Feuchtwanger: Erfolg – Besprechung

Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz. Roman, 1930 (Aufbau, Berlin 2008)

„Erfolg“ wird heute zur Trilogie „Wartesaal“ gezählt, neben „Die Geschwister Oppermann“ und „Exil“; natürlich ist diese Trilogie nicht als solche konzipiert worden – als Feuchtwanger 1930 den Roman „Erfolg“ veröffentlichte, hoffte er wahrscheinlich, mit seinem Buch die Nazis stoppen zu können, entlarven zu können.

Als Poetologie dieses Romans lese ich Kapitel 5.22 „Das Buch Bayern“: „Indem das Schicksal Martin Krügers von Jacques Tüverlin Besitz ergriff, bekam das Martyrium dieses toten Mannes Sinn, bekam Jacques’ eigene und Johannas Entbehrung Sinn. Es trieb ihn, den Mann Krüger zu dichten.“ (S. 763) Der Roman „Erfolg“ ist in den ersten vier Kapitel ein Buch über den Kunsthistoriker Dr. Krüger, über den Meineidprozess gegen ihn, seine Verteidigung durch Dr. Geyer, seine Verurteilung durch den Richter Hartl, seine Haft und Johannas Kampf um seine Befreiung. In einem ist der Roman ein Buch über Bayern und die Bayern, aber auch über das Aufkommen der Nazis (im Roman: die Wahren Deutschen). „Wollte er Bayern dichten“, sagt sich Tüverlin, „mußte er das bayrische Unrecht mitdichten. Auf den Deckel des Manuskripts hatte Anni Lechner säuberlich geschrieben: ‚Das Buch Bayern’. Er fügte hinzu: ‚oder Jahrmarkt der Gerechtigkeit’.“ (S. 765; vgl auch S. 487 f. über die „höhere Realität“ der Literatur)

Es gibt eine Reihe Besprechungen des Romans; ich möchte ihnen keine große eigene hinzufügen. Ich habe die rund 770 Seiten mit Spannung gelesen; circa S. 500 – 620 ging es nur schleppend voran, danach kam wieder Fahrt auf. Die Konstruktion des zeitnahen Erzählens, teilweise personal erzählt, in Verbindung mit einem Rückblick aus großer Entfernung (S. 203 ff. etwa) auf die Zeit damals (1922-1925, wobei die Jahre 1922 und 1923 weitaus den größten Raum einnehmen) scheint mir nicht richtig gelungen: Die Distanzierung klingt zu gewollt, wird nicht durchgehalten.

Was ich vermisst habe: Einblick in Tüverlins großartigen Essay über Dr. Krüger; der Essay wird viel gelobt und gepriesen, aber man liest nur wenige Sätze daraus (S. 167-169); das Gleiche gilt für Dr. Geyers Plädoyer. Ferner habe ich Schilderungen vermisst, wie Dr. Reindl und andere ihre Industriepolitik machen. Und schließlich ist mir die Figur der Johanna Krain, verheiratete Krüger, in ihren Wandlungen und auch erotischen Anwandlungen unverständlich geblieben.

Erfrischt hat mich die böse Darstellung der Bayern: „Dieses Volk wünscht doch seine schmutzige Unlogik, fühlt sich wohl in seiner qualligen Verworrenheit. Gott hat ihnen ein stumpfes Herz gegeben, ein großes Plus übrigens auf diesem Planeten.“ (S. 116 – nur eine Stelle von vielen, vgl. auch S. 491 ff.; doch liebt der Schweizer Tüverlin auch das Land, schließlich bleibt er dort wohnen und schreibt sein Buch über Bayern!)

Feuchtwanger war ein „linker“ Schriftsteller; er distanziert sich jedoch vom historischen Materialismus: „Es gab damals eine Lehre, die sich historischer Materialismus nannte (…) Jacques Tüverlin fand die finstere Intoleranz, mit der die Anhänger dieser Lehre ihre Katalogisierungsmethode als die einzig mögliche gelten lassen wollten, etwas primitiv.“ (S. 672)

Es lohnt sich, das Buch als Roman vom Aufkommen des Nazismus und von der Willkür politischer Justiz in Deutschland (vor allem in Bayern) in der Weimarer Republik zu lesen. „Das Buch ‚Erfolg’ gibt nicht wirkliche, sondern historische Menschen.“ So steht es in der „Information“, die dem Roman folgt (S. 773). Man kann aber viele Figuren des Romans historisch entschlüsseln, vgl. die Liste im Historischen Lexikon Bayerns.

http://www.dieterwunderlich.de/Feuchtwanger_erfolg.htm

http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/feuchtwanger/

http://www.referate-max.de/referate/000059_erfolg.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Erfolg_%28Roman%29

http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44374

http://www.lipola.de/rezension/hoerbuecher/lionfeuchtwangererfolg.php

http://www.histo-couch.de/lion-feuchtwanger-erfolg-drei-jahre-einer-provinz.html

http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44767(Miesbacher Anzeiger)

http://www.michael-gerl.de/resources/Lion+Feuchtwanger.ppt (Biografie und Roman)

http://www.feuchtwanger.de/ (allgemein)

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autorf/feuchtwanger.html (Links: Feuchtwanger)

Feuchtwanger: Exil – Inhalt

Zusammen mit „Erfolg“ und „Die Geschwister Oppermann“ macht das Buch „Exil“ Feuchtwangers Wartesaal-Trilogie aus.

Erstes Buch: Sepp Trautwein

1  Sepp Trautweins Tag beginnt

Josef Trautwein, ein Musiker, und seine Frau Anna wohnen als Emigranten im billigen Hotel Aranjuez (Paris), mit Sohn Hanns (17). Man bemüht sich um eine Aufführung von „Die Perser“ im Rundfunk. Die beiden sind kurz nach dem 30.01.1933 emigriert; sie arbeitet beim Zahnarzt Dr. Wohlgemuth, er schreibt gelegentlich für die Exilzeitung „Pariser Nachrichten“. – Hanns geht zur Schule, sie zur Arbeit.

2  Die Pariser Nachrichten

Trautwein diktiert in der Redaktion der PN einen Artikel; Gespräch mit dem Chefredakteur Heilbrun und dem Herausgeber Gingold; Josef wird von Friedrich Benjamin zum Essen eingeladen. Er kennt den letzten Artikel Benjamins über zwei Hinrichtungen in Deutschland; Gespräch darüber, wozu die journalistische Arbeit gut ist. Er soll Benjamin fünf Tage als Redakteur vertreten.

3  Einer fährt im Schlafwagen in sein Schicksal

Die schöne Ilse verabschiedet ihren Mann Fritz Benjamin (Mittwoch); der will in Basel Dittmann treffen, der ihm einen Pass versprochen hat. Er hatte in Berlin als kritischer Journalist die geheime Rüstung aufgedeckt. Er denkt (März 1935) an das viele Geld, das Ilse braucht. Man will ihm seine „Plattform“ finanzieren, damit er kritisch über die deutsche Aufrüstung schreibt; er wird ablehnen.

4  Eine verirrte Bürgerstochter

Ilse verplempert mit ihren inneren Widersprüchen die Tage; ihr Verehrer „Janosch“ muss ihr Karten für einen Auftritt Marlene Dietrichs besorgen, sie schläft mit ihm. Montag kommt ein Telegramm, Fritz fahre nach Genf und komme Mittwoch. Als er auch am Freitag noch nicht da ist, fährt Ilse in die Redaktion; Polizei wird eingeschaltet. Sie bleibt im Hotel Atlantic; sie weiß, wie deutsche „Vernehmungen“ vorgenommen werden. – Man hat Fritz nach Deutschland verschleppt und Dittmann verhaftet.

5  Zahnschmerzen

Anna kümmert sich um die Emigrantin Elli, verspätet sich deshalb bei der Arbeit. Wohlgemuth erzählt von komischen Emigranten, sie bringt Elli als Dienstmädchen bei ihm unter. Der Sekretär der deutschen Botschaft von Gehrke, Nazi, wird beim Zahnarzt behandelt; er hat das dicke Geld für seine Behandlung dafür bekommen, dass er Benjamin durch Dittmann hat verschleppen lassen. Wohlgemuth schleift ihm die Zähne, er will 15.000 vom Honorar den Emigranten zugute kommen lassen. [Verquickung von Nazis und Emigranten beim Geld und in der Literatur]

6  Kunst und Politik

Trautwein leidet an Benjamins Verschleppung; er soll dessen Stelle als Redakteur bei den PN einnehmen – er möchte annehmen; Anna ist dagegen, weil dann seine Musik darunter leidet. Er besucht den Exildichter Tschernigg; der liest ihm neue Verse vor. Josef fragt jenen um Rat in Sachen Festanstellung; der rät heftig ab, er könne Benjamin damit nicht helfen. Entgegen seinem Vorsatz sagt Josef den PN zu. Er schreibt einen fantastischen Aufsatz über den Fall Benjamin, den Millionen lesen und der offenbar doch nichts bewirkt.

7 Einer der neuen Herren

Erich Wiesener (47), Pariser Vertreter der Westdeutschen Zeitung, denkt morgens über Trautweins Artikel und Benjamins Verschleppung, über sich und den Journalismus nach. Er agiert pro NS, schreibt heimlich aber seine Historia arcana, eitel und relativ ehrlich. Von Gehrke besucht ihn, damit er den Trautwein-Artikel nicht beachte; Wiesener reflektiert die Minderwertigkeitsgefühle der Berliner und rät zum Nichtstun. Man überlegt, wie man die Exilpresse zurückdrängen kann. Seiner Sekretärin Maria diktiert Wiesener einen Artikel über einen Pariser Streik; sie ist vom Trautwein-Artikel beeindruckt, er diktiert ihr seine Biografie Beaumarchais’.

8  Trübe Gäste

(über die deutschen Emigranten)

9  In der Emigrantenbaracke

Bedeutung der „Pariser Nachrichten“. Am 29. März ist es amtlich, dass Benjamin entführt worden ist. Tscherniggs Gedichte in den PN: ein Misserfolg. Harry Meisel (19), Dichter, wohnt wie Tschernigg im „Asyl“; Trautwein bekommt Texte von ihm: Exilgeschichten als Kommentare zu einem Shakespeare-Sonett („Sonett 66“).

10  Blick in eine neue Welt

Hanns will an der neuen Welt in Moskau mitbauen, geht zu „Vater Merkle“; er fragt ihn um Rat, ob er weiter mit seinem Vater über Politik diskutieren soll. Dessen Rat: Er solle vorsichtig für den Kommunismus werben, im Sinn der Einheitsfront. „Wen man nicht bekehren kann, den soll man wenigstens verwerten.“

11  Hanns Trautwein wird achtzehn Jahre

Am 2. April interveniert die Schweiz beim Dt. Reich in Sachen Benjamin; Trautwein kauft ein für ihn zu teures Mikroskop für Hanns, der am 3. April Geburtstag hat. Hanns freut sich kaum, sieht es auch als Bestechungsversuch; beim Abendessen diskutieren Trautwein über den Fall Benjamin, Hanns im Sinn der SU-Politik. – Wie Anna den Tag verbracht hat und den Streit von Mann und Sohn erlebt.

12  Einer riecht die Heimat im Exil

Sepp geht mit Tschernigg und Harry essen; auch diese beiden halten nicht viel von der Schweizer Note, woran Sepp leidet. Am 15. April kommt die deutsche Antwort – Sepps Artikel dazu wird nicht gut, er diktiert ihn neu direkt in die Setzmaschine. Er hat Angst vor zu Hause und geht mit seiner Sekretärin essen, ein langer vertraulicher Abend. Er geht zu Fuß nach Hause, dort trinkt er in der Frühe noch einen Kaffee, die Milch ist schlecht, es gibt heftigen Streit mit Anna.

13  Der Tod von Basel

Wiesener ist bei von Gehrke wegen des Falls Benjamin; Gehrke pfeift das Volkslied „Der Tod von Basel“. – Heydebregg soll als Emissär des Führers kommen. – Lea, seine langjährige Freundin, spricht Wiesener auf Trautweins neuen Artikel an, sie widerspricht der NS-Politik und setzt sich dafür ein, dass Trautwein und den PN nichts getan wird. Er denkt an seine Historia arcana als das Schlüsselwerk der Epoche.

14  Ein deutscher Junge in Paris

Raoul (18), Sohn Leas und Wieseners, offiziell Sohn von Leas erstem Mann, kommt im vom Vater bezahlten Frack zu Lea; sie ärgert sich über den Frack, sagt aber nichts dazu. Er zieht gegen Wiesener vom Leder. Am 5. April trifft Raoul Federsen, lädt ihn zu einem Besuch ein. Raoul bringt u.a. seine vom Vater abgelehnte Idee eines deutsch-französischen Jugendtreffens (mit ihm als Leiter der französischen Delegation) ins Gespräch. Nach einem Bordellbesuch erzählt Klaus Federsen Raoul, wie er seinen Vater (Chef der Mitropa-Bank) in seine Gewalt bekommen hat: durch Drohung mit Denunziation. Das beeindruckt Raoul.

15  Parteigenosse Heydebregg und seine Sendung

Heydebregg kommt nach Paris, um den Botschafter etwas zu deckeln; er ist ein alter Kämpfer, einflussreich. Wiesener kommt mit ihm ins Gespräch; Heydebregg soll das Gerede um den Fall Benjamin beenden, also die PN beseitigen – Kritik an Wiesener. Der soll darlegen, wie man die PN erledigen kann. Wiesener will ihn in Pariser Geschichten hineinziehen und setzt bei Lea durch, ihn zu einer Abendgesellschaft einzuladen. Lea und auch Raoul gefallen Heydebregg, er kommt in Paris gut an.

16  Der getretene Wurm krümmt sich

In den PN erscheint ein Artikel über Wiesener und seine nichtarische(n) Freundin(nen); Sekretärin Hegner warnt ihn vor Gefahren. Am nächsten Morgen wird er von Heydebregg zum Rapport bestellt; es ist unklar, wie das Gespräch gewirkt hat. Ein Telefonat mit Lea scheitert, Wiesener steht zwischen seiner Neigung zur viertelnichtarischen Lea und seiner NS-Karriere. Sekretärin Maria sagt, er müsse die Beziehung zu Lea beenden. Raoul kommt zornig und gibt Wiesener Geld zurück, er fühlt sich durch den Artikel in den PN erniedrigt. Zu seiner Rehabilitierung verlangt er energisch das deutsch-französische Jugendtreffen, was sein Vater ablehnt. Der lässt sich im Streit gehen und gibt Raoul eine Ohrfeige; das  Verhältnis ist zerbrochen. Heydebregg mahnt die Kampagne gegen die PN an. Wiesener muss sich im Moment entscheiden. Bis Mittwoch nächster Woche will er seinen Plan vorlegen, wie man die PN erledigen kann.

 

Diese Wiedergabe des „Inhalts“ kann nicht das Buch „Exil“ erfassen, weil dieses wesentlich von den Gedanken der Figuren und der Spannung zwischen dem, was sie sagen, und dem, was sie denken, lebt. Ich verzichte deshalb darauf, auch den Inhalt der beiden folgenden Bücher („Pariser Nachrichten“ und „Der Wartesaal“) wiederzugeben.

http://de.wikipedia.org/wiki/Exil_(Feuchtwanger)

http://www.schoolwork.de/literatur/feuchtwanger-lion_wartesaal.php

http://www.buchinformationen.de/rezension.php?id=3567

http://www.histo-couch.de/lion-feuchtwanger.html

Feuchtwanger: Die Geschwister Oppermann – Inhalt

Roman, 1933

Erstes Buch: Gestern

Die Ereignisse vom 16. November bis 31. Dezember 1932 betreffen die Mitglieder der jüdischen Familie Oppermann im weiten Sinne; diese sind genötigt, mit dem wachsenden Antisemitismus und dem Erstarken der NS-Bewegung fertig zu werden.

Dr. Gustav Oppermann feiert am 16.11. seinen 50. Geburtstag; er hat sich aus dem Geschäft der Möbelfirma Oppermann zurückgezogen. Sein Bruder Martin schenkt ihm das Portrait des Großvaters und Firmengründers Immanuel Oppermann; im Kontrast zu dessen Leben wird die gegenwärtige schlechte Lage der Juden deutlich. Prof. Mühlheim bringt Gustav nur mit Mühe dazu, 200.000 Mark sicher im Ausland anzulegen; Gustav ist mehr mit seiner Lessing-Biografie und auch seiner Freundin Sybil (30) befasst und mit seinem Leben und seinem schönen Haus im Grunewald zufrieden.

Sein Bruder Martin Oppermann (48) führt das Geschäft; er plant, zwei Filialen unter dem harmlosen Namen „Deutsche Möbelwerke“ als AG zu führen, um das Odium des Jüdischen zu verlieren; er erwägt deswegen auch eine Fusion mit einem deutschen Konkurrenten. Sein Sohn Berthold (U I) bekommt in der Schule Probleme mit dem neuen nationalistischen Klassenlehrer Dr. Vogelsang; der drückt ihm das Thema „Hermann der Deutsche…“ auf und unterbricht ihn bei seinem Vortrag, weil er angeblich die Bedeutung des deutschen Helden Hermann beleidigt habe. Dieser Konflikt beschäftigt sowohl den Schulleiter François wie auch mehrere Mitglieder der Familie: Soll Berthold sich entschuldigen oder nicht? Vogelsang hat in der U I zwei Jungen für die NS-Organisation „Junge Adler“ geworben.

Der berühmte Arzt Prof. Edgar Oppermann (46) hat das Problem, dass er seinen jüdischen Assistenten Jacoby nicht zu seinem Stellvertreter befördert bekommt; er selber wird in der Presse öffentlich angepöbelt (sinngemäß „Jude vergießt Christenblut“) und weiß nicht, ob er gerichtlich dagegen vorgehen soll.

Der Schwager Jacques Lavendel und seine Kinder spielen v.a. als Gesprächspartner Bertholds eine Rolle. Nur in der Familie Lavendel erkennt man im NS eine ernsthafte Gefahr, die Oppermanns schätzen die Lage günstiger ein. „Man lächelte darüber, daß jetzt das gezähmte Haustier, der Kleinbürger, androhte, zu seiner wölfischen Natur zurückzukehren.“ (S. 41)

Der jüdische Verkäufer Wolfsohn arbeitet erfolgreich bei Oppermann; in sein Leben dringt der Antisemitismus teils über manche Kunden, die sich nicht von Juden bedienen lassen wollen, ein, stärker jedoch durch seinen nationalsozialistischen Nachbarn Zarnke, der gern Wolfsohns Wohnung für Verwandte bekäme. Bei einem Besuch bei seinem Schwager Ehrenreich zum Chanukka-Fest wird über antisemitische Vorfälle und die Notwendigkeit der Auswanderung diskutiert.

François kritisiert im Gespräch mit Vogelsang das schlechte Deutsch in „Mein Kampf“ und will dieses Buch in seiner Schule nicht zitiert haben; auch bei einem Besuch bei seinem Freund Gustav Oppermann geht es um dieses miserable Buch und die Lügen der „Protokolle der Weisen von Zion“.

Die Ereignisse spielen vor allem Mitte November und dann zwischen Weihnachten und Silvester 1932. Am 31.12. erfährt Gustav von einem Überfall auf den Schwager seines Dieners, der von Nazis nach seiner Zeugenaussage in einem NS-Prozess zusammengeschlagen worden war und nun im Sterben liegt; trotz seiner Aussage und der anderer Zeugen waren die Nazis wie üblich „wegen Notwehr“ freigesprochen worden. Gustav und François sind trotzdem zuversichtlich, dass die Mehrheit der Deutschen gut und anständig ist.

Im Kontrast dazu berichtet der Erzähler als letzten Satz, dass Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichkanzler ernannt wurde.

Zweites Buch: Heute

Die in diesem Teil erzählten Ereignisse spielen von Anfang Februar bis zum 1. März 1933, also zwischen der Machtergreifung vom 30. Januar und der Reichstagswahl am 5. März. Markant sind die Bedrängnis der Möbelfirma Oppermann und des Schülers Berthold; aber auch die anderen Mitglieder der Familie sowie der Verkäufer Wolfsohn erleben eine zunehmende Isolierung.

Gustav widersetzt sich Anfang Februar noch der Partnerschaft mit Wels, wenn auch nur noch das Stammhaus nicht der Firma „Deutsche Möbelwerke“ angeschlossen wird. Als Gustav einen Aufruf gegen die zunehmende Barbarisierung des öffentlichen Lebens unterzeichnet hat, wird er in der Presse angefeindet und vom befreundeten Juristen Mühlheim getadelt; François traut sich nicht mehr, öffentlich bei Oppermann zu kaufen.

Bertholds Mitschüler Rittersteg ersticht vorsätzlich den Redakteur Kasper wegen eines führerkritischen Aufsatzes, stellt die Tat als Notwehr dar und wird von der NS-Presse als Held gefeiert; er agitiert gegen Berthold, kann aber nicht die Freundschaft Heinrich Lavendels gewinnen. Bertholds Problem mit Vogelsang gärt ungelöst weiter – François tröstet ihn mit Hinweis auf Lessings Brief vom 31.12.1777.

Edgar Oppermann wehrt sich zunächst noch, gegen Hetzartikel über „jüdische Ritualmorde“ zu klagen; als ein Patient in der Klinik pöbelt und Edgar dann klagen will, rät Mühlheim davon ab. Sein Assistent Jacoby kann nicht mehr befördert werden, Edgar verzichtet auf eine Klage.

Als die Firma öffentlich immer stärker verleumdet wird, muss Martin persönlich mit Wels über eine Fusion der Firmen verhandeln; er wird von Wels gedemütigt, erreicht aber wegen Wels’ Dummheit gute finanzielle Konditionen. Die Brüder Oppermann verlieren immer stärker ihre Zuversicht.

Berthold wird aus dem Fußballclub ausgeschlossen; als ein Zeitungsartikel François und sein Gymnasium wegen Bertholds Vortrag öffentlich angreift, wird François kleinlaut; Vogelsang verlangt Abbitte oder Entlassung Bertholds bis zum 1. März. Sein Onkel Ranzow, der selber Schwierigkeiten hat, seine jüdischen Beamten zu halten, rät Berthold zum Widerruf; seine Cousine will ihn zur Auswanderung nach Palästina überreden. Auf Anraten seines Vetters Heinrich Lavendel und der Eltern schreibt er am 26.02. einen Brief an François, er wolle am 1. März Abbitte leisten.

In der Nacht zum 28. Februar informiert Mühlheim Gustav, dass der Reichstag brennt, und bedrängt ihn, er müsse zu seiner Sicherheit sofort abreisen; Sybil weigert sich mit Rücksicht auf ihr literarisches Werk mitzufahren. Gustav überträgt Dr. Frischlin, der jetzt nur noch für ihn arbeitet, die Sorge ums Haus und steigt am Abend in den Zug.

Berthold liest am gleichen Abend noch im „Michael Kohlhaas“. Trotz seiner Zusage, am nächsten Morgen zu widerrufen, bestätigt er noch einmal das Manuskript seines Vortrags und zitiert Kleist: „Lieber ein Hund sein, wenn ich von Füßen getreten werden soll, als ein Mensch.“ In der Nacht zum 1. März vergiftet er sich mit Schlaftabletten.

Drittes Buch: Morgen

Im letzten Buch werden die Geschicke der bereits bekannten Personen von Ende März 1933 bis Sommer 1933 erzählt; zum Schluss liegt der Fokus auf Gustav Oppermann und seinem Tod.

Gustav hält sich nach seiner Ausreise in Bern auf und hält Abrechnung mit sich selbst. Er liest in den Zeitungen von den Verwüstungen in Deutschland. Frischlin kommt und berichtet, wie der Terror militärisch-bürokratisch organisiert wird.

Am 1. April 1933 fährt Edgar trotz des Judenboykotts in die Klinik, um selber einen Kranken zu operieren; die jüdischen Ärzte werden verjagt, Oppermann wird vorübergehend davon ausgenommen. Liselotte erinnert sich an Bertholds Sterben; Martin fährt trotz des Boykotts in die Firma. Er muss für das Ankleben judenfeindlicher Plakate bei den Nazis eine Gebühr entrichten. In der nächsten Nacht wird Martin abgeholt und mit anderen im Keller schikaniert; am frühen Morgen wird er gegen 2 Mark Gebühr (für Unterkunft und Verpflegung) entlassen.

In Lugano erwartet Gustav den Besuch seines Jugendfreundes Johannes Cohen, eines Philosophieprofessors; der kommt aber nicht, er ist ins KZ eingeliefert worden. Ein Bekannter Frischlins, Dr. Bilfinger, informiert Gustav über Fälle von Verfolgung im Schwäbischen; er überreicht ihm einen detaillierten Bericht. Gustav erlaubt dem befreundeten Schriftsteller Gutwetter, seine Bibliothek zu benutzen; als Gustav das Angebot Sybils, ihn zu besuchen, ablehnt, schließt sie sich völlig an Gutwetter an. Dieser wird von den neuen Herren hofiert und erfreut sich dessen.

Vogelsang setzt durch, dass Rittersteg trotz zweier 6er in die O I versetzt wird; er bietet François eine Galgenfrist an, falls dieser in der Einschätzung von „Mein Kampf“ einen Rückzieher macht. Der weigert sich und wird auf seine Entlassung eingestimmt – Vogelsang geht in die Personalabteilung des Kultusministeriums nach Berlin.

Jacques Lavendel liquidiert seine Geschäfte, um Deutschland zu verlassen; Heinrich überfällt nach einer Bootsfahrt Rittersteg im Wald, bringt es aber nicht fertig, ihn zu töten.

Frau Wolfsohn bedrängt ihren Mann, der entlassen worden ist, zu emigrieren; dieser zögert und wird dann nachts abgeholt. Man beschuldigt ihn, den Reichstag angezündet zu haben; er hat aber für die Nacht auf den 28.02. ein Alibi. Er kommt frei und betreibt seine Ausreise nach Palästina; der lästige und rauflustige NS-Nachbar Zarnke, der es auf seine Wohnung abgesehen hatte, kommt ins KZ.

Am 11. April, dem 14. Nisan, wird bei Lavendel am Luganer See Passah gefeiert; zum letzten Mal sind die Oppermanns zusammen, die Geschichte der Oppermanns ist aus.

Gustav trifft unbestimmte Zeit später Anna, eine Alternative zu Sybil, in Bandol/Provence; sie richten ein Häuschen ein, Anna hat von Gustavs Bedrängnis und den Schikanen in Deutschland nichts mitbekommen. Sie verteidigt die nationale Revolution. Als in einer Zeitung Cohens „Selbstmord im KZ“ berichtet wird, sieht Anna die Realität in Deutschland. Zu Beginn des Sommers fährt sie zurück.

Gustav lernt Georg Treibschitz kennen; sie tun viel gemeinsam und werden einander ähnlicher. Er gibt Treibschitz Geld für ein Häuschen und bekommt dafür dessen Pass. In Zürich trifft er Heinrich und dessen Freund Tüverlin; der erklärt ihm vergeblich, dass es sich nicht lohne, für eine Idee zu sterben. Gustav schickt seine Sachen zu Lavendel und geht im Frühsommer 1933 nach Deutschland zurück; er will den Leuten die Augen öffnen.

Er erkennt, dass das Problem der kleinen Leute nicht die Naziherrschaft, sondern die eigene Not ist. Er trifft zufällig Frischlin; der will ihn unbedingt wieder ins Ausland fortschicken, Gustav betreibe Lesebuchheroismus. Frischlin gehört zur Untergrund-KP, der auch Treibschitz angehört hatte. In einem Lokal wettert Gustav mit einigen anderen über die Nazis, gleich werden sie verhaftet.

Er kommt ins KZ Moosach: Arbeit, Turnen und Schikanen, knappes Essen. Wegen des Spruchs „Gemeinheit geht vor Eigennutz“ eines verwirrten Kameraden kommt er mit anderen in den Bunker; er bereut seine Rückkehr nach Deutschland. Er wird „verhört“ und zerbricht daran.

Frischlin informiert Mühlheim über Gustavs Situation. Der schaltet Sybil und Lavendel zu Befreiung des Herrn „Triebschitz“ ein. Sybil gelangt nach Moosach und sieht, wie die Gefangenen eine Dampfwalze ziehen müssen; sie erkennt Gustav zunächst nicht unter ihnen, weil er so stark vom KZ gezeichnet ist.

Als Gustav freikommt, bringt Lavendel ihn in ein Sanatorium. Nach sechs Wochen stirbt er an Herzschwäche. Zwei Wochen später bekommt Lavendel den Nachlass, mit einem Bericht Frischlins von dessen letztem Gespräch mit Gustav über die Frage, ob sein Leben einen Sinn gehabt habe. Gustav hat auch einen Bericht über das KZ Moosach verfasst. Ferner liegt die alte Karte Gustavs, jetzt an Lavendel adressiert bei, auf die ein Talmud-Spruch geschrieben ist: „Es ist uns aufgetragen, am Werke zu arbeiten, aber es ist uns nicht gegeben, es zu vollenden.“

Dieser Spruch kann als Motto des ganzen Romans gelten; er ist nicht nur Motto des dritten Buchs, sondern findet sich am Anfang und am Ende (S. 36, 357, Ausgabe als Fischer-Taschenbuch 1981) sowie zwei weitere Male (S. 268, 301) und wird dabei auch mit der Passah-Hoffnung auf die endgültige Befreiung der unterdrückten Juden in Verbindung gebracht (S. 301).

Erläuterungen und Kritik

1. Das im Roman so genannte KZ Moosach ist wohl nicht mit dem sogenannten „Arbeitserziehungslager“ im Norden Münchens identisch, weil AEL offenbar erst 1940 eingerichtet wurden:

http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitserziehungslager

http://de.scribd.com/doc/110411790/KulturGeschichtsPfade-Moosach (dort S. 39 f.)

http://www.bundesarchiv.de/zwangsarbeit/haftstaetten/index.php?action=2.2&id=100000087

http://www.wochenanzeiger.de/article/113412.html

http://www.zum.de/Faecher/Materialien/lehmann/dps/lebensumstaende/verhaltensvorschriften/disziplinierung/leistungssteigerung.htm (erst 1941 eingerichtet?)

„Moosach“ ist also ein fiktiver Ort; Belege für ein KZ Moosach habe ich nicht gfunden.

2. Wenn man überlegt, was alles nach dem Beginn des Sommers passiert, als Anna Gustav verlassen hat, ergeben sich Probleme mit der Chronologie:

* Gustav lernt Treibschitz kennen, sie werden einander (im Verlauf von Wochen!) ähnlich

* Er fährt nach Zürich

* Er tut sich im Süddeutschen um

* Er kommt ins KZ

* Er kommt wieder raus und geht sechs Wochen ins Sanatorium

* Nach seinem Tod vergehen zwei Wochen, dann bekommt Lavendel das Paket –

dann sieht man, dass man das nicht alles in einem einzigen Sommer unterbringen kann. Deshalb habe ich zuerst gemeint, Gustav fahre im Frühsommer 1934 zurück; aber das ist wohl falsch.

3. Überhaupt weist das dritte Buch erzähltechnisch Schwächen auf:

* dass François auf einmal so heldenhaft widersteht,

* dass Zarnke ins KZ kommt,

* dass Lavendel praktisch pleite war und so den NS-Staat noch schädigte,

* dass er trotzdem auch nach seiner Emigration noch so großen Einfluss hat,

* dass Bilfinger als der große Informant auftaucht,

* dass Dr. Frischlin sich als kommunistischer Oberfunktionär erweist,

* dass Anna zunächst so dumm und dann vollkommen belehrt ist,

* dass Gustav dem Georg Treibschitz ähnlich wird,

* dass Gustav eigentlich unmotiviert ins Reich zurück fährt,

* dass er sich so blöde verhaften lässt,

* dass Sybil sich abwendet und sich dann doch so stark (wie?) für Gustav engagiert,

* dass der durchtrainierte Gustav im Sanatorium noch an Herzschwäche stirbt –

das alles ist ziemlich unglaubwürdig und eher „moralisch“ als sachlich oder psychologisch motiviert: Man möchte es aus Sympathie mit den Oppermanns glauben; aber wenn man einmal über den Schluss des Romans geschlafen hat, werden im dritten Buch erhebliche Schwächen sichtbar.

Inhaltsangaben, Besprechungen

http://www.histo-couch.de/lion-feuchtwanger-die-geschwister-oppermann.html

http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/kunst/feuchtwanger/

http://sector-o.cc/2013/05/lion-feuchtwanger-die-geschwister-oppermann/

http://gabrieleweis.de/2-bldungsbits/literaturgeschichtsbits/thema%20jugend/reader-thema-jugend/11-feuchtwanger-geschwister-oppermann.htm

http://www.steffi-line.de/archiv_text/nost_serie/m_oppermann.htm

Klaus Modick: Sunset – Rezension

Klaus Modicks Buch „Sunset“ (2011; 2012 als Taschenbuch): ein Tag im Leben des Schriftstellers Lion Feuchtwanger, genauer der 18. August 1956. An diesem Tag ist er allein zu Hause in Pacific Palisades, in seinem amerikanischen Exil; sein Frau Marta ist verreist und hat ihm auf diversen Zetteln Anweisungen gegeben, was er an diesem Tag alles zu tun und zu beachten hat. An diesem 18. August 1956 bekommt er ein Telegramm, in dem er eingeladen wird, in Ostberlin an einem Staatsakt zu Ehren des gerade verstorbenen Dichters Bertolt Brecht, seines Freundes, teilzunehmen.

Aus diesem Anlass kommen ihm im Lauf des Tages verschiedene Erinnerungen an Brecht; damit haben wir zwei Themen des Buches genannt, den Menschen Feuchtwanger und den Dichter und Menschen Brecht. Marta ist nach Diego gefahren, zu einem Anwalt, wegen ihres Antrags auf Einbürgerung in die Vereinigten Staaten, in die sie mit ihrem Mann 1940 emigrieren konnte. Damit sind zwei weitere Themen genannt: das Leben deutscher Schriftsteller im Exil und die Schikanen der Einwanderungsbehörde in der McCarthy-Ära.

Das Ganze ist anschaulich und auch unterhaltsam erzählt. Aufgelockert wird es durch einige Sätzen aus Werken Feuchtwangers, die ihm (angeblich) gerade an diesem Tag einfallen und die er sogleich notiert; aufgelockert wird es auch durch gelegentlich eingestreute Lebensweisheiten des alten Mannes Feuchtwanger, der zwei Jahre später verstorben ist: „Diese Landschaft im Spiegel [im Rückspiegel eines fahrenden Autos, N.T.], die in jedem Augenblick neu entsteht und von der wir uns ununterbrochen entfernen, ist die Vergangenheit. Gegenwart ist immer verwirrend, vage und vieldeutig. Sie bestimmt unser Leben, lässt sich selbst aber nur als vergangene erfassen und verstehen…“ (S. 186 – eine Seite später ist das Buch zu Ende).

Klaus Modick hat also ein unterhaltsames Buch geschrieben. Außerdem bedankt er sich bei der Villa Aurora, und da ich die nicht kannte, habe ich nachgeschaut, was das ist, und habe zur Kenntnis genommen, dass man dort als Feuchtwanger Fellow ein Stipendium bekommen kann: „Die Villa Aurora vergibt jährlich insgesamt bis zu 12 dreimonatige Stipendien für Künstlerinnen und Künstler der Bereiche Bildende Kunst, Komposition, Film und Literatur für einen Aufenthalt in der Villa Aurora in Pacific Palisades, einem Stadtteil von Los Angeles. […] Das Stipendium in Los Angeles dient der Arbeit an einem künstlerischen Projekt. Zudem wird bei Bedarf in Los Angeles nach Möglichkeiten gesucht, Lesungen, Konzerte, Ausstellungen oder Filmvorführungen zu organisieren oder sich mit Kultureinrichtungen und Künstlern zu vernetzen.“ Aber das brauchte ich eigentlich nicht zu wissen, da ich nicht an einem künstlerischen Projekt arbeite – jedenfalls nicht an einem, wozu ich nach Kalifornien reisen sollte.

Was andere zum Buch sagen bzw. geschrieben haben:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/klaus-modick-sunset-der-amerikanische-freund-1643006.html

http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/klaus-modicks-neuer-roman-sunset.html

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=15569

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/m/modick_gogolin.htm