H. Weinrich: Über das Haben (2012) – gelesen

Harald Weinrichs Buch „Über das Haben“ (2012) beginnt furios: mit klugen Überlegungen und Untersuchungen zum Phänomen („Kategorie“ nach Aristoteles) des HABENS und des SEINS; da kommen die Philosophen von Aristoteles bis Erich Fromm zu Wort. Im zweiten Abschnitt, „Treffpunkt Sprache“, geht es um die verschiedenen sprachlichen Aspekte des Verbs „haben“, alles gut belegt und auch durch Sekundärliteratur abgesichert. Im dritten Abschnitt, „Lebenszeit und Körperlichkeit“, wird das Thema nicht mehr strikt durchgehalten – etwa mit dem Roman des Hochstaplers Felix Krull oder dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern – bzw. Körperlichkeit und Lebenszeit passen nicht zusammen, sind nur noch Titel-Klammer für eine Sammlung divergierender Betrachtungen und Referate; von denen sind allerdings einige noch wirklich gut (die Analyse des Gemäldes „Die Goldwägerin“ etwa), während in der Paraphrase der neutestamentlichen Passagen die verschiedenen Tonlagen von Paulus, den Synoptikern und Johannes überspielt werden.

Den vierten und fünften Abschnitt finde ich deutlich schwächer; da werden fast nur noch literarische Werke paraphrasiert, in denen es irgendwie ums Haben geht, wobei der Sängerkrieg um den Rhein (S. 163 ff.) belanglos ist, eine Hitlerrede (S. 171 ff.) aus dem Rahmen fällt und die Betrachtung über die Menschenrechte als „Haben-Recht“ zu dürftig ist, um diesem großen Thema gerecht zu werden.

Fazit: Anfangs war ich begeistert, man kann zunächst ein kluges Buch meditativ lesen; von den beiden letzten Abschnitten war ich enttäuscht, da wirkt die Schreibweise von HABEN und SEIN in Großbuchstaben nur noch gestelzt. Vielleicht sollte man mit dem Kauf warten, bis das Buch bei Beck als Taschenbuch erscheint (so angekündigt); dann beträgt der Preis vermutlich drei Fünftel des jetzigen Preises (19,95), das wäre für die ersten drei der fünf Abschnitte angemessen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/harald-weinrich-ueber-das-haben-sein-und-haben-11905929.html

https://www.socialnet.de/rezensionen/14000.php (sehr umfangreich)

http://ef-magazin.de/2016/06/22/9294-rezension-ueber-das-haben

http://www.sueddeutsche.de/kultur/schloemanns-auslese-ueber-das-haben-1.1550496