Tucholsky: Park Monceau – Analyse

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen…

Text

http://www.textlog.de/tucholsky-park-monceau.html

http://www.cicero.de/berliner-republik/kurt-tucholsky-park-monceau-truegerische-harmonie/ (Text, mit kurzem Kommentar)

http://www.gedichtsuche.de/gedichtliste/items/Tucholsky,%20Kurt.html (dort das vorletzte Gedicht)

Das Gedicht erschien am 15. Mai 1924 in „Die Weltbühne“, später in „Mit 5 PS“; Tucholsky arbeitete als politischer Korrespondent in Paris.

Das Gedicht ist kein großes, sondern ein bürgerliches Gedicht mit einigen kleinen Spitzen gegen das damalige Deutschland. Es lebt von dem Kontrast zwischen dem, was „Hier“ (V. 1 ff., dreimal genannt) ist, und dem, wie es im Vaterland zugeht (V. 16); das wird aber nicht gesagt, sondern beim deutschen Leser als bekannt vorausgesetzt – es ergibt sich aus dem Gegensatz zu dem, wie es „Hier“ ist:

„Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.

Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.

Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen

sagt keine Tafel, was verboten ist.“ (V. 1-4)

Kästner hat in vielen Gedichten das militärische Deutschland verspottet: „Die andere Möglichkeit“  oder „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?“; vgl.  Tucholskys eigenes Gedicht „Deutsches Lied“! Hier, in Paris, fehlt also das Militärisch-Geregelte, was offenbar in Deutschland dominiert und aus dem Nichtsoldaten einen bloßen Zivilisten macht; hier im Park gibt es keine Verbote (V. 3 f.), hier ist man einfach Mensch und kann „ruhig träumen“, wie das lyrische Ich erfreut feststellt.

Es folgt die Beschreibung einer Reihe von Eindrücken (V. 5-14: Ball, Vogel, Junge…), wobei der Spott über die amerikanischen Touristinnen eine ganze Strophe einnimmt; die schauen in den Reiseführer statt in den Park, echt touristisch. Die Pointe bilden die beiden letzten Verse, drei kurze aneinander gereihte Sätze:

„Ich sitze still und lasse mich bescheinen

und ruh von meinem Vaterlande aus.“ (V. 15 f.)

Vor allem der letzte Vers zeigt, dass das Leben in Deutschland für Leute wie Tucholsky anstrengend war, dass sie sich offenbar dauernd im Kampf befanden; da tat es wohl, einfach in der Sonne zu sitzen und weder für noch gegen etwas kämpfen zu müssen.

Die Verse bestehen aus fünfhebigen Jamben mit im Kreuzreim abwechselnden weiblichen und männlichen Kadenzen, was den Doppelvers als kleinere Einheit etabliert; die Reime sind mehr oder weniger sinnvoll, am besten ist V. 2/4: „nicht nur Zivilist / was verboten ist“, wo der bürgerliche Sinn des Autors vernehmlich spricht. Die drei „Hier“ an den Versanfängen (V. 1-3) sind gegen den Takt betont und heben so den Kontrast zwischen ‚Hier / Vaterland’ hervor. Für die Leser der „Weltbühne“ im Vaterland ist das Gedicht ein Hinweis, wie schön das Leben sein könnte, wenn es auch in Deutschland ein wenig ziviler zuginge.

https://de.wikipedia.org/wiki/Parc_Monceau (Park Monceau)

http://uploads6.wikipaintings.org/images/gustave-caillebotte/the-park-monceau.jpg (Bild: Park M.)

http://static.panoramio.com/photos/large/46922738.jpg (Bild: Mark M.)

http://bestpaintingsforsale.com/UploadPic/Claude%20Monet/big/The%20Park%20at%20Monceau.jpg (Bild: Park M.)

http://landscapelover.files.wordpress.com/2010/06/monceau-5.jpg (Bild: Park M.)

http://uploads6.wikipaintings.org/images/claude-monet/park-monceau-2.jpg (Bild: Park M.)

http://media-cache-cd0.pinimg.com/736x/da/4c/64/da4c64a847d2eb8e751bf18ddef9a896.jpg (Bild: Park M.)

http://www.badische-zeitung.de/reise-1/ein-literarischer-spaziergang-durch-paris–82140066.html (lit. Spaziergang durch Paris)

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/605/ (Lutz Görner)

https://www.youtube.com/watch?v=UPwr9eWCajk

https://www.youtube.com/watch?v=sZmoRzS6xcY (gesungen)

https://www.youtube.com/watch?v=r4qM70IvT5w (H. Mitzinger)

Gedichte

http://gedichte.xbib.de/gedicht_Tucholsky%2C135,0.htm

http://ingeb.org/tucholsk.html

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/tucholsky.htm (Liebeslyrik)

http://www.lexikus.de/bibliothek/Tucholsky-Kurt-1890-1935-Gedichte-und-Lieder

http://gedichte.jobaloha.de/autor/15/kurt.tucholsky/

http://www.gedichtsuche.de/gedichtliste/items/Tucholsky,%20Kurt.html (einige)

Werke

http://de.wikisource.org/wiki/Kategorie:Kurt_Tucholsky (Texte Tucholskys bei Wikisource)

http://www.tucholsky.org/

http://gutenberg.spiegel.de/autor/598

http://www.textlog.de/kurt-tucholsky.html (Leben und Werke)

Biografie

http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Tucholsky

http://www.kurt-tucholsky.info/lebenslauf.php

http://www.whoswho.de/templ/te_bio.php?PID=545&RID=1

http://www.xlibris.de/Autoren/Tucholsky/Biographie

http://www.kuenstlerkolonie-berlin.de/bewohner/bio_tuch.htm (Leben und Links)

http://www.tucholsky-gesellschaft.de/ (Tucholsky-Gesellschaft)

Kästners Gedichte – Hilfsmittel

Ich habe mich in den letzten Wochen etwas intensiver mit Kästners Gedichten beschäftigt, wie man an den vorliegenden Analysen sehen kann. Dabei bin ich im Netz auf folgende Hilfsmittel gestoßen, auf die man zum Verständnis von Kästners Gedichten evtl. zurückgreifen kann:

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)

http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/die-zeit-faehrt-auto.html (Besprechung: Kästners Gedichte)

http://www.deutschkurse.ch/files/Metrik/Metrik-Uebungen/ME_Kaestner_Gedichte.pdf (Metren Kästner’scher Gedichte)

Andreas Druve: Erich Kästner. Moralist mit doppeltem Boden. Tectum Verlag 1999 (kritisch zu Kästner)

Remo Hug: Gedichte zum Gebrauch. Die Lyrik Erich Kästners: Besichtigung, Beschreibung, Bewertung, 2006

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autork/kaestner.html (Links der UB der FU zu Kästner)

http://www.erich-kaestner-museum.de/ (Kästner insgesamt)

http://www.erichkaestnergesellschaft.de/ (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_K%C3%A4stner Biografie

http://www.whoswho.de/templ/te_bio.php?PID=649&RID=1 (dito)

http://www.erich-kaestner-museum.de/index.php?option=com_content&view=article&id=7&Itemid=27 (dito)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44436932.html (dito)

http://kaestnerimnetz.wordpress.com/leben/ (dito)

http://www.tobiworld.de/referate/htmlansicht/kaestnerbiografie.html (dito)

http://meta.verlagsgruppe-oetinger.de/fileadmin/verlagsgruppe-oetinger.de/pdf/autoren/3468.pdf (Biografie usw.: Pressemappe zu E.K.)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/2.3134/ueber-erich-kaestner-der-dichter-der-kleinen-freiheit-12244223.html (Würdigung Kästners durch R.-R.)

http://www.deutschelyrik.de/index. 16.php/kaestner.html (Fritz Stavenhagens Vortrag von Kästner-Gedichten)

http://www.holger-muenzer.de/kae_prog.htm (Kästner-Programm Holger Münzers)

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/ (Texte mit Vertonung)

http://www.kultur-netz.de/literat/linx.htm#kaestner (dito)

http://www.holger-muenzer.de/zeitgenossen_haufenweise.htm (ähnlich)

Kästner: Der dreizehnte Monat – Analyse

Wie säh er aus, wenn er sich wünschen ließe? …

Text

http://www.erich-kaestner-kinderdorf.de/Gedichte/13.htm

http://www.jobstvogt.de/html/schneetreiben.html

http://www.deutschelyrik.de/index.php/der-dreizehnte-monat.html (mit Vortrag Fritz Stavenhagen)

Im Zusammenhang mit den Gedichten von den 12 Monaten (s. Text bei Fritz Stavenhagen z.B.) ist das Gedicht vom dreizehnten Monat entstanden und 1955 veröffentlicht worden. Ich möchte i.W. den Aufbau analysieren, die einzelnen utopischen Bilder aber nicht kommentieren.

Erläuterungen:

V. 2 Elfember: in Analogie zu Oktober (lat.: achter Monat), November (neunter Monat), Dezember (zehnter Monat) gebildet

V. 20: Die Zeit hat Raum für einen weiteren Monat.

V. 22: Anspielung auf die verschleierte Götterstatue der Isis

Ein ungenannter Ich-Sprecher denkt im Monolog (V. 31: mein Herz) darüber nach, wie ein 13. Monat – frei von Arbeit, Sorgen und Stress – wohl aussähe, „wenn er sich wünschen ließe“ (V. 1). Der Sprecher entfaltet also utopische Vorstellungen. In der 1. Strophe legt er seine Fragestellung dar. In Str. 2 – 7 werden seine Vorstellungen geschildert; dabei besteht seine Schilderung nur aus vier Strophen (Str. 2 – 5), während er anschließend den 13. Monat persönlich anspricht und ihn bittet, sich zu zeigen. In der letzten Strophe zieht er ein eher resigniertes Fazit: Es bleibt beim Kreislauf des Jahres, wie er immer schon stattgefunden hat.

Auch in der Form unterscheiden sich die rahmenden (1 und 8) von den utopischen Strophen. Die rahmenden Strophen bestehen aus fünfhebigen Jamben; in der 1. Strophe gibt es den Paarreim, alle Verse haben eine Silbe zusätzlich (weibliche Kadenz); in der 8. Strophe gibt es einen Kreuzreim mit dem Wechsel weiblicher und männlicher Kadenzen. Den gleichen Wechsel der Kadenzen (plus Kreuzreim) finden wir auch in den Strophen 2 – 7; allerdings ist dort der letzte Vers jeweils auf zwei Hebungen verkürzt, was der Zeit Raum gibt, also eine große Pause eröffnet, weil man doch fünf Hebungen erwartet. Diese Verkürzung finden wir bei Kästner öfter.

Die 1. Strophe besteht, vom Kommentar in V. 3 abgesehen, nur aus Fragen, die der Sprecher sich selbst stellt; „Schaltmonat“ ist dabei analog zu „Schalttag“ gebildet. Der letzte Vers, vorbereitet durch die Überschrift, das Verb wünschen (V. 1) und die Sentenz in V. 3, erhebt mit der paradoxen Formulierung der dreizehnte von zwölfen (V. 4) deutlich den utopischen Anspruch. Von der 2. Strophe an werden utopische Bilder eines „neuen“ Monats geschildert, in dem die Erde „ein Traum“ wäre (V. 18). Mit der direkten Anrede „Dreizehnter Monat, laß uns an dich glauben!“ (V. 19) kommt er zu einem ersten Höhepunkt seiner Wunschvorstellungen. Der Sprecher macht darauf einen kleinen Rückzieher, als habe er sich leichtfertig an eine Gottheit gewandt und sie ungeziemend um etwas gebeten: „Verzeih…“ (V. 21 ff.). Er weiß ja, dass das Antlitz der Göttin „13. Monat“ verhüllt ist (V. 22) und dass menschliche Versuche, es sich vorzustellen, zum Scheitern verurteilt sind (V. 23 f.). Darum hebt er zu einer noch kühneren neuen Bitte an: „Drum schaff dich selbst!“ (V. 25) Diese Bitte ist logisch paradox: Wie kann ein nicht Bestehendes sich selbst schaffen? Die Paradoxie wird kurz entfaltet (V. 25 – 27). Dann stellt der Sprecher enttäuscht fest: „Du schweigst?“ (V. 28) Damit endet die Du-Anrede, er wechselt wieder in die 3. Person, wenn er sich vom 13. Monat eingesteht: „Er schweigt.“ (V. 28)

Im Fazit legt er sich dar, warum seine Hoffnung auf den utopischen 13. Monat gescheitert ist: „Das Jahr dreht sich im Kreise. Und werden kann nur, was schon immer war.“ (V. 29 f.) Das ist das alte Lied: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ (Kohelet 1,9) Deswegen ruft er sich selbst auf: „Geduld, mein Herz.“ Das ist sachlich unpassend, weil er nicht angeben kann, worauf das Herz denn warten soll. Eher müsste er sich zur Zufriedenheit mit dem Gegebenen aufrufen: „Im Kreise geht die Reise.“ (V. 31, Binnenreim) „Und dem Dezember folgt der Januar“ (V. 32), nicht aber der Elfember.

Ein schönes Gedicht in der Schwebe zwischen Hoffnung und Melancholie, wobei am Ende der bescheidene Verzicht auf die große Erneuerung steht. Vielleicht steht dahinter die Einsicht, auch wenn sie nicht ausgesprochen wird, dass ein 13. Monat uns nichts nützt, wenn wir nicht uns selber ändern und in uns zur Ruhe kommen, wozu ja vor langer Zeit bereits der Sabbat eingeführt wurde; wer daraus das Wochenende mit Freizeitaktivitäten oder Aktenstudium macht, dem ist auch mit einem 13. Monat nicht zu helfen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_13_Monate

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=vdw_nfE_0B0 (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=vdw_nfE_0B0 (Christian Quadflieg)

http://www.youtube.com/watch?v=GOo1xrl2HgU (Heinz Rühmann)

http://www.youtube.com/watch?v=dPsxL9XkKmE (mit Musik und Bildern unterlegt)

Kästner: Kleines Solo – Analyse

Einsam bist du sehr alleine…

Text

http://www.deutschelyrik.de/index.php/kleines-solo.html (mit Vortrag F. Stavenhagen)

http://vk.com/wall-29494950_14237

http://www.allmystery.de/themen/lt80104 (dort das dritte Gedicht)

Die Überschrift „Kleines Solo“ des Gedichts, das 1947 für das Kabarett „Kleine Schaubude“ verfasst wurde, scheint zunächst eine technische Bezeichnung der Form zu sein, etwa im Sinn von ‚Kleiner Monolog’; beim Lesen zeigt sich, dass „Solo“ dann auch der wesentliche Inhalt des Gedichtes ist: „Einsam bist du sehr alleine.“ (V. 1 u.ö.) Der nicht genannte Sprecher wendet sich an ein unbekanntes „du“ (V. 1 ff.), mit dem der Leser sich leicht identifizieren kann, das aber auch als „ich“ oder „man“ gelesen werden kann.

Das in den Aussagen ganz einfache Gedicht ist kunstvoll aufgebaut. In der 1. Strophe wird zunächst die Situation „deiner“ Einsamkeit beschrieben; in der 2. Strophe wird umschrieben, dass dieses einsame Subjekt „Wünsche“ hat und das Glück vergeblich sucht; in der 3. Strophe wird dann ein scheiternder Liebesversuch beschrieben. Zugleich mit diesem thematischen Fortschritt ist eine systematische Variation des Strophenaufbaus sowie eine Wiederholung bzw. Abwandlung der ersten fünf Verse der 1. Strophe verbunden: Am Anfang und am Ende des Gedichts und der Erfahrung steht die Einsamkeit.

Die 1. Strophe besteht aus zwei „Teilen“: die ersten fünf Verse / die Wiederholung und Erweiterung des 1. Verses in V. 6 f. Diese beiden letzten Verse möchte ich ‚Refrain’ nennen; sie kehren, zu einem Block aus vier Versen erweitert, als Refrain in der 2. Strophe wieder (V. 13 ff.); in der 3. Strophe haben wir dann zweimal fünf Verse (V. 17 ff.) und den Refrain. Wie und wo die ersten Verse der 1. Strophe außerdem wiederkehren, wird jeweils an Ort und Stelle gesagt.

„Einsam bist du sehr alleine.“ (V. 1) So beginnt das Gedicht. Das ist eine allgemein gültige Aussage, wobei das Satzadjektiv „Einsam“ zwischen der Bedeutung eines Konditionalsatzes (Wenn du einsam bist) und eines Aussagesatzes (Du bist einsam) schwankt. Das Bild von der tropfenden Zeit zeigt, dass dem Einsamen die Zeit quälend langsam vergeht. Die folgenden Sätze sind elliptisch (es fehlt das Subjekt „Du“), was den Eindruck hervorruft, der Sprecher rede ganz persönlich und formlos zum Du. Es sind Aussagen über die Situation des Einsamen, der sich keine Illusionen macht – das zeigt sich zum Beispiel im Kontrast „Träumst von Liebe. Glaubst an keine.“ (V. 4) Allerdings zeigt sich dann in der 2. Strophe, wie schwankend die Seele ist: Das Träumen von Liebe lebt wieder auf. Der Refrain wiederholt und steigert die Aussage von V. 1, wobei die scheinbar paradoxe Formel „Einsamkeit zu zweit“ jedem einleuchtet, der so etwas kennt – sachlich ist das gemeint, was in Kästners Gedicht „Sachliche Romanze“ geschieht.

Der Form nach haben wir zunächst die bekannte Kästner’sche Form des 5 Verse-Blocks vor uns (V. 4 ist formal eine Wiederholung von V. 3), vierhebige Jamben, Kreuzreim, abwechselnd weibliche und männliche Kadenz. V. 6 ist ein Zitat von V. 1, V. 7 hat dagegen sechs Hebungen mit männlicher Kadenz; so wird auch in der längeren Form des Verses die Steigerung der Einsamkeit deutlich, zugleich wird ein rhythmischer Akzent zum Abschluss der Strophe gesetzt.

In der 2. Strophe wird beschrieben, wie Wünsche hinausgehen und doch das Glück nicht finden. „auf die Freite gehen“: eine Frau suchen; die Wünsche sind also auf Liebeserfüllung aus, aber das Glück „Ist nie hier. Ist immer dort.“ (V. 12) Der kritische Beobachter weiß, dass das Glück auch nicht „dort“ ist; dass es nur dem unglücklichen Ich so erscheint, als sei es dort. Durch den erweiterten Refrain werden die auf die Freite gehenden Wünsche dem Du zugeordnet: „[Du] Stehst am Fenster. Starrst auf Steine…“ (V. 13 f.) V. 13 ist dabei eine Wiederholung von V. 3, was V. 14 in eine Beziehung zu V. 4 stellt; durch V. 14 („Sehnsucht…“, ein starkes Bild dafür, wie das Du von der Sehnsucht überwältigt wird) wird dann der Beginn der 3. Strophe vorbereitet: „Schenkst dich hin.“ (V. 17) – ein scheiternder Liebesversuch. Die beiden ersten Verse des Refrains sind nach dem Schema der normalen Verse gebildet, wodurch der Refrain zu einem Strophenteil im Kreuzreim wird.

In Str. 3 wird ein scheiternder Liebesversuch beschrieben. Auch in diesen ersten fünf Versen gibt es neben den Anreden an das Du eine allgemeingültige Aussage: „Liebe treibt die Welt zu Paaren.“ (V. 19) Das ist doppeldeutig: treibt die Menschen zu (Liebes)Paaren zusammen – treibt die Menschen als Verfolgte vor sich her (Redewendung „zu Paaren treiben“). In den vorhergehenden Strophen waren V. 1 und V. 9 die allgemeingültigen Aussagen. V. 19 wird dann in V. 20 zur konkreten Aussage genutzt: „Wirst getrieben.“ Dieses Getriebenwerden ist Grund dafür, „daß es nicht die Liebe ist“ (V. 21) – wäre es nicht Trieb gewesen, sondern Tat des Subjekts, hätte es Liebe werden können, meine ich. Davon ist im Gedicht aber nicht die Rede.

Mit dem zweiten 5 Verse-Block wird auf den Anfang des Gedichtes rekurriert: V. 22 entspricht V. 1 und steigert die Aussage („sogar im Kuss“) der Einsamkeit; V. 23 ist eine Wiederholung von V. 2; V. 24 variiert V. 3 leicht, V. 25 variiert V. 4; V. 26 bietet einen ähnlichen Kontrast wie V. 5 – die beiden letzten Verse variieren erneut das Thema der endlosen Einsamkeit. Der Refrain ist dann wieder dem Refrain der 1. Strophe gleich. Durch die Wiederholung und Variation der immer gleichen Einsamkeitsklage, aber auch durch die Häufung der kurzen Sätze in vertraulichem Ton erhält die Klage eine große Plausibilität; mittels der du/ich-Identifikation wird man als Leser in die Situation des Leidenden hineingezogen.

Im Gedicht kommen die qualvollen Erfahrungen von Sehnsucht und Enttäuschung, von Liebesverlangen und Einsamkeit zur Sprache, die eigentlich jeder kennt – im Blog vk.com/page (s.o., Text) wird das Gedicht lapidar „So isses halt;)“ kommentiert. Wer das klüger gesagt lesen will, kann Dieter Wyss: Lieben als Lernprozeß (1975), zu Rate ziehen, dort v.a. S. 75 ff. (Die drei fundamentalen Enttäuschungen in der Liebesbeziehung), das sowohl auf Papier wie digital greifbar ist, s. Link dazu unten.

Es fällt auf, wie viele Schüler sich an diesem Gedicht produktiv abgearbeitet haben – und immer weitere Versuche kommen noch hinzu. Dabei könnte man als älterer Mensch fragen, ob sie das Gedicht wirklich richtig verstehen – aber was heißt schon „richtig verstehen“?

http://mirabella-wonderland.blogspot.de/2011/07/blog-post.html

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=_G6YKF_mEfE (F. Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=ZPupeH4G_X0 (gesungen, Arno Assmann)

http://www.youtube.com/watch?v=BFR9HQNr6xY (gesungen von Martin Klodzinski)

http://www.myvideo.de/watch/5378302/Kleines_Solo (gesungen, ?)

http://www.youtube.com/watch?v=qqGKC8Lfxo4 (gesungen, Kleeberg & Genossen)

= http://www.youtube.com/watch?v=hc0BfENEKHc

http://www.youtube.com/watch?v=iCm4lgeHTws (gesungen, Jim Zitrone)

http://www.youtube.com/watch?v=AOzUcKmT0xE (Schüler, mit Bildern unterlegt)

http://www.youtube.com/watch?v=JC0jsQAjKvg (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=Zlv3L03U0e0 (POEM, mit Film u. engl. Untertiteln)

http://www.youtube.com/watch?v=fmNYME3ilTc (mit Film, Schülerin)

http://www.youtube.com/watch?v=BB86i-HKeww (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=axnCyWpoX2A (dito)

http://vimeo.com/45537630 (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=F72YWPuaSEo (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=t71AMWPlizc(dito)

http://www.youtube.com/watch?v=8OaIuwwhqEM (mit Spielszenen)

http://www.youtube.com/watch?v=QDVgfC5LE1A (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=fEILXGlIZEM (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=K61z7bcKA6A (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=qtt0HIHxya8 (dito)

Sonstiges

http://www.cyberkult.de/gedichte/final-fantasy-gedicht-kleines-solo-von-erich-kastner-musik-text/ (Bildfolge, mit Musik untermalt, Text eingeblendet)

http://www.youtube.com/watch?v=KG-07sVqLHs (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=I1TOLP5UpDY (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=eFVK4xZaaFg (gezeichnet)

http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00051892_00001.html?sort=sortTitle+asc&letter=W&context=&person_str=%7BWyss%2C+Dieter%7D&mode=person_str (Dieter Wyss: Lieben als Lernprozeß, digitalisiert)

http://norberto42.blog.de/2006/06/11/liebe_und_kommunikation~869427/ (Mini-Referat des Kerngedankens von Dieter Wyss)

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)

Kästner: Die Entwicklung der Menschheit – Analyse

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt…

Text

http://talfeldverlag.homepage.t-online.de/satire2.html

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/entwickl.htm (mit Vertonung)

http://users.skynet.be/lit/kaestner.htm (mit verlinkter Vertonung)

Kästner beschreibt in dem 1932 veröffentlichten Gedicht auf bissige Art die Entwicklung des Menschen vom Hausen im Urwald zum Leben in der Großstadt. Trotz Technik und wissenschaftlichem Fortschritt seien die Menschen eigentlich das geblieben, was sie schon immer waren: Affen. Kästner kritisiert also nicht den Fortschritt, sondern stellt die Einbildung auf den vielgepriesenen vermeintlichen Fortschritt als Irrtum bloß. Den Rhythmus des Gedichts habe ich bereits anderswo beschrieben, sodass wir uns jetzt dem Aufbau und dem Charakter der Satire zuwenden können. Die fünf Verse pro Strophe (durch Verdoppelung des dritten nach Metrum und Reimwort) sind eine Eigenheit Kästners.

Im Gedicht wird ironisch die „Entwicklung“ der Menschheit beschrieben, die nur vordergründig stattgefunden habe: Die Menschen waren Affen (1. Str.) und sind „im Grund / noch immer die alten Affen“ (V. 35 f.). Also kann die Entwicklung nur scheinbar oder oberflächlich stattgefunden haben – das ist die Botschaft des Gedichts, weswegen die Entwicklung in satirischer Form beschrieben wird.

Ein außenstehender neutraler Erzähler, der die Menschen abwertend „die Kerls“ nennt (V. 1) und von ihnen in der 3. Person spricht („sie“, V. 3 ff. – von Lutz Görner in seinem Vortrag verändert zu „wir“), stellt die Entwicklung der Menschheit in der Beschreibung zweier gegensätzlicher Zustände dar, des Ausgangs- („Einst“, V. 1 f.) und des Endzustands (V. 4-25), wobei in einem Vers der Übergang hergestellt wird: „Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt“ (V. 3). Hier sieht man schon, dass im Gedicht nicht ernsthaft eine geschichtliche Entwicklung beschrieben wird: Wer sollte (Menschen)Tiere aus dem Urwald locken, wenn nicht der Mensch? Den Schluss bildet ein Fazit, das der Sprecher in der 6. Strophe zieht: Zwar gibt es den „Fortschritt“, aber in Wahrheit („bei Licht betrachtet“, V. 29) „sind sie im Grund / noch immer die alten Affen“ (V. 29 f.). Dieses Fazit wird in V. 9 f. vorbereitet, wo schon die Gleichheit des Umgangstons in beiden Stadien der Entwicklung herausgestellt wird. Im Fazit steht entsprechend, dass der Fortschritt „mit dem Kopf und dem Mund“ geschaffen worden ist (V. 26 f.); die Erklärung „mit dem Mund“ verweist einmal auf das Sprechen als die entscheidende menschliche Fähigkeit, macht aber auch klar, dass vieles (alles?) am Lob des Fortschritts nur leeres Gerede ist.

Woran erkennt man, dass die Entwicklung satirisch beschrieben wird? Einmal gibt es das Stilmittel, dass Phänomene zusammengestellt werden, die der Kategorie nach nicht zusammenpassen: „Sie atmen modern.“ (V. 13) Das ist zudem eine unsinnige Aussage; die Menschen atmen im Prinzip immer gleich. Ferner passt Inzest und „heilen“ nicht zusammen (V. 23, Inzest ist keine Krankheit), ebenso nicht Mikroben mit „jagen und züchten“ (V. 17, Tiere werden gejagt und gezüchtet; ebenso V. 18 Natur / Komfort). Das Gleiche gilt von der Zusammenstellung von Bildung / Wasserspülung (V. 14 f.), wo durch „Wasserspülung“ zudem etwas Niederes mit Höherem (Bildung) verbunden wird, was das Höhere herabzieht. Diese Technik ist auch in V. 24 f. verwendet worden: Höchst gelehrte Stiluntersuchungen lateinischer Prosa führen zum Ergebnis, „daß Cäsar Plattfüße hatte“; das ist etwas derart Banales wie auch Unsinniges als Ergebnis, dass damit der große wissenschaftliche Aufwand lächerlich gemacht wird. Dass aus Scheiße Watte gemacht wird (V. 21 f.), wird man ebenfalls der Technik „Niederes / Höheres verbinden“ zuordnen können; Watte und damit die moderne Hygiene wird abgewertet. [Auch in der älteren Untersuchung des Rhythmus, s.o., ist bereits der satirische Charakter des Gedichts erklärt worden.]

Das Gedicht ist sehr verbreitet; in der Schule wird es auf vielfache Weise rezipiert, heute offenbar vor allem durch Rappen und Filmen. Man muss bei solchen Versuchen jedoch darauf achten, dass das Gedicht als Satire erhalten bleibt – andernfalls hätte man es verfälscht und nicht erfasst. Und vermutlich muss man das Satirische auch zuvor verbal erfassen („mit dem Mund“); denn im szenischen Spiel oder im Standbild kann man kaum darstellen, dass man durch Stiluntersuchungen zum Ergebnis kommt, Cäsar habe Plattfüße gehabt – mein Bedenken angesichts der Schwemme „produktiver“ Verarbeitung von Texten, die sich primär im Hören und Lesen erschließen (sofern sie gut vorgetragen werden, sofern man lesen kann – beides kann man lernen).

Ich habe das Gedicht „Die Entwicklung der Menschheit“ gelegentlich im Unterricht verwendet (Kl. 9/10 am Gymnasium); aus diesem Grund seien auch noch die Gedichte Kästners genannt, die in meinem Unterricht vorkamen, hier aber nicht analysiert werden: oft „Herr im Herbst“ (Kl. 9/10), regelmäßig „Im Auto über Land“ (Kl. 6), selten „Vorstadtstraßen“ (Kl. 9/10). Kästners Trostlied im Konjunktiv habe ich in Kl. 7 immer für die Sprachreflexion (Konjunktiv II) und als Anleitung zum produktiven Phantasieren genutzt.

http://www.helpster.de/kaestner-die-entwicklung-der-menschheit_201431 (schwach)

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/390/ (Lutz Görner, Text verändert)

http://www.youtube.com/watch?v=lB9mB9qzYvE (Fritz Stavenhagen)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-entwicklung-der-menschheit.html (Stavenhagen, mit Text)

http://www.youtube.com/watch?v=XjvnlSX7nLM (Hedi Detel, gut)

http://www.youtube.com/watch?v=XX1Ukt0P340 (Silvio Rauch)

http://www.youtube.com/watch?v=ARWXs_ib98w (Rap?)

http://www.youtube.com/watch?v=rGq2JpZ01Zk (Rap?)

http://www.youtube.com/watch?v=F-hBhC1csng (Rap, verfilmt)

http://www.youtube.com/watch?v=4CgSPtpCv8o (eigenwillig, mit Musik)

http://www.youtube.com/watch?v=HQS4YN_dIX8 (Schüler, schwach)

http://www.youtube.com/watch?v=FDuy7_WIPbg (darstellendes Spiel, Text umgestellt)

http://www.youtube.com/watch?v=xi35wtBucgU (Katrin Rosenzopf spielt Klavier und singt)

Sonstiges

https://www.bifie.at/system/files/dl/bist_d_sek1_entwicklung_der_menschheit_2011-07-06.pdf (mehr oder weniger sinnvolle Aufgaben zum Gedicht)

http://www.mittelschulvorbereitung.ch/content_new/GD/GT62kEntwMenschheit.pdf (mit einer m.o.w. sinnvollen Aufgabe)

http://www.babilonhu.net/works/de/K%C3%A4stner,_Erich-1899/Die_Entwicklung_der_Menschheit (Text mit ungar. Übersetzung)

http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?lang=en&id=43493 (Text mit franz. Übersetzung) 

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)

Kästner: Die Ballade vom Nachahmungstrieb – Analyse

Es ist schon wahr: nichts wirkt so rasch wie Gift…

Text

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/nachahm.htm

http://www.rund-ums-baby.de/forenarchiv/aktuell/Ballade-vom-Nachahmungstrieb_10417.htm

http://www.keh.net/~wej00511/wkkaestn.htm#Nachahmung

Das erstmals 1931 veröffentlichte Gedicht ist eine Ballade: Es wird ein bemerkenswertes Geschehen in Gedichtform erzählt. Ein auktorialer Erzähler beginnt mit einem Kommentar, der einen Horizont des zu erzählenden Geschehens eröffnet: Da ist die Rede vom Gift (V. 1) im Zusammenhang mit den Lastern dieser Welt (V. 3) sowie von einer Lernfähigkeit des Menschen im Bösen – das lässt nichts Gutes erwarten. Wie hängen also das rasch wirkende Gift und die Lernfähigkeit bei den Lastern zusammen? Zwei Stichworte weisen in die Richtung, die der Erzähler dann auch einschlägt: Lernfähig sind beim Laster auch die Minderjährigen (V. 2, vgl. auch V. 4: „früh bei der Hand“).

Dieser Kommentar weist den Erzähler als einen Moralisten aus (vgl. V. 26); zugleich zeigt dieser sich als jemand, der recht salopp sprechen kann. Ich denke hier an die indirekte Steigerung des Adjektivs „minderjährig“ (V. 2), die sachlich nicht möglich ist – man ist einfach minderjährig oder nicht, aber nicht mehr oder weniger minderjährig, wie der kommentierende Einschub in V. 2 unterstellt. Diese Abweichung könnte hier noch als ehrliche moralische Entrüstung durchgehen, wird aber durch ähnliche Bemerkungen eindeutig als saloppe „Distanzierung“ erkennbar (V. 23, V. 24, V. 32, V. 35).

Von der 2. Strophe an wird bis zum Schluss das Geschehen erzählt: wie Kinder „auf irgendeines Jungen Drängen“ (V. 6) beschließen, „Naumanns Fritzchen aufzuhängen“ (V. 8). Die Diminutivform „Fritzchen“ macht deutlich, dass es sich bei Fritz um ein kleines Kind handelt. In der 3. Strophe erklärt der Erzähler, wie die Idee aufkommen konnte – „Sie kannten aus der Zeitung die Geschichten“ (V. 9). Ähnlich äußert sich später der festgenommene Karl: „Wir haben es nur wie die Erwachsenen gemacht.“ (V. 39 f.) Damit wird der Eingangskommentar klar: Wenn die Kinder Aufhängen spielen, so deshalb, weil sie sich das Morden von den Erwachsenen abgeschaut haben; sie sind eben „unerhört gelehrig“ – und das Entsetzen, das eine solche Tat auslöst, zeigt nur, wie unangemessen es ist, das Morden der Erwachsenen mehr oder weniger achselzuckend hinzunehmen.

Karls pastorale Mahnung (V. 15 f.) und das Zwicken (V. 24) sowie das Adverbial „kalt“ (V. 39) wirken sadistisch; das Adverbial „ein bisschen“ (V. 23), das Attribut „kleine“ (V. 31) und der ganze Nebensatz V. 35 passen nicht zum Ernst der Situation, lassen einen Vortrag des Gedichts im Kabarett als möglich erscheinen. Dass der Himmel ausgerechnet „blutrot“ ist (V. 30), gehört zum Beschreibungsrepertoire bei einem Mord.

Das Gedicht in in fünfhebigen Jamben geschrieben, wobei der erste und dritte Vers jeder Strophe eine Silbe zusätzlich aufweist (weibliche Kadenz); das passt zum Kreuzreim und legt es darauf an, dass jeweils zwei Verse eine semantische Einheit bilden. Die Reime sind ein bisschen holperig, was gut zur Ballade passt.

„Die Ballade vom Nachahmungstrieb“ zeigt, wie leicht Kinder zu Mördern werden (V. 26), und hält damit den Erwachsenen einen Spiegel vor: Schaut, darin müsstet ihr euch selbst erkennen. Das moralische Pathos ist in den genannten saloppen Bemerkungen gebrochen, auf eine Dramatisierung des erzählten Geschehens in der wörtlichen Rede wird verzichtet; es herrscht der Ton der Neuen Sachlichkeit. – Man vergleiche Brechts Gedicht „Apfelböck oder die Lilie auf dem Felde“ (1919).

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Ballade_vom_Nachahmungstrieb

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-ballade-vom-nachahmungstrieb.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.myvideo.de/watch/6105383/Die_Ballade_vom_Nachahmungstrieb (mit Bebilderung)

http://www.youtube.com/watch?v=j_EfpqM_QzA (Verfilmung)

http://www.youtube.com/watch?v=OR96kk26u9U (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=4U3fFI8Yjp8 (unzulängliche Verfilmung)

Sonstiges

http://www.youtube.com/watch?v=ZlD-TDyX768 (Erarbeiten einer Ballade)

http://fachdidaktik-einecke.de/9_Diagnose_Bewertung/aufgabenstellung_erwartungshorizont.htm (Text + Klassenarbeit)

http://gesamtschule-edertal.de/uploads/media/Binnendifferenzierung_Deutsch.pdf (Text im binnendifferenzierten D-Unterricht)

http://211611.homepagemodules.de/t525425f11740851-Deutscharbeit-Klasse.html (eine Diskussion übers Gedicht)

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)

Kästner: Das Eisenbahngleichnis – Analyse

Wir sitzen alle im gleichen Zug…

Text

http://www.literarisches-cafe.de/viewliteratur.php?niID=321&PHPSESSID=5bd563428e9ee785b5329d895c10c6a2 (ein paar Kommas zu viel)

http://www.mittelschulvorbereitung.ch/content_new/msvDE/T64cEisenbahngleichn.pdf (evtl. falsche Satzzeichen; richtig „zur“ statt „zu“ in V. 32; mit Anleitung zur Deutung)

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/eisenbahngleichnis.htm (mit Vertonung, eine Strophe fehlt)

http://www.tempelstein.de/parabel/

Die im Netz kursierenden Textversionen des 1931 veröffentlichten, 1936 geringfügig überarbeiteten Gedichtes weichen in der Zeichensetzung und teilweise im Wortlaut voneinander ab; ich halte mich an den Text, wie er im „Erich Kästner Lesebuch“ (Diogenes 1978, S. 17 f.) steht.

Die Überschrift nennt das Gedicht ein Gleichnis; manche sprechen von einer Parabel, ich halte es eher für eine Allegorie: Mehrere Einzelzüge der Bildrede von der Eisenbahnfahrt werden in die „Wirklichkeit“ übertragen oder lassen sich so übertragen: Es geht um das Erleben der Zeit unseres Lebens, die wir oft als „fließend“ bezeichnen; um unser Leben, das als vorübergehend erlebt wird – beides ist im Bild der Eisenbahnfahrt miteinander verbunden.

„Die Zeit beschreibt die Abfolge von Ereignissen, hat also im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen eine eindeutige, unumkehrbare Richtung. Mit Hilfe der physikalischen Prinzipien der Thermodynamik kann diese Richtung als Zunahme der Entropie, d. h. der Unordnung in einem abgeschlossenen System bestimmt werden. Aus einer philosophischen Perspektive beschreibt die Zeit das Fortschreiten der Gegenwart von der Vergangenheit kommend zur Zukunft hinführend.“ (Wikipedia, Art. „Zeit“) Die unumkehrbare „Richtung“ der Zeit lässt sich im Bild einer endlosen Zugfahrt erfassen und mehrfach allegorisch auslegen. Dazu leitet ein Ich-Sprecher an, der von den Menschen als „wir alle“ spricht, also an allgemeine Erfahrungen anknüpft und allgemein Gültiges sagen will.

Bildelemente der Eisenbahnfahrt:

  • der fahrende Zug (jagt durch die Zeit, V. 9 und 24; kommt niemals ans Ziel, V. 10)
  • die Stationen
  • die Reisenden
  • der Schaffner (hat auch keine Ahnung von der Fahrt, V. 14 ff.)
  • die Sirene (V. 18)
  • verschiedene Coupés (Abteile, V. 26 ff.; V. 35)
  • das Ziel (gibt es nicht)

Bei den Reisenden gibt es mehrere Aspekte (Mengen):

  • wir alle (sehen hinaus und sahen genug, V. 3; wissen nicht, wie weit wir fahren, V. 5; packen ein und aus, sinnlos, V. 11; finden keinen Sinn, V. 12 und 25; kennen das Morgen nicht, V. 13;)
  • die Nachbarn (leben neben uns her, V. 6 f.)
  • die Toten (V. 20-23)
  • ein feister Herr (6. Str. – sozialkritischer Aspekt)
  • manche (sitzen im falschen Coupé, V. 35)

Wenn man diese Beobachtungen zusammenfassend auswertet, könnte man sagen: Die Eisenbahnfahrt dient als Metapher des Lebenslaufs, wobei der Aspekt der Sinnlosigkeit des Ganzen (V. 3, 10, 11 f., 16, 25, 33) überwiegt; Nebenaspekte sind das Nebeneinander (statt Miteinander oder Füreinander) der Menschen (V. 6 f.) und das rasche Tempo des jagenden Zuges (V. 9, 24 – Kontrast zu den „am Bahnsteig der Vergangenheit“ stehenden Toten, V. 22 f.). Es gibt eine sozialkritische Strophe von dem feisten (!) Herrn, der allein im Abteil I. Klasse „im roten Plüsch“ (V. 28) sitzt, während die Mehrheit (!) auf Holz sitzt, also (früher) in der III. Klasse – hier sind die Wertungen einfach und klar. Sehr offen – die Schlusspointe – ist die Rede davon, dass „viele im falschen Coupé“ sitzen; das könnte auf falsche Lebensentscheidungen (Beruf, Ehe) anspielen, auch auf soziale Ungerechtigkeit (I. – III. Klasse). Gerade die Unbestimmtheit des Bildes erlaubt es den Hörern (im Kabarett) oder Lesern des Gedichtes, das Bild auf sich zu beziehen und passend auszulegen.

Damit kommen wir zum Bildcharakter der ganzen poetischen Rede: Von Deutschlehrern wird gern behauptet, mit der bildhaften Rede werde man belehrt, werde eine Wahrheit eindringlich propagiert – davon kann natürlich keine Rede sein; wir entnehmen dem Gedicht nichts, was wir nicht längst wussten, hören es aber in der Analogie des Bildes mit höherer Plausibilität. Gerade weil wir es bereits wissen, können wir es der bildhaften Rede entnehmen; sie ist also (zumindest hier) ein Spiel, in dem es den Reiz des bestätigenden Wiedererkennens gibt. Dafür werden sogar einige „schräge“ Elemente in Kauf genommen: Ein Zug kann natürlich nur durch den Raum fahren, nicht durch die Zeit – das Fahren „ist“ die Zeit, der Zug fährt „in der Zeit“, aber nicht durch die Zeit (es liegt eine Verräumlichung der Zeit vor). Und zweitens können die Toten beim besten Willen nicht aussteigen; sie werden hinausgetragen, vielleicht auch hinausgeworfen… – aber das passt nicht zum Kindstod und der schreienden Mutter (V. 21). – Die moderne Metapher der Eisenbahnfahrt löst hier die alte Metapher vom Leben als Fahrt auf einem Schiff ab, ohne dass dadurch etwas verbessert würde – die Fahrt auf festen Gleisen und nach einem Fahrplan ist sogar weniger als die Schiffsreise geeignet, Metapher des menschlichen Lebens zu sein.

Formal hat das Gedicht einige Reize: Zunächst fällt auf, dass in der 7. Strophe die 1. leicht abgewandelt wiederholt wird; das erhöht die Plausibilität des Bildes und schafft einen Rahmen der Rede. Viermal wird sogar der Satz vorgetragen, dass wir alle im gleichen Zug sitzen, reisen oder fahren (V. 1, 4, 31, 34). Dass der Zug durch die Zeit jagt, wird zweimal gesagt (V. 9, 24). Wie sinnlos das ganze Unternehmen der Reise ist, wird mehrfach bildhaft abgewandelt (s.o. „der Schaffner“, „das Ziel“ und „wir alle“). Auch das lakonische Sprechen in kurzen Sätzen (V. 3, 6, 11, 21, 33 als Wiederholung von V. 3) verdeutlicht die Sinnlosigkeit des Lebens.

In diesem Gedicht wandelt Kästner wie auch sonst gelegentlich den Knittelvers leicht ab, indem die Verse abwechselnd 4 und 3 Hebungen bei freier Füllung aufweisen, dem dann ein Kreuzreim entspricht. Das gilt für ein 4 Verse-Schema; wir haben aber ein 5 Verse-Schema vor uns, weil der 4. Vers formal die gleichen Merkmale wie der 3. Vers aufweist (Hebungen, Reimwort). Dieses abgewandelte Schema, was es auch sonst bei Kästner gibt, macht das Sprechen etwas lebhafter und weniger schematisch; denn ein reines Schema ist eben das 4 Verse-Schema. Die Endbetonung in jedem Vers schließt diesen ein wenig gegen den folgenden ab, wenn auch ein paar Mal der Satz übers Versende hinaus geht (V. 1, 14, 22, 31 – in V. 9 endet dort der Relativsatz). – Die Sprache liegt einen halben poetischen Ton über der Umgangssprache; Gegenwart in spe (V. 32) ist die erwartete, die künftige Gegenwart.

Zum besseren Verständnis bildhaften Redens verweise ich auf die Aufsätze https://norberto68.wordpress.com/tag/bildhafte-sprache/ und https://norberto68.wordpress.com/tag/bildhaftes-sprechen/.

Vgl.  auch Franz Werfels Gedicht „Auf den alten Stationen“:http://www.zeitzug.com/index.php/poems/franz-werfeljames-reidel.htmloder http://blog.sina.com.cn/s/blog_654720270100h954.html

Analytisches

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Eisenbahngleichnis

http://www.metaportal.at/cgi-bin/ikonboard/topic.cgi?forum=5&topic=1913 (Chr. Neefe, Schüler)

http://www.kirchengemeinde-dausenau.de/kg-d-hz/kg-d-hz-gemeindegruss/2011-2012/kg-d-hz-gemeindegruss-2012-06u2012-07u2012-08.pdf (Pfarrbrief, dort S. 2)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/das-eisenbahngleichnis.html (Fritz Stavenhagen, mit Text)

http://www.lutzgoerner.de/gdt/994/ (Lutz Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=Xdluc_mQRD0 (Bernd Ziesche)

http://www.youtube.com/watch?v=o-CdS2qrmbo (?)

http://www.youtube.com/watch?v=r8rmwL3DJpQ (Roman Naumenko, mit Film dazu)

http://www.myvideo.de/watch/9007751/Ole_von_Vosskuhl_2000_Das_Eisenbahngleichnis (gesungen, melancholisch)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Zeit (Zeit)

http://www.hunfi.hu/nyiri/Nyiri_Berlin_FU_tlk_with_pictures.pdf (Die Verräumlichung der Zeit)

http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=topos (Lebensfahrt auf dem Meer)

http://community.zeit.de/node/134428/=%22 (Schiff des Lebens)

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/poetik/allegorie.htm (Allegorie)

http://de.wikipedia.org/wiki/Allegorie (dito)

http://gedichte.xbib.de/das+schiff+des+lebens_gedichte_recherche.htm (Gedichte: Schiff des Lebens)

http://www.ipq.kit.edu/downloads/Vor50Jahren.pdf (Einbindung des Gedichts in einen besinnlichen Vortragsabend)

Kästner: Kurt Schmidt, statt einer Ballade – Analyse

Der Mann, von dem im weiteren Verlauf…

Text

http://www.sternenfall.de/Kaestner–Kurt_Schmidt__statt_einer_Ballade.html

http://www.geistigenahrung.org/ftopic28665.html

http://peterbrucha.com/joomla/index2.php?option=com_content&do_pdf=1&id=56

http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?lang=it&id=43857 u.ö.

Die Überschrift des 1930 veröffentlichten Gedichts hat es bereits in sich. Der Protagonist heißt „Kurt Schmidt“. „Nach Müller ist Schmid/Schmidt/Schmitt/Schmit der häufigste deutsche Familienname“ (Wikipedia). Kurt Schmidt ist also ein typischer Fall. „statt einer Ballade“ wird das Gedicht angekündigt, was natürlich in die Irre führt: Das Gedicht ist eine Ballade, nur eben nicht in der Art von „Erlkönig“, „Der Knabe im Moor“, „Die Füße im Feuer“ oder „John Maynard“. „Verkürzt lässt sich sagen: Eine Ballade ist ein Gedicht, in welchem zumeist anschaulich, lebendig und spannend ein besonderes Ereignis erzählt wird.“ (Ernesto Handmann) Eine solche Ballade ist das Gedicht Kästners allerdings nicht – die Zeit der alten Balladen ist vorbei, es herrscht die Neue Sachlichkeit!

Auch die 1. Strophe beginnt eigenwillig: Ein neutraler Erzähler berichtet nicht direkt, sondern bezieht sich auf seine Erzählung, womit er Distanz zum erzählten Geschehen wahrt und so etwas wie „Objektivität“, zumindest Gültigkeit oder Wahrheit des Berichts beansprucht: „Der Mann, von dem im weiteren Verlauf die Rede ist…“ (V. 1 f.) Mit einem ähnlichen Gestus beginnt 1972 Günter Kunert seinen „Bericht“, eine Parabel. Der Ton der Erzählung Kästners ist prosaisch, obwohl so etwas wie ein Knittelvers vorliegt (vier Hebungen mit unregelmäßiger Fällung), was aber nicht immer zu demonstrieren ist; außerdem gibt es einen unauffälligen Kreuzreim, bei dem oft (aber nicht in jeder Strophe) am Ende betonte und unbetonte Silben sich abwechseln. Der Ton ist der der Neuen Sachlichkeit, nicht der klassischen Balladen.

In den ersten 4 Strophen wird der normale Ablauf des Arbeitstages und der Woche sowie das Verfließen der Jahre berichtet. Pointiert steht am Ende: „Und was auch kam, nie kam ein Unterschied.“ (V. 16, Chiasmus) An das Stichwort „Unterschied“ schließen sich drei Veränderungen an:

1. die banalen Ereignisse von Unfall, Vaterschaft und Kindstod (6. Str.), und zwar nach der Bemerkung über seine Hoffnung: „Morgen kann sich alles ändern.“ (V. 20 – die tatsächlichen Änderungen stellen dagegen bloß eine Ironie des Schicksals dar) – bis Str. 6;

2. die Änderung, die in ihm vorgeht: der Übergang von einem falschen Denken (dachte, V. 20) zum richtigen Merken und Sehen (merkte, V. 28, 29; sah, V. 31):

a) dass er bei Gefahren allein stand (V. 30),

b) dass er mit seinem miesen Schicksal nicht allein stand, dass die Schmidts weltweit in der Mehrzahl waren (V. 29, 31 f.) – bis Str. 8;

3. die daraus resultierende Einsicht, dass es nie anders wird (9. Str.) und dass der Mensch „bloß eine Art Gemüse“ ist (V. 37) – bis Str. 10.

Der Erzähler wiederholt dann das, was er bereits oben vom Tageslauf Schmidts berichtet hat (2. Str.), nur leicht variiert und noch stärker ins Negative gewendet (schwitzend, V. 41; müd und dumm, V. 43). In dem Stündchen, das ihm von den 24 Stunden des Tages dann noch bleibt, wendet er sich jedoch nicht mehr höheren Interessen zu (V. 8), sondern bringt sich aufgrund seiner Einsichten (9. und 10. Str.) um (V. 45). Dies ist die Pointe des Berichts vom Leben des armen Schweins Kurt Schmidt; sie ist, abweichend vom Strophenschema, in einen fünften Vers gesteckt, der zudem verkürzt ist, was eine große Pause erzeugt und „Schluss, aus, Ende“ signalisiert. Diese Techniken, Gedichte abzuschließen, kommen bei Kästner häufig vor.

Dieser Überblick musste in einem Zug geschrieben werden, damit man sich nicht in den Details verliert; denen wenden wir uns jetzt zu:

       die Gegenüberstellung vom Leben am Werktag und Sonntag (1. – 4. Str.)

       die Unterschiede in der Darstellung, wie die Zeit vergeht (V. 15 f. – V. 27 f.), verbunden mit

       dem Unterschied vom Zustand Schmidts: gut – schlecht (V. 17 ff. – V. 27 f.) und dem wichtigen

       Unterschied zwischen „dachte“ (V. 20) und „merkte“ (V. 28 f.): Im Denken irrt er (vgl. V. 33), sein Gefühl oder Gespür erfasst jedoch die Wahrheit – ganz intensiv ist dieser Kontrast in der Kurzgeschichte „Am Ziel“ (1957) von Herbert Eisenreich ausgearbeitet

       in dem Widerspruch V. 29 f. wird eine Differenzierung vorbereitet: worin er allein stand

       was er merkte, setzt sich in das um, was er „begriff“ (V. 35), s.o.

       „Das Kind ging ein“, eine verächtliche Darstellung des Todes, vom Kind wird wie von einem Tier gesprochen („Neue Sachlichkeit“).

       aus Schmidts Perspektive ist die Wiederholung „So war’s“ (V. 33 f.) und die Behauptung „es stand fest, daß es so blieb“ (V. 34) gesprochen, vielleicht auch der Satz „Das Kind ging ein.“.

       die Diminutivform „Stündchen“ (V. 8 und 44) zeigt, dass eine Stunde am Tag „für höhere Interessen“ zu wenig ist und nur dazu reicht, sich umzubringen.

Damit, dass die Einsicht in die Unabänderlichkeit seiner Lage an die Perspektive Schmidts gebunden bleibt, hält Kästner sich die Möglichkeit offen, gegen ein solches Schmidt-Leben zu protestieren. Das Gedicht ist eine Anklage „gegen Staat und Industrie und die gesamte Meute“ (Kästner: Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag); eine politische Agitation mit dem Ziel, dass die Ausgebeuteten sich mit anderen Ausgebeuteten zusammenzutun, ist es nicht. – Eine thematisch ähnliche Geschichte erzählt Kurt Marti 1960: Neapel sehen, die sich zum Vergleich heranziehen ließe.

Erläuterungen:

V. 10 sich rasieren, bis es brannte: bei einer Rasur mit der Klinge oder dem Messer;

V. 39 Seele in der Zirbeldrüse: eine Ansicht des Philosophen Descartes (17. Jh.), hier distanziert-ironisch erwähnt

Sonstiges

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/lyrik/ballade.htm (Ballade)

http://www.literaturwelt.com/spezial/ballade.html (Ballade)

http://www.handmann.phantasus.de/g_ballade_erklaerung.html (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_%28Literatur%29 (Neue Sachlichkeit)

http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/sachlichkeit/ (dito)

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/literaturge/neuesach.htm (dito)

http://www.literaturwelt.com/epochen/weimrep.html (dito) 

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)

Kästner: Gedanken beim Überfahrenwerden – Analyse

Halt, mein Hut! Ist das das Ende?…

Text

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/ueberfahren.htm (mit Vertonung)

http://poetry.rapgenius.com/Erich-kastner-gedanken-beim-uberfahrenwerden-lyrics

Das 1930 entstandene Gedicht ist der Monolog eines Sterbenden, der gerade überfahren worden ist. Das Gedicht zeigt die Banalität seiner Gedanken angesichts des Todes und damit die Banalität des Lebens. Es liegt die gleiche Technik wie beim Gedicht „Herr im Herbst“ vor, das ich gern als Herbstgedicht im Kontrast zu den „ernsthaften“ Herbstgedichten mit den Schülern in Kl. 9 oder 10 gelesen habe.

In den ersten sechs Versen stehen acht einzelne Gedanken, die sich ohne Zusammenhang aneinander reihen: über die Kleidung, den Bus, das Wetter, Arthur, den Tod… Von V. 7 an umfasst ein Gedanke jeweils zwei Verse; die Gedanken gelten dem Beruf, seiner Frau Dorothee, dem Begräbnis, dem Himmel, der Kleidung… – also nur dem Moment und dem, was in nächster Zeit darauf folgt. Das Leben als ganzes kommt nicht in den Blick; Schmerzen hat oder erwähnt der Überfahrene nicht.

Beim letzten Vers finde ich im Netz zwei Lesarten: „Hätt ich wenigstens gespart…“ und „Wenn ich wenigstens gespart…“. Sachlich macht es keinen Unterschied, welche die richtige ist; ich ziehe die zweite vor, weil sie a) grammatisch unvollständig ist (lectio difficilior als Prinzip) und b) formal deshalb schöner ist: Der Sterbende kommt nicht mehr dazu, das Wort „hätte“ zu denken, es ist aus mit ihm.

Formal ist das Gedicht einfach: vierhebiger Trochäus, Paarreim,  Wechsel weiblicher und männlicher Kadenzen – dadurch wird wieder, wie häufig bei Kästner, der Doppelvers als semantische Einheit begünstigt.

Dieser Gedichttypus (Herr im Herbst; Gedanken beim Überfahren werden) zeigt die Banalität des Lebens und ist damit repräsentativ für das, was man als Epoche „Neue Sachlichkeit“ nennt.

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/gedanken-beim-ueberfahrenwerden-1930.html (Fritz Stavenhagen, mit Text)

http://www.youtube.com/watch?v=8LEeyfhQ_aI (Herr im Herbst, gesungen)

Kästner: Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag – Analyse

Zweitausend Jahre sind es fast…

Text

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/revolutionaer.htm (mit Vertonung)

http://www.keh.net/~wej00511/wkkaestn.htm

http://www.stark-verlag.de/upload_file/Muster/94973m1.pdf (dort S. 2)

Formal ist das Gedicht (1930 veröffentlicht) die Rede eines ungenannten Sprechers, die sich an Jesus „zum Geburtstag“ richtet, obwohl er sie natürlich nicht hören kann, weil er vor (damals) 1900 Jahren „die Welt verlassen“ hat (V. 2). Es ist also sozusagen eine Festrede zu Weihnachten, aber keine Predigt; sie richtet sich an den Revolutionär Jesus. War Jesus ein Revolutionär?

Die Frage ist natürlich, was man unter „Revolutionär“ versteht. Bischof Tutu sagte 1984 zu dieser Frage im Spiegel-Interview: „Das Nobelpreiskomitee hat geurteilt, es hat mich und den „South African Council of Churches“ (SACC), dessen Generalsekretär ich bin, gerechtfertigt – als Helfer für Versöhnung und Frieden. Natürlich wollen wir grundlegende Veränderungen. Wenn das Revolution ist, dann bin ich ein Revolutionär. Selbst Jesus war das, er wollte Güte, Gerechtigkeit und Vergebung.“ Statt in eine fruchtlose Diskussion über den richtigen Begriff des Revolutionärs einzutreten, tut man gut daran, die Vorstellungen vom Revolutionär in Kästners Gedicht zu beschreiben.

Das erste Attribut, mit dem Jesus angesprochen wird, ist „Opferlamm“, genauer „Opferlamm des Lebens“ (V. 3). Damit wird eine alte christliche Bezeichnung Jesu als Opferlamm oder „Lamm Gottes“ aufgegriffen: „So wie das Lamm traditionell als Zeichen des Lebens und der Unschuld verstanden wird und sein weißes Fell die innere Reinheit und Frömmigkeit symbolisiert, verweist das Osterlamm darauf, dass Jesus Christus nach dem Zeugnis der Bibel und dem christlichen Glauben gemäß unschuldig für die Menschen gestorben ist. Jesus Christus ist, als Gottes Sohn, das reine und sündlose Lamm Gottes, das für die Sünden der Menschen von Gott geopfert worden ist.“ (Wikipedia) Der Sprecher nimmt dieser Bezeichnung ihre religiöse Färbung und wandelt sie in „Opferlamm des Lebens“ (V. 3) um – das reimt sich dann auf sein Urteil: „Du tatest es vergebens!“ (V. 6) Dazwischen steht, bezogen auf die Kontrastgruppen „die Armen – die Reichen“ (V. 4 f.) die erste revolutionäre Leistung Jesu: den Armen ihren Gott geben. Was heißt das? Das heißt zu klären, dass GOTT nicht (nur) der Gott der Reichen und Mächtigen ist, welcher deren Wohlstand und Macht zu garantieren hat; darüber ließe sich manches sagen, was nicht allen Christen angenehm klänge. Die weiteren revolutionären Taten Jesu werden in den nächsten zweieinhalb Strophen aufgezählt:

       Du wolltest alle Menschen frei und Frieden auf der Erde (V.8 f.)

       Du wolltest alle Menschen gut (V.11)

       Du hast die Freiheit stets beschützt (V. 16)

       Du kämpftest gegen Staat und Industrie (V. 20) und gegen unbestimmte „sie“ (V. 19, was sich auf die ebenso unbestimmten

„Verkehrten“, V. 18, bezieht)

Dass dies revolutionär war, ergibt sich aus dem Gegensatz „Arme-Reiche (V: 4 f.); aus den Gegnern „Gewalt und Polizei“ (V. 7) bzw. „Staat und Industrie und die gesamte Meute“ (V. 20 f.); aus der Aussage „Du warst ein Revolutionär“ (V. 13); aus der Tatsache des Justizmordes (V. 22 ff.).

Diese Tatsache rechtfertigt die Bezeichnung „Opferlamm des Lebens“ (V. 3) und leitet zum Urteil der Vergeblichkeit seines Tuns über. Auch dieses Urteil wird mehrfach variiert:

       im Begriff „Opferlamm“ (V. 3)

       im Urteil „Du tatest es vergebens!“ (V. 6

       im Urteil „Du hast … den Menschen nichts genützt.“ (V. 17)

       in der Tatsache des Justizmords (V. 23), die eben nicht wie im Christentum mit einem Glauben an die Auferweckung verbunden ist

       im Urteil „Die Menschen wurden nicht gescheit.“ (V. 25)

       in den ganzen letzten drei Versen (vergeblich, umsonst, alles beim alten, V. 28 ff.)

Die Aussagen über die revolutionären Taten Jesu bleiben pauschal, weil sie in einem provozierenden Gedicht bzw. Chanson stehen und nur auf wenige, positiv besetzte Begriffe rekurrieren (Arme, Freiheit, Elend beseitigen, alle Menschen); dass Jesus gegen Staat und Industrie kämpfte, ist eine anachronistische Umdeutung ins Heute von 1930. Ob Jesus ganz umsonst gestorben ist, ob also eine Welt ohne Christentum genauso aussähe wie die heutige, darüber lässt sich trefflich streiten – Kästner nimmt’s in seiner Polemik gegen „die Christenheit“ (V. 26) nicht so genau; er hat noch die christlichen Segnungen des Weltkriegs im Ohr (vgl. etwa „Stimmen aus dem Massengrab“).

Aus solcher Erinnerung, speist sich auch die antichristliche Polemik, die im Gedicht genauso präsent ist wie das Lob des Revolutionärs Jesus: In der letzten Strophe wird der Christenheit bescheinigt, dass sie von allen Menschen „am wenigsten gescheit“ wurde, „trotz allem Händefalten“ (V. 26 f.); vielleicht müsste man das konzessive Verhältnis in ein kausales verwandeln: „wegen allem Händefalten“ – das Erbe des Revolutionärs Jesus kann man nämlich nicht mit Händefalten antreten.

Dem flotten Ton entspricht die flotte Form des Gedichts: vierhebiger Jambus, wobei der dritte und der sechste Vers jeder Strophe um eine Silbe gekürzt sind. Da sie sich reimen und da dort jeweils auch ein Satz endet, bringt das eine größere Pause mit sich. Die anderen Verse sind jeweils im Paarreim verbunden, drei Verse machen semantisch eine Einheit aus. Der letzte Vers ist wie öfter bei Kästner verkürzt: zwei Hebungen bei drei Silben, was eine große Pause bedeutet und das Ende des Gedichts signalisiert.

Gelegentlich findet man das Gedicht in Klausuren im Religionsunterricht, wo die armen Schüler vermutlich Kästner kritisieren oder widerlegen sollen. Die Vertonungen heben das polemisch-kämpferische Potenzial des Gedichtes hervor.

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/dem-revolutionaer-jesus-zum-geburtstag.html (Fritz Stavenhagen, mit Text)

http://www.rezitator.de/gdt/949/ (Lutz Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=y954_nX-cWA (gesungen: Ernst Busch)

http://www.youtube.com/watch?v=cggILgD61ac (gesungen: Katrin Rosenzopf)

Sonstiges

http://www.zeit.de/1970/52/war-jesus-ein-revolutionaer/seite-1 (Jesus – Revolutionär?)

http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/1582887/JESUS-REVOLUTION%C3%84R-WIDER-WILLEN/ (dito)

http://www.bernhard-kuelp.de/revolution.pdf (dito)

http://catholic-church.org/ao/ps/reiser6.html (dito)

http://www.kreuzgang.org/viewtopic.php?f=1&t=5227 (kathol. Diskussion zum Thema)

http://www.linkswende.org/1931/Jesus-und-der-Aufstand-in-Palaestina (marxist. zum Thema)

http://de.wikipedia.org/wiki/Befreiungstheologie (Befreiungstheologie)

https://de.wikipedia.org/wiki/Osterlamm (Opferlamm)

Kästner: Das letzte Kapitel – kritische Anmerkungen

Am zwölften Juli des Jahres zweitausenddrei…

Text

http://www2.informatik.hu-berlin.de/~hstamm/kapitel.html

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/kapitel.htm (mit Vertonung)

http://www.politaia.org/umwelt-und-gesundheit/erich-kastnerdas-letzte-kapitel-chemtrails/

http://phys-merger.physik.unibas.ch/~aste/kaestner.html

Das 1930 veröffentlichte Gedicht ist eine negative Utopie, in der im Rückblick auf den Juli 2003 erzählt wird, wie die ganze Menschheit ausgerottet wurde, weil „der Plan, endgültig Frieden zu stiften / Sich gar nicht anders verwirklichen lässt“ (V. 6 f.).

Dieses Szenario ist weder originell – man kann es in Gen 6 ff. nachlesen – noch intellektuell auf hohem Niveau: Die Weltregierung hätte mit ihrem Befehl auch die eigene Vernichtung beschlossen, was unglaubwürdig ist, und es gäbe danach keinen mehr, der es erzählen könnte. Was die technische Realisierung des Plans betrifft, kommen wir heute mit Wasserstoffbomben viel schneller voran als mit Giftgas. 

Die auf den 1. Weltkrieg zurückblickenden Gedichte Kästners sind besser als dieses utopische Gedicht, etwa „Stimmen aus dem Massengrab“ (1928):

http://erinnerungsort.de/stimmen-aus-dem-massengrab–28rezitation-29-_279.html

http://www.commonwood.de/SPIRIT/kaestner.htm

http://www.deutschelyrik.de/index.php/stimmen-aus-dem-massengrab.html (mit Vortrag: Fritz Stavenhagen)

Analyse

http://www.deutschstunde.info/media/lyrikmappe.pdf (dort S. 21 ff.)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/das-letzte-kapitel-1930.html (Fritz Stavenhagen, mit Text)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Apokalypse (Apokalypse)

http://de.wikipedia.org/wiki/Weltuntergang (Weltuntergang)

http://dystopischeliteratur.org/was-ist-ein-weltuntergang/ (Weltuntergang)

http://deu.anarchopedia.org/Utopie (Utopie)

http://www.logo.at/barrierefrei/index_bfrei.php?id=471&cmd=s (Weltuntergang)

Kästner: Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner? – Analyse

Und immer wieder schickt ihr mir Briefe…

Text

http://www.cadesign.de/jottge/ek-wo-bleibt.html

http://ungenannter.wordpress.com/tag/teufel/ (1./2. Strophe nicht getrennt)

http://persiana-451.blogspot.de/2009/08/wozu-brauchen-wir-eigentlich-eine.html

http://www.deutschelyrik.de/index.php/und-wo-bleibt-das-positive-herr-kaestner.html (mit Vortrag: Fritz Stavenhagen)

In diesem 1930 veröffentlichten Gedicht setzt Kästner sich mit der Kritik an seinen Gedichten auseinander, genauer gesagt: mit den Kritikern. In der 1. Strophe wird von deren Kritik berichtet, indem das Kästner-Ich die Kritiker mit „ihr“ (V. 1) anspricht: In ihren Briefen fragen sie danach, wo „das Positive“ in seinen Gedichten bleibe (V. 3). Das ist die heute noch gängige Praxis, mit missliebigen Kritikern und angeblichen „Nestbeschmutzern“ umzugehen – Kästner habe das „immer wieder“ (V. 1) gelesen, berichtet er. Seine witzige Antwort verfremdet die Frage: „Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.“ (V. 4) Die Kritiker meinen, Kästner soll die Welt nicht so „negativ“ betrachten und darstellen; Kästner dagegen legt die Frage so aus, als ob „das Positive“ eine Person sei, die einfach nicht kommt, obwohl es in ihrem Belieben stände zu kommen. Er jedenfalls wisse nicht, wo das Positive bleibe oder warum es ausbleibe. Damit „entschuldigt“ er seine Sicht der Dinge auf witzige Weise.

In der 2. – 4. Strophe geht Kästner zum Gegenangriff über; er wirft seinen Kritikern vor, sie hätten die verkehrte Sicht auf die Welt. Immer wieder, zu Beginn jedes zweiten Verses, hämmert er ihnen „ihr“ plus Vorwurf ein – einzige Ausnahme ist V. 5, wo er mit der Zeitbestimmung „Noch immer“ beginnt, womit er ihnen ihre Rückständigkeit vorwirft. Der Platz überm Sofa ist der Ort, wo das Ölgemälde oder vielleicht auch das Kreuz hingehörte und der jetzt leer ist; diesen leeren Platz füllen sie mit „dem Guten und Schönen“, also den Idealen der deutschen Klassik, die um 1800 noch an eine Harmonie des Lebens und der Welt glaubte, während die Menschen im Weltkrieg und in der Inflation die Disharmonie erfahren haben. Im zweiten Doppelvers wirft er ihnen deswegen Feigheit vor (V. 7 f.); vielleicht wäre Unehrlichkeit noch treffender, aber Feigheit ist die andere Seite dieser Unaufrichtigkeit (vgl. auch Bischof Robinsons „Honest to God“ in der 60er Jahren des 20. Jh.).

Mit welchen „Techniken“ die kritisierten Kritiker ihren Blick verschleiern bzw. die Welt „verschönern“, wird in den beiden nächsten Strophen bildhaft entfaltet:

       mit Vaseline (statt Margarine: Satire!) das trockene Brot des realen Alltags beschmieren, damit es besser zu schlucken ist (V. 9 f.);

       an den siebten Himmel glauben (V. 11 f.) – zu Deutsch: naiv sein;

       über die Schmerzen etwas Süßes (Zucker) streuen (V. 13 f.);

       Balkons vor die Herzen bauen (V. 15), also Ornamente (s. Broch: Huguenau oder die Sachlichkeit, der große Exkurs über den Stil der Zeit), die in der Zeit der (neuen) Sachlichkeit und des Bauhauses nicht angebracht sind;

       die strampelnde Seele aufs Knie nehmen (V. 16) wie ein Baby, das schreit und beruhigt werden muss – zu Deutsch: nicht erwachsen werden wollen.

Diese Bilder zeigen übrigens deutlich, dass bildhafte Sprache nicht dazu dient, sich „etwas besser vorstellen“ zu können, wie die hilflose Schülerfloskel zu jedem Vergleich lautet.

In den folgenden Strophen beschreibt das Kästner-Ich bildhaft die Welt, wie sie wirklich ist: „Die Spezies Mensch ging aus dem Leime…“ (V. 17 f.). „Die Zeit liegt im Sterben.“ (V. 29). Wie kann und soll der Dichter Kästner darauf reagieren? Durch bloßes Zusammenreimen hält man die aus dem Leim gehende Welt nicht zusammen (V. 19 f.). Kästners Programm lautet deshalb: „Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln.“ (V.21)

Doch Schwindeln (vgl. V. 8) ist das, was die Leute von ihm erwarten (V. 19). Dafür hat er nur Spott und „gute Ratschläge“ übrig. Den Spott finde ich in V. 23 f.; dem Hinweis auf die Lieferanten von Windeln fehlt zunächst der Zusammenhang. Am einfachsten ist es, ihn auf V. 16 zu beziehen, also als ironischen Hinweis darauf, wie der strampelnden Baby-Seele zu helfen ist. Das ist auch schon ein guter Ratschlag; der zweite Ratschlag knüpft an das Gedicht Cäsar Fleischlens „Hab Sonne im Herzen“ an, dessen 1. Vers früher als Lebensmotto auf dem Tuch des Handtuchhalters in der Küche aufgestickt war und von den normalen Leuten parodiert wurde: „Hab Sonne im Herzen und Zwiebel im Bauch, dann kannst du gut scherzen und Luft [zum Furzen, N.T.] hast du auch.“ Kästner ironisiert den Spruch durch sinnlose Steigerung: „Habt Sonne in sämtlichen Körperteilen“ (V. 25) und setzt ironisch fort „und wickelt die Sorgen in Seidenpapier“ (V. 26), also extra schön, mit Ausgestaltung des Bildes vom Einwickeln der Sorgen (V. 27 f.).

In der letzten Strophe wird das Bild von der Zeit, die im Sterben liegt, entfaltet und zu einer „Belehrung“ benutzt: „Ein Friedhof [fürs Begräbnis der Zeit, N.T.] ist kein Lunapark.“ (V. 32) Der Lunapark war 1909-1933 Europas größter Vergnügungspark am Berliner Halensee. Mit diesem Kontrast Friedhof/Lunapark wird Kästners ironische Schelte beendet.

Form: Knittelverse, wie es sich für derbe Schelte gehört; Kreuzreim mit dem Wechsel weiblicher und männlicher Kadenzen, was Zweizeiler als semantische Einheiten innerhalb der 4 Verse einer Strophe begünstigt. Die Reime sind dem Genre entsprechend holprig, es liegt eben die echte Gebrauchslyrik Kästners vor, die nicht „dem Guten und Schönen“ (V. 5) verpflichtet ist, jedenfalls nicht so weit, dass sie deswegen die Wahrheit preisgäbe (V. 21) – und das Wahre war das dritte der Universalien der scholastischen Philosophie.

http://www.litde.com/lyrik-des-jahrhunderts/lyrik-der-zwanziger-jahre/erich-kstner-und-wo-bleibt-das-positive-herr-kstner.php

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=24AUc51wq6E (Fritz Stavenhagen)

Sonstiges

http://www.volksliederarchiv.de/text2046.html („Hab Sonne im Herzen“)

http://de.wikipedia.org/wiki/Lunapark_%28Berlin%29 (Lunapark)