Brüder Grimm: Die Boten des Todes

Seit der 4. Auflage der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (1840) steht das folgende Märchen darin (in der Rechtschreibung der damaligen Zeit):

Die Boten des Todes.

Vor alten Zeiten wanderte einmal ein Riese auf der großen Landstraße, da sprang ihm plötzlich ein unbekannter Mann entgegen, und rief „halt! keinen Schritt weiter!“ „Was,“ sprach der Riese, „du Wicht, den ich zwischen den Fingern zerdrücken kann, du willst mir den Weg vertreten? Wer bist du, daß du so keck reden darfst?“ „Ich bin der Tod,“ erwiederte der andere, „mir widersteht niemand, und auch du mußt meinen Befehlen gehorchen.“ Der Riese aber weigerte sich, und fieng an mit dem Tode zu ringen. Es war ein langer heftiger Kampf, zuletzt aber behielt der Riese die Oberhand, und schlug den Tod mit seiner Faust nieder, daß er neben einen Stein zusammensank. Der Riese gieng seiner Wege, und der Tod lag da besiegt, und war so kraftlos, daß er sich nicht wieder erheben konnte. „Was soll daraus werden,“ sprach er, „wenn ich da in der Ecke liegen bleibe? es stirbt niemand mehr auf Erden, und sie wird so mit Menschen angefüllt werden, daß sie nicht mehr Platz haben neben einander zu stehen.“ Indem kam ein junger Mensch des Wegs, frisch und gesund, sang ein Lied, und warf seine Augen hin und her. Als er den halbohnmächtigen erblickte, gieng er mitleidig heran, richtete ihn auf, flößte ihm aus seiner Flasche einen stärkenden Trank ein, und wartete bis er wieder zu Kräften kam. „Weist du auch,“ fragte der Fremde, indem er sich aufrichtete, „wer ich bin, und wem du wieder auf die Beine geholfen hast?“ „Nein,“ antwortete der Jüngling, „ich kenne dich nicht.“ „Ich bin der Tod,“ sprach er, „ich verschone niemand, und kann auch mit dir keine Ausnahme machen. Damit du aber siehst daß ich dankbar bin, so verspreche ich dir daß ich dich nicht unversehens überfallen, sondern dir erst meine Boten senden will bevor ich komme und dich abhole.“ „Wohlan,“ sprach der Jüngling, „immer ein Gewinn, daß ich weiß wann du kommst, und so lange wenigstens sicher vor dir bin,“ zog weiter, war lustig und guter Dinge, und lebte in den Tag hinein. Allein Jugend und Gesundheit hielten nicht lange aus, es kamen Krankheiten und Schmerzen, die ihn plagten. „Sterben werde ich nicht,“ sprach er zu sich selbst, „denn der Tod sendet erst seine Boten, ich wollte nur die bösen Tage der Krankheit wären erst vorüber.“ Sobald er sich gesund fühlte, fieng er wider an in Freuden zu leben. Da klopfte ihn eines Tags jemand auf die Schulter, und als er sich umblickte, stand der Tod hinter ihm, und sprach „folge mir, die Stunde deines Abschieds von der Welt ist gekommen.“ „Wie,“ antwortete der Mensch, „willst du dein Wort brechen? hast du mir nicht versprochen daß du mir bevor du selbst kämest, deine Boten senden wolltest? ich habe keinen gesehen.“ „Schweig,“ erwiederte der Tod, „habe ich dir nicht einen Boten über den andern geschickt? kam nicht das Fieber, stieß dich an, und warf dich nieder? hat der Schwindel dir nicht den Kopf betäubt? zwickte dich nicht die Gicht in allen Gliedern? brauste dirs nicht in den Ohren? nagte nicht der Zahnschmerz in deinen Backen? ward dirs nicht dunkel vor den Augen? Ueber das alles, hat nicht mein leiblicher Bruder, der Schlaf, dich jeden Abend an mich erinnert? lagst du nicht in der Nacht, als wärst du schon gestorben?“ Der Mensch wußte nichts zu erwiedern, ergab sich in sein Geschick, und gieng mit dem Tode fort.

(https://de.wikisource.org/wiki/Die_Boten_des_Todes_(1840))

Die Anmerkungen der Brüder Grimm dazu:

Die Boten des Todes.

Nach Kirchhofs Wendunmut 2, Nr. 123, und daraus auch bei Colshorn Nr. 68. Ferner in Paulis Schimpf und Ernst Cap. 151, im Äsop von Huldrich Wolgemut Fab. 198 und in einem Meistergesang der Colmarer Handschrift (v. d. Hagen Sammlung für altdeutsche Literatur 187. 188). Der letzte Theil auch in dem lateinischen Äsop von Joach. Camerarius (1564) S. 347. 348 und von Gregor Bersmann (1590), doch weder griechische noch römische Fabeldichter wissen etwas davon. Schon im 13ten Jahrhundert war das Märchen bekannt, denn Haug von Trimberg erzählt es im Rener 23666–23722.

(https://de.wikisource.org/wiki/Kinder-_und_Haus-M%C3%A4rchen_Band_3_(1856)/Anmerkungen#177)

Die Anmerkungen von Bolte-Polivka dazu:

https://archive.org/stream/anmerkungenzuden03grim#page/292/mode/2up bzw.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grimms_M%C3%A4rchen_Anmerkungen_(Bolte_Polivka)_III_293.jpg

Meine Anmerkungen dazu:

Die Pointe des Märchen liegt im Begriff „die Boten des Todes“. Der ehemalige junge und später alte Mensch versteht ihn wörtlich: Boten als Leute, die anklopfen, sich ausweisen und mündlich oder schriftlich ihre Botschaft ausrichten. Der Tod jedoch versteht „die Boten“ metaphorisch; er nennt, als er sich rechtfertigt, „Krankheiten und Schmerzen“ seine Boten, die er dann als Fieber, Schwindel, Gicht usw. einzeln benennt. Dazu verweist er auf seinen leiblichen Bruder, den Schlaf, der einen jeden Abend an den Tod erinnere, weil man dann so liege, „ als wärst du schon gestorben“. Diese Argumentation erkennt der alte Mann an, auf dass auch der Leser sie anerkenne.

Eine alte Sentenz ist es, dass der Schlaf der Bruder des Todes ist:

https://thanatos.tv/schlafes-stief-bruder/

http://www.academia.edu/475206/Tod_Schlafes_Bruder._Intertextuelle_Streifz%C3%BCge_und_Fallstudien bzw.

https://www.academia.edu/475206/Tod_Schlafes_Bruder._Intertextuelle_Streifz%C3%BCge_und_Fallstudien?auto=download

http://www.schlafen-aktuell.de/wissenswertes/geschichte-des-schlafs

Advertisements

Georg Herwegh: Wiegenlied – Analyse

Herwegh ahmt in seinem „Wiegenlied“ (1843) Goethes „Nachtgesang“ (1804) in der Form nach, um die politische Untätigkeit seiner Zeitgenossen zu kritisieren. Unmittelbare Quelle ist vermutlich Hoffmann von Fallersleben: „Schlafe! was willst du mehr?“ von 1840 (http://www.von-fallersleben.de/text267.html).
Der „Nachtgesang“ [vgl. die Analyse in diesem Blog, später angefertigt!] ist Liebesklage und Liebeswerben eines enttäuschten Liebhabers; es ist also eine private Erfahrung darin formuliert, die jeder kennt. Die Form des Gedichtes ist hauptsächlich durch drei Elemente bestimmt: die am Ende jeder Strophe formulierte vorwurfsvolle Forderung „Schlafe, was willst du mehr?“; die Aufnahme des jeweils dritten Verses als Anfangsvers der nächsten Strophe; die dreihebigen Verse, die im Kreuzreim zu viert eine Strophe ausmachen.
Herwegh übernimmt das erste und das dritte dieser Merkmale und stellt außerdem die Forderung „Schlafe, was willst du mehr?“ als Zitat und Motto über sein Gedicht, knüpft damit offen an Goethes bekanntes und auch oft parodiertes Gedicht an. Der Sprecher, der zunächst hinter seinem Anliegen zurücktritt, wendet sich an „Deutschland“ (V. 1) und nennt es zum Schluss „Mein Deutschland“ (V. 23), womit er sich als Patriot ausweist. Mit der folgenden Anrede „mein Dornröschen“ weiß man zunächst nichts anzufangen; sie ist aus der wiederholten Forderung „Schlafe, was willst du mehr?“ in Anlehnung an die schlafende Prinzessin im Märchen der Brüder Grimm entwickelt. Dornröschens Bestimmung ist jedoch, wachgeküsst zu werden; somit ist die Forderung „Schlafe…“ nur ironisch zu verstehen, der Ich-Sprecher jedoch als der Prinz erwiesen, der Dornröschen/Deutschland wieder ins Leben rufen will.
Die alte Metapher vom Erwachen aus dem Schlaf wird in der Bibel häufig genutzt, um die Menschen zur inneren Umkehr, zu Aufbruch und Neubeginn zu rufen; sie ist auch im Kirchenlied den Menschen des 19. Jahrhunderts geläufig („Wachet auf, ruft uns die Stimme“). Wird hier dagegen Deutschland „im irdischen Gewühle“, wo man vor lauter Lärm natürlich nicht schlafen kann, zum Schlafen aufgefordert, so ist im doppelten Widerspruch (zur Möglichkeit; zur Tradition der Metapher) erneut die Ironie greifbar. Auch die erste Forderung „Mach‘ dir den Kopf nicht schwer!“, denke also nicht zu viel, sorge dich nicht in schwieriger Zeit (vgl. V. 10), kann jeden denkenden Menschen nur vor den Kopf stoßen: Ironie als Kritik daran, dass es „Deutschland“ offensichtlich genügt, „auf weichem Pfühle“ (V. 1) zu liegen.
„Mach‘ dir den Kopf nicht schwer!“ leitet eine Reihe von Aufforderungen ein, die sich an das geliebte Deutschland richten und allesamt offensichtlich ironisch gemeint sind:
„Schlafe, was willst du mehr?“ (V. 4, 8 usw.);
„Laß jede Freiheit dir rauben,
Setze dich nicht zur Wehr“ (V. 5 f.);
„gräme dich nicht sehr sehr“ (V. 10), auch wenn man dir die Freiheit raubt (V. 9).
Die Botschaft der Forderungen, die damit 1843 „Deutschland“ gestellt werden, lautet: Kämpfe für die Freiheit, also gegen die Herrschaft der Fürsten und Könige, für Demokratie und Mitbestimmung der Bürger! Dass „jede“ Freiheit geraubt (V. 5) und „alles“ vom „König“ (V. 13) verboten wird (V. 9), diese pauschale Anklage gehört zum Pathos des revolutionären Gedichtes.
Diese Forderungen werden ironisch begründet: Deutschland brauche sich nicht sorgen, weil es ihm gut ergehe. Erstens liegt es ja „auf weichem Pfühle“, was als Zitat noch sehr unbestimmt ist und vielleicht auch nur zum Bild des schlafenden Deutschland gehört: Die gemütliche Liege lädt zum Schlafen ein.
Die darauf folgenden Begründungen benennen Parteien und Positionen im politischen Kampf:
1. Du behältst ja den christlichen Glauben (V. 7);
2. du hast ja Schiller und Goethe (V. 11);
3. der König bezahlt seine Beamten (V. 13-15);
4. es gibt eine Presse im Untergrund (V. 17 f.);
5. man bekommt täglich einen Wetterbericht (V. 19);
6. es gibt keine Nackten in Deutschland (V. 21 f.), was aber als Wortspiel („ohne Höschen“: Sansculotten, also Freiheitskämpfer gibt es nicht) etwas anderes meint: Der gegen Frankreich behauptete „freie“ Rhein als deutscher Strom fließt durch ein Land, in dem es keine Freiheitskämpfer gibt; und was nützt ein  angeblich freier Rhein (V. 22), wenn die Deutschen sich jede Freiheit rauben lassen (V. 5)?
Diese Begründungen könnten im Einzelnen ausführlich erläutert werden. Nur so viel sei hier angedeutet, dass der Besitz des christlichen Glaubens ein schwacher Trost bei politischer Unterdrückung ist – abgesehen davon, dass die christlichen Kirchen im Bündnis von „Thron und Altar“ auf der Seite der Unterdrücker standen. Für die Kenntnis von Schiller und Goethe gilt das Gleiche: Als „Klassiker“ haben sie (Goethe schon immer, Schiller nach revolutionären Anfängen) sich einer Sicht des Menschen verschrieben, der auf politischen Kampf verzichtet; dass sie zu den bekanntesten deutschen Dichtern wurden, hängt eben nicht nur von ihrem Können, sondern auch davon ab, dass ihre Lektüre in der Schule aus besagten Gründen gefördert wurde. Die Beamtenbesoldung mit dem Schimpf auf die „Kamele“ (Tiermetapher) wird als Kauf bzw. Verkauf der Seele bewertet (V. 15). Den unpolitischen Deutschen genügt es, so belanglose Dinge wie die Wettervorhersage zu erfahren, statt sich um die Sache der Freiheit zu kümmern; diesen Kampf überlassen sie den 300 Blättern, also der Presse, die im Untergrund (oder unbeachtet: „im Schatten“, V. 18) die Zensur unterläuft. Sie wird im Kampf metaphorisch „ein Sparterheer“ (V. 18) genannt, das statt des Sternenheeres hilft: Leonidas und seine Spartaner verteidigten 480 v.u.Z. Griechenland am Thermopylenpass gegen die Perser, während die anderen Griechen nichts taten. Insgesamt wird durch diese sechs Begründungen ironisch die Untätigkeit der Deutschen gerechtfertigt, in Wirklichkeit kritisiert.
Die entscheidenden Wörter in den Forderungen und Begründungen tragen die Betonung: „Deutschland“, auf der ersten Silbe betont, der Adressat aller Äußerungen; „schwer“ als das zu meidende Negative; „Gewühle“ (2. Silbe) als die Situation, wo man nicht schlafen kann; „schlafe“ als Hauptforderung und so weiter. In den Reimen werden einerseits Verse so verbunden, dass sie sich gegenseitig verstärken: Freiheit rauben lassen / den christlichen Glauben bewahren (V. 5/7); ähnlich ist es mit „verböte / Goethe“ (V. 9/ 11) oder „Kamele / Seele“ (V. 13/15). Es gibt aber auch Reime, in denen Gegensätze zusammengeschlossen sind, etwa „Pfühle / Gewühle“ (V. 1/3).
Wie und wozu verarbeitet Herwegh Goethes Gedicht? Schon mit dem Motto, dem Zitat des Refrains „Schlafe, was willst du mehr?“ weist er seinen Lesern nicht nur die Richtung, sondern sagt ihnen auch, dass er „Göthe“ zitiert. Wichtig und brauchbar ist offensichtlich die in dessen Gedicht vorgegebene Situation, dass ein angesprochenes Du „schläft“ (Übernahme der Wendung „auf weichem Pfühle“, V. 1); allgemeiner gesprochen, ist Herwegh die Differenz von Traum und Realität wichtig, die er als Differenz von Ideologie (Goethe, christlicher Glaube) oder Vordergrund (das Wetter) und dem wesentlichen politischen Kampf („im irdischen Gewühle“, V. 3, von Goethe übernommen) gestaltet. Zusätzlich sind Metrum und Verslänge (drei Hebungen) sowie das Schema des Kreuzreims übernommen – Bildungsverliebte (3. Strophe) werden so mit ihren eigenen Waffen bekämpft.
Insgesamt ist Herwegh weniger an großer Dichtung als am politischen Kampf interessiert; er benutzt ein bekanntes Gedicht des vom Jungen Deutschland (s. Artikel im Schülerduden „Die Literatur“!) verachteten Herrn Goethe, um, dieses Gedicht in der Form nachahmend, jedoch nicht als Gedicht parodierend, sein Deutschland, also seine Lands-leute zum Kampf gegen Unterdrückung und für die Freiheit der Bürger aufzurufen. Zwar wiederholt er mit Goethe „Schlafe!“, aber er sagt: Lasst es euch nicht an Pension und Kultur, an Ideologie und Wettervorhersage genügen, sondern werdet wach, kämpft!

Im Hintergrund dieser Parodie klingt auch der alte lutherische Choral „Wach auf, wach auf, du deutsches Land, du hast genug geschlafen“ (16. Jahrhundert) an, den wirklich jeder ordentliche Protestant und aufgeweckte Deutsche kannte ….

P.S.

Noch immer, wenn ich meine deutschen Republikaner betrachte, reibe ich mir die Augen und sage zu mir selber: träumst du etwa? […]

Ist es wirklich wahr, daß das stille Traumland in lebendige Bewegung geraten? Wer hätte das vor dem Julius 1830 denken können! Goethe mit seinem Eiapopeia, die Pietisten mit ihrem langweiligen Gebetbücherton, die Mystiker mit ihrem Magnetismus hatten Deutschland völlig eingeschläfert, und weit und breit, regungslos, lag alles und schlief. Aber nur die Leiber waren schlafgebunden; die Seelen, die darin eingekerkert, behielten ein sonderbares Bewußtsein. Der Schreiber dieser Blätter wandelte damals als junger Mensch durch die deutschen Lande und betrachtete die schlafenden Menschen; ich sah den Schmerz auf ihren Gesichtern, ich studierte ihre Physiognomien, ich legte ihnen die Hand aufs Herz, und sie fingen an, nachtwandlerhaft im Schlafe zu sprechen, seltsam abgebrochene Reden, ihre geheimsten Gedanken enthüllend. Die Wächter des Volks, ihre goldenen Nachtmützen tief über die Ohren gezogen und tief eingehüllt in Schlafröcken von Hermelin, saßen auf roten Polsterstühlen und schliefen ebenfalls und schnarchten sogar. Wie ich so dahinwanderte mit Ränzel und Stock, sprach ich oder sang ich laut vor mich hin, was ich den schlafenden Menschen auf den Gesichtern erspäht oder aus den seufzenden Herzen erlauscht hatte; – es war sehr still um mich herum, und ich hörte nichts als das Echo meiner eigenen Worte. Seitdem, geweckt von den Kanonen der großen Woche, ist Deutschland erwacht, und jeder, der bisher geschwiegen, will das Versäumte schnell wieder einholen, und das ist ein redseliger Lärm und ein Gepolter, und dabei wird Tabak geraucht, und aus den dunklen Dampfwolken droht ein schreckliches Gewitter. Das ist wie ein aufgeregtes Meer, und auf den hervorragenden Klippen stehen die Wortführer; die einen blasen mit vollen Backen in die Wellen hinein, und sie meinen, sie hätten diesen Sturm erregt und je mehr sie bliesen, desto wütender heule die Windesbraut; die anderen sind ängstlich, sie hören die Staatsschiffe krachen, sie betrachten mit Schrecken das wilde Gewoge, und da sie aus ihren Schulbüchern wissen, daß man mit Öl das Meer besänftigen könne, so gießen sie ihre Studierlämpchen in die empörte Menschenflut, oder prosaisch zu sprechen, sie schreiben ein versöhnendes Broschürchen und wundern sich, wenn das Mittel nicht hilft, und seufzen: »Oleum perdidi!«“

(Heinrich Heine: Französische Zustände, 16. Junius 1832 = http://gutenberg.spiegel.de/buch/-387/13)

Heine gebraucht hier die Metaphern von schlafen/erwachen zur Bewertung der politischen Lage in Deutschland; vielleicht bezieht Herwegh sich auf diese Stelle, wahrscheinlich ist diese Metaphorik jedoch so bekannt (vgl. das Schimpfwort „Du bist eine Schlafmütze“!), dass jeder problemlos darauf zurückgreifen kann.

Abendlicht, Sonnenuntergang: Motiv und Metapher

Bei Christa Wolf: Kassandra (Edition SZ, 2007, S. 150) ist mir erstmals aufgefallen, wie das genannte Motiv literarisch ausgeschlachtet wird. Kassandra sitzt also auf dem Wagen und erlebt, wie sie auf das Abendlicht wartet, das sie so oft mit Aineias gesehen hat: „Das Licht der Stunde, eh die Sonne untergeht. Wenn jeder Gegenstand aus sich heraus zu leuchten anfängt und die Farbe, die ihm eigen ist, hervorbringt. Aineias sagte: Um sich vor der Nacht noch einmal zu behaupten. Ich sagte: Um den Rest von Licht und Wärme zu verströmen und dann Dunkelheit und Kälte in sich aufzunehmen. (…) So lebten wir, in der Stunde vor der Dunkelheit. Der Krieg… lag schwer und matt, ein wunder Drachen, über unsrer Stadt.“ Dieses Licht hat sie auch beim Abschied von Aineias gesehen (S. 154), ebenso beim Abschied von Myrine (S. 8).

   Hier wird mit dem Abendlicht zweifach gespielt: Einmal ist es ein Licht besonderer Klarheit, anderseits ist es das Licht vor der Finsternis der Nacht; der Sonnenuntergang wird zur Metapher des Untergangs überhaupt.

   Die gleiche Doppeldeutigkeit begegnet in W. Grossmans großem Roman „Leben und Schicksal“ (2007). Lehnard fährt zum Stab der eingekesselten 6. Armee: „Und plötzlich beleuchtete die untergehende Sonne die Straße, das tote Haus. Die ausgebrannten Augenhöhlen der Häuser füllten sich mit eisigem Blut…

Das abendliche Licht besitzt die Eigenschaft, den Kern des Geschehens aufzudecken und den visuellen Eindruck in ein Bild zu verwandeln – in eine Geschichte, in ein Gefühl, in ein Schicksal. (…)

Es war ein Bild wie aus Urzeiten. Die Grenadiere, der Stolz der Nation, die Erbauer Großdeutschlands, warem vom Siegespfad gestoßen worden.

Als er diese in Lumpen gehüllten Männer betrachtete, erkannte Lehnard mit dem Feingefühl des Dichters: Da ging die Sonne unter, verlosch, und mit ihr ein Traum.“ (S. 883, die ganze Seite ist bedeutsam; das Motiv taucht dann S. 886 noch einmal kurz auf.)

   Ich habe im Internet nicht viel gefunden:

http://www.angelfire.com/d20/wanderer0/lyrik_prosa_bruno.html#P_R_O_S_A__SU (Bilder, Lyrik, Prosa: Sonnenuntergang)

http://www.schremmer.de/Atmosphare/Sonnenuntergang/body_sonnenuntergang.html (Erklärung der roten Lichtfarbe)

http://www.solstice.de/cms/upload/Vortrag/campenha/PDF.HTM (Farbsehen)

Bei google gibt es viele Bilder unter den Stichworten „Abendlicht, Abendsonne; Sonnenuntergang“.

   Mir persönlich erscheint das Motiv, dass man in diesem Licht die Dinge wahrer als sonst sieht, fragwürdig – die Schriftsteller brauchen wohl ein Medium, um „die Wahrheit“ sehen oder zeigen zu können?! In Wahrheit ist es jedoch mit der Wahrheit nicht so einfach, dass man nur ein bestimmtes Licht einschalten müsste, um sie zu erkennen; solche Hoffnungen konnte man sich allenfalls in den Zeiten der „Aufklärung“ machen, wo man dem finsteren Mittelalter das Licht der Vernunft entgegensetzte. Wie korrumpiert die Vernunft sein kann, kann man bei Grossman nachlesen, bei Wolf übrigens auch (wenn auch nicht so gut).