Gryphius: Tränen des Vaterlandes – Analyse

Ich gehe davon aus, dass „Tränen des Vaterlandes“ eine Überarbeitung des Gedichtes „trauerklage des verwüsteten Deutschland“ aus dem gleichen Jahr 1637 ist; ich setze Gryphius‘ Neufassung (fett kursiv) interlinear unter die alte, damit man die beiden Gedichte parallel lesen kann. Der eine Text steht hier, der andere dort.

„trauerklage des verwüsteten deutschland“
Tränen des Vaterlandes – anno 1636

wir sind doch nunmehr ganz / ja mehr als ganz verdorben /
Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
der frechen völker schar / die rasende posaun /
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
das vom blut feiste schwert / die donnernde kartaun
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun
hat alles gut hinweg / das mancher saur erworben
Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret.

die alte redlichkeit und tugend ist gestorben /
Die Türme stehn in Glut, die Kirch‘ ist umgekehret.
die kirchen sind verheert / die starcken umbgehaun /
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
die jungfraun sind geschändt/ und wo wir hin nur schaun /
Die Jungfern sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun
ist feur / pest / mord und tod hier zwischen schanz und korben
Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret.

dort zwischen maur und stadt rinnt allzeit frisches blut
Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
dreimal sind schon sechs jahr als unsrer ströme flut
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut
von so viel leichen schwer / sich langsam fortgedrungen
Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen.

ich schweige noch von dem / was stärker als der tod /
Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
du straszburg weiszt es wohl / der grimmen hungersnot/
Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,
und dasz der seelenschatz gar vielen abgezwungen
Dass auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.

(Bei einer Modernisierung der Schreibweise sind viele Lösungen möglich; ich habe zwei Modernisierungen rückgängig gemacht. Wen eine ältere sprachliche Gestalt reizt, möge unter http://www.archivaria.com/Gedichte/Gryphius.html die „trauerklage“ anschauen!)

Erläuterungen:
Kartaune: (früher) großes Geschütz;
Schanze: geschlossene Verteidigungsanlage im Feld (vgl. „sich verschanzen“); in der „trauerklage“ ist noch zu sehen, dass die Schanzen aus Flechtwerk (korbartiges Reisiggeflecht) bestanden (sie waren neben den korben: Körbe, Korbwerk), wodurch die aufgeworfene Erde gehalten wurde;
Seelen-Schatz: Die ältere Fassung mit dem Hinweis auf Straßburg erlaubt es, mit einiger Sicherheit zu bestimmen, was ohne diesen Hinweis eher unbestimmt bleibt:
Kaiser Ferdinand wandte sich, nachdem er 12. Mai 1629 dem Dänenkönig den Frieden von Lübeck bewilligt hatte, in dem derselbe gegen das Versprechen, sich nicht weiter in die deutschen Angelegenheiten einzumischen, seine Lande zurückerhielt, mit um so größerer Entschiedenheit der Ausführung seines heißesten Wunsches, der Ausrottung der Ketzerei, zu. Zu diesem Zweck erließ er 6. März 1629 das Restitutionsedikt, nach welchem alle unmittelbaren und mittelbaren, seit dem Passauer Vertrag eingezogenen Stifter (wie Bremen, Magdeburg, Minden, Halberstadt, Straßburg u. a.), Klöster und andern Kirchengüter den Katholiken wieder zurückgegeben werden sollten; den katholischen Ständen, also auch den katholischen Bischöfen, welche in den zurückgeforderten Stiftern eingesetzt wurden, sollte das Recht zustehen, ihre Unterthanen zu ihrer Religion anzuhalten, und die im Augsburger Religionsfrieden zugestandene Religionsfreiheit nur den Augsburgischen Konfessionsverwandten, nicht den Reformierten verbleiben. Die strikte Durchführung dieses Edikts bedeutete die Vernichtung des Protestantismus in Deutschland. (Meyers Konversationslexikon, 4. Aufl. [1885 ff.], Bd. 5, S. 133 f., s.v. „Dreißigjähriger Krieg“)

Was bringt die Überarbeitung? Gryphius lässt das Gedicht „trauerklage“ im Wesentlichen bestehen: Jemand klagt in Vertretung des verwüsteten Landes, klagt über die Verwüstung des Landes durch den Krieg. In Vers 12 tritt der Sprecher als „ich“ hervor, während er zuvor immer im Plural „wir“, also für das Vaterland (bzw. dessen Menschen in ihrer Gesamtheit) gesprochen hat.
Aber im Einzelnen gibt es doch eine Reihe von Änderungen. Betrachtet man zunächst die Überschriften, so liegt im Übergang „trauerklage -> Tränen“ eine Konkretisierung vor; Tränen kann man sehen, Tränen versteht man als Ausdruck des Schmerzes. „verwüstet“ entfällt, „Deutschland“ ist durch das vielleicht stärker bindende Wort „Vaterland“ (positive Konnotation?) ersetzt. Ansonsten sehe ich bei der Überarbeitung drei Tendenzen:
1. Gryphius korrigiert stilistische Schwächen:
a) In V. 4 und V. 12 f. der alten Fassung ist der Satzbau holperig, wenn nicht falsch (unvollständig); ebenso stört in V. 4 „Mord“ den Takt und wird deshalb gestrichen;
die Veränderung „feist“ -> „fett“ ist für uns bedeutsam, im 17. Jh. war jedoch die Bedeutung beider Wörter nicht so deutlich unterschieden wie heute (H. Paul: Deutsches Wörterbuch).
b) V. 5 in der „trauerklage“ passt als simple moralisierende Redensart nicht in den Kontext, wird im Sinn von 2. ersetzt.
c) „auch“ in V. 14 sollte als stilistische Verbesserung begriffen werden.
2. Gryphius bemüht sich um eine Steigerung oder Dramatisierung der Aussagen über die Schrecken des Krieges:
a) Im V. 4 wird „mancher“ -> „aller“.
b) Wo es geht, fügt er Häufungen (Aufzählungen) ein: Schweiß, Fleiß, Vorrat (V. 4);
Türme, Kirche, Kirchen (V. 5 f.) – hier merkt man eine durch die Umarbeitung bedingte Schwäche (Kirche – Kirchen);
c) von Leichen „schwer“ -> von Leichen „fast verstopft“ (Steigerung, Vergrößerung);
d) siehe 3.!
3. Die neue Fassung wird abstrakter:
a) In der „trauerklage“ gibt es ein „hier – dort“, als ob der Sprecher bei den Schanzanlagen stände (V. 8) und zur Stadt hier blickte („dort“, V. 9); daraus wird ein allgemeines „hier“ (V. 9), das Schanze und Stadt gleichermaßen umfasst, also die Stadt und ihr Umfeld als Ort bezeichnet.
b) Nicht zwischen Schanzen und Körben geschieht das Schreckliche, sondern in „Herz und Geist“ (V. 8); zu fragen wäre, ob die aus den beiden Angaben „zwischen schanz und korben“ sowie „zwischen maur und stadt“ herausgesponnene Angabe „zwischen Schanz und Stadt“ überhaupt als reale Ortsangabe oder als summarische (und im Stabreim gebundene) Lokalisierung anzusehen ist.
c) „Straßburg“ wird als Ortsname getilgt, womit auch das Ereignis (s.o.) weniger bestimmt wird; dafür wird eine Häufung (Aufzählung) eingefügt (vgl. 1.!): „Pest und Glut und Hungersnot“.
4. Veränderung in den Reimwörtern:
Im Zug der genannten Revision konnte Gryphius weder an „gestorben“ (V. 5) noch an „Korben“ (V. 8) festhalten; in V. 3 f. war zudem der Satzbau problematisch. So ist die Serie der Reimwörter „verdorben / erworben / gestorben / korben“ durch „verheeret / aufgezehret / umgekehret (semantisch nicht unproblematisch!) / durchfähret“ ersetzt worden, während die anderen Reimwörter in den umarmenden Reimen erhalten bleiben. In den Terzetten ändert Gryphius bei den Reimwörtern nichts.

Was den Aufbau des Sonetts betrifft, sollte man die Terzette als Steigerung des zuvor Beklagten verstehen: Im 1. Quartett beklagt der Sprecher die Verheerung des Landes und den Verlust der eigenen Güter; im 2. Quartett berichtet er von der Verheerung der Städte und dem Verlust an Menschen, summarisch von Verlusten überall (V. 7 f.). Im ersten Terzett ist eine Steigerung sowohl durch die Zeitangaben „allzeit“ (V. 9) und „dreimal sechs Jahre“ (V. 10 – das ist „mehr“ als 18!) wie auch durch das Bild der verstopften Flüsse möglich. Im letzten Terzett wird durch die Beinahe-Aposiopese (Ich schweige von…: innerer Widerspruch?) und den Komparativ „grimmer“ das Bild der Schrecken noch einmal gesteigert. – In http://www.teachsam.de/deutsch/d_ubausteine/aut_ub/gry_ub/gry_txt_4_ub_1.htm finden wir eine Skizze mit den wesentlichen rhetorischen Mitteln, die den von uns beschriebenen „Aufbau“ begleiten.

Man sollte die alte Analyse von Erich Trunz (in: Die deutsche Lyrik, Bd. I, hrsg. von Benno von Wiese, S. 139 ff.; Auszüge in http://www.teachsam.de/deutsch/d_ubausteine/) zur Kenntnis nehmen; Trunz paraphrasiert das Gedicht und versucht, eine positive Wendung aus der Sonettform herauszupressen. Er deutet den Seelen-Schatz zunächst richtig als Glaubensfreiheit (S. 142), dann als „das Gute im Menschen“, welches der Teufel zerstöre: Alles Positive, was zu ergänzen ist, bleibe dem Leser überlassen, „nicht nur als Gedanke, sondern als Tat“ (S. 143). Der Schluss sei demnach „wie eine Mahnung zum Standhaftbleiben an das ‚kleine Häuflein‘ der Endzeit“ gerichtet“ (S. 143). Obwohl diese Lesart etwas abenteuerlich klingt, ist sie nicht ganz abwegig, auch wenn man sich nicht wie Trunz auf Gryphius‘ Wahlspruch „Manet unica virtus“ bezieht (S. 143).
Die Frage, ob an Trunz‘ Verständnis nicht etwas dran ist, ergibt sich meines Erachtens eher aus der Form des Gedichtes: Es ist, wenn man es mit Gryphius‘ Morgen-Sonett vergleicht (s. den Aufsatz „Lyrik des Barocks“ in dieser Kategorie!), wie eine erste Hälfte, wie eine bloße Schilderung der Nacht-Welt; die Frage ist, ob die zeitgenössischen Leser nicht die zweite Hälfte, den Glauben an den kommenden Tag und sein „Licht“, mitgelesen oder -gehört haben. Ich würde also eher auf den religiösen Topos („Die Nacht verweist auf den kommenden Tag.“) als wie Trunz auf die Form des Sonetts rekurrieren, um das Gedicht „Tränen des Vaterlandes“ nicht ausschließlich „negativ“, also im Sinn einer hoffnungslosen Klage zu verstehen. Anderseits ist es rein vom Wortlaut her ein bloße Klage – vielleicht ist es also ein Schritt hin zu einem neuen Gedichttypus.

Im Netz gibt es eine Reihe kurzer Analysen von Schülern; die beste ist noch die von Christoph Weber (abi.sebisworld.com/homew…s-Gryphius.doc), auch wenn er zum Schluss etwas stark moralisiert. Ansonsten zum Beispiel:
http://www.biblioforum.de/forum/read.php?31,879 (Diese Analyse führt zur Frage, ob Gryphius persönliche Erlebnisse in diesem Gedicht verarbeitet.)
http://www.ciao.de/Alles_mit_T__Test_2720138 ( z.T. phantasievoll)
http://www.beepworld.de/members2/ramsch/deutsch-gryphius.htm (formal richtig) – das sind noch die besseren Aufsätze.
Eine Zusammenstellung von schwachen oder falschen Schüleräußerungen bietet
http://www.teachsam.de/deutsch/d_ubausteine/aut_ub/gry_ub/gry_txt_4_ub_5.htm; hier könnte man trainieren, wie man es besser macht. Was in http://www.philognosie.net/index.php/article/articleview/308/2/ zum Alexandriner gesagt wird (4. Takt als Pause), ist direkt falsch; richtig muss es heißen:
Der Alexandriner in den Schlussversen hat folgende Struktur:
U __ U __ U (Pause) __ U __ U __ U __ (Pause)
Diese Struktur ist auch die der ersten Verse in den Quartetten.
In den anderen Versen (bei den Paarreimen) ist die Struktur so:
U __ U __ U (Pause) __ U __ U __ U (Pause – hier fehlt eine Silbe am Versende, weshalb die Pause dort noch deutlicher empfunden wird!)

Zu einem Gedichtvergleich mit G. Heym regt http://www.artikelpedia.com/artikel/deutsch/2/gedichtvegleich-zischen-a90.php an.

Zur Biografie Gryphius‘ findet man http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/lyrik/gryphius.htm Hinweise. Ausführliche Biografie:
http://www.ihg-net.de/cms/front_content.php?idcat=407
Wenn man sieht, wie Gryphius um 1636 gelebt hat:
1634 Besuch des Akademischen Gymnasiums Danzig, Hauslehrer bei einem General;
1636 Hauslehrer auf dem Gut des Juristen Georg Schönborner;
1637 Ernennung zum Magister mit Lehrbefugnis;
1638 Reise mit den Söhnen Schönborners nach Holland, Studium an der Uni Leiden…,
dann sieht man, dass Gryphius im Gedicht „Tränen“ (trotz seiner Erfahrungen in Glogau, s. Biografie) nicht persönliche Erfahrungen verarbeitet, sondern der Barock-Dichtung gemäß öffentlich-lehrhaft schreibt. Es ist ein methodischer Fehler, Gryphius‘ Gedicht im Sinn des Lyriktypus zu lesen, wie er erst seit 1770 ausgebildet worden ist (G. Brandmeyer: Die Gedichte des jungen Goethe). Für das Gedicht „Thränen in schwerer Kranckheit“ zeigt Wolfram Maurer (Gedichte und Interpretationen, Bd 1, RUB 7890, S. 223 ff.) ebenfalls, dass man es nicht biografisch lesen muss oder darf.

Gryphius: Einsamkeit – Analyse (Skizze)

Sprecher ist ein lyrisches Ich;
es beschreibt seine Betrachtungen (V. 1 ff.) und deren Ergebnis (V. 9 ff.), die es in der Einsamkeit (V. 1 f., V. 5) anstellt;
Form: Sonett, Bedeutung für den Aufbau: s.o. (Betrachtungen/Ergebnis) und unten;
sechshebiger Jambus mit Zäsur in der Mitte (Alexandriner);
einzige Taktstörung ist „hier“ (V. 5 – Gegenort zur „Welt“);
eine Reihe sinntragender Reime (See/Höh; vergeh/steh; Stein/Bein; Gedanken/ Wanken – nur der letzte Reim verbindet Konträres, die anderen Gleiches).
Die Meditation (Betrachtung, vgl. V. 3, 6, 11) ist eine Art religiöser Übung, zu der die Einsamkeit aufgesucht, also „die Welt“ (Palast, des Pöbels Lüste, V. 5) verlassen wird. Betrachtet wird (in den Quartetten),
– wie die Einsamkeit (in) der Natur da ist (V. 1 – 4),
– wie der Mensch „in Eitelkeit“ vergeht (V. 6-8);
– dass letztlich alles wankt ohne einen Geist, den Gott selbst hält (V. 14: Fazit).
Das Szenario, wo das Ich sich befindet, wirkt etwas gekünstelt, sinnbildhaft (V. 1 ff. Wüsten usw.); Adjektive „öde“ bis „still“ (V. 1 – 4); das Ich hat sich wohl bewusst von der Welt abgewandt (V. 5), ist also bereits vor seiner Betrachtung religiös gesinnt und gestimmt. Es gibt sich der (biblisch vorformulierten: Kohelet) Betrachtung hin, dass das menschliche Leben „eitel“ ist (V. 6), und begründet diese These einmal pauschal (V. 7), einmal konkret (V. 8). Solche Einsicht ist in der „Einsamkeit“ (Titel), fernab vom Getriebe der „Welt“ zu gewinnen.
In den Terzetten spricht es das Ergebnis seiner Betrachtung aus: Das Ensemble der für die Betrachtung der Vergänglichkeit geeigneten Stücke (V. 9 ff.) erzeugt „unzählige Gedanken“ – noch sehr unbestimmt, nicht in einer Einsicht versammelt, möglicherweise Gedanken der Mut-Losigkeit (vgl. V. 11). Dafür würde die paradoxe Wendung im zweiten Terzett sprechen: Die Betrachtung des Alten und Unfruchtbaren wird im Ich fruchtbar in der wahren („eigentlich“) Erkenntnis, „dass alles… muss wanken“, wenn es nicht als „Geist“ (anti- oder über-weltlich) von Gott gehalten wird.
Typisch für den Barock ist die im Sonett bildhaft formulierte Einsicht in die Vergänglichkeit des Irdischen, die im Blick auf das Beständige (Gott) sowohl gewonnen wird wie zu ertragen ist: Dichtung ist Gesellschaftsdichtung; sie dient einem Zweck, aber verarbeitet nicht Erlebnisse.

Hintergrund: Vergänglichkeitserfahrung im Barock (vanitas-Motiv, wobei vanitas [Eitelkeit im Sinn von Nichtigkeit] eine lateinische Übersetzung des hebräischen Wortes „Windhauch“, ein Pusten, also ein Nichts, ist).

Gryphius: Es ist alles eitel (eittel) – zur Semantik der Reime

In den Quartetten liegt die Form des umschließenden Reims vor; so wird durch das erste Reimwort eine kleine Ruhepause erzeugt, durch das zweite die Strophe in sich geschlossen. Insgesamt verbinden die Reime Vorstellungen der Zerstörung, des künftigen Untergangs. Das möchte ich an zwei Beispielen zeigen: Das Blühende soll „bald zutretten werden” / uns Glücklichen drohen bald „die beschwerden” (V. 5/8), wobei durch die Wiederholung des temporalen Adverbs „bald” der bevorstehende drohende Untergang näher heran gerückt wird. Im gleichen Sinn reimt sich „asch vnd bein” (V. 6) auf „marmorstein” (V. 7), wobei durch die Negationen „kein” und „nichts” (V. 7) ausgeschlossen wird, daß Beständiges Bestand hat – ewigen Bestand hat. Nur der Reim „eitelkeit auf erden” / „spilen mit den heerden” (V. 1/4) paßt nicht in das Schema der strengen Entsprechung, welches sonst durchgehalten wird: das Spiel des Kindes ist zwar gegenüber dem städtischen Leben (V. 3) ein Rückschritt oder Untergang, trägt in sich aber idyllische Züge, so dass es hier ambivalent wirkt.
In den Terzetten gibt es einen schweifenden Reim, wodurch die beiden Enden der Terzette aneinander gebunden werden. Dieser Reim („für köstlich achten” / „was ewig ist… betrachten”, V. 11/14) bindet in gewissem Sinn zwei gegensätzliche menschliche Handlungen zusammen: Was wir für köstlich achten, ist in Wahrheit nichtig; es gibt aber die Möglichkeit, das Ewige zu betrachten; da der Dichter aber anklagend feststellt, dass kein einziger diese Möglichkeit verständigen Lebens ergreifen will (V. 14), ist es in Wahrheit die gleiche menschliche Unverständigkeit, die in beiden Versen beklagt wird: die Hochschätzung des Nichtigen, die Missachtung des Ewigen.
Die beiden Paarreime in den Terzetten stellen wieder Bilder des Nichtigen, des Vergänglichen im Gleichklang zusammen (mit den sinnträchtigen Worten „vergehn” / „bestehn”, V. 9/10, welche die besprochene Problematik des Eitlen umfassen); damit führen sie die Thematik der beiden Quartette fort.

Dies ist ein Versuch, nur zu der von den Reimen erzeugten Sinnfülle etwas zu sagen; die Kunst besteht darin, solche Beobachtungen mit anderen beschreibend und erklärend zu verbinden.