Clemens Brentano: Am Ufer bin ich gangen – Analyse

Am Ufer bin ich gangen…(http://gedichte.xbib.de/Brentano_gedicht_Am+Ufer+bin+ich+gangen….htm)

Wir haben ein Gedicht Brentanos aus dem Jahr 1835 (https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Brentano/bre_1835.html) vor uns, das einige Rätsel aufgibt: Es spricht als lyrisches Ich eine Frau, die mit sich nicht im reinen ist (Ich irres, wirres Kind, Str. 4; Ich armes Waiselein, Str. 8): Einerseits leidet sie an ihrer Einsamkeit, anderseits verschmäht sie ihren Liebhaber: „Mein ist er, ich nicht sein“ (Str. 7). In ihrer Not wendet sie sich schließlich an den Gekreuzigten; sie hört eine Stimme und bekommt als Rat die Goldene Regel gesagt (Str. 13). Da entschließt sie sich, sich mit einem lieben Wanderer zu verbinden (Str. 15). – Die letzte Strophe steht formal außerhalb dieser Ich-Rede und kann als Dichterwort über sein Gedicht, könnte aber auch als Fazit des lyrischen Ichs gelesen werden.

Die Form der ersten 15 Strophen ist sehr streng und trägt dadurch einiges dazu bei, dem Leser Rätsel aufzugeben: Eine Strophe besteht aus 6 Versen (Ausnahme Str. 14); jeder Vers besteht aus einem dreitaktigen Jambus. Die ersten vier Verse sind im Kreuzreim verbunden, wobei sich weibliche und männliche Kadenzen abwechseln, wodurch nach V. 2 und erst recht nach V. 4 eine Pause entsteht. Die Verse 5 und 6 sind im Paarreim aneinander geknüpft, wobei der sechste Vers immer „So ganz allein, allein, allein“ ist; das ist, gemessen an der Dreizahl der Takte, ein Takt bzw. ein „allein“ zu viel – offenbar war dem Dichter die Dreizahl von „allein“ (als Klage) wichtiger als das Maß des dreitaktigen Verses. – Die Sätze sind kurz, was semantisch einige Unklarheiten bedingt.

Ich gebe einen Überblick über den Aufbau und orientiere mich dabei an den sprachlichen Handlungen des lyrischen Ichs (grammatisch an der Verwendung der Tempora bzw. der Verbformen, der Satzform und der Personalpronomina):

In Str. 1-3 berichtet das Ich von einem Spaziergang am See, bei dem es an seiner Einsamkeit leidet, während sein Liebhaber betrübt zu Hause sitzt; offenbar hat es seiner jedoch kurz gedacht (Str. 2 und 3).

Bereits in Str. 2 ist durch das Perfekt/Präsens signalisiert, dass das Ich beim Spazieren denkt; dieses Denken wird nun in Str. 4-6 intensiv, als eine Jetzt-Situation wahrnehmbar: eine dreifache Absage an den Liebhaber, „Dem ich am Herz geruht“, auch wenn er darüber zugrunde gehen sollte (Str. 6). Der kurze Rückblick in Str. 7, in dem von der diesen belebenden Begegnung mit dem Liebhaber erzählt wird (V. 1-4), begründet die Aussage „Mein ist er“; diese steht in Spannung zur Fortsetzung „ich nicht sein“ – in diesem Vers ist die komplizierte Situation des lyrischen Ichs umschrieben: Es ist einsam, aber von einer unglücklichen, von ihm selber nicht erwiderten Liebe betroffen. Der Schlussvers „So ganz allein…“ bezieht sich meistens auf das Ich, aber auch auf den Liebhaber (Str. 4, 6); einmal ist unklar, worauf er sich bezieht (V. 5) – eigentlich ist er da fehl am Platz.

In seiner Not fragt das Ich: „Wohin, wohin mich wenden?“ (Str. 8) Damit zitiert es, leicht abgewandelt, das Kirchenlied „Wohin soll ich mich wenden, / wenn Gram und Schmerz mich drücket?“ (Trostlied des Johann Philipp Neumann, 1774-1849) Mit dem Zitat ist schon klar, wohin es sich wenden soll: zu Gott, „Zu dir, zu dir, o Vater / komm ich in Freud und Leiden…“ Damit wird die Hinwendung zum Gekreuzigten (Str. 12), die scheinbar (!) auf dem zufälligen Anblick eines Kreuzes beruht, sachlogisch vorbereitet und eingefordert (eine Schwäche des Gedichts).

Verzögert wird diese Hinwendung zum Gekreuzigten durch die Reflexion der eigenen Situation (Str. 8, 9): Das einsame Ich hört sein klagendes Echo, es sieht in der Natur alles paarweise und ist selber so allein.

In der Logik der Frage „Wohin, wohin mich wenden?“ und der Hinwendung zum Gekreuzigten finde ich die Strophen 10 und 11 störend: Sie stellen einen Rückblick aufs eigene Leben dar, aus dem sich ergeben soll, dass die jetzige Einsamkeit unverdient ist; zur Not könnte man sie als kontrastierende Fortführung von Str. 9 lesen, aber erforderlich sind sie nicht. Die ganze Str. 11 verstehe ich ohnehin nicht wirklich: Wieso ist der Trinker gleich schwer berauscht? Wieso ist da ein Zauberbecher? Wieso wird er vertauscht? Und wer ist hier so allein? (Wieder zeigt sich die Schwäche, dass der identische sechste Vers immer wiederholt wird!)

Die Perspektive des lyrischen Ichs wechselt wieder (Str. 12): Es erblickt ein Kreuz und wendet sich mit zwei Bitten an den Gekreuzigten: Blick (als guter Hirt, Joh 10) dein Schäflein = mich an, treib mich (als verlorenes Schaf, Luk 15,1 ff.) wieder ein = zur Herde zurück = rette mich; der sechste Vers ist leicht abgewandelt („Bald“ statt „So“), wobei die Abwandlung keinen rechten Sinn ergibt – im Gegenteil, das Schäflein ist längst allein bzw. in der Gegenwart des Hirten eben nicht mehr allein.

Man muss sich die berichtete Jetzt-Situation vom Anblick des Kreuzes als Fortsetzung des Berichtes (Str. 1-4, V. 1 in Str. 4 und 8) denken; anderseits bleibt die Gesprächssituation mit dem Bericht vom stundenlangen Spaziergang (Str. 1-3) und dem aktuellen Geschehen (ab Str. 4) unklar: 1. Wem soll das Ich dies alles erzählen? 2. Warum bleibt nicht die Tempusform Perfekt/Präteritum erhalten? Man kann natürlich ans aktualisierende historische Präsens denken (ab Str. 4); aber die Sequenz als durchgehende Erzählung überzeugt mich nicht: Sie endet nicht als Erzählung (Str. 16). Der Bericht vom vergangenen Spaziergang steht eher unverbunden vor der Beschreibung gegenwärtigen Erlebens.

Vor dem Kreuz, also wohl vom Kreuz hört das Ich eine mahnende Stimme, wie es im Präsens berichtet (Str. 13), die ihm die Goldene Regel (vgl. Mt 7,12 bzw. Luk 6,31) als Heilmittel empfiehlt und gleich auf seine Einsamkeit anwendet: „Willst du nicht einsam wandern, / So laß nicht einsam stehn.“ Konkret heißt das, das Ich müsste zu dem von ihm (aus unbekannten Gründen) verschmähten Geliebten zurückkehren.

Diesen Schluss zieht das Ich aber nicht, sondern fragt: „Will keiner mir begegnen…?“ (Str. 14) Diese eher unverständliche Frage bereitet die Wahrnehmung vor, dass es einen Schritt hört. Es fragt sich: „Wer ist‘s?“ Und dann fragt es „bist du‘s“ – eine unverständliche Frage, wenn man sie nicht auf das verschmähte Du (Str. 1 ff.) bezieht – wobei das Auftauchen dieses Verschmähten am See natürlich ein kleines Wunder ist, da er doch mit gebrochenem Herzen und mit Schmerzen (Str. 6) zu Hause saß. Nach christlicher Begrüßung stimmt die Ich-Sprecherin dann dem göttlichen Wink zu: „Ach ja, wenn es soll sein…“ – zu ergänzen ist: Dann akzeptiere ich dich als meinen Mann. Ohne diese Ergänzung fehlt die Pointe des Geschehens vor dem Kreuz.

Nach längerem Nachdenken schreibe ich die letzte Strophe als Äußerung dem lyrischen Ich zu: Es hat seinen Gang „In Reue vollendet / Zum Kreuz gewendet“; der Gekreuzigte hat ihm gezeigt, was zu tun ist: sich des verstoßenen Liebhabers zu erbarmen. Str. 16 passt zwar nicht zum sprachlichen Duktus einer Erzählung (ab Str. 1), aber zum erzählten Geschehen von Leiden, Belehrung und Umkehr.

Wie soll man das Gedicht verstehen, wozu hat Brentano ein solches Gedicht von einer verstockten Geliebten, die sich auf des Herrn Jesus Rat dem Verschmähten zuwendet, geschrieben? Ich weiß es nicht, ich kann es nicht in die Geschichte der Liebeslyrik oder des Dichtens Brentanos einordnen, dazu fehlt mir die Kompetenz. Recht simpel verstehe ich es als eine kompensierende Phantasie des verschmähten Dichters Brentano: „1833 lernte Brentano in München die Schweizer Malerin Emilie Linder kennen. Wie bei früheren Frauenbekanntschaften wiederholten sich Liebeswerbung und Bekehrungsbemühungen; wie früher entzog sich die Freundin diesen Forderungen, ohne aber von ihnen ganz unbeeindruckt zu bleiben.“ (Wikipedia, Art. „Clemens Brentano“) Ich will mich biografisch nicht auf Frau Linder festlegen – aber dem oftmals zurückgewiesenen Brentano mag es ein Trost gewesen sein, sich vorzustellen, wie eine ihn Zurückweisende selber an ihrer Einsamkeit leidet und dann vom Herrn Jesus mit der Goldenen Regel belehrt wird, solches zu unterzulassen und sich des armen Liebhabers gefälligst zu erbarmen, auf dass sie aus ihrer eigenen Einsamkeit befreit werde. Das klingt zwar simpel, leuchtet mir aber ein.

Ein großes Gedicht ist es nicht, es hakt an einigen Stellen und könnte auch um zwei Strophen (10 und 11) gekürzt werden; aber es ist interessant, sich mit der Auflösung seiner Rätsel zu beschäftigen.

Advertisements

Liebeslyrik Barock – Literatur des Barock

Methodisch:

1. Wenn man Liebeslyrik des Barock kennenlernen will, sollte man mit ein paar Beispielen beginnen; am besten liest man eines so oft (hier: Hoffmannswaldau), dass man es auswendig aufsagen und zitieren kann – dann kann man mit diesem andere Barock-Gedichte vergleichen! Für die beiden ersten Gedichte nenne ich auch jeweils zwei Analysen.

Martin Opitz: Ach liebste laß uns eilen

Ach liebste laß uns eilen
Wir haben Zeit
Es schadet das verweilen
Uns beyderseit.

Der Edlen Schönheit Gaben
Fliehen fuß für fuß:
Daß alles was wir haben
Verschwinden muß.

Der Wangen Ziehr verbleichet
Das Haar wird greiß
Der Augen Feuer weichet
Die Brunst wird Eiß.

Das Mündlein von Corallen
Wird umgestalt
Die Händ‘ als Schnee verfallen
Und du wirst alt.

Drumb laß uns jetzt geniessen
Der Jugend Frucht
Eh‘ wir folgen müssen
Der Jahre Flucht.

Wo du dich selber liebest
So liebe mich
Gieb mir das wann du giebest
Verlier auch ich.

Analyse: http://proudmary.beepworld.de/files/anaylseopitz.doc

und vor allem http://erlangerliste.de/barock/start2.html

Arbeitsanweisung dazu: http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/opitz_txt_1.htm

 

Hoffmann von Hoffmannswaldau: Vergänglichkeit der Schönheit. Sonnet

 

Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand

Dir endlich mit der Zeit um deine Brüste streichen.

Der liebliche Korall der Lippen wird verbleichen;

Der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand.

 

Der Augen süßer Blitz, die Kräfte deiner Hand,

Für welchen solches fällt, die werden zeitlich weichen.

Das Haar, das izund kann des Goldes Glanz erreichen,

Tilgt endlich Tag und Jahr als ein gemeines Band.

 

Der wohlgesetzte Fuß, die lieblichen Gebärden,

Die werden teils zu Staub, teils nichts und nichtig werden.

Dann opfert keiner mehr der Gottheit deiner Pracht.

 

Dies und noch mehr als dies muss endlich untergehen.

Dein Herze kann allein zu aller Zeit bestehen,

Dieweil es die Natur aus Diamant gemacht

 

Analyse: http://www.germanistik.unibe.ch/pdffiles/Musterklausur.pdf

http://www.michaelseeger.de/k2d/17_ss_vergaenglichkeit.doc

 

Johann Georg Greflinger (ca.1620 – ca.1677)

An eine vortreffliche, schöne und tugendbegabte Jungfrau 

 

Gelbe Haare, güldne Stricke, 


Taubenaugen, Sonnenblicke, 


Schönes Mündlein von Korallen; 


Zähnlein, die wie Perlen fallen, 

 

Lieblichs Zünglein in dem Sprachen*, 


Süßes Zürnen, süßes Lachen, 


Schnee- und lilienweiße Wangen, 


Die voll roter Rosen hangen, 

 

Weißes Hälslein gleich dem Schwanen, 


Ärmlein, die mich recht gemahnen 


Wie ein Schnee, der frisch gefallen, 


Brüstlein wie zween Zuckerballen, 

 

Ausbund aller schönen Jugend, 


Aufenthaltung aller Tugend, 


Hofstatt aller edlen Sitten: 


Ihr habt mir mein Herz bestritten!
 

*Sprachen: Mund (Wortschöpfung/Neologismus)

 

2. Danach kann man sich mit der Theorie der Liebeslyrik im Barock befassen. Dieses Thema kann man in größere Zusammenhänge einbetten: Liebeslyrik im Barock -> Lyrik im Barock -> Literatur des Barock -> Epoche Barock. In dem Sinn sind die folgenden Links genannt und geordnet, besonders wichtige sind fett gesetzt:

a) http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/litge_barock_4_3_1.htm (Liebeslyrik Barock)

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/litge_barock_4.htm (Lyrik des Barock – Großseite, mit Textbeispielen)

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/litge_barock_0.htm (Literatur des Barock)

b) http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/ringvorlesungen/liebesdichtung_antike_barock/Liebeslyrik_Barock_Zusammenfassung.pdf (Liebeslyrik 17. Jh.)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/ringvorlesungen/liebesdichtung_antike_barock/Liebeslyrik_Barock_Folien.pdf (Folien zu: Liebeslyrik im 17. Jh.)

http://www.hoegy.de/wiki2/index.php/Lyrik/Barocke_Liebe (Liebesgedichte im Barock, Teil der Unternehmung „Lyrik“: http://www.hoegy.de/wiki2/index.php/Lyrik)

c) http://www.donat-schmidt.de/files/downloads/deutsch/textsammlung/barockgedichte.pdf (Barockgedichte – Beispiele)

http://wiki.zum.de/Lyrik_des_Barock (Lyrik Barock, allgemein – mit guten Links)

http://erlangerliste.de/barock/start2.html (Interpretation von Barock-Gedichten)

http://www.awg.musin.de/comenius/8_2_d_bar_lyrik.html (die barocke Lyrik: Referat)

http://www.ahg-ahaus.de/deutsch/barocklyrik.pdf (Barocklyrik – ausführlich, Auszug aus F. G. Hoffmann / H. Rösch)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/530.pdf (Barocklyrik – stark formal)

http://gedichte.xbib.de/literatur_epochen_barock.html (Barock, mit Autoren, Gedichten und literarischen Formen)

d) http://de.wikipedia.org/wiki/Barockliteratur (Barockliteratur – allgemein)

http://blog.zeit.de/schueler/2012/02/16/thema-literatur-des-barock-1600-1720/#dossier (Literatur des Barock, mit Links zu Textbeispielen)

e) https://de.wikipedia.org/wiki/Barock (Barock insgesamt)

http://www.pohlw.de/literatur/epochen/barock.htm (Barock allgemein)

http://www.literaturwelt.com/epochen/barock.html (Barock, mit einigen Gedichten von einigen der „Vertreter“ des Barock)