Mörike: Denk es, o Seele – Analyse

Ein Tännlein grünet wo …

Text

http://www.dradio.de/download/108395/ (Text mit Unterrichtsmaterialien)

http://www.dradio.de/download/108396/ (dito, kürzer, stärker analyrisch)

http://www.moerike-gesellschaft.de/2009.pdf (dort im November: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=758

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Denk+es,+o+Seele

„Das Gedicht ‚Denk es, o Seele’ von Eduard Mörike ist spätestens im September Jahr 1851 entstanden. Zuerst erschien das Gedicht mit dem Titel ‚Grabgedanken’ 1852 in Stuttgart in der ‚Frauenzeitung für Hauswesen, weibliche Arbeiten und Moden’ I, Nr. 14, dann 1855 ohne Titel am Ende der Novelle ‚Mozart auf der Reise nach Prag’ und schließlich 1856, 1867 und 1873 in der Sammlung der ‚Gedichte’ mit der Überschrift ‚Denk es, o Seele’.“ (mpg-trier)

Die Kommunikationssituation ist nicht klar: Ein lyrisches Ich spricht zu einem Du, wobei mit „o Seele“ eine Seele (als Du) angesprochen wird, ohne dass ganz klar wäre, welche Seele gemeint ist. Das Bedeutungsspektrum von „Seele“ ist ziemlich breit. Adelung nennt als Bedeutungen:

„1. Das Leben, und die Lebenskraft, eines lebendigen Dinges; eine der ersten und ältesten Bedeutungen. […]

2. Das Vermögen, die Kraft, zu empfinden und zu begehren. […]

3. Das Wesen, welches in uns denkt, Verstand und Willen hat, ein mit einem organischen Körper verbundener Geist.

(1) Eigentlich, sowohl in Verbindung mit seinem Körper. Die Seele des Menschen, die menschliche Seele. […]

(2) Figürlich.

(a) Ein mit einer vernünftigen Seele begabtes Geschöpf, zunächst ein Mensch, in Ansehung seines Empfindungs- und Begehrungsvermögens. […]

(b) Dasjenige, was einem Dinge Leben, regelmäßige Bewegung und Wirksamkeit ertheilet. […]

(c) In noch weiterm Verstande, der vornehmste, wesentlichste Theil, die nothwendigste Eigenschaft einer Sache. […]“

Man wird zwischen den Bedeutung 3. (1) und 3. (2)(a) zu wählen haben; es wäre demnach möglich, dass als Du eine andere Person angesprochen wird, aber auch, dass der Sprecher zu sich selber spricht, und zwar im Hinblick auf die der Todesnähe angemessene Lebensführung: mahnend, das große „Vielleicht“ zu erwägen, am Ende mit einem Rufzeichen. Dass das Ich den Leser anspricht, halte ich aus methodischen Gründen für unmöglich – auch wenn man sich als Leser gern in die Personalpronomina „ich“ oder „du“ hineinfühlt oder –versetzt.

„Sie sind erlesen schon …“ (V. 5) setzt ein überlegenes Wissen des sprechenden Ichs wie auch eine erlesende Größe voraus; dabei bleibt unklar, woher das Ich solches weiß und wer die erlesende Größe ist. „erlesen“ steht in gehobener Sprache für „auslesen“ im Sinn von „aussuchen, auswählen“ (Adelung).

Da die kurze Analyse von Reiner Wild und die große Analyse auf mpg-trier völlig ausreichen, verzichte ich auf eine weitere Analyse. Stattdessen erstelle ich ein Inhaltsverzeichnis der Datei des ungenannten Kollegen vom mpg-trier:

Entstehung des Gedichts, S. 1

V. 1-4 (mit Unklarheiten), S. 2 f.

V. 5-8 als Kommentar dazu, S. 3 f.

2. Strophe, S. 4 f.

Volksliedhaftes im Gedicht (Stil, Satzbau), S. 5-7

Strophen- und Versform, S. 7-11

Satzbau, S. 11 f.

Wortwahl, S. 12 f.

Lautung, S. 13 f.

„Wirkung“, S. 14

Tabelle: Taktfolge, S. 15

Tabelle: Gliederung der Verse, S. 16

Tabelle: Alliterationen, Assonanzen, S. 17

http://mpg-trier.de/d7/read/moerike_denkes_oseele.pdf (große Analyse)

Vortrag

http://www.lutzgoerner.de/gdt/537/ (Lutz Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=nR2cdeMqRC0 (Hugo Wolf)

http://www.youtube.com/watch?v=Pum_-8LCEkU (Wolf: Fischer-Dieskau)

http://www.youtube.com/watch?v=quR6CEebhaI (Wolf/Fischer: W. Holzmair)

http://www.youtube.com/watch?v=3TXA2UU1JNU (Wolf: Szeles?)

http://www.youtube.com/watch?v=JDCmH_nw7O0 (Wolf: Evelyn Lear)

http://www.youtube.com/watch?v=aMQBHK4iGGU (Wolf: Antonia Gust)

http://www.youtube.com/watch?v=RIb4uXkPwvc (Kurt Lissmann: Chor)

Sonstiges

http://cingolani.com/45em.html (engl. Übersetzung)

Mörike: Auf eine Lampe – Analyse

Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=759

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem&ds=2558

http://www.moerike-gesellschaft.de/2008.pdf (dort im Oktober: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://germanistik.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/inst_germanistik/projekte/eybl/Folie_13_M%C3%B6rike.pdf (Text mit Sekundärlitertur)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Auf+eine+Lampe

Emil Staiger hat in seinem großen Aufsatz „Die Kunst der Interpretation“ 1955 am Beispiel des Gedichts „Auf eine Lampe“ erläutert, was für ihn Interpretation eines Gedichtes heißt. Dieser Aufsatz ist immer noch lesenswert, deshalb auch gescannt greifbar (s.u.).

Dort erklärt Staiger den Rhythmus als das Charakteristische eines Kunstwerks (S. 5 f.); doch dürfe man den Dichter nicht vergessen (S. 8). Was den klassizistischen Mörike auszeichnet, beschreibt er S. 9 f. Den Rhythmus des Gedichts untersucht er S. 13 f. Die historische Interpretation des Gedichts steht am Schluss (S. 17-19):

„Der jüngere Mörike, Dichter der «Peregrina-Lieder», des «Maler Nolten», zeichnet noch keine so klar umgrenzten Räume wie in «Auf eine Lampe». Sein Element ist eher die Zeit. Er lebt im Bann der Erinnerung, ein letzter König von Orplid, und lauscht den Tönen, die aus dem Vergangenen, seiner Kindheit und fernen, sagenumwobenen Völkern herüberklingen.“

Später „gedieh aber eine schon früher gelegentlich angekündigte Kunst zu immer größerer Vollkommenheit, die klassizistische Poesie, die sich bewußt an Goethe und an Meister antiker Lyrik anschließt. Da herrscht nun die räumliche Gegenwart vor; die Anschauung drängt die Stimmung zurück; die Reime weichen den Distichen und andern antiken Maßen, deren Tugend minder im Klanglichen als in reinlichen Gliederungen besteht. Und doch verleugnet der scheue Mörike auch in diesen klassizistischen Werken seine Eigenart nicht. Es fällt ihm nicht ein, der Kunst ein Maß zu geben und das Leben auf ein gültiges Vorbild auszu­richten, wie Goethe dies in «Hermann und Dorothea» unter­nommen hat.[…] Er kennt nun zwar gegenwärtige Schönheit; aber er kennt sie nur als Rest, als Überbleibsel, als ausgesparten Raum in nüchterner Umgebung, so den Kreis von «dämonischer Stille», in dem die «Schöne Buche» steht, so das Grab von Schillers Mut­ter oder im Garten den Lieblingsbaum, in den er Höltys Namen geschnitten, Stätten also, die eine Beziehung auf die Vergangen­heit auszeichnet, so auch die Sommerlandschaft und die Kloster­gebäude von Bebenhausen und so — vielleicht der reinste aus­gesparte Raum — das «Lustgemach», in dem die schöne Lampe hängt.

«Fast vergessen» ist es; zwar, die Lampe ist «noch unver­rückt», heute, aber wie lange noch? Niemand achtet des Kunstgebilds. Nur er, der Dichter, nimmt es wahr in seiner unauf­dringlichen Schönheit. Er ist von außen eingetreten. […] Er schal­tet nicht als Herr in diesem Haus, in dem die Lampe hängt. Da scheint überhaupt kein Herr mehr zu sein. Doch zugehörig fühlt er sich noch; er wagt es, wenigstens halb, sich noch als Ein­geweihten zu betrachten. Gerade darauf beruht vielleicht der schmerzlich-schöne Zauber des Stücks. Er sieht die Lampe nicht so als Kunstwerk, wie sie Goethe sehen würde, nämlich in brüderlicher Verehrung, als organisches Gebilde, dessen Baugesetze mit denen des menschlichen Körpers und Geistes verwandt sind. Der Efeukranz, der Kinderreigen wirkt auf den Betrachter mehr dekorativ, das heißt, er sieht sich das Kunstwerk mehr — nicht ganz, aber mehr — von außen an. Er fühlt sich jedenfalls nicht damit eins, so wenig wie noch mit seiner Kindheit, an die viel­leicht die Kinderschar eine wehmutsvolle Erinnerung weckt. Halb nah, halb fern, «halb Lust, halb Klage», wie das Gedicht «Im Frühling» sagt.

Es ist vor allem der letzte Vers, in dem dieser Ton am reinsten erklingt:

«Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.»

«Die Schöne bleibt sich selber selig», sagt Goethe im zweiten Teil des «Faust». Er weiß darüber Bescheid. Er spricht sich ent­schieden und unzweideutig aus. Mörike geht nicht so weit. Er traut sich nicht mehr ganz zu, zu wissen, wie es der Schöne zu­mute ist. «Was aber schön ist, selig scheint es . . .», ist alles, was er zu sagen wagt. Und nun ersetzt er noch gar, mit jenem letz­ten Raffinement, über das nur ein Spätling verfügt, das «sich» durch «ihm»: «Selig scheint es in ihm selbst.» Hätte er «in sich selbst» geschrieben, so hätte er sich noch immer allzusehr in die Lampe hineinversetzt. Ganz abgerückt ist das Schöne wieder, wenn es selig ist «in ihm selbst». Es ist, als habe der Betrachter das Lustgemach bereits wieder verlassen und denke nun über das Kunstwerk nach. Nachzudenken ist ihm gemäß, ihm, der sich als Nachgeborener fühlt. Im Nachdenken findet er aber den Trost, das Schöne bedürfe der Würdigung nicht; es sei sich selbst, «ihm» selbst genug — einen gültigen, aber doch schmerzlichen Trost, der jeden seinem Bereich überläßt, das Schöne dem fast vergessenen Raum, den Menschen der Gleichgültigkeit des Tages.“ – An diesem Aufsatz (und dem Verb „scheint“ des V. 10) hat sich Staigers Kontroverse mit Heidegger über die Frage entzündet, was Kunst sei und was Interpretation bedeute.

Das 1846 entstandene Gedicht „stellt einen Reflexionsvorgang dar, der zudem im ruhigen Fluss des Versmaßes – Mörike wählte das antike Maß des jambischen Trimeters oder Senars – seinen Ausdruck findet. Der zunehmenden Konzentration des Blicks auf die Lampe folgt die empathetische Reaktion des Betrachters (‚Wie reizend’), die in eine sentenzartige Feststellung mündet; die Anschauung des schönen Gegenstands wird in ein Urteil über Schönheit überführt.“ So beschreibt Reiner Wild (s.o.) den Aufbau des Gedichts; anschließend erklärt er, wie dort die ästhetische Erfahrung zustande kommt. „Dabei vertraut Mörike (noch) darauf, dass Schönheit dem Gegenstand selbst zugehört; sie wahrzunehmen und damit sichtbar zu machen, ist Aufgabe und Leistung des Betrachters: Schönheit bedarf des Gewahrwerdens, mithin der Kommunikation und also der Geselligkeit [die letzten vier Worte sind logisch nicht gedeckt, N.T.]. Und mehr noch: sie zur Darstellung zu bringen und also im Kunstwerk des Gedichts auszusprechen, ist die Leistung des Dichters, der so die ‚schöne Lampe’ der Vergessenheit entreißt und ihre Schönheit bewahrt.“ (Reiner Wild)

Man muss von den beiden Schlussversen ausgehen, um das Gedicht zu verstehen. Da finden wir zuerst das zusammenfassende Urteil „Ein Kunstgebild der ächten Art“ (V. 9). Ein solches ist es, weil sich in ihm Lachendes und „ein sanfter Geist des Ernstes“ (V. 7 f.) zu etwas Reizendem verbinden. Diese Eigenschaften weisen der Efeukranz und der Ringelreihen der Kinder in ihrer Verbindung auf der weißen Schale auf (V. 4 ff.). Diese wiederum hängt als Lampenschale an der Decke „des nun fast vergeßnen Lustgemachs“ (V. 1-3); nicht nur die leichten Ketten weisen sie als Schmuckstück aus. So ist die vom Sprecher angesprochene schöne Lampe (V. 1) ein Kunstgebilde der echten Art. Das wird in drei Sätzen gesagt, die rhythmisch gegliedert knapp 9 Verse umfassen.

Es folgt als reflektierende Frage überraschend: „Wer achtet sein?“ (V. 9) Wer achtet also des Kunstwerks? Die Frage ist dadurch gerechtfertigt, dass die Lampe in einem fast vergessenen Raum hängt (V. 3). Sie ist noch einmal deswegen berechtigt, weil man im Lustgemach mehr mit der Schönheit fremder Körper als mit der Schönheit der Lampe befasst ist, weil die dort erlebte Lust nicht auf der distanzierten Betrachtung schöner Dinge beruht. Gerade das seltene Wort „Lustgemach“ versetzt das Zimmer in eine fremde Zeit oder Welt; bürgerlich wäre ein Schlafzimmer. Wenn man die Frage als rhetorische liest, weiß man die Antwort sogleich: Niemand achtet auf die Lampe, obwohl sie schön ist.

Diese enttäuschende Antwort, die eine Missachtung des Schönen bezeugt, wird im letzten Vers relativiert, ausgeglichen, „aufgehoben“, wie die Konjunktion „aber“ signalisiert: „Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.“ (V. 10) Dieser Vers hat es in sich. Gegen Wild besagt er, dass die Schönheit der Lampe auch besteht und bestehen kann, wenn man sie nicht beachtet; damit scheint der Sprecher durchaus zufrieden zu sein. Zweitens ist der Satz aber nur möglich, wenn der Sprecher selber der Schönheit der Lampe inne geworden ist; doch dann verabschiedet er sich von sich als Betrachter und reflektiert den Vorgang des beachtenden Betrachtens: Auch wenn beachtende Betrachter fehlen, scheint Schönes „selig […] in ihm selbst“ zu sein. Es scheint (videtur) so, als brauchte das Schöne keine Betrachter. Ob das allerdings wirklich so ist, darüber sagt der Ich-Sprecher nichts; er ist kein Theoretiker, sondern ein Bewunderer der schönen Lampe, die sonst von niemandem beachtet wird.

http://www.eule2003.de/gbereich/g-Deutsch/d12/Realismus/BIEDERMEIER.htm (Skizze einer Analyse)

http://www.ruhr-uni-bochum.de/lidi/Acht-Sitz-Basis_11-01-05.ppt (kurze linguist. Analyse)

http://vladas2005.narod.ru/Emil_Staiger.doc (Emil Staiger: Die Kunst der Interpretation, 1955, dort v.a. ab S. 8)

http://www.academia.edu/2089566/Heidegger_und_Staiger_uber_Morikes_Auf_eine_Lampe_2007 (Streit Heidegger-Staiger über das Gedicht)

http://www.cultd.eu/tepe1/texte/a05_pt_meth1/pt_meth1_89.htm (zu Staigers Interpretation)

http://harpers.org/blog/2008/08/morikes-to-a-lamp/ (hört einen ironischen Ton)

http://de.wikipedia.org/wiki/Trimeter (Versmaß: Trimeter)

http://www.muellerscience.com/SPEZIALITAETEN/Varia/Literatur/Moerike.htm

http://archiv.ub.uni-marburg.de/es/2008/0001/pdf/KuDaE.pdf (Mörikes Dinggedichte)

http://www.rilune.org/mono8/9_Bloch.pdf (Bild-Ding-Gedichte, dort S. 83)

Vortrag

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/mp3s/moerike_lampe.mp3 (Diana Schade)

Sonstiges

http://kops.ub.uni-konstanz.de/bitstream/handle/urn:nbn:de:bsz:352-opus-46152/Eleganz_und_Abgrund.pdf?sequence=1 (zu Mörikes Lyrik) = http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/vongraevenitz_moerike/von_graevenitz_moerike.html

http://gedichte.xbib.de/_Lampe_gedicht.htm (Lampengedichte)

http://cingolani.com/18em.html (engl. Übersetzung)

Mörike: Früh im Wagen – Analyse

Es graut vom Morgenreif …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=764

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Fr%C3%BCh+im+Wagen

http://www.moerike-gesellschaft.de/2008.pdf (dort im November: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

Die beiden ersten Strophen sind 1843 entstanden, 1846 der Rest; 1846 erschien das Gedicht in Cottas „Morgenblatt“.

Die Struktur des Gedichts ähnelt der von „An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang“, wenn auch Inhalt und Stimmung sich deutlich von dem älteren Gedicht unterscheiden. In den beiden ersten Strophen wird ganz allgemein die Situation der Morgendämmerung beschrieben: Schon (V. 3) kündigt sich im Osten zaghaft die Sonne an, noch (V. 8) ist der Vollmond als Nachtlicht da. Jeweils zwei Verse machen einen Satz aus, der auch durchgängig gesprochen wird, weil der dreihebige Jambus ganz regelmäßig verläuft (männliche Kadenzen) und der Kreuzreim auch die beiden Satzenden sinnvoll verbindet, z.B.: den Morgenstern vergehn / den vollen Mond noch stehn (V. 6/8).

Mit der Partikel „So“ (V. 9) erweist sich der Sprecher als lyrisches Ich („mein“, V. 9), das zu einem anderen Thema überleitet, welches durch die gleiche Schon-noch-Struktur bestimmt ist: Schon geht der Blick in die Ferne, noch – und jetzt müsste folgen: Noch hängt er am Nahen, oder noch geht er zurück. Die letztere Version wird verwirklicht, der Blick geht zurück in die letzte Nacht, die Abschiedsnacht (V. 12). Damit ist das Thema Liebe und Liebesabschied gesetzt, und zwar mit dem Oxymoron „Schmerzensglück“, welches die Ambivalenz von „Willkommen und Abschied“ neu formuliert: Glück der Liebe und zugleich Schmerz des Abschieds. Die 3. Strophe ist ein einziger Satz; die Gliederung erfolgt durch das Ende eines Relativsatzes (V. 10), der Reim ist semantisch etwas holperig.

In den beiden nächsten Strophen wird die Abschiedsnacht „erblickt“, also erinnert, imaginiert. Noch (V. 16) sind der Seelenblick („dunkler See“, V. 14) und der Kuss gegenwärtig, noch ist das Flüstern „hier“ (V. 16). Das alles ist „Dein“; dreimal steht das Possessivpronomen pointiert am Versanfang, beim ersten Mal betont; einmal wird es noch in V. 15 wiederholt („dein Hauch“). Mit allen Sinnen (sehen, spüren, hören) wird das gegenwärtige Du erlebt. In der 5. Strophe wird eher der Schmerz des Abschieds erfahren, hier vergeht dem lyrischen Ich das Sehen (und das Hören – was zu hören wäre, wird nicht gesagt): Das Gesicht begräbt sich weinend, nur noch Purpurschwärze ist da; Purpurschwärze ist mehr als Farbe, ist der Seelenzustand des Abschieds. Wieder machen zwei Sätze die Strophe aus, wieder passen die Reime „mein Gesicht / vor dem Auge dicht“ (V. 18/20, das Nichtsehen) zueinander.

„Die Sonne kommt“ (V. 21) – damit wird das lyrische Ich aus der Abschiedsnacht in die Wirklichkeit zurückgeholt, welche es „Früh im Wagen“ erfährt, vermutlich nach der erinnerten Liebesnacht; die Sonne „scheucht den Traum hinweg“ (V. 21 f.). Traum ist „der Zustand verworrener Vorstellungen im Schlafe, ein mittlerer Zustand zwischen Schlafen und Wachen“ (Adelung); die Sonne steht für Licht und Klarheit, sie gibt den Blick in die Ferne frei, sie ist dem Wachen zugeordnet. Aber mit dem Sieg des Lichts bleibt ein „Schauer“ des Verlusts, der Trauer verbunden (V. 23 f.). Das Wort „Schauer“ bezeichnet „eine schnell vorüber gehende, gemeiniglich zitternde oder doch rauschende Bewegung, deren Laut es eigenthümlich nachahmet“ (Adelung), hier „eine schnell vorüber gehende Erschütterung der Haut, dergleichen man bey einem plötzlichen Anfalle der Kälte, bey einem hohen Grade des Schreckens, des Abscheues, der Angst u.s.f. empfindet“. Was das Ich empfindet, bleibt damit ungesagt. Da der Schauer von den Bergen kommt, haftet ihm auch noch das Naturhafte an: „Ein schnell vorüber gehender Sturm, ein schnell vorüber gehender Platzregen oder Hagel, eine vorüber gehende Erschütterung der Erde, wird noch häufig ein Schauer genannt.“ (Adelung) Der ambivalente Schauer ist die letzte Spur der verscheuchten Erinnerung: „Traum hinweg im Nu / Schauer auf mich zu“ (V. 22/24). Beinahe enttäuscht setzt das lyrische Ich die Fahrt fort; es hat mit seinem Traum etwas von Seele verloren. Wie anders geht das lyrische Ich in Goethes „Ein zärtlich jugendlicher Kummer“ in der Morgendämmerung in die Landschaft hinein!

http://www.moerike-gesellschaft.de/So_ist_die_Lieb_.pdf (Mörikes Liebeslyrik, dort S. 21 f.)

http://deutsch2009.atwiki.com/page/Eduard%20M%C3%B6rike%20-%20Fr%C3%BCh%20im%20Wagen  (schülerhaft unbeholfen)

http://www.lyrikschadchen.de/html/morike.html (dito)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=2g9yWPFXVfw (vom Wortmann)

Sonstiges

http://www.g.eversberg.eu/MWStormWiss/Seite12.htm (Verhältnis Mörike-Storm)

http://cingolani.com/25em.html (engl. Übersetzung)

Mörike: Die schöne Buche – Analyse

Die intensivste Interpretation, die ich kenne, ist die von Barbara Wiedemann: „Ganz verborgen“ – Kunstvolle Kunstlosigkeit, in: Interpretationen. Gedichte von Eduard Mörike. 1999, RUB 17508, S. 131 ff.

Das 1842 entstandene, erstmals 1847 veröffentlichte Gedicht besteht aus zwei Teilen; der Einschnitt ist durch einen Gedankenstrich vor V. 15 markiert. Damit geht der Wechsel vom beschreibenden Präsens ins berichtende Präteritum einher; im zweiten Teil wird berichtet, wie der Sprecher die Buche und den sie umgebenden Platz kennen gelernt hat, während im ersten Teil der Buchenhain beschrieben wird.

Das Gedicht besteht aus Distichen (Wechsel von Hexametern und Pentametern): „Die erste Zeile lädt aus, breit und frei; die zweite zieht sich zusammen und schafft einen leisen Stillstand. [… Diese Form ist] was sie sein soll: Weise von Leben. Sie ist wie das Atmen, das ja nicht als solches gewußt wird, sondern als stiller Rhythmus durch alles Tun geht.“ (R. Guardini) Dieses griechische Versmaß ist auch deshalb angemessen, „weil Mörike hier ein Weltmodell entwirft, das die deutsche Kultur seit dem späten 18. Jahrhundert vor allem aus der Antike abgeleitet hat […] Es ist das Modell einer sinnvoll geordneten, auf ein Zentrum bezogenen Welt, in der der Mensch in der Natur in Kontakt mit dem Göttlichen gerät, in der ihm bewusst wird, dass er einen Geist besitzt, der ihn leitet.“ (D. von Petersdorff, s.u.)

Wenn ich es recht sehe, geht der Sprecher in Schritten von jeweils zwei Distichen voran: Er führt eine Buche ein, „man sieht schöner im Bilde sie nicht“ (V. 2). Hier fällt auf, dass er in der Entfaltung des Attributs „bildschön“ einen negativen Bezug von Natur (Buche) und Kunst (Bild) herstellt; er beschreibt die Buche kurz. Dadurch, dass sie „einzeln“ (V. 3) steht, kann sie dem einsamen Ich (V. 16 ff.) begegnen.

In den beiden nächsten Distichen (V. 5-8) wird die nächste Umgebung der Buche beschrieben, und zwar als Idylle (V. 6 f.): „Zur literarischen Idylle gehört der Topos des locus amoenus, des lieblichen Ortes, oft an einem abgelegenen Quell oder in einem ruhigen Hain gelegen.“ (Art. „Idyll“, wikipedia) Wieder fällt der negative Bezug zur Kunst auf, ausdrücklich thematisiert (V. 8). Vor allem wird hier die Ordnung des Raumes als Kreis offenbar (umzirkt = schließt in Kreisform ein, Neologismus; Stamm in der Mitte; dies liebliche Rund, V. 7 f.) – jene Ordnung, von der D. von Petersdorff spricht (s.o.). Die etwas weitere Umgebung „umkränzt“ dieses Rund, wie in den nächsten beiden Distichen beschrieben wird (V. 9-12); die anderen Bäume schirmen den Kreisraum gegen die Welt und den Himmel ab.

V. 13 f. ist von Mörike erst nach dem ersten Druck des Gedichts eingefügt worden. Einmal fügt der Doppelvers die schützende Felswand der Idylle hinzu (B. Wiedemann); sodann taucht auch der Ich-Sprecher (V. 1) noch einmal pronominal auf, was den ersten Teil des Gedichts abrundet.

Die gleiche Abrundung finden wir auch im zweiten Teil, wo die Stichworte „einsam/Einsamkeit“ den Kreis um die Verse schließen. Im zweiten Teil wird berichtet, wie das sprechende Ich diesen lieblichen Ort gefunden hat: „Die im zweiten Teil präsentierte Erfahrung ist die Bedingung dafür, dass die Buche und ihr Ort als ‚schön’ wahrgenommen werden kann, mithin als Kunst, die im Gedicht Gestalt gewinnt; und so ist die Selbsterfahrung des Sprechers – ‚Aber ich stand und rührte mich nicht; dämonischer Stille, / Unergründlicher Ruh’ lauschte mein innerer Sinn’ – auch eine Initiation zum Dichter.“ (Reiner Wild, s.o.)

Im ersten Doppeldistichon (V. 15-18) berichtet das Ich, wie es „unlängst einsam“ den lieblichen Platz gefunden hat: Es ist von der Gottheit des Hains dort hin- und eingeführt worden. „Zahlreiche antike Belegstellen geheiligter Waldstücke wurden mit dem Wort ‚Hain’ ins Deutsche übersetzt und reicherten ihrerseits den Begriff mit sakralen und poetischen Konnotationen an. […] Bei den Griechen wählte man ein Waldstück aus und weihte es einer Gottheit, der man darin bald auch Altäre, Tempel und Statuen errichtete.“ (Art. „Hain“, wikipedia) Dieser heilige Geist des Hains hat seinerseits das Ich an den heiligen, tempelartigen Ort geführt. Das Merkmal „plötzlich“ (V. 18) zeigt an, dass das Geschehen den Charakter der Offenbarung (Epiphanie) hatte; der Betroffene ist dementsprechend ein Staunender.

Im nächsten Doppeldistichon wird die erste Begegnung mit dem heiligen Ort berichtet. Das Ich erlebt ein großes Entzücken (V. 19). „Entzücken“: „1) Des Bewußtseyns berauben, und zugleich in den Zustand übernatürlicher Empfindungen versetzen, gleichsam jemanden sich selbst entziehen, in welchem Verstande aber nur das Mittelwort entzückt üblich ist. […] 2) In weiterer Bedeutung, von angenehmen Empfindungen, wenn sie uns gleichsam das Bewußtseyn unser selbst rauben, den höchsten Grad des Vergnügens auszudrucken“ (Adelung, 1811). Zweifellos liegt im Gedicht die alte erste Bedeutung vor; denn es ist „die hohe Stunde“ (V. 19) da, die Zeit der Erfüllung, die sich durch Stille und Festlichkeit auszeichnet.

„Jetzo“ wird das Ich aktiv, aber so, wie es dem Einsamen in der Stille geziemt: Es lässt die Augen „rundum“ gehen, erfasst den Kreis, dessen Gestalt durch die Sonne betont und erhöht wird (V. 23-26). Die umherblickenden „Augen“ nehmen erneut ein Stichwort auf, das bereits im ersten Teil wie unabsichtlich gebraucht war: „das Aug’ still zu erquicken“ grünte der Rasen (V. 6), Rasen und Auge sind füreinander da. Die feurig strahlende Sonne (V. 25) ist seit Platon Symbol der unanschaubaren Wahrheit, deren erhellenden Strahlen man nur in Schattenbildern standhalten kann.

Im nächsten Distichon wird der Moment der Offenbarung beschrieben, den das Ich bewegungslos erträgt (V. 27 f.). Die äußeren Sinne schweigen, es lauscht (!) nur „mein innerer Sinn“ (V. 28). „Der innere Sinn ist die Fähigkeit des Subjekts (der Seele), die eigenen Modifikationen anzuschauen (wahrzunehmen).“ (Eisler: Kant-Lexikon) Entscheidend ist hier vermutlich der Gegensatz des inneren gegenüber den äußeren Sinnen: Wenn das Ich „dämonischer Stille, / Unergründlicher Ruh’“ lauscht (V. 27 f.), so wird es einerseits des Göttlichen (dämonisch, unergründlich) inne, anderseits spricht dieses nur in der Stille und erfüllt das Ich mit seinem Eigensten, begabt es zum Dichten: „Ganz nahe zu dämonisch ist genial zu stellen (genius = daemon).“ (F. Mauthner) Zum Schluss des Offenbarungsberichts spricht das Ich im Jetzt des Sprechens die Einsamkeit an, die seine eigene Mitte ist (vgl. V. 15), welche es im Innersten des Kreises findet. Es bekennt: Da „fühlt ich und dachte nur dich!“ (V. 30) „Die beiden letzten Verse vollziehen einen kühnen Zeilensprung (‚Zauber-/Gürtel’), mit dem bildlich und rhythmisch das Schließen des Gürtels dargestellt wird.“ (D. von Petersdorff) Hier zeigt sich die poetologische Seite des Gedichts: „Nicht mehr die Natur ist gestaltende Kraft, sondern, mit seinem Eintreten ins Zentrum des Kreises, das Ich – der Künstler.“ (B. Wiedemann) Die im ersten Teil des Gedichts betonte Kunstlosigkeit des Hains hat hier ihr Gegengewicht gefunden.

Zum Abschluss noch ein Wort zum Verhältnis des biografischen Ichs Mörikes zum lyrischen Ich des Gedichts: Barbara Wiedemann sieht in einer am 10. Juni 1838 an Hartlaub geschickten Schilderung Mörikes den „Kern“ des Gedichts „An eine Buche“. Er spricht darin von einer Stelle im Wald, auf der eben das Gras frisch gemäht ist: „Der Platz ist ein längliches Viereck […] An der vordern schmalen Seite, wo man herkommt, ist ein dammartig aufgeworfener, mit dichtem Moos überzogener Hügel, worauf die schönste Buche steht. Da sezte ich mich nieder, hing meinen Träumereien nach, indeß die Amsel musicirte, und zog zulezt ein Buch, welches wir ehmals beide gleichsehr liebten.“ (RUB 17508, S. 132) Man sieht hier den Buchenkern des Gedichts, in welchem dann ein ganz neues Buchenerlebnis kreiert ist.

http://www.neueredeutscheliteratur.uni-jena.de/pdfs/Vorlesungen%20DvP/02%20Nach%20den%20Utopien%20WS200910.pdf (Dirk von Petersdorff: Vorlesungen über Literatur des 19. Jh.;  dort das 1. Beispiel, nicht im Inhaltsverzeichnis)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=U_pDyUfDPos (Peter Bieringer, gut, etwas zu schnell)

Innerer Sinn

http://www.lucerna-magica.de/index.php?option=com_content&view=article&id=62&Itemid=66 (Mittelalter)

http://www.textlog.de/32622.html (Kant: innerer Sinn)

http://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinsinn

http://www.textlog.de/4148.html (Gemeinsinn)

http://www.textlog.de/19095.html (Mauthner: „Sinn“)

Sonstiges

http://archiv.ub.uni-marburg.de/es/2008/0001/pdf/KuDaE.pdf (Mörikes Dinggedichte – „Die schöne Buche“ ist im strengen Sinn kein Dinggedicht!)

http://gedichte.xbib.de/_Buche_gedicht.htm (Buchengedichte)

http://cingolani.com/64em.html (engl. Übersetzung)

http://gedichteaufenglisch.blogspot.de/2012/02/die-schone-buche-by-eduard-morike.html (dito

Mörike: Schön-Rothraut – Analyse

Wie heißt König Ringangs Töchterlein? …

Text

http://www.moerike-gesellschaft.de/2010.pdf (dort im Juli: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=779 (grafisch sinnvoll gesetzt, wie beim ersten Link)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Sch%C3%B6n-Rohtraut

Das Gedicht ist am 31. März 1838 verfasst und im gleichen Jahr gedruckt worden. Die einzigartige Form der Ballade beschreibt Reiner Wild (s.o.) so: „die achtzeilige Form, die in den vier Strophen in Zeilenlänge und Metrum leicht variiert wird, bietet mit Refrain und weiteren refrainartigen Wiederholungen, im raschen und liedhaften sprachlichen Fluss bei nur wenigen Endreimen und im Wechsel von erzählenden und dialogischen Passagen ein bemerkenswertes Miteinander von hoher Kunstfertigkeit und volkstümlichem Ton.“ Refrain ist V. 8, refrainartige Wiederholung V. 2, der in V. 18 zu einem Satz abgewandelt wird.

Es spricht ein allwissender Erzähler, der zunächst Schön-Rothraut vorstellt (V. 1-5). Danach berichtet er ohne Einleitung in wörtlicher Rede den Wunsch eines nicht vorgestellten Ichs, „ihr Jäger“ zu sein (V. 6); die Begründung dafür zielt (noch!) auf die Freude an Fischen und Jagen (V. 7). Es folgt die Aufforderung ans eigene Herz, still zu schweigen (V. 8), also auf den Wunsch zu verzichten. Dabei bereitet das Nomen „Herz“ bereits den Fortgang des Wünschens in der 2. Strophe vor. „Rothraut. Schön-Rothraut“ ist die Antwort des Erzählers auf seine eigene Frage nach dem Namen der Königstochter; in der 2. Strophe hat diese refrainartige Wiederholung keine grammatische Funktion, sondern klingt wie eine verbindende Musik im Hintergrund der Erzählung.

In der 2. Strophe wird erzählt, dass der Wunsch des Ich erfüllt ist (Zustand wird beschrieben); dieses Ich wird als „der Knab’“ (V. 11) eingeführt – der bestimmte Artikel weist ihn als schon durch seinen Wunsch in der 1. Strophe bekannt aus. Er ist nun Jäger bei Rothraut; parallel zur 1. Strophe wird sein zweiter Wunsch wörtlich berichtet (V: 14 ff.). Wäre er ein Königssohn und nicht bloß ein Knabe, hätte er die Möglichkeit, um Rothraut zu werben und ihre Liebe zu gewinnen. Es folgt seine Aufforderung ans eigene Herz, still zu werden.

Mit „Einsmals“ wird in der 3. Strophe ein Ereignis eingeführt, eine Episode, die „am Eichenbaum“ sich ereignet hat. Schön-Rothraut ist hier Subjekt des Satzes (V. 18) und zugleich handelndes Subjekt: Sie fragt, so wird berichtet, ihren Begleiter nach seinem „wunniglich[en]“ Blick (V. 19) und ermuntert ihn, sie zu küssen (V. 19 f.). Sie sagt das lachend (V. 18), also kess provozierend: „Wenn du das Herz hast…“. „wunniglich“ gibt es im Deutschen zu Mörikes Zeiten nicht (mehr); es ist in der Zeit des Hans Sachs noch belegt, die altertümliche Wortform erinnert an die Herkunft des Nomens „Wonne“ von „Wunn, Wunna“ (Adelung); im Grimm’schen Wörterbuch (nicht aber bei Adelung) findet man das Adjektiv „wonniglich“ zur „kennzeichnung dessen, was erfreulich ist, lust gewährt“. „Wenn du das Herz hast“ (V. 20) bedeutet: Wenn du dich traust, wenn du Mut hast; geläufig ist die Redewendung „sich ein Herz fassen“; es schwingt im Kontext der Aufforderung aber auch „Herz“ als Quelle der Liebe mit. Dass es um den Mut geht, als einfacher „Knabe“ die Königstochter zu küssen, zeigt seine Reaktion (V. 21): Er erschrak. Dann überwindet er seine Bedenken und küsst sie auf den Mund, also richtig. Der Refrain (V. 24) wäre hier sachlich überflüssig; da er jedoch vom Erzähler als Gedanke des Knaben berichtet wird, muss man ihm als Leser ein Funktion zuerkennen. Wenn er nicht bloß Hintergrundmusik sein soll, bedeutet er vielleicht: ‚Herz, dein Sehnen ist erfüllt.’ Diese Spannung zwischen Wunsch mit anfänglichem Verzicht und später Erfüllung mit folgendem Verzicht bildet den Spannungsbogen der Ballade.

Der Erzähler berichtet danach, wie es weitergegangen ist; sie ritten schweigend heim (V. 25). Warum Rothraut schweigt, wird nicht gesagt; vom Knaben wird jedoch berichtet, was er jubelnd denkt (V. 28 ff.). Er hat die Erfüllung seiner Liebe gefunden, kann deshalb auf weitere Wünsche gegenüber Rothraut verzichten (V.29 f.) und sagt das auch mit dem abschließenden Refrain (V. 32).

Im Aufbau der Strophen zeigt sich, dass der verkürzte fünfte Vers jeweils die vier vorhergehenden semantisch abschließt; mit dem sechsten Vers setzt etwas Neues ein, zweimal ein Wunsch des Knaben (1., 2. Str.), dann seine Aktion (3. Str.), schließlich sein Glücksbekenntnis (4. Str.). Es reimen sich in jeder Strophe V.3/4 und V. 6/7; die Reime sind nicht überraschend, aber doch sachlich passend, z.B. ihr Jäger wär’ / freut mich sehr (V. 6/7, das Jagen); auf Ringangs Schloß / hat ein Roß (V. 11/12, Situation des Knaben).

Das Besondere an Mörikes Ballade, von der neuen Form abgesehen, besteht darin, dass die Königstochter dem einfachen jungen Mann erotisch entgegenkommt; solche Begegnungen gab es zwar auch in Märchen, aber da waren sie durch Zaubermittel oder besondere Klugheit der einfachen Leute herbeigeführt (vgl. Bechstein: Der Hasenhüter und die Königstochter). Bei Mörike erscheint Rothraut dagegen als begehrende und gewährende Frau, wenn sie sich auch wie der junge Mann mit dem einmaligen Küssen begnügt. (Ganz anders der Schlager „Träume nach dem ersten Kuss…“)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=bpEYbnHVjBw (Schumann: Chor)

Es gibt vermutlich auch einen mündlichen Vortrag Wolfgang Ruttkowskis; aber um das Gedicht zu finden, müsste ich sechs Plattenseiten (http://www.youtube.com/watch?v=R3fr6tDUWEw „Deutsche Gedichte“) hören, wobei man nicht einmal ein bestimmtes Gedicht herausgreifen kann – darauf verzichte ich: „Schweig stille, mein Herz!“

Sonstiges

http://www.cingolani.com/71em.html (engl. Übersetzung)

Mörike: Jägerlied – Analyse

Zierlich ist des Vogels Tritt im Schnee …

Text

http://www.moerike-gesellschaft.de/2008.pdf (dort im Januar: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/J%C3%A4gerlied

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=775

Das Gedicht, 1837 entstanden, wurde 1838 veröffentlicht. Im Kommentar Reiner Wilds (s.o.) ist alles Nötige zur Analyse gesagt.

Ich möchte deshalb nur noch etwas zum Verhältnis der Überbietung sagen, in dem die Erscheinung der Geliebten oder des Liebenden zu Naturphänomenen gesehen wird: Die Schrift der Geliebten ist zierlicher als des Vogels Tritt (1. Str.), die Gedanken treuer Liebe (vermutlich seine Gedanken) sind tausendmal so hoch wie der Reiher, tausendmal so schnell wie Pfeil und Kugel des Jägers. [Dabei ist mir der zweite Vergleich nicht ganz klar: Wieso sind „die Gedanken treuer Liebe“ (V. 8) höher als ein Reiher?] Der auszeichnende Vergleich ist ein altes rhetorisches Mittel der Tradition; in der Überbietung zeigt sich die Begeisterung des Sprechers, der nur so andeuten kann, was als Unsagbares in der Liebe ihm erscheint. Solche Rhetorik der Überbietung lässt sich bis in die religiöse Sprache verfolgen.

Die Semantik der Reime ist durchaus sinnvoll: des Vogels Tritt im Schnee / auf des Berges Höh’ (zwei Ortsangaben); liebe Hand / ins ferne Land (Bezug zum Brief); Reiher steigt / Kugel fleugt (Bezeichnungen der Höhe); tausendmal so geschwind / die Gedanken sind (das ist die ganze Äußerung, die sich in sich selbst reimt).

Die von Mörike nachgetragene und dann doch verworfene 3. Strophe lautet so:

„Keck, herunter aus der Felsenkluft

Springst du, Gießbach, durch die schwarze Schluft:

Kecker nicht, als wie im Liebesmut

Springt ein selig Jägerblut.“

http://tamino-klassikforum.de/index.php?page=Thread&postID=445840 (dort 27. und 28. November 2012)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=bDm3zswbdeQ (Holzinger: Chor)

http://www.youtube.com/watch?v=3c5AhkIOQtU (Hugo Wolf: Fischer-Dieskau)

http://www.youtube.com/watch?v=3LcwEQa3Wi8 (Wolf: Benjamin Luxon)

http://www.youtube.com/watch?v=SM3W2Zx0Vlw (nur Mendelssohns Musik)

http://www.youtube.com/watch?v=RPlbAA3t94s (Mendelssohn: Jägerlied)

Sonstiges

http://www.cingolani.com/34em.html (engl. Übersetzung)

http://jsq.humnet.unipi.it/Poesie.pdf (dort S. 23: italien. Übersetzung)

Mörike: Ein Stündlein wohl vor Tag – Analyse

Derweil ich schlafend lag …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=795

http://www.moerike-gesellschaft.de/2012.pdf (dort im März: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Ein+St%C3%BCndlein+wohl+vor+Tag

Das 1837 entstandene Gedicht wurde 1838 erstmals veröffentlicht. Es spricht ein Mädchen-Ich; sie erzählt, was sie „ein Stündlein wohl vor Tag“ erlebt hat. Sie hat im Schlaf „gehört“ („ich hört’ es kaum“, V. 4), wie eine Schwalbe gesungen hat, dass ihr „Schätzlein“ ihr untreu ist. Der Gesang der Schwalbe macht die zweite Strophe aus.

Sie mag das nicht hören, verbietet der Schwalbe das Singen und scheucht sie fort (V. 11 ff.). Mit dem gefühlvoll klagenden „Ach“ (V. 14) wird das Fazit des ganzen Geschehens eingeleitet; diese pessimistische Folgerung könnte das Mädchen selber ziehen, sie könnte aber auch von einem auktorialen Sprecher gezogen werden (hinter dem Gedankenstrich).

Das Gedicht ist einfach, beinahe volksliedhaft; die formalen Eigenheiten sind im Kommentar Reiner Wilds beschrieben (s.o.). Die Überschrift kommt viermal im Gedicht als adverbiale Angabe der Zeit vor (V. 2, 5, 10, 15); die schlichte Wiederholung weist auf die Dämmerung, die als Übergangszeit in der Romantik hohen Symbolwert hatte (Mörike: An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang; Eichendorff: Zwielicht). Das Thema berührt sich mit dem des Gedichts „Das verlassene Mägdlein“.

http://tamino-klassikforum.de/index.php?page=Thread&postID=445840 (dort 24.-26. November 2012)

http://www.lindenhahn.de/referate/liebesly/lieblyrk.htm (minimal, im Kontext der Liebeslyrik)

Vortrag

http://www.mediaculture-online.de/Literatur-und-Gedichte.810+M5b85a281809.0.html (Katrin Reiner)

http://www.podcast.de/episode/741271/Eduard+M%25C3%25B6rike%253A+Ein+St%25C3%25BCndlein+wohl+vor+Tag/ (?, gut)

http://www.youtube.com/watch?v=SiHL-OYip6E (Holzinger: Chor)

http://www.youtube.com/watch?v=FRfd_F0Sa7c (Distler: Chor)

http://www.youtube.com/watch?v=sXnhhlsp3no (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=lz_xas2LJf8 (Kurt Lissmann: Chor)

http://www.youtube.com/watch?v=1H6GS83iDZw (Hugo Wolf: Frederick Ballentine)

http://www.youtube.com/watch?v=KCMcjUO-SCs (Wolf: Albena Kechlibareva)

http://www.youtube.com/watch?v=YHDjbt2_BRM (Wolf: Phillippa Cairns)

Sonstiges

http://www.recmusic.org/lieder/get_text.html?TextId=11724 (wer’s alle vertont hat)

http://www.hermann-schroeder.de/downloads/c40995schroedermoerikechoere2.pdf (Noten einer Vertonung)

Mörike: An eine Äolsharfe – Analyse

Angelehnt an die Efeuwand …

Text

http://www.moerike-gesellschaft.de/2008.pdf (dort im Mai: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=789

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/An+eine+%C3%84olsharfe

Zuerst wird man heute erklären müssen, was eine Äolsharfe ist: eine Art Saiteninstrument, dessen Saiten vom Wind durch den Luftzug in Schwingung versetzt werden und so melodische Töne erzeugen. Äolsharfen (oder Windharfen) waren schon in der Antike bekannt; sie hatten in der Zeit um 1800 eine Hochkonjunktur. Hier kann man (auf Link 3) Windharfen hören.

Für das Verständnis von Mörikes Gedicht ist es wichtig zu wissen, dass bereits vor Mörike Äolsharfen auch in der Literatur ein Motiv waren. Berühmt ist Coleridges Gedicht The Eolian Harp (1795). Herder hatte 1795 Thomsons Ode  ins Deutsche übersetzt. Goethe erwähnt das Instrument in der „Zueignung“ von „Faust“:

„Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen

Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,

Es schwebet nun in unbestimmten Tönen

Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich,

Ein Schauer fasst mich, Träne folgt den Tränen,

Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich…“ (V. 25-30)

Kerner hatte 1823 den „Frauen-Verein zu Weinsberg“ zu Weinsberg gegründet, um die Ruine der Burg Weibertreu vor dem Verfall zu bewahren. In den Schießscharten des „Dicken Turms“ ließ Kerner Äolsharfen anbringen, die Dichtern als Projektionsfläche melancholischer Gedankenspiele dienten. Aus diesem Anlass entstand folgendes Gedicht:

Justinus Kerner: Die Äolsharfe in der Ruine

„In des Turms zerfallner Mauer

Tönet bei der Lüfte Gleiten

Mit bald halb zerrißnen Saiten

Eine Harfe noch voll Trauer.

 

In zerfallner Körperhülle

Sitzt ein Herz, noch halb besaitet,

Oft ihm noch ein Lied entgleitet

Schmerzreich in der Nächte Stille.“

Mit der Äolsharfe, die auch noch bei anderen Autoren erwähnt ist, waren in der Literatur mehrere Aspekte verbunden: „die Klage der Toten aus dem Jenseits, die Klänge aus dem Ganzen der Natur, die poetische Inspiration“ (Georg Braungart).

„Das vermutlich im Frühsommer 1837 entstandene und 1838 in den Gedichten erstmals gedruckte Gedicht ist eine Totenklage; Mörike gedenkt darin (ohne den Namen zu nennen) seines 1824 gestorbenen Bruders August.“ (Reiner Wild, s.o.) Es zählt zu den Dinggedichten.

Das Gedicht beginnt mit dem Zitat einer Strophe aus des Horaz Oden (II.9, V. 9-12) als Motto – das einzige Motto eines Gedichts Mörikes:

„Nur du beweinst in ewigem Klagelied

Des Mystes Tod, dein sehnender Schmerz entweicht

Nicht, wenn des Abends Stern heraufsteigt,

Nicht wenn er flieht vor der glühnden Sonne.“

Dieses Motto ermahnt einen Adressaten, sich der Trauer um einen jungen Mann nicht völlig zu ergeben – Mörike setzt damit vermutlich einen Gedenkstein für seinen Lieblingsbruder August, der 1824 überraschend gestorben war; die ganze verwickelte Beziehung Eduard Mörikes zu August und der Trauer um ihn kann man bei Braungart nachlesen – das Gedicht sollte als veröffentlichtes jedoch nicht nur aus den Details der Biografie Mörikes zu verstehen sein.

In der ersten Strophe wendet sich der Ich-Sprecher an die Äolsharfe, die an eine Efeuwand gelehnt ist; Efeu ist ein Symbol der Treue, der Unsterblichkeit, des ewigen Lebens. Die Äolsharfe wird wiederholt aufgerufen, wieder „Deine melodische Klage“ anzufangen. Die Verse sind in freien Rhythmen abgefasst, sie geben so Raum für die elegische Stimmung des Sprechers.

In der zweiten Strophe werden die Winde angesprochen, welche die Saiten der Harfe zum Klingen bringen sollen. Mit dem gefühlvollen „Ach!“ (V. 9) wird ihrer Herkunft vom Grabhügel des Knaben gedacht, „Der mir so lieb war“ (V. 10) – biografisch gelesen: des Bruders August. Der Ich-Sprecher gesteht: Sie bedrängen „süß“ (V. 14) sein Herz, da sie den vollen Blütenduft aufgenommen haben. In der w-Alliteration (V. 16) wird die Musik der Windharfe beschrieben, die Winde sind in der s-Alliteration benannt (V. 14 f.) und werden im W von „Wachsend“ mit der Musik verbunden, zugleich mit der Sehnsucht des Sprechers. Im Wachsen und Hinsterben sind sie selber lebendig (V. 17 f.).

Die dritte Strophe bringt eine Überraschung, eine Momentaufnahme: Wind und Harfe, in der h-Alliteration verbunden, erzeugen plötzlich den holden Schrei der Harfe und antworten damit der eigenen Seele „plötzliche Regung“ (V. 23). Sie bewirken süßes Erschrecken (V. 22), das genauso ambivalent ist wie der holde Schrei (V. 21), das süße Bedrängen (V. 14) und die melodische Klage (V. 7). Die zweite Folge des Windstoßes ist, dass die voll erblühte Rose „Alle ihre Blätter vor meine Füße“ streut (V. 24 f.). Damit wird sie zum Symbol des Knaben, der aus der Jugend in den Tod gerissen wurde; sie wird zur Gegenblume des Efeus, die blühende Pracht im Untergang. (Rose und Efeu sind beide selbst ambivalente Symbole, in Gehalt oder Verwendung sowohl dem Leben wie dem Tod verbunden.)

Über die Äolsharfe könnte eine weitere Linie zu Mörikes Bruder August führen. Dessen Lieblingsgedicht war Matthisons „Lied aus der Ferne“ (1794 gedruckt). Die letzte Strophe dieses Gedichts lautet so:

„Hörst du, beim Silberglanz der Sterne,

Leis‘ im verschwiegnen Kämmerlein,

Gleich Aeolsharfen aus der Ferne,

Das Bundeswort: Auf ewig dein!

Dann schlummre sanft; es ist mein Geist,

Der Freud‘ und Frieden dir verheißt.“

http://forum.festspiele.de/index.php?page=Thread&postID=43601 (dort ab 10. April 2008; der Autor G. Widmann stützt sich auf Georg Braungarts Aufsatz: Poetische „Heiligenpflege“: Jenseitskontakt und Trauerarbeit An eine Äolsharfe. In: Interpretationen. Gedichte von Eduard Mörike, hrsg. von Mathias Mayer, RUB 17508, S. 104 ff.)

http://buecherei-alstaden.blogspot.de/2010/09/gedicht-des-monats-september-2010-das.html

http://de.groups.yahoo.com/group/Fischer-Dieskau_Forum/message/1381

Symbolik Efeu

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Efeu

http://cologneweb.com/yvonne/efeu.htm

http://www.derkleinegarten.de/800_lexikon/825_symbole/efeu/efeuranke.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Gemeiner_Efeu

Symbolik Rose

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Rose

http://globaltalk.de/kolumnen-von-globaltalk/symbolik-der-rose/007093/

http://www.moers.de/C12572210040C568/html/D9FC37F42DD8F70BC125770600347EC0?opendocument

http://de.wikipedia.org/wiki/Rosen

Dinggedicht

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=GaffD57Vdrk (Hugo Wolf: ?)

http://www.youtube.com/watch?v=yuuI-MMt9lg (dito

http://www.youtube.com/watch?v=GaffD57Vdrk&list=PL9B522F7C466771D1&index=6 (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=gdGeI_upeIs (Hugo Wolf: N. Greenidge)

http://www.youtube.com/watch?v=jYi2Xk_jIuo (Wolf: Evelyn Lear)

http://www.youtube.com/watch?v=G0ucFkblLXg (Wolf: Fischer-Dieskau, u.a.: An eine Äolsharfe)

http://www.youtube.com/watch?v=4bIMbVO3Mfw (Wolf: Scot Weir)

http://www.youtube.com/watch?v=nvlhJEZHkeg (Brahms: Samanta Weppelmann)

http://www.youtube.com/watch?v=cR9eqvY4zPU (Brahms: Emilio Pons)

http://www.youtube.com/watch?v=uMiq_v3lBsw (Brahms: Marija Vidivic) u.a.

http://www.youtube.com/watch?v=n2GYlUdyJ_E (Henze: An eine Äolsharfe)

Sonstiges

http://www.nostalghia.de/wel-frm.html?windharfe0.html (große Seite über Windharfen!)

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84olsharfe (Äolsharfe)

http://www.windklangkunst.de/whatis.html (Jutta Kelm: Die Äolsharfe)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Matthisson,+Friedrich+von/Gedichte/In+der+Fremde/Lied+aus+der+Ferne (Matthison: Lied aus der Ferne)

http://cingolani.com/21em.html (engl. Übersetzung)

http://jsq.humnet.unipi.it/Poesie.pdf (italien. Übersetzung verschiedener Gedichte Mörikes)

http://www.ku.de/fileadmin/1305/Philologie/Lehre/Interpretationen/I-89-2.pdf (Text und Übersetzung des Horaz-Zitats)

Mörike: Gesang Weylas – Analyse, Interpretation

Du bist Orplid, mein Land! …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=757

http://www.moerike-gesellschaft.de/2005.pdf (dort im Oktober: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Gesang+Weylas

Das vermutlich 1832 entstandene Gedicht wurde erstmals 1838 veröffentlicht. „Orplid heißt ein von Ed. Mörike und seinen Freunden (besonders Ludwig Bauer) in phantastischen Jugendträumen erfundenes Land, eine Insel, die man sich im Stillen Ozean zwischen Neuseeland und Südamerika dachte; die göttliche Beschützerin des Landes ist Weyla.“ (Meyers, 1908)

„Damit diese Erfahrung des Wunsches, der Angst und des Verzichts [auf die ‚Zigeunerin’ Maria Meyer] zu Poesie, zu Mörikescher Poesie werden konnte, bedurfte es einer Umgebung, die diesen Traumgewinn und Realitätsverlust mit ihm teilte und in einer privaten Mythologie fortspann. Solche Mitdichter fand Mörike unter den Freunden im Tübinger Stift, die wie er Theologie studierten, aber von Dichtung und Erdichtung lebten, vor allem Wilhelm Waiblinger und Ludwig Amandus Bauer. Sie kannten das ‚Geheimnis’ und erfanden gemeinsam die Figuren, unter deren Namen es Mörike in einem Werk versteckt und enthüllt: Peregrina, Ulmon, Thereile, Wispel, der sichere Mann. Auch sie bewohnen das Fantasieland Orplid, das Mörike im Gesang Weylas beschwört: […] Orplid ist der poetische Traum von einer mythischen Welt, in der missglückte Liebe bereits zu einer uralten Geschichte geworden wäre. [Der letzte Satz bezieht sich auf das Schattenspiel in „Maler Nolten“. N.T.]“  So erklärt Heinz Schlaffer (in DIE ZEIT 21/2004) den lebensgeschichtlichen Hintergrund des Orplid-Mythos.

Wie die Überschrift sagt, singt Weyla, die Göttin Orplids, was man nur aus dem Schattenspiel im „Maler Nolten“ weiß. Sie spricht die Insel bzw. das Land Orplid an, im Sinn eines Lobpreises, einer identifizierenden Zusage des Heils: „Du bist [wirklich] Orplid, mein Land!“ (V. 1) Als erstes Attribut erkennt sie ihrem Land zu, dass es „ferne leuchtet“. Das Leuchten ist Zeichen und Ausdruck seiner göttlichen Qualität, wir kennen es als Nimbus (vulgär: Heiligenschein). Dass dieses Leuchten „ferne“ geschieht, kann nicht die Perspektive Weylas sein; das Land leuchtet in die Ferne, leuchtet den Menschen als Verheißung aus der Ferne. In der zweiten Aussage wird das Land als Insel sichtbar („dein besonnter Strand“, V. 3): Es liegt selber im Licht (und kann so leuchten); so dampft es den Nebel des Meeres empor, zerstäubt ihn, dass er in der Höhe „der Götter Wange feuchtet“. Der Weg des Nebels ist das große „Empor!“. „So“ (V. 4) ist hier „ein Wörtchen, welches die Stelle eines relativen Fürwortes vertritt, da es denn in allen Zahlen und Geschlechtern unverändert bleibt, aber nur von einem Zeitworte gebraucht wird, welches die erste oder vierte Endung erfordert“ (Adelung). Orplid gleicht den utopischen Phantasien, die sich an „Hawaii“ gebunden hatten. Gerhard Kaiser verweist auf Böcklins „Toteninsel“ als eine Parallele zu Orplid/Hawaii.

Das Metrum ist der Jambus, in den beiden ersten Versen zu 3 bzw. 2 Hebungen (Summe 5), in den beiden nächsten Versen zu 5 Hebungen. Das Rufzeichen am Ende von V. 1 erzwingt eine kleine Pause, ebenso die weibliche Kadenz von V. 2. Vers 3 scheint ein ganzer Satz zu sein, aber zu Beginn von V. 4 bemerkt man die Fortsetzung (Enjambement) mit dem Akkusativobjekt, welches „dampft“ zu einem transitiven Verb macht. „Du“ (V. 1) ist gegen das Metrum betont, genauso wie „Ur-„ in V. 5, beide mit einem tiefen u-Laut. In der zweiten Strophe wird der Rhythmus noch dynamischer: 3 / 4 / 3 / 5 Hebungen, abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen; V. 5, 6 und 7 sind wieder relativ abgeschlossen (Kadenz-Pause, Rufzeichen am Satzende).

In der zweiten Strophe wird die Insel im Bild eines Kindes gesehen: als Kind der Göttin. Das göttliche Kind ist nicht nur im Weihnachtsmythos, sondern auch im Hinduismus lebendig und wird von C.G. Jung als Archetyp identifiziert; Weyla erkennt ihm ausdrücklich seine „Gottheit“ (V. 7) zu. Das göttliche Kind ist Jugend und Freiheit; es verjüngt die uralten Wasser, die in die Empor!-Bewegung einbezogen werden (V. 5 f.). Es gehört dem Wasser und dem Land an, steht bis zu den Hüften als Orplid im Wasser. Die erneute Anrufung des Kindes (V. 5 f.) ist wieder verehrende Geste der Gottesmutter Weyla. In ihrer letzten Aussage spricht sie von den Königen, „die deine Wärter sind“ (V. 7 f.). Sie beugen sich vor dem Kind, ihre Verehrung ist die Gegenbewegung zum „Empor!“. Das Auf und das Ab schwingen ineinander – das erinnert mich an Goethes Ganymed. Die Könige erinnern an die Magier aus dem Morgenland, welche das göttliche Kind Jesus verehren (Mt 2).

Gerhard Kaiser (O Lied, mein Land. Eduard Mörike: „Gesang Weylas“, in: Augenblicke deutscher Lyrik, 1987, S. 269 ff.) erklärt, weshalb sich bei diesem Gedicht die Interpretation „in Vermutungen verlieren“ muss: „weil das Gedicht noch mehr als das Orplid-Spiel Imaginationsräume öffnet, ja ein Imaginationsraum ist“ (S. 276) „Orplid“ erinnert ihn an den Sänger Orpheus, „der die Welt zum Lied machte“ (S. 277): Der letzte „Gegenstand“ des Gedichts sei es selber in seiner unscharfen Bildlichkeit, seiner Lautung, seinem Rhythmus. „Was ist das Einzigartige dieser acht Zeilen? Ihre schöne Unverständlichkeit, die durch jede Interpretation schon gefährdet wird.“ (G. Kaiser, a.a.O., S. 281) Hans Georg Gadamer sagt abschließend: „In dem Gedicht hat der Dichter offenbar von seiner Privatmythologie Distanz genommen und ein Lied geschaffen, dessen Seelenmelodie das tiefe Bedürfnis der Menschheit nach Verjüngung und nach einer heilen Welt traumgleich heraufbeschwört. Das heißt nicht, daß das ferne Land das Gedicht meint [gegen Kaiser!] – wohl aber, daß alle Gedichte das ferne Land meinen, die nirgendwo seiende heile Welt.“ (Ästhetik und Poetik: Hermeneutik im Vollzug, Bd. II, 1993, S. 210)

http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-1 (Schlaffer)

Gadamers Interpretation, S. 208-210

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=9V8Q2MVvzqU (Hugo Wolf: H. Schlusnus)

http://www.youtube.com/watch?v=nD8Cy5ngavo (Wolf: Iván Fischer)

http://www.youtube.com/watch?v=nfSXXHvLXV0 (Wolf: Gérard Souzay)

http://www.youtube.com/watch?v=yW1jCqlbup0 (Wolf: Peter Anders)

http://www.youtube.com/watch?v=IDKXuCmVdaE (Wolf: Anna Kiryuta)

http://www.youtube.com/watch?v=fS9H21b6Y8A (Wolf: C. L. Farmer)

http://www.youtube.com/watch?v=NGK2Z9jUKs0 (Wolf: Scot Weir)

http://www.youtube.com/watch?v=lLuqiTGoATY (Wolf: A. Kechlibareva)

http://www.youtube.com/watch?v=856S9PJbk8E (Wolf: Waltraud Meier)

http://www.youtube.com/watch?v=y3fkZQlEOck (Wolf: Jared S. Klein)

http://www.youtube.com/watch?v=UFY6uP1j6tI (Wolf: Marija Sklad)

http://www.youtube.com/watch?v=8hoYWRBMVL8 (Wolf: Lisa Jackson)

http://www.youtube.com/watch?v=hSDvvS952-k (Wolf: Chen Xu) u.a.

http://www.youtube.com/watch?v=PS0Ugx7_-MI (Holzinger: Chor)

Sonstiges

http://universal_lexikon.deacademic.com/230599/Du_bist_Orplid,_mein_Land! (Orplid)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/235/173.pdf (Noten Hugo Wolfs)

http://cingolani.com/29em.html (engl. Übersetzung)

http://de.wikipedia.org/wiki/Orplid_(Band)

Mörike: Gebet – Analyse

Herr! Schicke was du willt[!] …

Text

http://www.moerike-gesellschaft.de/2009.pdf (dort März: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=774

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Gebet

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem&ds=2631&id=4315

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem.histcomm&ds=2631&start=0 (Editionsgeschichte)

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Moerike_Gebet.png (Textbild 1848)

Die zweite Strophe ist 1832 entstanden; eine Übersicht über die komplizierte Geschichte des Textes geben Reiner Wild (s.o.) und der Beitrag zur Editionsgeschichte; das Gedicht wurde oft vertont, von Hugo Wolf bis Dieter Acker (2000), Heinz Holliger (2006) und Volker schön (2007). V. 1-4 sind 1846 entstanden und 1848 gedruckt worden. – Heute wird der Text meistens grammatisch korrekt zitiert: „Herr! Schicke, was du willst[!]…“

Das Gedicht ist leicht zu verstehen und bedarf keiner „Interpretation“. Im Hinblick auf die komplizierte Textgeschichte ist der Kommentar Reiner Wilds hilfreich: Der Ton in den beiden Strophen ist unterschiedlich. In der älteren 2. Strophe tendiert der Ich-Sprecher zur Bitte um das gesunde Mittelmaß zwischen Freud und Leid, frei nach Aristoteles (die Tugend als Mitte zwischen zwei Extremen). In der 1. Strophe finden wir die Anrede „Herr!“ (V. 1), wodurch das Gebet als solches kenntlich wird, und dann die vollkommene Ergebung in den Willen Gottes („schicke, was du willt“).

Das „Gebet“ ist so populär, dass es in der Grundschule verwendet wird: Ob man den Sinn eines Gebetes erfasst, wenn man die zerschnippelten Verse in der richtigen Reihenfolge ordnen soll, weiß ich allerdings nicht – solche Art von „produktivem“ Umgang mit Lyrik ist mir ein wenig verdächtig.

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/gebet.222.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=NmFLZ13QF1s (Hugo Wolf: Evelyn Lear)

http://www.youtube.com/watch?v=EVGhQNyCSYk (Hugo Wolf: Rüdiger Büll)

http://www.youtube.com/watch?v=HG7ftWiJx0E (Wolf: Marco Cammarota)

http://www.youtube.com/watch?v=BD18KvZJX9w (Wolf: Kirsten Flagstad)

http://www.youtube.com/watch?v=QPYFrCDFIxE (Wolf: Philippe Chung)

http://www.youtube.com/watch?v=bVf2x19Hack (Wolf: ?)

http://www.youtube.com/watch?v=4_EwTDva6OU (Wolf: ?)

http://www.youtube.com/watch?v=qZnl4kXdf1c (Wolf: schöne Altstimme)

http://www.youtube.com/watch?v=qqg_sk1zytE (Kurt Lissmann: Chor)

http://www.youtube.com/watch?v=-9P9ygeiObk (Siegfried Fietz)

Sonstiges

http://www.cingolani.com/1em.html (engl. Übersetzung)

http://www.grundschulmaterial.de/medien/Deutsch/Klasse%203/Gedichte/allgemeine%20Gedichte/Gedichte%20-%20Kartei/id/60111/ (Grundschulmaterial)

http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=18619 (dito)

http://www.grundschulmaterial.de/medien/k/Gedichte%20von%20Eduard%20M%c3%b6rike/p/1/ (dito)