Märchenmotiv „einen fremden Toten begraben“

In den deutschen Märchen „Die verwünschte Prinzessin“ und in „Des Toten Dank“ (Deutsche Märchen seit Grimm. Herausgegeben von Paul Zaunert, Jena 1919, S. 237 ff. = https://archive.org/details/deutschemrchen00zaun/page/n9) wird der Held dafür belohnt, dass er (für sein ganzes Geld) einen Toten begraben lässt, dem das Begräbnis verweigert worden war. Dieser Tote, der nun seine Ruhe findet, erweist sich dann zum Dank als Helfer des Helden in dessen Nöten: „ich bin auch der Geist von dem Manne, dessen Leichnam du freigekauft und ehrlich begraben hast. Nun kann ich schlafen bis zum jüngsten Gericht.“ (a.a.O. S. 250).

Das Motiv „Einen fremden Toten begraben lassen“ lebt von dem (Aber)Glauben, dass ein Nichtbegrabener keine Ruhe findet und als Untoter oder Wiedergänger umherstreifen muss. Gerade weil man einem Fremden dieses Schicksal erspart, ist die Tat besonders großzügig, da man ihm ja nicht verpflichtet war und keinen Dank dafür erwarten kann. Deshalb kommt der Dank des Toten – als Hilfe für den in Not geratenen Helfer – um so überraschender.

Das Motiv dient im Märchen dazu, zu erklären, wie in einigen Fällen den besonders selbstlosen Menschen Hilfe zuteil wird oder Hilfsmittel gegeben werden, mit denen sie sich aus ihrer Not befreien können. Es gibt eine Reihe weiterer Motive, die die Übertragung solcher Hilfsmittel rechtfertigen: Mitleid mit einem Tier haben, einem Fremden zu essen geben, zu einem Fremden freundlich sein, treue Dienste tun, unter verschiedenen Tieren ein verendetes Tier gerecht aufteilen… Irgendwie muss ja erklärt werden, wieso dem einen (Guten und/oder Verstoßenen) besondere märchenhafte Hilfe zuteil wird und anderen (Bösen und/oder Cleveren) nicht. Solche Märchen leben von der Idee einer höheren Gerechtigkeit, welche die uns bekannten Ungerechtigkeiten ausgleicht.

Den gleichen Glauben finden wir in der Geschichte vom Gespensterschiff in Wilhelm Hauffs „Märchen“: Der Kapitän des Gespensterschiffs ist mit seiner Mannschaft verflucht, nicht leben und nicht sterben zu können, bis sein Haupt die Erde berührt, er also symbolisch bestattet wird. Er erzählt nach 50 Jahren Irrfahrt noch kurz seine Geschichte und zerfällt dann zu Staub, als ihm jemand Erde auf den Kopf geschüttet hat. Aus Simrocks Märchensammlung ist „Der dankbare Todte“ zu nennen (https://archive.org/details/bub_gb_fEMJAAAAQAAJ/page/n315).

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Kafka: Die Verwandlung, Motiv: Vater-Sohn-Konflikt

Die Absätze aller drei Kapitel werden wieder mit arabischen Ziffern gezählt, damit Leser unterschiedlicher Ausgaben diese Untersuchung nutzen können.

Vorgeschichte: Gregor hat an einem ungeliebten, anstrengenden Beruf festgehalten, um die Schuld der Eltern an seinen Chef abzubezahlen (I 4-6). Er hält durch seine Arbeit die anderen aus, liefert seinen Verdienst fast vollständig ab (II 12); es hat sogar etwas Vermögen gebildet, welches der Vater verwaltet (II 12, 14)…

Diese und weitere Analysen zu Kafka: Die Verwandlung, findet man auf dem Lehrermarktplatz (https://lehrermarktplatz.de/material/806/franz-kafka-die-verwandlung-analysen).

 

Ich nenne zum Schluss der Linkliste einige mehr oder weniger oberflächliche Untersuchungen zum Vater-Sohn-Konflikt in den beiden Erzählungen. Ich erinnere noch daran, dass Kafka selber 1913 die drei Erzählungen „Der Heizer“, „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ unter der Überschrift „Söhne“ herauszugeben vorgeschlagen hat; 1915 hat er dann die Erzählungen „Das Urteil“, „Die Verwandlung“ und „In der Strafkolonie“ unter dem Titel „Strafen“ zu veröffentlichen angeregt.

http://limotee.blogspot.de/2012/08/vater-sohn-konflikt.html (Vater-Sohn-Konflikt: das Motiv in der Literatur)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/6804.htm (Vater-Sohn-Konflikt in der Literatur)

http://www.lesekost.de/themen/HHLTH15.htm (dito: Titel, mit Sekundärliteratur)

http://www.erf.de/online/uebersicht/politik-und-gesellschaft/die-fuenf-tragischsten-vater-sohn-konflikte/2270-542-3775 (Fünf große Vater-Sohn-Konflikte)

http://www.kafkaesk.de/franz-kafka/kafka-familie-freunde/hermann-kafka/verhaeltnis-kafka-vater.html (Vater-Sohn-Konflikt als Zeitphänomen um 1900)

http://www.deutschlandfunk.de/ein-besonderer-vater-sohn-konflikt.700.de.html?dram:article_id=83592 (Vater-Sohn-Konflikt bei Thomas Mann)

http://www.huepertexte.de/cms/Joomla/index.php?option=com_content&task=view&id=545&Itemid=53 (Vater-Sohn-Konflikt: U-Ideen)

http://www.academia.edu/6082144/Der_Vater_Sohn-Konflikt_als_Hauptthema_in_Franz_Kafkas_fru_hen_Erz%C3%A4hlungen (Der Vater / Sohn-Konflikt als Hauptthema in Franz Kafkas Frühen Erzählungen – Bachelorarbeit – ziemlich oberflächlich)

http://www.fvss.de/assets/media/jahresarbeiten/deutsch/Kafka.pdf (Vater-Sohn-Beziehung bei Kafka, Facharbeit einer Schülerin)

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2016/02/27/verwandlungen-als-kafkas-kernmotiv/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/12/kafka-motiv-der-verwandlung/!

Heine: Wo? – Analyse

Wo wird einst des Wandermüden…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/HeineNachlese/wo.htm

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem&ds=4874&id=4957 (hier die Fassung von 1983!)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1228

Dieses nachgelesene Gedicht steht seit 1901 auf Heines Grab in Paris auf dem Montmartre; entstanden vermutlich zwischen 1830 und 1840, wurde es nicht gedruckt, stammt also aus dem Nachlass Heines. Die Überschrift „Wo?“ stammt von Strodtmann.

Es spricht ein lyrisches Ich, das auf seinen Tod vorausblickt (V. 1 f.), wenn er auch noch in weiter Ferne zu sein scheint („einst“, V. 1). Das Ich begreift sein Leben als Wanderung; Wanderung und Weg sind alte Metaphern für das Leben und weisen es als eines aus, das ein Ziel hat. In der Romantik hat das Wandern freilich gegenüber dem Daheimbleiben einen Wert in sich selbst gefunden: als die Form des suchenden Lebens, das in die Ferne strebt. „Wanderung wie auch Reise symbolisieren die Überwindung von Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Lebensweges, das Bestehen von Prüfungen und Gefahren (Initiation) und die Suche nach Vollständigkeit der Persönlichkeit. Wanderung und Reise sind uralte Symbole für den Individuationsprozess und Symbole für seelische Wandlung und Veränderung: Im archetypischen Motiv des Heldenmythos begibt sich der Held / Heldin, der meist ein Wanderer ist, sich in einen inneren Entwicklungsprozess, äußerlich repräsentiert durch eine Wanderung /Wanderschaft.“ (symbolonline) Am Ende der Wanderung ist der Wanderer müde, er findet im Grab die letzte Ruhestätte. „Er ruhe in Frieden“ (requiescat in pace) ist auch ein christlicher Grabwunsch. Wo also das eigene Grab stehen wird, fragt das lyrische Ich.

Danach spielt es gegensätzliche Möglichkeiten durch, wo das sein könnte: im Süden (unter Palmen) – am Rhein (unter Linden); in einer Wüste – an der Küste (V. 3 ff.). Wenn der Ort auch ungewiss ist, tröstet das Ich sich („Immerhin“, V. 9) mit zwei Gewissheiten, die es in der letzten Strophe verkündet: Es wird sicherlich unter dem „Gotteshimmel“ liegen und unter den Sternen als seinen „Todtenlampen“. „Gotteshimmel“ ist weniger religiös konnotiert als „Gottes Himmel“; analog zu den Sternen (V. 12) ist es einfach „der Himmel“ im Sinn von „Himmelszelt“, mit ganz leicht religiöser Färbung. Ob man dies eine romantische Naturfrömmigkeit nennen soll?

Die Form des Gedichtes entspricht dem bei frühen Heine Üblichen: Vier Verse pro Strophe, hier mit einem vierhebigen Trochäus, mit abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen, Kreuzreim; da nach jeweils zwei Versen ein Sinnabschnitt bzw. ein Satz endet, finden sich nur wenige sinnvolle Reime, etwa in V. 5/7 (Wüste/Küste), 9/11 (umgeben/schweben), eventuell noch 10/12 (dort wie hier/über mir). Ansonsten ist das Gedicht von der w-Alliteration bestimmt, und zwar im ersten Vers jeder Strophe (Wo, wird, Wandermüden usw.).

Einen Vorausblick auf den eigenen Tod gibt es als Motiv auch sonst öfter bei Heine, etwa in den  Gedichten „Mein süßes Lieb, wenn du im Grab“, „Lebensgruß“ oder „Der Tod, das ist die kühle Nacht“. An seinen Freund Christian Sethe schrieb er am 1. September 1825 aus Norderney: „Es ist ein mißmüthiges Wetter, ich höre nichts als das Brausen der See – O läg ich doch begraben unter weißen Dünen. – Ich bin in meinen Wünschen sehr mäßig geworden. Einst wünschte ich begraben zu seyn unter einer Palme des Jordans.“

Wer noch mehr Parallelen finden möchte, sollte die Analyse Joseph A. Kruses zu Rate ziehen: „Frage und Antwort“, in: Interpretationen. Gedichte von Heinrich Heine, RUB 8815 (1995), S. 167 ff. Wenn das Gedicht nicht auf Heine Grab stände – ich weiß nicht, ob es dann in den Kanon seiner Gedichte gekommen wäre; immerhin hat er selber es nicht veröffentlicht.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=04alezTd1GA (mit Gitarre, Robert Stadler?)

Das Motiv „Apfelschuss“

In dem Buch „Märchen aus Schottland“ (hrsg. von Frederik Hetmann, Fischer Taschenbuch Verlag 1996) steht die Geschichte „Adam Bel, Clym of the Clough und William von Cloudesley“ (S. 132-141, eher eine Sage). Nach mancherlei Verwicklungen stehen die drei Outlaws vor dem König und erweisen sich als herausragende Schützen. Nachdem Cloudesley auf 200 Schritt zwei Haselruten mit einem Pfeil gespalten hat, bietet er dem König an, mit einem Pfeil seinem eigenen siebenjährigen Sohn auf 120 Schritt einen Apfel auf dem Kopf in zwei Teile zu spalten. Er bindet seinen Sohn, mit dem Rücken ihm zugewandt, an einen Pfosten, legt an „und im nächsten Augenblick fiel der Apfel in zwei Hälften geteilt zu Boden, ohne daß dem Kind ein Haar gekrümmt worden wäre“ (S. 140). Der König ist davon überwältigt und nimmt die ganze Familie Cloudesley in seinen Dienst.

Trotz einiger Unterschiede in der Situation ist das Motiv des Apfelschusses das gleiche wie in der Tell-Sage. (Hetmann nennt als Quelle W. Carew Hazlitt: National Tales and Legends, o.J.)

Zum Motiv „Apfelschuss“ vergleiche http://de.wikipedia.org/wiki/Apfelschuss; in Waagen und Gewichte – Wielandlied von Heinrich Beck, Verlag Walter de Gruyter, S. 219, ist zu lesen, dass das Motiv bereits in der Antike auftaucht (Bellerophon und seine Söhne), im Mittelalter wurde es auf verschiedene Helden übertragen, u.a. auf den Meisterschützen Egill (ebenfalls drei Pfeile, wie später Tell, um notfalls den König zu erschießen); Egils Apfelschuss http://de.wikipedia.org/wiki/Egilhttp://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/salis_tellmythos/salis_tellmythos.html; zum Begriff des Motivs http://www.pangloss.de/cms/uploads/Dokumente/Germanistik/Stoffe.PDF; zum Apfelschuss in Schillers Drama http://www.iusfull.ch/fileadmin/letzte_hefte_content/2008-03u04_in_medias_res.pdf.

G. A. Bürger: Lenore – Analyse

Das 1774 erschienene, dann jedoch überarbeitete Gedicht wird heute normalerweise in der Fassung von 1789 gelesen. Seine Deutung ist in der Forschung umstritten. Wir fertigen zuerst eine Analyse an und kommen später auf die Deutung (Interpretation) zu sprechen.

Aufbau des Gedichts, Zeitstruktur
Es werden fünf Episoden erzählt:
1. wie Lenore aus ihren Träumen erwacht (V. 1-4), undatiert;
2. wie sie verzweifelt, als niemand etwas von Wilhelm weiß (V. 29 ff.) und sie mit ihrer Mutter streitet (Str. 5-12);
3. wie in der Nacht der Reiter erscheint und sie überredet mitzugehen (Str. 13 ff.);
4. wie sie mit dem Reiter reitet (Str. 19-31);
5. wie die Geister tanzen und singen (Str. 32).
Von den drei großen Episoden bestehen zwei im Wesentlichen aus einem Dialog, während in einer der schaurige Ritt zum Grab erzählt wird. [In meinem Grundkurs 11 bestanden die Schüler darauf, dass sechs Episoden erzählt würden; sie zählten den Zerfall der geisterhaften Figuren in Str. 30 f. als eigene Episode, manche wollten auch Str. 29 bereits vom Ritt abtrennen.]
Dazwischen wird kurz die Vorgeschichte erzählt (V. 5-8; die Prager Schlacht 1757); zeitraffend oder allgemein wird vom Kriegsende 1763 und der Heimkehr der Soldaten erzählt (Str. 2 f.). Dazu gibt es einen kurzen Erzählerkommentar (V. 23 f.), mit dem die summarische Erzählung von Lenores vergeblicher Suche (V. 25-28) eingeleitet, der Erzählfaden „Lenore“ also wieder aufgenommen wird. Zwischen der 2. und der 3. Episode wird zeitraffend erzählt, wie Leonore am Abend verzweifelt; die Datierung („bis … die goldnen Sterne zogen“, V. 95 f.: 12. Str.) leitet eine Wende des Geschehens ein, indem als neue Figur der Reiter eingeführt wird (Str. 13). Zwischen der 4. und 5. Episode ist mit der Datierung „Nun“ (Str. 32) die Erzählung abgeschnitten, die letzte Episode aber in die zeitliche Nähe von Lenores Todeskampf gerückt.
Der Zeitraum der erzählten Geschehens umfasst also etwa sechs Jahre; das Geschehen 1757 ist nur die Vorgeschichte. Nach dem Sprung ins Jahr 1763 wird kurz von den Wochen nach dem Kriegsende (2. und 3. Str.) und von Lenores langem Suchen (V. 25-28) erzählt. Der Rest des Geschehens spielt sich an einem Tag und in der folgenden Nacht (noch „bei Mondenglanz“, Str. 32, trotz der Äußerung „ich wittre Morgenluft“ in Str. 28) ab, wobei in Str. 12 eine unbestimmte Dauer des Verzweifelns zusammengefasst wird.

Was ist das Thema oder Motiv des Gedichtes?
„Motiv,
eine typische Situation, die immer wieder auftreten kann.
Beispiele für solche immer wieder auftretende Situationen:
Das Motiv der Feindschaft zweier Geschlechter, in vielen Dramen und Erzählungen verwendet, z. B. in „Romeo und Julia“; das der feindlichen Brüder – vor allem im Sturm und Drang auftauchend – , z. B. in „Die Zwillinge“ von Klinger oder in „Die Räuber“ von Schiller, das der Wiedererkennung als beliebtes Motiv der Komödie in Shakespeares „Komödie der Irrungen“ oder in Lessings „Nathan der Weise“ usw.
„Das Motiv ist eine sich wiederholende, typische und d. h. also menschlich bedeutungsvolle
Situation“ (Kayser).
Andere Beispiele: Das geforderte Lösen eines Rätsels (Turandot, Oedipus), die Begegnung eines Liebenden mit dem Geist des verstorbenen Partners (vor allem in den Balladen des 18. Jh.: Hölty, Bürger „Lenore“, Gleim „Marianne“, Goethe „Der untreue Knabe“ usw.), ein Mensch wird magisch von der Natur angezogen und geht zugrunde (in der Romantik: Tieck Der Runenberg“, E. T. A. Hoffmann „Das Bergwerk von Falun“), das Motiv der Verwechslung (Keller „Kleider machen Leute“ und Gogol „Der Revisor“).
In allen Beispielen hat das Motiv mit der Handlung zu tun, es gehört deshalb zur Epik und Dramatik.“ (Auch in Gedichten könne es Motive geben.)
(Quelle: http://nibis.ni.schule.de/~lessing/www_mat/epik/epik_analyse.htm)
Nach H. Schmidt-Kaspar (in: Christian Freitag: Ballade, 1986, S. 221) ist das Motiv, „daß nämlich übermäßige Trauer der Hinterbliebenen die Ruhe der Toten stört, daß schließlich der tote Geliebte erscheint, um die Trauernde mit sich zu nehmen“, uralt und in ganz Europa verbreitet.
Albrecht Schöne sieht einen zweiten Motivstrang in „der Auseinandersetzung mit einem gottverhängten Geschick“, im Gebet um Barmherzigkeit, in der Unterwerfung unter Gottes Gericht; den ersten Motivstrang konkretisiert er in die Ankunft des Reiters und den nächtlichen Ritt, wozu er auf eine Parallele zu Percys Gedicht „The Child of Elle“ verweist (in: Balladenforschung. Hrsg. von W. Müller-Seidel, 1980, S. 169 f.). – Für uns ergibt sich die Aufgabe, den Begriff des Motivs zu klären.

Der Erzähler und seine Erzählweise
Der allwissende Erzähler meldet sich mit dem teilnehmenden Ausruf („Ach!“, V. 23 f.) zu Wort; Lenores Verzweifeln beurteilt er kommentierend als „vermessen“ (12. Str.), die Verwandlung des Reiters als „ein gräßlich Wunder“ (Str. 30). Ansonsten ist er in seiner dramatisierenden Erzählweise zu greifen. Ich orientiere mich an Schönes Aufsatz in „Die deutsche Lyrik“ und am Aufsatz Schmidt-Kaspars:
1. Die Strophenform ist bei Schöne (S. 197, 2. Absatz) umfassend analysiert: Wechsel von vier- und dreihebigen jambischen Versen, diese mit klingendem Schluss; Sonderform in Vers 7 und 8 jeder Strophe; Wechsel von Kreuz- und Paarreim.
2. Die Gleichförmigkeit des metrischen Schemas wird durch Onomatopoie (Lautmalerei), durch abgehackte, wiederholte Sätze und Satzfragmente sowie durch Rufe und Schreie in wilde Bewegung aufgelöst (Schöne, a.a.O.). – Beispiele für
Lautmalerei: „trapp, trapp, trapp“ (Str. 13);
wiederholte Sätze: „Bei Gott ist kein Erbarmen…“ (Str. 5, 9);
Satzfragmente (= Anakoluth): „Still Klang und Sang… Die Bahre schwand…“ (23);
Rufe und Schreie: „Hilf Gott, hilf!“ (Str. 6, 7);
hier sollte man unterscheiden,
– ob der Erzähler selber fragt (Str. 21) und ruft (Str. 25)
– oder ob er Fragen und Rufe erzählend berichtet!
[Wir bewegen und hier z.T. in der Ebene des Satzbaus, mittels dessen dramatisierend erzählt werden kann.]
Dem fügt Schmidt-Kaspar noch hinzu (a.a.O., S. 227):
Fragen („O Mutter! was ist Seligkeit?“, Str. 9, 11);
Inversionen („Ich habe spät mich aufgemacht“, Str. 15);
Dialog fast immer ohne Nennung des Sprechers (Str. 5 ff.);
Ellision im einzelnen Wort („Ging‘s fort“);
[Sammelbegriff für Elision und Anakoluth: Ellipse (Auslassung);]
kurze Hauptsätze in rascher Folge.
3. Schmidt-Kaspar spricht von der sinnlichen Eindringlichkeit der einfachen, klaren Bilder (z.B. V. 9-12) – das ist aber schwer zu fassen; dazu gehört bei ihm, dass Bewegungen heftig dargestellt werden (Str. 4, Ende) und dass manchmal sogar unpassende Ereignisse (Leichenzug in der Nacht) erzählt werden;  ebenso tragen die Lautmalereien zur „Anschaulichkeit“ bei.
An rhetorischen Mitteln zählt er hier auf:
Kontraste (Rabenhaar / Lilienhände; „erweichten ihren harten Sinn“);
Paarungen (Gehirn und Adern; geweint und gewacht; „Kies und Funken“);
Reihung („Sing und Sang“; „still, kühl und klein“);
Steigerung („Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!“);
Wiederholungen („Gott, Gott erbarmt sich unser“; „Lass sausen, Kind, lass sausen!“);
Wiederaufnahme („Hat‘s Raum für mich? Für dich und mich.)“;
leitmotivisch-refrainartige Wiederholungen („Und hurre, hurre, hopp, hopp, hopp“).
4. Im Bereich des Lautlichen nennt Schmidt-Kaspar (a.a.O. S. 226) als Mittel der Versinnlichung volkstümlich-formelhafte Wendungen (Sinn und Sang);
Alliteration (keiner / Kundschaft, Str. 4), neben Lautmalerei;
Wörter gleichen Stammes (Leid erlitten);
Binnenreim und Assonanz („i“: er hilft den Kindern; die „a“ in: der falsche Mann im fernen Ungarlande, abgetan, Ehebande).
5. Insgesamt wird die Nähe zu Bibel und Kirchenlied betont (Dialog Mutter – Lenore, aber auch Elemente des nächtlichen Ritts und der Reiter); am ausführlichsten ist sie von Schöne in „Balladenforschung“ (S. 173 ff.) untersucht und belegt worden.

Deutung der Ballade
Bisher haben wir eine Analyse der Ballade betrieben – was kann demgegenüber noch eine Deutung (Interpretation) herausfinden? In der Interpretation sucht man zu erfassen, worum es im Text eigentlich geht – oft sagt man auch: worum es dem Dichter geht. Das hier hängt auch davon ab, ob man erkennen kann, in welche Richtung er bestimmte Quellen oder Vorlagen gestaltet hat.
Als Quellen werden genannt
– eine Lenore-Sage (C. Freitag: Ballade, 1986, S. 143 f.);
– das Lied „Lenore“ (C. Freitag: Ballade, 1986, S. 144); (möglicherweise ist dies das niederdeutsche Volkslied, von dem Bürger in seinen Briefen spricht, das wir aber nicht kennen, wie A. Schöne sagt: Die deutsche Lyrik I, S. 199 f.);
– das Gedicht „An Leonoren“ (1720) von Johann Christian Günther (Schmidt-Kaspar, in C. Freitag, a.a.O., S. 227).
Fazit: Eine einzige Quelle, deren Verarbeitung durch Bürger wir untersuchen könnten, gibt es nicht. So wird eine Deutung teilweise aus dem Text, teilweise aus Äußerungen Bürgers in seinen Briefen, teilweise aus einer geistesgeschichtlichen Einordnung der Ballade versucht.
Herbert Schöffler sieht in der Ballade „das alte und doch so selten verstandene Lied vom Zerfall eines Gottesglaubens“ (zit. Schidt-Kaspar, a.a.O. S. 220); dann wäre die fromme Mutter die Repräsentantin einer Zeit, die von der Geschichte überholt ist.
Albrecht Schöne widerspricht ihm: „Nicht Glaubenszerfall ist hier gedichtet, sondern jene Unbedingtheit der Liebe, die in tragische Verfehlung stürzt.“ Lenore glaubt im Toten den heimgekehrten Bräutigam, im apokalyptischen Reiter den Retter, im Tod das Leben zu finden: Sie ist in ihrer grenzenlose Liebe irregeführt (Balladenforschung, S. 184).
Schöne führt aus, dass die Moral des Schlusschores, welcher anscheinend die Mahnungen der Mutter bestätigt, nicht den Sinn der Ballade ausmachen kann; denn er werde ja vom Gesindel gesungen (Balladenforschung, S. 183).
Gunter E. Grimm befasst sich v.a. mit der Deutung der Ballade; diese hänge davon ab, welches Gewicht man den beiden Teilen zumisst: dem Zwiegespräch und dem Geisterritt (Gedichte und Interpretationen: Deutsche Balladen, 1988, S. 80). Im Generationenkonflikt von Mutter und Tochter zeige sich die Ablösung des religiösen durch ein säkularisiertes Weltbild (S. 80 f.). Der Geisterritt bezeuge einmal Gegnerschaft gegenüber dem platten Rationalismus der Aufklärung und, damit verbunden, eine Hinwendung zur Welt des Volkstümlichen (S. 84). Wilhelm symbolisiere „die unerfüllte Existenz, die sich ihr Recht noch nach dem Tode zu schaffen sucht“ (S. 84); doch durch den Schlusschor werde dieser Anspruch relativiert.
Lenores Gespensterritt könne nur symbolisch verstanden werden, als „Traumarbeit“, in der sie das rational nicht zu Bewältigende anzunehmen versucht (S. 85). Die Erkenntnis der Realität zerstöre schließlich ihren Lebenswillen. „Die herrschende Ideologie holt sie ein: als letztes erblickt sie den Chor der höllischen Geister und hört sie ihre grausige Moritat. Der Leser kann sich seinen eigenen Reim darauf machen.“ (S. 85) Bürger führe also den Glauben, die irdische Liebe überwinde den Tod, ad absurdum „und überläßt das Feld der christlichen Gnade“ (S. 86). Die letzte Strophe „mit ihrer plakativen Moral verkehrt die revolutionäre Botschaft des Gedichts vom individuellen Glücksanspruch des einzelnen in ihr Gegentiel: Recht behält nach wie vor die Moral der Herrschaft; wer sich ihr nicht fügt, geht nicht nur des Leibes, sondern auch der Seele verlustig“ (S. 89).
Die Ballade gehöre zu den Vorläufern des Sturm und Drang, nehme aber dessen revolutionären Gestus des Aufbegehrens zurück. (S. 89)

Fazit: drei Deutungstypen
a) Zerfall des Gottesglaubens,
b) Verwandlung des absoluten Glaubens in eine absolute Hoffnung auf Liebe,
c) Zurückweisung dieses Anspruchs am Ende, Verzicht auf Selbstverwirklichung.
Diese Deutungen hängen davon ab, wie man den Schlusschor und wie man den Ritt und den Reiter einschätzt (und ob der Chor zu Lenore oder über Lenore spricht).

Literatur
„Die deutsche Lyrik“, hrsg. von Benno von Wiese; in Bd. I steht eine alte Analyse und Interpretation von Albrecht Schöne (S. 196 ff.).
Im Internet konnte man seinerzeit einen Aufsatz Gunter Grimms herunterladen („Grimm: Bestrafte Hybris“). (Zu Grimms Arbeitsweise kritisch dieser Aufsatz!)

http://www.youtube.com/watch?v=aHT83Ov6FxA (Impressionen, untermalt mit Händel auf dem Spinett)