Ludwig Marcuse: Ignatius von Loyola – vorgestellt

Ignatius von Loyola. Ein Soldat der Kirche“ ist erstmals 1937 (1935?) erschienen. Es ist die Biografie eines bedeutenden Katholiken aus der Feder eines „Ungläubigen“: ein sehr grundsätzliches Buch.

Marcuse zeichnet in seiner dialektischen Manier den Weg vom Knappen, der nach dem Vorbild des „Amadis von Gallien“ eine Dame verehrt, über den Soldaten, der verwundet und damit kampfuntauglich wird, über den Christen, der eine mystische Einheit mit den Armen und Kranken lebt, über den Pilger nach Jerusalem und den Mann, der die ersten Gefährten um sich sammelt, zum Ordensgründer und ersten General einer Gesellschaft, die auf totalen Gehorsam setzt und den Zugang zu den Großen sucht: ein Mann, der letztlich gescheitert sei: „Über dem christlichen Gesetz der Liebe steht das nichtchristliche Gesetz des blinden Gehorsams. Am Ende eines reines Lebens beweist der General noch einmal, daß er, ein heiliger Mann, in aller Unschuld, mit verehrungswürdiger Kraft – dem Satan gedient hat: dem harten Gott über allen Göttern; dem Gott, der Herren wachsen lässt. […] Nicht Sklaven, sondern Ideen-Besessene, nicht Schurken, sondern Heilige sind die besten Soldaten für die verruchtesten Kriegsziele.“

Dabei stellt Marcuse seinen Ignatius immer wieder als Menschen in seiner Zeit dar; das 16. Jahrhundert mit seinen Aufbrüchen, seinen Reichtümern, seinen Nöten und Gefahren wird vor den Augen der Leser lebendig, so dass man das Buch wie einen Roman liest. Und Ignatius von Loyola, in dessen Wappen zwei Wölfe stehen: „Er war immun gegen die tödlichsten Bazillen aller Kämpfe: gegen die Rachsucht des unterlegenen, gegen den Übermut des siegreichen Loyola.“

In einem großartigen „Nachwort an den gläubigen und den ungläubigen Leser“ reflektiert Marcuse sein Recht einer kritischen Loyola-Biografie, eine Darstellung „im Licht des Unglaubens, den er [I. v. L.] stiftete“. Denn „viel entscheidender als seine Zwiesprache mit dem Heiligen Geist war sein Entschluß, nichts Gott zu überlassen. Er meinte sogar, ‚daß es Gott versuchen hieße, wenn man die zur Verfügung gestellten Mittel verschmähen wollte, um auf Wunder zu warten‘. So setzte sich ein christlicher Atheismus durch.“

Das erste Motiv seines Buches sei gewesen, „den Mann vorzuführen, der die Religion des Trostes zu einer Religion der Welteroberung machte – ad majorem dei gloriam“. Und das zweite Hauptmotiv: „es darf der Loyola, es darf das Christentum nicht denen überlassen werden, die es in Verruf gebracht haben; und nicht von denen ‚überwunden‘ werden, die seiner nicht würdig sind“. Marcuse will also mit seiner Kritik an diesem Mann den Ignatius von Loyola retten – auf dass eine Askese wie die seinige einem größeren Ziel diene.

https://jesuiten.org/wir-jesuiten/heilige-und-selige/ignatius-von-loyola.html

https://www.heiligenlexikon.de/BiographienI/Ignatius_von_Loyola.htm

http://kath-zdw.ch/maria/hl.ignatius.v.loyola.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Ignatius_von_Loyola https://www.univie.ac.at/igl.geschichte/ws2002-2003/ku_ws2002_homepages/Behofsics/Ignatius%20von%20Loyola-Biographie.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Marcuse (Ludwig Marcuse)

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Ludwig Marcuse: Mein zwanzigstes Jahrhundert – Überlegungen zu einer Besprechung

Über Ludwig Marcuse (1894 – 1971) findet man in Meyers großem Taschenlexikon (1998) zehn Zeilen. Das ist ein bisschen zu wenig. Wer mehr von ihm wissen will, kann seine Autobiografie „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ (1960, 1975 als Taschenbuch) lesen. Oder eines seiner Bücher, am besten „Philosophie des Glücks“ (1949).

Warum überhaupt Marcuse? Weil er ein Zeuge des 20. Jahrhunderts ist, also vor allem der Zeit nach 1918 – das 20. Jahrhundert begann ja in Wahrheit mit dem Ersten Weltkrieg. Und weil Marcuse selber noch im 19. Jahrhundert beheimatet war, „soweit es mit der Frühromantik begann und in Nietzsche seinen Gipfel erreichte“ (S. 9 – ich zitiere „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ nach der TB-Ausgabe detebe 21/VI). Ein Zeuge des Jahrhunderts ist er, weil er die Namen von knapp 700 Menschen erwähnt, von denen ich viele nachschlagen musste, um mir ein Bild von ihnen machen zu können.

So lese ich bei ihm erstmals von den Baronen des Langnam Vereins in einem Nebensatz und erfahre so etwas über die Hintergründe und Hintermänner der deutschen Politik in den 20-er und 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts. Es begegnen Emil Ludwig und Arnolt Bronnen, um nur zwei der eigenwilligen Gestalten jener Zeit zu nennen. Man erfährt etwas von Sanary-sur-Mer, der „Hauptstadt der deutschen Literatur“ nach 1933 (S. 180 ff.), von Ernst Bloch (S. 193 ff.) und Bertolt Brecht (S. 132 ff.), mit dem Marcuse vor Gericht stand.

Der zweite Grund, Marcuse zu lesen, ist die Belehrung durch seine fundamentale Skepsis, die in der Erinnerung an das 20. Jahrhundert mit seinem Faschismus und Kommunismus begründet ist, aber auch in Marcuses Begegnung als Asylant mit vielen Einheimischen. Dazu findet man Reflexionen, und das sind oft Reflexionen des Versagens. Des eigenen Versagens: „Auch ich stand nicht auf. Es ist nicht unnütz, alte [statt: alle] Versäumnisse zu registrieren; wem noch Zeit gegeben ist, der kann immer noch ein bißchen wiedergutmachen.“ (S. 136) Oder über eine religiöse Kommunistin in der Sowjetunion: „Sie hatte mindestens zwei [Glauben]. Es wird nicht genug bemerkt, daß viele mit vielen Glauben leben, die nicht zueinander passen, ohne daß es die Lebenden stört.“ (s. 228) Oder nach dem Bericht (S. 168 ff.) über den Faschisten C. G. Jung: Dass man zwar schnell und leicht über jene schimpft, die Lampenschirme aus Menschenhaut gemacht haben, aber wenig über „die unwahrscheinliche Rückgratlosigkeit der talentiertesten deutschen Gelehrten und Künstler, wie sie 1933 zum Vorschein kam“ (S. 177 f.)

Von Bedeutung ist die Reflexion über das Versagen der humanistischen Bildung, die er im Anschluss an einen Bericht über das 250-Jahr-Jubiläum seines Berliner Gymnasiums anstellt (S. 139 ff.), des Friedrichwerderschen Gymnasiums. Ich finde auch seine Beobachtungen zum Typus der Dame interessant: „Dieser Typ hat für uns keinen vitalen, nur noch einen ästhetischen Reiz. Jedes Wort, jede Bewegung ist durchgeformt, temperiert und distanziert. (…) Wir spüren beste Museumsluft. Damit soll nicht gesagt werden, daß alle Grundelemente des Ideals ‚Dame’ – das Sich-einfangen-Können, diese bezaubernde Trieb-Kultur – einer bestimmten Gesellschafts-Ordnung zugehören und mit ihr vergehen müssen.“ (S. 154 f.) Das hat Marcuse wirklich Recht!

Noch ein Hinweis: auf die Einsicht im Anschluss an Ossietzkys Schicksal, dass der Schriftsteller (oder der Intellektuelle) nicht am mächtigsten allein ist, sondern Allianzen schließen muss; „und Bundesgenossenschaften sind meist Identifizierungen mit Mächten, von denen man sich eher distanzieren möchte“ (S.151) – typisch Marcuse, dieser Widerspruch, um nicht von Dialektik zu sprechen.

Viele Anspielungen versteht man nicht leicht, zum Beispiel die auf den Gestaltwandel der Götter (S. 201), womit er den Titel eines seinerzeit berühmten Buches nennt. Man könnte sich anregen lassen, vielleicht noch ein Buch von Schalom Asch (S. 165) zu lesen, leicht antiquarisch zu besorgen…

Zum Schluss reflektiert Marcuse, warum einer sein Leben erzählt (S. 383 ff.). Dazu findet er mehrere Gründe, wie es sich für einen Skeptiker gehört, und er legt sich für sich selber auf keinen fest.

Fazit: ein Buch, das zu lesen sich lohnt, wenn man viel Zeit aufwendet und immer wieder in der Wikipedia unbekannte Namen nachschlägt.