25 Gedichte Erich Kästners analysiert – neu

Endlich ist mein Kästner-Buch bei Krapp & Gutknecht erschienen:

Der Link auf die Verlagsseite zeigt nicht nur die Titel der 25 dargebotenen und analysierten Gedichte, sondern auch die Beigaben, die das Verständnis der

rund 90 Jahre alten Gedichte erleichtern sollen:

  • eine Skizze von Kästners Leben
  • ein Blick auf die Weimarer Republik
  • eine Übersicht über die sozialen Fragen und Ereignisse der Zeit
  • ein Bild von Kunst und Kultur der 20er Jahre
  • eine Anleitung, wie man Gedichte systematisch analysiert – die Summe meiner theoretischen Einsichten und praktischen Erfahrung

Die Illustrationen von Christian Sobeck sind sehr gut, finde ich. Und deshalb kann ich nur eines empfehlen: das Buch unbedingt kaufen, und sei es zum Verschenken!

Werbeanzeigen

Tucholsky: Bürgerliche Wohltätigkeit – Text und Analyse

Bürgerliche Wohltätigkeit

Sieh! Da steht das Erholungsheim
einer Aktiengesellschafts-Gruppe;
morgens gibt es Haferschleim
und abends Gerstensuppe.
Und die Arbeiter dürfen auch in den Park …
Gut. Das ist der Pfennig.
Aber wo ist die Mark –?

Sie reichen euch manche Almosen hin
unter christlichen frommen Gebeten;
sie pflegen die leidende Wöchnerin,
denn sie brauchen ja die Proleten.
Sie liefern auch einen Armensarg …
Das ist der Pfennig. Aber wo ist die Mark –?

Die Mark ist tausend- und tausendfach
in fremde Taschen geflossen;
die Dividende hat mit viel Krach
der Aufsichtsrat beschlossen.
Für euch die Brühe. Für sie das Mark.
Für euch der Pfennig. Für sie die Mark.

Proleten!
Fallt nicht auf den Schwindel rein!
Sie schulden euch mehr als sie geben.
Sie schulden euch alles! Die Länderein,
die Bergwerke und die Wollfärberein …
sie schulden euch Glück und Leben.
Nimm, was du kriegst. Aber pfeif auf den Quark.
Denk an deine Klasse! Und die mach stark!
Für dich der Pfennig! Für dich die Mark!
Kämpfe –!

Kurt Tucholsky, in: Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1928, Nr. 45, S. 11, auch unter dem Titel »Wohltätigkeit«

Es spricht eine unbekannte Stimme zu einem („Sieh!“, V. 1, und ab V. 26) und zu vielen „Proleten“ (V. 20, vgl. V. 18 f.); die Situation ist nicht näher bestimmt, die Figuren scheinen anfangs in der Nähe eines Erholungsheims für Arbeiter zu stehen (V. 1).

Zunächst beschreibt der Sprecher, wie notleidende Arbeiter behandelt werden; dabei bewertet er die Behandlung als schlecht (V. 1-13). In der dritten Strophe erklärt er, wieso das Geld für eine bessere Behandlung fehlt. In der letzten Strophe ruft er die Proleten auf, für ihr Recht zu kämpfen und sich ihren Anteil zu nehmen. Thema des Gedichts ist die Notlage der Arbeiter.

Das Gedicht besteht aus vier unterschiedlich langen Strophen (sechs bis zehn Verse). Der Sprecher ist erregt, er ruft die Proleten zum Kampf auf. Das zeigt sich im Versmaß und in den Reimformen. Es wechseln Verse mit vier und drei Hebungen, also eine Variante des Knittelverses; diese Verse sind im Kreuzreim verbunden. Die beiden letzten Verse einer Strophe stehen als Paarreim da und haben jeweils vier Hebungen; dabei müsste V. 6 f. als ein Vers gezählt werden, V. 24 im Rahmen der Aufzählung als Doppelung von V. 23; V. 20 und V. 30 fallen als energische Aufrufe aus dem Rahmen. Das Muster ist also erkennbar, aber ziemlich komplex; der Wechsel von weiblichen und männlichen Kadenzen ist unregelmäßig, die Sätze gehen oft übers Versende hinaus – alles Zeichen für das Tempo des erregten Sprechens. Trotzdem passen die reimenden Verse semantisch oft zusammen: Erholungsheim – Haferschleim (V. 1/3, ärmliche Gaben); dürfen in den Park – wo ist die Mark (V. 5/7, Kontrast); pfeif auf den Quark – die mach stark (V. 26/27, Aufruf zum Kampf), usw. Der Sprecher hält sich an die Standardsprache; es dominieren die Wortfelder Wohltätigkeit – Wirtschaft – (Klassen)Kampf.

Mit dem Aufruf „Sieh!“ (V. 1) wird jemand zu genauem Hinsehen aufgefordert, so beginnt das Gedicht. Der Blick richtet sich auf ein Erholungsheim einer Aktiengesellschaft, das für Arbeiter eingerichtet ist und kurz beschrieben wird; das Essen ist ärmlich (Haferschleim, Gerstensuppe – es fehlen Gemüse und Braten, V. 3 f.), in die Beschreibung fließt unmerklich eine Bewertung ein. Beinahe ironisch wird auf die Erlaubnis verwiesen, dass Arbeiter den Park betreten dürfen (V. 5). Darauf folgt die offene Bewertung: Das alles ist nur ein Pfennig, also 1% von einer Mark, von der nichts zu sehen ist und nach deren Verbleib gefragt wird (V. 6 f.). Das einleitende „Gut“ meint also nicht „gut“, sondern ist eher ein summierendes „so weit, so gut“, worauf als Ergebnis die Bilanz von vorhandenem Pfennig und fehlender Mark folgt. Was die Aktiengesellschaft gibt, ihre „Bürgerliche Wohltätigkeit“ (Überschrift), ist nur einen Pfennig wert.

In der zweiten Strophe wird die im Erholungsheim erwiesene Wohltätigkeit in den Kreis weiterer „Almosen“ gestellt (V. 8); Almosen sind milde Gaben, kleine Spenden für die Armen – oft wie hier abwertend gebraucht (bloße Almosen im Gegensatz zum Recht auf…). Der Hinweis auf die näheren Umstände („unter christlichen frommen Gebeten“ gereicht, V. 9 f.) erinnert an Marx‘ Ausspruch, dass Religion Opium für das Volk sei – die frommen Gebete verschönern die Almosen, machen sie aber nicht größer, während die Beter sich auf die Seite der Besitzenden schlagen und ihren Gott dabei mitnehmen. Es werden dann zwei weitere Beispiele der bürgerlichen Wohltätigkeit abwertend beschrieben: Die Wöchnerin wird gepflegt, weil die Fabrikanten ihre Kinder als „Proleten“ brauchen (V. 10 f.), womit die Wohltätigkeit als Akt weiterer Ausbeutung entlarvt ist. Wofür die Kinder gebraucht werden, steht hier nicht, man kann es aus dem Gedicht „Die Leibesfrucht“ ergänzen: „Wir brauchen die Kinder für Dortmund und Essen,“ also für die Schwerstarbeit unter Tage und in den Gießereien des Ruhrgebiets. Als weiteres Almosen wird der Armensarg genannt (V. 12), der per se von minderer Qualität ist und der zur Wiederholung des Spruchs von Pfennig und Mark aus der ersten Strophe einlädt (V. 13).

Aber wo ist die Mark?“ (V. 7 und V. 13) Diese Frage wird in der dritten Strophe beantwortet; dort wird erklärt, dass sie „in fremde Taschen geflossen“ ist (V. 15), als Dividende in die Taschen der Aktionäre (V. 16 f., vgl. V. 2). Die ungerechte Teilung der Gewinne auf Arbeiter und Aktionäre wird durch die Wiederaufnahme der Stichworte „Pfennig“ und „Mark“ angeklagt (V. 19); darauf bezogen wird ein entsprechender Suppenvergleich gezogen, wobei sich im Wortspiel „Mark“ (Knochenmark) auf „Mark“ (Geld) reimt (V. 18/19). Brühe : Mark = Pfennig : Mark = ungerecht. Die Sätze sind parallel gebaut, das hat einen Wiederholungseffekt; überhaupt spielt die Wiederholung in diesem Gedicht eine große Rolle (vgl. V. 6 f. mit V. 13, V. 14, V. 19 mit V. 28 und das dreifache „Sie schulden euch“, V. 22 ff.), sie hämmert den Zuhörern ein, was der Sprecher zu sagen hat. Die letzte Strophe beginnt mit dem Aufruf „Proleten“ (V.20), der einen ganzen Vers ausmacht und eine lange Pause nach sich zieht, was dem Aufruf Bedeutung verleiht. Er beschwört die Arbeiter als Klasse, die in den Klassenkampf ziehen soll, der nach Marx‘ Analysen zum Sieg der Arbeiter führen wird. Vier Appelle (oder drei und ein Fazit) richtet der Sprecher an die Proleten (V. 21 ff.), wobei er vom Plural zum Aufruf an den Einzelnen wechselt:

  • Fallt nicht auf den Schwindel (der Almosen) rein!
  • Nimm, was du kriegen kannst!
  • Denk an deine Klasse und mache sie stark!
  • Kämpfe!

Der Wechsel zum Singular ist nötig, weil letztlich jeder einzelne Arbeiter/Prolet sich für den Kampf entscheiden muss, wenn er auch nur in Gemeinschaft mit den anderen stark ist (siehe den dritten Aufruf). Wie „Nimm, was du kriegen kannst“ gehen soll, bleibt offen – der Sprecher und mit ihm Tucholsky agitiert nur, er plant nicht politisch. Dass besagtes Nehmen jedoch berechtigt ist, wird dreifach begründet:

  • Sie schulden euch mehr, als sie geben.
  • Sie schulden euch alles (die Produktionsmittel).
  • Sie schulden euch Glück und Leben.

Wer „sie“ ist, wird nicht gesagt, ist in der Anrede „Proleten“ jedoch impliziert: Sie sind die Ausbeuter, die Almosen verteilen, aber Dividenden einstreichen, weil ihnen die Produktionsmittel gehören (V. 23 f.); die Aufzählung in V. 23 f. unterstreicht den Reichtum der „Bürger“, welche Almosen verteilen. Mit dem „Quark“ sind vermutlich die Almosen gemeint.

In V. 28 wird V. 19 leicht abgewandelt wiederholt. In V. 19 wird anklagend festgestellt, wie die Gewinne tatsächlich auf die beiden Parteien „euch – sie“ verteilt werden. In V. 28 fehlen „sie“, sie sind nämlich – eine Vision – enteignet worden. Alles ist jetzt „für dich“, der Proleten, der sich sein Recht erkämpft hat. Und damit die Vision wahr wird, erfolgt der letzte Aufruf: „Kämpfe!“ (V. 29) Wie das Kämpfen geht, bleibt wieder offen – das sagt die Partei der Arbeiter. Welches die richtige Partei der Arbeiter ist, SPD, KPD oder (eine Zeit lang) die USPD, dafür hat sich der Leser der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ bereits entschieden; in dieser Illustrierten (zur Geschichte der Zeitung s. https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeiter-Illustrierte-Zeitung) ist Tucholskys revolutionäres Gedicht 1928 erschienen. Die Fragen, die für uns als Leser heute offen sind, konnten die Leser der Illustrierten leicht selber beantworten. Vgl. auch Tucholskys Gedicht „Asyl für Obdachlose“!

Von Kästners Gedichten könnte man „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“ und „Ansprache an Millionäre“ zum Vergleich heranziehen. Tucholskys Gedicht „Warte nicht“ (1931) ist thematisch mit „Bürgerliche Wohltätigkeit“ verwandt: nicht abwarten, sondern entschlossen handeln und kämpfen! Sartre hat 1945 solche Gedichte „engagierte Literatur“ genannt, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Engagierte_Literatur oder http://www.eingreifendes-denken.phil.uni-erlangen.de/sartre_funktion.html!

Vortrag des Gedichts

https://www.youtube.com/watch?v=FuKPS3c48YI (Fritz Stavenhagen, sehr gut) = https://www.deutschelyrik.de/index.php/buergerliche-wohltaetigkeit-1929.html

https://www.youtube.com/watch?v=FUWyyHLQ_Jg (gesungen, hört sich nach Eisler an)

https://www.youtube.com/watch?v=I8zpjDAIELo (Christoph Holzhöfer, gut gesungen)

https://www.youtube.com/watch?v=tj2WYyozZyI (Antje Di Bella singt, zu hohe Stimme)

https://www.youtube.com/watch?v=BYCdSS_nEaw (Ernst Busch singt, besser!)

https://www.youtube.com/watch?v=mVLVGx4qVjI (Jahrgang ‘49 singt Eisler)

Kästner: Der geregelte Zeitgenosse – Analyse

Hei, wie er die Zukunft auswendig wußte! […]“

Das Gedicht ist eine Auftragsarbeit für die Nr. 43 der Zeitschrift „Jugend“ (1930), die dem Thema „Spießer“ gewidmet war. Kästner stellt darin den geregelten Zeitgenossen vor, der den Ablauf seines Lebens total verplant hat. (—)

usw. – Die Analyse steht in meinem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“, das im Februar 2019 im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen ist.

Kästner: Der synthetische Mensch (1931) – Interpretation

Professor Bumke hat neulich Menschen erfunden, […]

Im leichten Ton des flotten Erzählens wird ein schweres Problem zur Diskussion gestellt, ohne dass es eigens genannt würde. Welches Problem? Schauen wir in den Text! …

usw. – Die Analyse steht in meinem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“, das im Februar 2019 im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen ist.

Kästner: Von faulen Lehrern (1930) – Analyse

Zu lernen ist schwer. Zu lehren noch schwerer. […]

In der Überschrift „Von faulen Lehrern“ fehlt der Artikel „den“, so dass immerhin die Möglichkeit offen bleibt, dass es auch andere Lehrer gibt – im letzten Satz sagt der Sprecher ausdrücklich, die meisten seien faul, also nicht alle (V. 31 f.) Aber auch das ist ein herbes Urteil, worüber sich 1930 viele Lehrer empört haben.

Es spricht ein Ich, das sich indirekt als Erich Kästner identifiziert: „Ich sollte selbst mal Lehrer werden / und weiß Bescheid.“ (V. 11 f.) Kästner hat seit 1913 nach der Volksschule das Freiherrlich von Fletchersche Lehrerseminar besucht – das war für ihn damals der einzige Weg zu einer höheren Bildung. Nach dem Militärdienst hat er dann 1919 Abitur gemacht und zu studieren begonnen.

Das ist Gedicht ist eine massive Anklage gegen die Faulheit der deutschen Volksschullehrer. Der Sprecher beginnt deshalb mit einem Zugeständnis an die später Angeklagten: „Zu lernen ist schwer. Zu lehren noch schwerer.“ (V. 1) Und zur Bekräftigung folgt der Doppelvers, der seine Kompetenz zu urteilen ausweist (V. 3 f., näher V. 11 f.). Das Adverbial „aus erster Hand“ lässt eventuell anklingen, dass er als Kind vom Lehrer verprügelt wurde.

Das Gedicht ist in Knittelversen abgefasst (vier Hebungen mit freier Füllung), wogegen der jeweils vierte Vers nur zwei Hebungen aufweist – das gibt ihm den Charakter eines kraftvollen Abschlusses. Der Knittelvers gibt dem Autor große Freiheit, das Gedicht bekommt eine prosaische Färbung. Die vier Verse der Strophe sind im Kreuzreim miteinander verbunden; da der Satz oft über das Versende hinausgeht, kann man von den Reimen nicht immer erwarten, dass sie semantisch passende Verse verbinden. Man muss also gelegentlich den Satzkern mit berücksichtigen, wenn man Reime untersucht: „Mir ist … bekannt. – Ich kenne … aus erster Hand.“ (V. 2/4) „Zu lehren noch schwerer – Volksschullehrer“ (V. 1/3) ist ebenfalls ein sinnvoller Reim (gleicher Inhalt). Da hiermit das Prinzip klar sein sollte, verzichte ich in Zukunft auf die detaillierte Begründung meiner Reimurteile.

In den vier folgenden Strophen entfaltet der Ich-Sprecher seine Kenntnis: Zuerst beschreibt er, wie Lehrer sich entwickeln (2. und 3. Str.), danach zählt er die vielen Steckenpferde auf, denen sie frönen (4. und 5. Str.). Es wird also eine Entwicklung des (Volksschul)Lehrers beschrieben: Auf eine Zeit idealistischen Arbeitens folgt die Zeit der Verkalkung (2. Str.). Dass er sich „mit hohen Idealen balgt“ (V. 6), deutet den Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit im Beruf an; der Lehrer kann nicht immer seine Ideale verwirklichen, aber er versucht es trotz mancher Schwierigkeiten. Dass die Seele Haare lässt (wie der Kopf beim Altern), bedeutet, dass die in der „Seele“ beheimateten Ideale ihre Kraft verlieren, dass er sie aufgibt und „verkalkt“ (V. 8) – ein hartes Urteil, was ja normalerweise von Menschen gesagt wird, die geistig wegen ihrer Arterienverkalkung nicht mehr zurechnungsfähig sind. Die Reime V. 5/7 (zeitliche Abfolge) und V. 6/8 (dito) sind sinnvoll.

Nach den ersten zehn Jahren widme der Lehrer sich seinen Hobbys statt seinen Schülern, wird im Bild vom Traben auf den Steckenpferdchen („Pferd“ wieder wörtlich genommen, das Diminutiv wirkt spöttisch) behauptet. Sich Zeit lassen ist so viel wie faulenzen (V. 10). Zur Begründung des negativen Urteils verweist das Ich auf ein biografisches Faktum aus Kästners Leben (V. 11 f.), was jedoch keinen Beweiswert hat: Im Lehrerseminar lernt man keine Lehrer kennen, die mehr als zehn Jahre Dienst getan haben; allerdings sorgt der Besuch des Seminars für eine Nähe zum Berufsstand, dem man selber angehören wird. Die Reime der 3. Strophen sind reine Klangphänomene.

Nun werden fünf Steckenpferde vorgestellt (V. 13-18), welche die Lehrer mit Lust und Liebe betreiben, während sie sich im Unterricht langweilen (V. 19 f., „da gähnen sie alle“). V. 14/16 kann als sinnvoller Reim gelten (zwei Hobbys), die anderen nicht.

Die letzten Strophen nutzt der Sprecher, diese Entwicklung der Lehrer zu bewerten. Dazu stellt er in der 6. und 7. Strophe das Einst dem Jetzt gegenüber (ausdrücklich in der 7., sachlich auch in der 6. Strophe). Mit dem ersten Einst-Jetzt verbindet der Sprecher den Kontrast von Berufung (V. 21) und Praxis (V. 22-24): Berufung, das Volk zu erziehen – herumstehen und auf der Stelle treten; die Kritik an der Faulheit wird in einem Wortspiel-Kontrast geleistet: herumstehen – auf der Gehaltsleiter „fortschreiten“ (Spiel zwischen Metapher und wörtlicher Verwendung; sachlich ist die Gehaltserhöhung nach Dienstaltersstufen gemeint). In der 7. Strophe wird das Bild der Ernährung zur Kritik verwendet: nach geistiger Nahrung hungern (V. 25) – verstopft sein (V. 27 f.). „Pauker-“ (V. 27) ist hier wie ein Schimpfwort gebraucht, obwohl Paukererfahrung zu haben an sich etwas Gutes ist; hier klingt jedoch an, dass damit die negativen Erfahrungen und Einstellungen eines enttäuschten Berufslebens gemeint sind. Ob übrigens alle Lehramtsstudenten zu Kästners Zeit (oder heute) „Freunde gepflegten Lateins“ (V. 26) waren, darf bezweifelt werden – auch Kästner wurde vermutlich von der Mutter ins Lehrerseminar geschickt, damit aus ihm „etwas Besseres“ werde. Der Reim V. 22/24 stellt einen Kontrast schön dar, die Reime V. 25/27 und V. 26/28 enthalten ebenso Kontraste.

Es folgt das Fazit in der letzten Strophe. Hier bemüht der Sprecher zur Kritik wieder einen Kontrast, den zwischen „könnten/sollten“ (Möglichkeit, Pflicht) und der Realität; sie könnten also „Größeres leisten / als Leute mit Namen und großem Maul“ (V. 29 f.) – hier wird der schlichte ehrliche tägliche Dienst höher als die Leistungen namhafter Politiker oder Stars gewertet: ein bemerkenswertes Urteil, dem man zustimmen kann. Dagegen steht dann die Realität: „Aber die meisten / von ihnen sind faul.“ (V. 31 f.) Um einen Sinn im Reim V. 30/32 zu finden, muss man den Akzent auf V. 29 legen; dann hätte man den Kontrast zwischen Möglichkeit und Realität – aber das ist eine sehr wohlwollende Lesart.

Das Gedicht ist 1930 in der Zeitschrift „Jugend“ erschienen; es hat heftige Proteste von Lehrern ausgelöst, so dass Kästner zu seiner Verteidigung ein Gedicht „An die beleidigten Lehrer“ verfasst hat, welches die Redaktion der „Jugend“ jedoch nicht angenommen hat und das erst 1998, also nach Kästners Tod veröffentlicht wurde. [Um es im Netz zu finden, muss man bei google in Anführungszeichen Text eingeben, z.B. „Das Volk hat nichts gelernt. Und ihr wart des Volkes Lehrer!“]

Zustimmung hat Kästner von Lotte Kühn in ihrem „Lehrerhasserbuch“ bekommen; in Schulbüchern sucht man das Gedicht vergebens, Interpretationen dazu gibt es nicht. Ich hielte es für ein Zeichen von Mut, es (etwa ab Klasse 10) in der Schule zur Diskussion zu stellen: wenn die Schüler sich also nicht bloß über die Lehrerschmähung freuen, sondern selber urteilen können, ob Kästner recht hat.

Ich habe in einem alten Buch, das Kästner hätte kennen können, da es 1927 erschienen ist, eine Passage über Bürokratisierung gefunden, welche das Phänomen der faulen Lehrer strukturell verständlich macht. Ich hänge einen Exkurs an – als Lehrer kann man auch Schüler mit dem Phänomen bekannt machen (wobei L. Mises‘ Urteil über die Effizienz des Betriebes und das Vorankommen der Tüchtigen dort auch mit etwas Skepsis zu lesen ist).

Exkurs über Bürokratisierung (im Anschluss an Ludwig Mises: Liberalismus, 1927 = 2010, S. 85 ff.)

Im Gegensatz zu einem normalen Wirtschaftsbetrieb ist die öffentliche Verwaltung nicht darauf aus, Gewinn zu erzielen; im Betrieb dagegen können die einzelnen Abteilungen durch eine Kosten-Nutzen-Rechnung überprüft werden, ob sie wirtschaftlich arbeiten, also erfolgreich sind. Die Orientierung am Erfolg wirkt sich auf die Freiheit des Abteilungsleiters und die Einstellung des Personals aus: Er ist bemüht, gute Leute zu finden und zu behalten und so zu wirtschaften, dass Gewinn erzielt wird. In der Verwaltung gibt es dagegen keine Kriterien, um objektiv festzustellen, ob ein Ressort gut verwaltet wird.

Das hat Rückwirkungen auf den inneren Betrieb des bürokratischen Apparats: Man arbeitet nach Anweisungen, die zu befolgen Pflicht ist; für alle außerordentlichen Fälle muss die Weisung der vorgesetzten Behörde eingeholt werden. Dadurch werden oft unnötige Ausgaben gemacht, während erforderliche unterbleiben.

Die Bürokratisierung wirkt sich auch auf den Bürokraten aus: Da Erfolgskriterien fehlen, sind bei Einstellung und Bezahlung (Beförderung) der Gunst und Missgunst Tür und Tor geöffnet. Um die Willkür dabei zu begrenzen, werden dafür formale Kriterien wie Schulbesuch, Prüfungen und Dienstalter vorgegeben. Dadurch wird ausgeschlossen, dass kraftvolle und tüchtige Persönlichkeiten an die Stellen kommen, die ihren Kräften und Fähigkeiten entsprechen.

Das entscheidende Merkmal des bürokratischen Betriebs ist also, „daß ihm die Richtschnur der Rentabilitätsrechnung zur Beurteilung des Geschäftserfolges in seinem Verhältnis zum Aufwand fehlt“ und dass er „die Abwicklung der Geschäfte und die Einstellung des Personals an formale Vorschriften“ bindet.

Nachtrag meinerseits: Für die Arbeit der Bürokraten hat das zur Folge, dass sie weithin mit der Zeit „Dienst nach Vorschrift“ machen und wenig Lust verspüren, sich übermäßig zu engagieren.

Zwei Anekdoten zum Schluss, in denen die Bürokratisierung beleuchtet wird:

  • Ich weiß sicher, dass ein Dezernent in Düsseldorf über einen völlig inkompetenten Lehrer wörtlich gesagt hat: „Unfähigkeit ist kein Dienstvergehen.“ Damit lehnte er ein Einschreiten seinerseits ab.
  • Als ich mich einmal in Grevenbroich bei einer Schulleiterin wegen einer Beförderungsstelle vorgestellt habe, fragte sie mich: „Wer hat sie geschickt?“ Damit wurde mir klargemacht, dass die Stelle nach Beziehungen, nicht nach Befähigung vergeben wurde.

http://www.erich-kaestner-museum.de/erich-kaestner/biographie/ (Kästners Biografie)

http://www.daswirtschaftslexikon.com/d/b%C3%BCrokratie/b%C3%BCrokratie.htm (Bürokratie – Bürokratisierung)

Parallel zum Gedicht „An die beleidigten Lehrer“ kann man Tucholskys Gedicht „Die Schule“ (1919) lesen:

Die Schule

Wer die Schule hat, hat das Land.

Aber wer hat die bei uns in der Hand!

 

Du hörst schon von weitem die Schüler schnarchen.

Da sitzen noch immer die alten Scholarchen,

die alten Pauker mit blinden Brillen,

sie bändigen und töten den Schülerwillen.

Und lesen noch immer die alte Fibel

und lehren noch immer den alten Stiebel:

 

Wie in den alten Zeiten die wichtigen Schlachten

die großen Völkerentscheidungen brachten,

wie die Fürsten und die Söldnerlanzen

den großen blutigen Contre tanzen,

und ohne die heilige Monarchie

sei die Hölle auf Erden – und schließlich,

wie die Völker nur eigentlich Statisten seien.

Man müßte ihnen die Dumpfheit verzeihen.

Könnten eben nichts weiter dafür …

 

Und sie lernen vom Kupfercyanür.

Und von den braven Kohlehydraten.

Und von den beiden Koordinaten.

Und von der Verbindung mit dem Chrome.

Lernen auch allerhand fremde Idiome.

Ut regiert den Konjunktiv.

Polichinelle ist ein Diminutiv.

Und was so dergleichen an Stoff und an Wissen.

 

Himmelherrgott! ist die Schule beschmissen!

Seelenmord und Seelenraub!

Unter die Kruste von grauem Staub

drang auch kein Luftzug der neuen Zeit.

Der alte Schulrat im alten Kleid.

Wundert euch nicht! Was kommt aus dem Haus

schließlich nach Oberprima heraus?

 

Ein nationalistischer langer Lümmel.

Gut genug für den Ämterschimmel.

Gut genug für die alten Karrieren –

als ob die heute noch notwendig wären!

Türen auf und Fenster auf!

Lege deine Hand darauf,

lieber Herr Haenisch, und zeige den Jungen,

wie die alten Griechen sungen –

aber ohne die Philologie

und ohne die Kriegervereinsmelodie!

 

Wer die Jugend hat, hat das Land.

Unsre Kinder wachsen uns aus der Hand.

Und eh wir uns recht umgesehn,

im Handumdrehn,

sind durch die Schulen im Süden und Norden

aus ihnen rechte Spießbürger geworden.

 

Kaspar Hauser

Die Weltbühne, 24.07.1919, Nr. 31, S. 110.

 

Kästner: Konferenz am Bett (1930) – Analyse

Ich saß bei dir am Bett und fühlte jede […]

Zur Überschrift kann man erst etwas sagen, wenn man das ganze Gedicht gelesen hat. Ein Ich wendet sich an ein Du und spricht heute (V. 24) von dem, was vor Zeiten in einer Nacht geschah oder eben nicht geschah. …

usw. – Die Analyse steht in meinem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“, das im Februar 2019 im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen ist.

Kästner: Sogenannte Klassefrauen – Analyse

Sind sie nicht pfui teuflisch anzuschauen? […]

Der erste Vers hat es in sich, „pfui teuflisch anzuschauen“ ist nicht leicht zu entschlüsseln:„Pfui Teufel“ ist eine Äußerung des höchsten Abscheus, die Wendung „pfui teuflisch“, davon abgeleitet, gibt es sonst nicht – was bedeutet sie also hier?…

usw. – Die Analyse steht in meinem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“, das im Februar 2019 im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen ist.

Kästner: Ansprache an Millionäre (1930) – Analyse

Warum wollt ihr so lange warten, […]

Dieses Gedicht stellt eine „Ansprache an Millionäre“ dar, wobei der Sprecher unbekannt bleibt: Er spricht die Millionäre mit „ihr“ an, denen nur zweimal ein „wir“ (bzw. „uns“, V. 42 und 44) gegenübersteht. Die Ansprache enthält eine Drohbotschaft:…

usw. – Die Analyse steht in meinem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“, das im Februar 2019 im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen ist.

Kästner: Mißtrauensvotum – Analyse

Ihr sagt, ihr könntet in uns lesen. […]

Ein Misstrauensvotum ist der Mehrheitsbeschluss eines Parlaments, einem Mitglied der Regierung oder dieser insgesamt das Vertrauen zu entziehen und so den Rücktritt zu erwirken (DWDS). Wem soll hier das Vertrauen entzogen werden, wer darf darüber abstimmen?

Der Sprecher spricht hier als Vertreter einer Wir-Gruppe gegen eine Ihr-Gruppe. Er listet auf, was die anderen sagen und tun. Sie sagen,

  • sie könnten ins „uns“ lesen (V. 1),
  • sie wären auch jung gewesen (V. 3),
  • wir“ fänden in ihnen Weggefährten (V. 6 f.),
  • wir“ dürften ihnen vertrauen (V. 11);

Sie

  • machen sich klein (V. 2),
  • tragen Konfetti in den Bärten (V. 5),
  • tanzen mit Kindern Ringelreihn (V. 9 f.),
  • lieben oder hassen nur aus Pflicht (V. 13 f.).

Damit ist die Aufteilung klar: Die Worte des Sprechers sind an die Erwachsenen, an die Eltern, an die Erziehenden gerichtet; er spricht für die Kinder oder Jugendlichen, am ehesten für die Kinder, mit denen Erwachsene Ringelreihn spielen oder für die sie etwas Lustiges veranstalten (Beispiel: Konfetti in den Bärten tragen).

Dreimal sagt der Sprecher zu den um Vertrauen werbenden Worten der Erwachsenen: „Es kann ja sein.“ (V. 4, 8, 12); er stimmt ihnen also nicht zu, er widerspricht aber auch nicht; statt Ja oder Nein sagt er Vielleicht. Die Pointe steht dann in der 4. Strophe. Er fragt die Erwachsenen (und sich selber): „Wir sollen uns auf euch verlassen?“ (V. 15) Darauf antwortet er lapidar: „Ach, lieber nicht!“ (V. 16)

Das Gedicht kann erwachsene Leser betroffen machen, weil ihnen so kurz und knapp das Vertrauen entzogen wird, ohne dass dafür Argumente vorgebracht würden. Das heißt, es gibt ein einziges Argument: „Ihr treibt dergleichen nur aus Pflicht.“ (V. 14) Das heißt: Ihr treibt es nicht aus herzlicher Zuneigung zu uns, sondern aus eurem eigenen Pflichtgefühl, also im Hinblick auf euch selbst. Drei weitere Formulierungen stellen die Bemühungen der Erwachsenen in ein schräges Licht und liefern so, wie man erst beim zweiten Lesen bemerkt, eine Begründung für die Ablehnung (V. 14 und V. 16):

  • Ihr „macht euch klein“ (V. 2), d.h. im Kontext: Ihr tut nur so; deshalb ist trotz des Nickens (V. 2) zweifelhaft, ob ihr in uns lesen könnt (der Konjunktiv II „könntet“ kann einfach für die indirekte Rede stehen, kann aber auch den Zweifel des Sprechers ausdrücken – das gilt dann auch für die anderen Konjunktive).
  • Ihr „tragt Konfetti in den Bärten“ (V. 5), was ja ziemlich lächerlich und so bemüht „lustig“ aussieht.
  • In die gleiche Richtung zielen V. 9 f.: „Ihr hüpft wie Lämmer durch die Auen…“ Der Tiervergleich wertet das vermeintlich kindgerechte Hüpfen ab, macht sich darüber lustig.

All ihren Beteuerungen, mit denen die Erwachsenen ihr Verständnis bekunden und um Vertrauen werben, setzt der Sprecher deshalb das skeptische Wort „Es kann ja sein“ entgegen – er sagt nie „Nein, das stimmt nicht.“ Deshalb ist das Misstrauensvotum im letzten Satz nicht von Hass oder Aufruhr, sondern von der tiefen Skepsis bestimmt: „Ach, lieber nicht!“ Das heute viel beschworene Urvertrauen, das ein Mensch brauche, um sich entwickeln und leben zu können, ist den Kindern dieses Gedichts abhanden gekommen, sagt der Sprecher.

Der formale Aufbau der Strophen ist immer gleich: vier Verse im Kreuzreim, vierhebiger Jambus, abwechselnd weibliche und männliche Kadenz, dann im vierten Vers nur zwei Takte; dieser Kurzvers wirkt deshalb lapidar, er stellt die Antwort auf die werbenden Aussagen und Aktionen der Erwachsenen dar. Nachdem man dreimal „Es kann ja sein“ gehört hat, ist die Variation „Ach, lieber nicht“ die große Pointe – die Konsequenz aus der Unmöglichkeit, den Beteuerungen der Erwachsenen zuzustimmen.

In den ersten drei Strophen ergeben die Reime von V. 1/3 jeweils sinnvolle Zusammenhänge, sie binden Äußerungen und Verhalten der Erwachsenen aneinander. In der letzten Strophe ergibt sich ein tiefer Zusammenhang zwischen den Versen 14 und 16: V. 14 stellt den entscheidenden Vorwurf dar, V. 16 die abschlägige Antwort. Fünfmal wird ein neuer Satz durch „Und“ eingeleitet, und zwar bei den Äußerungen und Taten der Erwachsenen, die einfach reihend aufgezählt werden, um auf die immer gleiche Skepsis zu stoßen.

Das Gedicht ist erstmals 1929 in der Zeitschrift „Jugend“ erschienen – es kann dort den Lesern eine Stimme verleihen. Angesprochen sind jedoch die Erwachsenen, so dass man sich als erwachsener Leser fragt: Betreibe ich meine Bemühungen um meine Kinder (bzw. um meine Schüler usw.) „nur aus Pflicht“, wie es in V. 14 heißt?

Wie kann es dann weitergehen, wenn man nicht mehr miteinander sprechen kann, weil die eine Seite nur „Es kann ja sein“ äußert? In der Bundesrepublik Deutschland gibt es das konstruktive Misstrauensvotum: Das Misstrauensvotum führt nur dann zum Rücktritt der Regierung, wenn gleichzeitig mit Mehrheit ein neuer Kanzler gewählt wird. Wen könnten die Kinder als neue Eltern wählen? Was sich als Gurus, Führer oder Ersatzfamilien anbietet, lässt mich jedenfalls an der Qualität ihrer Motive zweifeln.

Erich Kästner hatte 1929 gut dichten, er war nicht verheiratet und hatte damals noch kein Kind. Ich wäre schon froh, wenn alle Erwachsenen ihren Kindern „aus Pflicht“ mit Fürsorge begegneten, wenn kein Kind misshandelt, vernachlässigt oder missbraucht würde. Das wäre vielleicht nicht genug – aber besser als das, was manche Kinder heute erleben.

http://lexikon.stangl.eu/1932/urvertrauen/ (Urvertrauen)

https://de.wikipedia.org/wiki/Urvertrauen (Urvertrauen)

http://www.kinderrechte.de/ (Kinderrechte)

https://www.dkhw.de/unsere-arbeit/schwerpunkte/kinderrechte/die-kinderrechte-in-deutschland/ (Kinderrechte)

Kästner: Gewisse Ehepaare – Analyse

Ob sie nun gehen, sitzen oder liegen, […]“

Auch dieses Gedicht nimmt wie „Familiäre Stanzen“ das Thema der alten Eheleute auf, packt es aber geschickter und radikaler an, weil es sich nicht auf das gegenseitige Hassen beschränkt. Die Überschrift mit dem Adjektiv „gewisse“ klingt ein wenig geheimnisvoll:…

usw. – Die Analyse steht in meinem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“, das im Februar 2019 im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen ist.

Kästner: Familiäre Stanzen – Analyse

Wenn sich Leute, die sich lieben, hassen, […]

Die Stanze ist eine aus Italien stammende Gedichtform, die aus acht elfsilbigen Versen mit dem Reimschema a-b-a-b-a-b-c-c besteht; im deutschen weist die Stanze meist abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen auf und besteht aus fünfhebigen Jamben. Diese Gedichtform bestimmt die Überschrift des Gedichts „Familiäre Stanzen“: Stanzen, in denen Leben in der Familie Thema ist. Genau gesagt handelt es sich nicht um eine Familie, sondern ein altes Ehepaar (mit falschen Zähnen, V. 6): „Denn sie kennen sich […] viele Jahre schon.“ (V. 9 f.) Es geht um die scheinbar paradoxe Situation, dass „Leute, die sich lieben, [einander, N.T.] hassen“ (V. 1). Zuerst sieht es so aus, als ob dieses Hassen ein Dauerzustand wäre (Str. 1-3); doch ändert sich die Situation, der Hass verschwindet ( Str. 4).

Leute, die sich lieben, hassen einander „auf unerhörte Art“ (V. 2), also nicht einfach so, wie man einen Fremden oder Nachbarn hasst, denen man einfach den Tod wünscht. Da die Liebenden zusammen wohnen, durchzieht ihr Hassen den ganzen Alltag – dies wird in V. 3-8 entfaltet: Hass in allem, was sie tun und lassen (V. 3 f.), sogar bei scheinbar höflichen Gesprächen (V. 7 f.); dass keiner „vorm anderen erblassen“ will (V. 5), heißt vielleicht, dass keiner zeigen will, wie ihn eine Verletzung trifft, oder dass keiner in seiner Gemeinheit hinter dem anderen zurückstehen will. Dass jemand Haare auf den Zähnen habe, wird gewöhnlich auf die bissige, schroffe Art einer Frau bezogen; wenn nun hier gesagt wird, dass selbst auf den falschen Zähnen Haare stehen (V. 6), ist damit eine Steigerung der gewöhnlichen Bosheit gemeint, und zwar bei beiden Streithähnen.

Semantisch sinnvoll sind vor allem die Verse 2, 4, 6 miteinander im Reim verbunden; das kommt daher, dass dort zweimal der Satzkern steht: unerhörte Art / Hass gewahrt / Zähne behaart; diese Verse sind um eine Silbe kürzer und bilden jeweils das Satzende, so dass dort im Sprechen eine Pause entsteht. Die Satzbildung über zwei Verse verhindert, dass in V. 7 f. ein sinnvoller Reim entstehen kann. Der anonyme Sprecher, der das Phänomen des Hassens distanziert beschreibt, spricht in einem gehobenen Stil („aufs sorglichste“, V. 4), bildet Nebensätze und gebraucht auch eine Reihe von Vergleichen (V. 8, 17, 21, 24). Diese Vergleiche dienen auf verschiedene Weise dazu, das gegenseitige Hassen in seiner Intensität darzustellen; in der 1. Strophe (V. 8) wie später in V. 21 wird ein irrealer Vergleich gebraucht (Konjunktiv II), wobei der Vergleich in V. 8 durchaus unanschaulich bleibt und eine metaphorische Redewendung aufgreift (das Herz bricht).

In der 2. Strophe wird zunächst erklärt, warum die beiden sich so tief verletzen können (V. 9-12, eingeleitet mit „Denn“): Sie kennen sich schon jahrelang (V. 10 und das Präteritum V. 11), also sehr gut. Im Zeugma (von Trank bis Telefon, V. 11 f.) passt das Telefon als konkreter Gegenstand nicht recht in die Aufzählung; durch diese Art des Aufzählens wird einfach „alles“ umschrieben. Semantisch passt zum Reim „viele Jahre schon“ (V, 10) nur der ganze Doppelvers V. 11 f. Welche Möglichkeiten durch diese lange intime Bekanntschaft „jetzt“ (V. 13) eröffnet werden, wird in V. 13 summarisch beschrieben und dann in V. 14-24 entfaltet. Die Adverbien „klug und leise“ (V. 13, dazu passt V. 14) zeigen die Besonderheit des intimen Hassens; sie werden jedoch in V. 21-24 außer Kraft gesetzt – eine Schwäche des Gedichts, finde ich.Das Adverb „messerscharf“ (V. 15) kann noch zu den Vergleichen (s.o.) gezählt werden. V. 16 klingt etwas rätselhaft. Ich lese ihn so: Das Verstehen einer Bosheit geht dem Schmerz voraus, den sie auslöst; sie kommt also nicht unerwartet, man ist vielmehr gespannt darauf, was dem anderen jetzt wohl einfällt, um einen zu verletzen. „scharf geschliffen – Schmerz begriffen“ (V. 16) ist ein sinnvoller Reim.

In den Strophen 2 und 3 werden fünf Sätzen durch „Und“ eingeleitet (in Str. 1 und 4 sind es nur drei Sätze): Dieses aufreihende Erzählen signalisiert (bis auf V. 11), wie eines aus dem anderen folgt, wie die Serie der Verletzungen abläuft. In Strophe 3 dominieren Vergleiche (V. 17, 24) und Metaphern (V. 20) des Kämpfens, dazu kommt ein irrealer Tiervergleich (V. 21): alles ein Folge der intimen Kenntnis des „Gegners“. Dass die Uhr „erschrickt“ (V. 22), ist eine surreale Personifikation. Das Präteritum „schrie“ (V. 22) passt nicht zum Präsens „erschrickt“ (V. 22 und in der ganzen Strophe; es verdankt sich der Notwendigkeit, zu „Anatomie – sie“ (V. 18, 20) ein passendes Reimwort zu finden. V. 17/19 („wie bei Duellen – die schwachen Stellen“) reimen sich sinnvoll.

Durch „Aber“ (V. 25) leitet der Sprecher eine Wende des Geschehens, ohne dass er erklärt, warum der Hass verschwindet, der doch so tief zu sitzen schien – es ist so etwas wie ein Innehalten vor lauter Erschöpfung („Krank und müde“, V. 26). Dass sie über ihre Wunden, d.h. die Wunden, die sie dem anderen zugefügt haben (wegen V. 28), „staunen“, verwundert mich, haben sie sich doch „klug und leise“ verletzt (V. 13); und dass keiner wusste, „daß er beißen kann“ (V. 28), stimmt einfach nicht – ich glaube es dem Sprecher nicht, er beschönigt hier etwas. Das Indefinitpronomen „Beide“ (V. 29) zeigt die neue Gemeinsamkeit kann, ebenso das Bild „beim gleichen Schicksal Kunden“ (V. 29); dieses Bild verstehe ich so, dass damit auf ihr Alter und im weiten Sinn die Todesnähe angespielt wird. Dass sie Mann und Frau spielen, heißt, dass sie miteinander schlafen; das Verb „spielen“ muss nicht nur etwas Negatives oder Scheinhaftes bezeichnen (wegen V. 25), auch wenn die Bedeutung „vortäuschen“ mitschwingt. Es folgt zum Schluss eine humorvoll-kritische Begründung dafür, dass die beiden miteinander schlafen (wollen): weil die Liebe nach einem Streit „endlich wieder“ (V. 32) angenehm empfunden wird, nachdem sie in den langen Jahren zu einer Routine verkommen war. Das ist nicht ohne einen spöttischen Unterton gesagt, finde ich: Der Sprecher steht dem ganzen Ehekrieg mit folgender Versöhnung distanziert gegenüber. Die Reime in V. 25-28 verbinden die Verse sinnvoll, ohne dass sie den Versen 27 und 28 Plausibilität verleihen könnten.

Gegenüber Schillers „Das Lied von der Glocke“ ist hier bei Kästner die Ehe negativ gezeichnet – aber Schiller stand zwar früher in vielen Lesebüchern, aber sein Blick auf die Ehe war nicht der einzige; die kritischeren Gedichte standen einfach nicht im Lesebuch. In Lessings Gedicht „Das Muster aller Ehen“ wird die einzige Ehe besungen, in der es keine Zwietracht gibt: „Der Mann war taub, die Frau war blind.“ Und Francis Bacon von Verulam dichtete:

„Es ist betrübt, man könnte drüber weinen,

Ein Merkmal unser Schwäch‘ und Sündlichkeit,

Dass Lieb‘ und Ehe selten sich vereinen […]“

Vgl. auch Tucholskys Gedicht „Ehekrach“ (http://www.textlog.de/tucholsky-ehekrach.html, 1928) und die Liste der Ehemotive (http://www.sgipt.org/gipt/sozpsy/bez/ehemotiv.htm). Noch böser als „Familiäre Stanzen“ ist Kästners Gedicht „Gewisse Ehepaare“, das als nächstes vorgestellt werden soll.

Kästner: Das Gebet keiner Jungfrau – Analyse

Ich könnte gleich das Telefon ermorden! […]“

Die Überschrift ist in der Verwendung des Pronomens „keiner“ ungewöhnlich; gemeint ist, dass die junge Frau, die hier ihre Gedanken äußert, nicht mehr Jungfrau ist. Das war 1929 anscheinend bemerkenswert –…

usw. – Die Analyse steht in meinem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“, das im Februar 2019 im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen ist.