Keller: Winternacht – Interpretation

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt…

Text

http://www.waltermorgenthaler.ch/keller/GG/HG_Parallel.htm(Neuere Gedichte,1851, Nr. 009, Gesammelte Gedichte Nr. 054)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&id=229&spalten=1&noheader=1

Das Gedicht ist 1846/47 entstanden; es wurde in „Neuere Gedichte“ 1854 veröffentlicht. Möglicherweise spiegelt sich in ihm, dass Keller 1845 sich in Freiligraths Schwägerin Marie Melos verliebte, sich ihr gegenüber aber nicht erklärte; 1846 war die Chance dann vertan, weil Freiligrath mit seiner Familie nach London zog. Da es bereits mehrere Analysen gibt, begnüge ich mich hier damit, es zu interpretieren.

In der 1. Strophe wird die Welt beschrieben, wie sie sich in der Winternacht darstellt: still und weiß. Die drei Negationen betonen, dass die Welt unbewegt ist. Eine Veränderung bringt „der Seebaum“ (V. 5), der aus der Tiefe aufsteigt. Dieses Gebilde ist sonst eine Art Schlagbaum, wodurch die Einfahrt in einen Hafen aus der See gesperret wird (Adelung, dann auch DWb), was aber nicht passt; im Grimm’schen Wörterbuch wird deshalb dem Wort bescheinigt, es stehe bei Keller in eigenthümlicher poetischer verwendung. Wir müssen also vermuten, dass es ein Baum der Unterwasserwelt ist; in ihm kommt diese Welt empor ans Licht (weiß!), gefriert aber am Eis und wird so „starr“ (V. 4) wie dieses. Das Eis verbindet und trennt die beiden Welten. Die Nixe, mit dem bestimmten Artikel als bekannt vorausgesetzt, klettert an den Ästen des Baumes empor und blickt hinauf (V. 7 f.); sie, die Bewohnerin der Wasserwelt, möchte also in die Menschen- oder Lichtwelt gelangen, an dieser teilhaben. Das Eis ist grün, es steht so zwischen dem Weißen und dem Dunklen, es trennt „die schwarze Tiefe von mir“ (V. 10).

Damit ist unversehens ein Ich im Bild, es gehört der weißen Welt an und blickt nach unten, in die Tiefe. Die Nixe ist ganz nah beim Ich, „dicht … unter meinen Füßen“ (V. 11), und doch vom Ich getrennt. Sie ist so nah, dass „ihre weiße Schönheit Glied um Glied“ (V. 12) klar zu erkennen ist. Sie ist also ein attraktives „Weib“; auch wenn das Ich dies nicht ausdrücklich sagt, spricht es doch bewundernd von ihr (V. 12). Das Ich ist als Mann zu denken, dem sich die verführerische Wasserfrau nähert – von unten, aus der schwarzen Tiefe (V. 10). Das Eis verhindert jedoch, dass die beiden sich berühren können. „Mit ersticktem Jammer tastet’ sie / An der harten Decke her und hin.“ (V. 13 f.) Die Nixe bemüht sich also, den Mann zu berühren, doch es gelingt ihr nicht; sie leidet daran, und sie kann dazu auch nichts sagen – nichts jedenfalls, was das Ich hören könnte („mit ersticktem Jammer“). Darin unterscheidet sie sich vom feuchten Weib in Goethes Gedicht „Der Fischer“; diese kann nicht nur sprechen, sondern auch den Fischer berühren. Damit endet der Bericht des lyrischen Ichs (Präteritum). Sein letztes Wort zeugt von dem bleibenden Eindruck der Nixe und ihrer Annäherung: „Ich vergess’ das dunkle Antlitz nie…“ (V. 15 f.)

Das dunkle Antlitz – das hätte man nicht erwartet, da die Nixe ja eine weiße Schönheit ist (V. 12). Das dunkle Antlitz zeigt eine Verstörung an (de la Motte-Fouqué, 1816; Carl Franz Velde, 1830; Karl Gutzkow, 1833; Ferdiand Gustav Kühne, 1840); der russische Autor Rosanow spricht vom dunklen Antlitz Christi: „Nur dem Osten war es gegeben, das Antlitz Christi aufzunehmen. Und der Osten sah, dass es von unendlicher Schönheit und Traurigkeit war.“ (1911) Enrico Danieli stellt das dunkle Antlitz der Melencolia Dürers in einen Zusammenhang mit dem homo saturnus mittelalterlicher Spekulation, der „furchtsam, müde, traurig, einsam, trübsinnig“ ist; „denn Lebenswärme schwindet ihm, und nichts anderes denkt es in ihm als vom Himmelssturz, von Unendlichkeitssehnsucht, vom Weltschmerz, von Seelenpein und von Verhemmung“. Die Nixe hat also ein dunkles Antlitz, was auch auf die schwarze Tiefe verweist, aus der sie kommt.

Was hat es mit dieser Nixenbegegnung auf sich? In der frühesten Fassung des Gedichtes hat Keller selbst einen Hinweis auf die Richtung gegeben, in der die Antwort zu suchen ist; dort fehlt die heutige 3. Strophe, dafür gibt es folgende 4. Strophe:

„Als ein heller Stern vom Himmel fiel,

Fuhr sie schreiend in die Tiefe da.

Mich durchschauerte ein bang Gefühl,

Wie wenn ich die eigne Seele sah.“

Mit der weißen Nixe, die aus schwarzer Tiefe zum Mann in der weißen erstarrten Welt emporsteigt, die ihn vergeblich zu berühren sucht, ist ein Bild seelischer Vorgänge entworfen, in denen es um erotische Verlockung und Verstörung geht: Das Eis steht (oder liegt) zwischen Nixe und Mann, es kommt keine Berührung zustande, kein Wort der Nixe kann ihn erreichen. Sie wird durch diese prinzipielle Vergeblichkeit verstört, was man an ihrem dunklen Antlitz sieht; er hat sich nicht auf sie zubewegt, sie nur bewundernd angeschaut, um sie in ihrer Verstörung dann nie mehr zu vergessen. Es ist ein eiskaltes Bild von der Unmöglichkeit der Liebe. Die Naturkulisse dient dazu, seelische Erfahrungen bildlich vorzustellen.

Statt um Nixenbegegnung geht es in „Das Spiegelbild“ der Droste-Hülshoff um eine Selbstbegegnung, die sachlich eine Variante der Nixenbegegnung sein könnte – das wäre einmal vergleichend zu untersuchen.

Bei Gert Sautermeister, Die Lyrik Gottfried Kellers. Exemplarische Interpretationen, beginnt auf Seite 15 eine Interpretation des Gedichtes Winternacht.

http://homepage.bnv-bamberg.de/lk-deutsch/winternacht-interpretation.doc (Gedichtvergleich mit Eichendorff: Mondnacht) = http://wenku.baidu.com/view/6f415ffb0242a8956bece46a.html  

http://www.lesekost.de/gedicht/HHLG02.htm 

http://www.lyrikmond.de/interpretationen.php

http://www.lyrikschadchen.de/html/keller.html (Schülerarbeit)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=kqgpm50TPNY (unbefriedigend)

http://www.youtube.com/watch?v=rQTyJHP_DVc (hilflos)

Sonstiges

http://gedichte.woxikon.de/wintergedichte (Wintergedichte)

P.S. Heute, am 9. Mai 2017, muss dieses Gedicht irgendwo in Deutschland Abiturthema gewesen sein; es ist nämlich bis 21.35 Uhr 2.100-mal aufgerufen worden.

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Keller: Stille der Nacht – Analyse

Willkommen, klare Sommernacht…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=228

http://www.zeno.org/Literatur/M/Keller,+Gottfried/Gedichte/Gedichte/Natur/Nacht/5.+%5BWillkommen,+klare+Sommernacht%5D

http://www.waltermorgenthaler.ch/keller/GG/GG_Parallel.htm (Nacht V = Nr. 012; Nr. 003 in Gesammelte Gedichte)

Zweitfassung: Stille der Nacht

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=222

http://www.kellergottfried.de/kellerstilledernacht/

In „Gedichte“ (1846) steht „Willkommen, klare Sommernacht“ (entstanden 1844) ohne Überschrift unter „Nacht“, V. Da diese Gedichte von Follen überarbeitet waren, halte ich mich an die Fassung in „Gesammelte Gedichte“ (1888), wo es unter der Überschrift „Stille der Nacht“ steht.

Diese Überschrift gibt das Thema an, welches am Ende des Gedichtes seine Bedeutung zeigt. Zu Beginn wird die Sommernacht vom lyrischen Ich mit „Willkommen“ (V. 1) begrüßt; neben ihr wird die „goldne Sternenpracht“ (V. 3) angesprochen (auch im Reim mit „Sommernacht“ verbunden). Mit den beiden Größen Sommernacht / Sternenpracht werden die Bereiche des Unten (auf betauten Fluren, V. 2) und des Oben (im Weltraum, V. 4) begrüßt, also das umfassende Ganze der Welt; den beiden Größen ist auch Ruhe (liegen, V. 2) und Bewegung (sich spielend wiegen, V. 4) beigeordnet, vielleicht auch Dunkel und Helligkeit. Mit diesen polaren Zuordnungen ist die Struktur benannt, welche die Wahrnehmungen in den Strophen 1 – 4 bestimmt (Nähe / Ferne, Str. 2, mit schweigen / rauschen; Westen / Osten, Str. 3, mit Ton / leise; sterben / geboren werden, Str. 4, mit Menschenkind / Heldenkind); wegen der Polaritäten und vor allem wegen des Hinweises in V. 7 f. („hör’ ich … im Geist“) ist zu vermuten, dass es sich nicht um direkt erlebte, sondern innerlich imaginierte Natur handelt, mit der das Ich befasst ist. Diese Wahrnehmung der Welt (sehen, Str. 1; sehen/hören, Str. 2; hören, Str. 3; sinnen, Str. 4) zielt auf die Wahrnehmung und Beruhigung des Ich ab (Str. 5-6). Wie das geschieht, wird noch zu klären sein.

Das Ich beginnt seinen Monolog schwungvoll mit der Begrüßung von Sommernacht und Sternenpracht; es spricht in einem gleichmäßigen Jambus. Die Überarbeitung 1888 (tautrunknen < betauten) ist auch am Takt orientiert. Die beiden ersten Doppelverse sind parallel gebaut: Begrüßung, Anrede, Relativsatz; trotz der Gliederung im Satzgefüge bilden sie eine Einheit, da der Kreuzreim den Doppelvers als Einheit begünstigt. Die Reime sind semantisch sinnvoll, sie binden die angesprochenen Größen (Sommernacht/Sternenpracht) und ihre „Tätigkeit“ (liegt /sich wiegt) aneinander. Von der Lautung her fällt die i-Dominanz auf; die g-Alliteration in V. 3 und die w-Alliteration in V. 4 binden die Wörter über die Syntax hinaus.

In Str. 2 zeigen die beiden Enjambements (V 1. V. 3) klar den Charakter des Doppelverses als elementaren Baustein dieses Gedichts: hier das schweigende Urgebirge, dort das rauschende Meer. Das Urgebirge wird im Schweigen mit „mein[em] Nachtgebet“ (V. 6) verglichen; hier wird nicht nur der letzte Doppelvers (V. 23 f.) vorbereitet, sondern auch das Urgebirge als Adressat des Nachtgebets vorgestellt. Dass das Nachtgebet „schweigend“ vorgetragen wird, weicht vom „normalen“ Beten ab; aber auch in der christlichen Tradition gibt es eine ähnliche Erfahrung: „Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fasen können.“ (Röm 8,26) Neu und in gewisser Weise „romantisch“ ist jedoch der Bezug des Nachtgebets auf das Urgebirge. Die Reime in dieser 2. Strophe weisen nicht die gleiche Stringenz wie die der 1. Strophe auf, sind aber noch als sinnvoll zu bezeichnen. Von der Lautung her dominieren ei- und e-Laute; in V. 7 gibt es die h-Alliteration. Gegen den Takt bekommt „Weit“ (V. 7) einen starken Akzent.

Sind in der 2. Str. in der Wahrnehmung des Meeres schon das Hören und das Imaginieren miteinander verbunden, so tritt in der 3. Str. das Sehen  (des Morgenrots) neben das Hören (des Flötentons); es „kann die Flöte und ihr oft klagender Ton zu einem Symbol der Sehnsucht nach der erotischen wie geistigen Vereinigung mit einem geliebten Menschen bis hin zur Vereinigung mit dem Höchsten und Absoluten wie mit dem eigenen Selbst werden“ (symbolonline.de, s.v. „Flöte“). Damit entspricht der Flötenton dem schweigenden Nachtgebet (V. 6) – und im Vorgriff auf V. 19 ff. kann man schon vermuten, dass die Vereinigung mit dem Höchsten von der mit dem eigenen Selbst nicht wesentlich verschieden ist.

Dass das Ich an die Grenzen der Erfahrung vorstößt, bezeugt sich in seinem Sinnen über Geburt und Tod (4. Str.); „Menschenkind“ hat den Beigeschmack der Hilfsbedürftigkeit, steht jedenfalls in Opposition zu „Heldenkind“. Das Heldenkind gibt uns Rätsel auf: ob da eine Anspielung auf Ovid vorliegt oder das Symbol republikanischer Freiheit; auch von Jesaja wird die Geburt eines heilbringenden Kindes prophezeit (Jes 7,14) – wesentlich scheint mir jedoch, dass das Heldenkind erst erwartet wird, während das Ich seine Offenbarung jetzt erfährt.

[Das Heldenkind taucht erneut in dem 1848 veröffentlichten Gedicht Rheinwein. 1847“ (http://www.waltermorgenthaler.ch/keller/GG/GG_Parallel.htm, dort Nr. 059) auf als „das Moseskind der Deutschen“, das aber nicht von einer Königstochter gerettet wird. Nur die Liebe wacht darüber, „Liebe, die das Heldenkind gebar, / Die der Freiheit reine Mutter war.“ Dieses Kind soll „einst“ wiederkehren und dann den Pharao das Fürchten lehren.]

Offenbarung des göttlich Guten ist dann der Inhalt der beiden letzten Strophen. Der Takt ist in der 4. Strophe regelmäßig; vielleicht bekommt „Jetzt“ (V. 14) einen schwachen Akzent, den starken Akzent bekommt sicher „stérben“ (V. 14); das Prinip des Doppelverses ist durchgehalten, im Reim sind V. 14/16 das schwache und das starke Kind aneinander gebunden. In V. 13 gibt es die w-, in V. 14 die m-Allteration.

In der 5. Str. wird das Fazit all dieser Wahrnehmungen und Imaginationen gezogen: was das Ich fühlt. Hier wird im Vergleich (wie – zu ergänzen: so, V. 17 – 19, ausdrücklich in V. 20 noch einmal ausgeführt) das Schweigen der Welt mit der eigenen Stille verbunden: leicht, still und gut (V. 19). Wichtig ist, dass das Schweigen der Welt „unergründlich“ (V. 18) ist, womit sein göttlicher Charakter offenbar wird; dieses Schweigen ist die Offenbarung des göttlichen Namens (V. 23 f.). Der alte Gott (V. 23) taucht erstmals im Segen des Moses vor seinem Tod auf: „26 Es ist kein Gott wie der Gott Jesuruns. Der im Himmel sitzt, der sei deine Hilfe, und des Herrlichkeit in Wolken ist. 27 Zuflucht ist bei dem alten Gott und unter den ewigen Armen. Und er wird vor dir her deinen Feind austreiben und sagen: Sei vertilgt! 28 Israel wird sicher allein wohnen; der Brunnen Jakobs wird sein in dem Lande, da Korn und Most ist, dazu sein Himmel wird mit Tau triefen.“ (Dt. 33) Es gibt ein deutsches Sprichwort: „Der alte Gott lebt noch.“ (vgl. dieses Bild) Dieses Sprichwort geht auf germanischen Sprachgebrauch zurück; dort ist „der Alte“ ein Beiname Gottes (mhd. der alde got): Jacob Grimm: Deutsche Mythologie, 1835, S. 15.

Der alte Gott ist eine seit den Freiheitskriegen gegen Napoleon erneut auftauchende Größe; er ist der Gott der gegen Frankreich gerichteten deutsch-preußischen Schlachten. Arndts Gedicht Trost“ (1811) beginnt so:

„Was stürmst du Herz, und bist so wild?

Ist nicht der alte Gott dein Schild?

Der alte Gott im Himmel hoch,

Der lebet und regieret noch.“ 

Dies alles ist nicht der alte Gott, dessen Offenbarung das Ich (im irrealen Vergleich, V. 23 f.) erlebt; dieser alte Gott hat sich nämlich noch nicht offenbart, während in der gängigen Rede ja auf den früher offenbaren alten Gott zurückgegriffen wird. Der alte Gott in Kellers ist noch älter als alle offenbaren Götter: er spricht im Schweigen des Urgebirges. Er spricht „endlich“ (V. 24), diese Offenbarung ist ersehnt, während der Einzug des Heldenkindes (V. 15 f.) dem Ich offensichtlich nicht so viel bedeutet.

Die entsprechende Ich-Erfahrung besteht darin, dass „Der letzte leise Schmerz und Spott / Verschwindet aus des Herzens Grund“ (V. 21 f.). Mit diesem Heilwerden in der Sille der Nacht, mit der Heilung der modernen Zerrissenheit und Skepsis in der Natur gehört das lyrische Ich noch der Romantik an; genauer einer ganz bestimmten Ausprägung der Romantik, die auch in gereimten Gedichten schön zu sprechen weiß, weil sie die letzte Harmonie der Welt gespürt hat.

Die Form der beiden letzten Strophen sei nur kurz gestreift: Sinnvoll sind die Reime der Verse 2 / 4 jeder Strophe, wie es dem Prinzip des Doppelverses entspricht (immer liegen auch Enjambements vor). In den Versen 20 f. fallen die w-, l- und sch-Alliterationen auf. Einen leichten Akzent außerhalb des Taktes bekommen vielleicht „Ich“ (V. 19) und „Mir“ (V. 24).

(Gert Sautermeister: Die Lyrik Gottfried Kellers, S. 10 ff.)

Sonstiges

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Fl%C3%B6te (Flöte)

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Kind,_g%C3%B6ttliches (göttliches Kind)

Keller: Der grüne Heinrich, 1. Fassung – Inhaltsangabe, detailliert

ERSTER BAND

1. Kapitel: Im Vergleich mit Zürich, einer Stadt an See und Fluss zugleich, werden „unser See“ und „die [fiktive] Stadt“ eingeführt. Heinrich Lee (H), 20 Jahre alt, ist am Ostersonntag im Aufbruch nach Deutschland. Die Mutter, Frau Lee, 45, packt ihm den Koffer und ermahnt ihren Sohn. Er verabschiedet sich von den anderen Hausbewohnern und der Mutter; er fährt mit der Post ab. – Kommentar (K): Erinnerungen an empfangene Liebe.

2. Kapitel: Die Kutsche fährt weiter, H gibt jedem Bettler etwas; man fährt durch ein ansehnliches Dorf mit Blumenschmuck, aus der hässlichen Kirche kommt ein Zug Konfirmandinnen. Am Nachmittag werden die Pferde gewechselt, es wird Rast gemacht. H denkt über Familie und die Einteilung der Leiden in schöne und unschöne nach, was der Erzähler (E) kritisch kommentiert.

3. Kapitel: H kommt an den Rhein, er lässt sich ans deutsche Ufer fahren: Deutschland als sein Sehnsuchtsland (Kunst). Am Montag fährt er über den Bodensee, dann privat mit einer Kutsche weiter. Begegnung mit dem Grafen (plus zwei Damen) in der Gaststätte, Angriff durch eine Gesellschaft von Beamten (Mütze vom Kopf genommen, vom Grafen verteidigt). Gespräch mit dem Grafen über das monarchische Deutschland und die Schweizer als Nation. An einer Eisenbahnstation steigt man um und fährt getrennt mit dem Zug weiter. Am Abend ist H in München. In einer Seitenstraße begegnet er dem König, der ihm die Mütze vom Kopf schlägt.

4. Kapitel: Am nächsten Tag richtet er sich in seinem gemieteten Zimmer ein. In seinem Koffer war auch das eingebundene Manuskript seiner von ihm kürzlich geschriebenen Jugendgeschichte.

Eine Jugendgeschichte [in Ich-Form]

Das Heimatdorf des Vaters; über den Großvater und die alte Schweiz, die Restauration nach 1815, den Adel und die Pfarrer. Der Pfarrer des Heimatdorfes und seine Kinder. Der Steinmetzgeselle Lee kehrt als gebildeter Mann mit 26 Jahren in sein Dorf zurück und wirbt um die Tochter des Pfarrers. Sie heiraten und ziehen in die Stadt; beruflich-finanzielle Erfolge des Baumeisters. Die Bürger im Zeichen der Vor-Julitage, bildungswillig. Der griechische Freiheitskampf, Schiller als Lektüre. Lee übernimmt sich und stirbt. – Hs Erinnerung an den Vater, sein Verhältnis zum Verstorbenen.

5. Kapitel: Nach dem Tod des Vaters und der Abwicklung des Geschäfts bleibt nur das eigene Haus der Familie als Eigentum, von dessen Mieteinkünften die Familie lebt. Lage der Wohnung im Haus; der Blick auf die Alpen; ein Turmhahn als „Gott“; das Vaterunser; Missgeschicke und Einsichten am ersten Schultag („der Pumpernickel“). Vom Verhältnis zu Gott; von der Mutter als Köchin; eine Katastrophe: die Einführung des lauten Tischgebets; vom „Hexenkind“ aus dem Heimatdorf (+ 1713) – das Tagebuch des Pfarrers von dessen Behandlung und dem Ende der kleinen Meret.

6. Kapitel: Vom weiteren Umgang mit Gott. Der Laden der Frau Margret, diese selbst, ihre Abendgesellschaften (inklusive Juden und Atheisten); H bei den Abendgesellschaften, bei denen übersinnliche Erfahrungen vorgetragen werden; Margrets Mann, Vater Jakoblein, und seine lustigen Hexengeschichten; das Verhältnis Margret – Jakoblein; von den armen Verwandten der beiden; Margret stirbt und vererbt alles einem jungen Mann. Auch Jakoblein stirbt. H erklärt, dass er das bei Margret Gehörte zu Hause ausphantasierte; darauf führt er seine Fähigkeit zurück, „Romane“ zu formulieren, die sich mit dem wahren Leben verflechten; wie er die Geschichte vom Brüderleinsholze erfindet und vier Jungen dafür bestraft werden.

7. Kapitel: H in der Armenschule; wie der Name „grüner Heinrich“ aufkommt; von der Schuljustiz und dem schrecklichen Katechismusunterricht. Vom Scheitern verschiedener Sammlungen (Steine, Schmetterlinge, andere Tiere); von Theosophie und den Wachsfiguren; vom Theaterspielen mit anderen Kindern; vom Auftritt einer Theatertruppe, vom Zauber der Musik; H spielt als Meerkatze im „Faust“ mit, wird eingeschlossen und später vom bewunderten „Gretchen“ gefunden, geküsst und mitgenommen.

8. Kapitel: Freundschaft mit einem Jungen, dessen Schwestern Liebes- und Ritterromane goutieren; Phantasiewelt erbaut; Kauf von Schmuck für angebliche Geliebte. Wechsel zur Gewerbeschule mit 12 Jahren. Paramilitärische Übungen, Vergleich mit den Kameraden (Geld); Feldzug zu Pfingsten. Im Umgang mit neuen Freunden wird das gesparte Geld verbraucht. Meierlein als Freund und Gläubiger, der die Begleichung der Schulden fordert, aber darin scheitert. H von der Mutter zurechtgewiesen, gesteht den Diebstahl. H beginnt zu malen. Meierlein hetzt andere gegen H auf; nach einem Jahr kommt es zu einem wilden Ringkampf, der Hass bleibt. Meierlein verunglückt bald tödlich.

9. Kapitel: Erfahrungen in der Schule mit verschiedenen Lehrern und Fächern sowie dem System Schule. Ein liberaler Lehrer wird fertiggemacht. Nach Entlassung des Lehrers ziehen die Schüler durch die Stadt zu ihm und verwüsten sein Haus. Bei der Untersuchung wird H als angeblich Hauptschuldiger der Schule verwiesen – Reflexion des Geschehens. Die berufliche Zukunft ist unklar, H ergeht sich zu Hause im Malen; narzisstische Züge. Er wird ins Heimatdorf des Vaters geschickt, den Onkel und die Oma besuchen. H kommt gerade zum Erntefest an und wird herzlich aufgenommen.

ZWEITER BAND

1. Kapitel: Lustiges Erwachen am nächsten Morgen, Besuch bei der Großmutter; Besuch verschiedener Verwandter, u.a. Judith getroffen; das Haus des Onkels, der nur noch Bauer ist – H hat Lust zu Schaffen und Arbeit; Onkel regt zum Malen an; Zeichnungen eines verstorbenen Gastes (Junker Felix) werden erläutert; Gang mit dem Onkel zum Wald.

2. Kapitel: Am nächsten Tag entdeckt und liest H die Werke Geßners zur Malerei; scheitert beim Versuch, eine große Buche zu zeichnen – eine junge Esche gelingt halbwegs. Die Kleidung der jungen Leute – Besuch beim Bruder der Muhme (Patin), einem pensionierten Lehrer, und dessen Tochter Anna; Gespräch mit dem Lehrer über den Schulverweis und den Plan, Maler zu werden. Essen und Gesang zur Orgel; H verliebt sich in Anna, Heimkehr.

3. Kapitel: Erster Brief an die Mutter geschrieben; diese erkundigt sich bei Bekannten nach den Chancen des Malerberufs, von den vier Ratschlägen ist nur einer pro Maler. Besuche und erotische Annäherung an Judith (Bezug zu Anna); Befangenheit gegen Anna beim Tanz, H bringt sie „widerstrebend“ am Abend nach Hause. Am nächsten Tag malt er einen Blumenstrauß für Anna. Am Abend werden Bohnen bearbeitet, Scherze und Beinahe-Kuss; am nächsten Morgen rahmt der Lehrer das Bild. H nennt die Freundschaft zu Anna Liebe, „weil mir einmal nach alter Weise alles sich zum entschiedenen Romane gestaltete“. – Wache bei der sterbenden Oma; Kondolenz und Begräbnis, Leichenschmaus mit anschließendem Tanz; H tanzt mit Anna. Abends auf dem Friedhof möchte Anna ihn küssen, was denn auch geschieht.

4. Kapitel: Heimfahrt mit einem Müller in die Stadt; H besucht eine Kunstausstellung, ist von den Landschaftsbildern berührt; von der Ausbeutung der Jugendlichen in der Werkstatt Habersatt – H schließt einen Lehrvertrag über zwei Jahre; es beginnt mit Kopieren, es bleibt dabei bei „einer bald erworbenen leeren Äußerlichkeit; dann fertigt er Kopien von großen Kupferstichen an. H beteiligt sich an Streitereien in Werkstatt und Familie Habersatt. Anna ist der Stern im Alltag, Jean Paul und sein Gott sind die brüderlichen Väter, mit denen H „einen neuen Bund“ schließt.

5. Kapitel: Im Frühjahr geht H nach draußen, um „nach der Natur“ zu zeichnen; er übernimmt sich dabei. Der Meister betont das Sonderbare und Krankhafte in der Natur. H trödelt viel und zeichnet Phantasiegestalten. Im Sommer geht H mit seinen Produkten ins Dorf zurück, wo er mit seinem Bildern durchfällt; der Onkel beauftragt ihn, sein Anwesen zu zeichnen, was Sinn für das Schlichte und Wahre erfordert. Anna ist auf einer Schule in der französischen Schweiz; H schreibt einen Liebesbrief an sie und wirft ihn in den Fluss, er meidet Judith. In der Stadt lernt H den Umgang mit Wasserfarben; er lernt nicht das Richtige, aber viel Praktisches. H bricht die Lehre ab und richtet sich ein Atelier zu Hause ein; Wolkenstudien und kleinere Arbeiten ergänzen sich, Schreibarbeiten kommen hinzu, er arbeitet wie ein Alchimist. H kauft Bücher und Kupferstiche auf Kredit, Mutter muss Schulden begleichen. Eine Freundschaft scheitert, weil H entdeckt, dass der Freund seine Briefe bloß abgeschrieben hat.

6. Kapitel: Im nächsten Frühjahr spielt H dilettantisch Flöte; H geht ins Dorf, findet sich bei den Jugendlichen nicht mehr zurecht, reflektiert seine Taktik im Umgang mit den Cousinen. Anna kommt, auch verändert; H ist hilflos, geht als einziger nicht mit zur Kirche. Sein Liebesbrief an Anna wird vom Wind hinter die Bienenstöcke geweht. Am Mittagstisch blamiert H sich wegen seiner Ungeschicklichkeit, neben Anna sitzend. Beim Lehrer ist alles auf Anna als höhere Tochter ausgerichtet. H entzweit sich mit den Mädchen im Necken und Verpetzen.

7. Kapitel: Der neue Lehrer des Dorfes, ein eigenwilliger „Philosoph“; H freundet sich mit ihm an, diskutiert und „bekämpft“ wie er die Mädchen. H’s Verhältnis zu Anna bleibt befangen, H vergeht in Sehnsucht. Er malt im Wald ein Anna-Bild. H wird von den Mädchen vor Gericht gestellt: was er gegen Anna habe. Es wird Versöhnung inszeniert, auch das Bild und der verwehte Liebesbrief kommen auf den Tisch. Beim Namenstag des Lehrers spricht H mit ihm über das Christentum. – Zu Weihnachten soll H konfirmiert werden; H reflektiert intensiv das Christentum als Bürgerreligion und seine Dogmatik: Sündhaftigkeit, Glauben (dazu die Geschichte des Herrn Ölfinger), Liebe, Geist. Einkleidung zur Konfirmation (mit 16), zwei Predigten und der Schauder des Abgefallenen am Hl. Abend; Weihnachten benutzt H zum ersten und letzten Mal den Kirchenstuhl seines Vaters (mit Erinnerungen an dessen Einstellung); Feier des Abendmahls wird für H zum fröhlichen Abschied vom Christentum. Zu Hause gibt es gutes Essen, mit einer Witwe als Gast, die aus ihrem Leben erzählt.

8. Kapitel: Vorbereitungen für eine Tell-Aufführung mehrerer Dörfer zu Fastnacht; Anna wird die Berta, H Rudenz. Großer Bericht von der Aufführung, die durchs Mittagessen unterbrochen wird; Belehrung H’s durch den Statthalter, dass man seine Interessen im politischen Streit offen vertreten soll; Belehrung durch den Lehrer über Abhängigkeit und selbständiges Erwerben. Als H und Anna zum Fest reiten, wird Anna vom Philosophen auf die Berta-Rudenz-Szene hingewiesen, der sie jedoch ausweichen will – beim Reiten ein Moment des Glücks, sie küssen sich und erschrecken darüber, Reflexion des verfrühten erotischen Agierens; sie reiten nach Hause. H trifft Judith bei einigen Männern, die sich rücksichtslos verspotten – H erlebt eine andere Welt; Judith nimmt H mit nach Hause und schmiegt sich an ihn, der vom Anblick ihrer Brust beglückt ist. H gesteht das Verhältnis zu Anna; warum Judith ihn liebt; sie verpflichtet ihn, sie nachts heimlich zu besuchen. H ist zerrissen, fühlt sich aus dem Paradies verstoßen.

DRITTER BAND

1. Kapitel: H geht durch den Regen nach Hause, wo er Goethes Werke als Angebot vorfindet; er liest 30 Tage ununterbrochen Goethe; wie sich die Lektüre auswirkt – aber er malt nicht besser als früher. Er trifft Römer, der ihn belehrt und ihm eigene Arbeiten zeigt; Römer bietet ihm eine bezahlte Lehre an. H nimmt dafür die Reste des geplünderten Kästchens. Er kopiert Römers Bilder; Römer kritisiert streng und leitet ihn zu richtigem Arbeiten an. Nach der Natur zu zeichnen ist jedoch schwieriger als das Kopieren; H macht Fortschritte. Anna und der Lehrer kommen im Herbst in die Stadt, zum Arztbesuch, Anna ist krank; sie nehmen H mit ins Dorf. Er wohnt bei ihnen.

2. Kapitel: Auf dem Weg zum Onkel verläuft H sich im Nebel und landet bei Judith; er muss ihr gestehen, dass sie ihm lieb ist. Anna soll „Träume“ haben. In Anna liebt H den geistigen Teil seiner selbst, in Judith das Sinnliche. – Arbeit bei Römer geht weiter; H will über Römers Stadium hinaus zu Ölgemälden und zum Komponieren. Römer scheint in politische Kämpfe verwickelt zu sein, fühlt sich verfolgt – Zeichen des Wahnsinns. Römers Geschichte. Nach vier Monaten ist Heinrichs Geld abverdient; er darf jedoch weiter zu Römer gehen. Der nimmt von Frau Lee ein Darlehen auf. Vor seiner Abreise muss er das Geld zurückgeben; nach einem Monat „bedankt“ er sich dafür in einem wirren Brief; er landet im Irrenhaus. H bereut sein Tun, er bewahrt Römers Brief auf.

3. Kapitel: Im Frühjahr ziehen Lees ins Dorf, Frau Lee als Annas Krankenwärterin, die dem Tod entgegengeht. Die Römer-Geschichte belastet H, doch Judith kann ihm nicht „vergeben“; H will die Schuld tragen; er wird von Judith weggeschickt, darf aber jede Nacht wiederkommen. Sie lesen gemeinsam Ariost – „Deutung“ seines Verhältnisses zu Judith. Sie gehen nachts öfter spazieren, einmal steigt Judith dabei nackt aus dem Wasser, sie küssen sich, Judith verschwindet. Hochzeit der Cousine, Reiz des Doppellebens für H; die Tante stirbt, der Philosoph wirbt um die jüngste Tochter, sie setzen sich über den Widerstand des Vaters hinweg. Anna stirbt, H zieht in das Haus; wie er die Trauer erlebt, er schwört ihr „ewige Treue“. H zimmert den Sarg mit; Leichenzug und Begräbnis; dramatischer Abschied von Judith, Nebel des Herbstes. H liest den Winter über deutsche Bücher, ohne sich zu etwas aufzuraffen. Im Frühjahr muss er, 18 Jahre, zum Militär; beim Exerzieren sieht er Judith, die auf einem Wagen von Auswanderern mitfährt: Der erste Teil seines Lebens ist abgeschlossen. H nimmt erstmals an Wahlen teil; er will „in die Weite“ hinaus, „um etwas zu werden“, über den Rhein. Um die Tage bis dahin zu verkürzen, hat er diese Schrift verfasst.

4. Kapitel: Zeitsprung: zwei Jahre. K: der inwendige grüne Heinrich. H’s Freunde: Erikson, erfolgreich, aber eigentlich kein Maler; Lys, als Maler in Italien gereift und in eine Krise gekommen, hat nur wenige Bilder in Arbeit; H, „der grüne Heinrich“, malt Landschaften aus dem Kopf. – K des Autors zu den vielen Künstlerdingen – H schafft wenig; zwei K zu Hs Malweise („Rationalismus“; „Spiritualismus“ als Arbeitsscheu); das Verhältnis der drei zu Frauen. Über Unterwürfigkeit und Autoritätssucht der Deutschen sowie die Spannungen zwischen Nord- und Süddeutschen. Alle drei leiden an Deutschland, H wird aber immer „träumerischer und deutscher“.

5. Kapitel: Zu Fasching ist ein Festzug „Alt-Nürnberg“ geplant, um die alte deutsche Herrlichkeit zu zeigen. Ferdinand Lys’ Freundin Agnes, dessen unsicheres Verhältnis zu ihr: wie beide über eine Annäherung denken. Erikson will ein Bild von Rosalie, Witwe, 26 Jahre, billig zurückkaufen, was scheitert, aber zugunsten des Auftrags für ein zweites Bild und gegenseitiger vorsichtiger Annäherung. So steuert man auf das Fest zu.

6. Kapitel: Der Festzug in seinen drei Teilen wird ausführlich beschrieben: die Handwerker – die Stadt – die Mummerei. Rosalie stellt Venus dar, Agnes die Diana. Lys hat sich in Rosalie verguckt, von Erikson beobachtet; H hat sich Diana angeschlossen. Das Ganze spielt im Festsaal, der Zug geht ins Odeon zum Essen. Es wird getanzt und gedichtet; Agnes leidet, tanzt mit H, bittet Lys vergeblich um einen Tanz. Das Fest wird in Rosalies Landhaus fortgesetzt; auf dem Weg dahin wird H, 22, der „Flucht des Lebens“ inne. H soll Agnes (und Lys) zum neuen Fest abholen. Lys bemüht sich zum Schein um Agnes, um desto zielstrebiger Rosalie zu verehren. Lys wird von Rosalie deutlich zurückgewiesen, sie verlobt sich mit Erikson. Die betrunkene Agnes bekommt einen Anfall; H trifft Lys und macht ihm Vorwürfe, dieser entlarvt scharf H’s ambivalente Haltung gegen Frauen. Sie geraten in Streit, Lys fordert H zum Duell auf. Duell am nächsten Morgen in Lys’ Atelier; H verletzt Lys, der wird ohnmächtig.

VIERTER BAND

1. Kapitel: Bei Agnes zu Hause ist dicke Luft; Musiker des Festes bringen ihr ein Ständchen. Der Silberschmied-Musiker wirbt um sie; sie sagt zu. Hochzeit ist für den Frühling geplant, sie ziehen an den Rhein fort. H hat auf einem neuen Bild ein Labyrinth abstrakter Linien gezeichnet. Erikson und der Silberschmied kommen mit ihren Frauen, um sich zu verabschieden und ihn zu einem Besuch einzuladen. Erikson hält eine ironische Lobrede auf H’s abstrakte Kunst, grüßt ihn von Lys. Nach dem Abschied wendet H sich der Figur des borghesischen Fechters zu, die in seinem Atelier steht, und zeichnet sie einigermaßen ordentlich. Er erkennt seine Wahl der Landschaftsmalerei als bloßen Zufall – Einsicht in die Bedeutung zufälliger Wahl.

2. Kapitel: Aus Interesse am Fechter-Zeichnen interessiert H sich für die Anatomie des Körpers; H besucht eine Anthropologie-Vorlesung. Plädoyer für das Licht, das Lernen und das Natürliche; Bezug zum Gottesglauben und zu Religionskriegen. K über die Schüler des Unwesentlichen und des Wesentlichen. Polemik des Professors gegen den freien Willen – H reflektiert und verteidigt den freien Willen (gegen puren Naturalismus). H erkennt, dass er sich bis jetzt hat treiben lassen und von nun an „sein Schifflein tapfer lenken“ muss.

3. Kapitel: H setzt seinen gewaltsam unterbrochenen Lernprozess fort. Er geht in viele Vorlesungen: Recht, Rechtsgeschichte, Geschichte. K über den Fortschritt, die Reaktion und den Jesuitismus. H sieht ein, dass man nicht den Jesuitismus bekämpfen, sondern sich selbst reinigen muss. K „Wie man’s treibt, so geht’s.“ [viel Geschichtsphilosophie, viele Kommentare]

4. Kapitel: Rückblende: Frau Lee hat sich nach H’s Abschied eingeschränkt, ist nur samstags zum Einkaufen gegangen, war in der Nachbarschaft hilfsbereit, sofern es nichts kostete. Sie hat so für Heinrich Geld gespart. – Großer K über das moderne abstrakte Leben, Schiller als Gegenbeispiel. Über das Problem junger Künstler. Nach einem Jahr musste H sich selbst ernähren. Er malte ein Bild und ließ es beurteilen, verstand auch die Kritik, konnte aber nicht besser malen. K über Dilettantismus. H’s Werk hielt den Vergleich mit dem Bild des Meisters nicht aus; so gab H den Versuch auf, vom Malen zu leben, und lebte das zweite Jahr auf Kredit. K über Schulden und Schuldenmachen.

5. Kapitel: Nach zwei Jahren musste H die Schulden begleichen und deshalb die Mutter um Hilfe bitten; deren Erspartes reicht gerade, die Schulden (bis zum Faschingsfest) zu tilgen, es bleibt kaum etwas übrig. H muss erneut auf Pump leben; Parallelen im Verschwenden zur Kinderzeit. Er bittet die Mutter von sich aus um Geld, diese muss einen Kredit aufs Haus aufnehmen. Bei H bleiben einige Taler übrig. Er hungert und betet um das tägliche Brot. Er versetzt ein Buch und kann sich satt essen.

6. Kapitel: H versetzt nun alles, auch seine Mappen bei einem Trödler, der ihn gelegentlich zum Essen einlädt. Das geht ein halbes Jahr lang, bis er auch seine fertigen Bilder verkaufen muss. H fabriziert schnell neue Skizzen, die aber nicht viel taugen. Er darf zwei Wochen lang Stangen weiß-blau bemalen (zum Einzug der Braut des Kronprinzen), was ihm als Republikaner nachträglich missfällt. In der Natur kommt er zu sich selbst.

7. Kapitel: Er begleicht seine Mietschulden, hat bald nichts mehr und muss ausziehen. Er übt sich in der Kunst des Duldens (K dazu!); die Mutter schreibt nicht mehr; er bittet und bittet Gott um Hilfe… Ein Nachbar auf Hochzeitsreise berichtet H ausführlich, wie schlecht es ihr geht; H lehnt dessen Geld und Bitte, nach Hause zu fahren, aber ab. H’s großer wirrer Traum von daheim; der zeigt ihm „die Kraft und Schönheit des Vaterlandes in den lieblichsten Traumbildern“; solche Träume kommen regelmäßig wieder. H dichtet und schreibt seine Träume auf. Ein Brief der Mutter beschwört ihn heimzukommen; er reagiert nicht, sondern schreibt traurige Gedichte. Als seine Wirtsleute ihm kündigen, macht er sich, allein mit dem Buch seiner Jugendgeschichte versehen, auf den Weg nach Hause.

8. Kapitel: H’s beschwerlicher Marsch nach Hause; unterwegs wird ihm klar, dass seine Berufswahl verfehlt war. Reflexionen über die „Eitelkeit“; er erwägt, ob auch seine Jugendgeschichte ein Produkt der Eitelkeit ist, und sieht, wie es ihn drängt, „im lebendigen Menschenverkehr zu wirken und zu hantieren“. Er fasst gute Entschlüsse und geht weiter.

9. Kapitel: Mit letzter Kraft erreicht H einen Gutshof; auf dem Friedhof wird er von einer jungen Dame (Dorothea) begrüßt, die in ihm den Schweizer Reisenden von vor sechs Jahren erkennt, ihn einlädt und bewirtet. H erkennt frisch eingerahmte Zeichnungen als die seinen. Er wird sauber eingekleidet und vom Grafen begrüßt.

10. Kapitel: Am nächsten Mittag wird H vom Grafen geküsst; seine Jugendgeschichte ist gefunden und gelesen worden, er muss seine weitere Lebensgeschichte erzählen. H darf dem Grafen die Bilder neu „verkaufen“. Gespräch über die Familiengeschichte des Grafen und Adel heute; Dortchen Schönfund (Do) stellt sich als Findelkind vor; Do’s Herkunft.

11. Kapitel: H überlegt kurz, wie er mit seiner Neigung zu Do umgehen soll. Er bekommt einen neuen grünen Hut. Er will zwar zurück zur Mutter, kauft aber in der Stadt sowohl seine alten Bilder wie auch Leinwand für neue Bilder.

12. Kapitel: H malt zwei Bilder und liest viel. Umgang des Grafen mit anderen; der Pfarrer und sein „Humor“; Do glaubt nicht an die Unsterblichkeit, was auf H einwirkt; Gespräch mit dem Grafen über Gott und Gewissensfreiheit – H wird von seinen neuen Freunden geprägt. Gemeinsame Lektüre des Angelus Silesius; Do singt bedeutungsvoll bewegt: „Blüh auf, gefrorner Christ!…“

13. Kapitel: In dieser Frühlingsnacht wird H verwandelt, die Liebe zu Do blüht ganz auf; H zieht sich unsicher zurück, geht viel allein. Er vermeint, Do liebe ihn nicht. Als er ihr seine Liebe gestehen will, ist sie verreist. H ist völlig daneben und glücklich, als sie wieder da ist; er ist total befangen; Episode in der Kirche (Grab des französischen Ritters). H bekommt einen Abschiedsbonbon mit dem Spruch: „Hoffnung hintergehet zwar…“

14. Kapitel: H verabschiedet sich; seine beiden Bilder werden in München teuer verkauft. Lys ist an seinem Lungenstich gestorben, doch in Freundschaft zu H; der Trödler seiner Bilder hat ihn zum Erben eingesetzt. Der Graf bezeichnet ihn als einen wesentlichen Menschen und trinkt Brüderschaft mit ihm. H reist nach 7 Jahren in die Schweiz zurück; die Liebe zu Do drückt ihm aufs Herz. In Basel wird ein großes vaterländisches Fest gefeiert. / Reflexion der politischen Prozesse, die 1848 zur Bildung des Schweizer Bundesstaates führten. / H geht zu Fuß nach Hause, mit Gedanken über die politische Mehrheit und die Aufgaben des einzelnen Bürgers.

15. Kapitel: H kommt am Abend an, zum Begräbnis seiner Mutter; der Nachbar erzählt ihm von ihren letzten Jahren. H zerbricht; er besucht seine Verwandten, ein Alter erzählt ihm Erinnerungen an seine Mutter. Er schreibt noch an den Grafen und stirbt dann schnell, mit dem letzten Zettel Do’s in der Hand. Auf seinem Grab wächst grünes Gras.

Was man im Netz Brauchbares zur Inhaltsangabe findet:

http://www.xlibris.de/Autoren/Keller/Kurzinhalt/Der%20Gr%C3%BCne%20Heinrich

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_gr%C3%BCne_Heinrich

http://www.dieterwunderlich.de/Keller_Heinrich.htm

http://www.gottfriedkeller.ch/schule/s_frameset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/schule/divers/heinrich.htm (knapp, auf der Seite http://www.gottfriedkeller.ch/allgemein/frameset.htm)

http://319346.forumromanum.com/member/forum/forum.php?action=ubb_show&entryid=1091227932&mainid=1091227932&USER=user_319346&threadid=2 (sehr ausführlich)

http://www.ciao.de/Der_grune_Heinrich_Nach_der_1_Fassung_von_1854_55_Gottfried_Keller__Test_2352702 (sehr ausführlich)

http://www.blogs.uni-osnabrueck.de/tstegema/archives/410 (Inhalt und Bedeutung)

———- Sonstiges:

http://www.zeno.org/Literatur/M/Keller,+Gottfried (Kellers Werke bei zeno.org)

http://www.waltermorgenthaler.ch/keller/GH/GH_Parallel.htm (Text des Romans: die beiden Fassungen parallel)

http://librivox.org/der-gruene-heinrich-zweite-fassung/ (die 2. Fassung zum kostenlosen Hören: mp3)

http://www.gottfriedkeller.ch/

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autork/keller.html (Links der Bibliothek der FU zu Gottfried Keller)

http://www.litde.com/jahrhundert/keller-der-grne-heinrich/ (Analysen)

http://www.litde.com/jahrhundert/keller-der-grne-heinrich/schuld-desillusionierung-und-tod-zur-interpretation-des-schlusses.php (Interpretation des Schlusses)

http://is.muni.cz/th/263101/ff_b/Keller-bakal._dipl._prace.txt (Die autobiografischen Züge im Roman)

http://www.versalia.de/Rezension.Keller_Gottfried.336.html (Rezension)

Theodor Storm: Elisabeth – Analyse

Meine Mutter hat’s gewollt…

Text

http://www.textlog.de/gedichte-elisabeth.html

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/elisab.htm

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=389

Den ersten Kontext des 1849 entstandenen Gedicht bildet die Novelle „Immensee“ (1850), über die man sich in den Links unter „Sonstiges“ informieren kann. Darin heißt das ganze 8. Kapitel „Meine Mutter hat’s gewollt“: Man sitzt zusammen, spricht über Volkslieder, Reinhard holt einige davon aus seinen Papieren und erklärt ihre Bedeutung: „Unser eigenstes Tun und Leiden finden wir in diesen Liedern; es ist, als ob wir alle an ihnen mitgeholfen hätten.“ Gemeinsam mit Elisabeth singt er „Ich stand auf hohen Bergen“; dann liest er, neben Elisabeth sitzend, still mit ihr das Lied „Meine Mutter hat’s gewollt“, hier noch ohne Überschrift. Elisabeth ist betroffen und geht hinaus; ihre Mutter verhindert, dass er ihr folgt. Später geht er an den See und versucht in der Nacht vergeblich, die Wasserlilie zu pflücken – dabei ist die Wasserlilie offensichtlich ein Symbol Elisabeths. Wir haben also insgesamt, dezent angedeutet, die Situation zwischen Elisabeth und Reinhard vor uns, die im Gedicht als Situation der Ich-Sprecherin vorausgesetzt wird; die Interpretation der Novelle impliziert eine Interpretation des Gedichts, was Storm später durch die Überschrift „Elisabeth“ legitimiert hat.

Das Gedicht ist im Volksliedton verfasst: drei Hebungen pro Vers mit freier Füllung; einzige Ausnahme ist V. 10: „Was fang ich an!“ Die ersten vier Verse jeder Strophe sind im Paarreim aneinander gebunden, der fünfte Vers nimmt den Reim der beiden ersten Verse wieder auf und schließt so die Strophe ab. Die kurzen Verse sind semantische Einheiten, durchweg kurze Sätze; nur V. 11 und V. 15 sind Adverbiale. Die Sprache ist also ganz einfach.

Die Sprecherin des Gedichts, das lyrische Ich, eine verheiratete Frau, reflektiert ihre Situation: Sie hat auf Drängen der Mutter „den andern“ genommen und auf den verzichtet, den sie von Herzen liebte. Sie beklagt ihre unglückliche Situation: Ihr Herz „hat es nicht gewollt“ (V. 5), hat also nicht den Geliebten vergessen wollen: Sie ist unglücklich. In der 2. Strophe klagt sie ihre Mutter deswegen an (V. 6 f.); sie bekennt: „Was sonst in Ehren stünde, / Nun ist es worden Sünde.“ (V. 8 f.) Was sonst in Ehren stünde, ist ihre Ehe; wieso sie zur „Sünde“ geworden ist, wird nicht erläutert. Es könnte sein, dass sie mit ihrem Geliebten Ehebruch begangen hat; als wahrscheinlicher erscheint mir, dass sie ihre Ehe als Liebesverrat gegenüber dem Geliebten empfindet und sie deshalb als Untreue, als „Sünde“ bewertet. Und dann folgt der verzweifelte Ruf „Was fang ich an!“ (V. 10), der außerhalb des normalen Taktes steht (s.o.). In der letzten Strophe zieht sie eine Bilanz ihres Lebens: Sie hat Leid anstatt (so lese ich „Für…“, V. 11) Stolz und Freude „gewonnen“ – eine bittere Ironie. Sie klagt zweimal „Ach“ (V. 13 f.), „eine Interjection, welche der natürliche Ausdruck nicht nur aller Leidenschaften, mit allen ihren Schattirungen, sondern auch aller Gemüthsbewegungen und lebhaften Vorstellungen überhaupt ist. Es ist also, und zwar 1) eigentlich und zunächst, der Ausdruck des Schmerzens, und zwar nach allen seinen Stufen und Abänderungen“ (Adelung). Mit „Ach“ leitet sie ihre unmöglichen Wünsche (Konjunktiv II, V. 8 f.) nach einem anderen Leben ein; selbst zu betteln und einsam zu leben („über die braune Heid“, V. 15) wäre ihr lieber, als in der ungewollten Ehe zu bleiben. Doch ihre Wünsche zerschellen an der Wirklichkeit; sie muss sich in ihr Schicksal fügen und leiden.

Die Reime sind einfach, aber sinnvoll: „besessen / vergessen“ (V. 3 f.) umschreibt den Riss, der durch ihr Leben geht; „klag ich an / nicht wohlgetan“ (V. 6 f.) gilt dem falschen Handeln der Mutter; „in Ehren stünde / worden Sünde“ (V. 8 f.) umschreibt den Widerspruch zwischen der schönen Möglichkeit und der bitteren Wirklichkeit, usw.

Im Gedicht lebt die soziale Wirklichkeit fort, dass früher oft nicht die Söhne oder Töchter selber ihre Gatten aussuchten, sondern dass die Eltern diese Wahl nach Aspekten des sozialen Nutzens für die Familie trafen; diese Praxis wird dann problematisch, wenn sich gegen die Ehe als Konvention die Idee der Liebesheirat, gegen die Familie als lebenslang dominierenden sozialen Verband die Idee des Individuums stellt oder Geltung beansprucht. Dann sind tragische Konflikte vorprogrammiert: Der Mensch, hier die junge Frau leidet am Konflikt zwischen dem, was sie tun muss, und dem, was sie hätte tun mögen und tun möchte. Fontanes „Irrungen, Wirrungen“ ist eine Novelle, in der ein solcher Liebeskonflikt (mit der typischen Situation des Rangunterschieds) durchgespielt wird. Dass auch Liebesehen scheitern können (Gottfried Keller: Ehescheidung) oder eventuell scheitern müssen (Nietzsche: Von der Überzeugung und der Gerechtigkeit), wusste man aber auch schon zu Storms Lebzeiten.

http://literaturlexikon.uni-saarland.de/index.php?id=3489 (Einbettung in die Novelle „Immensee“, 1850)

Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Immensee_(Storm) (über die Novelle)

http://literaturen.net/theodor-storm-immensee-interpretation-1093 (dito)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor/Erz%C3%A4hlungen/Immensee (Text der Novelle)

Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe – Analyse

Ich habe, wenn ich die Novelle mit einer Klasse gelesen habe, nach Seite 30 (Seiten- und Zeilenzählung nach RUB 6172 von 2002) einen Einschnitt gemacht, manchmal noch einen zweiten nach S. 44. Daraus erklären sich einige Textabgrenzungen in den Analysen.

Zeitstruktur bis S. 30

Zur „Zeitstruktur” gehören die Datierung von Ereignissen, die Dauer des erzählten Geschehens und vor allem: das Verhältnis der Dauer des Geschehens zur Zeit des Erzählens (Ereignisdauer : Erzähldauer).
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3/13 „vor Jahren“ (Rückblick des Erzählers auf das Geschehen)
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3/15
[3/17 und öfter: Zeitangabe zur Qualifizierung des Ackers genutzt]
3/22 Alter der Männer (wird zu relativer Datierung genutzt), vgl. 16/31
4/27 f.
4/33 f.
5/10 f. Alter der Kinder (relativ), vgl. 11/24; 14/5; 18/27
(5/22 f.)
6/17 f.
7/15 f.
10/24
10/25
——————————————————————–
11/12 f.
11/30
——————————————————————–
12/1
…………………………………………………………..
13/36
14/33
——————————————————————–
15/9
15/29-31 Vorgriff des Erzählers:
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[16/37]
17/23
[17/28 zur Bezeichnung der Intensität]
18/1 f.
21/3 ?
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21/25
——————————————————————–
23/13 f., 23/24
(24/16)
24/35 f.
26/22
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27/14
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Es wird das Geschehen von fünf Tagen detailliert erzählt: Pflügen; Versteigerung, nächster Tag; Umzug in die Wirtschaft; Kampf.
Angaben der Dauer eines Geschehens sind manchmal nicht (primär) zur Datierung, sondern zu dessen Qualifizierung genutzt (z. B. 6/18).
Raffung des erzählten Geschehens: Tage (15,9 ff.); Wochen (23/13 ff.); Jahre (11/12).

Zeitstruktur ab S. 30
30/32 andern Tags (nach dem Kampf und dem Verlieben) vgl. 31/23
32/8  Nachmittag (im Juli 36/5)
eine Viertelstunde später 36/12
Es ist der Tag, an dem die Liebe der beiden sich entfaltet; sie begegnen dem schwarzen Geiger, sie sind zusammen im Korn und knutschen, Sali schlägt Vrenis Vater mit dem Stein.
…………………………………………………………..
43/37 Sali irrt die ganze Nacht umher,
44/1  am Morgen erkundet er die Lage und geht heim.
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44/8  Einschnitt von sechs Wochen (44/18 f.), bis Marti wieder zu Bewusstsein kommt; Vreni kümmert sich Tag und Nacht (44/17) um ihn.
Danach agiert Marti als ein Irrer (45/3 ff.).
Um die gleiche Zeit wird sein Haus versteigert, Marti wird in eine Anstalt eingewiesen (45/10 ff.).
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45/19 ff. Vreni fährt mit dem Vater in die Anstalt,
46/19 fährt wieder zurück,
46/30 Sali kommt: Das ist der Freitag.
…………………………………………………………..
48/8 ff. Sie erwachen, verabreden sich für den Sonntag und machen Einkäufe. Das ist der Samstag.
…………………………………………………………..
51/11 Sali erwacht, das ist der Sonntag, der Tag der großen Liebe und des Entschlusses zum gemeinsamen Tod.
58/7 f. Sonntagmorgen im September, mit gemeinsamem Frühstück;
61/27 ff. Einkehr ins Dorf, zum Mittagessen;
64/6 ff. sie gehen auf die Kirmes;
68/32 ff. sie betreten das Paradiesgärtlein, sie tanzen, führen die Hochzeitszeremonie aus;
…………………………………………………………..
75/1 ff. Aufbruch, nach Mitternacht;
75/28 ff. die beiden bleiben allein zurück;
78/32 ff. Sali bindet das Schiff los, sie fahren ab;
79/31 ff. sie gleiten im Frost des Herbstmorgens in die Fluten.
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79/36 ff. „Später“ findet man die Leichen, Zeitungsbericht.

Es wird also von zwei (drei, wenn man den Montag gesondert zählt) Tagen breit erzählt, die Zwischenzeit wird überbrückt; von zwei Tagen (Freitag, Samstag) wird relativ kürzer als von den anderen Tagen erzählt, von einem Tag nur ganz kurz (44/1-7, wenn man ihn nicht als Fortsetzung des vorhergehenden sehen will).

Erzählstränge (bis S. 30)
3/1 – 3/7 Erzählerkommentar
3/8 – 3/14 Situierung des erzählten Geschehen
3/15 – 4/27 die Väter
4/27 – 5/15 die Kinder
5/15 – 7/16 die Männer
7/16 – 10/24 die Kinder
– 11/9 die Väter
– 11/36 ein Sammelbericht
12/1 – 13/35 die Väter
13/36 – 15/8 Manz u.a., auch die Kinder
15/9 – 15/31 Manz/Marti vermischt
– 17/36 die Männer
– 18/19 die Frauen (v.a. Frau Manz)
– 18/23 die Kinder
– 19/19 Vrenchen
– 21/24 Sali
– 21/9 Vrenchen, mit Bezug auf Sali, und umgekehrt
21/10 – 26/37 Fam. Manz
27/1 – 27/13 Marti
27/14 ff. Zusammentreffen der Männer (und der Kinder)
30/12 – 30/31 Manz und sein Sohn.
Ihr sollt hier vor allem sehen, was ein Erzählstrang ist und wie Erzählstränge miteinander verbunden werden.
Es wäre zu zeigen, wie die Aufspaltung und neue Verknüpfung der beiden ersten Erzählstränge („die Väter“ – „die Kinder“) den Prozess und Streit der beiden Männer charakterisieren und wie die Liebe der beiden Kinder (an drei Tagen) durch die Knüpfung der Erzählstränge vorbereitet wird.

Erzählerkommentare (bis S. 30)
Wir haben hier einen auktorialen Erzähler, der nicht nur den künftigen Ausgang des Geschehens andeutet (etwa 14/19 f.; 15/30 f.), sondern auch das Handeln der Menschen ebenso wie sein Erzählen  reflektiert und kommentiert. Ich finde folgende Kommentare:
3/1-7: Der Erzähler rechtfertigt sich, dass er diese Geschichte erzählt, obwohl sie nur ein Abklatsch von Shakespeares Drama zu sein scheint.
9/23 f: „Jeder Prophet…“ (Minikommentar)
11/9-11 und 12/12-22: Diese beiden Kommentare gehören zusammen, weil in ihnen das Unrecht bedacht wird, das die Bauern tun. Zuerst ist erzählt worden, wie beide unrechtmäßig den mittleren Acker schmälern (10/25 ff.), aber bewusst über das Unrecht des anderen und damit über das eigene Unrecht hinwegsehen; im Kommentar wird das alte Bild vom Weben auf dieses Tun angewandt, wo durch das kreuzende Weben neue Muster entstehen, welche weder den Längs- noch den Querfäden „innewohnen“. Das Zitat aus Heines Gedicht gilt für den Weber, der das Schiffchen mit den Querfäden bedient: Er sieht, aber weiß nicht, was er tut (ein Muster erzeugen). Im zweiten Kommentar wird die Haltung der Dorfbewohner bedacht, welche das Unrecht der beiden gesehen haben (wobei sie selber nicht anders gehandelt hätten), sich nun aber davon distanzieren: heuchlerische Ablehnung des Unrechts, verbunden mit der Gier nach dessen Nutzen.
14/4-11: Hier wird zunächst nur die Bedeutung einer Handlung (den Jungen zur harten Arbeit heranziehen) erklärt; dann setzt der Erzähler zu einer tieferen Erklärung an („Es schien…“), welche schon das Niveau des allgemein gültigen Kommentars erreicht und mit der Andeutung endet, dass im kommenden Geschehen das verübte Unrecht zu einem bösen Ende führen wird.
15/32 – 16/17: Hier wird das Unwesen des Prozessierens mit seinen Folgen für die Prozessgegner, oft ironisch, kommentiert; mit dem Vergleich („Qual zweier Verdammter…“) wird, wenn man so will, der Webervergleich (11/9 ff.) inhaltlich gefüllt. Die beiden richten sich gegenseitig „blind“ zugrunde. Mit diesem Kommentar wird das Prozessieren als eine Unart der Leute von Seldwyla bewertet, zu denen die beiden Bauern stoßen.
(16/21 ff.); Kellers Novellen heißen „Die Leute von Seldwyla“.
21/19-25 wird die Wirts-Karriere von Bauern beklagt (bewertet).
28/32-29/5: In diesem Kommentar wird erklärt, welch tiefes Elend sich in der Prügelei alter Menschen zeigt, die sich seit langem persönlich kennen.
Der Erzähler ist eine vom Autor geschaffene Größe; durch den Erzähler und seine Sicht, die sich massiv in den Kommentaren äußert, wird die Sicht des Lesers und sein Verständnis zumindest (und sei es im Widerspruch) gelenkt.
Manchmal sind Kommentare des Erzählers schwer von seinen Bewertungen abzugrenzen (etwa 21/19 ff.); denn erstens ist das Kommentieren eine Form des Bewertens, zweitens sind von dem Merkmalbündel des Kommentars einzelne Merkmale nicht gegeben (etwa Tempus Präsens, oder die Einordnung des Bewerteten in einen größeren Zusammenhang) – in der Wirklichkeit (des Erzählens) sind die Handlungen des Erzählers nicht immer so klar zu trennen wie in der Welt der Begriffe.

Das Weltbild des Erzählers
Wenn man diese ersten Kommentare noch einmal bedenkt, erkennt man das Weltbild des Erzählers. Er spricht aus einer Situation überlegenen Wissens, hat also Abstand von den Figuren des Geschehens, spricht gelegentlich ironisch über ihre Beschränktheit (15/32 ff.). Gleichwohl ist sein Bild von den Menschen realistisch:
1. Er sieht ihre Doppelmoral und beklagt die Scheinheiligkeit der „Guten“, denen nur die Gelegenheit fehlt, Böses zu tun (12/12 ff.); er entlarvt die Scheinheiligkeit des Herrn Manz und erkennt dessen Unrechtsbewusstsein in seinem Handeln (14/4 ff.).
2. Die Menschen wissen letztlich nicht, was sie tun (11/9-11); ihr böses Handeln entfaltet sein Unwesen (14/10 f.) von selbst. – Die beiden Streithansel Manz und Marti sind blind, zumindest kurzsichtig in ihrem Zorn (15/32 ff.); so richten sie sich gegenseitig zugrunde (15/30 f.).
3. Der Erzähler beklagt den Niedergang von aufrechten Bauern, die zu unaufrichtigen Wirten verkommen (21/19 ff.). Ganz schlimm findet er es, wenn alte Menschen sich aus tiefem Hass gegenseitig körperlich angreifen (28/32 ff.).
4. Er beruft sich für seine Erzählung auf die Wirklichkeit (3/1 ff.); die großen Geschichten der Menschen seien zwar in der Literatur aufbewahrt, stammten aber aus dem realen Leben.
[Der Autor Gottfried Keller gehört zu den „realistischen“ Erzählern des 19. Jahrhunderts.]

Kommentare ab S. 30

Es lässt sich deutlich ein kommentierendes Erzählen von echten Erzählerkommentaren unterscheiden (Tempus: Präteritum/Präsens).
* Echte Kommentare (im Präsens: Tempus des Gültigen) sind
31/18-22 über das Glück der Ehe; damit zusammen muss man 72/1 ff. (bedeutend!) lesen;
41/4-8 über das Ermüden des Küssens und des Glücks;
58/21-23 über die Wirkung der Liebe;
60/14 – 61/2 über die Landleute;
72/10-19 über das Unglück, welches der Missgriff der Männer in ihrem bürgerlichen Geschick und dem der Kinder anrichtet.
* Kommentierendes Erzählen (oder direkter Kommentar zum Erzählten):
31/9-18  Salis Verliebtheit (distanziert kommentiert);
61/19-24 über die Auswirkung, dass die Liebe der beiden so kurz nur dauert;
65/30 – 66/1 über die Nichtigkeit der Liebessprüche der beiden;
71/32 ff. und 72/19-30 über die Liebe der beiden (Rahmen des Kommentars 72/10 ff.);
77/11-17 über die Einstellung der beiden zur Heiratsfrage;
78/16-23 über die todvergessende Leidenschaft der beiden.
* Daneben gibt es noch kurze Erklärungen und Bewertungen, von denen nur beispielhafthaft genannt seien:
31/28 f. Sali bilde sich nur ein, genau zu wissen…;
50/35-37 wieso die ersehnte Lustbarkeit erhöhten Glanz gewinnt;
66/34 ff. welcher Art die Verwunderung der Zuschauer ist.

Der schwarze Geiger
– die Bedeutung der Figur in der Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ (Keller)
(Stellen: 5/32 ff.; (evtl. 12/1-21 indirekt) 36,12 ff.; 68/32 ff.)

1. Der Geiger ist eine Gegengestalt zu den Bauern Manz und Marti:
– im Aussehen, in der Kleidung, in der Arbeit (S. 36-38);
– im rechtlichen Status: ungetauft und heimatlos (S. 6 f.);
– vom Erzähler als dunkler Stern gegenüber dem hellen Sternbild der Kinder (und der Väter) bezeichnet (36/22 ff.).
2. In der bürgerlichen Welt wird er verachtet, weshalb die Bauern (ebenso wie die Behörden) ihn betrügen zu dürfen glauben:
– Das machen sie in ihren Gesprächen (zumindest indirekt) deutlich;
– das sagt der Erzähler in einem Kommentar (12/12 ff.);
– das deckt der Geiger selber auf (38/6 ff.).
3. Dieser am schwarzen Geiger verübte Betrug ist der Anfang und Grund ihres Niedergangs:
– Das sieht der Erzähler (vgl. Kommentar 14/9-11; großer Kommentar S. 72);
– das sieht auch der Geiger so (38/16 f.).
4. Es ist damit auch Grund des Niedergangs der Kinder:
– Das sieht der Geiger (37/23 f.; 73/15 f.),
– auch wenn er es den Kinder nicht persönlich nachträgt (73/13 ff.);
– das sieht auch der Erzähler so (Kommentar S. 72).
5. Der schwarze Geiger begleitet die Kinder ein Stück auf ihrem Weg in den Untergang:
– Er spielt ihnen zum Tanz am letzten Tag ihres Lebens auf;
– er bietet ihnen Willkommen und gewährt ihnen eine Art Schutz (69/24 ff.; 73/10 ff.);
– er bietet ihnen seine Lebensweise als Lösung ihrer Probleme an („nehmt euch, wie ihr seid…“ 73/1 ff., mit parodierter Heirat und wildem Hochzeitszug, S. 74 f.);
– er zieht dann mit seinem Volk weiter, ohne sie zu vermissen (75/34 f.).
[- Vreni und Sali können seine Lösung für sich nicht akzeptieren (Kommentar S. 72; 73/28 ff.; 75/29 f.); deshalb bleibt ihnen als Ausweg nur der Tod (S. 76 ff.), der ihnen schon vor ihrem Aufbruch andeutungsweise als Ausweg erschienen war (S. 47-49): Der gute Grund und Boden, auf dem sie hätten leben können, war ihnen durch das Unrechttun ihrer Väter abhanden gekommen (72/28 f.).]

Eine Alternative wäre vielleicht (?) eine Gliederung nach den Gesichtspunkten:
Was bedeutet der schwarze Geiger für den Ablauf des Geschehens / was bedeutet er für die Erkenntnis des Erzählers und seiner (implizit gegebenen) Hörer?

Wenn man für einen Aufsatz noch eine Einleitung braucht, könnte man den schwarzen Geiger vorstellen (sein Aussehen, sein Status) und von dort in den ersten Gedanken des Hauptteils einsteigen: dass er als dieser Mensch eine Gegenfigur der beiden Bauern ist; man könnte das auch ganz im 1. Hauptgedanken belassen und zu Einleitung erklären, was man unter „Bedeutung einer Figur“ versteht.
Zum Schluss könnte man etwas zum Weltbild des Erzählers sagen, wie der Geiger hineinpasst; du kannst auch den Geiger persönlich bewerten. Ebenso könnte man den letzten Gedanken: dass die beiden des Geigers Lösung nicht akzeptieren können, als Schlussgedanken nehmen (vielleicht die beste Lösung?).

„Die Heiratsfrage“ 
Diese Frage spielt für Vreni und für den Ausgang des Geschehens eine wichtige Rolle. Beachtung verdienen
– der Kommentar zu Salis Verliebtheit (31/18-22, mit „denn“ an den Bericht von seinem wundersamen Zustand angeschlossen);
– das Thema „Braut“, als welche Vreni angesprochen wird bzw. von dem sie sich angesprochen fühlt (62/8; 63/7 ff.!) und die sie halb spielt, halb ist (63/25 ff.). Am Ende dieser Episode fragt sie: „Sali! warum sollen wir uns nicht haben und glücklich sein?“ (63/36 f.);
– ihr Auftritt auf der Kirmes, wo sie Lebkuchenhaus und -herz sowie heimlich Ringe kaufen (62-64), was vom Erzähler distanziert kommentiert wird: Pfefferkuchensprüche (65/20), einfache Liebesliteratur (66/2), diese armen Zeichen (66/21);
– der wichtige Erzählerkommentar (72/1 ff.) innerhalb des Kommentars 71/32 ff.: In beiden lebt das Gefühl, „in der bürgerlichen Welt nur in einer ganz ehrlichen und gewissensfreien Ehe glücklich sein zu können“, welches ihrem Ehrgefühl widerstreitet – dieser Widerspruch ist ein Konflikt in ihnen, der sie schließlich in den Tod treibt.
Der Erzähler bindet diesen Konflikt an den Streit der auf Ehre und Reichtum bedachten Väter, der Repräsentanten der bürgerlichen Welt oder Lebensform, die hier als gefährdet erscheint;
– in einer Erklärung spricht der Erzähler vom „Brautwesen“, das in Vrenis Blut „lohte“, seit es von der Wirtin so angesprochen worden ist (74/6 ff.); dieses wilde Fühlen lässt die Beiden, gerade weil es hoffnungslos ist, an der spaßhaften Zeremonie und dem seltsamen Hochzeitszug des Hudelvolkes teilnehmen (S. 74 f.);
– das Gefühl äußert sich als Geläute für Vreni (76/24);
– Vreni beginnt mit dem Ringtausch (76/36 ff.) und sagt die ent-scheidenden Worte: „du bist mein Mann und ich deine Frau“ (77/7 f.);
– schießlich kommentiert der Erzähler „die Heiratsfrage“ (77/11 ff.) bzw. die Einstellung der beiden zu dieser Frage, welche für Vreni „Tod oder Leben“ bedeute (77/16). Es folgt der wichtige, schwer zu entschlüsselnde Kommentar: „Aber jetzt ging ihm endlich ein Licht auf…“ (77/17), was sich bei ihm als heißes und wildes Verlangen äußert und ihn zum entscheidenden Vorschlag treibt: „(…) wir halten Hochzeit zu dieser Stunde und gehen dann aus der Welt – dort ist das tiefe Wasser…“ (77/31 ff.). Die Hochzeit wird dann auf dem Schiff vollzogen (78 f.) und sie lassen sich ins Wasser sinken.

Der Begriff der gewissensfreien Ehe (72/2) ist in den Erläuterungen bei Reclam falsch erklärt. Um ihn zu verstehen, muss man die Bedeutung kennen, welche die Form der Eheschließung, etwa im katholischen Kirchenrecht, auch im Recht überhaupt, hat.
Eine Ehe kommt nicht zustande, wenn er ihr in den Büschen verspricht, er werde sie immer lieben, oder wenn sie ihn rumkriegt und schwanger wird. Eine Ehe ist rechtlich gesehen ein Vertrag; damit er gültig geschlossen wird, muss eine bestimmte Form des Abschlusses eingehalten werden: Es dürfen keine Ehehindernisse vorliegen; die Freiheit der Entscheidung sowie der Ehewille müssen ausdrücklich festgestellt werden, und zwar vor zwei Zeugen usw. Über den Vorgang wird ein Protokoll angefertigt und unterschrieben, damit nachher niemand sagt, er könne sich nicht recht daran erinnern, so ein Miststück geheiratet zu haben.
Ein Gegenbegriff zu einer derart (der Form nach) korrekt geschlossenen Ehe ist die Gewissensehe: dass man sich also zu zweit einig ist, man könne aus irgendwelchen Gründen der Formpflicht nicht genügen, sei aber genauso verheiratet, wie wenn man die Form beachtet hätte. Solche Ehen können für Leute interessant sein, die aus Rücksichten auf die Familie oder ihre Position eine Person niederen Standes nicht offiziell heiraten können usw. Eine gewissensfreie Ehe ist also eine Ehe, die nicht Gewissensehe ist, sondern ganz richtig und normal geschlossen worden ist: also in der bürgerlichen Welt „ganz ehrlich“ (72/2) zustandegekommen ist.

Der Weg des Paares in den Tod
Auf den Untergang des Liebepaares wird der Zuhörer (bzw. Leser) in vielfältigen Andeutungen und Ankündigungen vorbereitet.
* Gewitterleuchten in der Ferne:
14/9-11 Im Erzählerkommentar wird ganz allgemein angekündigt, dass das Unrecht böse Folgen zeitigen wird.
37/24 f. Der schwarze Geiger kündigt mit Bezug auf das Unrecht der Väter den beiden an, dass sie vor ihm „den Weg alles Fleisches“ gehen werden.
41/4-8 Im Erzählerkommentar wird erklärt, dass man „die Vergänglichkeit alles Lebens mitten im Rausch der Blütezeit ahnen“ kann.
47/32 ff. Nachdem Vreni gemeint hat, dass ihre Liebe keine Aussicht hat, widerspricht Sali ihr und behaupt, „das Elend macht meine Liebe zu dir stärker und schmerzhafter, sodass es um Tod und Leben geht“.
(Ähnlich sagt der Erzähler kommentierend, dass Vreni, anders als Sali, in der Heiratsfrage „unmittelbar Leben und Tod“ sah, 77,11-16.)
49/22 f. Nachdem Vreni vom Tanzen geträumt hat, ist sie darauf ganz versessen und glaubt, „ich müsste sterben, wenn ich nicht morgen mit dir tanzen könnte“.
Bisher ist noch nicht wörtlich vom Tod der Liebenden gesprochen worden; vermutlich ist das in Salis Antwort ein bisschen anders:
* Das Unheil naht:
49/23 f. „Es wäre das Beste, wir beide könnten sterben.“ Mit dieser Äußerung wird eine Schwelle auf dem Weg zum Tod überschritten.
61/19-24 Kommentar des Erzählers im Rückblick auf den Selbstmord: Sie mussten an einem einzigen Tag die ganze Intensität der Liebe „mit der Hingabe ihres Lebens“ erleben.
71/27 ff. Die beiden sehen keinen Ausweg mehr, Konflikt: nicht voneinander lassen und doch nicht zusammen sein können. Dem gilt
72/20-30 ein Kommentar, wo der Erzähler seinen großen Kommentar (72/1 ff.) auf die beiden Liebenden anwendet.
* Entschluss und Tat:
77/1 ff. Die Heiratsfrage ist für Vreni eine Frage von Sein oder Nichtsein – und sie ist nicht lösbar; Einleitung von:
77/31 ff. Sali schlägt vor, Hochzeit zu halten und dann aus der Welt zu scheiden. Vreni stimmt dem
77/36 ff. zu, sie habe das schon lange bei sich bedacht, und bittet Sali um sein heiliges Versprechen, mit ihr diesen Weg zu gehen.
78/16-23 Kommentierendes Erzählen: dass ihnen der Tod nur ein Hauch gegenüber dem Rausch der Seligkeit war.
78/32 Sali bindet das Schiff los, auf dem sie dann fahren und
79/32 ff. von dem sie sich ins Wasser gleiten lassen.
Der Zeitungsbericht (80/1 ff.) verfehlt mit seiner moralisierenden Tendenz das Geschehen, welches der Erzähler in seiner Bedeutung erschlossen hat.

Die Novelle im Rahmen der Geschichten „Die Leute von Seldwyla“
Hier betrachten wir die Novelle im Rahmen anderer Erzählungen des Autors G. Keller; dazu sind die ersten anderthalb Spalten des Artikels im KLL brauchbar:
1. Das Heimatdorf der Bauern liegt in der Nähe von Seldwyla (3/8 ff.). Sie sehen das Städtchen aus der Ferne (5/25 ff.) und sprechen zunächst abfällig über die Machenschaften derer von Seldwyla (5/32 ff.).
2. Sie fallen in die Hände der Spekulanten von Seldwyla, was ihren Untergang bedeutet (16/18 ff.).
3. Manz zieht auf den Rat seiner Freunde aus Seldwyla in die Stadt (21/10 ff.). Dort ergeht es der Familie schlecht (22/30 ff.; 24/4 ff.). [Einzelne Wendungen sind weniger bedeutsam, etwa 25,32-34 oder 27/23 f.] Er wird sogar zum Diebshehler und krönt damit seine Unrechtskarriere (47/2 ff.).
Man kann also die Entwicklung der Bauern als eine Annäherung an Seldwyla, diesen Ort des misslungenen bürgerlichen Lebens, betrachten. – Seldwyla dient Vreni dazu, mit ihrem künftigen Mann vor der Bäuerin, die ihren Hausrat kauft, zu prahlen (55/5 ff.).
Was sich zunächst als tragisches Schicksal zweier junger Menschen darstellt, die in Folge des Familienstreits nicht als Paar glücklich werden können („Romeo und Julia“), wird von Keller in einen weiteren Horizont gestellt, indem der Erzähler die Motive der Väter und ihre Einbindung in die Welt von Seldwyla zeigt: In dem krankhaften Streben nach Besitz und Ehre, in Rechthaberei und bedingungslosem Prozessieren wird die Krise der bürgerlichen Lebensform sichtbar, wo Menschen sich „auffressen wie zwei wilde Tiere“ (72/14 f.).
Der Erzähler zeigt deutlich, wie ihr Unrecht „seine Folgen ruhig zu entfalten“ begann (14/10 f.; vgl. 33,17 f.; 72,1 ff. u.ö.), nämlich im Verfall des Eigentums, in der Zerrüttung der Familien und im Tod des Liebespaares.

Bei dem, was man im Netz umsonst bekommt, habe ich eine Adresse gefunden:
http://www.reyntjes.de/Anton/Gotfried%20Keller/RomeoundJuliaAnalyse.htm
Ferner: http://referaty.hledas.cz/referat/16017/11/romeo-und-julia-auf-dem-dorfe–interpretation

P. S. Wie so oft im Leben: Zufällig habe ich eine Musteranalyse von Kellers Novelle gefunden, in der die Leistungsfähigkeit des Aktantenmodells demonstriert wird. Für mich waren einige Einsichten bei den Raumfiguren neu und überzeugend; auch die grundlegenden Oppositionen von Natur/Kultur usw. leuchteten mir ein. Also ein Tipp für Lehrer: Otto Keller – Heinz Hafner: Arbeitsbuch zur Textanalyse, 1986, S. 118 ff. (02/2008)

Beispiel eines literarischen Familien-Modells aus dem literarischen Realismus – unter dieser Überschrift findet man eine aspektorientierte Analyse unter http://www.reyntjes.de/Anton/Gotfried%20Keller/RomeoundJuliaAnalyse.htm, die auch für Schillers „Kabale und Liebe“ usw. interessante Hinweise bietet.

Keller: Die drei gerechten Kammmacher – Analysen

Zeitstruktur
(Der Text wird nach der Ausgabe RUB 6173 von 1969/83 zitiert – inzwischen gibt es garantiert eine neue Ausgabe mit anderer Seitenzählung!)
Man muss beachten, dass hier mehrere Erzählstränge miteinander verflochten sind, die jeweils ihre eigene Vorgeschichte(n) haben, und dass die Erzählung eigentlich damit beginnt, dass Dietrich beschließt, sich in Züs zu verlieben (S. 18 bzw. 28).
(Erzählerkommentar: Die Kammacher haben bewiesen…, S. 3 f.)
* Kammachergeschäft in Seldwyla beschrieben (4):
im Sommer / im Winter (4): die Gesellen
sobald aber die Wiesen grün wurden (5)
* Einsmals kam Jobst (5); zuletzt…
des Abends (5); am Sonntag (6)
[Als die Seldwyler eine Brauerei anlegten (7)]
sein Plan: zuweilen (8); Tag und Nacht (9); die ganzen Jahre lang (9)
* So lebte er ein Jährchen um das andere (11)
* Wenn Weiber mit Kirschen kamen (12)

* Einst … kam eines Abends ein fremder Geselle (13), Fridolin
Während der ganzen Nacht (14)
Am Morgen (14)
nach Verlauf einiger Stunden (15)
im Lauf des Tages (16)
* die nächsten acht Tage (16)

* Nach kaum acht Tagen … kam Dietrich (16)
* Tag und Nacht (18) mühten sie sich ab.
* Züs Bünzlin wird beschrieben (S. 19 ff.):
**einst hatte sie ein Verhältnis gepflogen (20)
Tage des Waschens (21) und Glättens
** einst war sie mit einem Schmiedegesellen so gut wie verlobt (22)
kurz darauf entfloh der Mensch (22)
als sie den Streit führen musste (23)
oft las sie / jedesmal wurde sie gerührt (24)
wenn sie zufrieden war (24)
zuweilen sprach sie salbungsvoll (24)
an stillen Sonntagen schrieb sie Aufsätze (24)
** einst hatte sie sich die Liebe des Buchbinders zugezogen (25)
während eines Jahres (25) band sie ihn an sich
zuweilen wagte er einen Ausspruch (26)
während des Jahres, während vieler Feiertage (26)
Als das Denkmal fertig war (26), schickte sie ihn fort.
[Schon lange hatte sie … gelobt (28)]

* Als Dietrich begann, ihr den Hof zu machen (28 -> 18)
* Nicht lange danach (28)
[Schon seit Jahren ging Jobst…(28)]
* Aber jetzt kamen auch die anderen (29), sogleich (29)
allnächtlich: Traum (31)

* einst: Kampf (31)
drei Minuten lang (31)
beim Frühstück: die Kündigung (32)
Plötzlich schlug der Meister vor [morgen Wettkampf ->] (33)
Unversehens rennen sie zu Züs (34)
jetzt (nach ihrer Rede) rannten sie zurück (37)
den ganzen Tag (37)
gegen Abend (38)
* in aller Frühe des nächsten Tages (38),
dessen Ereignisse bis S. 62 erzählt werden.

Das Motiv: Gerechtigkeit
Untersuchen Sie das Motiv des Gerechten bzw. der Gerechtigkeit in der Novelle. Achten Sie darauf, von wem, wozu und in welchem Kontext es jeweils verwendet wird (S. 3 f.; 11; 25; 37; 43 f.; 48 f.; 55 f.; 59 und 64).

Erläuterungen zum Motiv aus der Bibel:
„Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt, nicht auf dem Weg der Sünder geht, (…) sondern Freude hat an der Weisung des Herrn (…).
Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist (…).
Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.” (Psalm 1)

„Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, daß ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, daß ihr etwas anzuziehen habt. (…) Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen. Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. (…) Euch aber muß es zuerst um das Reich (Gottes) und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.” (Jesus, in der Bergpredigt; Mt 6,25 ff.)

Selbstgerechtigkeit wird im Neuen Testament dem Typus des „Pharisäers” vorgeworfen: „Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung. So erscheint auch ihr von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz.” (Mt 23,27 f.)

Zur Charakterisierung der drei Gerechten tragen auch die Tiervergleiche und -metaphern bei (S. 5, 8, 11, 16, 17 zweimal, 37; Parallele der Wanzen- und der Gesellenwanderung, S. 40?; für Züs S. 53, 58; vgl. die Tierphilosophie S. 48 ff.). Wesentlich ist auch, daß es sie gleich dreimal gibt, einer ein „vollkommener Doppelgänger” des anderen ist (S. 15; vgl. dann S. 17), denen mithin Individualität fehlt.
Der Gegensatz zur „blutlose(n) Gerechtigkeit” der drei (S. 3) besteht darin, ein Herz zu haben. So wird Jobsts Plan, sich in Seldwyla niederzulassen, als unmenschlich charakterisiert: „denn nichts in seinem Herzen zwang ihn, gerade in Seldwyla zu bleiben” (S. 10). Ähnlich beruht die Entscheidung, um Züs zu werben, auf einem Unding: Dietrich „erfand” nämlich „den Gedanken, sich zu verlieben” und um ein bestimmtes Vermögen nebst anhängender plappernder Jungfer Bünzlin zu werben (S. 18; vgl. den Erzählerkommentar S. 51 f.!).
Züs Bünzlin ist so umfassend charakterisiert (S. 19 ff. und in ihren späteren Reden und Aktionen, wobei die Verdreifachung der Jungfer Bünzlin S. 45 ff. ein gag ist!), v.a. als vermeintlich weise, also dumm charakterisiert, damit ersichtlich werde, um was für ein Weibsbild die drei konkurrieren (selbst die Seldwyler sind da menschlicher, S. 18 f.), wobei sie sich zu Narren machen.
An dem Spruch der klugen Züs, „daß es heißt, der Zug des Schicksals ist des Herzens Stimme” (S. 55), sei dies eigens demonstriert. Züsi zeigt damit,
a) dass sie keine Herzensstimme hat oder hört (wie die drei!), sondern in der Wahl des Mannes dem blinden Zufall folgen will,
b) dass sie dumm ist; denn richtig heißt es in Schillers „Wallenstein”: „Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme”; in Schillers Drama wird damit von Thekla die große Liebe gegen familiäre Heiratspläne verteidigt.
Zu ihrer Bibel-Zitiertechnik vgl. S. 37 oben / Mt 22,14; S. 37 Mitte / Luk 10,42; S. 44 unten / Mt 10,37!; S. 51 Mitte / Mt 10,16; S. 54 Mitte / 1 Tim 4,7 f. Überhaupt ist der Besitz von Büchern und die Lektüre derselben bei allen vieren ein Gegenstand meiner Freude (für Züs S. 20 und 24).
Es wäre noch viel Kurzweiliges zu sagen…

Keller: Die kleine Passion – Analyse

Der sonnige Duft, Septemberluft…

Text

http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gframeset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gg2_2.htm (dort Nr. 276)

http://www.gottfriedkeller.ch/gg/GG/GG_11.htm (Nr. 276)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=195

http://www.lyrik123.de/gottfried-keller-die-kleine-passion-9921/

Das Gedicht ist 1872 entstanden und steht unter „Vermischte Gedichte“ in den Gesammelten Gedichten. Gleich zu Beginn stellt das erzählende Ich sich und seine Situation vor: An einem sonnigen Septembertag hat es in einem Buch gelesen; da kam eine Mücke angeflogen, die sich zu sterben anschickte (V. 1-4). Zum Schluss spricht das Ich in seinem Wunsch im Plural von „uns“ (V. 36); doch ist nicht klar, ob es damit seine Zuhörer oder die Menschen allgemein meint.
Erstaunlich ist, dass das Ich die Mücke als Individuum wahrnimmt; gelten Mücken normalerweise doch als Plagegeister, die man nach Möglichkeit verjagt oder totschlägt; diese Mücke wird im Diminutiv „Mücklein“ (V. 2 – dabei gelten Mücken sprichwörtlich bereits als klein, im Gegensatz zu den Elefanten) benannt, der Erzähler fühlt sich also nicht belästigt. Als er diese Mücke beschreibt, gebraucht er durchgehend Diminutive (Flügelein, Leibchen, Füßchen, Federbüschchen, Äuglein, V. 5-13); diese kleine Mücke hat es ihm angetan – in ihrer breit geschilderten Schönheit (das Lichtspiel in den Flügeln, der zweimal genannte hellgrüne Farbton, die Federkrone, die goldglänzenden Augen) war sie imstande, ihn im Herzen zu berühren („glänzten mir in das tiefste Herz“, V. 14), sogar im Innersten seines Herzens.
Im Vorbericht personifiziert der Erzähler die Mücke auch, als er einen Überblick über das Geschehen gibt: Sie suchte sich wie ein Mensch „die Ruhegruft“ aus, fern vom Wald (V. 3 f.). Nach der Beschreibung des Aussehens (V. 5-14) greift der Erzähler diese Vorbemerkung ebenso wie den Eindruck, den das Mücklein auf ihn gemacht hat, wieder auf: Es ist ein „zierliche(s) und manierliche(s) Wesen“ (V. 15). Schön war sie als zierliches Tier; „manierlich“, also gesittet, wohlerzogen war die Mücke, was sie wieder in den Bereich des Menschlichen verweist; an ihr ließ sich nichts aussetzen. Die Mücke hat – hier geht der Erzähler über die Vorbemerkung hinaus – sich sein Buch zur Gruft erwählt (V. 16 ff. – ein kleines Wortspiel zwischen „erlesen“ und „las“, V. 17 f.); dieser Ort entspricht dem Mücklein, das glänzende Papier (V. 17) passt zu dem im Sonnenschein glänzenden Mücklein (V. 5 ff.) und der Art, wie es im Glänzen das Herz des Erzählers gewonnen hat (V. 14).
Ab V. 23 berichtet der Erzähler vom siebentägigen Sterben der Mücke. Insgesamt spricht er leicht, erzählt er fließend. Der Takt ist im Prinzip jambisch, von wenigen Versen abgesehen, wo eine (V. 1, 2) oder mehrere (V. 15) Silben ergänzt werden, wodurch das Sprechen noch etwas beschwingter wird. Meistens weist ein Vers vier Hebungen auf, manchmal auch nur drei (V. 6, 8, 24, 26 – jeweils im Kreuzreim); einige weibliche Kadenzen (V. 15, 17, 19, 21, 24, 26) lockern die ohnehin schon flüssige Sprechweise weiter auf, sodass der Erzähler im leichten Duktus die Wörter betont, mit denen er die Schönheit der Mücke preist oder welche für ihr Sterben bedeutsam sind: sonnig (V. 1), Mücklein (V. 2), vier (V. 5), Licht (V. 8) usw.; drei (V. 23), matt (V. 23), vierten (V. 27), still (V. 27) usw. – es würde zu weit führen, das Zusammenspiel des leicht fließenden Rhythmus mit den Betonungen und dem Wechsel der Reimformen von langsameren Paar- und schnelleren Kreuzreimen vollständig zu beschreiben.
Der Erzähler beginnt also, den eigentlichen Todeskampf der Mücke zu berichten (V. 23-34). An den ersten drei Tagen war die Mücke zwar „müd und matt“ (V. 23), aber glänzte doch noch in ihrer Schönheit (V. 25 f.); durch die beiden einzigen nichtreimenden Verse (matt / fein, V. 23 / 25) bleibt das Erzählen zügig; im folgenden Paarreim (still / will, V. 27 f.) wird das Sprechen langsamer, hier geht das Sterben in die letzte Phase über: Das Gehen endet, die Mücke bleibt stehen (V. 27, 29). Auch hier wird die Mücke personifiziert: Sie stand „tapfer“, sie stand auf dem Wörtlein „will“ (V. 29, 28), als ob sie einen Entschluss gefasst hätte, nicht weiter zu gehen; ihre Bewegung erfolgt nur noch „wie im Traum“, also nicht mehr kraftvoll (V. 29); an den beiden folgenden Tagen geht es weiter mit ihr bergab. „Am siebten endlich siegt‘ der Tod“ (V. 33), worauf sich dann das Ende der Not reimt (V. 34). Ob „endlich“ (V. 33) eine Anteilnahme des Erzählers oder nur die Erfüllung seiner Erwartungen bezeichnet, ist nicht zu entscheiden.
Zur Semantik der Reime ließe sich ebenfalls viel sagen. Durchgehend binden die Endreime Verse aneinander, die vom Sinn zueinander passen: Die Mücke kommt etwa mit der Septemberluft (V. 1) und sucht ihre Ruhegruft (V. 3); sie setzt sich aufs Buch (V. 2), das wird ihr Leichentuch (V. 4). Nur selten passen die endgereimten Verse nicht zusammen (etwa V. 19 / 21). Mehrere Binnenreime erhöhen die Klangqualität und dämpfen auch das Tempo: Duft / -luft (V. 1), Flügelein / fein (V. 5, ähnlich V. 25), zierliche / manierliche (V. 15).
Das Tier, das seine „Ruhegruft“ (V. 3) gesucht hat, das langsam zur Ruhe kam (V. 21 f.), hat schließlich seine Ruhe gefunden (V. 35). Diese Tatsache ist es, die den Erzähler bewegt, die sein Verhältnis zur Mücke bestimmt: Er hat dem Sterben seines personifizierten Mückleins „erstaunt“ zugesehen (V. 20); so viel Menschlichkeit der schönen Mücke hat ihn beeindruckt; dass diese „langsam, langsam ohne Klagen“ gestorben ist, also ihr Ende bejaht, ihre Ruhe gesucht hat, das hat ihn beeindruckt. Im Schlusswunsch verbindet er sein künftiges Geschick mit dem, was er an dem Tier beobachtet hat: „Mög uns sein Frieden eigen sein!“ (V. 36).
Mir fällt auf, dass der Erzähler sich den Ruhe-Frieden der Mücke wünscht, während der christliche Wunsch für die Toten doch gelautet hat: requiescat in pace, der Tote möge im Frieden (Gottes) ruhen. In dem Zusammenhang gewinnt auch der Titel des Gedichtes Bedeutung: „Die kleine Passion“ der Mücke hat gar nichts mehr mit der großen Passion des Herrn Jesus Christus zu tun; es geht dem Erzähler nicht mehr um Erlösung von den Sünden oder gar Auferstehung aus dem Totenreich, sondern um das tapfere Hinnehmen der Sterblichkeit und die ewige Ruhe alles Lebendigen, wenn es geendet hat.
Ob es in diesem Zusammenhang wichtig ist, dass die Mücke in einem dichterlichen Buch (V. 23) ihr Ende findet, im Gegen-Buch zum „Lebensbuch des Lammes“ (Apk 13,8)? Möglich wäre es, da Keller ausgesprochen antichristlich eingestellt war („O Trugbild der Unsterblichkeit“, in: Aus dem Leben). Dazu könnte auch das Sterben im Wochenschema (parallel der Schöpfungserzählung) passen: dass am Ende das Sterben in der Todesruhe vollbracht ist.

Kästner: Der September, Keller: Die kleine Passion
Wie der Sprecher an dem, was er beschreibt bzw. erzählt, Anteil nimmt
Im Gedicht „Der September“ tritt der Sprecher nicht als eine greifbare Figur hervor; trotzdem bemerkt man, dass er vom Abschied des Sommers (V. 1) innerlich bewegt ist. Das Bild der militärischen Parade, mit der der Sommer verabschiedet wird („mit Standarten“, V. 1; „flaggt“, V. 3; Metapher der Königskerzen, V. 4), erweist diesen als einen hohen Gast, den man mit militärischen Ehren ziehen lasst.
Die zu diesem feierlichen Abschied passende Sprechweise ist die der Begeisterung, welche sich in den Taktstörungen des jeweils ersten Verses der ersten vier Strophen andeutet: Das Pronomen „Das“, womit der Sprecher auf das Geschehen verweist, ist außerhalb des jambischen Taktes stark betont; auch in den jeweils dritten Versen werden Attribute des Abschiedsfestes entsprechend auf der ersten Silbe betont: Goldlack, Kuhglocken, Mus und Luftschaukeln.
Das Abschiedsfest wird von den Dorfbewohnern veranstaltet; doch mit dem Attribut der Gerüche („aus einer fast vergeßnen Welt“, V. 10) werden diese als der guten alten Zeit angehörend qualifiziert – mit der Situation der Kirmes, des Festessens und der heimkehrenden Kühe ergibt sich das Bild einer Idylle, einer heilen Welt.
Zum Schluss reflektiert der Sprecher seine Beobachtungen an: Er sieht, wie sich die Karussells „im Kreise“ drehen (V. 20); das nimmt er zum Anlass, den ganzen Kreislauf der Jahreszeiten zu bedenken und also nicht nur das Ende des Sommers, sondern auch seine künftige Wiederkehr zu bezeichnen: „Und was vorüber schien, beginnt“ (V. 21). Schon den Abschied selbst hat der Sprecher als etwas wahrgenommen, was voll und damit vollendet ist: „laut und leise“ (V. 19). Wie wichtig ihm diese letzte Beobachtung ist, zeigt er darin, dass er vom Strophenschema (4 Verse) abweicht und auf „laut und leise“ einen reimenden Vers (mit „im Kreise“) anhängt.
So bietet „Der September“, in dem der Sommer Abschied nimmt, dem Sprecher das Bild einer festlichen Welt, in der man mit allen Sinnen (sehen, hören, riechen, erleben oder spüren, 1. bis 4. Str.) das Glück erfassen kann.
In Kellers Gedicht „Die kleine Passion“ erzählt ein Ich, wie es das Sterben einer Mücke beobachtet hat. So unscheinbar und lästig ein Mücke sein kann, – das Ich nimmt sie personifiziert als ein Wesen wahr, das sich wie ein Mensch seine Gruft selber aussucht (V. 3 f), tapfer den Todeskampf besteht (V. 29) und schließlich seinen Frieden (V. 36) findet.
Auch in der Art, wie das Ich die Mücke beschreibt, lässt es seine Teilnahme an deren Geschick erkennen. Da sind zunächst die vielen Diminutive (Mücklein, V. 2; Flügelein, V. 5, usw.), mit welchen die Mücke als ein liebenswertes kleines Wesen charakterisiert wird; ganz genau betrachtet das Ich die Mücke (V. 5-14), weil sie ihm etwas bedeutet; auch die bei der Beschreibung verwendeten Vergleiche zeigen, welchen Eindruck die Mücke dem Ich macht („von Seiden fein“, V. 5; vgl. V. 13). das Ich spricht auch direkt aus, dass es die Mücke ins Herz geschlossen hat (V. 14; vgl. V. 20 und 33) und ihr Ende im „Frieden“ als vorbildlich für uns alle ansieht (V. 36).
Das lyrische Ich, der Sprecher handelt, indem er spricht – was tut er, indem er gerade diesen Vergleich, gerade dieses Bild wählt, gerade hier vom Takt abweicht, gerade diesen Reim aussucht usw.?