G. Vermes: Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas (2016) – gelesen

Geza Vermes: Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas. Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, 2016.

Das Buch rekonstruiert in drei großen Schritten und elf Kapiteln die zweistufige Entstehung des Christentums – mit einem kurzen „jüdischen Auftakt“ und einer längeren Formung zur Heidenkirche. Erster Schritt: Leben und Lehre des historischen Jesus werden eingebettet in die Tradition und Richtung eines zeitgenössischen „charismatischen“, prophetischen, eschatologischen, das heißt das unmittelbare Bevorstehen der Endzeit erwartenden Judentums (Kapitel 1 und 2). Zweiter Schritt: Die „Urgemeinde“ oder „Jesusbruderschaft“ der Apostel und ihrer Gefährten, die nichts anderes als eine jüdische Sekte war, wird in zwei Stufen völlig transformiert: Zunächst deutet Paulus, der eigentliche Gründer des Christentums, die bereits etablierten Rituale von Taufe und Abendmahl allegorisch um, baut die Lehre „großartig“ erfinderisch zu einem „Kultdrama über den Mythos vom sterbenden und auferstehenden Gottessohn“ aus und verlagert die Mission nicht ohne Konflikte, aber schließlich erfolgreich von Juden auf Nichtjuden. Jahrzehnte später bietet, daran anschließend, der Verfasser des Johannesevangeliums das vom historischen Jesus völlig abgehobene, von griechischer Philosophie inspirierte, gänzlich unjüdische Bild eines göttlichen Christus als des „Logos“ und die Skizze eines mystisch personifizierten Heiligen Geistes (Kapitel 3 bis 5).

Der dritte Schritt ist am ausführlichsten dargestellt (Kapitel 6 bis 10): die Weiterentwicklung des Christentums, vor allem des Dogmas, von zwei mit den apostolischen noch gleichzeitigen Schriften (Didache, Barnabasbrief) über die verschiedenen Generationen von Kirchenvätern bis zu den dogmatischen Auseinandersetzungen, als deren Abschluss das Konzil von Nizäa im Jahre 325 gedacht war. Vergeblich – aber immerhin wurde auf ihm die bis dahin höchst umstrittene, danach jedoch für die größten Teile des weiteren Christentums bis heute verbindliche Lehre von einem „dreieinigen“ Gott festgeschrieben.“ Mit diesem Auszug aus der großartigen Besprechung Norbert Mecklenburgs (http://literaturkritik.de/vermes-vom-jesus-der-geschichte-zum-christus-des-dogmas-von-der-theozentrik-zur-christozentrik,22944.html), aufgrund deren ich das Werk gekauft und gelesen habe, möchte ich ein Buch des inzwischen verstorbenen jüdischen Gelehrten Geza Vermes vorstellen.

Vermes war mit seinen Eltern zum Katholizismus konvertiert, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum katholischen Priester geweiht, heiratete und wandte sich wieder vom Christentum ab. Er hat sich wiederholt mit der Gestalt Jesu beschäftigt; in diesem Alterswerk zeigt er auf, wie aus dem jüdischen charismatischen Wanderprediger Jesus, der die baldige Ankunft des Gottesreiches verkündete, im Denken der Heidenchristen der wesenhaft göttliche Christus wurde – und wie sich die Gemeinde seiner Anhänger zur Institution Kirche veränderte, einer Institution, die Jesus weder vorhergesehen noch gewollt hat.

Was Vermes schreibt, ist für Historiker nicht wesentlich neu; erfrischend ist jedoch seine Klarheit, seine Sympathie für den jüdischen Jesus, der uns in der Didache und bei den Synoptikern begegnet, und seine Distanz, aus der er die Sprünge des christologischen Denkens beschreibt. Wenn man wie ich die harmonisierenden Deutungen der christlichen (v.a. der katholischen) Theologen genossen hat, welche eine ehrliche historische Lektüre der alten Schriften verbauen, weiß man Vermes‘ Offenheit und seine kleinen Bosheiten zu schätzen: „Im Denken des Arius ist, was in der Theologie vielleicht nicht wirklich wünschenswert ist, nichts unklar, und nichts bleibt bei ihm ungesagt.“ (S. 313) Neu war für mich das erste Kapitel „Charismatisches Judentum von Moses bis Jesus“; wenn man dieses Judentum und seine Gestalten kennt, fällt es nicht schwer, Jesus als eine dieser Gestalten zu begreifen. Dass es jedoch zu einer Reformation der christlichen Kirchen als Hinwendung zur reinen religiösen Vision und dem Enthusiasmus Jesu, des jüdischen charismatischen Boten Gottes, kommen könnte, wie Vermes hofft (S. 333), halte ich für unwahrscheinlich; denn den eschatologischen Horizont unserer Zeit macht nicht das kommende Gottesreich aus, sondern die Klimakatastrophe, Kriege, weltweite Hungersnöte und ähnliche Szenarien. Gleichwohl hat Vermes ein gutes Buch geschrieben.

Vgl. auch http://www.swr.de/swr2/literatur/buch-der-woche/vermes-geza-vom-jesus-der-geschichte-zum-christus-des-dogmas/-/id=8316184/did=18677508/nid=8316184/161unie/index.html

https://orig.www.ndr.de/kultur/buch/Sachbuecher-des-Monats-April-2017,sachbuchapril130.html

http://david.juden.at/kulturzeitschrift/70-75/72-davidowicz.htm

https://www.jewiki.net/wiki/Geza_Vermes (Geza Vermes)

https://de.wikipedia.org/wiki/Geza_Vermes (dito)

https://en.wikipedia.org/wiki/G%C3%A9za_Vermes (dito, ausführlicher)

https://www.theguardian.com/books/2013/may/14/geza-vermes (Würdigung)

http://www.biblicalarchaeology.org/daily/archaeology-today/archaeologists-biblical-scholars-works/geza-vermes-1924%e2%80%932013/ (dito)

http://www.independent.co.uk/arts-entertainment/books/features/geza-vermes-a-child-of-his-time-8875881.html (dito)

und zum Schluss ein Witz: https://also42.wordpress.com/2015/03/30/ein-abgrundiger-witz/

Christian Hoppe startet eine ähnliche Interpretation des Christentums auf der Grundlage naturwissenschaftlichen Denkens, siehe den Beitrag http://scilogs.spektrum.de/wirklichkeit/ostergruss-ii/ (und evtl. http://scilogs.spektrum.de/wirklichkeit/ostergruss/).

Amos Oz: Judas (2014) – Besprechung

Schmuel Asch, der wenig heldenhafte Held des Romans, ein Träumer, 25 Jahre alt, gerät in eine Krise, als seine Freundin Jardena ihn verlässt, um ihren früheren Geliebten zu heiraten. Er gibt sein Studium auf und zieht für vier Monate zu einem Mann, dem er als Gesellschafter und für leichte Besorgungen fünf bis sechs Stunden am Tag dient. Im gleichen Haus am Rand von Jerusalem wohnt noch dessen verwitwete Schwiegertochter Atalja, 20 Jahre älter als Schmuel.

So weit, so gut – was passiert in dieser Zeit? Einmal berichtet Schmuel Herrn Wald von seinen Studien: Jesus in der Sicht der Juden, und zwar durch die ganze Geschichte; als Jesu Begleitfigur erscheint Judas in einem neuen Licht: der einzige Christ-Gläubige, der Jesus gedrängt hat, sich in Jerusalem kreuzigen zu lassen, um dann machtvoll sich als Gottessohn zu offenbaren. – Kapitel 47 fällt aus dem Rahmen der chronologischen Erzählung: Unvermittelt wird die Szene erzählt, wie Jesus am Kreuz hängt und was Judas dabei denkt (teilweise Er-, teilweise Ich-Perspektive), bis er sich schließlich wegen seiner enttäuschten Glaubenshoffnung erhängt.

Über Judas, der in christlicher Sicht als „Verräter“ stellvertretend für die Juden insgesamt stehe, ist ein zweites Thema mit dem ersten verbunden: die Lage und die Politik des Staates Israel, der die Araber verdrängt hat und in Feindschaft zu ihnen lebt. Für dieses Thema steht Ataljas verstorbener Vater, der sich für ein freundschaftliches Verhältnis zu den Arabern und gegen die Staatsgründung 1948 ausgesprochen hatte und deshalb von den Juden ausgeschlossen worden war. Seine Utopie eines menschlichen Lebens ohne Staaten kontrastiert zur realen politischen Lage 1959/60; in sein leer stehendes Zimmer wird Schmuel einquartiert, als er gefallen und sein Bein eingegipst war.

Das dritte Thema ist die Liebe Schmuels zu Atalja, die diese ein bisschen erwidert, obwohl sie ihn eigentlich auf Distanz hält und Schmuel selbst ziemlich unbeholfen ist: Zweimal schläft sie mit ihm in den vier Monaten seines Aufenthalts, einmal nur ganz kurz und einmal intensiv und erfüllt.

Eigentlich geschieht nicht viel außerhalb der Gespräche und einiger Spaziergänge durch Jerusalem; monoton wird wiederholt, wie Schmuel sich und seinen Bart mit Kinderpuder bestäubt oder wie Atalja nach Veilchen duftet, welche Butterbrote er macht und was sie gerade trägt.

Vor allem wird mir nicht klar, wieso durch diese Gespräche und Nichtereignisse Schmuel seine Krise überwindet. Denn dies signalisiert der Erzähler im letzten Kapitel überdeutlich; Schmuel ist es, „als sei er endlich aus einem viel zu langen Schlaf erwacht“ (S. 327), als wäre er aus einer Einzelhaft „jetzt freigelassen worden“ (S. 328). Dem entspricht der Frühling als Zeit des Aufbruchs, ein Topos mindestens seit Eichendorff; Schmuel hat das Gefühl, man habe auf ihn in den neuen Siedlungen in der Wüste gewartet (S. 330): „Alles gefiel ihm, und alles machte ihn froh.“ Aber wodurch diese Änderung hervorgerufen wurde, das erschließt sich mir nicht – es kann ja nicht der eine erfüllte Beischlaf (S. 302) sein, der ihn total verändert hätte (vgl. Ataljas Wort zum Abschied, er habe den ganzen Winter mit verbundenen Augen gelebt, S. 321 – vom Öffnen spricht sie nicht, vgl. noch deutlicher S. 318 f.).

Als ein Beispiel für die Langatmigkeit des Erzählers, der auch vor Überflüssigem nicht zurückschrickt, möchte ich Schmuels Begegnung mit der Katze erwähnen (S. 213-215); da wird in den nächtlichen Spaziergang eine Episode eingeschoben, die genauso gut fehlen könnte – keiner würde sie vermissen. Ich verstehe nicht, wieso dieses Buch ein „Bestseller“ (deutsch 2015) ist.

https://www.perlentaucher.de/buch/amos-oz/judas.html (Übersicht über die wichtigsten Rezensionen, alle positiv)

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/amos-oz-neuer-roman-judas-ueber-verrat-in-israel-a-1021314.html (voller Lob)

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/judas-von-amos-oz-soll-ich-das-lesen-a-1028878.html (Leseempfehlung)

http://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Amos-Oz-Judas-,judas102.html (vorsichtig lobend, eher informativ)

http://www.fr-online.de/literatur/amos-oz–judas–amos-oz-und-die-ehre-des-verrats,1472266,30054504.html (voller Lob)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article138376079/Ich-bin-Mitglied-im-Club-der-Verraeter.html (Interview mit der WELT)

http://www.zeit.de/2015/11/amos-oz-schriftsteller-israel (Interview mit Iris Radisch)

„Eine große politische Erzählung also, ein Nachdenken über Religion, über Moral, über Verantwortung und Verrat, und doch auch eine Liebesgeschichte voller Geheimnis und Licht: Ein Roman somit, der alle Höhen und Tiefen menschlichen Lebens und Glaubens und Liebens auslotet.“ (so das Fazit der Besprechung http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/sendung/amos-oz-judas100.html) – Ich stelle fest: Alle Besprechungen loben die behandelten Themen, aber in keiner wird erklärt, wieso Schmuel seine Krise überwindet. Jesus als jüdischer Reformer (Schalom Ben-Chorin: Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht, 1967, und bereits Joseph Klausner 1934) oder die Idee, dass Araber und Israelis sich vertragen sollen, das ist auch nicht originell, wenn auch sicher bedenkenswert. Und über Verrat bin ich durch Nietzsche aufgeklärt (Menschliches Allzumenschliches I 629).