Hebel: Die Bekehrung – zur Interpretation

(Text nach der Ausgabe in: Wohin mit der Religion? 1978, S. 10 f.)
1. Ich gehe vom Erzähler als der sprachlich handelnden Größe aus: Der Erzähler spricht auf zwei verschiedene Weisen: Er erzählt (Z. 1-37) und er reflektiert oder belehrt („Merke“, Z. 38 ff.). Es liegen also zwei unterschiedliche Teile vor.
Der Erzähler struktiert seine Erzählung zeitlich: In der Vorgeschichte berichtet er von dem Ur-Ereignis des Konfessionswechsels eines von zwei Brüdern, was zu Streit („taten sie sich alles Herzeleide an“, Z. 3) und Trennung der beiden (Z. 4) führt.
In dem dann mit recht unbestimmten Daten versehenen erzählten Geschehen (volkstümliches Erzählen) geht es um den Versuch des älteren Bruders, die Einheit der (theologisch) Zerstrittenen wieder herzustellen (sein Brief, Z. 5 ff.). In diesem Geschehen wird dem, was am Samstag geschehen ist, relativ (!) viel Zeit gewidmet, wodurch es hervorgehoben wird (Z. 15-28).
Die Erzählung wird durch einen Kommentar des auktorialen Erzählers unterbrochen: Da „ermahnte sie Gott, aber sie verstanden es nicht“ (Z. 22 f.). Zu fragen ist also: Wozu ermahnte sie Gott, und warum tat er das gerade an diesem Samstagabend?
Die Erzählung wird durch einen weiteren Kommentar beschlossen: Es „war nachher wieder wie vorher, höchstens ein wenig schlimmer“ (Z. 36 f.). Damit beurteilt der Erzähler, was der Leser ohnehin schon weiß: dass die Annäherung fehlgeschlagen ist. Da es zwischendurch anders war, wird man fragen müssen: Was war denn anders? Wodurch war eine Annäherung vorübergehend erreicht?
2. Wenn ich das erzählte Geschehen betrachte, kann ich die Figuren und ihre Beziehungen sowie ihre Handlungen (das Geschehen) untersuchen: Ich bestimme das Thema: Es sind Brüder, die teilweise den Befehlen ihres Vaters unterstehen. Hat das etwas zu bedeuten (im Kontext der Religion, nach Lessings Ringparabel 1781)?
3. Ich untersuche die Struktur des erzählten Geschehens: Es geht darum, dass der Urzustand („in Frieden und Liebe“, „miteinander“ leben) gestört wird; das Geschehen ist der Versuch, diesen Urzustand wieder herzustellen; der Versuch scheitert letztlich.
Phasen des Geschehens nach Eintritt der Störung:
* Annäherung durch einen Brief („schrieb“, Z. 5), aber noch kein Miteinander (sich beschimpfen, sich auf seine theologischen Vordenker berufen, Z. 10-15);
* starke Annäherung im Menschlichen: mit dem Bruder essen, mit dem Bruder gehen (Anerkennung der Qualität des kathol. Fischs und evangel. Gesangs);
[Damit wird auch klar, wozu Gott sie gerade am Samstag ermahnte.]
* Trennung dadurch, dass „jeder für sich“ weiter über die theologische Theorie nachdenkt (Z. 28 ff.). „Brief“ hier: ein Symbol der Trennung (Buchstaben, Theorie).
4. In der abschließenden Belehrung (Ist die Formel „Du sollst nicht…“ bedeutsam?) finde ich den Gegensatz: grübeln und düfteln, mit Andersdenkenden disputieren (als falsch) vs. deines Glaubens leben, das Gerade nicht krumm machen (unbestimmte Metapher: Was bedeutet sie?) [Vgl. dazu die Ausnahmegenehmigung Z. 43 f.].
5. Mir fallen paradoxe Wendungen auf: Z. 6 f. (in mehrere oder keinen Himmel kommen); Z. 31 f. (recht – nimmer unter die Augen kommen) Z. 36 f. (gleich schlimm, höchstens schlimmer); Z. 39 ff. (nicht – am wenigsten – noch weniger); sie verraten eine Distanz des Erzählers vom buchstäblichen Belehren.

Vom Unaussprechlichen

In der Kinderbuchreihe der SZ findet sich auch Patricia MacLachlan: „Schere, Stein Papier. Sophies Geschichte“. Der Inhalt ist schnell umrissen: In eine Familie, deren jüngster Sohn sechs Monate zuvor am Tag seiner Geburt gestorben ist, kommt ein Findelkind – Sophie; es wird Kind dieser Familie, obwohl alle wissen, dass sie es in einem Jahr wieder abgeben müssen. Die Ich-Erzählerin Larkin, ein Mädchen von elf Jahren, erzählt von dieser Liebe und ihrem notwendigen Ende; von seinem Versuch, dem namenlosen toten Baby den Namen William zu geben; von den Versuchen aller Beteiligten, mit Liebe und Verlust fertig zu werden; von den Jahreszeiten auf der Insel und einigen wenigen anderen Menschen. Schließlich bekommt auch das tote Brüderchen einen Stein, auf dem „William“ steht.
Vieles kann man nicht sagen, auch wenn man darüber sprechen muss. Die Lehrerin, Frau Minifred, sagt einiges über die Macht der Worte. Sie hat auch die Sätze gefunden, die vom Buch bleiben: „Das Leben ist keine gerade Linie. Und manchmal kreiseln wir zurück in die Vergangenheit. Aber wir sind dann nicht mehr dieselben. Wir haben uns für immer verändert.“ Dankbar erwähnt seien auch die schönen schlichten Illustrationen von Quint Buchholz. – Das Buch wird hier als Kinderbuch verkauft; ich weiß aber nicht, wie Kinder es verstehen – ich scheue mich, es in der Schule zu lesen. Ist es nicht eher ein Buch für Erwachsene, für Eltern, die nicht verstanden haben, dass ihr Kind oder ihre Kinder bei ihnen nur zu Gast sind? Dass man Kinder großzieht, damit sie fortgehen können – fortgehen, auch wenn sie gern wiederkommen? Und auch für Eltern, die das bereits verstanden haben?
Da ich schon einmal von Büchern spreche, die mich ergreifen, möchte ich noch „Die Legende vom vierten König“ (1961) von Edzard Schaper nennen. Das ist also ein kleiner russischer König, der ebenso wie die berühmten drei Weisen oder Könige aus dem Morgenland aufgebrochen ist, um dem Jesuskind zu huldigen. Auf dem Weg zu ihm hält er sich jedoch an vielen Stellen auf, wo Armen zu helfen ist, und einmal geht er sogar für den Sohn einer schönen jungen Frau auf die Galeere, von der er nach dreißig Jahren, kaputt gearbeitet, entlassen wird; von dieser Stelle an rollt die Geschichte seines Lebens sich noch einmal auf – der von ihm vertretene Knabe nimmt ihn am Ufer auf, ohne ihn zu erkennen, nicht jedoch ohne die eigene Identität anzudeuten. Der alte Ex-König treibt dann auf der Straße im Menschenstrom, nach Jerusalem; er trifft unterwegs die ehemalige Bettlerin, deren Kind von dem für den Heiland bestimmten Leinen Windeln bekommen und die ihm ihr Herz geschenkt hatte. Schließlich steht er unter dem Kreuz und hat nur noch sein Herz und das der Bettlerin anzubieten – und zu fragen, ob der Herr sie annimmt.
Unabhängig davon, wie man zum Herr-Sein des Mannes aus Nazareth steht, ergreift mich die einfache, wenn nicht schon kitschig gedrechselte Ereignisfolge. Der kleine König und seine Bettlerin sprechen das aus, was man immer erhofft und beinahe nicht glauben kann: „Nichts geht verloren. Nur weiß niemand, wo es bleibt – wie nahe von ihm vielleicht schon…“ In der Erzählung ist diese frohe Botschaft dadurch beglaubigt, dass die alte Bettlerin ihrem unerkannten Herzensbesitzer bestätigt, dass ihm immer noch ihr Herz gehört; dass sie ihm dreißig Jahre lang die Treue gehalten hat.
Damit sind wir dann bei der großen Erzählung „Unverhofftes Wiedersehen“ von Johann Peter Hebel. Da ist es die gleiche Treue; das Wiedersehen der ehemaligen Brautleute wird gesteigert zum christlichen Bild des kurzen Todesschlafs und des endgültigen Erwachens. Hier ist die Transzendenz des Bleibenden zu spüren – auch wenn wir wissen, wie leicht wir alle vergehen und unsere Spuren verwehen werden.

Johann Peter Hebel: Der Wasserträger (Analyse)

Den Text entnehme ich der Ausgabe J. P. Hebel: „Poetische Werke“ (Winckler, München o. J., S. 327-329). Diese Erzählung ist wie viele andere Erzählungen Hebels kaum bekannt, was aber nicht gegen die ihre Qualität sprechen muss; sie stammt aus dem Kalender „Rheinländischer Hausfreund“, den Hebel seit 1805 herausgegeben hat. [Die Erzählung eignet sich zur Analyse in der Sekundarstufe II.]

Überlegungen zur Analyse
Wie baut der Erzähler seine Erzählung auf?
* Z. 1-10; 11-14; 15-18; 19 f.; 20-26; 27 ff.; 58-61; 62. Was tut der Erzähler sprachlich?
* Du müsstest sehen: Es gibt eine Ausgangssituation, die durch den Gewinn „gestört“ wird; der eine / der andere handeln gegensätzlich mit dem unverhofft gewonnenen Geld; der zweite Wasserträger kehrt in die Ausgangssituation zurück.
Woran erkennst du, dass eine lehrhafte Erzählung vorliegt?
Welche Lehre will der auktoriale Erzähler vermitteln?
* Wo gibt der Erzähler zu erkennen, wen er selbst für den richtig Handelnden hält? (Es genügt nicht zu bemerken, dass es einen auktorialen Erzähler gibt – man muss wahrnehmen, welchen Beitrag er zum „richtigen“ Verstehen leistet!)
* Wie ist das erzählte Geschehen zeitlich vom Erzähler strukturiert: Was ist ihm wichtig, wofür nimmt er sich also viel Zeit?
* Wo ergibt sich das Gleiche aus dem Handeln der Figuren?
* Wo ergibt sich das Gleiche „aus der Sache“ selbst [im Urteil des Lesers, der die Bibel kennt]?
* Was bedeuten oder leisten die Hinweise auf den Hausfreund (Z. 25 f.; 30; 62)?
* Was ergibt sich aus der Überschrift „Der Wasserträger“? [Ist das die Sicht des Autors?]
Einzelfragen:
Es genügt nicht, die beiden Figuren unter der Alternative „Verstand – Gefühl“ zu sehen – warum genügt das nicht? Das Schlimme beim ersten Wasserträger ist ja nicht, dass er denkt, sondern dass er falsch denkt! (Bei Max Horkheimer heißt diese Art des Denkens „instrumentelle Vernunft“: Die Vernunft ist nur noch als Instrument auf die Mittel des Handelns gerichtet und prüft nicht mehr die Ziele des Handelnden!)
Wie denken die Hörer des auktorialen Erzählers über das sichere Anlegen des Geldes (Z. 21 f.)? Beachte: Sie alle kennen Luk 12,16-20!
Welche Bedeutung kommt der Ausgangssituation zu? Wie ergeht es beiden jahrelang und dem zweiten dann wieder für den Rest seines Lebens? (Was bedeuten die Diminutive im Zusammenhang mit den Lebensbedingungen um 1810?)
Wieso will der zweite Wasserträger unbedingt mit dem Gewinn fertig werden (Z. 32, 53)?
Wozu ist der Erzählerkommentar (Z. 15-18) im Zusammenhang  gut?
Was ist  das Thema dieser Erzählung?
Zur Darstellung der Ergebnisse:
Wie viel „Inhalt“ musst du darstellen? (Genügt es, das Thema zu nennen?)
Wie kannst du vermeiden, zu Beginn eine kurze Nacherzählung zu geben?
Wie kannst du es vermeiden, dich am Textverlauf entlang zu hangeln? Welche „Ideen“ können dich bei deiner Darstellung leiten?
Was sollte zitiert werden? Wo genügt ein Hinweis auf den Text?

Analyse
Es liegt eine lehrhafte Erzählung vor; das ergibt sich aus dem Konstrast der beiden Hauptfiguren, die genau Gegensätzliches mit dem unerwartet gewonnenen Reichtum tun. Beide handeln exemplarisch („unsere zwei Wasserträger“, Z. 19); doch die Überschrift „Der Wasserträger“ nennt nur den, der richtig handelt. An zwei Stellen wird das überraschende Handeln des Helden kommentiert: vom Wasserträger („Gottlob“, Z. 52 f.), indirekt von Erzähler („wieder so lustig und zufrieden, wie vorher“, Z. 58 f.). Auch die Beglaubigung des Erzählten, das bis an die Gegenwart der Leser („jetzt“, Z. 25 und 58) und die Zeugenschaft des Hausfreunds (Z. 25 f.) herangeführt wird, entspricht dem lehrhaften Charakter der Erzählung.
Der auktoriale Erzähler erklärt (Präsens) zunächst den Lesern des Kalenders, wieso es in Paris keine Brunnen gibt und was die Wasserträger dort zu tun haben (Z. 1-10). Dann beginnt er vom normalen Leben zweier solcher Wasserträger zu erzählen (Z. 11 ff.); sie spielen nebenher auch in der Lotterie (Z. 13 f.).
„Lotterie“ ist das Stichwort, das der Erzähler angepeilt hat; er nutzt es zu einem Kommentar über die Dummheit des Lotteriespielens (Z. 15 ff.), im Geschehen löst es eine Veränderung im Leben der beiden Wasserträger aus: den Gewinn von 100.000 L. (Z. 18-20). Im Folgenden geht es darum, wie die beiden mit diesem unverhofften Gewinn umgehen: was der eine (Z. 20 ff.) und was der andere tut (Z. 27 ff.), bis sie sich zum Schluss wieder begegnen (Z. 59-61).
Es fällt auf, dass die Überschrift „Der Wasserträger“ heißt, obwohl doch von zweien erzählt wird; der eine, der nachdenkt und sein Geld klug anlegt, ist dem Erzähler nur gut sechs Zeilen wert; der andere jedoch ist der wahre Held der Erzählung. Sein Tun wird zuletzt und viel breiter (gut 30 Zeilen) erzählt; auch er denkt nach (Z. 27 ff.), plant über ein Vierteljahr ein Leben ins Saus und Braus („alle Tage“ Z. 33, 34, 37; zwei Reihen, Z. 40; sechs Bediente, Z. 46; überall, Z. 47: Signale seines verschwenderischen Lebens), bringt sein Geld jedoch schneller durch (Z. 49 ff.), macht sich noch einen lustigen Tag (Z. 53 ff.) und nimmt sein normales Leben wieder auf (Z. 56 ff.). Die großen Anreden an den Reichen klangen ohnehin recht hohl (Z. 47-49).
Da das Leben des wahren Helden „wie vorher“ (Z. 58, wiederholt in Z. 59) weitergeht, erweist sich das große Ereignis des Lotteriegewinns als ein wahres Nicht-Ereignis, dessen Folgen der Held nach eigener Einsicht „gottlob“ bald überwunden hat. Das Leben, das er vorher wie nachher führt, ist ja auch nicht schlecht: harte Arbeit, aber doch genug zu essen, und sonntags reicht es sogar für ein Schöpplein Wein (Z. 11 f.).
Sein Gegenspieler hat sich paradoxerweise wegen seines Reichtums gefragt: „Wieviel darf ich des Jahrs verzehren…?“ (Z. 22-24), mit dem Ziel, so viel zu bekommen, dass er es „nimmer zählen kann“. Aber wozu er so viel Geld braucht, weiß niemand; der wahre Held tut also das, was der Leser auch tun soll, er „lacht ihn aus“ (Z.61). Er beschämt ihn sogar, indem er ihn umsonst mit Wasser beliefert, und zeigt so eine Lebensweisheit, die „Der Schatzgräber“ Goethes (1797) erst unter Lebensgefahr erwirbt: Geld ist nur ein Mittel zum Leben, und mehr als leben kann man nicht.

Johann Peter Hebel: Unverhofftes Wiedersehen – Analyse (Skizze)

Ausgangssituation: Es gibt ein Liebespaar in Falun.
1. Ereignis: Das Paar bereitet die Hochzeit am Tag St. Lucia vor.
2. Ereignis („als aber“, Z. 6): Die Hochzeit wird durch ein Unglück vereitelt.
– (Die Zeit von mehr als 50 Jahren wird überbrückt: „unterdessen“, Z. 15)
3. Ereignis („als aber“, Z. 25): Der Verunglückte wird gefunden und von der früheren Braut erkannt („aber – bis“); ihre Liebe erwacht wieder.
4. Ereignis: Die Frau begräbt den Toten („aber“, Z. 45), „als wenn es ihr Hochzeitstag (…) wäre“ (Z. 51; vgl. „als wenn…“, Z. 30 f.).
Ergebnis: Die Hochzeit ist symbolisch vollzogen (Halstuch umgelegt, sie trägt ihr Sonntagsgewand, er ist „im […] Hochzeitsbett“, Z. 53); die Frau erwartet die endgültige Vereinigung mit dem Bräutigam.

Auf der Achse der Symbole (Bedeutung) stehen gegenüber:
was vergeht (Tod):                                               – was (50 Jahre) Bestand hat (Liebe):
das Aussehen der Braut                                     – die Erinnerung der Liebenden (Z. 14)
das Leben (der Menschen)                                – die unverweste Leiche (Z. 30 f.) / die Flamme der Liebe (Z. 44 f.) / das Halstuch (Z. 49 f.)
die Weltereignisse  (Kriege, Tod, Z. 15 ff.)       – das gleichförmige Arbeiten der  Menschen (Z. 23-25)

Die Metapher „Schlaf“ und die zugehörige Zeitstruktur Tag / Nacht / Tag überbrücken den Gegensatz zwischen Liebe und Tod:
* Scheinen Liebeserfüllung und Tod anfangs Gegensätze zu sein („ohne dich…“, Z. 5 f.), so bezeugt schon das schwarze („Tod“) Tuch mit rotem („Liebe“) Rand, dass sie zusammen bestehen können; so kann die Frau den Bräutigam begraben, „als wenn es ihr Hochzeitstag… wäre“ (irrealer Vergleich, Z. 51), während sie dessen Sarg als kühles (Tod) Hochzeitsbett bezeichnet (Z. 53).
* Die Frau bekennt in ihrer Rede eine utopische Hoffnung, welche den Bestand der Liebenden (der Menschen) über den Tod hinaus glaubt und deren Schlüsselsatz lautet: „und bald wird’s wieder Tag“ (Z. 54). Sie rechtfertigt diese Sicht: Der Tod sei Schlaf (Z. 52 f.); sie komme „bald“ zu ihrem Bräutigam (ins Grab, also „ins Bett“). Wie sie selbst das Halstuch in einem Kästlein aufbewahrt hat, hat die Erde ihren Bräutigam unversehrt aufbewahrt (Z. 43 f.) und ihr wiedergegeben (Z. 55); daraus leitet sie ein Gesetz ab, wie die Erde handelt: Diese wird die Toten auch zum zweiten Mal nicht behalten (Z. 55). Ist die Erde eine handelnde Größe (wohinter „Gottes Handeln“ steht!), dann ist die Metapher Schlaf für Tod (Auferstehung) angemessen; im irrealen Vergleich (Z. 30 f.) wird diese Sicht vom Erzähler vorbereitet (vgl. auch: die Flamme der Liebe „erwacht“, Z. 45); sie wird also vermutlich von ihm geteilt.

Aufbau: Die Erzählung ist in drei Abschnitte eingeteilt:
Wie eine Hochzeit vorbereitet wird und scheitert (Z. 1-14); wie die Zeit weitergeht (Z. 15-25); wie der Bräutigam gefunden und begraben [und die Hochzeit „nachgeholt“] wird (Z. 25 ff.). Die Hauptereignisse finden jeweils an zwei aufeinander folgenden Tagen statt (Z. 6-12; Z. 25 ff.), getrennt durch 50 Jahre Z. 31).

Das Handeln des Erzählers könnte genauer untersucht werden: Verwendung der Kontraste und ihrer Überwindung, der irrealen Vergleiche, der Zeitstruktur geht z.T. auf sein Konto, z.T. auf das des erzählten Geschehens. Entsprechend ist die Frau als Hauptakteurin, von der erzählt wird, zu würdigen.

Was Hebels Erzählkunst aus dem Stoff gemacht hat, sieht man im Vergleich mit einer anderen dichterischen Gestaltung des gleichen Stoffs, der Ballade „Des Bergmanns Leiche“ von Trinius.

Kannitverstan / Unverhofftes Wiedersehen: Überlegungen zur möglichen Intention des Autors um 1810

In beiden Erzählungen klingen christliche Motive ebenso wie Schlagworte der Entstehungszeit an:
dass nach dem Todesschlaf ein neuer Tag anbricht,
dass wir nur Gast (Fremdling) auf Erden sind,
dass wir paradoxerweise (also durch Erlösung) durch unsere Irrtümer zur ewigen Klarheit und Wahrheit kommen.
Eine kirchenkritische Pointe liegt in der Tatsache, dass der Fremde in Holland durch eine unverständliche Predigt mehr gerührt wird als durch manche deutsche (Z. 112-114); die Rührung stammt aus dem wehmütigen Gefühl, „das an keinem guten Menschen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht“ (Z. 85-87). In diesem Gefühl ist der Handwerker ein guter Mensch, in diesem Gefühl stellt er die richtige Betrachtung über den Gang des Lebens an (Z. 100 ff.). Als er dagegen nur gefühllos auf seinen Verstand gesetzt hat, hat er die wesentliche Gleichheit der Menschen (angesichts des Todes) übersehen und nur die Unterschiede zwischen Armen und Reichen bemerkt (Z. 70 f.). Hier bezieht der Autor zwischen dem Vertrauen auf die Vernunft (Aufklärung, 18. Jahrhundert) und der Betonung des Gefühls (Romantik, etwa 1790-1830) Position, ebenso zwischen dem Gleichheitspathos der Revolution (1789) und dem christlichen Schöpfungs- oder Erlösungsglauben, der zum politisch Konservativen neigt.
Man könnte auch auf die Nähe des Theologen Hebel zum schwäbischen Pietismus verweisen, wo die Herzensfrömmigkeit (gutes Herz, Gefühl) höher als das Bekenntnis der „richtigen“ Glaubenssätze geschätzt wird; die Geschichte (inklusive Fr. Revolution) ist nur Hintergrundmusik auf dem Weg der (liebenden) Menschen zur ewigen Vollendung.
Indirekt liegt auch eine Kritik an dem reichen Beerdigungsteilnehmer vor, der sogar beim Begräbnis noch kalkuliert, wie er seine Gewinne steigern kann; dieser Erzkapitalist blickt nicht auf das, was letztlich Bestand hat, und geht so in die Irre – er ist die unbelehrte Gegenfigur des „einsichtigen“ schwäbischen Handwerkers.
Es ist auf Grund zweier Erzählungen nur mit Vorsicht zu sagen, was des Autors Hebel Intention bei seinem literarischen Schaffen ist; doch ist zu erkennen, welches „konservative“, antiaufklärerische Wirkungspotenzial in den Erzählungen liegt. Es ist auch zu verstehen, dass die Kultusminister („die Regierung“) nichts dagegen hatten, dass gerade diese beiden Erzählungen immer wieder in deutschen Lesebüchern abgedruckt wurden. [Trotzdem sind es gute Erzählungen!] – Die tatsächliche Wirkung der Erzählungen müsste mit viel Aufwand empirisch erforscht werden.
Vgl. den Artikel „Schatzkästlein…“ in: Hauptwerke der deutschen Literatur. Bd. 1 (Kindlers Neues Literatur Lexikon), 1994, S. 413 f., und den Artikel „Schatzkästlein…“ im alten KLL; vgl. auch „Text und Kritik“, Heft 151 (Juli 2001), über J.P. Hebel. Ferner: „Kalendergeschichten“ im Wörterbuch, ebenso die Epochenstichworte (s.o.).

Johann Peter Hebel: Kannitverstan – Analyse

Wie liest man die Erzählung, wenn man analytisch vom Kommentar ausgeht? Etwa so: In der Erzählung „Kannitverstan“ (1809) belehrt ein auktorialer Erzähler seine Hörer, wie man mit seinem Schicksal zufrieden werden kann, auch wenn man arm ist: Man („der Mensch“) hat, wo auch immer man sich befindet, die richtige Betrachtung „über den Unbestand aller irdischen Dinge anzustellen“. Dieses Lernprogramm stellt der Erzähler am Anfang vor (Z. 1-8). Er führt dann die Figur eines Handwerksburschen ein (Z.9), an dessen Beispiel („denn“, Z. 11) er zeigt, wie jemand sogar „auf dem seltsamsten Umweg“ (Z. 8, „aber“) zu dieser Betrachtungsweise gekommen ist. Dahin kann man täglich und überall kommen (Z. 1-3); in der großen (!) Stadt (Z. 12), wo man fortwährend Großem begegnet (s.u.), ist der Weg zur Erkenntnis offenbar schwerer: Dass die Dimension „groß“ betont wiederholt wird, gibt zu denken – dem armen Handwerker sowieso, aber auch dem aufmerksamen Leser.
Die eigentliche Erzählung beginnt in Z. 11; es werden drei Begegnungen des Gesellen mit dem vermeintlichen Herrn Kannitverstan erzählt. Der deutsche Geselle ist in Amsterdam ein Fremder, der die holländische Sprache nicht versteht (Z. 33-39; vgl. Z. 97 f.). Im Hintergrund klingt vermutlich das christliche Motiv an, dass der Mensch in der Welt fremd ist, auf der Wanderschaft (vgl. Z. 16 f.) zur himmlischen Heimat; diese Menschen-Wanderschaft ist ein Weg, der durch Irrtümer zur Wahrheit führt, wie der Handwerker beispielhaft erlebt und der Leser es erfährt (Z. 10 f.): durch seinen allwissenden Sprecher spricht Hebel seine Kalenderleser an. Wohlwollend verfolgt der Erzähler den Weg des Handwerksburschen (der gute Fremdling, Z. 38; unser Fremdling Z. 84).
Es wird erzählt, was der Handwerker innerhalb eines Tages erlebt; vorab deutet der Erzähler bereits das gute Ende des Geschehens an (Z. 7-11). Dreimal begegnet der Deutsche aus dem kleinen Schwaben in der großen Stadt Amsterdam etwas Großem: einem Haus, einem Schiff und einem Leichenzug. Diese drei Erlebnisse verbindet er auf Grund eines Missverständnisses des Satzes „Kannitverstan“ zu einer sinnvollen Einheit, welche er als „Unbestand aller irdischen Dinge“ (Z. 3 f. gegen Z. 89-92!) begreift.
Die drei Episoden (1. – 3.) werden nach dem gleichen Schema erzählt: Der Deutsche begegnet dem Großen, das lange betrachtet wird (1. – 3.); er macht sich Gedanken über den Reichtum (1. und 2., verbunden in Z. 63-68); er stellt eine falsche („traurige“, Z. 69) Betrachtung an, die auf einem Vergleich beruht (Z. 70-74) und zum Neid führt (nur in 2.); in der dritten Episode werden die falschen Gedanken vom richtigen Gefühl (Z. 84 ff.) verdrängt und münden in der richtigen Betrachtung (Z. 101 ff.). Zum Schluss wird summarisch erzählt (Z. 118 ff.), dass der Handwerker seine Lebens-Lektion im Sinn des Erzählers gelernt hat: Immer wenn er an seiner Armut leidet, stellt er die richtige Betrachtung an und erkennt (Kontrast und Abfolge: groß und reich – enges Grab), dass Reichtum zuletzt bedeutungslos ist, womit er dann den Übergang vom schweren zum leichten Herzen (Z. 115/111) schafft.
Wenn man sich am Erzähler und am Erzählvorgang orientiert, gewinnt ein Element (eines Textes) seine Bedeutung dadurch, dass es seinen bestimmten Platz in der Abfolge vieler Elemente einnimmt. Nehmen wir als Beispiel die „traurige“ Betrachtung, welche der Handwerksbursche anstellt, als er „Kannitverstans“ großes Schiff gesehen hat (Z. 70 ff.). Diese Betrachtung nach der zweiten Begegnung mit etwas Großem aus dem Umfeld Kannitverstans folgt dem Versuch des Gesellen, sich rational den Reichtum (den Besitz des großen Hauses) Kannitverstans zu erklären. Die zweite Begeg-nung mit etwas Großem steht zwischen der ersten, auf die keine Betrachtung folgt, und der dritten, welche mit der richtigen Betrachtung (Z. 101 ff.) schließt. In dieser Reihenfolge wird der anfänglich genannte Weg der Erkenntnis „durch den Irrtum zur Wahrheit“ (Z. 10) realisiert. Die „Wahrheit“ im Sinn des Erzählers ergibt sich aus der richtigen Betrachtung des Unbestands aller menschlichen Verhältnisse (Z. 1-8) und erweist sich darin, dass sie es einem leicht ums Herz werden lässt (s.o.).
Diese Orientierung an der Position eines Elementes in der Abfolge der Elemente nennt man syntagmatisch. Paradigmatisch ist die Betrachtung, wenn man sich fragt: Was bedeutet es, dass gerade dieses Element statt eines anderen gewählt worden ist? Was bedeutet es also, dass der Handwerker aus Duttlingen statt aus Ibbenbüren stammt? In dieser Betrachtung zeigt sich ein kleiner Witz darin, dass der Deutsche gerade die Bemerkung „Kann nit verstan“ des Holländers seinerseits nicht versteht und zum Namen „Kannitverstan“ umdeutet.

In aller Vorsicht möchte ich einige Überlegungen zur möglichen Intention des Autors um 1810 anstellen. An einigen Stellen klingen christliche Motive ebenso wie Schlagworte der Entstehungszeit an: dass wir nur Gast (Fremdling) auf Erden sind, dass wir paradoxerweise (also durch Erlösung) durch unsere Irrtümer zur ewigen Klarheit und Wahrheit kommen. Eine kirchenkritische Pointe liegt in der Tatsache, dass der Fremde in Holland durch eine unverständliche Predigt mehr gerührt wird als durch manche (langweilige) deutsche (Z. 112-114); die Rührung stammt aus dem wehmütigen Gefühl, „das an keinem guten Menschen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht“ (Z. 85-87). In diesem Gefühl ist der Handwerker ein guter Mensch, in diesem Gefühl stellt er die richtige Betrachtung über den Gang des Lebens an (Z. 100 ff.). Als er dagegen nur gefühllos auf seinen Verstand gesetzt hat, hat er die wesentliche Gleichheit der Menschen (angesichts des Todes) übersehen und nur die Unterschiede zwischen Armen und Reichen bemerkt (Z. 70 f.). Hier beziehen der Erzähler und sein Autor zwischen dem Vertrauen auf die Vernunft (Aufklärung, 18. Jahrhundert) und der Betonung des Gefühls (Romantik, etwa 1790-1830) Position, ebenso zwischen dem Gleichheitspathos der Revolution (1789) und dem christlichen Schöpfungs- oder Erlösungsglauben, der politisch zu einer konservativen Haltung neigt. – Man könnte auch auf die Nähe des evangelischen Theologen Hebel zum schwäbischen Pietismus verweisen, der die Herzensfrömmigkeit (gutes Herz, Gefühl) höher als die kirchliche Orthodoxie (Bekenntnis der „richtigen“ Glaubenssätze) setzt.
Indirekt liegt auch eine Kritik an dem reichen Beerdigungsteilnehmer vor, der sogar beim Begräbnis noch kalkuliert, wie er seine Gewinne steigern kann; dieser Kapitalist blickt nicht auf das, was letztlich Bestand hat, und geht so in die Irre – er ist die unbelehrte Gegenfigur, im Vergleich mit welcher der schwäbische Handwerker als wahrhaft belehrt (und „bekehrt“) erscheint.

Alte Analyse:

Die Erzählung wird von einem Kommentar eingeleitet, den ich zunächst nicht beachten möchte; was er bedeutet, versteht man besser, wenn man die Erzählung kennt. Diese beginnt in Zeile 11; es wird davon erzählt, was ein deutscher Handwerksbursche in Amsterdam erlebt hat.
Zwei Fragen sind zu beantworten, wenn man die Erzählung verstehen will: Was wird erzählt, und wie wird es erzählt? Die erste Frage ist leichter zu beantworten. Der Deutsche aus Duttlingen (Z. 17), einem Dorf im Schwabenland, kommt in die große Stadt Amsterdam und erblickt dort vieles, was er so nicht kennt; dabei fallen ihm drei Dinge besonders auf: ein großes, schönes Haus (Z. 15 ff.), ein großes Schiff (Z. 49 ff.) und ein großer Leichenzug (Z. 75 ff.). Erzählt wird nun, wie dieses betont Große auf den „kleinen“ namenlosen Handwerker wirkt; erzählt wird also, was er beim Anblick der drei Größen empfindet und denkt (Z. 41; 63; 72; 102 bzw. 108).
Seine Gedanken und Empfindungen verändern sich in der Abfolge des Erlebens – das ist das, was eigentlich erzählt wird. Das große Haus erblickt er mit Verwunderung (Z.19), er denkt dabei nur an den Reichtum des Besitzers (Z. 40 f.). Wie das Schiff entladen wird, schaut er aufmerksam zu (Z. 50); er stellt nun in seinen Gedanken einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Besitz des Schiffes und dem des großen Hauses her (Z. 63 ff.). Dieser Zusammenhang ist aber nicht richtig.
Der Deutsche hat nämlich die Antwort „Kannitverstan“ auf seine Frage, wem das Haus gehöre, als einen Namen verstanden, also missverstanden, wie der Erzähler seinem Hörer erklärt hat (Z. 34-39); auf Grund dieses Missverständnisses stellt der Handwerker, der namenlose Held der Erzählung, „eine recht traurige Betrachtung“ (Z. 69) an – er ist neidisch auf den Reichtum des Herrn Kannitverstan, des „vermeinten Herrn Kannitverstan“ (Z. 110), wie der Erzähler hervorhebt, dem nur vermeintlich sowohl das Haus wie das Schiff gehören. Damit ist das zweite Thema der Erzählung genannt: das Missverständnis, welches die Gedanken des Handwerkers bestimmt.
Dieses Missverständnis, was den deutschen Burschen zunächst belastet (Z. 69 ff.), lässt ihn beim dritten Erlebnis wieder (schrittweise) fröhlich werden. Er identifiziert nämlich irrtümlich den gleichen Herrn Kannitverstan als die zu begrabende Leiche (Z. 75 ff.; 97 f.) und zieht in Gedanken die Bilanz von dessen Leben: Letztlich hat dieser von seinem Reichtum genau so viel wie er von seiner Armut (Z. 102 ff.). Hat ihn der Tod des Mannes bedrückt („wehmütiges Gefühl“, Z. 85; „schwer … ums Herz“, Z. 101), so stimmt ihn die Bilanz heiter (Z. 101, 115), da alle Besitzunterschiede im Tod aufgehoben seien (Z. 70 ff.; 102 ff.), sodass er getrost einen Käse essen kann.
Zum Schluss weiß der Erzähler zu berichten, dass sein Held diese Betrachtung später immer wieder angestellt hat, wenn er angesichts der ungleichen Verteilung der Reichtümer in der Welt an seiner Armut gelitten hat (Z. 118 ff.).
Wenden wir uns jetzt der Frage zu, wie diese Geschichte erzählt wird. Der Erzähler ist „allwissend“; er weiß also, was der Held auf seiner Wanderung erlebt hat (Z. 16-18), warum der erste Holländer so kurz angebunden ist (Z. 29 ff.) und was ein anderer beim Begräbnis denkt (Z. 89-92), ebenso was sein Held gerade oder später denkt (Z. 40 f.; 72-74 usw.; 118 ff.); er bewertet auch das Mitleid des Helden (Z. 85-87). Seinen Zuhörern erklärt er das Missverständnis seines Helden genau (Z. 34 ff.).
Anderseits ist die Erzählweise ganz einfach und volkstümlich: Der Held hat keinen Namen, beinahe keine Geschichte und auch kaum einen Charakter: Er ist ein guter Mensch (Z. 85 f.; 111-113), zwar auf die allzu Reichen neidisch (Z. 70 ff.), doch bald wieder mit seinem Los zufrieden (Z. 101 ff.); menschliche Züge werden kurz bei den beiden Holländern (Z. 29 ff.; 89 ff.), einmal dann beim deutschen Handwerker (Z. 113 f.) erwähnt. Die chronologisch erzählten Ereignisse werden nicht datiert, außer in der Beziehung auf den Helden: „als er in diese große und reiche Handelsstadt… gekommen war“ (Z. 11 ff.) – danach gibt es nur so unbestimmte Zeitangaben wie „lange“ (Z. 18), „endlich“ (Z. 22, 41, 49 usw.), „da“ (Z. 63) oder „jetzt“ (69). Auch die Dreizahl der Erlebnisse ist für volkstümliches oder lehrhaftes Erzählen typisch.
Im einleitenden Kommentar sagt der auktoriale Erzähler, wie er seine Geschichte verstanden wissen will; sie dient ihm als Beleg („denn“, Z. 11) für seine Behauptung, dass jemand, ein deutscher Handwerker, durch den Irrtum zur Wahrheit gekommen ist – ein Weg, den er selbst als „seltsamsten Umweg“ bewertet, Z. 8. Umweg ist dieser Weg in den Augen des Erzählers angesichts dessen, was er als täglich gegebene Möglichkeit und damit auch Aufgabe des Menschen ansieht: durch „Betrachtungen über den Unbestand aller irdischen Dinge“ (Z. 3 f.) mit dem eigenen Schicksal und seinen bescheidenen Lebensmöglichkeiten „zufrieden zu werden“ (Z. 5). Dass seine Zuhörer zur Einsicht in den wahren Wert des Irdischen kommen und dadurch mit ihrem Schicksal zufrieden werden können, dessen ist der Erzähler gewiss; sein Held ist ein Vorbild, von und mit dem man etwas lernen kann. Dass dessen Weg dabei ein seltsamer Umweg ist, macht seine Geschichte erzählenswert und unterhaltsam.

Wann hat man die Erzählung „Kannitverstan“ verstanden? Und gibt es ein richtiges oder vollständiges Verstehen? Um diese beiden Fragen beantworten zu können, sollte man drei kommunikative Dimensionen oder Aspekte unterscheiden. Die erste Dimension wird erreicht, wenn die reine Erzählung (Z. 11 ff.) im Vordergrund steht; das ist etwa der Fall, wenn Hebels Erzählung Kindern der Primarstufe oder der frühen Sekundarstufe zur Unterhaltung vorgelesen oder zur Nacherzählung vorgetragen wird; dann haben sie es mit der Geschichte eines Missverständnisses zu tun – die realen Zuhörer halten sich für dem Helden überlegen, weil sie sein Missverständnis durchschauen und sich deshalb daran erfreuen können. Dieses Verständnis ist sicher nicht falsch, weil dem Erzählungsaufbau entsprechend, aber nicht vollständig, weil den einleitenden Kommentar nicht beachtend.
Die zweite Dimension des Verstehens wird durch den Erzählerkommentar eröffnet: die Erzählung als Beispiel und der Held als Vorbild dafür, wie man von falscher Betrachtung der sozialen Unterschiede (Stichwort in Z. 3 und 69, analog zu ergänzen in Z. 101 ff. und 121) zur richtigen Betrachtungsweise kommt; als richtig gilt dabei dem Erzähler die Betrachtung, welche den einzelnen Menschen zufrieden macht (Z. 5 f.) und bei der es einem leicht statt schwer ums Herz wird (Z. 69 f.; 100 f.; 115; 119 f.). Man wird nicht fehlgehen, wenn man die Intention des auktorialen Erzählers als die des Autors Johann P. Hebel begreift; in seinen Augen wäre die Erzählung richtig verstanden, wenn die Leser den namenlosen Helden als Vorbild nähmen, zur richtigen Betrachtung des Reichtums kämen und so zufrieden würden: Auch aus einem großen Haus kommt man in ein enges Grab (Z. 123 f.); im Tod sind alle gleich, der Unterschied zwischen Reichen und Armen ist dann aufgehoben (Z. 102 ff.).
Da man methodisch zwischen Autor und Erzähler zu unterscheiden hat, kann man das Verhältnis von Autor und Lesern als dritte Dimension des Verstehens betrachten, auch wenn der Autor Hebel seinem auktorialen Erzähler nahe steht. Definitiv ist eine dritte Dimension erreicht, wenn ein Leser die Belehrung durch den Erzähler versteht, aber für falsch hält, Hebels Intention zurückweist und von einer (vermeintlich?) höheren Einsicht in die politischen Möglichkeiten des sozialen Ausgleichs und Kampfes die möglicherweise beschwichtigende, aufs Dereinst vertröstende Wirkung der Erzählung ablehnt; statt der Gleichheit im Tod kann man Gleichheit im Leben anstreben, den Neid auf die allzu Reichen brauchte man dann nicht zu beseitigen; das Mitgefühl mit den Toten ersetzte nicht die Brüderlichkeit der Bürger. – Spätestens hier ist die dritte Dimension des Verstehens erreicht; es kann historisch untersucht werden, wie Hebels Erzählung verstanden worden ist und gewirkt hat. Ob man in dieser Dimension entscheiden kann, welches Verständnis richtig ist, sei dahingestellt; sicher ist ein Verständnis, in dem man sich von der Intention des Autors distanzieren kann, vollständiger als eines, welches dem Charme des auktorialen Erzählers erliegt.

Schauen wir zurück, wie wir bei der (alten) Analyse vorgegangen sind:
1. Zunächst haben wir untersucht, was erzählt wird (die Ereignisse, die Erlebnisse und Reaktionen des Helden); dabei ist als treibendes Moment, vielleicht sogar als Thema das Missverständnis des holländischen Satzes „Kannitverstan“ aufgetaucht. Wir haben also den thematischen und chronologischen Aufbau der Erzählung untersucht.
2. Danach haben wir untersucht, wie die Geschichte erzählt wird und wie der Erzähler sich zu Wort meldet – dies alles auf die eigentliche Erzählung (ab Z. 11) bezogen. Wir haben somit die Erzählweise und die Kommunikation des Erzählers mit seinen Hörern berücksichtigt.
3. Abschließend haben wir den einleitenden Erzählerkommentar untersucht und die Erzählung von ihm her als eher erbauliche Belehrung verstanden. Wir haben somit die Intention des auktorialen Erzählers gefunden.
Damit ist die Analyse eigentlich beendet; man hätte auch mit der Untersuchung des Erzählerkommentars beginnen, die ganze Bedeutung der „Betrachtungen“ (Z. 3) dann aber erst aus der Erzählung selbst verstehen können. [Wie man vom Erzähler-kommentar ausgehen kann, wurde oben vorgeführt.]
Danach haben wir die Grundsatzfrage behandelt, wann man die Erzählung vollständig oder richtig verstanden hat; dabei haben wir mehrere Dimensionen des Verstehens unterschieden, die an kommunikative Verhältnisse angebunden sind. Als neues Verhältnis taucht das des Autors Hebel zu realen Lesern damals und heute auf. Hier greift die Untersuchung als Rezeptionsforschung über den Text hinaus; als politische oder geschichtsphilosophische Untersuchung stellt sie den Autor Hebel mit seiner Erzählung in die Geschichte der sozialpolitischen Kämpfe.