Kästner: Gewisse Ehepaare – Analyse

Ob sie nun gehen, sitzen oder liegen,
sie sind zu zweit. […]“

Auch dieses Gedicht nimmt wie „Familiäre Stanzen“ das Thema der alten Eheleute auf, packt es aber geschickter und radikaler an, weil es sich nicht auf das gegenseitige Hassen beschränkt. Die Überschrift mit dem Adjektiv „gewisse“ klingt ein wenig geheimnisvoll: Gewisse Ehepaare, das sind solche, die man kennt, aber schicklicherweise nicht beim Namen nennt (gewiss: „wenn der Hörer weiß oder leicht erraten kann, wer oder was gemeint ist; drückt aus, dass man zwar an eine bestimmte Person oder Sache denkt, diese aber nicht näher bezeichnen kann oder will“, DWDS).

Die metrische Struktur des Gedichtes ist eigenwillig: Die neun Strophen bestehen aus je vier Versen, die im Kreuzreim verbunden sind; der erste und dritte Vers bestehen aus fünfhebigen Jamben mit einer zusätzlichen Silbe (wodurch eine kleine Pause erzeugt wird), ihnen folgen zweihebige Jamben, die dann wie ein Fazit des vorhergehenden längeren Verses klingen.

Das erste Verspaar gipfelt in der Aussage, dass sie immer zu zweit sind – das „immer“ wird durch die Aufzählung in V. 1 umschrieben. Immer zu zweit sein, also nie allein sein, nie unter anderen sein, das ist der Traum von Verliebten, aber hier erweist es sich als Verhängnis; das wird in den beiden nächsten Versen klar. In einem Wortspiel (Kontrast „sich aussprechen – sich ausschweigen“, letzteres ein Neologismus, analog zu „sich aussprechen“ gebildet) wird als Ergebnis der dauernden Zweisamkeit herausgestellt, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben. Das Ergebnis dieses Schweigens klingt dunkel: „Es ist soweit.“ (V. 4, Rechtschreibfehler, richtig ist „so weit“). Was das bedeutet, wird erst in der letzten Strophe klar, die die erste beinahe wörtlich wiederholt, wobei nur der vierte Vers entscheidend verändert wird – davon später. Die Reime bleiben hier auf den lautlichen Anklang beschränkt.

Wie es um Sprechen und Schweigen steht, wird in den nächsten drei Strophen gesagt:

  • Man kennt den andern besser als sich selber.“
  • Auch das Reden ist nur eine Form des Schweigens.
  • Sie sind „wie Grammophone mit drei Platten“.

Da sie schon so lange zusammen sind (V. 5 f.), kennt man den andern in- und auswendig (V. 7). Fazit: „Der Fall liegt klar.“ (V. 8) Dieser Satz ist allein unverständlich, Bedeutung bekommt er in Kontext von V. 3 und V. 9; dann begründet der Doppelvers 7 f., warum man sich nichts mehr zu sagen hat. Die Verse 5 (Haut wird gelber) und 7 (kennt ihn besser als sich selber) ergeben einen sinnvollen Reim, indem V. 5 den V. 7 begründet.

Was das Sprecher mit dem umfassenden Schweigen meint, erklärt er in der scheinbaren Paradoxie des V. 9. Von den beiden Sätzen ist vielleicht der erste erklärungsbedürftig: Durch Schweigen sagt man dem andern, dass man nichts mit ihm zu tun hat, dass man doch nicht mit ihm reden kann. V. 9 ist eine Erläuterung zum zweiten Satz des V. 8, ebenso die satirische Formulierung des V. 11 inklusive V. 12. Satirisch nenne ich diese Formulierung, weil Schweigsamkeit nicht aus Sorten besteht, „Schweigsamkeit“ und Sorten“ also nicht zueinander passen, ein Merkmal satirischen Sprechens – obwohl man beim zweiten Nachdenken durchaus versteht, dass es verschiedene „Sorten“ (bzw. Motive) des Schweigens gibt. Die Verse 9 und 11 reimen sich sinnvoll, da sie beide dem Thema Schweigen gelten.

Die 4. Strophe besteht aus zwei Gedanken, ähnlich wie die 2. Strophe, nur dass sie hier ohne Zusammenhang nebeneinander stehen. Mit „Seelen und Krawatten“ (V. 13) werden wieder zwei „Dinge“ zusammengestellt, die kategorial nicht zueinander passen – ein Merkmal der Satire. Dass sie durch den besagten langen Anblick bös wurde, greift auf die 5. und 6. Strophe vor und wird auch dort erst verständlich. Dass sie „wie Grammophone mit drei Platten“ (V. 15) sind, also stets das Gleiche abspielen müssen, erläutert die paradoxe Formulierung, dass man mit Worten schweigt (V. 9). In dieser Strophe kann man einen Zusammenhang der Negativität zwischen „bös“ und „nervös“ (V. 14/16) erkennen; „nervös“ ist aber nicht das unbedingt passende Wort, was die Folge von V. 15 akkurat umschreibt (passender wäre „dumm, stupide, taub“), es verdankt sich der Notwendigkeit des Reimes – die einzige kleine Schwäche des Gedichts.

In den beiden folgenden Strophen wird ein neuer Aspekt des Verhältnisses der beiden beleuchtet, der schon in V. 13 angeklungen ist: Sie betrügen, belügen einander, sind feig und unansehnlich (V. 17-21); sie sehen sich beim Betrügen „voll ins Gesicht“ (V. 18), sind also auch noch dreist dabei – und scheitern doch damit (V. 19 f.). „Betrügen – belügen“ (V. 17/19) sind ein sinnvoller Reim.

Wieso lebten sie „feig“ (V. 21) Weil sie nicht den Mut zur Wahrheit hatten (V. 17-19). Dadurch unansehnlich geworden sind sie jetzt „echt“ (V. 21 f.) – das ist ein bittere Aussage, mit der der Sprecher sehr deutlich „gewisse Ehepaare“ bewertet, ebenso wie mit V. 24 (aber auch schon vorher, wenn auch nicht so hart). Dass alte Ehepaare einander ähnlich werden, ist eine Volksweisheit, hier eine bittere Wahrheit (V. 23).

in den beiden folgenden Strophen wird ein weiterer Aspekt dieses Verhältnisses beschrieben: Sie sind in ihrer Zweisamkeit Gefangene; das wird in einem Tiervergleich (V. 25) und mit dem ganzen Wortfeld der Gefangenschaft umschrieben: Gitter, fliehen, Käfig, gefangen, stöhnen, Ketten (V. 25-31). In V. 27 f. wird das Bild vom Tier im Käfig ausgebaut: Es steht ein Dritter vor dem Käfig… Das braucht man nicht in die „Wirklichkeit“ zu übertragen und zu „deuten“, hier ist einfach – typisch Satire – ein Bild über die Grenze der Analogie hinaus weitergezeichnet. Der Reim „gefangen in den Betten – Ketten“ (V. 27/29) fügt Gleiches zusammen; hier sieht man übrigens erneut, dass man bei der Untersuchung von Reimen sich nicht auf Wörter („Betten – Ketten“) beschränken darf, sondern Phrasen oder sogar den ganzen Vers beachten muss. Dass aus Bett und Kissen „Särge“ (V. 32) werden, sprengt das Bild des Gefangenseins, passt aber von der Vorstellung zum Bett und weist auf V. 36 hin.

Die letzte Strophe gleicht weithin der ersten (s.o.). Der entscheidende Unterschied liegt in V. 36: „Man hat sich ausgeschwiegen. / Nun ist es Zeit…“ Das Präsens „ist“ ergibt sich hier als Folge des Perfekts „hat sich ausgeschwiegen“: Etwas ist abgeschlossen, jetzt liegt das Ergebnis vor: „Nun ist es Zeit.“ Hier fehlt eine Angabe, wofür es Zeit ist. Im Zusammenhang mit den Hinweisen auf das Alter (V. 5), auf den Zustand der „Vollendung“ (V. 4, V. 22 u.a.) sowie auf die Särge (V. 32) muss man ergänzen: Es ist Zeit, dass sie sterben. Das ist nicht ausgesprochen, aber die makabre Wahrheit – wieder ein Merkmal satirischen Sprechens.

Stichwort Satire: Was wird hier angegriffen? Kritisiert wird die Art verfehlten Lebens gewisser Ehepaare, die nicht aus dem Käfig ihrer tödlichen verlogenen Zweisamkeit ausgebrochen sind. Ob der Akzent auf dem nicht Ausbrechen oder auf dem Leben im tödlichen Schweigen besteht, sei dahingestellt.

https://www.deutschelyrik.de/index.php/gewisse-ehepaare.html (Vortrag Fritz Stavenhagens)

https://www.youtube.com/watch?v=E9dT6svDjiM (Vortrag Otto Schenks)

Gegenüber Schillers „Das Lied von der Glocke“ sind hier bei Kästner „gewisse Ehepaare“ negativ gezeichnet – aber sein Blick auf die Ehe war nicht der einzige; die kritischeren Gedichte standen einfach nicht im Lesebuch. Bereits Francis Bacon von Verulam dichtete: Es ist betrübt, man könnte drüber weinen, / Ein Merkmal unser Schwäch‘ und Sündlichkeit, / Dass Lieb‘ und Ehe selten sich vereinen […]“

Vgl. auch Tucholskys Gedicht „Ehekrach“ (http://www.textlog.de/tucholsky-ehekrach.html, 1928) und die Liste der Ehemotive (http://www.sgipt.org/gipt/sozpsy/bez/ehemotiv.htm).

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Kästner: Familiäre Stanzen – Analyse

Wenn sich Leute, die sich lieben, hassen,
tun sie das auf unerhörte Art.
[…]

Die Stanze ist eine aus Italien stammende Gedichtform, die aus acht elfsilbigen Versen mit dem Reimschema a-b-a-b-a-b-c-c besteht; im deutschen weist die Stanze meist abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen auf und besteht aus fünfhebigen Jamben. Diese Gedichtform bestimmt die Überschrift des Gedichts „Familiäre Stanzen“: Stanzen, in denen Leben in der Familie Thema ist. Genau gesagt handelt es sich nicht um eine Familie, sondern ein altes Ehepaar (mit falschen Zähnen, V. 6): „Denn sie kennen sich […] viele Jahre schon.“ (V. 9 f.) Es geht um die scheinbar paradoxe Situation, dass „Leute, die sich lieben, [einander, N.T.] hassen“ (V. 1). Zuerst sieht es so aus, als ob dieses Hassen ein Dauerzustand wäre (Str. 1-3); doch ändert sich die Situation, der Hass verschwindet ( Str. 4).

Leute, die sich lieben, hassen einander „auf unerhörte Art“ (V. 2), also nicht einfach so, wie man einen Fremden oder Nachbarn hasst, denen man einfach den Tod wünscht. Da die Liebenden zusammen wohnen, durchzieht ihr Hassen den ganzen Alltag – dies wird in V. 3-8 entfaltet: Hass in allem, was sie tun und lassen (V. 3 f.), sogar bei scheinbar höflichen Gesprächen (V. 7 f.); dass keiner „vorm anderen erblassen“ will (V. 5), heißt vielleicht, dass keiner zeigen will, wie ihn eine Verletzung trifft, oder dass keiner in seiner Gemeinheit hinter dem anderen zurückstehen will. Dass jemand Haare auf den Zähnen habe, wird gewöhnlich auf die bissige, schroffe Art einer Frau bezogen; wenn nun hier gesagt wird, dass selbst auf den falschen Zähnen Haare stehen (V. 6), ist damit eine Steigerung der gewöhnlichen Bosheit gemeint, und zwar bei beiden Streithähnen.

Semantisch sinnvoll sind vor allem die Verse 2, 4, 6 miteinander im Reim verbunden; das kommt daher, dass dort zweimal der Satzkern steht: unerhörte Art / Hass gewahrt / Zähne behaart; diese Verse sind um eine Silbe kürzer und bilden jeweils das Satzende, so dass dort im Sprechen eine Pause entsteht. Die Satzbildung über zwei Verse verhindert, dass in V. 7 f. ein sinnvoller Reim entstehen kann. Der anonyme Sprecher, der das Phänomen des Hassens distanziert beschreibt, spricht in einem gehobenen Stil („aufs sorglichste“, V. 4), bildet Nebensätze und gebraucht auch eine Reihe von Vergleichen (V. 8, 17, 21, 24). Diese Vergleiche dienen auf verschiedene Weise dazu, das gegenseitige Hassen in seiner Intensität darzustellen; in der 1. Strophe (V. 8) wie später in V. 21 wird ein irrealer Vergleich gebraucht (Konjunktiv II), wobei der Vergleich in V. 8 durchaus unanschaulich bleibt und eine metaphorische Redewendung aufgreift (das Herz bricht).

In der 2. Strophe wird zunächst erklärt, warum die beiden sich so tief verletzen können (V. 9-12, eingeleitet mit „Denn“): Sie kennen sich schon jahrelang (V. 10 und das Präteritum V. 11), also sehr gut. Im Zeugma (von Trank bis Telefon, V. 11 f.) passt das Telefon als konkreter Gegenstand nicht recht in die Aufzählung; durch diese Art des Aufzählens wird einfach „alles“ umschrieben. Semantisch passt zum Reim „viele Jahre schon“ (V, 10) nur der ganze Doppelvers V. 11 f. Welche Möglichkeiten durch diese lange intime Bekanntschaft „jetzt“ (V. 13) eröffnet werden, wird in V. 13 summarisch beschrieben und dann in V. 14-24 entfaltet. Die Adverbien „klug und leise“ (V. 13, dazu passt V. 14) zeigen die Besonderheit des intimen Hassens; sie werden jedoch in V. 21-24 außer Kraft gesetzt – eine Schwäche des Gedichts, finde ich.Das Adverb „messerscharf“ (V. 15) kann noch zu den Vergleichen (s.o.) gezählt werden. V. 16 klingt etwas rätselhaft. Ich lese ihn so: Das Verstehen einer Bosheit geht dem Schmerz voraus, den sie auslöst; sie kommt also nicht unerwartet, man ist vielmehr gespannt darauf, was dem anderen jetzt wohl einfällt, um einen zu verletzen. „scharf geschliffen – Schmerz begriffen“ (V. 16) ist ein sinnvoller Reim.

In den Strophen 2 und 3 werden fünf Sätzen durch „Und“ eingeleitet (in Str. 1 und 4 sind es nur drei Sätze): Dieses aufreihende Erzählen signalisiert (bis auf V. 11), wie eines aus dem anderen folgt, wie die Serie der Verletzungen abläuft. In Strophe 3 dominieren Vergleiche (V. 17, 24) und Metaphern (V. 20) des Kämpfens, dazu kommt ein irrealer Tiervergleich (V. 21): alles ein Folge der intimen Kenntnis des „Gegners“. Dass die Uhr „erschrickt“ (V. 22), ist eine surreale Personifikation. Das Präteritum „schrie“ (V. 22) passt nicht zum Präsens „erschrickt“ (V. 22 und in der ganzen Strophe; es verdankt sich der Notwendigkeit, zu „Anatomie – sie“ (V. 18, 20) ein passendes Reimwort zu finden. V. 17/19 („wie bei Duellen – die schwachen Stellen“) reimen sich sinnvoll.

Durch „Aber“ (V. 25) leitet der Sprecher eine Wende des Geschehens, ohne dass er erklärt, warum der Hass verschwindet, der doch so tief zu sitzen schien – es ist so etwas wie ein Innehalten vor lauter Erschöpfung („Krank und müde“, V. 26). Dass sie über ihre Wunden, d.h. die Wunden, die sie dem anderen zugefügt haben (wegen V. 28), „staunen“, verwundert mich, haben sie sich doch „klug und leise“ verletzt (V. 13); und dass keiner wusste, „daß er beißen kann“ (V. 28), stimmt einfach nicht – ich glaube es dem Sprecher nicht, er beschönigt hier etwas. Das Indefinitpronomen „Beide“ (V. 29) zeigt die neue Gemeinsamkeit kann, ebenso das Bild „beim gleichen Schicksal Kunden“ (V. 29); dieses Bild verstehe ich so, dass damit auf ihr Alter und im weiten Sinn die Todesnähe angespielt wird. Dass sie Mann und Frau spielen, heißt, dass sie miteinander schlafen; das Verb „spielen“ muss nicht nur etwas Negatives oder Scheinhaftes bezeichnen (wegen V. 25), auch wenn die Bedeutung „vortäuschen“ mitschwingt. Es folgt zum Schluss eine humorvoll-kritische Begründung dafür, dass die beiden miteinander schlafen (wollen): weil die Liebe nach einem Streit „endlich wieder“ (V. 32) angenehm empfunden wird, nachdem sie in den langen Jahren zu einer Routine verkommen war. Das ist nicht ohne einen spöttischen Unterton gesagt, finde ich: Der Sprecher steht dem ganzen Ehekrieg mit folgender Versöhnung distanziert gegenüber. Die Reime in V. 25-28 verbinden die Verse sinnvoll, ohne dass sie den Versen 27 und 28 Plausibilität verleihen könnten.

Gegenüber Schillers „Das Lied von der Glocke“ ist hier bei Kästner die Ehe negativ gezeichnet – aber Schiller stand zwar früher in vielen Lesebüchern, aber sein Blick auf die Ehe war nicht der einzige; die kritischeren Gedichte standen einfach nicht im Lesebuch. In Lessings Gedicht „Das Muster aller Ehen“ wird die einzige Ehe besungen, in der es keine Zwietracht gibt: „Der Mann war taub, die Frau war blind.“ Und Francis Bacon von Verulam dichtete:

Es ist betrübt, man könnte drüber weinen,

Ein Merkmal unser Schwäch‘ und Sündlichkeit,

Dass Lieb‘ und Ehe selten sich vereinen […]“

Vgl. auch Tucholskys Gedicht „Ehekrach“ (http://www.textlog.de/tucholsky-ehekrach.html, 1928) und die Liste der Ehemotive (http://www.sgipt.org/gipt/sozpsy/bez/ehemotiv.htm). Noch böser als „Familiäre Stanzen“ ist Kästners Gedicht „Gewisse Ehepaare“, das als nächstes vorgestellt werden soll.

Kästner: Das Gebet keiner Jungfrau – Analyse

Ich könnte gleich das Telefon ermorden!

Nun hat er, sagt er, wieder keine Zeit. […]“

Die Überschrift ist in der Verwendung des Pronomens „keiner“ ungewöhnlich; gemeint ist, dass die junge Frau, die hier ihre Gedanken äußert, nicht mehr Jungfrau ist. Das war 1929 anscheinend bemerkenswert – nach ihrer Äußerung in V. 21 („schon dreißig“) und ihren schwärmerischen Vorstellungen dürfte sie knapp unter 20 Jahre alt sein, zumal da sie noch unter der Obhut ihrer Mutter steht (V. 17 f.). Der ungewöhnliche Titel „Das Gebet keiner Jungfrau“ ist vielleicht als Replik auf Frank Wedekinds Gedicht „Das Gebet einer Jungfrau“ von 1920 entstanden (das würde immerhin die sonderbare Überschrift erklären):

Ave Maria!

Schwere Träume plagen

Mich so manche Nacht […]“

Die junge Frau in Kästners Gedicht beginnt sehr aufgebracht mit einer zornigen Äußerung über das Telefon, auf dessen Klingeln sie vergeblich wartet – „er“ hat schon „wieder keine Zeit“ (V. 2), sagt er zumindest (V. 2). Mit dem Einschub „sagt er“ drückt sie ihren Zweifel daran aus, und das Adverb „wieder“ zeigt den Zustand ihres Verhältnisses: „Ich“ denkt offenbar dauernd an „ihn“, der so selbstverständlich der eine Er ist, dass nicht einmal sein Name genannt wird, der aber ihre Erwartungen nach Nähe und Zweisamkeit nicht (mehr?) erfüllt; gleichwohl zeigt das Pronomen „er“ statt „du“ eine gewisse Distanz an. Sie beschreibt ihren Zustand dann mit dem mythischen Bild vom ganzen resp. halben Menschen, das wir aus der Bibel und von Platon kennen: Eva ist aus der Rippe Adams gebaut, erst zusammen sind sie „ein Fleisch“ (Gen 2,24). Aristophanes erzählt im platonischen „Symposion (Gastmahl)“ den Mythos von den Kugelmenschen, die zerteilt worden seien, wonach sich jeder nach der zu ihm passenden Hälfte sehnte (https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelmenschen). Genau das meint die Klage der jungen Frau, dass sie nur noch „eine Hälfte“ sei, weil die andere Hälfte sich ihr entzieht (V. 4); ein ganzer Mensch „bin ich nur noch zweit“ (V. 3) – das ist genannte mythische Vorstellung.

Sie denkt bzw. spricht in fünfhebigen Jamben, die in umarmendem Reim miteinander verbunden sind. Die beiden Innenverse enden glatt mit der fünften Hebung, die beiden anderen haben eine Silbe mehr (weibliche Kadenz). Weil der erste und der vierte Vers recht weit voneinander entfernt sind, besteht meist nur zwischen den beiden Innenversen eine semantische Beziehung über die reine Klangverbindung hinaus, z.B. „keine Zeit – nur noch zu zweit“ (V. 2/3: Kontrast zwischen Wunsch und Wirklichkeit), während „Telefon ermorden“ und „aus mir geworden“ nur durch den Klang verbunden sind. Das klagende „Ach“ (V. 4) ist gegen den Takt betont – überhaupt besagt die Feststellung, dass es fünf Hebungen gibt, nicht, dass sie alle gleich stark betont werden; der Rhythmus eines Gedichtes ergibt sich erst aus der sinnvollen Akzentuierung der einzelnen Verse.

In den nächsten drei Strophen entfaltet das Ich die Klage über sein Liebesleid: In einem Dreischritt kommt sie zur Gewissheit, dass er sie nicht liebt, obwohl er mit ihr schläft:

  • Er sieht sie ungerührt, fast belustigt leiden (2. Str.).
  • Er sagt nicht, dass er sie liebt (3. Str.).
  • Sie erkennt, dass er sie nicht liebt (4. Str.).

Sie beschreibt sein distanziertes Verhältnis zu ihr sehr vorsichtig: „Ich glaube fast…“ (V.5), „vielleicht“ (V. 6), irrealer Vergleich (sieht mich an, als ob, V. 7 f.); sie ist sich also nicht ganz sicher, wie sie sein Verhalten einschätzen soll – jedenfalls zeigt er sich überlegen (V. 6, mit V. 8 als Bestätigung) und rücksichtslos, er verletzt sie (kränken, V. 5; traurig, V. 7) ohne Mitleid, vielleicht sogar absichtlich (um sie auf Distanz zu halten?). Man kann eine semantische Beziehung zwischen V. 5 und V. 8 erkennen: Durch ihre Traurigkeit bestätigt sie ihm seine Macht.

Sie vermutet, dass er sie nicht liebt, weil er sein Liebesbekenntnis durch Küsse im Bett ersetzt hat. Diese Erkenntnis sagt alles über ihren Zweifel: Durch Küsse bestätigt man normalerweise seine Liebe; aber die Zweifelnde können Küsse allein nicht von seiner Liebe überzeugen. Hier sind „danach gefragt – nichts gesagt“ (V. 10 f.) sinnvolle Reime (Verhältnis Frage – Antwort).

Dann kommt sie im Fortgang ihrer Überlegungen zur Einsicht: „Er liebt mich nicht.“ (V. 15) Das steht gegen ihre Wünsche und ihr eigenes Lieben (V. 13 f.). So bleibt ihr für das Verhältnis nur die Deutung: „Mein Körper geht bei seinem in die Lehre.“ (V. 16) Damit ist einmal klar, dass ihr Verhältnis auf Sex reduziert ist; problematisch finde ich die Wendung „in die Lehre gehen“; denn wer in die Lehre geht, will ja etwas lernen (was auch in der Liebe erforderlich ist, zumal wenn man noch „unschuldig“ ist), während sie doch zuvor davon gesprochen hat, dass sie seine Liebe empfangen will. Hier kann man überlegen, ob Kästner die Wendung nicht optimal gewählt hat oder ob die Wendung besagt, dass sie unterschwellig durchaus daran interessiert ist, im Sex etwas zu lernen – oder ist V. 16 mit Bedauern geäußert? Man müsste im Sprechen erproben, welche Lesart von V. 16 überzeugt. Der Reim „wie ich ihn – erst so schien“ (V. 14 f.) verbindet den Kontrast von Wirklichkeit und Schein miteinander.

Er liebt mich nicht.“ (V. 15) Das ist eine klare Äußerung – welche Konsequenz zieht sie daraus? An der Antwort auf diese Frage entscheidet sich, wie man das Gedicht zu verstehen hat: Wird eher Er als herzloser Ausbeuter angeklagt? Verdient sie deshalb Mitleid, oder ist Sie eine dumme Gans, die sich willig ausnehmen lässt? Zunächst antwortet sie nicht auf unsere Frage, welche Konsequenz sie aus ihrer Einsicht zieht. Sie blickt einmal kurz zurück (5. Str.) und dann voraus in die Zukunft (6. Str.).

Ich wollte alles so, wie alles kam!“ (V. 19) Mit diesem Satz wehrt sie sich gegen die Aufforderung ihrer Mutter, sie solle sich benehmen und sich wegen ihres „unmoralischen“ Verhältnisses schämen (V. 17 f) – ein offensichtlich nur heimlich gepflegtes Verhältnis (V. 18: „Sie ahnt etwas.“). Das lehnt sie ab (V. 19 f.), sie steht zu diesem Verhältnis. Der Reim „Scham – wie alles kam“ (V. 18 f.) drückt die Spannung zwischen Wirklichkeit und traditioneller Moral (1929) aus.

Im Ausblick auf die Zukunft weiß sie dagegen, wie es ihr ergehen wird: wie vielen Damen vor ihr, an die er sich zwar innert (V. 21 f.), wogegen er später nicht einmal mehr ihren Namen wissen wird (V. 24). Was bleibt, wird sein: „Mit der war doch mal was…“ Hier finden wir ein paar Striche zu einem Bild von ihm: wie er mit seinen verflossenen Damen umgeht. Die Reime passen semantisch: „viele Damen – meinen Namen“ (V. 21/24: Gleichheit); „erinnert sich – dann auch mich“ (V. 22/23: Gleichheit des Schicksals).

In der nächsten Strophe wird ihr schwärmerischer Liebeswunsch („Zwei Dutzend Kinder …“, V. 25) mit seiner Wirklichkeit konfrontiert und damit die 6. Strophe thematisch fortgesetzt: „Er weiß Bescheid.“ (V. 27) Er weiß, wie man Empfängnis verhütet, was 1929 viele Frauen und manche Männer nicht wussten, Gegen ihren überschwänglichen Kinderwunsch setzt er also seinen Willen und sein Wissen, er lacht sie aus (V. 26 ff.); notfalls würde er auf einer Abtreibung bestehen (V. 27 f.). Hier fällt mir auf, wie sie sich anscheinend diesem fremden Willen unterwirft, obwohl sie doch angeblich zwei Dutzend Kinder von ihm haben will: Wäre es ihr damit ernst, würde sie, wo sie im Monolog doch nicht kontrolliert wird, sagen können: „Das machte ich nicht mit, das Kind ließe ich mir nicht nehmen.“ Das tut sie aber nicht – wie soll man solche Hörigkeit bewerten? – Die Reime V. 25/28 und V. 26/27 sind durch die Gegensätze in den Aussagen bestimmt.

In der letzten Strophe zieht sie das Fazit aus ihren bisherigen Überlegungen; dabei binden die Reime jeweils gleichartige Aussagen aneinander: von der bleibenden Liebe (V. 29/32) und von ihrem Aus (V. 30/31). Sie möchte, dass sie Ihn weiter liebt hat, aber sie weiß, dass das nicht der Fall sein wird (V. 29 f.); eine Erklärung dafür gibt sie nicht, obwohl sie das doch tun könnte (wenn man „aus“, V. 30, wirklich auf das Ende ihres Liebens bezieht, wie es grammatisch geboten ist, weil auch „es“ in V. 29 wie die beiden folgenden sich auf den Vordersatz bezieht, also auf ihr Liebhaben und nicht auf das Verhältnis). Sie sieht die Folgen des Endes ihrer Liebe voraus (V. 31 f.), sie wird leiden: „Das ist die Liebe.“ (V. 32) Was ist die Liebe? Weil das „Das“ (V.32) unbestimmt ist, muss man es als Leser füllen. Ich lese es so: Dass man an der Liebe und vor allem am Ende der Liebe leidet, das ist die Liebe.

Wir hatten gefragt: Welche Konsequenzen zieht sie aus ihrer Einsicht, dass er sie nicht liebt? Ich lese Str. 5-8 so, dass sie daraus keine Konsequenzen zieht, sondern nur das Ende ihres Liebens kommen sieht. Im Gegenteil, sie hält an wirklichkeitsfremden Wünschen (V. 25) fest. Und sie bedauert sich ein wenig als eine, die am Ende ihrer Liebe leiden wird (8. Str.). So erscheint sie mir als jemand, der blind oder vielmehr sehend an etwas festhält, was es schon gar nicht mehr gibt und vielleicht nie gegeben hat. Nicht der böse Er, sondern die gefühlsduselige Sie stehen im kritischen Fokus des Gedichts. Aber vielleicht lesen Frauen das Gedicht anders?

https://de.wikisource.org/wiki/Gebet_einer_Jungfrau (Wedekind: Das Gebet einer Jungfrau) – fast zwingend ergibt sich ein Gedichtvergleich als Aufgabe!

Ich finde übrigens „Das Gebet keiner Jungfrau“ wesentlich besser für die Lektüre in der Schule geeignet als das überall verbreitete Gedicht „Sachliche Romanze“; aber wer weiß, dass Lesebücher so gemacht werden, dass Texte aus anderen Lesebüchern abgeschrieben werden, wird vergeblich hoffen, das die „Sachliche Romanze“ durch „Das Gebet keiner Jungfrau“ ersetzt würde.

Kästner: Mädchens Klage – Analyse

Wir wohnen Hinterhaus. Im vierten Stock.

Ich kriege schon die ersten Achselhaare. […]

Es spricht ein 13jähriges Mädchen in der Ich-Form von sich und seinem Leben. Das Mädchen stellt sich als jemand dar, der in beengten Verhältnissen lebt und dabei ist, die Sexualität zu entdecken. Der Autor hebt durch den Untertitel „Dem Wohnungsamt gewidmet“ auf die schwierige Wohnungssituation der Familie ab, während das Mädchen stärker sein Interesse an Männern herausstellt (bzw. das Interesse von Männern an ihm). Wieso hier „Mädchens Klage“ vorliegt, wird erst in der letzten Strophe deutlich.

Zunächst stellt das Mädchen sich seinen anonymen Zuhörern vor. Sie wohnt in einem Hinterhaus (V. 1), wo die billigen Wohnungen sind; die Familie lebt beengt, sie schläft in einem einzigen Zimmer (V. 5). Sie ist 13 Jahre alt (V. 4), in der Pubertät (erste Achselhaare, V. 2) und wird manchmal von ihrem Bruder sexuell bedrängt (V. 3) – sie weiß genau, was das bedeutet. Es fällt auf, dass ihre erste Äußerung über sich der Hinweis auf die Achselhaare ist: Die Sexualität steht im Fokus ihres Interesses.

Offensichtlich ist die Familie – nur von der Mutter ist später kurz die Rede (V. 23 ff.) – so arm, dass sie noch ein Zimmer vermieten muss (V. 6). Dieser Untermieter ist der erste Mann im Leben des Mädchens; er gibt ihr Geld, da tut sie „manches gern“ (V. 8). Durch das Indefinitpronomen „man“ wird dieses nicht näher umschriebene erotische Entgegenkommen als normal bewertet. Dass es sich bei „manches“ um erotische Gefälligkeiten handelt, ergibt sich aus der Gegenüberstellung des Untermieters mit dem Lehrer Günther, der ihr gefallen könnte und von dem sie kein Geld nähme (V. 9 ff.).

Auch wenn das Mädchen in fünfhebigen Jamben spricht (vier Verse im Kreuzreim mit abwechselnd männlichen und weiblichen Kadenzen bzw. umgekehrt), scheint sie zunächst in einem restringierten Code zu sprechen (V.1: „Wir wohnen Hinterhaus.“ , die Präposition „im“ fehlt!); auch beginnt sie gelegentlich umgangssprachlich einen neuen Satz mit „Und“ (V. 4, 8, 20). Bis auf eine Ausnahme (V. 1 b) bildet sie aber die Sätze regelhaft und gebraucht sogar einige Nebensätze (V. 5, 12, 17, 21, 24, 25). Die Reime ergeben oft semantisch sinnvolle Beziehungen: „die ersten Achselhaare – vierzehn Jahre“ (V. 2/4); „fest möblierten Herrn – tut man manches gern“ (V. 6/8); „bei uns wohnen hätten – fast in denselben Betten“ (V. 13/15) u.a., da liegen jeweils Entsprechungen vor.

Das Mädchen stellt die beiden Männer, den Untermieter und Lehrer Günther, gegenüber; der eine ähnelt sonntags zwar „einem schönen Grafen“ (V. 7), ist also durchaus attraktiv, aber der Lehrer Günther „könnte mir gefallen“ (V. 9), und das ist offensichtlich mehr; denn von ihm nähme sie kein Geld (V. 14). Sie drängt sich ihm regelrecht auf, zieht extra beim Turnen „drunter nicht viel an“ (V. 10), damit der Lehrer an ihrem Leib Gefallen finden kann – anscheinend hat sie damit auch Erfolg, wie des Lehrers Bemerkung über ihre gymnastischen Bewegungen (V. 11 f.) ihr zeigt. Das hört sich so an, als ob zwischen den beiden ein geheimes Einverständnis bestände: Sie zeigt sich ihm, er lobt ihre Bewegungen vor der Klasse. Ihre Annäherungsversuche an Lehrer Günther stehen im Kontext ihrer Wunschvorstellungen (V. 9 und 4. Strophe: Konjunktiv II), dass dieser bei ihnen als Untermieter wohnte; ihre Wünsche gipfeln darin, dass sie im Fall des Falles mit ihm „fast in denselben Betten“ (V. 15) läge. Dass sie dann im Osterzeugnis in „Sittlichkeit“i eine Eins bekäme, ist angesichts ihrer schwülen Phantasien ein pikantes Detail – ich vermute, dass dieser hübsche Kontrast eher dem Autor Kästner als dem sprechenden Mädchen wichtig war. Vom Reim her ist besagte „Eins“ die Belohnung dafür, dass sie „von ihm keins“ (V. 14/16), also kein Geld für ihre Gefälligkeit nähme.

Die nächste Strophe zeigt, dass das Mädchen nicht nur frühreif, sondern auch noch Kind ist: Sie spuckt vom Haus auf die Laternenspitze, gelegentlich macht sie mit ihrem Bruder Wettspucken (5. Strophe). Der Reim „am Fester sitze – nach der Laternenspitze“ zeigt den Zusammenhang der beiden Aussagen (Wenn – Da, V. 17/19) sinnvoll an. Es folgt ein weiterer Wenn-Satz, der wieder auf einem Umweg (über die Bibellektüre) zum ersten Thema „Liebe“ zurückführt; dass sie in der Bibel liest, ist angesichts ihrer Lebensumstände allerdings erstaunlich und auch nicht ohne objektive Ironie (aus Sicht des Autors): Die „Liebe“ der Bibel ist als Nächstenliebe eine andere Liebe als die in des Mädchens Phantasie und Leben. Der Reim „von der Liebe – was ich triebe“ (V. 22/24) zeigt die Spannung zwischen den beiden Arten von Liebe auf; denn für das, was sie treibt, bekommt sie von der Mutter gelegentlich „Hiebe“, wiederum ein passender Reim zu „was ich triebe“ (V. 24/26). Dass sie noch kontrolliert („was ich tu“, V. 25) und geschlagen wird, macht deutlich, dass sie zu Hause noch als Kind gilt.

Ich finde es erstaunlich, dass sie anscheinend Wert darauf legt, gelegentlich ihre Ruhe zu haben (V. 21); diese Situation ist aber die Voraussetzung für die Bibellektüre, über deren Bedeutung für das Mädchen und den Autor bereits gesprochen wurde. Der Reim „meine Ruh – was ich tu“ (V. 21/25) ist als Bezeichnung eines Kontrastes sinnvoll, während „grad dazu“ (V. 23) bloß eine Klangverbindung herstellt.

Was ist nun des „Mädchens Klage“ (Überschrift)? Die kann m.E. nur darin begründet sein, dass sie von der Mutter kontrolliert und geschlagen wird; denn über das Interesse von Männern beschwert sie sich nicht, im Gegenteil: Sie kokettiert mit ihrer Weiblichkeit; nur ihres Bruders muss sie sich erwehren, aber da sie dem nur einen Satz ohne Bewertung widmet (V. 3), wiegt dessen Aufdringlichkeit anscheinend auch nicht schwer. Die Klage zielt also darauf ab, dass sie noch Kind ist oder wie ein Kind behandelt wird, während sie doch schon dabei ist, eine Frau zu werden.

Nach der Jahrhundertwende um 1900 war die Situation der Jugendlichen in der Literatur angekommen. Die Pubertätsproblematik war vor allem, aber nicht nur in Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen“ (1891) und in Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“ (1906) ins Bewusstsein gerückt worden. Bei Kästner ist das Thema der entfremdeten Liebe dominant, wie nicht nur das Gedicht „Der Scheidebrief“ zeigt. Damit enttäuschte er aber manche Leser, die von Gedichten etwas „Lyrisches“ erwarteten und erbost an den Autor schrieben: „Und wo bleibst das Positive, Herr Kästner?“ Aber auch daraus machte Erich Kästner wieder ein Gedicht.

Den Unterschied zwischen Kästners Gedichten und überkommener Lyrik erkennt man im Vergleich des Gedichts „Mädchens Klage“ mit Schillers „Des Mädchens Klage“:

Der Eichwald brauset,
Die Wolken ziehn,
Das Mägdlein sitzet
An Ufers Grün,
Es bricht sich die Welle mit Macht, mit Macht,
Und sie seufzt hinaus in die finstre Nacht,
Das Auge vom Weinen getrübet. 
[…]

(http://www.friedrich-schiller-archiv.de/gedichte-schillers/kurze-gedichte/des-maedchens-klage/)

i„Sittlichkeit“ ist hier so viel wie „Betragen“; vor dem 1. Weltkrieg gab es im Zeugnis zuerst Noten in Betragen, Fleiß und Schulbesuch (wie in Führungszeugnissen), die sogenannten Kopfnoten, die erst lange nach dem 2. Weltkrieg abgeschafft wurden.

Kästner: Die Zunge der Kultur reicht weit – Analyse

Die Zunge der Kultur reicht weit!

Wohin sie sich erstreckt […]

Die Idee dieses witzigen Gedichtes ist aus einer Redewendung herausgesponnen: „von der Kultur beleckt sein“ bzw. „von Kultur unbeleckt sein“. Schon diese Redewendung ist ein wenig spöttisch distanziert und besagt, dass Leute, ein Ort oder eine Landschaft (keine) Kultur kennen. Diese metaphorische Redewendung wird nun wörtlich genommen – ein in Satiren übliches Verfahren: als ob die Kultur ein Lebewesen mit einer Zunge wäre (V. 10: „Die Zunge raus, Kultur!“), was vom Sprecher ironisch zu einer Kritik der vermeintlichen Unkultur und vom Autor zur Kritik einer vermeintlichen Kultur genutzt wird.

In der 1. Strophe wird das Bild von der Zunge der Kultur gemalt, von der „der Mensch nebst seiner Zeit“ (V. 3) rundum beleckt wird. Das Tempus ist Präsens, d.h. dass wir in dieser Zeit leben, dass die Aussage vom beleckt Sein jetzt gültig ist; in V. 4 wird das Bild durch eine Häufung von Richtungsangaben satirisch gefärbt.

Die Strophenform mit den fünf Versen, die eine limerickartige Variation der Chevy-Chase-Strophe darstellt, finden wir bei Kästner häufig: a – b – a – a – b, Wechsel von vier (a) und drei (b) jambischen Hebungen, alle mit männlicher Kadenz. In den folgenden Strophen wird dieses strenge Schema jedoch abgewandelt, nur die Reimform bleibt erhalten. Die Grundform wie auch ihre Variationen erlauben ein flottes Sprechen; dieses Sprechtempo passt zur (ironischen) Empörung über die von der Kultur Unbeleckten, die in den folgenden zwei Strophen zelebriert wird, während in der vierten Strophe das ebenfalls ironische Loblied unserer Kultur („wir“, V. 16) gesungen wird; erst in der letzten Strophe kommt es angesichts der Auswüchse unserer Kultur dazu, dass sie offen kritisiert wird.

Mit dem ersten Vers der 2. Strophe wird ein christliches Lied (1704 von Johann Metzner gedichtet, vertont 1738 von J. B. König) zitiert:

O dass ich tausend Zungen hätte / und einen tausendfachen Mund,
so stimmt ich damit um die Wette / vom allertiefsten Herzensgrund
ein Loblied nach dem andern an / von dem, was Gott an mir getan.“

Diese tausend Zungen werden hier der Kultur gewünscht (Konjunktiv II), da sie noch so viel zu belecken habe: Neger ohne Uhr, Dörfer ohne Operette, Eskimos ohne Klosette (V. 7-9), wobei der Reim „Operette – Klosette“ besonders witzig (Kontrast!) ist; die übrigen Reime stellen nur eine lautliche Verbindung her. Da die Neger, Dörfer, Eskimos auch ohne die besagten Errungenschaften der Kultur bisher gut gelebt haben, wird schon deutlich, dass die Kritik an ihrem „kulturlosen“ Leben nicht so ernst gemeint sein kann. Das zeigt auch die Zusammenstellung der Kulturgüter Uhr – Operette – Klosette, die nichts miteinander zu tun haben: ein Merkmal der Satire. In die gleiche Richtung weist die folgende an die Kultur (wie eine Person) gerichtete Aufforderung: „Die Zunge [zum Belecken, N.T.] raus, Kultur!“ (V. 10) Für das Wort „Klosette“ (V. 9) hat der Sprecher sich entschuldigt, als ob es in der Kultur unanständig sei, von Klosetten zu sprechen (wie man in der viktorianischen Zeit in feinen Kreisen nicht das Wort „Unterhose“ benutzen durfte!) – diese Verschämtheit zu zeigen ist hier pure Ironie.

Die Aufzählung der kulturlosen Menschen („Noch gibt es…“, V. 11, wie bereits V. 7) wird in der 3. Strophe fortgesetzt: mehr oder weniger unbekleidete Frauen sowie zwei Gruppen, die einer Kommentierung bedürfen. Die Wendung „ohne Kleid und Scham“ (V. 12) ist ein Zeugma: ein Stilfigur, die oft ein wenig komisch wirkt. Dass Männer im Dunkeln geigen (V. 13) hat wieder nichts mit den Frauen und den Schweigern zu tun: Satire, ja die Beobachtung selbst zu nennen ist bereits Unsinn – als ob es nicht egal wäre, wenn Männer (hier als Pendant zu den Frauen, V. 11 f.) im Dunkeln geigen! Die in V. 14 genannten Schweigenden („selbst wenn sie dumm sind“) können vom Sprecher der Unkultur zugerechnet werden, weil Schweigen normalerweise als Zeichen der Klugheit gilt („Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“; „si tacuisses, philosophus mansisses“: wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben; vgl. z.B. auch Jesus Sirach 20,1-8). Alle seine Beobachtungen bewertet der Sprecher abschließend: „Man kann das kaum verstehn…“ (V. 15), wobei die drei Pünktchen seine Sprachlosigkeit bezeugen.

Diesen verschiedenen Gruppen, die „noch nicht“ von der Kultur beleckt sind, stellt der Sprecher in der 4. Strophe unsere Kultur („wir“, V. 16, betont – entspricht dem betonten „Noch“ in V. 7, 11, 13) gegenüber, und zwar in vier Aussagen, die allesamt als Anzeichen von Hochkultur lächerlich sind; denn Kinder kann man auch mit großem Vergnügen natürlich herstellen, Nahrung in Normalform genießen, in Würde altern und Bouillon aus richtigen Eiern statt aus Teer herstellen. Alle vier Aussagen müssen zu Kästners Zeiten als unrealistisch angesehen werden, als unmöglich: wiederum ein Zeichen der Satire. Abschließend werden diese „Errungenschaften“ ironisch als „enorm“ (V. 20) gepriesen. Die gleiche Kulturkritik, die aus diesem total überzogenen Lob der eigenen Kultur spricht, finden wir übrigens auch in Kästners Gedicht „Die Entwicklung der Menschheit“.

In der letzten Strophe wird zunächst die Aufzählung unserer kulturellen Errungenschaften fortgesetzt (V. 21 f.), wiederum eine unsinnige Form von Kultur: Straßenkehrer brauchen wirklich kein Abitur! Belesen „in Schund und Schmutz“ (V. 22) ist ein witziges Attribut der Straßenkehrer; hier wird die gängige metaphorische Bewertung einer bestimmten Sorte von Unterhaltungsliteratur als Schmutz-und-Schund-Literatur aufgegriffen und ihre Kenntnis für Straßenkehrer, die ja wirklichen Schmutz beseitigen sollen, gefordert – wiederum ein Merkmal satirischen Sprechens (Metaphern wörtlich nehmen, Wortspiel). Der Sprecher kommt angesichts dieser überzogenen Formen von „Kultur“ zu seiner echten Wertung (V. 23 ff.), wobei er das „Lecken“ nebst aus dem „Götz“ bekannten Körperteil ausspart und durch einen Gedankenstrich ersetzt (V. 24). Der letzte Vers spielt wieder mit dem „realistischen“ Bild der Zunge der Kultur, wobei die berühmte metaphorische Götz-Aufforderung wörtlich genommen wird: „Sie ist dazu [zum Lecken, N.T.] imstand und tut‘s.“ (V. 25)

In dieser Strophe passen die Reime „das Abitur / die Kultur“ (V. 21/23) zueinander, wogegen „Sie soll uns nur -!“ (V. 24) als vulgäre Aufforderung sich abhebt. Überhaupt sind eine Reihe von Reimen im ganzen Gedicht mehr oder weniger sinnvoll – aber das ist in einem satirischen Gedicht ohne große Bedeutung. Die Sätze reichen oft über das Versende hinaus, in der Regel aber nur bei Aufzählungen (Ausnahmen V. 2-5; V. 23 f.); es gibt vier Nebensätze. Wegen der Thematik „Kultur“ wird insgesamt eine gehobene Umgangssprache benutzt, während der Sprecher zum Schluss, als er seine wirkliche Einschätzung des kulturellen Fortschritts kundtut, dezent vulgär spricht.

Die Maßstäbe der Kulturkritik werden vom Sprecher nicht genannt: Es genügt, bestimmte Formen von „Kultur“ als überflüssig (2. Str.), sinnlos (3. Str.) oder unnatürlich (4. Str.) darzustellen oder sie witzig zu markieren (V. 21 f.), um sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Darin ist ein Aufruf zu einem vernünftigen Leben impliziert: auch in der „Kultur“ Maß zu halten.

http://johannanton.de/poems/kaestner.zunge-der-kultur.html (Vortrag, mäßig)

https://www.youtube.com/watch?v=-cUSp3K2O7M (gesungen von Katrin Rosenzopf)

Kästner: Der Scheidebrief – Analyse

Zwei Stunden sitz ich nun in Caffe Bauer.

Wenn Du nicht willst, dann sag es ins Gesicht. […]

Der Scheidebrief“ ist ein Rollengedicht; es spricht bzw. schreibt die ledige Erna Schmidt an ihren bisherigen „Verehrer“, der sie versetzt hat. Sie braucht aber Geld und ist bereit, sich gegen Bezahlung einem anderen Mann hinzugeben. Erna gehört der Unterschicht an; das merkt man nicht nur an den Rechtschreib- („Caffe“, V. 1; „weis“, V. 9; „Dedektif“, V. 10 u.a.) und Grammatikfehlern („an Dir verdient“, V. 14; „wippe mit die Beine“, V. 25), sondern auch an bestimmten Redewendungen („Ich pfeif auf Dich“, V. 4; „das Rindvieh“, V. 12 u.a.). Zum Stil der Umgangssprache gehört auch der manchmal verkürzte Satzbau: „Verschiedne Herren reflektieren stark.“ (V. 26) Worauf sie „reflektieren“, wird nicht gesagt, ist aber klar: auf Erna, die ihnen ihre Beine präsentiert.

Das Sprechen im fünfhebigen Jambus passt nicht ganz zu Ernas Sprachniveau – das geht auf Kosten des Autors Kästner. Die Verse stehen im Kreuzreim, der oft sinnvolle Beziehungen zwischen den Versen herstellt, zum Beispiel „sag es ins Gesicht – dann nicht“ (V. 2/4: Kontrast); „das ist jetzt aus – fliegst du raus“ (V. 6/8: Entsprechung); „der so verschwindet – sich kein andrer findet“ (V. 13/15: thematische Entsprechung); diese Zusammenhänge findet man leicht. In der Regel endet ein Satz am Versende (Ausnahmen V. 11 und V. 37); der Wechsel von weiblichen und männlichen Kadenzen ist deswegen ohne Bedeutung, da am Versende ohnehin immer eine kleine Pause zu machen ist. Auch wechselt Erna von Vers zu Vers öfter das Thema (z.B. V. 15, V. 20, V. 27, V. 31 oder V. 35) oder den Aspekt (V. 1→2; V. 17→18; V. 27→28; V. 41→42) ihres Schreibens, sie denkt in ihrer unsicheren Lage etwas sprunghaft.

Und das ist ihre Lage: Sie war verabredet, wartet seit zwei Stunden vergeblich auf ihren „Verehrer“ und hat kein Geld. In dieser Situation schwankt sie zwischen Abwendung von ihm („Ich pfeif auf Dich, mein Schatz“, V. 4) und Betteln („Wenn du was übrig hast…“, V. 30); denn sie hat vergeblich versucht, sich Geld zu leihen (V. 11 f.), braucht aber hundert Mark (V. 28). Deshalb startet sie gleichzeitig den Versuch, sich einem anderen Herrn anzubieten (V. 25 ff.), was ja auch bald zum Erfolg führt (V. 37 ff.). So kann sie zum Schluss ganz ungeniert den bisherigen Verehrer abservieren: „Behalt dein Geld und schlaf allein, mein Sohn.“ (V. 40) Er war „der erste nicht der so verschwindet“ (V. 13), weshalb ihr der Abschied auch nicht schwerfällt: „Rutsch mir den Buckel lang…“ (V. 39). Der abschließende „herzliche“ Gruß verdankt sich nicht Ernas Herzlichkeit, sondern der Formvorschrift des Briefes, der sie sich verpflichtet fühlt.

Im Volkslied heißt es: „Schätzchen, ade! Scheiden tut weh.“ Aber da Ernas Verehrer nicht ihr Schätzchen war, wenn er auch „mein Schatz“ (V. 4) genannt wird, tut ihr das Scheiden von ihm nicht weh; ihr „Scheidebrief“ (Überschrift) ist nur von Geldsorgen, nicht von Liebeskummer bestimmt. Deswegen fällt er auch recht salopp aus.

Die einzelnen Äußerungen Ernas sind leicht zu verstehen; „auf etwas reflektieren“ (V. 22): an etwas interessiert sein, ist die einzige etwas ungewöhnlich Wendung. Dass aber Frauen sich für Geld verkaufen, ist nicht so leicht zu verstehen – aber das ist ein weites Feld (https://de.wikipedia.org/wiki/Prostitution). Brechts Gedicht „Entdeckung an einer jungen Frau“ thematisiert den Abschied von einer Prostituierten – wie anders ist doch bei Brecht und Kästner im 20. Jh. der Tonfall gegenüber Goethes Ballade „Der Gott und die Bajadere“ (1797); die drei Gedichte miteinander zu vergleichen ist aber eine neue Aufgabe.

Im Netz findet man Susanne Huber-Nienhaus: Glücklose Liebe. Das Verhältnis der Geschlechter im Spiegel der Liebesgedichte von Erich Kästner und Kurt Tucholsky, Stuttgart 2012; dort wird das Gedicht kurz auf S. 63-65 analysiert.

Kästner: Repetition des Gefühls

Repetition des Gefühls

Eines Tages war sie wieder da…

Und sie fände ihn bedeutend blässer.

Als er dann zu ihr hinübersah,
meinte sie, ihr gehe es nicht besser.

[…]

(Lärm im Spiegel, 1929)

Text:

https://issuu.com/klauss41/docs/erich_ka__stner_gedichte (dort S. 13 f.)

http://loveisafourletterwordlove.blogspot.de/2015/03/gedicht-nummer-drei-mein-drittes.html

https://www.youtube.com/watch?v=Ja4UnqOszTg (gesungen)

Wieder ein schönes Gedicht Kästners, das vielleicht nicht für die Schule geeignet ist, weil die Schüler eine solche Repetition des Gefühls vermutlich nicht kennen (können). Oder sollte man es dort trotzdem lesen, um solche Erfahrungen literarisch zu erschließen?

Kästner: Die Ballade vom Nachahmungstrieb – Analyse

Es ist schon wahr: nichts wirkt so rasch wie Gift…

Text

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/nachahm.htm

http://www.rund-ums-baby.de/forenarchiv/aktuell/Ballade-vom-Nachahmungstrieb_10417.htm

http://www.keh.net/~wej00511/wkkaestn.htm#Nachahmung

Das erstmals 1931 veröffentlichte Gedicht ist eine Ballade: Es wird ein bemerkenswertes Geschehen in Gedichtform erzählt. Ein auktorialer Erzähler beginnt mit einem Kommentar, der einen Horizont des zu erzählenden Geschehens eröffnet: Da ist die Rede vom Gift (V. 1) im Zusammenhang mit den Lastern dieser Welt (V. 3) sowie von einer Lernfähigkeit des Menschen im Bösen – das lässt nichts Gutes erwarten. Wie hängen also das rasch wirkende Gift und die Lernfähigkeit bei den Lastern zusammen? Zwei Stichworte weisen in die Richtung, die der Erzähler dann auch einschlägt: Lernfähig sind beim Laster auch die Minderjährigen (V. 2, vgl. auch V. 4: „früh bei der Hand“).

Dieser Kommentar weist den Erzähler als einen Moralisten aus (vgl. V. 26); zugleich zeigt dieser sich als jemand, der recht salopp sprechen kann. Ich denke hier an die indirekte Steigerung des Adjektivs „minderjährig“ (V. 2), die sachlich nicht möglich ist – man ist einfach minderjährig oder nicht, aber nicht mehr oder weniger minderjährig, wie der kommentierende Einschub in V. 2 unterstellt. Diese Abweichung könnte hier noch als ehrliche moralische Entrüstung durchgehen, wird aber durch ähnliche Bemerkungen eindeutig als saloppe „Distanzierung“ erkennbar (V. 23, V. 24, V. 32, V. 35).

Von der 2. Strophe an wird bis zum Schluss das Geschehen erzählt: wie Kinder „auf irgendeines Jungen Drängen“ (V. 6) beschließen, „Naumanns Fritzchen aufzuhängen“ (V. 8). Die Diminutivform „Fritzchen“ macht deutlich, dass es sich bei Fritz um ein kleines Kind handelt. In der 3. Strophe erklärt der Erzähler, wie die Idee aufkommen konnte – „Sie kannten aus der Zeitung die Geschichten“ (V. 9). Ähnlich äußert sich später der festgenommene Karl: „Wir haben es nur wie die Erwachsenen gemacht.“ (V. 39 f.) Damit wird der Eingangskommentar klar: Wenn die Kinder Aufhängen spielen, so deshalb, weil sie sich das Morden von den Erwachsenen abgeschaut haben; sie sind eben „unerhört gelehrig“ – und das Entsetzen, das eine solche Tat auslöst, zeigt nur, wie unangemessen es ist, das Morden der Erwachsenen mehr oder weniger achselzuckend hinzunehmen.

Karls pastorale Mahnung (V. 15 f.) und das Zwicken (V. 24) sowie das Adverbial „kalt“ (V. 39) wirken sadistisch; das Adverbial „ein bisschen“ (V. 23), das Attribut „kleine“ (V. 31) und der ganze Nebensatz V. 35 passen nicht zum Ernst der Situation, lassen einen Vortrag des Gedichts im Kabarett als möglich erscheinen. Dass der Himmel ausgerechnet „blutrot“ ist (V. 30), gehört zum Beschreibungsrepertoire bei einem Mord.

Das Gedicht in in fünfhebigen Jamben geschrieben, wobei der erste und dritte Vers jeder Strophe eine Silbe zusätzlich aufweist (weibliche Kadenz); das passt zum Kreuzreim und legt es darauf an, dass jeweils zwei Verse eine semantische Einheit bilden. Die Reime sind ein bisschen holperig, was gut zur Ballade passt.

„Die Ballade vom Nachahmungstrieb“ zeigt, wie leicht Kinder zu Mördern werden (V. 26), und hält damit den Erwachsenen einen Spiegel vor: Schaut, darin müsstet ihr euch selbst erkennen. Das moralische Pathos ist in den genannten saloppen Bemerkungen gebrochen, auf eine Dramatisierung des erzählten Geschehens in der wörtlichen Rede wird verzichtet; es herrscht der Ton der Neuen Sachlichkeit. – Man vergleiche Brechts Gedicht „Apfelböck oder die Lilie auf dem Felde“ (1919).

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Ballade_vom_Nachahmungstrieb

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-ballade-vom-nachahmungstrieb.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.myvideo.de/watch/6105383/Die_Ballade_vom_Nachahmungstrieb (mit Bebilderung)

http://www.youtube.com/watch?v=j_EfpqM_QzA (Verfilmung)

http://www.youtube.com/watch?v=OR96kk26u9U (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=4U3fFI8Yjp8 (unzulängliche Verfilmung)

Sonstiges

http://www.youtube.com/watch?v=ZlD-TDyX768 (Erarbeiten einer Ballade)

http://fachdidaktik-einecke.de/9_Diagnose_Bewertung/aufgabenstellung_erwartungshorizont.htm (Text + Klassenarbeit)

http://gesamtschule-edertal.de/uploads/media/Binnendifferenzierung_Deutsch.pdf (Text im binnendifferenzierten D-Unterricht)

http://211611.homepagemodules.de/t525425f11740851-Deutscharbeit-Klasse.html (eine Diskussion übers Gedicht)

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)

Kästner: Kurt Schmidt, statt einer Ballade – Analyse

Der Mann, von dem im weiteren Verlauf…

Text

http://www.sternenfall.de/Kaestner–Kurt_Schmidt__statt_einer_Ballade.html

http://www.geistigenahrung.org/ftopic28665.html

http://peterbrucha.com/joomla/index2.php?option=com_content&do_pdf=1&id=56

http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?lang=it&id=43857 u.ö.

Die Überschrift des 1930 veröffentlichten Gedichts hat es bereits in sich. Der Protagonist heißt „Kurt Schmidt“. „Nach Müller ist Schmid/Schmidt/Schmitt/Schmit der häufigste deutsche Familienname“ (Wikipedia). Kurt Schmidt ist also ein typischer Fall. „statt einer Ballade“ wird das Gedicht angekündigt, was natürlich in die Irre führt: Das Gedicht ist eine Ballade, nur eben nicht in der Art von „Erlkönig“, „Der Knabe im Moor“, „Die Füße im Feuer“ oder „John Maynard“. „Verkürzt lässt sich sagen: Eine Ballade ist ein Gedicht, in welchem zumeist anschaulich, lebendig und spannend ein besonderes Ereignis erzählt wird.“ (Ernesto Handmann) Eine solche Ballade ist das Gedicht Kästners allerdings nicht – die Zeit der alten Balladen ist vorbei, es herrscht die Neue Sachlichkeit!

Auch die 1. Strophe beginnt eigenwillig: Ein neutraler Erzähler berichtet nicht direkt, sondern bezieht sich auf seine Erzählung, womit er Distanz zum erzählten Geschehen wahrt und so etwas wie „Objektivität“, zumindest Gültigkeit oder Wahrheit des Berichts beansprucht: „Der Mann, von dem im weiteren Verlauf die Rede ist…“ (V. 1 f.) Mit einem ähnlichen Gestus beginnt 1972 Günter Kunert seinen „Bericht“, eine Parabel. Der Ton der Erzählung Kästners ist prosaisch, obwohl so etwas wie ein Knittelvers vorliegt (vier Hebungen mit unregelmäßiger Fällung), was aber nicht immer zu demonstrieren ist; außerdem gibt es einen unauffälligen Kreuzreim, bei dem oft (aber nicht in jeder Strophe) am Ende betonte und unbetonte Silben sich abwechseln. Der Ton ist der der Neuen Sachlichkeit, nicht der klassischen Balladen.

In den ersten 4 Strophen wird der normale Ablauf des Arbeitstages und der Woche sowie das Verfließen der Jahre berichtet. Pointiert steht am Ende: „Und was auch kam, nie kam ein Unterschied.“ (V. 16, Chiasmus) An das Stichwort „Unterschied“ schließen sich drei Veränderungen an:

1. die banalen Ereignisse von Unfall, Vaterschaft und Kindstod (6. Str.), und zwar nach der Bemerkung über seine Hoffnung: „Morgen kann sich alles ändern.“ (V. 20 – die tatsächlichen Änderungen stellen dagegen bloß eine Ironie des Schicksals dar) – bis Str. 6;

2. die Änderung, die in ihm vorgeht: der Übergang von einem falschen Denken (dachte, V. 20) zum richtigen Merken und Sehen (merkte, V. 28, 29; sah, V. 31):

a) dass er bei Gefahren allein stand (V. 30),

b) dass er mit seinem miesen Schicksal nicht allein stand, dass die Schmidts weltweit in der Mehrzahl waren (V. 29, 31 f.) – bis Str. 8;

3. die daraus resultierende Einsicht, dass es nie anders wird (9. Str.) und dass der Mensch „bloß eine Art Gemüse“ ist (V. 37) – bis Str. 10.

Der Erzähler wiederholt dann das, was er bereits oben vom Tageslauf Schmidts berichtet hat (2. Str.), nur leicht variiert und noch stärker ins Negative gewendet (schwitzend, V. 41; müd und dumm, V. 43). In dem Stündchen, das ihm von den 24 Stunden des Tages dann noch bleibt, wendet er sich jedoch nicht mehr höheren Interessen zu (V. 8), sondern bringt sich aufgrund seiner Einsichten (9. und 10. Str.) um (V. 45). Dies ist die Pointe des Berichts vom Leben des armen Schweins Kurt Schmidt; sie ist, abweichend vom Strophenschema, in einen fünften Vers gesteckt, der zudem verkürzt ist, was eine große Pause erzeugt und „Schluss, aus, Ende“ signalisiert. Diese Techniken, Gedichte abzuschließen, kommen bei Kästner häufig vor.

Dieser Überblick musste in einem Zug geschrieben werden, damit man sich nicht in den Details verliert; denen wenden wir uns jetzt zu:

       die Gegenüberstellung vom Leben am Werktag und Sonntag (1. – 4. Str.)

       die Unterschiede in der Darstellung, wie die Zeit vergeht (V. 15 f. – V. 27 f.), verbunden mit

       dem Unterschied vom Zustand Schmidts: gut – schlecht (V. 17 ff. – V. 27 f.) und dem wichtigen

       Unterschied zwischen „dachte“ (V. 20) und „merkte“ (V. 28 f.): Im Denken irrt er (vgl. V. 33), sein Gefühl oder Gespür erfasst jedoch die Wahrheit – ganz intensiv ist dieser Kontrast in der Kurzgeschichte „Am Ziel“ (1957) von Herbert Eisenreich ausgearbeitet

       in dem Widerspruch V. 29 f. wird eine Differenzierung vorbereitet: worin er allein stand

       was er merkte, setzt sich in das um, was er „begriff“ (V. 35), s.o.

       „Das Kind ging ein“, eine verächtliche Darstellung des Todes, vom Kind wird wie von einem Tier gesprochen („Neue Sachlichkeit“).

       aus Schmidts Perspektive ist die Wiederholung „So war’s“ (V. 33 f.) und die Behauptung „es stand fest, daß es so blieb“ (V. 34) gesprochen, vielleicht auch der Satz „Das Kind ging ein.“.

       die Diminutivform „Stündchen“ (V. 8 und 44) zeigt, dass eine Stunde am Tag „für höhere Interessen“ zu wenig ist und nur dazu reicht, sich umzubringen.

Damit, dass die Einsicht in die Unabänderlichkeit seiner Lage an die Perspektive Schmidts gebunden bleibt, hält Kästner sich die Möglichkeit offen, gegen ein solches Schmidt-Leben zu protestieren. Das Gedicht ist eine Anklage „gegen Staat und Industrie und die gesamte Meute“ (Kästner: Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag); eine politische Agitation mit dem Ziel, dass die Ausgebeuteten sich mit anderen Ausgebeuteten zusammenzutun, ist es nicht. – Eine thematisch ähnliche Geschichte erzählt Kurt Marti 1960: Neapel sehen, die sich zum Vergleich heranziehen ließe.

Erläuterungen:

V. 10 sich rasieren, bis es brannte: bei einer Rasur mit der Klinge oder dem Messer;

V. 39 Seele in der Zirbeldrüse: eine Ansicht des Philosophen Descartes (17. Jh.), hier distanziert-ironisch erwähnt

Sonstiges

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/lyrik/ballade.htm (Ballade)

http://www.literaturwelt.com/spezial/ballade.html (Ballade)

http://www.handmann.phantasus.de/g_ballade_erklaerung.html (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_%28Literatur%29 (Neue Sachlichkeit)

http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/sachlichkeit/ (dito)

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/literaturge/neuesach.htm (dito)

http://www.literaturwelt.com/epochen/weimrep.html (dito) 

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)

Kästner: Gedanken beim Überfahrenwerden – Analyse

Halt, mein Hut! Ist das das Ende?…

Text

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/ueberfahren.htm (mit Vertonung)

http://poetry.rapgenius.com/Erich-kastner-gedanken-beim-uberfahrenwerden-lyrics

Das 1930 entstandene Gedicht ist der Monolog eines Sterbenden, der gerade überfahren worden ist. Das Gedicht zeigt die Banalität seiner Gedanken angesichts des Todes und damit die Banalität des Lebens. Es liegt die gleiche Technik wie beim Gedicht „Herr im Herbst“ vor, das ich gern als Herbstgedicht im Kontrast zu den „ernsthaften“ Herbstgedichten mit den Schülern in Kl. 9 oder 10 gelesen habe.

In den ersten sechs Versen stehen acht einzelne Gedanken, die sich ohne Zusammenhang aneinander reihen: über die Kleidung, den Bus, das Wetter, Arthur, den Tod… Von V. 7 an umfasst ein Gedanke jeweils zwei Verse; die Gedanken gelten dem Beruf, seiner Frau Dorothee, dem Begräbnis, dem Himmel, der Kleidung… – also nur dem Moment und dem, was in nächster Zeit darauf folgt. Das Leben als ganzes kommt nicht in den Blick; Schmerzen hat oder erwähnt der Überfahrene nicht.

Beim letzten Vers finde ich im Netz zwei Lesarten: „Hätt ich wenigstens gespart…“ und „Wenn ich wenigstens gespart…“. Sachlich macht es keinen Unterschied, welche die richtige ist; ich ziehe die zweite vor, weil sie a) grammatisch unvollständig ist (lectio difficilior als Prinzip) und b) formal deshalb schöner ist: Der Sterbende kommt nicht mehr dazu, das Wort „hätte“ zu denken, es ist aus mit ihm.

Formal ist das Gedicht einfach: vierhebiger Trochäus, Paarreim,  Wechsel weiblicher und männlicher Kadenzen – dadurch wird wieder, wie häufig bei Kästner, der Doppelvers als semantische Einheit begünstigt.

Dieser Gedichttypus (Herr im Herbst; Gedanken beim Überfahren werden) zeigt die Banalität des Lebens und ist damit repräsentativ für das, was man als Epoche „Neue Sachlichkeit“ nennt.

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/gedanken-beim-ueberfahrenwerden-1930.html (Fritz Stavenhagen, mit Text)

http://www.youtube.com/watch?v=8LEeyfhQ_aI (Herr im Herbst, gesungen)

Brecht: Vier Aufforderungen an einen Mann

von verschiedener Seite zu verschiedenen Zeiten – Analyse

Hier hast du ein Heim…

Text

http://gramsci.objectis.net/brecht/writings/poems-and-theater/vier-aufforderungen-an-einen-mann-von-verschiedener-seite-zu-verschiedenen-zeiten (mit italien. Übersetzung)

http://www.usc.edu/libraries/archives/arc/libraries/feuchtwanger/exhibits/Brecht/Lesebuch.html (Gedicht 1, 8 und 10 aus dem „Lesebuch“)

Die Gedichte „Aus dem Lesebuch für Städtebewohner“ stehen im Zusammenhang mit Städte-Gedichten, die Brecht seit 1921 geschrieben hat. Brecht wollte die neuen Städte-Gedichte, die er ab 1926 schrieb (darunter auch das Gedicht Nr. 9), zuerst in die „Zweite Lektion“ der „Hauspostille“ aufnehmen; 1928 entstanden außerdem „Proletarische Anekdoten aus dem Lesebuch für Städtebewohner“. Sie wurde mit den Gedichten, der Mahagonny-Oper und dem „Badener Lehrstück vom Einverständnis“ 1930 in „Versuche“ veröffentlicht. Die Gedichte setzen Brechts Großstadterfahrungen in München und vor allem in Berlin voraus, wo er die große Stadt „als Dschungel“ erlebte und zu beschreiben versuchte. Der Titel „Lesebuch“ bestimmt die Sammlung als ein Buch für den Unterricht, und zwar für die Erfahrung der Großstadt; sie ist also Gebrauchslyrik, eine Schule des Überlebens. „Seine Bedingung ist der Verzicht auf Mitmenschlichkeit.“ (Klaus-Detlef Müller) Das Gedicht Nr. 10 erkläre und rechtfertige den Beobachterstatus des Sprechers der Gedichte: Die Sprache der Wirklichkeit erfordere „die Unterdrückung aller für die lyrische Tradition bestimmenden subjektiven Momente, führt zu einer Sachlichkeit, die im Zeichen der Verdinglichung und der Entfremdung steht“ (Klaus-Detlef Müller: Bertolt Brecht: Epoche, Werk, Wirkung. 2009, S. 35) Die Figuren der Gedichte sind nicht Individuen, sondern Typen, sie repräsentieren Verhaltensweisen und soziale Positionen; ihre Sprache ist ein „gestisches Sprechen“ (Dieter Lamping). – Literaturgeschichtlich ordnet man die Gedichte der neuen Sachlichkeit zu.

Das Gedicht Nr. 9, 1926 entstanden, enthält „Vier Aufforderungen an einen Mann von verschiedener Seite zu verschiedenen Zeiten“ zu bleiben. Wer der Mann ist, aber auch was für ein Mann das ist, der keine Bleibe hat, bleibt offen; die Sprecher variieren und weisen sich nur durch die Eigenart ihres Angebots aus. Die Pointe des Gedichts besteht darin, dass die vier Aufforderungen in den vier Strophen sich ähneln, aber abgestuft sind – die Frage ist nur, welche Aspekte und welche Grade der Abstufung man feststellen kann.

  • Sicher ist, dass der dem Mann angebotene Raum von Strophe zu Strophe weniger oder geringer wird: ein Heim (1) / ein Zimmer (2) / eine Schlafstelle (3) / unklar, was ihm bei der Dirne in der Kammer angeboten wird (4).
  • Sicher ist auch, dass die dem Mann gebotenen Möglichkeiten von Strophe zu Strophe abnehmen: sich frei einrichten, über den Schlüssel verfügen (1) / mitarbeiten, einen eigenen Teller haben (2) / gebrauchte Dinge übernehmen, einen Zinnlöffel bekommen (3) / er muss zahlen (4).
  • Schwierig ist es, die Veränderungen in der Aufforderung zu bleiben (jeweils am Schluss der Strophen) zu bestimmen: „Hier bleibe.“ / „Bleibe bei uns.“ / „Bleibe ruhig bei uns.“ / „Du kannst also dableiben.“ Mir scheint die Sicherheit oder Bestimmtheit, mit der er zum Bleiben aufgefordert wird, abzunehmen; eine Abstufung in der Herzlichkeit, gar eine Zunahme der Herzlichkeit (bei Minderung der materiellen Möglichkeiten) kann ich nicht erkennen.

Durch die Konstruktion des Gedichts kommt es zu einer Reihe von Wiederholungen („Hier ist…“ u.a.). Der Mann wird mit „du“ angesprochen, was zumindest im ersten Fall überrascht; da es sich um Aufforderungen oder Angebote zu bleiben handelt, dominieren Imperative (Stelle um, Sage, bleibe usw.), modale Angebote („Du kannst…“) und hinweisende Beschreibungen (Hier ist, Da ist) die Äußerungen. Es handelt sich um reimlose Lyrik in Prosa; bis auf einen Fall (4. Strophe) macht jeweils ein Satz einen Vers aus; sonst ist beim besten Willen nichts Besonderes an der Sprache der Figuren festzustellen. Leider gibt es im Netz keinen Vortrag des Gedichts; man müsste erproben, mit welcher Variation der Stimme man die vier Strophen sprechen kann.

Wenn man nicht in eine Brecht-Verehrung verfallen will, muss man festhalten, dass die vier Aufforderungen nicht typisch für Städtebewohner sind und auch nicht zum Gedicht Nr. 8 passen: „Ihr müßt der ABC noch lernen. / Das ABC heißt: / Man wird mit euch fertig werden.“ Ich meine, dass „ein Heim“ (!), die Mitarbeit im Hof (2) sowie Zinnlöffel und Bottich (3) nicht in die Großstadt passen, sondern eher Requisiten des ländlichen Raums sind; allenfalls die Dirne und ihre Kammer sind großstädtisch – dafür würde ich bei ihr jedoch eher ein Appartement als eine Kammer erwarten; doch bin ich bei dieser Frage leider nicht kompetent.

http://home.arcor.de/nahol/epochen_neuesachlichkeit.pdf (neue Sachlichkeit)

https://norberto42.wordpress.com/2012/09/22/neue-sachlichkeit-in-kunst-und-literatur-links/ (dito)

Neue Sachlichkeit in Kunst und Literatur – Links

Zuerst drei Links, die sich nicht auf Literatur beziehen – mit dem Vorschlag, über Bilder einen Zugang zur Neuen Sachlichkeit zu gewinnen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_(Kunst), bitte Bilder von Christian Schad, Kurt Querner, Georg Grosz oder Otto Dix und anderen bei google-Bilder anschauen!

http://www.skd.museum/de/sonderausstellungen/archiv/neue-sachlichkeit-in-dresden/index.html (mit Film: Ausstellung in Dresden 2011/12)

http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_(Fotografie)

Hier nun die Links zur literarischen Strömung „Neue Sachlichkeit“ (fünf kurze, dann zwei größere und zwei englische Seiten), die man in der Abgrenzung vom Expressionismus (und Symbolismus) und als Reaktion auf den 1. Weltkrieg bzw. als Bejahung der Moderne begreifen kann:

http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/sachlichkeit/

http://blog.zeit.de/schueler/2012/02/21/weimarer-republikneue-sachlichkeit-1919-1932/ (mit weiterführenden Links)

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/literaturge/neuesach.htm

http://www.wissen.de/lexikon/neue-sachlichkeit (mit Links zu den Autoren)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/759.pdf (erweiterte Fassung des Artikels aus literaturwelt.com; dieser und der folgende Artikel sind weithin Schülerarbeiten: sprachlich unbeholfen.)

http://blog.zeit.de/schueler/2012/02/21/weimarer-republikneue-sachlichkeit-1919-1932/

http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_(Literatur)

http://en.wikipedia.org/wiki/New_Objectivity

http://www.britannica.com/EBchecked/topic/410437/Neue-Sachlichkeit 

Vgl. auch meine Darstellung des Epochenumbruchs um 1900 und die Übersicht über die deutsche Literaturgeschichte:

https://norberto42.wordpress.com/2010/10/03/epochenumbruch-um-1900-2/

https://norberto42.wordpress.com/2011/01/31/epochenumbruch-um-1800-ubersicht-epochen-der-deutschen-literatur-links/

P.S. Ein Besuch in der Kunsthalle Mannheim hat mir eine Reihe mir bis dato unbekannter Maler (neben George Grosz, Otto Dix) gezeigt, die der neuen Sachlichkeit verpflichtet waren:

http://www.karlsruhe.de/b1/kultur/kunst_ausstellungen/museen/staedtische_galerie/ausstellungen/hubbuch/HF_sections/content/ZZkVz8guwcu1vm/ZZkWSt77y8P5v0/Abb_7,%20Mit%20F%C3%B6n%20und%20Fahrrad.jpg (Karl Hubbuch, 1928/29)

http://www.tendreams.org/schnarrenberger.htm (Wilhelm Schnarrenbeger, vgl. http://www.wilhelm-schnarrenberger.de/index2.htm)

http://images.arcadja.com/babij_ivan-homme_%C3%A0_la_cravate_1937~OM111300~10111_20061115_9799_64.jpg (Iwan Babij)

http://www.blindbild.com/wp-content/uploads/2014/11/hlmd-lenk.jpg (Franz Lenk)

http://www.lenbachhaus.de/uploads/tx_januscarousel/G_15550__SchadCh_940.jpg (Georg Schrimpf)

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Schrimpf (Georg Schrimpf – Georg Schrimpf ist als Suchwort sehr ergiebig)

http://www.lenbachhaus.de/sammlung/neue-sachlichkeit/ (ganzer Artikel)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/kunst-und-kultur.html (ganzer Artikel)

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Schrimpf (ganzer Artikel)

http://images.arcadja.com/knaus_eugen-am_bahndamm~OM42a300~10415_20081206_932_205.jpg (Eugen Knaus)

http://www.rhein-zeitung.de/cms_media/module_img/2808/1404208_1_popup_image_51f395afe84ccdcb.jpg (Rudolf Schlichter)

Das Neue der neuen Sachlichkeit erkennt man im Vergleich mit Vertretern des Expressionismus:

http://kunsthalle-emden.de/kunsthalle-emden/wp-content/uploads/Emil-Nolde-Palmen-am-Meer-1914-c-Nolde-Stiftung-Seebuell.jpg (Emil Nolde)

http://www.kunstausstellungen.de/data/img/d654f5e81d1c9c3e8731a92eb355f109_55e03f1e0f0b9.jpg (Ernst Ludwig Kirchner)

http://www.bruecke-museum.de/schmidtrottluffausstellung/nachmittagssonne63.jpg (Schmitt-Rottluff)

http://www.philipphauer.de/galerie/franz-marc/werke-gr/tiger.jpg (Franz Marc)