Brecht: Apfelböck oder Die Lilie auf dem Felde – Analyse

In mildem Lichte Jakob Apfelböck…

Text

http://www.silyrik.de/html/292230410.html

http://www.eikk.de/sqlprint.php?nid=95

http://www.englisch.schule.de/chor/krimipro.htm

Joseph Apfelböck, geboren 1903, aufgewachsen in zerrütteten Familienverhältnissen, arbeitete in einem elektrotechnischen Betrieb, als er im Juni 1919 arbeitslos wurde. Er hatte darauf die Idee, Schauspieler zu werden, was seine Mutter, Zugehfrau bei einem Arzt, entschieden ablehnte. Daraufhin geriet er in Zorn und erschoss sie am 29. Juli 1919 in ihrer Wohnung im Münchener Stadtteil Haidhausen; als sein Vater, ein Frührentner, nach Hause kam, erschoss er ihn ebenfalls. Er lebte dann in der elterlichen Wohnung, bis er Mitte August 1919 verhaftet wurde; am 25. November wurde er zu einer 15jährigen Haftstrafe verurteilt. Er meinte, es sei das Beste, wenn er „totgemacht“ würde. In der Haft absolvierte er eine Schneiderlehre, 1932 wurde er entlassen.

Das Gedicht, im August 1919 entstanden, erschien 1920 in der Dada-Broschüre „Das Bordell“ (Auflage von 300 Exemplaren, wurde auf Gerichtsbeschluss nach Erscheinen sofort eingestampft). Danach wurde es in der „Hauspostille“ (1927) veröffentlicht; die Strophe 4 ist erst 1927 Bestandteil des Textes. Vielleicht ist Wedekinds Gedicht „Der Tantenmörder“ (1902) ein Vorbild für Brechts Gedicht; aber Wedekinds Gedicht ist eine Parodie der Bänkellieder, was man gegen Carl Pietzckers These von Brechts Gedicht nicht einleuchtend behaupten kann.

Die Überschrift ist teilweise ein Bibelzitat; in der Bergpredigt spricht Jesus von den Lilien auf dem Feld (Mt. 6,28), von denen man lernen soll, sich nicht um die Kleidung zu sorgen: „Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomon war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.“ (Mt. 6,28 f.) Was die Überschrift als Leseanweisung enthält, bleibt vorerst unklar, da von Sorge und Kleidung nicht die Rede ist.

Ein unbeteiligter Erzähler berichtet äußerst kurz von Jakob Apfelböcks Doppelmord (V. 1 f.) und dann länger von der Zeit nach dieser Tat, bis sie ans Licht kommt (Str. 10). An diesem Bericht fällt Verschiedenes auf: Anders als bei normalen Bänkelliedern wird die Mordtat weder breit ausgemalt noch moralisch verurteilt; auch vom Prozess gegen Jakob A. erfährt man nichts. Seine Gestalt wird so gezeichnet, dass beinahe er (anstelle der Eltern) Mitleid verdient: Er ist jetzt allein (V. 4); „es“ (statt „er“) war vor sieben Tagen noch ein Kind (V. 8) und wird vom Erzähler „das arme Kind“ genannt (V. 15), von der Milchfrau „das Kind“ (Str. 11). Er erscheint wiederholt „in mildem Lichte“ (V. 1; Str. 8-10), auch der Sommerwind ist mild (Str. 2); er isst nicht mehr viel, er liest nicht (Str. 5, 6) – er ist ein bemitleidenswertes Kind, das nach dem Mord einfach wartet und nichts unternimmt (Str. 3), sondern vom Leichengeruch noch krank wird (Str. 7).

An seinem Mord fällt auf, dass Jakob nicht weiß, „warum er’s getan“ hat (Str. 10). Es gibt eine Deutung, dieses fehlende Motivation mit der Verlagerung des Geschehens ins bürgerliche Milieu (Milchfrau und Zeitungsmann kommen ins Einfamilienhaus, Str. 5 ff., man erwartet noch einen Grabbesuch Jakobs – während die historischen Apfelböcks aus der Unterschicht stammten) zu verknüpfen: Durch die Tat habe Jakob sich von seinem Vater befreien, sich also emanzipieren wollen, weshalb er danach eben kein Kind mehr war (V. 8); so werde durch die Tat der Terror der bürgerlichen Lebensordnung entlarvt: Es gehe im Gedicht also nicht um den bekannten „Nihilismus“ des jungen Brecht; „es geht vielmehr um den Versuch, die herrschende, sage ich ruhig bürgerliche Ordnung als zutiefst inhuman und menschenverachtend zu entlarven, nämlich als alltäglichen Terror zu erfassen, dessen Brutalität sich dadurch auszeichnet, daß er im Alltag selbst nicht sichtbar, weil er durch die Wiederkehr des Gewohnten verdeckt ist. Das gesellschaftlich Unsichtbare sichtbar werden zu lassen, das vermag allein die ästhetische Gestaltung, die gerade das nicht benennt und sprachlich ausspart, was sie zur Sprache bringen will.“ (Jan Knopf, s.u.) Bei allem Respekt vor dem großen Brecht-Forscher Knopf: Diese Logik erinnert mich an das Argument von den Elefanten, die rote Augen haben, damit sie sich besser im Kirschbaum verstecken können, und die man deshalb auch nicht sieht: weil sie sich so gut tarnen.

Carl Pietzcker (Die Lyrik des jungen Brecht, 1974) nennt das erzählte Geschehen „absurd“, weil es „sich mit den vom Gedicht angebotenen Kategorien der Weltorientierung nicht sinnvoll einordnen lässt“ (S. 80, Anm. 7). „Grotesk wird hier eine Darstellung genannt, welche die Erwartung zu wecken sucht, ein dargebotener Sachverhalt werde gedeutet, diese Erwartung jedoch enttäuscht…“ (a.a.O.). So muss er schließlich dazu kommen, das Gedicht aus der psychischen Entwicklung Brechts zu deuten – das versagen wir uns. Auch Jürgen Hillesheims Versuch (Ich muß immer dichten: Zur Ästhetik des jungen Brecht, S. 266 ff.), dem Gedicht Nietzsches Parabel vom tollen Menschen als Folie des Verstehens zu unterlegen, leuchtet mir nicht ein.

Der Erzähler verurteilt Jakobs Tat nicht, erklärt sie nicht, hat beinahe Mitleid mit dem Kind (s.o.). Er erzählt ganz schlicht (allerdings mit der poetischen Form „Lichte“, V. 1), wiederholt die Formeln vom Auftreten der Milchfrau und des Zeitungsboten (Str. 5 ff.); er berichtet davon als bloßen Ereignissen: „Es bringt… Es bringt… Es sprach… Es sprach…“ Er reiht anaphorisch die Ereignisse: „Und als… Und als … Und als…“ (Str. 7, 7, 10) Die Strophen bestehen aus vier Versen, die wiederum aus fünfhebigen Jamben sich zusammensetzen, im Kreuzreim gereimt. Der Vortrag des Gedichts fließt schmucklos dahin.

Wozu weist Brecht in der Überschrift auf die Lilie auf dem Felde hin? Die Lilie lebt in ihrer schlichten Existenz unterhalb des menschlichen Niveaus von Wünschen und Planen, von Sorge und Arbeit – so wie Jakob Apfelböck nach den beiden Morden, von deren Sinn und Ziel er nichts weiß (Str. 10). Ich denke nicht, dass Brecht ihn im Sinn Jesu als Vorbild eines sorgenfreien Lebens darstellt, sondern eher als eine dumpfe Existenz – dann wäre das Gedicht vielleicht als Spott  über das Wort von den Lilien zu lesen, als eine Religionskritik. So könnte ich der Überschrift noch einen Sinn abgewinnen. Das ist für mich aber kein Grund, es mit Reich-Ranicki zu den 100 bedeutendsten Gedichten des 20. Jahrhunderts zu zählen.

Analyse

http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:3ktZIOail3wJ:brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/5/5-4.hwp+brecht+apfelb%C3%B6ck&cd=72&hl=de&ct=clnk&gl=de = http://brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/5/5-4.hwp  (Jan Knopf)

http://books.google.de/books?id=EekvW8QYX9EC&pg=PA266&lpg=PA266&dq=brecht+apfelb%C3%B6ck&source=bl&ots=mCyGC3_gsf&sig=fnnokRsMLo5mlJEoSkmnvDkKuXQ&hl=de&sa=X&ei=TqbIUN3hC8nWsgbZ6YH4Dg&ved=0CDMQ6AEwATgU#v=onepage&q=brecht%20apfelb%C3%B6ck&f=false (Jürgen Hillesheim)

http://peterhorn.kilu.de/books/brennen.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Apfelb%C3%B6ck

http://www.iaslonline.lmu.de/index.php?vorgang_id=1593

http://xn--apfelbck-s4a.de/name-und-genealogie/

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=eE0wIm1zknM

http://www.youtube.com/watch?v=LlJXtpDWfuw

http://www.juzp.net/qATM-ljBcf_mq

http://www.simfy.de/artists/6279-Various-Artists-Artist/albums/1090315-Brecht-Lieder-und-Balladen/tracks/20602190–Der-Apfelboeck-oder-die-Lilie-auf-dem-Felde

http://www.simfy.de/artists/3997-Milva/albums/674656-Milva-Canta-Brecht/tracks/15931347-Jakob-Apfelboeck

Rezeption

http://www.gesamtschule-schermbeck.de/ges20/schuelerzeitung/gedicht-mordmotive-apfelboeck.php

http://philippe-wampfler.com/2009/03/11/%C2%BBunsere-justizbehorden%C2%AB-und-noch-einmal-brecht/

http://www.programangels.org/program/apfelboeck/pm-apfelboeck.pdf (Buchpräsentation mit Leichenschmaus)

Bänkelsang

http://www.wortmagier.de/img/werk/1/1180477451.pdf

http://www.reinhard-doehl.de/bklsang.htm (Bänkelsang und Dichtung)

http://www.volksliederarchiv.de/lexikon-297.html (Beispiele)

http://www.werle.com/homepage/wasserbg/seite9.htm (Beispiel)

http://www.wolkengold.de/dichtung/der-wilddieb.htm (Beispiel)

http://www.baenkelsaenger.ch/standart/moritaten.htm

http://www.youtube.com/watch?v=2bWINvt0CXE (Beispiel: Film)

http://www.students.uni-mainz.de/delmc005/moritaten.html (Moritaten)

http://www.youtube.com/watch?v=hC1QCjXvc54 (Wedekind: Tantenmörder)

http://www.youtube.com/watch?v=hzVSjNemGUQ (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=SwQPdJxZAeM (Sabinchen, gesungen: Moritatenkanal!)

Brecht: Der Rauch – Analyse

Das kleine Haus unter Bäumen am See….

Text

http://www.worte-projekt.de/brecht.html

http://home.foni.net/~g-erx/htdocs/bb1.html

https://www.mtholyoke.edu/courses/ahildebr/spring2007/deutsch222/BrechtBuckowerElegien.pdf   (Die Buckower Elegien)

http://homepage.univie.ac.at/m.neubauer/Gedichtzyklen/11-Brecht,%20Buckower%20Elegien.pdf  (mit Material)

Analyse im Rahmen der „Buckower Elegien“ 1953
Gemäß der methodischen Einsicht, dass etwas nur in einem Rahmen verstanden werden kann, sollte man die Buckower Elegien als Kontext des Gedichtes „Der Rauch“ heranziehen. Ich stütze mich vor allem auf die Ausführungen Jan Knopfs in seinem Brecht-Handbuch 1984 (Lyrik, Prosa, Schriften; S. 191 ff.) und auf das letzte Kapitel von Franz N. Mennemeiers Buch „Bertolt Brechts Lyrik“, 1982, S. 201 ff.
Mennemeier weist darauf hin, welche Bedeutung Elegien nicht nur im Spätwerk Brechts besitzen; auch „An die Nachgeborenen“ sei eine Elegie. Bereits in der Antike ist Elegie ein doppeldeutiger Begriff: ein Gedicht beliebigen Inhalts in der Form des Distichons (Hexameter und Pentameter), nach dem Inhalt ein Klagegedicht im Ton wehmütiger Resignation (Schülerduden Literatur). Das Distichon ist auch die Form des Epigramms, womit ursprünglich eine Inschrift auf Denkmälern bezeichnet wurde, welche die Bedeutung des Gebäudes erläuterte; allgemeiner bezeichnet „Epigramm“ die Gattung in Form des Distichons, in welchem einem Sachverhalt eine geistreiche oder überraschende Sinndeutung gegeben wird. Inwiefern die Buckower Elegien elegisch sind, wird zu prüfen sein; epigrammatisch knapp sind sie jedenfalls.
1952 hatte Brecht in Buckow ein Anwesen an einem See gekauft und neben dem Gästehaus ein kleines Haus als Arbeitsraum ausbauen lassen (Bild des Hauses: http://www.literaturlandschaften.de/pages/orte/buckow.htmhttp://www.brechtweigelhaus.de/content/elegien.htmhttp://www.brandenburg-reise.com/kurztrips/ein-literarischer-ausflug-nach-buckow/).

Die Buckower Elegien hängen mit der Lage Brechts und der DDR nach dem Aufstand am 17. Juni 1953 zusammen; Brecht sah die Lage so, dass die Unruhen als Aufstand unzufriedener Arbeiter angefangen hatten, jedoch faschistisch unterwandert bzw. vom Westen ausgenutzt wurden, wobei auch die alten Nazis aus der DDR sich wieder erhoben hätten. Er billigte also den Einsatz der sowjetischen Panzer, sah jedoch auch die Entfernung der Regierung von der eigenen Arbeiterbevölkerung. Die Klage Brechts in den in Buckow entstandenen Elegien gelte also einmal der Tatsache, dass die Vergangenheit in der Gegenwart noch weiterwirkt, dass der Fortschritt nicht radikal erfolgt ist; subjektiv beklage der Dichter seine Distanz von der Aufbauarbeit am Sozialismus. Seine Arbeit sei nicht produktiv, sondern bloß reflexiv, meint Jan Knopf (a.a.O., S. 202). Die Bukower Elegien stellten also eine Bestandsaufnahme dar – den wahrgenommenen Zustand wollte der Dichter so schnell wie möglich vergangen wissen.
Zum gleichen Ergebnis kommt Franz Mennemeier aus der Untersuchung des Aufbaus der Gedichte. Er stellt eine dreiteilige „rational-durchhellte Aussagestruktur der Gedichte, die dem Syllogismus verwandt ist“ (S. 208), fest; es gehe also nicht um Resignation und Weltschmerz, sondern um Konzentration des Denkens. Beide Aussagen, die zur Elegie und die zum Aufbau, werden zu prüfen sein, und zwar an der Gesamtheit der Elegien (wobei man aus praktischen Gründen sich auf einige beschränken wird).
Man beginnt am besten mit dem Motto (dazu Jan Knopf, a.a.O., S. 203), welches von Brecht selbst an seine Stelle gerückt worden ist:
Ginge da ein Wind
Könnte ich ein Segel stellen.
Wäre da kein Segel
Machte ich eines aus Stecken und Plane.
Der Ich-Sprecher macht zwei Aussagen im Modus der Irrealität (Konjunktiv II), was er tun könnte und würde (V. 2 und 4); beide bindet er an eine Bedingung, ebenfalls im Konjunktiv II. Die beiden Sätze sind also streng parallel aufgebaut, wozu auch die Zweitstellung des unbestimmt verweisenden „da“ in V. 1 und 3 beiträgt.
Unbestimmt ist auch, zu wem das Ich spricht, ob es also zu einem oder mehreren anderen oder für sich selbst spricht. Aus V. 1 f. kann man die Situation erschließen, dass (unausgesprochen) der Wunsch besteht, mit einem Boot voranzukommen; dieser Wunsch bleibt unerfüllt, während das Ich erklärt, wieso der Wunsch unerfüllt bleibt. In dieser Nichterfüllung sind eine Nichtaktion des Ichs und die Nichtgegebenheit der elementaren Bedingung des Vorankommens miteinander verbunden: Es geht kein Wind, also stellt das Ich kein Segel auf; denn das zu tun wäre bei Windstille sinnlos.
Im zweiten Satz wird deutlich, dass die Windstille der entscheidende Grund des Stillstands ist; denn das Ich bekräftigt seine Bereitschaft, bei frischem Wind selber für Bewegung zu sorgen, indem es ankündigt, dass es notfalls ein Behelfssegel basteln würde (V. 4) – wenn denn da ein Wind ginge; der zweite Satz steht also logisch „unter“ dem ersten bzw. unter der in V. 1 genannten Irrealität der Bedingung – als Konjunktion könnte „und“ die beiden Hauptsatzprädikate „könnte“ und „machte“ verbinden (bzw. der konditionale Anschluss könnte heißen: „und wenn dann…“).
Wer das Ich ist, wird nicht gesagt; das Motto ist eine Klage darüber, dass kein (frischer) Wind weht, dass man also nicht vorankommt, und eine Entschuldigung für die scheinbare Untätigkeit des Ichs: Es kann nichts Adäquates tun, damit es vorangeht.
In dieser geläufigen metaphorischen Verwendung von „vorangehen“ ist der Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung gegeben. Da die Gedichte „Buckower Elegien“ heißen, wird man im Ich den Mann aus Buckow, also Brecht selbst, sehen dürfen. Ob man mit Jan Knopf im Anschluss an Horaz „Segel setzen“ als Metapher fürs Dichten lesen darf? Jedenfalls scheint mir Knopfs Auswertung (S. 203), Brecht rechtfertige seine (Buckower) Lyrik im traditionell betrachtenden Stil durch das Motto, fragwürdig zu sein; das Ich im Motto tut überhaupt nichts; es setzt auch keine Hilfssegel, sondern rechtfertigt nur seine Untätigkeit bzw. Hilfslosigkeit angesichts der objektiv gegebenen Umstände. – Das wäre als Klage nach den am 17. Juni deutlich gewordenen Problemen verständlich und braucht nicht zusätzlich auf die Art des Dichtens bezogen zu werden.
Den elegischen Charakter der Buckower Elegien beleuchtet am deutlichsten das Gedicht „Böser Morgen“ (F. Mennemeier); es enthält ebenfalls (anders als zum Beispiel „Der Rauch“ oder „Rudern, Gespräche“) explizit eine Ich-Position. [Das ist die gekürzte Fassung dessen, was ich vor einigen Jahren selbst geschrieben habe: https://norberto42.wordpress.com/2012/01/30/brecht-der-radwechsel-analyse/ ] 

—————————————————————————————————————————————–

Das Gedicht „Der Rauch“ ist im Sommer 1953 entstanden und in „Sinn und Form“ 1953 veröffentlicht worden. Ein unbekannter Sprecher betrachtet ein Haus; im Konditionalsatz (V. 3: Was wäre, wenn…) und in seiner Wertung (V. 4 f.) meldet er sich als Subjekt zu Wort. – Das Gedicht bezieht sich ursprünglich auf ein Haus an einem kleinen See in der Nähe des Schermützelsees, welches Brecht für Käthe Reichel besorgt hatte.

Ich übernehme die stichwortartige Analyse von Würzburger Studentinnen (Stefanie Zeller, Sarah Jann, Franziska Gabel):

Der Rauch

– Haus in Buckow ( für Käthe Reichel )

– Umgebung erzeugt ein idyllisches Bild

– Umbruch: Wenn-dann-Beziehung

– Konjunktiv gibt Denkanstoß

Symbol: Rauch

– in der Antike : Vergänglichkeit

– bei Nietzsche : Nihilismus

– „junger“ Brecht : Trostlosigkeit und Sinnlosigkeit

– „alter“ Brecht : Beweglichkeit und Leben

Eine methodische Frage zu dieser Interpretation: Ist es wichtig, die ganze Geschichte der Rauch-Symbolik zu referieren? Ist der Rauch nicht einfach Zeichen dafür, dass das Haus bewohnt ist (simpel gesagt: dass Käthe Reichel da ist, eventuell für ihn kocht)? So ähnlich liest Hans-Otto Dill das Gedicht – ich korrigiere sein Versehen in der Verszählung:

„Hier unterliegt dem Text eine autobiographische Situation: Brecht sieht bei der Ankunft in Buckow aus dem Haus Rauch aufsteigen, ein Zeichen dafür, dass Helene Weigel oder Käthe Reichel für ihn ein Festmahl bereitet. Diesen Sachverhalt evoziert er aber nicht, sondern verfremdet ihn zu einer Verallgemeinerung ins Philosophische, der Rauch als Symbol von Liebe, der Fürsorge für Andere, und für menschliche Anwesenheit überhaupt. Dieser zweite, symbolische Sinn führt über den wörtlichen Sinn, eine Landschaftsidylle zu malen, hinaus. Dies Gedicht verliert durch diese Verallgemeinerungspotenzen die Eindeutigkeit und Eindimensionalität, also die Einfachheit, und gewinnt Mehr- oder Vieldeutigkeit. Von der syntaktischen Einfachheit der Parataxe der ersten zwei Zeilen geht es in den letzen drei zur Hypotaxe über, die per negationem  eine verallgemeinernde Symbolik realisiert.“

http://www.litde.com/gedichte-aus-unserer-zeit-interpretationen/der-rauch-bertolt-brecht.php (gut, mit fragwürdiger Interpretation von V. 2)

http://leibnizsozietaet.de/wp-content/uploads/2012/11/08_dill.pdf (Dill: Beispiel für „realistische Kunst“, die 2. Stufe in seiner Typologie „einfache vs. komplexe Literatur“, S. 109 f. – s.o.!)

http://w3.ufsm.br/grpesqla/revista/num13/art_06.php (Deutung v.a. zur Illustration einer sozialistischen Rezeptionstheorie von Literatur)

http://rote-predigt.over-blog.com/article-36756478.html (kurz und knapp)

Buckower Elegien

https://de.wikipedia.org/wiki/Buckower_Elegien

http://brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/1/08buckow.doc (Interpretation verschiedener Gedichte der Buckower Elegien, ohne „Der Rauch“)

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz96_09/text05.htm (Jan Knopf über die B.E.)

Käthe Reichel

www.anjaroehl.de/gedenken-an-kathe-reichel/

http://www.hmklemt.de/0000009b6f0c93306/0000009b7214b7015/0000009c3e14e1237/

https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%A4the_Reichel

http://www.welt.de/kultur/buehne-konzert/article110055387/Kaethe-Reichel-liebte-Brecht-und-mochte-Milosevic.html

http://www.defa.de/cms/DesktopDefault.aspx?TabID=1607

http://www.joachim-dietze.de/pdf/brecht_ab.pdf (Brecht und seine Frauen)

Sonstiges

http://www.uni-bielefeld.de/lili/personen/bogdal/veranstaltungen/3.%20VORLESUNG.ppt (Literatur in der DDR)

http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/DDR-Literatur

 

Brecht: Terzinen über die Liebe – Analyse

Terzinen über die Liebe = Die Liebenden

Sieh jene Kraniche in großem Bogen…

Die wandernden Vögel schweben miteinander und mit den Wolken in einer schwerelosen Höhe; so schwebt der Text zwischen der Utopie des zeitlosen Mit- und Ineinanders der Liebenden und dem unausweichlichen Ende ihrer Einheit. Das Leitmotiv des Gedichts lautet SCHEINEN. Der mühelose Gleichklang in Höhe, Geschwindigkeit und Richtung, das gleichwertige Nebeneinander der Ungleichen, die Fähigkeit zum Teilen – all dies ist Schein (V. 6: »Scheinen sie alle beide nur daneben«). Die Schlussverse greifen dieses Motiv wieder auf: Die Trennung wird nicht nur »bald« kommen, sie ist in der Liebe selbst präsent. In diesem Doppelspiel von Beisammen- und Getrenntsein »scheint die Liebe Liebenden ein Halt«. Das der Liebe angemessene Verb lautet nicht »sein« oder »geben« – die Liebe ist nicht Halt und sie gibt nicht Halt –, sondern »scheinen«. Sie scheint etwas zu sein und sie spendet ihren Schein, nicht mehr und nicht weniger – wie das Feuer vor der Höhle, in dessen Widerschein die Wahrheit als Schatten aufscheint. Die Liebe überspannt den Abgrund, das unausweichliche Getrenntsein, als Schein. In der doppelten Bedeutung des Scheins als dem wunderbaren Abglanz der Lichts und dem unsicheren Anschein auf Widerruf liegt ihr Glück und ihre Melancholie, die einander zugehören, einander bedingen – wie die Liebenden selbst. (Gerhard Härle: Lyrik – Liebe – Leidenschaft. Motivgeschichtlicher Streifzug durch die europäische Liebeslyrik, S. 6)

Laut einer Umfrage des wdr im Jahr 2000, bei der allerdings nur 3.000 Antworten eingingen, gehört Brechts Gedicht „Die Liebenden“ zu den 100 beliebtesten deutschen Gedichten, und zwar als Nummer 76 (http://www.susannealbers.de/03philosophie-literatur-gedichte00.html). Das scheint mir dafür zu sprechen, dass Brechts Gedicht dabei als eines von der beseligenden zeitlosen Liebe missverstanden worden ist. Auch wird es in der Forschung überwiegend unter dem Titel „Terzinen über die Liebe“ zitiert und untersucht. Woher kommen diese Irritationen?

Es gibt eine Reihe guter Untersuchungen, die auch leicht zugänglich sind. Ich werde deren wesentliche Ergebnisse kurz benennen und auch die Untersuchungen vorstellen – wenn jemand es dann ganz genau wissen will, soll er selber nachlesen, was die klugen Köpfe sagen.

Möglicherweise oder vermutlich ist Brecht durch eine Stelle aus Dantes Göttlicher Komödie zu seinem Gedicht angeregt worden:

Wie Kraniche, zum Streifen lang gereiht 

In hoher Luft die Klagelieder krächzen, 

So sah ich von des Sturms Gewaltsamkeit 

Die Schatten hergeweht mit bangem Ächzen.

Lang hört’ ich den Bericht des Lehrers an,

Von diesen Rittern und den Frau’n der Alten,

Voll Mitleid und voll Angst, bis ich begann:

Mit diesen Zwei’n, die sich zusammenhalten,

Die, wie es scheint, so leicht im Sturme sind,

Möcht’ ich, o Dichter, gern mich unterhalten.

Und er darauf: „Gib Achtung, wenn der Wind

Sie näher führt, dann bei der Liebe flehe,

Die beide führt, da kommen sie geschwind.“

Kaum waren sie geweht in unsre Nähe,

Als ich begann: Gequälte Geister, weilt,

Wenn’s niemand wehrt, und sagt uns euer Wehe.

Gleich wie ein Taubenpaar die Lüfte teilt,

Wenn’s mit weitausgespreizten steten Schwingen

Zum süßen Nest herab voll Sehnsucht eilt;

So sah ich sie dem Schwarme sich entringen,

Bewegt vom Ruf der heißen Ungeduld,

Und durch den Sturm sich zu uns niederschwingen.“

(Dante: Die göttliche Komödie, 5. Gesang, http://www.gutenberg.org/catalog/world/readfile?fk_files=1469462&pageno=6)

Da haben wir Dantes Kraniche, die vielleicht zu Brechts Kranichen geworden sind. Die Liebesgeschichte von Francesa und  Paolo, die in der Ewigkeit der Hölle endete, erläutert Peter von Matt: Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur, 1989 = dtv 4566, 1991, S. 82 ff., um im Anschluss daran Brechts Gedicht zu interpretieren (S. 87 ff.).

Ebenfalls leicht zugänglich ist Carl Pietzcker: Von aufgehobener Sehnsucht, in: Interpretationen. Gedichte von Bertolt Brecht, hrsg. Von Jan Knopf, Stuttgart 1995 (RUB 8814), S. 69 ff. Eine erweiterte Fassung dieses Aufsatzes, 1999 gedruckt, gibt es als Datei im Internet (http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/3826/pdf/Pietzcker_Bertolt_Brechts_Terzinen.pdf): Bert Brechts „Terzinen über die Liebe“.

Auch Carl Pietzcker geht (im Aufsatz von 1999) vom Text Dantes als Vorlage aus, hebt jedoch den wesentlichen Unterschied hervor, dass bei Brecht die metaphysischen Verbote der Liebe (Ehebruch, bei Dante) entfallen; Brechts Gedicht spreche aus dem Widerspruch von Liebessehnsucht und Selbstrettung vor dem Untergang in einer „ewigen“ Verschmelzung (statt vor Höllenstrafen). Die Liebe bezeichne bei Brecht also eine vorläufige Einheit, eine Trennung erfolge schon in der Einheit, sodass die Einheit der Liebenden nur als ästhetischer Schein bleibe. Wie bzw.mit welchen Techniken der Text des Gedichts im Vollzug seiner selbst Einheit und Trennung zugleich erstellt, untersucht er dann sehr ausführlich:

  1. Das Metrum (S. 417 ff.)
  2. Das Spiel mit den Lauten (S. 419 f.)
  3. Die Syntax (S. 420)
  4. Die Bilder (der Flug, die Kraniche, Wolken, Wind, Himmel, S. 420 ff.)
  5. Techniken der Grenzverwischung (S. 422-425: wichtig!): Im Gedicht werden Erfahrungen von verschwimmender Einheit und Unwirklichkeit beschrieben bzw. ermöglicht; neben semantischen Elementen, die klare Bedeutungen setzen, treten bedeutungsfreie sprachliche Momente (S. 422). „Das Gedicht bietet also Bilder an und läßt sie ineinander übergehen; es nimmt Wörtern, Sätzen und Bildern ihre klarumrissene Bedeutung und erzeugt so eine poetische Welt fluktuierender Imaginationen: eine Welt unwirklicher Einheit. (…) So schafft es jene Leseerfahrung wortlos liebender Einheit, Distanz und Reflexion zugleich, die noch über den Schlußsatz hinaus anhält — ein Spiel von Ambivalenzen.“ (S. 424 f.)
  6. Die Kommunikationssituation (S. 425 ff.: wichtig): „Es sind ‚Terzinen‘ nicht der, sondern ‚über die Liebe‘: dies ist ein Lehrgedicht, in dem die Liebe sich hinter dem Rock des argumentierenden Lehrers verbirgt, aber auch blicken läßt. Sofern sie sich blicken läßt — gelegentlich zeigt sie sich sogar in verlockender Gestalt — geht es jedoch um mehr als Illusion und Desillusionierung. Es geht um Erfahrung im Medium des Scheins.“ (S. 428 f.)
  7. Textstrategien a) Das Spiel mit Rollen und Perspektiven (S. 430 ff. – wichtig): „In ihrer Perspektive erfahren Liebende zeitlose Einheit. Die Lesenden folgen ihnen, werden von ihr jedoch durch Außenperspektiven getrennt. So wird ihnen diese Einheit zum Schein Das Gedicht schafft ihn im Gefüge sich relativierender Perspektiven: Im Perspektivengefüge gelingt es, lyrisch das Nichtsagbare dennoch zu sagen.“ (S. 434) b) Das Verhalten zur Tradition (S. 434 ff. – sehr gelehrt): Das Gedicht ist eine Antwort aus Hofmannsthals „Terzinen über Vergänglichkeit“, vgl. http://de.wikisource.org/wiki/Terzinen_%C3%BCber_Verg%C3%A4nglichkeit_(I%E2%80%93IV)

Jan Knopf hat nicht nur das große Brechthandbuch geschrieben, sondern auch einen Aufsatz „Das Liebesgedicht ohne Liebe“, der als Datei vorliegt (http://brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/1/09liebgedicht.doc). Darin stellt er die Textgeschichte dar und hellt auch die Verwirrung um den Titel auf; das Gedicht ist für die Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ 1928 verfasst worden und soll dort von Jenny und Jimmy (Szene 14) gesungen werden, also von Hure und Freier im Bordell – das ist schon eine starke Distanzierung von der Vorstellung romantischer ewiger Liebe! Der erste Druck als Gedicht unter der Überschrift „Terzinen über die Liebe“ erfolgte 1931 (in der Knopf-Datei S. 143 f., bei Pietzcker S. 413 f.). In der von Wieland Herzfelde herausgegebenen Sammlung „Hundert Gedichte“ (1951) steht es dann unter der Überschrift „Die Liebenden“.

Da wir schon beim Text sind, will ich gleich noch auf die in den beiden Gedichtfassungen verschiedenen Abfolgen der Verse 7-9 hinweisen; dazu und zu anderen Textproblemen kann man auch noch http://www.icn.uni-hamburg.de/webfm_send/29 heranziehen, eine Analyse des Gedichts (Hühn, Kiefer, Schönert, Stein) mit neuen Mitteln der Erzähltheorie (sehr kompliziert). Der gültige Text ist leicht greifbar unter http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/lektuere/terzinen.htm; vgl. damit http://www.joergalbrecht.de/es/deutschedichter.de/werk.asp?ID=614 (andere Reihenfolge der Verse 7-9 nach: Die Liebenden)

In einem zweiten Durchgang setzt Jan Knopf sich v.a. mit Peter von Matts Deutung auseinander. Knopf hebt auch jene Ambivalenz hervor, „mit der es Brecht gelingt, einerseits diese abgehobene Vorstellung vom Aus­ser-der-Zeit-Sein zu vermitteln, mit dem vollkommenes, wenn auch kurzes Glück verbunden zu sein scheint, und andererseits zu­gleich das genaue Gegenteil zu sagen: Dieses Glück gibt es gar nicht; es ist reine Einbildung.“ (S. 150) Knopf arbeitet auch Brechts Technik der Desillusionierung heraus: „Aus den Schlußversen ist dann zu folgern: Das Gedicht besteht nur in ästhetischem Schein, und die Desillusionierung ist auch dazu da, daß die davor aufgerufene Utopie als solche bemerkt wird. Dieses Fazit zieht auch der abschließende Vers: Auch das Gedicht ist nur Schein und sollte nicht mit irgendwelchen Wirklichkeiten verwechselt werden. Es gibt keinen Halt und keine Beruhigung, weder im Liebesglück noch im Gedicht.“ (S. 152)

Als die elementaren methodischen Probleme möchte ich benennen: 1. Wie weit muss Brechts Gedicht in Bezug auf Dante und Hofmannsthal (s.o.) verstanden werden? 2. Muss es primär als eigenständiges Gedicht oder als Duett der Mahagonny-Oper verstanden werden? (S. dazu auch die Analyse von Kühn u.a.)

Weitere Analysen:

http://www.khristophoros.net/brecht.html

http://johannesklinkmueller.wordpress.com/2012/10/10/%E2%99%A1-wenn-sie-nur-nicht-vergehen-und-sich-bleiben-ein-unverganglicher-liebeswalzer-bertolt-brechts-die-liebenden/ (Klinkmüller lässt die letzten drei Verse einfach weg und kommt so zu einem überaus schönen Liebesgedicht – das süße Liebesfühlen beruht auf bewusstem Pfuschen!)

http://homepage.bnv-bamberg.de/gk_deutsch/gedichte/brecht_liebende-02.doc (Aufbau und Form, kurz – Referat der Ergebnisse eines Lk-Deutschkurses)

Es sind weitere schülerhafte Analysen im Netz greifbar, die mehr auf Vermutungen als auf genauem Lesen beruhen. Als letzter Link sei genannt http://www.helpster.de/gedichtanalyse-von-die-liebenden-gelingt-ihnen-so_77497 (ein Beispiel, wie bescheuert eine Anleitung zur Gedichtanalyse durch einen vermeintlichen Fachmann sein kann). – Bereits in seiner Habilitationsschrift „Die Lyrik des jungen Brecht“ (1974) hat Carl Pietzcker [aus heutiger Sicht auch eine dem Zeitgeist verpflichtete Jugendsünde?] das Gedicht im Kontext der Entwicklung Brechts beim Thema SEXUALITÄT kurz analysiert (S. 261 ff.): Mit den verschiedenen typischen Bildern und Motiven „geht die bürgerliche Negation der das Subjekt negierenden bürgerlichen Gesellschaft in die Lyrik des jungen Brecht ein; eine Negation, in der das bürgerliche Subjekt sich selbst und den anderen so negiert, daß noch in der hierbei erreichten Bewahrung das Abstrakt-Allgemeine wiederkehrt: in der Leere des Himmels, der Ungreifbarkeit der Wolke, im tonlosen Flügelschlag, dem Vergehen des Gesichts und dem Schwinden der Erinnerung“ (S. 271; vgl. S. 292 die entsprechende Zusammenfassung in psychoanalytischer Perspektive).

Vortrag:

http://www.youtube.com/watch?v=yxfudb0Oa_o (Monica Bleibtreu)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-liebenden-859.html (Fritz Stavenhagen, Text problematisch)

Brecht: Erinnerung an die Marie A. – zur Interpretation

„An jenem Tag im blauen Mond September…“

Text des Gedichts

http://www.uni-saarland.de/fileadmin/user_upload/Professoren/fr41_ProfGutenberg/Gedicht_des_Monats/Erinnerung_an_die_Marie_A.pdf oder

http://erinnerungsort.de/erinnerung-an-die-marie-a.-_135.html

Als „Quelle“ oder Anregung für Brechts Gedicht (entstanden 1920) gilt heute primär der alte Schlager „Verlor’nes Glück“; dessen Text findet man unter http://de.wikisource.org/wiki/Verlor%E2%80%99nes_Gl%C3%BCck.

Die große Interpretation, der ich nicht viel hinzuzufügen habe, ist http://de.wikipedia.org/wiki/Erinnerung_an_die_Marie_A.; allerdings ist die Wolke bei Brecht eher eine Metapher des Vergessens, vgl. „Ballade vom Tod der Anna Gewölkegesicht“: „Mit Kirsch und Tabak, mit Orgeln und Orgien / Wie war ihr Gesicht, als sie wegwich von hier? / Wie war ihr Gesicht? Es verschwamm in den Wolken. / He, Gesicht! Und er sah dieses weiße Papier!“ (2. Str.; vgl. auch Str. 4 und 5: http://dtserv2.compsy.uni-jena.de/ss2012/ndlger/57880477/content.nsf/Pages/7E25B099F14880F5C1257A23004CFCE2/$FILE/PPP_Textanalyse_10.ppt, dort Folie 11; Anna Gewölkegesicht steht für das gleiche Mädchen wie Marie A.)

Wichtig fürs erste Verstehen sind die Abschnitte

–       Biographischer Kontext,

–       Literarische und musikalische Quellen,

–       Veröffentlichungen,

–       Vortragsanweisungen,

–       Interpretationen, darin v.a.

–       – Form und Symbolik,

–       – Rezeptionsgeschichte,

–       (Weitere Verwendung der Motive bei Brecht: fürs zweite Verstehen)

–       (Vertonungen: ebenfalls fürs zweite Verstehen).

Jan Knopfs Analyse („Sehr weiß und ungeheuer oben“, in: Interpretationen. Gedichte von Bertolt Brecht. Hrsg. von Jan Knopf, RUB 8814, Stuttgart 1995, S. 31 ff.) sei ganz knapp referiert:

  • Brechts Gedicht ist eine Parodie des Schlagers „Verlor’nes Glück“; die erste Überschrift (Sentimentales Lied No. 1004) setzt den Text „in ironische Anführungszeichen“.
  • Das Gedicht setzt Stimmungswerte, die es als unmittelbar erlebnishaft erscheinen lassen (klangliche Bezüge, rhythmische Leitmotive, Alliterationen, Assonanzen). „Dennoch läuft alles auf Desillusionierung hinaus.“ Es liegt kein Liebesgedicht vor.
  • Das Gedicht steht in „Bertolt Brechts Hauspostille“. „Vergehen und Lebensgenuß sind die zwei großen Themen der Hauspostille.“ Dass bereits das Vergessen im Leben den Lebensgenuss gefährdet, sagt „Erinnerung an die Marie A.“. So ist auch nach diesem Gedicht gemäß Brechts Anweisung „Gegen Verführung“ zu lesen: als Mahnung, das Leben in vollen Zügen zu schlürfen.

Weitere Interpretationen:

http://www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/ss2007_ps_02_marie.pdf (kurz: Thesenpapier)

http://www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/ss2007_ps_01_marie.pdf (ähnlich)

http://www.khristophoros.net/brecht.html

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=DwHJl6odja0 (Andreas Risses Rezitation, gut)

http://www.youtube.com/watch?v=0foN1rnr83g (Rezitation Fritz Stavenhagens, problematisch)

http://www.youtube.com/watch?v=yFI4MraJLO0 gesungen (D. Niezing)

http://www.youtube.com/watch?v=7RC5op37j-0&feature=related (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=ZYR0OZZQKDo&feature=related (gesungen von E. Busch)

Zu „Bertolt Brechts Hauspostille“ als Kontext:

www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/ss_2007_ps_02_hauspostille.pdf

An dieser Stelle soll auf einige methodische Probleme hingewiesen werden: 1. Das Gedicht ist seit 1924 mehrfach veröffentlicht worden, ehe es 1927 in „Bertolt Brechts Hauspostille“ stand – muss man es im Kontext der Hauspostille verstehen, oder hat es sein Recht auch außerhalb dieses Kontextes, oder eher im Kontext des ganzen Werkes Brechts? 2. Die erste Überschrift „Sentimentales Lied No. 1004“ ist von Brecht getilgt worden – darf man sich trotzdem noch auf ihn zum Verständnis des Gedichts berufen? 3. Wie wörtlich ist die einleitende „Anleitung zum Gebrauch der einzelnen Lektionen“, also die  Gebrauchsanweisung Brechts für die Hauspostille zu nehmen – gehört sie vielleicht eher zur Selbststilisierung Brechts?

Forschungsliteratur zur Lyrik Brechts:

http://germanistik.uni-mannheim.de/abteilungen/ng1_neuere_deutsche_literaturwissenschaft/wissenschaftliches_personal/apl_prof_dr_ulrich_kittstein/forschungsliteratur_zur_lyrik_bertolt_brechts/forschungsliteratur_bertolt_brechts_lyrik.pdf