Brecht: Einheitsfrontlied – Analyse

Und weil der Mensch ein Mensch ist …

Text

http://www.erinnerungsort.de/und-weil-der-mensch-ein-mensch-ist–28einheitsfrontlied-29-_113.html (alle mit 4 Strophen)

http://www2.igmetall.de/homepages/bremerhaven/buchtippsliedertexte/liedertexte/einheitsfrontlied.html (mit engl. und französ. Version)

http://ciml.250x.com/sections/german_section/gedichte_lieder/b_brecht.html

http://www.dkp-mk.de/musik/einheitsfrontlied

http://www.marxists.org/subject/art/music/lyrics/de/die-einheitsfront.htm (mit Musik)

Das „Einheitsfrontlied“ verfassten Bert Brecht und Hanns Eisler Ende 1934 im Londoner Exil, nachdem Erwin Piscator sie im Auftrag des Internationalen Musikbüros in Moskau um ein gutes Einheitsfrontlied gebeten hatte. Ursprünglich hatte das Lied, das in viele Sprachen übersetzt wurde, auch eine englische, französische und russische Strophe. Das Lied wurde öffentlich erstmals von Ernst Busch und einem Massenchor von 3.000 Arbeiterinnen bei der Ersten Internationalen Arbeitermusik- und Gesangs-Olympiade im Juni 1935 in Straßburg (Elsaß-Lothringen) gesungen. Gedruckt wurde es erstmals 1937 in Spanien in einem von Ernst Busch herausgegebenen Liederbuch; Brecht nahm es in die „Svendborger Gedichte“ (1939) und in die „Hundert Gedichte“ (1951) auf.

„Als Bertolt Brecht 1928 den größten Theatererfolg der Weimarer Republik verfasste (oder vielleicht besser: aus zahlreichen Quellen zusammenstellte), war sein sozialistisches Weltbild erst im Werden begriffen. Die Dreigroschenoper widmet sich eher dem genüsslichen Studium der Halb- und Unterwelt denn der strengen marxistischen Analyse. Konkreter wird Brecht, auch angesichts der zunehmend ungemütlichen Situation in Deutschland, erst zu Anfang der 1930er Jahre. In ‚Kuhle Wampe’, dem ersten deutschen Arbeiterfilm, verlangt das Solidaritätslied: ‚Vorwärts und nicht vergessen, / worin unsre Stärke besteht! / Beim Hungern und beim Essen, / vorwärts, nie vergessen: / die Solidarität!’ Das ebenso berühmte Einheitsfrontlied stammt schon aus Brechts Exilzeit: ‚Und weil der Mensch ein Mensch ist…’ Für beide fand Hanns Eisler gut sing- und gangbare Weisen, rhythmisch, federnd, fordernd – und auch ein wenig preußisch: ‚Reih dich ein in die Arbeiter-Einheitsfront, wo dein Platz, Genosse, ist!’ Dieser Aufruf kam, jedenfalls für Deutschland, leider zu spät: Die Einheitsfront, also das Zusammengehen der kommunistischen und der sozialdemokratischen Kräfte, hätte Hitler zweifellos eher aufhalten können als die vor 1934 von der Kommunistischen Internationalen durchgesetzte Sozialfaschismusthese, die den Hauptfeind des Proletariats in den Sozialdemokratischen Parteien sah.“ (VPOD-Magazin, März 2011)

Das Gedicht ist als politische Auftragsarbeit ganz einfach gestrickt: Wir haben drei (oder vier – wie die Differenz zu erklären ist, weiß ich nicht) Strophen vor uns, die im Prinzip gleichartig aufgebaut sind: Der erste Vers lautet immer: „Und weil der Mensch ein Mensch ist“, was als Identitätsformel nicht besonders originell, aber plausibel ist; nur in der letzten Strophe ist „Mensch“ durch „Prolet“ ersetzt – da wird auch der sonst weniger bestimmte zweite Teil der Strophe politisch eindeutig. Auf den Kausalsatz der ersten Verse folgt im zweiten Vers der begründete Hauptsatz, was der Mensch braucht bzw. nicht braucht: Essen, Kleidung, keine „Stiefel im Gesicht“, also keine Unterdrückung (das Bild vom tretenden Stiefel hat Brecht kurz vorher schon im „Lied vom Wasserrad“ verwendet). In der letzten Strophe steht dagegen die Prognose (nach der Theorie des Klassenkampfes), dass kein anderer sie befreien wird, sondern dass die Arbeiter sich selbst befreien müssen. Im dritten und vierten Vers folgen unterschiedliche Fortsetzungen: dass Geschwätz nichts nützt; dass der Mensch keine Herrschaft ausüben oder ertragen will; dass nur die Arbeiter die Arbeiter befreien werden. An alle diese zweiten Teile (Vers 3 und 4 jeder Strophe) schließt sich der immer gleiche Refrain sinnvoll an: die Aufforderung, sich in die Arbeitereinheitsfront einzureihen, „weil auch du ein Arbeiter bist“; denn dann können die zuvor genannten Bedürfnisse befriedigt werden – das wird aber nicht eigens ausgesprochen. Zuvor wird mit dem wiederholten „Drum links, zwei drei“ der Rhythmus einer marschierenden Truppe dargestellt, verbunden mit der Aufforderung „Wo dein Platz, Genosse, ist“: bei der Arbeitereinheitsfront im Klassenkampf.

Es gibt keinen als Person hervortretenden Sprecher bzw. nur einen für die Arbeiter parteiischen Sprecher, der politische Wahrheiten verkündet; indem das Gedicht von vielen gesungen wird, werden die Sänger als Repräsentanten der Arbeiter zu den Sprechern des Gedichts. Sie wenden sich an den Einzelnen, der Arbeiter und eigentlich auch „Genosse“ ist, aber sich der Einheitsfront noch nicht angeschlossen hat – sie unterstellen damit, dass sie die Arbeitereinheitsfront sind. Die einfachen, durch Wiederholung eindringlichen Thesen und Aufforderungen stehen in Strophen, wo sich jeweils der zweite und vierte Vers reimen. Die dritten Verse haben vier Hebungen, die ersten, zweiten und vierten Verse drei Hebungen, mit unregelmäßiger Füllung; im Refrain haben der erste und dritte Vers vier, der zweite und vierte Vers drei Hebungen, das ergibt einen straffen Rhythmus. Das Gedicht lehnt sich so an die Chevy-Chase-Strophe an, welche die vorherrschende Strophenform englischer Volksballaden ist. Die internationale Verbreitung des Liedes gibt der künstlerischen Konzeption von Brecht und Eisler Recht: Wenn man theoretische Debatten über die Einheitsfront verfolgt, schläft man leicht ein; Brecht und Eisler haben dagegen ein einfaches, schmissiges Lied fabriziert, was eine gute Voraussetzung für die breite Rezeption ist.

Analyse

http://de.wikipedia.org/wiki/Einheitsfrontlied (Begriff und Geschichte der Einheitsfront)

http://www.kommunisten.ch/index.php?article_id=235 (historischer Kontext)

http://www2.cddc.vt.edu/marxists/deutsch/archiv/thalheimer/1932/einheitsfront/index.htm (August Thalheimer über die Einheitsfront gegen den Faschismus, 1932)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=U0ihz0ryFRA

http://www.lastfm.de/music/Ernst+Busch/_/Einheitsfrontlied (Ernst Busch, 3 Strophen)

http://www.youtube.com/watch?v=R4ExkGrnUzo (Ernst Busch, mehrsprachig)

http://www.youtube.com/watch?v=cTM9J1PX4CI (Ernst Busch, mit engl. Untertiteln)

http://www.youtube.com/watch?v=US7TVy0m_b8 (DsingisKahn)

http://www.youtube.com/watch?v=1f_otoGMAoE (Commandantes)

http://www.youtube.com/watch?v=Pkicbh8UgUo (Ton, Steine, Scherben)

http://www.youtube.com/watch?v=HTgbQhaiZDs (mir unbekannt)

http://www.youtube.com/watch?v=-aY9_3FmAi0 (Angelika Sacher, 1 Str.)

http://mp3.li/index.php?q=Hannes%20Wader%20-%20Das%20Einheitsfrontlied (mehrere Versionen)

http://www.filestube.com/e/einheitsfrontlied (mehrere Versionen)

http://zomobo.net/einheitsfrontlied (viele Versionen)

http://www.myspace.com/music/player?sid=19243620&ac=now (Tatendrang)

Rezeption

http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?lang=en&id=9297 (viele Sprachen)

http://www.youtube.com/watch?v=9MK18OjSsYc (finnisch?)

http://www.stadtbekannt.at/de/magazin/musik/reih-dich-ein_-genosse_.html (Plädoyer dafür, beim Arbeiten zu singen)

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Brecht: Kinderhymne – Analyse

Anmut sparet nicht noch Mühe …

Text

http://ingeb.org/Lieder/anmutspa.html

http://www.vbr.com/doku/kinderhymne.htm

http://www.joergalbrecht.de/es/deutschedichter.de/werk.asp?ID=300

http://erinnerungsort.de/kinderhymne–28festlied-der-kinder-29-_459.html

Hanns Eisler regte 1950 Brecht dazu an, mit ihm zusammen Kinderlieder zu machen; Anlass für Brechts „Kinderlieder“ (v.a. Mai/Juni 1950 entstanden) waren auch die Feiern zum 1. Mai 1950 und das Pfingsttreffen der FDJ. Die „Kinderlieder“ durften aber nicht in der von Brecht vorgesehenen Fassung veröffentlicht, sondern mussten überarbeitet werden.

Die „Kinderhymne“, veröffentlicht 1950 in „Sinn und Form“, ist kritisch auf Hoffmann von Fallerslebens „Das Lied der Deutschen“ bezogen, das seit 1922 Nationalhymne war; 1945 wurde von den Alliierten die Nationalhymne abgeschafft. Adenauer ließ am 6. Mai 1950 die 3. Strophe des Deutschlandliedes in Berlin als eine Art Hymne singen; sie wurde im Mai 1952 offiziell Hymne, 1991 im Briefwechsel Kohl/von Weizsäcker bestätigt. Adenauers Aktion vom Mai 1950 war für Brecht der Anlass, sich in seiner „Kinderhymne“ kritisch mit dem Deutschlandlied auseinanderzusetzen. Aber auch Bechers Hymne „Auferstanden aus Ruinen“, Ende 1949 entstanden und am 8. Februar 1950 offiziell zur Nationalhymne der DDR bestimmt, ist ein Text, von dem sich Brechts „Kinderhymne“ absetzt. Die 3. Strophe gehört nicht zum ersten Entwurf Brechts (s. Autograf!) – Detailliertere Untersuchungen finden sich vor allem in den ersten beiden Links (Müller und Ortmeyer).

Es spricht jemand, der wie ein kluger Lehrer weiß, wie ein gutes Deutschland (erst noch) entstehen kann. Er spricht die Deutschen in den Imperativen der 1. Strophe an, zählt sich selber aber auch zur „Wir“-Gemeinschaft (3. und 4. Str.).

In der 1. Strophe ruft der Sprecher die Deutschen dazu auf, dass sie sich bemühen sollen, „daß ein gutes Deutschland blühe“ (V. 3). „Anmut“ ist Brechts Ersatzwort für „Arbeit“ – zu arbeiten kann man jemand aufrufen, aber nicht dazu, anmutig zu sein; was Kinder sich unter „Anmut“ vorstellen, weiß ich nicht. „Anmut und anmutig bezieht sich gegenwärtig fast nur auf Gestalt und Form und bezeichnet namentlich auch die Schönheit in der Bewegung, z. B. eine anmutige Haltung, eine anmutige Stellung, Bewegung, Erscheinung, ein anmutiges Bild usw. Auf Gehöreindrücke übertragen sagt man auch: eine anmutige Musik, ein anmutiges Lied usw., gerade so wie man vom Gang der Melodie und Harmonie, vom Tonfall u. dgl. (alles von der sinnlichen Bewegung entlehnt) spricht. Anmut schließt alle Hast und Leidenschaft aus und weist auf plastische Ruhe in der Bewegung hin.“ (Eberhard: Synonymisches Wörterbuch, 1907, Art. 105) Mit dem Verb „blühen“ greift Brecht ein Wort des Deutschlandlieds auf. Der letzte Vers („Wie ein andres gutes Land“) stellt sich gegen die alte 1. Strophe: „Deutschland, Deutschland über alles…“ Dass „ein gutes Deutschland“ (V. 4) erblühen soll, lässt die Erwachsenen noch an die Blüte des bösen Deutschland bis 1945 denken und daran, dass auch diese böse Geschichte zu Deutschland gehört.

In der 2. Strophe wird als Ziel oder Folge beschrieben, was geschieht, wenn ein gutes Deutschland blüht. Die Völker sind vor dem Deutschen Dritten Reich erbleicht, das „wie eine Räuberin“ bis 1945  in Europa gewütet und Länder erobert hat. Ob man dazu an die Germania denken muss, wie Volker Schneider vom Gymnasium Hermeskeil meint, bezweifle ich. Am Ende der 2. Strophe wird die Gleichheit Deutschlands im Kreis der anderen Völker unterstellt, wieder in einem Vergleich („wie“, V. 8, wie V. 4). Damit widersetzt der Sprecher sich dem alten Größenwahn, unterstellt aber auch 1950 bereits eine Anerkennung Deutschlands im Kreis der Völker, die so sicher nicht gegeben war. Man kann V. 7 f. aber auch als Wunsch lesen: Sie mögen uns wieder als gleichberechtigt in ihren Kreis aufnehmen; diese Lesart wird der Konjunktion „daß“ [= auf dass] eher gerecht.

Die 3. Strophe ist eine kritische Abrechnung mit dem Deutschlandlied: Nicht „über alles“, aber auch „nicht unter andern Völkern wolln wir sein“ (V. 9 f.). Die Grenzen werden auf die Gegebenheiten 1950 korrigiert: Nicht von der Maas bis an die Memel, sondern von der Oder bis zum Rhein ist Deutschland, soll und will es sein.

Dass wir dieses Land verbessern, wird als Grund der Liebe angegeben (V. 13 f.) – eine seltsame Umkehrung des Verhältnisses, finde ich. Wovor wir es 1950 „beschirmen“ müssen, bleibt offen. In den beiden letzten Versen grenzt der Sprecher sich noch einmal gegen „Deutschland über alles“ ab: Es mag uns das liebste „scheinen“ (V. 15); dieser Anschein ist so berechtigt wie der gleiche Anschein bei anderen Völkern (V. 16, noch einmal „wie“), womit der Anschein als bloßer Schein erklärt wird.

Die Form  des Gedichts ist die eines Volksliedes (vierhebiger Trochäus, Kreuzreim in den beiden ersten Strophen, Wechsel von weiblichen und männlichen Kadenzen); es passt genau in die von Haydn komponierte Melodie des Deutschlandliedes. Hanns Eisler und andere haben Brechts Kinderhymne dann vertont (s.u.). Die Sprache des Gedichts ist kindlich, aber die Gedankenführung überfordert Kinder; es ist deutlich um politische Korrektheit bemüht – die Abgrenzung gegen das Deutschlandlied verstehen Kinder sicher nicht. Ich wiederum verstehe nicht, was für ein großes Gesumse um Brechts bemühtes Gedicht gemacht wird (s. die Links) – als neue deutsche Hymne scheint es mir nicht geeignet zu sein; da würde ich eher auf einen Text verzichten, als so viel politische Pädagogik auf die Dauer als Hymne zu ertragen.

http://muellers-lesezelt.de/aufsaetze/lieder_der_deutschen.pdf (zu Hoffmann von Fallersleben S. 2 ff., zu Bechers Hymne S. 9-11; zu Brecht S. 12-14)

http://www.labournet.de/diskussion/geschichte/auferstanden_ortmeyer.pdf (B. Ortmeyers Auseinandersetzung mit Bechers Hymne bis S. 6, Bechers Nationalismus S. 6 f.; Brechts Hymne S. 7 f.)

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz00_10/text5.htm (Lobpreis des Gedichts, mit Autograf )

http://www.globkult.de/gesellschaft/projektionen/441-nationalsymbole-und-pathos-in-deutschland-bert-brechts-kinderhymne (F. Söhner, Anekdoten, mit Text) = http://www.iablis.de/iab2/content/view/587/97/

http://www.gymherm.de/web/08_fachbereiche/deutsch/deutsch.htm (V. Schneider, kritisch gegen Brecht!)

http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderhymne (sehr knapp)

http://bilder.buecher.de/zusatz/35/35227/35227950_lese_1.pdf (unvollständig!!)

http://www.hanskottke.de/wordpress/?p=1097 (Geschichte: Lied[er] der Deutschen, nur Texte)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?gl=DE&hl=de&v=0LI35DsFPgU

http://www.youtube.com/watch?v=c7ZtcuGuyTI

http://www.rezitator.de/gdt/288/

http://www.rezitator.de/gdt/42/

http://www.youtube.com/watch?v=A0SKw6zrgeM (gesungen)

http://www.youtube.com/watch?v=a7GkiBcPz1s (dito) = http://www.youtube.com/watch?v=TXEwMnWzAsc

http://www.youtube.com/watch?v=S4xDporl2pU (Gina Pietsch)

http://www.youtube.com/watch?v=cy-upD_OaxI (fünf Kinderlieder Brechts)

Rezeption

http://www.leitkultur-humanismus.de/hymne.htm

http://raul.de/wortsport/die-kinderhymne-von-bertold-brecht/

http://www.linksfraktion.de/pressemitteilungen/anstoss-walter-jens-brechts-kinderhymne/

http://www.kammannmachtspass.de/9.html

http://bryantmcgill.com/wiki/poetry/bertolt_brecht/kinderhymne_childrens_hymn

http://lied-aller-deutschen.de/viewtopic.php?p=307&sid=fa20c54312ebefec732f58be6ceaa54e

http://www.von-fallersleben.de/deutschlandlied-9.html

http://de.answers.yahoo.com/question/index?qid=20081023063957AAHOscK

http://www.bb6.org/thread.php?postid=1156158

http://www.nibis.de/nibis.phtml/FWU-05500940/wmv/Arbeitsmaterial/Einzeldateien/Texte_Tabelle/FWU-05500940/wmv/Arbeitsmaterial/Einzeldateien/Begleitheft/BWS-05553067/menue/nibis.phtml?menid=4190

http://www.radioeins.com/default.aspx?ID=12144&showNews=1253974

http://www.klartext-magazin.de/47A/deutschland2/?p=36

http://www.kurtschwaen.de/schwaen/noten/Kinderhymne.pdf (Noten)

Sonstiges

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz98_02/text02.htm (Eisler/Brecht: Kinderlieder)

http://www.alexanderkroll.de/Website_10/akademisch_files/Bertolt%20Brecht.pdf (Kinderlieder Brechts)

http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Nationalhymne

http://de.wikipedia.org/wiki/Deutschlandlied

https://de.wikipedia.org/wiki/Auferstanden_aus_Ruinen

Brecht: Deutschland (1933) – Analyse

O Deutschland, bleiche Mutter…

Text

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht63.html

http://www.kaz-online.de/pdf/332/332_3.pdf

http://www.oocities.org/de/alemao2a/Brecht.htm

Schande, im Gegensatz zur Ehre die Mißachtung, die denjenigen trifft, der durch sein Verhalten die Sittlichkeit, die gute Sitte oder die Forderungen der Standes-, Berufs– etc. Ehre verletzt. (Meyers Großes Konversationslexikon, 1909)

Schande heißt die schlechte Meinung, die andere von unserem Wert, besonders dem moralischen, haben. Wie bei der Ehre, dem Gegenteil der Schande, haben wir auch hier äußere und innere Schande zu unterscheiden. Jene ist das verwerfende Urteil, welches die Welt über uns fällt, diese die Verurteilung durch unser Gewissen. (Kirchner/Michaelis: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe, 1907)

Schande 1. ♦ Zustand des Verachtetseins, Bloßgestelltseins, in den man durch (eigenes) schuldhaftes Tun geraten ist; 2. etw. ist eine Schande ♦ etw. ist empörend, unerhört. (DWDS)

Es ist offensichtlich, dass Schande sich darin zeigt, dass andere auf jemanden herabsehen, weil er etwas Schändliches getan hat – was jedoch schändlich ist, ist nicht so klar bestimmt wie die verachtende Geste „herabsehen“. Wenn also normalerweise über die Schande eines Menschen gesprochen wird, besorgen das die anderen. Im Motto des Gedichtes unterstellt Brecht jedoch, dass jedermann von seiner eigenen Schande spricht – noch genauer: dass er nicht von der Schande der anderen sprechen will (das mögen sie selbst tun), sondern von der eigenen, „von der meinen“. Das ist als ungewöhnlich festzuhalten und rückt das unter diesem Motto stehende Gedicht in ein eigentümliches Licht: Es könnte eine Art Sündenbekenntnis werden. Mit dem Bekenntnis zur eigenen Schande bezieht er sich zugleich kritisch auf den Anspruch der Nazis, die Ehre Deutschlands wieder herzustellen (Parteiabzeichen vor 1933 mit der Inschrift in  zwei Zeilen: EHRE FREIHEIT / ARBEIT BROT): In Wahrheit bereiten sie ihm nur Schande; dazu unten mehr. Der Sprecher ist im Motto ein Ich, das man Ich-Sprecher-Brecht nennen sollte; auch wenn er im eigentlichen Text des Gedichts nicht ausdrücklich als Ich auftaucht, wertet er doch so deutlich und im Sinn Brechts (Deutschland ist 1933 bleich, befleckt, der beste Sohn erschlagen, die Wahrheit muss schweigen usw.), dass an der Identität des Ich-Sprechers im Motto kein Zweifel bestehen kann, auch daran nicht, dass er später immer noch spricht, selbst wenn das Personalpronomen der 1. Person Singular nicht auftaucht.

In der 1. Strophe wird offenbar, worin die Schande des (Ich-)Sprechers besteht: Seine Mutter ist „besudelt“ (V. 2), also beschmutzt. Er spricht seine Mutter Deutschland direkt an („O“, V. 1) und beklagt, dass sie „besudelt“ unter den anderen Völkern sitzt, die offenbar als Menschen vorgestellt werden. „Mutter Deutschland“ ist eine ungewöhnliche Bezeichnung für das, was man gewöhnlich „Vaterland“ oder „Heimatland“, vielleicht noch „Geburtsland“ nennt: Deutschland wird so das Land, nicht nur in dem man geboren worden ist, sondern das einen geboren und ernährt hat; mit der Metapher „Mutter“ wird die elementarste menschliche Beziehung ins Spiel der politischen Anklage gebracht. Wenn die Mutter bleich ist, dann geht es ihr nicht gut. Wie beschmutzt Deutschland ist, wird im zweiten Teil der 1. Strophe deutlich: „Unter den Befleckten / Fällst du auf.“ (V. 4 f.) Deutschland ist also das schmutzigste Land von allen, klagt der Sprecher. In den vier ersten Strophen markiert der Schlussvers jeweils die Tatsache, dass die Klage und Anklage unbestreitbar ist: auffällig (V. 5), ruchbar geworden (V. 11), man weiß es (V. 16), ist es [unbestreitbar] nicht so? (V. 21)

In den beiden folgenden Strophen wird erklärt, wieso Deutschland besudelt ist: In der Familie Deutschland (die Metapher „Mutter“ wird ausgeweitet) hat es einen Mord gegeben; die Söhne haben ihren „ärmsten“ Bruder erschlagen – und noch schlimmer, sie gehen „frech vor dir herum und lachen in dein Gesicht“ (V. 15 f.), statt sich zu schämen. Der abschließende Vers („Das weiß man“, V. 16) schließt jeden Widerspruch, jedes Leugnen aus; er greift den Schlussvers der 2. Strophe auf und erhöht den Grad, in dem das Verbrechen offensichtlich ist (ruchbar geworden, V. 11 / Das weiß man, V. 16).

In den nächsten beiden Strophen werden weitere Untaten im Haus (V. 17) der Familie Deutschland beklagt. Dabei arbeitet der Sprecher das Unrecht durch scharfe Kontraste heraus: Die Lüge wird gebrüllt. / Die Wahrheit muss schweigen (4. Str., doppelter Kontrast Lüge/Wahrheit, brüllen/schweigen). Unterdrücker und Ausbeuter loben Deutschland. / Unterdrückte und Ausgebeutete beschuldigen es (5. Str.).

In der 6. Strophe wird die Mordanklage aus der 2. Strophe wieder aufgegriffen: Deutschland schämt sich oder will den Mord verheimlichen (den blutbeschmierten Rockzipfel verbergen), doch „alle“ sehen Deutschland dies tun – es kann den Mord nicht verheimlichen. Dass der Erschlagene Deutschlands bester Sohn war (V. 31), vergrößert noch die Schuld der Mörder.

In der 7. Strophe wird beschrieben, was die anderen tun, die Deutschland so sehen: Einmal „lacht man“ (V. 32) über die tollen Reden, die aus dem Haus dringen; doch wer Deutschland sieht, wappnet sich mit einem Messer gegen die Frau aus diesem gefährlichen Haus. Die Reden aus Deutschland werden also nicht ernstgenommen, aber vor der Person nimmt man sich in Acht.

Diese Doppelung wird in der 8. Strophe in einer großen letzten Klage aufgenommen, wobei die einleitende Klage („O Deutschland, bleiche Mutter!“, V. 35) wiederholt wird: Die Söhne Deutschlands haben die Mutter so übel zugerichtet, sie werden dessen angeklagt, dass Deutschland infolge ihres bösen Treibens sowohl ein Gespött wie auch „eine Furcht“ (V. 38), also ein Mensch ist, der anderen Angst macht.

Dass Brecht mit den mörderischen Söhnen Deutschlands in diesem 1933 entstandenen Gedicht die Nazis meint, ist aufgrund der brutalen Machtergreifung der Nazis klar: „Am 22. Februar machte Göring 40.000 SA- und SS-Leute und 10.000 Stahlhelmleute zu Hilfspolizisten. – Der Terror traf zuerst die Kommunisten, deren Mandate kassiert, deren Funktionäre verhaftet und deren Konten beschlagnahmt wurden. […] Am Abend des 27. Februar brannte der Reichstag. Hitler erklärte sofort, der Reichstag sei von den Kommunisten angezündet worden, als allgemeines Signal für einen kommunistischen Aufstand. Schon am folgenden Tag, dem 28.2.1933, unterzeichnete Hindenburg eine ihm von Hitler vorgelegte ‚Notverordnung zum Schutze von Volk und Staat’, die zur Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte die wichtigsten Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft setzte.“ (http://www.glasnost.de/hist/ns/nazi2.html ) Brecht hat Deutschland am 28. Februar 1933 in Richtung Prag verlassen – eine kluge Entscheidung, die ihm das Leben gerettet hat. Die Verfolgung und Ermordung seiner Genossen beklagt er in diesem Gedicht: eine Anklage gegen die braunen Machthaber Deutschlands.

Die Sprache des Gedichtes ist einfach, Prosa. Die acht Strophen sind unterschiedlich lang, drei bis sechs Verse. Das Gedicht ist geprägt durch das Bild der Mutter Deutschland, die mit ihren Söhnen in ihrem Haus lebt, umgeben von den anderen Völkern. Die Mutter wird zweimal klagend angesprochen (V. 1 und V. 35; einmal wird sie rhetorisch gefragt: „Ist es so?“ (V. 21) Der Brudermord an den Kommunisten hat die Mutter befleckt und ihr Schande bereitet. Die Beschreibung des Geschehens und der Lage Deutschlands ist von Kontrasten bestimmt: Gegensätze zwischen Deutschland und den anderen Völkern, Streit zwischen den Brüdern, Lüge triumphiert über die Wahrheit, Unterdrücker und Ausgebeutete bewerten die Vorgänge unterschiedlich. Aber auch Wiederholungen zeichnen die Anklage der Mördersöhne aus (V. 5, 11, 16, 21; Hand erhoben V. 10, 12, 6. Str.; Unterdrücker und Ausbeuter, V. 22, 25, mit Chiasmus; die Anrede V. 1, 35); das macht die Anklage eindringlicher.

Das Gedicht ist in die „Deutsche Sinfonie“ (1936) Eislers und in das Oratorium „Deutsche Misere“ übernommen (s.u.). Die erste Zeile wird heute noch häufig zitiert. – Es gibt weitere Gedichte Brechts mit dem Titel „Deutschland“, die man von dem analysierten unterscheiden muss (Deutschland, du Blondes, Bleiches… 1920; In Sturmesnacht, in dunkler Nacht… 1942; Im Haus ist der Pesttod… 1945; Deutschland 1952: O Deutschland, wie bist du zerrissen…).

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=e7KQnFtWyBQ (Hanne Hiob)

Vertonung

http://www.youtube.com/watch?v=DIKIpmuA5YY (Anfang von Eislers „Deutsche Sinfonie“)

„Deutsche Sinfonie op. 50“ von Hanns Eisler http://www.bachchormainz.de/eisler.php

„Deutsche Misere“, 1. Teil: http://www.berliner-singakademie.de/home/d_miserere_www.pdf

http://www.radio-mensch.de/index.php?option=com_content&view=article&id=3919:leipzig-deutsches-miserere&catid=92:operballetttanz&Itemid=164

http://www.kultiversum.de/Musik-Kontroversen/Dessau-Deutsches-Miserere.html

http://www.leipzig-almanach.de/buehne_szenische_erstauffuehrung_von_deutsches_miserere_an_der_oper_leipzig_steffen_kuehn.html

Rezeption (Beispiele)

http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/O#O_Deutschland.2C_bleiche_Mutter.21

http://www.luise-berlin.de/lexikon/mitte/o/o_deutschland_bleiche_mutter.htm

http://www.hollyglade.com/deutschland_bleiche_mutter

http://bryantmcgill.com/wiki/poetry/bertolt_brecht/o_germany_pale_mother

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/fileadmin/Redaktion/Institute/Germanistik/AbteilungI/Busse/Texte/Busse-1993-02.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Mahn-_und_Gedenkst%C3%A4tten