vermittelte Wahrnehmung spielt eine wichtige Rolle innerhalb des Romans. Dabei fungieren jedoch nicht nur Briefe, Ferngläser, Landkarten etc. als Medien, sondern auch Personen (Mittler!), insbesondere was die Selbstbeobachtung der Personen angeht. Inwiefern wird der Beobachterstandpunkt explizit problematisiert? Welchen Stellenwert hat das Problem der Beobachtung von Beziehungen, an denen der Beobachter selbst Anteil hat? Welche Konsequenzen hat dies für die Selbst- und Fremdbeobachtung?
Zeichen: Die Interpretation von Zeichen wird im Roman immer wieder thematisiert, insbesondere die Möglichkeit der Fehlinterpretation. Ließe sich der gesamte Roman als Prozess der Semiose lesen, vorausgesetzt man legt ein dreiwertiges Zeichenmodell zu Grunde? Inwiefern spielt der Roman mit den nicht realisierten Anschlussmöglichkeiten? (http://www.lrz-muenchen.de/~nina.ort/goetheguenther.html)
Im Anschluss an die Leitfragen stellt Kücklich Schlüsselstellen des ersten Teils des Romans zusammen, man kann sie nachlesen.

Maximilian Rankls Ausführungen zu „Die Wahlverwandtschaften“ gehen nicht über das bisher Referierte hinaus. (http://wave.prohosting.com/kostinek/autoren_xlibris/Goewahl1.htm)

Goethe: Dauer im Wechsel – Analyse

Der Aufbau des Gedichtes ist vor allem am Wechsel der Sprechweisen und der Gegenstände der Betrachtung festzumachen. Ein Ich-Sprecher tut eigene Erfahrungen kund und gibt zum Schluss sich selbst („du“) einen Rat, wie er mit der als belastend empfundenen Erfahrung des dauernden universalen Wechsels fertig werden kann, indem er das Unvergängliche im Inneren findet.
Die vier ersten Strophen dienen dem Ich dazu, eigene Erfahrungen schnellen Vergehens, dauernder Veränderungen vorzustellen; diese betreffen teilweise die Natur (1. und 2. Str.), teilweise das Ich in seiner Körperlichkeit (3. und 4. Str.). Die Sprechweisen zeigen ein große Vielfalt: Der Wunsch wird durch Erfahrung enttäuscht (1. Str.), die Frage wird aus Erfahrung verneint (1. Str.); dem Strebenden wird ein Rat gegeben, klagend wird eine Reflexion Heraklits wiederholt (2. Str.); in den beiden nächsten Strophen blickt das Ich im Alter auf größere Abschnitte und damit Veränderungen des eigenen Lebens zurück: der Blick, die Lippe, der Fuß, die Hand, das Ich selbst als schwindend, sich wandelnd.
Gegen Ende wird die Erfahrung der Vergänglichkeit im Pronomen „alles“ bereits verallgemeinert; die Metaphern „Welle / Element“ sollten schon bemerkt, können aber von Schülern natürlich nicht ausgeschöpft werden. Die Vielfalt des Wechsels der Erscheinungen verdient Beachtung: „Blütenregen“ (V. 3), „zerstreuen“ (V. 7), Parallele von Reifen der Früchte und Keimen des nächsten Jahrgangs (V. 11 f.), das Verb „sich ändern“ (V. 14) usw. Es sind durchweg zwei Verse, manchmal auch vier, die in einem Satz verbunden sind und wegen des Kreuzreims auch als Einheit gelesen werden; die Semantik der Reime ist so, dass meistens Gegensätze in den reimenden Versen aneinander gebunden sind: früher Segen / Blütenregen (V. 1/3), sich freuen / zerstreuen (V. 5/7) usw. In einigen Wendungen wird auch das Tempo der Veränderungen (parallel dem zügigen Sprechen: semantische Einheit von zwei bzw. vier Versen) angezeigt: Nicht einmal „eine Stunde“ hält die Blütenpracht (V. 2), „bald“ wird das Grüne zerstreut (V. 7), „eilig“ muss man nach den Früchten greifen (V. 10), „gleich“ ändert sich das Tal (V.13), („stets“, V. 17,) die Welle „eilt“ zum Ozean (V.32).
Demgemäß kann nichts dem Wandel standhalten – das sprechende Ich hat eine andere Lösung zu empfehlen (5. Str.): Sich selbst kann man nicht festhalten, vielmehr soll man sich noch schneller als die Gegenstände vorüberfliehen lassen. Paradoxerweise soll es nach dem Rat des Sprechers dann möglich sein, Anfang und Ende miteinander zu verbinden (V. 33 ff.) – oder ist dieser Rat nichts anderes als eine Variante des Rates, sich selber vorüberfliehen zu lassen? Aber wie und mit welchem Ergebnis? Dies wird erklärt, nachdem das Ich zum Danken aufgefordert worden ist: Unvergängliches ist greifbar, ist verheißen von den Musen, also den guten Geistern menschlicher Kunst (und Lebenskunst), aber eben nicht in den wechselnden Erscheinungen oder im Versuch, sie festzuhalten, sondern im geistig gestalteten Innen (Gehalt im Busen, Form im Geist).

Bei einem Vergleich mit „Die Metamorphose der Pflanzen“ könnte man versuchen, den Sinn des Ratschlags aus der 5. Strophe genauer zu erfassen. In dem älteren Gedicht ist zunächst im Bild von Ring und Kette (V. 59-62) das Individuum der (Geschichte und dem Bestand der) Gattung untergeordnet. Danach wird dem Menschen die Aufgabe zugesprochen, „selbst die bestimmte Gestalt“ (V. 70) zu vollenden. Man könnte in den folgenden Versen den Gedanken finden, wie dies geschehen kann: die Gesetze des Werdens liebend betrachten, mit dem Geliebten zusammen zur „höchsten Frucht gleicher Gesinnungen“ aufzusteigen und so „die höhere Welt“ zu finden (V. 77 ff.).
In „Dauer im Wechsel“ wird einerseits dazu geraten, sich selbst schneller als die Gegenstände vorüberfliehen zu lassen [statt „Man müsste noch mal 20 sein…“ zu wünschen], die sich schon schnell verändern. Dieser Doppelvers (V. 35 f.) muss m.E. als Interpretation des vorhergehenden Doppelverses gelesen werden, dass man den Anfang mit dem Ende sich verbinden lassen solle (V. 33 f.), womit also der tröstende Gedanke, dass man in der Geschlechterfolge aufgehoben ist, entfiele. Den Musen soll dann der Dank dafür gelten, dass sie Gehalt im Busen und Form im Geist aufzuheben ermöglichen, dass also Liebe und Einsicht möglich ist (V. 37 ff.) – das entspräche den Schlussversen des älteren Gedichtes.

Die dazu gehörende Aufgabenstellung der Klausur:

1. Klausur Deutsch 12.2 (Deutsch G3) – 2005/06
Goethe-Gedichte im Übergang vom Sturm und Drang zur Klassik
Zeit: drei Schulstunden

Aufgabenstellung:
1. Analysieren Sie das Gedicht „Dauer im Wechsel“ (1803 entstanden).
2. Weiterführender Schreibauftrag:
Vergleichen Sie die Weise, wie der Sprecher in diesem Gedicht die dauernde Veränderung bewältigt, mit dem, was der Sprecher in „Die Metamorphose der Pflanzen“ (entstanden 1798) zu sagen weiß.

Erläuterungen zum Text, zu Vers
33 f.: „Auf der Peripherie des Kreises fallen Anfang und Ende zusammen.“ (Heraklit)
„Das ist der glücklichste Mensch, der das Ende seines Lebens mit dem Anfang in Verbindung setzen kann.“ (Goethe: Maximen und Reflexionen) „Nach griechischer Ansicht hat (…) der Kosmos selbst einen Logos, und der Unterschied zwischen den sterblichen Menschen und dem ewigen Kosmos liegt darin, daß die Gestirne durch ihre Kreisbahn die Kraft haben, den Anfang an das Ende zu binden, wogegen die Menschen als Einzelne vergehen und nur durch Fortzeugung ihr Ende in einem anderen Geschlecht überleben.“ (K. Löwith: Welt und Menschenwelt, 1960)
37 ff.: Aristoteles notiert, dass man sagt, „dass durch Findung von Ruhe und Halt der Geist begreife und denke“ und dass so das Denken an sein Ziel komme (4. Jh. v.C.).
39 f.: Erich Trunz kommentiert diese Verse so: „Gehalt ist Gesinnung und Liebe, Form das gestaltende Prinzip der Vernunft.“ (HA Bd. 1, S. 646)

Hilfsmittel: Rechtschreibduden, Wörterbuch

Viel Erfolg!

Nachtrag:
Den Gehalt in deinem Busen und die Form in deinem Geist – ein kurzer Kommentar zu dieser Formel, mit Hilfe des 21. Venezianischen Epigramms Goethes:

XXI.

Emsig wallet der Pilger! Und wird er den Heiligen finden?
Hören und sehen den Mann, welcher die Wunder gethan?
Nein, es führte die Zeit ihn hinweg: du findest nur Reste,
Seinen Schedel, ein Paar seiner Gebeine verwahrt.
Pilgrime sind wir Alle, die wir Italien suchen;
Nur ein zerstreutes Gebein ehren wir gläubig und froh.
(Text: Project Gutenberg; zur Einführung s. den Artikel in wikipedia) 

Epigramme – ich referiere jetzt H.A. Korff (Goethe im Bildwandel seiner Lyrik, 1958, S. 356 f.) – haben den Zweck, persönliche Erfahrungen in eine knappe Form zu bringen; sie enthalten keine Lehren, sondern sind „nichts als kurze Überschriften für Erlebnisse, Gedanken, seelische Regungen.“ In einem Epigramm gewinnt das Erlebte eine Form, durch die es sich objektiviert, wenn das Epigramm auch keine begriffliche Form darstellt.
Epigramme drängen sich Goethe zu „weil die Erfahrungen sich ihm zudrängen und sein Geist das Bedürfnis hat, jede Erfahrung sogleich festzuhalten und zu verewigen. Epigramme in diesem Sinn sind Verewigungen der Augenblicke, Momentbilder des Lebens, (…) aufgenommen von einem überlegen urteilenden Geiste, der sich in ihnen ebenso spiegelt wie sie in ihm.“

2. Nachtrag:

„Die Zeit kann durch Erinnerung nicht besiegt werden – aber durch die Kunst. Trivial gesagt überlebt einen die Kunst, aber in einem subtileren Sinne argumentiert Proust, dass das Schöpfen von Kunst den Künstler in einen zeitlosen Raum versetzt. Wie wahr: Ich war nicht im Gefängnis, wenn ich an meinen eigenen Sachen schrieb. Von allen Ratschlägen, wie man am besten seine Zeit im Gefängnis absitzt, war der von Proust der gescheiteste.“ (Daniel Genis: Verbotene Geschäfte, in: SZ vom 7.10.2014, S. 11)

3. Nachtrag: Über das Verhältnis von Identität und Veränderung sagt Stephan Siemens:

Im Falle einer Entwicklung verändert sich etwas. Es bleibt sich – so scheint es – nicht gleich. Denn Veränderung setzt offenbar voraus, dass das Resultat der Veränderung sich von seiner Voraussetzung unterscheidet. Sonst hätte keine Veränderung stattgefunden. Der Gedanke der Entwicklung enthält den Gedanken der Veränderung, und also dies, dass das Resultat der Entwicklung ein anderes ist als der Ausgangspunkt der Entwicklung. Dies ist jedoch nur eine Seite des Gedankens der Entwicklung. Denn offenbar ist im Falle der Entwicklung etwas nur in Veränderung, um sich zu erhalten oder es erhält sich nur, indem es sich verändert. Die Veränderung erscheint als ein Ausdruck der Identität des Sich-Entwickelnden, obwohl doch Veränderung zu etwas Anderem führt als dem, wovon ausgegangen worden war. Das Sich-Entwickelnde aber kann seine Identität nur dadurch wahren, dass es sich verändert. Die Veränderung ist in diesem Sinne gerade keine Veränderung, sondern Ausdruck der Identität. Die Identität wiederum ist nicht die „abstrakte Identität“, die den Unterschied von sich ausschließt, sondern als eine sich verändernde Identität umfasst sie auch den Unterschied, und also auch die Veränderung, die so betrachtet der „einfachen, abstrakten Identität“ entgegengesetzt ist, aber zugleich Moment der konkreten Identität ist, die sich in ihrer Veränderung zugleich erhält. Was soll das für eine Identität sein? Es ist – sagt Leibniz – die Identität als der Zusammenhang des Veränderungsprozesses selbst. Denn der Veränderungsprozess ist in sich selbst zusammenhängend und daher eine Einheit. Diese Einheit ist aber nicht eine Identität, die die Veränderung aus sich ausschließt, sondern im Gegenteil eine Identität, die Einheit der Veränderung selbst ist. Sie ist zugleich das Gegenteil ihrer selbst, ihr Widerspruch gegen sich selbst.

Der Begriff der Entwicklung ist der einer Identität, die sich nicht dadurch erhält, dass sie sich der Veränderung entzieht, sondern umgekehrt dadurch, dass sie sich selbst verändert. Die Veränderung ist die Aktivität dessen, das als mit sich identisch gesetzt werden soll. Darin kehrt das Identische in sich zurück. Freilich bleibt auch diese Identität nur beschränkt, da ja das Lebewesen nicht ewig ist, sondern ebenfalls Einheit von Sein und Nichtsein ist, und in dem Sinne – wenn es erst einmal als existierend vorausgesetzt wird – vergeht. Das Leben eines Lebewesens ist ein Prozess. Aber die Identität des Lebewesens ist die in jeder Phase dieses Prozesses präsente Einheit dieses Prozesses, die die Individualität des Lebewesens ausmacht. Der Widerspruch muss also bei dem Gedanken des Lebewesens gedacht werden, und darauf allein kommt es im Moment an. (Stephan Siemens: Der Widerspruch in der formalen Logik, http://www.club-dialektik.de/Widerspruch_in_der_formalen_Logik)

Goethe: Gefunden – Analyse

Fragen zum Verständnis des Gedichts „Gefunden“:

Hast du gesehen,
– dass das lyrische Ich aus der Situation „nun“ (V. 19) zurückblickt?
– dass es erzählt, was es getan hat?
– dass es die Begegnung mit dem Blümchen unter dem Stichwort „Gefunden“ zusammenfasst?
– dass es ganz ruhig spricht? Und dass dazu die kurzen Verse und die häufig weiblichen  Kadenzen beitragen?
– dass die wenigen Reime (Paarreim jedes zweiten Verses) mit zur Ruhe beitragen,
– ebenso die kurzen Sätze (fast nur Hauptsätze, gereiht, durch „und“
– sowie die Adverbien „da“, V. 10, und „nun“, V. 20, verbunden)?
– dass „Wald / Schatten / Garten / stiller Ort“ Orte der Ruhe sind?
– dass die Diminutive „Blümchen, Würzlein, hübsches Haus“ und „fein sprechen“ der Ruhe korrespondieren und eigentlich begründen, wieso man das Blümchen nicht „brechen“ (Kontrast?) darf?
– dass die Metapher „(eine Blume) brechen“ zumindest seit Goethes „Heidenröslein“ (1771) oft für die geschlechtliche Vereinigung steht
– und hier vom Blümchen zurückgewiesen wird (mit dem fragenden Hinweis auf das Welken)?
– dass die Aneignung des Gefundenen durch Ausgraben (mit allen Wurzeln) und Verpflanzen erfolgt?
– dass dem Nicht-Brechen das immer Blühen und Zweigen folgt?
– dass durch sein Sprechen und den Vergleich „wie Äuglein schön“ das Blümchen beinahe überdeutlich als Frau peronifiziert wird?
– dass dem Finden das „nichts Suchen“ korrespondiert (V. 3 f.), dass bei „Gefunden“ das Objekt nicht genannt ist?
– dass die Reime eigentlich immer passende Verse im Klang aneinander binden („stehn / schön“: das Blümchen; „fein / sein“: Widerstand gegen das Brechen; „aus / Haus“: stattdessen verpflanzt; „stiller Ort / blüht fort“: Dauer des Blühens, Erfolg)?
– dass zum Schluss eine unbestimmt lange Dauer des Blühens (Präsens, also beschreibend) angedeutet wird: „so fort“ (V. 20)?
Dass Goethe das Gedicht an Christiane geschickt hat, als sie sich 25 Jahre kannten, spricht für sich.

Aufbau des Gedichts
Von den fünf Strophen ist die dritte das Zentrum, um das herum je zwei Strophen mit gleichem Aufbau gelegt sind: Dreimal wird eine „Aktion“ (oder eben Nichtaktion, V. 3 f.) des Ich erzählt, dann folgt ein Verspaar über das Blümchen. In der dritten Strophe erzählt das Ich, wie es das Blümchen brechen wollte und wie dieses mit einer Frage antwortet: „Soll ich zum Welken / gebrochen sein?“ Mit dieser Frage stellt das Blümchen seine eigene Perspektive neben die des Wanderers, ja, gegen sie: das leuchtende Blümchen jetzt haben wollen // gebrochen sein zum Welken. Dass das Blümchen sprechen kann, verwundert nur den, der den Äuglein-Vergleich (V. 8) nicht auf das im Blümchen gemeinte Mädchen beziehen kann; oder den, der nicht weiß, dass auch das Röslein auf der Heiden mit dem wilden Knaben sprach. Durch die Frage des Blümchens umgestimmt, setzt der Wanderer sein Handeln fort, diesmal jedoch zielgerichtet (vs. V. 3 f.), in der Art des Gärtners. Der Erfolg belohnt ihn, wie er in einem andauernden „Nun“ (V. 19 f.) erzählt: Es zweigt immer, es blüht fort. Die dauernde Schönheit ist Lohn dafür, dass der Wanderer darauf verzichtet hat, sein kurzfristiges Wollen (V. 9) gegen das Blümchen durchzusetzen, das daran verwelkt, also gestorben wäre.
Der Erzähler ist der, dem der Bereich Garten „nun“ oder im Augenblick des Erzählens, aber dauerhaft zugeordnet ist; er erzählt jedoch von einem Ereignis, das diesem Zustand voraus liegt und sich im Bereich „Wald“ abgespielt hat. Während der Garten der Ort des Pflegens, also der Kultur ist, ist der Wald Natur, das von selbst Wachsende, in dem jeder sich nimmt, was er braucht. Da der Wanderer aber schon als einer, der einen Garten zu haben scheint, in den Wald hineingeht (und nicht wie ein Waldmensch auf der Jagd, zumindest auf der Suche nach Genießbarem ist, vgl. V. 3 f.), kann das Blümchen in seiner Schönheit ihn ansprechen; er hingegen kann der Schönheit innewerden, sie in Vergleichen, also nicht ohne Distanz erfassen. Das Haus als hübscher Ort (V. 16) ist ohnehin der schönen Blume angemessen; und das Adverb „wieder“ (V. 17) verbindet Wald und Garten als stille Orte, die damit einer Pflanze Heimat sein können.
Wenn man „Im Vorübergehn“ als die von Goethe überarbeitete Vorlage ansieht, stellt man fest, dass der zweite Teil des Gedichtes (V. 13-20) aus der lang und breit erklärenden Rede des Blümchens herausgesponnen ist: Jetzt wird als Handlung und Ereignis erzählt, was zunächst das Blümchen in seine große Begründung gepackt hat, dass es nicht gebrochen werden dürfe, sondern verpflanzt werden müsse (V. 11 ff.). Von dieser langen Rede ist nur die kurze Frage übrig gelieben. Auch ist die alle Metaphern sprengende Deutlichkeit („liebeln, schranzen“) getilgt und die Metaphorik des Umpflanzens ausgebaut worden.
In den beiden ersten Strophen sind zwei kleine Änderungen zu erwähnen: Aus dem Feld ist der Wald geworden, in dem man auch Schatten und damit Zurückgezogenheit finden kann – das Blümchen blüht anders als das offen prangende Heideröslein. Im Schatten stehen, das ersetzt das unvermittelte „sogleich, so nah“ Sehen der älteren Fassung; dafür ist dann Platz gewonnen, um die Schönheit der Blume vergleichend zu beschreiben (V. 7 f.).
Ob man Pfeffels Gedicht „Nelke“ als Anregung für Goethe verstehen muss, ist fragwürdig – die Tendenz geht bei gleichem Motiv dort dahin, dass man Blumen beizeiten brechen muss. Vielleicht antwortet Pfeffel auf Goethes „Heidenröslein“ von 1771, wo der wilde (!) Knabe das Röslein gegen dessen Widerstand brach? 1/03
Inge Wild ordnet das Gedicht in die „Christiane-Lyrik“ ein (Metzler Goethe Lexikon, 1999, S. 79 f.): „Morgenklagen“, „Der Besuch“ (1788); „Frech und froh“; „Römische Elegien“; „Venezianische Epigramme“ (hier die Schwangerschaftsgedichte!); „Die Metamorphose der Pflanzen“ (1813, ebenso „Die Lustigen von Weimar“); VII. Gedicht der „Chinesisch-deutschen Jahres- und Tageszeiten“.

Rhythmus des Gedichtes
Gedichte muss man nicht lesen, sondern hören, also selber laut sprechen, wenn einem kein Vorleser zur Verfügung steht. Im Sprechen zeigt sich ein bestimmtes Verständnis, ja erprobt man ein bestimmtes Verständnis des Gedichts: Wie hört es sich an? Ist das die Lösung?
Seinen Rhythmus hat jedes Gedicht für sich allein, auch wenn es das Metrum mit vielen anderen teilt; denn unter dem Rhythmus verstehen wir jene eigenartige Mischung von tatächlich (semantisch) betonten Wörtern, von Tempo und Pausen, die das Klanggebilde Gedicht ausmachen.
Fangen wir mit dem Wichtigsten an, mit den Pausen. Die Einheit des Gedichtes ist der Vers; im Idealfall fallen semantische Einheit („Satz“) und Vers zusammen; der Satz kann aber auch kürzer oder länger als der Vers sein – den letzteren Fall nennen wir Enjambement. Zwei weitere Größen sind für die Pausen zu beachten, der Reim und die Kadenz. Durch den Reim, also den Gleichklang eines zweiten Verses (Versendes) gegenüber einem ersten, wird der Sprecher kurz zum Innehalten genötigt; das heißt, dass ein Gedicht im Paarreim tendenziell ruhiger gesprochen wird als eines im Kreuzreim oder als eines, wo jeweils nur der zweite und vierte Vers einen Reim bilden; ich zeige das an unserem Beispiel, an dem ich auch die Bedeutung der weiblichen Kadenz im jambischen Takt (oder der männlichen Kadenz bei Versen im Trochäus) aufzeige:

„Ich ging / im Wal / de
So für / mich hin, /
Und nichts / zu su / chen,
Das war / mein Sinn./“
Der erste Satz endet mit Vers 2, wird also eigentlich zügig durchgesprochen; aber die weibliche Kadenz im 1. Vers bremst den Sprechfluss; denn es wird scheinbar ein neuer Takt eingeläutet, der dritte in diesem Vers, der jedoch nicht gefüllt wird (wo also die Erwartung der nächsten betonten Silbe enttäuscht wird), sodass hinter „-de“ eine kleine Pause eintritt. Im ersten Vers wird „Wal-“ betont, im zweiten relativ am stärksten „hin“; im dritten ist „nichts“ die semantische Pointe, im vierten außerhalb des Metrums das zusammenfassende Demonstrativum „das“ (wobei auch „Sinn“ betont wird, auch als Reimwort zu „hin“). „su-“ von „suchen“ ist ebenfalls betont, aber weniger stark als „nichts“.

„Im Scha / ten sah / ich
ein Blüm / chen stehn, /
Wie Ster / ne leuch / tend,
Wie Äug / lein schön./“
In dieser Strophe ist der Satzbau anders als in der ersten: Die beiden ersten Verse bestehen aus einem Satz; dabei wird jedoch „Schat-“ betont, als der dem Wald korrespondierende Lichtbereich, auch als Bedingung des Leuchtens (V. 8). Im Vers 5 trägt „Blüm-“ den Akzent, es ist das neue Thema. Im Vers 7 streiten sich „Ster-“ und „leuch-“ um den Hauptakzent, vielleicht sind sie gleichwertig: Sterne sind der Vergleichspunkt, „leuchtend“ ist die Blümchen-Qualität. In Vers 8 kann man „Äug-“ stärker als „schön“ betonen, weil dieser Vergleich erstens überraschend kommt und weil zweitens „schön“ nicht nur trivial ist, sondern auch weil am Satzende die Stimme gesenkt wird. Hinter beiden Versen wird eine Pause gemacht: hinter Vers 7 nicht nur wegen der Kadenz, sondern auch deshalb, weil der Vergleich abgeschlossen ist; hinter Vers 8 nicht nur wegen des Reimes, sondern auch deshalb, weil der Satz zu Ende ist.
Es ist eine bloße Formsache, diese Untersuchung zu Ende zu führen; neben den rein formalen Aspekten sieht man thematische Gesichtspunkte (Wald – Schatten; nichts; Blümchen), welche teilweise die Strophen übergreifen (nichts suchen – sah ich) oder paradigmatisch [-> syntagmatisch / paradigmatisch] überraschen (Äuglein). Man kann auf jeden Fall nicht einfach ein Gedicht im ersten Lesen erfassen („Wer möchte vorlesen?“), sondern muss im Verstehen durch Probieren den Sinn, also die sinnvolle Klanggestalt finden.
Vielleicht sollte man in einem die Semantik der Reime untersuchen; denn semantisch starke Reime binden Verse stärker als bloße Klanggleichheit aneinander. So muss man schon ein bisschen nachdenken, um die Beziehung des „für mich hin“-Gehens und des nichts „im Sinn“-Habens zu entdecken; fürs Nachdenken braucht man jedoch Zeit, die der Sprecher dem Hörer gewähren muss.  2/06

Nachtrag Juni 2009:
Datei Uni Würzburg
Rezitation:
http://www.rezitator.de/gdt/472/ (Lutz Görner)
http://www.rezitator.de/gdt/837/ (spätere Fassung: Görner)
http://www.deutschelyrik.de/clubs/Lyrik/prod/Gefunden%20(Goethe)jaa.mp3 (Stavenhagen)
http://www.youtube.com/watch?v=MKRfykVyhis (???)
http://www.youtube.com/watch?v=Y5hoD5OP3x0&feature=related (mit „Film“, mäßig)

Nachtrag: Vorläufer des Gedichts „Gefunden“:

Im Vorübergehn             

Ich ging im Felde

So für mich hin,

Und nichts zu suchen,

Das war mein Sinn.

 

5  Da stand ein Blümchen

Sogleich so nah,

Daß ich im Leben

Nichts lieber sah.

 

Ich wollt’ es brechen,

10 Da sagt‘ es schleunig:

„Ich habe Wurzeln,

Die sind gar heimlich.

 

Im tiefen Boden

Bin ich gegründet;

15 Drum sind die Blüten

So schön geründet.

 

Ich kann nicht liebeln,

Ich kann nicht schranzen;

Mußt mich nicht brechen,

20 Mußt mich verpflanzen.“

 

Ich ging im Walde

So vor mich hin;

Ich war so heiter,

Wollt immer weiter –

25 Das war mein Sinn.

(e ?, D 1827)

Goethe: Die Metamorphose der Pflanzen – Analyse

Ein Blick auf das Gedicht als Ganzes

Beim ersten Lesen schon kann man bemerken, dass ein ausgesprochen fremdes Versmaß den Text bestimmt. Man nennt die vorliegenden Versformen Hexamater und Pentameter, die daraus gebildete Strophe ein Distichon. Es liegen also vierzig Distichon-Strophen vor.
Bei der zweiten Lektüre sollte man prüfen, ob man alle Sätze syntaktisch auflösen kann. So könnte man etwa klären, was mit „sie“ (V. 9) und „es“ (V. 29“ gemeint ist, worauf die Pronomina sich also beziehen, oder wer „werdend“ (V. 9) ist.

Bei der dritten Lektüre wird man bemerken, dass ein Ich als Sprecher fungiert, ein Mann, der sich in einem Garten an seine „geliebte“ Frau wendet. Er erwähnt, dass sie von der Vielfalt der Blumen und ihrer lateinischen Namen verwirrt ist, und deutet an, dass „ein geheimes Gesetz“ (V. 6) diese Vielfalt bestimmt; da hier ein „heiliges“ Rätsel vorliegt, darf man in seiner Lösung die Offenbarung des Göttlichen erwarten. Was ist das Thema des Gedichts? Diese Frage kann man beantworten, wenn man jeweils die Bedeutung des metaphorischen Sprechens (in V. 11 ff. und V. 70 ff.) und die Position des wissenden Erzählers beachtet; von den Pflanzen wird in Metaphern des Menschenlebens gesprochen, von den Menschen in denen des Pflanzenlebens – jede Dimension hat ihr eigenes Recht. So kann man als Thema die Metamorphose der Pflanzen nennen, welche sich in der menschlichen Liebe spiegelt und vollendet. In beiden Dimensionen zeigt sich „der Sinn“ des menschlichen Lebens, im Zurücktreten des einzelnen Gliedes in die Kette (V. 59 ff.), aber auch in der Harmonie gemeinsamen verständigen Schauens ins Geheimnis der Natur.
Der Mann fordert die Geliebte dann auf, die Pflanze in ihrem Werden zu betrachten, wie sie „stufenweise“ zu Blüte und Frucht geführt wird (V. 9 f.). Im Folgenden beschreibt das Ich diese Entwicklung (V. 11-62), das heißt, es leitet den Blick der Frau im Betrachten an. Es bleibt dabei an deren Eindruck oder Erwartung gebunden (vgl. scheint/doch V. 32 f.; „Wundergebild“ V. 40; „Immer staunst du aufs neue…“, V. 47). [Zuerst habe ich V. 9 f., also die Aufforderung an die Geliebte, die Pflanze in ihrem Werden zu betrachten, wie zum ersten Teil gezählt; wenn man beachtet, wie mit den Imperativen (V. 9, 63, 72, 75) jeweils neue Teile oder Abschnitte beginnen, könnte man V. 9 f. als den Beginn des großen zweiten Abschnitts des Gedichtes ansehen. Letztlich ist wichtig, dass V. 9 f. als Scharnier dient, also zum großen zweiten Abschnitt überleitet.]
Ich zähle mindestens vier Stufen in der beschriebenen Entwicklung der Pflanze. Das Ich enthüllt nicht nur die Entwicklung selbst (V. 11 ff.), sondern auch das Gesetz der Metamorphose (V. 23, 33 ff.): Alle Gestalten sind Varianten ein und desselben Grundorgans, des Blattes; diese Organe werden in gesetzmäßiger Folge am Stängel hervorgebracht; das Geschehen unterliegt einem mehrfachen Wechsel von Entfaltung und Konzentration; es wird als Vorgang einer Steigerung verstanden, die sich stufenweise vollzieht und in der Blüte (V. 40 ff., evtl. V. 49 ff.) vollendet.
Am Ende dieses zweiten Teils deutet das offensichtlich wissende, zumindest im Schauen belehrte Ich, das die ewigen Kräfte der Natur zu benennen weiß (V. 59 – „das lösende Wort“, V. 8, ist dem belehrenden Ich bereits zu Beginn bekannt, im „Betrachten“ gewonnen), mit den Metaphern von „Ring“ und „Kette“ den Sinn dieser geschauten Entwicklung: dass das Leben im Ganzen weitergehe (V. 59-62).
In einem neuen Abschnitt wendet das Ich sich wieder direkt an seine „Geliebte“ und bittet sie (mehrere Imperative: V. 63, 71, 75, 77) zunächst, das „Gewimmel“ der Pflanzen erneut, nun jedoch verstehend zu betrachten und darin „die ew‘gen Gesetze“ des werdenden Lebens (vgl. „der Göttin heilige Lettern“ V. 67) zu erkennen (V. 63 ff.), die dann ausgesprochen werden:
„Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile geschäftig,
Bildsam ändre der Mensch selbst die bestimmte Gestalt.“ (V. 69 f.)
In dieser Steigerung sieht sich der Mensch in die Reihe der Lebewesen eingeordnet, aber zur verständigen Führung seines Lebens nach dem Gesetz des Werdens ermächtigt; denn er ist „bildsam“ und damit fähig, sein Leben zu führen. Das gleiche Gesetz gilt dann auch für die eigene Liebe, wie das Ich zu sehen aufgefordert wird (V. 71 ff.).
Der Zusammenhang des menschlichen Lebens mit dem organischen Werden ist in der anthropomorphen Beschreibung der Entwicklung der Pflanzen vorbereitet worden. Das wäre in einer genauen Untersuchung der Wendungen „empfiehlt“ (V. 14) und „das Kind“ (V. 22); der Parallele der menschlichen Stammbäume (V. 29 f.); der Personifikation des sich entscheidenden Kelches (V. 43); vor allem des großen Hochzeitsbildes (V. 53 ff.), zu zeigen.
Im letzten Teil fordert der sprechende Mann seine Frau auf, der Geschichte der eigenen Liebe zu gedenken und auch dort das gleiche Gesetz des Werdens zu erkennen (V. 71 ff.). Diese Geschichte wird dementsprechend in den Bildern pflanzlichen Werdens beschrieben (Keim, entsprießen, Blüte, Früchte). Zum Schluss fordert das Ich seine Partnerin auf, sich des gegenwärtigen Zustands dieser Liebe zu erfreuen (V. 77 ff.), die am heutigen Tag, also im Betrachten, im nun verstehenden Betrachten zur „höchsten Frucht gleicher Gesinnungen“ aufsteigen kann. Ihr Blick kann sich im Betrachten der Pflanzen zum Verständnis von deren Metamorphose und damit zum Verständnis des Bildungsgesetzes alles Lebendigen weiten; dann ist das Paar vereint „in harmonischem Anschaun“ der Dinge, worin es die höhere Welt findet (V. 79 f.).
Dieser letzte Teil (V. 71 ff.) ist von dem vorher Gesagten vorsichtig abgetrennt; denn in V. 63-70 liegt ein Bezug auf den Anfang (V. 1-10) vor, derart, dass nach der Betrachtung das zuvor verstörende, unverstandene Gewimmel des Vielen sich dem Blick geöffnet, sein geheimes Gesetz (der einen Metamorphose) offenbart hat und das Ich nun mit dem Du zusammen das ewige Gesetz an den Pflanzen sehen kann; die Pflanze ist zum sprechenden Symbol (V. 65 ff.), das als lösendes Wort dem Ich so nicht zur Verfügung stand oder steht (V. 7 f.), geworden.
In diesem Rahmen des Verständnisses könnte dann eine genauere Analyse von Einzelheiten vorgenommen werden. Zusätzlich könnte man in einer Interpretation das Gedicht in Goethes Gesamtwerk einordnen und auch fragen, was wohl die in der Überschrift versteckte Anspielung auf ein Werk Ovids („Metamorphosen“) besagen kann. Mehrere Autoren weisen darauf hin, dass Goethe ein umfassendes Lehrgedicht geplant habe, wovon „Die Metamorphose der Pflanzen“ nur eine Vorstufe hätte sein sollen.

In der lehrreichen Untersuchung Karl Richters wird deutlich, worin das Klassische des Gedichtes besteht: in der Verbindung von Poesie und Wissenschaft, auch in der Verbindung der antiken Versform des Distichons und der modernen Betrachtung (S. 161 ff.). Die Form der Elegie ist in der Neuzeit (wie die Hymne) von Klopstock wieder belebt worden. Richter referiert eine Deutung Gertrud Overbecks, die im Distichon selbst, also im Wechsel von Hexameter und Pentameter (bitte einige Distichen laut sprechen, damit klar wird, was gemeint ist!) die innere Bewegung der Metamorphose, also des Wechsels von Kontraktion und Expansion einer neuen Stufe, abgebildet sieht.
Irene Wild betont in ihrem Artikel („Metamorphose der Pflanzen“) im Metzler Goethe Lexikon, dass die Naturerfahrung nicht mehr (wie im „Mailied“) auf das Ich konzentriert ist, „sondern nun in der erotisch-pädagogischen Situation verallgemeinert wird“ (S. 330); ich würde ergänzen: auch über das pure Erleben im Betrachten (!) zum Verstehen vorgedrungen ist – ein Merkmal des Klassischen. Goethes Italienreise (1786/88) hat also dazu gedient, seine Lebenskrise zu bewältigen, und zwar in der Begegnung mit der dort noch in Ruinen vorhandenen Antike und der wissenschaftlichen Hinwendung zur Natur. Benedikt Jeßing weist in seinem Artikel „Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären“ (Metzler Goethe Lexikon) zum Schluss darauf hin, dass diese Idee der Metamorphose das Denkmodell eines sanften Übergangs bietet und damit der Idee des gewaltsamen Umsturzes (Franz. Revolution) entgegengesetzt ist: ein weiteres Merkmal des Klassischen. Und wenn ich mir einen Hinweis erlauben darf: Das Bild von Ring und Kette ist nun nicht mehr bloß an etwas anderes drangepappt (wie in „Grenzen der Menschheit“), sondern der krönende Abschluss der Betrachtung der Metamorphose.
Aus der Sekundärliteratur sind mir der ältere Aufsatz von Günther Müller (Die deutsche Lyrik, Bd. I, hrsg. von Benno von Wiese, S. 251 ff.) und die lehrreiche Untersuchung von Karl Richter (Gedichte und Interpretationen, Bd. 3, hrsg. von Wulf Segebrecht. RUB 7892, S. 156 ff.) sowie Maike Arz: Die Metamorphose der Pflanzen. In: Goethe-Handbuch Bd. 1. Stuttgart – Weimar 1996, S. 253-257 (mit kurzer Darstellung der Forschungsgeschichte und einer poetologischen Deutung des Schlusses: Im „Paar“ spiegele sich analog Naturforschung und Dichtung), zur Hand; Zu beachten wäre noch Reiner Wild: Die Poetik der Natur. In: Interpretationen. Gedichte von Johann Wolfgang Goethe. Hrsg. von Bernd Witte. Stuttgart 1998 (RUB 17504), S. 129-148.
Karl Otto Conrady (Goethe. Leben und Werke. Erster Band, 1982, S. 516 ff.) weiß zu berichten, dass es für die Zeitgenossen Goethes eine „Kette“ der Lebewesen gab, während Goethe die drei Bereiche der Kristallisation, Vegetation und der animalischen Organisation streng getrennt habe. Durch die Entdeckung des Zwischenkieferknochens sei die Vorrangstellung des Menschen in der Kette der Wesen fragwürdig geworden. – In Italien habe Goethe die „Urpflanze“ [die eine Pflanze, aus der alle anderen sich entwickelt hätten] gesucht, also die Vorstellung eines gemeinsamen Bauplans aller Pflanzen gehabt; diese Idee habe er noch in Italien jedoch aufgegeben zugunsten der Idee, dass sich die einzelne Pflanze durch Metamorphose aus dem Blatt stufenweise entwickele. Solche Ideen seien Teil seines Bemühens, in Italien die vielen unbedeutenden weltlichen Dinge zu vergessen und sich „nur mit dem [zu] beschäftigen, was bleibende Verhältnisse sind“ (Brief vom 23. August 1787).

https://de.wikisource.org/wiki/Die_Metamorphose_der_Pflanzen (Text, 1798)

http://mpg-trier.de/d7/read/goethe_metamorphose.pdf (Text mit Interpretation)

http://www.webergarn.de/haeckel/pdf/goethe_metamorphose.pdf (Goethe: Der Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, 1790)

http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/goethe_metamorphose_1790?p=16 (dito)
http://www.udoklinger.de/Deutsch/Goethe/Inhalt.htm (Udo Klingers Analyse des Gedichts)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Metamorphose_der_Pflanzen

http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=742 (zur Vorgeschichte des Gedichts)
http://budrich-journals.de/index.php/bios/article/viewFile/3063/2593 (Gernot Böhme: Biografie als Gestaltwandel)

http://rzbl04.biblio.etc.tu-bs.de:8080/docportal/servlets/MCRFileNodeServlet/DocPortal_derivate_00028249/Kloft_Metamorphose_und_Morphologie.pdf (H. Kloft: Metamorphose und Morphologie. Ovid – Goethe)

mueller.science (Begriff „Morphologie“)
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=807 (Goethezeit, dort „Nachitalienische Naturforschung“)

http://klaus-frisch.de/html/body_goethesbotanik.html (Goethes Botanik)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/wp-content/uploads/2015/09/VIII-Naturwissenschaftliche-Schriften-Protokoll-Goethe-VL-vom-14.12.2010.pdf (Goethes naturwissenschaftliche Studien)

https://de.wikipedia.org/wiki/Versuch_die_Metamorphose_der_Pflanzen_zu_erkl%C3%A4ren (zu: Johann Wolfgang Goethe: Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären)
http://berggetreide.ch/Archiv/Goethe%20und%20Genetik.pdf (modern-biologisch)

http://www.spektrum.de/lexikon/biologie/goethe-johann-wolfgang/28813 (Goethe als Naturforscher).

Das Bild von Kette und Ring bei Goethe
Mir ist aufgefallen, dass das Bild von Ring und Kette öfter bei Goethe auftaucht. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu stellen, werde ich die gefundenen Stellen kurz  vorstellen. Ich halte mich an den Text der Hamburger Ausgabe.
„Ein kleiner Ring
Begrenzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
Reihen sie dauernd                   V. 40
An ihres Daseins
Unendliche Kette.“
Das ist die letzte Strophe (V. 37-42) von „Grenzen der Menschheit“; dieses Gedicht ist 1781 oder kurz vorher entstanden. Problematisch ist das Pronomen „sie“ in V. 40, was in den Handschriften steht und auf die Götter (V. 30 ff.) zurückverweist; alle Drucke haben das Pronomen „sich“. In der Lesart der Handschriften bildet das Dasein der Götter die unendliche Kette, mit „sich“ ergibt die Folge der menschlichen Geschlechter diese Kette. Karl Ph. Moritz hat das Wort „Kette“ als Anspielung auf die goldene Kette gelesen, an der Jupiter im Mythos die Welt hält. Die Lesart „sich“ würde wohl von der vorletzten Strophe unterstützt, wo nach dem Unterschied von Göttern und Menschen gefragt wird:
„Daß viele Wellen
Vor jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
Verschlingt die Welle         V. 35
Und wir versinken.“
Hier wird das Bild von vielen einzelnen Wellen und dem ewigen Strom gebraucht, ohne dass allerdings ein Zusammenhang zwischen dem Verschwinden der Welle und dem Bestand des Stroms hergestellt würde: Welle ist Form der Existenz und Grund des Untergangs.
Von den Kreisen des Daseins ist im Gedicht „Das Göttliche“ (entstanden 1783) die Rede (V. 35 f.). In „Die Metamorphose der Pflanzen“ (1798) wird im Blick auf die Entwicklung der Pflanze dann das Bild von Ring und Kette als Zusammenhang des Einzelnen und des Ganzen entfaltet:
„Und hier schließt die Natur den Ring der ewigen Kräfte;
Doch ein neuer sogleich fasset den vorigen an,
Daß die Kette sich fort durch alle Zeiten verlänge
Und das Ganze belebt, so wie das Einzelne, sei.“ (V. 59-62)
In der Betrachtung der menschlichen Liebe wird so eine Steigerung über das Fruchtbringen hinaus möglich: In der gleichen Gesinnung, in harmonischem Anschauen der Welt ist das Paar derart verbunden, dass es so „die höhere Welt“ findet (V. 71 ff.).
In „Dauer im Wechsel“ (1803) wird eben der Wechsel als das Dauernde des Lebens begriffen. Im Bild eines Kreises wird die Möglichkeit, sich diesem Gesetz zu fügen, in der letzten Strophe angedeutet:
„Laß den Anfang mit dem Ende
Sich in  e i n s  zusammenziehn!
Schneller als die Gegenstände
Selber dich vorüberfliehn.
Danke, daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt,
Den Gehalt in deinem Busen
Und die Form in deinem Geist.“
Der Kommentar von Erich Trunz verweist für das Bild vom Zusammenschluss von Anfang und Ende auf „Maximen und Reflexionen“ (HA, Bd. 12, S. 515) und auf einen Brief vom 5. Januar 1813; im Brief wird angedeutet, dass dieser Zusammenschluss „durch die Dauer der Zuneigung, des Vertrauens, der Liebe, der Freundschaft“ erfolge; in einem Brief vom 30. Juni 1826 taucht das Bild noch einmal auf. – Das gleiche Bild gebraucht bereits Aristoteles: „Die Menschen gehen zugrunde, weil sie nicht imstande sind, den Anfang mit dem Ende zu verknüpfen.“ (Physik VII 3) – Gehalt und Form verleihen Bestand, sodass Anfang und Ende verbunden sind: „Gehalt“ ist nach Trunz Liebe, „Form“ das gestaltende Prinzip der Vernunft (HA, Bd. 1, S. 646). Hier ist also ohne das Bild von Kette allein im „Ring“, in seiner Geschlossenheit als Kreis, das Beständige gesehen.
Ein ähnliches Bild wird in der ersten Strophe von „Gesang der Geister über den Wassern“ (1789) gezeichnet:
„Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder                V. 5
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.“
Ist auch das Wasser das Element des Flüchtigen, so zeigt doch seine gleichförmige Bewegung Bestand; indem des Menschen Seele diesem gleicht, ist sie vielleicht als „Bürgerin zweier Reiche“ (E. Trunz), eher noch als Element eines ewigen Austauschs begriffen.
(Man sollte auch die Analyse von „Dauer im Wechsel“ hinzuziehen!)

In der europäischen Philosophie ist seit Platons Timaios das Bild von der großen Kette der empfindenden Wesen präsent: Es ist das Bild einer Welt aus Gottes Überfluss, der selber in die Welt ausfließt, deren Vielfalt als Fülle erlebt wird. Das Bild ist für Schiller bedeutsam, wie man bei Rüdiger Safranski nachlesen kann: „Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus“, 2004, S. 86 ff.
A.O. Lovejoy: Die große Kette der Wesen (1985), ist das klassische Werk zum Thema.

Goethe: Urworte. Orphisch – Analyse

Manifest der Selbstverwirklichung?
Die „Urworte“ sollen hier nicht systematisch oder historisch interpretiert, sondern unter der bescheidenen Fragestellung gelesen werden, wie denn in diesen fünf Gedichten des alten Herrn (1817 entstanden, 1820 gedruckt) die in seinen jungen Jahren bejubelte Selbstverwirklichung aussieht. Die erste Prämisse dieser Arbeit ist also, dass die Gedichte des jungen Goethe weithin vom Motiv der Selbstverwirklichung bestimmt sind, wobei die im „Sturm und Drang“ für Goethe vermutlich nicht das Gleiche wie für Zeitgenossen heute bedeutet hat.
Aus den frühen Gedichten Goethes lassen sich Aspekte dessen, was wir „Selbstverwirklichung“ als neues Ideal der Epoche nennen, herausschälen:
* „Wie herrlich leutet / Mir die Natur!“ Und ich gebe mich da ganz hinein! („Maifest“)
„Winterströme stürzen vom Felsen / In seine Psalmen,
Und Altar des lieblichsten Danks
Wird ihm des gefürchteten Gipfels / Schneebehangner Scheitel.“
(„Harzreise im Winter“)
In der Natur ist das Ich dem Göttlichen nahe; mit der Natur ist der neue „Grund“ gefunden, aus dem heraus das Ich leben will.
* Dieses Leben in und aus Natur ist zugleich ein Leben in und aus Liebe, wie im „Maifest“ zu lesen ist: „Sei ewig glücklich / Wie du mich liebst!“
Liebe gibt Jugend, Mut zu neuen Tänzen und neuen Liedern: zu neuem Leben.
* Solches Natur-Leben verläuft auch in vorgezeichneten Bahnen:
„Denn ein Gott hat / Jedem seine Bahn / Vorgezeichnet,
Die der Glückliche / Rasch zum freudigen / Ziele rennt…“ (Harzreise im Winter)
* Gleichwohl ist es ein Leben nicht frei von Kämpfen:
„Hat nicht mich zum Manne geschmiedet / Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal, / Meine Heren und deine?“ (Prometheus)
Kämpfe resultieren auch aus der Absage an die alten „Götter“:
„Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen, / Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten, / Wie ich.“ (Prometheus)
* Der große Sohn der Natur ist zugleich Führer seiner Brüder auf dem Weg:
„Und so trägt er seine Brüder, / Seine Schätze, seine Kinder
Dem erwartenden Erzeuger / Freudebrausend an das Herz.“ (Mahomets-Gesang)
Man kann ein derart aufbrausend proklamiertes Ideal nicht systematisch abhandeln, sondern sollte den Ausdruck des „Ich – Du“ aus dem „Maifest“, den Prometheus, den Mahomet, den Dichter-Wanderer der Harzreise als Manifestationen der Selbstverwirklichung ansehen.

Dieses Ideal wird in der „Klassik“ umgeformt, wofür „Die Metamorphose der Pflanzen“ als Beispiel steht. Das Lebensgesetz wird nun nicht einfach ausgelebt, sondern es zu erfüllen wird als dauernde Aufgabe vorgestellt:
„Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile geschäftig,
bildsam ändre der Mensch selbst die bestimmte Gestalt.“
Man könnte auch von der sittlichen Aufgabe sprechen, seinem inneren Gesetz erkennend und gestaltend zu folgen (Epigramme: „Das Höchste“). – In diesem Kontext möchte ich die „Urworte“ lesen, vor allem die beiden ersten Gedichte. Ich halte mich an die Verszählung der HA (nur die Verse gezählt, nicht die Überschriften, also insgesamt 40 Verse); den Text findet man im www, zum Beispiel unter http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=autoren, allerdings mit einer anderen Verszählung.
Die fünf Gedichte des Zyklus „Urworte“ sind der Form nach Stanzen; der Achtzeiler kommt aus Italien; er hat im Deutschen „als eine bewußt kunstvolle Strophe etwas Feiertägliches und wird deshalb meist nur für gewichtigere Inhalte gebraucht“ (Erwin Arndt: Deutsche Verslehre. Berlin 1990, S. 206). Die fünfhebigen Jamben reimen sämtlich mit weiblicher Kadenz, was selten ist. „Das Reimschema zeichnet der Stanze die Teilung nach dem Verhältnis 3 : 1 vor – 6 Verse im Kreuzreim, ein abschließendes Reimpaar. Die innere Anlage neigt dazu, dem Schema in einer sechszeiligen Entfaltung und einem raffenden, bündigen Abschluß zu folgen.“ (Alfred Behrmann: Einführung in den neueren deutschen Vers. Stuttgart 1989, S. 59).
Die Überschrift „DAIMON/Dämon“ des ersten Gedichts verdeutscht Goethe als „Individualität, Charakter“; das ist klar, wenn man den letzten Vers beachtet: „Geprägte Form, die lebend sich entwickelt“ (V. 8). Charakter ist nur ein anderes Wort für die geprägte Form (einer Münze etwa) und meint damit etwas, was sich durchhält. Wenn man ins www schaut, findet man auch Astrologinnen, die Goethes Gedicht im Firmenschild haben – ein grobes Missverständnis. Im Berliner Bildungsserver (bebis) wird unter dem Stichwort „Entwicklung“ neben das Gedicht Goethes der Spruch Pindars gestellt, um das mit der Metapher von der Entwicklung Angedeutete zu erklären: „Werde, der du bist.“ (Pindar, 5. Jh. v.C.)
„Liest man den Originaltext nach (Pythische Gedichte 2, 72), so zeigt sich, dass der Spruch um ein entscheidendes Wort verkürzt ist. Die freie Wiedergabe des vollständigen Verses lautet: ‚Erkenne, wer Du im Kern deines Wesens bist, und dann werde es.‘ Adressat dieser Aufforderung war kein geringerer als HIERON I., 478 – 467 v.Chr. der Herrscher (‚Tyrann‘) von Syrakus – Sieger im Wagenrennen bei den pythischen Spielen in Delphi. Und hier in Delphi verstand jeder diesen Vers als Zitat, denn alle kannten die Inschrift am Apollon-Tempel mit dem Befehl des Gottes von Delphi: ‚Erkenne dich selbst‘. Mithin ist die Entwicklung der Persönlichkeit von Anfang an mit dem Auftrag zur Selbsterkenntnis verbunden.“ Es folgt dann Goethes Gedicht, wozu der Spruch Pindars einen guten Kommentar bietet. [Den Spruch vom Tempel in Delphi halte ich für nicht optimal verstanden, vgl. den Artikel „Selbsterkenntnis“ im Hist. Wörterbuch der Philosphie! – Pindar galt dem jungen Goethe als maßgebender Dichter.]
Goethe selbst schreibt [über „das Gesetz, wonach du angetreten“, V. 4] zu Beginn von „Dichtung und Wahrheit“ im Zusammenhang mit den Aufgaben einer Biographie, dass von ihr etwas kaum Erreichbares gefordert ist, „daß nämlich das Individuum sich und sein Jahrhundert kenne, sich, inwiefern es unter allen Umständen dasselbe geblieben, das Jahrhundert, als welches sowohl den Willigen als Unwilligen mit sich fortreißt, bestimmt und bildet, dergestalt, daß man wohl sagen kann, ein jeder, nur zehn Jahre früher oder später geboren, dürfte, was seine eigene Bildung und die Wirkung nach außen betrifft, ein ganz anderer geworden sein“ (HA Bd, 9, S. 9, Z. 32 ff.) Die geprägte Form ist also nicht die von der Stellung der Sterne (ein bloßes Bild!), sondern von der historischen Situation bestimmte Persönlichkeit.
„dir kannst du nicht entfliehen“ (V. 5), diese Wendung lässt mich an die Figur Hans aus Leif Esper Andersens Jugendbuch „Hexenfieber“ (dt. 1977, bei dtv 1979) denken; Hans erklärt Esben, warum man als Aufklärer oder Aufgeklärter nicht vor der Angst der Menschen fliehen kann und wie er eingesehen hat, dass er nicht vor sich selbst davonlaufen konnte (dtv 7383, S. 84); im Jugendbuch geht es um eine vorbildliche tapfere Treue zu sich selbst mit dem Risiko, als „Hexer“ verbrannt zu werden, bei Goethe um das dieser Treue zu Grunde liegende „Gesetz“.
Dass Zeit und Schicksal das Kind zum Mann schmieden, statt es zu zerstückeln, kann man von Goethes Prometheus hören. Dass „keine Macht zerstückelt“ (zerstören kann), was sich als geprägte Form „entwickelt“ (V. 7 f.), ist wahrlich ein bedeutsamer Reim, ähnlich wie der bestimmende „Gruß[e] der Planeten“ dem Gesetz korrespondiert, „wonach du angetreten“ (V. 2/4).
„Das Zufällige“ ist die Rückseite der Münze, deren Vorderseite mit „Dämon“ beschriftet ist; das ergibt sich klar aus der zitierten Stelle von „Dichtung und Wahrheit“. „Ein Wandelndes“ (V. 10) ist ein tiefes Wortspiel; einmal greift es das Bild des Gehens auf (umgehen, V. 9; mit uns wandeln, V. 10), daneben aber ist durchaus „das Verändernde“ im Wort präsent (die strenge Grenze umgehen, V. 9). In den ersten sechs Versen ist das Individuum, das seinem Gesetz folgt, nicht isoliert wie das sich reflektierende philosophische ICH, sondern lebendiger Mensch unter Menschen; in den (allzu)menschlichen Zwischen-Spielen ist manches Tand, wird getändelt, getandelt, verbandelt. Dazu fällt mir die Äußerung der lustigen Person aus dem „Vorspiel auf dem Theater“ (Faust I) ein:
„Zufällig naht man sich, man fühlt, man bleibt,
Und nach und nach wird man verflochten;
Es wächst das Glück, dann wird es angefochten,
Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran,
Und eh‘ man sich‘s versieht, ist‘s eben ein Roman.“ (V. 161 ff.)
Im späten Gedicht heißt es getragener:
„Schon hat sich still der Jahre Kreis geründet,
Die Lampe harrt der Flamme, die entzündet.“ (V. 15 f.)
Auch hier wieder ein tiefsinniges Wortspiel: Der letzte Vers deutet mit dem Verhältnis von Lampe und Flamme auf die Gelegenheit hin, die sich („zufällig“) ergibt: dass eben Licht wird, wenn Lampe und Flamme zusammentreffen. Anderseits ist mit dem Tändeln und dem Runden der Jahre auf die Jugendzeit angespielt, die ins Erwachsenenalter übergeht: Wenn dann die Flamme der Liebesleidenschaft zündet, dann brennt man, Mann oder Frau, lichterloh – das wird im dritten Gedicht des Zyklus ausgeführt.
Begnügen wir uns jetzt mit dem Hinweis, dass die Liebesleidenschaft wieder von der „Nötigung“ eingeschränkt wird und dass am Ende doch noch „Hoffnung“ auf einen letzten Aufschwung bleibt; so deutet sich an, dass die fünf Gedichte des Zyklus „Urworte“ nicht nur fünf nebeneinander stehende Urworte bezeichnen, sondern sich in gewisser Weise auch am Lebenslauf orientieren:
– Das „Gesetz, wonach du angetreten“ (V. 4), steht am Anfang;
– es folgt die Tändelei der Jugend und die Rundung der Jahre,
– die heiße Leidenschaft des Frühlingstags
– und die Nötigung, im Arbeiten sich „Bedingung und Gesetz“ (V. 26) zu beugen,
– wobei zum Schluss die Hoffnung auch diese Grenzen überschreitet.

Wie sieht die Selbstverwirklichung aus, an deren Idee Goethe festgehalten hat, auch wenn sie von seiner Lebenserfahrung modifiziert worden ist? Sie bezeichnet ein Leben jenseits aller Moden und Macken gemäß einem Charakter, der dem willkürlichen Wählen vorausliegt, ohne den Bedingungen des Zusammenlebens auszuweichen; ein Leben sowohl von Leidenschaft wie von moralischen Gesetzen bestimmt; mit einem Blick auf das, wozu wir uns über alle Beschränkungen hinaus in „Hoffnung“ erheben können. „Alles Irdische erscheint ihm als Symbol, als Beispiel einer höheren Welt; mehrfach benutzt er dafür das Wort Gleichnis oder auch Abglanz. (…) Symbol dieses Leichter-Werdens und Sich-Auflösens ist die Wolke. Dem Menschen ziemt angesichts der Gleichnishaftigkeit der Welt die Haltung des Staunens…“ (E. Trunz, Kommentar zu den weltanschaulichen Gedichten: HA Bd. 1, S. 715 f.)

Goethe hat die „Urworte“ selber kommentiert: hier zu lesen!

http://www.e-scoala.ro/germana/fuhrmann.html (Fuhrmann: Orphische und hermetische Tradition in Goethes Werk Urworte. Orphisch)

https://www.uni-muenster.de/Leibniz/meieroeser/Wurzelwort.pdf (Wurzelwort, Stammwort; Urwort)

Nachtrag:

Goethe hat die „Urworte“ am 7. und 8. Oktober 1817 geschrieben, in seinen Divan-Jahren. Sie stehen im Zusammenhang mit seinem Bemühen, die Lebensgesetze in Gestalt von Urpflanze und Urphänomenen zu erkennen. Dazu passt, dass die Gedichte in der Zeitschrift „Zur Morphologie“ veröffentlicht wurden. Zusammen mit seiner Erklärung wurden sie im gleichen Jahr 1820 in der Zeitschrift „Ueber Kunst und Althertum“ nachgedruckt.
Zu „Urphänomen“: Goethe setzte auf die Wahrnehmung und Anschauung des Naturdings in seinem lebendigen Zusammenhang; die Grunderscheinung hinter den Phänomenen erschließe sich dem Schauen, Wissen, Ahnen, Glauben. Im „Urphänomen“ wird das Geheimnis der Natur gewahrt, das dem Menschen durchweg verschlossen ist, vom Künstler am ehesten erahnt wird. (Benedikt Jeßing, in Metzler Goethe Lexikon)
In den „Maximen und Reflexionen“ sagt Goethe selber es so:
„Urphänomen:
ideal als das letzte Erkennbare,
real als erkannt,
symbolisch, weil es alle Fälle begreift,
identisch mit allen Fällen“
Im ersten Druck waren nur die griechischen Wörter in Großbuchstaben die Überschrift, später wurden die deutschen Wörter ergänzt. Goethe stützte sich bei der Auswahl der Begriffe auf die 1817 übersetzen „Abhandlungen“ des dänischen Archäologen Zoega, vielleicht auch auf Gedichte seines Freundes von Knebel über Urworte (Dämon, Glück, Liebe, Noth; 1815). „Orphisch“ sollte man nicht zu wörtlich nehmen, Orpheus verkörpert die Erschaffung der Welt durch den Eros und ihre Verzauberung durch Musik und Poesie. Die fünf Begriffe stammen aus den „Saturnalia“ des spätantiken Autors Macrobius. In der Auslegung durch Urwörter will Goethe das menschliche Leben im Spannungsfeld verschiedener Kräfte begreifen, wie es sich aus einem unzerstörbaren Kern in den Besonderheiten der Beziehungen entfaltet.
Die Grundspannung ist die zwischen dem eigenen Dämon und den Beziehungen, in die man „zufällig“ gestellt ist. Das Bild der entzündenden Flamme liefert dann die grundlegende Metapher für die Eros-Strophe: Dämon und Tyche führen die humane Steigerung im Eros herbei. Eros ist umfassend die Begeisterung für das, worum es uns geht. Eros ist die Achse der fünf Gedichte; daneben stehen die beiden Kräfte, die uns als Individuen einschränken. Der erste und fünfte Teil thematisiert das eigene innere Gesetz (Dämon) und die sich uns eröffnenden Möglichkeiten (Elpis). – In der Sicht der Zusammenhänge der fünf Strophen habe ich mich an Theo Buck gehalten (Goethe Handbuch 1, 1996, S. 354 ff.).
Goethe entschied sich für die Vers- und Strophenlösung der Stanze: achte Verse, elf Silben jambisch [nur der b-Reim der Eros-Strophe hat zehn Silben!]; Reimschema a-b-a-b-a-b-c-c, bietet ein hohes Maß feierlichen Sprechens, um die Gesetze menschlicher Entelechie und Metamorphose feierlich als Prozess zu beschreiben und zu einer Pointe zu bringen (Theo Buck). In den beiden letzten Versen einer Strophe steht sozusagen deren Ertrag. Und das findet man im Wörterbuch:
Stanze (f.) auch Ottaverime, Oktave; ital. Strophenform aus acht Endecasillabi, im Deutschen aus acht fünffüßigen Jamben mit wechselndem männl. oder weibl. Versschluss (vgl. Kadenz) und strengem Reimschema aus zwei Terzinen und einem Reimpaar: aba bab cc. Dem Aufbau korrespondiert, ähnlich wie beim Sonett, die innere Struktur: Die beiden Schlussverse dienen der inhaltlichen Steigerung, Zusammenfassung o.ä. (Wb Uni Kiel: http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/hilfsmittel/glossar.asp)
Vgl. http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/lyrik/stanze.htm
http://www.peter-hug.ch/lexikon/stanze?Lvoll=2
Endecasillabo: http://www.li-go.de/definitionsansicht/metrik/endecasillabo.html

Nachtrag aus Goethes „Maximen und Reflexionen“ zu Urphänomenen (nach wissen-im-netz):
894. Wenn ich mich beim Urphänomen zuletzt beruhige, so ist es doch auch nur Resignation; aber es bleibt ein großer Unterschied, ob ich mich an den Grenzen der Menschheit resigniere oder innerhalb einer hypothetischen Beschränktheit meines bornierten Individuums.