Robert Musil: Kleine Lebensreise (Text)

Ich lese gerade Rilkes Gedicht „Das Karussell“, um es für diese Seite zu analysieren; dabei fiel mir eine thematische Ähnlichkeit mit Robert Musils Erzählung „Kleine Lebensreise“ auf. Ich habe dann vergeblich versucht, diesen Text im Netz zu finden – ich wollte auf ihn bei der Analyse von Rilkes Gedicht verweisen. Daraufhin habe ich mich entschlossen, den Text zu kopieren und als Datei ins Netz zu stellen; denn diese kleine Erzählung schätze ich ungemein – ich habe sie regelmäßig im Deutschunterricht der Sek. II gelesen, immer im Zusammenhang einer Unterrichtsreihe über Parabeln (mit Texten von G. Anders, B. Brecht, M. Frisch, J. P. Hebel, G. Kunert, J. H. Pestalozzi u.a.) in Klasse 13. Musil war ein fester Bestandteil dieser Reihe, zusammen mit seiner Theorie der „Bilder“. Ich habe diese U-Reihe geliebt, weil man dort immer mit abgeschlossenen Texten statt mit Auszügen arbeiten konnte und weil die Schüler bei der Analyse nicht irgendwelche auswendig gelernten „Inhaltsangaben“ oder Ähnliches abspulen konnten, sondern aus dem Stand antreten und zeigen mussten, dass sie einen fremden Text lesen können, indem sie die im Unterricht erworbene Fähigkeit, mit Parabeln umzugehen, anwenden.

Doch die Zeiten solchen Deutschunterrichts sind vorbei…

Gleichwohl möchte ich Robert Musil ein kleines Denkmal setzen, weil ich ihn für einen der ganz großen Schriftsteller halte, weil diese Erzählung zu seinen schönsten gehört und weil ich viel mit ihr gearbeitet habe – hier die Datei mit der Erzählung „Kleine Lebensreise“: Musil

P.S. zehn Minuten später: Idiotisch, gerade habe ich die Datei hochgeladen, da finde ich im Netz doch noch Musils Erzählung, als Teil der Sämtlichen Werke: hier (bitte ein wenig blättern!).

Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß – Analysen

Als Text des Romans „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ wird hier die Ausgabe rororo 10300 benutzt (55. Aufl., 2006, mit Seiten/Zeilen-Zählung). Falls der Roman abschnittweise gelesen werden soll, kann man bei S. 49, S. 93, S. 153 einen Einschnitt machen.

1. Das Motto
Die vier dem Roman als Motto vorangestellten Sätze stammen von Maurice Maeterlinck, der als Repräsentant der literarischen Strömung des Symbolismus gilt.
Als für das Motto verantwortlich sehe ich den Autor Musil, nicht den Ich-Erzähler an. In welchem Sinn das Motto mit dem Roman zusammenhängt, ist durch das bloße Zitieren nicht erwiesen; es könnte das erzählte Geschehen in seiner Bedeutung erschließen, es könnte aber auch als Zitat des Zeitgeistes ein Verständnis des Sprechens darstellen, welches im Geschehen überwunden wird. Am Ende der Erzählung kann man noch einmal fragen, was das Motto wohl leisten soll.

Im ersten Nebensatz des Mottos („Wenn wir etwas aussprechen“) wird die Handlung benannt, die anschließend direkt und dann bildhaft bewertet wird: „entwerten wir es seltsam“. Was dieses „etwas“ ist, wird jedoch nicht gesagt, sodass sich die Frage ergibt: Was ist dieses „etwas“, welches durch Aussprechen entwertet wird? Damit wird ja nicht die Tatsache gemeint sein, dass ich im Augenblick am Schreibtisch sitze; die brauche ich auch gar nicht auszusprechen, wenn mich niemand fragt. Es muss also etwas anderes sein, das durch Aussprechen (angeblich) entwertet wird: vielleicht das Innere, vielleicht das in der Seele Geahnte oder Gefühlte?
Man könnte diese Frage offen lassen, man könnte auch versuchen, sie durch ein Studium der Werke Maeterlincks vor 1906 (Erscheinungsjahr des „Törleß“) oder des Symbolismus andeutungsweise zu beantworten

Links zu Maeterlinck:

http://www.theatrehistory.com/misc/maeterlinck002.html(M. und der Symbolismus)

https://en.wikipedia.org/wiki/Maurice_Maeterlinck (Es gibt kaum vernünftige deutsche Texte zu Maeterlink im Netz.)

http://www.gleichsatz.de/b-u-t/221149/esch2d.html (zur Überwindung der Sprachkrise)

http://www.textlog.de/18960.html (Mauthner über Maeterlink)

Links zum Symbolismus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Symbolismus_%28Literatur%29

http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_8836.html (Malerei)
http://www.nthuleen.com/papers/940Breferat.html (Aufsatz über Symbol und Symbolismus)
http://www.ned.univie.ac.at/ (eine große Seite: LIC, Literatur im Kontext, zur Jahrhundertwende – viele Aspekte! – jetzt nur noch über Anmeldung)

https://de.wikipedia.org/wiki/Symbolismus_(Bildende_Kunst) (Bildende Kunst)

http://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1892_2bahr.html (H. Bahr über Symbolismus, 1892)
Hintergrundwissen bietet auch Spörls Aufsatz über den Weg von Nietzsche zum Symbolismus (über Sprachnot und Poesie): http://www.erlangerliste.de/ede/skepsis.pdf

Die im Aussprechen erfolgende Entwertung des Auszusprechenden (oder des Unaussprechlichen?) wird von Maeterlinck in drei Bildern umschrieben: in der Differenz von Tiefe (der Abgründe) und Oberfläche, von Meer und Tropfen (am bleichen Finger), von wunderbaren Schätzen einer Schatzgrube und falschen Steinen oder Glasscherben; „und trotzdem schimmert der Schatz im Finstern unverändert.“
Das Aussprechen ist mit einem Irrtum verbunden, der mit den Verben „glauben“ (mit folgender Sicht eines anderen) und „wähnen“ bezeichnet wird. Aber das, was sich im Tageslicht zeigt, ist nicht das Letzte, was zu sehen ist; Maeterlinck verweist von dem in Worten festgehaltenen Schatz zurück auf den Schatz, der auch jetzt noch „im Finstern unverändert“ schimmert. – Der Schatz in der Tiefe kann also nicht angemessen in Worten festgehalten werden; das ist die Botschaft des Mottos. Wo allerdings „die Tiefe“ ist, bleibt offen.

Links zu „das Unsagbare / das Unaussprechliche“:

http://www.text-und-zeit.de/lit/litku001.html (U. Greiner)
http://www.textlog.de/37900.html (Definitionen)
http://www.text-pool.de/WebCK212.htm (zu Levinas)
http://www.engeler.de/offeneraeume.html (J. Theobaldy über Dichtung und das Aussagbare)
http://www.die-grenze.com/foucault_sade.html (Sex, Gewalt, Verlangen; weitere Links!)
http://www.kultur-punkt.ch/akademie4/diskurs/mythisches-mystisches04-11.htm (das Mystische bei Platon)

http://www2.hu-berlin.de/sexology/BIB/herzer02.htm (über Hirschfeld)

http://www.tu-harburg.de/rzt/rzt/it/witt/section3_1.html (über Wittgenstein)

http://sammelpunkt.philo.at:8080/archive/00000387/01/07-1-94.TXT (zu L. Wittgenstein: Über Gewissheit)
http://norberto42-1.blog.de/?tag=unaussprechliches

http://www.erich-fromm.de/data/pdf/1978b-d.pdf (Fromms Ideologie)

http://www.unibe.ch/unipressarchiv/heft118/beitrag04.html (religiöse Ideologie)

Aufgabe: das Ende der Erzählung „Hasenkatastrophe“ mit dem Motto vergleichen

2. Übersicht über die ersten 8 Abschnitte

[Der Roman ist in Abschnitte eingeteilt, die jetzt durch eine Leerzeile markiert werden; in der Ausgabe rororo 300 waren sie durch eine gestrichelte Linie (—) abgetrennt – das war insofern klarer, als dann keine Leerzeilen bei Beginn einer neuen Seite (wie jetzt S. 15 oben) verloren gehen konnten.]
1. Der Erzähler beschreibt die eher trostlose Situation auf dem Bahnhof (in W.) und erklärt die Bedeutung des Konvikts, S. 7 – S. 9, Z. 7 („S. 9, Z. 7“ wird von jetzt an 9/7 abgekürzt).
2. Der Erzähler berichtet den ersten Teil der Vorgeschichte, die vier Jahre zuvor begonnen hat: Im Schreiben an die Eltern hat sich eine tiefe Sehnsucht des Zöglings Törleß gezeigt, die jedoch wieder versiegt ist; der Ich-Erzähler, der sich als allwissend präsentiert (10/12 ff.), erklärt diese Sehnsucht und ihr Versiegen als Symptom einer bestimmten seelischen Entwicklung (12/8) und bewertet sie als einen misslungenen Versuch, die Kräfte des eigenen Inneren zu entfalten (12/11 ff.). / Ende des 1. Abschnitts
3. Der Erzähler berichtet von einer darauf folgenden Übergangszeit, in der Törleß vergeblich versucht, eine Stütze zu finden; er greift andeutungsweise auf die spätere Entwicklung Törleß‘ vor (12/19-21). Als eine charakteristische Episode dieser Zeit berichtet er, wie Törleß durch den Fürsten H. fasziniert wurde und wie diese Beziehung endete (12/ 19 ff.). / 2. und 3. Abschnitt
4. Es wird berichtet, wie Törleß neue Freundschaften mit wilden, üblen Jungen schließt (mit Beineberg u.a.); die Burschen sind Gegenfiguren zum Fürsten H. (17/7-15); der Erzähler erklärt, dass die Geschlechtsreife sich so bei Törleß ankündigt (15/1 ff.). Er erklärt die Bedeutung der Literatur, jungen Menschen „über den gefährlich weichen seelischen Boden dieser Jahre“ hinwegzuhelfen (15/33 f.), und berichtet dann vom „kleinen“ Törleß als Leser und Schreiber (16/16 ff.). – In dieser Situation, zwischen Literatur und seinen wilden Freunden, erhält Törleß‘ Wesen „etwas Unbestimmtes“, so erklärt der Erzähler, „eine innere Weichheit, die ihn nicht zu sich selber finden ließ“ (17/25 f.). / 4. Abschnitt
5. Es wird (im Anschluss an S. 7 f.) berichtet, wie Törleß‘ Eltern sich verabschieden und ihren Sohn Beineberg anvertrauen (18/25 ff.). / 5. Abschnitt
6. Es wird erzählt, wie die jungen Leute den Weg zum Konvikt antreten und wie Törleß dem ereignislosen Leben im Konvikt entgegensieht (19/33 ff.). / 6. Abschnitt
7. Der Erzähler berichtet, wie die Burschen auf dem Heimweg Bauernweiber betatschen und wie Törleß dabei nicht mitmacht, aber doch „auf irgend etwas von fürchterlicher, tierischer Sinnlichkeit“ (22/34 f.) wartet (21/21 ff.); „die Worte sagten es nicht“ (23/8). / 7. Abschnitt
8. Der Erzähler berichtet, wie Reiting auf Törleß‘ Aussehen spöttisch reagiert und Törleß nur mit Beineberg in der Stadt bleibt (23/17-29). / 8. Abschnitt
In einen Zeitraum von vielleicht ein bis zwei Stunden (Abschied der Eltern, Heimkehr der Zöglinge) ist die Vorgeschichte des Geschehens, von dem nun berichtet wird, eingeschoben und sind vom Erzähler einige Marken gesetzt, welche das künftige Geschehen als krisenhafte Reifung des Zöglings Törleß verstehen lassen.
Dass der Ich-Erzähler (10/16) Törleß‘ Werdegang überblickt und einzelne Ereignisse in diesen erklärend und wertend einordnen kann, wurde bereits festgehalten. Er schiebt aber auch Wertungen in seine Beschreibungen ein (verdurstete, erdrosselte Blätter 7/25 f.), bewertet die Fröhlichkeit der Gruppe mit einem Vergleich (8/16 f.) als unecht (8/15); er kennt Frau Törleß‘ Stimmung (8/21 ff.) und die Motive der Eltern Törleß (9/8-16), kennt vor allem des Zöglings Törleß Innenleben genau (9/12 ff.), besser als dieser selbst (10/12 ff.), und seine Ambivalenzen (17/32 – 18/2; 18/3 ff.). Der Erzähler spricht oft bildhaft, sei es in Vergleichen (10/21 f.; 10/33 f. und 14/2), sei es in Metaphern (7/26; 10/27 f.).
Vielleicht sollte man noch auf eine Stelle hinweisen, in der das Motto anzuklingen scheint (13/13 ff.): Im Umgang mit dem Fürsten H. beginnt Törleß zu begreifen, was einen Menschen im Unterschied zum bloß Greif- und Besprechbaren ausmacht, das bewegte und kaum greifbare Seelisch-Menschliche.

Aufgaben:
1. Untersuchen, als was für ein Mensch Törleß zu Beginn des erzählten Geschehens erscheint (S. 15 – 23);
2. wegen der thematischen Bedeutung sollte der 7. Abschnitt genau analysiert werden (21/21 – 23/16).

3. Mit Beineberg unterwegs
Die nächsten Stunden des Tages, an dem Törleß‘ Eltern abgefahren sind, verbringt dieser mit Beineberg, zunächst in der Konditorei, dann bei Bozena (S. 23 – 49); den ersten Teil nutzt der Erzähler, um Törleß gegen Beineberg abzugrenzen.
Damit hat er schon vorher begonnen, als er die Begegnung mit dem Fürsten H. der neuen Freundschaft mit den wilden Burschen gegenübergestellt hat (S. 12 ff., vgl. 17/7-15); besonders in seinen Erklärungen und und Kommentaren zu den Schreibversuchen des Zöglings Törleß (16/24 ff.) wird eine erste deutliche Abgrenzung der Charaktere vorgenommen (17/7 ff.): Törleß ist „zu geistig angelegt“ (17/20), um ganz zu den animalisch wilden Kerlen gehören zu können; anderseits macht ihn das Leben unter den Bedingungen des Konvikts kritisch gegen „die Lächerlichkeit solcher erborgter Sentiments“ der Literatur (17/21 ff.).
In der Erzählung vom Besuch der Konditorei wendet sich der Erzähler dem Verhältnis Törleß‘ speziell zu Beineberg zu (S. 23 ff.). Zunächst berichtet er kurz von Beinebergs Erzählungen von Indien (24/24 ff.), welche im Wesentlichen durch die Geschichte seines Vaters in ihrer Eigenart erklärt werden – bei Beineberg ist davon nur der Glaube geblieben, „sich mittels ungewöhnlicher seelischer Kräfte eine Herrschaft sichern zu können“ (26/24 f.). Törleß wird von Beinebergs Indien-Erzählungen nicht berührt (26/26 f.), sondern empfindet zunehmend Widerwillen gegen diesen.
Als Törleß dann Beineberg betrachtet, wird er von einer homoerotischen Anwandlung beunruhigt (27/6 ff.), welche Törleß selbst als zweiten Anfall sexueller Begierde an diesem Tag wahrnimmt (28/8 ff., vgl. 22/21 ff.). Trotz dieser Anwandlung steigt der Widerwille Törleß‘ gegen Beineberg an (28/17 ff.).
Das folgende Gespräch läuft auf Törleß‘ Erfahrung hinaus, dass in seinem Mund die Worte eine eigentümliche Kraft gewinnen (29/27 ff.), sodass er manchmal selber nicht weiß, „ob man lügt oder ob das, was man erfunden hat, wahrer ist als man selber“ (29/34 ff.). Diese Erfahrung des Intellekts ist Beineberg völlig fremd; ebenso unterscheiden sich die beiden in der Einschätzung des leeren Schulbetriebs (S. 29 f.).
Das letzte Thema ist dann Törleß‘ Erfahrung der Dunkelheit (31/6 ff.): Formen und Farben scheinen ihm „für Sekunden still zu stehen, den Atem anzuhalten“ (31/12 f.); Törleß berichtet dann eine Erinnerung an ein Kindheitserlebnis ähnlicher Art, das Schweigen der Bäume (31/16 ff.), was Beineberg mit seinen indischen Spekulationen aber nicht verstehen kann. Dann leitet der Erzähler mit einer großen Erklärung dazu über, dass Törleß die Spannung nicht aushält und in die Erfahrung der Einsamkeit fällt (32/13 ff.). Zuvor hat der Erzähler jedoch Törleß‘ Anspannung erklärt, die aus dem Versuch stamme, „mitten in noch unbeschriebene Beziehungen des Lebens zu blicken“; der Erzähler berichtet, dass Törleß fühlt, dass da etwas ist, was noch zu schwer für ihn ist – er ist noch seiner Entwicklung, ist in Verwirrungen befangen.
In der Erklärung der von Törleß im Dunkel erfahrenen Einsamkeit berichtet der Erzähler von dessen ambivalenter Einstellung dazu: Einmal habe sie den Reiz eines Weibes, aber er fürchte solche Vorstellungen auch (33/12 ff.). Der Erzähler schiebt dann einen Teil seiner Theorie der Entwicklung junger Menschen ein (33/25 ff.) und blickt anschließend auf Törleß‘ spätere seelische Entwicklung voraus (33/34 ff.), wo sich ein Talent des Staunens aus der Gleichzeitigkeit von Verstehen und Fremdheit ergeben wird; „vorläufig“ bleibe Törleß jedoch in seiner Einsamkeit (34/26 ff.).
Als Törleß und Beineberg aus der Konditorei aufbrechen, empfindet jener noch einmal Widerwillen gegen diesen; „er fühlte sich durch die Gemeinschaft mit ihm geschändet“ (35/11 f.).
Der Erzähler hat also von Törleß‘ Einschätzung seines Verhältnisses, und das heißt wesentlich von den Differenzen zu Beineberg berichtet, hat außerdem Törleß‘ Entwicklung selber kommentiert und den derzeitigen Zustand des Zöglings als einen Übergang deutlich gemacht (9. und 10. Abschnitt). Anschließend wird er vom Besuch der beiden Burschen bei der Dorfhure Bozena berichten (S. 35 ff.).

Aufgaben:
1. Des Erzählers Theorie von der Entwicklung Törleß‘ bzw. der Entwicklung junger Menschen darstellen; dazu seine Kommentare wie auch explizite Erklärungen berücksichtigen (zum Beispiel 10/13 ff.; 12/13-15; 15/22 ff.; 17/7 ff.; 17/20 ff.; 33/25 ff.; 33/34 ff.; 41/18 ff.; 46/34 ff.);
2. spätere Abgrenzungen Törleß‘ gegen Beineberg zum Vergleich heranziehen;
3. die Gleichung „Beineberg = Esoterik“ überprüfen, vgl. auch
http://www.esoteriksektor.de/

4. Das Motto des Romans und das Problem des Zöglings Törleß
Nach den ersten Andeutungen wird das Problem des Zöglings Törleß sichtbar, als er wieder im Konvikt ist und mit Basinis Vergehen konfrontiert wird (S. 49 ff.).
Nachdem Reiting den beiden Heimkehrern seine Entdeckung von Basinis Vergehen berichtet hat, macht man sich auf den Weg zum geheimnisvollen Raum (S. 51 ff.). Die Beschreibung des Raumes und der „politischen“ Ambitionen der Freunde dient dem Erzähler dazu, Törleß gegen diese abzugrenzen (54/9-16; 56/20 ff.): „Er fühlte, daß ihm alles, was er tat, nur ein Spiel war. Nur etwas, das ihm half, über die Zeit dieser Larvenexistenz im Institute hinwegzukommen.“ (57/13 ff.) „Er fühlte sich gewissermaßen zwischen zwei Welten zerrissen: Einer solid bürgerlichen, in der schließlich doch alles geregelt und vernünftig zuging, wie er es von zu Hause her gewohnt war, und einer abenteuerlichen, voll Dunkelheit, Geheimnis, Blut und ungeahnter Überraschungen.“ (57/24 ff.) – Das ist insgesamt der Zustand, in dem Törleß sich zur Zeit der Basini-Episode befindet.
Als Reiting dann erzählt hat, wie er hinter Basinis Vergehen gekommen ist (58/10 ff.), wird Törleß deutlich, was diese Entdeckung für ihn selbst bedeutet: Was sich ihm bei Bozena kurz als Selbstaufgabe aufgedrängt hatte (48/34 ff.), das ist Basini nun wirklich geschehen (64/17-24; ebenso 85/32 f., nachdem zuvor die anderen Erlebnisse diesem einen Schlüsselerlebnis zugeordnet worden sind). Es stellt sich ihm die Frage, wie der Übergang von der einen hellen zur dumpfen Welt möglich ist (64/31 ff. – vgl. das Bild von der Tür 33/3.6; 47/11 f. u.ö.): „Was geschieht in solchem Augenblicke? Was schießt da schreiend in die Höhe und was verlischt plötzlich?“ (65/10 ff.)
In einem Kommentar des Erzählers und in einem Fühlen des Zöglings Törleß wird nun diese Frage nach dem Übergang von der einen zur anderen Welt mit dem Motto des Romans verbunden. Der Erzähler kommentiert Törleß‘ Verwirrung und bringt sie mit der Verwirrung der ersten Liebesbegegnung in Beziehung (63/14 ff.): „Keinesfalls ist zu sagen, was in diesem Augenblicke geschieht. Es ist gleichsam der Schatten, den die Leidenschaft vorauswirft. Ein organischer Schatten; eine Lockerung aller früheren Spannung en und zugleich ein Zustand plötzlicher, neuer Gebundenheit…“ (63/21 ff.) Törleß sagt, Basini sei ein Dieb; doch dabei empfindet er, „daß er nur Uneigentliches vorzubringen habe, daß seine Worte ohne inneren Rückhalt seien und gar nicht seine wirkliche Meinung…“ (65/25 ff.). Der Übergang von der einen Welt zur anderen, die Beurteilung einer „Untat“ ist also gemäß dem Motto des Romans nicht in Worten zu fassen, wobei der Erzähler sich jedoch zweimal hinter dem, was man so sagt, verschanzt hat (63/14 ff.).
Kurz darauf empfindet Törleß noch einmal, dass er mit dem Wort „Dieb“ sich zwar Erleichterung verschafft, die ihn aufwühlenden Dinge vorerst von sich geschoben habe. „Aber die Fragen, die gleich darauf wieder auftauchten, vermochte dieses einfache Wort nicht zu lösen.“ (68/27 ff.) Die Begegnung mit Basinis Diebstahl hat etwas unumkehrbar gemacht und eine Frage aufgeworfen, die sich nur ihm allein stellt (69/12 ff.) – die Kameraden gehören anderen Welten an, auch Beineberg mit seinen indisch-mystischen Spekulationen (vgl. S. 82 ff.). Sogar der Brief der Eltern kann ihm nicht weiterhelfen (S. 72 f.).
Ein weiteres Erlebnis Törleß‘ zeigt die Bedeutung des Mottos, die Erfahrung des unendlichen Himmels im Park (S. 87 ff.). Als Törleß über das Wort „unendlich“ nachdenkt, kommt ihm dieses vor „wie ein gezähmter Begriff, mit dem er täglich seine kleinen Kunststückchen gemacht hatte und der nun plötzlich entfesselt war“ (88/28 ff.) Das Wort beunruhigt ihn; als etwas Vernichtendes „stand es nun lebendig über ihm und drohte und höhnte“ (89/1 f.). Auch an diese Schreckenserfahrung werden die früheren Erfahrungen angeschlossen (89/8 ff., vgl. 85/21 ff.); nun aber gewinnt der Schrecken eine neue Qualität (90/3 ff.). Das Doppelsinnige der Vorgänge und der Menschen erscheint ihm nun „als etwas, das durch die Kraft irgendwelcher Erfinder an ein harmloses, erklärendes Wort gefesselt war, und als etwas ganz fremdes, das jeden Augenblick sich davon loszureißen droht.“ (90/14 ff.). Törleß legt diese Differenz dann noch in dem Bild von äußerer Hülle und verborgenem Inneren aus (90/20 ff.). „Es war ein Versagen der Worte, das ihn da quälte, ein halbes Bewußtsein, daß die Worte nur zufällige Ausflüchte für das Empfundene waren.“ (92/2-4) Törleß fühlt sich bedroht – „das lebendige Schweigen umstand Törleß von allen Seiten“ (93/18 f.; vgl. die Erinnerung 31/17 ff.).
Deutlicher als an den gerade zitierten Stellen kann man nicht mehr sagen, dass im Motto des Romans das Problem des jungen Törleß formuliert ist, wie es sich ihm in dieser Phase des Geschehens (nach der Entdeckung von Basinis Diebstahl) stellt. Der Erzähler deutet in einem Kommentar jedoch schon eine Lösung des Problems an: „Und es gibt auch sonst Dinge, wo zwischen Erleben und Erfassen diese Unvergleichlichkeit herrscht. […] Und was groß und menschenfremd aussieht, solange unsere Worte von ferne danach langen, wird einfach und verliert das Beunruhigende, sobald es in den Tatkreis unseres Lebens eintritt.“ (91/16 ff.)

Aufgabe:
Untersuche, wie Törleß diese Erkenntnis des Erzählers selber nach mehreren scheiternden Anläufen findet:
– das Quälen Basinis (S. 93 ff.);
– die Entdeckung im Mathematikunterricht (S. 103 ff.);
– die Lektüre Kants (S. 113 ff.);
– die Träume und die Selbsterfahrung in der Sinnlichkeit (S. 119 ff.; 123/6 ff.);
– der Versuch einer schriftlichen Reflexion (S. 124 ff.);
– Törleß‘ Begegnung mit Basini (S. 134 ff.)
Nachdem Basini ihm mehrfach erklärt hat, dass dieser Übergang von der einen zur anderen Welt eigentlich nichts Besonderes ist (145/12 ff.;146/22 ff.; 148/17 ff.), wird dann die Erkenntnis des Erzählers von Törleß als sein eigener Gedanke formuliert (151/1 ff.) und dadurch, dass er dem Werben Basinis nachgibt (S. 152 f.), auch im Tun ratifiziert.

Peter Horn: Die Erzeugung der Fremde in der Stringenz der Logik (bereits genannt: http://prghorn.kilu2.de/books/Ivg%20Toerless.htm)
http://www.xs4all.nl/~jikje/Essay/Sileitsch.html (Wortproblematik bei Musil)
http://unendliches.net/ (Kompaktes Wörterbuch des Unendlichen)
www1.uni-hamburg.de/aww/segeberg_alles_relativ.pdf (Harro Segeberg: Die neue Physik und die Literatur des 20. Jahrhunderts)
http://www.thurnhofer.cc/index.php?option=com_content&task=view&id=224 (Törleß – ein Fall für die Psychoanalyse?)

Aufgabe: die Verwirrungen des Zöglings Törleß gegen die Probleme des Lord Chandos (Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief, 1902) abgrenzen
http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1247&kapitel=1 (Text)
http://home.cc.umanitoba.ca/~divay/psg/hvh.html (erkenntnistheoret. Aspekte)
Idee: Nach der Heimfahrt schreibt Törleß einen Brief an Lord Chandos (Vorbild: http://www.litart.ch/chandos_klein.htm)

Aufgabe
: die Bedeutung der Motive des Schweigens, des Schattens und der Tür (Tor, Pforte) für das im Motto formulierte Problem und dessen Lösung untersuchen

Musils „Törleß“ ist zwischen 1902 und 1905 entstanden (nach dem Kommentar Adolf Frisés in Gesammelte Werke II, 1978, S. 1737), „Die Amsel“ im Januar 1928 veröffentlicht worden; die ersten, später verwendeten Skizzen dazu datieren ins Jahr 1914 (a.a.O., S. 1744). Insofern ist es nicht unproblematisch, ein Motiv der Erzählung beim „Törleß“ zum Vergleich heranzuziehen.
In „Die Amsel“ (in: Nachlass zu Lebzeiten, 1936) gibt es drei Geschichten ungewöhnlicher, das Übernatürliche streifender Erlebnisse: Eine Nachtigall, die in Wahrheit eine Amsel ist, ruft als Botin einer anderen Welt einen jungen Mann aus seinem bisherigen Leben heraus; ein Fliegerpfeil, also ein im 1. Weltkrieg aus einem Flugzeug als Waffe abgeworfener Metallstab, hätte beinahe den Erzähler getroffen – sein Klingen hat ihn jedenfalls persönlich angesprochen; die verstorbene Mutter kehrt als Amsel zurück und bleibt bei ihm.
Das Motiv der Sprache taucht in der Reflexion eines banalen Satzes über die Eltern auf: „Sie haben dir das Leben geschenkt.“ Im Kontrast zu den Erfahrungen, dass man sonst als Erwachsener alles kauft oder selbst schafft, geht dem Erzähler dieser Satz plötzlich nahe: „Ich glaube, dieser Satz barg einen Schatz von Unregelmäßigkeit und Unberechenbarkeit, den ich vergraben hatte.“
Am interessantesten ist vielleicht die Konstruktion der Erzählsituation: Ein Ich-Erzähler berichtet von zwei (ehemaligen) keineswegs religiösen Jugendfreunden, Aeins und Azwei; der letzte erzählt die drei Geschichten und erklärt dem Aeins: „Ich will dir meine Geschichten erzählen, um zu erfahren, ob sie wahr sind;“ aber wie soll Aeins das wissen? Zum Schluss betont Azwei, es habe sich alles so, wie er erzählt, ereignet; „und wenn ich den Sinn wüßte, so bräuchte ich dir wohl nicht erst zu erzählen. Aber es ist, wie wenn du flüstern hörst oder bloß rauschen, ohne das unterscheiden zu können.“

Aufgabe: das Motiv „Sprechen/Sprache“ in „Die Amsel“ mit Törleß‘ Frage vergleichen

Thomas Pekar
: Robert Musil zur Einführung (1997),
stellt den Roman unter die Problematik des Blicks (Augen, Blicke, das Sehen). Freud (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie) unterscheide zwei Arten des Blicks, den vom Trieb geleiteten Blick auf einzelne Teile (Beine, Busen), welcher die Einheit des Subjekts gefährde, und den gezähmten Spiegel- oder Liebesblick, der das Ich konstituiere und narzisstisch bestätige (S. 36 f.). Pekar verweist auf
– den Blick in die Bauernküchen (22/17 ff.);
– den Blick in den Garten (24/11 ff.; 31/6);
– den Blick auf Beineberg (27/15 ff.);
– das Angeblicktwerden durch die Bäume (31/24);
– die geschlossenen Augen (63/11, mit dem Vergleich vom Anblick des Weibes 63/15);
– den Blick zum Himmel (92/25 ff.);
– die Erfahrung der Schönheit des nackten Körpers (139/31 ff.);
– die Lösung: doppelter Blick, Wechsel der Persepektive (196/17 ff.)
Die Verbindung dieser Blick-Problematik mit der vorher aufgezeigten Wort-Problematik findet man in der Situation, als Törleß in den Himmel blickt (S. 92 f.):
„Er hatte das Bedürfnis rastlos nach einer Brücke, einem Zusammenhange, einem Vergleich zu suchen – zwischen sich und dem, was wortlos vor seinem Geiste stand.“ (92/12-14) Die Worte versagen (92/2), er richtet die Augen auf den Himmel (92/25), er ist allein (92/30 ff.), das Schweigen umsteht ihn (93/10 ff.).

Aufgabe: Belege für das Motiv des Sehens (der Augen) suchen, seine Bedeutung für das Geschehen prüfen

Törleß – ein Entwicklungsroman
Dass „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ Verwirrungen in der Entwicklung eines ungewöhnlichen Jugendlichen sind, macht der Erzähler deutlich, ehe er von den dramatischen Ereignissen im Konvikt im Konvikt berichtet (ab S. 49).
Die Beschreibung der Abschiedssituation (S. 7 f.) unterbricht der Erzähler mit seiner Erklärung, warum Törleß in jenem Konvikt in W. erzogen wird (8/24 ff.); dann erzählt er, wie Törleß in dieses Konvikt gekommen ist (9, Zeile 8 ff. = 9/8 ff.). Törleß hat im Konvikt zunächst an fürchterlichem Heimweh gelitten (9/11 ff.); als diese Zeit des Heimwehs vorbei war, erkannte Törleß, dass sich da „unter dem Vorwand des Schmerzes“ etwas anderes gezeigt hatte (11/3 ff.). Der Erzähler erklärt uns, was vor sich gegangen ist: Die im Erwachen gewesene Seele hat sich in Törleß’ „Heimweh“ gezeigt (11/16 ff.). Damit ist das Thema des Romans von Anfang an klar bestimmt – wie auch klar ist, dass Törleß seine Entwicklung nicht versteht („Er hielt es für Heimweh…“, 10/12 ff.). Der Erzähler bewertet abschließend Törleß’ Heimweh-Erleben: der erste missglückte Versuch des jungen Menschen, „die Kräfte des Inneren zu entfalten“ (12/11 ff.), was auch seine Eltern nicht verstehen. – Törleß’ Schreibversuche (16/24 ff.) sind dagegen Aktionen des Gehirns; seine Seele ist zu dieser Zeit verloren gegangen (17/7 ff.).
Bald darauf, nach der Episode mit dem jungen Fürsten H. (12 – 14), wird die andere Komponente dieser Entwicklung benannt: die beginnende Geschlechtsreife (15/2 f.). Diese Komponente nimmt viel Platz in der Erzählung ein: Wiewohl Törleß sich an den sexuellen Pöbeleien seiner Kameraden auf dem Heimweg ins Konvikt nicht beteiligt (22/5 ff.), ist seine Seele „von wirklicher Schamlosigkeit gepeitscht“ (22/16). Als er später mit Beineberg allein im Café sitzt, stellt er sich seinen Kameraden nackt vor (27/18 ff.). Später gehen die beiden noch zur Dorfhure Bozena; der Erzähler berichtet, dass solche Besuche „in der letzten Zeit“ (40/16) für Törleß die einzige Freude geworden sind; die beizenden Reize der Frau locken ihn (41/6). In ihm steigt eine Kette hässlicher Gedanken auf (44/22 f.); er sättigt sich mit den Augen an der Bozena im Unterrock (45/17 ff.) und wird wohl auch gegen seinen Willen von ihr geküsst (49/10 ff.).
Zur Bedeutung der Bozena für Törleß sagt der Erzähler noch, dass sie zur Reifung des Jungen beiträgt (Keime frühzeitig an die Oberfläche gerissen, 42/4 ff.). Bozena erscheint ihm als Gegenbild seiner Mutter (44/26 ff.). Die Erinnerung an seine Eltern, die sich dann einstellt (46/13 ff.), lässt ihn „Liebe“ nur für junge einsame Menschen reklamieren, nicht für erwachsene wie seine Eltern bestimmt. Der Erzähler kommentiert diese Fehleinschätzung als einen der jugendlichen Irrtümer (46/34 ff.) und bringt ihn mit dem Zeiterleben Törleß’ zusammen (vgl. auch 18/19-21).
Das Gefühl oder die Stimmung, welche den heranreifenden Törleß bestimmen, sind die Einsamkeit (32/6 ff.) und Melancholie oder Gleichgültigkeit (20/8 ff.; 30/20; 32/10 ff.; vgl. 7/28 ff.). Dementsprechend sucht er eine Stütze (12/15-17), die er auch im Umgang mit dem Prinzen zeitweise findet (13/13 ff.).
Der Erzähler erklärt auch Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung: dass junge Menschen in der Zeit des Übergangs in der schönen Literatur in illusorische Hilfe finden (15/21 ff.), welche im Konvikt aber fehlt. Törleß ahnt empfindsame Erkenntnisse, die seinem Alter noch nicht entsprechen (33/23 ff. im Kontext); seine Vorliebe für gewissen Stimmungen deutet seine spätere bedeutsame Entwicklung an (33/34 ff.).
Seine besondere Situation gegenüber den robusten Kameraden ist dadurch gekennzeichnet, dass ihm die Wildheit der Freunde nichts gibt (17/27 ff.), ihn vielmehr als einen geistig angelegten Menschen in einen Zustand innerer Hilflosigkeit versetzt (17/20 ff.).
Mehrfach wird indirekt eine Beziehung seiner Entwicklung zum Motto des Romans angedeutet: In seinem Heimweh „fühlte er etwas Auszeichnendes, Exklusives in sich“ (9/27 f.), als trüge er einen goldenen Schlüssel für ein Tor zu wunderbaren Gärten in sich (9/34 ff.). Auch das Bild vom Aufenthalt in einer besonderen Kapelle (10/33 ff. und 14/1 ff.) gehört in diesen Zusammenhang; das Versagen der Worte erlebt er, als sie an den Bauernhäusern vorbeigehen (23/8 ff.) und als er mit Beineberg über Religion spricht (29/25 ff.). Der Erzähler deutet an, dass diese Erfahrung in Törleß’ später sich zeigendem Talent des Staunens voll ausgebildet sein wird (34/1 ff.).

5. Skizze zur Zeitstruktur
Der Bericht von den Ereignissen des ersten Tages geht bis S. 69; in diesen Bericht sind auch die Vorgeschichte von vier Jahren und ein Vorgriff eingeschoben; dann wird der nächste Tag datiert (69/32). Es folgen die nächsten Tage (70/21), wobei Törleß einmal „heute“ den Brief liest (73/14). Es wird auch erzählt, was einmal während der Nacht geschieht (74/17). Wieder werden die nächsten Tage erwähnt (86/22), in denen sich auch Törleß‘ Erlebnis im Park abspielt (S. 87 ff.); am nächsten Tag kommen Beineberg und Reiting und vereinbaren mit ihm die erste Quälerei Basinis (93/30). Bis zu diesem Zeitpunkt mögen rund zwei Wochen vergangen sein.
Der Erzähler setzt dann unvermittelt ein, vom Einfall während des Mathematikunterrichts zu berichten (102/26). Er greift aber mit dem Hinweis auf die Aufmerksamkeit „während der letzten Tage“ (102/28) auf das Gespräch am ersten Tag zurück (30/31 f.); psychologisch könnte man eine Nähe zum Parkerlebnis (S. 93 ff.) für wahrscheinlich halten: einige Tage später. Am nächsten Tag besucht Törleß seinen Lehrer (105/19), am nächsten Tag beginnt er Kant zu lesen (113/5); am Abend hat er mehrere Träume (118/21). Am nächsten Tag macht er seinen Notizen (124/14 und 124/25).
Es folgt dann ein summarischer Bericht (bei Tage – in den Nächten, 131/16 und 132/13); diese Zeit mag eine Woche gedauert haben. Danach werden die vier freien Tage erwähnt, an denen die meisten wegfahren (133/25 ff.) und die mit dem Samstag beginnen; in der ersten Nacht trifft Törleß sich mit Basini in der Geheimkammer. Am Dienstagabend kommen dann die Zöglinge heim (153/27). Bis zu diesem Zeitpunkt sind rund vier Wochen vergangen; der Erzähler berichtet einmal, dass Törleß während „der wenigen Wochen“ (169/7 f.) fester und energischer geworden ist – und bis dahin vergeht noch eine nicht genau bestimmte Zeit bis zu einem Gespräch der drei Freunde, das nach Angabe des Erzählers „einige Tage später“ (163/1) vermutlich oder möglicherweise als der genannte Dienstagabend stattfindet – ein Zeitraum, der vorher summarisch gefüllt worden ist (häufig 154/1; des öfteren 154/7 – das kann innerhalb einer knappen Woche geschehen sein).
Von hier aus kann man die Ereignisse bis zum Verhör Törleß‘ durch die Konferenz genau datieren: In der zweitnächsten Nacht (169/14) wird Basini erneut gequält; am vierten Tag danach (174/34) bittet Basini Törleß um Hilfe. Am zweiten Tag danach lehnt Törleß es ab, an der weiteren Unterjochung Basinis teilzunehmen (179/29); in der Nacht steckt er Basini den Zettel mit dem Rat zu, sich dem Direktor zu stellen (184/1 ff.). Am nächsten Tag wird Basini von der Klasse gequält (184/17), am nächsten Morgen greift der Direktor ein (186/8 f.). Am nächsten Tag werden die Zöglinge einzeln verhört (188/18).
Das Ergebnis der Verhöre ist, dass Basini entlassen wird und dass der Direktor ebenso wie Törleß einen Brief an dessen Eltern schreibt (197/25); vermutlich wird er einige Tage später von seiner Mutter abgeholt, womit das erzählte Geschehen schließt (S. 199 f.).
Nach den Feiertagen vergehen also etwa zwei Wochen bis zum Ende des Geschehens. Einmal greift der Erzähler allerdings weit in die Zukunft vor, wie Törleß als junger Mann ist (158/16 ff.) und wie er „einmal“ seine Jugenderlebnisse selber beurteilt (160/7 ff.).

6. Überleitungen zum Ende (Berichte, Kommentare S. 154-162)
Mit Törleß‘ Erkenntnis, dass immer einfach kommt, was von fern so groß aussieht (151/1 ff.), ist eine gewisse Auflösung seiner Verwirrungen erreicht; diese werden aber dadurch noch einmal angefacht, dass er sich auf ein sexuelles Abenteuer mit Basini einlässt (S. 151 – 153).
Zunächst wird nun summarisch berichtet, dass Törleß sich häufig schämt und eine Art Zärtlichkeit für Basini empfindet; dass er diesem die Verstecke zeigt; was Beineberg und Reiting treiben und wie Törleß sich ihnen widersetzt (154/1-30); es folgt ein kurzer Kommentar zu Törleß‘ Anteilnahme an Basini (154/31-33).
Dann folgen Kommentare des Erzählers zur Eigenart von Törleß‘ Begehren (154/34 ff.): kein wirkliches Begehren, aber etwas wie Leidenschaft, jedoch nicht Liebe. In einem zweiten Kommentar wird der asexuelle Charakter dieser Faszination betont (155/12 ff.) und als die „melancholische Sinnlichkeit des Heranreifenden“ (155/24 f.) identifiziert; der Erzähler erklärt, wie es dazu gekommen ist und dass Törleß selbst das alles nicht versteht (bis 156/17); er vermeint wohl Liebe zu empfinden.
Anschließend deutet der Erzähler an, dass Törleß dieses Gefühl bald richtiger einzuschätzen lernt (156/19 ff.); der Erzähler berichtet summarisch, wie Törleß in seinen Gefühlen schwankt: zwischen Scham und vermeintlich einzigartigem Leiden (vgl. die Vergleiche 157/15f. und 17 ff.!) und anderseits namenlosen Gefühlen und einer „zu wilder verachtender Ausschweifung“ wachsender Lust (158/8 ff. – dazu passst jedoch nicht recht, dass ein paar Tage später sein Gefühl für Basini völlig erkaltet ist, 169/17 ff.). Als Zeichen der Unreife darf noch gelten, dass Törleß fragt, was die anderen wohl zu seinem Geheimnis sagen würden (157/3 ff.).
Dann greift der Erzähler auf den späteren jungen Mann Törleß vor, also den Zielpunkt der sich abspielenden Entwicklung (158/16 ff.); der ist eine schöngeistige Natur, dem schwüle und exzessive Regungen nicht schlimm, sondern Mittel des geistigen Genusses sind. Der Erzähler berichtet, was dieser Törleß später „einmal“ über diese Episode seiner Jugend gesagt hat (160/7 ff.): dass Leidenschaft und Erniedrigung etwas ist, durch das man notwendig hindurchgehen muss. Mit seiner eigenen Autorität wie mit der des gereiften Törleß zerstreut der Erzähler also mögliche moralische Bedenken seiner Zuhörer bzw. der Leser; danach braucht er die Verwirrungen nur noch zu einer vorläufigen Auflösung zu bringen.
In einigen summarischen Berichten, die mit einem Kommentar und einer Erklärung verbunden sind, leitet er dann zu letzten Phase des Geschehens über: der völligen Unterwerfung Basinis, die mit dessen Selbstanzeige und seiner Entlassung sowie Törleß Abschied endet.
Törleß‘ Situation ist also ambivalent, wie bereits oft erwähnt worden ist: Er ist noch nicht ganz von den Rätseln frei geworden, die ihn bedrängt haben (161/12); er versteht sich selbst auch noch nicht (161/13 f.). Diese letzte Bemerkung erklärt der Erzähler durch die Besonderheiten des Institus, in dem die Zöglinge leben (161/15 ff.: eingepferscht sein, „männliche“ Ideale, Mangel an Lebenskenntnis); diese Erklärung rechtfertigt das Urteil, dass Törleß „naiv in seine Vergehen hineingeraten“ ist (162/2 f.). Ferner, so erklärt der Erzähler, habe Törleß auch seine später so ausgeprägte „ethische Widerstandskraft“ gefehlt (162/4 ff.); er habe nur gewusst, dass er auf dem Wege in sein Inneres, also zum eigentlichen Ziel seiner Entwicklung, gewesen und dabei in die Sinnlichkeit hineingestolpert sei, was ihn jedoch mit Schuldbewusstsein erfüllt habe (162/12 ff.) – zu Unrecht, wie der vom Erzähler belehrte Leser weiß.
Dass Törleß stumm und etwas fester dahinlebte (162/27 ff.; vgl. „immer seltener“, 162/29), passt wiederum nicht recht zur nächsten Datierung, dass die drei Freunde sich „einige Tage später“ (163/1) treffen. Der Erzähler hat sich alle Mühe gegeben, zum nun folgenden Abschluss des Geschehens überzuleiten und die Verwirrungen des Zöglings Törleß moralisch milde beurteilen zu lassen, weil der, nichtsahnend auf seinem rechten Weg, unter dem Druck der Verhältnisse im Konvikt in allerlei Schwierigkeiten geraten ist.
Auf das Ende des Geschehens bereitet der Erzähler mehrfach dezent vor: Törleß ist fester und energischer geworden (169/8); sein Gefühl für Basini ist völlig erkaltet (169/17 ff.); er entfernt sich von der nächsten Quälerei Basinis und fühlt, dass „ein Abschluß“ (174/27) erreicht ist; mit Hilfe eines nun neu verstandenen Briefes seiner Eltern findet er die Lösung und trifft damit „die Entscheidung“: dass er Basini raten muss, sich dem Direktor zu stellen (183/9 ff.); im Gespräch mit den Lehrern fühlt Törleß als Mensch, dass er nun klar und siegesbewusst sprechen kann (193/28 ff.); die Lösung des Wechsels der seelischen Perspektive sieht er klar (198/33 ff.). Mit der sicheren Unterscheidung von Tag und Nacht (199/11 f.) hat er die einst ersehnte Sicherheit (58/1 ff.; vgl. S. 46 f.) gewonnen; er kann problemlos das Parfüm seiner Mutter riechen, also diese als Frau wahrnehmen (200/1 ff.), was ihm noch einige Wochen zuvor (S. 44 – 47) unmöglich gewesen war. Die Verwirrungen sind im Wesentlichen durchlebt und damit vorbei.

Aufgabe: die bildhafte Sprache des Erzählers exemplarisch (etwa 63/10 – 65/11; 122/4 – 123/34; 193/29 – 195/6; 198/5 – 199/28) untersuchen und auf die Problematik des Mottos beziehen; häufig kommen folgende Formen vor:
– Wie-Vergleiche („Die Nächte erschienen ihm wie dunkle Tore…“);
– Irreale Vergleiche mit Konj. II („Er empfand die Leidenschaft der Melodien wie Flügelschläge großer Vögel, als ob er die Linien fühlen könnte, die ihr Flug in seiner Seele zog.“);
– Genitivmetapher („Dornenkrone seiner Gewissensbisse“);
– Analysierender Genitivvergleich („Ich bin in der Aufregung eines Menschen, der einem Gelähmten die Worte von den verzerrungen des Mundes ablesen soll.“).

Aufgaben:
1. die thematisch unterschiedliche Bedeutung der Beziehungen des jungen Törleß zu Beineberg, Reiting und Basini untersuchen
http://www.reclam.de/detail/3-15-010582-X (Mobbing)
http://infos.aus-germanien.de/Mobbing_in_der_Schule
2. Welcher der Hauptfiguren kann man am ehesten in einer Rollenbiografie sich annähern?
http://209.85.135.104/search?q=cache: (ausführlich)
http://www.achimfessler.de/files_deutsch/files_d_08/rollenbio.htm (knapp)

Aufgaben:
1. die verschiedenen Umschreibungen der beiden Seiten des Lebens zusammenstellen und untersuchen (mit dem Zielpunkt in der Sicht des jungen Mannes Törles, 158/19 ff.); dazu die Erzählung „Kleine Lebensreise“ von Robert Musil heranziehen;
2. die Ergebnisse in eine Theorie der Subjektivität einordnen
http://www.staff.uni-mainz.de/metzinge/Texte/SMT-light.htm (Metzingers Theorie)
http://userpage.fu-berlin.de/~miles/Schuld.html (Schuld und Subjektivität)
http://www.copyriot.com/diskus/06-1/begehrtes_ich.htm (Identität, Begehren, Beziehungen)
Über Subjektivität und Perspektivenwechsel:
http://www.mediationsausbildung.com/papers/pdf_010207/k_perspektivwechsel.pdf
http://userpage.fu-berlin.de/~phin/phin1/p1t3.htm (zur Semantik von „fremd“)

Nach Karl Corino (Robert Musil. Leben und Werk in Bildern und Texten, 1988, S. 10) bildet der Törleß-Roman auf der pschologischen Ebene „den Zustand akuter Identitätsverwirrung“ ab, wie er für die Pubertät typisch sei.
Aufgabe: untersuchen, wie weit man den Roman mit den thematischen Stichworten „Identitätsverwirrung, Pubertät, Adoleszenz“ verstehen kann;

Aufgaben:
1. Beziehungen zu thematisch ähnlichen Romanen der Zeit nach 1900 (Hermann Hesse: Unterm Rad, 1905; Robert Walser: Jakob von Gunten, 1909) untersuchen
http://209.85.129.104/search?q=cache:Nxou-U7BTCEJ:www.germanistik.uni-freiburg.de/
von Hesses Roman könnte man am zweiten Kapitel untersuchen, wie dem gelehrigen Hans Giebenrath von unverständigen Lehrern die Kindheit gestohlen wird, woran er letztlich zerbricht; durch die Begegnung mit seinem genialisch-aufsässigen Freund Hermann Heilner (Selbstbild Hermann Hesses?) wird Hans aus der Bahn des ehrgeizigen Lernens geworfen und bricht zusammen (4. Kapitel, Anfang des 5. Kap.). Aus dem dritten Kapitel kann man noch den 2. Absatz sowie aus seinem 2. Unterkapitel den 1. Absatz („Am folgenden Tage …“) zum Vergleich heranziehen. – Die erotische Begegnung mit Emma (6. Kap.) und der folgende Liebeskummer (Anfang des 7. Kap.) sind nur eine (nicht wesentliche) Etappe auf seinem Weg in einen ungeklärten Tod. [Sein Vater Joseph wird vom Erzähler hämisch als Philister gezeichnet (1. Kapitel, die ersten drei Absätze); nur der pietistische Schuster Flaig und der genialische Jungdichter Heilner scheinen dem Erzähler ein lebenswertes Leben zu führen.]
http://de.wikipedia.org/wiki/Unterm_Rad
http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/hesse/u_frame.htm
http://gabrieleweis.de/2-bldungsbits/literaturgeschichtsbits/thema%20jugend/reader-thema-jugend/15-hesse-unterm-rad.htm
Das Geschehen in Walsers leicht surrealem Roman ist nur schwer mit dem in Musils Roman zu vergleichen; man könnte des Ich-Erzählers Jakob „Lebenslauf“ (etwa am Ende des ersten Viertels des Romans) heranziehen und überlegen, ob Jakobs Weg mit dem von Törleß oder mit Hans Giebenrath vergleichbar ist. (Über Walsers Roman kann man sich kurz im KLL informieren.);(Perspektivenwechsel als Erkenntnisquelle – wie unterscheidet sich dieses Verständnis des „Perspektivenwechsels“ von dem des jungen Törleß?)(Schülerromane: Auswahlbibliografie);

2. den Adoleszenzroman vom klassischen Bildungsroman abgrenzen
http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/bildungsroman.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Bildungsroman
http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html?page=/EUROL/termini/9311.htm
Aufgabe: den Roman in die Literatur zwischen Naturalismus und Expressionismus einordnen
http://www.literaturwelt.com/ (-> Epochen -> Moderne klicken)
http://www.xlibris.de/Autoren/Klassiker/Literaturepochen.htm
http://www.lektueretipp.de/html/body_epochen_5.htmlhttp://www.ned.univie.ac.at/ (Literatur im Kontext, zur Jahrhundertwende – vgl. auch die Links oben unter 1. zum Symbolismus!)
http://web.uct.ac.za/depts/german/texts/toerless.htm („Törleß“ und Nietzsches Machtbegriff)

Aufgaben:
1. die Bedeutung des Romans für Lebensverständnis und -bewältigung heutiger Jugendlicher diskutieren; dabei den Auszug aus dem Entwurf eines Briefes Musils an M. di Gaspero (1907?) beachten:
„Um auf den T. zu kommen: das Buch ist nicht naturalistisch. Es gibt nicht Pubertätspsychologie wie viele andere, es ist symbolisch, es illustriert eine Idee. Um nicht mißverstanden zu werden, habe ich ein Wort von Maeterlinck, das ihr am nächsten kommt, vorangesetzt. Das Buch ist unmoralisch, weil diese besondere Form der Unmoral mir am geeignetsten schien, die Idee daran heraus zu arbeiten.“
http://www.nzz.ch/2005/12/24/li/articleDFCMZ.html (Pubertät)
http://www.ned.univie.ac.at/CMS/Brochueren/Von_Dik_Trom_bis_Meester_Max/Geteilte_Jugend/(Adoleszenzromane)
www.br-online.de/imperia/md/content/bayern/collegerad/ethik/127.pdf (Literaturwerkstatt: „Herzschmerz. Pubertät in Literatur, Kino und Fernsehen“)
2. untersuchen, wie die Identitätskrise in der Pubertät heute im Vergleich zur Darstellung im Roman erlebt wird;
„Identität“ und „Adoleszenz“ bei http://www.socioweb.de/lexikon/ und http://www.assoziations-blaster.de/ nachschlagen;
http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=U0O261 (Jugend in D)
http://www.kybernaut.de/literaturinferno/seiten/identitaet.html
http://www.hr-online.de/website/specials/wissen/index.jsp?rubrik=6570&key=standard_document_12627716
http://www.seelische-krise.de/
http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Kindliche_Entwicklung/s_599.html

Aufgaben (bei Interesse):
1. die Bedeutung dessen, in einer kasernierten Jungen- bzw. Männergemeinschaft zu leben, untersuchen
http://www.jungle-world.com/seiten/2005/20/5526.php (Analogie: Militär)
http://dictionaryofwar.org/de-dict/node/489 (Disziplin)
http://www.heilpaedagogischeforschung.de/ab0245.htm
2. die Auffassung diskutieren, im Roman sei erzählerisch warnend auf den Terror des Dritten Reichs vorgegriffen worden;
http://www.versalia.de/Rezension.Musil_Robert.65.html
3. Musils Erzählung „Die Affeninsel“ zum Vergleich heranziehen.

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Einen höchst ambitionierten, also eher unrealistischen Vorschlag einer Unterrichtsreihe hat Bernhard Großmann in der Reihe „Interpretationen Oldenbourg“ (3. Aufl. 1997, S. 98 ff.) vorgelegt: 14 Stunden für den Grundkurs, 22 Stunden für den Leistungskurs Deutsch.
Ich setze voraus, dass die gängigen Lektürehilfen (Königs Erläuterungen, Erläuterungen und Dokumente bei Reclam usw.) bekannt bzw. leicht zu beschaffen sind.
http://lernarchiv.bildung.hessen.de/archiv/sek_ii/deutsch/kurshalbjahre/13.1/grenzueberschreitungen_/musil_toerless/
Artikel im KLL (neu: Rolf Grimminger), von Schülern bearbeitet:
http://gabrieleweis.de/2-bldungsbits/literaturgeschichtsbits/
In der Reihe „Stationen der Literatur“ hat Heinrich Biermann 1986 „Text und Materialien“ zu Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ vorgelegt. Er verweist darin auf einzelne „Themenkreise“ in der Diskussion der Sekundärliteratur (S. 177 ff.):
* Die Krise der individuellen Entwicklung: Pubertät und Sexualität
* Die Krise der Wahrnehmung und der Erkenntnis: Sprachkrise und „anderer Zustand“
* Die Krise der Gesellschaft: Dorf und Internat als Spiegel der Gesellschaft
* Zusammenhänge zwischen individueller und gesellschaftlicher Krise
* Sprache und Struktur des „Törleß“
http://www.stauff.de/grundkursdeutsch/dateien/geheimerlehrplan/geheimerlehrplan.htm

Musil, Leben und Werk
(u.a.):
http://www.cpw-online.de/lemmata/musil_robert.htm (encarta)
http://www.spiegel.de/spiegelspecial/0,1518,274701,00.html (Besprechung zweier neuer Musil-Biografien)
http://www.zeit.de/2003/33/Sbib-Musil_33 (Besprechung „Törleß“ – problematisch!)
www.bgdv.be/gm58/Duhamel.pdf 341.pdf (Philosophische Grundlagen der österreichischen Literatur um 1900)

Weitere Verarbeitungen
(Film, Theater):
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/ („Törleß“ als Theaterstück – Vorbesprechung)
http://www.theaterkritiken-berlin.de/Regietheater/Zoegling%20Toerless.htm (Kritik dazu)
Film: Volker Schlöndorf: Der junge Törleß
http://www.kinematographie.de/HEFT50.HTM#KI (Besprechung des Schlöndorff-Films)

Zur Analyse von Erzähltexten: http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/22/erzahltexte_analysieren

Anregungen zur Literaturdidaktik allgemein:
http://www.fachdidaktik-einecke.de/

Analysen zu Musils Erzählungen „Die Affeninsel, Das Fliegenpapier, Hasenkatastrophe“ und „Kleine Lebensreise“ findet man unter „Erzählungen“ bei http://www.bloghof.net/norberto42/

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Musil: Daten seiner Biografie bis zur Veröffentlichung des Romans
„Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“

Musil wurde am 6. November 1880 geboren; sein Vater war Ingenieur. Nach der Volksschule besuchte er bis 1892 die Realschule. In der Familie gab es auch mehrere Offiziere; zum Teil auch deshalb, weil er als Kind den Eltern zu eigenwillig war, wurde er 1892 auf auf die Militär-Unterrealschule Eisenstadt, 1894 bis 1897 auf die Militär-Oberrealschule Mährisch-Weißkirchen geschickt. Was er dort erlebte, bildet den Hintergrund des Romans „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“. So kann man in Erzherzog Heinrich das Vorbild der Figur „Fürst H.“, in Richard von Boyneburg-Lengsfeld das Vorbild der Figur „Beineberg“ und so weiter erkennen.

Vom 1. September bis 30. Dezember 1897 war Musil auf der technischen Militärakademie; ab Januar 1898 studierte er in Brünn Maschinenbau. Ein Schock war für ihn, als er im im Sommer 1898 seine Mutter im Strandbad am Wörthersee versehentlich nackt sah. Musil schrieb Verschiedenes, was aber nicht gedruckt wurde. Am 18. Juli 1901 legte er die 2. Ingenieurprüfung ab („sehr befähigt“). Seine Lebensgefährtin war 1901 – 1907 Hermine Dietz. Vom 1. 10. 1901 – 30. 11. 1902 diente er in der Armee als Einjährig-Freiwilliger; dann ging er als Praktikant zu Prof. Carl Bach, einem Fachmann für Materialprüfung, nach Stuttgart. „Ich war 22 Jahre alt, trotz meiner Jugend schon Ingenieur und fühlte mich in meinem Beruf unzufrieden. Jeden Abend um 1/2 9 besuchte mich eine Freundin, aus dem Büro kam ich aber schon um 6 nach Hause, Stuttgart, wo sich das abspielte, war mir fremd und unfreundlich, ich wollte meinen Beruf aufgeben und Philosophie studieren (was ich bald auch tat), drückte mich von meiner Arbeit, trieb philosophische Studien in meiner Arbeitszeit u am späten Nachmittag, wenn ich mich nicht mehr aufnahmefähig fühlte, langweilte ich mich. So geschah es, daß ich etwas zu schreiben begann, u. der Stoff, der gleichsam fertig dalag, war eben der der V. d. Z. T. Durch ihn und seine, wie man sagte, amoralische Behandlung erregte das Buch Aufsehen, u ich geriet in den Ruf eines ‚Erzählers‘.“ Das schrieb Musil 1932 in einem Entwurf für ein „Vermächtnis“ (Gesammelte Werke II. Hrsg. von Adolf Frisé, 1978, S. 954)

September 1903 zog Musil nach Berlin, wo er bis zum Frühjahr 1908 Philosophie und Psychologie studierte, mit Mathematik und Physik im Nebenfach. Nebenher machte er im Juni 1904 in Brünn als Externer die Abiturprüfung. Im Frühjahr 1905 war das Manuskript des Romans „Törleß“ fertig; mehrere Verlage lehnten den Roman jedoch ab. So wandte Musil sich an den berühmten Kritiker Alfred Kerr (1867 – 1948), der vom Roman begeistert war und vermutlich den Kontakt zum „Wiener Verlag“ herstellte, wo der Roman 1906 erschien.

Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß – Unterrichtseinheit

Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß –
Vorschläge für den Unterricht

Ziele: Die Schüler sollen
– einen Überblick über das Geschehen gewinnen,
– die Bedeutung des Mottos verstehen,
– die Vielfalt der für Törleß relevanten Fragen wahrnehmen,
– die Zeitstruktur des erzählten Geschehens skizzieren,
– die Anlage der Problematik in der Vorgeschichte erfassen,
– die Beziehungen der verschiedenen Figuren zu Törleß aufzeigen,
– die Eigenart des Erzählers und der Erzählweise erfassen
– einen ersten Überblick über Hilfsmittel zum Verständnis des Romans gewinnen,
– Themen über den Verlauf des Geschehens verfolgen können,
– den Roman in seiner Stellung im Epochenumbruch um 1900 begreifen,
– die Bedeutung von Musils Roman für unsere Gegenwart reflektieren.

Konzeption der Arbeit am Roman:
Die Erarbeitung wird vom Motto des Romans bestimmt.

1. das Motto erarbeiten, Begriff der Epoche Symbolismus klären

2. das Problem Törleß’ klären:
a) erste Aspekte des Problems (bis S. 49);
b) weitere Aspekte, erste Klärung durch den Erzähler (bis S. 93);
c) weitere Aspekte, Klarheit für Törleß (bis Ende)

3. Törleß und sein Problem gegen Beinebergs Bestrebungen (Esoterik) abgrenzen

4. die Bedeutung des Motivs „Blick“ (berühren, nicht vertiefen), Motive des Schweigens, des Schattens und der Tür (Tor, Pforte)

5. Aspekte der Erzähltextanalyse
:
– die Zeitstruktur des erzählten Geschehens,
– die Beziehungen Törleß’ zu den verschiedenen Figuren
– die Orte des Geschehens
– das Internat als Lebensraum
– der Erzähler, die Erzählweise (berührt sich mit Zeitstruktur)
– des Erzählers Sicht von menschlicher Entwicklung

6. den Roman in seiner Zeit verstehen:
– in der Epoche zwischen Naturalismus und Expressionismus,
– in Relation zu „ähnlichen“ Romanen (Hesse: Unterm Rad; Walser: Jakob von Gunten),
– in Relation zu anderen Werken Musils (Hasenkatastrophe; Die Affeninsel; Die Amsel),
– in Relation zu Hofmannsthals Chandos-Brief,
– den Adoleszenzroman (Schülerroman?) in Abgrenzung zum Bildungsroman

7. die Bedeutung des Romans für die Schüler reflektieren:
– Identitätsprobleme in der Pubertät, früher und heute
– die Subjektivität, das Begehren und das Unsagbare
– Rollenzwänge in Gruppen, Freiheit des Einzelnen
– Probleme der Annahme, in der Literatur würden vorab spätere historische Ereignisse gespiegelt

8. Hilfsmittel zum Verständnis des Romans suchen und finden

Anmerkung
: 4. bis 7. können arbeitsteilig von verschiedenen Gruppen oder einzelnen Schülern bearbeitet werden.

Robert Musil: Kleine Lebensreise – Analyse

Erzählt wird, wie zwei Jungen mit einem gestohlenen Ponywagen durch Wien fahren, von einem Ich-Erzähler (Z. 7), der sich als ein erwachsener Mann vorstellt (Z. 12), jedoch nur als „ein recht erwachsener Mann“; er steht emotional noch in der Nähe der Kinder (Z. 7 f.). Auch dass er noch die Grundsatzfrage stellt, wie man leben soll (Z. 42 ff.), und dabei mit der „erwachsenen“ Position der Jugendfürsorge nicht zufrieden ist („das Dümmste“, Z. 50 f.), zeigt ihn als eigenwilligen Menschen, der selbst noch auf der „Lebensreise“ ist. Das Adverbial „richtig“ (Z. 17 f.) mag die Nähe zur Sicht oder zum Erleben der Kinder bestätigen, beinahe personal erzählt. Bedeutsam ist ihm ebenso wie den Jungen das Kleine, das Pony (Z. 6, 6 f., 9).
Erzählt wird also in starker Zeitraffung: Was mehrere Stunden dauerte, wird, von bedeutsamen Kommentaren unterbrochen, in knapp zwei Minuten erzählt. Zwei Jungen im Alter von neun oder zehn Jahren fahren mit einem gestohlenen Wagen durch Wien und werden schließlich erwischt. Die Erzählung ist „Kleine Lebensreise“ überschrieben; in einem Kommentar sagt der Erzähler, die beiden Jungen seien „von einem Ende des Lebens zum anderen gefahren“ (Z. 43). Er sagt aber nicht direkt, welches die beiden Enden sind. Dies muss man aus der Art, wie von der Fahrt erzählt wird, und aus den Kommentaren des Erzählers erschließen.
Der Text beginnt mit der Feststellung: „Das Leben ist voller Wunder.“ (Z. 3) Diese noch recht unbestimmte, optimistisch-banale wird durch eine zweite resignierende Äußerung (vielleicht die Perspektive der Erwachsenen gegenüber der der Kinder) näher bestimmt: „Bloß sind sie bezahlt und gehören immer schon irgendwem.“ (Z. 4) Hier werden gleich zu Beginn die gegensätzlichen Sphären des Wunders (vgl. später: Märchen, Z. 19; Sultan, Z. 11; prächtig, Z. 10; Indianer, Z. 28 – das Wunder als Abenteuer) und der bürgerlichen Ordnung (bezahlt, gehören; Schutzmann, Z. 37; Pflicht, Z. 38; Eltern, Jugendfürsorge, Z. 40; Geschäft, Z. 48) gegenübergestellt, und zwar so, dass die Ordnung mir oder einem selbst die Wunder vorenthält. Dieser Mangel, auch das Gefühl beim Anblick eines Ponys (Z. 7 f.) und das Adverbial „richtig“ (s.o.), scheinen aus kindlicher Perspektive gesehen zu sein, ebenso das Modalverb „konnte“ (Z. 16) – der Erzähler als Verbündeter der „Märchenbuben“ (Z. 28). Er ist eben bloß recht erwachsen (Z. 12) und erlebt die Fahrt als Märchen mit (Z. 17 ff.)
Das im dritten Satz folgende „Aber“ (Z. 4) relativiert jedoch die resignierende zweite Äußerung und leitet die Erzählung eines Geschehens ein, in dem ein Wunder für die die Wunder der Welt Entbehrenden wirklich wird – zumindest eine Zeitlang (Z. 16/33). Die Diebskerle sind für diese Zeit wirklich „Märchenbuben aus einem Indianerwigwam“ (Z. 28). Das Wunder beginnt richtig wunderbar, nämlich „plötzlich“ (Z. 13), nach dem Schulbesuch der Kinder, also nach Beendigung der Pflicht oder zu Beginn ihres freien Lebens. Möglich wird es durch die kindliche Logik: Wenn niemand bei dem Wagen ist, dem er gehören kann (Z. 15 f.), dann gehört er auch niemand und steht als Wunder offen (vgl. Z. 4).
Erzählt wird nun, wie die Fahrt in Märchenlogik, also prächtig (Z. 19, vgl. Z. 10) abläuft; schon ein kleiner Teil dieser langen Fahrt hätte genügt, um das Märchen wirklich werden zu lassen, wird im Kommentar gesagt (Z. 26-28).
Mit einer Frage (in Z. 29) wird das Ende des Märchens eingeleitet; es gab „den unvermeidlichen Streit“ (Z. 30). Mit diesem Attribut übernimmt der Erzähler die Sicht der Erwachsen, die das Leben kennen, und zählt strittige Fragen auf: Wohin fahren? Was tun mit dem Pferd? Einer der beiden beginnt geschäftlich zu denken („verkaufen“, Z. 32). „Damit war das Wunder aus.“, kommentiert der Erzähler (Z. 33).
Beinahe kindlich, nämlich so stark vereinfacht, dass es fast ironisch wirkt, erklärt er die Möglichkeit, unterschiedlich zu wählen und zu handeln, als Grund des Übels (Z. 33-37); dieses Wählenkönnen steht im Kontrast zu der Notwendigkeit, mit der das Märchengeschehen abläuft (Z. 19 ff. dreimal „müssen“); wo es individuelle Wahl, persönlichen Vorteil (Z. 34 f.) und rücksichtsloses Ausspielen von Stärke (gegenüber dem gemeinsamen Handeln, V. 36 f. vs. V. 17 ff.) gibt, ist eine bürgerliche Ordnung nötig, die das Recht auf Eigentum regelt („bezahlt“, Z. 39) und dafür Ordnungshüter einstellt (Z. 37).
Zum Schluss wird in einem Kommentar die Grundsatzfrage diskutiert, was die Jugendfürsorge den beiden Buben sagen soll: Soll sie ihnen zu einem Leben, das „aus ganzer Seele“ (Z. 45) als Abenteuer gelebt wird, raten, oder soll sie wegen der dabei unvermeidlichen Enttäuschungen (Z. 46 f., vgl. Z. 30) zu einem Leben raten, in dem seelenlos alle Dinge als Gegenstände möglicher Geschäfte angesehen werden (Z. 45 ff.)? Der Erzähler lässt die Frage offen, vermutet aber, dass die Fürsorge dieser Frage ausweicht; vielleicht kann sie als Institution der bürgerlichen Ordnung die Alternative „Abenteuer“ auch gar nicht zulassen, gar nicht ernsthaft erwägen. Wenn sie dann ausweicht, kann sie „Verständnis und Güte“ zeigen und die Jungen milde tadeln (Z. 52); doch in den Augen des Erzählers ist dies „das Dümmste“ (Z. 52), weil die entscheidende Frage übergangen, das Problem verschwiegen wird, also auch kein Verständnis für die Jungen und ihre (vom Erzähler geteilte, vgl. Z. 7 ff.) Sehnsucht vorliegt.

Was also sind die beiden Enden des Lebens? Geht man von der Reise der Jungen aus, wird man sie als Wunder/Polizist, Logik des Abenteuers/Streit, Märchen/bürgerliche Ordnung bestimmen können. Die Märchenbuben sind im Streit auseinander gegangen und zwangsläufig beim Ordnungshüter gelandet; das war ihre kleine Lebensreise durch Wien. Ihr Abenteuer ist gescheitert, zumindest zu Ende gegangen. Im Herzen des Erzählers lebt aber noch die Fähigkeit, das Abenteuer zu erhoffen.
Was soll ich als Vater meinen Kindern sagen? Das Leben „geht nicht“ ohne bürgerliche Ordnung, aber „ohne Seele“ ist es nicht lebenswert. Vielleicht erscheinen die Wunder des Lebens auch denen, die sie herbeisehnen, größer und märchenhafter, als sie tatsächlich sind: in alltägliche Vollzüge eingebettet, in einer bürgerlichen Ordnung gesichert. Das kann man in Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ nachlesen, wenn man schon nicht begriffen hat, warum der Märchenerzähler zu erzählen aufhört, wenn der Mann die Prinzessin endlich zur Frau bekommt und heiratet, also die beiden als Paar in eine Ordnung eingefügt werden.

Robert Musil: Hasenkatastrophe – Analyse (kurz)

(Ich orientiere mich am Text in Robert Musil: Nachlass zu Lebzeiten, rororo 500 (1962), S. 26-29. Diese Analyse soll zeigen, wie man sich vom Textverlauf lösen kann, dass man also verschiedene Elemente zu einer Gesamtgestalt des Sinns zusammenstellen (d.h. denken) muss, wenn man einen methodischen Ansatz für sein Verstehen findet.)

In dieser Parabel wird erzählt, wie Touristen auf einer Insel zufällig beobachten, dass ein Hund einen kleinen Hasen jagt und fängt. Der Ich-Erzähler, der selber zu der Touristengruppe gehört (Z. 49 f.), begleitet und unterbricht seine Erzählung mit Beschreibungen und Reflexionen. Auf eine Analyse des Aufbaus wird hier verzichtet; ich gehe von dem Kontrast zwischen „Triumph“ und „Katastrophe“ – dazwischen liegt der Wendepunkt der Erzählung (Und da erkenne ich… Ich fühle mein Herz…, Z. 64 ff.), sofern man in einer von den Metaphern des Todes bestimmten Erzählung von einem „Wendepunkt“ sprechen kann – sowie von dem Verhältnis des Ich-Erzählers zu den anderen Badegästen aus. Man könnte ebenso davon ausgehen, dass das erzählte Geschehen kommentiert (Z. 33-44, neu gefasst in Z. 50-57; 71-73; 80 f.; 88-90; 98-100) wird, oder vom Verhältnis der Menschen zur Natur (Kontrast: die Dame, Z. 1 ff., vs. Heroismus der Insel, Z. 13 f.; damit wird der Schlusskontrast vorweggenommen: das Unergründliche – der feste Boden Europas).
Was zunächst wie „der erste große Triumph der Hundewelt” (Z. 60 f.) aussieht, erweist sich als „die Hasenkatastrophe“ (Z. 69): der Hund fängt und tötet den kleinen Hasen. Den Triumph der Hundewelt erleben „wir“ (Z. 49), „zu unserem Erstaunen“ (Z. 57), „man“ (Z. 59); die Hasenkatastrophe sieht nur das erzählende Ich (Z. 64), das dem Hasen genau zuschaut und ihn als „Hasenkind” (Z. 66) erkennt, sich also aus dem anonymen Man der Gruppe löst und den personifizierten, also dem Menschen verbundenen (verwandten?) Hasen voller Mitgefühl erblickt (Z. 67).
Damit ist eine Differenz zwischen dem Ich und der wir-Gruppe, der es angehört, gesetzt, und diese Differenz macht es dem Ich möglich, den Vorgang zu erzählen und zu reflektieren; die allgemeine Reaktion ist ja ganz anders, nämlich schweigen, Unverstandenes reden und essen (Z. 93 ff.). Ohne diese Differenz wäre es dem Ich nicht möglich, aus dem Schweigen auszubrechen.
Das Ich ist der Gruppe doppelt verbunden, in der geschniegelten Kleidung und im Blutrausch (Z. 5 ff.; 49 f.; 45 f.; 57 ff.; 79 ff.). Wie das zusammen-passt, Mode und Blutrausch, ist das Geheimnis Europas (Z. 100). Die wir-Gruppe  ist also doppelt bestimmt; im Blutrausch gehört auch der Terrier dazu („der erste von uns…“, Z. 81 f.)
Die Kleidung nach der Mode verdeckt, was ein Mensch in Wahrheit ist – aus dem Gerippe der Dame macht sie ein Püppchen (Z. 1 ff.), und erst die ungebändigte Kraft des Windes, der Natur, zeigt, was die Dame, welche die Gruppe der Touristen repräsentiert, in Wahrheit ist: ein Gerippe, ein Gestell des Todes (Z. 9), klein, dumm, machtlos (Z. 9 ff.; 25 ff.). In dieser Verkleidung ist das Ich (im „man“, Z. 5) mit seiner Gruppe verbunden, ist als „Zuschauer“ (Z. 10 f.) aber bereits distanziert und stellt seine scheinbare Wahrheit nicht ohne Ironie dar („natürlich“, Z. 11).
Die Distanzierung vom Blutrausch erfolgt deutlicher – im Willen zu helfen (Z. 70 ff.) und zu strafen (Z. 90 ff.); aber sie gelingt nicht, weil das Ich selber zerrissen ist, sowohl aus „Wille“ (Z. 71, personifiziert, also verselbständigt) wie aus Bügelfalten und Sohlen besteht (Z. 72), die nicht im Ich aufgehen, sondern ein Eigenleben führen. So ist das Ich gespalten, hilflos, verstört, vielleicht ein bißchen verrückt. Verrücktheit erkennt das Ich aber nur in der vormenschlichen Natur, als „Leere der unvollendeten Schöpfung“ (Z. 38 f.), als unmenschliche Verlassenheit (Z. 52) – undeutlich erkennt es sie aber auch an den Menschen, die „Tollhausjacken“ zu tragen sich vorschreiben lassen (Z. 50), ein Hinweis auf die wahren Verhältnisse. Das Verrückte der Menschen besteht darin, dass diese teils niedlich (Z. 2 ff.), teils akkurat (Z. 6 f.) gekleideten Menschen in einen Blutrausch verfallen können (man beachte das ganze Wortfeld des Todes ab Z. 9!), ohne mit dieser Spaltung, diesem Widerspruch, dieser Ambivalenz umgehen zu können. Sie sind „bewegungslos und verlegen“ (Z. 86), als sie ihre Zugehörigkeit zur Hundewelt erkennen, und während der Hund noch (dazu als erster!) Selbsterkenntnis zu haben scheint (Z. 81 ff.), flüchten sich die Menschen in Scheinerklärungen (Z. 86 ff.) – diese täuschen erklärende Tiefe nur vor, sind in Wahrheit aber „seicht“, wie der Erzähler in einem Vergleich sagt (Z. 88-90).
Auch der Erzähler selber ist hilflos, könnte nur mit den Methoden der Hundewelt seine Herzensempörung ausdrücken, nämlich schlagen (Z. 90 ff. mit 67 ff.), und verfällt in der Erkenntnis, dass dies unangemessen ist, zunächst ins Schweigen – was er immerhin erzählen kann, aufgrund seiner Distanzierung und seines Reflektierens. Im Schweigen aller (Z. 93 f.) zeigt sich, dass niemand die Ambivalenz menschlichen Lebens versteht, niemand sie im Wort oder Begriff feststellen kann, sich ihr (und damit sich selbst) stellen kann.
Einer handelt, scheint Mitgefühl mit dem toten Hasen zu bezeugen (Z. 96) und bringt ihn fort – aber in die Küche, damit ein Braten aus ihm werde. Der Erzähler wertet in einem großen Schlußsatz, dem Höhepunkt der Erzählung, dieses Handeln: „Dieser Mann stieg als erster aus dem Unergründlichen und hatte den festen Boden Europas unter den Füßen.“ (Z. 98-100). Man beachte, dass es ein „behaglicher Herr“ (Z. 95) ist, der derart dem Blutrausch entkommt. Der feste Boden Europas, das ist die Verwertung von Leichen durch behagliche Herren und niedliche Damen, der Genuss des zu Tode gejagten Hasen. Der Herr stieg „aus dem Unergründlichen“, so muss man wohl den Schlußsatz lesen, um es schnell zu vergessen – der feste Boden Europas ist ganz unstabil, er ruht auf einem Abgrund. [1939 erschien Alfred Döblins Buch „Bürger und Soldaten 1918“, jetzt u.a. als dtv 1389 (1978) vorliegend. Darin sagt der Erzähler, dass Barrès 1914 den Kriegsbeginn in Paris erlebte: „das Aufbrechen eines Abgrundes unter dem dünnen Boden des bürgerlichen Menschseins“ (S. 341). Diese Wendung ist geeignet, den Schluss von Musils Erzählung verständlicher zu machen; vielleicht ist sie von Musils Erzählung angeregt?]
Wenn wir dieses „Bild“ Musils lesen, können wir das zwar auch nicht ändern, aber verstehen. Oder, anders gesagt: Durch Lektüre von Parabeln, durch Betrachten von „Bildern“ ändern wir (noch) nichts – das Handeln gehört einer anderen Dimension an, für die ein Schriftsteller keine Anweisungen geben kann.

Robert Musil: Das Fliegenpapier – Analyse

Skizze meiner Lösungserwartung für das Abitur 1995
Ein Ich-Erzähler berichtet genau und ohne innere Anteilnahme, aber einfühlsam den Todeskampf von Fliegen auf einem Fliegenpapier; auf die Beschreibung des Papiers folgt der Bericht: Etappen des Todeskampfes (Z. 4 f.; 7 f.; 15; 18; 22; 32; 42; 55 f.; 61; 64; 66?); der Erzähler nimmt sich relativ viel Zeit für ein so unwichtiges Ereignis, Zeitdehnung in Z. 32-41.
Präzision: Beschreibung des Papiers (Z. 1 ff.) u.ö.; Vielzahl der Vergleiche: Bemühen um Genauigkeit? (Z. 58 ff.);
Wiederholungen, Aufzählungen;
Vergleiche mit Menschen (Z. 8 ff.; v.a. Z. 34 u.ö.);
ausdrückliche Parallelisierung mit menschlichem Erleben (Z. 8 ff. u.ö.);
Fliegen werden personifiziert (seelische Erschöpfung, Z. 42, u.ö.);
der Erzähler fühlt sich ein (Z. 23), erzählt aber doch distanziert (Z. 5; 30 f. u.ö.);
Der „Feind“ ist ein „Nichts“ (Z. 51 f.), der Kampf damit ungleich und sinnlos; der Feind ist beinahe etwas Menschliches (Z. 10 ff.).
Musil stellt in der Vorbemerkung seines „Nachlass zu Lebzeiten“ einen indirekten Zeitbezug seiner „Bilder“ her, und so wird es erlaubt sein, diesen Zeitbezug zu formulieren. Es liegt nahe, an das sinnlose Schlachten im 1. Weltkrieg zu denken.
In gewisser Weise sind Musils „Bilder“ aber auch einfach Bilder von etwas Wirklichem (das menschliche Leben beobachtet, „wo es sich unachtsam darbietet“), und man sollte nicht allzu bemüht einen „Sinn“ oder eine „Belehrung“ suchen. Die Schüler tun sich schon schwer genug, die Wirklichkeit in ihrer nuancierten Darstellung und ihrer ganzen Weite wahrzunehmen; Suche nach „Belehrung“ verstellt da leicht den Blick auf die Abgründe der Wirklichkeit.

Weitere Überlegungen zu einer Klausur 2005
Vielleicht sollte man einzelne bedeutsame Passagen würdigen, etwa
– die von der befremdlichen Empfindung (Z. 8 ff.); das „etwas“, worauf man (im Vergleich) tritt, ist schon etwas… – worin besteht „das grauenhaft Menschliche“? Darin, dass ein belangloses Etwas sich plötzlich als menschlicher Greifer erweist?
– das Emporstemmen der Fliegen, im Vergleich als „tragischer als Arbeiter es tun, wahrer im sportlichen Ausdruck der äußersten Anstrengung als Laokoon“ (Z. 30 f.) beschrieben; dieser Vergleich schreit nach einer Interpretation, weil hier die Aktionen der Fliegen über das menschliche Schuften und den höchsten Ausdruck des Leidens in der Kunst (Laokoon) gestellt werden;
– die Bemerkung, dass sie in einem seltsamen Augenblick „ganz menschlich“ sind (Z.39). In welchem Augenblick? In dem, wo sie sich in seelischer Erschöpfung (Z. 42) aufgeben, „wo das Bedürfnis einer gegenwärtigen Sekunde über alle mächtigen Dauergefühle des Daseins siegt“ (Z.32-34). Was ist hier menschlich? Dass seelische Erschöpfung über Vernunft und Instinkt siegt?
– die Analyse, wie der Feind agiert (Z. 51 ff.); dieses Feind-Nichts, das bloß abwartet und Gelegenheit gibt, in ihm zu versinken – wer ist das? Dem Hineinziehen (Z. 53) des Feindes entspricht, dass die Fliegen langsam in ihren Tod hinein versinken (Z. 64); die Phasen des Versinkens sind zu beobachten, bis zur letzten, wo nur das kleine flimmernde Organ zuckt;
– die vielen Bilder von Niederlage und Schwäche, die im Untergang der Fliegen zu einem Bild von Schwäche und Untergang der Menschen gebündelt werden.
Man kann natürlich nicht alle Vergleiche und Personifizierungen im Einzelnen untersuchen; daher sollte man sich auf einige konzentrieren, sich jedenfalls nicht mit der Trivialität begnügen, dass man sich aufgrund der Vergleiche alles genau vorstellen könne – in der bildhaften Sprache wird eine Schicksalsgemeinschaft von Fliegen und Menschen herausgestellt: im Tod hilflos zu versinken.
Erst die Konstruktion eines Ich-Erzählers macht es möglich, im Fühlen und Mitleiden diese Schicksalsgemeinschaft zu erleben.

Einige methodische Fehler in Analysen der Schüler sind mir 2005 aufgefallen:
* dass man den Aufbau der Erzählung mit den Phasen des Geschehens verwechselt; die Erzählung muss man jedoch vom Erzähler und seinem Tun her analysieren;
* dass man versucht, die Rede- oder Aufsatzkategorien „Einleitung – Hauptteil – Schluss“ auf die Erzählung anzuwenden – das geht nicht gut, ebenso nicht eine willkürliche Aufteilung in „Teile“ oder „Abschnitte“ (des Geschehens), wenn man nicht die Kriterien des Teilens nennt;
* dass zwar der Erzähler als Ich (Z. 23), der zum „wir“ der Menschen gehört (Z. 8), bemerkt, dann aber als „auktorial“ (oder als lyrisches Ich) bezeichnet wird;
* dass besagtes „wir“ (Z. 8) als „wir Leser“ umgedeutet wird.
Daneben gibt es die vielen Fehler, die in der Liste der typischen Fehler aufgelistet werden.

Robert Musil: Die Affeninsel – Analyse

„Die Affeninsel“ gehört zu den „Bildern“, über die Robert Musil im Vorwort seines „Nachlass zu Lebzeiten“ gesagt hat, dass sie vor dem Ersten Weltkrieg entstanden sind und „ein Vorausblick gewesen“ sind – als Methode des Erkennens empfiehlt er, „an kleinen Zügen, wo es sich unachtsam darbietet“, das menschliche Leben zu beobachten. So sind Erzählungen entstanden, die doch „zeitbeständiger gewesen“ sind, als Musil „befürchtet hatte“ (leider, müssen wir als Opfer sagen). Schauen wir also, was er in Rom gesehen hat.
Zunächst beschreibt der Erzähler den Ort des Geschehens, den Baum im Affengehege bei der Villa Borghese (Z. 1-14; Zeilenzählung nach Ulshöfer: Arbeitsbuch Deutsch Sek II. Bd. 1: Sprache und Gesellschaft, S. 199-201). Drei Lokalitäten werden beschrieben: der Baum, die Insel, der Graben. Beim Baum fällt auf, dass der Erzähler ihn nicht nur ausdrücklich „tot“ nennt (Z. 3), einbetoniert in die Insel; in zwei Vergleichen macht er ihn ausdrücklich zu einem Ort des Todes: „kahl wie ein Schädel“ (Z. 2) ist er, „gelb wie ein Skelett“ (Z. 2 f.). Damit wird schon das spätere Thema vorbereitet, die planlos-gezielte Verfolgung kleiner Affen.
Bei der Beschreibung des Grabens fällt der Schlusssatz auf (Z. 7), dass man wohl hinein könnte, „aber zurück geht es nicht“. Diese scheinbar harmlose Bemerkung über die Konstruktion des Grabens (Z. 5-7) gewinnt vor dem Geschehen sinnloser Verfolgung eine tiefere Bedeutung. Dass durch den Graben die Affeninsel „vom Königreich Italien abgetrennt wird“ (Z. 5), stimmt politisch natürlich nicht und ist auch nicht ohne Ironie formuliert; denn in dem Königreich der Affen geht es so zu wie im Königreich Italien und in allen Reichen dieser Erde. Das wird nicht nur am Geschehen deutlich, wie unten zu zeigen ist, sondern auch in der Beschreibung der Menschen und der Affen.
Es fällt direkt auf, dass die Affen wie Menschen benannt werden: Es gibt ein Königspaar mit einem Kronprinzen (Z. 20), es gibt fünfzehn „bewegliche Burschen und Mädchen“ (Z. 16 f.), die „ein geordnetes Leben“ führen (Z. 39 f.); bei ihnen gibt es ein Mahl und die daher rührenden Küchenabfälle (Z. 43, 45) sowie eine Ordnung dessen, was sich gebührt (Z. 49 und 43 ff.). Man kann noch viele Belege für die menschliche Zeichnung der Affen finden; interessant ist jedoch, auch die Annäherung der Menschen an die Affen zu sehen; diese nimmt der Erzähler vor, als er die Möglichkeiten des Kletterns beschreibt (Z. 10 ff.): Schuhe und Strümpfe ausziehen, den Fuß an die Rundung des Astes schmiegen, fest mit den Armen zugreifen – wenn Menschen sich so bewegen, sind sie kaum von Kletteraffen zu unterscheiden.
Auch in der Gesellschaftsstruktur bilden die Affen die Hierarchie menschlicher Gesellschaften ab: Oben steht die Königsfamilie, darunter die fünfzehn ihr untergebenen Baumaffen (Z. 16 f.), darunter das zahlreiche Volk kleiner Affen (Z. 41) – eine Pyramide nach Zahl und Machtausübung. Sind die Baumaffen der Königsfamilie unterworfen, so die kleinen Affen den Baumaffen; auch im Blick der Macht (Z. 29 f. und Z. 70 ff.) und in ihrer Ausübung (vor sich her schieben, Z. 26 und Z. 54) gleichen die Baumaffen dem König, wenn sie dessen Herrschaftsallüren in ihrer Grausamkeit auch mehr als nur nachahmen.
Die Distanz des als Figur nicht erkennbaren Erzählers zu diesem Ort und dem Geschehen zeigt sich in zwei weiteren Bemerkungen, in der Distanzierung vom Touristengerede über das flotte und genussfrohe Klettern (Z. 8 f.) und in der Bezeichnung der Insel als „wundervoll“ (Z. 15); denn wundervoll geht es dort wirklich nicht zu, wie unten zu zeigen ist. Wegen des ironischen Charakters der Distanzierung möchte ich den Erzähler nur in Grenzen einen auktorialen nennen. Als er den Kronprinzen als eine lächerliche Figur beschreibt und ihn auch noch dumm und kläglich nennt (Z. 31 ff.), bewertet er diese Figur jedoch offen, also auktorial.
Er erzählt nun kein denkwürdiges Ereignis, sondern beschreibt die Regelhaftigkeit (Z. 22 f.; „wenn“, Z. 41, 43; oft, Z. 47), wie in der Machtpyramide die Spitze die fünfzehn Baumaffen und diese die zahlreichen kleinen Affen beherrschen. Der König, der einen „Palast“ am Fuß des Baumes bewohnt, schreitet regelmäßig langsam sein Herrschaftsgebiet, den Baum ab; schiebt dabei die untergegebenen Baumaffen in ihrer Hilfslosigkeit vor sich her; übt die Herrschaft beinahe gelangweilt aus. Auch seinem Sohn kommt, obwohl er an sich eine lächerliche Figur abgibt, eine unsichtbare Würde zu (Z. 34 f.). Rein physisch könnten die Baumaffen den Kronprinzen abwürgen; aber der Königsfamilie kommt die Aura der Macht zu (ehrfürchtig und misstrauisch, Z. 25); „alle Ehrerbietung und Scheu“ (Z. 38) kommen dem Königspaar zu – es ist die gleiche Verehrung, die Menschen Göttern entgegenbringen. Aus wessen Sicht die Ehrerbietung dem König zukommt, wird nicht angedeutet; bei der Würde des Kronprinzen wird gesagt, dass „man“ sie sehen kann (Z. 35) – es muss also wohl die Sicht der Beteiligten dargestellt sein, da ich dem Erzähler nicht unterstelle, dass er die Affen so sieht. In der Charakterisierung der Baumaffen („ein böser Bursche oder ein scherzhaftes Mädchen“, Z. 47, für die Peiniger) scheint er deren Sicht zu zitieren.
Sind die Baumaffen in ihrer Zweitposition durch Missmut und Scheu (Z. 37 f.) bestimmt, so leben sie diese Ambivalenz ungehemmt gegen die kleinen Affen aus, die nur im Graben leben dürfen (Z. 41); auch hier zeigt sich die Parallele zu den  Menschen, denen die Einordnung in ein Machtgefüge mit der Kombination von „buckeln und treten“ (sprichwörtlich: die Radfahrer) „gelingt“.
Das Schikanöse der Machtausübung zeigt sich bereits im Alltag, wo die Grabenaffen sich mit den Küchenabfällen begnügen müssen und selbst das Essen, was ihnen zugeworfen wird, nicht berühren dürfen (Z. 45 f.). Außerdem kommt es „oft“ (Z. 47) vor, dass einige Baumaffen die besagte böse-scherzhafte Jagd auf die Grabenaffen inszenieren: Sie warten hinterlistig auf deren Unvorsichtigkeit (Z. 47 ff.) und veranstalten dann die Jagd.
Die Beschreibung dieser Jagd ist der Höhepunkt der Erzählung; ich begnüge mich damit, in Stichworten festzuhalten, was mir auffällt:
– die Verfolgten klagen, das eine Opfer wimmert, die Davongekommenen rasen mit befreitem Geschrei wieder fort (Z. 51, 65);
– die Masse der Verfolgten bildet nur noch „eine Fläche von Haar und Fleisch und irren, dunklen Augen“ (Z.52 f.);
– Vergleich: „wie Wasser…“ (Z. 53 f.), gesteigert zu „Woge von Entsetzen“ (Z. 54 f.);
– Gesichter, Arme, Handflächen (menschlich) der Grabenaffen (Z. 55 f.);
– die Macht des bösen Blicks (Z. 56 f.), in Nähe zur Zauberkraft;
– der Blick nagelt den einen zufällig Ausgewählten an (Z. 60 f.);
– die Quälung dieses Opfers wird nun vollends „menschlich“, also unmenschlich beschrieben (unmöglich, das richtige Maß von Angst zu zeigen, Z. 61 f.; „wächst die Verfehlung an“, Z. 63 – wie bei Kafka – „während sich ruhig eine Seele in die andere bohrt, bis der Haß da ist“, Z. 63 f.);
– menschliches Wimmern „ohne Halt und Scham“ (Z. 64 f.);
– die anderen rasen davon, glücklich, dass es sie nicht getroffen hat (St. Florians-Prinzip).
In einem abschließenden Vergleich bewertet der Erzähler diesen Terror und stellt ihn in die Nähe menschlichen Erlebens: „wie die besessenen Seelen im Fegefeuer“ flackern die Verfolgten „lichtlos durcheinander“ (Z. 66 f.). Deutlicher als mit dem zweifachen Seelen-Vergleich (Z. 63, 66 f.) kann man die Gleichheit von Affenterror und Menschenterror nicht mehr ausdrücken.
Nach der Terrorjagd benimmt sich „der Verfolger“ (Z. 68) wie der König, der seine Macht ohne Gewaltanwendung ausüben kann: Er besteigt den Baum und blickt gelangweilt in die Welt (Z. 68 ff., parallel zu Z. 23 ff. bzw. 28 ff.).
Mir fällt auf, dass diese Erzählung einige Parallelen zu Musils Erzählung „Die Hasenkatastrophe“ aufweist, wenn dort auch die Touristen als handelnde (das „zivilisierte“ Europa repräsentierende) Größe agieren und in den Schlusskommentaren vom Erzähler deutlicher gezeigt wird, dass der schwankende Boden Europas einen Abgrund von Blutrauch und Mordlust (mit anschließender Verwertung der Beute im Hasenbraten) bedeckt. In „Die Affeninsel“ wird solcher Terror nur beschrieben, nicht expressis verbis angeklagt: Wo Menschen Götter repräsentieren und als solche andere Geschöpfe (Z. 64) behandeln.