Kästner: Der geregelte Zeitgenosse – Analyse

Hei, wie er die Zukunft auswendig wußte! […]“

Das Gedicht ist eine Auftragsarbeit für die Nr. 43 der Zeitschrift „Jugend“ (1930), die dem Thema „Spießer“ gewidmet war. Kästner stellt darin den geregelten Zeitgenossen vor, der den Ablauf seines Lebens total verplant hat. (—)

usw. – Die Analyse wird in dem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“ stehen, das im Verlag Krapp & Gutknecht erscheinen soll.

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Kästner: Der synthetische Mensch (1931) – Interpretation

Professor Bumke hat neulich Menschen erfunden, […]

Im leichten Ton des flotten Erzählens wird ein schweres Problem zur Diskussion gestellt, ohne dass es eigens genannt würde. Welches Problem? Schauen wir in den Text! …

usw. – Die Analyse wird in dem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“ stehen, das im Verlag Krapp & Gutknecht erscheinen soll.

Kästner: Von faulen Lehrern (1930) – Analyse

Zu lernen ist schwer. Zu lehren noch schwerer. […]

In der Überschrift „Von faulen Lehrern“ fehlt der Artikel „den“, so dass immerhin die Möglichkeit offen bleibt, dass es auch andere Lehrer gibt – im letzten Satz sagt der Sprecher ausdrücklich, die meisten seien faul, also nicht alle (V. 31 f.) Aber auch das ist ein herbes Urteil, worüber sich 1930 viele Lehrer empört haben.

Es spricht ein Ich, das sich indirekt als Erich Kästner identifiziert: „Ich sollte selbst mal Lehrer werden / und weiß Bescheid.“ (V. 11 f.) Kästner hat seit 1913 nach der Volksschule das Freiherrlich von Fletchersche Lehrerseminar besucht – das war für ihn damals der einzige Weg zu einer höheren Bildung. Nach dem Militärdienst hat er dann 1919 Abitur gemacht und zu studieren begonnen.

Das ist Gedicht ist eine massive Anklage gegen die Faulheit der deutschen Volksschullehrer. Der Sprecher beginnt deshalb mit einem Zugeständnis an die später Angeklagten: „Zu lernen ist schwer. Zu lehren noch schwerer.“ (V. 1) Und zur Bekräftigung folgt der Doppelvers, der seine Kompetenz zu urteilen ausweist (V. 3 f., näher V. 11 f.). Das Adverbial „aus erster Hand“ lässt eventuell anklingen, dass er als Kind vom Lehrer verprügelt wurde.

Das Gedicht ist in Knittelversen abgefasst (vier Hebungen mit freier Füllung), wogegen der jeweils vierte Vers nur zwei Hebungen aufweist – das gibt ihm den Charakter eines kraftvollen Abschlusses. Der Knittelvers gibt dem Autor große Freiheit, das Gedicht bekommt eine prosaische Färbung. Die vier Verse der Strophe sind im Kreuzreim miteinander verbunden; da der Satz oft über das Versende hinausgeht, kann man von den Reimen nicht immer erwarten, dass sie semantisch passende Verse verbinden. Man muss also gelegentlich den Satzkern mit berücksichtigen, wenn man Reime untersucht: „Mir ist … bekannt. – Ich kenne … aus erster Hand.“ (V. 2/4) „Zu lehren noch schwerer – Volksschullehrer“ (V. 1/3) ist ebenfalls ein sinnvoller Reim (gleicher Inhalt). Da hiermit das Prinzip klar sein sollte, verzichte ich in Zukunft auf die detaillierte Begründung meiner Reimurteile.

In den vier folgenden Strophen entfaltet der Ich-Sprecher seine Kenntnis: Zuerst beschreibt er, wie Lehrer sich entwickeln (2. und 3. Str.), danach zählt er die vielen Steckenpferde auf, denen sie frönen (4. und 5. Str.). Es wird also eine Entwicklung des (Volksschul)Lehrers beschrieben: Auf eine Zeit idealistischen Arbeitens folgt die Zeit der Verkalkung (2. Str.). Dass er sich „mit hohen Idealen balgt“ (V. 6), deutet den Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit im Beruf an; der Lehrer kann nicht immer seine Ideale verwirklichen, aber er versucht es trotz mancher Schwierigkeiten. Dass die Seele Haare lässt (wie der Kopf beim Altern), bedeutet, dass die in der „Seele“ beheimateten Ideale ihre Kraft verlieren, dass er sie aufgibt und „verkalkt“ (V. 8) – ein hartes Urteil, was ja normalerweise von Menschen gesagt wird, die geistig wegen ihrer Arterienverkalkung nicht mehr zurechnungsfähig sind. Die Reime V. 5/7 (zeitliche Abfolge) und V. 6/8 (dito) sind sinnvoll.

Nach den ersten zehn Jahren widme der Lehrer sich seinen Hobbys statt seinen Schülern, wird im Bild vom Traben auf den Steckenpferdchen („Pferd“ wieder wörtlich genommen, das Diminutiv wirkt spöttisch) behauptet. Sich Zeit lassen ist so viel wie faulenzen (V. 10). Zur Begründung des negativen Urteils verweist das Ich auf ein biografisches Faktum aus Kästners Leben (V. 11 f.), was jedoch keinen Beweiswert hat: Im Lehrerseminar lernt man keine Lehrer kennen, die mehr als zehn Jahre Dienst getan haben; allerdings sorgt der Besuch des Seminars für eine Nähe zum Berufsstand, dem man selber angehören wird. Die Reime der 3. Strophen sind reine Klangphänomene.

Nun werden fünf Steckenpferde vorgestellt (V. 13-18), welche die Lehrer mit Lust und Liebe betreiben, während sie sich im Unterricht langweilen (V. 19 f., „da gähnen sie alle“). V. 14/16 kann als sinnvoller Reim gelten (zwei Hobbys), die anderen nicht.

Die letzten Strophen nutzt der Sprecher, diese Entwicklung der Lehrer zu bewerten. Dazu stellt er in der 6. und 7. Strophe das Einst dem Jetzt gegenüber (ausdrücklich in der 7., sachlich auch in der 6. Strophe). Mit dem ersten Einst-Jetzt verbindet der Sprecher den Kontrast von Berufung (V. 21) und Praxis (V. 22-24): Berufung, das Volk zu erziehen – herumstehen und auf der Stelle treten; die Kritik an der Faulheit wird in einem Wortspiel-Kontrast geleistet: herumstehen – auf der Gehaltsleiter „fortschreiten“ (Spiel zwischen Metapher und wörtlicher Verwendung; sachlich ist die Gehaltserhöhung nach Dienstaltersstufen gemeint). In der 7. Strophe wird das Bild der Ernährung zur Kritik verwendet: nach geistiger Nahrung hungern (V. 25) – verstopft sein (V. 27 f.). „Pauker-“ (V. 27) ist hier wie ein Schimpfwort gebraucht, obwohl Paukererfahrung zu haben an sich etwas Gutes ist; hier klingt jedoch an, dass damit die negativen Erfahrungen und Einstellungen eines enttäuschten Berufslebens gemeint sind. Ob übrigens alle Lehramtsstudenten zu Kästners Zeit (oder heute) „Freunde gepflegten Lateins“ (V. 26) waren, darf bezweifelt werden – auch Kästner wurde vermutlich von der Mutter ins Lehrerseminar geschickt, damit aus ihm „etwas Besseres“ werde. Der Reim V. 22/24 stellt einen Kontrast schön dar, die Reime V. 25/27 und V. 26/28 enthalten ebenso Kontraste.

Es folgt das Fazit in der letzten Strophe. Hier bemüht der Sprecher zur Kritik wieder einen Kontrast, den zwischen „könnten/sollten“ (Möglichkeit, Pflicht) und der Realität; sie könnten also „Größeres leisten / als Leute mit Namen und großem Maul“ (V. 29 f.) – hier wird der schlichte ehrliche tägliche Dienst höher als die Leistungen namhafter Politiker oder Stars gewertet: ein bemerkenswertes Urteil, dem man zustimmen kann. Dagegen steht dann die Realität: „Aber die meisten / von ihnen sind faul.“ (V. 31 f.) Um einen Sinn im Reim V. 30/32 zu finden, muss man den Akzent auf V. 29 legen; dann hätte man den Kontrast zwischen Möglichkeit und Realität – aber das ist eine sehr wohlwollende Lesart.

Das Gedicht ist 1930 in der Zeitschrift „Jugend“ erschienen; es hat heftige Proteste von Lehrern ausgelöst, so dass Kästner zu seiner Verteidigung ein Gedicht „An die beleidigten Lehrer“ verfasst hat, welches die Redaktion der „Jugend“ jedoch nicht angenommen hat und das erst 1998, also nach Kästners Tod veröffentlicht wurde. [Um es im Netz zu finden, muss man bei google in Anführungszeichen Text eingeben, z.B. „Das Volk hat nichts gelernt. Und ihr wart des Volkes Lehrer!“]

Zustimmung hat Kästner von Lotte Kühn in ihrem „Lehrerhasserbuch“ bekommen; in Schulbüchern sucht man das Gedicht vergebens, Interpretationen dazu gibt es nicht. Ich hielte es für ein Zeichen von Mut, es (etwa ab Klasse 10) in der Schule zur Diskussion zu stellen: wenn die Schüler sich also nicht bloß über die Lehrerschmähung freuen, sondern selber urteilen können, ob Kästner recht hat.

Ich habe in einem alten Buch, das Kästner hätte kennen können, da es 1927 erschienen ist, eine Passage über Bürokratisierung gefunden, welche das Phänomen der faulen Lehrer strukturell verständlich macht. Ich hänge einen Exkurs an – als Lehrer kann man auch Schüler mit dem Phänomen bekannt machen (wobei L. Mises‘ Urteil über die Effizienz des Betriebes und das Vorankommen der Tüchtigen dort auch mit etwas Skepsis zu lesen ist).

Exkurs über Bürokratisierung (im Anschluss an Ludwig Mises: Liberalismus, 1927 = 2010, S. 85 ff.)

Im Gegensatz zu einem normalen Wirtschaftsbetrieb ist die öffentliche Verwaltung nicht darauf aus, Gewinn zu erzielen; im Betrieb dagegen können die einzelnen Abteilungen durch eine Kosten-Nutzen-Rechnung überprüft werden, ob sie wirtschaftlich arbeiten, also erfolgreich sind. Die Orientierung am Erfolg wirkt sich auf die Freiheit des Abteilungsleiters und die Einstellung des Personals aus: Er ist bemüht, gute Leute zu finden und zu behalten und so zu wirtschaften, dass Gewinn erzielt wird. In der Verwaltung gibt es dagegen keine Kriterien, um objektiv festzustellen, ob ein Ressort gut verwaltet wird.

Das hat Rückwirkungen auf den inneren Betrieb des bürokratischen Apparats: Man arbeitet nach Anweisungen, die zu befolgen Pflicht ist; für alle außerordentlichen Fälle muss die Weisung der vorgesetzten Behörde eingeholt werden. Dadurch werden oft unnötige Ausgaben gemacht, während erforderliche unterbleiben.

Die Bürokratisierung wirkt sich auch auf den Bürokraten aus: Da Erfolgskriterien fehlen, sind bei Einstellung und Bezahlung (Beförderung) der Gunst und Missgunst Tür und Tor geöffnet. Um die Willkür dabei zu begrenzen, werden dafür formale Kriterien wie Schulbesuch, Prüfungen und Dienstalter vorgegeben. Dadurch wird ausgeschlossen, dass kraftvolle und tüchtige Persönlichkeiten an die Stellen kommen, die ihren Kräften und Fähigkeiten entsprechen.

Das entscheidende Merkmal des bürokratischen Betriebs ist also, „daß ihm die Richtschnur der Rentabilitätsrechnung zur Beurteilung des Geschäftserfolges in seinem Verhältnis zum Aufwand fehlt“ und dass er „die Abwicklung der Geschäfte und die Einstellung des Personals an formale Vorschriften“ bindet.

Nachtrag meinerseits: Für die Arbeit der Bürokraten hat das zur Folge, dass sie weithin mit der Zeit „Dienst nach Vorschrift“ machen und wenig Lust verspüren, sich übermäßig zu engagieren.

Zwei Anekdoten zum Schluss, in denen die Bürokratisierung beleuchtet wird:

  • Ich weiß sicher, dass ein Dezernent in Düsseldorf über einen völlig inkompetenten Lehrer wörtlich gesagt hat: „Unfähigkeit ist kein Dienstvergehen.“ Damit lehnte er ein Einschreiten seinerseits ab.
  • Als ich mich einmal in Grevenbroich bei einer Schulleiterin wegen einer Beförderungsstelle vorgestellt habe, fragte sie mich: „Wer hat sie geschickt?“ Damit wurde mir klargemacht, dass die Stelle nach Beziehungen, nicht nach Befähigung vergeben wurde.

http://www.erich-kaestner-museum.de/erich-kaestner/biographie/ (Kästners Biografie)

http://www.daswirtschaftslexikon.com/d/b%C3%BCrokratie/b%C3%BCrokratie.htm (Bürokratie – Bürokratisierung)

Parallel zum Gedicht „An die beleidigten Lehrer“ kann man Tucholskys Gedicht „Die Schule“ (1919) lesen:

Die Schule

Wer die Schule hat, hat das Land.

Aber wer hat die bei uns in der Hand!

 

Du hörst schon von weitem die Schüler schnarchen.

Da sitzen noch immer die alten Scholarchen,

die alten Pauker mit blinden Brillen,

sie bändigen und töten den Schülerwillen.

Und lesen noch immer die alte Fibel

und lehren noch immer den alten Stiebel:

 

Wie in den alten Zeiten die wichtigen Schlachten

die großen Völkerentscheidungen brachten,

wie die Fürsten und die Söldnerlanzen

den großen blutigen Contre tanzen,

und ohne die heilige Monarchie

sei die Hölle auf Erden – und schließlich,

wie die Völker nur eigentlich Statisten seien.

Man müßte ihnen die Dumpfheit verzeihen.

Könnten eben nichts weiter dafür …

 

Und sie lernen vom Kupfercyanür.

Und von den braven Kohlehydraten.

Und von den beiden Koordinaten.

Und von der Verbindung mit dem Chrome.

Lernen auch allerhand fremde Idiome.

Ut regiert den Konjunktiv.

Polichinelle ist ein Diminutiv.

Und was so dergleichen an Stoff und an Wissen.

 

Himmelherrgott! ist die Schule beschmissen!

Seelenmord und Seelenraub!

Unter die Kruste von grauem Staub

drang auch kein Luftzug der neuen Zeit.

Der alte Schulrat im alten Kleid.

Wundert euch nicht! Was kommt aus dem Haus

schließlich nach Oberprima heraus?

 

Ein nationalistischer langer Lümmel.

Gut genug für den Ämterschimmel.

Gut genug für die alten Karrieren –

als ob die heute noch notwendig wären!

Türen auf und Fenster auf!

Lege deine Hand darauf,

lieber Herr Haenisch, und zeige den Jungen,

wie die alten Griechen sungen –

aber ohne die Philologie

und ohne die Kriegervereinsmelodie!

 

Wer die Jugend hat, hat das Land.

Unsre Kinder wachsen uns aus der Hand.

Und eh wir uns recht umgesehn,

im Handumdrehn,

sind durch die Schulen im Süden und Norden

aus ihnen rechte Spießbürger geworden.

 

Kaspar Hauser

Die Weltbühne, 24.07.1919, Nr. 31, S. 110.

 

Kästner: Konferenz am Bett (1930) – Analyse

Ich saß bei dir am Bett und fühlte jede […]

Zur Überschrift kann man erst etwas sagen, wenn man das ganze Gedicht gelesen hat. Ein Ich wendet sich an ein Du und spricht heute (V. 24) von dem, was vor Zeiten in einer Nacht geschah oder eben nicht geschah. …

usw. – Die Analyse wird in dem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“ stehen, das im Verlag Krapp & Gutknecht erscheinen soll.

Kästner: Sogenannte Klassefrauen – Analyse

Sind sie nicht pfui teuflisch anzuschauen? […]

Der erste Vers hat es in sich, „pfui teuflisch anzuschauen“ ist nicht leicht zu entschlüsseln:„Pfui Teufel“ ist eine Äußerung des höchsten Abscheus, die Wendung „pfui teuflisch“, davon abgeleitet, gibt es sonst nicht – was bedeutet sie also hier?…

usw. – Die Analyse wird in dem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“ stehen, das im Verlag Krapp & Gutknecht erscheinen soll.

Kästner: Ansprache an Millionäre (1930) – Analyse

Warum wollt ihr so lange warten, […]

Dieses Gedicht stellt eine „Ansprache an Millionäre“ dar, wobei der Sprecher unbekannt bleibt: Er spricht die Millionäre mit „ihr“ an, denen nur zweimal ein „wir“ (bzw. „uns“, V. 42 und 44) gegenübersteht. Die Ansprache enthält eine Drohbotschaft:…

usw. – Die Analyse wird in dem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“ stehen, das im Verlag Krapp & Gutknecht erscheinen soll.

Kästner: Mißtrauensvotum – Analyse

Ihr sagt, ihr könntet in uns lesen. […]

Ein Misstrauensvotum ist der Mehrheitsbeschluss eines Parlaments, einem Mitglied der Regierung oder dieser insgesamt das Vertrauen zu entziehen und so den Rücktritt zu erwirken (DWDS). Wem soll hier das Vertrauen entzogen werden, wer darf darüber abstimmen?

Der Sprecher spricht hier als Vertreter einer Wir-Gruppe gegen eine Ihr-Gruppe. Er listet auf, was die anderen sagen und tun. Sie sagen,

  • sie könnten ins „uns“ lesen (V. 1),
  • sie wären auch jung gewesen (V. 3),
  • wir“ fänden in ihnen Weggefährten (V. 6 f.),
  • wir“ dürften ihnen vertrauen (V. 11);

Sie

  • machen sich klein (V. 2),
  • tragen Konfetti in den Bärten (V. 5),
  • tanzen mit Kindern Ringelreihn (V. 9 f.),
  • lieben oder hassen nur aus Pflicht (V. 13 f.).

Damit ist die Aufteilung klar: Die Worte des Sprechers sind an die Erwachsenen, an die Eltern, an die Erziehenden gerichtet; er spricht für die Kinder oder Jugendlichen, am ehesten für die Kinder, mit denen Erwachsene Ringelreihn spielen oder für die sie etwas Lustiges veranstalten (Beispiel: Konfetti in den Bärten tragen).

Dreimal sagt der Sprecher zu den um Vertrauen werbenden Worten der Erwachsenen: „Es kann ja sein.“ (V. 4, 8, 12); er stimmt ihnen also nicht zu, er widerspricht aber auch nicht; statt Ja oder Nein sagt er Vielleicht. Die Pointe steht dann in der 4. Strophe. Er fragt die Erwachsenen (und sich selber): „Wir sollen uns auf euch verlassen?“ (V. 15) Darauf antwortet er lapidar: „Ach, lieber nicht!“ (V. 16)

Das Gedicht kann erwachsene Leser betroffen machen, weil ihnen so kurz und knapp das Vertrauen entzogen wird, ohne dass dafür Argumente vorgebracht würden. Das heißt, es gibt ein einziges Argument: „Ihr treibt dergleichen nur aus Pflicht.“ (V. 14) Das heißt: Ihr treibt es nicht aus herzlicher Zuneigung zu uns, sondern aus eurem eigenen Pflichtgefühl, also im Hinblick auf euch selbst. Drei weitere Formulierungen stellen die Bemühungen der Erwachsenen in ein schräges Licht und liefern so, wie man erst beim zweiten Lesen bemerkt, eine Begründung für die Ablehnung (V. 14 und V. 16):

  • Ihr „macht euch klein“ (V. 2), d.h. im Kontext: Ihr tut nur so; deshalb ist trotz des Nickens (V. 2) zweifelhaft, ob ihr in uns lesen könnt (der Konjunktiv II „könntet“ kann einfach für die indirekte Rede stehen, kann aber auch den Zweifel des Sprechers ausdrücken – das gilt dann auch für die anderen Konjunktive).
  • Ihr „tragt Konfetti in den Bärten“ (V. 5), was ja ziemlich lächerlich und so bemüht „lustig“ aussieht.
  • In die gleiche Richtung zielen V. 9 f.: „Ihr hüpft wie Lämmer durch die Auen…“ Der Tiervergleich wertet das vermeintlich kindgerechte Hüpfen ab, macht sich darüber lustig.

All ihren Beteuerungen, mit denen die Erwachsenen ihr Verständnis bekunden und um Vertrauen werben, setzt der Sprecher deshalb das skeptische Wort „Es kann ja sein“ entgegen – er sagt nie „Nein, das stimmt nicht.“ Deshalb ist das Misstrauensvotum im letzten Satz nicht von Hass oder Aufruhr, sondern von der tiefen Skepsis bestimmt: „Ach, lieber nicht!“ Das heute viel beschworene Urvertrauen, das ein Mensch brauche, um sich entwickeln und leben zu können, ist den Kindern dieses Gedichts abhanden gekommen, sagt der Sprecher.

Der formale Aufbau der Strophen ist immer gleich: vier Verse im Kreuzreim, vierhebiger Jambus, abwechselnd weibliche und männliche Kadenz, dann im vierten Vers nur zwei Takte; dieser Kurzvers wirkt deshalb lapidar, er stellt die Antwort auf die werbenden Aussagen und Aktionen der Erwachsenen dar. Nachdem man dreimal „Es kann ja sein“ gehört hat, ist die Variation „Ach, lieber nicht“ die große Pointe – die Konsequenz aus der Unmöglichkeit, den Beteuerungen der Erwachsenen zuzustimmen.

In den ersten drei Strophen ergeben die Reime von V. 1/3 jeweils sinnvolle Zusammenhänge, sie binden Äußerungen und Verhalten der Erwachsenen aneinander. In der letzten Strophe ergibt sich ein tiefer Zusammenhang zwischen den Versen 14 und 16: V. 14 stellt den entscheidenden Vorwurf dar, V. 16 die abschlägige Antwort. Fünfmal wird ein neuer Satz durch „Und“ eingeleitet, und zwar bei den Äußerungen und Taten der Erwachsenen, die einfach reihend aufgezählt werden, um auf die immer gleiche Skepsis zu stoßen.

Das Gedicht ist erstmals 1929 in der Zeitschrift „Jugend“ erschienen – es kann dort den Lesern eine Stimme verleihen. Angesprochen sind jedoch die Erwachsenen, so dass man sich als erwachsener Leser fragt: Betreibe ich meine Bemühungen um meine Kinder (bzw. um meine Schüler usw.) „nur aus Pflicht“, wie es in V. 14 heißt?

Wie kann es dann weitergehen, wenn man nicht mehr miteinander sprechen kann, weil die eine Seite nur „Es kann ja sein“ äußert? In der Bundesrepublik Deutschland gibt es das konstruktive Misstrauensvotum: Das Misstrauensvotum führt nur dann zum Rücktritt der Regierung, wenn gleichzeitig mit Mehrheit ein neuer Kanzler gewählt wird. Wen könnten die Kinder als neue Eltern wählen? Was sich als Gurus, Führer oder Ersatzfamilien anbietet, lässt mich jedenfalls an der Qualität ihrer Motive zweifeln.

Erich Kästner hatte 1929 gut dichten, er war nicht verheiratet und hatte damals noch kein Kind. Ich wäre schon froh, wenn alle Erwachsenen ihren Kindern „aus Pflicht“ mit Fürsorge begegneten, wenn kein Kind misshandelt, vernachlässigt oder missbraucht würde. Das wäre vielleicht nicht genug – aber besser als das, was manche Kinder heute erleben.

http://lexikon.stangl.eu/1932/urvertrauen/ (Urvertrauen)

https://de.wikipedia.org/wiki/Urvertrauen (Urvertrauen)

http://www.kinderrechte.de/ (Kinderrechte)

https://www.dkhw.de/unsere-arbeit/schwerpunkte/kinderrechte/die-kinderrechte-in-deutschland/ (Kinderrechte)

Kästner: Gewisse Ehepaare – Analyse

Ob sie nun gehen, sitzen oder liegen, […]“

Auch dieses Gedicht nimmt wie „Familiäre Stanzen“ das Thema der alten Eheleute auf, packt es aber geschickter und radikaler an, weil es sich nicht auf das gegenseitige Hassen beschränkt. Die Überschrift mit dem Adjektiv „gewisse“ klingt ein wenig geheimnisvoll:…

usw. – Die Analyse wird in dem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“ stehen, das im Verlag Krapp & Gutknecht erscheinen soll.

Kästner: Familiäre Stanzen – Analyse

Wenn sich Leute, die sich lieben, hassen, […]

Die Stanze ist eine aus Italien stammende Gedichtform, die aus acht elfsilbigen Versen mit dem Reimschema a-b-a-b-a-b-c-c besteht; im deutschen weist die Stanze meist abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen auf und besteht aus fünfhebigen Jamben. Diese Gedichtform bestimmt die Überschrift des Gedichts „Familiäre Stanzen“: Stanzen, in denen Leben in der Familie Thema ist. Genau gesagt handelt es sich nicht um eine Familie, sondern ein altes Ehepaar (mit falschen Zähnen, V. 6): „Denn sie kennen sich […] viele Jahre schon.“ (V. 9 f.) Es geht um die scheinbar paradoxe Situation, dass „Leute, die sich lieben, [einander, N.T.] hassen“ (V. 1). Zuerst sieht es so aus, als ob dieses Hassen ein Dauerzustand wäre (Str. 1-3); doch ändert sich die Situation, der Hass verschwindet ( Str. 4).

Leute, die sich lieben, hassen einander „auf unerhörte Art“ (V. 2), also nicht einfach so, wie man einen Fremden oder Nachbarn hasst, denen man einfach den Tod wünscht. Da die Liebenden zusammen wohnen, durchzieht ihr Hassen den ganzen Alltag – dies wird in V. 3-8 entfaltet: Hass in allem, was sie tun und lassen (V. 3 f.), sogar bei scheinbar höflichen Gesprächen (V. 7 f.); dass keiner „vorm anderen erblassen“ will (V. 5), heißt vielleicht, dass keiner zeigen will, wie ihn eine Verletzung trifft, oder dass keiner in seiner Gemeinheit hinter dem anderen zurückstehen will. Dass jemand Haare auf den Zähnen habe, wird gewöhnlich auf die bissige, schroffe Art einer Frau bezogen; wenn nun hier gesagt wird, dass selbst auf den falschen Zähnen Haare stehen (V. 6), ist damit eine Steigerung der gewöhnlichen Bosheit gemeint, und zwar bei beiden Streithähnen.

Semantisch sinnvoll sind vor allem die Verse 2, 4, 6 miteinander im Reim verbunden; das kommt daher, dass dort zweimal der Satzkern steht: unerhörte Art / Hass gewahrt / Zähne behaart; diese Verse sind um eine Silbe kürzer und bilden jeweils das Satzende, so dass dort im Sprechen eine Pause entsteht. Die Satzbildung über zwei Verse verhindert, dass in V. 7 f. ein sinnvoller Reim entstehen kann. Der anonyme Sprecher, der das Phänomen des Hassens distanziert beschreibt, spricht in einem gehobenen Stil („aufs sorglichste“, V. 4), bildet Nebensätze und gebraucht auch eine Reihe von Vergleichen (V. 8, 17, 21, 24). Diese Vergleiche dienen auf verschiedene Weise dazu, das gegenseitige Hassen in seiner Intensität darzustellen; in der 1. Strophe (V. 8) wie später in V. 21 wird ein irrealer Vergleich gebraucht (Konjunktiv II), wobei der Vergleich in V. 8 durchaus unanschaulich bleibt und eine metaphorische Redewendung aufgreift (das Herz bricht).

In der 2. Strophe wird zunächst erklärt, warum die beiden sich so tief verletzen können (V. 9-12, eingeleitet mit „Denn“): Sie kennen sich schon jahrelang (V. 10 und das Präteritum V. 11), also sehr gut. Im Zeugma (von Trank bis Telefon, V. 11 f.) passt das Telefon als konkreter Gegenstand nicht recht in die Aufzählung; durch diese Art des Aufzählens wird einfach „alles“ umschrieben. Semantisch passt zum Reim „viele Jahre schon“ (V, 10) nur der ganze Doppelvers V. 11 f. Welche Möglichkeiten durch diese lange intime Bekanntschaft „jetzt“ (V. 13) eröffnet werden, wird in V. 13 summarisch beschrieben und dann in V. 14-24 entfaltet. Die Adverbien „klug und leise“ (V. 13, dazu passt V. 14) zeigen die Besonderheit des intimen Hassens; sie werden jedoch in V. 21-24 außer Kraft gesetzt – eine Schwäche des Gedichts, finde ich.Das Adverb „messerscharf“ (V. 15) kann noch zu den Vergleichen (s.o.) gezählt werden. V. 16 klingt etwas rätselhaft. Ich lese ihn so: Das Verstehen einer Bosheit geht dem Schmerz voraus, den sie auslöst; sie kommt also nicht unerwartet, man ist vielmehr gespannt darauf, was dem anderen jetzt wohl einfällt, um einen zu verletzen. „scharf geschliffen – Schmerz begriffen“ (V. 16) ist ein sinnvoller Reim.

In den Strophen 2 und 3 werden fünf Sätzen durch „Und“ eingeleitet (in Str. 1 und 4 sind es nur drei Sätze): Dieses aufreihende Erzählen signalisiert (bis auf V. 11), wie eines aus dem anderen folgt, wie die Serie der Verletzungen abläuft. In Strophe 3 dominieren Vergleiche (V. 17, 24) und Metaphern (V. 20) des Kämpfens, dazu kommt ein irrealer Tiervergleich (V. 21): alles ein Folge der intimen Kenntnis des „Gegners“. Dass die Uhr „erschrickt“ (V. 22), ist eine surreale Personifikation. Das Präteritum „schrie“ (V. 22) passt nicht zum Präsens „erschrickt“ (V. 22 und in der ganzen Strophe; es verdankt sich der Notwendigkeit, zu „Anatomie – sie“ (V. 18, 20) ein passendes Reimwort zu finden. V. 17/19 („wie bei Duellen – die schwachen Stellen“) reimen sich sinnvoll.

Durch „Aber“ (V. 25) leitet der Sprecher eine Wende des Geschehens, ohne dass er erklärt, warum der Hass verschwindet, der doch so tief zu sitzen schien – es ist so etwas wie ein Innehalten vor lauter Erschöpfung („Krank und müde“, V. 26). Dass sie über ihre Wunden, d.h. die Wunden, die sie dem anderen zugefügt haben (wegen V. 28), „staunen“, verwundert mich, haben sie sich doch „klug und leise“ verletzt (V. 13); und dass keiner wusste, „daß er beißen kann“ (V. 28), stimmt einfach nicht – ich glaube es dem Sprecher nicht, er beschönigt hier etwas. Das Indefinitpronomen „Beide“ (V. 29) zeigt die neue Gemeinsamkeit kann, ebenso das Bild „beim gleichen Schicksal Kunden“ (V. 29); dieses Bild verstehe ich so, dass damit auf ihr Alter und im weiten Sinn die Todesnähe angespielt wird. Dass sie Mann und Frau spielen, heißt, dass sie miteinander schlafen; das Verb „spielen“ muss nicht nur etwas Negatives oder Scheinhaftes bezeichnen (wegen V. 25), auch wenn die Bedeutung „vortäuschen“ mitschwingt. Es folgt zum Schluss eine humorvoll-kritische Begründung dafür, dass die beiden miteinander schlafen (wollen): weil die Liebe nach einem Streit „endlich wieder“ (V. 32) angenehm empfunden wird, nachdem sie in den langen Jahren zu einer Routine verkommen war. Das ist nicht ohne einen spöttischen Unterton gesagt, finde ich: Der Sprecher steht dem ganzen Ehekrieg mit folgender Versöhnung distanziert gegenüber. Die Reime in V. 25-28 verbinden die Verse sinnvoll, ohne dass sie den Versen 27 und 28 Plausibilität verleihen könnten.

Gegenüber Schillers „Das Lied von der Glocke“ ist hier bei Kästner die Ehe negativ gezeichnet – aber Schiller stand zwar früher in vielen Lesebüchern, aber sein Blick auf die Ehe war nicht der einzige; die kritischeren Gedichte standen einfach nicht im Lesebuch. In Lessings Gedicht „Das Muster aller Ehen“ wird die einzige Ehe besungen, in der es keine Zwietracht gibt: „Der Mann war taub, die Frau war blind.“ Und Francis Bacon von Verulam dichtete:

„Es ist betrübt, man könnte drüber weinen,

Ein Merkmal unser Schwäch‘ und Sündlichkeit,

Dass Lieb‘ und Ehe selten sich vereinen […]“

Vgl. auch Tucholskys Gedicht „Ehekrach“ (http://www.textlog.de/tucholsky-ehekrach.html, 1928) und die Liste der Ehemotive (http://www.sgipt.org/gipt/sozpsy/bez/ehemotiv.htm). Noch böser als „Familiäre Stanzen“ ist Kästners Gedicht „Gewisse Ehepaare“, das als nächstes vorgestellt werden soll.

Kästner: Das Gebet keiner Jungfrau – Analyse

Ich könnte gleich das Telefon ermorden! […]“

Die Überschrift ist in der Verwendung des Pronomens „keiner“ ungewöhnlich; gemeint ist, dass die junge Frau, die hier ihre Gedanken äußert, nicht mehr Jungfrau ist. Das war 1929 anscheinend bemerkenswert –…

usw. – Die Analyse wird in dem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“ stehen, das im Verlag Krapp & Gutknecht erscheinen soll.

Kästner: Mädchens Klage – Analyse

Wir wohnen Hinterhaus. Im vierten Stock. […]

Es spricht ein 13jähriges Mädchen in der Ich-Form von sich und seinem Leben. Das Mädchen stellt sich als jemand dar, der in beengten Verhältnissen lebt und dabei ist, die Sexualität zu entdecken. Der Autor hebt durch den Untertitel „Dem Wohnungsamt gewidmet“ auf die schwierige Wohnungssituation der Familie ab, während das Mädchen stärker sein Interesse an Männern herausstellt (bzw. das Interesse von Männern an ihm). Wieso hier „Mädchens Klage“ vorliegt, wird erst in der letzten Strophe deutlich.

Zunächst stellt das Mädchen sich seinen anonymen Zuhörern vor. Sie wohnt in einem Hinterhaus (V. 1), wo die billigen Wohnungen sind; die Familie lebt beengt, sie schläft in einem einzigen Zimmer (V. 5). Sie ist 13 Jahre alt (V. 4), in der Pubertät (erste Achselhaare, V. 2) und wird manchmal von ihrem Bruder sexuell bedrängt (V. 3) – sie weiß genau, was das bedeutet. Es fällt auf, dass ihre erste Äußerung über sich der Hinweis auf die Achselhaare ist: Die Sexualität steht im Fokus ihres Interesses.

Offensichtlich ist die Familie – nur von der Mutter ist später kurz die Rede (V. 23 ff.) – so arm, dass sie noch ein Zimmer vermieten muss (V. 6). Dieser Untermieter ist der erste Mann im Leben des Mädchens; er gibt ihr Geld, da tut sie „manches gern“ (V. 8). Durch das Indefinitpronomen „man“ wird dieses nicht näher umschriebene erotische Entgegenkommen als normal bewertet. Dass es sich bei „manches“ um erotische Gefälligkeiten handelt, ergibt sich aus der Gegenüberstellung des Untermieters mit dem Lehrer Günther, der ihr gefallen könnte und von dem sie kein Geld nähme (V. 9 ff.).

Auch wenn das Mädchen in fünfhebigen Jamben spricht (vier Verse im Kreuzreim mit abwechselnd männlichen und weiblichen Kadenzen bzw. umgekehrt), scheint sie zunächst in einem restringierten Code zu sprechen (V. 1: „Wir wohnen Hinterhaus.“, die Präposition „im“ fehlt!); auch beginnt sie gelegentlich umgangssprachlich einen neuen Satz mit „Und“ (V. 4, 8, 20). Bis auf eine Ausnahme (V. 1 b) bildet sie aber die Sätze regelhaft und gebraucht sogar einige Nebensätze (V. 5, 12, 17, 21, 24, 25). Die Reime ergeben oft semantisch sinnvolle Beziehungen: „die ersten Achselhaare – vierzehn Jahre“ (V. 2/4); „fest möblierten Herrn – tut man manches gern“ (V. 6/8); „bei uns wohnen hätten – fast in denselben Betten“ (V. 13/15) u.a., da liegen jeweils Entsprechungen vor.

Das Mädchen stellt die beiden Männer, den Untermieter und Lehrer Günther, gegenüber; der eine ähnelt sonntags zwar „einem schönen Grafen“ (V. 7), ist also durchaus attraktiv, aber der Lehrer Günther „könnte mir gefallen“ (V. 9), und das ist offensichtlich mehr; denn von ihm nähme sie kein Geld (V. 14). Sie drängt sich ihm regelrecht auf, zieht extra beim Turnen „drunter nicht viel an“ (V. 10), damit der Lehrer an ihrem Leib Gefallen finden kann – anscheinend hat sie damit auch Erfolg, wie des Lehrers Bemerkung über ihre gymnastischen Bewegungen (V. 11 f.) ihr zeigt. Das hört sich so an, als ob zwischen den beiden ein geheimes Einverständnis bestände: Sie zeigt sich ihm, er lobt ihre Bewegungen vor der Klasse. Ihre Annäherungsversuche an Lehrer Günther stehen im Kontext ihrer Wunschvorstellungen (V. 9 und 4. Strophe: Konjunktiv II), dass dieser bei ihnen als Untermieter wohnte; ihre Wünsche gipfeln darin, dass sie im Fall des Falles mit ihm „fast in denselben Betten“ (V. 15) läge. Dass sie dann im Osterzeugnis in „Sittlichkeit“i eine Eins bekäme, ist angesichts ihrer schwülen Phantasien ein pikantes Detail – ich vermute, dass dieser hübsche Kontrast eher dem Autor Kästner als dem sprechenden Mädchen wichtig war. Vom Reim her ist besagte „Eins“ die Belohnung dafür, dass sie „von ihm keins“ (V. 14/16), also kein Geld für ihre Gefälligkeit nähme.

Die nächste Strophe zeigt, dass das Mädchen nicht nur frühreif, sondern auch noch Kind ist: Sie spuckt vom Haus auf die Laternenspitze, gelegentlich macht sie mit ihrem Bruder Wettspucken (5. Strophe). Der Reim „am Fester sitze – nach der Laternenspitze“ zeigt den Zusammenhang der beiden Aussagen (Wenn – Da, V. 17/19) sinnvoll an. Es folgt ein weiterer Wenn-Satz, der wieder auf einem Umweg (über die Bibellektüre) zum ersten Thema „Liebe“ zurückführt; dass sie in der Bibel liest, ist angesichts ihrer Lebensumstände allerdings erstaunlich und auch nicht ohne objektive Ironie (aus Sicht des Autors): Die „Liebe“ der Bibel ist als Nächstenliebe eine andere Liebe als die in des Mädchens Phantasie und Leben. Der Reim „von der Liebe – was ich triebe“ (V. 22/24) zeigt die Spannung zwischen den beiden Arten von Liebe auf; denn für das, was sie treibt, bekommt sie von der Mutter gelegentlich „Hiebe“, wiederum ein passender Reim zu „was ich triebe“ (V. 24/26). Dass sie noch kontrolliert („was ich tu“, V. 25) und geschlagen wird, macht deutlich, dass sie zu Hause noch als Kind gilt.

Ich finde es erstaunlich, dass sie anscheinend Wert darauf legt, gelegentlich ihre Ruhe zu haben (V. 21); diese Situation ist aber die Voraussetzung für die Bibellektüre, über deren Bedeutung für das Mädchen und den Autor bereits gesprochen wurde. Der Reim „meine Ruh – was ich tu“ (V. 21/25) ist als Bezeichnung eines Kontrastes sinnvoll, während „grad dazu“ (V. 23) bloß eine Klangverbindung herstellt.

Was ist nun des „Mädchens Klage“ (Überschrift)? Die kann m.E. nur darin begründet sein, dass sie von der Mutter kontrolliert und geschlagen wird; denn über das Interesse von Männern beschwert sie sich nicht, im Gegenteil: Sie kokettiert mit ihrer Weiblichkeit; nur ihres Bruders muss sie sich erwehren, aber da sie dem nur einen Satz ohne Bewertung widmet (V. 3), wiegt dessen Aufdringlichkeit anscheinend auch nicht schwer. Die Klage zielt also darauf ab, dass sie noch Kind ist oder wie ein Kind behandelt wird, während sie doch schon dabei ist, eine Frau zu werden.

Nach der Jahrhundertwende um 1900 war die Situation der Jugendlichen in der Literatur angekommen. Die Pubertätsproblematik war vor allem, aber nicht nur in Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen“ (1891) und in Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“ (1906) ins Bewusstsein gerückt worden. Bei Kästner ist das Thema der entfremdeten Liebe dominant, wie nicht nur das Gedicht „Der Scheidebrief“ zeigt. Damit enttäuschte er aber manche Leser, die von Gedichten etwas „Lyrisches“ erwarteten und erbost an den Autor schrieben: „Und wo bleibst das Positive, Herr Kästner?“ Aber auch daraus machte Erich Kästner wieder ein Gedicht.

Den Unterschied zwischen Kästners Gedichten und überkommener Lyrik erkennt man im Vergleich des Gedichts „Mädchens Klage“ mit Schillers „Des Mädchens Klage“:

Der Eichwald brauset,
Die Wolken ziehn,
Das Mägdlein sitzet
An Ufers Grün,
Es bricht sich die Welle mit Macht, mit Macht,
Und sie seufzt hinaus in die finstre Nacht,
Das Auge vom Weinen getrübet. 
[…]

(http://www.friedrich-schiller-archiv.de/gedichte-schillers/kurze-gedichte/des-maedchens-klage/)

i„Sittlichkeit“ ist hier so viel wie „Betragen“; vor dem 1. Weltkrieg gab es im Zeugnis zuerst Noten in Betragen, Fleiß und Schulbesuch (wie in Führungszeugnissen), die sogenannten Kopfnoten, die erst lange nach dem 2. Weltkrieg abgeschafft wurden.

Kästner: Die Zunge der Kultur reicht weit – Analyse

Die Zunge der Kultur reicht weit! […]

Die Idee dieses witzigen Gedichtes ist aus einer Redewendung herausgesponnen: „von der Kultur beleckt sein“ bzw. „von Kultur unbeleckt sein“. Schon diese Redewendung ist ein wenig spöttisch distanziert und besagt…

usw. – Die Analyse wird in dem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“ stehen, das im Verlag Krapp & Gutknecht erscheinen soll.